Asa Karane Kapitel 02 - Geißel der Sturmsee

  • Geißel der Sturmsee
    - Zeit vor der Asche -


    Am Rand des Glücks
    Arashima, Meeresbucht nahe der Hauptstadt Kagohiro.


    Tsubasa und Yori zerrten das Netz aus dem Meer. Ihre bronzefarbenen Rücken glitzerten vom Wasser, das schwarze Haar klebte nass auf ihren Köpfen. Das Netz war schwer und Nobu kam ihnen zu Hilfe. Gemeinsam wuchteten sie den Fang über die Reling. Das volle Netz klatschte auf die Planken und sank auseinander. Die Fische zappelten, hüpften und schnappten nach Luft, doch ihr Leid währte nicht lange. Mit geübten Handgriffen machten die drei jungen Arashi ihnen den Garaus und warfen sie in die Körbe, während der vierte ihnen gelangweilt zusah. Sein Zopf war trocken und stand wie eine windschiefe Palme von seinem Hinterkopf ab.
    »Machen wir Schluss für heute«, meinte Mikio, als seine Gefährten ihre Arbeit beendet hatten. Er schüttelte einige Tropfen von nach Fisch riechendem Spritzwasser von seinen Fingern, das ihn getroffen hatte.
    Nobu aber, der ewige Besserwisser, hob die Deckel der geflochtenen Weidenkörbe. »Da ist noch reichlich Platz und heute ist optimales Wetter. Wenn wir die Körbe füllen würden, hätten wir morgen einen freien Tag. Wir müssten nicht rausfahren und könnten die Zeit an Land nutzen.«
    Mikio winkte ab. »Das war kein Vorschlag, sondern ein Befehl. Was willst du mit der ganzen freien Zeit anstellen? Fisch zubereiten, im Haushalt helfen oder irgendwelchen Mist reparieren? Wir sagen einfach, dass wir nicht mehr fangen konnten als das hier und fahren so schnell wie möglich wieder raus.«
    Nobu schloss die Deckel, er verzichtete auf eine Antwort. Auch Tsubasa blickte nervös in Richtung des namenlosen Heimtatdorfes. Das Ufer war nur ein schmaler, dunkler Saum am Horizont, doch die Rauchsäulen konnte man auch ihr draußen sehen. Geräucherter Fisch war das Einzige, was die Frauen auf den Märkten von Kagohiro verkaufen konnten, um davon Kleidung, Gemüse und andere Dinge zu kaufen oder eine Behandlung beim Heiler zu bezahlen. Fisch war die Lebensgrundlage des kleinen Dorfes, in dem die vier jungen Männer lebten und Mikio war Besitzer des einzigen Boots. Als solcher fand er, dass er entscheiden konnte, wie viel oder wenig er arbeitete und wie oft. Sein Vater Shido hatte sein ganzes Leben für den Kauf gespart. Nun, wo er alt und schwach war, hatte er die Verantwortung für die Versorgung des Dorfes seinem Sohn aufs Auge gedrückt. Andere hätten sich über diese Ehre gefreut, für Mikio fühlte es sich an wie eine Stahlkugel, die ihn für immer an dieses vermaledeite Dorf kettete. An jenem Tag war er allein in den Wald gegangen, wo er vor Wut und Verzweiflung dermaßen geheult hatte, dass die dort ansässige Wolfsfamilie abgewandert war. Nein, Mikio Chud war nicht stolz auf seinen Posten als Kapitän der winzigen Fischerdschunke.
    »Kurs auf Kagohiro«, befahl er und zeigte in die entgegengesetzte Richtung von der, in die Tsubasa blickte. Der Tag war jung und er dachte gar nicht daran, jetzt nach Hause zu fahren. Während der kleine Yori das Ruder bediente und Nobu sich hinsetzte, um das Netz zu flicken, genoss Mikio mit geschlossenen Augen die sich orange färbenden Strahlen der Sonne. Um das Segel kümmerte sich Tsubasa. Dschunkensegel waren selbstwendend, sie drehten sich von allein in den Wind, so dass er nicht viel Arbeit hatte. Er musste lediglich dafür sorgen, dass es ausreichend Leine hatte. Die Gachou hüpfte flott über die Sturmsee. Ein so leichtes Gefährt hatte der See nichts entgegenzusetzen und die Besatzung spürte jede noch so kleine Welle bis in den letzten Zeh. Einer der gefangenen Fische wurde aus dem Korb geschleudert, hüpfte über das Deck und sprang dann zurück ins Meer.
    Mikio sah dem Tier nach. »Wer hat dem die Kiemen durchgeschnitten?«, fragte er scharf.
    »Niemand, ich habe ihn nur geklopft«, antwortete Nobu, worauf Tsubasa und Yori lachten.
    Mikio schwieg ärgerlich und warf ihm ein Messer zu, damit er die übrigen Fische ordnungsgemäß behandelte.
    Die Fahrt währte von hier aus noch zwei oder drei Stunden, in denen Mikio döste und die Nachmittagssonne genoss, während seine drei Matrosen sich um alles kümmerten. Als sie schließlich die Hauptstadt erreichten, war es Abend. Der Himmel leuchtete rot und die Steinlaternen, die mit dicken Kerzen bestückt waren, wurden von einem herumgehenden Nachtwächter entzündet. Mit ihren geschwungenen Dächern sahen sie fast aus wie kleine Häuser. Tsubasa vertäute die Gachou abseits des Haupthafens an einem freien Steg. Im Hafen lagen sehr viele große Dschunken, die einem so kleinen Gefährt mit ihren schieren Ausmaßen Respekt einflößten. Eine Kollision war nichts, was sie gebrauchen konnten. Am Strand hin und her schlendernd wartete Mikio, bis seine drei Matrosen endlich fertig waren, ohne ihnen auch nur mit einem Handgriff zu helfen. Wem das nicht schmeckte, der konnte sich ein eigenes Fischerboot kaufen. Gelangweilt sah er ihnen bei der Arbeit zu. Auf dem weiß getünchten Rumpf stand in Schwarz der Name der kleinen Dschunke gepinselt: Gachou, Gans. Lesen konnte Mikio das nicht. Er musste sich darauf verlassen, dass Nobu ein Ehrenmann war und sich keinen Scherz erlaubt hatte. Auch das Segel, das mit seinen Bambusstreben an einen Fledermausflügel erinnerte, war weiß. Nobu reffte es, indem er die Latten zusammenband, Yori kontrollierte noch einmal, dass die Körbe fest verschlossen waren und dann konnte der Feierabend beginnen. Wenn die Körbe ausreichend voll waren, blieb nach dem Fang noch ausreichend Zeit für den einen oder anderen Umweg. Den Fang ließen sie an Bord. Arashima war wohlhabend, besonders Fisch gab es im Überfluss und niemand hier würde den Fang stehlen.
    Ihr Weg führte sie in den »Yakstall«, der am Hafen lag. Bereits der Name ließ erahnen, dass es sich hier um ein Teehaus der rustikalen Sorte handelte. Kenner wussten, dass die Aufmachung als Teehaus nur der seriösen Fassade diente, während in den hinteren Räumen die wirklich gewinnbringenden Geschäfte abgewickelt wurden. Zwischen weitgereisten Matrosen und Einheimischen fanden auch die vier Burschen aus dem Dorf ein Plätzchen um einen der Spieltische.
    Gespielt wurde Bagh Chal, auch bekannt als Tigersprung. Mikio und Tsubasa traten in der ersten Runde gegeneinander an, wobei Mikio vier Tiger spielte und sein Gegner zwanzig Ziegen. Einsatz war eine Runde Rokski für alle. Die Figuren waren in detailverliebter Handarbeit geschnitzt. Ziel des Spiels war es, als Tiger die Ziegen zu fressen oder als Spieler der Ziegen die Tiger so einzukreisen, dass sie nicht mehr ziehen konnten. Der Beste in diesem Spiel war Nobu, der genau so ungern als Fischer arbeitete wie Mikio - er wäre lieber Schreiber geworden. Entsprechend wenig erfreut war er, wenn man ihn zwang, seine Zeit länger als nötig abseits von Tusche und Federkiel zu verbringen, so dass er nicht üben konnte. Er war der Einzige ihres Dorfes, der überhaupt Lesen und Schreiben konnte und hätte es sicher zu etwas bringen können, wenn man ihn nur ließe. Das war allerdings nicht Mikios Problem. Er hatte sich seinen Posten schließlich genau so wenig aussuchen können. Er wäre gerne zur Militärakademie nach Okoyano gegangen.
    Beim Spielen tranken sie Tee und für ein Trinkgeld gab Kenzo, der Inhaber des Yakstalls, einen großzügigen Schluck Rokski hinzu. Es bedurfte nicht viel von diesem starken Schnaps, um einen Arashi trunken zu machen. Das Rot des Himmels schien auf ihre Wangen abzufärben, während es draußen dunkel wurde. Als die Sonne untergegangen war, glühten die Gesichter, die Gesellschaft hatte sich durchmischt und es wurde um Geld gespielt. Am meisten Krach machte der kleine Yori, der schimpfte wie ein Rohrspatz und sich zielsicher mit Gegnern anlegte, die mindestens einen Kopf zu groß für ihn waren. Nobu löste das Problem elegant, indem er beide Kontrahenten zu einer Tasse purem Rokski einlud. Tsubasa aber geriet in ernsthafte Schwierigkeiten, als er sich mit einer Gruppe Matrosen von einem Kriegsschiff aus Okoyano anlegte. Vergebens mühte Nobu sich ein zweites Mal darum, die Streithähne zu einer gemeinsamen Tasse Rokski zu überreden. Gleich würde es ungemütlich werden und Tsubasas Gegner waren Soldaten.
    Mikio nutzte die Gelegenheit, um sich klammheimlich in die Hinterräume zu verdrücken. Er verbrachte den Rest der Nacht in bezahlter Gesellschaft, abseits von dem Trubel im Teezimmer. Kein Gezeter, kein Gemecker und kein stinkender Fisch. Gehalten von weichen Armen vergaß er all seine unerfüllten Wünsche, seine zerschlagenen Träume und fand inneren Frieden.
    Als die Sonne aufging, warf Kenzo die Gäste hinaus. Die vier jungen Arashi wankten übermüdet zur Gachou zurück. Den Rokski merkten sie noch immer. Yori entdeckte an Tsubasas Hals einen Knutschfleck und lachte ihn lauthals aus.
    »Das ist ein Bluterguss von der Schlägerei«, maulte Tsubasa, der in der Tat arg verbeult aussah.
    »Erklär das deiner Frau«, feixte Yori, worauf Tsubasa ihm in den Hintern trat. Der kleine Arashi flog einen guten Meter durch die Luft, ehe Yori stolpernd auf beiden Füßen landete, noch immer lachend. Auch er hatte verdächtige Kratzer auf seinem schmalen Rücken, aber auf ihn wartete niemand, der sich daran stören könnte. Bei Mikio war das nicht anders, er war ein freier, ungebundener Mann, zumindest was diesen Aspekt seines Lebens betraf. Nobu schien der Einzige zu sein, der heute Nacht wirklich geschlafen hatte. Ausgeruht und munter übernahm er das Kommando, weil Mikio keine Lust hatte. Als sie das Segel setzten, stand die Sonne bereits am Himmel. Jetzt hieß es, rasch nach Hause zu kommen, bevor der Fisch verdarb.

  • Seenot


    Der Tag wurde warm und sonnig, der am Morgen noch gute Wind flaute gegen Vormittag vollständig ab. Die Gachou ruhte regungslos auf der spiegelglatten See. So schwammen die Arashi eine Runde um ihr Boot, tobten und tauchten sich gegenseitig unter und sonnten sich anschließend. Etwas anderes, als zu warten, konnten sie ohnehin nicht tun.
    Mikio war von der langen Nacht und dem Schwimmen angenehm müde. Er machte sich keine Sorgen. Das Ufer war in Sichtweite und keine Flaute währte ewig. Sie hatten genügend Frischwasser an Bord und als Proviant konnten die Fische dienen. Spätestens am Abend würden sie wieder zu Hause sein.
    »Wenn in der nächsten Stunde kein Wind aufkommt, hängen wir den Fisch zum trocknen auf«, entschied er. »Sonst verdirbt uns der Fang.«
    »Die großen Brocken könnte man in Zukunft lebend in Körben transportieren, die hinter dem Schiff hergezogen werden«, überlegte Yori. »Das würde das Zeitfenster erhöhen.«
    »Könnte man«, antwortete Mikio, während er eine Taurolle als Kopfkissen zurechtrückte. »Organisiere einen geeigneten Korb, wir probieren es das nächste Mal einfach aus.«
    »Man könnte auch ausschließlich nachts rausfahren, bei der Kälte hält der Fang sich länger«, schlug Nobu vor.
    »Oder wir fahren künftig einfach sofort nach Hause, wenn wir genügend Fisch in den Körben haben«, murrte Tsubasa. »Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.«
    Mikio grinste. »Du weißt doch, wie das laufen würde. Wir würden eine andere Arbeit aufgebrummt bekommen, wenn wir sofort im Anschluss nach Hause fahren. Besser, wir behaupten, so lange benötigt zu haben. Man ist nur einmal jung und ich erwarte mehr vom Leben als Fisch und Reparaturen am Haus.«
    »Und das wäre?«, hakte Tsubasa nach. »Glücksspiel und Weiber? Wirklich ein tolles Leben, super erfüllt.«
    »Du willst bloß nach Hause, damit deine Frau keinen Wind von deinen Ausflügen nach Kagohiro bekommt. Und jetzt bist du unruhig, weil wir hier feststecken und es langsam verdächtig wird. Ich schwimme außerdem gern und sonne mich«, entgegnete Mikio grantiger, als nötig gewesen wäre.
    Ohne es zu beabsichtigen, hatte sein Freund einen wunden Punkt berührt: Das Gefühl der Sinnlosigkeit, das den jungen Kapitän wie ein allgegenwärtiger Schatten begleitete. Das Bewusstsein um die völlige Bedeutungslosigkeit seiner Taten. Mikio war durch und durch ersetzlich, die Bezeichnung »Kapitän« für seinen Posten mehr Hohn als Ehre. Das wusste er und er hasste es. Jeder Kapitän mit einem Hauch von Stolz bestand darauf, dass sein Gefährt ein Schiff war, ganz gleich, wie winzig es auch sein mochte. Mikio aber nannte die Gachou mit ihrem einzigen Mast und ihren gerade mal vier Mann Besatzung nur ein Boot. Für Stolz gab es in keinen Anlass.
    »Du sonnst dich«, wiederholte Tsubasa spöttisch, der nicht begriff, dass es besser wäre, das Thema ruhen zu lassen. »Das ist ja mal eine feine Art, seine Jugendjahre zu genießen. Das kannst du genau so gut, wenn du ein klappriger Tattergreis bist.«
    Damit, seine Wut auf die Flaute an anderen auszulassen, war er bei Mikio an der richtigen Adresse. Sein junges Gesicht war bereits dauerhaft gezeichnet wie das eines Straßenkaters von den Auseinandersetzungen, die das Glücksspiel manchmal mit sich brachte. Schnittnarben von einer Kanne, die man ihm ins Gesicht geschlagen hatte, eine gebrochene Nase und ein eingedrückter Wangenknochen und all das wegen ein paar Kupferlingen, die er sich nach einer Niederlage stolz zurückgeholt hatte. Ein wahrer Teehaus-Krieger. Das war so lächerlich wie sein ganzes Leben. Niemand wusste das besser als Mikio selbst.
    »Hüte deine Zunge. Du fliegst gleich ins Wasser«, drohte er.
    Tsubasa erwiderte streitlustig seinen Blick.
    Doch bevor es zu Schlimmerem kommen konnte, legte der kleine Yori die Hand auf Mikios Oberarm und zeigte zum Horizont. »Sieh mal! Was ist das da für ein komisches Schiff?«
    Widerwillig folgte Mikio seinem Blick.
    Das Schiff schob sich mit unzähligen Rudern vorwärts, die sich im Gleichtakt bewegten. Viele davon waren allerdings eingezogen, nur die Hälfte wurde benutzt. Das Schiff erweckte den Eindruck eines verwundeten Insekts, das sich mit seinen verbliebenen Beinen mühsam auf dem Bauch vorwärts schob. Sein Rumpf wies an vielen Stellen Beschädigungen der Beplankung auf.
    »Es ist riesig«, keuchte Yori.»Wie kann das hier in der Bucht fahren? Müsste es nicht aufsetzen?«
    »Eigentlich schon, es ist gefährlich, was die dort tun. Eigentlich kommen nur unsere Dschunken so weit nördlich. Aber das Schiff hat auch eine andere Bauweise als die der anderen Fremdländer.« Er legte die Hand an die Stirn, um die Flagge zu betrachten. Als das Ungetüm näher glitt, erkannte er ein türkisgrünes Wappen. Zwei weiße Muster waren darauf, das obere vielleicht ein Kreis, das Untere irgendein Schnörkel. Mehr konnte er auf die Entfernung nicht erkennen. »Türkisfarbene Flagge mit weiß«, informierte er. »Kennt die jemand?«
    Alle schüttelten die Köpfe.
    Der Koloss kam so nahe, dass die Ruder fast das Fischerboot berührten, doch jetzt bewegten die Ruder sich nicht mehr. Das Schiff kam zum Stehen, die vier Arashi blickten hinauf zur Reling. Dort standen mehrere Männer, jeder mit einem Bronzereifen um die Stirn, der eine Krone aus bunt bemalten Federn oder Blättern hielt.
    »Diese Männer, ich glaube, das ist ein Kriegsschiff«, flüsterte Yori. »Die sehen aus wie Soldaten. Der Stachel da vorne am Bug ...«
    »Und selbst wenn?«, unterbrach Mikio ihn patzig. »Wir sind Zivilisten, das braucht uns nicht zu kümmern. Sie werden wohl kaum ein kleines Fischerboot versenken.«
    Die Fremden blickten sie von oben neugierig an. »Versteht ihr kleinen Schlitzaugen uns?«, fragte einer. Sein Dialekt war ausgesprochen merkwürdig, für Mikio nicht zuzuordnen, aber immerhin verständlich. »Seid ihr in Seenot?«, ergänzte der Mann seine Frage.
    Mikio hatte ihn erst für unhöflich gehalten, aber offenbar wollte er ihnen helfen. Viele Seemänner waren Raubeine. »So halb«, lachte Mikio. »Und ja, wir verstehen euch. Wer seid ihr?«
    »Wir sind ebenfalls in Seenot, ein Sturm hat uns vom Kurs abgebracht. Dieses Gebiet ist auf unseren Seekarten nicht verzeichnet, wir haben die Orientierung verloren. Wir suchen dringend einen Hafen, wo wir Trinkwasser und Vorräte erneuern können.«
    »Dann seid ihr weit gereist. Das hier ist die Sturmsee und sie heißt nicht umsonst so. Sie ist nur selten so ruhig wie heute. Stammt ihr aus Ghena?«, riet Mikio.
    Dass er damit nicht richtig liegen konnte, verriet schon das Wappen, aber ein anderes Land, zu dessen Bewohnern das Aussehen der Seefahrer passen könnte, kannte er nicht. Er kannte nur Arashi, Frostalben und Ghenesen. Dem Hörensagen nach auch Goblins und Orks, aber das hier waren offensichtlich keine Grünhäute.
    »Die Ghenesen sind dir bekannt?«, wollte der Mann wissen.
    »Ja, sie kommen manchmal in zum Handeln in unsere Hauptstadt. Kagohiro.«
    »Dann steht ihr im guten Verhältnis zu ihnen?«
    »Keine Ahnung«, sagte Mikio. »Wir vier wohnen auf einem Dorf, von Politik bekommen wir dort nicht so viel mit. Ich nehme es aber an, sonst würden sie ja nicht mit uns handeln.«
    »Sollen wir euch zu eurem Dorf bringen?«, bot der Fremde an. »Wir könnten euch dort absetzen, zum Dank dafür, wenn ihr uns die Richtung nach Kagohiro zeigt. Dort würden wir gern einkaufen.«
    Mikio war überrascht. »Gern! Kagohiro liegt von hier aus genau im Nordosten. Aber sie haben dort keine Werft für so große Schiffe. Wenn ihr weiterfahrt, kommt ihr zur Festung Okoyano, wo auch unsere Kriegsflotte vor Anker liegt. Sicher können sie euch dort helfen, euer Schiff wieder zu reparieren.«
    Der Wortführer lächelte noch freundlicher. »Wir möchten nur den Frachtraum füllen.«


    Die Da capo (Die Segel muss man sich wegdenken, die Flagge als eine ledwicker Flagge vorstellen.)

  • Capitano Vespa


    Zu Mikios Freude wurden die vier Arashi eingeladen, sich an Bord des großen Schiffes zu begeben. Es wurde ein Beiboot hinabgelassen, das einen Soldaten nach unten brachte, um ein Tau zum Abschleppen anzubringen. Mikio, Tsubasa und Nobu zogen sich rasch an. Die Gelegenheit, ein solches Schiff zu betreten, wollten sie sich nicht entgehen lassen. Nur der kleine Yori traute sich nicht. Stur blieb er auch dann noch sitzen, als der Krieger in der Gachou herumtrampelte, um sicherzustellen, dass das Abschleppen reibungslos funktionierte. Yori schälte derweil einen Krebs, um geschäftig zu wirken und den Fremden nicht beachten zu müssen. Seine drei Freunde aber wurden hinaufgezogen, mit Handschlag begrüßt und über das Deck geführt.
    »Wie heißt dieses Schiff?«, wollte Mikio wissen. »Der Name stand am Heck, aber ich konnte ihn nicht lesen.
    »Du bist Gast auf der Da Capo«, erklärte der Wortführer stolz.
    »Aber ich sehe keine Segel.«
    »Richtig. Dies ist eine Dromone, mein Freund. Sie hat einige Besonderheiten, die du noch sehen wirst und wird ausschließlich über Ruder angetrieben. Welchen Vorteil dieser Antrieb bietet, erlebst du soeben. Während ein Segelschiff den Launen des Windes hilflos ausgeliefert wird, fährt eine Dromone mit reiner Muskelkraft. Windstille ist für uns angenehm. Der Nachteil liegt auf der Hand, jeder Ruderer ist ein Mitesser. Und wir haben davon zweihundert an Bord, wenn alle Riemen voll besetzt sind. Hundert je Seite.« Er stampfte mit einem seiner nackten, teerbefleckten Füße auf die Planken. »Sie sitzen genau unter uns. Durch das Deck sind sie vor feindlichem Beschuss geschützt und wir haben unsere Ruhe vor ihrem Gejammer.«
    Mikio fragte sich, was es da unten zu jammern gab. Die Ruderer hatten den sichersten Platz, den man sich auf einem Kriegsschiff nur wünschen konnte, waren geschützt vor Waffen, Wind und Wetter. »Und wie ist dein Name?«, erkundigte er sich.
    »Man nennt mich Capitano Vespa, das heißt Kapitän Wespe auf Hochasameisch. Die Mannschaft hat ihn mir gegeben und seither ist es mein Kampfname. Mein wirklicher Name ist sehr viel langweiliger.«
    »Angenehm, ich bin Mikio Chud«, stellte Mikio sich vor.
    Vespa war, wie mehr als die Hälfte seiner Mannschaft, schwarzhaarig mit goldenen Augen. Zumindest wirkte es auf Mikio, der nur dunkle Augen kannte, als wären sie aus Gold. Die Mannschaftsmitglieder, die nicht schwarzhaarig waren, hatten Haare in den Farben von Herbstlaub, braun, rot oder gelb. Bei zweien sah er sogar weißes Haar.
    »Deine Haare schlagen Wellen wie das Meer«, stellte er erstaunt fest, während er Vespas schwarzen Zopf betrachtete, der unter der Krone herausschaute. Das Haar der Arashi war schwer und glatt.
    »Normal«, meinte Vespa und wies in Richtung Ufer. »Ist das euer Dorf?«
    »Ja, von hier aus kommen wir allein zurecht. Danke für den Einblick, ich verabschiede mich nun.« Mikio schaute sich nach seinen zwei Freunden um. Sie waren vorhin unter Deck geführt worden, weil sie sehen wollten, wie die Ruder betrieben wurden.
    »Gleich«, meinte Vespa. »Vorher möchte ich dir noch etwas zeigen. Das ist die einmalige Möglichkeit für dich, eine Dromone zu besichtigen. Eine kleine Anerkennung deiner selbstlosen Hilfestellung. Das bisschen Zeit hast du doch sicher noch.«
    »Ich habe euch nur gesagt, wo Kagohiro liegt«, lachte Mikio und winkte ab. Er sah zum Ufer hin, wo sich die Dorfgemeinschaft neugierig versammelte, um sich das Kriegsschiff anzusehen. Die Soldaten winkten den Kindern von der Reling aus zu.
    »Also, was ist?« Der Capitano wies mit dem Kopf in Richtung der Luke, in die auch Nobu und Tsubasa hinab gestiegen waren. Mikio atmete durch und traute sich. So eine Gelegenheit bekam man nur ein einziges Mal im Leben. Vespa schmunzelte, ein Soldat hob den Deckel der Luke und der Capitano machte eine einladende Geste. Mikio ging voran und stieg die hölzerne Treppe hinab. Ihm schlug ein atemberaubender Gestank nach Schweiß und Fäkalien entgegen. Es roch, als würde er in eine Jauchegrube hinabsteigen. Er musste würgen, fast wäre er dabei von der Treppe gestürzt. Er schmeckte Erbrochenes. Was stank hier so bestialisch? Plötzlich wurde es finster, als jemand die Luke hinter ihm schloss. Mikio drehte sich herum. Vespa war fort. Er hatte ihn nur hinuntergeschickt, war ihm aber nicht gefolgt.
    »Vespa«, schrie er. »Mach auf, ich habe es mir anders überlegt, ich will nach Hause.«
    Da fiel ihm auf, dass Tsubasa und Nobu auch noch hier unten sein mussten. Da die Klappe nicht mehr geöffnet wurde, stapfte er die letzten Stufen hinunter, um nach seinen beiden Freunden zu sehen. Die Ruderer, die allesamt mit dem Rücken in seine Richtung saßen, drehten sich zu ihm um, als er durch die Reihen ging. Sie waren in einem schrecklichen Zustand, einige offensichtlich schwer krank und nun wusste Mikio, warum nur die Hälfte der Ruderbänke besetzt war. Unmengen von dicken Fliegen brummten um ihre Hinterteile. Sie trugen keine Kleidung und verrichteten ihre Notdurft an der Stelle, an der sie saßen. Der ganze Boden war schmierig von Kot und Urin. Mit dem Fußgelenk waren sie an ihrer Bank festgekettet.
    Ein Mann der Oberdeckmannschaft kam auf Mikio zu. In der Hand hielt er eine Peitsche. Ohne Vorwarnung zog er sie Mikio quer über den Bauch. Dem jungen Arashi blieb sein Atem im Hals stecken. Sein Bauch verkrampfte sich. Der Mann packte ihn im Genick und schob ihn an einen freien Platz. An einer anderen Bank entdeckte er einen seiner Freunde.
    »Nobu!«, schrie er und versuchte, zu ihm zu gelangen. Ein weiterer Hieb, diesmal über den Rücken, erstickte sein Rufen. Mikio wurden die Kleider vom Leib gerissen, ehe der Mann ihn gewaltsam festkettete. Dann eilte der Soldat nach oben, wo Kommandos ertönten. Und in einem Anflug von blankem Entsetzen wurde Mikio bewusst, dass sein Dorf soeben von Capitano Vespa zur Plünderung freigegeben wurde.

  • Der Stolz der Arashi


    Ein Mann nach dem anderen wurde ins Unterdeck geprügelt, brutal ausgezogen und gewaltsam an einem freien Ruderplatz festgekettet. Die Kleider wurden anschließend abgeholt, vielleicht um sie zu reinigen und wieder zu verwerten. Die Arashi brüllten durcheinander. Sie riefen die Namen ihrer Liebsten, versuchten herauszufinden, ob ihre Brüder, Väter oder Söhne mit ihnen in der stinkenden Dunkelheit gelandet waren. Die letzte Zufuhr von Frischluft und Licht wurde versiegelt, als die man die Klappe über ihnen schloss. Jeder Mann war dort, wo die Ledvigiani ihn haben wollten. Niemand war in der Lage gewesen, seinem Schicksal zu entrinnen. Die Luft roch in kürzester Zeit so verbraucht, dass Mikio sie kaum noch atmen konnte. Der scharfe Geruch von Schweiß hing in der Luft, doch da war auch Blut.
    »Papa«, rief Mikio in den Krach hinein. Er hatte Shido nirgends gesehen. Auch viele andere Männer fehlten, das waren bei Weitem nicht alle. Nervös blickte er sich in der Dunkelheit um und versuchte, die Gesichter von jenen zu erkennen, die ihm besonders am Herzen lagen. Nur schmale Streifen von Licht fielen durch die Öffnungen, aus denen die Ruder ragten und das war gleichzeitig auch die einzige Frischluftzufuhr.
    »Es tut mir leid, Junge«, rief Zuko, der drei Reihen hinter ihm saß. Er war der Älteste von denen, die hier heruntergebracht worden waren, doch weit davon entfernt, ein alter Mann zu sein. Zweiundvierzig Sommer und Winter hatte er gesehen und übernahm nun die Rolle des Ältesten, der für die Gemeinschaft sprach.
    »Was soll das heißen, es tut dir leid?«, rief Mikio aufgebracht. »Sprich deutlich! Ich habe ein Anrecht zu erfahren, was da draußen geschehen ist, wenn du es weißt!«
    »Beruhigt euch alle«, brüllte Zuko in die Menge. »Das Geschrei bringt nichts. Schont euren Atem, sonst verbrauchen wir die Luft noch schneller.« Das Argument war schlüssig. Der Lärm wurde zumindest so weit gedrosselt, dass Zuko nicht mehr zu schreien brauchte, damit Mikio ihn verstand. »Jeder, der zu den Waffen gegriffen hat, wurde getötet«, sagte er ruhig. »Shido Chud starb ehrenvoll mit dem gleichen Speer in der Hand, mit dem er einst seine Familie ernährte. Ainuwars Tore in die ewigen Lande stehen für die Helden offen.«
    Mikios Augen wurden heiß. »Warum hat er das rostige alte Ding nicht einfach über der Tür hängen lassen, wo es hingehört?«, rief er aufgebracht. »Das war eine Harpune und keine Waffe. Er war kein Krieger, sondern ein alter kranker Mann. Er konnte diesen Kampf nicht gewinnen. Hätte er kapituliert, wäre er noch am Leben!«
    »Wer dem Feind keinen Widerstand leistet, unterstützt den Feind«, entgegnete Zuko. »Willst du das Andenken an deinen Vater beschmutzen durch Zweifel?«
    »Warum hast du dann nicht gekämpft«, fauchte Mikio. »Du sitzt auch noch hier!«
    »Wer nicht kämpfen kann, weil er keine Waffen besitzt oder zu schwach ist, hat immer noch die Möglichkeit, jede Zusammenarbeit zu verweigern, anstatt die Ledvigiani zu unterstützen. Und genau das werden wir alle gemeinsam nun tun! Es ist besser, ehrenvoll zu sterben, als in Schande zu leben.« Seine Stimme war am Ende laut geworden und nun schrie er wieder. »Segira, Arashi!« Er riss die Faust in die Luft.
    »Segira, Segira!«, wiederholten die Männer im Chor den Namen der größten Heldin ihres Volkes.
    »Ich hätte meinen Vater auch unehrenhaft geliebt«, antwortete Mikio, doch niemand hörte ihn. »Ich hätte mir gewünscht, dass er lebt!«
    Ihm erschien die Entscheidung seines Vaters keineswegs mutig. Es war ein Freitod gewesen, um der Niederlage zu entgehen. Zurück blieb sein Sohn, der damit klarkommen musste. Mikio rollte sich auf seinem Platz zusammen und vergrub das Gesicht hinter den Händen, während der Aufseher mit der Peitsche für Ruhe sorgte. Er drosch wahllos in die Menge, weil es einfach zu viele waren, die tobten, ihn bespuckten und an ihren Ketten rissen. Das Geschrei wurde noch lauter, als die ersten Arashi bewusstlos von den Hieben auf ihren Plätzen zusammensanken.
    Mikio interessierte es diesem Moment nicht, was um ihn herum geschah. Er dachte nur an seinen Vater. Liebe und Zorn wechselten wie Ebbe und Springflut in seiner Seele. Er fühlte sich allein gelassen und verraten. Nicht nur von Shido, auch von den anderen Männern und Frauen, die gegen einen überlegenen Feind die Waffen erhoben hatten, wohlwissend, wie das für sie ausgehen musste. Während die Arashi noch immer den Namen Segiras konstatierten, wimmerte er immer wieder den von Shido.
    Als der Lärm endlich verebbte, hob er das tränennasse Gesicht. Er blickte nach oben zu den Holzbalken hinauf und versuchte zu hören, ob wenigstens seine Mutter noch lebte. Wenn sie nicht mehr war, blieb ihm überhaupt kein Verwandter mehr, von seinem Cousin Yori abgesehen. Doch auch der war nicht zu finden. Einfach war sein Versuch, einer einzelnen Stimme zu lauschen, nicht, da das Holz des Schiffes unentwegt arbeitete. Es knarrte und rumpelte, die Schritte der Ledvigiani dröhnten über ihnen, wenn sie über das Oberdeck marschierten. Das aufgebrachte Reden und Heulen der Männer im Unterdeck trugen ihr Übriges dazu bei, dass er kaum etwas verstand. Von oben aber war nur ein gelegentliches Wimmern zu hören, mal hier, mal da, Kinder, Frauen, Babys, der ganze Lärm glich einem reißenden Fluss, in dem die Stimme des Einzelnen unterging.

  • Die Arbeit im Unterdeck


    Unerbittlich schlug die Trommel. Vor und zurück wiegten sich die verschwitzten Oberkörper in der Dunkelheit des Unterdecks. Die Ruderbänke waren wieder gut gefüllt, gut die Hälfte der Rudermannschaft bestand nun aus Arashi-Männern.
    Eine Lektion, die Mikio schon in den ersten Stunden lernte, lautete: »Du wirst noch froh sein über jeden Augenblick, in dem du Rudern darfst.« Sein Leidensgenosse Bent hatte vermutlich versucht, ihn damit zu trösten, als Mikio vor Schmerzen in Tränen ausbrach.
    Anfangs hatte er diesen Satz nicht verstanden. Er hatte das Gefühl, dass ihm die Arme irgendwann abfallen müssten. Innerhalb kürzester Zeit waren seine Handflächen blutig gescheuert. Jedes Mal, wenn er aus dem Takt kam, drohten sich die langen Ruder zu verheddern. Das durfte nicht passieren auf einem Kriegsschiff und wurde mit der Peitsche geahndet. Die Neulinge waren gleichmäßig verteilt worden auf die Ruderbänke mit den alten Hasen, die es bis zu einem gewissen Maß ausgleichen konnten, wenn sie einen Fehler machten oder sie die Kräfte verließen.
    Als sie eine Rast einlegten und das Knarren der Riemen, das Stöhnen der Sklaven und die Schläge der Trommel verstummten, verstand Mikio mit einem Mal, was Bent gemeint hatte. Was sich nun hinabsenkte, war keine Stille. Es war die Geräuschkulisse betrunkener Soldaten. Er musste mit anhören, was auf dem Oberdeck mit den Frauen getan wurde, die er kannte und auch seine Mutter blieb nicht verschont. Bent hatte Recht gehabt, Mikio wünschte sich die Gnadenlosigkeit der Trommelschläge zurück, um ganz im Schmerz versinken zu können, der sich wie eine Decke auf alle Sinne legte. Ein Chor aus rhythmischen Rufen und Klatschen feuerte jemanden an, gefolgt von Jubelrufen. Kinder weinten und riefen nach ihren Müttern, auch Babystimmen waren darunter. Niemand war zurückgelassen worden in Arashima, sie hatten das gesamte Dorf mit Mann und Maus leergeplündert.
    Auch Mikio weinte in dieser Pause. Der Aufseher mit der Peitsche im Gürtel ging herum und verteilte eine Suppe aus Zwieback und Wasser, die Nahrung und Getränk in einem war. Einigen Ruderern gab er einen Schluck Wein aus einem Schlauch, doch keinem der Neulinge. Dann sollten sie ruhen. Den Dreck machte niemand weg. An Schlaf war für Mikio nicht zu denken, während Bent es sich an einer Schulter bequem machte. Kleine Tiere krabbelten in seinem verfilzten blonden Haar und wanderten zu Mikio herüber. Nach endlos erscheinenden Stunden rief der Trommler das Wecksignal, die ersten Schläge erklangen und weiter ging die Fahrt.
    Es war merkwürdig, wie schnell man die Vergangenheit vergaß, wie die Gesichter der Liebsten verschwammen, wie sich die Architektur des Elternhauses verzog und wie schnell die Details eines Lebens verblassten. Das Einzige, was in den kommenden Wochen unverfälscht in Mikios Gedächtnis haften blieb, waren die Gerüche seiner Heimat, der Duft des Herdfeuers und das nasse Holz seines kleinen Fischerbootes, der Heuduft der geflochtenen Schlafmatten, auf denen Arashi schliefen und der Geruch von nasser Haut, die nach dem Schwimmen in der Sonne trocknete.
    Es wunderte ihn selbst, wie selten er bald an die glücklichen Jahre seiner Jugend zurückdachte und nur noch für die Monotonie des Unterdecks lebte. Jeder Trommelschlag schien ein Stück seiner Vergangenheit tot zu knüppeln, mit jedem Ruderschlag der Da Capo entfernte er sich nicht nur von seiner Heimat, sondern auch weiter von dem Mann, der er einst gewesen war. Selbst die Schmerzen wurden ihm irgendwann gleichgültig.
    Zum Schlafen lehnte er sich an seinen Sitznachbarn Bent, der aus Ghena stammte. Er hatte sich selbst in die Sklaverei verkauft, um seine Tochter durch eine ausreichend große Mitgift an einen guten Mann verheiraten zu können. Bent war ein Blondschof, der, wie alle alten Hasen hier, unfreiwillig langes Haar und Vollbart trug. Vermutlich würden auch die neuen Arashi bald so aussehen, wobei Mikios Haar bereits lang war, doch er hatte bis zu seiner Gefangennahme keine Ambitionen verspürt, sich einen Bart wachsen zu lassen, im Gegensatz zu Tsubasa, der mit seinem spitzen Kinn- und Oberlippenbart versuchte, älter auszusehen, als er war.
    Von Tsubasa bemerkte er so gut wie nichts. Der hatte mit anhören müssen, wie die Ledvigiani sich mit seiner jungen Frau vergnügten und seither redete er mit niemandem mehr ein Wort, weder mit seinen Sitznachbarn noch mit den Ledvigiani noch mit den Arashi.
    Yori, der auf der Gachou geblieben war, während die anderen Drei das Kriegsschiff betreten hatten, war nirgends zu sehen. Mikio vermutete und hoffte, dass es ihm gelungen war, zu fliehen. Die weniger gute Option war, dass er versucht hatte, das Dorf zu verteidigen und dass dies mit seinem Tod geendet war. Die Vorstellung, wie der winzige dürre Kerl von einem voll bewaffneten und gerüsteten Krieger in Stücke gehauen wurde, war unerträglich. Mikio weigerte sich, daran zu glauben.
    Nobu, ein stiller Bursche, der eigentlich irgendwann einmal hatte Schreiber werden wollen, saß in Mikios Sichtweite. Nobu veränderte sich rapide. Er fiel regelrecht in sich zusammen, bis er wenig mehr als Haut und Knochen war und Bent verlieh seinen wenig optimistischen Gedanken dazu Ausdruck.
    Er sollte Recht behalten.
    Eines Tages gelang es dem Aufseher nicht mehr, Nobu dazu zu bringen, weiter zu rudern, ganz gleich, was er ihm antat. Auch ein Schluck mit Honig gesüßter Wein konnte daran nichts ändern. So kettete er ihn ab und schleifte ihn davon.
    »Was tun sie mit ihm?«, fragte Mikio.
    Bent zuckte mit den Schultern. »Wenn es laut klatscht, wissen wir es. Aber das tun sie nur selten, zum Beispiel wenn einer die Pest hat oder eine andere Seuche. Wir werden hier zwar nicht gerade gut behandelt, aber trotzdem sind Sklaven wertvoll. Wer nicht rudern kann, den verkaufen sie in der Regel. Ich denke, wir steuern momentan einen Hafen an, wo die Frauen und Kinder an den Mann gebracht werden. Vielleicht verkaufen sie dort auch deinen Freund.«
    »Wäre das nicht eine Möglichkeit, hier herauszukommen?«, fragte Mikio. »Man könnte sich krank stellen.«
    Bent lachte. »Du kannst es ja mal versuchen. Die finden schon Mittel und Wege, um zu überprüfen, ob einer nur flunkert. Du bist nicht der Erste mit dieser Idee.«
    Auch diesmal sollte Bent Recht behalten, wenige Tage später erreichten sie einen Hafen. Stille kehrte auf dem Schiff ein. Die Frauen und Kinder waren fort, zusammen mit einem Großteil der Mannschaft, die sich im Hafenviertel vergnügte. Nur die Notbesatzung blieb zurück. Einer dieser Soldaten erbarmte sich, mit zwei Schaufeln und zwei Eimern im Unterdeck zu erscheinen.
    »Wer von euch Stinkern will sich ein Stück Pökelfleisch verdienen?«
    »Ich«, rief Mikio sofort, dem jede Ablenkung lieb war.
    Gemeinsam mit einem älteren Rudersklaven schaufelte er die Fäkalien in einen der beiden Eimer, die ein dritter Sklave abwechselnd nach oben trug und ins Meer kippte. Das dauerte sehr lange und gegen den Urin half das nicht. Dafür streuten sie anschließend Sägespäne, die aufgeschaufelt wurden, nachdem sie sich vollgesaugt hatten. Danach erfolgte eine Behandlung des Bodens mit Kalk. Palmiro hieß der Offizier, dem die Sklaven diese Wohltat verdankten.
    »Gute Arbeit«, sagte Palmiro am Schluss, als er herumging und den Dreien, die nun wieder angekettet waren, das versprochene Pökelfleisch in den Mund steckte. Mikio bemerkte Bents hungrigen Blick. Ihm kam der Gedanke, dass er dem anderen vielleicht etwas abgeben sollte. Doch noch während er darüber nachdachte, schlang sein Körper von allein gierig das Fleisch herunter, ohne auch nur eine Faser übrig zu lassen. Als Mikio sich gerade dafür entschieden hatte, wenigstens eine kleine Ecke übrig zu lassen, war alles schon weg. ›Na ja, ich habe dafür schließlich auch gearbeitet‹, dachte er. ›Bent hätte sich ja auch selbst freiwillig melden können.‹
    Wann immer die Möglichkeit bestand, meldete Mikio sich fortan zur Arbeit. Er war stets der Erste, der rief und je nach Arbeit manchmal auch der Einzige. Die meisten waren froh, wenn sie verschnaufen konnten, sobald die Trommel verstummte. Bent sah seinen übereifrigen Gehorsam gegenüber den Ledvigiani mit tiefem Misstrauen. Vielleicht hielt er ihn nun für ein Kameradenschwein, obwohl Mikio nichts tat, was den Ruderern schaden würde, im Gegenteil, er half hier sauber zu machen, wovon alle profitieren. Trotzdem fand Bent offenbar, dass er sich bei ihren Peinigern beliebt machen wollte. Mikio bekam seine Meinung zu spüren, indem Bent sich nun zum Schlafen zur anderen Seite lehnte und ihm keine Ratschläge mehr gab. Sie schliefen nun zu dritt, nur Mikio, der im Gang angekettet war, hatte zwar einen vollen Magen, aber niemanden mehr, an dessen Schulter er sich lehnen konnte.

  • Die Seekarte


    Mikio wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Das Klima bot keinen Anhaltspunkt für das Verstreichen der Monde, da die Ledvigiani durch alle Klimazonen reisten. Er hatte nicht nur die Orientierung in Zeit und Raum verloren, sondern auch die Orientierung in der Landkarte seiner Seele. Von der Vergangenheit war nicht mehr viel übrig, weil er sich keine Mühe gab, daran zurückzudenken. Es war besser, wenn er das Leben vergaß, das unwiederbringlich zerstört worden war. Keine Erinnerung brachte ihm zurück, was er verloren hatte, dafür aber Schmerzen.
    Palmiro ging gerade während einer Pause herum und steckte jedem ein Stück Brot in den Mund. Der Offizier war einer der beiden weißhaarigen Ledvigiani. Sein Haar war kurz und verschwand fast vollständig unter dem Bronzereif, aber Mikio sah es an seinen weißen Augenbrauen. Seine Blätterkrone war blau gefärbt. Inzwischen wusste Mikio, dass dies Schilfblätter waren und dass man weißhaarige Menschen Albinos nannte.
    Das Brot war heute nass und schmeckte säuerlich-bitter. Er blickte auf und suchte den Blick des Offiziers. Sonst verteilte der Aufseher, dessen Name Efisio war, die Happen. Dass Palmiro das tat, war ungewöhnlich.
    »Wein«, sagte Palmiro und blickte ihn aus eisblauen Augen an.
    »Danke«, erwiderte Mikio, der das erste Mal in seinem Leben Wein schmeckte. Er wusste, dass diese Geste einem Lob gleichkam. Besonders tüchtige Ruderer wurden auf diese Weise manchmal gelobt. Auch kranke Ruderer bekamen manchmal einen in Wein getränkten Happen, um zu verhindern, dass sie bewusstlos wurden, doch Mikio war körperlich in einem besseren Zustand als die meisten hier.
    »Der Capitano wünscht dich zu sprechen«, sagte Palmiro. Bent sah Mikio von der Seite an und grinste. Es dauerte einen Moment, ehe Mikio den Blick entschlüsselt hatte. Bei den Ghenesen und Ledvigiani hatte er immer noch Probleme, ihre Mimik zu deuten. Besonders, wenn sie blaue Augen hatten, wie der Offizier, fiel ihm das schwer, er wirkte auf ihn immer, als würde er ihn in Grund und Boden starren. Mikio konnte nicht erkennen, ob das wirklich so war oder ob er sich das nur einbildete.
    Palmiro kettete ihn los und führte ihn ans Oberdeck. Mikio hatte Glück, es war Nacht, seine Augen waren an Dunkelheit gewöhnt und selbst die beiden Vollmonde blendeten ihn. Das erste Mal seit langem atmete er wieder frische Luft und konnte in die Ferne blicken. Ein Soldat mit Eimer und Lappen wusch Mikio von Kopf bis Fuß. Die Kernseife, die er dafür verwendete roch herrlich. Anschließend wurde er rasiert und bekam Kleidung. Zu guter Letzt wurde sein verfilztes Haar mühsam mit einem grobzinkigen Kamm entwirrt und zu einem Flechtzopf gebunden. Er sollte vor dem Capitano ordentlich aussehen, um ihn nicht durch seinen Anblick und Gestank zu beleidigen. Vespa selbst betrat niemals das Unterdeck und auch Palmiro kam nur aller paar Tage nach dem Rechten sehen, während Efisio und der Trommler Durante den Großteil ihrer Dienstzeit unter Deck verbrachten.
    Palmiro führte Mikio schließlich zur Kapitänskajüte, die sich am Heck in einem Deckaufbau befand. Der Offizier klopfte und Vespa öffnete die Tür. Palmiro verneigte sich. »Capitano, der gewünschte Rudersklave.«
    »Tretet beide ein«, befahl Vespa und wies auf seinen Kartentisch, ein klotzartiges Monstrum, an dem mehrere Stühle standen. Es schien, als sei der Tisch fest mit den Planken verschraubt, so dass er nicht verrutschen konnte, so wie das restliche Mobiliar der Kajüte. Anstelle einer flachen Matte zum Schlafen, wie Mikio es kannte, war ein Bett in die Wand eingelassen. »Setzt euch«, ergänzte Vespa und wies auf die Stühle.
    Mikio hatte noch nie auf einem Stuhl gesessen. In Arashima saß man auf geflochtenen Matten oder auf Sitzkissen um einen flachen Tisch herum. Diese Art zu sitzen, wo man so weit oben war und die Beine herabhängen ließ, erschien ihm merkwürdig, aber er klagte nicht. Nachdem alle saßen, schenkte Vespa ihnen drei Gläser voll Wein ein. Pur! Außerdem jedem eine Holzschüssel mit dicker warmer Getreidesuppe. Nachdem er guten Appetit gewünscht hatte, aßen sie. Mikio fragte nicht, warum, er aß einfach. Die warme Suppe schmeckte für ihn köstlich, sogar gesalzen war sie und einige Gemüse- und Fleischstücken waren darin. Er aß schnell, er konnte nicht verhindern, dass er alles ohne zu kauen herunterschlang, woraufhin Vespa lachte. Nachdem sie alle gegessen hatten, versuchte Mikio, den Wein zu trinken. Er schmeckte scharf. Den halben Becher schaffte er am Stück, dann musste er Pause machen.
    »Lasst uns ein wenig reden«, sagte Vespa. »Palmiro, Rapport.«
    »Dieser Rudersklave hat sich durch besonderen Fleiß hervorgetan. Er jammert nicht, er packt an und arbeitet mehr als jeder andere.«
    »Spürte er oft die Peitsche?«
    Palmiro schüttelte das weißhaarige Haupt, seine Schilfkrone raschelte leise. »Nur in den ersten Tagen, um ihn ein wenig anzuspornen. Seither arbeitet er zügig und ohne Fehler.«
    Vespa blickte Mikio durchdringend an, der spürte, dass er heiße Wangen bekommen hatte, entweder vom Wein oder von dem Lob.
    »War die Suppe gut?«, erkundigte Vespa sich.
    Mikio nickte.
    Vespan rückte ein wenig herum, Palmiro räumte den Kartentisch ab und wischte ihn sauber, ehe er ihn sorgfältig abtrocknete. Jetzt rollte Vespa eine große Karte auf. »Hier war euer Dorf.« Er zeigte auf eine Bucht am oberen linken Kartenrand. »Du hast von zwei Städten gesprochen, Kagohiro und Festung Okoyano, an dem Tag, an dem wir dich an Bord holten. Zeig mir, wo sie liegen.«
    »Ich kann keine Karte lesen«, wandte Mikio ein.
    Palmiro warf Vespa einen Blick zu, doch der blickte unverändert freundlich drein. Seelenruhig erklärte er Mikio, wo sein Dorf lag, fragte ihn nach der Umgebung aus und ließ ihn das Gesagte anhand der Tintenlinien nachempfinden. Zuerst begriff Mikio nichts, dann sah er, dass Bäume als Wälder eingezeichnet waren, kleine Berge und Striche für Sümpfe und mit einem mal verstand er. Die Karte war zur Fläche gepresste Wirklichkeit, um die Dimension der Höhe beraubt, das war der einzige Unterschied. Eine Miniatur ihrer Welt! Mikio erwachte aus seiner Lethargie und folgte fasziniert Vespas Finger, der über das Pergament fuhr. Neugierig betrachtete er, wie die Welt beschaffen war. Ein Großteil schien noch nicht erforscht zu sein, dort fehlten alle Zeichnungen. »Wo ist Ghena?«, wollte er wissen und Vespa zeigte es ihm. »Und das hier ist alles die Sturmsee?«
    »So ist es«, bestätigte Vespa. »Sie ist annähernd so groß wie Evalon.«
    »Und woher kommt ihr?«
    »Aus Ledvico.« Er fuhr mit dem Finger einen riesigen Bogen um Ghena herum.
    »Dann seid ihr weit gefahren.«
    »Sehr weit, Mikio.«
    Mikio hob überrascht den Kopf. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Vespa sich seinen Namen gemerkt hätte. Palmiro schenkte allen Dreien Wein nach. Der junge Arashi fühlte sich schwindelig, seine Zunge wurde locker. Mikio fiel es schwer, auf dem ungewohnten Stuhl sitzen zu bleiben, er fiel herunter und alle drei lachten. Das tat gut nach der langen Dunkelheit. Palmiro half ihm auf und Mikio half Vespa, seine Seekarte zu vervollständigen. Viel konnte er nicht beitragen, da er nur wenig wusste, aber für das Wenige war Vespa ausgesprochen dankbar.
    Anschließend musste Palmiro Mikio dabei helfen, zurück in das Unterdeck zu laufen, wo er sich erbrach. Er schlief in verrenkter Haltung auf seiner Ruderbank angekettet ein. Als er am nächsten Morgen erwachte war ihm schlecht. Er musste entdecken, dass die anderen drei von seiner Bank den Unrat mit den Füßen unter seinen Platz geschoben hatten, so dass er bis zu den Knöcheln im stinkenden Matsch stand. Er schob den Haufen weiter in die Mitte des Ganges. Er konnte sich nicht daran erinnern, was sie gestern Abend in der Kajüte alles besprochen hatten und wie er wieder hier herunter gekommen war. Er hätte es für einen Traum gehalten, würde ihm nicht noch immer der Duft von Seife anhaften und Efisio ihm ein Stück Fleisch in den Mund schieben - frisches Fleisch, gebraten und gewürzt.
    Bei der nächsten Gelegenheit schlug Bent ihm die Faust ins Gesicht. Mikio fiel rückwärts von der Bank. Die Kette war lang genug, dass Bent ihn zurück zerren konnte und eine heftige Prügelei entbrannte.
    »Du kleines Verräterschwein«, brüllte Bent. »Siehst ja schick aus! Hast du dem Capitano dafür nur die Stiefel geleckt?«
    »Lass den Mist«, brüllte überraschend Tsubasa. »Jeder hier kennt inzwischen deine Geschichte, Bent! Wir sind ja nicht taub. Du hasst die Ledvigiani, doch dein Hass gilt in Wahrheit doch nur dir selbst. Du weißt nicht, was aus deiner Tochter geworden ist, ob das Geld wirklich als Mitgift für sie eingesetzt wurde - oder ob dein Bruder nicht Geld und Weib für sich behalten hat. Du bereust, dass du dich verkauft hast. Das ist verständlich, aber lass deine Wut auf dich selbst nicht an Mikio aus.«
    Zu Mikios Überraschung hörte Bent tatsächlich auf, ihn zu schlagen. Er setzte sich wieder ordentlich auf seine Bank und rührte sich nicht mehr. Schweigend starrte er vor sich hin. Efisio, der angerannt kam, sah, dass sowohl Bent als auch Mikio wieder in Position waren, beließ es in Anbetracht der Pause bei einer Drohung mit der zusammengerollten Peitsche und trollte sich wieder.
    »Danke, Tsu«, sagte Mikio.
    Doch Tsubasa hüllte sich erneut in seinen Mantel aus Schweigen.

  • Privilegien und Repressalien


    Die Monotonie wurde gelegentlich unterbrochen durch Palmiro, der Mikio nach oben holte, seine Reinigung veranlasste und dann zu Capitano Vespa brachte. Der wollte alles wissen, was Mikio zu den Streitkräften zur See und an Land von Arashima zu erzählen hatte. Mikio, der im Dorf gelebt hatte und nichts Böses kennengelernt hatte, bis die Ledvigiani kamen, ging davon aus, dass Vespa schlichtweg seine Langeweile vertreiben wollte. In ihrem abgelegenen Land hatte er weder Krieg noch Kriminalität kennengelernt. Die Flotte Arashimas war vor allem zur Abschreckung da. Sie diente dazu, dass jeder wusste, dass die Arashi bei aller Friedfertigkeit über eine einsatzbereite Kriegsflotte verfügten. Eine Warnung, sie in Ruhe zu lassen. Nur leider hatte sie nichts genützt, als das abseits gelegene Dorf leergeplündert wurde. Sie schützte offenbar nur die großen Städte, die sich in der Bucht um Festung Okoyano ballten.
    All das erzählte Mikio, während Vespa und Palmiro mit ihm aßen und tranken. Die Wochen und Monate auf See konnten sehr an den Nerven zehren. Auch wenn es immer etwas zu tun gab, so waren die Arbeiten nicht nur für die Rudersklaven, sondern auf für die Soldaten monoton. Meist waren es Pflege- und Reparaturarbeiten am Schiff und an der Ausrüstung, die sie zu erledigen hatten.
    Mikio war dankbar dafür, dass Vespa ihn aufgrund seines Fleißes dazu auserkoren hatten, mit ihm zu speisen und zu reden. Vespa schien ihm ein anständiger Mann zu sein. Er konnte sich durchsetzen, das musste er als Kapitän, aber Mikio hatte das Gefühl, dass die Mannschaft ihn achtete. Wie gut er wirklich war, würde sich vermutlich erst im Gefecht zeigen. Ein Solches hatte es bislang allerdings nicht gegeben.
    Bent nahm Mikio noch immer krumm, dass er sich mit den Ledvigiani verstand und der Ghenese war damit nicht der Einzige. Als Mikio wieder einmal betrunken von Palmiro zurück ins Unterdeck gebracht wurde, streckte jemand unvermittelt ein Bein in den Gang. Mikio stolperte und stürzte mit dem Gesicht voran in den Unrat. Die Planken waren so verdreckt und glitschig, dass er ein Stück auf dem Bauch schlitterte und eine breite Spur zog. Zu allen Seiten dröhnte Gelächter. Er versuchte, sich aufzurappeln, aber das Schiff schien sich um ihn herum zu drehen.
    »Steh auf«, befahl Palmiro, der ihn so schmutzig nicht mehr anfassen wollte.
    Mikio kam schwankend auf die Beine, nur um gleich wieder zu stürzen, diesmal rückwärts. Er hatte das Gefühl, dass der Seegang in dieser Nacht extrem war. Er verstand nicht, warum der Wein Palmiro und Vespa so wenig ausmachte, während er selbst schon nach einem halben Becher betrunken war. Er vermutete, dass es die Gewohnheit machte und dass er, je öfter er mit ihnen trank, sich ebenso daran gewöhnen würde. Darum lehnte er nie einen Schluck ab.
    »Efisio«, rief Palmiro. »Hilf ihm auf.«
    Der Aufseher kam durch den Unrat geschlurft, packte Mikios dreckigen Arm ohne zu zögern und zerrte ihn wieder auf die Beine. Palmiro ließ ihn den jungen Arashi zu demjenigen bringen, der ihn zum Stolpern gebracht hatte. Es war Tsubasa.
    Mikio war außer sich, als er das entdeckte. Tsubasa war sein Jugendfreund gewesen, sie hatten ihre Kindheit zusammen verbracht und Mikio war sogar sein Trauzeuge bei der Hochzeit gewesen!
    »Neidhamml«, lallte Mikio zutiefst verletzt. »Elen...er Neidhamml!«
    Er verstand nicht, warum ihn niemand mehr mochte, nicht einmal mehr Tsubasa. Er schaufelte für sie alle den Unrat weg, er schliff raue Holzstellen an den Bänken und Rudern, damit keiner sich verletzte. Von den Ledvigiani bekam er dafür eine kleine Anerkennung in Form von Pökelfleisch und gelegentlichen Besuchen auf dem Oberdeck und von den Rudersklaven? Von seinen eigenen Leuten? Er hatte doch niemandem je etwas getan, warum waren sie so missgünstig? Erwarteten sie, genau so behandelt zu werden wie er, ohne etwas dafür tun zu müssen? Wo war ihr Problem?
    Mikio wusste es nicht und langsam war es ihm auch egal. Das Maß war voll. Aus seiner Verzweiflung über die zunehmende Isolation wurde Wut.
    Palmiro schien es zu bemerken. Er griff hinüber zu Efisio und zog ihm langsam die Peitsche aus dem Gürtel. Andächtig drückte er sie Mikio in die Hand. Fast sanft schloss er ihm die Finger um den Griff. »Drei Hiebe auf den Rücken.« Er trat einen Schritt beiseite und schaute gespannt. Efisio hielt noch immer die Hand unter Mikios freien Arm geschoben, damit er in seiner Trunkenheit nicht noch einmal stürzte.
    In seiner Wut schlug Mikio sofort zu. Tsubasa brüllte schon beim ersten Hieb und machte ein Hohlkreuz. Der darauffolgende Schlag war noch härter und der Dritte sorgte dafür, dass er kreischte wie eine Frau. Drei offene Striemen zeichneten sich dunkelrot auf seinem bronzefarbenen Rücken ab, aus denen Blut perlte.
    »Hat es gut getan?«, fragte Palmiro leise.
    Mikio nickte bissig. Mit einem Gefühl der Überlegenheit befreite er sich von Efisios Griff und wankte ohne Hilfe zurück zu seinem Platz. Als Efisio die Kette um sein Fußgelenk schließen wollte, legte Palmiro ihm die Hand auf den Oberarm und schüttelte den Kopf. »Er benötigt die Kette nicht länger.«
    Fortan durfte Mikio frei auf seinem Platz sitzen. Er leistete sich keinen Fehltritt, jetzt noch weniger als zuvor. Er stand niemals auf, außer, wenn Efisio es ihm befahl, was er nun recht oft tat. Während der Aufseher selbst bei Durante, dem Trommler, stand und sich mit ihm unterhielt, schritt Mikio grimmig mit der Peitsche durch die Reihen. Wer erschöpft war, erhielt eine einzige Ermahnung, im Rhythmus zu bleiben, beim zweiten Mal schmeckte er die Peitsche. Mikio spürte kein Mitleid und keine Reue und wenn doch einmal, half ihm der Wein dabei, sich daran zu erinnern, wer seine Loyalität verdiente - und wer nicht.
    Über Mikio zu lachen, wagte in seiner Gegenwart niemand mehr, auch die Beschimpfungen hatten ein Ende. Jedoch wechselte auch sonst niemand mehr mit ihm ein Wort, nicht einmal mehr das Lästermaul Bent. Der wetterte nun stattdessen über Tsubasa und generell über die Arashi als Gesamtheit.
    Mikio scherte das nicht mehr. Er war von allen gleichermaßen verstoßen worden, von den Arashi genau so wie von den übrigen Rudersklaven. Im Unterdeck hielt man ihn einen schlitzäugigen Möchtegern-Ledvigianio, das wusste er.
    ›Es ist gleich, dass ich weder Arashi noch Ledvigiano bin. Ich bin Mikio Chud‹, sagte er sich trotzig. ›Was ich alles nicht bin, spielt keine Rolle. Mikio Chud und das kann mir niemand nehmen.‹
    Es war ein lausiger Versuch, sich über den vollständigen Verlust seiner Identität hinwegzutrösten. Ein Arashi war jemand, der in Arashima lebte und dessen Schicksal mit dem des Landes untrennbar verwoben war. Mikio war nur noch jemand, der irgendwann einmal ein Arashi gewesen war, vor langer Zeit.

  • Die Reise der Rudersklaven


    »Ledvico sei wachsam, oh Ledvico sei stark
    der Tag kommt, wo du wandern magst.
    Moorige Sümpfe und die türkisgrüne See
    Sind Heimat und doch ruft ewiges Fernweh.«


    Mikio konnte die Soldaten durch die Tür der Kapitänskajüte singen hören. Sie sangen die Hymne der Ledvigiani, ›Schiff, Kahn und Boot‹. Einige Passagen grölten sie besonders laut mit. Die Da Capo ankerte momentan vor einer unbewohnten Insel. Es war eine sternklare Nacht, beide Vollmonde schienen auf das spiegelglatte Meer. Es herrschte vollkommene Windstille. Die Besatzung bekam Grappa ausgeschenkt und durfte sich die Beine auf dem felsigen Eiland vertreten, wo sie Holz gefällt und ein Feuer entzündet hatten. Die meisten Soldaten blieben in Sichtweite zu der Dromone und feierten ausgelassen. Es war kühl und der Strand bestand aus scharfkantigem Geröll, trotzdem nutzten viele die Gelegenheit für ein Bad.


    »Ledvico oh Heimat, oh Ledvico du mein
    Ich kehre wieder heim!«


    Die Stelle wiederholten einzelne Stimmen, auch als das eigentliche Lied schon lange zu Ende war, immer wieder. Ein Soldat, der ohnehin schon zu viel getrunken hatte und vor lauter Sehnsucht nach seiner Frau in Tränen ausgebrochen war, bekam zum Trost noch mehr Grappa nachgeschenkt. Ein Großteil der Mannschaft aber war guter Dinge. Offenbar gab es einen Anlass, der gerade gefeiert wurde. Dafür sprach auch, dass auf der Insel riesige selbstgefangene Fische über offenem Feuer gegrillt wurden.
    »Wohin reisen wir Capitano?«, fragte Mikio, nachdem er einen gegrillten Fisch verdrückt hatte und sich dem Weißwein zuwandte. Wein war sonst nur den Offizieren vorbehalten, hatte er mitbekommen. Grappa war für die Sodlaten, davon erhielt er keinen und wusste auch nicht, wie er schmeckte. »Nach Ledvico?«
    Er hätte die Heimat der Männer mit den Schilfkronen gern kennengelernt, auch wenn er die Da Capo wohl bei der Ankunft nicht würde verlassen dürfen. Aber vielleicht könnte er von Deck aus einen Blick auf ihre Städte erhaschen. Wenn man den Worten der Ledvigiani Glauben schenkte, gab es kein schöneres Land als Ledvico. Sie schwärmten von weichen weißen Sandstränden, gesäumt von Kokospalmen und träumten von Thermalquellen tief im Wald, aus denen auch bei Kälte heißes Heilwasser sprudeln würde. Und obwohl sie seit etlichen Monden auf See waren, vermissten sie sogar den Ozean ihrer Heimat, die Laguna Azzurra, eine Lagune im Dhunischen Ozean, den sie in ihrem Dialekt Dhunico nannten. Generell wurde der Dhuncio in den höchsten Tönen gelobt, mehr noch als das Festland, er wäre ›gutes Wasser‹. Die Ledvigiani waren Seefahrer mit Leib und Seele.
    Auf Mikios Frage nach dem Ziel ihrer Reise hin lachte Vespa.
    »Wir sind ein zu unserem eigenen Schutz bewaffnetes Erkundungsschiff und waren auf Expedition, um die Küstenlinie der Sturmsee zu kartografieren. Wir reisen je nach Wetterlage und Proviant von hier nach da, immer hin und her. Die Sturmsee ist schwieriges Gebiet, darum lässt man uns sehr viel Spielraum, was die Dauer und die Art und Weise der Expedition angeht. Wir haben kein festes Ziel, Mikio. Die meisten Kriegsschiffe aber fahren Patrouille und das wird wohl nach Abschluss auch wieder unsere Aufgabe. Im Moment nehmen wir Kurs auf die Heimat. Dies ist unsere letzte Rast auf der Sturmsee und das feiern die Männer. Sobald wir Sturmfels erreicht haben, durchqueren wir die enge Sturmpassage, die uns zurück auf den Dhunischen Ozean bringt. Dann geht es in den Heimathafen, nach Fortezza. Dort wird die Da Capo gewartet, ein Teil der Mannschaft verlässt uns und andere kommen neu hinzu. Ich werde der Admiralität abliefern, was wir in Erfahrung bringen konnten und erhalte die neuen Befehle. Dann stechen wir wieder in See. Die Reise der Da Capo endet nie und das ist die Antwort auf deine Frage. Deine Heimat war früher das Dorf in Arashima, du bist nur gelegentlich in See gestochen und abends warst du wieder zu Hause. Mein zu Hause aber ist die Da Capo, seit ich ihr Capitano wurde. Und du solltest auch beginnen, sie als dein zu Hause zu betrachten und nicht als hölzerner Käfig, der dich gefangen hält. Sie ist ein gutes, starkes und zuverlässiges Schiff, dass nichts als Liebe verdient. Jedes Mannschaftsmitglied ist ein Teil von ihr, das sie zum Leben erweckt, wie arbeitende Organe. Ohne ihre Besatzung wäre sie ein schlafendes Stück Holz.«
    Das war trotz des Aufmunterungsversuchs ein harter Brocken. Wenn es kein endgültiges Ziel gab, würde Mikio das Schiff nie wieder verlassen. Ein Ruderschiff brauchte zahllose Ruderer, um sich vorwärts zu bewegen, selbst jetzt waren nicht alle Bänke voll besetzt. Die Sklaven, die nicht zäh genug waren oder zu widerspenstig, wurden von Palmiro abgeholt und wahrscheinlich bei den gelegentlichen Zwischenstops an den Küstenstädten von Ghena verkauft, zumindest sah niemand sie jemals wieder. Viele der Arashi motivierte das, es ihnen gleichzutun, sie wurden nur noch aufsässiger, um ebenfalls verkauft zu werden, doch bei Mikio weckte das Verschwinden Misstrauen. Er war der Einzige, der je das Oberdeck betreten hatte und wieder zurückgekehrt war.
    »Werde ich je meine Freiheit zurückerlangen?«, fragte er offen. Die Aussicht, nie mehr festen Boden unter den Füßen zu spüren, für immer hier eingepfercht zu sein, war bei allen Privilegien auch für ihn vernichtend.
    Vespa sah ihn lange aus seinen goldenen Augen an, als ob er überlegen müsse, wie er die Antwort formulierte. »Es gibt Sklaven, denen es gelungen ist, die Freiheit zu erlangen«, begann er schließlich. »Aber auf einem anderen Weg, als dir vielleicht gerade vorschwebt. Bedenke, was geschieht, wenn man allein und fern der Heimat umherirrt. In der Fremde ist man verloren, entlaufene Sklaven verhungern, erfrieren oder werden einfach von jemand anderem eingefangen. In der Regel erhalten sie ein Brandmahl, so dass jeder sie als Sklaven erkennt. Ihr seid bislang nur darum herumgekommen, weil ich noch nicht sicher bin, wen ich dauerhaft behalte und wen ich weiterverkaufe - diejenigen sollten dann natürlich das Mahl ihres Herren tragen und nicht das der Ledwicker Marine. Entlaufene Sklaven, die man wieder einfing, erhalten eine härtere Arbeit als zuvor und eine weitaus strengere Behandlung, weil man ihnen nicht vertrauen kann. Darum müssen sie gebrochen werden und man steckt sie oft in die Minen oder als Rudersklaven auf zivile Schiffe. Die Freiheit, die man durch Weglaufen erlangt, ist keine echte Freiheit, sondern eine ewige Flucht in Hunger, Angst, Krankheit und Kälte. Diejenigen Sklaven, die wirkliche Freiheit erlangt haben, waren nicht störrisch, sondern haben im Gegenteil hart dafür gearbeitet. Sie befolgten stets die Wünsche ihres Herrn, waren zu jeder Zeit zuverlässig und gaben nie Anlass zur Klage. Ein fleißiger Sklave, der keinen Ärger macht und das Wohlwollen seines Herren erlangt, ist derjenige mit der besten Aussicht, einst wieder als freier Mann über Asamura zu wandeln.«
    »Ihre Herren haben ihnen also dafür irgendwann die Freiheit geschenkt? Das hört sich nicht sinnvoll an. Warum sollte man einen guten Sklaven abgeben?«
    »Auch Herren empfinden Dankbarkeit und Zuneigung, Mikio. Wir sind keine gefühlskalten Haifische. Ein Sklave, dem man vertrauen kann, ist der wertvollste von allen. Ihm kann man verantwortungsvolle Arbeiten anvertrauen, auch ohne dass jemand mit der Peitsche dahintersteht. Er ist seinem Herrn eine große Hilfe. Oder meinst du, Efisio hat Spaß daran, mit der Peitsche durch euren Modder zu waten? Meinst du, die Rudersklaven sind angekettet und werden geschlagen, weil er so ein böser Mensch ist oder weil es mir gefällt, eine fahrende Folterkammer zu befehligen?«
    »Darüber habe ich, ehrlich gesagt, noch nicht weiter nachgedacht. Ich hielt es einfach für eine raue Sitte.«
    »Es ist eine Notwendigkeit, da ihr nicht in die Sklaverei hineingeboren wurdet und nicht versteht. Es ist unsere und eure Lebensversicherung. Wenn die Ruder sich im falschen Moment verheddern, sind wir alle in Gefahr, ihr und wir. Wir alle sterben gemeinsam, wenn wir von der Welle umgeworfen oder von einem Feind versenkt werden. Die Peitsche lehrt euch, immer und zu jeder Zeit korrekt den Trommelschlägen zu folgen, ganz gleich, ob die Arme schmerzen oder euch sonst ein Wehwehchen plagt. Das sichert uns allen das Überleben. Warum sollten wir denn mutwillig unser Eigentum zerstören? Ein guter, fertig eingearbeiteter Rudersklave kostet richtig Geld, den peitscht niemand gern. Schon allein, weil nur die Wenigsten den harten Anforderungen dauerhaft gewachsen sind. Manche Schiffe fahren daher nicht einmal mit Sklaven, sondern nur mit ausgebildeten Ruderern, die einen dicken Sold erhalten, beispielsweise der Duca, der unser Land regiert. Sein Schiff wird von Soldaten gerudert.«
    »Dann bin ich auf dem richtigen Weg, vielleicht eines Tages meine Freiheit geschenkt zu bekommen?«, wagte Mikio zu fragen.
    »Zumindest auf einem besseren Weg als deine Kameraden da unten. Was ich mit denen mache, muss ich mir noch überlegen. Die Arashi sind ein stolzes und freies Volk. Aber Stolz ist nicht zwangsläufig eine Tugend. Sie wissen nicht, dass es besser ist, bei einer Niederlage das Haupt zu neigen anstatt dem Sieger ins Gesicht zu spucken. Jetzt trink noch einen Schluck und erzähle mir, wer Arashima regiert und woher dieser aberwitzige Stolz kommt.«
    Palmiro, der all die Zeit über schwieg, schenkte ihnen Wein nach.

  • Rivalen


    Mikio erzählte Vespa von dem Ehrenkodex, nach dem man in Arashima lebte. Das Ehrgefühl war so tief in den Arashi verwurzelt, dass die meisten es vorzogen, Selbstmord zu begehen, anstatt unehrenhaft zu leben. Er brachte seine Vermutung zum Ausdruck, dass dies die Absicht seiner Landsleute war: Die Ledvigiani dazu zu bringen, sie zu exekutieren, um ihr Gesicht zu wahren. Vespa meinte, er könne den Grundgedanken nachvollziehen, aber man müsse wissen, wann genug sei.
    Palmiro hingegen sagte gar nichts. Die meiste Zeit schwieg der weißhaarige Offizier, wenn sie zu dritt in der Kajüte saßen, und kümmerte sich währenddessen um das leibliche Wohl Vespas und seines Gasts. Mikio fragte sich, ob er nur darum anwesend war, um als Mundschenk zu dienen. Dafür brauchte es keinen Offizier. Vielleicht war er in Wahrheit hier, um seinen Capitano zu bewachen? Aber vor einem einzelnen Arashi? Mikio war schmächtig gewesen, als er an Bord gekommen war. Doch wenn er seine Arme jetzt betrachtete, waren sie kräftig, richtig dick im Umfang.
    »Spiegel gefällig?«, fragte Vespa amüsiert, als er bemerkte, wie Mikio seine Oberarme untersuchte und prüfend den Bizeps spannte.
    Die Frage sollte vermutlich ein Scherz sein, doch als Mikio nickte, gab Vespa seinem Offizier einen Wink. Palmiro führte Mikio zu einem mannshohen Wandspiegel in der Kapitänskajüte und entzündete einige zusätzliche Öllampen, die von der Decke hingen. Kerzen gab es nicht, zu groß war das Risiko, dass sie umfielen und das Schiff in Brand steckten. Auch die Öllampen waren alle irgendwo festgemacht. Das erste Mal seit langer Zeit konnte Mikio sich selbst betrachten. Und erschrak.
    Aufgrund der langen Zeit im Unterdeck hatte seine Haut ihren bronzenen Teint verloren. Er war noch heller geworden als die Ledvigiani, von den beiden Albinos abgesehen. Er hatte nicht gewusst, wie weiß er war, wenn er nicht schwamm und sich sonnte. Sein Gesicht war ebenfalls gealtert, es wirkte breit und der Mund verbissen. Die Augen, die an die ewige Dunkelheit gewöhnt waren, hatten sich vom Lampenlicht gerötet. Seine Miene war versteinert. Hals, Nacken, Schultern und Arme waren kräftig. So stämmig niemand anderes im Unterdeck aus, das hatte er der guten Ernährung zu verdanken. Bislang hatte er Palmiro immer für kräftig gehalten, doch als sie vor dem Spiegel nebeneinanderstanden, wirkte der Offizier auf einmal ganz normal. Mikio war kein Jugendlicher mehr. Was er im Spiegel sah, war ein Mann, seinen Häschern körperlich ebenbürtig, blass, mit blutunterlaufenen Augen und böse.
    Er musste schlucken. Es fehlte nur die Schilfkrone, dann wäre er wirklich ein schlitzäugiger Ledvigiano.
    Aber waren die Ledvigiani denn so böse, wie er sie gerade in Gedanken beurteilte? Gewiss, sie hatten sein Dorf geplündert, aber das hatten sie aus der Not heraus getan. Sie brauchten nach dem Sturm Vorräte und neue Rudersklaven, um wieder nach Hause zu gelangen. Sie erschienen ihm inzwischen fast vernünftiger als seine eigenen Leute, die sich trotzig an ihren Kodex und damit an ihre Vergangenheit klammerten, die unwiederbringlich verloren war. Indem sie sich weigerten, die Ledvigiani als ihre Herren anzuerkennen, meinten sie, wenigstens im Geist frei zu bleiben. In Wahrheit schmiedeten sie dadurch ihr Joch nur noch fester. Die Freiheit ihres Geistes machte ihren Körper zur Geißel. Bei Mikio war es umgedreht. Er hatte sich als einziger Arashi damit arrangiert, nun ein Sklave zu sein - und war der Einzige, der ohne Ketten lebte.
    »Schmuckes Kerlchen bist du geworden«, raunte Palmiro und stieß ihn freundlich mit dem Ellbogen an. »Die Seefahrt tut dir gut.«
    »Das hat sie schon immer. Ich weiß nicht, ob du das mitbekommen hattest, aber ich war auf dem Fischerboot der Kapitän, wenn auch im kleineren Maßstab als Vespa.«
    »Ja, das habe ich bemerkt, darum hattest du von Anfang an einen Bonus. Und jetzt dienst du auf einem Kriegsschiff, das auf internationalen Gewässern kreuzt. Wenn das keine Karriere ist! Ich weiß nicht, was der Capitano mit dir vorhat. Aber falls er dich wider Erwarten verkaufen sollte, wirst du mit deiner Erfahrung und deinem gutartigen Charakter an einem guten Platz unterkommen.«
    »Gutartig?« Mikio lachte freudlos und starrte sein böses Spiegelbild an. »Die anderen sagen, ich sei ein Verräter.«
    Palmiro zog spöttisch einen Mundwinkel zur Seite. »Krähen schreien immer, wenn der Adler naht. Eine Weisheit aus Souvagne. Sie tun ja glatt so, als hättest du eine freie Wahl. Die hast du so wenig wie jeder andere Sklave. Würdest du nicht freiwillig reden, würden wir dein Wissen als Capitano über die Küste von Arashima schon aus dir herauspressen. So ist es doch für alle angenehmer. Du weißt, dass du diesen Weg gehen musst und du gehst ihn in Würde. Die anderen Arashi gehen lieber barfuß durch die Dornen, weil die Straße ein Ledvigiano gebaut hat. Sie schlagen jede gereichte Hand aus und Vespas Geduld neigt sich. Würden sie kooperieren, ginge es ihnen besser, aber sie wählen die Peitsche. Trinken wir noch einen Becher Wein?«
    Sie gingen zurück zu Vespa, der am Tisch auf sie gewartet hatte. Heute beteiligte Palmiro sich entgegen seiner sonstigen Art rege am Gespräch. Mikio fragte sich, was heute anders war, Palmiro war richtig guter Dinge. Mikio fand den Grund nicht heraus. Aber Vespa schien es ebenfalls zu merken.
    Und plötzlich lag zwischen den beiden etwas in der Luft. Es war nur ein kurzer Blick während einer Gesprächspause, er währte kaum eine Sekunde. Aber darin lag ein ganzer Dialog: Eine Drohung von Vespa und ein Gegenhalten von Palmiro. Rivalität. Aber warum? Hier gab es doch nichts, die Rangfolge war eindeutig und Palmiro war ihm bislang nicht aufsässig erschienen, im Gegenteil. Er und Vespa schienen ein gutes Verhältnis zu haben, doch jetzt war da etwas, wegen dem er nicht klein bei geben wollte. Dabei musste er doch wissen, zu wessen Gunsten eine Auseinandersetzung ausgehen würde. Aber das Blickduell währte länger.
    Einen Augenblick später wusste Mikio, worum es ging. Vespa legte besitzergreifend den Arm um ihn. Er zog ihn an sich heran und küsste ihn grob auf den Mund. Dabei schug er mit seinen Zähnen eine blutige Kerbe in Mikios Unterlippe. Mikio schmeckte Blut, Kautabak und Wein, als seine muskulöse Zunge sich Einlass verschaffte. Wie eine Schlange wand sie sich in seinem Mund. Beim Küssen sah Vespa nicht seine Beute an, sondern seinen Offizier. Als Vespas raue Seemannshände über seinen bleich gewordenen Körper glitten, wandte Palmiro endlich den Blick ab.
    Was immer Miko nun noch erwartete, es geschah nicht. Der Capitano gab ihn wieder frei und schenkte allen Dreien Wein nach, auch Palmiro. Der Albino aber zog für den Rest des Abends ein Gesicht, als hätte er auf eine Zitrone gebissen.
    Als Palmiro Mikio später unter Deck bringen wollte, hatte er alle Mühe, den betrunkenen und überdrehten Arashi zu bändigen.
    »Vespa war heute gut drauf«, lachte Mikio, als sie über das Oberdeck gingen. Er ging absichtlich langsam, um die herrliche Sternennacht noch zu genießen. Auf der Insel saßen die Soldaten um das Feuer und unterhielten sich, wobei sie reichlich Lärm veranstalteten. Mikio hätte sich gern mit Vespa und Palmiro dazu gesetzt. Er entdeckte, dass zwei Soldaten an der Reling, die sich zu einem Pärchen zusammengefunden hatten, sich rasch trennten, als der Offizier nahte. Unschuldig blickten sie hinaus über das Meer, beide in unterschiedliche Richtungen. Palmiro griff nach einem kurzen Tau. Im Vorbeigehen verpasste er ihnen jeweils einen Klatscher quer über das Gesäß. Sie ächzten unter dem Hieb.
    »Für euch zwei ist jetzt Schlafenszeit«, befahl er. »Ab in eure Hängematten.«
    Was er gesehen hatte, kratzte Mikio noch mehr auf. Erregt blickte er den beiden hinterher. »Warum hat Vespa mich geknutscht?« Er musste über seine Frage lachen. In seinem ganzen Leben war er noch nie von einem anderen Mann geküsst worden als seinem Vater. Und nun küsste ihn ein fremdländischer Kapitän namens Wespe, der ein Kriegsschiff kommandierte! Würde er diese Geschichte irgendjemandem in einem Teehaus erzählen, würde man ihn für einen Aufschneider halten. Mikio verlor das Gleichgewicht. Er torkelte quer über das Mitteldeck und wurde von Palmiro rasch am Gürtel festgehalten, ehe er der Reling zu nahe kommen konnte. Ein Sturz aus dieser Höhe ins Meer war schmerzhaft.
    »Der Abend war offenbar schon zu lang für dich. Auch für dich ist jetzt Schlafenszeit. Ab ins Unterdeck mit dir.«
    »Auf die Hängematte von den beiden Turteltäubchen bin ich neidisch«, meinte Mikio. »Die Bank ist steinhart und Bent lehnt sich immer zur anderen Seite, so dass ich mich nirgends anlehnen kann.«
    Palmiro wippte nachdenklich mit dem Tau. Er blickte kurz zurück zur Kapitänskajüte, dann in Richtung der Insel, wo die Soldaten ausgelassen feierten, dann zu Mikio. »Würdest du gern einmal wieder in einem Bett schlafen?«

  • Der Stachel der Wespe


    Palmiro brachte Mikio wieder zurück in Richtung des Aufbaus am Heck, in dem sich die Kajüten befanden. Seine lag Wand an Wand mit der von Vespa. Die nebeneinanderliegenden Türen waren verschlossen und der Offizier zögerte. Mikio selbst war bester Laune, die Trunkenheit ließ ihn alle Müdigkeit vergessen. Schließlich klopfte Palmiro an Vespas Tür. Es dauerte eine Weile, bis der Capitano öffnete. Er trug nun keine Schilfkrone mehr, so dass man sein schwarzes Haar sah. Die Seiten und der Hinterkopf seines Schädels waren kahlrasiert. Der dichte, lockige Zopf stammte tatsächlich nur von dem verbliebenen Oval.

    »Was ist?«, wollte er wissen und musterte Palmiro. Dann, noch länger, Mikio.

    »Mikio würde gern einmal wieder in einem Bett schlafen.«

    Vespa nickte langsam, verstehend. Er ließ die beiden eintreten und schloss hinter ihnen die Tür. Dann drückte er unvermittelt Palmiro an die Wand, um ihn mit einem innigen Kuss zu begrüßen. Mikio staunte nicht schlecht, als er sah, in welcher Vertrautheit die beiden plötzlich miteinander umgingen.

    »Ich dachte, du würdest eine Möglichkeit suchen, mit ihm allein zu sein«, raunte Vespa.

    »Nein, wir haben eine Vereinbarung und du hast mein Wort. Nichts und niemand soll zwischen uns stehen«, erwiderte Palmiro und seine weißen Wangen hatten sich pink verfärbt. »Gemeinsam.«

    Vespas Augen leuchteten. »Mikio, komm her«, sagte er, ohne ihn anzusehen.

    Der Arashi trat etwas unsicher näher. So hemmungslose Zärtlichkeit unter Männern war ihm fremd. Auch wusste er nicht, ob es gut war, dass er hier stand, während die beiden in solch einer Stimmung waren.

    »Was ist? Bist du ein Hasenfuß?«, hakte Vespa nach.

    Mikio schüttelte den Kopf. Er musste wegen dem Wein noch immer die ganze Zeit blöde grinsen. »Ich habe keine Angst.«

    »Palmiro mag dich. Er hat sich gut um dein Wohlergehen gekümmert. Wäre es nicht anständig, ihm seine Mühen ein wenig zu vergelten?«

    »Aber ja«, lachte Mikio. »Ich mag ihn auch. Ich weiß nur nicht, was ich machen soll.«

    »Dich ausziehen«, antwortete Vespa.

    Die beiden Ledvigiani setzten sich auf das Bett, um zu beobachten, wie Mikio der Aufforderung nachkam. Dabei hatten sie die Arme umeinandergelegt. Als Mikio nackt vor ihnen stand, streichelten sie ihn, befühlten seinen Körper und dann seinen Schritt. Es war keine Liebkosung, sondern eher so, als würden sie Gewicht und Beschaffenheit seines Gemächts prüfen. Da musste Mikio sich vor niemandem verstecken, er war stolz auf das, was er zu bieten hatte. Als sein Glied sich unter ihren Berührungen aufrichtete, testete Palmiro mit festem Griff seine Härte und wie er reagierte, als er ihn rieb.

    »Zufrieden?«, erkundigte Vespa sich.

    Palmiro nickte. »Er gefällt mir. Und du? Bist du einverstanden?«

    »Die Wahl hatte ich dir überlassen. Ja, bin ich.«

    »Er muss uns beiden gefallen.«

    »Tut er doch«, antwortete Vespa schmunzelnd.

    Mit einer Zärtlichkeit, um die Mikio Palmiro beneidete, wurde er von Vespa ausgezogen. Sein weißer Körper war wie aus Alabaster, von einigen Narben abgesehen. Das Körperhaar hatte er vom Hals abwärts vollständig entfernt, was den Eindruck einer Statue unterstrich. Sein dicker rosa Pfahl leuchtete aufgerichtet zwischen seinen Beinen. Doch als er auch Vespa von seiner Kleidung befreite, regte sich bei diesem nichts. Die Liebkosungen seines Offiziers, obgleich er sie sehr zu genießen schien, hatten auf Vespas Körper keine Wirkung. Palmiro schob Vespa bäuchlings auf das Bett. Auch der Capitano war vollständig kahlrasiert. Mikio vermutete, dass es bei den Ledvigiani so üblich war. Er selbst trug sein Körperhaar naturbelassen, das hätte er auch dann, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, sich regelmäßig zu rasieren. Er sah keinen Grund dazu, seinen schönen schwarzen Flaum zu entfernen.

    Palmiro zog Mikio neben sich. Sie saßen nun gemeinsam zwischen Vespas weit gespreizten Beinen. Mit einem nach Sandelholz duftenden Öl rieb Palmiro Vespas Hinterteil ein, während der Capitano sich seinen Fingern entgegen drückte.

    »Schau zu, wie ich es mache«, raunte Palmiro.

    Als er einen Finger in Vespas Körper gleiten ließ, musste Mikio vor Erregung schlucken. Er kannte dieses Spielchen von den Freudenmädchen in Kagohiro. Er wusste, dass es auch unter Männern möglich war, aber es gesehen, geschweige denn selbst ausprobiert, hatte er nie. Palmiro ergriff seine Hand und goss etwas Öl darauf, dann führte er sie zwischen seine Beine. Als Mikio seine Finger schloss, war es ihm nicht möglich, den dicken, heißen Kopf zu umfassen.

    »Fester«, bat Palmiro, während er selbst mit Vespas Hinterteil spielte. »Mach ihn ganz nass.«

    Mikio gab sich Mühe, während seine eigene Erregung heiß zwischen seinen Schenkeln pulsierte, doch jetzt war Palmiro an der Reihe.

    Vespa zog die Knie unter seinen Körper, damit er ihn tiefer fingern konnte.

    »Sieh hin«, verlangte Palmiro und fingerte ihn mit sanften Kreisen. Als er die Finger herauszog, blieb die dunkle, glänzende Pforte ein Stück geöffnet, so dass Mikio das rosa Innere sehen konnte. Der Albino brachte sich in Position und drang ohne Widerstand ein. Sofort begann er, seine Hüfte vor und zurück zu bewegen. Mikio wusste nicht, ob er auch etwas tun sollte, doch so, wie es aussah, erwartete Palmiro von ihm nur, dass er zusah. Der Offizier gab sich große Mühe. Er benötigte sehr lange und viel Feingefühl, bis Vespa sich endlich stöhnend unter ihm wand. Aus seinem schlaffen Glied sickerte ein wenig Feuchtigkeit.

    Nun hörte Palmiro auf, bevor er selbst so weit war. Sein Pfahl war noch stärker angeschwollen und von dicken Adern überzogen. Vespa rutschte zur Seite und setzte sich auf, Palmiro kniete sich in Bankstellung vor den Arashi. Mikio blickte rasch hinüber zu Vespa. Die beiden gingen so zärtlich miteinander um, dass er vermutete, dass sie mehr waren als nur Bettgefährten. Er wollte keinen Streit verursachen, indem er sich zu viel herausnahm. Vespa aber beachtete ihn nicht einmal. Er streichelte Palmiros rundes Hinterteil mit Öl, bis es glänzte. Mit sanften, knetenden Berührungen massierte er ihn auf beiden Seiten, ehe er ihn zwischen die Backen küsste und langsam zu lecken begann. Das sah sehr innig aus und seine lange, muskulöse Zunge leistete ihm nun sicher gute Dienste. Langsam streichelte Mikio sich selbst.

    Vespa griff ihm in die Hand. »Lass das. Hier bist du dran.«

    Als Mikio sich hinter Palmiros Gesäß kniete, verfolgte Vespa jede Bewegung mit den Augen. Und als er ansetzte und schob, lag in seinem Blick eine Trauer, die er in diesem Moment nicht verbergen konnte. Mikio verstand endlich, warum er hier war. Er sollte übernehmen, was Vespa nicht konnte. Mikio würde heute der Stachel der Wespe sein, damit Vespa Palmiro über einen Umweg trotz allem beglücken konnte. Der Capitano brachte ihm großes Vertrauen entgegen. Wenn die beiden einander so viel bedeuteten, wie Mikio vermutete, war es eine große Ehre, dem Capitano auf die Weise helfen zu dürfen. Mikio würde Vespas Vertrauen nicht enttäuschen. Er würde für ihn gut zu Palmiro sein.

    Er kniete sich hinter Palmiro und drang in ihn ein, als wäre er ein Freudenmädchen. Doch sofort spürte er, dass es sich ganz anderes anfühlte. Anstelle einer zarten Öffnung, die seinen Schaft liebkoste, umschloss ihn der Muskel wie eine Faust. Palmiro schob sich ihm gierig entgegen, bis seine Öffnung Mikios Schamhaar berührte. Das war heftig, Mikio ächzte. Einen Moment war ihm schwindelig von dem Gefühl.

    »Mach es genau so, wie ich es dir gezeigt habe«, verlangte Palmiro mit vor Erregung heiserer Stimme. »Anfangs nicht zu fest, lass es langsam angehen.«

    Warum Palmiro es trotz aller Gier langsam angehen wollte, wurde Mikio klar, als er merkte, welche extreme Wirkung sein Stoßen auf den Offizier hatte. Vor Wollust knetete Palmiro bald das Kissen, presste sein Gesicht hinein und stöhnte hemmungslos. Dick und hart stand sein Penis von seinem Körper ab, seine Hoden wirkten extrem prall, als sie sich an seinen Körper zogen. Palmiro tastete nach Vespa und zerrte ihn neben sich. Während Mikio ihn stieß, glitten Palmiros Hände über die bronzefarbene Haut des Capitano, liebkosten seine Brust, sein schlaffes Gemächt und dann küsste Palmiro ihn voller Leidenschaft. Im selben Moment spürte Mikio, wie ein heftiges Pumpen durch den weißen Körper ging. Mikios bestes Stück wurde regelrecht durchgeknetet, während der Albino aufschrie. Mikio riss ihn an der Hüfte zurück und zog ihn knallhart auf seinen Ständer. Er sollte ungefiltert die ganze Packung der Lust bekommen. Mit einigen harten Stößen brachte er sich selbst zum Höhepunkt. Palmiros Lust wurde bis zur Qual gesteigert. Während er sich brüllend aufbäumte, kam auch Mikio. Er musste sich mit aller Kraft an Palmiro festhalten, um nicht herauszurutschen, während ihre Körper vor Ekstase erbebten.

    Als es schließlich vorbei war, sank Palmiro erschöpft neben Vespa zusammen. Mikio spürte seinen Schließmuskel zucken, als er langsam aus ihm herausglitt. Vespa zog Mikio zwischen sie beide, doch der Arashi musste so weit unten liegen, dass die beiden Ledvigiani bequem über seinem Kopf küssen und sich unterhalten konnten. Ihre nassen Schwänze lagen klebrig an seinem Rücken und seiner Brust.

    »Dir hat es also gefallen?«, raunte Vespa zu Palmiro.

    »Und wie! Tausend Dank.«

    »Du selbst hast ihn dir doch ausgesucht«, wandte Vespa ein. »Ich habe nur meine Zustimmung gegeben. Ich freue mich, dass du so viel Spaß hattest. Wichtig ist doch, dass du trotz allem glücklich bist.«

    Zu dritt schliefen sie ineinanderverschlungen in Vespas Koje ein, die eigentlich nur für einen Mann ausreichend Platz geboten hätte. Mikio schlief so fest und gut wie schon lange nicht mehr.

  • Morgendämmerung


    Mikio hob müde und mit wirrem Haar den Kopf aus ihrem Knäuel eng ineinander verschlungener Körper. Palmiro rüttelte ihn sanft und es dauerte, bis er munter war. Wieder waagerecht zu liegen war wunderbar und die Wärme und Nähe der beiden Körper tat ihm gut. Der Arashi hoffte im ersten Moment, dass Palmiro Lust auf eine Wiederholung verspürte, doch der wies ihn nur an, sich an der Waschschüssel zu reinigen. Gähnend folgte Mikio der Aufforderung. Auch der Offizier selbst wusch und rasierte sich, ehe er seine Kleidung anlegte und den Schlafgast nach draußen geleitete. Mikio blieb nackt, wie alle Sklaven, er würde nun wieder ins Unterdeck gehen.
    Die knarrende Tür der Kajüte war das einzige Geräusch. Stille lag auf der ankernden Da Capo, der Mannschaft wurde nach der durchzechten Nacht ein Tag Urlaub gegönnt. Mikio stockte nach den ersten Schritten. Der Himmel war nicht mehr schwarz, sondern verblasste zu Grau. Im Westen färbte der Horizont sich rosa, dort wurde es hell. Der Morgen dämmerte. Es war das erste Mal seit Monaten, dass Mikio vom Tageslicht etwas anderes sah, als die winzigen Öffnungen, aus der die Ruder ragten. Mikios Geist wurde von Helligkeit geflutet. Er dachte an Sonne und er atmete Licht. Gleich göttlichem Segen legten sich die heilenden Strahlen auf seine Haut. Licht war Leben, das hatten schon die Altvorderen gewusst. In diesem Moment spürte er, wie etwas in ihm erneut zum Leben erwachte.
    Palmiro stand dicht neben ihm. »Alvasheks Rückkehr. Die Sonne geht auf.« Gemeinsam blickten sie über die Sturmsee nach Westen, wo der leuchtende Saum am Horizont sich langsam aus dem Wasser erhob. »Die Rakshaner sagen, Alvashek läge im Sterben. Morgens und abends blutet er Licht. Mühsam nur gelingt es ihm noch, sich zu erheben.«
    »Wir haben eine ähnliche Legende«, antwortete Mikio. »Laut unseren Ahnen stirbt Alvashek an jedem einzelnen Abend, um am Morgen neu geboren zu werden. Ein Kreislauf aus Werden und Vergehen. Die Dunkelheit bringt ihn um. Das Morgenrot ist gutes Licht, das Blut seiner Geburt. Die Abenddämmerung aber birgt Gefahr. Und nachts, wenn die Menschen um den Verlust des Lichts trauern, sind die Sterne ihre Tränen aus Licht. Nicht umsonst fürchten wir die Dunkelheit. Im Winter, wenn Alvashek schwach ist und die Nächte lang, sterben auch die Pflanzen und mit ihnen die Tiere. Alles hängt ab vom Licht.«
    »Jede einzelne Kultur macht sich Gedanken um die Natur von Alvashek und warum er morgens und abends rot leuchtet. In Avinar hat man einen ganzen Kult errichtet, der sich um die Anbetung des Lichts dreht. Sonnenpriester und Mondpriester kennt man dort. Fürchtest du die Dunkelheit?«
    »Nein«, antwortete Mikio, dem die brennenden Augen tränten. »Ich mochte die Nacht immer, auch wenn ich die Sonne nun vermisse. Der lange Aufenthalt im Unterdeck hatte auch etwas Gutes. Ich sehe in der Finsternis inzwischen besser als bei Tageslicht und weiß den Sonnenaufgang wieder zu schätzen. Aber am helllichten Tage werde ich nun vermutlich lichtblind sein.«
    »Alles eine Frage der Gewohnheit. Was in die eine Richtung funktioniert, funktioniert auch in die andere.«
    Mikio wandte den Blick vom Horizont ab und blickte über das Oberdeck der Da Capo. Zwischen der vertäuten Fracht lagen überall Soldaten, eingewickelt in ihre Decken und schliefen. Tau glitzerte auf ihnen. Die Männer besaßen weder eine Hängematte noch ein Dach über dem Kopf, sie schliefen unter freiem Himmel. Aufgrund der nächtlichen Kälte lagen sie dicht aneinandergedrängt. Es war das erste Mal, dass Mikio Gelegenheit bekam, zu sehen, wie die Ledvigiani überhaupt an Bord der Dromone schliefen. Er hatte angenommen, dass in dem Deckkastell am Heck jeder einen Schlafplatz fand, aber so war es nicht. Dort wohnte nur der Capitano in seiner eigenen Kajüte, die von Größe und Ausstattung her an eine normale Stube erinnerte. Gerade ging die Tür daneben auf, so dass Mikio hineinsehen konnte. Er erkannte Jovoni, den zweiten Offizier, der Palmiro grüßte und zur Fracht schlenderte, wo er schaute, wie viel Proviant noch an Bord war. In der Kajüte hing auf jeder Seite eine breite, mit Kissen und Decken vollgestopfte Hängematte. Mikio wusste, dass Palmiro links schlief, an der Wand neben Vespa. Sie beide trennte im Schlaf nur eine dünne Wand aus Holz. Rechts schlief Jovoni. Aus seiner Hängematte hing der Arm eines Schlafenden. Also war der zweite Offizier einer der beiden gewesen, die miteinander geturtelt hatten. Dass Palmiro sie beide in die Hängematte geschickt hatte, war nur pro forma eine Strafe gewesen, da es lediglich bedeutete, dass Jovoni seinen Gefährten mit in die Kajüte nehmen sollte, anstatt vor aller Augen mit ihm zu schmusen.
    Eine dritte Kammer diente offenbar als Lager, wie Mikio feststellte, als Jovoni die Tür öffnete, um auch darin nach dem Proviant zu sehen. Sonderlich viel Stauraum war das nicht, stellte Mikio fest. Das erklärte die Plünderungen. Für lange Reisen war die Da Capo überhaupt nicht ausgelegt. Andererseits, warum kauften die Ledvigiani nicht in den Hafenstädten ein? Die Dromone hielt sich wegen des geringen Stauraums immer in Sichtweite zum Ufer, um Trinkwasser zu tanken oder zu rauben. Die Ozeane waren auf Vespas Karten nur entlang der Küste kartografiert. So langsam kam ihm der Verdacht, dass die Da Capo nicht einmal hochseetauglich war. Warum schickte man ein solches Schiff auf Expedition?
    »Es ist Zeit«, sagte Palmiro und wies mit dem Kopf in Richtung des Bugs. Mikio fügte sich ohne Widerstand und gemeinsam gingen sie zur Klappe, die nach unten führte. Der Offizier hielt sie ihm auf.
    »Man sieht sich.« Das war alles, was Palmiro ihm zum Abschied sagte. Er wartete noch, bis Mikio die Treppe hinabgestiegen war und brüllte: »Ein Mann rein!« Er wartete auf die Antwort von Efisio.
    »Verstanden!«, tönte die etwas müde klingende Antwort.
    Dann schloss Palmiro die Klappe.
    Mikio blickte noch einmal hinauf zu dem schwindenden Viereck aus Licht. Als es fort war, begab er sich an seinen Platz. Einen Moment lang hatte er zu hoffen gewagt, dass er nach der gemeinsamen Nacht nicht mehr ins Unterdeck zurückkehren musste. Andererseits hatte Vespa ihm ja erklärt, dass es sehr viele Jahre treuen Dienst erforderte, ehe man vielleicht seine Freiheit geschenkt bekam. Privilegien, wie keine Fußkette tragen zu müssen und Efisio helfen zu dürfen, waren die ersten Schritte. Und seit gestern war er ein sehr persönlicher Teil von Vespa, sein Wespenstachel. Wenn er das Gespräch zwischen dem Capitano und Palmiro richtig gedeutet hatte, sollte diese Nacht keine einmalige Angelegenheit bleiben. Obgleich er hier unten schlechte Luft atmen und sich am Ruder abrackern musste, lächelte Mikio an diesem Tag vor sich hin. Von den Vorteilen, die für ihn heraussprangen, abgesehen musste er sich eingestehen, dass er die beiden recht gern mochte. Generell fühlte er sich unter den Ledvigiani wohl, trotz ihrer Taten. Die trotzigen Arashi konnten ihm gestohlen bleiben. Es gab keinen Krieger, der unschuldig war, das lag in der Natur der Sache. Er hätte von Anfang an woanders geboren werden müssen, dann wäre seine Jugend erfüllender verlaufen. Er fühlte sich, als würde er über diesen dornigen Umweg zurück auf den wahren Pfad seines Lebens gebracht werden. Eines Tages würde er ihn als freier Mann gehen und nicht mehr nach Arashima mit seinem idiotischen Ehrenkodex zurückkehren. Worauf es wirklich ankam, hatten sie nicht begriffen und ihre Sturheit würde ihr Untergang sein. Mikio aber würde leben.

  • Harte Wende


    Mikio musste rudern wie jeder andere Sklave auch, als die Da capo erneut in See stach. Jedoch wusste er dank Vespa, wohin sie nun unterwegs waren. Sie hielten Kurs auf die Meerenge von Obenza. Man musste diesen schmalen Kanal passieren, um von der Sturmsee in den Dhunik zu gelangen. Das nördliche Ufer wurde von dem größten Kontinent gebildet, Asamura, nach welchem die Bevölkerung die gesamte Welt benannt hatte. In seinem Herzen lag Almanien mit seinen fünf Großherzogtümern. Nördwestlich von Almanien lagen, nach einer langen Wildnis, Arashima und das Frostalbenreich Cynabal. In südöstlicher Richtung hingegen lag Rakshanistan, die Heimat berüchtigter Hyänenreiter, von denen Palmiro erzählt hatte, die sich gern am Wohlstand anderer bereicherten, wenn sie konnten. Die Meerenge lag also nahezu im Zentrum der Welt und war mehr als nur eine entscheidende Route der Seefahrt - sie war Knotenpunkt des Handels. Der zweite mögliche Weg für die Da capo, um in den Dhunik zu gelangen, war der Umweg über den Subkontinent Evalon, der südlich von Almanien lag, doch über diese Route fuhr niemand gern - sie führte durch die Feuerinseln, wo es von Piraten nur so wimmelte. Doch anstatt sich mit Piraten anzulegen, war es das Sicherste, die Meerenge zu passieren, selbst wenn man dafür einen dicken Zoll an das Großherzogtum Ghena abdrücken musste, zu dem die Stadt Obenza offiziell gehörte. Inoffiziell regierte dort nur das Verbrechen. Es war also davon auszugehen, dass der Zoll an allen möglichen Stellen landen würde, nur nicht beim Lehnsherren. Das brauchte jedoch den Capitano nicht zu kümmern.
    Mikio bemerkte, wie Bent neben ihm unentwegt in Richtung des Lichtspalts schaute, durch den ihr Ruder nach draußen ragte. Da draußen irgendwo waren die Ufer seiner Heimat, die er nie wieder sehen würde. Allerdings war er nicht der Einzige, im Unterdeck gab es noch mindestens zwei weitere Ghenesen: Wigand, der von seinem verarmten Lehnsherren in die Sklaverei verkauft worden war und Malte, der wegen Mordes seine Freiheit verloren hatte. Auf diese oder ähnliche Weise waren alle der ersten Sklavenmannschaft hier gelandet. Von den Arashi abgesehen waren die Sklaven nicht gefangen worden, sondern die Ledvigiani hatten sie im Einklang mit den Gesetzen legal erworben. Mikio fragte sich, woher der plötzliche Gesinnungswandel von Vespa gekommen war. Vom Kapitän eines Expeditionsschiffes zum Sklavenjäger ... es gab einen Teil der Geschichte, den man ihm nicht erzählt hatte, das war ihm bewusst. Und als die Da Capo die Mondlagune gerade passieren wollte, die in die Meerenge mündete, bekam er eine Ahnung davon, was vorgefallen sein konnte.
    »Dromone in Sicht«, rief jemand.
    »Welche Flagge?«, rief Vespa zurück.
    Efisio brummelte vor sich hin. »Als ob irgendwer anderes Dromonen fahren würde.«
    Er sollte recht behalten. »Ledwicker Flagge«, rief der Ausguck, der es sich meist auf dem Deckkastell gemütlich machte, von wo aus er einen guten Rundumblick hatte.
    Vespa und der zweite Offizier Jovoni brüllten nun beide gleichzeitig Kommandos durcheinander. Offenbar gab es keinerlei Zweifel, wie nun zu verfahren war. Die Klappe wurde aufgerissen, Palmiro kam die Treppe heruntergepoltert. Er rannte rutschend und schlitternd zu Efisio. »Klar zur Wende«, brüllte er. »Wende über Backbord. Auf mein Kommando! Backbord - Riemen lang! Steuerbord - überziehen! Wende über Backbord - los!«
    Auf der linken Seite hielten die Männer die Langen Ruder nun waagerecht in der Schwebe, während jene auf der rechten Seite ohne das Tempo zu verringern weiterruderten. Das Holz der Dromone ächzte bei der engen Wendung, die sie nun bei diesem hohen Tempo vollziehen musste. Mikio wurde anders als er die Fliehkräfte spürte, die bei diesem Manöver wirkten. Die Da capo geriet in Schräglage. Der Matsch floss zu den Männern auf der Backbordseite und wer stand, musste sich in die entgegengesetze Richtung stemmen. Auch die Ruderer mussten sich alle zur selben Seite neigen, um auf ihren Bänken das Gleichgewicht zu halten.
    »Backbordruder hochscheren!«, brüllte Palmiro, als die Wendung ihren Höhepunkt fast erreicht hatte. Die Sklaven der linken Seite drückten die Riemen mit aller Kraft nach unten, so dass die Ruder sich maximal hoben, damit die Ruderblätter während nicht das Wasser berührten. »Frei weg«, rief er und hob damit die bisher gegebenen Kommandos wieder auf. Die Dromone glitt nun wieder geradeaus. »Ruder - halt!« Auf beiden Seiten Namen die Ruderer die Grundhaltung ein. Dies war die Vorbereitung dafür, dass sie alle zugleich mit Maximalkraft rudern konnten. »Alles vorwärts - los!«
    Die Schläge der Trommel waren hart und gleichmäßig, deutlich schneller als sonst.
    Efisio, der mit der zusammengerollten Peitsche in der Hand über die Sklaven wachte, schien nicht sonderlich erfreut. »Die Al fine?«
    »Zum Henker, ja!«, bellte Palmiro. »Rakshor allein ist bekannt, woher sie wussten, dass wir heute die Meerenge passieren wollten.«
    »Man flucht nicht im Namen des Chaosgottes«, murrte Efisio nervös.
    »Zum Abgrund mit den Göttern«, rief Palmiro aufgebracht, der sich offenbar wenige Gedanken um sein Seelenheil machte, während er durch den wieder gleichmäßig breitfließenden Matsch zurückrannte und mit dreckigen Sandalen die Treppe hinaufpolterte. Er ließ die Klappe diesmal offen, vermutlich, damit jemand Kommandos für den Trommler brüllen konnte, ohne hinabsteigen zu müssen.
    Der Lärm währte nicht lange, die Ledvigiani waren disziplinierte Soldaten. Das Gebrüll hatte dazu gedient, die Mannschaft kampfbereit zu machen und die Ruderer das Schiff wenden zu lassen. Danach herrschte weitestgehend Ruhe am Oberdeck. Im Unterdeck aber mussten die Sklaven Höchstleistungen vollbringen. In solch einem Tempo hatte Mikio noch nie rudern müssen. Efisio war gnadenlos. Jeder bekam bei der ersten Aussicht, einen Fehler zu machen, die Peitsche zu spüren. Die Ruderer ächzten vor Anstrengung. Die innersten beiden Männer jeder Reihe mussten sich hinstellen und im Stehen rudern, um die Effektivität der Schläge zu erhöhen. Dies war kein langsames Dahingleiten mehr, die Dromone raste nun über den Ozean. Jetzt zeigte sich, wie schnell dieser Schiffstyp wirklich werden konnte.
    Sie ruderten über Stunden in diesem Tempo. Gelegentlich kam Palmiro hinunter und schaute, in welchem Zustand die Sklaven waren. Einmal brachte er einen Eimer voller Brotstücke mit und einen Krug Wein. Beides übergab er Efisio. Ausnahmslos jeder Sklave bekam von diesem ein mit Wein getränktes Stück Brot zwischen die Zähne und einen großzügigen Schluck Wasser. Der Albino war nicht länger nur in seinen knielangen Rock und die Schilfkrone gewandet. Er trug nun eine Weste aus gehärtetem Leder, die mit Bronze beschlagen war. Ein Waffengurt mit einer bronzenen Sichel lag um seine Hüfte. Aus dem gleichen Material waren die Schienen, die er an den Beinen und am Waffenarm trug. Der ungeschützte Arm würde vermutlich im Ernstfall einen Schild halten. Besonders bemerkenswert fand Mikio, dass er heute Sandalen trug. Es war das erste Mal, dass er ihn mit Schuhen an den Füßen sah.
    »Comandante, ich habe eine Frage«, meldete sich Durante, der unermüdlich die Trommel schlug.
    Palmiro ging zu ihm. »Fragen Sie.«
    »Wie lange sollen wir dieses Tempo noch halten? Die Neulinge werden müde.«
    »Wir konnten die Al fine bislang nicht abschütteln, sie bleiben uns auf den Fersen. Wir setzen auf unsere größere Ausdauer. Wenn wir durchhalten, fällt die Al fine irgendwann zurück.«
    »Ich möchte nicht zweifeln, aber unsere Rudermannschaft besteht zur Hälfte aus Neulingen«, gab Durante zu bedenken.
    »Das Aber überhöre ich nur dieses eine Mal«, blaffte Palmiro. »Die einzige Alternative zum Durchhalten ist die Konfrontation. Sind sie scharf darauf, Ledvigiani zu schlachten?«
    »Nein, Comandante«, erwiderte Durante kleinlaut.
    »Sehen Sie! Und bedenken Sie den Preis eines Kampfes. Im günstigsten Fall verlieren wir ein paar Männer, im ungünstigsten unser aller Leben und die Da capo!«
    »Verzeihung, Comandante.«
    »Weitermachen«, bellte Palmiro und trampelte erneut zurück ans Oberdeck. Durante sah ihm mit stechendem Blick hinterher.
    Efisio gesellte sich zu ihm. »War wohl nichts.«
    »Das ist Wahnsinn«, knurrte der Trommler. »Palmiro kann keinem erzählen, dass er nicht weiß, dass wir dieses Rennen verlieren werden. Das Einzige, was geschieht, ist, dass unsere Ruderer völlig verausgabt sind und im entscheidenden Moment keine Kraft mehr haben.«
    »Vespa ist ein Feigling«, raunte Efisio leise. Man verstand ihn zwischen den Trommelschlägen, dem Knarren der Ruder und dem Stöhnen der Mannschaft nur, wenn man in der Nähe saß und sehr genau hinhörte. »Der Einzige, der ihn hätte zur Vernunft bringen können, wäre Palmiro. Von niemandem sonst lässt er sich etwas sagen. Er schlägt jeden Rat aus.«
    »Du hast doch gerade gehört, dass Palmiro genau so stur ist«, knurrte Durante. »Was Vespa braucht ist einen Offizier wie Jovoni. Den sollte es zwei Mal geben. Wenn du mich fragst, gehört Palmiro zurück ans Ruder.«
    »Leise«, fauchte Efisio und blickte sich rasch um, ob irgendein Sklave diese Worte verstanden hatte. »Mehr Krafteinsatz«, brüllte er, als hätte er sich nur darum umgedreht und begann erneut seine Wanderung durch die Reihen. Weiter ging die Flucht der Da capo, ohne dass Mikio wusste, wo überhaupt das Problem lag, wenn die zweite Dromone ebenfalls unter ledwicker Flagge fuhr. Er sollte es bald erfahren.

  • Exempel

    »Dschunke bei drei Strich steuerbord!«

    Als sie diesen Ruf des Ausgucks vernahmen, begannen die Arashi aufgebracht durcheinandnder zu reden. Nur ihr Volk fuhr Dschunken. Die Rettung nahte!

    »Wie viele Knoten haben wir?«, brüllte Vespa.

    »Vier Knoten, Capitano«, antwortete Jovoni.

    »Erster, Zustand der Ruderer in Erfahrung bringen!«

    Palmiro kam einmal mehr die Treppe hinab und schaute sich die ächzenden Arashi an, die sich Mühe gaben, besonders geschwächt zu wirken. Efisio knallte mit der Peitsche und ließ sie auf einige der Rücken niedersausen, doch die Männer blieben diesmal hartnäckig. Dies war ihre vermutlich einzige Chance. Palmiro mahlte angespannt mit dem Unterkiefer, Mikio sah es daran, wie seine Schläfenmuskulatur hervortrat. Er merkte, dass er sich Sorgen um ihn machte, dass er nicht wollte, dass es ihm schlecht ging. Der Albino sah nicht aus wie jemand, der sonderlich viel Trost in seinem Leben nötig hatte, doch in diesem Moment erkannte Mikio Angst in seinen Augen. Er wollte ihm sagen, dass die Arashi ihn belogen, dass sie übertrieben mit ihrer Erschöpfung, doch als er gerade den Mund aufmachte, war Palmiro schon wieder fort.

    Die Arashi redeten nicht mehr. Ihre Blicke waren nach oben gerichtet. Sie bemühten sich angestrengt, das Gespräch über ihnen zu verfolgen. Und Mikio war voller Wut und Verzweiflung. Zwei Schiffe gegen eins. Und die Dschunke fuhr unter Segeln. So lange der Wind mitspielte, würde sie ihr Tempo endlos halten können. Auf kurze Strecken war ein Ruderschiff einem Segelschiff überlegen. Sie waren schneller, unabhängig vom Wind und konnten auf der Stelle wenden. Auf langen Strecken und auf dem offenen Meer jedoch hatten sie das Nachsehen.

    Mikio hörte Palmiros Stimme. »Die Almanen schaffen noch annähernd Höchstgeschwindigkeit, wenn es drauf ankommt. Aber die Arashi sind sehr erschöpft.«

    »Diese Art von Dschunke schafft unter vollen Segeln maximal sieben Knoten, wir schaffen neun«, überlegte Vespa.

    »Wir schaffen neun, wenn wir eine gut eingearbeitete almanische Besatzung haben, die ausgeruht ist. Das ist unsere Angriffsgeschwindigkeit für den Rammstoß, dauerhaft halten wir das auch unter optimalen Bedingungen nicht durch! Wir können von Glück reden, wenn wir überhaupt noch acht schaffen«, gab Palmiro zu bedenken.

    »Acht werden reichen. Die Al fine wird langsamer, auch ihre Ruderer sind müde und die Dschunke können wir abhängen. Wir dürfen jetzt nicht nachlassen. Wir nehmen die Route über die Feuerinseln! Dorthin werden sie uns nicht folgen. Sobald die feindlichen Schiffe außer Sicht sind, wird die Hälfte der Rudermannschaft für vier Glasen ruhen. Danach die andere für ebenfalls vier Glasen. Haben einmal alle geruht, wird der normale Rhythmus von acht Glasen je Schicht für jede Hälfte der Rudermannschaft umgesetzt. Ich will, dass unsere Ruder nicht mehr stillstehen, bis wir unser Ziel erreicht haben.«

    Mikio fragte sich, ob sie denn die Geschwindigkeit von acht Knoten auch mit der halben Mannschaft durchhalten konnten. Besonders, weil Palmiro von der Höchstgeschwindigkeit für den Angriff gesprochen hatte und nicht von der Reisegeschwindigkeit. Vielleicht fragte der erste Offizier sich das auch, aber er diskutierte nicht länger. Jeder Einwand, und sei er noch so gut gemeint, schwächte die Position des Capitanos vor der Mannschaft und das war das Letzte was sie in dieser Situation gebrauchen konnten. Vespa bellte einige Befehle.

    Efisio und Durante warfen sich einen wenig begeisterten Blick zu.

    »Das wird hart«, stöhnte Efisio

    .Durante schnaubte. »Das schaffen wir nie! Eine Dschunke fährt unter Segeln, wir mit reiner Muskelkraft und nur einem Teil der Besatzung!«

    Efisio brummelte etwas Unverständliches. Er rollte sich in seiner Ecke auf seinem Seesack mit dem wenigen persönlichen Hab und Gut ein, um zu schlafen. Er schlief auf dem äußersten Ende des erhöhten Mittelgangs, so dass er nicht im Dreck lag. Die beiden teilten sich ihre Aufgaben mehr oder weniger und lösten einander ab, wenn es notwendig war. Durante würde ihn wecken, sollte er Hilfe benötigen und der Trommler seinerseits gab in der Regel nur Signal beim Anfahren und beim Geschwindigkeitswechsel. Er musste nicht ununterbrochen die Trommel schlagen.

    Da gellte Zukos Stimme durch das Unterdeck. »Jetzt!«

    Mikio spürte, wie sein Ruder blockierte, das soeben noch in voller Bewegung war, er prallte mit der Brust dagegen. Gleichzeitig bekam er von hinten einen gewaltigen Schlag in den Rücken. Der Riemen des Hintermanns hatte ihn erwischt. Mit einem Ächzen wich die Luft aus seinen Lungen. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte auf Bent, auch die anderen Ruderer fielen durcheinander. Das Krachen der Ruder drang durch Mark und Bein, Holz splitterte. Im ersten Moment glaubte Mikio, dass es seine brechenden Knochen waren, doch als er sich aufrappelte, merkte er, dass er sich noch überall bewegen konnte.

    »Ihr Narren«, rief Efisio heiser. Sein Gesicht war bleich und glänzte nass von kaltem Schweiß. »Ihr elenden Narren!« Er hieb mit der Peitsche auf die liegenden Arashi ein, kaum jemand saß überhaupt noch.

    Erst jetzt begriff Mikio, was überhaupt geschehen war. Die Arashi hatten diesen Plan längst vorbereitet und auf einen günstigen Moment gewartet. Als ihre Ruderkraft am dringendsten benötigt wurde, hielten sie alle gleichzeitig ihre Ruder fest, ganz gleich. In der Folge hatten die Ruder sich miteinander verkeilt. Einige waren eingerissen, andere vollkommen gesplittert. Es gelang Efisio nicht, mit seinem Gepeitsche die Ordnung wieder herzustellen.

    Sandalen polterten auf der Treppe, doch diesmal war es nicht Palmiro, der nach dem Rechten sah - diesmal kam Vespa persönlich ins Unterdeck. Er fragte nichts und sagte nichts. Sein schönes Gesicht war zu einer Fratze der Wut verzerrt. Auch er war gerüstet, in der gleichen Weise wie Palmiro und vermutlich der Rest der Deckmannschaft. Er packte zu und riss den ersten Arashi am Hals nach oben als wäre er nur eine Puppe. Er hob ihn an, bis die Fußkette spannte. Mit der Sichel hackte er ihm von oben in den nackten Bauch und riss sie herunter bis zum Schambein. Er schob die Sichel einhändig zurück in die Scheide am Waffengürtel, griff mit der Hand bis zum Ellbogen in die Bauchhöhle und riss die Eingweide heraus. Dann schleuderte er den Todgeweihten für alle sichtbar in den Gang. Er ging weiter und packte sich den Nächsten. Er wiederholte die Prozedur bei jeder zweiten Reihe mit einem Arashi. Dabei wechselte er zwischen den Seiten hin und her. Er reagierte nicht auf Unschuldsbeteuerungen und nicht auf Provokationen, er packte, wer an der Reihe war nach dem kalten System der Mathematik. Für gerechte Urteile war keine Zeit. Jetzt ging es darum, einige wenige zu opfern, um den Rest der Mannschaft zu retten. Zweihundert Ruderer fasste die Da capo, hundert auf jeder Seite. Sie saßen in zwei Reihen übereinander. Das ergab 50 Ruderbänke hintereinander mit je einem Sklaven. Und jede Zweite würde ein Opfer bergen. Mit Entsetzen stellte Mikio fest, dass er auf dem Platz des nächsten Todeskandidaten saß. Vespa benötigte nur Sekunden, um den Mann auszuweiden, den er gerade ergriffen hatte, dann war er bei Mikio.

    »Vespa«, kreischte Mikio mit überschlagender Stimme und riss die Hände hoch. »Ich wusste von nichts!«

    Vespas braungebrannte Hand schnellte nach vorn, die Finger ausgestreckt um zuzupacken. Mikio schrie auf, er hörte seinen eigenen Todesschrei in seinen Ohren gellen. Der Arashi vor ihm wurde in den Gang gezerrt und fünf Sekunden später lag er bei den anderen, mit dem Fuß noch an die Ruderbank gekettet.

    Als Vespa fertig war, lagen 25 ausgeweidete Männer sterbend im Mittelgang. Einige waren bei vollem Bewusstsein, einer davon war Zuko. Mikio sah, wie er versuchte, sich den Darm zurück in die Bauchhöhle zu schieben. Das Blut vermischte sich mit den Fäkalien zu einem Gestank, der an Schrecklichkeit alles überbot, was Mikio je riechen musste. Er war nicht der Einzige, der sich übergab, einige gerieten in Panik, doch sie tobten nun nicht mehr, sondern griffen nach den Riemen, um Vespas Kommando zu folgen. Dahin waren ihre Pläne zur Meuterei.

    »An die Riemen«, bellte Vespa. »Durante, auf mein Kommando! Alles vorwärts - los! Eins, zwei«, wies er dem Trommler die Geschwindigkeit an. »Eins, zwei! Eins, zwei!«

    Durante begann totenbleich den vorgegebenen Takt zu schlagen wie ein Metronom, langsam beginnend, um die Dromone wieder zur beschleunigen, dann schneller werdend. Efisio versuchte derweil, in der letzten Ecke des Unterdecks möglichst unsichtbar zu erscheinen.

    Mikio hätte Vespa gern gesagt, dass die beiden Ledvigiani im Unterdeck kaum eine bessere Arbeitsmoral hatten als die Arashi, aber in Anbetracht dessen, was er gerade sah, brachte er es nicht über sich. Womöglich würde Vespa mit ihnen das Gleiche tun. Dass dieser Mann seinen Spitznamen nicht aus Spaß erhalten hatte, war ihm soeben bewusst geworden.

    Kaum, dass Vespa wieder an Deck war, versuchte Efisio, durch die hinterste Ruderöffnung zu blicken, um nach den feindlichen Schiffen zu sehen. Auf dieser Seite näherte sich die Dschunke der Arashi. »Sie sind fast da! Das schaffen wir nicht«, ächzte er.

    Durante antwortete nicht. Ohne Unterlass schlug er den Takt, bis die Da capo mit den verbliebenen Rudern ihre noch mögliche Höchstgeschwindigkeit fuhr.

    Mikio sah, wie die Arashi sich erneut Blicke zuwarfen. Sie planten, allem Schrecken zum Trotz, ihren Plan ein weiteres Mal in die Tat umzusetzen.

    Das würde der Untergang der Da capo werden.

  • Die Warnung

    Mikio nahm all seinen Mut zusammen stand auf und rannte, was seine Beine hergaben. Über die Sterbenden hinweg, das warme Blut unter den Füßen. Er keuchte auf, als er auf etwas Glitschiges, Weiches trat, strauchelte nur für einen Wimpernschlag und lief dann weiter. Weder Efisio noch Durante unternahmen einen Versuch, ihn aufzuhalten. Efisio sank mit vor Verzweiflung verzogenem Gesicht an der Wand zusammen. Warum er nicht mehr auf dem Oberdeck dienen durfte, war Mikio nun klar, Schwache Nerven. Aber nicht Mikio! Nicht der Stachel der Wespe! Er würde alles tun, was er konnte! Da war die Treppe hinauf. Er übersprang jede zweite Stufe. Oben machten die Ledvigiani sich gerade in verblüffender Ruhe auf das Kommende gefasst. Sie warteten auf den Kampf.

    »Capitano«, rief Mikio, während er versuchte, sich durch die Soldaten zu drängeln. Es endete damit, dass er von einem mit sieben Bronzescheiben beschlagenen Rundschild zurückgestoßen wurde und den Griff einer Sichel auf den Schädel gedonnert bekam. Er sah Sterne und ging zu Boden.

    »An deinen Riemen«, bellte Jovoni und wollte ihm noch einen Tritt verpassen.

    »Bitte! Ich bin Mikio«, flehte er, schützend den Arm über sein Gesicht erhoben.

    »Und?«, bellte Jovoni. »Das entbindet dich nicht von deiner Pflicht!«

    »Ich bin der Arashi, der abends den Capitano besuchte! Ich bin Vespas Stachel, du musst mir zuhören! Es ist wichtig, Jovoni, die Arashi planen ein erneutes Blockieren der Ruder!«

    Jovoni zögerte. Er trat nicht zu. Er ließ von dem an Boden liegenden Mann ab und drehte sich in Fahrtrichtung. Mikio rappelte sich auf. Am Bug standen Vespa und Palmiro bei dem merkwürdigen Aufbau, der Mikio schon aufgefallen war. Dass Almanen oft geschnitzte Figuren an den Bug ihres Schiffes befestigten, hatte er schon gehört. Sie sollten wohl Glück bringen. Diese hier war allerdings aus Eisen. Sie stellte so etwas wie einen Löwenkopf dar.

    »Den Sklaven durchlassen«, befahl Jovoni den Soldaten, während er selbst am Heck blieb und die beiden Schiffe, die sie verfolgten, im Auge behielt.

    Mikio drängelte sich nach vorn. Für die Soldaten gab es im gerüsteten Zustand mit dem Rundschild an Deck nicht viel Platz zum Ausweichen. Nackt fühlte er sich extrem verletzlich zwischen all den Waffen, Armschienen und Schilden, jemand trat ihm mit der Ferse der Sandale auf die nackten Zehen. Er spürte, wie sein Zehennagel umknickte, riss seinen Zeh gewaltsam unter der Sandale hervor und eilte weiter, bis er endlich bei Vespa angelangte.

    »Capitano«, sagte er mit bebender Stimme. »Die Arashi planen, ein weiteres Mal die Ruder zu blockieren. Ich habe gesehen, wie sie sich Blicke hinter Eurem Rücken zuwarfen. Eure Maßnahme ... sie hat nicht gereicht.«

    In Vespas goldenen Augen lag nichts, das Mikio hätte entschlüsseln können. Weder Überraschung noch Unsicherheit, weder Wut noch Angst. Da war schlichtweg - nichts. Der Capitano war hier, um sein Schiff zu führen und er zeigte nicht einen Augenblick der Schwäche oder des Verzagens.

    »Es wird gut gehen«, sprach er. »Such dir einen Platz, wo du niemanden im Weg herumstehst und bete. Die übrigen haben dazu keine Zeit.« Dann brüllte er:

    »Klarmachen zur letzten Wende!«

    Für Mikio war klar, was diese Worte bedeuteten - die Ledvigiani bereiteten sich darauf vor, gemeinsam im Kampf zu sterben. Und er, der nichts mit all dem zu tun hatte, den der Kampf der Ledvigiani überhaupt nichts anging, würde bei dieser Abgrundfahrt mit ihnen gemeinsam untergehen.