Kapitel 2 - Vom Morast in den Sumpf

  • "Ich kenne da ein nettes Bordell, dort wird er all die Kosten abarbeiten, die er mir heute verursacht hat." Jeand grinste abgründig. "Mit Zins und Zinseszins. Folge mir."


    Der Henker würde leiden und Jeans Geldbeutel würde sich füllen, im gleichen Maße, wie die Säcke der Kundschaft sich leerten. So oder so. Er gab den Weg vor.

  • Aksoy trottete gut gelaunt hinter Jean her. Sie trugen hier den Hintern des Henkers im wahrsten Sinne des Wortes zum Markt. Der riesige Tiefling machte sich keine Sorgen. Der Henker war bewusstlos und verdiente so gesehen sogar das Geld im Schlaf. Was wollte er mehr?

  • Jean führte Aksoy mit dem Henker auf direktem Wege zu einen verborgen liegenden Eingang. In den engen Gassen und zwischen dem Gerümpel war er kaum zu finden und auch nicht sonderlich gekennzeichnet, er wirkte wie eine normale Tür. Doch als er sie öffnete, standen sie durch wundersame Weise im Sündentempel. Der Sündentempel hatte viele Türen, doch nur einen Eingang, wie man so sagte. Man konnte von den unmöglichsten Orten hineingelangen und trat doch immer durch die selbe Tür ins Innere des Schankraums. Das gehörte zur Magie dieses Ortes. Jean verhandelte mit einem unsympathischen Mann, dessen Haut im Schatten seiner Kapuze grau wirkte. Mit zischelnder Stimme stellte er sich als Shocai vor und irgendwie roch er fischig.


    "Die Leitung ist verschwunden", zischelte Shocai. "Wir Bediensteten sind auf uns allein gestellt. Nicht schlecht, dieses Leben. Also, was schwebt dir vor?"


    "Es geht um eine Nutzungslizenz für diesen äußerst qualifizierten Hintern."


    Shocai äugte. "Wirkt brauchbar."


    "Der Sklave verbleibt in meinem Besitz, läuft er davon oder nimmt dauerhaften Schaden, bist du zum Schadensersatz verfplichtet. Von den mit ihm verdienten Einnahmen, die ich lückenlos nachgewiesen wünsche, gehören mir 66%. Der Sklave ist jung und unverbraucht. Von den verbleibenden Prozenten können seine Lebenskosten bestritten werden und was übrig bleibt, ist euer Gewinn."


    Der Fischkopf schien sich mit Zahlen nicht auszukennen, für ihn wirkte das wie ein gutes Geschäft, während Jean andauernd mäkelte und schließlich einen Anteil von 75% in den Vertrag eintrug, da der Wert des Sklaven ja mit steigendem Verbrauch sank. Nach der Unterzeichnung beider Vertragsexemplare schaute er nach, ob der Henker sich inzwischen rührte. Dann musste Aksoy sich beeilen, ihn nach oben zu bringen.

  • Sie war nur ein Stück gegangen, um sich zu sammeln, auch um sich zu verabschieden, von dem Ort, der ihr ihr ganzes bisheriges Leben lang ein Zuhause gewesen war. Sie hatte sich dazu entschieden Aksoy zu begleiten. Ja, sie würde wirklich gehen und völlig unverhofft hatte sie auf geradezu willkürliche Weise einen Reisepartner gefunden.

    Sie stellte sich breitbeinig hin, schloss die Augen, stemmte ihr Gewicht mit beiden Beinen in die Erde, fühlte den trägen, doch fiebrigen gequält voran stolpernden Puls der Slums, sog ihn in sich auf um sich immer daran zu erinnern. Sie verknüpfte ihn in Gedanken mit einem Bild ihrer Mutter, die irgendwann denselben Herzschlag zu teilen begonnen hatte. Vielleicht färbte der Grund auf dem man sich bettete irgendwann unweigerlich auf das eigene Wesen ab.

    Sie öffnete die Augen, wand sich um, um zurück zu ihrem Unterschlupf zu gehen. Als sie dort ankam wäre sie beinahe Jean und den ihn schützend flankierenden Begleitern direkt in die Arme gelaufen. Sie konnte sich gerade noch hinter dem Wellblech ducken und zusammengekauert ausharren. Sie gab keinen Mucks von sich, presste sich die Hand auf den Mund und verbot sich zu atmen. Sie hoffte, die Hunde konnten ihren Geruch in der Nähe nicht von dem Muff differenzieren, der wie ein Schleier über der Umgebung hing.

    Jean sah furchtbar aus, krank und ausgemergelt. Hass tobte in nach Rache und Vergeltung gierenden Schatten hässlich zuckend über sein fahles Gesicht. Sie spitze die Ohren. Sie konnte Aksoys tiefe Stimme durch die dünne Wand brummeln hören. Doch kaum ein Wort schaffte es formvollendet bis zu ihr durch. Aber das brauchte es nicht. Sie wusste auch so, dass Deal geplatzt war.

    Dessen wurde sie sich spätestens vollkommen sicher, als Aksoy den bewusstlosen Henker aus dem Haus trug, direkt hinter dem selbstgefällig stolzierenden Burschen her, der sich zu einem Albtraum von einem Menschen gemausert hatte, der im Kopf nur Platz für Zahlen, Schulden und Grausamkeiten behielt. Jean, der verdammt überzeugende, abgebrühte Mistkerl, der jeden guten Augenblick zertrampelte, auf den sie eine Sekunde zuvor noch ihre Hoffnungen gebaut hatte.

    Sie wollte sich raus halten. Ja, das war ihr erster Impuls und sie wollte es wirklich, aber sie fühlte sich verantwortlich und sie war wütend, dass es so einfach war sich Gefolgschaft zu erkaufen, besonders, wenn diese eben noch ihren perfekten Reisegefährten dargestellt hatte. Und eigentlich hatte sie hauptsächlich Grund aufgebracht zu sein, weil wieder er es war, der sich aus allen Schlingen wand und am Ende doch immer kriegte, was er wollte. Ohne Hilfe würde sie es nie nach Alkena schaffen, ganz zu Schweigen davon, dass sie überzeugt war, dass es schon schwer genug würde ihren Vater zu finden, wenn sie es überhaupt könnte.

    Sie konnte nur hoffen, dass das Wort des Henkers noch immer zählte, wenn er wieder bei klarem Verstand war, damit sich das Risiko, das sie einging, auch lohnte und nicht nur den Schlund füllte, den ihre Wut inzwischen weit geöffnet hatte.

    Also folgte sie der kleinen Gruppe in die Stadt und erkannte bald das Hurenhaus wieder, in dem sie ihre damalige Kindheitsfreundin Aren zum letzten Mal besucht hatte. Sie wartete bis sie hinein gegangen waren und entschied sich zu warten bis sie wieder hinaus kamen. Sie konnte nicht riskieren ihnen auf geschlossenem Raum zu begegnen, wenn sie keinen Fluchtweg wusste. Die vier kamen ohne den Henker wieder heraus und Niva wartete noch ein paar Minuten bis sie außer Sichtweite waren, bevor sie sich selbst ihren Weg in das Bordell wagte. Sie hatte noch ihre gesparten Taler bei sich. Sie seufzte schwer, als sie einige davon in ihrer Handfläche liegen spürte.

    »Ich will zu Aren«, sagte sie. Sie gab ihm ein paar Taler, nur damit er sie passieren ließ und ihr verriet in welchem Raum sie sie fände. Sie fragte nicht nach dem Henker. Sie traute ihm nicht, wo er gerade frisch ein Geschäft mit Jean abgeschlossen hatte. Sie kannte die Bedingungen nicht.

    Sie trat durch den Schankraum einen schmalen Gang hinunter, in dem zu jeder Seite mehrere Türen in kleine Räume abgingen. Durch die dünnen Wände hörte sie lauter laszives Stöhnen, dass sich auf dem Flur dumpf vermischte. Hinter der Tür unmittelbar zu ihrer Linken ging polternd etwas zu Bruch und sie hörte eine Frauenstimme wutentbrannt schreien. Niva öffnete die Tür, die dieser gegenüber lag und sah sich nicht nochmal um.

    Die junge Frau rekelte sich vor ihr auf der Matratze, präsentierte ihr ihr Dekolletee. Die tief gesäuselte Begrüßung blieb ihr im Hals stecken, als sie sie das Tieflingsmädchen erkannte. Mit der dicken Schminke im Gesicht sah Aren alt aus, gekünstelt.

    »Was willst du denn schon wieder hier?«, zischte sie genervt. Sie streckte ihre nackten langen Beine aus und schwang sie über die Bettkante, um aufzustehen.

    »Ich bleibe nicht lang. Und ich bezahle dich auch für deine Zeit. Versprochen«, erwiderte Niva. Aren war zu dem kleinen Tisch herüber gegangen, der am anderen Ende des Raumes stand. Ein paar Glimmstängel, Feuerhölzchen und ein gesprungener Aschenbecher gesellten sich darauf zueinander. Aren hielt mitten in der Bewegung inne. Sie hatte die Finger nach einem Glimmstängel ausgestreckt. »Ach ja?«, fragte sie ungläubig, mit deutlich hörbarer Belustigung in der Stimme. Sie lachte ein klares, hämisches Lachen bei dem sie den Kopf in den Nacken warf und die Arme unter der Brust verschränkte. Sie grinste boshaft, kam Niva ganz nah, überragte sie, beugte sich zu ihr herunter, legte ihr eine Hand an die Hüfte, die an ihren Hintern wanderte und sie kniff. Niva biss düster dreinschauend die Zähne zusammen, um den überraschten Laut zu unterdrücken, der ihr aus der Kehle gesprungen war und nun auf der Zungenspitze kribbelte.

    »Wie soll ich es dir machen?«, flüsterte sie verächtlich. Sie kostete den Moment aus, in dem Niva nichts erwiderte, dann trat sie einen Schritt zurück. Ihr Grinsen war freudlos.

    Sie setzte sich an den Tisch, ein Bein angewinkelt, nahm sich einen Glimmstängel zwischen die Lippen, entzündete ratschend ein Feuerhölzchen und mit der vorwitzig lodernden, kleinen Flamme den aromatisch riechenden Tabak. Sie sog tief ein und blies eine sich langziehende Schwade Rauch aus, die sich an den Enden ihrer Längen kringelte, als stieße sie in der Luft auf unsichtbaren Widerstand.

    »Also, was willst du?«, fragte sie nüchtern, »Wenn du bloß hergekommen bist, um zu heulen, weil du dich einsam fühlst, schmeiße ich dich raus. Egal wie viel du mir zahlst, dass ich zuhöre.« Sie musterte Niva argwöhnisch. Ungebeten setzte sich Niva ihr gegenüber an den Tisch, faltete ihre Hände unter ihrem Kinn. »Ich will deine Hilfe bei etwas«, sagte sie.

    »Ha!«, rief Aren bitter aus. Aber Niva sah das Funkeln in ihren Augen, als Anzeichen für den Genuss, den es ihr bereite, die Chance zu haben, ihr auf der Nase zu tanzen.

    »Meine Hilfe?«, höhnte sie.

    »Auf der Straße krüppeln genug arme Schweine herum, die‘s nötiger hätten als du. Wofür kannst du schon Hilfe brauchen?«, wollte sie wissen.

    »Und glaub ja nicht, dass du mir eins deiner scheiß Bälger andrehen kannst.«, fügte sie zischend hinzu.

    »Ich muss jemanden hier raus holen«, überging Niva Arens strikt abwehrende Haltung. Sie war bemüht sich unbeeindruckt zu geben, vor allem um sich ihr nicht unterlegen zu fühlen.

    Aren blinzelte perplex. Die Asche fiel von ihrem Glimmstängel ab auf den Tisch. Sie setzte ihn einen Moment lang nicht wieder an, bevor sie sich wieder gesammelt hatte und sich die Zeit nahm Niva dabei grüblerisch anzufunkeln.

    »Hm«, seufzte sie.

    »Ich helfe dir nicht«, entschied sie sich schließlich.

    »Hilf mir und du musst dich heute unter niemanden mehr legen«, versuchte Niva sie eindringlich zu überzeugen. Aren schmunzelte darüber bloß amüsiert.

    »Und was ist mit morgen?«, fragte sie. Ihre Gesichtszüge wurden fast weich, glätten sich unter dem Einfluss von Nachsicht und sie wirkte so viel älter als sie es war.

    »Du verstehst nicht, Niva. Ich muss noch lange Zeit hier bleiben oder ich lande in der Gosse. Besser als hier wird es mir nicht mehr gehen. Und ich werde meine Leute nicht um ein Schäfchen erleichtern, weil du mich für einen lausigen Tag freikaufst.«

    Niva straffte die Schultern.

    »Aber um dieses Schäfchen muss ich euch erleichtern. Und auch wenn du mir nicht hilfst, wirst du mir nicht im Weg stehen können.«

    Aren seufzte. »Es ist mir eigentlich egal. Solange ich keine Ahnung habe, wovon du sprichst«, betonte sie«, wird es mich nichts kosten.« Sie drückte den Glimmstängel demonstrativ in dem Aschenbecher aus.

    »Drilla fehlt uns schon eine Weile, erzähl ich dir, weil ich mich natürlich um eine Kameradin sorge und du einer einäugigen Hure über den Weg gelaufen sein könntest. Wenn eine Kammer ungenutzt bleibt, dauert es allerdings nicht, bis sich die Lücke wieder füllt. Links am Ende des Flurs hat sich vielleicht wieder eine geschlossen. Entweder durch Drilla oder durch jemand Neues.«

    Sie streckte die Hand fordernd aus und Niva ließ wortlos ein paar Taler in die Handfläche fallen. Aren ließ sie zuschnappen wie eine Falle, als Niva ihr noch etwas geben wollte.

    »Das reicht«, sagte sie, weil sie nicht wollte, dass es auffiel und man später Grund hätte darüber nachzusinnen, warum sie plötzlich so viel mehr als sonst verdient hatte.

    »Mach das du verschwindest«, sagte sie und nickte in Richtung Tür.

    Niva stand auf. Sie wusste nicht, was sie Aren zum Abschied sagen sollte.

    »Warte«, hielt Aren sie auf, als ihre Hand bereits über dem metallenen Griff schwebte. Sie wand sich noch ein mal zu ihr um. Aren rupfte Niva unvermittelt die Schirmmütze vom Kopf.

    »Klemm sie dir unter den Arm«, befahl sie und Niva tat es ohne Fragen zu stellen.

    Aren beugte sich zu ihr herunter, fuhr ihr mit ausgebreiteten Fingern durchs kurze Haar, während sich ihr ihre Lippen gierig auf den Mund drängten. Sie küsste sie hingebungsvoll, als verzehrte sie sich tatsächlich hungrig nach dieser Verbindung. Niva kam nicht zu Atem. Erst als ihr schwindelig wurde, lehnte Aren sich seufzend zurück und ihr roter Lippenstift war rund um ihren Mund herum verschmiert. Sie selbst musste ähnlich aussehen.

    Aren betrachtete ihr Werk einen Moment lang. Niva war so überrumpelt, dass sie bloß da stand.

    »Eins noch«, beschloss Aren. Sie fuhr mit ihren kalten Lippen küssend über Nivas Kiefer, ihren Hals entlang, herunter zu ihrem Schlüsselbein. Niva überkam ein Schauer. Sie hielt erneut die Luft an. Sie packte Aren wirsch bei den Armen und schob sie zurück.

    »Das reicht«, sagte sie nach Luft ringend, wiederholte bestimmter: »Das reicht jetzt.«

    »Alles weitere kostet dich auch extra«, rümpfte Aren die Nase, »Außerdem lässt du dich küssen, wie eine Wand.«

    »Ich war nicht darauf vorbereitet«, wehrte Niva sich.

    »Blödsinn. Du solltest nicht vorbereitet sein«, entgegnete Aren, bevor sie sie zur Tür heraus schob.

    »Und jetzt geh endlich«

    Niva stand schneller wieder auf dem Flur und hatte die geschlossene Tür im Rücken, als sie Zeit gebraucht hätte, noch etwas zu sagen.

    Sie sah verstohlen in beide Richtungen über den Flur, konnte nur zwei turtelnden Gestalten zwei Türen weiter auf der rechten Seite entdecken. Sie lehnte sich gegen das raue Holz, um nur wieder normal atmen zu können und sich zu konzentrieren.

    Als die beiden anderen in dem Zimmer verschwunden waren, stieß sie sich ab.

    Sie sah im Gehen noch ein paar Mal über die Schulter, bevor sie vor der Tür hielt, die Aren ihr genannt hatte. Zögerlich klopfte sie an, aber erhielt keine Antwort.

    Sie drückte die Klinke herunter, schob die Tür einen Spalt breit auf, um in den Raum dahinter zu spähen, doch darin war es dunkel. Ein Fetzten Stoff vor dem Fenster hinderte das kleinste Bisschen Licht daran einzudringen. Kurzerhand schob Niva sich durch den Spalt hindurch und schloss die Tür leise wieder hinter sich. Auf ihren Ballen schlich sie durch den Raum, versuchte Silhouetten vor ihren Füßen am Boden auszumachen, damit sie nirgendwo gegen stieß, insbesondere nicht gegen jemanden. Und als sie das Fenster erreichte, schlug sie ihren Krallen in den Fetzten und riss ihn herunter. Licht brach in das Zimmer herein, aufgeregt wirbelte Staub in der Luft quer durcheinander.

    Auf einem kargen Bettgestell hatten sie den Henker abgelegt. Sie hatten ihn tatsächlich verkauft. Auf den ersten Blick schien es, als sei er noch immer bewusstlos. Niva trat vorsichtig an das Bett heran, hinter seinen Rücken, der dem Raum abwehrend zugekehrt war. Sie streckte die Hand aus, umschloss seine Schulter, um ihn auf den Rücken zu drehen.

  • Der Henker lag noch immer schlafend da und egal, was sie auch versuchte, was nicht viel war abgesehen von Zwicken, Klapsen und die Luft für Bruchteile eines Moments abzuschneiden, angesichts ihrer begrenzten Möglichkeiten, er wachte nicht auf.

    Sie seufzte frustriert, nahm sich die Mütze vom Kopf und wetzte ihre Krallen nachdenklich an dem dichten Stoff.

    Nachdem sie vor dem Bett ruhelos und ebenso ratlos hin und her getigert war ließ sie sich schließlich auf den Hosenboden fallen und setzte die Mütze wieder auf. Ihr Schweif zuckte nervös vor sich hin. Ihre Ohren waren gespitzt und lauschten dem Geschehen auf dem Flur, das sich auf vereinzeltes Gelächter und geflüsterte Verhandlungen dann und wann beschränkte.

    Eben hatte sie noch große Reden geschwungen, davon geplappert, dass sie ihn auf jeden Fall hier rausholen würde, aber jetzt wo er so dalag, vollkommen weggetreten, war sie nicht mehr so selbstbewusst.

    Irgendwo ging eine Tür auf und ohne das ein Wort gesprochen wurde, schloss sie sich wieder. Das hätte sie wahrscheinlich stutzig machen müssen, aber sie war erst alarmiert, als sich die Klinke zu dieser Tür leise quietschend nach unten bewegte.

    Sie sprang auf, duckte sich unter dem Fenster am anderen Ende des Raumes. Die Tür öffnete sich zu einem Spalt und plötzlich stand Aren im Raum.

    »Was-«, wollte Niva gerade ihre Verwirrung zum Ausdruck bringen aber Aren schnitt ihr das Wort mit einer geschwungenen Handbewegung ab.

    »Verdammt. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich das tue, also sei mir lieber dankbar.«, fauchte sie ungehalten. Sie drückte ihren Rücken gegen die Tür, als wollte sie Andere vorm Eindringen hindern. Sie war groß, aber viel zu schmal, als das ihr Körper überhaupt Gegengewicht geschimpft hätte werden können.

    »Du solltest machen, dass du aus dem Haus kommst. Eine Schwester hat dich hier rumschleichen sehen und hats gerad vorn gemeldet. Also mach, dass du dich verdünnisierst, bevor ich mir vornehme, dich selber auflaufen zu lassen.«

    Niva blinzelte perplex, sah zwischen Aren und dem Henker her.

    Aren spuckte ärgerlich auf die Dielen vor ihren Füßen.

    »Meine Fresse, ich kann dir nichts versprechen! Mach dass du deinen eigenen Arsch rettest, bevor ich dir nen Tritt verpasse!«

    »O-okay«, stammelte Niva überrumpelt.

    »O-o-okay«, äffte Aren.

    Niva blieb unschlüssig stehen, einen Fuß bereits in Arens Richtung angehoben.

    »Nun sei nicht so dumm!«, zeterte diese, »Du musst natürlich zum Fenster raus!«

    Niva machte kehrt.

    »Richtig«, erwiderte sie. Aber sie haderte immer noch mit sich. Es half nichts. Sie fürchtete jetzt gerade erwischt zu werden. Sie wusste nur nicht, ob sie sich noch mehr davor fürchten musste, sollte er sie später erwischen und ihr zuschulden legen, dass sie ihn heute dagelassen hatte. Aber sie hatte keine andere Wahl. Es war unrealistisch zu glauben, sie könnte in diesem Moment etwas ausrichten. Sie öffnete das kleine rechteckige Fenster, kauerte sich auf den schmalen Sims, der nichtmal eine Hand breit war und hangelte sich nach draußen, schlug ihre Krallen in die Fassade. Bevor der Raum aus ihrem Sichtfeld verschwand, sah sie noch eine Sekunde lang hinein.

    »Hey!« Aren beugte sich zum Fenster hinaus. Ihr Atem roch nach den teuren Glimmstängeln.

    »Die Ratten sind nicht weit«, flüsterte sie eindringlich, »Und sie wollen dich immer noch fressen.«

    Der weiche Mörtel bröckelte unter ihren Krallen. Aren grinste in widerwärtig triumphaler Vorfreude. Mit einer ordentlichen Portion Kraft, die man der hageren Frau vermutlich nicht zugemutet hätte, schlugen ihre großen, flachen Handflächen Niva oberhalb auf den Brustkorb. Die Fassade war zu weich, als dass sie dem hätte standhalten können. Und Niva war naiv genug gewesen, nicht auf einen Verrat gewappnet zu sein. Niva blieb von dem Schlag während ihres Falls die Luft weg. Sie fing nicht einmal an panisch mit den Armen zu rudern, war wie gelähmt und noch während sie fiel verschwand das Gesicht der Frau aus dem Rahmen und Niva starrte in ein leeres, dunkles Fenster, das Vorbote, der tiefen Dunkelheit wurde, die sie bei ihrem Aufprall erwarten würde. Kurz bevor sie den Boden hatte erreichen müssen, schnappte sie nach Luft, die bei ihrem Aufprall mit einem Ächzen wieder aus ihr herausgepresst wurde.