[1070] Im Hauptquartier der Sentir

  • Zadefi


    schaute Meru offen an.

    "Was ich dazu sage? Wenn Du uns beide holen willst, dann nur zu. Aber hole Ziggi zuerst. Es war seine Schuld, nicht meine. Er fing mit diesem ganzen weichgespülten Scheiß an und hat sich in meinem Kopf festgefressen. Von mir stammte die Idee nicht, ich bin allerdings drauf eingegangen.


    Wenn Du nur ein gelangweilter Sentir bist, wie alle anderen, dann kann Dir die Reihenfolge gleichgültig sein. Eine ist so gut wie die andere. Du hast Dich von ihm hierher schicken lassen, nicht wahr? Dann lass Dich doch von mir zuerst zurückschicken. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Den Rest würdest Du nicht verstehen, ich verstehe ihn selbst nicht einmal", sagte Zadefi und starrte in seinen kalten Haferbrei als könnte er dort die Lösung finden.

  • "Oh, ich bräuchte gar nichts dafür tun, dass du dir selbst in den Kopf schießt. Dafür braucht es keinen Meru, dafür genügt es, zu erkennen, dass du Ziggi vollkommen umsonst hast umlegen lassen. Warum hast du eigentlich keinen zweiten Versuch unternommen, Zadefi, hm? Und ich wollte die ganze Geschichte. Also erzähl mir den Rest und ob ich ihn nicht verstehe, werden wir dann ja sehen."

  • Zadefi


    "Weil ich es nicht... übers Herz bringe, es nochmal zu versuchen. Ich will ihn loswerden und doch nicht. Ich will ihn nie wieder sehen und freue mich jedesmal, wenn ich ihn sehe. Ich möchte nie wieder von ihm hören und freue mich, wenn ich seine Stimme höre. Ginge es nach meinem Gefühl würde ich ihn umarmen und an mich drücken. Und denke ich darüber nach, was das für mich bedeutet, dann würde ich ihm dabei am liebsten ein Messer in den Rücken rammen.


    Schuld... eigentlich ist er nicht schuld an all dem, Schuld ist keiner und wiederum alle. Er hätte es nicht vorschlagen müssen, ich hätte nicht drauf eingehen müssen. In einer anderen Zeit, in einem anderen Leben, wäre alles anders. Ich habe keine Lust auf diese Denkweise, ich war immer gradlinig, ich dachte wir haben einen Job zu reißen und wir haben Spaß. Hey wer hatte den noch nicht?


    Aber dass es dann so umschlägt, damit habe ich nie gerechnet Meru... nie", gestand Zadefi.

  • "Das hat niemand, Zadefi. Weil es nicht zur Ausbildung gehört. Wie man damit umgeht, dass sagen sie uns nicht - weil sie uns weismachen wollen, dass es dasnicht gibt. Und wer es doch fühlt, ist eine Missgeburt. Es wird totgeschwiegen und dann steht es uns gegenüber, groß und machtvoll und bei allem, was wir gelernt haben, allen Fähigkeiten und aller Effektivität, sind wir in dem Moment vollkommen hilflos."


    Meru erhob sich und nahm den Zahn.


    "Alle jammern rum, sagen: So darf ich nicht fühlen, hassen sich, bestrafen die Objekte ihrer abnormen Empfindungen und damit auch sich selbst, versuchen mit Gewalt auszutreiben, was ihnen die Gewalt austreiben will. Sie halten sich für die unrühmliche Ausnahme, den Schandfleck des Ordens, den Schwächling, die Abnorm, doch ich habe in so vielen Hirnen gewühlt, Zadefi, mich können die da oben nicht belügen. Am Ende sind sie alle gleich, jeder von uns. Normal kommt von Norm und wenn etwas eher die Regel anstatt die Ausnahme ist, dann ist es nicht Abnorm! Alle Sentir sind am Ende trotz ihrer Intelligenz und Gabe zur Konzentration gleich simpel gestrickt - gleich verwundbar, gleich normal."


    Er warf den Zahn in die Luft und fing ihn mit der Faust.


    "Du bist eine erschreckend normale und langweilige Person, Zadefi. Genau wie Ziggi. Aber woher will ein Neuf so etwas wissen. Das widerum ist mein Fehler. Spielt euer Spiel allein zu Ende. Ich bin hier raus. Wenn ich mitmische, ist der Ausgang gewiss - ein wenig Spaß und zwei Tote. Ihr beide hättet es verdient. So aber bleibt der Ausgang offen und das Spiel trotz der Gewöhnlichkeit der Kontrahenten spannend. Wird es einen Überlebenden geben? Zwei Überlebende vielleicht? Oder zwei Tote? Wer weiß das schon. Ich lehne mich zurück und beobachte das Endspiel aus der Distanz. Wünsche einen guten Appetit."


    Meru wandte sich ab, schaute auf die Uhr und begab sich ohne Frühstück zum Training.

  • Einen Tag hatte Ziggi noch Gnadenfrist, dann suchte Meru nach einer günstigen Gelegenheit, um ihn unter vier Augen zu sprechen. Er erwischte ihn im Gemeinschaftsraum. Die anderen hatten nichts hier verloren, es gab nicht viele im Orden, die einem Cinq etwas entgegenzusetzen hatten. Meru blähte sich energetisch auf, er schien zu knistern und Blitze um ihn herumzuzucken. Die Sentir spürten, sie sollten verschwinden, ohne dass er ein Wort sagte. Bis auf Ziggi.


    Meru ließ sich langsam bei ihm nieder. Seine flache Hand lag auf der Tischplatte. Langsam schob er sie zu Ziggi hinüber.


    "Auftrag ausgeführt", sprach Meru ruhig. "Ich habe Zadefi durch sein Arschloch von innen nach außen gekrempelt. Was übrig war, wartet nun auf seine Verbrennung. Es ging recht einfach, da er so nicht mehr leben wollte und er leistete keine Gegenwehr. Seine letzten Worte waren: Ginge es nach meinem Gefühl würde ich ihn umarmen und an mich drücken." Er zog seine Hand zurück. Vor Ziggi lag der Zahn.

  • Ziggi nahm den Zahn entgegen und schloss fest seine Hand darum. Sein Gesicht war für einen Augenblick wie versteinert. Auch bei ihm schienen vermeintlicher Wunsch und Realität weit auseinander zu klaffen. Sein dunkler Blick hob sich und bohrte sich in Merus helles Gesicht. Scheinbar nach einer Antwort suchend, die er selbst nicht hatte und sich von dem anderen Sentir erhofft hatte.


    Eigentlich hatte er erwartet, einen ellenlangen Bericht von Meru zu hören. Möglicherweise sogar Geprahle, was er wie getan hatte. Doch der andere Sentir schwieg, sein Bericht war kurz und knapp gewesen. Eigentlich mehr Einsatzbericht und Raport als die kleine Zuflüsterung eines erledigten Gefallens.


    Ziggis Blick wanderte auf den Tisch und auf seine Hand, die immer noch fest den Zahn umschlossen hielt.


    "Du hast mir versprochen, Deine Erinnerungen mit mir zu teilen. Halte mich nicht für sentimental, dass bin ich nicht. Dennoch möchte ich wissen, was Zadefi sagte und vor allem was er dachte. Was dachte er sich dabei mich derart zu verstümmeln? Wollte er mich umbringen? Oder war er schlichtweg dämlich?


    Oder wollte er mich für den Rest meines Lebens zeichnen? Das ist ihm gelungen. Ein Neuf schickt man nicht in einen Tank der derart teuer ist. Ich glaube neuer Ziggi wäre günstiger als eine Behandlung im Tank. Jedenfalls wurde es nicht in die Wege geleitet und einfach nachfragen, dass ist nicht drin. Davon muss ich Dir nichts sagen.


    Einfach mal die Faust in der Tasche gemacht Meru, einfach mal das Maul gehalten und sich auf etwas einlassen. Und wenn man Angst hat, auch mal die beiseite schieben. Wie oft müssen wir das? Tagtäglich. Er hätte es gut haben können, mit mir. Gerade weil wir auf einer Augenhöhe sind. Zwei die sich beistehen, dafür muss man nicht ständig aufeinander hocken. Aber zu wissen, da ist jemand, der mag mich, der steht mir im Zweifelsfall bei hat doch seinen eigenen Wert.


    Ich weiß, jeder zieht dort seine eigene, persönliche Grenze.

    Aber hatte er seine nicht schon fallen lassen, als er auf meinen Vorschlag einging? Für mich hatte er nur eines, Schiss vor der eigenen Courage. Geschenkt, dass kann jedem passieren. Wer kennt es nicht, dass er sich sogar schon mal in einem Gefecht fürchtete? Angst ist keine Schande, solange sie einen nicht lähmt. Sie ist eine Warnung, was man aus der Warnung macht, dass ist das Wichtige.


    Du hattest mir etwas versprochen Meru.

    Also was hat er gesagt? Warum hat er so gehandelt?

    Ich muss das wissen, da es mir nachläuft. Wenn er mich fürchtete, gut. Hatte er keine Lust mehr auf mich, auch in Ordnung. Hielt er mich aber für einen Klappspaten, auf den man nicht mal in einer Schlacht Rücksicht nehmen muss, dann geht mir wieder das Messer in der Tasche auf. Also spuck es aus, der Nachttisch der Woche sei Deiner. Nicht viel, ich weiß, aber besser als nichts oder?", sagte Ziggi leise und blickte Meru erneut ins Gesicht.


    Sein Blick war offen ohne jeden Groll.

  • "Er sagte, dass er dich liebte", antwortete Meru ruhig. "Und dass er Angst hatte. Seine Reaktion war sehr unkameradschaftlich, sehr sentir-mäßig. Er konnte nicht aufhören, an dich zu denken. So versuchte er, dich auf diese Weise zu tilgen. Ich werde die Erinnerung mit dir teilen. Du wirst hören, wie er schrie, sehen, wie seine Eingeweide aus seinem After quellen, gefolgt von seinem Hüftknochen, bis er in sich selbst verschwindet und nur eine zuckende rote Masse übrig bleibt. Vorher möchte ich hören, was du nun fühlst."

  • Ziggi lehnte sich zurück.


    "Erleichterung, Wut, Trauer. Es hätte so nicht kommen müssen. Aber er hatte seine Wahl getroffen. Also traf ich auch meine. Seine Reaktion war damit ein um sich schlagen aus Angst. Das er nicht aufhören konnte an mich zu denken, muss ich sagen schmeichelt mir. Nützt mir nur nichts, wenn er versucht mich umzubringen. Es nützt ihm allerdings auch nichts. Denn hätte er mich ausgeradiert, hätte er trotzdem an mich gedacht. Er hätte lieber eine Dekontamination wählen sollen. Damit hätte er mich vergessen. Garantiert. Aber das wollte er sicher auch nicht.


    Einerseits wollte er mich loswerden, andererseits konnte er nicht loslassen. Das ist meine Vermutung, nachdem was Du mir erzählst.


    Es stimmt mich auf gewisse Weise auch traurig, dass er so gedacht hat. Ich bin kein aufbrausender Typ, ich hätte ihn nicht bedrängt. Glaub es oder lass es, aber wenn er gesagt hätte ich sollte ihn in Ruhe lassen, dann hätte ich genau das getan. Aus Zuneigung heraus. Man unterbreitet niemanden so ein Angebot, den man nicht zumindest mag.


    Nun ist es vorbei und unter die Sache ist ein Strich gezogen", sagte Ziggi und neigte leicht den Kopf als Zeichen des Dankes.

  • Meru neigte leicht den Kopf. Gleichzeitig spürte Ziggi, dass er sich Zutritt in seinen Geist verschaffte. Nicht mit roher Gewalt, es war eher der Eindruck von jemandem, der ungefragt eine fremde Schlafbox öffnet und sich darin umsieht. Er zeigte ihm das Gespräch, nur das Ende ließ er weg. Danach gab er Ziggi frei.


    "Ich empfand einst ähnlich, zwei Mal."

  • Ziggi ließ Meru widerstandslos gewähren, denn immerhin hatte sich der Bruder für ihn die Finger schmutzig gemacht. Die Antworten die Meru in seinem Geist suchte, war er ihm schuldig. Dabei ging sein Besucher behutsam mit ihm um, er betrachtete nur, er war nicht brutal.


    "Dann verstehst Du mich besser, als ich gehofft habe. Darf ich wissen wer?", fragte Ziggi.

  • "Zico war Nummer eins. Wir hatten es beim Training gespürt, beide zeitgleich, wie es knisterte und funkte. Aber wir brachen es ab, erstickten es im Keim. So war es noch ohne Gewalt möglich. Ich nannte dir den Grund dafür, wir sind beide Cinq. Nummer zwei war nicht, sondern ist. Sein Name ist Tivoli." Er legte leicht den Kopf schräg und schloss die Augen ein wenig.

  • Ziggi starrte Meru einen langen Moment einfach nur an. Es war kein Angriff, es war kein Versuch des Auslesens, es war einfach nur ein Blick der Ungläubigkeit. Zeitgleich sickerte sowas wie Verständnis in seine Auge. Tivoli, natürlich Tivoli. Wenn man jemanden nicht im Guten haben konnte, dann ergriffen Sentir andere Maßnahmen. Und ihnen standen da weitaus mächtigere Mittel zur Verfügung als jedem Seize.


    Ihre Gedanken waren tatsächliche Macht. Auch untereinander, deshalb stellten sie sich mit ihrer Stufe vor, das Machtgefälle sagte aus, wer wen zur respektieren hatte. Und wer dem nicht nachkam, lernte den Respekt auf sehr schmerzhafte oder demütigende Weise.


    Niemand bei klarem Verstand legte sich mit einem über ihm an, sonst endete er als Marionette. Und Meru ließ Tivoli das tun, was er freiwillig nie tun würde. Aber war er sich da so sicher? Möglicherweise wäre Tivoli sogar auf ein freundliches Werben eingegangen.


    Aber in der Welt der Sentir gab es auch sehr schlichte Regeln. Wozu lange herumeiern, wenn man sich etwas sofort nehmen konnte? Möglicherweise, dass ließ immer noch die Option einer Absage offen. Packte sich Meru aber Tivoli mental, da gab es kein wenn und aber, da gab es nur noch Gehorsam und das was er von ihm verlangte. Tivoli spielte in dem Moment keine Rolle mehr, er wurde zum Werkzeug von Merus Lust. Dass Tivo selbst der Auslöser war, war dabei das Paradoxon. Meru begehrte ihn und nutzte ihn zeitgleich. Effektiv und grausam, jeder Ausbilder wäre stolz auf Meru.


    "Ich verstehe", sagte Ziggi schlicht, denn er verstand Meru wirklich. Der Mann bekam was er wollte, ohne die ganzen Probleme die er sich ans Bein geheftet hatte. Dafür hatte er andere.


    Gleich was sie wählten, Sentir hatten immer auf etwas zu verzichten. Alles bekamen sie nie.

    Der Preis ihrer Macht, war oft genug Machtlosigkeit.