Obenza durch die Augen seiner Bewohner

  • Obenza durch die Augen seiner Bewohner

    "Obenza ist die Stadt, die ihre Kinder frisst. Ihre Hoffnung ist ein Wurm, der sich vom Haken durchbohrt an der Angel windet. Lass dich nicht ködern von ihren Verheißungen."


    "Du kannst jederzeit aus der Metropole herausgehen, doch du kannst sie nicht mehr verlassen. Wer einmal dort war, wird sie nie wieder los."


    "Keine Worte können dich auf das vorbereiten, was du dort finden wirst. Kehr um, so lange du noch kannst."


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    In diesem Thread findet sich eine Sammlung von sehr persönlichen Beschreibungen der Stadt, die für jeden ihrer Bewohner der eigene Abgrund ist. Wer seine eigene Beschreibung hier verewigen möchte, ist eingeladen, dies in Form einer Antwort zu tun.

  • Obenza - Stadt der Verbannten und Gesegneten

    ~ erzählt von Arkan


    "Von mir gibt es nicht zu viel zu erzählen, befürchte ich. Ich machs trotzdem", sagte der Geist und ließ sich auf seinen schimmernden Hintern plumpsen.


    "Vielleicht hat es Dir Kazrar schon erzählt, aber ich wuchs in der Grube auf, dem untersten Dreck von Obenza. Ich hatte nichts und niemanden. Alles was ich hatte, war mich. Mein einziger Freund war ich. Das war nicht immer so, denn ich hatte eine Mutter.


    Meine drogensüchtige Mutter war wie viele Mädchen in der Grube, selbst noch ein halbes Kind als sie mich bekam. Ich lebte neben ihr her und hatte keinen Bezug zu dieser Frau, außer dass ich ihre Launen fürchtete. Alina war die Frau, die mir Kleidung, Nahrung und Schläge gab. Als ich größer wurde, zog ich mit ihr und den anderen Ausgestoßenen umher, wenn es auf Sammeltour ging.


    Wer mein Vater war wusste ich nicht. Es war ein regnerischer Tag gewesen, als ein Abfallktuscher versehentlich die Entladung im mittleren Randgebiet der Grube vorgenommen hatte. Ein Festtag für uns Ausgestoßene. In Jubelstimmung zogen wir los um uns einen Teil ihrer Beute zu sichern.


    Ich wühlte wie alle meiner Gang auch im Abfall und fand zu meinem Erstaunen ein altes großes Küchenmesser. Glücklich starrte ich die Waffe an, als Alina mir hart mit der Faust ins Gesicht schlug und das Messer für sich forderte. Ich überlegte nicht lange sondern stach Alina das Messer bis zum Schaft in den Hals.


    Meine antrainierte Gier bewahrte mich davor die Klinge zu verlieren. Was man einmal in den Händen hatte, darf man nie wieder loslassen. Nie wieder hörst Du Tekuro? Nur so bewahrst Du Deinen Besitz. Das war das erste was ich lernte", erzählte Arkan.


    "Ich riss die Klinge zurück und starrte auf die Frau hinab, welche keuchend ihre Hände auf ihre Kehle presste. Ich zerrte ihr den Umhang vom Leib und rannte mit meiner ersten Beute davon. Weg von meiner Mutter, weg von den Ausgestoßenen hinein ins Randgebiet. Und dort baute ich mir ein neues Leben auf. Falls man das Leben nennen kann. Monate streifte ich umher, schlief wo sich eine Möglichkeit ergab und aß was ich fand.


    Die meisten sicheren Plätze waren belegt, erkämpfen konnte ich mir keinen. Mehrfach hatte ich versucht mich einer Gang anzuschließen. Die meisten vertrieben mich. Andere hatten schon versucht mich für das Messer umzubringen.


    Ich war immer wachsam.

    Ich kannte keinen anderen Zustand, da ich in den Augen der meisten anderen Verbannten ein leichtes Opfer war.


    An einem brütendheißen Tag im Hochsommer folgte ich aus Langeweile dem stinkenden Abwasserstrom und erreichte so die gewaltigen Endungen der Abflussrohre. Sie waren mit Gitter versperrt, damit niemand in die Kanalisation kletterte. Ich kletterte geschickt über Abfallberge zu den Rohren hinauf und quetsche mich durch die Gitterabsperrung. In der Mitte des Rohrs verlief ein dünnes Rinnsal der Kloake. Ich zog ein Stück tiefer im Rohr ein und machte es sich an dessen Wand bequem. Ganz in der Nähe der Rohre lag die Grenze zum Ersten Sektor.


    Ich hielt sich oft am Rand auf und bettelte Passanten um etwas Essbares an. Ich merkte schnell, dass es von Vorteil war die Leute nicht mit reinem Slang anzusprechen. Was in der Grube ein Nachteil war, wurde hier zum Vorteil. Meist ließen sich ältere Leute von mir erweichen mir etwas Essbares zu geben. Bekam ich nichts, hatte ich immer noch das Messer um nachzuhelfen.


    Ich kannte kein Mitleid, musste ich das Messer ziehen, zog ich es meinem Opfer über die Kehle. Ganze zwei Jahre vergingen so, bis zu einer Regenzeit als die Rohre überfluteten. Ich zog gezwungenermaßen in einen alten Heizungskessel um.


    Ich hatte ihn auf einen meiner Streifzüge entdeckt. Die Öffnung war gerade schmal genug, dass ich mich hinein quetschen konnte. Dies war mein schönstes Heim. Es war eng und winzig und scheinbar ging es noch weiter, aber wohin es führte, habe ich nie erforscht", grinste Arkan.


    "Das war mein Anfang, meine Geburtsstunde und meine ersten Jahre in Obenza, der Stadt der Verbannten und Gesegneten".

  • Eisenleitern - Wege zum Glück

    Ein Saum grauen Zwielichts schälte die Konturen der Hochhäuser aus der Nacht, die Sterne begannen zu verblassen. Es war die stillste Zeit der Metropole, in der rund um die Uhr Großstadtlärm die Ohren peinigte. Jean ging am Bordstein auf Ebene eins entlang. Zu seiner Rechten - eine Fassade. Zu seiner Linken - die Schlucht. Ein Geländer gab es nicht, in Obenza fiel man tief. Er sah, was man immer sah, wenn man in den Abgrund schaute. Die Nachtschwärme hatten ihr Elend in Alkohol ertränkt oder im Rauch von Rahusti erstickt und lagen nun unter Lumpen an den Hauswänden, unter Karren oder in umgekippten Fässern. Sie lagen dort wie auf dem Präsentierteller, doch bei ihnen gab es wenig bis nichts zu holen. Andere teilten das Lager mit Huren, die oftmals nicht einmal Geld für ihre Dienste verlangten, sondern schon für eine warme Mahlzeit oder schlicht eine Nacht in einem warmen Bett zu haben waren.


    Völlig frei von Höhenangst und blickte der rothaarige junge Mann im Gehen auf die Null hinab. Null - Nichts. Das war alles, was jene hatten, die dort unten lebten und starben. Diese Stadt war voller Sinnbilder, als wäre sie der mahnende Wahrheitsspiegel Ainuwars, der den Völkern zeigte, woran sie krankten, doch niemand hörte in diesen gottlosen Zeiten. Gemeinsam hielten sie die Maschinerie in Gang, vom kleinsten Rädchen bis zum Antrieb des Getriebes. Auch Jean war hier, um seinen Teil beizutragen. Er war nicht blind für Ainuwars Mahnung - er verstand sie und war bereit, den Regeln dieser Stadt zu folgen. Selbstlosigkeit, Vertrauen und Barmherzigkeit waren hier keine Tugenden. Es waren Todsünden.


    Wenn es das ist, wozu Ainuwar mich erschaffen hat, um mich in die Grube zu schmeißen, damit ich mich herauskämpfe, werde ich seinem Willen folgen.


    Nach oben, immer nur nach oben, wo die Sonne schien, wo man frei atmen konnte, dorthin strebte sein Herz. Das war sein Antrieb, sein Gesetz, dem er alles andere unterordnete. Vielleicht aber war es auch Rakshor, der ihm die Kraft dazu gab, denn seit er sich der wertvollen Gabe der Gewissenlosigkeit bewusst geworden war, ging es kontinuierlich bergauf. Wer weder Mitleid noch Reue spürte, konnte eine Abkürzung nach oben nehmen, indem er über Leichen ging. An Jeans Händen klebte kein Blut, aber an den Talern, die er seinen Schlitzern zahlte. Er war kein Mörder - er war Geschäftsmann.


    Jeans Heimat war längst nicht mehr die Grube. Ebene null war nurmehr bloß Teil seines Jagdreviers. Jean aber agierte von Ebene vier aus und sie würde nicht das Ende seiner Lebensleiter sein. Morgen um Morgen stieg er hinab, bevor die anderen erwachten und ging der Reihe nach seine Handlanger besuchen. Er strich Wegezoll ein, Schutzgelder, Pacht für Reviere, er war sehr kreativ darin, was die Namen des "Angebots" seines Geschäftsmodells betraf. Jean ging allein. Er wusste, welche Wege er um welche Uhrzeit gefahrlos benutzen konnte und wann es erforderlich war, in der Gruppe zu bleiben. Zwei Abstiege hatte er heute schon hinter sich.


    Er erreichte die letzte Eisenleiter, jene, die hinab zur Grube führte. Dort lungerte eine Truppe heruntergekommener Gestalten, die jeden verprügelten, der es wagte, nach oben zu klettern und nicht den entsprechenden Freibrief mit Jeans Unterschrift vorweisen konnten, auf dem der Zeitrahmen der Gültigkeit und der Name des Besitzers verzeichnet waren. Diesen "Pass" erhielt man nur gegen die wöchentliche Bezahlung einer Gebühr und kein familiärer Notfall, kein Flehen einer Mutter oder Jammern eines Alten, der dringend Medikamente aus der Apotheke weiter oben benötigte, konnte einen der Wächter umstimmen. Jeans Antwort auf Versagen wäre ein Messer zwischen den Rippen. Er gab keine zweite Chance. Aber er gab Rabatt, wenn jemand für einen Monat oder ein Jahr im Voraus bezahlte.


    Die Wächter taten, als würden sie sich über Jeans Erscheinen freuen, berichteten ihm von der Nacht und informierten, dass zwei weitere "Pässe" ausgestellt werden sollten. Jean legte einen Termin fest, wann sie sich mit den "Kunden" treffen würden, um das Geld in Empfang zu nehmen. Dann händigte er jedem von ihnen einen Kupferling aus und packte einen Bonus in Form einer mit Rahusti verfeinerten Rauchstange obendrauf. Jetzt freuten sie sich wirklich, Jean wurde umarmt, geklopft und dann ging er seiner Wege. Kleine Geschenke erhielten die Freundschaft. Er konnte auch nett sein, wenn ihm das nützte.


    Die Eisenleiter dröhnte bei jedem Schritt wie eine verstimmte Tempelglocke, dann betraten seine schweren Arbeiterstiefel die Grube. Genau so gut hätte er in eine Klärgrube steigen können. Hier unten stank es noch schlimmer als auf Ebene eins.


    Aus: Kapitel 2 - Vom Morast in den Sumpf

  • Der Stadtpark

    "Und jetzt zeig ich dir den Großen Park, dort können wir frühstücken!"


    Er kletterte eine Eisenleiter hinauf, balancierte mit dem Essen im Mund über ein Rohr, das quer über einer Gasse verlief und so gelangten sie auf die erste Ebene der Dächer. Hier sah es schon etwas gepflegter aus als in den unteren Gassen. Sie spazierten über schlecht gewartete Brücken und Dächer, die den Charme von Hinterhöfen in Mietskasernen hatten und kletterten schließlich eine Dachrinne hinauf.


    "Auf die noch höheren Ebenen kommen wir leider nicht so einfach, da sie bewacht werden. Das riskiere ich nicht ohne Not und schon gar nicht vor dem Frühstück. Aber hier ist es schon ziemlich hübsch!"


    Tatsächlich waren die terassenartigen Dachgärten hier grün und überall blühte irgendetwas. Es gab zahlreiche öffentliche Plätze mit Bänken und sauber gepflasterte Wege. Auch die Brücken waren hübsch geschwungen und mit Rosentoren versehen. Doch umso abweisender schaute man die beiden an und nicht selten wurden sie beschimpft oder man versuchte, sie davonzujagen. Aber Tsacko war das gewohnt und er konnte sehr gut unterscheiden, ob jemand nur meckerte oder ob Gefahr von ihm ausging, also blieb er rundum entspannt. Auch die Luft hier oben war frisch und sauber, kein feuchter Uringestank, kein aufgeweichtes Zeitungspapier, keine vermoosten und verlotterten Mauern wie in den Gassen. Und so erreichten sie den großen Park.


    Er hatte das Aussehen eines Amphitheaters mit Ringen auf allen Ebenen, die jedoch nicht miteinander verbunden waren und nur über die jeweilige Ebene erreichbar waren. blühende Hängepflanzen wehten im Wind und die Kirschbäume standen in voller Blüte. Ganz unten war eine riesige, schlammige Wiese mit einem dunklen Teich, der von Schilf und wilden Baumgruppen umgeben war, wo Leute badeten oder mit ihren Hunden spazieren gingen, auf den höher gelegenen Ringen nahm der gepflegte Parkcharaker immer weiter zu. Ganz oben gab es verglaste Kuppeln, so dass man auch bei Regen draußen sitzen konnte und seltene exotische Pflanzen so wie moderne Skulpturen, doch dieser Ring war für sie unerreichbar. Doch auch ihrer war bereits sehr schön.


    Tsacko setze sich an einer sonnigen Stelle in das frisch gemähte Gras und ließ die Beine von der gemauerten Kante baumeln. Es ging mehre Meter in die Tiefe bis zur darunter gelegenen Ebene. Er packte sein Frühstück aus, dunkles Brot, ein Stück Kochschinken und ein Apfel.


    Aus: Wolfsblut

  • Die Slums und der westliche Stadtrand

    In der Unterstadt lagen die Slums. Feuchte, selbst gebaute Holzhütten drängten sich hinter den Dünen um die geruchsintensiven Gewerbe des Stadtrandes, wie die Abdeckerei, die Räucherei oder den Kürschner. Die beiden Männer bewegten sich in Richtung der städtischen Müllhalde. Selbst wenn Terry den Weg nicht gekannt hätte - anhand des zunehmenden Gestanks und der allgegenwärtigen Abfälle hätte er ihn problemlos gefunden. Unrat lag im weichen Sand verstreut und das Meer schäumte braun. Auf den Wellen wiegte Müll auf und ab. Sie kletterten über das meterdicke, verrostete Abwasserrohr, das die Fäkalien der Stadt in den Ozean spülte.


    Der Geruch des ausströmenden Unrates war übel. Terry wischte sich die feuchten Finger an der Hose ab und half Fallon über das Rohr, ehe sie weitergingen. Sie ließen die letzten bewohnten Hütten hinter sich, verließen den Strand und bogen in eine von Unkraut überwucherte Straße ein. Das Viertel war verlassen. Birken wuchsen aus den Dachrinnen und die Dächer waren zur Hälfte abgedeckt oder eingefallen. Es waren die letzten Ausläufer der Stadt und hier hausten nur Obdachlose, Vagabunden oder Fahrendes Volk. Hier unten hörte man die Geräusche des nächtlichen Treibens von Obenza nur noch leise und die Stimmen der Natur übernahmen. Ein Kauz überholte sie auf seiner Jagd nach Ratten, die er jedoch nur mit viel Glück finden würde, denn diese waren hier auch Bestandteil der Nahrungskette der Zweibeiner.

  • Der Alte Leuchtturm

    Sie erreichten, als es dunkelte, den alten Leuchtturm von Obenza, der deutlich kleiner war als der jetzige und noch aus den Anfangszeiten der Stadt stammte, als sie noch ein unbedeutender kleiner Handelsposten gewesen war. Die Tür war nur mit einem Riegel verschlossen. Sie stiegen die knarrende Holztreppe hinauf auf die höchste Etage. Schon seit Jahrzehnten lotste das Leuchtfeuer hier keine Schiffe mehr. Die Reste von Holzkohle und abgenagte Knochen bewiesen jedoch, dass dieser Ort manchmal als Grillplatz herhielt. Wenn man mit Decken abdunkelte, so dass die Schiffe, die den großen Hafen von Obenza ansteuern wollten, nicht in die Irre geleitet wurden, kamen auch keine Büttel, die einen verjagten. Terry öffnete die Tür nach draußen auf den Rundgang, dort setzte er sich auf den Gitterboden, den Rücken an die Mauer gelehnt, den Blick zwischen den rostigen Stangen des Geländers hinaus aufs Meer gerichtet, auf dessen Wellen er den Großteil seines Lebens verbracht hatte. Die Gischt rief oft seinen Namen.