Kapitel 39 - Beißer damals und heute

  • Beißer damals und heute

    Tazio war noch blass um die Nasenspitze und hatte sichtlich abgenommen während der Tage seiner visionären Eingebungen, wirkte aber wieder guter Dinge. Er hatte an einem der runden Tische platzgenommen, welche die Tanzfläche umsäumten, auf welcher sich die Paare drehten. Die meisten Ruspanti waren inzwischen wieder verschwunden, einige leisteten hier und da den Gästen Gesellschaft.


    "Wo ist der Duc de Souvagne?", fragte Tazio nervös. "Er hat vorhin den Tanz verlassen."


    "Keine Sorge", versuchte Irving, seinen Herrn zu beschwichtigen. "Es gab dringliche Angelegenheit zu klären. Drei Mitglieder seiner Spezialorden baten um ein Gespräch, sogar Magistral Jules de Mireault war anwesend. Möchtet Ihr die Details wissen?"


    Tazio wirkte beruhigt. "Das reicht vorerst. Nach dem Tanz die ausführliche Erklärung, bitte. Ich nahm an, meinem verehrten Schwiegervater würde die Darbietung vielleicht nicht gefallen. Zu laut, zu bunt, zu schnell ... oder dass er den Rauch nicht verträgt. Manche reagieren empfindlich auf Räucherwerk. Ich weiß nicht, wie die Souvagner zu solchen Veranstaltungen stehen. Dem Marquis de la Grange hatte zum Beispiel die Choreografie überhaupt nicht gefallen, wenn ich sein Mienenspiel recht interpretierte. Als die Ruspanti Saltos schlugen, schloss er die Augen."


    Irving schmunzelte. "Ich bin sicher, er hat diese Einschätzung inzwischen revidiert."


    "Und wo ist Amias?", fuhr Tazio fort. "Er ist einer von den dreien, die ich Verrill vorstellen wollte!" Er sah sich um. "Und wo ist Verrill?"

  • Linhard gesellte sich gut gelaunt zu Tazio und setzte sich zu ihm an den Tisch. Entgegen der meisten anderen hatte Linhard richtig mitgetanzt. Dass hieß in seinem Fall er ließ es sich nicht nehmen zu beweisen, wie fit schnell und gelenkig er war und dass er den Ruspanti in nichts nachstand. Er kannte es von Familienfeiern, man stellte zur Schau wie schlank, schnell und tödlich man wahr. Und dazu gehörte auch Gelenkigkeit. Die Botschaft galt zudem auch einem weiteren Anwesenden - Irving.


    "Die tanzen heftiger als ein Rakshaner Bazum", grinst Lin und schnappte sich ein Getränk von einem der Bediensteten und kippte es durstig auf Ex herunter. Er rutschte gemütlich zu Tazio auf und schaute sich neugierig um.

    "Wo ist unsere Verrill? Sie verpasst immer das Beste", warf Linhard ein und schnappte sich noch ein Glas.


    Einen Moment später verneigten sich die Anwesenden, da die Ducachessa den Raum bertrat. Verrill schritt zu Tazio und setzte sich genau zwischen ihre Männer. Einen Augenblick musterte sie Irving und der Augur sah, dass sie ihm ein freundliches Lächeln schenkte.


    "Meine Lieben", grüßte Verrill und küsste zuerst Tazio und dann Linhard.


    "Vater hatte eine wichtige Besprechung, eine mit hohen Ordensmitgliedern. Drei Ordensoberhäupter hatten eine Besprechung. Dein Onkel ist hier Linhard, falls Du mit Davard reden möchtest, er ist vor Ort. Ich würde Dir raten mit ihm zu sprechen.


    Das verschafft Dir eine andere Sicht auf vermeintliche Verbündete. Jene die tatsächlich keine sind, vertraue mir. Ich wurde informiert, damit sich hier am Hofe und in Ledwick nicht solche Unpersonen einnisten können. Sprich es ist eine Warnung. Ich habe alles nötige veranlasst, keiner der Genannten wird Ledwick betreten. Ich hoffe es war Dir Recht Tazio, dass ich jene Unpersonen die andere Menschen versklaven und missbrauchen als Staatsfeinde deklariert habe. Leider habe ich deshalb den Großteil des Festes verpasst. Aber wer wäre ich, wenn feiere, wenn ich Euch zu beschützen habe? Was gab es Gutes? Ich hätte die Ruspanti gerne tanzen sehen", sagte Verrill, während Chiara ihrer Herrin ein Glas Fruchtsaft reichte.


    "Du hast die Ruspanti und mich tanzend verpasst", schmunzelte Linhard, "ich werde mit Dave reden und mir ist bewusst wen Du meinst. Paps Brandur sieht es genauso".


    "Das könnte daran liegen, dass er Informationen aus erster Hand hat, sprich er war damals vor Ort. Du solltest ihm glauben. Er weiß, dass Archibald alles ist, nur kein Freund, Verbündeter, Berater oder Retter. Er ist das, was sein Kampfname verheißt - er ist eine Bestie. Nur weil er Deinem Großvater treu war, muss er nicht Dir treu sein. Ich will dieses Subjekt nicht in unserer Nähe haben. Ich dulde so eine Person nicht am Hof. Was lässt Dich davon ausgehen, dass er unsere Kinder nicht frisst? Nun es ist nicht so, dass ich darauf jetzt eine Antwort erwarte. Schließlich habe ich schon eine Entscheidung getroffen und die steht fest", sagte Verrill so freundlich wie in Watte gepackter Stahl.


    Linhard musterte sie, blinzelte kurz und schaute dann Tazio an.


    "Ich hatte auch nicht vor zu widersprechen, ich vertraue Euch. Wobei es seltsam ist, wenn man in seiner Nähe ist fühlt man sich geborgen, verstanden, gut aufgehoben. Obwohl er weder nett, noch sonderlich zutraulich ist. Er ist eigentlich permanent sarkastisch, beleidigend und irgendwie schnippisch. Dabei ist er aber ganz unterhaltsam und lustig. Warum weiß ich nicht", gestand Lin.


    "Mein Sinn für Humor ist ein anderer, ich lache selten über jemanden der Kinder bei lebendigem Leib frisst", flüsterte Verrill.

    "Na er steht ja auch nicht neben einem und klemmt sich ein Baby aufs Brot. Jedenfalls nicht, als wir mit ihm damals durch die Gegend gezogen sind. Da haben wir alle zusammengehalten", hielt Lin dagegen.


    "Weil er Deinen Vater Brandur fürchtete und sich Deinem Großvater Dunwin verbunden fühlte. Bedenke wozu er Dich benutzen wollte. Er wollte Dunwin zurück ins Leben holen. In diesem Knochendrachen wohl kaum. Das war ein Notbefehl um ein Flugerät zu haben. Meinst Du er wollte Brandur als Körperspender nutzen? Du hast die gleichen Fähigkeiten wie sein einst bester Freund. Du bist jung, Du bist kein Magier, also rate mal wer der Körperspender sein sollte.


    Jesper? Das Mäusehirn? Der Holzapfel? Brandur den er mit Verlaub den Korsett tragenden Fettsack nannte? Chirag Einarm, Wolfram, Kasimir oder Dein Drachenhuhn?


    Lin so klug Du manchmal bist, hier übersiehst Du was Du nicht sehen willst. Kurzum Du warst zu nah an ihm dran, um frei urteilen und alles sehen zu können. Geh einen Schritt zurück und betrachte ihn neutral. Er hätte Dich sofort über die Klinge springen lassen für Dunwin. Du bedeutest ihm als Person nichts, er kennt Dich nicht. Er hat auch niemals Dich beschützt, sondern nur die Hülle die Dunwin tragen sollte, wie eine neue Lederrüstung.


    Was die Leute an Archibald anzieht, ist genau das - er ist ein Arschloch. Ein Ganove, ein böser Junge, der dazu steht. Man gibt sich mit ihm ab und ist auch gefährlich, verrucht und es gibt viele die genau so etwas heiß finden. Bei all dem wo er sich wie ein Drecksack gibt, ist er zudem charmant. Eine fatale Mischung. Solche Personen lösen das Gefühl aus, ich könnte ihn erwürgen aber er ist taff. Frag nicht warum, aber so ist es.


    Wie gesagt, Du musst mit Deinem Onkel reden, besser noch lass Dir zeigen, was er Vater und Jules gestand. Ab dem Moment wirst Du verstehen wer oder besser gesagt was Archibald wirklich ist. Wir werden ihn hier nicht dulden. Er ist ein Staatsfeind", erklärte Verrill und schaute dann Irving an.


    "Du mit Deinem uralten Wissen, was sagst Du zu Archibald und den Beißern Irving?", fragte sie freundlich und reichte ihm den Saft.

  • Irving ärgerte sich, dass er nicht sofort aufgestanden und gegangen war, kaum, dass die Ducachessa nahte. Sie verstand es, jeden noch so schönen Abend zu verderben. Irving lächelte zurück.


    "Bekanntlich gehören einige Beißer zur Familie meines Mannes, nicht wahr? Und bekanntlich weilt einer von ihnen in diesem Moment im Palazzo Ducale. Wollt Ihr ihn entfernen? Er hat gute Arbeit geleistet in seinem Leben. Angst vor ihm - habe ich nicht. Sorge um die Kinder - habe ich ebenso keine. Er ist ein Jagdhund an der langen Leine, natürlich sind seine Zähne scharf, doch wird er sie einsetzen zum Wohle seines Herrn, wenn man ihn angemessen führt.


    Vielleicht gefällt Euch diese Ansicht nicht. Aber ich stamme aus einer anderen Zeit, Hoheit. Zur Zeit meines ersten Lebens auf Asa Karane gehörte es zum guten Ton, gern gesehenen Gästen Menschenfleisch zu kredenzen und die Körper seiner Feinde in einem aufwändig zelebrierten Ritual einzuverleiben. In der Form ist diese Tradition freilich nicht mehr zeitgemäß. Kaum jemand hätte Interesse daran die Hoden des Felipe von Ehveros zu essen, um sich seine Macht einzuverleiben oder sein Hirn auszuschlürfen, um seinen scharfen Geist in sich aufzunehmen


    Ich denke, man muss zwischen pathologischem und traditionellem Kannibalismus differenzieren. In pathologischer Form ist zu schauen, inwieweit der Betreffende sich kontrollieren kann. Das kann die Bestie beispielsweise nicht, sie gehört nicht nach Ledvico. Dies hier ist nicht ihr Jagdrevier. Anders sieht es aus bei jenen, welche auf einen bloßen Ritus verzichten, ohne dass ihnen etwas fehlt.


    Um also die Frage abschließend zu beantworten, Hoheit, müsste ich mir jeden einzelnen der angesprochenen Beißer individuell betrachten. Ist er ein um sich beißender Mörder - ist hier nicht der rechte Platz für ihn. Ist er kontrolliert, bedacht und gesetzestreu - kann er Ledvico als wertvolles Mitglied der Gesellschaft durchaus nützen."

  • Die Ducachessa schmunzelte nun ebenso, wie zuvor Linhard.


    "Mein lieber Irving, so gerne ich Dich auch habe, nicht all meine Fragen sind gegen Dich persönlich gerichtet. Sicher ist mir bewusst, wer Deine Familienmitglieder sind. Nein es ging mir nicht darum, Dir dies vor Augen zu führen, sondern von Dir einen tatsächlichen Rat zu erhalten. Eben weil Du mit solchen Personen vertraut bist.


    Gesetzestreue Bürger sind in Ledwick willkommen, Du bist hier willkommen. Falls Dich das bedrückt haben sollte.

    Archibald hingegen ist genauso wenig willkommen, wie Kazrar Chud oder die Kinder von Archibald. Er tötet nicht aus einer Tradition heraus, wie Du schon richtig gesagt hast. Er mordet, weil es ihn nach Fleisch und nun nach Blut dürstet. Und all sein niederes Verlangen, verpackt er in Tradition und Religion, er gibt seinen Trieben einen höheren Anstrich.


    Die Frage ist nur weshalb?


    Früchtet er sich vor seinem eigenen Urteil? Oder kann er doch nicht so alleine leben, wie er es gerne zelebriert? Benötigt er eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten? Braucht er deren Wohlwollen, der Achtung und deren Respekt? In seiner Gesellschaft ist er das wohl - sprich ein angesehener Mann, ein geachteter Räuber.


    Aber hier ist er nichts weiter als eine Bedrohung, die wir erst gar nicht im Land haben wollen Irving. Weißt Du was seine Tochter in Souvagne verbrochen hat? Möglicherweise weißt Du davon, sie hat Männer in ihr Haus gelockt und sie abgeschlachtet. Es gab nur einen einzigen Überlebenden und wenn man ehrlich ist, hat dieser Mann auch nicht überlebt. Er starb und etwas anderes wurde aus dem was übrig blieb wiedergeboren.


    Neu und alt zugleich, vollkommen und dennoch verstümmelt. Voller Hass und doch auf der Suche nach Liebe. Ein gebrochenes Wesen, dass aufrechter geht als jeder andere. Das ließ sie übrig. Die schwarze Witwe erschuf durch ihre Tat den ärgsten Feind ihres Vaters. Die Waffe, die sogar Vampire zu vernichten vermag. Wäre dieser Abend anders ausgegangen, in einem einfachen Akt, wäre all dies nicht geschehen. Es gäbe eine der mächtisten Magien nicht, es gäbe diesen Nicht-Mann nicht, es gäbe so vieles und nichts nicht. Aber das ist eine andere Geschichte Irving.


    Was rätst Du uns also? Wie sollen wir auf diese Bedrohung sonst reagieren?", fragte Verrill aufrichtig.

  • Irving nahm eine entspanntere Haltung an. Nun griff er nach dem angebotenen Saft und trank einen Schluck, sein nun folgendes Lächeln war deutlich weniger kühl.


    "Wir haben einander verstanden. Diese Inkarnation hat kein Fleisch gekostet und meine Zähne trage ich längst nicht mehr gefeilt. Wenn die Zeiten sich ändern und diese Riten wieder gesellschaftsfähig sind, werde ich sie erneut feilen lassen und meine erste Mahlzeit nach langer Abstinenz feierlich genießen. Das ist kein Geheimnis. So lange es dem Gesetz widerspricht - nicht.


    Mein Rat wäre, was Archibald betrifft, ihn auch außerhalb der Landesgrenzen zu beseitigen. Er hat in seinem Leben noch niemandem genützt außer sich selbst und sein Treiben schwächt die Familie. Selbst aus hohenfeldscher Sicht ist es fragwürdig. Wisst Ihr, wie man auf Asa Karane die Hohenfeldes erzog? Sie erlebten eine weitestgehend normale Kindheit und die Selektion begann erst im fortgeschrittenen Erwachsenenalter. Dies stellte klar, dass sich wirklich der Beste durchsetzt. Wenn der Beste aber noch ein Kind ist, hat er niemandem etwas entgegenzusetzen, auch wenn er später noch so gut geworden wäre. Es hat etwas davon, sich daran zu erfreuen, ein Wolfsjunges zu quälen. Wie soll aus einer solchen zerrütteten Seele später trotz bester Veranlagung noch ein Alphatier werden? Es wird bestenfalls ein Angstbeißer.


    Und was den Mann betrifft ... der verstümmelt wurde ... nun, seine Geschichte ist mir bekannt. Ich habe meine Ruspanti gebeten, sich seiner anzunehmen. Ungünstigerweise verschwand dabei einer von jenen, die ich Euch vorzustellen gedachte samt dem Marquis."


    Er drehte sich um und schaute in die plaudernde Gästeschar. Wie aufs Stichwort kamen Alexandre de la Grange samt Amias nebeneinander in den Saal. Sie nahmen an einem kleinen Tisch platz und Amias winkte einen seiner Brüder herbei, dem er etwas ins Ohr sagte. Wenig später kam ein Diener mit einem Tablett voller Köstlichkeiten zurück. Die beiden ließen es sich schmecken.


    "Wie überaus praktisch", freute sich Irving und dankte gedanklich seinem Mann, der seine Wünsche las und sie bei Bedarf direkt in die Köpfe der Ruspanti pflanzte, so dass sie auch dann Irvings Befehlen gehorchten, wenn er überhaupt nicht anwesend war, ohne dass es jemand merkte.

  • Nicht nur Verrill hörte Irving aufmerksam zu, sondern auch Linhard. Das was der Augur erzählte, interessierte auch ihn. Asa Karane, eine Zeit die längst in Vergessenheit geraten war. Eine Zeit vor den Siedlern und eine Vergangenheit von der er kaum etwas wusste. Scheinbar stammte der alte Weg aus dieser Zeit. Mitgebracht hatte ihn Dunwolf von Hohenfelde und seine Brüder im Geiste, der Älteste, die Trinität, Dun-Haru-Mar.


    Aber das was er mitgebracht hatte, war scheinbar eine verdrehte Perversion dessen, was einst Tradition gewesen war. Selbst wenn diese Tradition hart, vielleicht sogar grausam gewesen war, hatte sie wohl niemandem vorgeschrieben Magier oder Nichtmagier zu unterdrücken. Oder Kinder da sie die Gabe besaßen oder ihnen genau diese fehlte zu quälten, zu foltern und zu missbrauchen.


    Mit den Augen eines Kindes gesehen, war er stets neidisch auf seinen kleinen Bruder Anwolf gewesen. Er hatte ihm die magische Gabe geneidet. Nicht weil Lin gerne Magier geworden wäre, nein einfach um sie zu besitzen und von seinem Vater beachtet zu werden. Aber jetzt wo er selbst verheiratet war, wo er sogar Oberhaupt der Familie Hohenfelde war, sah die Sache schon anders aus. Damals im Hof, als seine beiden Väter sich bekämpft und doch noch in den letzten Atemzügen zueinander gefunden hatten, hatte er verstanden.


    Was sollte Ansgar eigentlich weitergeben? Er konnte nur das weiterreichen, was er kennengelernt hatte. Entweder weil er es erhalten hatte, oder weil man es ihm versagte. Dunwin hatte ihm stets eine Kindheit und Zuneigung versagt. Ansgar wollte es besser machen und er tat es auf die einzige Weise die ihm bekannt war.... er drehte den Spieß um.

    Wo Magier verhasst waren, waren sie nun erwünscht. Wo einst die Waffen zählten, waren sie nichts mehr wert. Wer nicht über Magie gebot, war wertlos. So wie einst Magier wertlos gewesen waren für Dunwin. Dass er damit den gleichen Fehler beging und sich die Spirale zwischen Magier und Nichtmagier ins Unendliche weiterdrehte, hatte Ansgar nicht gesehen.


    Und er selbst? Er hatte seinen Bruder zeitgleich geliebt und gehasst. Geliebt weil er ihn tatsächlich mochte und gehasst für die Gabe. Anwolf hatte nichts dafür getan, er hatte nicht trainiert, er wurde damit geboren. Wobei auch diese Sichtweise war ungerecht, stellte Linhard fest.


    Denn war er ehrlich, dann trainierten Magier ebenso. Sie trainierten ihren Geist und dessen Reflexe, wie er seinen Körper und dessen Möglichkeiten. Im Grunde waren sie ein zweischneidiges Schwert, dass miteinander so viel mehr war, als wenn eine Seite versuchte die andere stumpf und schartig zu halten.


    Und wie er nun wusste, war Anwolf gar nicht sein Bruder. Nicht was Ansgar anging. Wolfi war sein Halbbruder, verbunden waren sie beide durch ihre Mutter Fingard. Wolfi blieb für Lin trotzdem sein kleiner Bruder und er weigerte sich seit ihrer Aussprache ihn zu hassen oder ihn als Feind zu sehen. Sie mochten sich, sie waren keine Rivalen und seine schlechte Laune hatte damals Ansgar verdient, nicht Wolfi.


    Heute konnte Linhard sagen, selbst Ansgar hatte diese Laune nicht verdient, sondern Dunwin.

    Und Dunwin? Er war genauso ein Opfer der Umstände. Dröselte man alles auf, dann gab es nur drei tatsächliche Schuldige die das Spiel und das Herrenhaus erschaffen hatten....


    Dun-Haru-Mar.

    Die Trinität.


    "Erzähl mir von Asa Karane und den damaligen Traditionen. Es heißt, der alte Weg stammt von dort. Aber scheinbar ist das nicht richtig, denn Dun-Haru-Mar verkauften etwas anderes als den alten Weg. Etwas anderes, als Du zu der damaligen Zeit kanntest. Sie schufen das Spiel.... das Herrenhaus.... das Schlachthaus...


    Sie errichteten ihre unsichtbare Herrschaft auf den Knochen ihrer eigenen Familie, tranken ihr Blut und fraßen ihre Seelen. Du hast nie die eisigen Leichen gesehen, jenen denen etwas fehlte... Damals wusste ich nicht was es war, heute weiß ich es. Berichte mir von Asa Karane Irving.... bitte", bat Linhard.

    "Niemand wendet sich gegen die Familie, sonst wendet sich die Familie gegen Dich" - Linhard von Hohenfelde

  • Baxeda

    Hat den Titel des Themas von „Kapitel 39 - Ein menschliches Geschenk“ zu „Kapitel 39 - Beißer damals und heute“ geändert.
  • Irving musterte den jungen Hohenfelde mit einigem Interesse. Auf der einen Seite mochte er den Kerl nicht sonderlich, seit dieser versucht hatte, ihn und damit auch Thabit umzubringen. Dass er ihm dazu selbst mehr als nur genügend Anlass gegeben hatte, ließ er in seine Einschätzung mit einfließen, ansonsten wäre die Einschätzung deutlich radikaler ausgefallen. Sein Blick war daher trotz einer gewissen Abneigung durchaus wohlwollend. Hier eröffnete sich gerade ein neuer Weg, wie die Wigbergs es sagen würden. Einer von denen, die bislang im Dickicht gelegen hatten, verborgen darauf wartend, entdeckt zu werden. Und hier war er.


    "Du hörst dich an, als ob es dir wichtig ist, Linhard. Mir ist es das auch, denn Asa Karane ist mehr als nur ein Begriff von altem, fast vergessenen magischem Wissen. Die Insel der Gefangenen ist mir mehr als nur ein abstrakter Begriff, mir war Asa Karane Heimat und Abgrund in einem. Dort lebte und liebte ich, dort sah ich meinen Liebsten fallen. Ich kannte Dun-Haru-Mar noch zu Lebzeiten, als er drei war und sie sich Dunwolf von Hohenfelde, Harubold von Wigberg und Marthis von Eibenberg nannten. In einem Punkt irrst du dich, Linhard. Ich weiß, wie der endgültige und unwiderrufliche Tod aussieht. Er war damals die gängige Praxis. Ich könnte dir sehr lange und sehr viel erzählen. Einfacher machst du es mir, wenn du konkrete Fragen stellst. Frag mich. Ich werde dir antworten. Wenn du möchtest, können wir uns dabei auch ein wenig die Beine vertreten."

  • Linhard überlegte kurz, stand dann auf und gab Irving ein Zeichen ihm zu folgen. Auch wenn Verrill nicht sonderlich begeistert davon sein würde, manche Dinge gingen weder Verrill noch Tazio etwas an. Vor allem dann nicht, wenn er sich über jene Themen selbst erst klar werden musste.


    Langsam verließ er den Saal und schlenderte den Flur entlang. Wichtig? Natürlich war ihm das Thema wichtig. Die Vergangenheit konnte oft Probleme der Gegenwart erklären, manchmal war dort sogar die Lösung zu finden. Denn auch wenn man die Zeit nicht zurückdrehen konnte, die meisten Fehler konnte man beheben. In ihrem Fall erst Recht, da man sich eine andere Verhaltensweise angewöhnen musste.


    Der alte Weg, sie hatten ihn verlassen. Nun gingen sie einen neuen Weg, einen der innerhalb der Familie friedlicher war, der versuchte Zusammenhalt unter ihnen zu ermöglichen. Dass dies nicht von heute auf morgen geschah, war verständlich. Aber jeder Weg begann mit dem ersten Schritt. Und genau den hatte er unternommen.


    Nun hieß es die Überlieferungen auf Wahrheitsgehalt zu überprüfen. So konnten sie den alten Weg schneller abstreifen, denn es war durchaus denkbar, dass es diesen alten Weg nie gegeben hatte. Er war nicht alt, sondern es war der Weg von Dun-Haru-Mar. Sie hatten sich ihre Welt erschaffen, voller Unterhaltung und Vollversorgung.


    Aber was war dann tatsächlich der alte Weg gewesen?


    Alt war nicht gleichbedeutend mit schlecht. Brachte man dabei aber seine Familienangehörigen um, lebte man nach dem Gesetz des Stärksten, überlebten auch nur die Stärksten und Cleversten. Dennoch war ein Mann an der Spitze ohne Brüder, ohne Neffen, ohne Vertraute einsam, allein und einer Meute immer schutzlos ausgeliefert. Gleich wie gut er kämpfen konnte, einer Übermacht konnte auch er nicht die Stirn bieten. Während er kämpfte, wurde er von Gegner zu Gegner müder und irgendwann gewannen sie einfach durch ihre Masse. Selbst dann, wenn jeder seiner Gegner nur mittelmäßig war. Man sah es an den Ameisen, sie waren klein, aber sie waren viele.


    Lin strich sich über das Gesicht und schaute zu Irving. Er hatte nicht vor, das Gesicht seiner Familie vollständig zu verändern. Sie waren wer sie waren. Es sang in ihrem Blut und gleich was ein Hohenfelde behauptete, in Wut oder wenn man ihn bedrohte, dann hörte er ebenfalls den Gesang. Die Verheißung der Lösung, er wusste instinktiv was zu tun war. Und selbst der Unfähigste unter ihnen wusste wie mit der Muttermilch aufgesogen - nur ein toter Feind, war ein guter Feind.


    Was Linhard vorhatte war schlicht, er wollte das Optimum aus seiner Familie herausholen. Die Perfektion und Gnadenlosigkeit der Hohenfelde, gemischt mit dem Zusammenhalt der Wigbergs. Wozu der Bund der Sippe, wenn man doch strikt nach Familie trennte? Ein Unsinn.


    Eine Familie mit dem Zusammenhalt der Wigbergs und ihren Fähigkeiten, war wie ein mächtiger Mann, ein Organismus der sich in seiner Gesamtheit gegen einen Feind verteidigte. Ein Ameisenhaufen griff sich auch nicht selbst an, oder der Körper. Die Hand führte keinen Krieg gegen die Füße oder die Ohren. Wozu auch? In ihrer Gesamtheit waren sie eins, waren sie handlungsfähig.


    Seine Vorstellung seiner Familie waren soziale Hohenfeldes, oder extrem finstere Wigbergs. Wigbergs die nicht nur Wissen sammelten, nein dass würde er genau jener Familie überlassen. Da waren sie die Spezialisten und der Sippenzusammenhalt war gewahrt. Seine Hohenfelde-"Wigbergs" sollten für jeden der ihren einen Platz finden. Die Auslese des Besten würde auf andere Art erfolgen müssen, aber er würde nach wie vor die Familie führen. Die gesamte Familie, eine große, mächtige Familie. Wo jeder Einzelne nach besten Wissen und Gewissen gefördert wurde, zu ihrem Erhalt, zum Selbstzweck der Familie und nicht um einen machthungrigen Vorfahren zu ernähren.


    Irving bat ihn um Fragen.

    Was sollte er fragen? Er hatte keine Ahnung von Asa Karane, wie sollte er da gezielte Fragen stellen? Nun er würde ihm genau das sagen.


    "Ich kann keine gezielten Fragen stellen Irving, da ich keine Ahnung von Asa Karane habe. Beschreibe mir meine Familie von damals. Beschreibe mir, wie sie mit den anderen Sippenmitgliedern lebten. Wie stand die Sippe zueinander? Der alte Weg oder das was wir dafür halten, hat nicht in Eurer Welt existiert. Der alte Weg ist Dunwolfs Werk, das Werk der Trinität um sie mit allem zu versorgen was sie benötigten. Sie formten uns zu dem was wir sind.


    Aber wer waren wir vorher? Natürlich ist es mir wichtig, all dies zu erfahren, denn dass wird mit entscheiden wer wir zukünftig sind. Wer wir sein können, dazu habe ich meine eigenen Gedanken Irving", erklärte Lin nachdenklich.

    "Niemand wendet sich gegen die Familie, sonst wendet sich die Familie gegen Dich" - Linhard von Hohenfelde

  • "Suchen wir uns einen gemütlichen Platz. Der Palazzo Ducale hat einen Wintergarten, den ich dir gern zeigen möchte." Vor allem war er von dort aus mit einem Satz im Wasser und von Thabit trennte ihn nur eine dünne Glasscheibe, falls Linhard wieder schlechte Laune bekommen sollte. Davon ging Irving allerdings nicht aus. Linhard wirkte aufrichtig interessiert und Irving widerum fühlte sich dadurch geschmeichelt. Er sprach gern von dieser Zeit, die er manchmal, trotz ihrer Wirren, vermisste.


    Der Wintergarten war auf Meereshöhe und barg einen Teich im Fußboden, der in die Laguna mündete. Angefütterte Fische schauten hier regelmäßig, ob es etwas zu holen gab. Palmen, Farne, Orangen und Zitronen in Kübeln verliehen dem Ganzen ein exotisches Flair, wenn man eher die gemäßigteren Breiten gewöhnt war.


    "Setzen wir uns." Irving nahm an einer Sitzgruppe platz. "Asa Karane", wiederholte er den Namen, der ihm so viel bedeutete. Gutes, Schlechtes, vor allem aber war die Insel der Ort, in dem er seinen Liebsten kennengelernt hatte. Er schloss einen Moment die Augen und sah Thabit vor sich in seiner menschlichen Gestalt mit einem Mundschutz durch die Aschewüste reiten. "Zu der Zeit, da ich geboren wurde, war die Insel bereits im Niedergang begriffen. Aus der Insel der Magier war eine Insel der Gefangenen geworden, denn keines der Häuser war kundig im Schiffbau oder Seefahrt. Von jenen Häusern waren damals nur noch sechs übrig. Hohenfelde, Wigberg, Eibenberg, Kaltenburg, Ratzenreuth, Kuttenthal. Sie standen in erbitterter Rivalität um die letzten magischen Reserven des Landes, auf dem sie lebten und, wichtiger, von dem manche von ihnen lebten. Die Natur von Asa Karane war kaum mehr als eine Wüste aus Totenasche und Flocken von organischem Gewebe unterschiedlichster Beschaffenheit. Jede Burg war eine Insel auf der Insel, denn Leben war der wichtigste Rohstoff. Unter diesen Vorraussetzungen wurde alles knapp ... Nahrung, Sklaven, sauberes Wasser, sogar die Luft war mühsam zu atmen und das Wasser schmeckte brackig.


    Die Hohenfelde lebten unter diesen Bedingungen wie alle anderen sehr eng beieinander hinter massiven Mauern, Distanz schufen sie durch bauliche Trennungen und Verschachtelungen und geschickte Aufgabenteilung. Ich frage mich, ob die Ruinen noch stehen. Fürst der Hohenfeldes war seine Durchlaucht Indutiomarus, der Vater von Dunwolf. Seine Regentschaft war ausgesprochen hart, wie die eines jeden der sechs Fürsten, denn sonst hätten sie nicht zu den Überlebenden gehört. Aber ihm waren weder Liebe noch Verantwortungsgefühl fremd. Er gab seinen Söhnen, die immer drei an der Zahl waren, lange Zeit, sich zu bewähren.


    Erst, wenn sie diese nicht nutzen, löschte er sie aus, um einer weiteren Versuchreihe platz zu schaffen. Dahinter steckte kein Sadismus, sondern der Gedanke, der auch heute noch in pervertierter Form gelehrt wurde - die Auslese des Fähigsten. Zu meiner Zeit waren diese Söhne bereits zwischen dreißig und vierzig Jahre alt und langsam begann Indutiomarus, mit den Säbeln zu rasseln. Er warnte sie mehr als nur deutlich. Sein Wunsch war nicht, ewig zu herrschen, sondern lange genug, bis ihn endlich jemand übertreffen konnte. Darin unterscheidet er sich vor allem von Dunwolf. Nicht, dass er kein Sadist gewesen wäre ... doch in dem Fall war dies nicht der ausschlaggebende Punkt.


    Möchtest du etwas ergänzen, Liebling?", fragte er mit Bick auf den Ozean.

  • Linhard schaute sich um und setzte sich so, dass er die Scheibe, wie auch den Eingang im Blick behalten konnte. Alte Gewohnheiten saßen tief, und dies war eine uralte Angewohnheit. Eine der ersten die er gelernt hatte, behalte die Umgebung im Auge.


    Lin hörte Irving zu und versuchte sich eine derartige Welt vorzustellen. Der Kampf um Resourcen, wozu alles gehörte. Sogar die Lebenden, vermutlich daher der Hang zur Nekromantie.


    "Stammt daher die Nekromantie, oder die Liebe zu dieser Magieform? Indutiomarus hat also darauf gewartet, dass ihn jemand ablöst. Was geschah, wenn es keiner geschafft hatte? Wartete und tötete dann jenen Sohn der zu lange wartete? Oder honorierte er auch einen Versuch der scheiterte? Er wusste also darum, dass er dort nicht ewig auf dem Thron sitzen würde. Möglicherweise wollte er dies auch gar nicht.


    Dun-Haru-Mar hingegen wollten genau dass, ewig existieren, gleich in welcher Form. Nur so kann ich mir erklären, weshalb sie diese Gestalt angenommen haben und das Herrenhaus schufen.


    Euer Leben war dem in Souvagne nicht unähnlich, nur umschließt diese Mauer einen ganzen Staat. Eure Mauern umschlossen die Festungen und den Lebensraum der Familien. Wobei man das auch als Staat werten könnte, es war Eure Scholle. Wie sah Indutiomarus aus? Du sagtest er kannte Liebe? Wem galt seine Liebe?


    Und wie war der Alltag was das Leben betraf? Gab es einen Unterschied wie heute zwischen Magiern und Nichtmagiern? Ich finde jeder hat seine Daseinsberechtigung. Nur weil ich nicht die gleichen Fähigkeiten habe, die ein Magier sein eigen nennt, bin ich ja nicht ohne jede Fähigkeit. Ich vermute ihre Burg lag auf einem Felsen, einem Plateau, oder einem Berg - daher Hohenfelde oder?


    Was ist mit Deiner eigenen Familie? Was ist mit den Kaltenburgern? Und was war damals mit den Wigbergs?", hakte Linhard nach.


    Thabit trieb trägte im Ozean dahin, seine Bewegungen waren minimal. Er fühlte sich wohl und war froh, dass es Irving an Land ganz ähnlich erging. Sollte sein Mann hinaus auf die See schauen, sah er unter der Oberfläche des Meeres einen gewaltigen Schatten dahinziehen. Dunkelbau wie die Tiefsee mit hellen Sprenkeln. Er war da, so nah dass er sogar eingreifen konnte. Aber Thabit spürte, dass dazu kein Grund bestand, Linhard war nicht aggressiv, er war nachdenklich und neugierig. Ehr Richtung Melancholie was seine Gefühlswelt betraf.


    `Du hast alles richtig erläutert Schatz. Indutiomarus wollte nicht ewig herrschen, er war alt, er hatte so einiges kommen und gehen sehen. Er hatte Festungen entstehen und fallen sehen. Er hatte die Insel selbst entstehen sehen, hatte einen Großteil dazu beigetragen. Er hatte sogar ihre alte Welt fallen sehen, hatte den Umzug auf die Insel überlebt. Er hatte so vieles überlebt, dass er manchmal munkelte, das letzte Abenteuer läge jenseits den Nexus. Ob er eine andere Daseinsform annehmen wollte? Möglich.


    Er war mächtig, wie alle Fürsten. Ich wage zu behaupten er war mit einer der mächtigsten, als Einzelperson - sprich von seiner persönlichen Befähigung her. Seine Magie war geboren in Leid, sein Vater war ein Sadist, er hingegen war Pragmatiker. Er tat was er tun musste um zu überleben.


    Ähnlich wie die Schlüsselmeisterin Verrill es vorhin erläuterte, starb auch er einst und aus seinen Überresten wurde etwas Neues wiedergeboren. Nicht nur der Marquis durchwanderte den Abgrund und kämpfte sich zurück ins Licht. Auch Indutiomarus durchwanderte einen Abgrund an Qualen und kämpfte sich zurück in die Nacht.


    Und so wie der Marquis Dinge entdeckte, so entdeckte auch Indutiomarus Dinge. Nekromantie, darüber hätte er nur gelacht. Einige ausgewählte Sprüche, sind doch keine Sparte der Magie. Damals auf Asa Karane gab es keine Geistmagie, Nekromantie, und was weiß ich für Magieformen wie sie heute getrennt werden. Es gab Magie - die den normalen Umgang damit beschrieb und es gab jene die Hexerfürsten anwandten, Essenz- oder Blutmagie. Sie beinhaltete das was wir heute als Geistmagie und die davon abzweigenden Formen kennen. Also Geistmagie, Nekromantie und auch Artefaktmagie, zudem ganz eigene Fähigkeiten und Sprüche die heute längst in Vergessenheit geraten sind.


    Die Essenzmagie ernährte sich genau davon, der Essenzen anderer. Magie wirken ohne die Essenz eines anderen zu verbrauchen war Magie wirken. Alles andere bezeichneten sie meist als Hexen, was eben den Titel unterstreichen sollte Hexerfürsten. Hieß sie waren in der Lage Leben zu rauben und damit Sprüche jenseits der heutigen Vorstellungskraft zu wirken.


    Aber mehr noch mein Liebster, sie konnten nicht nur Leben rauben.

    Einige wenige konnten sogar aus reiner Magie, Blut und einem unvorstellbaren Willen beides zu formen Leben schaffen.


    Das die Nekromantie von der Geistmagie abstammt wissen heute einige noch. Aber Nekromantie ist keine pervertierte Geistmagie. Ein uralter und kaum noch genutzter Zauber ist zum Beispiel der Essenzentzug - Stufe Vier eines Meisters der Geistmagie. Du siehst also Schatz, woher die Geistmagie ursprünglich stammt. Sie war ein Teil der Essenzmagie und einige wenige kennen diesen Zauber noch und wenden ihn sogar an.


    Sie verlängern damit ihr eigenes Leben oder das anderer ganz ohne ein Lich zu werden. Sie beschreiten damit Wege die noch älter sind, als jenen Weg den Dunwolf heute den alten Weg nennt.


    Ich erinnere mich an unsere Zeit, meine alte Gestalt. Manchmal wünschte ich, dass ich nur für einen Augenblick meine menschliche Gestalt zurück erlangen könnte. Für einen Augenblick Dich durch menschliche Augen sehen Irving. Deine Haut unter meinen Fingerspitzen fühlen, während ich Dich streichele. Meine Lippen auf Deine zu drücken, Dein Haar zu riechen und Deinen Atem zu kosten.


    Wir sind enger verbunden als jede lebende Person, wir sind eins und dennoch fehlt es mir manchmal Dich einfach und schlicht zu umarmen und zu lieben´, antwortete Thabit.

    "Niemand wendet sich gegen die Familie, sonst wendet sich die Familie gegen Dich" - Linhard von Hohenfelde

  • Linhard musste sehr lange auf die Antwort warten, da Irving gedanklich mit seinem Mann sprach und seelisch mit ihm schmuste.


    'Ich vermisse deine Gestalt auch, Thabit ... auf Asa Karane fanden wir so gut wie nie Ruhe, weil wir gedanklich immer verteidigungsbereit waren gegen Angriffe von anderen Magiern. Und als wir diese Insel endlich verließen, warst du nicht mehr körperlich. Im Tausch sind wir unsterblich geworden, aber der Preis ist sehr hoch. Manchmal frage ich mich, wenn wir die Wahl gehabt hätten, ein einziges glückliches Leben zu zweit zu verbringen - hätten wir diese Variante gewählt? Oder wären wir dennoch bei der heutigen geblieben?'


    Es folgte eine Zeit gedanklicher Zweisamkeit, in der ihre Seelen umeinanderstrichen. Linhard sah, dass Irvings Gesichtsausdruck sehr entspannt wirkte und seine Wangen einen rosigen Schimmer hatten, ehe er aufhörte, hinaus ins Meer zu blicken und sich ihm wieder zuwandte.


    "Deine Fragen habe ich nicht vergessen. Ich werde sie dir beantworten.


    Meine eigene Familie ... die Kaltenburger ... haben überlebt. Ich bin unsterblich, aber kein Untoter, ich bin zeugungsfähig. Dafür muss ich nicht meinem Mann untreu werden, wie es heute so modern ist, es stehen ja auch mechanische Methoden zur Verfügung.


    Ja, auch damals gab es einen Unterschied zwischen Magiern und Nichtmagiern - den, dass es so gut wie keine Nichtmagier gab! Die Wigbergs waren wohl die ersten, welche ihren Wert erkannten.


    Magier waren die regierende Kaste in Asa Karane. Ohne Magie konntest du alles werden, nur nichts von Rang. Magie war das, was das ganze System am Leben hielt. Ohne Magier wären dort alle - auch die Nichtmagier - umgekommen. Die Magier schützen ihr Volk, ihre Untertanen vor den Angriffen anderer Magier. Und bis zu einem gewissen Grad auch die Sklaven. Die benötigten sie ja für den Tag X, wenn sie diese als Brennstoff für ihre Zauber benötigten. Wer Magier war, war dazu geboren, hoch aufsteigen zu können. Ob er es schaffte, lag an ihm. Aber ohne Magie, keine Chance.


    Hohenfelde lag nicht auf einem Berg. Die Burg stand hinter einem schroffen Felsmassiv gut verborgen im Tal, nahe eines Zugangs zum Ozean, wie es alle Häuser hatten, die bis dahin überlebten. Der Grund ist einfach - Sklavenlieferungen via Schiff versorgten diese Häuser kontinuierlich mit externer Essenz und somit Lebens- und Kampfkraft, da es auf der Insel nicht mehr viel zu holen gab. Im Landesinneren aber regierten nur Verfall und Tod, sowie merkwürdige Ausgeburten magischer Experimente und überlebender Missgeburten, die sich gegenseitig fraßen und es irgendwie schafften, sich durchzuschlagen.


    Der Vater Indutiomarus setzte seinen Söhnen ein Ende, wenn sie alt genug waren. Wie er mit gescheiterten Angriffen umging, muss ich meinen Liebsten fragen, aber ich gehe nicht davon aus, dass der Versager den Versuch überlebte. Indutiomarus war optisch ein dürrer, alter Mann mit langem schwarzem Haar und durchdringenden Augen wie Eis. Seine Nägel glichen schwarzen Klauen und seine Zähne waren, wie die von so vielen zu dieser Zeit, gefeilt. Was seine große Liebe angeht, gönn mir den Spaß und rate. Welches Haus, welches Aussehen, welche Natur?


    Dunwolf schuf das Herrenhaus nicht, um ewig darin zu wohnen. Er schuf es als seine persönliche Arena. Das ist der ganze Zauber. Und ihr alle habt brav das Spiel mitgespielt. Wo Indutiomarus noch Verantwortung kannte, kennt er nur sich und sein Vergnügen."

  • Irivng spürte wie seine Seele von einer Liebe und Geborgenheit umschlossen wurde, wie man es nur bei einer Seelenverschmelzung fühlen konnte, oder eben wenn man auf ewig an einen Leviathan gebunden war. Sie waren zwei und dennoch eins. Mehr Nähe ging nicht und dennoch war eine Sehnsucht in dieser Nähe von Thabit, die an diesem Tag zur Melancholie von Linhard passte. Nur hatte das Sehnen von Thabit einen völlig anderen Hintergrund.


    `Wir hatten nie eine Wahl Liebster und selbst heute haben wir keine Wahl. Wir sind das Produkt unseres Lebens, unserer Erfahrungen und auch heute noch sind wir stets auf der Hut. Immer auf den Sprung uns zu verteidigen oder zu fliehen. Wobei es kaum noch etwas gibt, was uns in die Flucht schlagen könnte oder uns zur Kapitulation zwingen kann.


    Kaum Irving, denn die Schlüsselmeisterin hat den Schlüssel zu unserer Verwundbarkeit gesehen. Das was uns gemeinsam unaufhaltsam macht, ist genau dass was uns auch in die Knie zwingt - unsere Zweisamkeit. Und genau jene hat sie uns genommen, als sie Dich raubte und mir aus dem Herzen riss.


    Er, sie, es ist eine äußerst kluge Person. Bedenke eines, als Feind ist sie grausam und mächtig. Als Verbündete wäre sie eine ungeheuere Möglichkeit. Jene die Tag und Nacht in sich tragen, jene die Anfang und Ende repräsentieren sind in der Lage die Doppeltore zu öffnen. Wo immer sie liegen, einer alten Legende zu folge. Sie hat scheinbar das zweite Gesicht, aber das hat sie nicht wirklich. Sie hat eine vollständige Sicht auf die meisten Dinge.


    Ihr Wut ist wie ein tosender Sturm, aber ihre Freundschaft ist von gleicher Stärke. Handele wie ein Wigberg Liebling. Wie sagte Brandur von Hohenfelde richtig? Du kannst den Sturm nicht bändigen indem Du mit ihm sprichst. Aber auch nicht, indem Du Dich ihm entgegenstellst. Du musst lernen auf dem Sturm zu reiten, ganz so als hättest Du Segel.


    Ob ich ein einziges vollkommenes Leben mit Dir dem hier vorziehen würde?


    Das kann ich Dir nur beantworten, wenn Du mir sagst, wie Du Dir ein vollkommenes Leben vorstellst. Traute Zweisamkeit wir beiden allein an einem Strand unserer Wahl und wir lieben und in den warmen Wellen, während uns der Mond auf den Rücken scheint? Dann wäre meine Antwort, lass uns einen passenden Körper und den Strand suchen. Auf der anderen Seite, wäre ich feige genug diesen Körper hier aufzugeben.


    Durchtrenne ich das Band, werden wir beide sterben. Das ist ein Fakt. Eine für mich unerträgliche Tatsache hingegen wäre, dass ich Dich damit töten würde. Ich würde Dich durch die Aufgabe meines Körpers ermorden. Ich hätte den Palast und alles angreifen können Liebster, ich hätte Monleone einäschern können.


    Ich hätte Verrill die Stirn bieten können, um welchen Preis?

    Sie wusste, was sie von mir in der Hand hatte.

    Alles was mir etwas bedeutet - Dich.


    Und so war ich trotz aller Macht machtlos. Mir ist es nicht vergönnt, in einen anderen Körper zu wechseln wie es Dunwolf oder andere Älteste können. Streife ich diesen Körper ab, streife ich unsere Liebe ab, ich würde Dich mit abstreifen Irving. Also lautet meine Antwort nein. Meine Wahl wäre immer wir - nicht ich. Wir beide oder gar nicht´, antwortete Thabit.


    Linhard wartete ab, bis Irving mit mentalen Zwiegespräch fertig war. Er kannte diesen Blick aus seiner Familie nur zu gut. Wie sagten die Puries scherzhaft? Licht ist an, aber keiner im Moment Zuhause. Irving war mit seiner Seele sonstwo, vermutlich bei seinem Mann. Wo sollte er auch sonst sein?


    Als Irving in die Realität zurückkehrte erzählte er ihm, was Asa Karane wirklich war. Eine Insel voller Magier. Der Kitt der die Insel und das dortige Machtgefüge zusammengehalten hatte, waren jene Magier und ihre Magie. Eine Welt in der ein Purie nichts bedeutete. Möglicherweise benötige man für alltägliche Dinge schon Puries, die Wäsche wusch sich nicht von selbst, das Essen bereitete sich auch nicht von Zauberhand zu und auch Mensch und Tier wollten versorgt sein.


    Aber Linhard verstand ebenso, dass in einer Welt wo der Unterschied zwischen Leben und Tod der höchste Magier der Familie war, kein Purie an die Spitze kommen durfte. Sie wären zum Untergang verurteilt gewesen. Linhard nickte knapp und nachdenklich.


    "Verständlich Irving, jene Magier waren Eure Lebensversicherung. Ohne einen Magier an der Spitze, hätte es keine Familie gegeben die man führen kann. Es muss ein Leben gewesen sein, dass von Magie durchdrungen war. Sie gehörte vermutlich auf dieser Insel noch mehr zum alltäglichen Leben als bei uns in der Familie zu naridischen Zeiten. Was ein Lich mit einem Purie anstellen kann, wenn er ihm das Leben entzieht, ist bekannt. Was diese Magier konnten, kann ich mir nicht vorstellen. Sie müssen über gewaltige Magie verfügt haben, wenn sie ganze Städte oder kleine Länder die sie ihr eigen nannten damit verteidigten.


    Den Rücken an der Wand, eine gute Position um ihn vor Angriffen zu schützen. Offen zum mehr hin für die Versorgung mit Sklaven. Wie wurden die Sklaven verbraucht, wurde ihnen das Leben geraubt? Das klingt nach Nekromantie, aber so genau kenne ich mich nun auch nicht damit aus.


    Indutiomarus klingt optisch nach einem von uns. Vermutlich würde ich ihn als ein Familienmitglied erkennen, würde er noch leben und wir würden uns über den Weg laufen. Wir müssten uns verdammt ähnlich sehen. Jedenfalls von der Statur her und von den Gesichtszügen. Einige von uns haben blaue Augen, andere dunkle fast schwarze. Ansgar und Dave haben blaue Augen, Dunwin hatte dunkel, ich habe ebenso dunkle.


    Nun wenn Du schon so fragst, entweder ein Kaltenburger wie Du oder ein Wigberg wie Dein Mann.


    In welcher Form oder in welchem Vergleich kann man sich Indutiomarus und seinen Mann vorstellen? Vergleiche ihn mal mit einer heute lebenden Person. Wie mächtig ist er? So wie Paps Brandur, so mächtig wie Dave, oder sogar so mächtig wie Osmund oder Maghilia? Wie mächtig war dieser Mann? Ich versuche mir ein Bild von ihm zu machen, da er der Vater des Ältesten war. Er war im Grunde der Vater unseres Familiengottes.


    Eine Arena? Ja das beschreibt das Herrenhaus sehr gut, Brot und Spiele, es war beides für Dun-Haru-Mar. Wenn Du die seelenlosen Leichen kennst, dann weißt Du auch was ich meine. Was ihnen fehlt, kann ich Dir nicht beschreiben, aber man sieht auf den ersten Blick, dass sie weitaus mehr als einfach nur tot sind. Und ich habe schon viele Leichen gesehen, glaub es mir. Sicher nicht so viele wie Du, aber mehr als ich in meinem Alter hätte sehen sollen.


    Und wo war Dein Stand in dieser Welt, in diesem großen, gewaltigen Spiel, bei dem es um nichts Geringeres ging, als um alles oder nichts? Wo warst Du dort?


    Ich stelle mir die Familienfestungen wie einzelne Inseln auf der Insel Asa Karane vor. Kleine Lichtpunkte wo Leben möglich war in einer sonst unwirtlichen, tödlichen Umgebung. Eine Welt in der alles Mangelware ist, wird automatisch zum Kriegsschauplatz, wenn jeder die letzte Resource für sich beansprucht.


    Nun es hätte noch eine Möglichkeit gegeben.... Zusammenarbeit.

    Verwunderlicher Vorschlag aus dem Mund eines Hohenfelde nicht wahr? Aber genau das habe ich vor. Ich habe einen anderen Weg eingeschlagen. Jedes Familienoberhaupt drückt seiner Familie den Stempel auf, den es für richtig hält. Mein Stempel wird noch weiter gehen, als ich bisher schon gegangen bin. Das war nur der Anfang des neuen Weges. Dun-Haru-Mar diese Gottheit ist Geschichte und mir ihr, ihr vorgeschriebener Weg.


    Mein Weg sieht vor, dass wir einander nicht mehr töten, sondern dass wir uns genauso wie die Wigbergs unterstützen. Die Familie soll ein fester Platz von Sicherheit und Geborgenheit sein. Die Dolche sind gemeinsam nach außen gerichtet um jedem Feind die Stirn zu bieten, gemeinschaftlich, in voller Stärke. Natürlich soll der Beste die Familie führen. Aber dennoch soll es eine Familie sein, eine Großfamilie. Das sind wir so zwar auch, aber immer nur auf eine Linie reduziert. Nur ein Mann und seine Nachkommen. Bis jetzt. Ansgar und Dave schufen so zum Beispiel schon zwei Linien - die Kinder von Ansgar und Dave. Ich habe vor, es genauso zu handhaben. Meine Kinder und die Kinder von Irmina und so weiter.


    Sagen wir mal so, die Hohenfelde sollen sich den Wigbergs dahingehend anpassen, nur mit ausreichend Biss und Stärke, stell Dir den Familienzusammenhalt der Wigbergs und unsere Fähigkeiten vor. Vereint zu einer Einheit, miteinander nicht gegeneinander. Meinem Wahlspruch folgend.


    Du musst nicht nicht fürchten Irving, Du kannst Dich entspannen, dass wollte ich Dir gesagt haben. Das ich Dich gepiekst habe, lag daran, dass Du Verrill beleidigt und bedroht hast. Lass es und ich lass es auch. Darauf sollten wir uns einigen können. Immerhin sind wir über tausend Ecken verwandt und Du bist der Seher von meinem Ehebruder. Und ich benötige Deine Infos", grinste Lin.

    "Niemand wendet sich gegen die Familie, sonst wendet sich die Familie gegen Dich" - Linhard von Hohenfelde