Kapitel 3 - Worte des Meisters

  • Kakko hätte die Schläge klaglos akzeptiert. Sie gehörten dazu. Nur nicht vom Skolopender, der sich in Dinge einmischte, die ihn nichts angingen.


    "Mein Vater lebt in Arashima", erklärte Kakko. "Mein leiblicher Vater. Karasu Korikara, die Eiskrähe. Klingt das nicht wie ein Jägername? Ich würde gern wissen, ob er lebt und ob er sich über meine Existenz freuen würde. Auch wenn Ratte sehr schlecht von ihm berichtete. Auch von mir gibt es noch wenig Heldenhaftes zu erzählen. Der Preis wäre eine weite Reise ins Unbekannte, in ein Kriegsgebiet und die Suche nach einem Mann, von dem ich nichts weiß als seinen Namen und die Stadt, in der er zuletzt lebte. Ja, auch ich bin im Moment dafür zu faul, zu ängstlich, zu bequem. Es gefällt mir hier. Und was, wenn er mich genau in diesem Moment suchen kommt? Wenn er dann hier ist und ich dort und wir uns genau verpassen? Ich schaue mir jedes Arashi-Schiff an und ich frage auch, wen ich nur fragen kann, doch bislang ohne Erfolg."


    Er erhob sich, schaute sich um, ob er irgendetwas vergessen hatte und zog den Schal wieder über Mund und Nase. Er zog ihn ordentlich fest, damit er nicht herunterrutschte, auch wenn der Stoff so steif war, dass er selten sein Gesicht preisgab, um schlussendlich seinem Meister zu folgen.

  • Hector stand mit einer geschmeidigen Bewegung auf und gab den Weg vor. Er ging allerdings so, dass sie beide nebeneinander laufen konnten und Kakko ihm nicht im Windschatten folgen musste. So unterhielt es sich angenehmer.


    "Es klingt tatsächlich wie ein Jägername, nur weißt Du nicht, was er jagt. Dein Name ist passend für einen Beißer, jedenfalls für das Verhalten. Die einzige Form unseren Kindern unsere Liebe zu beweisen ist sie als Neugeborene fortzugeben. Sie zu behalten, würde ihren sicheren Tod bedeuten. So hielt es jeder, der seine Kinder sicher wissen wollte. Wie ein Kuckuck in das Nest eines anderen gelegt, damit sie es aufziehen. Bei all unseren Fähigkeiten, geht uns genau jene ab - wir können keine Kinder aufziehen. Einige haben es versucht und sind kläglich gescheitert und zwar an sich selbst. Niemand kann vor seiner eigenen Natur davon laufen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Bedingungen zu schlecht und der Hunger zu groß wird. Wenn der Schalter in Deinem Kopf umschnappt, schnappen meist auch die Zähne zu. In dem Moment der absoluten Gier ist es einem gleich, welches Fleisch man in sich hineinschlingt. Das böse Erwachen kommt später, wenn man begriffen hat, wen man dort fraß.


    Es hat also nichts mit Verantwortungslosigkeit zu tun, dass wir unsere Kinder fortgeben. Es wäre verantwortungslos sie zu behalten. Aber als Vater hat man dennoch ein Auge auf sie, man weiß wo sie sind und hält den Sicherheitsabstand ein. Sind sie der Kindheit entwachsen, kann man sich ihrer annehmen. Du kannst sie natürlich auch im Zirkel abgeben und jemandem aushändigen der zwar ein Beißer, aber kein Babybeißer ist.


    Wo war Dein Vater? Möglicherweise gab er Dich aus gleichem Grund ab. Nur wo ist er dann heute? Wäre er einer von uns, hätte er schon längst nach Dir gesucht. Falls es Dir jedoch wichtig ist, such ihn nicht in Arashima, sondern frag die Obermutter. Geh zur Baronin und frage sie, ob sie Dir sagen kann ob Dein Vater noch lebt und wenn ja wo. Dann hast Du Gewissheit. Was Du daraus machst, kannst Du immer noch entscheiden. Allerdings weiß ich auch was Ratte mir erzählte damals, vor einer halben Ewigkeit. Überlege es Dir, meinen Segen hast Du. Falls Du ihn suchen willst, werde ich Dich begleiten", gab Hector zurück.


    Arashima klang nach einer guten Gelegenheit Beute zu schlagen, sich mit vorzüglichen Waffen einzudecken und eine Menge Spaß zu haben mit äußerst hübschen Mandelaugen.

  • "Katagawara ist der Name der Stadt, von der man weiß, dass Karasu Korikara dort einst wohnte. Wo er heute wohnt, weiß ich freilich nicht. Meine Mutter gebar mich in Schwalbingen, der Hafenstadt, an der die Dschunke mit den Flüchtlingen anlandete. Was, wenn er mich ausgerechnet dort suchte und mich nicht fand? Woher sollte Karasu wissen, dass ich hier bin?"


    Kakko schüttelte den Kopf, während er neben Hector herstapfte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater etwas anderes fühlen könnte als Zuneigung und den Wunsch, seinen Sohn zu sehen und sei es erst zu gegebener Zeit. Mit 24 sollte Kakko nun alt genug sein.


    "Bei mir wäre ein Kind sicher. Ich esse, was man mir vorsetzt, aber ich habe kein besonderes Verlangen nach jungem Fleisch. Mir könnte man ein Kind anvertrauen. Und falls ich selbst einst eins habe, werde ich es nicht fortgeben müssen."


    Als er beim Gehen ein wenig mit seinem Meister zusammenstieß, wurde ihm ein schmerzlicher Gedanke bewusst. Bevor das zu verantworten wäre, müsste er sich selbst die Zähne verdienen, um aus dem Schatten seines Meisters zu gelangen. Oder sich anderweitig aus desssen Einflussbereich zurückziehen. Denn ganz gleich, wie sehr Kakko Kinder mochte - auch sein Meister mochte sie, und im Gegensatz zu ihm auf eine sehr gefährliche Weise.


    "Wenn wir zurück in der Himmelsröhre sind, werde ich mit der Baronin sprechen, danke für Euren weisen Rat."


    Kakko blickte sich am Strand noch einmal um, doch Aisoru war nirgends zu sehen. In Anbetracht von Hectors Kommentaren war es wohl auch besser für ihn.