Kapitel 6 - Der Kuckuck im Fuchsbau

  • Der Kuckuck im Fuchsbau

    Gelangweilt schlenderte Kakko durch die endlosen, spärlich beleuchteten Flure der Himmelsröhre. Die Luft war stickig und roch nach Fleisch. Die Gänge waren gemütlich eingerichtet, mit Teppichen und Tapeten, hier und da fanden sich Sitzgruppen und Abzweigungen in öffentliche Räume. Aber er fühlte sich hier dennoch gerade verloren. Seine Jacke hatte er vor der Tür liegen lassen und trug abgesehen von der ausgebeulten Winterhose und den Fußlappen nur noch sein verschwitztes Unterhemd. Sein Schal hing lose um den Hals, das schwarze, fettige Haar stand windschief vom Kopf ab. Er merkte, dass er etwas müffelte, hatte aber keine Lust, sich zu waschen oder umzukleiden.


    Er begab sich zur Küche, wo er am Türrahmen lehnte und hineinschaute. "Hey", rief er. "Ist Arbogast hier?"

  • Erna die Köchin schaute auf und nickte.


    "Er ist kurz im Eishaus, da lang", sagte die alte rundliche Frau und deutete mit dem Messer auf die Tür.

    In dem Moment kam Arbogast aus dem Eishaus und legte eine gesägte Menschenhälfte auf den Tisch für Erna. Sie hatte Ähnlichkeit mit den Schweinehälften die man aus anderen Schlachthäusern kannte.


    "Das Küken von Deinem Bruder verlangt nach Dir", sagte Erna und deutete mit dem Messer auf Kakko.

    "Alles klar", antwortete Arbogast und gesellte sich zu Kakko und schob ihn aus der Küche.


    Arbo war der Meinung es war besser woanders zu reden, so konnte man sich beim Schwätzchen geschickt um die Arbeit drücken. Zudem wusste er nicht, was Hector von ihm wollte und weder mit Nori noch mit Hector war zu spaßen. Verägern wollte er keinen der beiden.


    "Was ist los Kakko?", hakte Arbogast nach und nahm erstmal einen herzhaften Schluck aus seinem Flachmann und hielt ihn dem Eiskuckuck hin.

  • Kakko nahm den Flachmann und trank, dann reinigte er den kurzen Flaschenhals an seinem Unterhemd und reichte Arbogast den Schmaps zurück.


    "Ja, lass uns eine schöne Stelle suchen. Los ist nichts, das ist das Problem, mir ist langweilig. Hector hat irgendeinen komischen Liebhaber, mit dem hat er sich verzogen und mich ausgesperrt. Der Skopo will auch nicht mehr mit mir reden, der hatte ebenfalls wen im Schlepptau, den ich noch nie gesehen habe. Heute schient Tag der offenen Tür in der Himmelsröhre zu sein. Oder kennst du dir beiden Kerle? Ich würde gern mit dir ein bisschen Zeit verbringen. Wollen wir bei den Sklaven vorbeischauen oder worauf hast du Lust? Was machst du überhaupt, wenn du mal nicht in der Küche arbeitest? Du warst ja letztes Jahr einige Monate unterwegs."

  • Arbogast überlegte und übernahm dann die Führung.


    "Bei den Sklaven würden sie uns doch zuerst suchen, dass wir aus Frust vielleicht einen wegstecken wollen. Um es mal mit den Worten Deines Meisters zu sagen. Nein wir suchen uns einen gemütlichen Platz, wo man uns nicht so schnell findet. Unten in der alten Werkstatt, wo die ausrangierten Teile hinkommen. Sozusagen das Gebrauchtmöbellager. Dort bin ich öfters, wenn ich meine Ruhe haben möchte und meinen Gedanken nachhänge. Da stört mich niemand und macht mir keine Vorhaltungen, wenn ich mal ein kleines Päuschen einlege", grinste Arbo und behielt den Flachmann direkt in der Hand.


    Er führte Kakko hinab in den Sklavenbereich, führte ihn einen Gang entlang der von dort abzweigte und zu mehreren Türen führte. Hier wurde im Grunde alles sortiert gelagert, was man im Moment nicht brauchte. Der Keller der permanenten Bewohner der Himmelsröhre. Bis auf die Waffenkammer, die war selbstverständlich oben zu finden. Am Ende des Ganges bog Arbogast nach links ab, öffnete dort die Tür und schob Kakko hinein.


    Der Raum war groß und vollgestellt mit allerhand alten aber noch gut erhaltenen Möbeln. Sie türmten sich bis fast an die Decke, waren aber mit Gängen unterteilt, so dass man sich zwischen ihnen problemlos bewegen konnte. Arbo schob den Eiskuckuck bis zur hinteren Wand durch. Dort in einer Ecke lag eine dicke Decke mit Kissen, eine kleine Lampe stand dort und man sah, dass sich dort wer sein kleines, privates Nest geschaffen hatte.


    Arbo hockte sich auf die Decke, zündete die Lampe mit Streichhölzern an und macht es sich gemütlich. Den Flachmann stellte er in die Mitte, so dass Kakko sich einfach daran bedienen konnte.


    "Hier ist meine kleine Kuschelecke zum Entspannen, nachdenken oder auch einfach mal schlafen ohne das mich wer für einen Sonderjob wachrüttelt. Wie sahen die Männer denn aus, die Hector und den Skopo begleitet haben? Vielleicht waren es neue Rekruten, die um Aufnahme in den Zirkel gebeten haben", sagte Arbo freundlich und nahm selbst einen Schluck.


    "Ich wollte aufhören, war schon gut dabei, aber kaum bin ich wieder hier, geht der Trott wieder los. Letztens Jahr war ich mit Archibald und seinen Leuten unterwegs, wir haben dem Ältesten persönlich gedient. Habe einige nette Leute kennengelernt, Patrice zum Beispiel. Was wohl aus ihm wurde? Naja in der Küche erfährt man nicht soviel, wenn man ständig im Eishaus was erledigen muss. Die Tür ist dick, fast so fett wie Erna", lachte Arbo.

  • Kakko ließ ich in die weichen Decken sinken und stopfte sich einige Kissen zurecht. "Ich wusste nicht, dass dir solche Verantwortung anvertraut wird. Mir wäre das zu stressig, wenn es schief geht, gibt es am Ende nur Ärger. Aber warum hast du wieder mit trinken angefangen, von welchem Trott sprichst du? Gut, ich kann mir auch spannenderes als Küchenarbeit vorstellen, aber hast du mal um eine Versetzung gebeten? Wer ist dein Meister, der dich ausbildete?


    Der merkwürdige Kerl, der mit Hector verschwand, heißt Lieblich. Er sieht im Gesicht spitz und kantig aus, mit langem schwarzem Haar. Die Ohren sind auch spitz, vielleicht ist er ein Arashi-Alben-Mix. Sie kämpften beide, doch obgleich es sehr schnell und brutal wirkte, war es wohl nur ein Balztanz. Der andere, den der Skopo mitschleppte, war ihm recht ähnlich, er wirkte wie ein alter Soldat."

  • Arbo legte sich so, dass er Kakko dabei anschauen konnte.


    "Als Küchenhilfe wirst Du nicht ausgebildet, Du musst einfach mit anpacken und das tun, was Erna Dir sagt. Schnibbeln, Entbeinen, Fleisch holen und wegschleppen, Suppe umrühren, anderes Fleisch mit anbraten, am nervigsten ist Blutwurst und Blutsuppe. Da bist Du stundenlang am Rühren. Jedenfalls fühlt es sich so an.


    Ärger bekommst Du unterwegs nicht, wenn Du genau das tust, was Du sollst. Es war schön und angenehm, in der Gruppe zu reisen. Mit Tekuro habe ich mich gut verstanden. Der Alltagstrott, immer das Gleiche, wofür ich mich manchmal nicht geschaffen fühle. Wozu allerdings schon, dass wäre dann die Frage.


    Wie steht es mit Dir? Du bist jetzt 24 Jahre alt und immer noch ein Mündel. Möchtest Du ewig an Hector hängen, oder hast Du vor Dir irgendwann die Zähne zu verdienen? Ich hatte es mal vor, aber sind wir ehrlich, dafür bin ich einfach nicht gemacht. Das sind solche Ideen von denen man selbst weiß, Tagträumereien. Wie steht es da mit Dir? Bleibst Du freiwillig lieber passiv? Mein Bruder scheint ja einen Narren an Dir gefressen zu haben, er ist sonst nicht für seine Geduld bekannt. Bei Dir ist das was anderes, da scheint er eine Engelsgeduld aufzubringen.


    Lieblich? Lieblich oder Kirimar Tanba ist ein Mischling. Seine Mischung ist Arashi-Frostalb, woher diese Mischung stammt, kannst Du Dir denken. Weder die eine noch die andere Seite legte wert auf das Kind. Ihn und Hector verbindet die Liebe zum Schwert und ein bisschen mehr. Rede mit Deinem Meister darüber. Aber mal ehrlich, hast Du geglaubat Hector lebt wie ein Mönch und hat keinen Sex? Woher glaubst Du stammen seine Kinder? Nun nicht von Lieblich, aber ich meinte jetzt generell dass er Sex hat.


    Der Einzige aus der Familie der keinen hat, bin wohl ich. Blödes Thema", sagte Arbo und nahm erstmal einen kräftigen Schluck.


    "Den Begleiter vom Skopolender kenne ich nicht. Hat er keinen Kampfnamen genannt? So von der Beschreibung her, muss es ein Neuling sein", sagte Arbo und kramte aus einer Ecke was zu knabbern.


    "Hier, fritierte Kartoffelscheiben, sehr lecker", bot er Kakko an.

  • Die Kartoffelscheiben knackten und knusperten beim Kauen. "Selbst gemacht? Die sind lecker", urteilte Kakko und griff noch einmal zu. "Nee, der hatte keinen Kampfnamen genannt, er sagte überhaupt nichts und Skopo hatte schlechte Laune. Darum habe ich auch nicht gefragt. Dass Hec wie ein Mönch lebt, habe ich nicht angenommen. Aber ich meine, er hat hier genügend Sklavinnen. Da braucht er keinen komischen Lieblich. Wo auch immer der Kerl plötzlich herkam, ich hoffe, er bleibt nicht lange sondern verschwindet zeitnah wieder dorthin. Kirimar Tanba also, dann war seine Mutter eine Arashi und sein Vater einer der Invasoren. Sonst hätte er einen Frostalbennamen getragen. Weißt du, normalerweise würde ich gern mal mit ihm sprechen, vielleicht kennt er Arashima. Aber bis jetzt hat er sich bei mir nicht sonderlich beliebt gemacht", motzte Kakko in einem Tonfall, der keinem Ohnezahn zustand über den älteren Jäger.


    "Hector und ich verstehen und sehr gut, das ist richtig. Ich würde sagen, wir sind mehr als Meister und Mündel, wir sind fast schon Freunde, wenn es nach meiner Einschätzung geht. Er ist geduldig, erklärt mir vieles auch doppelt und dreifach und ist allgemein ein netter Kerl. Was mir gut gefällt, ist, dass er mich nicht drängt, mir die Zähne zu verdienen, er lässt mir die Zeit, die ich brauche. Und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich keine Lust, sie je zu tragen. Ich bin gern ein Ohnezahn, mir geht es gut, mein Leben ist perfekt. Warum sollte ich etwas ändern?


    Sex kannst du ganz einfach haben, Arbo. Komm mit zu den Sklaven, wir suchen uns einen schönen für dich aus", bot er an.

  • Arbo lachte gut gelaunt.


    "Mein Bruder sieht Dich ehr als sein Kind, denn als sein Mündel. Aber das habe ich nie gesagt. Über Lieblich musst Du Dich nicht ärgern, der taucht alle paar Monate mal auf, um seine Beute abzuliefern oder um sich hier sehen zu lassen. Er ist wie Archibald, ihn hält es nicht lange an einem Ort. Aber Du solltest Dich freuen, dass er hier war. Hector wird sehr umgänglich sein. Er ist nach solchen Besuchen für Tagen tiefenentspannt, als Jäger nicht zu gebrauchen. Und wenn Du nachher mit ihm reden willst, tue es. Eine bessere Gelegenheit wirst Du nicht bekommen.


    Mit Lieblich kannst Du reden, solange er hier ist. Er hat nichts gegen Dich oder andere Mündel. Falls er Dich verscheucht hat, galt sein Interesse Hector und war nicht gegen Dich gerichtet. Ja seine Mutter war eine Arashi, die es mit einem Invasoren zu tun bekam. Und so landete er letztendlich hier.


    Und bevor Du anfängst Angst um Deine Stellung zu haben, Hector und er sind kein Paar, falls Du das glaubst. Die beiden führen keine Beziehung, sie mögen sich und sie teilen das Bett miteinander, genauso wie er das Bett manchmal mit Jimmy teilt. Von daher, Lieblich ist so schnell weg, wie er hier aufgetaucht ist.


    Warum Du etwas ändern solltest? Ich wüsste nicht warum, wenn Du so glücklich bist. Lass es so, nur sag ihm vielleicht die Wahrheit, sonst wird er sich eines Tages betrogen fühlen. Sagst Du ihm, dass Du nie ein Jäger wirst, wird er es vermutlich hinnehmen.


    Also ich meinte für mich jetzt keinen Sklavensex, sondern wo einer sagt, den Arbo den hätte ich gerne. Den anderen habe ich auch. Oder ich gehe in eine gewisse Taverne, da kann man sogar anschreiben lassen", erklärte Arbogast und freute sich über das Kompliment mit den Kartoffelscheiben.

  • Kakko verschwieg, dass er selber auch nicht das Bedürfnis verspürte, Arbogast in den Arm zu nehmen. Der Mann war einfach zu heruntergekommen, abgewrackt und dürr. Und wer so viel trank, der roch auch entsprechend, was für Kakko unangenehm war. Dennoch war Arbogast ein netter Kerl, er mochte ihn. Aber warum er niemanden fand, der mit ihm zusammen in die Kissen sinken wollte, verstand er. Dafür hätte Arbogast sich anders präsentieren müssen. Andererseits war er vielleicht genau darum so nachlässig mit sich, weil er wusste, dass ihn ohnehin niemand wollte - eine ewige Abwärtsspirale. Kakko legte die Hand auf Arbogasts schmächtige Schulter.


    "Weißt du was, Arbo, in einer Sache hast du Recht", verkündete er beschwingt, da er als Arashi den Alkohol schon sehr stark merkte. "Ich werde mit meinem Graupel und dem Lieblich die Aussprache suchen. Und zwar jetzt! Ich werde alles sagen, was wir soeben besprochen haben und meinen Platz an Hectors Seite mit meinem Wort und meinem Intellekt" - dabei bohrte er mit dem Zeigefinger in seine Schläfe - "verteidigen!" Er stand auf, strauchelte kurz, streckte sich und rülpste. "Man sieht sich. Heute Abend in der Küche! Ich bring was zum Rauchen mit."


    Er hob die Hand auf Brusthöhe zum Abschied und ging. Sein Selbstbewusstsein schäumte gerade über. Er ging dem Quartier des Skolopender vorbei, hämmerte kraftvoll dagegen, jodelte schrill und ging weiter, ohne auf eine Antwort zu warten. Als er zornige Schritte im Inneren hörte, nahm er die Beine in die Hand und rettete sich mit einem Hechtsprung samt folgender Rolle - und einer ausgerissenen Klinke - ins Innere von Hectors Wohnung. Mit dem Türgriff in der Hand kullerte Kakko über den Boden und kam torkelnd wieder auf die Füße, während der Skolopender gerade seine eigene Tür wieder von innen zuknallte. Kakko musste lachen.

  • Eine Tür knallte, Tumult und es knallte erneut. Knurrend wälzte sich Hector auf den Bauch und starrte Richtung Stube. Das verhieß nichts Gutes. Die Lache war ihm mehr als bekannt. Wem Kakko diesmal wieder den letzten Nerv gestohlen hatte, musste Hector gar nicht erst fragen.


    Kein Wunder das der Skopolender so schwer war, wer Nerven aus Drahtseile hatte und einen Charakter aus Stahl, konnte nicht wenig wiegen.


    "Kakko komm ins Schlafzimmer! Was hast Du jetzt wieder angestellt?", rief Hector, während Kiri neben ihm sich die Augen rieb und ebenfalls Richtung Stube starrte.

  • Kakko steckte glucksend die Klinke zurück in das Loch - beim nächsten Ziehen würde sie wieder abfallen, aber er hatte gerade keinen Schraubendreher parat - und kam ins Schlafzimmer.


    Vor dem Bett kniete er grinsend nieder und drückte die Stirn auf den Teppich. "Meister, ich vermisse euch so", log er, kam dann aber von sich aus wieder in eine aufrechte Position, damit Hector sich nicht schon wieder bücken musste, um ihn hochzuzerren. Kakko fläzte sich auf den Rücken, auf die Ellbogen gestützt, und wackelte mit den Zehen. Dabei äugte er neugierig ins Bett.


    "Wer ist der Kerl eigentlich?", wollte er wissen, obwohl Arbogast es ihm schon gesagt hatte. "Dein Stecher?"

  • Kakkos Neugier wurde gestillt, als er ins Bett äugte. Was er zu sehen bekam, konnte er sich eigentlich denken. Aber hier hatte er nun die Bestätigung. Sein Meister und Lieblich lagen zusammen in den Federn. Sie beide waren nackt, lagen ganz eng Seite an Seite und sahen so aus als hätten sie gerade bis vor kurzem noch geschlafen.


    Und Kakko konnte die Tätowierungen seines Meisters sehen, die man sonst kaum zu Gesicht bekam, wenn er bekleidet war. Was sie genau darstellten, dass wusste Kakko nicht. Das was er wusste war, dass diese Tätowierungen eine Huldigung an den Ältesten darstellten.


    Tätowierungen:

    https://www.minpic.de/i/9tke/124isn


    Hector setzte an etwas zu sagen, runzelte die Stirn und schloss den Mund wieder. Er drückte sein Gesicht in die Bettdecke und zählte innerlich bis 10. Da er auf Nummer sicher gehen wollte zählte er bis 45, ehe er wieder aufschaute. Kakko war und blieb die Marke die er war. Zudem war er selbst gerade absolut entspannt und glücklich. Er schmunzelte Kakko an und schüttelte langsam den Kopf.


    "Schön dass Du mich ausgerechnet jetzt vermisst, gut abgepasst Kakko. Manchmal vermisse ich Dich auch. Nur gerade jetzt, ehr weniger. Der "Kerl" liegt direkt neben mir, heißt Kirimar und ja er ist mein Stecher. Kurzum wir teilen mehr als nur Fleisch miteinander. Was hast Du da draußen wieder angestellt? Du riechst nach Alkohol", sagte Hector ohne Anklage in der Stimme.


    Lieblich musterte Kakko von oben bis unten und seine Mundwinkel zogen sich fast hinter seine Ohren.


    "Ich glaube Dein kleines Küken musste sich den Frust von der Seele saufen. Sein Meister hat ein Privatleben, bei den Göttern!", lachte Kirimar.

  • "Vor allem lebt er es in einem Moment aus, wo ich ihn gebraucht hätte, wir waren noch nicht fertig mit dem Skolopender", verkündete Kakko seine Meinung. "Ich hätte es außerdem schön gefunden, wenn mir diese Kerl da vernünftig vorgestellt worden wäre, wenn er dir doch so wichtig ist. Immerhin ist er ein halber Arashi. Für dich vielleicht egal, für mich nicht. Oder hast du es genau darum nicht getan? Damit ich mit ihm nicht über solche Dinge wie Nationalität spreche? Kurzum, mich ärgert gerade die Art und Weise, wie das hier abläuft. Ich werde mitten im Gespräch einfach rausgeschmissen, weil irgendein für mich Fremder aufkreuzt und anschließend vergessen. "

  • Hector lachte seine kratzige Lache, als Kakko das Schmollen anfing.


    "Ich hab Dich auch unheimlich lieb. Du kleiner Trotzkopf, komm her. Natürlich lebe ich es dann aus, wenn sich die Gelegenheit bietet. Gut, hole ich die Vorstellung nach, Kakko Korikara das ist Kirimar Tanba. Ein langjähriger Freund, Jagdbruder und Bettgefährte. Für eine vernünftige Vorstellung vorhin hatte ich keine Zeit. Ich wurde auf dem falschen Fuß erwischt. Es ging mir nicht darum, Dich von einem anderen Arashi fernzuhalten. Sah das für Dich etwa so aus?


    Für mich ging es darum zu testen ob er bleiben würde, für mich. Und ob er es immer noch drauf hat. Das was ich tat könnte man mit Deinem Gegockele vergleichen. Unsere Form uns zu sagen, Lust auf ein bisschen Zweisamkeit? Dann streng Dich an. Ich habe Dich aus zwei Gründen weggeschickt Kuckuck, erstens dass Du bei unserem Vorspiel nicht versehentlich filettiert wirst. Zweitens weil wir normalerweise beim Wegstecken keine Zuschauer haben.


    Dich muss nichts ärgern, fahr Deine weichen Krällchen ein Kakko. Zur Not verteidige ich Dich sogar nackt, aber bitte teste das jetzt nicht aus, nur weil Du in Schmolllaune bist. Wir haben noch Braten übrig, bediene Dich davon und schieb die Mundwinkel wieder nach oben.


    Von mir aus sprich mit Kiri über Arashima, oder worüber Du immer mit ihm reden möchtest. Und nebenbei, vergessen wurdest Du bestimmt nicht. Demnächst hockst Du Dich hier einfach in die Ecke und wartest bis wir fertig sind", grinste Hector.


    "Genau, bedien Dich am Fleisch, wer kaut quatsch nicht. Ist ganz frisch, Du wirst feststellen dass es besonders zart ist. Weißt Du wie man das erreicht kleiner Ohne-Zahn? Was möchtest Du über Arsahima wissen?", fragte Kiri und schmiegte sich an Hector.


    "Hast Du was zu rauchen?", fragte er den kleinen Kuckuck.

  • Kakko grinste versöhnlich zurück. Der andere war ein Älterer und er war ihm Respekt schuldig. Dennoch konnte er nicht alles kommentarlos durchgehen lassen. Nun aber war er zufrieden. Mit zwei Fingern nahm er sich eine Scheibe vom kalten Braten und schüttelte sie kurz, damit er nichts volltropfte. Er zog mit der anderen Hand die dreckigen Fußlappen aus - etwas, was er normalerweise vor der Wohnung tat, doch er hatte den Skolopender im Genick gehabt - und stieg mit nackten Füßen zu den beiden ins Bett. Da es sich um ein Doppelbett handelte, fand er im Schneidersitz ausreichend Platz am Kopfende auf der Seite von Hector. Dort machte er es sich bequem und biss von der Bratenscheibe ab.


    "Hm, das ist wirklich gut. Nein, keine Ahnung, wie man es so weich bekommt. Kläre mich auf." Er fuhr mit der Hand in die Tasche seine ausgebeutelten Hose und warf Kirimar seine Tabaktasche hin. Feuerzeug und Blätter zum Drehen waren darin enthalten. "Ich würde gern wissen, was du über den Ort Katagawara weißt. Und wie man in Arashima jemanden finden kann, den man sucht. Es geht um meinen Vater und sein letzter mir bekannter Aufenthaltsort war dort. Allerdings ist das 25 Jahre her. Eine sehr persönliche Frage zum Einstieg, ich weiß. Aber was ihr hier macht, ist ja auch recht persönlich."

  • Hector legte sich auf die Seite, dass er Kakko betrachten konnte, während sie sprachen. Er hatte keine Lust sich hinzusetzen, dafür war er zu müde. Zudem war es gerade gemütlich und so sollte es bleiben. Kiri hingegen setzte sich im Schneidersitz hin, drehte ihnen allen eine Rauchstange und zündete sie an. Er hielt Kakko die Stange hin, stopfte Hector eine in den Mund und genoss dann seine eigene.


    "Indem man die Beute vor der Schlachtung windelweich schlägt. Je mehr Angst und Panik sie hat, je zarter wird ihr Fleisch. Man schmeckt förmlich die Todesangst in jeder butterzarten Faser", sagte der Arashi und bließ einen Rauchkringel in die Luft.

    "Stimmt, aber nur möglich, wenn man genügend Zeit und Freiraum hat. In den Gossen meist nicht der Fall", bestätigte Hector rauchend.


    Kiri rutschte näher heran, so dass er Hector im Kreuz berührte und Kakko genau anschauen konnte. Er rauchte einen Moment gedankenverloren und kraulte dem Grauen den Rücken.


    "Katagawara liegt direkt an den Ausläufern des mächtigen Woshangebirges. Dort ist es noch nicht ganz so kalt, wie die eisigen Spitzen des Gebirges werden können. Dennoch fällt dort früh im Jahr der Schnee. Katagawara schmiegt sich zudem in einen Wald, einen der wenigen die Arashima zu bieten hat. Es liegt nahe an der Grenze zum Frostalbenreich. Zu nah. Wanderst Du östlich in das Gebirge hinein und überquerst es fast, findest Du dort einen Bergsee vor, der an Klarheit seinesgleichen sucht. Ein Ort, der scheinbar eine ganz eigene Magie hat.


    Auf dieser Seite des Gebirges kannst Du bereits zur Küste der Sturmsee hinablaufen. Ein unwirtliches, kaltes Gebiet, aber ebenso auf seine Weise eine Schönheit der Natur. Man muss nur mit ihr zu leben wissen. Unwissende versuchen ihr zu trotzden, aber es ist noch niemandem gelungen die Natur - weder jene der Welt, noch die eigene zu besiegen Kakko. Lebe mit ihr, nimm sie an und sie schenkt Dir selbst an einem der unwirtlichsten Orte ein Leben. Du musst nur lernen sie zu verstehen.


    Noch weiter östlich stößt Du auf die Festung Okoyano und südlich liegt My´shu. Würdest dort in diese Richtung laufen, stets an der Küste der Sturmsee entlang, würdest und zur Hauptstadt Kagohiro gelangen.


    25 Jahre Kakko sind eine unendlich lange Zeit. Bedenke welche Strecken wir allein schon auf der Jagd zurücklegen. In 25 Jahren kann eine Person so weit vom Ursprungsort entfernt sein, dass jede für Dich logische Verbindung abriss.


    Wie man so eine Person findet? So wie man Beute jagt Kakko - folge ihrer Spur. Die Fährte wird nach dieser Zeitspanne kalt sein, aber nicht so eisig, als dass wir sie nicht aufspüren könnten", erklärte Kiri und kraulte dabei Hector.


    "Wie ich Dir sagte, wenn Du Deinen Vater suchen möchtest, begleite ich Dich. Das Angebot steht", erklärte das Grauen mit geschlossenen Augen.

  • Kakko rauchte und auch er schloss hin und wieder die Augen. In der anderen Hand hielt er noch immer das angebissene Fleisch. Er war nun wieder rundum entspannt, auch wenn er ahnte, dass draußen auf ihn der Skolopender wartete. Vielleicht nicht direkt vor der Tür, so primitiv war er nicht, aber irgendwo anders. Doch das hatte Zeit.


    "Du warst schon in Arashima, Kiri", schlussfolgerte Kakko. "Und so, wie du von diesem Land sprichst, liebst du es. Aber wie kamst du hierher, als einer der Flüchtlinge? Und was hältst du von den Frostalben?"


    Er streckte eins seiner Beine lang, dass sich an das Grauen schmiegte. Es lag keine beabsichtigte Unziemlichkeit in der Berührung, sondern einfach unverfängliche Gemütlichkeit, wie wenn man auf einem engen Sofa so nah aneinandersaß, dass man sich an der Seite berührte. "Danke, Hec", sagte er. "Ich weiß das zu würdigen. Ich habe darüber nachgedacht. Ja, ich würde meinen Vater gern suchen. Ich stelle mir vor, dass er sich vielleicht freut oder womöglich sogar meine Hilfe braucht. Dort oben ist immer noch Krieg, sagt man."


    Er blickte wieder Kirimar an. "Ist das so?"

  • Hector tätschelt kurz Kakkos Bein, als Zeichen dass es in Ordnung war. Nacktheit war nichts wofür man sich schämen brauchte und schon gar nicht, wenn man in seinem eigenen Schlafzimmer lag. Die Gäste ebenso wenig. Denn jene die hier verweilen durften, waren erwünscht. Wer nicht, der endete meist wie das Stück Braten in Kakkos Hand.


    "Sicher war ich dort, ich bin dort aufgewachsen. Ich kenne das Land, ich weiß wie der Wind, die Sonne, das Salz des Meeres und sogar die Steine der Heimat schmecken. Man hat sie oft genug nach dem Frostalbenbastard geworfen. Nun ich vergewaltigte meine Mutter nicht, aber erkläre dass jemanden der in einem Kind nur personifizierten Hass sieht.


    Für die Arashi bin ich ein Frostalb, für die Frostalben ein Arashi. Wo gehöre ich hin?

    Weder die Arashi noch die Frostalben wollten mich in ihrem Volk willkommen heißen, ich bin Teil von beiden Kakko und dennoch gehöre ich in Wahrheit zu niemandem. So fand ich eines Tages meinen Weg in den Zirkel und erkannte, dass es doch noch ein Volk und einen Ort gibt, den ich Heimat nennen darf.


    Das Land selbst ist hart und wunderschön zugleich. Menschen hingegen sind genau wie Alben sehr kurzsichtig und ungerecht. Sie sehen alle nur was sie sehen wollen.


    Ob dort Krieg herrscht? Ja.

    Aber von welchem Krieg sprichst Du?


    Die Arashi und auch die Frostalben führten von jeher einen Krieg mit der Umwelt, das Überleben in einer derartigen harten Umgebung ist nicht einfach und fordert Dich jeden Tag zu einem neuen Kampf des Überlebens heraus. Die Frostalben sind auch nicht das Böse an sich. Sie sind dass, was die Natur formte. Sie haben nichts und sie kennen keine Kommunikation, sie verhandeln nicht. Du hast etwas Nahrung, Du bist schwächer als er und schon gehört es ihm. Wenn er Dich dafür töten muss, wird er es tun.


    Ein Hieb oder Stich und Du bist Geschichte und sein Überleben ist gesichert. Warum mit Dir verhandeln? Warum wertvollen, Nahrungsverschlingenden Atem verschwenden? Warum die Gefahr eingehen, dass Du ablehnst? Meinst Du Menschen in Not handeln so anders? Nein Kakko, Menschen in Not werden zu Bestien, wie Du sie noch nie gesehen hast.


    Es sind nicht nur Frostalben die über Arashi herfallen und sich nehmen, was ihnen scheinbar zusteht. Es fällt nur auf, da sie die Invasoren sind. Aber in jeder noch so kleinen schmuddligen Ecke, sogar hier in Obenza siehst Du doch, was Menschen wirklich sind. Sie hausen im Dreck und würden Dir für eine Brotrkrume die Kehle durchschneiden. Sind sie besser oder schlechter als die Frostalben?


    Weder noch Kakko, sie leben das unendliche Rad der Beute. Sie erfreuen sich an kleinen Boshaftigkeiten die anderen wiederfahren, vor allem dann, wenn sie diese selbst verursacht haben. Das verleiht ihnen das Gefühl von Macht in ihrem absolut belanglosen und machtlosen Leben.


    Der Krieg zwischen den Frostalben und Arashi tobt immer noch. Ein Land das geschluckt werden soll, von jenen die sonst nichts zu beißen haben. Im Grunde sind Frostalben kalkgesichtige Rakshaner, sie kommen um das zu rauben, was sie selbst nicht haben oder anbauen können. Wo auch? Auf einem Klumpen ewigen Eis wächst ja auch nichts und scheinbar haben sie nicht die Weitsicht, sich rein von der Jagd zu ernähren.


    Stell Dir vor jeder Arashi wäre ein Beißer, oder jeder Frostalb. Die Nahrungsknappheit wäre sehr schnell beseitigt, ebenso eine ganze Schar Feinde", erklärte Kiri grimmig, was Hector kichern ließ.


    "Wohl wahr, aber bitte öffne ihnen nicht die Augen, sonst fangen wir das Hungern an. Du könntest uns begleiten Kiri. Ein Reiseführer wäre von Vorteil und wir beide hätten auch was davon", schmunzelte das Grauen.

    "Gerne, nur kläre das mit der Baronin. Bis nach Arashima wäre die längste Patrouillenroute die je einer um den Zirkel abgelaufen wäre", lachte Lieblich, was auch Hector losprusten ließ.

  • Kakko war froh, dass der Mann, der sich Lieblich nannte, kein Wort über die Kollaborateure in den Reihen der Arashi hatte fallen lassen. Kirimar sah den Konflikt recht neutral, vielleicht, weil er selbst zwischen den Stühlen gesessen hatte. Wenn Kakkos Vater noch immer für die Frostalben arbeitete, würden die meisten seines einstigen Volkes ihn mehr hassen als die Frostalben selbst. Nicht aber Kakko. Ganz gleich, wer sein Vater war und was er im hohen Norden trieb, die Liebe seines Sohnes war ihm Gewiss. Nur hoffte Kakko, dass das Bild, was er vor seinem geistigen Auge hatte, nicht allzu sehr von der Realität abwich - dass die Krähe aus dem Eis nicht etwa zum Beispiel ein fetter kleiner Trinker war mit rotem Kopf, seiner natürlichen Würde beraubt. Er wünschte ihn sich wie seinen Ziehvater, wie das Grauen, in Würde alternd, weise, edel im Geist.


    "Es wäre mir eine Ehre, von zwei so erfolgreichen Jägern und Älteren begleitet zu werden", sprach Kakko nun völlig ohne Trotz. "Allein wäre ich da oben verloren, ich bin dankbar für eure Weisung und euren Schutz und gebe mein Bestes, um eure Mühen würdig zu vergelten. Und eines zum Schluss. Hector, du wirst immer der Mann bleiben, der mich aufgezogen hat, ganz gleich, ob wir meinen leiblichen Vater finden oder nicht und ganz egal, wer und wie er sein wird. Du bist mein Ziehvater, den ich liebe. Ich danke dir für alles, was du für mich getan hast und was ich dir verdanke."


    Kakko küsste ihn auf die Stirn. Dann schlang er das Fleisch herunter und stieg vom Bett, um sich seine Fußlappen wieder anzuziehen, damit das Grauen und sein Lieblich noch ein wenig Ruhe zu zweit hatten ohne das ewige Mündel. Doch diesmal lag kein Schmollen in Kakkos Alleinsein, er gönnte Hector von Herzen die Zeit mit seinem Liebsten.

  • Hector antwortete nicht auf die liebevollen Worte von Kakko, denn selbst wenn er es gewollt hätte, er hätte es nicht gekommt. Kakko hatte gerade das Fleisch heruntergeschlungen, den Kloß hatte nun er ihm Hals und der Rauch der verdammten Rauchstange brannte in seinen Augen.


    Er schloss die Augen halb, als Zeichen der Zuneigung und schenkte seinem Küken ein aufrichtiges Lächeln. Kakko war vermutlich einer der wenigen Personen, die jemals das Grauen hatten auf diese Art lächeln sehen.


    Damals hatte er Ratte schlagen wollen, in diesem Augenblick hätte er die alte Frau am liebsten geküsst. Hector drückte Kiri die Rauchstange in die Hand und rollte sich im Bett wieder zusammen. Manche zweiten Chancen kamen auf seltsamen Wegen zu einem, aber deshalb waren sie nicht weniger schön. Im Gegenteil, sie waren etwas besonderes. Ein Geschenk, von Ratte? Vom Ältesten? Von beiden? Wer wusste das schon.