Kapitel 10 - Aufbruch nach Norden

  • Aufbruch nach Norden

    Kakko war sonst nicht für seine Schweigsamkeit bekannt, doch während des ersten Abschnitts des langen Rittes war er still. Vieles ging ihm durch den Kopf: Sein Ziehvater, sein leiblicher Vater, seine tote Mutter. Und Ratte, immer wieder Ratte. Er hoffte, seine alte Amme würde noch leben, wenn er zurückkehrte. Er hatte sich nicht verabschiedet, jedoch nicht, weil er es vergessen hatte, sondern weil er davon ausging, dass sie sich ohnehin bereits wenige Tage später nicht mehr daran erinnern würde, wo er war. Sie würde auf ihn schimpfen, auf den verzogenen Bengel, der sie nie besuchen kam und ihn mit noch schlimmeren Worte, die sie sich angewöhnt hatte, seit es mit ihr zu Ende ging. Aber er dachte auch an Yuto, den Mann seiner Mutter, für den er früher Hass empfunden hatte. Das konnte er nicht mehr, denn immerhin hatte dieser Mann ihn nicht in die Fluten der Sturmsee geworfen, als er erfuhr, dass er einen kleinen Kuckuck in den Armen hielt, sondern er hatte dafür gesorgt, dass er irgendwo unterkam.


    Nach einigen Tagen Reise machten sie die erste große Rast in Schwalbingen. Die Stadt war vor allem vom Überseehandel mit Arashima geprägt. Noch war es den Frostalben nicht gelungen, bis zur Sturmsee vorzudringen mit ihren Abgrundschiffen, ihre Aktivitäten beschränkten sich hauptsächlich auf das Eismeer und seltener die Skallische See. So verwunderte es nicht, dass es hier recht viele gebürtige Arashi gab, die noch Asameisch sprachen und die Kultur ihrer Heimat mitgebracht hatten. Der Großteil des Ortes war jedoch naridisch mit modern anmutenden Bauwerken, zwischen denen teilweise noch die alte ghena-almanische Architektur durchklang, die sich durch viele Säulen und flache Dächer auszeichnete, ebenso wie die weißen Marmorstatuen in Parks und Gärten, oft grün angelaufen und verwittert. Sie wurden kaum noch gepflegt, als würde man hoffen, dass sie endlich zerfallen. Man sagte, früher wären sie bemalt gewesen, doch davon war nichts mehr zu sehen. Im Vorbeireiten strich Kakko einem verstümmelten Helden, dessen Namen er nicht kannte, über das Gewand.


    Kakko wurde noch stiller als zuvor und suchte die Nähe zu Hector. Als sie ein wenig für sich waren, sagte er: "Hier sind meine Eltern damals angelandet. Also meine Mutter mit ihrem Mann. Mein Vater natürlich nicht. Wir könnten eventuell mit dem Schiff reisen anstatt über Land. wollen wir uns ein Gasthaus nehmen?"

  • Die Gruppe ritt in einem zügigen Tempo, aber sie raste nicht mehr dahin wie auf dem Weg nach Shohiro. Dass was sie für die lange Reise benötigten, hatten sie dabei. Für den Rest würden die beiden Jäger sorgen. Still war es, sogar Kakko war schweigsam. Verständlich, denn es musste dem jungen Mann sehr viel durch den Kopf gehen. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft waren dabei sich für ihn zu vereinen. Er musste sich vieler Dinger klar werden. Manches Ereignis würde über ihn hereinbrechen wie die Winterstürme in Arashima, unvorhersehbar und mit eisiger Gewalt. Und bei diesen Stürmen galt eines, wer "sehen" wollte, musste die Augen schließen. Nur so war Orientierung noch möglich. Kakko würde bald ganz ähnliche Erfahrungen machen.


    Tag und Nacht wechselten sich ab, genauso wie die beiden Jäger mit der Wache. Mal döste das Grauen etwas im Sattel, dann wieder Lieblich. Die anderen Gruppenmitglieder hatten ihre festen Aufgaben. Bis auf Nathan, dieser schien die einzige Aufgabe zu haben, sich aus jedem Ärger herauszuhalten und schrill auszusehen.


    Wurde untereinander gesprochen, dann sprachen sie nur leise. Keine ungewollte Aufmerksamkeit erregend, zogen sie durch ein Land dass sie zwar bewohnten, aber nicht das ihre war. Sie waren Nomanden in einer Welt, die in zwei Hälften eingeteilt war, hell und dunkel, Jäger und Beute. Bedachte man es allerdings genau, so war die ganze Welt ihr Jagdrevier.


    Schwalbingen. Ein Ort mit einem seltsamen Namen und einer ebenso absonderlichen Mischung aus Alterum und Moderne, was die Architektur und die Bewohner betraf. Eine Hafenstadt die direkt an der Sturmsee lag, geschäftiges Treiben war überall zu sehen und zu hören. Schiffe wurden be- und entladen, Leute kamen und gingen, die Straßen waren voll aber nicht überfüllt. Dafür war es vermutlich noch zu kalt.


    Es wurde langsam dämmerig, es nahte die Nacht, jene Zeit in der sich Hector und Kirimar am wohlsten fühlten. Kakko durchbrach die Stille der Reisegruppe. Hier waren seine Eltern angelandet, seine Mutter und deren Ehemann. Ein Zimmer in einer Taverne war eine gute Idee, allerdings hätten sie genauso gut im Freien übernachten können. Hector nickte Kakko knapp zu und schaute sich um.


    "Für heute Nacht nehmen wir eine Taverne, Du wirst die Zimmer mieten und für uns sprechen. Einen Gemeinschaftsraum für uns alle. Ich muss alle im Blick behalten können. Wir reisen nicht mit dem Schiff. Dort sind wir dem Meer, dem Schiff und den anderen ausgeliefert. Ein Freikämpfen bei Gefahr ist nicht möglich. Keiner von uns kann ein Schiff bedienen. Selbst ein Sieg wäre unser Tod. Denk nach was so ein Schiff ist, nichts weiter als ein schwimmender Sarg für einen von uns.


    Hier fing Deine Geschichte an, was unsere Familie angeht Kakko. Es wäre ein guter Punkt gewesen um den Lichtlosen zu tesen, aber Dein Vater nicht dabei war, nützt uns das leider nichts. Wir suchen schließlich nicht nach Deiner Mutter", antwortete Hector leise und umgänglich.


    Sie ritten ein Stück weiter, nicht bis zum Hafen hinunter. Die Tavernen in den Seitengassen waren preiswerter und meist besser ausgestattet. Direkt am Hafen wurde einem jeder Taler aus den Taschen gezogen. Zudem waren sie nicht gerade unauffällig, deshalb hüllten sie sich in ihre Reisemäntel, scheinbar um Wind und Wetter zu trotzen, trotzen sie in Wahrheit den Blicken ihrer Beute.


    Die Herde geriet meistens in Panik, wenn sie einen Jäger unter sich ausmachte. Kopfloses Fliehen, Panik in der Form, dass sie sogar andere ihrer Art todbringend niedertrampelten um selbst zu überleben. Aber manchmal, in seltenen Fällen geschah es, dass das Schicksal sich wandelte. Dann lief die Herde nicht davon, sondern sie wurde von einer seltsamen Wut gepackt. Sie drehten sich gemeinschaftlich um und stellten den Jäger. Was von so einem Beißer übrig blieb, den eine Herde Beutetiere in ihrer grenzenlosen Angst niedergemacht hatte, konnte sich jeder ausmalen.


    Deshalb überlebten jene am längsten, die nachtaktive Lauerjäger waren. Denn die Beute wandelte gerne Tagsüber und lebte ihren Trott und ihr scheinbar selbstbestimmtes Dasein. Hector schenkte Kakko ein Schmunzeln, da er hier nicht nach ihrer Art offen Lächeln konnte.


    "Schau Dich um, sie kehren Heim. Je dunkler es wird, je schneller werden ihre Schritte. Sie verlassen sich auf den Tag, sie beten das Licht an. Unwürdige. Jeder von uns weiß, dass keiner durch Wände schauen kann... Hören hingegen schon Kakko. Wozu also Licht?", raunte Hektor seinem Mündel eine weitere Überlebenslektion zu.


    Vor der Taverne zum goldenen Haken blieb er stehen und stieg ab. Die anderen folgtem seinen Beispiel. Hector drückte Kakko die Geldkatze in die Hand.


    "Dein Part", wies er den Kuckuck an.

  • Kakko nickte, als Hector ihn an seinen Weisheiten teilhaben ließ. Dessen Abneigung gegen Schiffe verstand er nicht ganz, wie kam er darauf, dass sie auffliegen würden? Aber er war älter, erfahrener und er war ihr Anführer, darum stellte Kakko seine Entscheidung nicht in Frage. Das nahm er sich privat heraus oder manchmal auch im Zirkel, doch hier draußen nicht. Hier waren sie nicht sicher, hier spürte er kein Bedürfnis, frech zu sein, sondern begann sich von Warnung zu Warnung unwohler zu fühlen. So fiel es ihm nicht sehr leicht, im Goldenen Haken ein Zimmer zu ordern, obgleich der Gastwirt nicht unfreundlich war.


    Da er einen Gruppenschlafraum orderte, führte der gute Mann, der Hubert hieß, sie hinauf ins Dachgeschoss. Dort befand sich eine breite Liegefläche mit frischem Stroh und saubere Decken. Alles hier war ordentlich und auf den ersten Blick frei von Ungeziefer.


    Dachzimmer mit Strohbetten


    "Gefällt es dir?", fragte Kakko seinen Meister besorgt.

  • Hector drückte kurz Kakkos Schulter, dass er sich beruhigen sollte. Kuckuck betrat mit der Reisegruppe die Taverne und orderte wie vereinbart das Gruppenzimmer. Hubert der Gastwirt hatte sie unter das Dachgeschoss geführt. Ein freundlich-neutraler Mann. Das Betragen war Hector gleich. Er horchte auf den Gang, auf den Schritt von Hubert.


    Das Grauen schaute sich um, aber mehr noch verließ er sich hier auf seine Ohren und vor allem auf seine Nase. Das Stroh roch frisch. Zeitgleich merkte er sich zu dem Schritt nun auch den Geruch von Hubert. Wo andere Menschen nichts wahrnahmen, da erschnupperte er genau wie sein Vater die persönliche Signatur.


    Würde er ihn Tags die Stufen hinaufsteigen hören und riechen, wusste Hector - das war Hubert. Und das musste er vorbei am Stroh und seinen Rudelmitgliedern riechen, wenn diese am Tag schlummerten.


    Zufrieden nickte Hector und machte es sich auf dem Stroh bequem. Er wartete ab, bis Hubert gegangen war, ehe er neben sich auf das Lager klopfte.


    "Macht es Euch bequem. Kakko komm her. Zum Schiff, Du hast es nicht verstanden oder? Schau, auf einem Schiff müssen wir essen. Wir müssen möglicherweise mit jemanden reden. Ich kann nicht wochenlang fasten und ich kann nicht wochenlang schweigen oder vollverhüllt herumlaufen. Also werden wir irgendwann auffliegen. Entweder würde uns die Mannschaft aufknüpfen, in die See werfen oder wir wehren uns und schlachten sie ab. Gleich wie es kommt, wir sterben auf diesem Schiff. Entweder durch die Hand der Seeleute, oder durch die See selbst, da wir kein Schiff bedienen können. Wir sitzen auf dem Kahn fest. Deshalb ist er ein Sarg. Lerne wie ein Jäger zu denken, lass Dich nicht in die Ecke drängen. Lass Dich niemals festnageln. Manchmal nicht möglich, aber solche Situationen solltest Du meiden wie den Marktplatz zur Mittagssonne.


    Packen wir uns zusammen und machen es uns gemütlich. Möchtest Du was wissen oder was fragen? Oder überhaupt irgendwer? Außer Arbo, Deine Frage kennt jeder. Du bleibst hier bei uns, Du wirst nicht auf ein Bier oder Schnaps in den Schankraum gehen. Klare Ansage", warnte Hector, während es sich Kiri neben ihm und Kakko gemütlich machte.

  • Kakko legte sich neben Hectors Vorderseite. Die Rückseite konnte Kiri haben, die nützte ihm nichts. So kuschelte er sich gemütlich vor ihn ins Stroh und in die Decke ein. Das Stroh duftete herrlich und war nicht zu staubig, wie es manchmal geschah, wenn es sehr alt war. Nathan hielt sich noch immer bei Arbogast, mit dem er leise plauderte. Er ging herum und schaute, ob er irgendwo nützlich sein konnte, sogar die beiden Proviantsklaven wurden von ihm betüdelt, ehe er Arbogast liebevoll zudeckte und seine Füße gesondert einschlug. Kakko beobachtete das Ganze mit Amusement. Hector hatte dem Barden doch ausdrücklich gesagt, dass er kein Sklave wäre, sondern zu den Herren gehörte, aber offenbar konnte er nicht aus seiner Haut.


    "Ich möchte so vieles wissen, Hec", sprach er ruhig. "Viele Fragen, die auch du mir nicht beantworten kannst, die ich vielleicht im Laufe meines Lebens lernen muss. Andere, die dich persönlich betreffen, aber für die nie Zeit ist oder nie der richtige Rahmen. Aber es gibt auch Fragen, die du mir vielleicht heute beantworten würdest. Eine, die mich umtreibt, ist ziemlich banal, aber sie liegt mir auf dem Herzen. Darf ich erfahren, wie du und Kirimar euch kennengelernt habt? Seid ihr ein Paar, zieht Kiri nun bei uns ein? Habt ihr beide schon eigene Kinder irgendwo?


    Und noch etwas anderes. Warum behandelt ihr Arbogast so schlecht? Es ist kein Wunder, dass er trinkt. Er gibt wirklich sein bestes, aber er kann nicht das, was ihr verlangt, so wie ich auch in vielerlei Hinsicht eine Enttäuschung sein muss. Was, wenn ich so werde wie er, werde ich dann auch so behandelt?"

  • Hector schaute ebenfalls was Nathan trieb und musste darüber schmunzeln. Nathan war eine gute Seele, er meinte es mit allen gut. Das Grauen erkannte, wie gut er auf diesen kleinen Tropf aufpassen musste, ehe er sich ganz ins Stroh sinken ließ. Arbogast hingegen freute sich über die liebe Behandlung und machte es Nathan eine Kuhle im Stroh, damit sich dieser zu ihm gesellte.


    Sie beide verstanden sich sehr gut, was ihn freute. Auf der anderen Seite hoffte er inständig, dass er Nathan zurück nach Hause führen konnte. Eine Person wie er, im Hort der Beißer. Im engsten Zirkel mit den Fanatikern der Menschenfresser unterwegs und Nathan mit Unschuldsmiene mittendrin. Der Lotos in ihm erschauerte, während Arbogast still lag.


    Hector zog seinen Mantel um sich und hörte sich Kakkos Fragen an.


    "Wir haben den ganzen Tag Zeit, Du kannst mich alles fragen Kakko. Nur wer Fragen stellt kann lernen. Das ist nunmal so. Sicher darfst Du erfahren wie wir uns kennengelernt haben, das war vor einer halben Ewigkeit, da waren wir so um die 20 Jahre rum? Ja um die Zeit muss es gewesen sein. Er kam als neues Mitglied in unseren Zirkel und die Baron wies ihn mir als Neuling zu. Grund dafür war, dass ich Ihr Vertrauen genieße und Kirimar und ich die gleichen Interessen haben, was Waffen angeht. Also habe ich ihn die erste Zeit unter meine Fittiche genommen, damit er unser Zuhause kennenlernt. Und wenn Archi anwesend war, hat er uns beide trainiert.


    Wir sind kein Paar, wir sind Freunde, Waffenbrüder. Wir teilen Beute und Lust, wenn uns danach ist. Wieso sollte Kirimar bei uns dauerhaft einziehen? Er übertagt manchmal bei mir oder ich bei ihm, wenn er anwesend ist. Er kann doch seine Bude behalten. Er wuchs als Schwertmeister so gesehen bei uns auf.


    Ich habe acht leibliche Kinder Kakko. Der Älteste von ihnen ist 23 Jahre alt, der Jüngste ist 1 Jahr alt. Kiri hat fünf leibliche Kinder. Der Älteste ist 16 Jahre, der Jüngste ist 4 Jahre alt. Auf die Frage wo sie leben, kann ich Dir nur bei den über 20 Jährigen antworten. Um ihrer selbst Willen, Du verstehst das hoffentlich.


    Arbogast? Nun die Frage ist berechtigt und vermutlich ein Abgrundkreis. Er säuft, was uns nervt. Also behandeln wir ihn schlecht. Das hat aber bei ihm keinen Lerneffekt, nein sich in seiner Schwäche suhlend wie die Sau die er ist, säuft er weil wir ihn schlecht behandeln. Niemand hat mich lieb, alle sind so gemein zu mir, nur weil ich ein versoffenes, stinkendes, nutzloses Arschloch bin! Darauf erstmal ein Schnaps. Dämmerts Dir wieso?", grinste Hector zähnefletschend.


    "Zudem hat Archi gesagt, dass man so einer widerlichen Schwäche nur mit äußerster Härte begegnen kann. Und wem bitte erscheint der Älteste? Arbo oder Archi? Damit wäre doch wohl alles gesagt. Unser Zeichen sind messerscharfe Zähne und nicht Säufernasen", lachte Hector kratzend.

  • "Aber du hast mir nicht gesagt, ob ich genau so behandelt werde, wenn ich versage", hakte Kakko besorgt nach. "Nicht jeder ist um Jäger geboren, manche sind nun einmal Aasfresser, sie sind anders nützlich. Arbogast hilft in der Küche und damit ist er ein wertvolleres Mitglied des Zirkels als ich. Er nährt die Beißer, ich verteile aller Jubeljahre mal Pakete, um mir einen Happen dazu zu verdienen.


    Wenn dein ältester leiblicher Sohn 23 ist, dann bin ich auf alle bezogen dein Ältester", lachte Kakko. "Er ist nur ein Jahr jünger als ich, ich würde ihn gern kennenlernen. Wo wohnt er, wer ist er?


    Was Kiri betrifft, hatte es den Anschein, dass euch mehr verbindet als eine Freundschaft. Ich dachte, das wäre wie bei Skopo und dem anderen. Darum meine Frage. Wo wohnt Kiri denn, wenn er nicht in der Röhre ist?"

  • "Weil die Antwort klar ist, darum habe ich nicht geantwortet. Sicher wärst Du so behandelt worden, das Einzige was das verhindert... DER Einzige der das verhindert hat war ich. Du bist defakto mein Ältester. Jannik wäre mein Ältester, er wäre heute 25 Jahre alt. Aber er starb vor langer Zeit, er wurde nur zwei Monate alt", antwortete Hector tonlos.


    Er rutschte näher zu Kakko auf und dachte über den Hinweis Arbo betreffend einige Minuten lang nach.


    "Was Du über Arbo und seine Arbeit sagst ist nicht von der Hand zu weisen. Ohne Jäger kein Fleisch, ohne Küche keine zubereiteten Mahlzeiten. Die Gruppe ist nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Deshalb merzen wir die Schwächlinge aus, damit selbst der Schwächste noch eine Bedrohung ist. Die Vorgehensweise schreibt der Älteste vor, ich sehe aber was Du mir damit aufzeigen möchtest.


    Nicht dass ich damit an den Dogmen unseres finstern Gottes zweifeln würde, ich möchte nur damit sagen, dass man es auch von Deiner Seite aus sehen kann. Natürlich leistet Arbo dort gute und harte Arbeit. Das ist ein Fakt. Fakt ist aber auch, wäre jeder hart genug sich messerscharfe Zähne zu verdienen, dann müssten sie kein weichgekochtes Fleisch fressen, sondern könnten speisen.


    Aber um die Gruppe zu führen, bedarf es mehr als stählerne Härte und sture Dogmen. Ich werde für die Reise Deinen Rat beherzigen, zum Wohle des Rudels. Arbogast sollte Dir zum Dank einen blasen", grinste Hector und schloss einen Moment die Augen.


    "Oh ich denke schon, dass uns mehr verbindet als reine Freundschaft Grauen", lachte Kiri, was auch Hector losprusten ließ.


    "Ich glaube den Dank verlangt Kakko gar nicht, es reicht ihm, wenn Du friedlich bleibst Hec", lächelte Lieblich so zuckersüß wie sein Kampfname. Dem Halbarashi drehte sich allein bei der Vorstellung der Magen um, seinen Prügel in das Maul von Arbogast zu schieben. Die Dunstwolke die den Kerl ständig umgab, war schon Strafe genug. Bei dem Lappen wurde man förmlich geruchsblind.


    "Zu Deiner Frage, in der Himmelsröhre habe ich genauso eine Wohnung wie Dein Meister oder andere. Draußen habe ich einige feste Bleiben, dass muss Dir reichen Kuckuck. Ansonsten übernachte ich mal hier und dort, so wie wir heute hier", antwortete Kiri und rutschte zu beiden näher auf.


    "Du kannst Justinian jederzeit kennenlernen, sobald wir zurück sind stelle ich Euch einander vor. Er lebt in Daijan, ebenfalls ein sehr schöner Ort. Was ist mit Dir Kakko, ich meine wie fühlst Du Dich an dem Ort Deiner Mutter? Hast Du irgendwelche Gefühle für die Frau, oder siehst Du sie nur als Brutmutter, die die Saat Deines Vaters austragen durfte? Und was spürst Du hier an diesem Ort?", hakte Hector freundlich nach und drückte seinen Kopf gegen den von seinem Mündel. Er zückte den Lichtlosen und legte ihn auf den Bauch von Kakko.


    Die mattschwarze Oberfläche erwachte flammend zum Leben und seltsame Symbole erschienen in blutrot auf seiner Oberfläche ehe sie wieder verschwanden und das finsterte Glimmen ebenso verschwand.

  • Kakko genoss die zärtliche Stimmung, in der sein Ziehvater gerade war. Er rutschte nah an ihn ran samt seiner Decke und rückte sich neu zurecht, so dass sie Seite an Seite lagen zum Schlafen. Das ging erst jetzt, wo Kakko alt genug war, ein Paradoxon, denn anderswo war es umgekehrt und nur als Kind schmuste man mit seinen Eltern.


    "Ich empfinde Liebe für meine Mutter. Manchmal stelle ich mir vor, wie ich in ihrem Bauch eingerollt schlafe und sie darüber streicht mit ihren Händen und ein Lied für mich singt. Ich weiß nicht, ob das eine Erinnerung ist oder Wunschdenken, aber es fühlt sich gut an. Und gleichzeitig bin ich wütend auf sie. Warum hat sie Karasu verlassen und Yuto betrogen? Damit nahm sie Karasu seine Geliebte, Yuto seine Frau und mir meinen Vater. Hätte sie sich nicht den Strapazen der Reise ausgesetzt, hätte sie meine Geburt womöglich überlebt. Diese Gedankenspiele, die Fragen nach dem "Was-wäre-wenn" nützen niemandem, aber dennoch stelle ich sie mir manchmal."


    Hectors momentane Stimmung war Balsam für Kakko. Es war, als würde er nachholen, was er hatte vermissen müssen. Mütterliche Liebe hatte er von Ratte erhalten, mehr als gut für ihn war, doch die väterliche Zuwendung hatte ihm manchmal gefehlt. Die schwarze Kugel riss ihn aus seinen Gedanken. Darin regte sich etwas! Kakko beobachtete, wie die blutroten Symbole aufflammten, so dass er sich aufgeregt aufsetzte, um sie zu sehen, doch dann verblassten sie wieder. Der Opak hatte gespürt, dass seine Mutter hier verstorben war. Sein Gesicht verzog sich in Trauer, doch er weinte nicht, sondern legte die Kugel so, dass er sie sehen konnte, während er wieder an Hector heranrutschte.


    "Ich freue mich auf Justitian", sagte er mit nun heiser belegter Stimme, um seine Gedanken auf etwas Schönes zu richten.
    Er schloss die Augen und genoss die Nähe zu seinem Ziehvater. Bevor er einschlief, blickte er immer wieder auf die Kugel, doch ihre Oberfläche blieb schwarz, kalt und lichtlos wie das Herz des Ältesten.

  • "Diese Gedanken nützen Dir, um Dich selbst zu finden. Sie beantworten Dir woher Du kommst, wer Du sein möchtest und vielleicht sogar wer Du eines Tages bist. Solange Du Dich in den Gedanken nicht verlierst, sind solche stillen Stunden normal und völlig legitim. Du wirst Deiner selbst bewusst, so sagt man. Andere nennen es Achtsamkeit.


    Warum Deine Mutter getan hat, was sie tat? Es gibt vermutlich hunderte Antworten, je nachdem wen man fragt. Ich hingegen sage Dir, dass der Älteste alle Seelen zusammenführt die zusammen gehören. Der Weg ist gepflastert mit Schmerz und der Pakt der Seelen wird geschrieben in Blut. So verlor ich Jannik und so fanden wir uns. Die Entscheidungen die der Älteste für uns trifft, sind für uns nicht nachvollziehbar, es sei denn er offenbart sich uns. Er denkt in Äonen, jedenfalls größtenteils.


    Wir werden das Grab Deiner Mutter besuchen, dann kannst Du ihr sagen was Du empfindest. Das wird Dir gut tun. Schlaf ein bisschen, ich wache über Dich. So wie immer", flüsterte Hector und zog Kakko in seine Arme.