Kapitel 12 - Der Ritt in die Wildnis

  • Der Ritt in die Wildnis


    Die Gruppe schwang sich aufs Pferd und sie ließen nicht nur den goldenen Haken, sondern auch Schwalbingen hinter sich. Sie folgten der Küstenlinie, da diese sie bis kurz vor ihren Zielort führen würde. Die Pferde schritten zügig aber nicht gehetzt voran und schon bald erkannte die Reisegruppe, dass sie die Zivilisation hinter sich gelassen hatten. Sie ritten entlang der Sturmsee durch die raue, windzerklüftete Wildnis. Der Wind war zu dieser Jahreszeit noch eisig und die Nacht tat ihr Übriges dazu bei, dass das Empfinden kälter war, als die tatsächliche Temperatur. Kirirmar hatte hier die Führung übernommen und leitete sie nun ein Stück weiter Richtung Festland, damit Wind und Wetter nicht zu sehr an ihren Kräften zehrten.


    "Unter besten Bedingungen benötigen wir für die Reise 13 Tage. Davon können wir natürlich nicht ausgehen, da wir keine reine Jägergruppe sind und der Frühling noch nicht seine Herrschaft angetreten hat. Das Wetter kann immer noch jederzeit umschlagen. Die Gruppe bleibt zusammen, niemand verlässt die Gruppe. Sollte sich jemand bei Rast für irgendein Bedürfnis entfernen müssen, sagt er mir oder Hector bescheid. Ihr müsst Euch an und abmelden, damit wir Euren Schutz gewährleisten können. Auffälligkeiten, mögen sie Euch noch so banal erscheinen, meldet Ihr uns ebenfalls sofort. Besser wir lachen einmal gemeinsam über einen Baumstumpf den jemand für einen hockenden Ork gehalten hat, als das uns allen das Lachen vergeht.


    Während der Rast wird abwechselnd Wache gehalten, dass heißt auch Ihr unterstützt uns bei der Wache. Generell ist einer von uns beiden immer wach und auf Posten, aber Ihr wacht ebenso. Viele Augen sehen viel, aber wir verlassen uns hier nicht nur auf unsere Augen. Lauscht in die Nacht hinein, hört sich alles an wie bisher? Oder schlimmer noch, hört Ihr gar nichts mehr? Falls Ihr nichts mehr hört, schlag sofort so laut wie möglich Alarm. Die Natur hält stets den Atem an, wenn ein Jäger dazu ansetzt Beute zu ergreifen. Der Wald, die Wiesen, die Berge, die Täler sie alle hüllen sich in Schweigen, abwartend was nun geschieht. Wem das Schicksal in diesem immerwährenden Kampf gewogen sein mag. Einzig und allein die See, sie kennt keine Stille. Sie schweigt weder für ihre Jäger, noch für ihre Beute.


    Vergesst Eure Nase nicht. Die meisten Personen schenken Gerüchen und Düften keine Beachtung. Sie nehmen sie bestenfalls als lästig, ärgerlich oder wohltuend wahr, wenn es sich um ein Parfüm handelt. Ansonsten spielen Düfte kaum eine Rolle bei den anderen Völkern. Sie haben verlernt, die Botschaften zu lesen die uns Luft und der Wind zutragen. Eine schändliche Vernachlässigung dessen, mit was wir gesegnet sind. Gleich so als würde man sich bewusst die Augen und Ohren verbinden.


    Entfaltet Eure Sinne. Riecht in die Welt hinaus. Hier riecht Ihr das Salz des Meeres, hört die Brandung donnern, fühlt die Kälte auf der Haut. In einem Kiefernwald hat es nach diesem Wald zu riechen. Schwerer tragender Duft, Harz, Bäume, Erde. Das ist der Wald, sein Geruchsbild das Euch sagt alles ist in Ordnung. Ein süßlicher Hauch, ein Geruch von Eisen - das sollte Euch alarmieren. Süßlich riecht der Tod und nach Eisen riecht das Blut, das vergossen wurde. Aber nicht nur eine Leiche riecht süßlich, auch manche Jäger gleich ob Zwei- oder Vierbeiner, ihnen haftet der Geruch von überreifem Obst an oder von Fäulnis. Beides sollte Euch alarmieren. Ihr werdet die Bedrohung weit vorher riechen, bevor ihr die tödliche Stille hören könnt. Und ihr hört die Stille, bevor ihr den Jäger seht. Vermutlich werdet Ihr ihn niemals sehen. Entweder er packt reißt Euch, oder Ihr verschwindet. Keiner von Euch jagt einen Jäger. Beute die versucht einen Jäger zu jagen stirbt!


    Gleich was Ihr riecht, hört oder seht, Ihr werdet es uns beiden sagen oder Alarm schreien. Unterwegs werden wir Euch beibringen wie man überlebt. Jeder in der Gruppe hat eine feste Aufgabe, dennoch werdet Ihr zusätzliche Fähigkeiten erlernen. Allen voran Du Kakko, Du bist das Mündel eines Jägers und wenn erneut die Nacht hereinbricht und der Mond den Zenit des Himmelskörpers küsst, dann wirst Du Deine erste Beute schlagen", verkündete Kirimar freundlich.


    Hector schloss näher zu seinem Ziehsohn auf und streifte sich den Handschuh seiner Waffenhand ab. Er zog sich etwas vom Handgelenk und hielt es Kakko hin.


    "Von mir, für Dich. Es stammt aus Deiner alten Heimat, gesegnet wurde es vom Ältesten selbst. Ein Artefakt, ein Geschenk", sagte Hector und drückte es Kakko in die Hand.


    Geschenk:

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    "Das Tier ist ein mythologisches Wesen der Arashi. Es heißt Pinyin, ein geflügelter Löse mit einem Drachenähnlichen Kopf. Es soll seinem Besitzer unendliches Glück bringen. Der Legende nach war es der 9. Sohn einer großen, tapferen Bestie und kann sowohl am Himmel und auch im Meer erscheinen. Wem es erscheint, zeigt es sich mal in Alt- oder Jungform. Nach der Überlieferung soll es die Fähigkeit besitzen alles Böse von seinem Träger abzuwehren. Zudem steht es dafür, Reichtum anzulocken und seiner habhaft zu werden. Und was noch wichtiger ist, diesen Reichtum auch zu behalten. Es schützt einen ferner gegen jede Art von Verlust, ob materiell oder auf Personen bezogen.


    Der Grund der Fähigkeiten des Pinyin liegt darin, dass es ungehorsam war und so aus dem Reich der Magie verbannt wurde. Fortan war es von unersättlichem Hunger erfüllt und damit zur ewigen Nahrungsaufnahme verdammt. Da es einst aus dem Reich der Magie kam, kann es aufgenommene Nahrung nicht wieder ausscheiden, sondern sammelt sie in sich an.


    Seinem Meister soll es treu dienen und mit seinem eigenen Leben gegen weltliche und übernatürliche Kräfte beschützen. Früher hieß es, lebte es im Land der Magie als Paar, es waren zwei. Ein Männchen und ein Weibchen. Das Männchen allein begehrte auf und wurde verbannt, so sieht man nur männliche Talismanne. Das Männchen trägt ein Horn, das Weibchen trägt zwei.


    Das Wesen an sich ist voller Symbolik, so heißt es, ist die flügellose Darstellung gleichzusetzen mit der Suche und Vermehrung, während die geflügelte Variante besonders das Studium und Wissen fördern soll. Es soll mit seiner Wildheit im Kampf gleichzusetzen sein mit einer ganzen Armee. Statuen dieser Wesen findest Du heute noch an bestimmten Arashigebäuden, als Tempel oder auch als Grabwächter.


    Wichtig ist, Du musst das Armband so tragen, dass Dich das Pinyin anschaut. Es soll Dich schließlich behüten und so wie das Pinyin bist Du ebenso der 9. Sohn einer Bestie. Der Rest, die Zeichen, nun sie werden sich offenbaren, wenn Du sie benötigst", sagte Hector und schloss Kakkos Hand um das Armband.







  • Kirimar schien in diesen Landen regelrecht aufzublühen. Er erklärte, wie der Jäger die Beute sah und umgekehrt, wie sie auf die Zeichen der Natur achten sollten, als wäre er selbst endlose Tage durch die nördliche Wildnis gestreift. Wie gut es doch war, einen Arashi bei sich zu haben, auch wenn er nur ein halber war, er sah und spürte wie ein Reinblut, zumindest fühlte es sich für Kakko so an. Ob das so war, konnte er nur mutmaßen, da ihm der Vergleich zu Kirimars anderer Hälfte fehlte - den Frostalben.


    "Du warst oft hier draußen auf Jagd, nicht wahr, Kiri? Der Norden ist deine bevorzugte Heimat. Hier bist du mit Herz und Verstand ganz bei der Sache. Danke für die Erklärungen, ich werde alle Sinne einsetzen und meinen Teil dazu beitragen, dass wir Katagawara sicher erreichen."


    Und dann machte Hector ihm ein weiteres Geschenk. Womit er das verdiente, wusste er nicht. Kakko betrachtete die schwarze Perlenkette, die von dem Pinyin zusammengehalten wurde. Die Zeichen auf den Perlen vermochte er noch nicht zu deuten, doch er vertraute Hector darin, dass er ihre Bedeutung noch für sich behielt, damit Kakko sie selbst herausfinden konnte. Er ließ die Kette durch die Finger gleiten, dann schob er sie über sein Handgelenk, in gleicher Weise, wie es ihm von seinem Meister aufgetragen worden war. Der ewige Hunger, Reichtum, der zu ihm kam. Nicht nur materieller Reichtum, auch Beute, nahm er an. Ihnen war offenbar sehr wichtig, dass er seine Zähne verdiente, sie sprachen ständig davon. Dabei war er sicher, dass er keinen Menschen töten konnte. Essen, ja. Wenn er schon in anonymen Streifen vor ihm lag. Dann sehr gern. Aber aus dem lebenden, sich regenden Körper einen toten, kalten zu machen? Das konnte er sich nicht vorstellen. Das ging über seine Fähigkeiten hinaus.


    "Vielen Dank, Meister, Hector, ich danke dir!" Er umarmte seinen Ziehvater fest. Er freute sich sehr über das wertvolle und schöne Geschenk, schon das zweite in so kurzer Zeit, eine passende Ergänzung zum Schwarzen Dolch. "Ich werde mich darum bemühen, dich nicht zu enttäuschen und die Augen offenhalten für die Symbole auf dem Armband wie auch jenen auf Opak."

  • Kirimar nickte zustimmend.


    "Es war einst meine Heimat, aber es blieb immer mein Jagdrevier. Dass solltest Du nicht vergessen Kakko Korikara. Manchmal hat das Herz leider nicht zu entscheiden wo man lebt, mit wem, oder wie. Manches ist einem vorherbestimmt Kakko. Die Hand des Schicksal hat bei Dir einst auch vor langer Zeit zugeschlagen.


    Und wie viele Schicksale betraf dieser eine Hieb? Dich. Deine Mutter. Deinen Vater. Deinen Erzeuger. Ratte. Hector. Dann den Zirkel, Deine Freunde, Deine Feinde, alle Personen auf die Du Einfluss nimmst, durch Deine An- oder Abwesenheit. Vieles ist verzahnt, greift ineinander und fügt sich wie von langer Hand geplant. Wohlmöglich, vielleicht sogar sicher ist es das auch.


    Katagawara ist nur ein Punkt, eine Perle von zig auf einer Schnur. Den ersten Punkt den Du gemeistert hast, war für uns in der Taverne zu sprechen. Sicher warst Du nervös, aber Du hast die Ruhe bewahrt und hast Deine Aufgabe erledigt. Nur darauf kam es an und Du hast bestanden.


    Den Opak kannst Du noch nicht lesen, aber Hector wird sie Dir beibringen. Kurz vor dem Ruhen könnt Ihr üben, ich werde eine Stunde länger wachen, in der Du lernen kannst. Verliere den Pinyin nicht, er ist kostbar. Und bist Du je in Not, verkaufe ihn nicht, denke daran", sagte Kiri gut gelaunt und schnappte sich etwas Proviant aus seinem Beutel.


    "Schon bald wirst Du die einzelnen Wahrnehmungen lieben, Du wirst Favoriten haben und Du wirst Abneigungen hegen. Ich bin gespannt welche es sein werden. Was riechst Du jetzt gerne? Was ist Dein Duft? Damit fängt es an Kakko, sich bewusst zu werden.


    Wir suchen uns eine schöne Stelle wo wir den Tag verbringen können. Am besten unter einem Felsvorsprung. Windgeschützt und angenehm. Wir werden auf Jagd gehen, während Nathan sich um das Feuer kümmert. Ein heißer Tee wäre schön, ich sammele Kräuter. Du wirst uns begleiten und ich bringe Dir bei, welche Kräuter hier zu finden sich. Manche sind auch wichtig für die Wundversorgung. Du wirst von uns beiden eine Menge lernen", erklärte Kirimar freundlich.


    "Kiri hat Recht, solange Du mit Spaß dabei bist, wirst Du schnell lernen. Überleben macht Spaß, vertraue mir. Das ist ein ganz persönliches Geschenk Kakko. Du musst Dich nicht als würdig erweisen, denn wärst Du in dieser Sache nicht würdig, hättest Du den Talisman nicht von mir erhalten. Du kannst gerne mit ihm lesen üben, sobald Du die ersten Schriftzeichen erlernt hast.


    Was die Jagd anbelangt, Du kannst klein anfangen, wie jeder Jäger. Es gibt Beute die ist sogar für manche Meister unerreichbar. Dann hat man dieser Beute Respekt zu zollen und wird sie kein weiteres Mal angreifen. Wer einen Angriff überstanden und abgewehrt hat, hat sich sein Leben redlich verdient. Ab dato sprechen wir auch nicht mehr von Beute. Ab dato sind sie ehrenwerte Gegner, genannt Raan Su.


    Wo lebte Dein Vater, sind Dir mehrere Orte bekannt? Möglicherweise hast Du Geschwister Kakko oder weitere Verwandte, Onkel, Tanten. Auch jene sind von Deinem Blut. Falls Du nur Deinen Vater suchen möchtest, grenz es genau auf einen Ort ein, von dem Du sicher bist, dass nur er dort vor Ort war. Falls Du das kannst und soviel Hintergrundwissen über den Mann hast.


    Hier, steck Dir das wie eine Trense in den Mund und zwar so weit es geht. Beiß zu und halte es in der Position fest. Sobald diese Position schmerzfrei möglich ist, schiebst Du das Hölzchen ein Stück weiter nach hinten. Das übst Du jetzt täglich, wir zaubern Dir damit ein Grinsen bis zu den Ohren. Naja jedenfalls bis zum Kiefergelenk", kicherte Hector und reichte Kakko ein Holz.


    Beißholz:

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