Kapitel 27 - Mit dem Luftschiff nach Beaufort

  • Mit dem Luftschiff nach Beaufort

    Mithilfe der Himmelsaugen ließ Ciel ein Luftschiff aus Souvagne kommen. Es flog nördlich um Naridien herum und folgte dann der Küstenlinie, um zu demonstrieren, dass es keine Bedrohung darstellte. Zumindest nicht im Moment. Gleichzeitig ließ Dunwolf die Düsterlinge ausschwärmen und herkommen. Fast zeitgleich trafen diese Geschöpfe und das Luftschiff ein. Ciel war unruhig und voll Eile, gleich wurde es ernst.


    'Sind das alle, können wir starten?', fragte er Dunwolf gehetzt. Mit jedem Augenblick, den Horatio weiter unter dem Palast hauste, wurde seine Familie geschwächt, wurde sein Volk geschwächt und sein Land einen Schritt näher an die Vernichtung gebracht.

  • Dunwolf schwelgte in der Mobilmachung, Ciel spürte wie dem uralten Geschöpf geradezu das Herz aufging.


    `Alle Düsterlinge die ich für diesen Einsatz entbehre...

    Natürlich habe ich weitaus mehr dieser treuen, kleinen, knuffigen Gesellen....

    Aber sie haben feste Aufgaben.... Jene die ich zu uns rief.... sind sowas wie meine mobile Einsatztruppe...

    Starte... wir müssen Horatio kalt erwischen... um ihn kalt zu machen...´, gurrte Dunwolf in Ciels Gedanken.


    Justinian betrachtete die Luftschiffe und Himmelsaugen mit unverholener Neugier. Linhard wusste was der Schlüsselmeister tat, er taxierte die möglichen, zukünftigen Gegner systematisch auf Schwachstellen. Er war ganz der Opa, in ihm sang das Blut der Hohenfelde. Sein Blick auf die Welt war der eines Raubtiers, geschult und geeicht von jenem Leitwolf, den Ciel nun fest verankert in seiner Seele trug.


    Linhard legte Ciel kurz eine Hand auf die Schulter, um ihm zu zeigen, dass er stets für ihn da war.

    "Wir sind vollzählig, Aufbruch", sagte er freundlich.


    Einer der Düsterlinge hockte sich neben Ciel, starrte mit tränenden Augen zu ihm empor und schenkte ihm ein messerscharfes Grinsen.


    "Du bist der neue Fummel vom Meister was?", fragte er gut gelaunt.

  • "Dunwolf ist nicht mein Fummel, sondern mein Verbündeter für diese Mission", gab Ciel dem ulkigen Geschöpf zur Antwort. Er registrierte Linhards Hand auf seiner Schulter, wandte sich ihm zu und umarmte ihn der Länge nach. "Danke, dass du bei mir bist", sagte er. "Als Einziger. Das bedeutet mir viel. Du hast mehr Mumm in den Knochen und mehr Verstand als so manches meiner Familienmitglieder."


    Dann stieg er mit Linhard an Bord und das Luftschiff konnte starten.


    "Kurs auf den Palast von Beaufort", befahl Ciel. Das gewaltige Gefährt erhob sich in die Lüfte, es wurde eisig. Naridien schien unter ihnen zusammenzuschrumpfen, die Wolken rückten näher. Dann nahm das Luftschiff volle Fahrt auf.

  • Der Luftweg war nicht nur der kürzeste, sondern auch der schnellste Weg nach Souvagne. Ciel und seine direkten Begleiter hatten das neue Luftschiff Souvagnes, die S1, für ihre Reise gewählt. Lang, schlank, weiß und mit vertikalem Antrieb, war das Flugerät allein dadurch schon eine Innovation. Aber es verfügte über weitaus mehr Neuerungen, als allein über einen ungewöhnlichen Antrieb. Die S1 war ein Kampfluftschiff, für den schnellen Einsatz oder als mobile Landezone für die Flugstaffeln der Himmelsaugen.


    Heute flog die S1 mit Höchstgeschwindigkeit Richtung Heimat. Am Himmel nahte die Rettung Souvagnes, um einer Bedrohung Herr zu werden, die sich Untergrund Souvagnes eingenistet hatte. Jules trat zu Ciel und nickte seinem einstigen und erneuten Weggefährten zu.


    "Wir fliegen unter Höchstgeschwindigkeit Hoheit. Aurelien hat uns darüber informiert, welche Bedrohung unter dem Hof schlummert. Wisst Ihr Genaueres? Ihr wisst, dass wir eine Einheit sind, ein Orden, ein Geist. Uns war nicht bekannt, dass an der Akademie der Flamme des Wissens Nekromantie gelehrt wird. Die Frage ist Hoheit, wer ist überhaupt in der Lage, Nekromantie zu unterrichten?


    Jene Lehrer müssten doch aus Naridien importiert worden sein. Wir haben keine eigenen Nekromanten, bis auf Brandur von Hohenfelde. Die anderen wurden des Landes verwiesen und sind auch abgereist. Möglicherweise werden die Schüler aus der Entfernung unterrichtet? Um so eine erste Generation von Nekromanten in Souvagne heranzuziehen? Seit wann läuft diese Ausbildung? Wie ist sie organisiert? All das müssen wir in Erfahrung bringen, um entsprechend einschreiten zu können.


    Die Akademie steht auf der Scholle von Comte Melville de la Cantillion. Sein Bruder Massimo ist der Palaisin des Duc! Was läuft auf der Scholle der Cantillions falsch? Wir sollten sie überprüfen, sie könnten eine Gefahr für die Sicherheit Souvagnes sein. Sind sie selbst unwissend, dann haben sie Ihre Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigt", erklärte Jules, während Gufo mit großen orangenen Augen den Düsterling betrachtete.

  • "Das alles werden wir tun - nachdem wir das Übel ausgeräuchert haben", sprach Ciel. "Wir haben machtvolle Verbündete an unserer Seite. Einer davon seid Ihr. Ein anderer ist Linhard, der als junger Schwertmeister und gebürtiger Hohenfelde wissen wird, was gegen mögliche physische Attacken zu unternehmen ist. Hinzu kommt auch Justinian, der eine geeignete Waffe trägt in Gestalt eines Artefakts. Ich trage ebenso eines. Wir wissen, dass der Älteste unter dem Palast den Namen Horatio de Rochenoir trägt, besser bekannt als Horatio von Schwarzfels. Schon sehr lange haust er dort und leider muss ich sagen, dass auch Verrill, die nicht von ungefähr nun im Schutze des Duca di Ledvico haust, in dieses Übel involviert ist. Es fällt schwer, einen so klugen Kopf als den einer verblendeten Närrin anzunehmen, wenn Ihr mich versteht. Wo ist Marquis Alexandre de la Grange?"

  • Jules strich sich über das Kinn und kraulte danach Gufo, der sich genüsslich aufplusterte.


    "Euer Lehrmeister, der Marquis de la Grange? Ich habe ihn nicht gesehen. Hoheit gerade gebildete Leute lassen sich von solchen Wesenheiten einfangen. Ein schlichtes Gemüt, wäre für einen Ältesten nutzlos. Jede Person, selbst die klügsten Köpfe, haben ihre Schwachstellen. Zudem ist jemand von dem Verstand Eurer Schwester Argumenten zugetan. Das heißt, man kann sie überzeugen. Und hat man sie einmal auf seine Seite gezogen, festigt sich das Argument zu Wissen. Gegenargumente wird sie irgendwann nicht mehr gelten lassen, da Horatio sie mit passendem Wissen gefüttert hat. Alles klingt logisch, durchdacht, es muss so sein. Eines Tages wacht sie auf und ist eine Anhängerin, verbreitet seine Lehren wie ein Mantra, ein Dogma. Und sie wird diese Person vor anderen verteidigen, denn sie folgt seiner Lehre.


    Je mehr Ihr gegen Horatio sprecht, je mehr treibt Ihr sie in dessen Arme. Das Gefühl wir gegen den Rest der Welt, dass erzeugt Ihr damit. Das Einzige was gegen Horatio und solche Rattenfänger hilft ist die Demaskierung! Zeigt Ihr wer wirklich hinter dem Schleier des Lichts steckt. Was das für eine Wesenheit ist und wovon sie sich ernährt. Von Licht und Liebe wohl kaum", erklärte Jules und spuckte aus.

  • "Ich liebe meine Schwester", sprach Ciel und jedem Wort hörte man an, wie ernst ihm seine Liebe war. "Ich sprach mit ihr, sie hörte nicht. Weder auf Argumente, noch auf meine Sorge, noch auf Drohungen. Ich habe ein Land zu schützen, die Nekromantie bedeutete bereits einmal fast unseren Untergang. Notfalls stelle ich mich dafür auch gegen Prince Gregoire Verrill de Souvagne und selbst gegen Ducachessa Gregoire Verrill di Ledvico, sobald sie einen Fuß in unser Land setzt, um uns zu schaden."


    Ciel blickte in Fahrtrichtung, während ein eisiger Wind an seinem Kopftuch riss. Der Gedanke, Verrill zu schaden, war nicht nur schmerzhaft bis auf den Grund seiner Seele, sondern auch beängstigend, denn eine Kriegserklärung von Ledwick war hernach nahezu gewiss, denn er tötete nicht nur die Gemahlin des Duca sondern auch den Thronerben, wenn es so weit kam. Ciel erschauerte bei dem Gedanken.


    "Ihr habt Recht", sprach er zu Jules. "Wir müssen in Beaufort angelangen, bevor Horatio sich sammeln kann - und bevor Verrill eintrifft."


    Er wandte sich an jemanden, der bisher geschwiegen hatte.


    "Conny", sagte er sanft. "Mein Schatten, mein Dolch der Finsternis, meine fleischgewordene Schattenklinge. Wie auch immer du es anstellen möchtest - versuche, zu verhindern, dass die Ducachessa Souvagne betritt. Bitte verletze sie nicht, wenn es sich irgendwie verhindern lässt. Sollte es notwendig sein, dann tu es. Sollten sie und ich gewaltsam aufeinandertreffen, stehen wir vor einem erneuten almanischen Bruderkrieg. Dann hätte Horatio die Seelen, die er zur Nahrung benötigt. Und alles, wofür wie in den letzten Monaten und Jahren gekämpft haben, wäre vorbei."


    Fröstelnd schlang er seinen Mantel fester um sich. Er spürte, wie die Kälte in seine Knochen zog, als würde er sich erneut im Eiskeller des Herrenhauses befinden. Wenn die Situation eskalierte, schufen sie ihren Ältesten und ihren Lichs ein eigenes Herrenhaus in Gestalt von ganz Almanien.

  • Dunwolf schwieg genüsslich, denn was hätte er auch sagen sollen? Für solch ein Schauspiel bezahlte man im Theater Unsummen. Hier bezahlte nicht der Zuschauer, sondern die Darsteller und zwar mit ihrem Leben. Der Herr der Pein war verzückt davon wie sich die Dinge entwickelten.


    Wenn auch der Ausgang der Schlacht nicht feststand, eines stand fest - es würde ein Mordsspaß werden.