Reißen & Beißen

  • Mit großen Augen betrachtete Fallon den Eintopf und das Getränk. Auch wenn er nicht ganz ausmachen konnte, was sich genau in dem Humpen befand, war er doch sehr davon angetan, etwas Frisches zum Trinken und zum Essen zu bekommen. Dankend nahm er die Schüssel und den Humpen entgegen, ehe er es sich auf dem Bett gemütlich machte. Dabei dachte er darüber nach, wie er sich selbst Lucian offenbart hatte, ohne diesen wirklich genauer zu kennen. Doch selbst nach einigen Momenten des Nachdenkens verschwand einfach jeder Zweifel, als ob es von vornherein das Richtige gewesen war. Lucian konnte ihn nicht hintergehen oder sich diese Schwäche zunutze machen. Für Fallon war diese Möglichkeit sehr weit hergeholt, gar absurd, also beließ er es bei den Gedanken.


    Denn auch als er den ersten Bissen des Eintopfs nahm und seine Augen des Genusses wegen schließen musste, lauschte Fallon den Worten des jungen Mannes. Diese zeugten augenblicklich von dem Gefühl, welches Fallon bei ihm hatte. Nicht nur, dass Lucian auf eine elegante Weise auszudrücken wusste, was es mit der Einsamkeit auf sich hatte, nein, er erkannte die Lage Fallons an. Einige hätten ihm einfach gesagt, dass er sich einfach zusammenreißen soll. Auch wenn in den Worten des Kerls ein wenig Kritik schwang, dass man dafür etwas tun müsse, bekam Fallon nicht das Gefühl, dass es anklagend war. Im Gegenteil. Es war ein Fingerzeig in die richtige Richtung.


    Als Lucian schließlich von seinem Los erzählte, ließ dies Fallon nachdenklich zurück. In gewisser Hinsicht schilderte der Junge ein eher unschönes Schicksal, von den leiblichen Eltern getrennt zu sein. Das hörte sich danach an, als ob er in einer Königsfamilie aufgewachsen wäre, in der solche Dinge nicht unüblich waren. Doch in einer Familie von Lebensmittelhändlern? Seine Eltern mussten wirklich sehr beschäftigt sein, was Fallon selbst recht schade fand. Er konnte verstehen, wenn man sich nach seinen leiblichen Eltern sehnte, aber darüber hinaus war er froh, dass es Lucian in der Familie trotzdem gut erwischt hatte. Sie waren trotzdem für ihn da gewesen, was sehr viel wert war.


    "Keine Sorge, ich arbeite daran zu leben Lucian", sagte Fallon schließlich zwinkernd, ehe er sich einen weiteren Löffeln Eintopf einverleibte. Das Getränk hatte er unbeachtet gelassen, sein Hunger war zu groß, als dass er etwas trinken wollte. "Auf alle Fälle freut es mich, dass du trotz der Umstände eine für dich sorgende Familie um dich herum hattest. Ich denke, dass das viel in unseren Zeiten ausmachen kann, besonders wenn man ein so herzlicher Teil dieser Familie ist. Du bedeutest ihnen sicher viel." Mit einem sanften Lächeln schloss Fallon seine Worte ab, bevor ein weiterer Löffel Eintopf in seinem Mund landete.


    Allerdings blieb dieser Löffel in seinem Mund stecken, als er schließlich beobachten musste, was Lucian da tat. Zuerst dachte Fallon daran, dass der türkise Kristall ein Glücksbringer war, doch spätestens als Lucian diesen mit seinem Blut beschmierte, wurde die Situation sehr seltsam. Darauf folgten einige fremdklingende Worte. Was hatte Lucian vor? Beschwörte er etwas? Wollte er nun doch, wo Fallon so verletzlich war, ihm etwas antun? Sein ganzer Körper spannte sich an, doch etwas in ihm sagte, sich zu entspannen. Er wusste nicht was, aber die Stimme sollte Recht behalten, als eine Stimme durch den Kristall drang.


    Plötzlich wirkte die ganze Situation wie ein ganz normales Gespräch. Völlig perplex beobachtete Fallon das Schauspiel, auch wenn er nicht wusste, was er davon halten sollte. Allerdings war es normal, die Worte die gesprochen wurden klangen etwas mysteriös, aber im Ganzen wie ein Gespräch zwischen zwei Vertrauten. Die einzige Frage die sich Fallon schließlich aufdrängte war, wie ein Junge einer Familie von Lebensmittelhändlern an ein solches magisches Artefakt kam und die Familie ein entsprechendes Gegenstück besaß. Im Grunde wirkten sie plötzlich viel mehr als nur eine bloßes Familienunternehmen, wenn sie Zugriff auf solche Mittel hatten. Doch kurz darauf drängte sich Fallon die Frage, ob es ihn wirklich interessieren sollte. Sie sorgten für seine Obdach und einen gefüllten Magen. Von ihm aus konnten sie dann auch Magier sein.


    Aus dem Grund hörte Fallon auch nicht all zu genau hin, da er seinen Auftraggeber nicht einfach belauschen wollte. Drum widmete er sich ganz den Resten seines Eintopfs, der am Ende des Gesprächs fast leer war. Als Lucian darauf meinte, dass der Eintopf ihm gut tue, bestätigte Fallon dies nur mit einem breiten Grinsen und dem Daumen nach oben, als auch die letzten Reste schließlich in seinem Magen landeten. Erst dann widmete er sich dem Humpen, den er packte und die Flüssigkeit darin nicht einmal inspizierte, sondern einen kräftigen Schluck daraus nahm.


    Womit Fallon nicht gerechnet hatte, war der salzige Geschmack des Getränks. Dieser erinnerte ihn ganz fern an einen bestimmten Geschmack, doch natürlich war dies absurd. Allerdings bedeutete dies nicht, dass Fallon das Getränk nicht schmecken würde, im Gegenteil. Er hob den Humpen und machte ihn in einem Zuge leer, worauf er sich schließlich zufrieden grinsend zurücklehnte und zu Lucian schaute. "Vielen Dank für das Essen und das Zimmer hier! Das hat wirklich gut getan. Wenn es in Sturmfels noch besser als hier ist, dann bin ich wirklich gespannt. Auf alle Fälle ist die Verpflegung echt spitze!", verkündete er nun wesentlich zufriedener, die Thematik von vor wenigen Momenten vergessen habend.


    Schließlich schaffte Fallon das Besteck beiseite und entledigte sich bis auf seiner Unterhose der restlichen Kleidung. Der Wolf in ihm mochte es nicht, Stoff am Körper zu tragen, vor allem wenn er schlief, also war das für ihn ein normales Ritual geworden, ehe er sich ausgiebig vor dem Bett streckte und darauf unter die Decke des Bettes schlüpfte. "Es ist mir wirklich eine große Freude mit dir zu reisen und diesen Auftrag für dich und deine Familie zu erledigen. So kann ich zumindest jemanden dienlich sein, als wenn ich irgendwo in Obenza auf der Straße ende." Ein zartes, warmes Lächeln schlich sich auf Fallons Lippen. Müdigkeit übermannte ihn, doch würde er Lucian noch zuhören, was er von sich gab, auch wenn Fallon in diesem Moment wohl kein guter Gesprächspartner mehr sein würde.

  • Lucian von Dornburg



    Lucian rollte sich auf die Seite um Fallon beim Sprechen anschauen zu können und stopfte sich die Hände unter die Wange um angenehmer zu liegen.


    "Gerne, Kost und Logis sind im Auftrag inbegriffen. Das Leben ist ein Geschenk Fallon, man sollte es nicht leichtfertig wegwerfen. Andere trachten einem schon genug danach, deshalb darf man nicht sein eigener Feind werden. Ebenso gibt es Personen, die sich selbst hassen. Sie reden sich ein hässlich zu sein. Dabei gibt es bei den Arashi eine uralte Legende, sie besagt Dein Gesicht ähnelt der Person die Du im letzten Leben am meisten geliebt hast. Es gibt also keinen Grund für Selbsthass oder andere negative Gefühle Dir selbst gegenüber.


    Alles was Du lernen musst, ist Dich selbst zu mögen und anzunehmen. Die meisten glauben dass, was Fremde ihnen spiegeln. Dabei bedenken sie nicht, dass die es vermutlich gar nicht gut mit ihnen meinen. Jemand kann sonst etwas über Dich behaupten und Du nimmst es Dir zu Herzen. Vielleicht war er nur eifersüchtig? Oder möglicherweise treibt ihn der Neid? Also warum den Worten Fremder eine Bedeutung beimessen? Worte der Familie, Worte von Personen die es gut mit Dir meinen haben einen Wert. Alles andere ist wertloses Gewäsch, in meiner Familie erkennt man die Worte von Fremdlingen nicht an. Sie müssen sich das Wort erst verdienen.


    Zum Thema Familie, bezieht sich das rein auf Deine Rudelfamilie? Also Deine Nestfamilie? Ich... hm... also was ich damit fragen möchte ist, hast Du selbst keine Kinder? Dir kann ja das Umfeld fehlen, aber Du kannst ja trotzdem Kinder haben. Ich habe noch kein Kind. Aber in ein paar Monaten sieht das schon anders aus", grinste Lucian.


    "Es ist kein Nachteil, wenn man von einem Betreuer aufgezogen wird, alle in der Familie kümmern sich um die Kinder, aber es untersteht einem Betreuer, der seine Sicherheit gewährt. Manche der Familie sind... sagen wir mal Grobmotoriker und nicht geeignet ein Baby oder Kleinkind zu hüten. Andere wiederum haben keine Zeit oder beides. Und wer gut geeignet ist, der passt auf die Kleinen auf. Arbeitsteilung auch in dem Bereich.


    Das Getränk ist ein besonderer Mix, man nennt es Blutbier. Blut ist ein sehr wichtiger Nahrungsbestandteil, wusstest Du das Blut Heilstoffe enthält um das fehlende Sonnenlicht auszugleichen? Drum gibt es auch viele leckere Gerichte mit Blut, besonders gerne esse ich Blutpudding mit gerösteten Zwiebeln.


    Der Mann gerade am Sprechstein das war mein Vater, wie ich sagte er ist viel unterwegs. Und gerade ist er wieder auf Reisen um etwas im Ausland zu klären. Ich hoffe er kommt gut an und wohlbehalten zurück. Mein ältester Bruder ist gerade mit ihm unterwegs und ein guter Bekannter von meinem Vater. Aber den sieht man noch weniger als meinen Vater. Ich glaube ich kann an einer Hand abzählen wie oft ich ihn gesehen habe. Aber irgendwer muss ja auch die Außeneinsätze erledigen, ohne Ware keine Kundschaft.


    Ich kann mich nicht über meine Familie beschweren Fallon, wir haben ein inniges Verhältnis. Ich liebe meinen Vater, meinen Ziehvater, meine Brüder und die anderen ebenso. Das ist nicht abhängig davon wie oft ich sie sehe, sondern wie wir zueinandner stehen.


    Morgen werden wir Sturmfels erreichen, es ist noch ein ganzes Stück hin, aber das packen wir locker. Sobald wir den Mond-See sehen sind wir so gut wie da. Also trink Dein Blutbier, damit Dein eigenes gewappnet ist und versuch zu schlafen. Ich wecke Dich früh in der Nacht, damit wir los können", schmunzelte Lucian und mummelte sich tief in seinen Umhang.

  • Eines musste man Lucian lassen. Er hatte viel zu erzählen und diese Dinge waren nicht einmal nur dummes Gewäsch, sondern sehr wahre Worte oder Lebensweisheiten, über die Fallon innerhalb seines Lebens noch nicht nachgedacht hatte. Im Grunde war ihm dafür auch kaum die Zeit gewesen, hatte er sich doch mit so einigen Widrigkeiten herumschlagen müssen. Vor allem sprach der junge Kerl in Metaphern und Umschreibungen, was Fallon gleichermaßen beeindruckte und respektierte. Offenbar war er nicht nur Lebensmittelhändler und Magier, sondern offenbar auch ein Rhetoriker. Alles in einem vereint verwunderte es nicht, dass die Familie einen großen Erfolg nach dem anderen feiern musste.


    Da Fallon selbst jedoch eher weniger sprachbegabt war, erwiderte er auf die anfänglichen Worte schließlich: "Keine Sorge, ich mag mich selbst, wie ich bin und ich lasse mir da auch nicht hereinreden. Kommt aber ganz auf den Kontext an. In bestimmten Punkten würde ich auf Personen hören, aber es kommt darauf an, wie ich zu ihnen stehe - und welche Rolle sie einnehmen. Das ist aber ein völlig anderes Thema, was damit nichts zu tun hat. Im Grunde gebe ich dir aber absolut Recht. Das Wort eines Fremden sollte nicht zählen, insbesondere wenn es ein Kommentar der negativen Seite ist. Davon habe ich selbst schon genug in meinem Leben gehabt, da braucht es nicht noch mehr." Ein stolzes Lächeln stahl sich auf Fallons Lippen, war er doch dankbar dafür, in der Lage zu sein sich selbst zu akzeptieren. Nichts und niemand konnte ihn in seinem Tun beeinflussen, außer diese Person hatte eine besondere Beziehung zu ihm.


    Natürlich musste Lucian erneut auf die Familie zurückkommen. Allerdings war seine Frage in der Hinsicht ein wenig seltsam. Hätte Fallon in dem Moment gesessen, hätte er vermutlich wie ein Hund den Kopf schiefgelegt und Lucian entsprechend angeschaut. Bis er aber richtig antworten konnte, vergingen ein paar Sekunde. Danach, etwas perplex, antwortete er: "Nun ja, ich habe keine Kinder. Jedenfalls keine, von denen ich wüsste, es wäre aber auch komisch, wenn ich welche gezeugt hätte. Wie soll ich es sagen?" Für einen Moment überlegte Fallon, ob es überhaupt in das Gespräch passte, aber wenn sie sich schon so offen und ehrlich unterhielten, wieso dann eigentlich nicht. "Bis jetzt hatte ich nur Beziehungen mit Männern. Da ist es ein wenig schwer, zu schwängern", erklärte Fallon schließlich nervös grinsend. Auch wenn er nie damit auf Ablehnung gestoßen war, konnte man nie wissen, wie jemand darauf reagierte. Es gab immer jemanden, der auch solche Sachen abstoßend fand.


    "Aber was Familie betrifft, besonders in deiner Situation, kann ich gut verstehen, wenn man auf Betreuer zurückgreift, besonders wenn man dann selbst kein guter Vater oder Aufpasser sein kann. Wenn das in deiner Familie auch entsprechend passt, dann wieso also nicht? Es ist für mich nur ein seltsames Bild, ist man doch manchmal oder eher vorwiegend das klassische Bild gewohnt. Zumindest bin ich das, aber so unterscheiden sich wohl die Welten." Doch wie es sich für Fallon anhörte, musste Lucian einer großen Familie angehören. In welchen Größenordnungen er sprach, dass es Betreuer brauchte und Familienmitglieder nicht geeignet für die Kinderbetreuung seien, ließ vermuten, dass sie ein paar Mitglieder mehr besaß.


    Doch der Kommentar, was das Bier gewesen sein soll, machte Fallon schließlich stutzig. "Blutbier? Enthaltene Heilstoffe?", fragte er verdutzt. Ihm war der Geschmack bekannt vorgekommen, doch dass es wirklich ein blutiger Geschmack sein sollte? Vielleicht war es genau der Grund, warum es ihm so sehr schmeckte. Sein innerer Wolf liebte die Jagd. Die Zähne in die Beute zu schlagen und das Blut in der Schnauze zu schmecken, war eines der schönsten Gefühle, die der Wolf spüren konnte. Eben jener leckte sich die Schnauze, als noch das Wort Blutpudding fiel. "Von dem Pudding sollte ich vielleicht auch mal probieren", murmelte Fallon schließlich zu sich selbst.


    Eigentlich hatte Fallon auch nicht weiter vor, wegen Lucians Familie zu fragen, hatte er doch selbst schon sehr viel darüber gefragt, aber er schien damit keine Probleme zu haben. Im Gegenteil. Offenbar bereitwillig erzählte Lucian weiter von seiner Familie und auch, mit wem er das Gespräch geführt hatte. Zudem wusste Fallon endlich was das war. "Ein Sprechstein", sprach er nach, als ob er eine Sprache lernen würde. Doch zurück zum Punkt kommend, erwiderte Fallon schließlich: "Es muss nicht ganz einfach sein. Es schien mir, dass du dich gut mit deinem Vater verstehst, weswegen ich es mir als schwierig vorstelle, so lang von ihm getrennt zu sein. Aber er scheint in guter Gesellschaft zu sein, weswegen ich denke, dass er definitiv wohlbehalten zurückkehren wird. Auf jeden Fall freut es mich, dich in einer so glücklichen und gemeinschaftlichen Familie zu sehen." Warm lächelte Fallon auf diese Worte. Er fand es beruhigend, dass es noch andere gab, die es einfacher und besser hatten als er selbst. Neid oder Eifersucht? Keine Spur.


    Mit den letzten Schlucken des Blutbiers legte sich Fallon schließlich richtig hin. Er fühlte sich gestärkt, aber auch müde und da kam ihm die Einladung Lucians ganz recht. "Okay, alles klar. Ich versuche es. Ich wünsche dir eine gute Nacht! Schlafe gut, wir sehen uns dann nachher."

    Es brauchte nur wenige Minuten, da war Fallon auch schon im Land der Träume verschwunden. Der Tag auf Wanderschaft hatte ihn ermüden lassen, weswegen die Mütze Schlaf dringend notwendig war.

  • Lucian von Dornburg


    Lucian warf einen rückversichernden Blick auf Fallon. Der Wolfswandler schlief tief und fest, sein Brustkorb hob und senkte sich gleichmäßig. Luc kramte erneut den Sprechstein aus seiner Tasche, ehe er diese unter seinen Kopf legte und als Kopfkissen benutzte. Den Stein legte er vor seinen Bauch, falls ihn jemand mitten am Tag sprechen wollte. Das war durchaus möglich. Zudem fühlte er sich so seinem Nest besonders verbunden. Er zückte seinen Dolch, schob ihn unter die Tasche und eine Hand hinterher, die so in Seitenlage flach auf der Waffe ruhte. Vertrauen war gut, Kontrolle war besser. So hatte es ihn sein Vater gelehrt. Und so vertrauensvoll dieses Zimmer, die Taverne und der Ort auch anmuten mochten, dass hier war nicht Obenza und somit nicht der Machtbereich seines Vaters. Es dauerte nicht lange, dann war auch Lucian in einen leichten Schlaf gefallen.


    Sie verschliefen den Tag und endlich brach die Dämmerung herein. Lucian wachte auf, streckte sich und schaute sich um. Er schälte sich aus seinem Umhang, absolvierte seine Dehnübungen und rüttelte sanft Fallon wach.


    "Guten Morgen. Ich hoffe Du hast gut geschlafen. Bezogen auf unser gestriges Gespräch, nur weil Du Männern den Vorzug gibst, heißt dass nicht dass Du keine Kinder zeugen kannst. Bei uns in der Familie wird das sehr locker gesehen. Man geht einen Bund ein mit der Person, die man liebt. Das Geschlecht spielt da keine Rolle. Bist Du ungebunden, kannst Du die Matte teilen mit wem Du magst. Auch innerhalb der Großfamilie, denn es sind nicht alle blutsverwandt. Und das Zeugen von Kindern dient ja nicht nur dem Spaß, Du stärkst und sicherst damit die Familie.


    Ich komme was das anbelangt wohl nach meinem Vater, ich mache keinen Unterschied ob Mann oder Frau, wichtig ist nur, dass man sich riechen kann. Dann klappt der Rest von ganz allein.


    Es ist nie einfach von der Familie getrennt zu sein Fallon, aber dafür hat man Sprechsteine oder wie Manni immer sagt, man trägt die Familie im Herzen, sonst nirgendwo. Man weiß dass man geliebt wird, auch in der Ferne. Und wo wir gerade von Ferne sprechen, Aufbruch! Je ehr wir loslaufen, umso ehr sind wir in Sturmfels, haben die Arbeit erledigt und können bei der Familie die Nacht verbringen", erklärte Lucian und räumte seine Sachen zusammen.


    Aufbruchbereit wartete er auf Fallon an der Tür und schloss diese auf.

  • Für Fallon verlief der Schlaf so schnell und erholsam, wie er ihn schon lang nicht mehr gehabt hatte. Weder Träume noch anderweitige Störungen machten ihm den Schlaf madig, was ihm gerade nach der durchlaufenen Nacht gebraucht hatte. So ließ er es sich nicht nehmen, sich noch einmal umzudrehen, als er zwischendurch im Halbschlaf aufwachte und Lucian noch immer schlafend sah. Es war für Fallon einfach so herrlich, das er die Situation schlichtweg genießen musste, wenn sein Arbeitgeber schon so großzügig war.


    Jener Arbeitgeber weckte ihn schließlich auch sanft, worauf Fallon seine Augen aufschlug, mehrere Male blinzeln musste, ehe er überhaupt ein dankendes Lächeln erwidern konnte, gefolgt von einem Murmeln: "Guten Morgen. Oder Abend. Je nachdem." Womit Fallon jedoch nicht rechnete, waren die Themen die Lucian direkt aufgriff, obwohl Fallon selbst gerade erst aufgewacht war. Sein verschlafenes Hirn konnte gar nicht so schnell schalten, wie Lucian begann zu erzählen. Drum ließ Fallon mit seiner Antwort für ein paar Augenblicke auf sich warten, die er dazu nutzte, sich aus der Decke zu schälen und sich der Länge nach zu strecken. Das reichte auch schon, um wach zu werden und sich selbst vollständig auszurüsten, bevor er zur Abreise bereit vor Lucian stand.


    Lucians Einladung Folge leistend, machte Fallon den ersten Schritt durch die Tür und den Gang herunter, begleitet von dem jungen Kerl. Diese Momente konnte Fallon auch wunderbar nutzen, um auf Lucians Worte einzugehen: "Über Nachwuchs habe ich bisher nicht nachgedacht, wenn ich ehrlich bin. Natürlich habe ich die Möglichkeit Kinder zu zeugen, aber für mich war das bisher nichts, was von Belang war. Zumal ich etwas ... speziell bin. Da habe ich das Gefühl, es bisher nur mit Männern teilen zu können."


    Mittlerweile schritten sie die Tavernentreppe hinab in den Schankraum, wo Fallon dem Wirt ein freundliches Lächeln und Nicken als Abschied zukommen ließ. Für den Moment wartete er schließlich, bis Lucian sich von dem Wirt verabschiedete, ehe er mit ihm gemeinsam auf die Straße, in die kühle Abendluft hinausging. Zwar tat die warme Luft in dem Gasthaus ihre ganz eigenen Wunder, es war aber schön unter klarem Abendhimmel, bei frischer Luft draußen zu wandern. Zumindest quittierte sein innerer Wolf dies immer mit einem Schwanzwedeln.


    Kaum draußen, folgte Fallon Lucian entsprechend, um zurück auf die Straße und Richtung ihres Ziels zu kommen. Lucians erwähnte Familie ließ ihn schließlich erwidern: "Deine Familie kennenzulernen wird mir eine große Ehre sein, Lucian. Wenn sie so wie du sind, bin ich mir sicher, dass ich mich gut mit ihnen verstehen werde. Also klar, jeder ist anders, aber wenn die Mentalität stimmt, meine ich. Du weißt schon. Im Endeffekt bin ich so oder so dankbar für die Möglichkeit. Ich werde mein Bestes geben, um dich nicht zu enttäuschen."


    Im Anschluss musste Fallon über die Tatsache nachdenken, dass Lucian tatsächlich gesagt hatte, seinem Vater und ihm würde es egal sein, ob Mann oder Frau. Also war dies tatsächlich auch eine sehr offene Familie in diesen Verhältnissen. Das schloss schon einmal aus, dass die Familie ihn aufgrund seiner Partnerwahl gängeln könnte. Im Gegenteil. Sie schienen es wie das Normalste der Welt zu behandeln, wie es in Fallons Augen auch gehörte.


    Die hereinbrechende Nacht war derweilen schön mit ihren frischen Düften, dem Zirpen der Grillen, begleitet von dem Wandern der Sterne am Himmel. Sie funkelten, wiesen den Weg und machten einem begrifflich, wie groß die Welt doch sein musste. Was wohl jenseits des Himmelszelts war? Eine Frage, mit der sich Fallon nicht auskannte, doch hatte er irgendwie die träumerische Hoffnung, weite Welten zu finden, die nur darauf warteten, erkundet zu werden.


    Da kreuzte ein davon völlig unabhängiger Gedanke Fallons Verstand, als er Lucian von der Seite anblickte und musterte. "Du, sag mal", begann er, noch während er sprach abwägend, ob eine Frage wie diese angebracht war, "Hast du eigentlich einen Partner? Also eine Freundin oder einen Freund? Du redest so frei davon, da bin ich mal neugierig. Du musst mir natürlich nicht antworten. Ich mag dir nicht auf den Schlips treten."

  • Lucian von Dornburg


    Lucian führte Fallon nach draußen und atmete genüsslich die kühle Nachtluft ein. Er folgte Fallons Blick zu den Sternen und schmunzelte. Lucian zog seinen Reiseumhang enger um sich und rückte seine Tasche zu Recht, während er über die Worte von Fallon nachdachte. Forschen Schrittes führte er sie Richtung Sturmfels.


    "Was heißt Du bist speziell? Welche Vorlieben hast Du, dass man sie als speziell bezeichnen würde? Etwas das also nur mit Männern möglich ist, da gibt es einiges was rein anatomisch nur mit einem Mann möglich ist. Über Kinder sollte jeder nachdenken, sie sind das, was wir der Welt vererben. Das was von uns bleibt Fallon, unser winziges Stückchen Ewigkeit.


    Zu Deiner Frage nein ich bin zur Zeit nicht vergeben, aber ich habe ein Kind angesetzt. Nicht mehr lange und es wird geboren werden. Ich hoffe, dass es ein Sohn wird. Eines Tages wird er vielleicht auch eine... Familienfiliale übernehmen. Ich werde keine übernehmen, dass steht fest. Mein Opa hatte früher als junger Mann Probleme mit besonders grausigen Kopfschmerzen, die habe ich von ihm geerbt. Drum werde ich keine Familienfiliale führen. Aber mein älterer Bruder Justinian führt eine. Das macht er gut, ich bin stolz auf ihn. Leider ist er momentan nicht Zuhause, sonst hätten wir ihn mal auf einen Abstecher besuchen können. Abstecher war gut", lachte Lucian leise und heiser in die Nacht.


    "Ich fühle mich nicht auf den Schlips getreten und um Dich zu beweisen sind wir ja hier. Also bald... in Sturmfels. Sobald wir die Schulden eingetrieben haben, haben wir Freizeit. Dann können wir uns ein bisschen Sturmfels anschauen, oder mal einigen Leuten Hallo sagen", sagte Lucian, kramte eine kleine Packung Rauchstangen hervor und steckte sich eine davon in den Mundwinkel. Er zündete die Rauchstange an und hielt Fallon die Packung hin.


    "Möchtest Du?", fragte er freundlich.

  • Vor allem bei der ersten Frage musste Fallon für einige Momente nachdenken. Sollte er wirklich so offen darüber erzählen? Am Ende würde Lucian ihn noch für verrückt erklären. Beim Thema Sexualität und Präferenzen mag er vielleicht noch tolerant sein, doch war er es auch bei den Vorlieben Fallons? Generell war es ein seltsames Thema, wenn man sich gerade einmal zwei Tage kannte, kaum etwas Persönliches über die andere Person wusste, aber dann direkt mit einem solchen Thema begann. Doch etwas regte sich in Fallon. Etwas, was diese Thematik als ein Thema darstellte, wie es jedes andere auch war. Ein Gespräch wie jedes andere auch, nur ging es darum. Schließlich war Fallon selbst oft damit offen umgegangen. Also wieso auch nicht?


    Trotzdem wurde Fallon zunächst auch hellhörig, als Lucian davon berichtete, wie er ein Kind erwartete und auch, dass er wohl nicht seine Familie beerben würde. Dabei hatte er keine Partnerin. Ungeniert hakte er deshalb nach: "Ist das bei euch so, dass auch einem Stelldichein auch Nachwuchs für die Familie kommt oder haben du und die Frau euch einfach nur wieder getrennt?" Klar, es musste eine seltsame Frage gewesen sein, doch sie hatte auch Fallons Interesse geweckt. Mehr als fragen konnte man nicht und so gesehen hatte er auch vor, seine Vorlieben zu offenbaren, warum also auch nicht offen darüber reden?


    Für das Erste lehnte Fallon die Rauchstange ab. "Vielen Dank, aber ich rauche nicht. Hält die Lunge fitter." Mit einem freundlichen Lächeln wies er die Rauchstange zurück, ehe er für einen Moment wieder in den Himmel blickte und über das Gesagte nachdachte. Bevor er zu den Vorlieben kommen wollte, entschied sich Fallon erst einmal auf die anderen Dinge einzugehen, während er die Sterne am Himmel über ihnen fasziniert anblickte.


    "Also, im Grunde hast du schon Recht. Kinder sind die einzige Möglichkeit, ein Erbe auf dieser Welt zu hinterlassen und die eigene Geschichte durch das Blut des Kindes weiter zu erzählen. Nur so bewahren wir uns Tradition, öffnen mit einem neuen Blickwinkel aber auch die Möglichkeit für neues. Vermutlich würde ich tatsächlich meinen Samen gern einmal weitergeben, damit er an anderer Stelle wieder erblühen kann, doch ich halte mich nicht für einen guten Vater. Das würde mir vermutlich einfach nicht liegen.


    Im Grunde hätte ich auch nichts zu vererben wie es in deiner Familie Gang und Gäbe ist. Bei mir gäbe es ein paar Münzen und die Überreste meiner Geschichte. Da hört das Erbe auch schon auf. Aber weiß, wie das noch wird, nicht wahr? Für das Erste genieße ich einfach die Vorzüge, nichts zu haben und überall hingehen zu können, auch wenn ich mich nach einer Familie sehne. Man kann aber auch so echt seinen Spaß haben.


    Genau, wie ich es nur mal mit meinen Vorlieben mag. Dieses schöne Gefühl, unter einem anderen Mann zu sein, auf alle Viere, den Hintern in die Höhe gestreckt. Sich anbietend, genommen zu werden. Da fährt mir ein Schaudern durch den Rücken. Dann gibt es da noch meinen inneren Wolf, der es spezieller macht. In der Regel gibt es in einem Rudel verschiedene Positionen. Alpha, Beta und Omega. In einem Rudel, auch wenn es vielleicht nur aus anderen Person und mir besteht, fühle ich mich selbst und auch mein innerer Wolf definitiv in der Rolle des Omegas. Der Spielball, die Befriedigung und der vom Stand her Niedrigste des Rudels zu sein. Von einem Wolf zu einem domestizierten Hund gemacht zu werden. Als solches abgerichtet, erzogen und genutzt zu werden, am besten noch mit einem Halsband als Zeichen des Besitzes um den Hals, gibt mir die größte Genugtuung. Ich liebe es einfach, mich unterzuordnen. Und ich habe das Gefühl, dass den meisten Frauen dazu der Biss fehlt. Ich bin mir sicher, dass es welche gibt, aber ich selbst habe sie noch nicht gesehen. Selbst in der höheren Position zu sein liegt mir extrem fern."


    Prüfend musterte Fallon die Reaktion Lucians. Er hatte sehr viel von sich preisgegeben, sehr empfindliche Details, aber Lucian hatte sie wissen wollen. Ob er sie auch guthieß? Oder vielleicht sogar lieber Abstand nahm?

  • Lucian von Dornburg


    Lucian zuckte die Schultern und steckte die Rauchstangen wieder ein.

    "Ein Nichtraucher, dass mag zwar Deine Lunge schonen aber Deine Füße waren trotzdem müde", grinst Lucian, zog einmal ausgiebig an der Rauchstange und wurde dann ernst.


    "Fallon niemand trennt sich von mir, das endet... unschön. Die Frau kann sich zudem nicht von mir trennen, sie gehört mir. Sie ist mein Eigentum, meine Sklavin und ich kann mit ihr machen was ich will. Also auch Kinder zeugen. Ich trage verdient die Zähne, dass sagt Dir nichts... muss es auch nicht.


    Aber bei uns ist es ein Zeichen von Reife, man ist erwacht und erwachsen. Ich bin berechtigt Besitz mein eigen zu nennen. Ich besitze vier Sklaven und davon wird keiner irgendwohin gehen, solange ich nicht dazu die Order erteile. Also nein, sie war niemals meine Freundin und wir haben uns auch nicht getrennt. Sie trägt mein Kind aus, sie ist das Gefäß meiner Saat und ich habe schon für mein Kind vorgesorgt. Es ist alles geklärt.


    Manchmal ist man ein besser Vater, wenn man sein Kind in der ersten Zeit in andere Obhut gibt. Auch das musst Du nicht verstehen, nimm es einfach so hin. Ich werde mein Kind nur in Begleitung seiner Amme sehen, ich werde es nicht alleine hüten. So ist es Brauch.


    Deine Vorliebe wie Du sie nennst, ist gar nicht so außergewöhnlich wie Du glaubst.

    Manche sind zu Herren geboren, manche zu Domestiken. Der feudale Spruch passt auch auf jene Beziehungen. Einige lieben es zu dienen so wie Du, andere müssen den Weg des Schmerzes gehen um dienen zu lernen. Es gibt Personen die werden ausgewählt, weil sie etwas besonderes haben. So kommen sie an ihre Herren. Die meisten werden früh erwählt, so um die vier Jahre herum, damit man sie gut formen kann. Bei passender Erziehung leben sie, um ihren Herren zu dienen. Sie wissen was er mag, wie und wann. Und genau das liefern sie.


    Du bist ein geborener Sklaven Fallon, geboren um zu dienen. Du hast Dein Schicksal angenommen, deshalb empfindest Du dabei Freude. Du kennst Deinen Stand, Du musst Deinen Platz nicht erst schmerzhaft lernen. Ich bin als Herr geboren, mein Vater verdiente sich mit 14 Jahren die Zähne und nichts Geringeres habe ich von mir selbst erwartet. Die Messlatte liegt hoch in unserer Familie. Manche würde das vielleicht ängstigen, aber ich sehe es als Ansporn und persönliche Herausforderung. Mein ältester Bruder sieht es als Bedrohung, aber auch er wird lernen. Eines Tages wird er sich ebenso die Zähne verdient haben. Ich vermute er ist unterwegs wegen seiner Mannbarkeit, es wird auch Zeit. Er ist schon über Zwanzig und trägt noch die Milchzähne.


    Von daher keine Angst, ich verstehe den dunklen Sog, der Dich antreibt. Und zu Deiner Frage ob es Frauen gibt die derart "Biss" haben. Es gibt sie und ihr Biss ist messerscharf bis tödlich. Das was Du als Frauen bezeichnest, hat bei uns eine andere Bezeichnung. Aber das ist ein anderes Thema, die Frauen aus meiner Familie sind etwas anders gestrickt. Allen voran meine Tanten. Und die tödlichste Person die ich kenne ist unsere Oma...", erklärte Lucian lächelnd, was bei seiner Kauleiste schon bedrohlich genug wirkte. Mit dem Rauch der zwischen seinen messerscharfen Zähne hervor quoll wirkte der junge Mann wie ein blasser Dämon.


    Lucian rauchte die Rauchstange zu Ende und drückte sie dann zwischen Zeigefinger und Daumen aus, bevor er den Stummel einsteckte.


    "Irgendwie zwackt mich ein Hüngerchen", murmelte Luc und lief quer Feld ein um wieder an das Ufer des Mondsees zu gelangen. Dort hockte er sich an den Rand und beobachtete die Wasseroberfläche.


    "Merke - Sand wärmt sich schnell auf und kühlt schnell aus. Wasser wärmt sich langsam auf und hält die Wärme lange. So ist das Wasser von Seen und dem Meer oft Nachts noch warm. Und deshalb findet man auch Fische in der Nähe der Ufer, dort tummeln sie sich gerne. Wenn Du einen siehst grabsch im 90 Grad Winkel zu, Du musst die Lichtbrechung einkalkulieren. Warum? Weil Du Fisch essen willst...", raunte Lucian Fallon vertrauensvoll zu und streute einige Flocken aus seiner Manteltasche in das Wasser des Sees.


    Es dauerte nicht lange, dann kräuselte sich leicht die Wasseroberfläche. Mit einer Bewegung der man mit bloßem Auge kaum noch folgen konnte, war Luc auf den Beinen, bis zu den Knien im Wasser und hatte zugegriffen. Fest in beiden Händen hielt er einen zappelnden Fisch. Das Tier hatte keine Chance zu entkommen bei den scharfen Krallen von Lucian.


    Mit triumpfierenden Grinsen hielt Luc den Fisch in die Höhe und zeigte ihn Fallon. Er watete gut gelaunt zurück an das Ufer, schnupperte an dem Fisch und grinste noch eine Spur breiter. Mit einem schnappenden Geräusch, dass an eine große Schere erinnerte hatte er dem Fisch den Kopf abgebissen und rotzte ihn zurück in den See. Dann machte er sich daran, sein nächtliches Frühstück auf der Hand zu verspeisen. Fallon hatte zum ersten Mal gesehen, wozu die Zähne von Lucian in der Lage waren. Innerhalb kürzester Zeit hatte er den Fisch verspeist.


    Lucian übernahm wieder die Führung und hielt auf kürzestem Weg auf Sturmfels zu.


    "Wir müssen nicht ganz rein, unser Kunde wartet im Randbezirk. Dort liegen die Werkstätten und so weiter. Man kann es fast schon riechen", sagte Lucian im verschwörerischen Ton und ließ die Augenbrauen hüpfen.

  • Perplex. Überrascht. Überfahren. Das waren die Begriffe die Fallons Gemüt zusammenfassten, als er die offenen Worte Lucians hörte. Hatte er gerade wirklich zugegeben, dass er Sklaven besäße und obendrein die Mutter seines Kindes auch eine Sklavin war? Was für die Meisten sicherlich befremdlich wirken musste, übte auf Fallon einen Sog aus, den er nicht zu empfinden fähig geglaubt hatte. Bisher kannte er es nur in einer sonst normalen Beziehung, in der er gelegentlich mal die Kontrolle abgab. Doch auf diese Weise die Kontrolle abgeben? Für den Rest des Lebens? Natürlich konnte Fallon nicht beurteilen, ob die Sklaven das freiwillig gemacht oder in dieser Hinsicht gezwungen worden waren. Trotzdem war es für ihn etwas, was sich nicht einmal ansatzweise falsch anhörte. Im Gegenteil. Als Sklave wurde man, sofern man diente und gehorchte, gut behandelt, gefüttert und bekam kostenfrei Obdach. Im Grunde war es das, was Fallon durch Lucian bereits erlebt hatte. Vielleicht interpretierte er auch einfach nur zu viel in diese Gesten hinein, aber im Grunde war es das. Fallon folgte brav Lucian zu seinem Auftrag, um seine Eignung festzustellen, welche aber auch nur durch einen Befehl erfolgt, den er nicht hinterfragen sollte.


    Ihr gemeinsamer Weg hingegen schien so friedlich, als ob es solche Themen wie Sklaverei oder Gewalt nicht gäbe. Im Gegenteil. In diesem Augenblick hatte Fallon das Gefühl, dass es einfach so gehörte und auf diese Weise die Welt friedlich war. Ein Trugschluss, das wusste er, aber keinesfalls etwas, was er verschmähen würde. "Was dieses Thema betrifft, bin ich wirklich sehr überrascht, wie offen du damit umgehst", gestand Fallon. "Um ehrlich zu sein bin ich auch ein wenig über mich überrascht. Im Vertrauen, dir gegenüber, kann ich dir ganz ehrlich sagen, dass mein innerer Wolf gerade in diesem Moment die Rute eingezogen und die Ohren angelegt hat. Du wirkst wie du sprichst Lucian. Das muss ich dir lassen. Deine Zähne tragen einen großen Teil dazu bei. Ich bin älter als du, habe geschärfte Instinkte aufgrund des Tiers in mir und dennoch bietet jenes dir seinen Nacken an, weil es dich als das anerkennt, was du bist. Mein Respekt gilt dir."


    Tatsächlich war es nicht einfach, den Wolf in Fallon in die Knie zu zwingen. Doch schon von Anfang an hatte Lucian etwas an sich gehabt, dass sein inneres Tier besänftigte. Oder gar zähmte. Natürlich brauchte es mehr, als nur ein Auftreten, aber es war ein erster, aber auch andauernder Eindruck. Fallon bekam allem voran nach Lucians Erzählungen ein Gefühl dafür, dass man diesem besser nicht im Weg stand - oder dessen Familie. Dafür bräuchte es schon eine Armee entsprechend geschulter Spezialisten. Aus irgend einem Grund musste Fallon darauf breit grinsen. Lucian hatte genau das gegenteilige Gefühl bei Fallon, zumindest nach seinen Äußerungen. Offen, fast schon warm, blickte Fallon daher zu Lucian und meinte: "Aber ja, du hast Recht. Ich mag ein geborener Sklave sein. Mir müsste ein Herr oder eine Herrin nicht den Platz zeigen, damit ich weiß, wo ich stehe - aber ich mag es trotzdem sehr, wenn das passiert. Jemandes seines Platzes zu verweisen muss ja nicht immer negativer Art sein."


    Ein verspieltes Funkeln legte sich in Fallons Augen, welches sich jedoch schnell wieder legte. Ging er zu schnell vor? Machte er zu offensichtlich, dass er diese Art an Lucian mochte? Sie kannten sich nicht. Da haute Fallon solche Dinge einfach ganz nebenbei heraus, als ob es das Normalste Asamuras wäre. Manchmal konnte er sich dafür schellten.


    Als Lucian plötzlich etwas von Hunger erzählte und begann, querfeldein zu laufen, musste Fallon für den ersten Moment verdutzt schauen. Was trieb der Typ da? Doch als er den See erblickte, auf den er zielgerichtet zulief, wusste Fallon bereits worauf es hinauslaufen würde. Hunger und ein See waren meist eine Kombination dafür, dass man fischen wollte. Und Fallon war schlechte im Fischen. Das Einzige was er stets dabei fing war Wasser oder ein nasses Fell. Das war es auch. Aber er wollte Lucian nicht einfach abweisen, da auch sein eigener Bauch rumorte. Der Marsch verbrauchte viel Energie, da musste schon neue Energie von irgendwoher kommen.


    Um noch etwas lernen zu können, hörte Fallon Lucian schließlich aufmerksam zu und beobachtete dessen Treiben. In anhaltender Spannung vergaß er zu atmen, fokussierte er sich auf ihn, sah seine Muskeln zucken und die Wasseroberfläche sich regen. Ohne auch nur den Hauch einer Chance zu haben, die Bewegung des Jüngeren zu sehen, hatte dieser plötzlich einen Fisch in der Hand, den er mühelos mit seinen Zähnen köpfte. Ein weiterer Beweis, wie gefährlich diese sein konnten. Mit leicht geöffnetem Mund betrachtete Fallon derweilen das Treiben, worauf er voller Tatendrang selbst versuchte, einen solchen Erfolg zu feiern.


    Nur irgendwie blieb dieser aus. Zwar versuchte er die Tipps Lucians zu beherzigen, aber es wollte im auch nicht gelingen einen Fisch zu fangen. Jedes Mal flutschte er davon oder Fallon griff einfach vorbei, ohne auch nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wie er den Fisch hätte fangen sollen. Nach einer halben Stunde des Probierens resignierte Fallon schließlich mit den Worten: "Ich schätze, ich bin mehr ein Jäger von Landbewohnern, als von Fischen. Na gut, es wäre so oder so nur ein Snack gewesen, ich habe es mal probiert. Letzten Endes will ich jetzt nicht unsere ganze Zeit damit in Beschlag nehmen."


    Trotzdem musste Fallon mit etwas Neid beobachten, wie Lucian den Fisch knabberte und in kürzester Zeit seine Mahlzeit beendete. Das in atemberaubender Geschwindigkeit, da seine scharfen Zähne kurzen Prozess machten. Beeindruckend. Und furchteinflößend.


    Schließlich waren sie aber wieder zurück auf ihrem gemeinsamen Weg. Als Lucian andeutete, man könne den Handwerkbezirk riechen, stimmte Fallon sofort überein. Der Geruch von Kohle, Metall und Feuer lag in der Luft. Seine Ohren vernahmen zudem ein leises, weit entferntes Hämmern, bei dem Metall auf Metall schlug. Sie kamen näher. Bereits hinter den nächsten Baumwipfeln war es auch schon zu erkennen. Sturmfels oder genauer, einer dessen scheinbaren Ausläufer. Mit wissendem Nicken folgte Fallon Lucian, während in ihm selbst die Anspannung wuchs. Was war, wenn er den Anforderungen nicht gewachsen war? Wenn er es nicht schaffte, Lucian zu überzeugen? Das durfte nicht passieren. Kostete es, was es wollte.


    In diesem Moment betraten sie bereits das Handwerkerviertel. Zu dieser frühen Stunde herrschte bereits reges Treiben, überall wurden Waren und Rohstoffe umhergekutscht, während die Bewohner die besten Preise aushandelten. Nicht so Fallon und Lucian, die nicht ganz in dieses Bild passen wollten. Also war Obacht geboten, weswegen Fallon auch seine rage leise an Lucian gerichtet stellte: "Hast du einen bestimmten Wunsch, wie ich da gleich vorgehen soll, oder möchtest du mir das vollständig überlassen? Mir ist beides Recht. Ich will nur nicht handeln, dass in einer Art, die vielleicht nicht angebracht ist."

  • Lucian von Dornburg


    Lucian zog bei dem Hinweis der Offenheit bezüglich des Sklaventhemas eine Augenbraue hoch und schmunzelte von einem Ohr zum anderen, ohne einen einzigen Zahn zu zeigen.


    "Offen... ja. Ich glaube Du verwechselst da etwas Fallon. Ich spreche nicht von gewissen Spielchen in Freudenhäusern, wo sich jemand unterwirft und der andere ihm beim Sex dominiert und beide kommen auf ihre Kosten. Das ist nur ein Spiel in den Spielunken Fallon, ich spiele nicht.


    In Nardien ist Sklavenhandel allgegenwärtig, meine Sklaven sind mein Eigentum, so wie meine Waffen. Es sind lebende Dinge, wie Haustiere. Nichts könnte mich weniger interessieren, ob meine Sklaven auf ihre Kosten kommen.


    Sie gehören mir, sie haben mir zu dienen. Sie leben um mir zu dienen. Dienen sie nicht mehr, leben sie nicht mehr. Wer behält defekte Ware? Ich habe beschlossen, dass es für mich Zeit ist ein Kind zu zeugen. In der guten Familientradition beginnen wir damit früh, damit wir viele Nachfahren zeugen. So spürte ich, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, sprich wenn die Sklavin im Frühjahr wirft, wie die Maikätzchen die man halt im Mai erwartet. Ihre Krallen sind ungewöhnlich... scharf.


    Nun ich wirke wie ich wirke, weil ich bin was ich bin. Ich sage Dir nicht alles, aber ich verstecke meine wahre Natur auch nicht. Nicht wirklich. Wenn Du mich für gefährlich hältst, solltest Du meinen älteren Bruder, meinen Vater oder gar meinen Großvater sehen... dann bekommst Du ein Gefühl für Gefahr.


    Meine Zähne sind meine Krone, wir tragen unsere Herrschaftszeichen im Mund", lachte Lucian leise und angelte sich einen Streifen Trockenfleisch aus seiner Manteltasche, den er genüsslich verspeiste.


    "Wie gesagt, Du magst es sicher, wenn man Dir spielerisch Deinen Platz zeigt, so wie es viele aus den Freudenhäusern kennen. Tatsächlich mit aller Konsequenz seinen Platz gezeigt zu bekommen hat noch keinem Sklaven ein Lächeln entlockt. Und doch, es ist negativ, wenn man einem Sklaven auf seinen Platz verweisen muss. Denn entweder legt er es drauf an zu provozieren, zu rebellieren oder er hat es einfach nicht begriffen. Alle drei Optionen können für den Sklaven tödlich enden und für den Herren entnervt.


    Von daher ausgebildete Sklaven funktionieren wie ein Uhrwerk, sie sind eine Bereicherung und eine Entlastung für ihren Herrn. Sie kosten ihn keine Mühe oder Zeit, sie ersparen ihm beides. Bedenke eines, in der Zeit wo ich einem Sklaven alles zum widerholten Male x-fach erklären muss, hätte ich es ohne diesen Sklaven schon selbst getan. Oder ein fähiger Sklave hätte die Arbeit schon längst erledigt, ohne dass mir aufgefallen wäre, dass dort Arbeit zu verrichten war. So hat ein Sklave zu funktionieren und nicht anders.


    Wie es in den alten Schriften steht, was ich tue ist wohlgetan, so sprach der Herr seinen Sklaven an...", erläuterte Lucian ernst das Sklavendasein.


    Er hatte Fallons missglückte Jagdversuche mit etwas Skepsis beobachtet, sagte aber nichts weiter dazu. Warum setzte der Wolfwandler nicht seine Fähigkeiten ein? Eine lange Schnauze voll mit Reißzähnen hätte jeden glitschigen Fisch genauso gepackt wie seine scharfen Krallen. Nun vielleicht hatte er wirklich keine Erfahrung was die Jagd im Wasser anging.


    Sein Vater, sein Opa und sein Bewahrer hatten ihm stets gezeigt, wie er noch unter widrigsten Bedingungen Nahrung finden und erlegen konnte. Hector hatte ihm stets gesagt, dass sie jene waren, die aus dem Schatten herrschten. Jene die die Herde ausdünnten und jene die zu Höherem geboren und berufen waren. Sie waren die Krone der Jäger, denn sie verdienten sich ihre Reißzähne, sie wurden nicht damit geboren. Wieder einmal zeigte sich, dass sein Vater die Wahrheit gesprochen hatte. Als siebter Schlüsselmeister war er nicht nur klug und weise, er war auch Lebens- und Überlebenserfahren.


    Lucian sagte jedoch zu alle dem nichts, er war hier um zu beobachten und etwas Hilfestellung zu geben. Es war Fallons Aufgabe ihn zu überzeugen und den Auftrag zu reißen. Würde er ihm alles abnehmen, hätte er ihn gleich selbst erledigen können, grinste der junge Beißer gedanklich.


    Der Gestank riss Lucian aus seinen Gedanken. Sie waren am Ort des Geschehens, wenn es denn geschah. Für den negativen Wenn-Fall war er anwesend und würde die Sache schnell und rücksichtslos bereinigen.


    Lucian bliebt kurz stehen lockerte für einen winzigen Moment seine Muskel und schaute Fallon dann genau in die Augen.

    "Die Art ist einfach, lass ihn bezahlen... so oder so. Seine Schulden oder ein Pfund Fleisch. Leg los", schmunzelte Lucian diabolisch.

  • Nach den mahnenden Worten Lucians schrieb sich Fallon hinter die Ohren, dass dieser offenbar keinen Humor und kein Necken in dieser Hinsicht abkonnte. Für ihn schien das ganze Thema sehr ernst zu sein, was es im Grunde auch war, aber Fallon hatte versucht es ein wenig aufzulockern. Offensichtlich vergeblich, was ihm aber zeigte, wie sehr das Herrensein in Lucians Kopf anwesend war. Er scherzte nicht, wenn es um Sklaven ging. Keiner der Sklaven hatte unter seiner Knute etwas zu lachen, wie Fallon mutmaßte, aber für den Moment spielte das auch keine Rolle. Zumindest ging der junge Kerl damit offen um und machte auch schnell deutlich, dass er die Kontrolle über die Situation hatte. Egal in welcher Hinsicht. Eine weitere Notiz in seinen Gedanken. Fallon würde niemals die Dominanz Lucians, vermutlich auch keines anderen Familienmitglieds anzweifeln. Wenn er das tun würde, und das wurde durch die Worte des Jüngeren deutlich, hätte es unschöne Konsequenzen für ihn selbst. Aus diesem Grund hielt er sich lieber bedeckt und tat, was von ihm verlangt wurde.


    "Verzeihe mir, ich wollte diese ernste Angelegenheit nicht in den Schmutz ziehen oder verharmlosen. Ganz im Gegenteil. Mir ist es aus Erfahrung bewusst, wie ernst dieses Thema ist und auch, was ein Sklave wirklich ist. Ein Werkzeug, ein Spielzeug oder ein Diener. Nicht aber jemand, der auf seine Kosten kommen soll oder ein Mitspracherecht besitzt. Du hast natürlich Recht." Was jedem stolzen Mann jetzt eine Menge Überwindung gekostet hätte, kam Fallon spielend leicht über die Lippen. Dabei waren diese Worte auch ehrlich. "In meiner Vergangenheit habe ich als Söldner ein oder zwei Mal Sklaven eingefangen. Ich weiß, wie ernst es den Besitzern mit ihrem Eigentum ist. Man sollte darüber keine Scherze machen."


    Das war kein rühmliches Ende für den Versuch, eine Konversation aufzulockern. Trotzdem hoffte, dass Fallon Lucian auf diese Weise etwas milde stimmen konnte und dass diese nicht negativ von ihm denken würde. Dafür hing von der ganzen Sache viel zu viel ab, als dass Fallon dies auf das Spiel setzen wollte.


    Um von diesem einschlägigen Thema schließlich wegzukommen, konzentrierte sich Fallon vollkommen auf den bevorstehenden Auftrag. Sie standen mittlerweile vor dem Laden Amboss und Hammer. Von Innen hörte man das Schlagen von Metall auf Metall deutlich, gefolgt von dem Zischen abgeschreckten Stahls. Dort drinnen wurde fleißig gearbeitet und so wie es Fallon einschätzt, konnte man auf eine gewisse Gegenwehr treffen, wenn die Dinge schief liefen. Trotzdem klang der Auftrag so simpel, wie er nur sein konnte. "Ihn bezahlen lassen. Entweder die Schulden oder einen Pfund Fleisch", wiederholte Fallon leise, wobei ihm erst in diesem Moment die Frage aufkam, was mit Fleisch gemeint war. Jedoch war das der falsche Moment, es zu hinterfragen.


    Bevor Fallon auch nur auf den Gedanken kommen konnte, legte er die Hand auf die Tür und versuchte sie zu öffnen - nur um festzustellen, dass die Tür abgeschlossen war. "Also der komplizierte Weg, ich verstehe." Mit der blanken Faust hämmerte Fallon kraftvoll an die Tür, sodass das Schlagen im Inneren verstummte. Für einen kurzen Moment Ruhe. Fallon blickte sich um, doch niemand schien ihnen Beachtung zu schenken. Das kam ihm ganz gelegen.


    Denn als sich die Tür öffnete und ein Mann darin stand, machte Fallon kurzen Prozess. Gerade als dieser den Mund öffnen wollte, schob Fallon die Tür und somit den Schmied nach innen weg, sodass er Lucian und sich selbst Platz zum Eintreten verschaffen konnte, ohne, dass der Typ überhaupt protestieren konnte. Während er die Tür schloss, erhob der Schmied in Panik seine Stimme: "Was macht ihr hier? Was soll das werden?" Schwang Angst mit hinein? Sein Blick zu Lucian sprach aber Bände. Das interessierte Fallon jedoch nicht.


    Er bleckte seine Zähne, baute sich zur vollen Größe auf, während er seine Hand an seinen Schwertknauf legte: "Mormimer Dagor, richtig?" Mormimer nickte. Ganz praktisch, dass derzeit niemand in der heißen Schmiede zu sein schien. "Du schuldest deinen Geschäftspartnern 527 Taler, welche jetzt fällig werden. Ich will das Geld sehen."


    Nun war sich Fallon sicher, in den Augen Dagors Angst zu sehen. Er wusste genau, wen er vor sich hatte, wobei er einige Schritt zu seiner Schmiede zurückwich. Dabei hatte Fallon genau im Auge, was dieser versuchen wollte. "I-Ich weiß! Ihr bekommt es, in ... äh ... wenigen Tagen! Ehr-" Doch weiter kam der Schmied nicht. Er hatte einen Schritt zu weit nach hinten gemacht, während seine Hand hinter seinen Rücken wandern wollte, da schoss Fallon bereits nach vorn, packte Mormimer am Hals und schleuderte ihn von seinen Werkzeugen weg. Sie dienten als potenzielle Waffen. Diese Gefahr konnte Fallon nicht dulden.


    Derweilen strauchelte der Mann weg, wobei er über einen Stuhl im Raum stolperte und zu Boden fiel. Dabei riss er krachend den Stuhl mit sich, wobei er für einen kurzen Moment reglos blieben lieg. Das war ein Moment den Fallon nutzte, die Tür zur Schmiede von innen abzuschließen. Sicher war sicher.


    Als sich Fallon wieder umdrehte, erblickte er den Schmied, welcher sich wieder auf seine Beine stellen wollte. "Keine dummen Gedanken. Ansonsten passiert dir mehr, als dass du wie ein Idiot durch die Schmiede stolperst", machte Fallon mit einem Knurren deutlich. "Also, wo ist das Geld?"


    Mit vor sich erhobenen Händen, die Augen weit aufgerissen, blickte Mormimer den Beiden entgegen. Offenbar fehlten ihm die Worte, atmete er doch immer wieder ein, setzte an zum Sprechen und verstummte gleich darauf. Sein Blick glitt zu Boden. Seine Haltung wirkte resigniert. "Schön. Folgt mir. Ich habe es im Hinterzimmer." Das war für Fallons Geschmack zu einfach. Etwas stimmte nicht, zumindest meldeten das seine Instinkte zurück, auf die er sich sonst immer verlassen konnte. Drum ließ Fallon den Mann nicht aus dem Blick, als er sich in Bewegung setzte, um zu einer auf der anderen Seite des Raumes gelegenen Tür zu gehen.


    Schweigend folgte Fallon dem Kerl, schaute dabei zu, wie ihr einen Schlüssel aus seiner Tasche kramte und die Tür aufschloss. Nachdem er diesen wieder verstaut hatte, öffnete er die Tür des Hinterzimmers, in der nur der Schein der Schmiede etwas Licht warf. Kaum genug Licht um zu erahnen, was sich in dem Raum befand, sicher aber genug, damit Fallon genau beobachten konnte, was der Kerl trieb. Dieser griff mit der Rechten am Türrahmen vorbei in den Raum hinein. Das war der Moment, in dem Fallon schnell genug schalten konnte.


    Denn bereits im nächsten Bruchteil einer Sekunde flog ein Hammer knapp an Fallon Kopf vorbei. Diesem hatte er nur ausweichen können, in dem er einen Ausfallschritt zur Seite hinlegte, in dessen Zuge er auch sofort sein Schwert zog. So verging kein weiterer Moment, in dem blitzschnell seine Klinge auf das Ziel vor ihm traf. Der Schwung des Ziehens den Stahl begleitend, machte es diesem ohne Umstände möglich, den rechten Arm Mormimers von dessen Körper zu trennen.


    Seine Attacke wertete Fallon, dass Mortimer nicht das Geld hatte. Somit bezahlte er den Preis, als sein Arm zu Boden fiel und der Schock in seinem Gesicht geschrieben stand. Er konnte scheinbar nicht realisieren, was in diesem Moment geschehen war, als er mit offenstehendem Mund auf seinen Arm schaute - ohne einen Ton von sich zu geben. Es brauchte ein paar Sekunden, als er zu Schreien anfing, welches Fallon jedoch schnell mit einem gezielten Schlag gegen des Schmiedes Kopf beendete, ehe er der Typ bewusstlos nach hinten überkippte.


    "Was für ein Vollidiot!". fluchte Fallon leise, als er ganz geistesgegenwärtig seine Klinge verstaute, zur Schmiede ging und ein heißes Eisen nahm. Dessen glühendes Ende presste er an die frische Wunde, womit er sie verödete und die Blutung stoppte. Der Geruch von verbranntem Fleisch und Blut lag in der Luft, währen Fallon das Stück Eisen schließlich achtlos beiseite warf.


    Danach wandte sich Fallon schließlich zu Lucian um. In seinem Blick lag etwas Entschuldigendes. Es war ganz anders gelaufen, als Fallon es erwartet hatte. "Tut mir leid. Er stellte eine Bedrohung dar. Aber er scheint das Geld auch nicht zu haben, sonst hätte er uns wohl kaum angegriffen, oder? Entschuldige." Sein Blick fiel auf den abgetrennten Arm auf dem Boden, wobei ihm plötzlich die Aussage Lucians in den Sinn kam. Das Pfund Fleisch. Doch der Arm war mehr als nur ein Pfund. Fragend, hilfesuchend blickte Fallon schließlich Lucian an. Er wusste nicht, ob er richtig reagiert oder den ganzen Auftrag versaut hatte.

  • Lucian begleitete Fallon in die Schmiede hinein, als wäre er ein sphärisches Wesen. Der Gestaltwandler forderte die Schuldsumme ein, der Schmied zierte sich. Es kam zu einem winzigen Wort- und einem richtigen Gefecht. Fallon entging knappt einem zerschmetterten Gesicht, da der Schmied zu einem Hammer gegriffen hatte.


    Lucian stand derweil im Raum als ginge ihn das alles nichts an, oder es war alles ein Schauspiel wobei er die schauspielerische Leistung der beiden zu beurteilen hatte. Beurteilt wurde nur einer, verurteilt war der Schmied bereits.


    Fallon reagierte für einen Zahnlosen gut, man merkte ihm den Söldner an, dennoch ließ er sich zu viel Zeit, schenkte dem Schuldner Zeit sich zu rechtfertigen, oder überhaupt erst nach der Waffe zu greifen. Letztendlich behielt er dennoch die Oberhand und kassierte das Fleisch... der Schmied verlor einen Arm und damit in seinem Handwerk alles. Lucian nahm dies nebenbei zur Kenntnis.


    Ob das Fleisch ausreichend war, würde sich erweisen.Lucian hob den Arm auf, zückte seinen Dolch und entbeinte ihn. Kurzum er trennte mit einigen schnellen geübten Schnitten das Fleisch von den Knochen und wog es dann in der Hand. Den Knochen ließ er achtlos auf den Bauch des Schmieds fallen.


    "Die Bezahlung ist akzeptiert", entschied Luc.


    Der junge Mann kramte mit der anderen Hand in seiner Tasche, beförderte ein gewachstes Leinentuch zu Tage und schlug darin das Fleisch ein, bevor er es in seiner Umhängetasche verstaute.


    "Geld oder Fleisch, er wählte Fleisch. Es war seine freie Wahl Fallon. Ihm sollte es leid tun, nicht Dir. Was hast Du damit zu tun, dass er sich nicht an geschäftliche Vereinbarungen hält? Du warst nur der Kassierer. Du hast ein oder zwei Sklaven eingefangen? Also bei der Masse kann man sich eigentlich nicht verzählen. War es nun einer oder waren es doch zwei?


    Ich fing etliche Sklaven ein. Zudem fing ich alle meine Sklaven selbst ein, zeichnete sie und brach sie. Und war es notwendig entsorgte ich sie. Scharfer Kuss der Klinge über die Kehle. So läuft das in Naridien Fallon, das ist Sklaverei, ein Geschäft. Ob Du nun Töpfe verkaufst oder Sklaven. Die Person, falls sie denn eine war, wird herab degradiert zu einem Ding. Ein Sklave ist nicht mal mehr ein Haustier, denn seine Haustiere liebt man.


    Deshalb überlege Dir Deine Wünsche gut. Wie mein Großvater immer zu sagen pflegt, sei vorsichtig mit dem was Du Dir wünscht, es könnte sein es geht in Erfüllung.


    Den Auftrag hast Du jedenfalls bestanden. Kritikpunkte sind folgende, Du darfst Deinen Schuldnern nicht zu lange Zeit geben. Entweder hat er das Geld, oder er hat es nicht. Es gibt kein Nachverhandeln. Geld oder Fleisch jetzt, wir kommen nicht noch einmal wieder und wir lassen uns auch nicht auf einen anderen Tag vertrösten. Wir haben bereits auf die Bezahlung gewartet. Wenn wir in der Bude stehen ist so oder so Zahltag. Alles klar?", fragte Lucian und schaute sich in der Schmiede um.

  • Argwöhnisch beobachtete Fallon, was Lucian mit dem Arm anstellte. Allmählich ahnte er, dass Lucian einer Familie angehörte, die nicht nur einfach Tierfleisch zum Geschäft hatte, sondern auch den Mahlzeiten von Kannibalen gerecht wurde. Einen anderen Grund gab es nicht, dass er den Arm wie ein Stück Vieh entbeinte und dessen Fleisch haltbar einpackte. So ergaben einige Merkmale Lucians auch mehr Sinn, wie die gefeilten Zähne und das Auftreten. Bestand die Familie vielleicht sogar selbst aus Kannibalen? Fraglich blieb am Ende, was Fallon am Ende für die Familie für einen Nutzen haben würde. War er dann mehr als ein Stück Fleisch, dass auf seine Schlachtung wartete? Oder konnte er sich so nützlich erweisen, dass er am Ende mehr als das sein konnte?


    Was Fallon am meisten verwunderte, war die Tatsache, dass sein Kopf nicht gegen den Gedanken aufbegehrte etwas mit dieser Familie zu tun zu haben. Im Gegenteil. Es war eine Aussicht auf Obdach, Essen und eine Aufgabe im Leben. Insbesondere sein innerer Wolf fand diese Gedanken so gut, dass er mit der Rute wedelnd sich dieser Aufgabe annehmen wollte. So hatte er die Möglichkeit auf ein Heim, eine Familie, einen Nutzen, den er so niemals dauerhaft im Leben gefunden hatte. War es dann schlimm, sich einer solchen Familie zu verpflichten? So wie Fallon es erlebte, schätzte er diese Entscheidung als endgültig ein. Allerdings war sein Leben auch nicht mehr sonderlich lang, also warum zögern?


    Fragen über Fragen türmten sich im Kopf Fallons, wobei er auf die meisten Fragen sofort mit einem Ja antworten konnte. Sein Wunsch, einen Zweck im Leben zu finden war so groß, das es ihm sogar eine Ehre sein würde, auf diese Weise zu dienen. Drum spürte er auch, wie Stolz in sich aufkam, als Lucian meinte, dass der Auftrag bestanden war. Trotz der Kritik, die durchaus berechtigt war, fühlte sich Fallon in dem bestärkt, was er getan hatte. Als ob es das Richtige war und der Pfad, welcher sich ihm nun offenbaren sollte, der Beste für ihn sein würde.


    "Vielen Dank Lucian, ich weiß deine Kritik zu schätzen und nehme sie an. Das nächste Mal werde ich effizienter und schneller sein", verkündete Fallon schließlich auf seine Aussage hin. In seiner Stimme schwag der Stolz mit, den er in seiner Brust empfand. Jener Stolz, der Familie gedient und einen Zweck erfüllt zu haben. Genau dieses Gefühl ließ ihn auch seine Empfindung verbalisieren: "Um ehrlich zu sein bin ich mir meiner Wünsche bewusst. Dieses Gefühl, einen Zweck zu erfüllen und dienlich sein zu können ist für mich erhaben. Es fühlt sich gut an! Egal, in welcher Hinsicht ich dienlich sein kann. Um ehrlich zu sein macht es mich sogar stolz, einen Nutzen zu erfüllen. Um ehrlich zu sein ist das der Grund, warum ich mir meines Wunsches sicher bin. Egal in welcher Hinsicht ich diene. Mir ist bewusst, dass man als Sklave letzten Endes nur ein Objekt ist, welches benutzt wird. Aber dieses Gefühl jemandem zu gehören, dessen Wünsche man von seinen Lippen abliest und dem man in jedem Lebensbereich dient, ist etwas verdammt Gutes für mich. Viele sind dagegen, halten es abstoßend, ich sogar eher anziehend. Von seinem Besitzer verändert, genutzt und nach seinen Belieben einen Nutzen zugeführt zu werden."


    Schließlich kam Fallon auf das Thema der eingefangenen Sklaven zurück: "Mit ein oder zwei Mal meinte ich mehr ein paar Mal, aber ich habe nicht mitgezählt. Deswegen kann ich es dir nicht genau sagen. Vielleicht ein Dutzend? Zwei Dutzend? Ich weiß es nicht. Letzten Endes ist es aber auch nicht wichtig, schätze ich. Denn die Ware wurde immer den Maßstäben nach abgeliefert." Zwar erschrak sich Fallon, dass er Sklaven als Ware bezeichnete, doch gleichzeitig war es auch genau das. Wie Vieh, welches man einfing und zu seinem Besitzer zurückbrachte.


    Damit entspannte sich Fallons Haltung auch, ehe er eine Verbeugung vor Lucian machte und meinte: "Es war und ist mir eine Ehre, diesen Auftrag mit dir gemeinsam angegangen zu sein. Deine Kritik ist soweit klar und verständlich. Ich wäre dann bereit, wieder abzureisen, wenn du es wünschst."

  • Lucian von Dornburg


    "Wir verlassen Sturmfels noch nicht, nur die Schmiede. Wir besuchen einen alten Bekannten. Ezio di Aminotti, wohnhaft in Löwenfels", erklärte Lucian.


    Allein die Information hatte etwas Entgültiges. Fallon wünschte sich den Einstieg in die Familie und zwar als Sklave. Er hatte ihm deutlich erklärt, dass ihre Sklaven tatsächliche Sklaven waren. Das jene fleischlichen Gegenstände rein gar nichts mit dem "Sklaven" in Freudenhäusern und Sexclubs zu tun hatten.


    Das Sklavendasein dort war ein Spiel, eine Rolle die man einnahm und bestenfalls nach dem Abspritzen wieder verließ.


    Der Zirkel verließ ein Sklave niemals. Selbst im Tode gehörte er dem Ring und diente entweder den Beissern oder seinen Sklavenkollegen als Nahrung. Sie verschwendeten nichts. Kein Fleisch, keinen Knochen, keine Sehne.


    Wer als Sklave in den Zirkel eintauchte, wurde verschlungen und verließ die ihm bis dato bekannte Welt. Dafür lernte er eine andere kennen, die ab dem Tag seine wurde. Wo Schmerz und Demut allgegenwärtig waren. Wo das Wort des Herren die Macht hatte über Leben und Tod zu entscheiden. Das Wort des Herren war Gesetz, selbst wenn sich dieses alle fünf Minuten ändern sollte.


    Ein echter Sklave wollte Fallon werden, degradiert zu einem Ding....

    Nun gut, es war seine Wahl. Lucian konnte es nicht nachvollziehen wie man sich selbst freiwillig derart aus der Hand geben konnte.


    Gebrochen gab man irgendwann jeden Widerstand auf, fügte sich weil das Maß der erträglichen Schmerzen derart überstiegen wurde, dass selbst der Tod eine Gnade darstellte.


    Beisser kannten keine Gnade.


    Ihre Welt folgte klaren und festen Regeln. Eine davon lehrte, wie man mit Beute umzugehen hatte.


    Lucian verließ die Schmiede und äugte misstrauisch zum Nachthimmel hoch, auf dem sich das erste Morgenrot abzeichnete.


    Der junge Beisser lief durch Sturmfels, als hätte er keine Ahnung wo er sich befand. Er lief die eine Straße hoch, nur um sie dann wieder hinab zu laufen. Sie spazierten im Kreis, sahen Denkmäler und Tempel mehrfach, ehe sie in eine Gegend einbogen in der die Bedrohung förmlich in der Luft lag.


    Und genau hier entspannte sich Lucian.


    Mit beschwingt Schritten näherte er sich einem großen, verfallen Gebäude. Einst vermutlich eine Taverne.


    Vor dem eingestürzten Eingang stand eine Statue. Ein Löwe, der schräg einen Felsen erklommen hatte - Löwenfels.


    Lucian quetschte sich durch einige herabgestürzte Deckenteile. Als Fallon ihm folgte, erkannte der Wandler, dass es sich dabei um einen geschützten Weg handelte.


    Im Gebäude war es klamm, kalt und muffig. Es stank nach Unrat und alter Pisse. Ganz in der Nähe des Eingangs hatten sich abgehalfterte Obdachlose eingenistet.


    Fallon sah, wie sie mit matten, ängstlichen Augen aus der Dunkelheit zu ihnen herüberstarrten. Lucian störte sich nicht an ihnen. Er schwand in einem Schacht, der steil abwärts führte.


    Eine knappe Viertelstunde später standen sie in einem finsteren Gang vor einer Panzertür.


    Ohne zu zögern hämmerte Lucian dagegen. Der Sehschlitz in der Tür wurde aufgezogen und gab ein Augenpaar preis.


    "Was hast Du mitgebracht Bruder?", fragte die Stimme aus der Dunkelheit.

    "Hunger", antwortete Lucian.


    Die Tür wurde entriegelt und gab den Weg in absolute Finsternis frei.


    Lucian ergriff Fallon und schob ihn vor sich durch die Tür, die sich hinter ihnen mit einem Geräusch der Endgültigkeit schloss.


    Lucian zog Fallon mit sich. Die Reise ging weiter, der Gang öffnete sich und gab den Blick in einen geschlossenen Komplex frei, einem Bunker oder einem Dorf unter Tage gleich.


    Lucian und Fallon standen im Atrium des Komplexes. Die Augen der Anwesenden ruhten misstrauisch auf Fallon.


    Ein schlanker Kerl im schwarzen Mantel kam mit den tödlich geschmeidigen Bewegungen einer Raubkatze auf sie zu und entblößte seine messerscharfen Zähne.


    "Kleiner", grüßte er gerührt und drückte Lucian an sich.

    "Opa!", freute sich Luc und drückte Archibald fest an sich.


    "Das ist Fallon, sein Wunsch ist es dem Zirkel als Sklave zu dienen", sagte Lucian tonlos.

    "Das ist praktisch, selten gibt es Freiwillige. Die Verschläge müssen gereinigt werden, Leichen und Halbtote raus. Den Halbtote gibst Du den Rest. Den ganzen Scheiß kleinschneiden und ab in die Tröge der Überlebenden. Solange sie fressen, misste die Verschläge aus. Zur Entsorgung nimm Dir einen Fleischerhaken, so ziehst Du das Gammelfleisch aus den Verschläge. Schnell und effektiv. Du hast eine halbe Stunde, sonst teilst Du das Schicksal im Trog", erklärte Archibald lächelnd.


    "Willkommen im Ring der Menschfresser Fallon", sagte Lucian.

  • Verwundert blickte Fallon Lucian entgegen. Von seiner Seite kam keinerlei Antwort auf die eben gesprochenen Worte, was angesichts der zuvor doch ausschweifenden Gespräche seltsam schien. Stattdessen bekam Fallon nicht mehr als ein paar Worte, wie s nun weitergehen würde, dass sie Sturmfels noch nicht verlassen würden und auch, dass sie einen bekannten in Löwenfels besuchen würden. Wo letzteres lag wusste Fallon nicht, aber zeitgleich sollten sie Sturmfels nicht verlassen. Also vielleicht in Distrikt in Sturmfels? Ein Viertel? Trotz der ganzen Überlegungen ließ die Beschreibung Lucians Fallon am Ende doch ratlos zurück. Dieser fragte sich nur, wohin ihr Weg sie nun führen würde.


    Ohne eine andere Wahl zu haben, folgte Fallon Lucian nach draußen und durch die Straßen. Dabei sprachen sie kein Wort, sondern schienen einfach nur ziellos durch die Stadt zu schlendern. Dies ließ in Fallon die Frage aufkommen, ob sich Lucian in die Gegend verlaufen hatte. Wenn ja, dann war es schlecht, da Fallon selbst nicht wusste wo sie hätten langgehen können, falls nicht, blieb der Sinn und Zweck der ziellosen Route ein Rätsel für sich. Allerdings wollte Fallon die ganze Geschichte, insbesondere Lucian nicht anzweifeln, weswegen er ganz brav nachzog und sich führen ließ.


    Damit hatte er selbst auch noch einmal Zeit über das Gesagte und die Taten des Tages nachzudenken. Erst zu diesem Zeitpunkt fiel ihm auf, dass er trotz der ausführlichen Warnungen geradewegs verkündet hatte, dass er sich als Sklave fühlte und auch gern ein solcher wäre. Seltsamerweise fühlte er sich mit diesem Gedanken nicht einmal unwohl. Im Gegenteil. Etwas in seinem Inneren sagte Fallon, dass er die richtigen Worte getroffen hatte. Vielleicht deshalb die bedeckte Art des Jugendlichen, der sie gerade beide willkürlich durch die Stadt führte? Trotzdem fühlte sich Fallon in seinem erfüllenden Gefühl bestätigt, das Richtige getan zu haben. Niemand würde ihm das nun wegnehmen können, wo nur die Frage blieb, ob Lucian ihn mit der bestandenen Aufgabe tatsächlich aufnehmen würde.


    Eine Frage, deren Antwort er kurz darauf erhalten sollte.


    Sie stießen in einen Teil von Sturmfels, dessen Aura allein schon reichte, um Fallon die Gänsehaut über den Körper zu jagen. Überall schien es unheimlich, die Gebäude heruntergekommen und die Menschen verängstigt. Trostlosigkeit machte sich breit, welche noch stärker wurde, als sie sich einem teilweise eingestürzten Gebäude näherten. Ausgerechnet an diesem Ort konnte Fallon merken, wie sich Lucian entspannte. Sie mussten also an ihrem Ziel angekommen sein.


    Ganz zur Bestätigung dieses Gedanken machte Lucian einen Schritt auf diese Statue zu, die dem Teil dieser Stadt oder zumindest diesem Gebäude den Namen gab, den Lucian vorhin ausgesprochen hatte. „Ah, also das ist Löwenfels“, murmelte Fallon in sich hinein, als er Lucian durch den engen Spalt folgte. Jetzt schon trieb ihm die ganze Umgebung einen Schauer über den Rücken, machte ihm aber auch klar, dass dies ein Versteck sein musste. Dennoch ließ er sich nicht beirren, selbst als ihm der Gestank von Hinterlassenschaften in die Nase schlug. So intensiv, dass er einen kurzen Moment innehalten musste, damit er den Gestank überhaupt aushalten konnte.


    Die Menschen hier hatten Angst, wirkten hoffnungslos, beinahe als ob sie mit ihrem Leben abgeschlossen hatten – insbesondere als sie Lucian erblickten. Er war also bekannt. Er musste die Ursache dafür sein, dass sie sich plötzlich wie Ratten verkrochen und zurückwichen. Fallon hingegen fühlte außer Ekel gar nichts. Da hielt er sich lieber an Lucian, welcher einfach weiterging, in einen tiefen Schacht hinein. Ein Abstieg, der seine Zeit in Anspruch nahm.


    Nach einer gefühlten Ewigkeit in der Dunkelheit, bei der sich Fallon mindestens zwei Mal den Kopf gestoßen hatte, endete ihr Weg abrupt vor einer Tür. Während sich Fallon noch wunderte, wie tief unter der Erde sie nun sein mussten, klopfte Lucian an der Tür. Ihm wurde eine Losung abverlangt, deren Antwort genau so einfach wie genial war. Immer mehr wurde Fallon bewusst, worin er hineingeraten war und dennoch bereute er keine Sekunde, sich angeschlossen zu haben. Ein kribbelndes Gefühl durch seinen Körper sagte ihm, dass er an einem Ort war, an dem er sich wohl fühlte. Selbst der innere Wolf, welcher den freien Himmel liebte, arrangierte sich doch schneller als gedacht mit der neuen Umgebung.


    So schnell wie Fallon plötzlich von Lucian geschnappt und durch die Tür geschoben wurde, hatte er gar keine Zeit zu reagieren oder zu protestieren. Nicht, dass er dies überhaupt wollte, doch hatte er einige Fragen. Allerdings sagte ihm etwas, dass er nicht mehr in der Position für Fragen war. Davon war er nun weit entfernt, als die schwere Tür hinter ihnen sich schloss, einen letzten Luftzug der Freiheit mit sich nehmen, wobei sich Fallon schnell so fühlte, als wäre dies sein neues Heim – oder zumindest der Beginn eines neuen Lebensabschnitts.


    Fallon hatte gar keine Zeit die ganzen Eindrücke zu verarbeiten, ließ ihm Lucian gar keine Chance, überhaupt etwas genauer anzuschauen. Stattdessen sah sich Fallon durch die Gänge geschoben, direkt durch einen Komplex, der seinen Mund weit offenstehen ließ. Das war ein gottverdammtes Dorf dort unten! Mal ganz davon abgesehen schienen die Gestalten nicht wie normale Dorfbewohner, wer hätte es gedacht, sondern mehr nach Gestalten des Untergrunds. Ihre misstrauischen Augen trafen auch sofort auf Fallon, welcher nur mit einem Blick zu Boden antwortete.


    Diesen konnte Fallon erst lösen, als sie auf direktem Wege angesprochen wurden. Eine Gestalt, sehr vertraut mit Lucian, offenbar sein Opa, begrüßte ihn und deutete darauf auf Fallon, der wie bestellt und nicht abgeholt hinter Lucian verweilte und wartete, was geschehen würde. Darauf brauchte er noch lang nicht warten, wurde schnell klar, warum Fallon hier war: er wurde seinem Zweck zugeführt. Fallon hatte Lucian überzeugt, seine Worte hatten Bände gesprochen und nun wurde er ohne große Töne als Sklave begrüßt. Es mutete seltsam an, hatte Fallon doch etwas mehr erwartet.


    Plötzlich rauschten alle Worte auf Fallon ein, der einfach in dieses Leben hineingeworfen wurde, ohne weiter etwas machen oder erwidern zu können. Für ihn schienen die Aufgaben suspekt, abnormal, aber als das entscheidende Wort Menschenfresser fiel, verstand Fallon schließlich ganz. Nun wurde ihm bewusst, was er sich gewünscht hatte und wo er hineingeraten war – die Familie bestand aus Kannibalen. Das erklärte einiges mehr und Fallon wurde mehr bewusst, hatte er aber keine Zeit mehr, darüber nachzudenken.


    Sofort fiel er in eine gewisse Gedankenstarre, die es ihm ermöglichte, sich ganz auf die Worte der beiden Personen vor sich zu konzentrieren. Seine Aufgabe war klar, er würde nicht zögern, im Gegenteil. Er hatte sich als Sklave zur Verfügung gestellt, nun musste er die Rolle erfüllen und er würde alles daran setzen nicht in dem Trog zu landen, von dem gesprochen wurde.


    Demütig verbeugte sich Fallon vor dem unbekannten Mann und Lucian: „Vielen Dank, dass ich dienen und euch zur Hand gehen darf. Ich werde mich sofort ans Werk machen.“ Mehr Worte verschwendete Fallon auch nicht, die Arbeit rief schließlich. Drum ließ er sich kurzerhand den Weg zu den Verschlägen weisen, wobei er zielgerichtet dort hinging und jeden weiteren Eindruck ignorierte. In den Verschlägen angekommen, bot sich auch ein Anblick, wie er ihn sich bei den Worten vorgestellt hatte. Es war nicht mehr als eine Station zum Mästen von Fleisch. Leidende Seelen waren zuhauf zu sehen, als man sie wirklich noch auseinanderhalten konnte.


    Der Gestank war bestialisch. Scheiße, Urin, Tod und andere, undefinierbare Dinge verpesteten die Luft, genau so wie die Geräusche derer, die noch am Leben waren. Nun war es seine Aufgabe, die Toten und Todgeweihten von den Lebenden zu trennen, was einfach schien. Dafür schnappte er sich kurzerhand den angesprochenen Fleischerhaken und begann seine makabre Arbeit, mit der im Leben nie gerechnet hatte. Doch es bezahlte ihm Essen, Obdach und Zweck. Zumindest für den Moment reichte das aus, seine folgenden Taten zu rechtfertigen.


    Es war kaum definierbar, wie viel Zeit Fallon brauchte, doch seine Arbeit war mühselig. Die schweren Körper aus der Masse zu heben, die noch Röchelnden das Schwert durch den Schädel zu rammen und deren Überreste einfach zu zerhacken und in den besagten Trog zu werfen war eine furchtbar anstrengende Arbeit. Blut, Gedärme und andere Exkremente spritzten auf seine Rüstung. Dieser Job war schmutzig. Moralisch bösartig und obendrein widerwärtig. Dennoch machte Fallon ihn, im blinden Gehorsam. Ob sie nun seine Meister waren? Seine Besitzer? Fragen, die sich Fallon stellte, aber deren Antwort er lieber jenen überließ, die ihn an diesen Ort gebracht hatten.


    Schließlich kehrte Fallon, völlig verschwitzt, in das Atrium zurück. Er wusste nicht, wie lang er gebraucht hatte, ob die Zeit ausgereicht oder er versagt hatte. Auch das war eine Sache, die nur Lucian oder die anderen ihm beantworten konnten. Feststand, dass sein aktiver Verstand die Bilder noch nicht richtig verarbeiten konnte, war sein ganzes Wesen noch geschockt von den überwältigenden Eindrücken und den Dingen, die er getan hatte. Eine kleine Stimme in ihm kündigte an, dass all die Verarbeitung der Dinge noch kommen würden. Nur nicht sofort.


    Denn zu diesem Augenblick zählte, zu Lucian und dessen Opa zurückzukehren, sich vor ihnen zu verbeugen und zu verkünden: „Die Arbeit ist getan. Ich habe so gut wie möglich ausgemistet, verfüttert und aufgeräumt. Es ist nichts mehr übrig.“ Dann spürte er plötzlich Nervosität. Hatte er zu lang gebraucht?

  • Lucian von Dornburg


    "Ob und wann eine Arbeit erledigt ist, entscheidest nicht Du Sklave. So gut wie möglich ausgemistet... klingt nach es ging nicht besser. Wir werden sehen ob es besser geht.


    Sonderbehandlung für "Freiwillige" gibt es nicht. Sklave ist Sklave, Du bist Gemeinschaftseigentum, solange Dich keiner zeichnet.


    Wir gucken gleich nach einem freien Verschlag für Dich. Warst Du fleißig bekommst Du einmal am Tag einen Trog Grütze und wenn Du Glück hast Fleisch am Reinigungstag.


    Zieh Dich aus, Rüstung, Kleidung und Waffen runter. Es ist Sklaven nicht erlaubt bewaffnet und gerüstet im Nest herum zu rennen.


    Bei Zuwiderhandlung ist die Strafe klar - Tod.


    Das gilt ebenso für das Einstecken von Besteck, Werkzeug und dergleichen. Bei Zuwiderhandlung - Tod.


    Falls Du einer der Maulspringer bist, also Dein Endglück im Verschlungen werden... Gefressenwerden suchst als ultimativer Abgang auf allen Ebenen nur raus damit.


    Es findet sich immer ein hungriges Schleckermäulchen, dass den Wunsch umsetzt", sagte Archibald argwöhnisch.


    "Warum ist er hier?", fragte die Bestie ihren Enkel.

    "Er schlug vor unserem Nest auf, suchte Arbeit. Ist ein Wolfswandler. Wandelfähigkeit bestätigt. Testauftrag ist absolviert. Bestanden mit einigen Defiziten. Wunsch nach Versklavung wurde mehrfach geäußert. Etwas zu willigt. Deshalb nach Prüfung Verbringung in ein anderes Nest. Die Himmelsröhre ist unangetastet. Ohne Paps kein Absegnung kein Lebend-Neuzugang. Sicherheitsvorkehrung", grinste Lucian seinen Opa an.


    "Gut gemacht, Hec kann stolz auf Dich sein. Es gibt sie aber wirklich, jene die so unselbstständig sind, dass sie sich permanente Sklaverei wünschen.


    Jemand der ihnen alles im Leben vorschreibt. Was sie zu tun und zu lassen haben. Nicht wissend, das ein guter Sklave Arbeit sehen muss. Muss man ihm alles sagen, ist er nutzlos.


    Ich schaue wer Zeit hat ihn zu überprüfen und zu testen. Danach sehen wir weiter.


    Du siehst müde aus Luc, alles in Ordnung mein Kleiner?", fragte Archi mit liebevoller Sorge.

    "Geht so, das Wetter ändert sich und mein Kopf dröhnt etwas. Ich hatte schon Angst im Tageslicht zurück zu müssen. Ich glaub ich esse noch eine Kleinigkeit und dann lege ich mich hin", gab Lucian zurück.


    "Pack Dich direkt ins Bett, kalten Lappen auf die Stirn, Augen zu und versuch Dich zu entspannen. Ich weiß leichter gesagt als getan. Vielleicht geht der Kelch an Dir vorüber. Ich bleibe hier bei Dir und kümmere mich um Dich. Wenn Du kannst, steck vorher noch einen weg, dass hilft gegen Migräne. Ich bewache Deinen Schlaf.


    Falls es schlimmer wird, leihe Dir im Nest soviele läufige Brüterinnen wie möglich und setzte so viele Kinder mit einmal an wie Du kannst. Danach werde ich Dich segnen, dann bist Du die Probleme für immer los Lucian", sagte Archibald.


    "Gute Idee Opa, einen wegstecken, was Kaltes auf die Stirn, hinlegen. Wird gemacht", antwortete Lucian mit schrägem Grinsen.


    "Mein Opa nimmt sich Deiner an Fallon. Genieße Deinen Traum", sagte der junge Beisser und machte sich auf den Weg in das Quartier seines Großvaters.


    Archibald musterte Fallon und wartete, bis sich dieser ausgezogen hatte.

  • Egal wie hart und kalt sich die Worte aus den Mündern dieser Männer anhörten, für den Moment empfand sie Fallon mehr als richtig. Denn mehr war er nun nicht mehr. Eigentum. Ein Diener ohne eigene Rechte. Und Eigentum durfte keinen Eigentum, weswegen er sich nicht dagegen sträubte, seine Kleidung auszuziehen und die Waffen abzulegen. Irgendwas in Fallon sagte ihm, dass er diese nicht mehr brauchen würde und obendrein waren sie bei seinen Arbeiten nur eine weitere Behinderung, als einen wirklich Nutzen zu erfüllen. Bevor er jedoch nur eine Bewegung in dieser Hinsicht machte, hörte einem seiner neuen Meister zu, wie sie ihm die Regeln erklärten. Es war klar und eindeutig. Dabei hielt Fallon jedoch seinen Mund, ließ ihn reden und sprach erst, als dessen Worte endeten und Fallon nach dem Gefressenwerden gefragt wurde: "Nein, diesen Wunsch hege ich nicht." Seine Worte waren fast tonlos. In ihnen lagen keine Gefühlsregungen.


    Schließlich begannen sich die beiden Männer miteinander zu unterhalten, aber Fallon sah sich nicht im Recht, ihre Worte zu verfolgen, egal ob sie über ihn sprachen oder über sonstige Themen. Das ging ihn nichts an, viel mehr konnte er sich nun mit der Umsetzung der Regeln befassen, welche mehr als klar und deutlich ausgesprochen worden waren. Mit geschickten Fingern löste er schließlich die Verschlüsse seiner praktischen Lederrüstung, worauf er Stück für Stück das schützende Material von seinem Leib pellte. Kurz darauf folgte seine Kleidung, worauf ihn ein kalter Windzug erfasste und sein Körper ein wenig zu zittern begann. Nichts Dramatisches, auch für ihn nichts Schlimmes. Und selbst wenn es so blieb, gewöhnte sich Fallon daran.


    Doch zeitgleich machte diese Nacktheit einem anderen Gefühl Platz, welches die logische Konsequenz des Ganzen war. Mit jeder Faser seines Körpers wurde er nervös. Nicht nur, dass nun jeder alles frei an ihm begutachten konnte, sondern auch die Tatsache, dass man eindeutig erkennen konnte, dass er ein Wolfswandler im fortgeschrittenen Stadium war. Seine Unterarme waren bedeckt mit dichtem Fell, an den Fingerkuppen deutlich sichtbare krallen. Das Gleiche galt für seine unteren Beine und Füße, während seine Ohren elfischer Natur schienen und eine Wolfsrute eingeklemmt zwischen seinen Beinen war. All das offenbarte seine verletzliche Natur, für die ihn schon viele gehasst hatten. Doch nicht hier. Hier hasste man ihn nicht. Man liebte oder mochte ihn auch nicht. Er war nur ein Stück Fleisch welches zu dienen hatte. Das war ein Gedanke, dessen Präsenz sich Fallon bewusst war, vielleicht aber nicht dessen Tragweite.


    Im Anschluss legte Fallon seine Rüstung und Kleidung säuberlich zusammen. Auf den darauf enstehenden Stapel an Ausrüstung legte er sein Schwert, verstaut in der passenden Scheide. Das ganze Bündel, auf diese Weise fein säuberlich zusammengefaltet, hielt er auf beiden Armen seinem Meister entgegen, wie ein Opfer, welches er darbot. Dabei blickte er gar nicht erst auf, sondern blickte zwischen den Armen zum Boden, während er in einer leichten Verbeugung seinen Nacken zeigte.


    "Vielen Dank Lucian. Für alles", erwiderte Fallon schließlich gegenüber des Jüngeren, wobei er seinen Körper kein Stück bewegte. Nun stand Fallon dort und wartete, rührte keinen Muskel, während er stumm alles darbot, was er besaß. Ein Opfer seiner Persönlichkeit, seiner Vergangenheit, seiner Gegenwart und der Zukunft. Ein Opfer eines Ausmaßes, bei dem eine kleine Stimme in seinem Kopf schrie, dass er einen fruchtbaren Fehler beging. Doch sie ging in dem lauten Getöse seiner eigenen Unterwürfigkeit unter. Gehorsam, Aufmerksamkeit und der Gedanke an die Familie waren das Einzige, was ihn noch zu beschäftigen hatte.

  • Nur wenig später gab es erneuten Aufruhr im Eingangsbereich: Besuch war eingetroffen. Caillou, einer der Piranha-Zwillinge, gab sich die Ehre. Stinkend und ungepflegt wie eh und je, nahm der junge Rotschopf nach seiner Ankunft wie selbstverständlich im Gemeinschaftsraum auf einem Sofa platz und krähte einen lauten Gruß in die Runde. Zufrieden sah er sich um.


    Er war nicht allein.


    Vor ihm auf dem Boden, an einer feingliedrigen Silberkette mit einem gut gepolsterten, hellgrünen Lederhalsband um den Hals, saß ein nackter Sklave. Dieser war in einem guten Ernährungszustand, trainiert, ohne bullig zu sein, dabei wirkte er gesund und in jedem Fall deutlich gepflegter als der Mann, der ihn an der Leine führte. Sein lockiger brauner Pferdeschwanz duftete nach süßem Parfum. Er schien keine Furcht zu verspüren, zumindest ließ seine Körpersprache dies nicht erkennen, kannte aber augenscheinlich seinen Platz. Eine tiefe, Haifischartige Bissnarbe prangte zwischen Hals und Schulter.


    "Hey", rief Caillou, "hat irgendwer Zeit für einen weit gereisten und hungrigen Gast? Allein isst es sich nicht gut."


    Abgesehen davon hatte er noch nicht einmal etwas zu Essen serviert bekommen.

  • Archibald starrte Fallon aus zusammengekniffenen Augen an.


    "Ich habe hier keine tragende Rolle Sklave. Wenn hier jemand etwas schleppt, dann Du", warnte Archibald und deutete Fallon an, die Sachen irgendwo beiseite zu legen.


    Einen Augenblick später hörte er eine altbekannte Stimme! Camille oder Caillou, heute war Enkeltag! Zuerst Lucian von seinem Ältesten und nun einer der Zwillinge von Derya. Als Archibald sich gut gelaunt umdrehte, sah er den Rotschopf Caillou.


    "Was machst Du denn hier Kurzer? Ich freue mich Dich zu sehen Caillou. Lucian ist auch hier, er hatte einen Auftrag. Er kurriert sich gerade was aus. Wie geht es Dir? Blöde Frage hungrig nicht wahr? Ich könnte auch etwas vertragen", grinste Archibald über beide Ohren und sah den neuen Sklaven an.


    "Wir essen im Gemeinschaftsraum, bring alles rüber. Für mich passendes Blut, abgewürzt und für meinen Enkel Schlachtplatte, frisch und roh. Lass Dir was einfallen, was Du uns wie servierst Sklave", erklärte Archibald und knuffte Caillou.


    "Komm", sagte die Bestie, griff sich Fallons Schwert und gab den Weg vor. Die ganze Sache mit dem freiwilligen Sklaven erschien Archibald suspekt. Es gab sie wirklich, aber wer spazierte in ein Nest von Menschenfressern, machte sich nackig bis auf die Seele nur um dort für immer zu dienen?


    Bei entsprechenden Wünschen hätte sich der Bursche als Diener in einem Haushalt verdingen können. Oder er war einer jener Beißer, die gerne Fleisch fraßen, sich selbst aber nicht trauten genau jene Beute zu erlegen. Oder... was natürlich auch im Bereich des Möglichen lag, er war ein Spion. Jemand der ein Nest ausheben sollte. Gleich wer oder was Fallon war, Archibald würde keinem Sklaven eine Waffe lassen.


    Er dachte für einen winzigen Momant an Tarul und wie sie damals Fleisch serviert hatte. Kaz hatte sie mehrfach mit dem Tode bedroht aus Eifersucht. Die guten alten Zeiten... seine Klauen fuhren einmal liebevoll durch Caillous rote Haare.

    "Wie sieht es mit Nachwuchs aus?", hakte er grinsend nach.

  • "Pascal ist immer noch nicht schwanger, Opa", entgegnete Caillou bedauernd. "Ich hab´s versucht, Milli hat´s versucht ... dafür ist Pascal seinerseits Vater geworden. Einen kleinen Corvin hat Derya ihm geboren. Kräftig und gesund, er hat dein schwarzes Haar und deine hellgrünen Augen geerbt. Manchmal überspringen solche Eigenschaften eine Generation. Habe ich einen Hunger! In diesem Nest bin ich zum ersten Mal zu Gast. Mal schauen, was ihr hier zu bieten habt."


    Er löste die Leine des mitgebrachten Sklaven, der sich allerdings nicht vom Fleck rührte, und rollte sie zusammen. Sie wanderte in die Hosentasche, die nun eine fette Beule formte. Die Augen des Sklaven ruhten auf dem haarigen Kollegen und ließen ihn nicht aus dem Blick, so lange er sich in seiner Sichtachse bewegte.