Kapitel 37 - Im Herz des Vampirnests

  • Im Herz des Vampirnests

    Die Schleuse war offen. Nervös schauten sie im Zwielicht des weißen Schimmers in die Tiefe, die sich vor ihnen ins Dunkel erstreckte. Die zarter Besaiteten von ihnen - also Amias - hielten sich ängstlich in der Mitte der Truppe, wo auch Alexandre und Davard waren. Als Magier waren sie keine Kämpfer. Auch Vendelin musste sich in der Mitte halten. Wozu hatten sie eigentlich einen Buchhalter mitgenommen? Ciel fiel es nicht ein. Vermutlich nur, weil er im Schlepptau von Hector gewesen war. Dijon hingengen hielt kampfbereit einen Säbel in der Hand, wie er sonst in der Reiterei verwendet wurde, passend zu seinen Reiterstiefeln. Seine Passion war offensichtlich. Die Krieger sicherten die schwache Mitte zu allen Seiten. Langsam drangen sie tiefer ins Innere vor.

  • Je tiefer sie in den Berg eindrangen, je trockener und kälter wurde die Luft. Eigentlich war es so, dass unter Tage die Luft warm war. Wer jemals Carnac, eines der Beißer-Nester oder einen Bergbau besucht hatte, wusste dass hier etwas Unnatürliches vor sich ging. Hector übernahm gemeinsam mit Justinian und Kirimar die Führung und führte die Gruppe tiefer in den Berg hinein. Die drei Schwertmeister gingen etwas versetzt, so dass sie jeden Feind abfangen konnten, ohne sich selbst zu behindern.


    Danach folgten Linhard und Conny, um die Gruppe direkt abzuschirmen, falls es jemand an den drei Schwertmeistern vorbei schaffen sollte. Die Gefahr von hinten blieb ungedeckt. Aber Linhard wusste, im Wennfall musste sich die Gruppe an den Tunnelrand drücken, während die Kämpfer den Rest klärten. Und zur Not konnten auch auch Dave, Vanja und Vendelin mit einem Dolch tödlich umgehen.


    Zudem gebot Dave über Magie, ebenso wie Ciel. Diese als Waffe eingesetzt, war ein genauso wirksames Mittel, wie blanker Stahl. Lin hoffte das Ciel und Dave magisch die Augen offen hielten, ob sich Personen oder andere Lebewesen näherten, gleich ob lebendig, tot, untot oder was es da noch alles gab.


    Die Gruppe ging langsam aber beständig bergab, ein seltsames Geräusch machte sich in dem Tunnel breit. Es klang wie schweres Atmen, aus einer Kehle dessen Dimension man sich lieber nicht vorstellen wollte. Linhard schaute sich verunsichert um und warf seinem Onkel einen fragenden Blick zu. Dave schüttelte nur Minimal den Kopf.


    "Weiß einer was das ist?", flüsterte Linhard und zuckte zusammen. Seine Stimme kam ihm in der Stille extrem laut vor.

    "Wir nähern uns einem Bewitterungschacht", antwortete Kirimar.


    "Und das klingt dann so... wie Atmen?", fragte Lin sicherheitshalber.

    "Ja. Mal wie atmen, mal wie heulen, wie zischen. Es ist kein Atmen, vertraut unserer Erfahrung und meinen Ohren", gab Kirimar zurück, während sie weiter vorrückten.


    Der Gang verbreiterte sich und nun sah man eindeutig, dass der Felsen bearbeitet war. Hinter der Siegel hatte es den Anschein, als wäre der Gang in den Felsen geschmolzen worden, wenn man genau hinsah. Hier waren die fremdartigen Bearbeitungsspuren offensichtlich. Der Gang verengte sich, wie zu einem Nadelöhr. Als die Gruppe genau jene Engstelle passiert hatte, standen sie vor einer Tür, wie sie vermutlich noch nie jemand gesehen hatte. Sie war aus Stahl, wie aus einem Guss und derart präzsise gearbeitet, dass man keine Stelle fand um irgendwo anzusetzen. Sie war glatt, eisgrau, makellos und kalt. Bedeckt war die Tür mit Raufreif und eine Art Nebel schien von ihr auszugehen.


    "Die Tür sie ist versiegelt, ihre Temperatur ist tödlich niedrig... Das ist eine Sicherheitsschleuse ähnlich wie es sie in jedem Nest mehrfach gibt. Wir haben einen ähnlichen Raum... den Schockfrostraum. Wer die Tür anfasst friert augenblicklich ein. Falls es jemanden interessiert, die Tür hat -196 Grad.


    Das was wir da als Nebel sehen, ist nicht die Versiegelung, Nebel oder dergleichen. Es ist das Wasser das sich in der Luft befindet und an der Tür kondensiert. Wir benötigen das Schlüsselartefakt zur Öffnung, oder jemand muss versuchen eine Person auf der anderen Seite zu rufen. Nächste Möglichkeit, wir suchen eine weitere Schleuse. Prince Ciel? Eure Entscheidung", sagte Hector respektvoll.

  • Irving seinerseits war fasziniert. Das Wissen sog er um sich herum auf und glich es mit den Informationen von Thabit ab. "Ich könnte es versuchen, ja." Probehalber testete er schon einmal, ob er mit dem Ältesten dieses Nests kontakt aufnehmen konnte. Normalerweise sollte das funktionieren.

  • "Nein kein Blut Hoheit, das sind reine Sicherheitsschleusen. Sie verfügen nicht über Rätsel oder dergleichen. Sie haben nur einen Zweck, wird das Nest angegriffen schafft man die Bewohner hinter die Schleuse und versiegelt sie. Die Angreifer stehen dann vor der verschlossenen Tür... wie wir gerade... und kommen nicht weiter.


    So könnt Ihr ein Nest als Schlüsselmeister evakuieren. Hat das Nest seinen Schlüsselmeister verloren, kann man weder die Schleusen, noch die dahinterliegenden Fluchttunnel und auch nicht die letzten Sicherheitsräume nutzen. Das Nest steht und fällt mit dem Schlüsselmeister. Und genau dass hat jemand getan, er hat das Nest hier gegen uns abgeschottet.


    Wir sind als Eindringlinge erachtet worden... nun verständlich... wir sind widerrechtlich eingedrungen und wir haben einige Wachen kaltgemacht. Das könnte man als Angriff werten. Wobei uns der Frostalb dort draußen zuerst angegriffen hat. Aber das ist nur Wortklauberei.


    Normalerweise gibt es dafür Artefakte die die Schleuse öffnen und versiegeln, oder Schalter, Riegel und so weiter. Kurzum, öffnen mit einem Artefakt, alle Bewohner rennen durch und auf der anderen Seite betätigt man einen Schalter. Wäre ja unlogisch wenn er auch auf dieser Seite wäre, dann würden ihn die Eindringlinge ebenso benutzen... kurzum die Schleuse hätte man sich schenken können. Das nur zur Erläuterung", erklärte Hector freundlich.


    Irving spürte wie sich eine Präsenz in seinem Verstand ausbreitete, eine Gegenwart von einem Wesen dass dem von Thabit sehr nahe kam und dennoch vollkommen verschieden war. Irving verspürte Neugier und einen seltsamen Sog, der von dem fremdartigen Verstand ausging. Etwas Raubsüchtiges hatte sich in seine Gedanken geschlichen und zerrte an Irvings Substanz, so als sollte dieser für die Präsenz seine Zähne in Fleisch schlagen.


    `Wer bist Du?´, kam die mentale Frage, die Irvings Grundfeste seiner Seele erschütterte.

  • Irvings Gesicht nahm einen hochkonzentrierten Ausdruck an, gleichzeitig krallte sein Geist sich mit aller Macht an dem von Thabit fest.


    'Mein Name ist Irving von Kaltenburg', sprach er mental. 'Du kennst mich dem Namen nach, vielleicht erinnerst du dich auch an mich ... wir sind auf der selben Seite. Mein geliebter Mann starb durch die selbe Bosheit wie deine ehwürdigen Väter. Wir sind hier, da der Prince de Souvagne Wissen begehrt. Er ist ein Bluthexer und sehr neugierig, offen für die alten Künste und Lebensweisen. Wir erbitten Eure Gastfreundschaft ... Nicodemus von Hohenfelde.'

  • Irving spürte wie sich die Präsenz aus seinem Geist zurück zog, in der gleichen Sekunde ging die Schleuse mit einem eisigen Zischen auf. Ein gertenschlanker Frostalb stand im Knöcheltiefen Nebel und musterte die Gruppe aus eisblauen Augen. Seine weißen Haare flossen dem Nebel ganz ähnlich über seine Schultern. Sein Blick hatte etwas Stechendes, was von den schwarzen Zeichnungen in seinem Gesicht zusätzlich untermalt wurde.


    Jeder der Gruppe musterte den schmalen Mann, der wie ein ein weißer Schemen aus einem finsteren Abgrund leuchtete. Allen voran die Magier und die Schwertmeister. Das scharfgeschnittene, magere Gesicht erinnerte an das eines Raubvogels.


    "Suba, Grüße... mein Name ist Valimar Atar. Folgt mir", sagte der Frostalb mit einer Stimme wie Eis und machte eine einladende Geste ihm zu folgen.


    Sein Blick streifte über die Gruppe, blieb zuerst an Irving, dann an Dave und zum Schluss an Kirimar hängen. Der Alb drehte sich auf dem Absatz um und schritt in den Gang hinein. Kirimar blinzelte und umfasste sein Schwert fester. Hector drückte

    die Klinge mit einem Finger nach unten und schüttelte minimal den Kopf. Kiri machte ein unbekanntes Handzeichen und steckte sofort die Klinge weg, was Hec mit einem winzigen Schmunzeln quittierte.


    "Mein Gebieter erwartet Euch", erklärte ihr Führer nachträglich, wohl um etwas gastlicher zu wirken, als er üblicherweise war.


    Hinter der Schleuse, die aus zwei gleichartigen Türen bestand, die sich jeweils nur öffneten wenn die andere geschlossen wurde, begann der tatsächliche Lebensbereich. Sie passierten ein Stück Flur und liefen auf das Gegenstück der ersten Tür zu. Sie hörten wie die erste Schleuse hinter ihnen wieder verriegelte und sich die Schleuse vor ihnen öffnete.


    Es öffnete sich weit mehr als eine Tür, es öffnete sich eine unterirdische Stadt vor ihren Augen. Atar führte sie auf ein großes Gebäude zu, dass entfernte Ähnlichkeit mit einem Tempel hatte. Sie passierten zig Wachen, betraten und betraten ein Gebäude, dass aus einer anderen Zeit zu stammen schien. Ihre Schritte erzeugten ein seltsames Echo in den hohen Gängen und Räumen, die sie durchquerten. Die Frostalben die ihnen begegneten wirkten in der Umgebung genau wie Valimar noch bleicher als sie ohnehin schon waren.


    Eine gute halbe Stunde später standen sie vor einer Tür, die von zwei Kriegern und zwei Magiern bewacht wurde. Lautlos öffnete sie die Tür und gab den Blick auf einen dunklen Thronsaal preis.


    "Tretet näher", verlangte der Gastgeber mit tiefer Stimme.


    Der Saal war gefüllt mit Vampiren, was besonders Ciel und Alex spürten. Nur jener schneeweiße Mann auf dem Thron dessen krallenbewehrte Hand auf einem Schwertknauf ruhte, war kein Untoter.


    Nicodemus lebte.

  • Irving von Kaltenburg hatte wie selbstverständlich an der rechten Seite des Prince de Souvagne Aufstellung genommen. Ciel hatte nichts dagegen einzuwenden, seit Irving ihn über das mentale, recht freundlich verlaufene Gespräch mit Nicodemus informiert hatte. Offenbar kannte man sich vage. Ins Detail war der Kaltenburger nicht gegangen, es war momentan auch nicht relevant.


    Da Ciel hier der Gast war, verneigte er sich förmlich vor dem Mann auf dem Thron.


    "Ich grüße Euch, Herr dieses Reiches. Habt Dank für den Empfang. Mein Name ist Prince Ciel Felicien de Souvagne, Sohn des Maximilien Rivenet de Souvagne, Mitglied der Krone und Abgesandter des Hofes von Souvagne. Mir sind leider die hiesigen Höflichkeitsformen unbekannt, wie darf ich Euch ansprechen?"

  • Nicodemus


    "Ich bin rechtmäßiger Nachfahre meines Vaters dem ehrenwerten Erzhexer Indutiomarus von Hohenfelde, somit bin ich seit dem Tode meiner Väter Erzhexer oder Fürst des Hauses Hohenfelde, beide Titel sind korrekt. Sprecht mich mit meinem Namen an, denn er steht mehr als jeder Titel für sich.


    Es ist noch nicht vorgekommen, dass ein Reich einen Abgesandten in meine Hallen schickte. In alten Zeiten war es Brauch ein Gastgeschenk mitzubringen und nicht die Wachen zu meucheln. Oder sage ich es mal so... man ließ sich nicht dabei erwischen", schmunzelte Nicodemus.


    "Was ist Euer Begehr? Weshalb seid Ihr hier?", fragte der Erzhexer neugierig.

  • Ciel ließ sich nicht seinen Schock anmerken, als er bemerkte, dass er keine Geschenke dabei hatte. Stattdessen improvisierte er und wies auf Irving und Amias.


    "Ich habe für Euch zwei Ruspanti mitgebracht, Angehörige eines altehrwürdigen almanischen Kults, die für Euch tanzen werden. Der Kult ist fast so alt wie die Zeit, der Ihr entstammt und womöglich habt Ihr schon von ihnen gehört."


    Die Gesichtsentgleisung von Irving registrierte er, hatte aber keine Ahnung, warum der Mann sich so albern hatte. Zu tanzen war schließlich sein Beruf.


    "Sobald es Euch Recht ist, werden sie zu jeder beliebigen Musik Eurer Musikanten ihre Künste demonstrieren. Mein Wunsch ist es, Euch zunächst persönlich kennenzulernen. Und wenn es Euch beliebt, wäre ich über Austausch von Wissen dankbar, insbesondere zum Thema der altehrwürdigen, und leider fast vergessenen Blutmagie."

  • Nicodemus


    "Wie Ihr richtig erwähnt Prince Ciel de Souvagne, der Brauch der Ruspanti ist alt, aber reine Tänzer waren jene Männer nie. Davon später mehr, nun Ihr macht mich neugierig, Musik für die beiden Tänzer", befahl Nicodemus und die Musiker spielten einen flotten Tanz auf.


    Musik die Irving seit vielen Jahrhunderten nicht mehr gehört hatte, eine Melodie die schnell, schön und dennoch von Wehmut sprach. Vielleicht war es auch einfach die Erinnerung an eine längst vergangene, fast vergessene Zeit die ihn genau wie Thabit tief im Innersten berührte.


    Das Nicodemus die gleichen Gedanken hatte und aus jenem Grund die Musik spielen ließ, sah Irving in dessen Augen. Ein Zugeständnis, eine Freundlichkeit in Richtung der von Kaltenburgs. Eine warme Geste, in einer eisigen Welt.


    "Ihr wünscht mich persönlich kennenzulernen? Was meint Ihr damit genau, privater Natur? Die Blut- oder wie sie manche auch nennen Essenzmagie ist größtenteils in Vergessenheit geraten fürwahr. Das was Ihr heute als Magie kennt, ist ein winziger Schatten von dem was einst die Essenzmagie den Hexern ermöglichte. Die Magie heute ist nicht einmal mehr ein Schatten dieser Kunst.


    Die heutige Magie ist von Einschränkungen und ängstlichen Selbstbeschränkungen bestimmt. Um diese fast schon lächerlich schwache Magie zu wirken, verlässt sich der Hexer nur auf seine eigene Essenz. Er greift auf seinen eigenen Lebensfunken zu, nutzt diesen um die Magie zu formen, ihr Gestalt zu geben und somit die Physis seinem Willen zu beugen. Gleich welchen Zauber er wirkt, er greift in die Realität ein. Ein Hexer der so agiert, verliert Stärke. Stellt es Euch wie einen Dauerlauf vor, lauft Ihr selbst ermüdet Ihr. Eure Beine werden schwer und irgendwann seid Ihr so erschöpft, dass Ihr nicht weiterlaufen könnt.


    Blut- oder Essenzhexer waren die Reiterei der Magie. Sie liefen den Dauerlauf nicht selbst, sondern ließen andere für sich rennen. Sie saßen sozusagen auf einem Reittier, einem Pferd aus Magie. Keiner dieser Magier ging seine eigene Essenz an, er entriss sie seiner Arbeitsgrundlage und formte daraus seine Zauber. Seine eigene Lebensessenz blieb unangetast.


    Allerdings fordern beide Magieformen von den Magiern.


    Die heutige Magie fordert die Essenz des Anwenders, er erholt sich wieder übertreibt er nicht.

    Die damalige Blutmagie forderte die Essenz von Opfern, dort bedarf es keiner Erholung. Aber Blutmagie erfordert eine ungeheure mentale Kraft und Konzentration. Jede gestohlene Essenz, jeder Lebensfaden den man durchtrennt, den man zerreißt kann einen sonst mit in den Nexus reißen. Darin lag die Gefahr.


    Ich bin vermutlich heute der einzige lebende Anwender der alten Blutmagie in Reinform. Die meisten Relikte... Älteste der längst vergangenen Zeiten haben sich auf einen bestimmten Bereich spezialisiert. Ich halte es wie mein Vater, den ich habe keine andere Wahl. Meine Natur, mein mir vorgeschriebener Weg ist der des Blutes...

    Was verbindet Euch mit jener Magie?", fragte Nicodemus freundlich.

  • Irving von Kaltenburg war kein Ruspante, nie gewesen. Er war Augur, der Vorsteher und, was viele nicht wussten, auch Begründer des alten Kultes der Ruspant. Die ersten Ruspanti waren seine eigenen Eunuchen gewesen, die er aus Kaltenburg in die neue Welt gerettet hatte. Die Söhne besiegter Gegner, kastriert und versklavt zu seiner Erquickung und seinem Triumph. Lebende Trophäen und Kuriositäten, eine posthume Demütigung der vernichteten Häuser. Ein anderer hätten sie getötet, der exzentrische Irving, der sich als Künstler verstand, behielt sie für sich als Diener, Tänzer, Musikanten.


    Aus jedem Haus einen: Wolkenhaim, von jenen den Stammhalter, Leuenburg zu Dallbach, dort sogar das Familienoberhaupt, und zu guter Letzt ein kleiner Laurenloff, der am schwierigsten zu organisieren gewesen war, da dieses Haus am anderen Ende der Insel lag und seine Vernichtung ohne kaltenburgsche Beteiligung erfolgte. Diese drei Eunuchen nahm Irving vor allem aufgrund ihres enormen Wertes mit hinüber, da er hoffte, sich mit dem Verkauf eine neue Existenz aufbauen zu können. Mit ihnen begann alles, nachdem Thabit seinen neuen Schiffskörper bezogen hatte, als Irving ihren wahren Wert erkannte.


    Heute war nur ein Teil der Ruspanti entmannt, doch die Castrados hatten schon immer eine wichtige Rolle gespielt.


    Das Tanzen indes liebte Irving seit jeher. Und nachdem die altvertraute Melodie erklang, sträubte er sich nicht länger. Halb schloss er die Augen und hob die Arme mit hängenden Händen in die Luft, während er sich zurückneigte. Dann warf er sie von links nach rechts und es folgte die erste Pirouette. Amias passte sich seiner Führung an und ihre Bewegungen wurden ein einziges Fließen, als sei es eine lang gelernte Choreografie. Um das, was um sie herum geschah, kümmerte Irving sich nicht. In seinen Gedanken war er wieder in Kaltenburg in Asa Karane, bevor die Insel zu einem Totenreich wurde.


    Was niemand außer ihm - und vielleicht Nicodemus - wusste ... ein weiteres Relikt aus Asa Karane befand sich in diesen Hallen. Amias, der sich neben ihm im Kreise drehte und dem man die Jahrhunderte noch weniger ansah als ihm selbst.

  • Ciel hatte die Ruspanti während seines Besuchs in Ledwick tanzen gesehen und wusste, dass ihr Kult ein wenig eigen war. Doch dass sie vor dem Regenten keine dezentere Variante des Tanzes demonstrierten beschämte ihn. Irving trug ja wenigstens eine Hose, doch Amias hatte keine Hemmungen, den federleichten Mantel beim Drehen wie eine Tulpe nach oben schweben zu lassen. Ciels Wangen glühten rot und er hoffte, Nicodemus würde es mit Humor nehmen und nicht als Dispektierlichkeit auffassen. Als die Musik ausklang, wirbelte Amias zu dem betreten dreinblickenden Alexandre davon. Irving gesellte sich keuchend an Ciels Seite.


    "Um auf Eure Fragen zurückzukommen", platzte Ciel übergangslos heraus, um von der Peinlichkeit abzulenken, "so ist die Blutmagie auf eine gewisse Weise wiederentdeckt worden. Wir nennen sie Bluthexerei und führender Kopf ihrer Erforschung ist mein Begleiter Marquis Alexandre de la Grange, Erzhexer des Blutes. Er ist sehr daran interessiert, diese Kunst zu vervollkommnen, indem er aus alter Quelle dazulernt. Dazu sei gesagt, dass Bluthexerei keine offensive Magieform ist, sondern eine, die sich der Heilkunst und dem Schutz der Lebenden verschrieben hat. Aber ja, sie fordert große, sehr große Opfer vom Hexer.


    Inwieweit das Kennenlernen formeller oder informeller Natur sein soll, ist natürlich Euren Vorlieben überlassen, ich möchte Euch nicht zu Nahe treten, wenngleich mir die Regenten vieler Nationen oft auch auf privater Ebene bekannt sind, wie der Duca di Ledvico oder der inzwischen leider verschiedene Großherzog von Ehveros."

  • Nicodemus


    Nicodemus genoss sichtlich den Tanz und verkniff sich ein Schmunzeln, als Ciel so schnell wie möglich einen Übergang zu einem Gespräch suchte. Vermutlich war er mit den Ruspanti weit weniger vertraut, als er geglaubt hatte.


    "Mein Dank an die beiden vorzüglichen Tänzer. Musik und Tanz haben eine alte Zeit für einen Moment wieder aufleben lassen, ein Fenster in unsere alte, gemeinsame Heimat geöffnet.


    Zu Euch Prince Ciel, ich kenne Euch nicht, ich weiß so gut wie nichts über Euch persönlich. Natürlich habe auch ich hier in meinem Reich von Euch und Eurem Land gehört. Sagen wir es einmal so, Euer Land ist mir bekannt. Schaut, Ihr erscheint in meinem Thronsaal, stellt Euch vor und erbittet eine Macht die einst einen ganzen Kontinent in die Knie zwang und im Aschregen sterben ließ. Die gleiche Macht hob einst eine tote Insel aus der Bedeutungslosigkeit und trat sie Jahrhunderte später dahin zurück, wieder nichts als Tod, Verwüstung und Asche hinterlassend.


    Blutmagie... Essenzmagie bietet ungeahnte Möglichkeiten, sie war... sie ist eine Magie die vor Wandelbarkeit strotzt... eine Magie die einem den Horizont derart erweitert, dass man ihn völlig aus den Augen verlieren kann. Ihr Brennstoff der das Feuer Eurer Zauber am Leben hält, ist Blut... Leben... Essenz...


    Ihr könnt je nach Machtstufe Leben auf die grausamsten Arten nehmen... es rauben, Ihr könnt Leben umformen, Verdrehte schaffen... "Lebende" schaffen... Ihr könnt die grauenvollsten Verletzungen kurrieren oder sie zufügen... Ihr könnt eine Seele zerstören... verschlingen... oder zurück in die Physis reißen und so ein Leben retten...


    Ihr könnt falls Ihr jemals die Macht meines Vaters erreichen solltet Leben schaffen mit nichts als Eurem Willen, Eurer Magie, magischen Brennstoff und... Blut.


    Ihr bittet mich um eine Macht, die diese Welt in die Knie zwingen könnte, die Asamura einäschern könnte, sollten sich zum dritten mal die Magierkriege erheben. Einst habt Ihr so kurz davor gestanden... als Horatio die Welt rettete, indem er die Nekromantie weitergab...


    Stell Euch eine Bibliothek unendlichen Wissens vor... Und Ihr seid deren Hüter. Nun kommt ein Volk, dass den magischen Funken nicht einmal ganz versteht und bittet Euch um Hilfe. Ihr gewährt sie, nehmt ein Buch aus der Bibliothek, schlagt es auf und reißt eine Seite heraus...


    Dies ist Eure Rettung... dies war die Nekromantie...

    Versteht Ihr, was er Euch gab und was Ihr gar nicht wisst?


    Er hat Unwissenden eine Seelenbombe ausgehändigt um sie zu schützen. Der Zweck heiligte die Mittel, Euer Untergang verhindert durch einen Fetzen uralter Magie die Ihr heute Nekromantie nennt und sogar verboten wurde. Ihr erbittet das Gleiche von mir. Nur für einen anderen Zweck. Bevor ich überhaupt in die Richtung denke, Euch mit derartigem Wissen und derartiger Macht auszustatten, MUSS ich Euch persönlich kennenlernen.


    Was sind Eure Ziele? Redet offen, selbst wenn Ihr plant einen Völkermord zu begehen. Schönfärberei ist in meiner Welt fehl am Platz. Zudem möchte ich wissen, weshalb Euer Begleiter derartiges Interesse daran hegt und nicht Ihr selbst. Ferner interessiert es mich, weshalb der Magier meines Blutes in Eurer Mitte überhaupt nicht fragt.


    Wir werden uns also sehr persönlich kennenlernen, wenn Eure Worte ehrlich sind", antwortete Nicodemus und machte eine einladende Geste, näher zu treten.

  • "Weil er nicht zu Wort gebeten wurde", gab Ciel die seiner Meinung nach logische Antwort auf die Frage. Wenn der Prince mit dem Fürsten sprach, hatten die Krümel Pause. "Aber wenn Ihr Davard von Hohenfelde zu Wort bitten möchtet, nur zu." Damit folgte er der Einladung und trat näher auf eine angemessene Distanz heran.


    "Meine Ziele sollt Ihr erfahren, sie sind kein Geheimnis. Und natürlich sind meine Worte ehrlich, ich bin nicht hier, um Eure Gastfreundschaft mit Lügengeschichten zu beleidigen. Auch ich bin Bluthexer, aber das Oberhaupt des Ordens und führender Kopf ist Marquis Alexandre de la Grange. Ich gehe davon aus, dass er mit den Informationen mehr anzufangen weiß, als ich persönlich. Eure Heimat liegt demnach in Ledwick?", wunderte Ciel sich, als der Mann davon Sprach, dass die Tänzer die Musik alter Zeiten wieder aufleben haben lassen.


    "Mein Wunsch ist es, die Bluthexerei zu einem Schild zu formen, der Souvagne schützt. Im Gegenatz zu Nekromantie liegt ihr kein schädigender Charakter inne und ich bezweifle, dass man mit ihr auch nur eine einzige Quadratmeile erobern könnte. Sie ist eine rein defensive, schützende, liebende und behütende Magieform. Das soll sie bleiben. Mit dem Wissen erhoffe ich, dass diese Attribute noch gesteigert werden können. Souvagner sind bekannt für ihre Mauern. Sogar magische Mauern errichten wir mithilfe der Himmelsaugen. Warum nicht auch mithilfe der Bluthexerei? Habt Ihr weitere Fragen?"

  • Nicodemus


    Nicodemus lachte auf Ciels Antwort hin, es war eine tiefe, angenehme Lache in der keine Bedrohung mitschwang.

    "Wohl gesprochen, in allen Belangen. Wenn Ihr wüsstet, wie viele Lügengeschichten ich in meinem Leben schon gehört habe, Ihr wärt erstaunt. Aber ich denke, Euch ergeht es da nicht anders. Wie viele Lügen aus Angst, aus Scham oder um sich zu profilieren? Die Gründe für die Lüge sind manigfaltig, nicht wahr?


    Wie kommt Ihr darauf, dass meine Heimat Ledwick wäre? Nein, ich sprach von Asa Karane, schon dort waren die Ruspanti bekannt. Lange bevor wir überhaupt einen Fuß auf Asamura setzten.


    Da wir von Gastfreundschaft sprachen schlage ich vor, wir setzen das Gespräch in meinen Privatgemächern fort. Eure Begleiter haben ebenso Fragen und etwas mehr... aber dies wird warten müssen, vorab werden wir beide als Gleichgestellte miteinander sprechen. Danach gerne in größerer Runde. Eure Begleiter werden in einen Aufenthaltsraum geführt und warten dort auf unsere Zusammenkunft. Ihr und Euer Ordensoberhaupt der Bluthexer... Marquis de La Grange... Alexandre... Ihr werdet mich begleiten.


    Nach der Zusammenkunft hat jeder von Euren Begleitern die Möglichkeit allein mit mir zu sprechen, sollte dies gewünscht sein. Im Eigeninteresse sei Euren Begleitern geraten, den Aufenthaltsraum nicht zu verlassen. Wir möchten... unschöne Zwischenfälle vermeiden... manche meines Blutes sind... sagen wir mal an Mordsspäßen interessiert.


    Folgt mir", forderte Nicodemus Ciel auf, erhob sich und gab den Weg hinter den Thron vor, der in vollständiger Dunkelheit lag.


    Vor einem kreisrunden Becken, indem eine rot-schwarze Flüssigkeit zäh dahinschwappte, als wäre sie leichtem Wellengang ausgeliefert blieb Nicodemus stehen. Er hielt kurz eine klauenbewehrte Hand über das Becken, die Flüssigkeit flammte auf und er trat auf die Oberfläche. Erstaunlicherweise sank er in die Flüssigkeit nicht ein, sondern wurde wie durch Geisterhand nach oben getragen und verschwand in der Dunkelheit der Decke.


    "Nur zu, folgt unserem Gebieter", erklärte der Frostalb, der sie in den Thronsaal geführt hatte.

  • Ciel schaute zweifelnd, aber er war auch schon auf Luft gereist. "Levitation mittels Blut? Faszinierend!" Er bemerkte noch, wie Dijon de la Grange die Mundwinkel hinabsanken, weil sein Sohn den Prince begleiten durfte und er nicht, dabei konnte er sich den Sinn dahinter sicher denken. Ciel wünschte sich, der Mann wäre stolz auf seinen Sohn, stattdessen war er wohl jemand, der lieber selbst die Lorbeeren einheimste. In Gegenwart seines Vaters wirkte Alexandre stets in sich gekehrt und redete kaum. Ciel henkelte sich bei Alexandre ein und der Erzhexer streckte die Hand aus, um zu sehen, ob er dem Blut nicht das gleiche Leuchten entlocken konnte, ehe sie gemeinsam darauf steigen würden.

  • Nicodemus



    "Tretet einfach auf die Oberfläche", erläuterte Valimar und schob beide Männer in das Becken.


    Kaum das Ciel und Alex auf der Flüssigkeitsoberfläche standen, stiegen sie nach oben. Es fühlte sich an, als hätten sie eine Platte unter dem Boden oder als würde das Becken selbst sie als fester Untergrund empor tragen. Nun sahen sie auch die Decke, die ihnen bedrohlich näher kam. Über ihren Köpfen befand sich der gleiche Ring, der das Levitationsbecken umgab. Dazwischen war nichts, als ein rotschwarzer Schemen.


    Ciel und Alex durchbrachen die Decke dort und mit einem Zischen, dass an eine sprudelnde Flüssigkeit erinnerte, passierten sie das Portal und standen im Vorraum des Gemachs von Nicodemus. Das Becken in dem sie standen, war eingebettet in einen schmalen Alkhoven. Die Flüssigkeit unter ihren Füßen wurde schwarz und hart, wie getrockneter Teer.


    Nicodemus empfing sie in seinen Privatgemächern. Ein luxeriöses Domizil, dem man seine fremdartige Herkunft ansah.

    Das Gemacht war eine Mischung aus Wohung und Alchemielabor und hatte einen ganz ureigenen düsteren Charme. Der Geruch von Kräutern hing schwer in der Luft und sie sahen mehrere verschlossene Türen. Was sich dahinter verbarg konnten sie momentan nur vermuten.


    Nicodemus saß auf einem großen Sofa an seiner Seite eine Wesenheit die wie eine Mischung zwischen Fledermaus, Hund und Bär aussah. Das Wesen gähnte und entblößte rasiermesserscharfe Zähne. Es zuckte mit der Nase in Richtung der beiden Gäste, was Ciel an die Mimik von Tekuro oder Bellamy in Fledermausgestalt erinnerte.


    Mehrere nackte Sklaven lagen um das Sofa herum verteilt, während ein Mann neben einem kleinen Tisch mit Dekanter stand. Blutrot und schwer war die Flüssigkeit darin, die er in Kristallgläser goss und servierte.


    "Nehmt Platz und fühlt Euch heimisch. Auf Euer Wohl", sagte Nico, griff nach einem Glas und prostete den Gästen zu, bevor er es mit einem Zug leerte.

  • Als sie oben angekommen waren, ließ Ciel den Erzhexer wieder los, schließlich wollten sie nicht wie ein Paar einmarschieren. "Stilvoll", lobte der Prince die fremde Architektur, die sein Interesse weckte, doch als sie ins Innere kamen, revidierte er gedanklich diese Einschätzung. Weder Ciel noch Alexandre ließen sich anmerken, was sie von der Anwesenheit all dieser nackten Personen hielten. Sie nahmen huldvoll auf dem Sofa Platz und hoben jeder ein Glas. Wein schien das nicht zu sein ... Ciel ahnte, was auf sie zukam, doch er würde den Gastgeber nicht beleidigen, indem er die Gabe ablehnte.


    "Danke, ebenso", sagte er und folgte der Geste, das Glas in einem Zug zu leeren, genau wie Alexandre.

  • Nicodemus


    Ciel und Alexandre schmeckten eine unbekannte Mischung aus Blut, einem Likör und Gewürzen. Nicodemus ließ sich sein Glas erneut nachfüllen, nippte diesmal aber nur daran und lehnte sich gemütlich im Sofa zurück.


    "Ihr habt ein Mann im Gefolge, der von meinem Blute abstammt. Ich... rieche es. Jener Mann sieht einer Person die ich sehr liebte extrem ähnlich. Überlasst ihn mir... ich spreche von dem blassen Halb-Alben der direkt hinter Euch stand. Es freut mich, dass Ihr Euch wohlfühlt. Ich hätte Euch eine meiner Mahlzeiten angeboten, aber Ihr speist anders. Wünscht Ihr etwas zu Essen? Dann lasse ich Euch selbstverständlich Entsprechendes servieren. Da mir Eure Speisegewohnheiten unbekannt sind, servierte ich Euch Blutwein der reinsten Güte.


    Da wir zusammen flüssig gespeist haben und Ihr in meinem Gemach seid... ich bin Nicodemus... oder kurz Nico.

    Erzähle mir, was Du genau mit der Blutmagie bezweckst. Und eines vorab, Du kannst sehr wohl mit Blutmagie Personen schaden, einzig und allein ob Du es willst oder nicht steht dem entgegen. Nicht die Magie oder deren Möglichkeiten selbst Ciel.


    Aber ich greife ungerne vorweg, ich möchte von Dir hören weshalb Du hier bist, an einem Bündnis mit Dir wäre ich durchaus interessiert. Die Frage ist nur, wie können wir uns gegenseitig nützen und beistehen. Aber eines nach dem anderen. Du hast das Wort, bitte", sagte Nico freundlich.