Kapitel 38 - Der Nächste bitte

  • Der Nächste bitte


    Alexandre und Ciel hatten das Gemach von Nicodemus verlassen. Sie hatten ausführlich miteinander gesprochen und sich kennengelernt. Das erste Gespräch verlief sehr gut und Nicodemus hatte sogar einen Schüler erwählt, etwas womit er nicht gerechnet hatte. Aber Alex hatte sich als würdig erwiesen. Sein erster Gedanke galt dem Schaffen, statt dem Zerstören. Er war ein umsichtiger und einfacher Mann. Sein Wunsch war so schlicht und tief, wie ein Wunsch nur sein konnte - ein eigenes Kind, eine Familie. Jemandem dem er all seine Liebe und sein Wissen schenken konnte. Er dachte bei der Anwendung der mächtigsten Magie nicht an fallenden Feinde, Staaten und Nationen, sondern er dachte an das mögliche Leben das er schaffen konnte. Er hatte verstanden...

    Nicodemus freute sich darauf diesen Mann zu unterrichten.


    Nun waren die nächsten an der Reihe, die mit ihm sprechen wollten. Jeder sollte seine Chance auf ein ruhiges Erstgespräch haben. Am Abend würden sie sich alle zusammenfinden um gemeinsam zu sprechen und zu speisen. So war es Brauch, wenn man Gäste hatte. Da er selbst Hunger verspürte übermittelte er Atar, dass er als nächsten den Vampir nach oben schicken sollte. Der kleine Anstandstrunk zur Begrüßung hatte seinen Hunger nicht gestillt, im Gegenteil er hatte ihn erst angefacht.


    Atar trat an Hector und Vendelin heran und nickte ihnen knapp zu.

    "Der Meister wünscht Euch als Nächste zu sprechen. Folgt mir", sagte er Frostalb in einem Ton, der fast einem Befehl gleich kam.


    Atar deutete auf das Becken, dass darauf hin dunkelrot zu leuchten begann.

    "Es ist aktiviert, der Meister erwartet Euch. Steig hinauf, die Magie wird Euch nach oben transportieren", erklärte er tonlos.


    Hector irgnorierte das seltsame Verhalten von dem Alben, stieg in das Becken und zog Vendelin schützend zu sich heran. Einen Augenblick später stiegen sie genauso empor, wie zuvor Prince Ciel und Marquis Alexandre. Sie schwebten höher und höher und passierten dann ebenfalls die magische Pforte. Einen Augenblick später standen sie im Gemach von Nicodemus. Der Vampir hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht, sein Haustier witterte neugierig in ihre Richtung und seine langen Ohren glitten nach vorne.


    Hector schaute sich neugierig um, eine Mischung aus Gemach und Labor, scheinbar eine Vorliebe aller Hohenfelde. Jedenfalls bestätigte der Vergleich von Dunwolfs und Nicodemus Geschmack seine Vermutung. Möglicherweise war dies damals auf Asa Karane die übliche Einrichtungsart gewesen, kurzum sie standen in der Almanisch-Eiche-Rustikal-Wohnstube.


    Eine Horde von nackten Sklaven saß um das Sofa von Nicodemus herum, die Augen dieser Geschöpfe waren dunkel und leer... Gebrochene. Hector fühlte sich schlagartig heimisch. So hatten Sklaven auszusehen, die keine Ketten trugen. Aber er war nicht hier um seinen Sklavenbestand aufzustocken, sondern um das Schwert Schattenschlinger zu erwerben. Jene Waffe, die Dunwolf in die Knie zwingen konnte.


    Hector machte einige Schritte auf Nicodemus zu, blieb aber im gebührenden Abstand stehen. Immerhin war dieser Mann so etwas wie ein Ältester und seine vampirische Gabe fand in Nicodemus seinen Ursprung. Hector verneigte sich mit allem Respekt.


    "Ehrerbietige Grüße Nicodemus, erster aller Vampire. Ich erbitte Deine Hilfe", sagte er höflich.

  • Auch Vendelin verneigte sich. "Erzhexer Nicodemus von Hohenfelde, auch ich grüße Euch. Wir hatten noch nicht das Vergnügen, mein Name ist Timothèe Mauchelin."


    Ihm gefiel, was er sah. Es war neuartig und entsprechend interessant, vor allem aber war es konservierte Vergangenheit, Familienhistorie, die lebte. Hier war er im Prinzip an einem Ort, der dem, wie man zur Zeit der Magierkriege lebte, sehr nahe kam. Nur diese Fledermauskreatur vermochte er nicht zuzuordnen. Ein Vampir in Gestalt eines sogenannten Fledermausmonsters, der Zwischenform beider Gestalten?

  • "Mein Fehler, ich habe vergessen mich vorzustellen, Hector von Dornburg", schob Hector mit entschuldigendem Grinsen nach.


    Nicodemus setzte sich auf und machte eine einladende Geste.

    "Willkommen in meinem Gemach Thimothee und Hector, macht es Euch gemütlich. Euch scheint es hier zu gefallen, nur zu... schaut Euch um. Da wir der gleichen Familie und Sippe entstammen duzen wir uns. Zudem trägst Du meine Gabe Hector, lasst uns speisen. Die beiden Gäste vor Euch haben ihre Wünsche vorgetragen und ich habe einen Schüler erwählt. Etwas dass mich sehr freut. Mein gastlicher Willkommenstrunk hat meinen Appetit angeregt. Wähle Dir ein Mahl Hector, danach sprechen wir über Eure Wünsche und ich beantworte Eure Fragen", sagte Nicodemus freundlich.


    Der älteste Vampir ergriff einen der Sklaven an der Kehle, zog ihn auf das Sofa und biss herzhaft zu.

  • "Meine kleine Maskerade ist wohl aufgefallen", antwortete Vendelin mit einem herzlichen Gesichtsausdruck. "Vendelin von Wigberg ist mein Name."


    Er war jemand, der niemals rot wurde, wenn man ihn beim Lügen ertappte, denn zu lügen war schließlich nichts Schamvolles, sondern eine Kunst. Man verwob die Unwahrheit zu einer perfekten Illusion und daran zu werkeln, machte ihm Spaß. Allenfalls wurde er wütend, wenn eine Tarnung drohte, aufzufallen, doch nicht in diesem Umfeld, wo es sich doch um ein Familientreffen handelte.


    "Die Einrichtung ist ausgesprochen geschmackvoll, Nicodemus. Ist sie authentisch oder an moderne Bedürfnisse angeglichen?"


    Bei dem Biss in die Kehle des Sklaven ging ein Ruck der Erregung durch Vendelin, seine Hand griff hinüber zu der von Hector, um sie zu liebkosen, ehe er sie wieder freigab, damit sein Verlobter speisen konnte.

  • Nicodemus trank einen Moment weiter und schaute Vendelin über den Hals seines Opfers hinweg an. Dann löste er seinen Biss und schenkte seinem Gast ein blutiges Lächeln.


    "Deine Maskerade funktioniert bei mir nicht Vendelin, meine Nase hat mir gesagt dass Du zu unserer Sippe gehörst. Du kannst Dein Blut verleugnen, aber Deinen Geruch nicht vor mir verstecken. Deine Maskerade sitzt, Du solltest nur an eine vollumfängliche Tarnung denken. Du wandelst für Menschen auf einer Ebene Vendelin. Menschen erkennen einander an der Optik. Aber schon die Anhänger meines unsäglichen Bruder, sehen mit allen Sinnen. Sie erkennen Personen am Geruch und auch an ihrem Schritt. Jede Person läuft einzigartig und ebenso riecht sie unverwechselbar.


    Danke für das Kompliment, die Einrichtung ist authentisch nachgebildet Vendelin. Auf der Flucht war es uns nicht vergönnt Möbel und dergleichen mitzunehmen. Einige Dinge haben natürlich die Reise nach Asamura mit angetreten, Möbel gehörten nicht dazu. Unsere Lebensweise brachte ich in meiner Erinnerung mit. Wusstest Du, dass einer meiner Väter ein Wigberg war? Natürlich weißt Du es, sonst wärst Du kein Wigberg", antwortete Nico und beobachtete die beiden amüsiert.


    Hector streichelte die Finger seines Mannes, ehe er sich ebenfalls einen der Sklaven griff und zubiss. Genüsslich schloss er die Augen. Auf diese Art zu trinken war etwas ganz anderes, als Blut aus einem Glas zu schlürfen. Unbewusst biss er fester zu und ein Schauer von Wohlbehagen erfüllte ihn. Tekuro hatte es ihm einst gesagt, der Biss war der Genuss. Nur bis dato hatte Hector erst eine Person gebissen und sich an ihr gelabt. Damals im Wald, wo er dermaßen hungrig war, dass er auf nichts geachtet hatte, außer den abgrundartigen Hunger zu stillen.


    Aber hier in der ruhigen Atmosphäre war das Mahl ein entspannender Akt, so wie andere gemeinsam Kaffee tranken. Hector warf Vendelin einen liebevollen und gierigen Blick zu. Er trank noch eine geraume Zeit, ehe auch er von seiner Mahlzeit abließ.


    "Wir benötigen das Schwert Schattenschlinger Nicodemus. Das Schwert ist ein Artefakt, dass Dunwolf tatsächlich verletzen kann. Ich habe ihm abgeschworen. Mein Leben lang habe ich ihm treu gedient. Sogar bevor ich geboren wurde, war mein Schicksal bestimmt. Ein einziges Mal nur hätte ich seinen Beistand benötigt und er war nicht da. Falls er meint, dass ich ihn verraten habe, sollte er sich vor Augen führen wer hier wen verraten hat.


    Ich ihn sicher nicht. Aber es geht mir nicht um mich Nicodemus. Es geht mir darum, meinem Amt weiterhin zu folgen, aber nicht mehr auf Dunwolfs Geheiß. Der Zirkel muss von Dunwolf und der Baronin gereinigt werden, nur so kann er als tatsächliche Familie erstarken. Wir als Schlüsselmeister stehen unseren Schutzbefohlenen auch dann bei, wenn sie schwach sind. Dafür sind wir ihre Wächter. Aber nach Dunwolfs Lehre ist genau dass ein Tabu. Schwäche wird mit Verachtung bestraft.


    Aber zwischen permanenter Schwäche und einer schlechten Tagesform liegen doch wohl Welten. Ein Beispiel, mein Vater dient Dunwolf eine halbe Ewigkeit. Er ist ein fähiger und brutaler Beißer, er trägt den Namen Bestie nicht grundlos. Ein einziger Fehler, ein einziger Moment der Schwäche und dieser Mann soll fallen?


    Danach gehandelt Nicodemus würde jedes Nest binnen Minuten fallen. Eine Familie ist nur so stark wie ihr schwächstes Mitglied. Jeder von uns ist gefährlich und hat besondere Fähigkeiten. Man kann ein Leben nicht für eine Momentaufnahme wegwerfen. Wir sprechen ja hier nicht von Dauerversagern, die hätten keine Zähne.


    Es geht mir darum, unseren Kindern und unseren Anvertrauten das Nest zu schaffen, dass sie verdient haben. Ohne Dunwolf, ohne die Baronin und ohne die perversen Ekelbeißer die sich von Kotze und anderen undeffinierbaren Gräuldingen ernähren. Deshalb bitte ich Dich um Schattenschlinger. Falls Du ihn nicht besitzt, weißt Du möglicherweise wo das Schwert zu finden ist", erklärte Hector und stieß den toten Sklaven von seinem Schoß.

  • "Hm, dann werde ich meinen Körper künftig mit parfumierten Dufölen pflegen müssen, statt wie bisher mit geruchlosen. Dass dein Vater ein Wigberg war, wusste ich natürlich, deine präzise Wahrnehmung verdankst du seinem Erbe, genau wie den Hang, unterirdisch zu Hausen. Wigbergs lieben tiefe Keller, man sagt, das sei schon auf Asa Karane so gewesen. Sie sind praktisch und wohnlich, wenn die Belüftung gut geplant wurde. Was ist dies für ein Wesen an deiner Seite? Und von wo stammen diese Sklaven?"


    Seine Beine hatte er vornehm übereinander geschlagen, um seine Erregung zu verbergen. Zwar war er ein beherrschter Mensch, doch der Genuss von Menschenfleisch in Beißeratmosphäre hatte eine unwiderstehliche Wirkung auf ihn. Nachdem Hector wieder zur Verfügung stand, griff Vendelin erneut nach dessen kalter Hand, die er hielt.


    "Mein Verlobter hat Recht. Die Art und Weise, wie Dunwolf über die Hohenfeldes herrscht, ist nicht mit den Werten der Sippe vereinbar. Gegenseitiges Meucheln der Hohenfeldes untereinander wird als eine Form des Duells im gewissen Rahmen akzeptiert. Aber das Ausmaß ist schädigend und ist ein Angriff auf unsere Sicherheit. Es schwächt mehr, als dass es die Hohenfeldes stärkt und damit schwächt es alle drei Familien. Ich sehe keinen Sinn in einer solchen Selektion, die erfolgt von ganz allein durch das Leben selbst und durch gezielte Auswahl der Elternpartner."

  • "Hunger Vendelin? Du kannst Dir gerne das Mahl mit Hector teilen, ich leihe Dir einen Dolch, falls nötig. Zur Deiner Frage nach Duftölen. Du kannst entweder mit einem schweren Duft Deinen eigenen überdecken, oder Du nutzt bestimmte Öle, die jeglichen Eigengeruch überdecken. Beides ist möglich, ich würde Letzteres wählen. Allerdings sei Dir eines gesagt, wenn Du nach gar nichts riechst, fällst Du genauso auf als würdest Du wie ein toter Iltis stinken. Die meisten wissen nicht was es ist, aber sie spüren, dass Dir etwas Signifikantes fehlt. Sie nehmen also Deine Geruchsunsichtbarkeit unbewusst wahr.


    Mein Vater war kein Geringerer als Ditzlin von Wigberg, dass ist korrekt. Ein Wigberg der von Hohenfelde gefürchtet wurde, unter anderem von Dunwolf. Ich gebe Euch beiden Recht, dass niemandem damit geholfen ist, wenn man seine eigene Familie auslöscht. In dieser Hinsicht denke ich genau wie Ditzlin. Natürlich soll man die Besten fördern und fordern, aber auch jene die niemals den Zenit ihrer Macht erreichen, sind eine Bereicherung für die Familie. Auch sie haben einen Platz verdient und können sich nützlich machen.


    Das uralte Beispiel, was nützen einem zwei gewaltige Magier, wenn jene Männer einer Armee von Stümpern gegenüberstehen? Bis dato würden sie als Essenzhexer noch siegen, aber nicht wenn sie sich gegeneinander wenden mitten in der Schlacht... weil der Moment so günstig war, den anderen loszuwerden. Dass ist das traurige Schicksal so mancher Hohenfelde. Sie verursachen es selbst, sie selektieren sich nicht nur auf Macht. Sie sägen auch den Macht-Ast ab auf dem sie sitzen.


    Ich kann Euren Wunsch nachvollziehen und ich empfinde für meinen Bruder Dunwolf nichts als Verachtung. Er tötete meine Väter und meine Brüder. Nicht das ich meinen Brüdern eine Träne nachweinen würde... sie waren Wandler auf dem dunklen Pfad. Ditzlin lief einen anderen, besseren Weg. Leider ist es ihm nicht gelungen Indutiomarus von dieser Route zu überzeugen. Ich denke es saß zu tief. Qual brennt sich leichter und schneller in die Seele ein so sagt man.


    Ob das stimmt, wage ich zu bezweifeln. Qual steht nur vor einem wie ein Monument, aber genau dieses niederzureißen will gelernt sein.


    Das sich Liebe ebenso in den Verstand fressen kann, wie Säure sehen wir an Horatio. Zwar behauptet er, den Weg der Hohenfelde abgewählt zu haben, aber dem ist nicht so. Er geht den Weg der Hohenfelde, er vernichtet seine Feinde vollständig, sobald er Gelegenheit dazu hat. Seine Ziele sind freilich ganz andere als jene von Dunwolf. Ausgerufen hat Horatio sie im Namen der Liebe. Er hat einst kennengelernt, was wahre Liebe ist. Horatio mag zwar die Finsternis mit dem Licht bekämpfen, aber ob einen die Finsternis verschlingt oder das Licht zu Asche verbrennt - der Vorgang ist der gleiche. Totale Vernichtung. Er ist ein Hohenfelde, gleich was er behauptet. Er wäre ein Schwarzfels, wenn er den Kampf aufgibt und in reiner Güte handelt.


    Da Du fragst, was dies hier für ein Wesen ist Vendelin, wir nannten sie Pantherfeldermäuse... Pendurbar in der alten Sprache. Es sind gute, brave, sehr verschmuste Haus- und Reittiere. Fasst ihn ruhig an, er ist extrem weich und flauschig. Und seine Zähne sind von vorzüglicher Schärfe.


    Oh da Du an altem Wissen interessiert bist Vendelin, Du liebst Wissen vermutlich so wie ich. Eine kleine Annekdote aus uralter Zeit. Kennst Du die Amarthar?


    Amarthar besaßen eine natürliche Begabung und Affinität für Magie, die sie von den anderen Völkern unterschied. Bei ihnen handelte es sich um eine albenartige Rasse der alten Welt, welche längst ausgestorben ist.Es war eine schlanke, blasse, hochgewachsene Rasse, die sich magisch besonders auf die Kriegsführung und die Künste der Zerstörung fokussiert hatte.

    Etwas das vor Ewigkeiten das Interesse der Hohenfeldes weckte.


    So manche Amarthar fand ihren Weg in die Linie und verstärkte somit mit ihrem Blut die Gabe. Optisch und magisch entsprachen sie dem, was einem Hohenfelde gefällt. Dieses alte Blut, dass vor Ewigkeiten Teil unseres alten Blutes wurde, schlägt manchmal noch durch. Bei meinem Vater Indutiomarus zum Beispiel. Er hatte Amarthar-Ohren, lang, dünn und spitz. Seine gesamte Gestalt war Hohenfelde-Amarthar....


    Ich bat bereits Prince Ciel um einen Eurer Begleiter. Der Prince hat keine Verfügungsgewalt über diesen Mann, ich vermute Ihr habt sie. Der Halb-Alb der Indutiomarus wie aus dem Gesicht geschnitten aussieht, ich möchte dass dieser Mann hier bleibt an meinem Hof.


    Das Schwert Schattenschlinger ist mehr als nur ein Schwert, es ist ein Artefakt. Geführt werden kann es nur von einem Stumpfen... also von Dir Vendelin...

    "Geführt werden kann das Schwert nur von jenem Mann, dem Magie nichts anhaben kann"

    Dir Vendelin. Das Schwert befindet sich hier... also nicht hier im Raum, sondern in meinem Reich", erklärte Nicodemus, der sichtlich die Unterhaltung genoss. Mit Vendelin und Hector konnte er sich austauschen, er war nicht die alleinige Wissensquelle in ihrem Gespräch.

  • "Ein Filetiermesser, eine Bratengabel, Essbesteck, ein Teller und zwei Tücher wären sehr freundlich", antwortete Vendelin. "Woher stammen diese köstlich anmutenden Sklaven? Die Amarthar sind in der Tat neues Wissen für mich. Lebten diese auf Caltharnae? Was du über Horatio berichtet, kommt mir bekannt vor, wenn man bedenkt, über wessen Land er seine Hand hält. Tragen die Souvagnes sein Erbe in sich?"


    Er streckte die Hand aus, die Handfläche nach oben gewandt, so dass die Pantherfledermaus schnuppern konnte, wenn sie wollte, ehe er ihren Hals berührte und die Fingerkuppen durch den dicken Pelz gleiten ließ.


    "Stammen wir Wigbergs allesamt von Harubold ab oder auch von seinen Brüdern? Gibt es weitere Seitenlinien, von denen wir bislang nichts wissen? Und wenn wir schon dabei sind, ist mir natürlich bewusst, dass man Wissen stets tauschen und nicht freimütig verschenken sollte. Welches Wissen wünschst du zum Tausch, hast du eine Frage an mich?"

  • Einer der Sklaven eilte sofort davon um die Wünsche von Vendelin zu erfüllen. Auf einem Tablett kredenzte er ihm das Filetiermesser, die Bratengabel, Essbesteck samt Teller und feine, weiche Tücher. Im Anschluss daran goss er seinem Gebieter umgehend Blutwein nach.


    Nicodemus schwenkte die schwere, rote Flüssigkeit im Glas und nippte daran.

    "Was kommt Dir bekannt vor, bezüglich Horatio? Nun ich kenne die Dynastie der Souvagnes nicht. Nur soviel, befindet sich eine Schwarzfels in ihren Reihen, dann tragen sie auch Horatios Erbe in sich. Alle heute Dir bekannten Personen die den Namen Schwarzfels oder Rochenoir tragen, stammen in Wahrheit von Horatio von Hohenfelde ab. Die Schwarzfels sind ausgestorben, die heutigen Schwarzfels sind Hohenfelde unter falschem Namen. Horatio hielt es so, damit diese Linie nicht aussterben sollte. Dennoch fließt in ihm kein Schwarzfelsblut, er war nur angeheiratet. Das heißt, sollte tatsächlich Horatios Erbe in den Adern der Souvagnes schlummern, wären sie Teil der Sippe. Sprich sie hätten Hohenfeldeblut in den Adern. Eine... köstliche Vorstellung... meine Väter hätten sie gemocht", lachte Nicodemus leise.


    "Die Amarthar lebten auf Caltharnae und waren eine sehr alte Rasse. Es gab nicht mehr viele von ihnen, sie hatten ihren Zenit überschritten. Zudem war ihre Lebensweise denen der Hohenfeldes sehr ähnlich. Macht und Stärke waren Ihr Kult, die Schwachen fielen den Starken zum Opfer. Ihre Anzahl war nie groß, aber zum Ende hin verschwindend gering.


    Du hast einen Beißer an Deiner Seite, ein Bindeglied zwischen Schatten und Zirkel... einige Beißer sind beides, Vampir und Zirkelmitglied. Du weißt, wie man an Mischlingskinder kommt Vendelin. Wie viele von Deinen Kindern sind Mischlinge Hector? Wie viele Sklavinnen trugen Deine Kinder aus? Ganz ähnlich hielten es die Altvorderen, sprich die Hohenfelde zu jener Zeit.


    Die Amarthar waren genauso zugänglich wie wir... eigenbrödlerisch und gefährlich...

    Letztendlich sind sie ausgestorben...

    Oder sollte sich sagen, der Rest wurde ausgerottet?


    Du weißt, Hohenfelde lieben keine Konkurrenz... sie haben sich die restlichen Amarthar die es noch gab, einverleibt... im Blut und im Magen. So war es schon immer Brauch. Ein guter Feind wurde geehrt, indem man seine Stärke anerkannte und ihn nach dem Sieg verspeiste.


    Zu Deiner Frage, ja es gibt Seitenzweige wenn Du die weiblichen Linien dazu zählst. Du hast sogar einen Verwandten bei Dir, Amias... seine Mutter ist eine Wigberg.


    Auch bei den Kaltenburgern gab es Vermischungen mit Wigbers und ebenso bei den Wolkenhaimern das war ihre "Triade" bis der Egoismus überhandnahm, der mit schwindenden Ressourcen wuchs. Wolkenhaim fiel als Erstes, dann Kaltenburg - die Wigbergs überlebten.


    Mit ihnen überlebte auch ein wenig Wolkenhaimblut und Kaltenburgblut. Das heißt auch in Irvings Adern fließt ein Teil Wigbergblut. Seine Mutter war allerdings Wolkenhaimerin, das waren Paradiesvögel und bei ihm schlug das bunte Erbe durch. Genau wie bei Amias, dem man aber deutlich die Wigberg-Mutter anmerkt.


    Berichte mir von Almanien, ich bin weit ab von diesen Landen. Erzähl mir von ihnen, erzähle mir von dem Kult der Bluthexer. Und berichte mir so viel wie möglich über Prince Ciel und dessen Familie", bat Nicodemus.

  • "Amias ist was?", ächzte Vendelin, der sich gerade eben noch über den gedeckten Tisch gefreut hatte.


    Schlagartig wurde ihm die Ähnlichkeit des Tänzers zu seinem Vater Wenzel bewusst, optisch wie charakterlich. Herrje, sein Vater war ein regelrechter Wolkenhaimer gewesen, wenn das stimmte. Wenn er diesen Faden weitersponn, war Amias brandgefährlich. Bislang hatte er ihn für einen einfachen Handlanger von Irving gehalten, insgeheim auch für dessen Lustknaben. Vermutlich war er aber dessen Dolch! War Alexandre in Lebensgefahr oder auf wen war er wirklich angesetzt worden? Dass Irving selbst mit ihm verwandt war, fand er hingegen angenehm, er war eine respektable Persönlichkeit. Und es erklärte, warum sie sich so gut verstanden.


    "Die Souvagnes sind, wie Horatio, bereit, für das Gute den Weg der Dunkelheit zu gehen. Teils offen, wie Prince Ciel, der Dunwolf seinen Körper als Gefäß zur Verfügung stellte, teils unbewusst, wie sein Vater, der sein eigen Fleisch und Blut richten wollte, anstatt zuzuhören. Für mich klingen sie wie Hohenfeldes, die nicht merken, dass sie welche sind. Und wüssten sie es, würden sie es vehement verleugnen und genau so weitermachen wie zuvor."


    Nach dem ersten Schock offnete Vendelin den Rücken des Sklaven und trennte sich einige Rückenmuskeln heraus. Er arrangierte sie optisch ansprechend auf dem Teller. Dann stopfte Vendelin sich eins der Tücher wie eine Serviette in den Kragen, legte die zweite auf den Schoß und begann, das blutleere Fleisch in hauchzarte Streifen zu schneiden, die man auch mit stumpfen Zähnen gut kauen konnte.


    "Almanien", sprach Vendelin, nachdem er ein paar Bissen gespeist hatte. "Darunter versteht man mehrere Länder, welche die selben Werte teilen. Heimatliebe, Stolz, Fleiß, Familiensinn, Traditionalismus, um nur einige zu nennen. Alle almanischen Länder werden zudem feudal regiert. Kulturell sind sie trotz ähnlicher Grundwerte recht verschieden. Während Souvagne defensiv orientiert ist und eine starke Luftflotte aufbaut, ist Ledwick eine alte Piratennation und neigt zu Angriffen auf dem Seeweg. Naridien, das ehemalige Ghena, hingegen führte seine Kriege seit jeher am liebsten auf wirtschaftlicher Ebene. Bis sie die Demokratie erfanden und sich vom restlichen Almanien abspalteten. Ich könnte sehr lange erzählen. Möchtest du noch etwas bestimmtes wissen?


    Über die Bluthexer weiß ich beschämend wenig, ich kann nur sagen, dass es Fanatiker sind, Sonderlinge, die sich gern selbst geißeln. In ihrem Umfeld stoßen sie auf wenig Verständnis, selbst in der eigenen Familie. Auch ich verstehe nur bedingt, wozu das alles gut sein soll, was sie so tun. Allerdings scheinen sie eine extreme magische Macht über Vampire und Ghule sowie Besessene zu haben.


    Prince Ciel wird wegen seiner Zierlichkeit auch gern der Kleine Prince genannt. Er ist ein Gerechtigkeits...freund mit schwer vorhersehbaren Methoden. Obwohl er Bluthexer ist, scheint er sowohl Vampire als auch Beißer gern um sich zu scharen."

  • Nicodemus quittierte Vendelins Gesichtsentgleisung mit einem breiten Grinsen.


    "Amias ist mit uns verwandt, so wie ein buntes Rasiermesser mit einem schwarzen Dolch. Beides ist tödlich Vendelin und glaube mir, in der alten Welt haben mehr Rasiermesser einen Mann geholt, als der Dolch aus der Finsternis. Denn das Rasiermesser ist immer da, bekannt, vertraut und jeden Morgen ohne Argwohn an Deiner Kehle. Wer misstraut dem Rasiermesser? Und genau darin liegt seine Macht.


    Die Bluthexer haben mehr mit den Vampiren gemeinsam, als ihnen bis dato bewusst gewesen ist. Ab heute ist das vermutlich anders. Zudem gehe ich davon aus, dass Prince Ciel stets die besondere Verbindung der Herkunft ihrer Magie spürte. Wobei alle Magie auf der Essenzmagie fusst. Aber das zu erläutern ist für Nicht-Magier so interessant wie Farbe beim Trocknen zuzuschauen.


    Interessant was Du über Prince Ciels Familie erzählst, ich halte es für durchaus möglich, dass es das Blute der Hohenfeldes über den Namen Schwarzfels in ihre Adern geschafft hat. Die Beschreibung klingt sehr nach Hohenfelde-Gedankengut die in eine andere Richtung gehen... genau in jene die Du vorgeschlagen hast... Horatios Gedanken.


    Falls es kein Blut ist, könnte es Lehre sein... über all die Jahre hinweg, auf die gleiche Handlungsweise geeicht. Sprich er gibt seine Sicht auf die Welt weiter. Eine weise, aber dennoch sehr einseitige und einsame Sicht. Er steht für sich allein, er muss das bewahren, was von den Trümmern übrig geblieben ist. Jede Person außerhalb seiner Mauern ist ein potentieller Feind, den es zu erschlagen gilt.


    Also entweder teilen sie das Blut, die Gedanken oder da haben sich zwei gefunden, die besser nicht zusammen passen könnten. Auch das gibt es.


    Naridien, das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ein Land in dem Geld alles ermöglicht, ein Land in dem alles käuflich ist. So wird es beschrieben. Almanien in seiner Gesamtheit wäre eine ernst zu nehmende Macht, ich denke Naridien wird daran keine Freude haben. Es sei denn es lenkt ein oder sie akzeptieren sich als gleich starke Mächte. So wie es die meisten Ältesten handhaben, lass mich in Ruhe dann lasse ich Dich in Ruhe. Offiziell. Inoffiziell schaut jeder, dass er die Nase ein Stück weiter vorne hat als die anderen.


    Oh, ehe ich es vergesse, ich habe etwas das aus Asa Karane stammt und lebt. Eine besondere Taudisschwinge... man nannte sie Dornenschwinge. Einst stammten die Taudisschwingen von besonderen Tieflingen ab. Düsterlinge und Tieflinge waren unserer Familie schon immer lieb. Diese Tieflinge wurden auf Größe und Kraft gezüchtet, damit sie der Familie als Reittier dienen konnten. Noch heute findest Du unter Tieflingen große Exemplare, ein Erbe dessen was wir mitgebracht haben. Über die Tieflinge kamen wir zu den Taudisschwingen, diese nochmal verfeinert auf Kraft und Reitfähigkeit entstand die Dornenschwinge. Ich besitze eine und zwar die meines Vaters. Ein wundervolles Geschöpf, wenn Du möchtest, zeige ich sie Dir nachher mal", bot Nicodemus an.

  • "Du hast Recht, was du über die Rasiermesser sagst ... das Auftreten von Amias ist mir schlichtweg peinlich. Es ist das Gegenteil von dem, was ich als 'guten Stil' bezeichne. Zum Glück ist er ein Eunuch."


    Vendelin fuhr fort zu speisen, während Nicodemus Zeit hatte, ausführlich seine Sicht darzulegen. Beim Essen sprach es sich immer noch am besten.


    "Es müsste sich doch über das Archiv im Melderegister herausfinden lassen, ob der Name Schwarzfels im Stammbaum von Souvagne auftaucht. Welche Gemeinsamkeiten von Vampiren und Bluthexern meinst du genau? Und natürlich möchte ich die Taudisschwinge sehen. Ist diese Pantherfledermaus ein Tier oder eine Person?"

  • "Das Familienbuch der Souvagnes wird nur ihnen zur Verfügung stehen, aber ich werde Prince Ciel einmal höflich fragen, ob ihm derartiges bekannt ist. Die Pantherfledermaus ist ein Tier, genau wie es die Bärenhunde sind die von Asa Karane stammen. Gewaltige Hunde von der Größe von Bären... drum Bärenhunde. Sie dienten ebenso als Reit- wie als Haustiere.


    Amias ist ein Eunuch, wie kommst Du darauf? Beim Tanzen habe ich eindeutig seine prallen Eier schwingen sehen. Er war vielleicht mal einer... nun ist er keiner mehr.


    Blutmagie... Bluthexer wenden Essenzmagie über die blutige Variante, also Blutmagie an. Einen geringen Teil dieser Magie zwar, aber sie haben sie wieder entdeckt", erklärte Nicodemus freundlich und ließ sich erneut Blut nachschenken.


    Eine unbestimmte Handgeste und einer der Sklaven eilte davon. Es dauerte eine geraume Weile, dann hörten sie die Schritte des Sklaven und einer anderen Kreatur. Hector warf Ven einen warnenden Blick zu. Der Sklave kehrte zurück und hatte etwas im Schlepptau... etwas das Vendelin noch nie auf Asamura gesehen hatte. Ein Geschöpf dessen Tieflingursprung man kaum noch erkennen, sondern ehr nur vermuten konnte.


    Dornenschwinge

    Link:

    https://i.imgur.com/htwxMr3.png


    Das Geschöpf war groß, einem Drachenhuhn gleich, sah aber völlig fremdartig aus. Ein Zähnestarrendes Maul und die namensgebenden Dornen zeichneten es aus.


    "Das ist Flarinar, die Dornenschwinge von Indutiomarus von Hohenfelde, die Schwinge des Erzhexers", erklärte Nico stolz.

  • Vendelin blieb der Bissen im Hals stecken, als Nicodemus von Amias´ scheinbar offensichtlicher Männlichkeit sprach. Er selbst hatte beim Tanz angewidert von der Obszönität beiseitegeschaut, so war ihm dieses wichtige Detail entgangen. Hatte Irving ihn also belogen? Oder hatte irgendjemand dem Burschen mit alter Magie geholfen? Keine moderne Magieform war imstande, abgetrennte Körperteile nachwachsen zu lassen. Vendelin würde nachforschen, sobald er mit Irving unter vier Augen war.


    Er spülte den steckengebliebenen Bissen mit einem Schluck Blut herunter, den er sich von einem Sklaven einschenken ließ und beobachtete nun, wie die Dornenschwinge hineingeführt wurde. So alt wie die Zeit selbst, so alt wie Indutiomarus, so alt wie Nicodemus.


    "Das Reittier deines ehrwürdigen Vaters. Imposant. Es haben mehr Dinge aus Asa Karane die Zeit überdauert, als man glaubt. Willkommen in der Gegenwart, Flarinar."


    Er war gespannt, ob das Geschöpf antworten würde. Für Vendelin und Hector hingegen war es eine Reise in die Vergangenheit. Vendelin war gespannt, was sich noch alles offenbaren würde, wenn Nicodemus den Schleier der Zeit lüftete. Und wie weit er gewillt war, ihn zu heben.

  • Flarinar schaute Vendelin an, als dieser seinen Namen aussprach. Dabei legte das große Wesen seinen Kopf leicht schief. Die Geste erinnerte an einen treuen Hund, der seinem Herrn zuhörte. Die Dornenschwinge trabte zu Nicodemus herüber und machte es sich neben dem großen Sofa gemütlich.


    "Er verstand nur seinen Namen, er sprich kein Asameisch. Impostant ist er und ebenso zuverlässig. Ein Wesen aus einer längst vergangenen Zeit, wie Du schon richtig sagst. Ebenso eine Erinnerung daraus Vendelin. Mit Flarinar blieb auch ein Stück von Indutiomarus erhalten. Etwas das er selbst noch berührte, etwas das ihm wichtig war. Nun ich selbst bin ein wahrer Teil von ihm, genau wie von Ditzlin. Trotzdem sind solche Erinnerungsstücke wichtig.


    Aus Asa Karane haben einige Dinge die Zeit überdauert. Manches ist Dir bekannt, anderes wird Dir völlig fremd sein. Dein Gefährte Hector hingegen wird ebenfalls Kenntnis von Artefakten aus Asa Karane haben. Er ist ein Schlüsselmeister, er verwahrt sie. Beziehungsweise er war ein Schlüsselmeister.


    Die Unterhaltung mit Alexandre und Ciel, ist genauso unterhaltsam wie mit Euch. Informationsaustausch von beiden Seiten, ein Wigberg weiß das zu würdigen. Allerdings würde ich auch zu würdigen wissen, wenn man mir sagt, wer der junge Mann ist der Indutiomarus derart ähnlich sieht. Ich fragte zwei oder sogar dreimal nach und werde ignoriert", warf Nicodemus ein.

    "Darüber beschwerte sich Prince Ciel ebenso, der nicht vorhandene Informationsfluss trat beinahe einen Vater-Sohn-Krieg los. Ich werde Dir Deine Frage beantworten. Der junge Mann der Indutiomarus ähnlich sieht, heißt Justinian von Dornburg. Justinian ist mein Sohn und ein Schlüsselmeister von Dunwolf. Er ist noch ein Schlüsselmeister Nicodemus. Du kannst ihn nicht behalten, weder wird er sich Dir anschließen, noch kann ich ihn als Vater hier einfach zurücklassen", antwortete Hector freundlich. Er wollte Nicodemus nicht verprellen, aber die Wahrheit über die Herkunft von Justinian musste ausgesprochen werden.


    Nicodemus hörte aufmerksam zu und nippte dabei an seinen Blutwein, ehe er freundlich lächelte.


    "Er war ein Schlüsselmeister von Dunwolf Hector, irgendwer hat ihn komplett geläutert und die Wandlung von ihm genommen. Ganz so, als wäre die Weihe nie geschehen. Justinian wohnt keine Artefaktmagie mehr inne. Er stand als der Mann vor meinem Thron, der er ist - er selbst.


    Du kannst meine Worte jederzeit überprüfen, er wird keine Zeichnung mehr aufweisen, alles was zurückblieb, sind die Narben auf seiner Seele und eine große Verunsicherung. Ich hatte nicht vor ihm ein Leid zuzufügen, in seinen Adern fließt ebenso Hohenfeldeblut, genau wie in Deinen. Ich rieche es und es freut mich, zwei derart mächtige Personen von Dunwolf befreit zu wissen.


    Und erneut Stichwort Wissen... Schattenschlinger werde ich Euch aushändigen, für das Wissen was mit Dunwolf geschah. Zudem erwarte ich, dass Ihr Eure Pläne beweist. Untermauert sie schlichtweg damit, dass Ihr mir Informationen preisgebt, mit denen ich Dunwolf schaden könnte. Du möchtest Dunwolf besiegen Hector, dann schadet ein Verbündeter nicht, der ebenso einschreiten könnte. Beweise mir Deine Absichten und rede.


    Justinian ist mein Gast, ich möchte ihn persönlich kennenlernen um festzustellen, inwieweit er Indutiomarus wirklich ähnelt. Rein optisch, oder ist dort mehr? Falls er bleiben möchte, sehr gerne. Falls er mein Angebot ablehnt, werde ich ihn ziehen lassen. Mein Wort drauf", versprach Nicodemus.

    "Justinian war Schlüsselmeister? Wer beim Abgrund sollte ihn ge... oh... verstehe", sagte Hector tonlos und trank den Rest des Blutes auf Ex herunter.


    "Was schockiert Dich an diesem Gedanken?", hakte Nicodemus nach und beugte sich nach vorne.

    "Mich schockiert, dass er in derartiger Gefahr gewesen ist. Was ihm sein Amt bedeutet, weiß ich. Er war nicht minder fanatisch wie ich. Ob ich mich abwende ist das eine, aber er wurde zwangsabgenabelt. Das Ergebnis freut mich, er ist frei. Es hätte aber auch anders ausgehen können. Du weißt was in einer Weihe nötig ist nicht wahr? Du weißt auch wer die Weihe mitvollzieht. Also kannst Du Dir denken, was ich tat damit er geweiht wird", erklärte Hector und hielt dem Sklaven sein Glas hin, damit dieser es erneut füllte. Der Sklave kam dem Wunsch umgehend nach.


    "Selbstverständlich weiß ich das. Ein ewiger Kreislauf in unserer Familie, die Starken dominieren die Schwachen über Schmerz und Leid. Und sie verlangen es von ihren Untertanen ebenso. Dunwolf knechtete Dich mit der erzwungenen Tat und er knechtete Deinen Sohn mit dem Wissen, wozu er Dich bringen kann. Er bestimmt die Regeln, niemand sonst.


    Wer Justinian befreite liegt auf der Hand... Horatio.


    Seht es als einmalige Chance Hector. Meinem Vater stand er einst ebenso bei. Indutiomarus war geknecht von seinem eigenen Vater, misshandelt, geschunden, ein Essenzbeutel der schnell und effektiv lieferte. Fast wie eine Legehenne, auf die stets Verlass war. Als Kind lebte er in Ketten, auf seinen Geist wurde öfter zugegriffen als er zählen konnte. Du verstehst das Ausmaß der Qual? Die Schwachen unter uns, jene die ihrer Familie zum Opfer fallen, verlieren das Anrecht auf ihre Körper. Sie werden benutzt, fast so wie erbeutete Sklaven. Mein Vater hingegen hatte weder ein Anrecht auf seinen Körper, noch auf seinen Geist.


    Irgendwann war er alt und fähig genug, um eine potentielle Gefahrenquelle zu sein. Also sollte er fallen. In diesem Moment erbat Indutiomarus die Hilfe von Horatio. Die Hilfe wurde ihm gewährt, er überreichte ihm den Dolch des Lichten, so das Indu seinen Vater Krotorius niederstrecken konnte. Damit wurde mein Vater Indutiomarus zum Erzhexer des Hauses Hohenfelde.


    Indu war kein bösartiger oder egomanischer Mann, er war ein Verlorener der sich Frieden wünschte. Frieden in einer Welt die aus Magie, Stahl und Krieg bestand. Frieden konnte man auf Asa Karane nur auf eine Art erreichen - Befriedung. Und das war sein Ziel, alles und jeden auslöschen der diesem Wunsch im Wege stand.


    Sein Ziel hat mein Vater nie erreicht, Dunwolf tötete ihn und Ditzlin.

    Warum hat stand Horatio Indu nicht erneut bei?

    Das wäre eine berechtigte Frage.


    Die Antwort darauf ist mir bekannt. Horatio stand Indutiomarus kein zweites Mal bei, weil er in die Fußstapfen von Krotorius getreten war. Er führte seine Familie ebenso mit eiserner Hand. Indu selektierte seine Söhne genauso skurpellos aus, wie Krotorius es getan hatte. Er folterte sie nicht, aber waren sie schwach und im passenden Alter mussten sie gehen. Ob Indu das wirklich wollte? Ich bezweifele es stark, aber es war der Weg den er kannte.


    Und dennoch zeugte er mich mit Ditz in Liebe und zog mich ebenso auf.

    Er hätte den Unterschied machen können Hector, er kannte einen anderen Weg und er wählte ihn für mich. Hätte er ihn nur für all seine Kinder gewählt. Und genau dass veranlasste Horatio dazu, Indutiomarus kein zweites Mal beizustehen. Indu war das geworden, was er einst mit Krotorius selbst bekämpfte.


    Horatio hat Dunwolfs Zugriff aus Justinians Fleisch und Seele gebrannt. Er hat ihn geläutert... gereinigt, er hat ihm eine zweite Chance gegeben. Sollte Justinian es wünschen, werde ich ihm eine Chance auf die Ewigkeit gewähren. Du gehörst zu den Schatten Hector, Du trägst meine Gabe in Dir. Justinian würde die Gabe von mir persönlich erhalten, ich hoffe Du weißt, was das bedeutet... damit wäre er ein Urvampir... und äußerst mächtig. Ich unterbreite ihm dieses Geschenk als Zeichen meines Wohlwollen, richte ihm das aus", sagte Nico, sein Ton machte eindeutig dass dies als verlockendes Angebot zu verstehen war.

    "Ich Danke Dir für das überaus großzügige Angebot, aber Justinian muss das selbst entscheiden. Ob er hierbleiben und ein Vampir werden möchte, darüber entscheide ich nicht. Ich werde ihm Dein Angebot ausrichten und mit ihm darüber sprechen.


    Was die verfänglichen Informationen bezüglich Dunwolf angeht, eine Information die alles sagt - er ist allein.

    Dun-Haru-Mar sind Geschichte. Kein geringerer als Prince Ciel hat dafür gesorgt, dass Dunwolf dazu gezwungen war, seine beiden Gefährten zu verschlingen um zu überleben. Der gleiche Prince verbündete sich mit Dunwolf, um Horatio Einhalt zu gebieten, da er ihn für einen Angreifer hielt. Jemand der seinem Vaterland schadet und seine Landsleute verzehrt.


    Wir Schlüsselmeister sind miteinander verbunden. Jeder von uns bewacht bestimmte Artefakte und ist der Meister eines Nestes. Alle sieben Schlüsselmeister gemeinsam bilden den Konsenz und können damit die Hauptkammer öffnen in der sich das Phylakterium von Dun-Haru-Mar befindet. Ebenso befindet sich dort auch der Anker, der Bindungsgegenstand. Zwar wird er nicht mehr benötigt, aber ich denke Dunwolf hat ihn aus sentimentalen Gründen aufgehoben.


    Da zur Zeit nur noch fünf Schlüsselmeister aktiv sind, ist die Bildung des Konsenz unmöglich. Das heißt, Dunwolf hat keinen Zugriff auf sein Phylakterium. Falls er nicht einen anderen Weg hat, um alleine darauf zugreifen zu können. Er gibt uns nur jene Informationen, die wir für unser Amt benötigen. Auch wenn diese Informationen weit das Wissen anderer übersteigt, es ist dennoch einseitig.


    Prince Ciel forderte gemeinsam mit Dunwolf Horatio heraus. Nach dem Kampf ist Dunwolf verschwunden, ich vermute er leckt seine Wunden. Kurzum er ist angeschlagen", antwortete Hector.


    "Gute Informationen, ein guter Anfang. Unterbreite Deinem Sohn das Angebot, ich werde es ihm ebenso selbst unterbreiten. Falls Du Sorge hast, er wäre allein vor Ort... Alexandre bleibt ebenfalls hier als mein Schüler", warf Nico ein.

    "Ich verstehe, was Dich drängt Nico, dennoch kann ich Dir nichts anderes sagen. Allerdings habe ich eine Frage... Moment", bat Hector, zückte den Opak und schaute drauf. Das Blut von Kakko war in unmittelbarer Nähe?


    "Zwei Fragen... ist Valimar Atar ist der Name von Kirimars Vater. Ist jener Frostalb der Vater meines Begleiters? Ferner sagt mir mein Opak, dass das Blut meines Ziehsohnes hier in unmittelbarer Nähe ist.Karasu Korikara ist der Name von Kakkos leiblichem Vater und laut Opak ist er hier in der Nähe", sagte Hector. Gespannt wartete er die Antwort von Nicodemus ab.


    "Wie es scheint haben meine beiden ersten Hände heute Besuch von ihren Söhnen erhalten. Ja Valimar ist der Vater von Kirimar, ebenso ist Karasu der Sohn von Kakko. Beide befinden sich in meiner Festung... sie sind hier, sie können einander kennenlernen", antwortete Nicodemus ruhig und schenkte seinen beiden Gästen ein Lächeln.