Kapitel 39 - Der Frostalb und die Krähe aus dem Eis

  • Der Frostalb und die Krähe aus dem Eis

    Zwei weitere Gäste betraten den Raum. Bei dem Größeren der beiden handelte es sich um Valimar Atar, einen Frostalb aus dem Gefolge von Nicodemus. Der Kleinere von beiden war ein Arashi und jedes Stück seiner Kleidung verriet dies. Der kurze Mantel, den er ohne Gürtel trug, war voller Schnee, die Ränder gefroren. Offenbar kam er gerade von draußen. Sein pilzhutartiger Eisenhut mit den zwei spitzen Ohren war von einer Schicht Raureif überzogen. Auf dem Rücken trug er ein sehr großes Schwert, es musste deutlich länger sein als sein Besitzer und es ruhte in einer Pelzscheide. Da der Gast zierlich gebaut war, war anzunehmen, das es aus einem sehr leichten Material bestand.


    Karasu Korikara (rechts)


    Karasu verneigte sich vor Nicodemus, ehe sein Blick auf die Gäste fiel. Zwei Milchgesichter aus dem Süden, Naridier oder Almanen offensichtlich, vermutlich einer aus jedem Land, wenn er die Kleidung richtig einschätzte. Mit zwei Fingern tippte er die Kante seines Huts an, ohne diesen schon abzunehmen. Augenscheinlich befanden die beiden sich im Gespräch mit Nicodemus und er wollte nicht weiter stören. Beim Anblick der brav auf ihre Verspeisung wartenden Sklaven bekam er Hunger und ließ seinen Blick über die nackten Körper streifen.


    "Teilen wir uns einen?", fragte er Valimar.

  • Valimar schaute ebenfalls abwartend, er hatte die beiden Naridier samt der restlichen Gruppe schon kennengelernt. Über das Angebot von Karasu freute sich der Frostalb und nickte dementsprechend.


    "Gerne", antwortete er seinem Kollegen.

    "Ihr beiden habt heute besonderen Besuch, Karasu und Valimar. Eure Söhne sind in der Gruppe anwesen. Deiner heißt Kakko und ist der Ziehsohn von Hector", erklärte Nicodemus und deutete auf Hector von Dornburg.

    "Dein Sohn ist Kirimar Tanba, vermutlich wirst Du ihn bereits erkannt haben Valimar", sagte Nico.


    "Grüße Karasu", sagte Hector und taxierte den Mann von oben bis unten.

    "Dein Sohn Kakko trat den langen Weg von Obenza nach Arashima an, um Dich zu finden. Kirimar wird es ebenso ergangen sein, denn grundlos ist er uns nicht gefolgt. Ihr solltet von Angesicht zu Angesicht sprechen. Ist das möglich?", bat Hec.


    "Es ist möglich", antwortete Nicodemus und beauftragte einen seiner Handlanger damit, Kakko, Kirimar und Justinian nach oben zu schicken.

  • Karasu verging schlagartig der Hunger. Er nahm seinen Hut, seinen Mantel und sein Schwert ab. Alles legte er langsam und ordentlich hin, um Zeit zu gewinnen, seine Gefühle setzen zu lassen. Auf seinem Gesicht konnte jeder ablesen, wie es ihm gerade erging: Angst, Freude und Trauer bildeten einen Cocktail, der nur schwer herunterzukämpfen war.


    Karasu ohne Hut und ohne Mantel


    Seine Haartracht war etwas eigen. Hinterkopf und Seiten waren kurzgeschoren, lediglich oben trug er ein längeres Oval. Vorn bildete das Haar ein voluminöses Büschel über der Stirn, am Hinterkopf formte der Rest einen kurzen, wuscheligen Zopf. Seine hellen Augen ließen erahnen, dass einer seiner Vorfahren nicht aus diesen Landen stammte, auch wenn er ansonsten wie ein Arashi wirkte.


    "Mein Sohn hat den Weg nach Hause gefunden?"


    Alle weiteren Fragen blieben ihm im Hals stecken. Etwas hilflos schaute er zu Valimar herüber, in dem das Gleiche vorgehen musste, wie in ihm. Dann blickte er den Mann an, der seinen Sohn großgezogen hatte.


    "Ihr seid nicht der Mann, mit dem Tomomi das Land verließ. Ich ahnte, dass sie ein Kind unter dem Herzen trug, auch wenn es noch sehr früh war. Manche Dinge sind gewiss, auch wenn man sie nicht sieht. Ich danke Euch, dass Ihr Euch um unser Kind gekümmert habt. Ich stehe in Eurer Schuld. War er Euch ein guter Sohn? Und welchen Namen habt Ihr ihm gegeben?"

  • "Er ist mir immer noch ein ausgezeichneter Sohn, er wurde mir an einem ganz besonderen Tag überreicht. Eine Dienerin hatte ihn auf dem Heimweg gekauft. Vermutlich jener Mann der mit Tomomi das Land verließ. Kakko hieß immer Kakko, das ist sein Name. Er nahm den Platz meines Erstgeborenen ein, den ich verloren habe. Er ist all das was ein guter Sohn sein sollte, Sohn, Freund und Vertrauter. Du wirst keinen Grund zur Klage haben, er ist hier da er seine Wurzeln sucht. Also zeig ihm, dass seine Suche keine Enttäuschung ist", antwortete Hector.


    "Kirimar hat keinen Grund nach mir zu suchen. Möglicherweise ist es reine Neugier, wie Du schon erwähnst, die Suche nach den eigenen Wurzeln. Was er sich davon verspricht, wird sich zeigen. Zwischen der Verbindung von seiner Mutter und mir steckt nichts weiter als die Lust einer Nacht auf einer Seite - meiner. Aber ich höre mir an, was er zu sagen hat", warf Valimar ein. Seine Haltung war allerdings nicht annähernd so abweisend wie seine Worte.


    Einen Augenblick später traten drei Männer aus dem Transportbrunnen, Kakko, Kirimar und Justinian.


    "Willkommen in meinem Gemach. Kakko, dies dort ist Dein Vater Karasu. Du Kirimar hast Deinen Vater bereits in den Tunneln gesehen - Valimar. Und Du Justinian bist hier, da ich mir Deine Gesellschaft wünschte. Zeige Deinem Vater, dass Dich Horatio geläutert hat. Zeige ihm, dass Dir die Tätowierungen fehlen", forderte Nicodemus den jungen Mann auf.


    Was er von der Bitte hielt, war klar bei dem Gesicht das Jus zog. Hector stand auf, zerrte ihm einen Ärmel hoch und schaute auf den Arm seines Sohnes. Er war frei von jeder Tätowierung.


    "Es geschah im Tempel des Lichts, ich kann es...", setzte Justinian an, wurde aber unterbrochen indem ihn Hector einfach felsenfest an sich drückte.


    Hector setzte sich gemeinsam mit Justinian auf das Besuchersofa, allerdings so, dass er neben Vendelin saß. Er rutschte ganz nah zu seinem Mann auf und deutete Kakko und Kirimar an, etwas zu sagen. Sie standen vor ihren Vätern, so wie sie es sich gewünscht hatten.

  • Drei Väter fanden sich nun einem Raum, einer davon war sein eigener. In diesem Moment hatte Kakko keine Augen für das Drumherum, nicht einmal mehr für Hector, der ihn großgezogen hatte. Der kleine Arashi sah nur noch seinen Vater. Er war noch kleiner als er selbst, aber seine Haltung zeigte, dass er durchtrainiert sein musste unter seinem kurzen, schwarz-roten Mantel, der wie ein Kegel um seinen Körper hing.


    "Karasu?", fragte Kakko scheu, obwohl er die Antwort kannte. Der Mann sah ihm nicht sonderlich ähnlich, von der Körpergröße und den Proportionen abgesehen, doch so, wie er ihn ansah, musste er es sein. Kakko spürte einen dicken Kloß im Hals. Ein beträchtlicher Teil von ihm war ein kleiner Junge geblieben, der seinen leiblichen Vater zurückhaben wollte. Nun stand dieser Vater vor ihm und reagierte genau so schüchtern wie er selbst.

  • Karasu nickte. "Ja. Ich bin es, Kakko."


    Wer mochte seinen Sohn nur Kuckuck genannt haben? Der Name war wundervoll. Und der Junge sah aus wie Tomomi! Das gleiche wunderschöne Gesicht. Kakko war wahrlich der Sohn seiner Mutter, aber er war auch der Sohn von ihm. Auf wessen Seite er wohl stand? Wie stand er zu den Arashirebellen und der frostalbischen Invasion? Wie zu Karasu, wenn er erfuhr, dass sein Vater ein Kollaborateur war? Endlich wagte Karasu es, an ihn heranzugehen. Vorsichtig strich er ihm über das Haar, woraufhin Kakko sich der Hand leicht entgegendrückte und blinzelte. Seine Mundwinkel zuckten. Dann flüchtete er zu Hector und versteckte sich.


    Fast gleichzeitig spürte Karasu die selbe scheu und zuckte zusammen. Vielleicht war das Zucken auch der Auslöser gewesen? Er nahm sich ein Glas und ließ sich nieder. Seine Hand kribbelte. Er blickte zu seinem Kameraden und Freund Valimar, als wäre dieser seine Souffleuse, doch Valimar würde wohl kaum besser mit der Situation umgehen können.

  • Hector beobachtete wie sich Kakko und Karasu annäherten. Er konnte nicht behaupten, dass es ihn nicht schmerzte. Er hatte Kakko freizugeben, gleich was sie all die Jahre verbunden hatte. Vermutlich gerade deshalb, denn ansonsten blieb ihm das Kennenlernen seines wahren Vater verwehrt. Oder Kakko würde sich von ihm abwenden. Verlustängste hatten sie beide, aber da war ein Mann, der seinen Sohn das erste Mal sah.


    Beide schienen gleich schüchtern zu sein, sie wussten nicht wie sie aufeinander zugehen sollten. Zuerst machte Kakko den Anfang, dann Karasu, ehe Kakko letztendlich zurückwich und zu ihm flüchtete. Hector war selbst verwirrt von den Gefühlen die gerade in seiner Brust und seinem Kopf tobten. Aber da Kakko nicht handeln konnte, musste er es tun.


    Hector legte seinem Ziehsohn einen Arm um die Schulter, drückte ihn sanft an sich und schob ihn dann Karasu entgegen.

    "Für ihn haben wir die Reise gemacht, deshalb bist Du hier. Keine Angst vor der eigenen Courage", machte Hec Kakko Mut.


    Er schob seinen Zögling noch ein Stück näher zu Karasu und deutete diesem an, ebenfalls näher zu kommen.


    Kirimar und Valimar musterten sich beide nur stumm. Weder dem Frostalb noch dem Halbalb kam ein Wort der Begrüßung über die Lippen. Scheinbar wussten beide nicht, wie sie füreinander empfinden sollten. Oder was sie sich überhaupt sagen sollten. Ihre Blicke waren weder feindlich, noch freundlich, vielmehr versuchten beide im Gesicht des anderen die Antwort zu finden, die sie selbst nicht hatten.


    Nicodemus schaute sich die Wiedervereinigung ebenso an, Wehmut lag in seinem Blick, an welche beiden Männer er gerade dachte, konnten sich die meisten Beteiligten denken.

  • Nun sah Karasu den Grund, warum Kakko sich versteckt hatte - der Junge weinte. Und er war nicht in der Lage, seine Beherrschung zurückzuerlangen, er weinte, als wäre er sehr viel jünger. Einen Moment blitzte Feindseligkeit in Karasu gegenüber diesem Hector auf, weil er sich fragte, was er seinem Jungen angetan hatte, dass er dermaßen labil war. Andererseits wirkte Kakko nicht wirklich ängstlich oder labil, sondern einfach ... gefühlvoll?


    "Ist ja gut", sagte Karasu. Unbeholfen legte er die Hand auf Kakkos Schulter, zog sie zurück, als hätte er sich verbrannt und versuchte es ein zweites Mal. Ganz vorsichtig schloss er die Finger darum und legte den anderen Arm um Kakkos Rücken. "Ich bin hier."


    Sanft, als könne er seinen Sohn zerbrechen, zog er ihn an sich und hielt ihn. Die Gefühle, die ihn erfüllten, waren auch für einen hartgesottenen Burschen wie Karasu sehr viel. Das hier war sein Kind, erwachsen nun, sein Blut, sein Erbe, sein kleiner Junge, für den er nie hatte da sein können, weil er nicht einmal gewusst hatte, dass er existierte. Kakko weinte an seiner Schulter. So vorsichtig wie sein Vater, legte er nun die Hände um ihn. Karasu wünschte, er hätte sich auf diesen Tag vorbereiten können. Doch was wäre anders gewesen? So hielt er ihn, wiegte ihn sacht und ließ ihn weinen, während seine eigene Erziehung und sein Lebensweg verhinderten, dass er seine Gefühlen in gleicher Weise Ausdruck verleihen konnte. Sein Blick strich hinüber zu Valimar und Kirimar, denen es noch schwerer fiel als ihm. Sein Kakko war ein Kind der Liebe. Kirimar war ein Kind der Gewalt.

  • Hector tippte Vendelin behutsam an und deutete in Richtung des Schwebebrunnens.

    "Wir sollten sie alleine lassen, dass ist ihr Moment, wir haben hier nichts verloren. Komm", flüsterte Hec seinem Mann liebevoll zu.


    Kirimar suchte sich einen Platz, setzte sich hin und beobachtete Kakko der völlig aufgelöst war. Dennoch hatte er gefunden, was er all die Jahre gesucht und vermisst hatte. Ihm erging es nicht anders, wobei ihm nicht bewusst gewesen war, dass er sich auf der Suche befand. Auf dieser Reise war er sich dessen bewusst geworden und nun wo sein Vater vor ihm stand, wusste er nichts zu sagen. Das war der Mann, weshalb ihn die Arashi in seinem Dorf verabscheut hatten. Das Spitz- oder Klingenohr, dass seine als Beute betrachtet hatte.


    Zu was machte ihn das in Valimars Augen? Er schien weder feindlich noch freundlich. Kiri überlegte sich, ob er den ersten Schritt auf seinen Vater zu machen sollte. Im gleichen Moment setzte sich Valimar neben ihn, nickte in Richtung Kakko und Karasu und schenkte Kiri ein Schmunzeln. Kirimar erwiderte die Geste und rutschte ein Stück näher. Ein zarter, zaghafter Anfang.


    "Warum hast Du mich gesucht?", fragte Valimar.

    "Warum hast Du mich gezeugt?", fragte Kirimar zurück.


    "Das Du gezeugt wurdest war Zufall, geschuldet der Lust einer Nacht. Auf der anderen Seite, warst Du die völlige Eroberung dieser Arashi. Ich wusste nicht, wie ich über Dich denken sollte. Ich hielt mich fern und irgendwann verlor ich Dich aus den Augen. Und nun sitzen wir hier, gemeinsam", sagte Valimar freundlich.

    "Genau wie Kakko habe ich meine Wurzeln gesucht. Wo komme ich her, von wem stamme ich ab? Wie bist Du so? Und was von Dir finde ich in mir wieder? Und zig tausend weitere Fragen, die mir auf der Zunge lagen und nun verschwunden sind", antwortete Kiri.

  • Karasu bekam mit, wie Valimar und sein Sohn ein vorsichtiges Gespräch begannen. Er kannte seinen Freund ja, er wusste, wie er als Frostalb tickte und war selbst kaum anders nach all den Jahren unter ihnen. Er hatte verlernt, Gefühle zu zeigen, auch wenn sie da waren und das nicht zu knapp. Vielleicht wäre er sonst in der selben Verlegenheit gewesen. Als sein Sohn sich ausgeweint hatte, folgte er dem Vorbild der Frostalben und setzte sich mit ihm auf das Sofa, das frei geworden war. Unter ihm fühlte es sich warm an, hier hatte der Lebende gesessen, Vendelin, wie Hector ihn angesprochen hatte.


    Karasu konnte nicht aufhören, Kakkos Gesicht zu betrachten. "Du musst genau so viele Fragen haben, wie Kirimar", sagte er mit gesenkter Stimme, um dieser intimen Situation gerecht zu werden. Weder wollte er die anderen beiden stören, noch sollte eine laute Stimme die zarte Beziehung zerstören, die sich wie eine feine Spinnwebe zwischen ihnen anbahnte.


    "Vor allem möchtest du bestimmt wissen, warum ich nicht nach dir gesucht habe. Die Wahrheit ist, dass ich nicht sicher wusste, dass du existierst, auch wenn die Möglichkeit bestand. Ich wähnte dich in guten Händen, falls es dich denn gäbe, und das war mein letzter Gedanke, als der Nordwind in die Segel der Dschunke fuhr und sie nach Süden trug. In besseren als den meinen, die leer zurückblieben und künftig nur die Waffe hielten. Du hattest Tomomi und Yuuto, gemeinsam wart ihr in den warmen Süden gesegelt, nach Naridien, in den Frieden und Wohlstand. So ließ ich euch ziehen und verdrängte die Möglichkeit ... dass es dich möglicherweise gibt. Wer du wohl wärst ... und dass du nach mir suchen könntest. Handelte ich Recht? Ging es dir gut?"

  • "Mir ging es gut", antwortete Kakko und obwohl seine Augen noch immer feucht glänzten, lächelte er nun.


    Die Vergangenheit konnte ohnehin nicht geändert werden, warum also sollte Kakko irgendwelche Vorwürfe anbringen? Es gab nichts zu beanstanden, sein Leben war wundervoll, auch wenn er immer gern hatte seine leiblichen Eltern kennenlernen wollen. Nun war das das Kennenlernen seiner Mutter nicht mehr möglich, aber Karasu war hier und das war gut.


    "Ich blieb nicht bei den beiden. Hector von Dornburg wurde mein Vater. Nun habe ich zwei Väter! Das kann nicht schlecht sein." Dass Tomomi nicht mehr war, würde er ein andermal zur Sprache bringen. "Und einen Bruder." Er grinste Kirimar zu.