Kapitel 42 - Die Ruinen von Schwarzfels

  • Die Ruinen von Schwarzfels

    Viele Jahre hatte das Meer um die Insel Khilar nur die Unfarben Grau und Schwarz gekannt. Schwarz waren seine Asche und das Gestein, Grau die wogende See und der stets bewölkte Himmel. Nun zerriss ein dunkles Blau die Wasseroberfläche. Etwas riesiges, spitzes raste schräg hinaus, viel zu schnell für einen Wal, zu groß und zu bizzar geformt. In einer Wolke von Gischt schob es sich die letzten Meter in Richtung Ufer. Mit lautem Knirschen schob der Bauch von Thabit Argentocoxos sich an Land und kam dann zur Ruhe. Thabit hatte sich halb ans Ufer geschoben und auf die Seite gedreht, wie ein gestrandeter Wal. Seine Bauchluke öffnete sich. Schweigend stiegen die Reisenden aus dem riesigen Rumpf des Tauchschiffs an Land.


    Irving blickte zurück. »Nimm bitte eine menschliche Erscheinung an«, bat Irving, damit er nicht das Gefühl haben brauchte, dass Thabit am Strand zurückbleiben musste, auch wenn es dennoch so war. Was neben ihm ging war nichts als ein Geisterwesen, der Körper blieb als Schiff dort liegen, wo er gestrandet war. Auch würde es sicher angenehm sein, ihn anzusehen, wenn man mit ihm sprach, als nur in den Äther hinauf zu kommunizieren.


    Der Kies unter ihren Füßen war schwarz und grau, schlammige Asche gluckerte darunter, bis sie den Hang hinaufstiegen, auf dem Schwarzfels stand. Sie mussten dazu nicht durch die tote Stadt, die um die alte Festung herum lag, da sie direkt am Ufer auf einer Klippe erbaut worden war. Wie ein Mahnmal der Vergangenheit ragte der zerstörte Festungsturm in den grauen Himmel. Der obere Teil von Schwarzfels war eingestürzt. Im Inneren war eine genau so verheerende Vernichtung offensichtlich, als sie durch das ehemalige Haupttor eintraten. Wer hier einst gewütet hatte, er hatte seinem unbändigen Hass freien Lauf gelassen. Irving legte den Kopf in den Nacken. Wie durch einen Schacht waren alle Zwischendecken hinabgebrochen, so dass man die Wolkendecke sah, doch die Außenwände standen noch immer. Wie in einem kalten, zugigen Kaminschlot heulte der Wind. Man hätte die klagenden Töne für Geistergeheul halten können, doch hier gab es keine Geister mehr. Hier gab es nichts, außer den endgültigen Tod.


    Gemessenen Schrittes trat Irving über den Schutt in die Mitte, wo eine Deckenplatte intakt geblieben war, die groß genug war, dass sie alle im Kreis darauf tagen konnten. Doch noch etwas war erhalten - in der Mitte der Platte lag eine gewaltige gusseiserne Schale voller Aschereste. Sie musste von der Spitze des Turmes hinabgefallen sein, denn sie lag obenauf. Und hier lüftete sich das Geheimnis um die Flamme, welche die Herren von Schwarzfels im Wappen geführt hatten.


    Ihr Turm war keiner der üblichen Magiertürme - er war ein Leuchtturm. Kalt und leer lag die Feuerschale vor ihnen, die das Ausmaß eines Mühlrades hatte. Das Leuchten der ewigen Flamme war ungezählten Schiffen ein Licht in der Dunkelheit gewesen, das sie nach Hause geleitet hatte.

  • Der Untergrund knirschte unter seinem gewaltigen Körper, als Thabit sich an Land schob. Vermutlich hatte keiner von ihnen geglaubt, jemals wieder einen Fuß auf eine der Inseln zu setzen. Thabit folgte dem Wunsch seines Mannes und nahm als geisterhafte Präsenz die Gestalt des Mannes an, der er zu Lebzeiten gewesen war. So hielt er es meist, wenn er als Seele in Erscheinung trat.


    Gemeinsam stapfte die Gruppe zu der Ruine von Schwarzfels hinauf. Die Felsen die vor ihnen emporragten hatte kaum der Zahn der Zeit etwas anhaben können. Sein Körper den Thabit am Strand zurückließ verriet ihm, dass es sich dabei um Granit handelte. Schwarzfels - der Name war Programm, die Felsen waren schwarz und wirkten unverwüstlich. Aber der Eindruck täuschte, denn die Feste die aus dem gleichen Material wie erbaut worden war, war geschliffen worden.


    Das ganze Gebäude hatte etwas von einem Tempel oder einer Kathedrale. Der gewaltige Turm, der sie schwarz und mächtig in den Himmel erhoben hatte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Zum Einsturz gebracht, was der Zerstörer damit ausdrücken wollte war klar. Von Euch bleibt nichts bestehen. Wer sich mit mir anlegt zahlt den ultimativen Preis, kein Stein bleibt auf den anderen. Nichts wird von Euch erhalten bleiben, nur Ruinen und Asche zeugen davon dass es Euch einst gab.


    Thabit betrachtete gemeinsam mit Irving, Nicodemus, Vendelin und Davard die Feuerschale. Ein Leuchtturm, dass ergab Sinn. Eine weithin sichtbare Flamme, die all jene auf dem Meer sicher nach Hause geleitete. Ein Feuer dass genau das versprach - folge mir und Du kommst nach Hause. Keiner hatte diese Botschaft jemals wortwörtlicher genommen als Horatio. Er folgte der Flamme die längst erloschen war noch heute.


    Nicodemus packte die massive, gusseiserne Schale mit einer Hand als hätte sie kein Eigengewicht und drehte sie wieder auf die Füße.


    "Seit wie vielen Jahrhunderten steht sie wieder auf den Füßen? Wir sollten das Feuer entzünden, Brennmaterial liegt in meinem Körper. Soll ich etwas herschafen lassen?", fragte Thabit und suchte den Blick seines Mannes.

    "Entzünde die Feuerschale, lass die Flamme sie... uns alle leiten", antwortete Nicodemus.


    "Leichen brennen wie Brennholz... nun die meisten, all jene die genug Brennspeck auf den Rippen haben. Leuchtfeuer in der Dunkelheit, oder Ankündigung zur Einäscherung?", warf Dave ein.

    "Ersteres, da sie dies schon immer gewesen ist und heute wieder sein soll Davard", antwortete Nicodemus freundlich.


    Einige Soldaten verließen Thabit und brachten Kohle, die sie in die Feuerschale füllten. Sie übergossen die Kohlen mit einer brandbeschleunigenden Flüssigkeit und zündeten sie an. Mit einem Zischen erwachten die Flammen zum Leben. Flackerndes Licht tanzte an den schwarzen Wänden des eingestürzten Turmes empor. Die Blicke der Anwesenden folgte dem züngelnden Flammenspiel.


    "Einst habe ich Dich geliebt...

    Ich liebe Dich immer noch...

    Einst fiel unsere Welt zusammen...

    aus ihren Trümmern steigen hervor meiner Liebe Flammen...", rezitierte eine dunkle Stimme hinter ihnen.


    Horatio musterte die Gruppe mit nicht zu deutendem Blick, ehe er die Arme um sich schlang und die Feuerschale betrachtete.

  • In der darauffolgenden Stille erklang ein Geräusch, dass unpassender nicht hätte sein können - der Applaus einer einzelnen Person. Als sie sich umdrehten, sahen sie jemanden, der die Gestalt eines eleganten jungen Rotschopfes angenommen hatte, der gerade den Turm betrat.


    "Sehr schön, sehr poetisch. Sind wir vollzählig? Dann können wir beginnen. Zeit ist Geld, meine Freunde. Nicht, dass ich von einem davon zu wenig hätte, aber wir müssen dieses unerfreuliche Familienfest ja auch nicht unnötig in die Länge ziehen."


    Dalibor von Eibenberg stolzierte mit einem unter den Arm geklemmten Gehstock über die Trümmer. Trotz seiner unerschwinglich teuren Garderobe trug er Arbeitsstiefel, so dass er trittsicher die Platte erklomm, in der das Feuer brannte. Teure Arbeitsstiefel, natürlich, er verdiente nur das Beste.

  • "Grüße Dalibor, das Familienfest beginnt gerade erst und es fehlen noch einige Personen. Unter anderem Dunwolf, Linhard und wo ist Amias? Vorhin war er noch da", warf Nicodemus ein.

    "Er ist noch in mir, ich rufe ihn", antwortete Thabit und tat genau das. Er informierte Amias, dass er ihn leider vergessen hatte und er sich bei ihnen in der Ruine einfinden sollte.


    Die Gruppe spürte eine leichte Erschütterung, als Aquila vor dem Turm aufsetzte. Linhard stieg von dem großen Drachenhuhn, dass neben Brandur scheinbar die einzige Konstante in seinem Leben war. Von dem ständigen Ärger einmal abgesehen. Lin erklomm ebenfalls die Ruine, schaute argwöhnisch in die Runde und stellte sich dann neben Dave.

    "Grüße", sagte er knapp.


    Amias war noch nicht da, aber schlagartig war etwas anderes zugegen und zwar ein pestilenzartiger Gestank der sich derart verdichtete, dass man das Gefühl hatte den Gestank sehen zu können. Der Gestank selbst wurde nicht sichtbar, aber ein Knäul aus schwarzem Haar, dass in die Höhe wuchs und wie ein Kokon aufplatzte. Dunwolf schaute nicht weniger misstrauisch als Linhard, taxierte einen Ältesten nach dem anderen, ehe sein Blick an Horatio hängenblieb.


    "Die bucklige Verwandtschaft... wie erfrischend.... bevor wir hier überhaupt verhandeln... ich erwarte meine zwei entlaufenen Schlüsselmeister zurück!", zischte Dun in Richtung Nicodemus, während ihm schwarzer Geifer den Kiefer herab rann.

    "Auch Dir Suba Dunwolf. Du kannst uns gerne gleich erzählen, welche Schlüsselmeister Du genau vermisst", antwortete Nico ungerührt.


    "Sicher die Geläuterten... jene die erkannten was er ist. Eine Vermutung meinerseits. Du siehst nicht sonderlich gut aus Dunwolf, Du bist hoffentlich unpässlich", warf Horatio ein, was Dave leise kichern ließ.

    "Mir geht es wunderbar... lass Dir als Träger der Laterne mal selbst ein Licht aufgehen... Du weißt nicht, mit wem Du Dich anlegst...", warnte Dunwolf.


    "Möglicherweise weiß er es ganz genau, aber deshalb sind wir nicht hier. Wir sind hier für ein Familienkonzil. Reißt Euch für die Zeit des Treffens zusammen, hier geht es um wesentlich mehr, als Eure persönlichen kleingeistigen Streitereien. Irving Du hast das Wort", sagte Nicodemus freundlich.

  • Irving wartete einen Augenblick, wähend er ernst in die Runde blickte. Als Stille sich erneut auf die zerstörte Halle senkte, kam Amias keuchend herbeigeeilt und nahm neben ihm Aufstellung. Allein, wie wer heute stand, war schon aufschlussreich. Dalibor und Dunwolf wirkten schon zu Anbeginn isoliert. So breitete Irving die Arme aus und dirigierte die Mitglieder des Kreises, bis sie in gleichem Abstand zueinander standen, ehe er anhob zu sprechen.


    "Bevor wir mit dem Konzil beginnen, einige Worte zur Eröffnung. Wir haben uns nicht hier versammelt, um die alte Fehde der Magierkriege fortzuführen und ein zweites Asa Karane einzuleiten. Oder sollte ich besser sagen, ein drittes Khilar? Oder ein viertes Caltharnae? Der Raum auf dieser Welt ist begrenzt und ein Drittel ist bereits unbewohnbar. Bedenkt dies alle. Wir sind hier, um diese Vernichtung aufzuhalten."


    Er ärgerte sich darüber, dass die Angehörigen der Trinität diesen ehrwürdigen Augenblick zunichtemachten mit ihrem albernen Gestreite. Wobei, nicht alle ... Vendelin von Wigberg schwieg, blickte gänzlich neutral in die Runde und lauschte. Auch Thabit von Wigberg hielt sich heraus. Natürlich die Wigbergs. Der Kitt, so war es schon immer gewesen. Und Wolkenheim, ihnen eher nah als fern und eng durch die Bande des Blutes verbunden.


    »Seht die Flammen! Man sagte einst, so lange dieses Feuer brennt, so lange wird das Haus Schwarzfels bestehen. Tag und Nacht wurde es gefüttert. Ohne Unterschied wies es jedem Schiff den Weg nach Hause, es leuchtete für Freund wie Feind, dieses Licht erstrahlte in Güte für alle. Und wie Recht sollte derjenige behalten, der die Prophezeiung sprach. Hier, wo wir stehen, ging ein großer Traum zu Ende, als die Flamme des Leuchtturms zusammen mit der Linie der Herren von Schwarzfels erlosch. Seither regiert nur Finsternis die Region und kein Schiff steuert die verwaisten Häfen von Khilar an. Doch ist die Ewige Flamme wirklich erloschen - oder wurde ein Teil ihres Lichts weitergetragen?«


    Er blickte ernst jeden der Anwesenden an.


    »Das Licht zu bringen, war seit jeher das Anliegen von Schwarzfels. Ableger der ewigen Flamme wurden ohne je nach dem Namen oder einer Bezahlung zu fragen an jeden verschenkt. Welch kleineres, doch nicht minder helles Feuer brennt in der Laterne von Horatio und an seiner Statue an der Akademie Flamme des Wissens? Welches Licht leuchtet im uralten Leuchtturm Marino Meeresleuchten, von dessen Feuer sich jeder Seefahrer gern ein Flämmchen als Glücksbringer mitnimmt für die eigene Sturmlaterne, damit er sicher wieder heimkehrt?«


    Irving hob die Arme, als wolle er das Feuer preisen.


    »Ich glaube daran, dass die ewige Flamme von Schwarzfels nie erloschen ist! Sie ist noch unter uns, sie hat nur ihren Aufenthaltsort gewechselt, man hat sie weitergetragen von Generation zu Generation und noch immer leuchtet sie den Weg zur Erkenntnis und weist Seeleuten den Weg nach Hause.


    Der Traum ist nicht erloschen, er lebt in uns allen fort.


    Lasst dieses Andenken unsere Weisung sein, wenn wir nun über die Zukunft der Ältesten und damit das Schicksal von Asamura verhandeln. Lasst uns versuchen, einen gemeinsamen Weg in die Zukunft zu finden und das Licht nicht aus den Augen zu verlieren.«


    Damit trat er zurück. Einen Applaus erwartete er nicht, denn dies war eine Grabrede gewesen. So senkte er das Haupt und den Blick und forderte somit alle zu einer Schweigeminute auf, um über seine Worte nachzudenken.

  • Seit Äonen von Jahren spürte man für einen winzigen Augenblick Eintracht und so schwiegen sie gemeinsam, die mächtigsten Mitglieder der Sippe, die dem Mahlstrom der Zeit über all die Jahrhunderte getrotzt hatte. Jeder hing seinen eigenen Gedanken und Erinnerungen nach, als er in die Flammen blickte. Was jeder Einzelne von ihnen dachte, war nicht an ihren Gesichtern abzulesen. Sie alle trugen ihre Masken seid einer kleinen Unendlichkeit.


    Als erster nach Irving ergriff Nicodemus das Wort. Thabit, Irving und er hatten das Konzil einberufen, es war ihr Wunsch zu einen, was geeint gehörte. Das bedeutete Überzeugungsarbeit. Dalibor und Dunwolf waren ebenso noch anwesend wie Horatio. Ein gutes Zeichen, dass der Lichte immer noch bei ihnen am Feuer stand. Irving hatte den Ort und das Feuer passend gewählt. Mehr als das Konzil hielt Horatio die Erinnerung hier. Und vermutlich wie alle anderen auch, die Neugier.


    "Weise Worte eines weisen Mannes. Wir alle haben Asa Karane fallen sehen, einer von uns hat sogar Caltharnae vorab in Asche untergehen sehen. Unsere Sippe die seit Jahrhunderten Seite an Seite durch das Leben schreitet, ist uneins. Kriege um Nahrung, um Essenz-Resserven haben stets nur eines hervorgebracht, eine tote und ausgebrannte Welt. Zweimal wurde dieser Fehler begangen, zweimal gab uns das Schicksal eine neue Chance. Glaubt mir, eine dritte Chance wird es nicht geben. Versinkt Asamura in Asche, versinken wir mit ihm.


    Dann wurde der letzte Ast unseres Lebensbaumes abgeschlagen. Und wofür? Wofür sind all die Häuser untergegangen, wofür all die mächtigen Männer und Frauen gestorben? Für eine Handvoll Essenzen um den nächsten der Magier abzuschlachten. Was war die Grundidee von Asa Karane? Leben.


    Denn zu Anfang an war die Insel ein nackter toter Fels. Jedenfalls schien es so. Dennoch gab es hier und dort kleine Refugien von Leben. Es erblühte unter der Hand von Indutiomarus, mehr Häuser kamen nach, siedelten dort an und schufen sich ihre Bereiche.


    Ich frage offen in die Runde, was glaubt Ihr hätte aus Asa Karane werden können, hätten die Geflohenen Hand in Hand zusammengearbeitet? Was? Eine Welt voller Magie, unvorstellbarer Forschung und von einem Reichtum an Lebensvielfalt und Möglichkeiten die wir uns kaum vorstellen können.


    Stattdessen missgönnte einer dem anderen die Macht, neidete ihm das Wasser, das Gras, das Holz, sie neideten sich alles und sie bekämpften sich mit den tödlichsten Sprüchen bis auf den letzten Mann.


    Als wir die Insel Asa Karane erreichten, war sie unbewohnt.

    Als wir die Insel Asa Karane verließen, war sie tot.


    Vielleicht mag es Euch verwundern, dass der Herr der Untoten sich für das Leben ausspricht. Aber ich spreche für das Leben und für den Erhalt. Wie schnell etwas vernichtet ist, wissen wir nur zu gut. Aber wie lange benötigt es, nur um das kleinste bisschen Leben wieder aufzubauen? Leben schützen, heißt selbst überleben. Ich habe nicht vor in einer trostlosen Aschewüste unterzugehen, nur weil einige von uns nicht in der Lage sind ihre maßlose Gier oder ihren unbändigen Hass und Spieltrieb nicht zu kontrollieren.


    Dieses Konzil hat nur einen Zweck - Vereinigung. Das was geeint sein sollte, wird geeint werden! So hätte es vom Angebinn der Zeit sein sollen. Die heutigen Magier haben keine Vorstellung von unserer Macht und von unserem Konzentrationsvermögen. Zu welcher mentalen Leistung sind wir fähig? Und dann bringen wir es nicht einmal zu Stande im Konsenz zu leben? Sind wir dann überhaupt annähernd so mächtig, wie wir behaupten?


    Gleich was Ihr glaubt, gleich wie groß Eure Macht ist, die Macht der Gruppe überwiegt immer. Wer das Leben selbst missachtet, tritt seine eigene Lebensgrundlage mit Füßen. Dies bin ich nicht länger gewillt hinzunehmen.


    Wir haben dieses Konzil einberufen, um die Sippe zu einen. Die Sippe ist eine Großfamilie und so soll sie agieren unter der Führung eines Wigbergs. Jeder wird in diesem Konsenz seinen Platz finden, gleich wie mächtig oder nichtig. Es wird niemand ausortiert und schon gar nicht von der eigenen Familie. Mehr noch, wir leisten dass, was unsere Anhänger in uns sehen. Wir schützen die unseren und damit auch uns selbst", erklärte Nicodemus ernst.

  • "Das hört sich ja alles schön und gut an, Nicodemus, sehr visionär, fast schon eines Kaltenburgs würdig", warf Dalibor ein, "aber das Wichtigste lässt du außer Acht. Jahrhunderte des Gegeneinander-Ausspielens, der Intriganz und der wirtschaftlichen Angriffe lassen sich nicht einfach ignorieren. Selbst jetzt, wo wir über unser aller Zukunft sprechen, kommt man nicht umhin, zu ahnen, wohin das Ganze führen soll. Weshalb sollte ausgerechnet Wigberg den vereinten Häusern vorstehen? Hm?"


    Er klopfte mit dem Stock auf den Boden und schlug dann beide Hände auf dem Knauf übereinander.


    "Und warum sollte irgendjemand daran interessiert sein, mehr Familienmitglieder als bedauerlicher Weise notwendig am Leben zu erhalten?" Nun riss er den Stock empor und zeigte auf Dunwolf. "Wie hat eigentlich mein Bruder geschmeckt? Ich hoffe, er liegt dir wie ein Stein im Magen und du schuldest mir noch die Auslagen für Marthis´ Denkmal! Und wohin", nun blickte er böse in die Runde, "ist eigentlich Veyd von Eibenberg verschwunden? Welchen Grund sollte ich haben, euch zu glauben, dass ihr mich in den Reihen der Ältesten erhalten wollt, nachdem meine Verwandten diesem Schicksal oblagen? Uns verbindet nichts, ihr duldet mich, weil ihr es müsst!"

  • Nicodemus nickte zustimmend.


    "Mit all dem hast Du Recht Dalibor von Eibenberg. Natürlich lassen sich alte Fehden nicht ignorieren und wirtschaftliche Angriffe genauso wenig. Aber Du bist der große Rechenkünstler unter uns. Was bleibt Dir am Ende, wenn alles untergeht? Du hockst auf einem toten Flecken Land und hast Dein eigenes Schicksal besiegelt. Den alten Weg hinter sich zu lassen, ist eine Ivestition in die Zukunft. Hast Du darüber einmal nachgedacht?


    Meinst Du mir Hass und Groll fremd? Wie Dein Bruder schmeckte? Wie Veyd schmeckte? Wie schmeckten denn meine Väter? Jeder von uns hier hat mehr als nur einen Grund, einen seiner Verwandten tot sehen zu wollen. Und genau hier greift der Grund für die Wigbergs. Warum ein Wigberg die Sippe führen soll? Weil sie es können!


    Wo Deine Leute den geldwertenden Nutzen abwägen, wo die Hohenfelde das magische Potential abschätzen, da schaffen es die Wigbergs für jeden aus ihren Reihen einen Platz zu finden. Sie binden ihn in die Familie ein und auch der schwächste von ihnen ist noch ein nützliches Familienmitglied. Deshalb! Weil sie der Kit in der Sippe sind und weil sich insgeheim jeder danach sehnt, ohne Angst in einer Familie zu leben, ob Ihr es nun zugebt oder nicht.


    Keiner verlangt dass Du all das vergessen sollst Dalibor. Im Gegenteil erinnere Dich ruhig an die alten Zeiten. An jene Zeiten, die keiner von uns erneut erleben möchte. Ich sah wie meine Brüder aufwuchsen und wie unsere Scholle geführt wurde. Und ich erlebte wie meine Väter mich großgezogen haben. Es hätte anders laufen können Dalibor, ganz anders. Dein Reichtum wäre dadurch nicht geschmälert worden, ganz im Gegenteil.


    Wir müssen Dich dulden Dalibor? Müssen wir das wirklich? Nach dem alten Spiel könnte sich auch jeder einen Verbündeten suchen und wir schalten uns alle gegenseitig aus. Oder wir erkennen endlich das wahre Potential dass in der Sippe Wigberg - Hohenfelde - Eibenberg liegt und schließen gemeinsam mit allen von uns einen felsenfesten Pakt zum Wohle aller. Niemand wird Dich angehen, denn wir anderen würden Dir beistehen.


    Deine Wut verstehe ich, mich treibt die gleiche Wut um und an. Aber für eine sichere Zukunft verzichte ich auf meine Rache an Dunwolf. Deshalb werden wir keine Freunde, aber wir sind auch keine Feinde mehr. Das ist die Botschaft dahinter. Nimm Dich selbst etwas zurück um mehr zu bekommen als Du gegeben hast. Denn so wird es sein. Linhard hat mit der Sippe einen neuen Weg beschritten. Nicht ganz, aber er ist auf dem Weg dahin.


    Damit es funktioniert Dalibor, müssen wir nur eines - wir müssen es wollen. Das es funktionieren kann, habe ich erlebt bei meinen Vätern erlebt", antwortete Nico Dalibor ernst.

  • "Oh, um meine Bereitschaft, zu Vergeben oder zu Ignorieren geht es nicht. Es geht um euch alle hier! Ich wäre durchaus zu einem Bündnis bereit, denn seien wir ehrlich - wer heute nicht zustimmt, der ist erledigt. Keiner von uns hat eine Wahl. Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns. Aber wie siehst du das, Dunwolf, der du mir noch immer eine Antwort schuldest?"

  • Dunwolf musterte Dalibor gelassen.


    "Wie ich das sehe.... als ob das jemanden hier interessiert...

    Aber gut... weil Du so interessiert fragst...


    Die Wigbergfraktion hat beschlossen, dass sie ein Bündnis benötigt... weshalb?

    Was wollt Ihr uns erzählen? Ich habe garantiert nicht all die Zeit überlebt, um plötzlich aufkeimenden Familiensinn zu schlucken... nettes Märchen....


    Ein alter Familienspruch besagt... wenn zwei ein Bündnis eingehen, sollte man sich fragen wer umgebracht werden soll....

    Das muss ich mich nicht fragen... wen es treffen soll ist klar... Dich Dalibor und mich...


    Vermutlich allen voran mich... es gibt hier Anwesende die ihre eigene Unzulänglichkeit und Schwäche hinter anderen Zielen verstecken, wie Familiensinn, Zusammenhalt und was weiß ich noch alles. Komisch, dass Euch das jetzt erst einfällt. Wieso nicht vor Jahrhunderten auf Asa Karane? Oder wann auch immer? Warum.... jetzt?


    Möglich wäre auch, dass unsere Gastgeber einer Bedrohung ausgesetzt sind... und siehe da, da erinnern sie sich plötzlich an die Familie, auf die sie sonst geschissen haben...


    Ein Bund für eine sichere Zukunft... nichts ist sicher, nicht mal die Zukunft...

    Es hat immer eine Lösung gegeben... es hat immer ein "Danach" gegeben...

    Aus jedem Angriff, aus jedem Krieg... die Familie wieder aus der Asche stieg...

    Warum sollte es diesmal anders sein?


    Für mich ist die vorhandene Kräfteverteilung die Waagschaale die alles auf Ist-Zustand hält... Ihr wollt daran rütteln... nur zu.

    Dann solltet Ihr aber auch damit rechnen... das die Waage zu Euren Ungunsten kippt... sowas soll... vorkommen", grinste Dunwolf sein zähnefletschendes Grinsen.


    "Zu Deinen Fragen Dalibor... Veyd von Eibenberg ist tot... ermordet... aufgefressen... und hinüber. Es geschah weder plötzlich... aber doch wohl für ihn unerwartet. Schade um den Mann, er wusste wie man wirtschaftet...


    Du solltest Dir kein Urteil über meine Männer erlauben... glaub es oder lass es aber Marthis bedeutete mir etwas... was hier nicht zur Debatte steht. Wie er schmeckte? So wie er liebte...", antwortete Dunwolf.

  • "Dann hoffe ich, dass Marthis ein grauenvoller Liebhaber war", erwiderte Dalibor erbost. "Dass Veyd gefressen wurde, weiß ich. Aber ich hatte gehofft, einer der Anwesenden hier hätte das Rückgrat, den Mord an meinem Urenkel zuzugeben! Besonders die Beteiligten! Ein Bündnis, mit mir? Alles leere Luft! Auch wenn ich dich, Dunwolf, so sehr verabscheue wie eine unvorteilhafte Bilanz, so sehe ich die Dinge ganz ähnlich wie du. Wir stehen hier vor unseren Möchtegern-Henkern."


    Dalibor blickte mies gelaunt in die Runde.


    "Die Karten auf den Tisch. Ich erwarte von jedem hier Anwesenden die Stellungnahme, was er sich von diesem sogenannten Konzil - dieser gegen Dunwolf und mich gerichteten Verschwörung - erhofft und warum er hier ist! Das Gesafte von diesem schlecht gekleideten Nichts ohne Rang, ohne Namen und ohne Burg sowie von dem Bluttrinker haben wir bereits gehört. Fahren wir fort mit den Mördern von Veyd."


    Er wies mit dem Stock garstig auf Davard.

  • "Da muss ich Dich enttäuschen... er war genau wie Harubold ein fantastischer Liebhaber... immerhin waren sie mit mir verheiratet... was erwartest Du? Na na keine Sentimentalitäten Dalibor... Schmeichelei nützt Dir in der Situation auch nichts, aber es freut mich... wie Du mich siehst... verdiente Ehre ist doch die schönste Ehre...", lachte Dunwolf leise seine kratzige Lache.


    "Möchtegern-Henker trifft es sehr gut... allein hatte keiner von den dreien das Rückgrat sich einem von uns zu stellen... und nun stehen sie hier... auf einem toten Land... in der genauso toten Hoffnung sie könnten uns mit warmen Worten daran hindern, dass sie selbst irgendwann verschlungen werden....


    Ich weiß nicht ob ich mich belustigt... oder geehrt fühlen sollte... bei so viel.... ANGST....


    Falls Ihr wirklich ein Bündnis wünscht... warum auch immer... dann müsst Ihr schon mehr bieten... als die Zukunft von irgendwelchen Gabad die mir an meinem wundervollen Arsch vorbeigehen... was scheren mich andere? Ich muss mich um mich kümmern... und das nimmt schon meine ganze Aufmerksamkeit ein...


    Davard... Du?

    Du erstaunst mich immer wieder... sollte es Dir wie Amias ergangen sein und Du hast Deine Eier wieder?", lachte Dunwolf gehässig.

  • Dave starrte Dalibor und dann Dunwolf an ohne mit der Wimper zu zucken, auch wenn er gerade Dunwolf um die Fähigkeit beneidete sich einfach auflösen zu können. Hätte er über die Fähigkeit verfügt, hätte er sie sofort an Ort und Stelle getestet. Er fragte sich wieso er sich überhaupt auf die schwachsinnige Idee eingelassen hatte, sich mit einem Haufen Ältester zu treffen, die sich alle Spinnefeind waren und die nur ein falsches Wort davon entfernt waren, sich gegenseitig umzubringen.


    Kurzum was machte er auf einer Familienfeier?


    Dave unterdrückte den Drang den Blick vor Dalibor zu senken und einen Schritt zurückzugehen. Er fühlte wie sich jemand dicht neben ihn stellte, Linhard.


    "Nichts", antwortete Dave knapp auf die Frage was er sich erhofft hatte.


    `Der Mörder von Veyd? Ich habe Veyd weder ermordet, noch gefressen. Ich habe ihn nur verwursten lassen, meiner jahrzehnte langen Verwurstung hat er auch tatenlos zugeschaut. Ich sehe da kein Grund für falsches Mitleid. Er hat seinen Tod selbst provoziert. Die Möglichkeit kam wohl nicht in seinen Billanzen vor´, dachte er mit Genugtuung.


    "Mit Verlaub Ältester Dalibor aber Du weißt nicht, was Veyd getan hat. Das Schlimmste was man in seiner Position hätte tun können - NICHTS. Weder stand er meinem Onkel Dave noch meinem Vater bei. Er stand nicht einmal meiner Oma bei, er stand niemandem bei, auch nicht mir.


    Er hätte es gekonnt, aber er tat nichts. Weshalb? Weil wir ihn nicht hätten bezahlen können. Hat er je danach gefragt? Woher die Annahme, wir hätten ihn nicht bezahlt? Das wusste er nicht und nicht jede Bezahlung muss über Geld erfolgen. Es gibt auch andere Dinge von Wert, meiner Meinung nach.


    Vielleicht solltet Ihr beiden in Erwägung ziehen, dass nicht alles gegen Euch persönlich gerichtet ist. Ich weiß welchen Status Ihr genießt, aber trotzdem dreht sich die Welt nicht um Euch. Oder nicht nur. Ist der Richtungswechsel ernst gemeint, dann muss man irgendwann die neue Richtung einschlagen, sonst wird es nichts. Ich für meinen Teil habe versucht einen neuen Weg zu bestreiten.


    Unbestritten ist allerdings auch, dass ich um Dunwolfs Beistand gebetet habe, als ich nicht weiter wusste. Schließt das einander aus? Kann man den alten und den neuen Weg nicht zusammenfügen? Wer sagt dass wir bleiben müssen wer wir sind? Niemand. Aber wir müssen uns doch auch nicht komplett selbst aufgeben, für einen neuen Weg. Was ich mir von dem Konzil erhoffte, Antworten. Und schlichtweg die Möglichkeit Euch einmal leibhaftig zu sehen. Die Chance hat wohl auch kaum jemand. Das ist immerhin so etwas wie ein Feierabendbier mit Ainuwar", warf Linhard ein.

  • "Du suchst die eierlegende Wollmilchsau, Linhard. Ein guter Gedanke, doch um ihn zu verwirklichen, bedarf es anderer Lehrer als jene, die dir zur Seite gestellt wurden. Keiner davon ist geeignet, dich Größe zu lehren und Finanzwirtschaft. Du wünschst, dass wir Ältesten dir nützen, das wünscht jeder. Aber was gebt ihr Sterblichen uns zurück?


    Im Falle von Dunwolf - Unterhaltung.

    Im Falle von Nicodemus - Nahrung.

    Im Falle von Thabit - ein Netzwerk.

    Im Falle von Horatio - nichts.

    Im Falle von mir? - Noch weniger, wenn ich über den Rand meines Reviers hinausschaue!


    Von euch bekomme ich im Moment nichts als Undank und bei der erstbesten Gelegenheit die Ermordung meiner liebsten Anhänger. Die Familie verdiente gut an Veyds Geschäften, von denen Davard Bestandteil war, so dass ich nicht sehe, wie ihr euch erdreisten könnt, schlecht über ihn zu sprechen. Was habt ihr für euren Ältesten getan ? Und viel wichtiger noch, was habt ihr künftig vor, um euch würdig zu erweisen? Wo ist für mich der Gewinn an dieser Angelegenheit? Und bitte lasst Gefühlsduselei bei der Beantwortung außen vor, ich bin kein Wigberg oder eine dieser namenlosen Gestalten in seinem Kielwasser. Was mich wirklich erstaunt, sind deine sentimentalen Worte, Linhard. Du, so als Hohenfelde, wirkst sehr verweichlicht. Antworten suchst du. Gut, du darfst mir eine Frage stellen."

  • "Ältester Dalibor, warum sollte ich nicht die eierlegende Wollmilchsau suchen, sprich die Lösung für alles? Ob ich sie finde oder ob es sie überhaupt gibt, dass kann ich Dir nicht beantworten. Vielleicht finde ich auf meiner Suche etwas ganz anderes, weshalb ich losgezogen bin. Möglicherweise finde ich sogar Antworten auf Fragen die ich nie gestellt habe. Das ist manchmal so, weil ich in meinen Bahnen denke. Ich kann nur mit dem arbeiten, was mir bekannt ist.


    Natürlich wünsche ich mir den Beistand der Ältesten, ich denke so hält es jeder Gläubige. Nur gehen Wunsch und Erfüllung nicht immer Hand in Hand. Heißt, ich habe mir schon viel im Leben gewünscht, ob von Euch, meinem Vater oder sonst wem. Aber nur weil ich es mir wünschte, heißt es noch lange nicht, dass ich es bekomme.


    Wer fragt Dalibor muss auch mit einem Nein leben können. Und das habe ich schon früh gelernt, zeitgleich damit mir selbst meine Lösungen zu suchen. Unterstützung ist trotzdem gerne gesehen.


    Natürlich haben wir gut von Veyds Geschäftssinn gelebt, dass streite ich nicht ab. Aber vergiss unseren Part bei der ganzen Sache nicht. Veyd konnte seine Geschäfte nur so sorglos betreiben, da ihm die Hohenfeldes jederzeit den Rücken freigehalten haben. Wer hätte es gewagt, ihn anzutasten? Niemand. Aufgrund seines Rufes? Wohl kaum, aufgrund unseres Rufes. Jeder wusste unter der Hand, wer die schützende Hand über ihn hält. Zudem hätte er so manches Geschäft nicht ohne die Hintergrundinformationen der Wigbergs derart erfolgreich abschließen können. Eine Erpressung funktioniert nur so gut, wie die Informationen sind, die man zur Erpressung zur Verfügung hat.


    Niemand schmälert Veyds Leistung, allen voran ich nicht. Aber vergessen werden sollte nicht, dass Veyd kein Einzelkämpfer war, sondern dass er nur agierte und beruflich so gut existierte, da ihn die Wigbergs mit Informationen versorgten und wir mit dem passenden Schutz oder Mord an geeigneter Stelle. Es war die Sippe die durch Veyd in dessen Bank in Erscheinung trat Ältester Dalibor, es war nicht Veyd allein.


    Warum sollte es also nicht erneut die Sippe sein, die auf einer ganz anderen Ebene zusammenarbeitet?

    Wäre das nicht auch bei Euch möglich? Das ist eine Frage für Euch, kein Vorschlag, etwas worüber Ihr nachdenken solltet. Eine Antwort erwarte ich darauf nicht. Ich weiß nicht nach welchen Maßstäben Ihr sonst handelt.


    Was wir den Ältesten zurückgeben, eine gute Frage. Ich kann sie Dir nicht beantworten Ältester Dalibor. Ich ging davon aus, dass unser Ältester von jedem Opfer, Geschäft, Wissen etwas abbekommt. Aber das war nur eine Mutmaßung. Auf der anderen Seite seit Ihr die Ältesten, Ihr führt und lenkt uns. Also wenn Du etwas für Deine Dienste möchtest, eine Gegenleistung sag es Deinen Anhängern.


    Bis vor kurzem kannte ich zudem Thabit und Irving nicht, Nicodemus auch nicht und von Horatio hatte ich auch nicht gehört. Das änderte sich erst, als ich nach Ledwick zog und Verrill... sagen wir mal nicht so ganz mit dem Augur ihres zweiten Ehemannes klar kam. Erst da wurde mir bewusst, wen es noch als Älteste gibt. Das war nicht respektlos, es war reine Unwissenheit.


    Über Dich selbst weiß ich auch so gut wie nichts, ich kenne keinen Tempel oder Schrein wo Dir gehuldigt wird. Aber ich vermute da jeder von Euch seine Anhänger hat, gibt es auch von Euch Schreine und Tempel wie von Dunwolf.


    Verweichlicht bin ich nicht, ich gehe Dinge nur anders an oder versuche es. Du kannst sie nicht alle töten Ältester Dalibor, denn sonst ist niemand mehr da weder für Geschäfte noch für andere "Beziehungen". Und auch wenn ich mich bis dato nicht groß mit Ruhm bekleckert habe, so bin ich doch der erste "Purie" dem es gelang in die Oberliga einzuheiraten. Wer von den anderen hat persönlich einen Fuß in eine der Regierungsfamilien gesetzt? Nicht mal einer der Magier, soweit mir bekannt ist.


    Ich gehöre dem Haus Souvagne an und ich gehöre zu dem Haus Ledvico. Wenn man dazu weicher sein muss, bitte. Sieh diese Weichheit wie guten Stahl. Zu hart und das Schwert bricht bei einem falschen Streich. Guter Stahl und ein gutes Schwert daraus ist geschmeidig und bis zu einem gewissen Grad auch biegsam, damit es jeden Streich übersteht. Nur so ist es eine tödliche Waffe. Wer zu starr ist Ältester Dalibor, wird zersplittern kurzum sterben. Und das hatte ich nicht vor.


    Eine Frage darf ich Dir stellen, in Ordnung. Werde ich jemals Kinder haben?", fragte Linhard.

    "Niemand wendet sich gegen die Familie, sonst wendet sich die Familie gegen Dich" - Linhard von Hohenfelde

  • "Oh, kleiner Linhard, das liegt doch ganz bei dir", antwortete Dalibor und schaffte es, dabei verblüffend freundlich zu klingen. "Im Gegensatz zu manch anderem hier hast du alles, was du dafür benötigst, an deinem Körper und auch an Frauen sollte es dir nicht mangeln. Das einzige Element, was dir zur Verwirklichung deiner Pläne fehlt, fehlt in deinem Kopf. Denke immer daran: Wille - Entschluss - Umsetzung."


    Er nickte aufmunternd. Dalibor hatten die Worte des jüngsten Hohenfeldesprosses milde gestimmt. Er war nun in besserer Laune, wenngleich er noch immer keinem hier über den Weg traute. Zu allen sprach er, auf Linhards Worte Bezug nehmend:


    "Eine Symbiose ist angestrebt. Gut. Das ist ein Wort. Aber dazu sind nicht Wigbergs allein fähig, sie setzen nur andere Schwerpunkte. Kein Eibenberg ist ein Einzelkämpfer, wie Linhard richtig anmerkte. Wir sind nicht weniger gesellig als Wigbergs, nur aus anderen Gründen. Auch Hohenfeldes sieht man selten allein, wie sehr sie auch versuchen, sich als Einzelkämpfer zu inszenieren. Eine Symbiose kann funktionieren und wenn sie es tut, nützt sie."

  • Horatio hatte sich alle Argumente in Ruhe angehört.


    "Irving und Nicodemus sprechen mit Vernunft und Weitsicht, aber ebenso ist Ihr Vorschlag bis zu einem gewissen Grad utopisch. Auf der anderen Seite ist mir bewusst, dass auch scheinbar unmögliche Wünsche umsetzbar sind. Alle anwesenden Ältesten wären nicht, was sie heute sind ohne dass sie einem unerreichbaren Ziel gefolgt wären und zwar dem Ruf der Unsterblichkeit.


    Bis auf Nicodemus, er bildete hier eine Ausnahme. Er bekam die Unsterblichkeit von seinem Vater in die Wiege gelegt. Er ist das Ergebnis eines Traumes von einem anderen Mann, der aus Blut und Magie Leben schuf und es mit seiner Form der Unsterblichkeit versah.


    Ein Bündnis oder eine Sybiose muss nicht auf Zuneigung beruhen, sie sollte auf gleichen Zielen fußen. Sollte der Bund dennoch zusätzlich durch Zuneigung getragen werden, spricht nichts dagegen.


    Das die Wigbergs für ein Bündnis sprechen würden ist genauso selbstverständlich, wie dass der Eibenberg erst einmal Zweifel hegen wird. Und ebenso war vorauszusehen, dass der Hohenfelde der Runde das Bündnis erst einmal ablehnt. Zu all dem sei gesagt, Ihr sprecht und verhandelt hier über etwas, dass es bereits in den Grundzügen gibt.


    Die Sippe war stets geeint und so lebt sie heute noch in ihrer ureigenen Gewaltenteilung von Geld, Wissen und Vollstreckung.


    Hättet Ihr eine klärende Reinigung gewollt, hätte es jedem von Euch freigestanden einander abzuschlachten. Niemand hätte Euch daran gehindert. Keiner von Euch nutzte diese Möglichkeit, sondern jeder hat die Grenzen des anderen stillschweigend gewahrt. Über all die Jahrhunderte habt Ihr Euch misstrauisch beäugt und dennoch hättet Ihr im Zweifelsfall gegen eine gemeinsame Bedrohung auch zusammengehalten.


    Abneigung, Verachtung oder offener Hass hat die Sippe noch nie davon abgehalten sich im Notfall geschlossen einem gemeinsamen Feind zu stellen. Nach der Problembeseitigung wurden die alten Feindschaften und Fehden traditionsgemäß erst wieder aufgenommen.


    Der erste Schritt zu einem Bündnis wurde also bereits vor langer Zeit gelegt. Was hier verhandelt wird, ist der zweite Schritt. Und dieser beinhaltet, dass Bündnis auf eine andere Ebene zu hieven. Anstatt einer Zweckgemeinschaft die jederzeit zerbrechen kann, streben die Wigbergs ein echtes, nahes Bündnis an. Einen Bund, der alte Feindschaften begräbt und ein neues Zeitalter einläuten soll.


    Eine Familie die auf diese Art zusammenhält und sich stets aufeinander verlassen kann, ist das Wertvollste was man besitzen kann. Ich weiß wovon ich spreche, denn ich gehörte so einer Familie an. Es war gleich welches Problem mich belastete oder was ich fürchtete, meine Familie war für mich da. Ihr Beistand war mir gewiss... ohne jede Anklage, ohne jedes Zögern...


    Gefällt und ihrer Seelen beraubt wurden sie bis auf die letzte Person von einem Hohenfelde. Jemandem der auf all ihre Werte spuckte... aus Hass, Unverständnis, Neid... ich habe es nie erfahren....


    Wir stehen gerade in den Ruinen all dessen, was mir alles bedeutete...

    Was ich mir erhoffe? Das Hoffnung sich wieder lohnt...", antwortete Horatio besonnen.

  • "Vielleicht konnte Andogius nicht ertragen, was er sah. Es zeigte, was er gern hätte, aber niemals haben konnte, weil er es sich selbst verbot. Oder Ansogius war, wie Dunwolf, einfach ein Arschloch", sinnierte Irving und ließ seinen Blick durch die schwarze Ruine schweifen. "Einen wirklichen Grund, Schwarzfels auszulöschen, hatte er meines Wissens nach nicht, das Haus wird in keiner mir bekannten Quelle als Bedrohung beschrieben. Ich hoffe, Andogius hat seine gerechte Strafe erhalten. Was wurde aus ihm, Horatio?"

  • "Vermutlich eine Mischung aus beiden, der Neid der Besitzlosen und ja... er war ein Arschloch. Für Dunwolf wäre er der perfekte Hohenfelde gewesen. Alles hatte seiner Vorgabe zu entsprechen.Schwarzfels war für niemanden eine Bedrohung, nicht auf die übliche Weise Irving. Aber in der Welt von Andogius war das eine unbekannte Größe die er nicht dulden konnte.


    Er stimmte meinen Hochzeitsplänen zu, er willigte ein und das obwohl er eine ganz andere Meinung vertrat. Damals hatte ich tatsächlich geglaubt, er lässt mich ziehen... aber das tat er nicht. Er wartete fünf Jahre, er wollte dass sich das Gefühl gesetzt hat... das ich mich mit meiner neuen Familie identifiziere...


    All das tat ich, ich fühlte mich wohl, geborgen, geliebt... ich war einer von ihnen. Es war perfekt und wir waren glücklich...

    Ich war nicht Zuhause, das reiste er an und vernichtete alles... Die Burg, dass Land, meine Familie... er absorbierte sogar ihre Seelen...


    Er nahm mir alles, was mir etwas bedeutete...

    Als ich heimkehrte war meine Welt eine Ruine. Meine Familie war fort, sogar im Nexus waren sie nicht mehr zu finden...

    Kein Abschiedswort, kein letzter Blick auf eine Seele, nichts dergleichen.


    Alles was mir blieb, war ein Nachhall in der Magie... eine wortlose Botschaft...

    Eine Botschaft was mit jenen geschieht... die nicht hören wollen... die schwach sind...


    Meine Familie war zu keiner Zeit für Güte, Gnade oder dergleichen bekannt. Die meisten von ihnen liebten nur sich selbst. Manche liebten einseitig. Und die wenigstens liebten selbstlos. Jemanden von ganzen Herzen zu lieben, konnte für ihn das Todesurteil sein.


    Ich wählte das Licht, ich wählte die Schwarzfels, ich wählte Güte und Liebe. Meine Liebe war tödlich. Sie vernichtete jenen Mann und meine Wahlfamilie die ich liebte. Und so wandte ich mich vollständig von meiner Familie ab und trug den Namen, den mein Ehemann mir schenkte...


    Andogius Carantoc sa Ettainarar... starb durch meine Hand und ich tat dass, was er meiner Familie antat... ich frass ihn auf... meine Brüder hingegen verschonte ich...


    Das war ich ihm schuldig, schließlich war er es, der mich lehrte wie man mit Schwächlingen umgeht...

    Er war schwach, sonst würde er heute noch leben und meine Gebeine wären verfault...


    Er hat meine Familie vernichtet, aber er hat etwas geschaffen, womit er nicht gerechnet hat...

    Ich ebensowenig... den Jäger der Jäger, den Meuchler der Schatten...

    Ich hatte nichts mehr zu verlieren... er hingegen alles...


    Vor einer halben Ewigkeit habe ich hier unten am Ufer in der Asche gesessen und um Turhalo geweint und in seinem Namen Rache geschworen. So schließt sich der Kreis, heute stehen wir gemeinsam hier...", antwortete Horatio.



  • "Ich fühle mit dir", sagte Irving und seine Worte kamen von Herzen, was er symbolisierte, indem er seine Hand auf seine linke Brust legte.


    "Das ist der Grund, warum ich diesen Ort vorschlug. Du hast deinen Mann und deine Familie verloren, ich genau so, aber wir beide sind nicht die Einzigen. Amias machte ganz Ähnliches durch, genau wie Nicodemus. Linhard und Davard kennen es, auch Dalibor und sogar Dunwolf. Der Einzige, dem die Familie nicht entrissen wurde, ist er."


    Er nickte in Richtung Vendelin von Wigberg.


    "Außer ihm wissen wir alle, was dieser Weg bedeutet. So viel gutes Blut wurde sinnlos vergossen. Unser Blut, das unserer Liebsten, Eltern, Kinder und Freunde! Es ist wirklich an der Zeit, eine bessere Zukunft einzuläuten."