Kapitel 44 - Das Erbe von Turhalo

  • Amias blickte zufrieden in die Runde der Anwesenden. Der Pakt war besiegelt. Mit Ausnahme von Dunwolf hatten alle Ältesten zugestimmt, sich zu verbünden. Fortan würden sie nicht nur gegenseitig ihre Reviergrenzen respektieren und in einem Waffenstillstand ausharren, sondern sie würden einander beistehen. Nur eines blieb noch zu tun - den Pakt materiell festhalten. Das konnte man in Form eines Vertrages tun, doch Horatio hatte eine bessere Idee geäußert. So verabschiedeten er und Amias sich noch einmal von der nun offiziell aufgelösten Runde und folgten dem Weg zum Gipfel Meru hinauf. Die übrigen Anwesenden plauderten nun privat, sie beide aber hatten noch eine Aufgabe.


    "Wie geht es dir jetzt?", erkundigte Amias sich. "Bist du erleichert? Kannst du es überhaupt schon fassen? Ich für meinen Teil bin ausgesprochen zufrieden mit dem Verlauf. Der neue Wiggi und der kleine Eibenberg waren wohltuend vernünftig, ich denke, die beiden waren der letzte Tropfen, der noch gefehlt hat."

  • "Sagen wir mal ich bin vorsichtig optimistisch. Das alles ist noch ganz frisch Amias, es muss sich setzen. Wir müssen zusammenwachsen, so wie die Korallen. Man sieht sie als einzelne Bäume, aber inWahrheit sind sie ein gigantisches Netz. Und so müssen wir auch werden. Du, ich, jeder im Bund ist eine Koralle die man sieht. Aber im Hintergrund unsichtbar für alle anderen, da liegt der Bund verborgen. Von daher hat die Kronenkoralle eine symbolische und eine tatsächliche Bedeutung.


    Mir geht es gut und ja ich bin erleichtert. Ich freue mich, ebenso wie Du. Wolfram von Wigberg und der junge Eibenberg haben nicht viel gesagt, aber ihre Anwesenheit hat allen gut getan. Neue Gesichter die sich nun im Bund beteiligen. Es hat mich für Dalibor geschmerzt, dass er so an dem Verlust seines Bruder zu knabbern hatte. Ich hätte ihm sagen können, das sein Bruder verloren war, als er in Dunwolfs Fänge geriet. Allerdings wird er dies selbst gewusst haben. Vielleicht waren sie sich trotz allem irgendwie nahe.


    Auch wenn Dal sich unnahbar gibt, hat er doch ein Herz für seine Familie. Er zeigt es nur anders. Jeder von uns hat da seine Eigenart Amias.


    Was ich Dir persönlich sagen möchte ist... Danke.

    Danke dass Du Dir die Zeit genommen hast und für mich da gewesen bist. Es war mir eine Ehre und Freude mit Dir die Kronenkorallen und damit unsere Hoffnung zu entdecken. Ich nenne Dich Freund", sagte Horatio glücklich und knuffte Amias.


    "Wir sichern für jeden eine Koralle, ganz vorsichtig um weder das Geflecht noch die Koralle zu beschäden. Dazu benötigst Du ein extrem scharfes Messer. Nimm dies", erklärte Horatio und reichte Amias einen Dolch der scheinbar aus weißem Stahl gefertigt schien. Horatio zückte eine ähnliche Klinge und schaute sich die Korallen an.


    "Zum Schluss muss ich zu jener, die das Geheimnis hütete", bat er.

  • "Dalibor hat Marthis schon vor Jahrhunderten verloren, nicht erst letztes Jahr. Zumindest vermute ich das, es sei denn, es gelang Marthis, ein Parallelleben neben der Trinität zu führen. Deine Gedanken zu den Kronenkorallen gefallen mir, sie sind sehr weise", freute Amias sich.


    "Auch ich betrachte dich als Freund und natürlich bin ich für dich da, wenn du mich brauchst oder einfach Gesellschaft wünschst. Ich bin Amias von Wolkenhaim, aber ich bin auch Amias der Ruspante. Ich wurde vor langer Zeit in diese Rolle hineingezwungen, doch als ich die Gelegenheit gehabt hätte, ihr zu entrinnen und man mich befreite, da wollte ich das nicht. Ich wollte nur, dass Irving wohlbehalten zurück nach Hause kommt. Mit Freuden hätte ich wieder für ihn getanzt und ich bin froh, dass eine Zeit kam, da ich das wieder konnte und er mir verzieh. Doch es war nicht wieder alles wie früher. Vorher waren wir ein Paar, danach waren wir Freunde. Ich schiebe die Schuld dafür gern Thabit in die Schuhe, doch ich selbst war der Auslöser, wenn ich ehrlich bin. Ich habe es vermasselt und Thabit nahm nur den leeren Platz ein, von dem ich selbst mich zurückgezogen habe. Oh, die hier sehen gut aus, was meinst du?"


    Er zeigte auf eine Fläche junger Kronenkorallen, klein genug, um sie alle transportieren zu können.

  • Horatio schenkte Amias ein Lächeln.

    "Vielleicht tanzt Du ja einmal für mich? Nicht aus Liebe oder Lust, sondern zum Spaß? Auf unsere Freundschaft, auch wenn wir nichts zum Anstoßen haben. Man sucht gerne den Fehler bei anderen, denn so ist manches Leid erst erträglich. Bei Dir war es Thabit, der nichts anderes tat als eine Lücke zu füllen. Bei mir war es Andogius. Wie oft habe ich mich all die Jahrhunderte heimlich still und leise gefragt, ob ich nicht schuld an all dem bin? Sicher Andogius hat meine Familie hingerichtet. Aber wäre sie niemals meine Familie geworden, hätte ich aus Liebe auf all das verzichtet, wäre all das nicht geschehen. Die Liebe eines Hohenfelde Amias... meine Liebe war nicht selbstlos, denn dann hätte ich verzichtet. Ich schlug jeden negativen Gedanken in den Wind... obwohl ich es hätte besser wissen müssen. Vater drohte mir nicht, er tat das was jeder Hohenfelde zu tun pflegt, bevor er tötet - er schwieg.


    Ich wertete es bewusst falsch, ich gab mich der Hoffnung hin, dass seine Zustimmung zu unserer Hochzeit ehrlich gemeint war. Weder wollte ich auf Horatio verzichten, noch das Leben an seiner Seite. Es war so.... anders. Es war wirklich ein Leben. Die erste Zeit hatte ich sogar damit gerechnet, dass sich all das rächen wird, dass mir mein Glück in Scherben vor die Füße fällt... doch nichts dergleichen geschah.


    Und so wurde ich langsam aber sicher einer von ihnen, ein Schwarzfels. Ich lebte und liebte wie sie und irgendwann hatte auch uns der Alltag eingeholt Amias. Es war ein Alltag von dem ich jede Minute genossen habe. Und dann... als ich schon gar nicht mehr an meinen Vater und meine Ursprungsfamilie dachte kehrte ich heim und hatte meine verloren....


    In dem Moment fühlte ich.... nichts.

    Mein Geist war leer.... wie ausgebrannt... als hätte Andogius mich ebenfalls geholt...

    Auf gewisse Weise hat er das auch.


    Erst mit dem tatsächlichen Begreifen kam der Schmerz Amias.... und er kostete mich einiges....

    Andogius und seine Brut kostete er alles.


    Noe... Noe Chirabeu fragte mich einst vor einer halben Ewigkeit als ich in düsterer Stimmung war, ob ich die Person vermisse, die ich einst war. Oh ja, ich vermisste den Horatio Schwarzfels, jenen Mann der gelernt hatte in anderen das Gute zu sehen und zu helfen. Doch mein Vater lehrte mich, dass es immer jemanden gibt, der Dein ganzes Leben binnen eines Atemzuges in Scherben schlagen kann...


    Warum sollte ich nicht dieser jemand für die Hohenfeldes sein, die dem Pfad der Pein folgten?

    Sie wollten Schmerz, sie bekamen ihn. Sie haben vielleicht Schwarzfels vernichtet Amias, aber sie schufen damit den Jäger der Jäger. Ob das in ihrem Sinne war? Als Andogius fiel, fiel auch ein Teil von mir ab.... ich tat das alles nicht für mich oder meine Rache... ich tat es für meine Familie. Ich habe sie rückwirkend geschützt, habe versucht das zu beschützen was ihnen lieb und teuer war, für ihre Werte eingestanden und ihren Namen in die Welt hinausgetragen. Er sollte niemals in Vergessenheit geraten. Fünf Jahre waren Turhalo und ich zusammen Amias, ich habe diesen Mann über alles geliebt.


    Nun am Ende hat Turhalo doch gesiegt, seine Kronenkorallen haben das Leben auf diese Insel zurückgebracht und mir ein klein wenig meines Mannes. Ich werde das Päckchen nachher in Ruhe untersuchen.


    Nun habe ich Dir einen halben Roman an den Kopf geworfen... verzeih...


    Die Koralle sieht gut aus. Schneide sie vorsichtig frei und reiß sie nicht aus dem Boden. Du darfst ihr Geflecht nicht mehr als nötig verletzten. Nachdem Du sie entnommen hast, schaufele das Loch schön wieder zu, damit das Geflecht nicht offen liegt. Legen wir los", schmunzelte Horatio.

  • "Natürlich kann ich für dich tanzen", antwortete Amias leichthin, während er sich niederkniete, um die erste kleine Koralle freizustechen. "Aber ohne Lust und Liebe funktioniert das nicht. Niemand kann dich zwingen, beides zu empfinden, aber genau so wenig lässt sich verhindern, dass ich es tue."


    Während sie arbeiteten, erzählte Horatio von sich, von seinen Gefühlen für Turhalo, aber auch von dem, was er tat, nachdem alles vernichtet worden war.


    "Ich denke schon, dass in Andogius´ Sinne war, was du getan hast. Denn du hast gehandelt wie der Sohn, den er sich wünschte. Du hast den Dunklen Pfad weiter beschritten, den er dir vorgegeben hatte. Schrecklicher für ihn wäre gewesen, du hättest ihm vergeben. Doch was hättest du damit erreicht, außer ihm eins auszuwischen? Er wäre noch da, der Mörder, samt seiner Mörderbande. Was ich mich frage ... wenn du sie alle getötet hast, wie überlebte Hohenfelde bis heute? Wie kamen sie nach Asa Karane?"

  • "Du darfst beim Tanzen fühlen was Du magst, aber ich möchte den Tanz genießen... und vielleicht tanze ich gemeinsam mit Dir. Was immer Du benötigst, damit es funktioniert... Du sollst es haben. Nun fast, ich werde nicht gegen Alexandre handeln und Du auch nicht Amias.


    Ich denke Du hast Recht, es war in Andogius Sinn, was ich letztendlich tat. Wie viele der Väter waren stolz, wenn sie von einem ihrer Söhne gefällt wurden? Eine Perversion des Wortes Familie, dass haben die Hohenfeldes gelebt und lebten es bis heute. Die ganze Sippe lebte es und wir haben dem heute gemeinsam ein Ende bereitet Amias.


    Wie kommst Du darauf, dass ich alle tötete? Weil ich sagte ich tötete Andogius und seine Brut? Mit Brut sind seine Getreuen und seine Anhänger gemeint. Ich tötete jene, die an der Hinrichtung meiner Familie beteiligt waren. Aber ich tötete nicht alle meine Geschwister.


    Du kannst meine Ursprungsfamilie nicht kennen Amias, zu dieser Zeit warst Du noch lange nicht geboren. Meine Eltern waren...


    Andogius von Hohenfelde und
    Mialqise Rallsag sa Ettainarar... eine gebürtige Wigberg.

    Die Zweitfrau meines Vaters hieß Naveersy und war eine der letzten Amarthar.

    Meine Schwestern hießen...

    Milena Emlahe und Halina Sarkanlee.


    Meine Brüder hießen...

    Shannur Fanger,

    Mighal Valmar,

    dann folgte ich Horatio Nectovelius...


    Meine Halbbrüder hießen

    Moror Lichius,

    Rokhim Mangpurlius,

    Askarlee Damhius,

    Correira Jattarius,

    Jarlan Kantokherius.


    Überlebt haben meine Brüder Mighal, Rokhim und Correira, sowie meine beiden Schwestern", erklärte Horatio freundlich und strich Amias über den Kopf.


    Der Lichte folgte dem Pfad, bis er erneut vor der ersten Korallenkrone stand. Jener Koralle die das Geheimnis für ihn all die Zeit gehütet und auf diesem ganz besonderen Ort überdauert hatte. Horatio hockte sich vor die große Koralle auf den Boden. Er schloss die Augen und legte beide Hände flach und sanft auf ihren Stamm.


    `Hallo´, übermittelte er schlicht und liebevoll.



  • Amias lachte freundlich. "Ach nein, keine Sorge, ich hatte nicht vor, dir den großen Segen zu schenken in solch einem Umfeld. Was das angeht, muss ich zuvor mit Alexandre sprechen, inwieweit ich überhaupt noch segnen darf. Darf ich noch Ruspante sein? Ohhh ..."


    Amias wurde traurig. Er liebte seine Aufgabe und fragte sich, was er tun sollte, würde Alexandre zur Bedingung machen, dass der körperliche Teil der Segnungen nicht länger geschenkt werden durfte. Vielleicht würde er es so sehen müssen, dass Alexandre allein all seinen Segen geschenkt bekam, so wie einst Irving? Dass er der Seelenheiler einer sehr bedürftigen Person war, so dass für andere nichts übrig bleiben durfte?

  • Horatio spürte, dass die Kronenkoralle lebte. Sie war nicht nur ein holziges Etwas, sondern voll lebender Essenz. Als er seine Hände etwas länger auf ihr Ruhen ließ, blitzten Bilder auf, die sie gespeichert haben mochte. Wind, Wetter, Gezeiten ... der Nordwind, der Südwind. Die Jahre gingen vorüber. Schwarzfels erhob sich und versank.


    Und dann hörte das Wechseln auf, ein Bild brannte sich fest und schien zum Leben zu erwachen. Horatio sah in seinem Geist Turhalo, wie er mit einer Koralle und einer Schriftrollenkapsel durch die Asche rannte. Es sah aus, als hätte er alles auf die Schnelle zusammengerafft, auch seine Kleider waren jene, welche er zum Schlafen trug. Zu diesem Zeitpunkt war Turhalo bereits erblindet und sein Haar weiß, er sah nicht mehr aus wie zu dem Zeitpunkt, als Horatio ihn kennengelernt hatte. Magie hatte den Mann verbrannt.


    Im Zentrum des Ritualzirkels blieb er stehen und blickte mit blinden Augen hinauf zu Alvashek, der Sonne, die er angebetet hatte und flehte ein letztes Mal um Hilfe, als ein magischer Schlag ihn zu Boden schleuderte. In der Asche blieb er liegen, ohne sich noch einmal zu regen. Turhalo stand nicht mehr auf, doch der Setzling starb nicht ... er grub sein Mycel in den Leichnam und in den Boden. Sie Wuchs, die Knochen verschwanden in ihrem Inneren. Horatio erkannte den Pilz. Es war die mächtige Koralle, die heute hier stand, die größte und prachtvollste von allen, die er soeben berührte. Die Bilder zitterten, wechselten in rascher Folge, als würde der Pilz sich an alles erinnern, was sich hier abgespielt hatte. Bilder des gemeinsamen Lebens von Horatio und Turhalo blitzten auf, Horatio spürte ein fassungsloses Unverständnis, ein Schreien ohne Laut. Und dann, anstelle von Bildern - Worte.


    'Horatio!', rief eine lautlose Stimme. 'Ich bin es, Turhalo!'

  • Horatios Finger schlossen sich fester um den Stamm, als die Koralle ihn mental durch die Zeit führte. Sie hatte die Erinnerungen dieses Ortes gespeichert, sie hatte "gesehen" was hier geschehen war und nun sah er es. Er sah wie sein blinder Mann fliehen musste. Seine Kleidung war dass, was er am Leib getragen hatte. Alles was er sonst bei sich trug, hatte er auf die Schnelle gegriffen. Dort wo sie sich das Ja-Wort gegeben hatten blieb er stehen. Dort wo Horatio selbst zum ersten Mal in seinem Leben die Sonne gesehen hatte, dort stand sein Mann und erflehte den Segen Alvasheks. Nun musste er sich selbst Davards Worte bedienen... wo war dieser Gott als sein Ehemann ihn so dringend benötigte?


    Er war nicht da....

    Er schwieg....

    Und Turhalo fiel....


    Unsäglicher uralter Schmerz schnürte Horatio die Kehle zu, wäre sein Vater noch am Leben hätte er es erneut beendet.

    Ein Schlag streckte den Mann nieder, den er von Herzen geliebt hatte und immer noch liebte...


    Sein weißer Körper blieb in der dunklen Asche liegen...

    Weiß gefällt vom Schwarz und zurückgelassen im alles verschlingenden Grau...


    Doch der Pilz, die kleine Koralle die er bei sich getragen hatte umarmte seinen Mann in einer letzten liebevollen Umarmung. Sie absorbierte seinen Leib und konservierte ihn damit für die Ewigkeit. Sein Tod schenkte der ersten Kronenkoralle auf dieser toten Insel leben. Selbst im Tode war Turhalo noch seinen Prinzipien treu...


    Er sah Bilder von ihrem Leben, von der Zeit wo sie gemeinsam glücklich gewesen waren. Ein Leben dass nicht schöner hätte sein können, es war ein gutes, wertes und anständiges Leben gwesen. Eins auf das man stolz sein konnte und wo man glücklich war.


    Die Koralle schrie lautlos auf...

    Horatio schrie laut.


    Die Bilder verblassten, stattdessen Worte... Worte die seine Welt aus der Asche hoben. Auferstanden aus Ruinen... Turhalo.


    `Du?!?´, flüsterte Horatio und umarmte Turhalo mental. Dabei legte er all seine Liebe in die Umarmung seines Mannes.

  • 'Ich bin es', antwortete die Wesenheit voller Glück. 'Da suche ich auf ganz Asamura nach dir, grabe mein Geflecht durch Erde und Sein, strecke es in alle Richtungen ... und finde dich hier, wo alles begann. Wie geht es dir und wie ist es dir ergangen? Bist du glücklich?'


    Horatio bekam das Bild einer Umarmung vermittelt, Turhalo in seiner Gestalt, die er vor dem Tode innehatte, ein Mann mittleren Alters, unnatürlich früh mit weißem Haar , einem gepflegten Dreitagebart und blinden Augen.

  • Horatio schwieg eine Weile verbal und auch mental. Er ließ die Bilder auf sich wirken und genoss die Umarmung seines Mannes.


    `Das ich hier bin ist ein Zufall. Irving hat diesen Ort erwählt um das Konzil der Ältesten abzuhalten. Damit Du verstehst meine Sonne, es ist unendlich viel Zeit vergangen. Unsere Welt versank in Asche Turhalo und scheinbar mit ihr unsere Träume. Viele andere siedelten nach Asa Karane um. Eine Insel auf der es kein Leben gab, aber es wurde Leben geschaffen. Ich spürte Hoffnung, aber sie war vergebens. Denn die Häuser wuchsen, das Leben blühte auf und es endete genau wie in Caltharnae. Die gleichen Ränke, die gleichen Kriege um die gleichen Rohrstoffe.


    Bis dato war den anderen nur die Insel Asa Karane bekannt, aber ich war weiter gezogen, ich suchte einen Ort wo ich mich heimisch fühlen konnte. Ich fand ihn in Souvagne. Sie sind Euch ähnlich Turhalo, stolz und stur. Es gab auch dort eine Zeit der Finsternis, das Leben der Almanen wurde bedroht. So nennt man diese Menschenvölker die dort ganz ähnlich lebten wie wir. Sie wurden von einem Volk aus der Wüste bedroht und so schenkte ich ihnen Wissen. Das Wissen um die Totenlehre, sie nennen es Nekromantie.


    Sie konnten die Feinde abwehren, aber das hatte einen Preis, die Nekromantie verbreitete sich als Wissen auch unter ihren Feinden. Nun wer im Kampf eine Waffe findet, beschwert sich nicht, dass sie schmutzig ist.


    Asa Karane versank ebenfalls in toter Asche, während ich in Souvagne weilte. Ich hatte versucht einem aus meiner ehemaligen Familie beizustehen. Es gelang mir, nur um ihn dann doch an die Finsternis zu verlieren. Sein Name war Indutiomarus. Er hatte mehrere Söhne, einer davon - Dunwolf schaffte es sich nach dem Untergang Asa Karanes mit seinen Männern nach Asamura abzusetzen. Also dem Kontinent auf dem ich lebte. Aber es gelang nicht nur ihm, sondern auch einigen anderen. Thabit von Wigberg, Irving und wie sie alle heißen.


    Heute Turhalo sind diese Männer Älteste... Ur-Lich. So wie ich selbst einer weit vor ihrer Zeit wurde.


    Diese Männer standen sich gegenüber als Konkurrenten und dennoch gehören sie einer Sippe an. Und einige von ihnen haben beschlossen, dass wir als die Familie leben sollen, die wir auch sind. So wie es Familien wirklich tun. Irving wählte diesen Platz um allen zu zeigen, wohin diese Kriege führen können, wenn wir uns nicht einigen.


    Caltharnae fiel, Asa Karane fiel, was wenn ebenso Asamura fällt?

    Wir haben keinen Plan B mehr Turhalo, wir müssen diese Welt vor uns selbst retten. Und heute haben wir genau das getan. Ich bin in den Schoss meiner Familie zurückgekehrt, aber nicht als Hohenfelde, sondern als Schwarzfels. Diese Insel war einst tot, aber die Korallen schenkten ihr neues Leben. Du hast Deinen Traum sogar nach Deinem Ableben verwirklicht. Und dies wollten wir uns als Beispiel nehmen. Ein großes Ganzes wie das Geflecht der Korallen und dennoch einzelne Männer. Wir gehören zusammen und stehen uns bei. Ich hoffe dass dies eine neue Zeit einläutet. Nur einer schloss sich unserem Bund nicht an - Dunwolf.


    Das zur Erklärung warum ich hier bin.


    Wie es mir ergangen ist? Tja... ich kam heim und Ihr wart fort. Du, Vater, Mutter, alle... sogar die Burg und das Leuchtfeuer. Ich habe Euch im Nexus gesucht, aber auch dort war keine Spur mehr von Euch zu finden. In dem Moment starb ich auch Turhalo. Wiedergeboren wurde ich im gleichen Augenblick als jemand anderes. Fortan jagte ich sie in Eurem... unserem Namen. Ich tötete Eure Mörder und ich töte sie heute noch... also jene die ihren Wegen folgen ob in der Physis oder im Nexus.


    Es gab keine Minute in der ich Dich nicht vermisst hätte. Ich habe gelernt was Einsamkeit bedeutet Turhalo und wie sich Kälte anfühlt. Aber das hätte Vater gefallen, nicht Dir. Also hielt ich mich an Deine Lehren. Ich wurde der Lichte der Jäger der Jäger... und ich versuchte Deinen Namen in der Welt zu halten, auch wenn es keinen mehr von Euch gab. Ich war nur angeheiratet, aber ich trug unseren Namen mit Stolz.


    Unsere Burg habe ich erneut geschaffen... Der Tempel des Lichts Turhalo. Er gleicht unserer alten Burg und Dir, meine Sonne. Nur leider ist er leer und wartete stets auf Eure Rückkehr, von der ich wusste das sie nie stattfinden würde. Ich fand neue Gefährten, ich zeugte Kinder und dennoch war es niemals wieder wie zuvor. Etwas... jemand fehlte - Du.


    Ich habe den Zylinder gefunden, den die Koralle all die Zeit für mich verwahrt hat. Du hast ihn verwahrt. Lies meine Gedanken, sieh Dir an was ich gesehen habe, über all die Zeiten hinweg. Ich kann Dir nicht beschreiben wie glücklich ich gerade bin´, antwortete Horatio.

  • 'Mein Geliebter', sagte Turhalo und Horatio konnte spüren, dass sie das gleiche Glück teilten. Turhalos Freude fühlte sich an wie warme Sonnenstrahlen an einem Wintertag, die sich sanft auf die Haut legten. Turhalo sprach wie damals noch im uralten Altasameisch, wie man ihre Sprache heute nannte, nicht wissend, dass es zwei unterschiedliche Sprachfamilien waren, die wenig miteinander zu tun hatten.


    'Es war nur mein Körper, der starb. Meine Zeit als Sonnenhund war noch nicht angebrochen. Mit mehr Glück als Verstand fand meine Seele ihren Weg ins Innere der Kronenkoralle, die dafür gezüchtet wurde, Blut als Nährboden zu absorbieren. Es muss aufgrund des magischen Schlages, der mich erwischte, eine Wechselwirkung gegeben haben. Über das Blut fand meine Seele den Weg ins Geflecht. Als mein Bewusstsein wieder erwachte, war es an dieses Pilzwesen gebunden. Und so blieb mir nur eine Möglichkeit, um dich zu suchen - ich musste wachsen. Und das tat ich. Als die Jahre verstrichen und ich die Hoffnung verlor, dich noch einmal lebend zu sehen, suchte ich nach deinen Nachfahren. Gleichzeitig musste ich darauf achten, nicht von Hohenfelde gefunden zu werden, denn es stand zu befürchten, dass sie beenden würden, was ihr Vorfahre begonnen hatte.


    Ich suchte, doch ich kam langsam voran und ich fand dich nicht. Ist es nicht merkwürdig, dass der Kreis sich hier an der Stelle schließt, wo du das erste Mal Alvasheks Licht sahst? Hier, wo wir uns das Ja-Wort gaben? Hier, wo ich starb? Das Sonnenrad des Schicksals, Horatio ... Alvashek erfüllte meinen letzten Wunsch, noch einmal dein Gesicht zu sehen. Dass es einst so geschehen würde, damit habe ich nicht gerechnet.'


    Und nun klang Turhalo bei aller Freude traurig.


    'Dass Caltharnae und Khilar in Asche versinken würden, war leider vorhersehbar. Auch Asa Karane musste diesen Weg nehmen und Asamura wird folgen, wenn Euer Konzil keinen Bestand hat. Irving von Kaltenburg also war es, der diesen Ort vorschlug? Das ist kein Wunder, wo seine Familie doch so eng mit der von Ledvico verwoben ist. Du weißt, dass Ledvico hier seinen Ursprung hatte? Es sind die gleichen Ledvicos, die heute in Ledwick leben. Während ihr auf Asa Karane floht vor der Asche, so nahmen sie einen anderen Weg.


    Den Tempel des Lichts hast du errichtet? Warum er leer war, das ist leider offensichtlich, mein Liebster ... weil du den Weg deines Vaters gegangen bist, den Weg der Rache. Doch hättest du sie wirklich retten können? Es tut mir von Herzen weh, dass Indutiomarus scheiterte und du mit ihm. Gab es je Erfolge? Zeiten des Friedens und Zeiten des Miteinanders?'


    Turhalos Seele schmiegte sich noch fester an die von Horatio, sie kroch sanft um sie herum, so weit sein Trägermedium es zuließ. Und wenn Horatio hinaufblickte, konnte er sehen, dass auch die Kronenkoralle ihre Krone um Horatio herumzuwickeln begann.


    'Zeig mir deine Gedanken, Horatio, ich bin froh, dass dein Dasein nicht nur Leid war und du wieder lieben konntest. Was geschah mit dem Haus Mejitai?'

  • `Nein es gab keine großen Erfolge, wo es eine Zeit des Miteinanders gegeben hätte. Einzelnen war das Glück möglich, wie einst Dir und mir. Es haben einige versucht den Pfad der Finsternis zu verlassen. Aber jene die ihm folgen waren stets zu zahlreich. Zuletzt hatten es zwei Hohenfeldebrüder versucht und nach ihnen der Sohn eines der Brüder. Die Brüder heißen Ansgar und Davard und der Sohn Ansgars heißt Linhard. Leider ist er vom Konzil abgereist. Aber ich denke, er wird sich dem Bund anschließen, denn es war ebenso sein Wunsch. Dies hier ist eine Premiere, die wir weise nutzen müssen Turhalo. Das erste mal wo die Familie sich wirklich eint, bis auf eine Ausnahme - Dunwolf.


    Dann sei dem so, aber irgendwann werden es alle sein. Vorrangig wichtig ist, dass ein Großteil schon dabei ist. All die Jahre hatte ich mich zurückgehalten und mich meiner Aufgabe gewidmet. Dabei habe ich selbst so manchen und manches aus den Augen verloren. Davard fragte in der Verhandlung zum Konzil, wo wir waren als er uns benötigte? Wo kann ich Dir nicht sagen Turhalo, nur ich war genauso wenig da um ihn zu beschützen wie alle anderen. Und hätte ich es nicht besser wissen müssen, allein wegen Indutiomarus? Was geschehen ist, kann ich nicht ändern, so leid mir manches tut. Aber ich kann es zukünftig besser machen.


    Du hast Recht, so wie immer meine Sonne. Hier haben wir uns gefunden, hier gaben wir uns das Ja-Wort. Hier hat man uns getrennt und hier wurdest Du gesichert. Und wie könnte es anders sein, so haben wir hier auch wieder zusammengefunden. Ich werde auf Dich aufpassen Turhalo. Die Frage ist nur wie... wie soll ich das anstellen?


    Soll ich eine Feste um Dich herum errichten? Soll ich Dich abschirmen? Oder möchtest Du weiter Wind und Wetter auf Dir spüren? Ich möchte bei Dir sein Schatz, ich weiß nur nicht wie.


    Die Mejitai... die Wigbergs sie leben. Indutiomarus war mit Ditzlin von Wigberg verheiratet. Er schuf aus Blut, Magie und Liebe ein Kind. Nicodemus. Er sprach sich gemeinsam mit Irving dafür aus, dass wir endlich als Familie zusammenwachsen. Er vereint die Härte der Hohenfeldes und die Weitsicht der Wigbergs. Irving ganz ähnlich, er ist ebenso ein Wigberg wie sein Mann Thabit. Sie mögen teilweise Schlangenzungen sein meine Sonne, aber sie wissen was Familie ist. Und jeder von ihnen möchte leben und das Leben erhalten. Warum? Tja da hat jeder seine Gründe. Aber das sie es wollen, ist ein Schritt nach vorne.


    Das Ledwick einst seinen Ursprung hier nahm, war mir bekannt, aber ich habe nicht weiter darüber nachgedacht. Kaltenburg und Ledwick, beide lieben die See, so sagt man doch.


    Du hast mich gesucht... auf die einzige Weise, die Dir möglich ist. Du bist gewachsen und hast Dich ausgebreitet.

    Ich habe Dich so vermisst meine Sonne.


    Was geschieht mit den Korallen, die wir entnehmen? Ist das in Ordnung? Oder verletzen wir Dich damit? Weißt Du was Zapfer sind?´, fragte Horatio und drückte sich auch körperlich ganz fest an Turhalo.

  • Horatio wurde von der weißen Kronenkoralle nun umschlungen, doch der Fruchtkörper des Pilzes presste ihn nicht, sondern hielt ihn so sanft wie eine menschliche Umarmung es würde. 'Liebling, du unterliegst einem Irrtum. Dies ist nur ein Fruchtkörper. Ich aber lebe vor allem im Geflecht, im Myzel, das den Boden durchdringt. Wenn diese Kronenkoralle fällt, geschieht mir nichts. Bedient euch nur, ich bin froh, wenn meine Botschaft auch heute noch Relevanz besitzt.


    Ja, die Zapfer habe ich gespürt, als mein Bewusstsein diesen Weg einst nahm. Aber sie saugen Leben und das wollte ich nicht, so dass ich mich zurückzog und sie sich selbst überließ. Vielleicht spürt man dennoch hin und wieder Nachwirkungen meiner Präsenz, denn alle Korallen, die mit dem Geflecht verbunden sind und auch viele Bäume sind bereits Teil meiner Wahrnehmung, da sie in Symbiose mit den Korallen stehen. Nur in Souvagne, da war ich noch nicht. Dass Andogius mein Geschenk pervertierte in ein solch aggressives Geschöpf, erfüllt mich mit Schwermut. Es ist schwer, gegen so viel Dunkel anzukommen.


    Dass Mejitai - Wigberg? - noch existiert, macht mich, ob du es glaubst oder nicht, froh. Denn bei allem, was uns angetan wurde, war es bei ihnen kein Hass, der sie trieb, sondern Liebe. Darin hat Kyashar sa Mejitai sich von Andogius sa Ettainarar unterschieden.


    Weißt du, welcher Gedanke mich umtreibt, mein Herz? Wenn du Hohenfelde bis heute bekämpft hast und sie doch auch einst schütztest, warum möchtest du nicht an Dunwolfs Stelle die Geschicke ihrer Familie lenken? Wäre das ein Weg?'

  • `Das Du Dich über das Überleben der Mejitai freuen würdest, war mir bewusst. Anders kenne ich Dich nicht. Dein Vertrauen ehrt mich zutiefst meine Sonne, aber ich hatte mich von den Hohenfeldes abgewandt. Ganz wohl nicht, sonst hätte ich nicht einzelnen beigestanden. Jedenfalls jenen wo ich vermutete, sie würden eine Änderung bewirken. Zum Schluss nicht einmal mehr jenen. Ich gab sie auf, ob das nun fair ist oder nicht, aber irgendwann war ich müde Turhalo. Zudem ist es wesentlich leichter einen Feind einfach niederzumachen, als jemandem die Hand zu reichen und ihn zu retten. Letzlich sind alle denen ich die Hand reichte trotzdem gescheitert. Und irgendwann habe ich es nicht mal mehr versucht. Ich war müde, erneut jemanden scheitern zu sehen.


    Welches Recht hätte ich unsere Familie zu führen? Ich der sich bewusst abwandte und Deinen Namen trägt? Dunwolf spricht nur für einen Teil der Hohenfelde, aber für härtesten und finstersten Teil. Möglicherweise wäre es sogar ein Weg, den Du vorgeschlagen hast. Aber ich wüsste nicht wie ich das anstellen sollte, außer mir seinen Platz zu erkämpfen. Früher war er zu dritt, nun ist er allein.


    Die Zapfer leben auch in Asa Kramaro Dai, der Feste von Nicodemus. Dort wird ebenfalls eine Koralle hinziehen. Du wirst sie um Dich haben. Ich hoffe das ist Dir Recht und Du kommst damit klar.

    Die Natur der Pilze, wie leicht vergisst man, dass der eigentliche Pilz das Geflecht ist. Ich werde eine Koralle mit nach Souvagne nehmen, so dass Du auch dieses Land kennenlernst. Es wird Dir gefallen. Ich werde den Duc bitten, dass Du im Palastgarten stehen darfst. Aber verrate mir, wo ich verweilen soll. Hier bei Dir, oder wie soll ich Dich mitnehmen? Wir können uns nicht erneut trennen´, antwortete Horatio und strich liebevoll und behutsam über die Koralle.

  • "Wenn Dunwolf fällt, gemeinsam mit der Frau, welche sie die Baronin nennen, wären die Hohenfeldes auf sich allein gestellt. Sie hätten ihre Chance, noch einmal von vorn zu beginnen, ohne einen Ältesten, der sich als Gott der Schmerzen aufspielt. Würden sie den Weg gehen, den Linhard einschlug oder würden sie weiter dem alten Dunkel folgen? Ich fände es gut, wenn du sie nicht einfach sich selbst überließest. Erinnere dich daran, wie meine Hände dich fingen, anstatt dich fallen zu lassen, als Ettainarar für dich nicht mehr tragbar war. Was wäre mit dir geschehen, wäre da niemand gewesen?


    Mein Liebling, mein Herz, was du hier siest, bin nicht ich. Dies ist nur mein Haus. Das Geflecht reicht hinüber bis auf den Kontinent, da die Kronenkorallen auch dort ihre Heimat gefunden haben. Sagt dir der Dämmerwald etwas? Dort habe ich meine größte Manifestation, die man als Ardemia kennt. Du kannst mich mitnehmen, indem du eine der Korallen dort pflanzt und pflegst, wo du wohnst, dann kann ich immer bei dir sein. Der Palastgarten wäre ein wundervoller Ort. Meiner Natur nach bin ich vielleicht als ein Lich zu werten, doch aufgrund dieses Körpers muss ich niemandem schaden, um zu überleben, sondern nähre mich von dem, was der Pilz langsam selbst synthetisiert."

  • "Wie immer sprichst Du weise Worte meine Sonne. Ohne Dunwolf und Mabel, wären die Hohenfelde frei für eine neue Führung. Bedenke aber eines, alle heutigen Hohenfelde kennen und folgten diesem Weg, sogar Linhard. Mehr noch, einst folgte sogar ich diesem Weg. Es wäre meine Aufgabe dafür Sorge zu tragen, dass der alte Weg nie wieder beschritten wird und dass die kommenden Generationen mit dem neuen Weg aufwachsen.


    Was mit mir geschehen wäre? Dass was mit jedem Ettainarar geschah, der dunkle Pfad hätte mich verschlungen. Was Du Dir im Herzen wünscht Turhalo, spielt irgendwann keine Rolle mehr. Du musst es entweder zur Seite schieben und Dir sagen, dass es so ein Leben niemals für Dich geben wird. Die Frage ist, kannst Du es einfach zur Seite schieben? Wirst Du die Entscheidung die im Grunde gar nicht Deine ist akzeptieren? Falls ja, hast Du es gut. Die meisten sehnen sich nach Nähe, aber geben es niemals zu. Heuchlen ihr Leben lang Unabhängigkeit, Stärke und Brutalität, damit bloß niemand hinter die Maske schaut und die vermeintliche Schwäche entdeckt. Bei anderen wiederum bahnt sich der Frust seinen Weg durch Brutalität. Du weißt wie meine Familie ist.


    Du weißt was man unserem Haus nachsagte - greift Dich Ettainarar an.... flieh... schau nicht zurück.... lauf... solange Du noch laufen kannst....


    Das sagte man unserem Haus nicht umsonst nach, dass wir über unsere Feinde kommen, wie eine Naturgewalt die nicht aufzuhalten ist. Nun vielleicht wären wir das, aber niemand war so wahnsinnig es herauszufinden und sich meinen Leuten zu stellen. Denn der Preis ist gewaltig hoch. Zumindest würde der mutige Streiter mit dem Leben bezahlen.


    Also was aus mir geworden wäre? Ein verbitterter, sadistischer Hexer der in einer Familie lebt und in deren Mitte einsamer ist, als wäre er allein irgendwo draußen auf einem schroffen Felsen. Deine Familie war so anders... in ihrer Mitte war es so... ich weiß nach all den Jahrhunderten immer noch kein Wort dafür... In Eurer Mitte habe ich erst gemerkt, was mit uns nicht stimmt Turhalo. Und das Schönste war, ich durfte einer von Euch werden. Bis heute bin ich es geblieben meine Sonne.


    Dein Haus, genau hier an jenem Ort wo wir uns das Ja-Wort gaben hast Du den Grundstein gelegt. Für mich, für uns beide, für die Korallen und die Zukunft. Du warst schon immer ein kluger Kopf, Du hast Dein Wissen und Deine Fähigkeiten stets für den Erhalt eingesetzt. Für das Leben und dessen Schutz, nie dagegen. Das hat mir stets imponiert und ich habe versucht ein guter Schüler zu sein.


    Ja der Dämmerwald sagt mir etwas. Er liegt auf der anderen Seite der Azursee, fast Souvagne gegenüber. Ich werde eine Koralle mitnehmen und den Duc bitten, Dich im Palastgarten pflanzen zu dürfen. Falls Dich mehrere Entnahmen nicht zu sehr schwächen, würde ich auch gerne eine in der Akademie des Wissens pflanzen. Du sollst in meiner Heimat ebenfalls wachsen und gedeihen. Du bist also Ardemia, schau an. Hätte ich es nur gewusst, hätte ich zu Dir Kontakt aufgenommen. Das muss ich Dir nicht sagen, dass weißt Du so.


    Es ist eine Ewigkeit her, dass ich mich derart gut fühlte wie in diesem Augenblick. Ich hielt Dich für verloren.... vollständig verloren. Nicht mal im Nexus warst Du zu finden.... ich hätte Dich beschworen Turhalo, allein um Dir Lebewohl zu sagen und Dir meine Liebe mit auf die Reise zu geben... wenigstens ein letztens Lächeln. Aber selbst das haben sie mir verwehrt... jedenfalls dachte ich das.


    Und nun hocke ich hier vor einem Pilz... der mein Mann ist...", lachte Horatio glücklich.

  • 'Mir geht es genau so, mein Liebster, ich habe dich nie gefunden - aber du fandest mich! Und dass während dieses Konzils, das muss ein Zeichen Alvasheks sein, da ich nicht an Zufälle glaube.


    Dass du mich in diesem Geflecht nicht wahrnehmen konntest, war mein größter Schutz, denn anders hätte ich nicht überlebt. Dein Vater konnte meine Seele genau so wenig wahrnehmen und die Korallen nicht anzapfen, da er nicht wusste, wie. So blieb ich verschont. Du kannst so viele Korallen entnehmen, wie du möchtest, es müsste schon eine regelrechte Rodung stattfinden, um mich dadurch zu beeinträchtigen. Selbst in einem einzigen Pilz könnte ich noch überleben, nur wäre meine Wahrnehmung dann rudimentär.


    Hohenfeldes sind so wunderschön und schrecklich wie die Sturmvögel, welche die Sonnenhunde begleiten. Schwarz sind ihre Schwingen und Schwarz ist euer Haar. Ihr seid das reinigende Gewitter, das nicht immer vernunftvoll über die Menschen hereinbricht. Du siehst dich schlechter, als du bist, genau wie deine Familie. Wie sehr der Sturm auch toben mag, über der schwarzen Wolkendecke scheint stets die Sonne. Auch hinter dem Dunkel von Ettainarar schlägt ein lichtes Herz, das lieben und geliebt werden will. Selbst in der Brust eines Egoisten wie Dunwolf.'

  • `Die Beschreibung von meiner ehemaligen Familie ist wundervoll poetisch. Ja ich denke ein Großteil von ihnen wünscht es sich lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Aber sie versagen es sich selbst, weil nicht sein kann was nicht sein darf. Sie sind nicht böse Turhalo, es sind zerbrochene, zerstörte Seelen die genau diese Bürde an die nächste Generation weitergeben.


    Dieses Unheil schimpfen sie Tradition. Es wäre gelogen zu behaupten, dass die meisten keinen Gefallen daran finden, Schmerzen zu bereiten. Ein ewiger Kreislauf, ich habe gelitten und nun lasse ich andere leiden. Denn wenn man nicht geliebt wird, wird man wenigstens gefürchtet und gehasst. Ein ebenso befriedigendes Gefühl... das sagen sie sich. Es gibt keinen größeren Trugschluss, wie ich in Deinen Armen erfahren durfte meine Sonne. Denn Du warst genau das, meine Sonne in einem lichtlosen Abgrund. Zu Anfang habe ich Dich gefürchtet, Du hast mir Dinge gezeigt die ich nicht kannte... nicht verstand...
    Und besonders beängstigend war, dass ich sie so gern verstanden hätte...


    Ich kann Dir nicht sagen, wo und wann der finstere Pfad begann.

    Doch ich hoffe ich kann Dir sagen wann und wo er endete.


    Gut dass Du nicht gefunden werden konntest. Mein Schmerz oder die Gefahr Andogius hätte Dich doch noch erwischt? Die Frage erübrigt sich meine Sonne. Ich werde einige Korallen bergen und Dich in Souvagne pflanzen. So sind wir uns stets nahe, ich liebe Dich Turhalo von Schwarzfels. Ich hoffe dort wird Dir der Boden so gut schmecken, dass Du dort auch wächst und Dich ausbreitest.


    Sobald der Duc weiß, wer Du bist, was Du bist, wird er Dich willkommen heißen und Du wirst im Schutze Souvagnes leben Turhalo. Ich werde mich gut um Dich kümmern, Du wirst dort zu einem weiteren Wald heranwachsen.... dem Hein der Hoffnung Schatz´, erklärte Horatio und strich über die Koralle.

  • Turhalo schwieg und Horatio spürte, wie das Glück ihn durchströmte. 'Der Hain der Hoffnung ... was für ein wundervoller Gedanke. Lass die Magier des Landes, in dem ich Gast sein werde, die Setzlinge überprüfen. Sie sollen wissen, dass nichts Schädliches in mir liegt, im Gegenteil. Wenn sie die Kronenkorallen hegen, werden die Fruchtkörper als Speicher magischer Essenz zur Verfügung stehen und können zum Wohle der Bevölkerung und zum Schutz des Landes eingesetzt werden. Und wer es wünscht, kann Zwiesprache mit einer alten Seele führen, die erlebte, wie Licht und Dunkel sich vermählten und am Ende doch überlebten.


    Ich liebe dich auch, Horatio, mein Herz, mein Leben. Und ich hoffe, dass ich dereinst auch die Geschichte davon erzählen kann, wie alle Frieden fanden und Ettainarar das Glück.'