Kapitel 46 - Wenn der Aal auftaucht

  • Wenn der Aal auftaucht

    Vendelin hatte seine eigenen Schlüsse aus dem Konzil gezogen. Zusammenhalt der Ältesten, schön und gut, interessanter waren die neuen Möglichkeiten, die sich eröffneten. Das stille und unerkannte Raubtier in ihm regte sich. Der Aal blickte hinauf aus dem trüben Morast, wo er sich unerkannt immer näher an potenzielle Beute heranschlängelte, ohne dass diese ihn wahrnahm. Es war an der Zeit, das Zubeißen in die Wege zu leiten.


    "Hector?" Leise betrat er das Gästegemach. Lautlos waren seine Schritte in den weichen Schuhen und er trug Kleider, die aus unsagbar teurer Seide bestanden, die nicht raschelte. Den Wert sah man den Kleidern nicht an, denn sie waren spießig und altbacken geschnitten. "Liebling?"

  • Ein kleines schwarzes Tier hockte auf dem Bett, nicht größer als eine Ratte. Allerdings war es keine Ratte, sondern eine schwarz-graue Fledermaus die zur Begrüßung die Zähne fletschte. Zähne die wie winzige Dolche aussahen. Einen Augenblick später verwandelte sich das Tier in Hector, der seinen Mann neugierig musterte.


    "Hier. Schön dass Du wieder da bist. Passenderweise bin ich nackt", grinste er von einem Ohr zum anderen.

    "Nicht dass ich Dich erwartet hätte, ich habe geübt und dann die Lust an der Übung verloren. Uninteressant. Wie ist es gelaufen, was hat die große Besprechung ergeben?", fragte er freundlich und klopfte neben sich aufs Bett.


    "Irgendwie siehst Du aus als wärst Du in Jagdstimmung. Hock Dich zu mir und erzähl mir alles. Also jedes schmutzige und noch so winzige Detail, dass wir für uns verwenden könnten. Waren alle da? Auch Dunwolf?", wollte Hector neugierig wie er war wissen.

  • "Hm, die Begrüßung gefällt mir." Vendelins Hände strichen die Flanken seines Mannes hinab, als er ihn küsste. Vendelin zog den Gehrock aus, packte ihn ordentlich an einem Bügel an die Garderobe, dann folgten Hut und Schuhe. Dann setzte er sich zu Hector auf das Bett.


    "Es gibt ein Bündnis. Beteiligt sind die Ältesten: Thabit, Horatio, Nicodemus und Dalibor. Unterstützt werden sie von ihren eigenen Häusern, hinzu kommen Kaltenburg und Wolkenhaim. Und jetzt folgt der interessante Teil, der den alten Jäger in mir hungrig über die Zähne lecken lässt. Nicht mit von der Partie ist Dunwolf und seine Hohenfeldes sind uneins. Und ich weiß, wie wir sie uns gefügig machen und Dunwolf von seinen eigenen Anhängern entfremden. Und sicher wird dabei der eine oder andere Happen für uns abfallen."

  • Hector hörte seinem Mann aufmerksam zu, wartete ab bis sich dieser gesetzt hatte und lehnte sich dann gemütlich an Vendelin.


    "Dunwolf ist somit außen vor. Ein mächtiger Bund, an dem sich sogar Horatio beteiligt hat. Wie möchtest Du Dir die Hohenfelde gefügig machen und Dunwolf die Stirn bieten? Erzähle und danach muss ich Dir was erzählen... versprich mir aber mir zuzuhören und nicht die Flucht zu ergreifen", bat Hector.

  • Vendelin lachte auf die ihm eigene leise und unaufgeregte Art. Er strich Hectors Bauch hinab bis in den Schritt und küsste ihn auf die Wange.


    "Es gibt keine Information, die mich zum Weglaufen brächte. Je fataler sie ist, umso höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich bleibe."


    Er zog seine Hand zurück und gab Hector einen Klaps auf die Hüfte, um sich anschließend normal hinzusetzten. Bei solch einer Ankündigung, wie sein Mann sie gerade getätigt hatte, war absehbar, dass diese mit dem gebotenen Ernst vorgebracht werden sollte.


    "Ich also zuerst. Es gibt da mehrere Punkte, an denen ich ansetzen will. Dreh- und Angelpunkt ist Davard von Hohenfelde, denn der bekam die Grausamkeit von Dunwolfs Beißern am eigenen Leib zu spüren. Er ist ein Opfer seiner treuen Anhänger. Das Fatale, die Haupttäter entstammten seiner eigenen Familie. Ich möchte für Davard Gerechtigkeit. Die Täter sollen vor das Gericht der Ältesten geführt werden.


    Warum möchte ich das?


    Davard ist mein Schwager.

    Davard erteilte mir als Beißer Absolution.

    Davard sprach vor dem Duc de Souvagne für mich.

    Davard halte ich für den Schlüssel, um Hohenfelde zu einen.

    Davard kennt Ehre, er wird eine Gefälligkeit zu erwidern wissen.


    Und so wird er die Kontrollinstanz sein, um Hohenfelde in eine gute Bahn zu lenken, von der nicht nur seine eigene Familie und meine profitieren, sondern alle.


    Ich kenne den Zirkel von innen. Ich könnte Davard einige seiner alten Peiniger zum Fraß vorwerfen, damit er im Gegenzug seine Familie dazu bringt, sich geschlossen von Dunwolf abzuwenden und ihm somit seine Essenz und seine treuesten Anhänger zu entziehen.


    Dunwolf wird allein sein, sehr allein."

  • Hector nickte zustimmend.


    "Eine sehr gute und wohldurchdachte Idee, nun wie all Deine Ideen. Rückblickend muss ich wertneutral sagen, das was mein Vater ihm angetan hat, hätte auch mir passieren können. Nicht von Archibald aus, aber bedenke das Davard und ich im selben Alter sind. In der Zeit wo mein Vater alles daran setzte um mich zu beschützen, hat er Davard misshandelt.


    Es könnte mir gleich sein. Aber der Knackpunkt geht auf die Dogmen zurück. Erstes Dogma der Familie, niemand greift ein Familienmitglied an.


    Der Schutz der Älteren gebührt den Jüngeren.

    Der Schutz der Jüngeren gebührt den Uralten.


    Dunwin war der Wahl- und Waffenbruder meines Vaters, er war sogar sein tatsächlicher Halbbruder. Gleich was Dunwin war, er war eines, er war ein Beißer. Damit hatte er sich für unsere Lebensart entschieden. Er hätte alles tun dürfen, er hätte jeden fressen, misshandeln oder aussaugen dürfen... er durfte nur eines nicht, seiner eigenen Brut schaden.


    Aber genau das hat er getan. Und mein Vater ist nicht eingeschritten, sondern er brachte das ganze Spiel ins Rollen und hielt es am Leben. Dabei hätte er Dunwin davon abhalten müssen, für die Beißer, für die Familie und für den Kodex - also das Dogma. Mein Vater ist ein gieriger und sehr hungriger Mann. Und im Grunde hat er mich auch zum Spielen freigegeben, unwissender Weise. Es war die Rache der schändlichen Tat. Dass was er Dunwins Beißerkindern antun ließ, tat man mir an als ich geweiht wurde. Archibald wusste nicht, was in einer Weihe geschieht. Nun es wissen nur jene, die einer Weihe unterzogen werden. Ich war keinen Deut besser was Justinian anging. Aber das ist ein anderes Thema.


    Kurzum, Dunwin und Archibald brachen mit ihren Mannen unseren Kodex und dafür wären sie zu bestrafen... oder zu bestrafen gewesen. Habe ich es getan? Nein. Blut ist dicker als Wasser und sind wir ehrlich, meinen Vater als Gönner zu haben ist wesentlich angenehmer als Feind. Also habe ich geschwiegen, es war nicht mein Problem, sie lebten nicht in meinem Nest, sie unterstanden nicht meiner Herrschaft und Obhut und ich war ein feiges Arschloch.


    Für die Verfehlung gibt es zwei Strafen, Verbannung oder Hinrichtung.

    Normalerweise kommt beides auf das Gleiche heraus. Hätte ich Archibald verbannt und jedes Nest informiert, dann hätte er keine Zuflucht mehr. Das heißt, wird er verfolgt und sucht bei uns Schutz, lassen wir ihn vor der Tür verrecken. Das wäre die Verbannung. Eine Hinrichtung muss ich nicht erklären Ven.


    Sie haben also weit mehr auf dem Kerbholz als zwei Kindern zu schaden, sie haben zwei Beißerkindern geschadet.

    Schau meine Pflicht ist es meine Kinder zu schützen. Meine Kinder vor meinem Vater. Die gleichen Pflichten hat jeder Beißer. Sicher die Dogmen wurden von Dunwolf aufgestellt. Leider hat unser "Gott" die Angewohnheit, sich selbst nicht an seine Dogmen zu halten. Oder deren Bruch als unerwartete Wendung der Geschehnisse zu genießen.


    Die Karten werden neu gemischt, etwas Unvorhersehbares ist geschehen, wie reagieren die Beißer? An solchen Dingen hat er große Freude.


    Und hier knüpft auch mein Geständnis an.

    Ich wurde zum Vampir, da mein Vater dies für mich beschloss in einem Anflug von väterlicher Sorge und Tekuro setzte den Wunsch um. Wo war Dunwolf da als ich ihn brauchte? Er war nicht da, jedenfalls war er nicht für mich da. Möglicherweise hat er sogar zugeschaut, wie dort im Wald die Karten neu gemischt wurden.


    Meinen Zustand als Vampir wollte ich nicht akzeptieren. Und so hatte ich einen Plan...

    Ich wollte Dunwolf bitten mich zu heilen und selbstverständlich wollte ich so eine Bitte nicht mit leeren Händen vortragen. Also beschloss ich alle Artefakte und Personen zusammen zu sammeln, die meinem Gott gefährlich werden könnten. Schattenschlinger, Dich und und und... Mit all jenen Dingen und Personen wäre ich vor meinen Gott getreten, hätte um Heilung gebeten und alles was ihm schaden kann vernichtet.


    Kurzum meine Abkehr von Dunwolf war eine Lüge, ich hatte vor Dich in seinen Hallen zu töten und die Artefakte zu vernichten.


    Das war mein Plan, bis zu dem Tag wo ich Dich persönlich kennenlernte und Du mich geliebt hast. Du hast mich tatsächlich geliebt, Du hast dieses etwas dass sie Weihe nennen von mir genommen...


    In diesem Moment wurde meine Lüge zur Wahrheit und ich schwor Dunwolf ab.

    Vorher Vendelin war ich Dein Feind, jetzt bin Dein Ehemann", gestand Hector ehrlich.

  • Ohne sichtbare Regung nahm Vendelin die Beichte zur Kenntnis. Als Hector geendet hatte, lächelte er.


    "Da hast du versucht, einen Wigberg zu spielen, nur um dich am Ende in einen zu verlieben. Welch interessante Wendung. Du hättest mir die Wahrheit nicht sagen zu brauchen. Danke, dass du es getan hast. Hätte ich es später herausgefunden, wäre ich vielleicht weniger verständnisvoll gewesen, so bleibt mir nur, den Hut zu ziehen. Gut gespielt, Kollege."


    Er tat, als würde er einen unsichtbaren Hut lüpfen.


    "Deine Gedanken zur Familie teile ich. Niemand darf Beißerkinder angehen und wer es tut, gehört dafür bestraft. Wir statuieren ein Exempel, indem wir die Täter zur Verantwortung ziehen und uns das Vertrauen von Davard gerechtfertigt verdienen. Bist du dabei?"

  • "Das Messer bekomme ich später in die Rippen, vermute ich. Ich hätte den Mund halten können, vielleicht sogar sollen. Aber ich wollte nicht, dass es zwischen uns steht. Intrigen laufen intern eigentlich anders ab, aber Danke für die Blumen. Woher sollte ich wissen, dass ich mich in Dich verliebe? Mit allem habe ich gerechnet, aber nicht damit, dass Du mich aufs Kreuz legst.


    Wir statuieren ein Exempel? Ich sage mal vorsichtig in Ordung.... Was genau hast Du vor? Und wieso sollte Davard ausgerechnet mir vertrauen? Vergiss nicht, dass ich der Sohn seines schlimmsten Feindes bin. Also wie lautet Dein Plan?", fragte Hector und nahm Vendelin fest in die Arme.


    "Ich werde Dir beweisen, dass Du keine Angst mehr vor mir haben musst. Und wie stellst Du Dir vor Dunwolf zu erledigen? Weiter nach altem Plan? Wird Nico uns Schattenschlinger aushändigen? Glaubst Du Davard wird mir vertrauen? Das er Dir verziehen hat, liegt vermutlich an seinem Ehemann. Alles was wir sonst wissen müssen, könnten wir Vanja fragen.


    In Ordnung ich bin dabei, rumdrucksen gilt nicht. Ich halte zu Dir und wir beide ziehen Deinen Plan durch", erklärte Hector.

  • "So? Wie laufen die Intrigen denn normaler Weise intern ab, deiner Meinung nach?", hakte Vendelin nach.


    "Dass ich dich aufs Kreuz lege, ist gut ausgedrückt. Unser Jagdtanz gefiel mir ausgesprochen gut, fast vermisse ich die Zeit, da wir noch kein Paar waren und einander umschlichen wie paarungsbereite Skorpione, alle Waffen erhoben und doch bereit, das Äußerste zu wagen.


    Ob Davard dir vertraut, ist zu bezweifeln. Aber er wird dich akzeptieren, wenn er erfährt, dass du ein weiteres Opfer von Dunwolf bist. Was mich betrifft, haben Davard und ich bereits ein gutes Fundament, auf dem wir aufbauen können. Und wenn ich seine alten Peiniger an den Pranger stelle, so dass es zu einer Verurteilung vor dem Familienrat kommt, kann ihm das nur Recht sein.


    Dunwin hat bereits Gerechtigkeit erfahren, er wurde von seinen Opfern gerichtet. Aber wie sieht es mit Archibald aus? Den könntest du ihm liefern, immerhin hat dein Vater dich verraten, davon abgesehen, dass er Beißerkinder quälte. Aber auch Kazrar Chud gehört zur Verantwortung gezogen. Fällt dir noch jemand ein?"

  • "Anders habe ich doch gesagt", lachte Hector und küsste Vendelin.


    "Ich sprach vom Nest und nicht von unserer Familie Wigberg, dort laufen auch oft genug Intrigen. Zur Zeit scheint eine Intrige von Manfredo zu laufen. Und ganz ehrlich, ich glaube seine Intrige ist schon einige Jahre alt. Archibald ist in meinem Nest und beschützt Lucian. Du hast das Gespräch zwischen Luc und mir ja mitbekommen. Ich vermisse unser Balzen auch, aber wir können doch trotzdem noch umeinander werben. Da spricht nichts gegen.


    Wenn wir Seite an Seite kämpfen, dann sollten wir uns wenigstens respektieren. Ich werde Dir und Davard die Namen seiner Peiniger liefern. Dunwin, Archibald, sein Großvater Alastair, die Soldaten und der Stab von Dunwin. Kazrar war das Mündel von Archibald, er gehörte ebenso dazu. Aber soweit ich weiß, war er mehr der Pfleger als der Folterer.


    Das sind die bereits bekannten Verdächtigen. Der Rest steht in den Büchern, sprich er ging ja auch als Mietling an andere Beißer raus. In den alten Büchern steht, wer ihn bestellt hat. Einer der garantiert darunter ist, ist der General Klingenberg. Er ordert Mietlinge seit zig Jahrzehnten für seine Wochenenden. Wie gesagt ich schaue in die Bücher und gebe Euch die Namen. Wir könnten es aber auch sofort erfahren, indem ich den alten Schlüsselmeister rufe. Bis dato habe ich mir das verkniffen, aus persönlichen Gründen. Möchtest Du?", fragte Hector.

  • Vendelins Gesicht nahm einen Ausdruck an, als hätte Hector ihm gerade ein zweites Mal seine unsterbliche Liebe gestanden. Wissen. Damit konnte man den Aal wahrlich mehr erfreuen als mit den meisten anderen Dingen.


    "Lass hören, Liebling", bat er gierig. "Und danach verrätst du mir, was du mit diesem 'anders' meinst."

  • "Jemanden über Dritte ermorden lassen. Du zettelst etwas an und Dein tatsächlicher Feind wird von einer Seite aus ermordet, mit der er überhaupt nichts zu tun hatte. Die Gründe sind vielfältig. Dein Gegner kann mächtiger, gerissener, oder schwer zu erreichen sein. Und so spinnst Du Deine Fäden, legst falsche Fährten und irgendwann ist Dein Feind tot. Du selbst hast ihn nie angerührt, bist nicht mal in seine Nähe gekommen. Wichtiger noch als den Vollstrecker anzufüttern ist es, Dir eine Rückendeckung zu besorgen.


    Du benötigst Leute die für Dich bürgen und für Dich einstehen. Denn solltest Du auffliegen wirst Du sonst vom Rudel des Nestes zerrissen. Hast Du aber einen Leumund der für Dich spricht oder Freunde, sieht das anders aus. In dem Fall landest Du wahrscheinlich irgendwann vor Deinem Schlüsselmeister und er muss Recht sprechen. Solltest Du geschickt genug sein und mit Deiner Intrige durchkommen wird man Dich achten. Ist sowas wie Sport. Wer auffliegt verliert alles, wer gewinnt, gewinnt enorm.


    Warum kratzen sich alle bei mir ein? Warum kann ich jeden im Nest flachlegen, sollte mir die Nudel jucken? Weil ich so ein charmantes Kerlchen bin und so umwerfend aussehe? Wohl kaum, ich habe einen Posten inne, der viele geil und andere gefügig macht. Opportunisten. Sie passen sich jeder Lage an. Warum sollte ich mich dann nicht ihnen anpassen und mehr verlangen als solche Leute geben wollen? Ist auch ein Spielchen.


    Macht macht schön und sexy, so war es immer. Oder sieht der Duc etwa gut aus? Soweit ich weiß ist er ein alter Mann mit käsig weißer Haut und blassen Augen. Gesehen habe ich ihn allerdings noch nie", antwortete Hector.


    Der Schlüsselmeister stand auf, kramte in seinen Sachen und zückte seinen Dolch.


    Ohne zu zögern schnitt er sich in den Unterarm und ließ das Blut zu Boden tropfen. Lautlos zählte er etwas ab, was das wusste Vendelin nicht. Hector ließ sich im Schneidersitz auf den Boden gleiten. Er tauchte einen Finger in sein Blut, zog einen Kreis auf den Boden und füllte diesen mit unbekannten Schriftzeichen. Mit seinem Werk zufrieden, fuhr er mit einer Hand erneut über seine Wunde um dann beide Handflächen aneinander zu reiben. Links und rechts neben dem Kreis drückte er sie auf den Boden und der Kreis flammte schwarz-rot auf. Ein winziger nebelartiger Strudel entstand in der Mitte.


    "Nahur kuo Narar, Vuri sa Urban (Ich rufe Dich, Schatten von Urban)", rezitierte Hector mit seiner heiseren Stimme.


    Zuerst geschah nichts, aber dann stiegen schwarze Rauchfahnen auf, ganz so als würde sich gleich Dunwolf in ihrem Zimmer manifestieren. Die Rauchfahnen wurden aber nicht zu Haaren, sondern zu etwas Tropfenförmigen, dass langsam wie ein umgekehrter Bluttropfen in ihre Welt hineintropfte. Und dann nahm etwas in dem Raum Gestalt an, was Vendelin vorab noch nie gesehen hatte - ein Schatten.


    Link - Urban:

    https://vignette.wikia.nocooki…0503141841&path-prefix=de


    Das Wesen bestand aus einem gebeugten Oberkörper, sein Unterleib sah aus wie ein langer Rock aus Schatten. Seine Arme waren übernatürlich lang und mit messerscharfen Klauen versehen. Das Gesicht der Kreatur war hinter einer Kaputze aus scheinbaren düsteren Lumpen verborgen. Etwas darunter glomm hell auf, aber was es genau war, konnte Vendelin nicht erkennen.


    "Narar?!? Suba, etmi lasar narar Muko? (Du?!? Grüße, was willst Du Bübchen?)", fragte der Schatten mit einer Freundlichkeit, die nicht zu seiner Gestalt passen wollte.


    "Ich. Lange nicht gesehen alter Freund. Wir benötigen Deine Hilfe Urb, ich brauche Deine Hilfe...", bat Hector und deutete Ven an näher zu treten.

  • "Nun, dass du dich mit den Leuten einlässt, die in deiner Gunst stehen, hat nun hoffentlich ein Ende", sagte Vendelin kühl. Natürlich zog Macht die Schmeißfliegen an, aber dann lag es an Hector, diese auch als solche zu erkennen - und wie welche zu behandeln.


    Der Beschwörung wohnte er mit höchster Aufmerksamkeit bei und prägte sich jedes Detail ein, dass sein Hirn behalten konnte und das war nicht wenig. Jedoch konnte er die Worte nicht verstehen, nicht einmal die Sprache identifizieren. Eventuell war sie mit dem Althochasameischen verwandt.


    Er trat näher an die Kreatur, als Hector ihn darum bat und blickte sie aufmerksam an. Dies war also einer der Schatten, sehr interessant. Es war das erste Mal, dass Vendelin einen zu Gesicht bekam.

  • Als Vendelin näher an den Schatten herantrat, spürte er das von dem Geschöpf Kälte ausging. Es dauerte nicht lange und er fühlte, dass sich bei ihm eine Gänsehaut bildete. Ob es allein die Kälte war, oder die gesamte Erscheinung der Wesenheit, dass konnte Vendelin nicht mit Sicherheit sagen. Die Neugier die Ven empfand, schien auch der Schatten zu empfinden.


    "So wie vereinbart und geschworen Ven, nur wir beide teilen das Bett. Kein anderer hat dort etwas zu suchen.


    Urban, dass ist Vendelin mein Mann. Ven dass ist Urban mein ehemaliger Ziehvater und Vorgänger. Urban erinnerst Du Dich daran, wer die Mieter von Davard von Hohenfelde waren? Der Sklave von meinem Vater, er ist in meinem Alter. Heißt er muss wie alle anderen Mietlinge um die vier Jahre gewesen sein, als Archibald mit der Ausbildung begann. Wir benötigen die Informationen um mit Davard zu verhandeln. Ich weiß was Du von manchen Praktiken gehalten hast, darum hoffe ich, dass Du Dich erinnerst.


    Wir hatten Deinen Yorik gefunden Urb. Gemeinsam mit Rojo habe ich wegen dem Azura Nurdalah ermittelt. Und dabei stießen wir auf Attica. Als er mich auf mit flammenden Zeichen begrüßte, wusste ich, dass er es wirklich war. Dass ich mich nicht geirrt hatte. Seine flackernden Symbole erinnerten stark an menschliche Gefühle wie Freude, Triumph, aber auch an Schmerz. Attica stammte aus einer Zeit vor meiner Weihe, aus einer Zeit mit meiner „Familie“. Jannik war fort und seine Mutter Chizuko ebenso. Als Attica auf mich zu schwebte musste ich gewaltig schlucken. Rojo packte noch fester zu und starrte mich besorgt an. Sie kannte ihn nicht und sie verstand zuerst nicht...


    Ich konnte seinen Ausführungen nur mit Mühe folgen, so schnell rasten die Symbole über seine Oberfläche. Am Ende hatte ich verstanden, dass ein feindlicher Trupp von Zahnlosen meinen Meister gejagt und hier gestellt hatten. Während des Kampfes hattest Du Attica weggeschickt und er hatte sich zurückgeschlichen als der Kampf vorüber war. Später waren die Zahnlosen zurückgekehrt um Dich zu bergen. Sie wollten das Raubtier zur Schau stellen, dass sie erlegt hatten. Dazu kam es allerdings nicht, Attica hatte Dich mit Sprengsätzen präpariert und hatte sich dann in die tiefer gelegenen Ebenen geflüchtet. Sein letzter Dienst, dem er Dir leisten konnte. Und ich? Nun Schlüsselmeister sind die direkten Werkzeuge des Ältesten, er weiß wenn einer von uns stirbt. Aber er schuldet mir bis heute die Antwort auf die Frage warum... Ich habe damals Dein Schwert geborgen Urb", sagte Hector leise.


    Der Schatten pulsierte, wurde dichter und dünner, so als müsste er darum kämpfen sich in der Physis zu halten.


    "Der Schattenjäger... er ist hier", raunte Urban und schaute in Entfernungen, die nur er sehen konnte.

    "Wir befinden uns in der finsteren Feste von Nicodemus, sozusagen im Nest des Blutsaugers. Horatio ist hier, dass ist korrekt. Aber wir stehen im Bund. Also kennst Du die Namen? Oder die Antwort auf das Warum?", fragte Hector und schaute rückversichernd zu Vendelin.


    "Warum? Oh ja, dass kann ich Dir sagen Muko. Manfredo! Manfredo diese schlangenzüngige Drecksau hat die Ausgesonderten unter der Hand weiterverkauft. Sie wanderten nicht in die Aussonderung, sondern er verkaufte sie als Lustsklaven. Ausgesonderte, die lebten, die quatschten, die sein altes Nest verraten haben so dass von den Gabad gefunden und ausgeräuchert wurde. Einziger Überlebender war Manfredo!


    Und genau den gleichen Scheiß zog er bei uns ab. Ich habe es per Zufall in den Büchern gesehen, denn dort habe ich nichts gesehen! Ausgesonderte gingen raus, ich war irritiert, schaute in die Bücher und fand keinen Vermerk. Zuerst dachte ich der Kerl wirtschaftet in die eigene Tasche. Das tat er auch. Aber das war nicht das Schlimme, er hat uns damit angreifbar gemacht. Ich stellte ihn zur Rede und er gestand es mir, es war ein Fehler, sein altes Nest und alles was dazu gehörte. Er gestand da ich sein Mann war, da er mich liebte, da er mir vertraute...


    Nur ich konnte ihm nicht vertrauen. Am selben Abend suchten wir die unteren Wege auf, als mich eine Horde Büttel und Gabad stellte und Manfredo? Er war einer von ihnen, er rannte zu ihnen, sagte es täte ihm leid, aber besser ich als er... ich weiß nicht wie viele ich abschlachtete... aber irgendwann verließ mich die Kraft und ich kassierte die ersten Stiche... und irgendwann war es vorbei....


    Warum Dir Dunwolf nichts sagt? Manfredo ist eine Herausforderung, finde sie, erlege sie, überlebe sie. Scheitere und Du warst es nicht wert. Ich habe es nicht gesehen, er war mir zu nah. Und er ist Dir grundlos nicht nahe. Du hättest mich rufen sollen Hec...


    Die Namen? Ja die Namen, ich kenne sie.

    Davards Mieter waren...


    Burkhard Klingenberg - General, erste und zweite Dekade

    Clemens Schwarzpaur - Offizier, erste Dekade

    Conradt von Schekenbrück - Advokat, zweite Dekade

    Jakob Griemfeld - Steinmetz, zweite Dekade

    Philipp von Herdtaler - Banker, Ende zweite Dekade mit eventueller Übernahme.


    Vermietet wurde er von Deinem Vater, er gehörte ihm und er trug sogar sein Mal. Archibald stellte ihm den Soldaten von Dunwin zur Verfügung und auch anderen Mietern. Aber die Vorgenannten waren die festen Dauermieter zur jeweiligen Zeit", antwortete Urban.

  • Vendelin schmunzelte freundlich. "Sehr erfreut, Urban. Es ist mir eine Ehre, quasi meinen Schwiegervater kennenzulernen." Hector war zwar nicht mit Urban verwandt, dennoch hatte der Schatten ihn großgezogen.


    Fünf Namen, das war gut. Burkhard von Klingenberg ... bei diesem Namen klingelte es in Vendelins Gedächtnis. Da ergab sich doch eine wundervolle Brücke zu Dijon de la Grange, einem souvagnischen Beißer, der mit Klingenberg eng befreundet war. Vielleicht konnte sich dies später als nützlich erweisen, sollte es notwendig erscheinen, Davard gegen la Grange aufzubringen oder umgekehrt.


    "Welche dieser Mieter leben noch?", erkundigte Vendelin sich. "Es ist wichtig, möglichst viel über sie zu erfahren, ihren Wohnort vor allem, der Rest lässt sich dann leicht ermitteln. Manfredo ist also ein Verräter, sieh an." Er warf Hector einen Blick zu. "Er tötete deinen Ziehvater, nicht wahr? Das macht es zur Familienangelegenheit.


    Duwnolfs Spiel hat nichts mit einer Selektion nach Stärke zu tun, es schwächt den Zirkel und es schwächt die Familie. Urban, Hector und ich haben vor, den Zirkel zu reinigen und nach neuen, besseren Strukturen aufzubauen. Wirst du uns helfen?"

  • "Alle", antworteten Urban und Hector synchron, auf die Frage wer von den Dauermietern noch lebte.

    "Ebenso erfreut Dich kennenzulernen Ven. Sie alle leben in Naridien, meist in Shohiro. Dort findest Du sehr viele Beißer. Die alten Adressen findest Du in den Geschäfts- und Kundenbüchern. Manfredo ist eine permanente Gefahr, er muss gerichtet werden. Ich kann Euch nur beistehen, wenn Ihr mir eine Tür in diese Welt öffnet. Also wenn Hector mich ruft", gab Urban zurück.


    "Betrachte Manfredo als erledigtes Problem. Ich werde Dich rufen oder Du bleibst direkt vor Ort", bot Hector an, was den Schatten nicken ließ.

  • "Wie überaus freundlich von den Mietern, auf einem Fleck zu wohnen. Wie lange kannst du deine Anwesenheit aufrecht erhalten?", erkundigte Vendelin sich. "Ich denke, wir werden deinen Rat noch benötigen und vielleicht möchtest du dabei sein, wenn dein alter Widersacher zur Rechenschaft gezogen wird."

  • "Einige Zeit, ich kann zur Not auch hungern. Es sein denn unser Meister ruft mich, dann muss ich fort. Aber ich spüre dass der Lichte nach mir sucht. Nicht offensichtlich, aber er tastet die Gegend ab. Falls er herkommt ist es an Euch ihn zu hindern mich zu vernichten. Ich habe ihm nichts entgegenzusetzen. Manfredo sollte auf die gleiche Art gehen müssen, den Tod der tausend Schnitte.


    Sie wohnen doch nicht alle in einer Wohngemeinschaft! Ich meine das wäre überaus praktisch, wir tun ja nichts anderes im Nest. Einige halten es ähnlich, aber diese Herren sind alle gut betucht, haben ihre Häuschen und Grundstücke, Villen und Spielplätze und ihre ganz besonderen Wünsche und Neigungen.


    Es sind ja nicht nur die Beißer Dunwolfs die in Nestern leben. Den Schutz der Herde suchen auch andere und jedem mit etwas Grips ist bekannt, dass man in der Gruppe sicherer lebt und stärker ist, als allein. Die Gruppe hat aber auch einen Nachteil, sie verfällt schnell dazu zu denken, der andere passt schon auf. Dafür gibt es bei uns Wächter und Schlüsselmeister. Dieser der höchste Wächter des Nestes. Nur ich sah nicht, was ich für eine Natter an meiner Seite hatte. Ich weiß nicht einmal, warum ich es nie hinterfragt habe, das Manfredo der einzige Überlebende seines Nests war. Mir hat er sogar noch leid getan! Hat sein Nest verloren, seine Familie und Heimat. Nun und er war charmant und irgendwann war er mein Kerl. Und das gab ihm den Freibrief. Dank ihm bin ich das hier. Nun nicht wirklich nur wegen Manfredo. Jeder Schlüsselmeister wird ein Schatten und jene die von Dunwolf dazu auserkoren werden.


    Wir jagen für ihn im Nexus seine Feinde, spüren sie auf und vernichten sie. Nun eben was Beißer so tun, das tun wir in einer anderen Ebene. Man könnte sagen unser Meister ist sehr nachtragend, was einige Personen angeht. Der Rest ist reine Jagd, denn von irgendwas müssen wir auch existieren. So seltsam es klingt, in dieser Form hat man auch im Nexus Hunger. Er wird nicht weniger oder man fühlt sich nicht gestaltlos. Manchmal ist der Hunger das einzige was man noch empfindet, neben dem Hass. Wir können auch in der Physis jagen, aber das tun wir selten. Meist nur wenn der Meister uns dazu auffordert.

    Ihr solltet vorsichtig sein", warnte der Schatten.


    Einen winzigen Augenblick später herrschte in ihrem Gästezimmer Zwielicht, so als würde die Sonne aufgehen schien alles von einem inneren Strahlen erfasst worden zu sein.


    "Er ist hier!", zischte Urban keine Sekunde zu früh.


    Mitten im Raum manifestierte sich Horatio, aber nicht wie sie ihn vorab gesehen hatten, sondern als Person aus reinem Licht. Zuerst golden, wurde er so hell, dass es fast weiß wirkte und man seine Augen gegen das Licht abschirmen musste. Ein grauenvoller Laut erklang, ein Geräusch dass man nicht zuordnen konnte, nicht von dieser Welt. Es war als kratzte Metall über Metall und ließ einem die Haare zu Berge stehen.


    Hector riss den Ritualdolch vom Boden und schleuderte ihn nach der Lichtgestalt. Die Waffe verbrannte zu Staub.

  • Das Licht war extrem, Vendelin erblindete kurzzeitig. Er hob beide Arme in einer abwehrenden und beschwichtigenden Geste, seine Augen brannten und tränten.


    "Horatio", rief er. "Handle nicht, bevor du uns nicht gehört hast! Urban ist kein Feind, er ist hier, um uns zu helfen! Er nannte uns die Feinde der Sippe aus dem innersten Zirkel des Rings der Menschenfresser!"


    Einmal mehr war er dankbar für seine magische Immunität. Andernfalls hätte er sicher nicht so mit dem Ältesten gesprochen.

  • Der Raum wurde wieder sichtbar, als Horatio menschliche Gestalt annahm und Vendelin argwöhnisch musterte.


    "Gut ich höre zu, aber sollte Eure Antwort mich nicht überzeugen folgt er den anderen. Ihr solltet bedenken, dass es einer seiner Spießgesellen sein wird, der Euch drüben im Nexus abfangen wird. Nun... Dich nicht mehr Blutsauger und Dich auch nicht Seelenausgebrannter, aber alle anderen die sich gegen Dunwolf gestellt haben, werden es mit seinen Schergen im Nexus eines fernen Tages zu tun bekommen. Und wie diese Begegnug ausgeht, dürfte klar sein.... vollständige Vernichtung.


    Eines noch, so wie die Schlüsselmeister miteinander verbunden sind, sind es auch die Schatten. Sie sind die Wächter von Dunwolf im Nexus. Seine schwarzen Hunde, wieso glaubt Ihr, dass dieser Schatten Euch beistehen wird? Anders gefragt... falls der Schatten Euch beisteht, wo steht Ihr?", fragte Horatio misstrauisch.


    Hector wischte sich über die Augen und stellte sich demonstrativ neben Vendelin.


    "Wir stehen auf der selben Seite, wenn Du Dich auf den Bund beziehst. Wir alle haben den gleichen Feind. Nur weil Dunwolf die Nester gegründet hat, heißt das nicht, dass alle mit seinen Dogmen einverstanden sind oder weiterhin danach leben wollen. Glaubst Du jeder Schatten wurde freiwillig einer? Urban, also dieser Schatten hier, hat schon zu Lebzeiten zu viel gefragt. Ob er gerne ein Schatten ist? Frag ihn. Aber es ist die einzige Existenzform die er noch hat. Bin ich gerne ein Vampir? Es ist nun meine Existenzform, ich muss mich zwangsläufig damit anfreunden. Und genauso hat er das gemusst. Nicht jeder hat eine Wahl Horatio, bedenke das bevor Du urteilst.


    Zudem sicher sind die Schatten verbunden. Man könnte uns durch Urban belauschen, Fakt. Fakt ist auch, wir können die anderen durch Urban belauschen. Das funktioniert in beide Richtungen", erklärte Hector in der Hoffnung, Horatio würde Urban verschonen.