Kapitel 55 - Der versteckte Wiggi

  • Der versteckte Wiggi


    Miles führte Dorian auf die 110. Etage und blieb vor der 04. Wohneinheit stehen. Er zog die Generalkarte durch das Schloss und öffnete die Tür. Sanft schob er Dori in das Quartier hinein und gab ihm die Zeit sich umzuschauen. Das hier war ein Gästequartier und bereits in den Grundzügen eingerichtet. Miles führte Dorian kurz herum. Es gab ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer, eine kleine Küche, ein Esszimmer und ein Bad. Alles war modern gehalten und dennoch durch die Farbgebung wohnlich. Bauntöne dominierten hier alles und ein Gefühl der Gemütlichkeit. Im Wohnzimmer gab es einen kleinen Elektrokamin, vor dem man es sich gemütlich machen konnte. Das Bad besaß sowohl Dusche wie auch Badewanne und warm genauso einladend wie der Rest des Quartiers.


    "Ich hoffe es gefällt Dir hier. Falls Du möchtest, kannst Du dieses Quartier behalten. Andernfalls schauen wir uns für Dich nach Deiner Wunschwohnung um. Oder wir richten Dir dieses Quartier hier nach Deinen Wünschen ein. Mir persönlich gefällt Quartier 04 von allen Gästequartieren am besten. Überlege es Dir in Ruhe Dori. Jetzt mach Dich erstmal frisch, entspann Dich ein bisschen und ich gehe für uns einkaufen. Ich schlage vor, dass wir heute Abend zusammen kochen und es uns gut gehen lassen. Dann holen wir Deine Aldos ab, oder Du kannst sie auch vorher von Roland abholen lassen. Wegen Mel überlegen wir uns etwas und wegen Hila auch. Es freut mich, dass Du auch an ihn denkst und mit ihm sprechen möchtest. In dieser Hinsicht kennst Du mich wahrscheinlich. Glenn und Thony werde ich kontaktieren und ihnen ausrichten, dass sie uns besuchen sollen. Der Rest wird sich fügen Dori, ich passe auf Dich auf, ganz so wie ich es Dir versprochen habe. 


    Nun komm erstmal in Ruhe an, schau Dich etwas um und wenn Du Hilfe benötigst bimmele mich an. Falls Du generell etwas möchtest oder fragen hast, wählst Du bitte die 00 auf dem hausinternen Interkom, da erreichst Du Roland. Ganz vorne auf der 110. Etage wo die Aufzüge halten, dort befindet sich der Empfangsbereich mit der Rezeption und dem Foyer. Dort arbeitet Roland üblicherweise und sorgt dafür dass auf der 110. Etage alles seine Ordnung hat und nur jene auf die Etage hoch kommen, die auch Zugang haben sollen. Gleiches gilt natürlich für die 111. Etage von uns. Heißt, wenn jemand unten steht und zu Dir hoch möchte, wird Roland informiert und er wird Dich fragen, ob Du diese Person kennst und ob Du sie empfangen möchtest. Im Bad ist alles vorhanden was Du benötigst, in der Küche und in der Minibar sind ein paar Snack und Getränke. Rest besorge ich. Bis später", sagte Miles freundlich und drückte Dorian.

  • "Es gefällt mir hier sehr gut", antwortete Dorian.


    Braun war eine Farbe, mit der er seit jeher Gemütlichkeit verband. Was dem Quartier noch fehlte, war die persönliche Nuance, die es von einer reinen Gästewohnung unterscheiden würde, wenn er hier dauerhaft einzog. Er strich im Vorbeigehen langsam mit den Fingern über die Möbel. Es gab keinen Staub und keine Abnutzungsspuren, alles hier war so makellos wie am ersten Tag.


    "Natürlich denke ich auch an Hilarius. Was auch vorgefallen ist, ihm soll nichts geschehen. Ich bin verletzt, aber ich bin kein herzloser Mensch. Meine Aldos möchte ich zeitnah hier haben, sie machen sich Sorgen, wenn sie zu lange im Aero warten müssen. Mel hat noch etwas Zeit, er kann sich auch allein beschäftigen, so lange er Gesellschaft hat. Danke, Miles."


    Nachdem Miles verschwunden war, zwang Dorian sich unter die Dusche, doch er genoss das warme Wasser nicht lange. In einem Schrank fand er einen gemütlichen Hausanzug, der wie von Zauberhand die richtige Größe aufwies, als er ihn sich überzog. Ein Paar dicker Kuschelsocken rundeten das Ganze ab. Dorian spürte, wie er innerlich zur Ruhe kam. Er legte sich auf das Sofa und starrte in den Elektrokamin, um die Erinnerungen setzen zu lassen, damit sein inneres Gleichgewicht zurückkehrte. Auch ein Wigberg konnte nicht endlos funktionieren und abhalten, ohne irgendwann an seine Grenzen zu geraten, wenngleich diese bei den meisten von ihnen recht weit oben lagen. Langsam atmete Dorian aus und schloss die Augen zur Hälfte, während die künstlichen Flammen leise kisterten.

  • Knapp eine Stunde später nachdem Miles Dorian sein Quartier zugeteilt hatte, klingelte es an der Tür und im Anschluss klopfte es. Damit wusste Dorian, dass die Person direkt vor seiner Tür stand und nicht im Wartebereich der 110. Etage.


    "Herr Wittelspitz schickt mich zu Ihnen um Ihnen einige Vorräte zu bringen die er für Sie eingekauft hat", rief es von draußen.

  • "Die Tür ist offen, kommen sie rein", bat Dorian, der sich etwas anders hinlegte, um den Kopf hochstützen zu können. So hatte er den Gast im Auge, wenn er eintrat, was höflicher war, als wenn dieser nur Doris Wampe sah, hinter welcher der Kopf verschwand.

  • Roland öffnete die Tür und betrat das Quartier von Dorian. Hinter sich schloss er umgehend die Wohnung wieder und musterte den neuen Gast mit freundlich, neutralem Gesichtsausdruck. Er hob kurz die Tüten und stellte sie dann in die Küche auf die Arbeitsplatte.


    "Herr Wittelspitz hat Ihnen einiges an Speisen besorgt und wie ich hörte, möchten Sie heute Abend gemeinsam speisen. Ich bin so frei und räume Ihren Kühlschrank ein. Ich hoffe Sie haben sich gut eingelebt? Wir sind nun so etwas wie Nachbarn auf der 110. Etage. Ich wohne und arbeite ebenfalls hier. Dabei fällt mir auf, dass ich wohl die einzige Person in der Himmelslanze bin, die ihre Arbeitsstelle sogar auf der gleichen Etage wie ihre Wohnung hat", erzählte Roland freundlich, während er die Lebensmittel in den Kühlschrank räumte und den Rest auf in den Schränken verstaute.


    Nachdem die Aufgabe erledigt war, gesellte sich Roland zu Dorian in das Wohnzimmer und musterte ihn.

    "Ein Kamin ist eine ziemlich gemütliche Angelegenheit nicht wahr? Was halten Sie von einer eigenen Bibliothek?", fragte er und lehnte sich gegen den Türrahmen.


    "Für mich persönlich gibt es nichts gemütlicheres als ein gutes Buch, ein Kamin und eine Tasse Tee. Sie scheinen ganz ähnlich veranlagt zu sein. Möchten Sie sich vielleicht ein gutes Buch ausleihen, um es sich vor Ihrem Kamin gemütlich machen zu können?", bot Roland an und schaute Dorian sehr ernst an. Als der Blick von Dorians Gast fast unangenehm wurde räusperte sich dieser, schaute sich um und lächelte.

  • Dorian wälzte sich in eine sitzende Position. Ihm war angenehm warm und er fühlte sich schläfrig. "Was haben Sie Köstliches mitgebracht?", erkundigte er sich.


    In diesem scheußlichen Beißer-Cafè hatte er nichts herunterbekommen und wollte dort auch nichts essen. Plötzlich starrte ihn Roland an. Reflexartig setzte Dorian ein vollkommen ausdrucksloses und unbeeindrucktes Gesicht auf, während er den Blick erwiderte. Das Starren passte nicht zu dem freundlichen Vorschlag, ein Buch auszuleihen, eine bewusst zur Schau getragene Inkonsistenz. Als Roland schon zur Seite blickte, hielt Dorian immer noch den Blick auf ihn gerichtet. So sehr es ihm missfiel, sich nun körperlich zu betätigen, und sei es, nur aufzustehen und nach nebenan zu gehen - der Mann hatte seine Neugier geweckt.


    "Ich war Antiquar. Natürlich liebe ich Bücher. Die guten altmodischen analogen Bücher aus Papier und Druckerschwärze. Haben Sie solche? Eine echte Bibliothek mit Büchern, die man in die Hand nehmen und mit allen Sinnen verschlingen kann?"

  • "Wie sonst könnte man Wissen unverfälscht und fälschungssicher verwahren, als in dieser Form?", fragte Roland Retour und machte eine einladende Geste ihm zu folgen.


    "Die Einkäufe beinhaltet, dass was Herr Wittelspitz kochen möchte und noch einige Leckereien von denen er annimmt, dass Sie diese gerne verspeisen. Unter anderen einige heiße Hexer. Es ist nicht weit, ich wohne in Quartier Nummer 02", erklärte Roland freundlich und gab den Weg vor.


    Weit hatte Dorian wirklich nicht zu laufen, denn wie sein Besucher richtig mitgeteilt hatte, wohnte er zwei Quartiere vor ihm. Roland öffnete seine Quartiertür und Dorian betrat eine Wohnung die eng, klein und gemütlich wirkte. Sogar das Bett war auf einer künstlich geschaffenen zweiten Ebene über dem winzigen Wohnzimmer zu finden. Aber dies war nur aus einem Grund der Fall, der Großteil des Platzes war der Bibliothek von Roland vorbehalten. Und mitten in dem Raum, in dem gefühlt tausende Bücher standen, stand noch etwas - ein riesiges Terrarium mit einer Schildkröte.


    Link:

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    Roland schloss hinter sich die Tür und lächelte Dorian an, es war ein anderes Lächeln. Es war offen, ehrlich und keine Maske der höflichen Distanziertheit.


    "Sie stehen nicht allein. Sie verstehen? Nur zu, schauen Sie sich um", bot Roland an.

  • Die Frage nach den fälschungssicheren Büchern ließ Dorian stutzen. Ein Verdacht bildete sich, den er jedoch noch zurückhielt, um ihn einer Überprüfung zu unterziehen. Die Wohnung von Roland war ... geometrisch. Es dominierten Weißtöne und Quadratur. Die Sofakissen waren quadratisch, die Wandbilder ebenso und alles stand beziehungsweise hing in Reih und Glied. Die Motive der Bilder waren vollkommen nichtssagend. In dieser Wohnung lebte ein charakterloser Spießer - oder jemand, der vorgab, einer zu sein. Die Alligatorschildkröte passte nicht in das Bild, jedoch in ein anderes.


    Als Roland die Tür schloss, blickte Dorian ihn an. Rolands Gesichtsausdruck hatte sich verändert - von einem langweiligen, reservierten Rezeptionisten zu einem Menschen. Dorians Blick wurde fast flehend auf der Suche nach einer Bestätigung dessen, was er vermutete und hoffte.


    Lautlos formten seine Lippen die Worte: Von Wigberg?

  • Roland nickte einmal knapp und umarmte Dorian dann schlicht und ergreifend.

    "Hier kannst Du sprechen, niemand kann uns hier abhören. Und Dich und mich kann sowieso niemand abhören, nicht einmal mental. Richard von Wigberg", antwortete "Roland" um sich Dorian mit richtigem Namen vorzustellen.


    "Um mit Dir sprechen zu können, musste ich Dich in mein Quartier einladen. Hier wird alles überwacht, nicht um den Personen zu schaden, sondern um sich selbst zu schützen. Der Selbstschutz grenzt an Paranoia, vielleicht geht es sogar darüber hinaus. Aber unser Gastgeber ist nicht nur ein gefährlicher Mann, er lebt auch gefährlich. Genau wie sein wahrer Vater Osmund. Und genau aus diesem Grund bin ich hier.


    Und aus dem gleichen Grund bist Du nun bei mir. Ein Wigberg steht dem anderen bei und was Du verloren hast, ist unermesslich. Niemand kann Dir zurückgeben was Du verloren hast, aber vielleicht kann man etwas Neues aufbauen. Jedenfalls solltest Du wissen, dass Du nicht völlig allein stehst.


    Was hat mich in Deinen Augen enttarnt Dorian?", schmunzelte Richard und deutete Dorian an, sich ins Wohnzimmer zu setzen. Er selbst verschwand kurz in die Küche und setzte ihnen Tee auf.

  • Dorian drückte Richard innig. Er legte sogar seinen Kopf an den von Richard und kniff die Augen zusammen, weil ihm sonst die Tränen gekommen wären.


    "Die Hinweise, die du mir gegeben hast. Durch sie konnte ich das Gesamtbild anders bewerten. Ansonsten wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, dass ein Familienmitglied mir gegenübersteht.


    Vielleicht hätte diese Schildkröte mich zumindest nachdenklich gestimmt ... mein Haustier war eine Anakonda. Ich habe sie per Post geordet, um damit die Frauen von Hilarius entsorgen zu können, einer der vielen tragischen Unfälle, die manchmal passieren. Leider ging die Anakonda mit Humus-Express verloren, vielleicht hast du es in den Nachrichten mitbekommen. Die Schlange, die in der Filiale ausbrach und einige Mitarbeiter verschlang - das war meine. Danach verschwand sie vermutlich in der Mondlagune oder im Abfluss. Nun besitze ich immerhin noch eine winzige, aber hochgiftige Grasschlange."


    Sehr glücklich folgte Dorian dem Verwandten durch die Wohnung.


    "Ah, ich verstehe ... ich verstehe warum du hier bist. Es ist Valerian, nicht wahr? Dem Blute nach einer von uns, doch er trug nie den Namen. Er ist ein Perfektionist, ein Kontrollfanatiker. Er schafft sich Sicherheit, wo sonst keine wäre. Ein berechenbares Konstrukt, ganz gleich, wie künstlich und steril es sein mag - es ist formbar und es ist sicher und es tut, was es soll. Natürlich ist die Himmelslanze auch stark überwacht. Wie ist es dir gelungen, deine Wohnung davon ausnehmen zu lassen?"

  • "Du solltest die Hinweise auch deuten können, sonst hätte ich Dir keine gegeben. Und die Bedeutung von Büchern verstehst Du so gut wie ich. Oh der Ausbruch der Riesenschlange war sogar auf News Flash zu sehen, zweimal sogar. Die Schlange landete weder in der Mondlagune noch im Abfluss, sie wurde gesichert und versteigert. Sie befindet sich hier im Zoo. Valerians Art von Humor, sich genau dieses Reptil zu halten, dass eine Katastrophe auslöste.


    Wo wir bei Valerian wären. Jeder seiner Brüder war für sich genommen ein Prototyp. Ein Wesen das Vasco folgte und ihn ersetzen sollte. Vasco das Original und die GMOs Nummer 1 bis Nummer 7 waren rein über die Mutter mit uns verwandt. Bei der Mutter handelte es sich um Leticia von Hohenfelde geborene Wigberg - Schwester von Licinius von Wigberg. Leider hat keiner dieser Jungen überlebt. GMO Nummer 8 war ein neuer Versuch, mit neuen Fähigkeiten und einer Komponente mehr. In ihm schlummert das Genom zweier Väter und das der Mutter. Kurzum er hat drei Elternteile und einer der Väter ist Osmund von Wigberg. 


    Osmund tat Servatio persönlich diesen Gefallen. Wie auch immer Dorian, aus dem Gefallen wurde mehr. Das was Servatio und die meisten Hohenfelde gegenüber ihren Kindern vermissen lassen, empfand Osmund für seinen Jungen. Lange Zeit war er Valerian nur als sein Onkel bekannt, später erst als er alt genug war zu erfahren was und wer er war, erfuhr Valerian davon. Eines kann ich Dir versichern, Osmund hat seinen Sohn geliebt. Er wollte ein Auge auf ihn haben und wissen wie es ihm geht. Dies aber nicht durch die geschönte Sicht von Servatio, sondern durch jemanden der die ganze Sache mit der gebotenen Neutralität beobachtet und zur Not eingreift. 


    Fragst Du Valerian nach Servatio, hörst Du von einem strengen Vater, dem er dennoch liebte und gerne nacheiferte.

    Fragst Du Miles nach Servatio, hörst Du die schonungslose Wahrheit. 


    In dem Moment wo Osmund begriff und im Herzen fühlte, das Valerian sein Sohn ist, versuchte er ihn zu schützen. Der Spagat zwischen dem eigenen Kind, der Familie und der zu erfüllenden Aufgabe - nun welcher Wigberg kennt diese Bürde nicht? 

    Einige Dinge die mit Schmerz verbunden sind, sah Osmund ebenso zur Abhärtung und zum Schutze der beiden Kinder. Anderes nicht und er legte sein Veto ein. 


    Das letzte Veto, dass Osmund aussprach war bezüglich einer operativen Behandlung, die es dem Operierten ermöglichen würde, genau wie ein Antimagier gegenüber Sentir stumpf zu sein.Diese Operation nannte sich Intellekt-Konsolidierung und fusste auf der Forschung von Servatio. Es war eine Hirn-OP die schlimmste Nebenwirkungen nach sich ziehen würde. Wie gesagt, die anderen Kinder waren jene von Servatio und Leticia.


    Das Vasco starb, war kein Unfall. Er wurde von Anthonys Vater Casimir erschossen.


    Das die Sieben nachfolgenden Söhne "Vasco" mit Zweitnamen - Vincent, Valentin, Vitus, Viktor, Vaikko, Valton, Vayron starben, lag leider in ihrer Aufwertung, die ihre Körper nicht verkrafteten.


    Vasco Valerian hingegen war das Kind von Servatio, Osmund und Leticia. Im Jahr 1071 wollte Servatio seinen Sohn Valerian dieser Operation unterziehen, um ihn weiter abzusichern und noch effektiver zu gestalten. Im Jahr 1071 erhielt ich von Osmund den Auftrag Servatio zu töten. Genau an jenem Tag, wo er von dessem Vorhaben erfuhr. Einen Tag bevor ich Servatio ausgeschaltet hätte, hat Miles den Mann getötet. Er hat durch Zufall von der geplanten Operation erfahren und das getan, was jeder liebende Ehemann getan hätte. Er hat die Gefahr beseitigt.


    Kurze Zeit später starb Osmund selbst, er flog auf und die Souvagner brachten ihn um. Was seine Beweggründe waren, wird Dir genauso bekannt sein wie mir.


    Nun weißt Du weshalb ich hier bin, meine Aufgabe war es jenen Mann zu schützen, der Osmunds Sohn ist. Da wir gleichaltrig sind - also Valerian und ich, fällt die Form der Überwachung nicht auf. Ich trat meinen Dienst vor 14 Jahren bei Valerian an. Du siehst, Osmund sorgte sich auch um seinen erwachsenen Sohn. Gerade weil er mit Servatio zusammenarbeitete.


    Falls Du mich etwas fragen möchtest, frage nur", bot Richard an und stellte ein Teegedeck auf den Tisch. Dorian bekam eine Tasse vor die Nase gestellt, in die Richard zuerst Milch und dann Tee eingoss, ehe er sich selbst bediente.

  • Dankbar nahm Dorian die Tasse mit dem warmen Tee. Das leise Klimpern des Geschirrs beruhigte ihn.


    "Danke, Richard. Die Bücher haben einen guten Hinweis gegeben, doch keine Gewissheit, es gibt schließlich auch andere Büchernarren, sonst wäre die Kalthorster Buchmesse nicht solch ein Erfolg. Natürlich habe ich Fragen.


    Erstens: Warum wurde Vasco von Casimir überhaupt erschossen? Er war doch ein Kind.


    Zweitens: Warum brach danach keine Blutfehde aus -  weil Vasco und Casimir beide Hohenfelde hießen, nehme ich an? Dennoch merkwürdig, dass es niemanden von Wigbergseite kümmerte, dass ein halber Wigberg, ein Kind, von einem Hohenfelde erschossen wurde.


    Drittens: Und nicht zuletzt die wichtigste Frage von allen - wer hat Osmund auffliegen lassen? Der Mann war ein Profi und ein fast tausend Jahre alter Lich. Dass er sich einen Fehler erlaubte - unwahrscheinlich. Es sei denn, er wollte sterben, um sich für sein Versagen zu strafen oder weil er im Namen der Familie die Folgen einer Mission nicht abwenden konnte - wie damals Wenzel von Wigberg, der den Freitod wählte, als er sich für die Familie entschied und gegen sein Herz."

  • Richard trank genüsslich einen Schluck Tee, ehe er antwortete.


    "Zu Frage eins, Casimir von Hohenfelde kam der aschgrauen Sonne zu nahe. Seine Ermittlungen führten ihn sehr nah an die Sonne heran. Der Name den er im Zusammenhang mit der Sonne in Erfahrung gebracht hatte, war Servatio von Hohenfelde. Ein Naridier, der Souvagne mit etwas bedroht, wovon Casimir nicht die geringste Ahnung hatte. Und um das Grauen zu stoppen, schickte er seinem naridischen Verwandten eine hohenfeldische Warnung - er tötete seinen Sohn. Ob er dabei bedacht hat, dass er damit auch einen halben Wigberg tötete? Vermutlich nicht. Der 9 jährige Vasco von Hohenfelde, war ein Hohenfelde. Er trug den Namen und war Papas ganzer Stolz. Ihm verpasste er eine Kugel und Vasco starb.


    Dir ist sicher bekannt, dass so einiges über die Sonnen im Umlauf war. So manch einer begegnete Wissensbrocken der Sonne und versuchte mehr in Erfahrung zu bringen. Einige hielten sie für eine Person, andere für eine Maschine, wieder andere für eine Waffe. Was sie tatsächlich ist und war, dass wussten nur jene die involviert waren auf die ein oder andere Weise. 


    Zu Frage zwei, es folgte eine Blutfehde. Man nahm Servatio seinen Sohn Vasco als dieser 9 Jahre alt war. Als der Sohn von Casimir 9 Jahre alt wurde, nahm Servatio ihm im Wege der Blutrache seinen Vater. Nur tötete er Casimir nicht, sondern mottete ihn lebend ein. Casimir von Hohenfelde dient bis zum heutigen Tage als Essensspeicher und Spender. Er ist sozusagen ein lebendes Daueropfer von Servatio geworden. Kein Hohenfelde lässt so etwas auf sich beruhen Dorian. 


    Zu Frage drei, Miles. Und zwar versehentlich. Wie in Frage zwei schon zu erahnen ist, tötet keiner einen Hohenfelde, außer ein Hohenfelde. Servatio starb in der Brennkammer seines Labors. Miles hackte das Überwachungssystem und spielte statt sich Osmund ein. Denn Osmund ging dort ein und aus, also wer sollte Servatio getötet haben? Niemand. Das muss ein schrecklicher Unfall gewesen sein. So wurde es offiziell auch gewertet. Nicht wissend, dass eine ganz andere Macht nun Osmund die Blutfehde aussprechen würde. Osmund wurde von Dunwolf von Hohenfelde - dem Ältesten fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel und enttarnt in dem er die richtigen Spuren legte. Und mitten im Endkampf, als Osmund nur noch zugeben konnte, was und wer er war und die Sonne gegen seine Widersacher einsetzen wollte - da erschien Dunwolf mitten im Gefecht, half ihm aber nicht. Denn er ging felsenfest davon aus, dass es Osmund war der seinen treuen Servatio getötet hatte. Miles hat somit versehentlich Osmund ans Messer geliefert ohne es zu wissen. 


    Auf der anderen Seite muss ich sagen, war Osmund zwar ein liebender Vater was Valerian anging. Aber was war mit all seinen Kindern, die er in die Sonnen schickte? Nun diese Frage zu stellen, stand mir nicht zu Dorian. Du weißt wie es in der Familie läuft. Aber unter uns beiden kann ich die Frage stellen. Du hast Dir die Frage ebenso gestellt und hast gehandelt. Du hast erkannt, dass die Sentir Wiggis sind. Du hast sie gerettet und Du hast Val vor Augen geführt, dass sie ebenso seine Familie sind. Er sollte mal die Gensequenzen überprüfen wie nah verwandt er mit ihnen durch Osmund ist. Ich kann ihm das nicht vorschlagen, denn von alledem weiß Roland Krones der Rezeptionist... nichts", erklärte Richard freundlich.

  • Dorian blickte traurig in seine Teetasse.


    "Wenn das die abschließenden Ergebnisse sind, verdient Osmund genau das, was ihm widerfahren ist. Denn die Verwandtschaft der Sentir zu leugnen, unser Genom herzugeben für ... das ... unverzeihlich. Bei allem Leid, das Valerian ertragen musste, verzeihe ich auch ihm nicht, sondern ich lege nur darum die Waffen nieder, weil ich ein Zeichen setzen möchte. Mag sein, dass es uns eines Tages auf die Füße fällt, aber ich habe lange pro und contra abgewägt, viel mit Miles gesprochen und noch mehr nachgedacht. Lebend und mit aufrichtiger Reue im Herzen ist Valerian hilfreicher für das Ganze als tot. Und dass er aufrecht bereut, das glaube ich ihm inzwischen. Freunde werden wir allerdings nie und ich möchte auch keine Freundschaft mit ihm heucheln.


    Was ich jedoch wünsche, ist, dass er mit den Sentir spricht, noch etwas mehr als bislang. Zu Tivoli hatte er einen guten Draht, schien es mir. Tivo kam schon immer besser mit Menschen klar als mit anderen Sentir. Tivoli sollte ihm auch diese Informationen übermitteln, wie eng sie miteinander verwandt sind. Wenn er das sagt, ist das vielleicht eindrücklicher als wenn der dicke Dori das tut."


    Er gab noch einen Löffel Zucker hinzu und rührte vorsichtig seinen Tee um.


    "Ich schließe einen Fehler von Casimir aus. Er war Profi und dass er sein Zielobjekt nicht ausreichend überprüft, um solche Folgen abschätzen zu können, fällt mir schwer zu glauben. Vielleicht nahm er sie bewusst in Kauf, rechnete aber mit seinem eigenen Tod und nicht mit dem seines Sohnes. Was genau geschah mit Casimir? Was bedeutet, dass er ein Essensspeicher ist? Oder meinst du Essenzspeicher?"

  • Richard nickte zustimmend.

    "Das was Du getan hast, wird Dir nicht auf die Füße fallen. Bedenke all das ist noch extrem frisch und Du hast Valerian verschont. Er war ein Werkzeug, dass sich anderer Werkzeuge bediente. Gib Dir selbst die Zeit, den Valerian kennen zu lernen, den Du bis dato nicht kanntest. Den nur Miles und einige Auserwählte kennen. Und gibt Valerian die Zeit, genau diese Person für alle anderen zu werden. Denn in seinem Wahn seine Leute zu schützen, wurde er oft genug eine Gefahr für sie durch seine Aktionen. Drum wie Du jetzt geurteilt und gehandelt hast, ist eines Richters der Zehn würdig Dorian. Aber brich noch nicht über Euch und Euer Verhältnis die Lanze. Das ist viel zu früh. Das gleiche gilt für alle Beteiligten in Bezug auf Dich. Auch Miles hat für Dich gesprochen und damit genau das ausgedrückt, gebt Dorian seine Chance. 


    Schau Tekuro könnte auch sagen, das mit Dorian wird nie was. Wieso auch immer er Patrice entführte, er entführte ihn. Entführte einen Chud, einen Wigberg, Moritz von Wigberg. Aber das hat Miles nicht zugelassen, denn nicht immer hat man eine freie Wahl Dorian. Und das was die anderen als Angriff, Entführung und Bedrohung wahrgenommen haben, war Deine einzige Möglichkeit den Rest der Familie zu retten. Samt Val, samt Miles, ja vermutlich sogar samt Tekuro, den Chuds und Carnac. Und vielleicht stand sogar Osmund vor Jahrhunderten vor genau so einer Entscheidung.


    Sein Fehler war Dorian, er hat nie seine eigene Entscheidung hinterfragt oder die Richtung korrigiert. 

    Du hingegen hast genau das getan, als Du Souvagne angegriffen und Val verschont hast. Zeitgleich hast Du damit bewirkt, dass Val genau das Gleiche getan hat wie Du. Er hat es auf einer anderen Ebene verstanden, als rein mit dem Verstand. Ab dato war er seinem Kind, sich und Dir treu, statt Servatio. Er hat seinen Kurz genauso überprüft und angepasst. 


    Du hast etwas angestoßen Gewaltiges und Gutes angestoßen und er zog mit. Ihr habt etwas erreicht, was Osmund Jahrhunderte nicht geschafft hat, was er nicht einmal gesehen hat. Drum gib Dir und Deiner neuen Familie mit all ihren neuen Mitglieder die da sind und noch kommen werden die Chance die Ihr alle verdient habt. 


    Du hast mich im Grunde arbeitslos gemacht Dorian und ich bin stolz darauf, wie Du es getan hast als Wigberg. 


    Ich denke auch Tivoli sollte es Val erklären, er macht einen freundlichen Eindruck. Die beiden scheinen sich echt gut zu verstehen und ist das nicht auch ein Anfang, den Tivoli und Val benötigen? Wenn man viel zu geben hat, soll man einen längeren Tisch bauen und keine höhere Mauer. Das sagte mein Vater immer. 


    Wegen der Essenz, da hast Du Recht. Servatio nutzte Casimir als Lebendspender für magische Essenz. Es wäre Zeit den Mann zu erlösen oder freizulassen. Oder zumindest Anthony zu sagen, was geschehen ist. Nun hätte Casimir nicht auf Vasco geschossen, hätte es Valerian und seine Brüder nie gegeben. Und Miles und Valerian ebenso wenig als Paar. Und wer weiß was noch alles nicht geschehen wäre. 


    Aber was wäre wenn, es ist an uns damit zu leben was geschehen ist und wir sind die Puffer die die Katastrophe abwenden. So wie immer, so wie seit Ewigkeiten. Du wirst die Himmelslanze zu einem Wiggiherrenhaus umformen Dorian. Das ist Deine Aufgabe und Du wirst ein gewaltiges Vermächtnis hinterlassen. Du hast mehr Größe und Courage, als Du glaubst. Dafür glaube ich an Dich und eines Tages Dorian, eines Tages tust Du es auch", sagte Richard schlicht.