Kapitel 56 - Digitaler Alarm in der Himmelslanze

  • Digitaler Alarm in der Himmelslanze

    Isenfried hatte sich die Zeit genommen, seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Heute waren die meisten Mitarbeiter der IT-Abteilung aus gutem Grunde beurlaubt. Er allein war hier. Als Verantwortlicher würde er für den fatalen Fehler seiner Abteilung geradestehen ... den Fehler, der den Tod eines Familienmitglieds seines Chefs verursacht hatte. Da er nicht damit rechnete, den Tag zu überleben, hatte er sein Testament vorbereitet und alles weitere geregelt. Hier und da auch Vorsichtsmaßnahmen getroffen, so weit das möglich war. Er trug seinen guten anthrazitfarbenen Anzug, dazu ein Hemd aus silberglänzendem Stoff mit malachitgrüner Krawatte. Auch das Einstecktuck leuchtete in diesem Ton, genau wie das Band um seinen Hut. So ging er sonst nicht ins Büro, doch wenn er abtrat, dann in Würde.


    Nervös schob er die Brille mit dem Zeigefinger auf seiner Nase höher, während er seinen Koffer mit allen notwendigen Arbeitsmaterialien befüllte. Mit zitternden Fingern bereitete er das Datapad vor, parallel dazu einen seitenlangen Ausdruck, weil er wusste, dass Valerian von Hohenfelde Papier liebte. Er sperrte den Monitor, packte alles in seinen schmalen Koffer und begab sich zur Höhle des Löwen. Der Anzug sauste, er stieg um und ein weiterer Aufzug brachte ihn in Etage 10 zum Büro des Valerian von Hohenfelde.


    Er nahm seinen Mut zusammen und klopfte.

  • Valerian saß an seinem großen Schreibtisch und ging die Strafakte eines Falles durch. Dieser Fall würde vor dem Rat der Zehn verhandelt werden, ein Kapitalverbrechen. Mit dem Rücken saß der dritte Richter Naridiens zum Fenster. Alessa die Hauptstadt Naridiens bildete das Panorama des Gesamtbildes von Valerian, dem Büro und seinem Machtbereich. Die Sitzecke neben seinem Schreibtisch wurde im Moment nur von Sphinx seinem Kater genutzt. Dieser schlummerte zufrieden auf der teuren Luxusledercouch. Die Beleuchtung war gedimmt, so dass Val im Halbschatten saß, wie üblich. Er bevorzugte die Dunkelheit und arbeitete am liebsten Nachts. Zu dieser Zeit konnte er seine Gedanken besser fokussieren, es gab weniger was ihn ablenkte oder seine Aufmerksamkeit auf sich zog.


    Valerian stand auf, ging an der Sitzecke vorbei zur kleinen Minibar und nahm sich ein kaltes Sprudelwasser. Als er zum Schreibtisch und dem Fall zurückkehrte, streichelte er auf dem Weg dorthin Sphinx. Der kleine, nackte Kater schien regelrecht zu glühen. Aber das war nur eine thermale Täuschung, Sphinx hatte eine völlig normale Körpertemperatur.


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    Von Hohenfelde blieb einen Moment vor der gewaltigen Panoramaglasscheibe seines Büros stehen, nippte am Wasser und schaute auf seine Stadt. Jene Stadt von der aus der Rat Naridien regierte. Alessa war ein herrliches Farbenmeer zur Abend- und Nachtstunde. Nun viele Großstädte erblühten Nachts zu wahren Schönheiten. Aber Alessa war anders, es war seine Heimat.


    Sein Herrenhaus, die Himmelslanze, lag direkt am großen alessianischen See. Die Hafenpromenade führte unmittelbar an der Lanze vorbei. Eine exquisite Lage für ein ebensolches Haus. Der Sommer hatte bereits den Kampf gegen den Herbst verloren und die goldenen Blätter der Promenadenbäume spielten tagsüber im warmen Wind. Bei Nacht sah man von alledem nichts, aber die Lichter der Stadt, hatten ihren eigenen Reiz.


    Feuerwerk ging hoch und ließ den Nachthimmel mit dem Lichtermeer um die Wette strahlen. Der 11.11. das alljährliche Lebensfestival wurde gefeiert.


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    Valerian stellte das Glas auf dem Schreibtisch ab und nahm wieder Platz. Manche Akten wurden zu wahren Ungetümen, was den Umfang anbelangte. Er hatte sich einen Teilauszug von Miles mit den wichtigsten Eckdaten fertigen lassen. Und dennoch saß er bereits Stunden an dem Fall. Gerade als er sich wieder der Akte widmete, klopfte es zur späten Stunde.


    "Herein", antwortete Val und schaute von seinem Schreibtisch auf.

  • In seinem piekfeinen Anzug trat Isenfried ein. Seine Brille war entspiegelt, so dass sie trotz des Feuerwerks nicht den Blick auf seine Augen verbarg. Das war vor allem für ihn selbst wichtig, da er keine lästigen Spiegelungen im Sichtfeld wollte, welche ihn bei der Arbeit ablenkten.


    "Euer Ehren, bitte entschuldigt die späte Störung. Ich würde Euch nicht um diese Uhrzeit behelligen, wäre es nicht von fundamentaler Bedeutung."


    Er ging zum Besprechungstisch, der sich neben dem Schreibtisch befand, platzierte seinen Koffer darauf und klappte ihn auf. Während er die Konferenzmappe mit den Unterlagen und das Datapad bereitlegte, vermied er Blickkontakt.

  • "Von Kaltenburg", grüßte Valerian umgänglich, markierte die aktuelle Seite der Akte mit einem Heftzettel und klappte sie zu.

    "Was führt Sie zu so später Stunde zu mir? Das Sie mich nicht für eine Kleinigkeit stören ist mir bewusst. Fundamentale Bedeutung? Was ist von fundamentaler Bedeutung? Worum genau geht es?", hakte Valerian nach und trat an den Besprechungstisch heran.


    "Versucht einer der Neun seine Nase in unsere Angelegenheiten zu stecken?", schlussfolgerte Val, nahm Sphinx auf den Schoss sowie auf der Couch Platz und deutete Isenfried an, sich ebenfalls zu setzen.

  • Isenfried schob dem Richter die aufgeschlagene Konferenzmappe hinüber, während er selbst sich daran machte, das Datapad zu entsperren, was eine komplexe angelegenheit war.


    "Unser Sicherheitssystem wurde gehackt. Ich habe eine Zeit benötigt, um die Anfrage zur Änderung des Zugangscodes zurückzuverfolgen, weshalb ich erst jetzt an Euch herantreten kann. Es handelte sich um einen automatisierten Hack mittels Software. Unser Glück war, dass der Angreifer seine CI, seine Com-Identität, nicht über Octopoda verschleiert hat. So konnte ich ihn über die Logdatei des Servers zurückverfolgen und über eine Provideranfrage seinen Standort ermitteln. Der Standort ist mobil, es handelt sich nicht um einen lokalen Rechner, sondern über Interkom mit standardisierter Hackkomponente, der regelmäßig auf das Lokalnetzwerk der Himmelslanze zugreift. Der Rechner ist im Kopf eines unserer Mitarbeiter."


    Isenfried holte vor Nervosität tief Luft.


    "Herr von Hohenfelde, an dem Tag, an dem Euer Vater starb, war dieser Hack durchgeführt worden. Die Identitätsabfrage wurde umgeleitet zu einer anderen Person. Es war nicht Osmund von Wigberg, der Euren Vater tötete."

  • Valerian nahm die Mappe entgegen, schlug sie aber noch nicht auf, da er seinem Mitarbeiter aufmerksam zuhörte. Beinahe hätte er reflexartig geantwortet, dass Osmund genauso sein Vater gewesen war. Aber er konnte sich noch auf die Zunge beißen. Wie hieß es so schön? Ein Hohenfelde lernte bereits zu schweigen, wenn andere noch das Sprechen erlernten. Hohenfelde erlernten aber auch noch ganz andere Dinge, im Gegensatz zu den Wigbergs. Er hatte in letzter Zeit so oft über die Familie und seine Herkunft gesprochen, dass er fast die Grenze überschritten und sich jemand Fremden offenbart hätte.


    All die Überlegungen die ihm gerade durch den Kopf schossen, sah man seinem Gesicht nicht an. Die Wigbergs waren mehr noch als die Hohenfelde Meister darin Masken zu tragen. Wer sollte Servatio umgebracht haben, wenn nicht Osmund?


    "Offiziell wurde der Tod meines Vaters als Unfall deklariert. Inoffiziell hieß es, dass Osmund von Wigberg, ein Verwandter von uns und langjähriger Geschäftspartner möglicherweise für den Tod von Servatio verantwortlich gewesen ist. Laut Input befand er sich zur gleichen Zeit im Labor, als mein Vater anwesend war. Sie zeigen mir ein ganz neues Bild auf. Sie sind nervös und Sie haben Angst. Die schlimmste Schlussfolgerung wäre, wir haben einen Maulwurf in unserem Team, der meinen Vater ermordete. 


    Sie sind klug und äußerst aufmerksam von Kaltenburg. Osmund hat unter anderem kein Interkom getragen. Als Magier hatte er dies nicht nötig. Also kann es Osmund nicht gewesen sein. Haben Sie herausfinden können, wessen Interkom die Anlage gehackt hat? Kurzum wer für den Tod von Servatio  verantwortlich ist?", hakte Valerian mit einer Mischung aus Anspannung und Neugier nach.

  • Isenfrieds Gesicht glänzte vor Schweiß. "Ja, Herr von Hohenfelde. Das habe ich."


    Er schob das Datapad herüber, das nun entsperrt war. Eine nüchterne, tabellarische Arbeitsumgebung mit Zahlen- und Buchstabenkollonen offenbarten, das der Server vor Valerian offenlag. Ein Eintrag war markiert worden. Eine CI-Nummer, der dazugehörige Provider, der Serverstandort und sogar der konkrete Server samt des betreffenden Nutzers waren aufgeschlüsselt auf Datum und Uhrzeit genau. Hinzu kamen weitere technische Details zu den Vorgängen, welche wann stattgefunden hatten. Das wenigste davon war für einen Laien verständlich, doch der markierte Eintrag offenbarte zweifelsfrei die Information, die Isenfried heute hierher geführt hatte.


    "Miles von Wittelspitz war es, der die Identitätsbestätigung auf Osmund von Wigberg umgeleitet hat. Zu dem Zeitpunkt, als Euer Vater starb, befand er sich im Labor und griff auf den Rechner zu, um die Daten zu manipulieren. Und er war es auch, welcher die Verbrennung einleitete, da auch deren Steuerung digital abläuft und entsprechend zurückverfolgbar ist."

  • Valerian nahm das Datapad entgegen und schaute es mit Argusaugen an.

    "Wer weiß davon außer wir beide?", hakte er so ruhig nach, dass bei jedem die Alarmglocken schrillen mussten die den dritten Richter Naridiens persönlich kannten.


    "Dieses Pad offenbart uns, dass mein Lebensgefährte meinen Vater verbrannt haben soll. Sind Sie sicher, dass nicht ein anderer Miles genau dies in die Schuhe schiebt? Sprich Person X beschuldigt Miles, der angeblich Osmund beschuldigt haben soll? Einfach um die eigenen Spuren noch gekonnter zu verwischen?


    Und wäre dem so, wie Sie vortragen, dann wüssten wir zwar dass Miles Servatio eingeäschert hat. Warum, dass sagt uns das Pad leider nicht. Also wie sicher sind Sie?", versuchte Valerian sich abzusichern.


    Es war Valerian durchaus bekannt, welche Meinung Miles von Servatio gehabt hatte.

    Val schaute sich in seinem Büro um. Das hier war sein Herrenhaus, sein Habitat. Das hier war alles was er trotz seines gewaltigen Reichtums besaß. Mit einem Mal kam es ihm so vor, als beschränkte sich seine gesamte Welt auf die Himmelslanze. Der Rest "dort draußen" existierte nicht. Er hatte ihn ausgesperrt. Doch der Rest von Asamura wollte sich nicht aussperren lassen und verlangte Einlass.


    Servatio.


    Valerian horchte tief in sich hinein. Ihm war bewusst, dass er damals als junger Mann nicht wirklich vorgehabt hatte, für die Regierung oder das Militär zu arbeiten. Nein das war nicht sein Wunsch oder Ziel gewesen. Er hatte sich dies nur auf die Fahne geschrieben, um bei Servatio Eindruck zu machen. Er hatte sich die Anerkennung seines Vaters gewünscht. Mehr noch, er hatte sich dessen Zuneigung und Liebe gewünscht. Und ein winziger Teil in ihm hegte die Hoffnung, wenn sie beide die gleiche Leidenschaft teilen würden, dann würde Servatio auch mehr mit ihm teilen. Er würde ihn sehen, ihn akzeptieren, ja vielleicht würde er ihn sogar gern haben.


    Aber sein Vater sah ihn in diesem Moment nicht, als er von seinem Wunsch sprach, den er nur für ihn geäußert hatte. Nein, er sagte ihm was er wirklich war. Servatio zerschmetterte den Traum seines Sohnes, jemals beim Militär arbeiten zu können. Er war eine Kopie. Nicht eine einfache, sondern eine aufgewertete - WardGen... unsere Produkte sind menschlicher als menschlich....


    Val erinnerte sich an den Solgan, an jenem schicksalhaften Tag begriff er ihn. Er verstand schlagartig warum Servatio so liebevoll von scheinbar gemeinsamen Erinnerungen redete, aber niemals in dieser Art mit ihm redete. Er war nicht Vasco. Er war Valerian und es hatte andere vor ihm gegeben. Andere Versuche Vasco zurückzuholen. Er war ein lebendes Foto, ein immens teurer "Holobaum" von Vasco. Aber gleich wie teuer er war, gleich wie gut, freundlich oder zugewandt er war. Eines war er nicht - Vasco.


    Er hatte Miles davon erzählt. Milli hatte ihn für den Bruchteil einer Sekunde angeschaut, ehe er ihn umarmte und festhielt. Er war da. Wie immer wenn die Welt ihm ihre hässliche Fratze kampfbereit entgegenreckte, war Miles an seiner Seite. So auch an diesem Tag. Vier Jahren waren sie zu diesem Zeitpunkt bereits ein Paar. Er sagte ihm alles und alles was Miles tat war ihn zu halten. Etwas das kein anderer je getan hatte.


    Miles sah und liebte ihn. Und Miles hasste Servatio. Es gab nur eine Person, die er noch mehr hasste als Servatio und das war

    Leticia. Leticia seine Mutter, die nach Vascos Tod als zerbrochenes Etwas zurückgeblieben war. In sich selbst zurückgezogen, verbrachte sie den Rest ihrer Zeit. Miles hatte Recht, er hätte seinen Vater für die Lügen hassen. Und mehr noch hätte er seine Mutter verachten müssen. Milli verachtete sie auf ganzer Linie für ihr rückgratloses, selbstsüchtiges Verhalten. Sie hatte also ein Kind verloren. Warum stieß sie dann das andere von sich?


    Sie hatten versucht etwas zu retten, was schon längst nicht mehr zu retten war. Vasco war so tot, wie ihre Ehe.

    Das waren Miles Worte, als die Welt jeden Fixpunkt für Valerian verloren hatte und wie so oft nur noch Miles sein Anker in dieser stürmischen See gewesen war.


    Aber hatte er es wirklich verstanden? Nein. Nicht wirklich. Bis zu dem Tag als Jeremy das erste Mal die Augen aufschlug und ihn aus der Hülle anlächelte, hatte er es nicht verstanden. Wie sollte ein Kind gleich welchen Alters auch verstehen, nicht gewollt zu sein? Bis zu jenem Tag, hatte er immer noch versucht seinen Vater zu beeindrucken, um seine Zuneigung zu gewinnen.


    Und dann kam Dorian und zeigte ihm, wie eine Familie agieren sollte. Und Moritz, der ihm einen Spiegel vorgehalten hatte, wie er sich zu seinem eigenen Kind verhielt. Er war zu dem geworden, was er selbst am meisten gefürchtet und verabscheut hatte. Und dennoch hatte er von seinem Vater immer noch ein Bild auf dem Com. So als würde er morgen früh wieder vor der Tür stehen und ihm sagen, dass es ihm leid tat. Das er nur wollte, dass es ihm gut ginge, dass er sicher war, dass ihm nichts geschehen würde. Aber solche Worte waren nie über Servatios Lippen gekommen.


    Sei der Vater den Du Dir gewünscht hättest. Ein weiser Rat, den er beherzigt hatte. Zum Glück noch rechtzeitig, aber die verweinten, roten Augen von Jeremy waren Strafe genug. Das hatte der Kleine nicht verdient, niemand hatte das verdient.


    Die Zuneigung von Servatio war nichts wert. Seine Aufmerksamkeit brachte nichts als Hohn, Spott, Schmerzen, Therapien und Operationen. Wer von ihnen beiden war eigentlich das Monster?


    Die Fragen die ihm im Kopf herumspukten, stellte sich Miles niemals. Er hatte Antworten und er hatte die Welt unverfälscht gesehen. Hatte ihn behütet, beschützt und beigestanden. Sollte Miles Servatio tatsächlich eingeäschert haben, dann hatte er dafür einen guten Grund.


    Und von Kaltenburg?

    Der junge Mann hatte nur seine Arbeit gemacht und war vertrauensvoll zu ihm gekommen. So wie er aussah, wusste er was ihm blühen konnte. Vertrauen sollte man mit Vertrauen vergelten und nicht mit einer Bestattung.


    Valerian stand auf, nahm zwei Gläser aus der Minibar und goss ihnen beiden großzügig einen Schnaps ein. Er kehrte zur Couch zurück und drückte Isenfried das Glas in die Hand.


    "Von vorne. Verstehe. Sie arbeiten für mich richtig? Mit allen Konsequenzen. Können Sie die Spur so verwischen, dass eine Rückverfolgung ausgeschlossen ist? Mein Mann ist kein Mörder, mein Vater war es schon", sagte Val tonlos.

  • "Der Name, der vom System ausgegeben wird, ist nur eine Übersetzung für den Anwender ... entscheidend ist die CI-Nummer. Wenn jemand diese verschleiern möchte, muss er über Octopoda auf das System zugreifen.


    Octopoda kann man sich vorstellen wie einen digitalen Bahnhof, an dem alle umsteigen und das Auto wechseln, um mit einem Auto des Anbieters weiter bis zum Zielpunkt zu fahren. Jedoch haben die Octopoda-Nummern eine andere Struktur, heißt, man sieht, ob jemand seine CI verschleiert hat, selbst wenn man nicht mehr zurückverfolgen kann, woher er ursprünglich kam.


    Die Nutzung von Octopoda birgt allerdings ihre eigenen Risiken, denn natürlich weiß Ocotopoda dann, wer seine Daten zu verschlüsseln suchte und darum möglicherweise kriminell agiert. So schleppt man sich von Octopoda aus gern etwas ein, Spionagesoftware hängt sich an die Spur. Dagegen gibt es wieder virtuelle Mauern, es ist stets ein Abwägen, wie gut der eigene Schutz wirklich ist und ob der Nutzen, den Octopoda bringt, das Risiko wert ist, ausspioniert zu werden. Entweder wusste Euer Mann nichts von den Möglichkeiten der Verschleierung oder er umging sie bewusst, wurde so aber vom hauseigenen System identifiziert.


    Fazit: Ja, ich bin sicher, dass Miles von Wittelspitz Euren Vater tötete. Erst, als ich es wirklich war, entschloss ich mich dazu, Euch aufzusuchen. Momentan weiß nur ich davon. Bei mir ist diese Information so sicher, wie sie es nur sein kann. Ihr versteht jedoch, dass im Falle meines Todes per Testament mehrere Schließfächer geöffnet werden, welche diese Information an die Öffentlichkeit bringen werden."

  • "Miles ist kein Trottel, aber auch er weiß nicht alles oder war in Zugzwang. Mir erschließt sich, was sich hinter Octopoda verbirgt und ich lehne dessen Einsatz ab. Solange diese Information nur in unserem Netzwerk zu finden ist, kann sie auch beseitigt werden. Ich werde Sicherheitsdateien ziehen lassen und dann - Totalausfall. Damit dürfte die Sache erledigt sein. Hoffe ich. 


    Eine tote Mannschaltung als Absicherung... clever. Nun wer würde nicht so handeln, wenn er der einzige Wissensträger ist? Da wir hier über extrem vertrauliche Dinge sprechen, duzen wir uns. Mir liegt nichts daran Dich zu töten, kurzum ich habe nicht vor Dich zu beseitigen. Du bist mit dieser Information zu mir gekommen und hast damit höchstes Vertrauen bewiesen. Wohlwissend, wie dieses Vertrauen enden könnte. Aber wollen und müssen ist zweierlei. 


    Nenne mir einen trifftigen Grund, warum ich einen begabten, loyalen Mitarbeiter töten sollte. 

    Nenne mir einen trifftigen Grund, warum ich einen möglichen Verräter verschonen sollte. 

    Du verstehst mein Dilemma? Also was bist Du Isenfried? Zeig mir Deine Gedanken", forderte Valerian freundlich aber unmissverständlich.

  • Isenfried lehnte sich im Stuhl zurück.


    "Valerian ..." Es fühlte sich ungewohnt an, den Vorgesetzten mit Vornamen anzusprechen. "... wäre ich ein Verräter, hätte ich diese Informationen nicht für mich behalten, sondern verkauft. Ich bin sicher, es hätten sich genügend Kunden dafür gefunden. Der Totalausfall des Systems macht nur dann Sinn, wenn es in sich geschlossen ist, heißt, niemand hier hat darüber auf öffentliche Kanäle, auf Vairetafe und so weiter Zugriff. Jedoch schaut man die Holos hier nicht von der Festplatte aus. Die Handcoms und Intercoms laufen über das gleiche System wie das Vairetafe, sonst wären sie nicht kompatibel. Kein intercomträger könnte einen Rechner hacken oder auf Vairetafe zugreifen.


    Heißt, das System ist nicht geschlossen, sondern durchlässig wie ein Schwamm, genau das soll es auch sein, anders als der ALEX der Bluthexer, die kein Interesse an den Errungenschaften des internationalen Konsumgenusses haben. Aufgrund dieser Offenheit werden digitale Kriege geführt, dafür hast du mich. Ich bin dein General, dein Feldherr über eine Armee, die für das Auge unsichtbar ist, deren Sprache kaum einer versteht und mit der doch im digitalen Zeitalter alles steht und fällt.


    Darum bin ich zu dir gekommen. Aber ich habe auch etwas zu verlieren - mein Leben. Und ich wäre ein schlechter General, würde ich die Eigensicherung vernachlässigen."

  • Isenfried spürte einen winzigen Augenblick später, dass sein Chef nicht nur im gleichen Raum anwesend war, sondern er spürte dass er sich in seinem Kopf nicht mehr alleine befand. Ein fremdes Bewusstsein schaute sich in seinen Gedanken um. Für jemanden der so einen Zugriff nicht kannte, war es ein äußert befremdliches, ja sogar bedrohliches Gefühl. Der Besucher in Isenfrieds Gedanken verhielt sich jedoch tatsächlich wie ein Gast. Er schaute sich um, fasste nichts an und zerstörte auch nichts. Er war da, Valerian war in seinen Gedanken präsent. Denn eines war damit ausgeschlossen, Isenfried konnte ihn nicht belügen.


    Von einer Lüge ging allerdings Val wohlwollen nicht aus, dass spürte von Kaltenburg. Rein von der Logik her hätte er sich sonst nicht der Gefahr ausgesetzt. Es sei denn, er hätte die Dreistigkeit besessen Valerian erpressen zu wollen. Wütend konnte Val ein schrecklicher Feind sein. Wohlgesonnen als Verbündeter war er das glatte Gegenteil.


    Valerian nahm einen Schluck Schnaps und schaute Isenfried offen an.


    "Du brauchst die tote Mann Schaltung nicht Isenfried, denn Du bist kein toter Mann. Du hättest versuchen können mich zu erpressen. Oder wie Du sagtest, Du hättest die Information verkaufen können. Tja es gäbe da wohl genau neun Interessten für diese Information. Man kann immer von zwei Seiten an einer Leine ziehen Isenfried. Das heißt man kann den Verkäufer ausschalten oder die Käufer. Aber ich habe weder das eine noch das andere vor. Allerdings hatte ich schon so vieles im Leben nicht vor und musste es dennoch umsetzen. Sprich manchmal setzt die Situation einen unter Zugzwang und man kann nur das geringere Übel wählen.


    Würde ich nach Schema F verfahren gäbe es natürlich drei Lösungen. Dich, die Käufer, oder Miles. Auf wen verzichte ich? 

    Da ich Schema F zur Freude aller gerade hinter mir gelassen habe, muss eine andere Lösung her. Ich verzichte auf niemanden von Euch. Wüssten die Neun davon, würde so mancher an dem Wahrheitsgehalt meiner Aussage zweifeln.


    Gerade beneide ich voller Missgunst Souvagne um seine Mauer. Vermutlich haben die auch zig andere Mauern, außer die sichtbaren und nicht so einen Wychtlgebirgskäse wie ich hier. Gut wie bekommen wir diese verfluchten Löcher gestopft?

    Und noch eine Frage, was ist ein Alex?", fragte Valerian und stellte sein Glas auf dem Tisch ab.


    Da er nach wie vor mit Isenfried mental verbunden war, wusste auch von Kaltenburg dass Valerian die Wahrheit sprach.

  • "Danke, dass du nicht erwägst, mich zu töten ... ich bin dein Systemadministrator und ich bin es mit Leib und Seele. Aber ich habe Verantwortung gegenüber meinem Haus und kann mein Ableben darum nicht riskieren."


    Der Blick Isenfrieds war ängstlich, als Valerian in seinem Hirn herumspazierte. Isenfried liebte seine Codezeilen, er kommunizierte präzise und leidenschaftlich mit Maschinen. Fehler im System betrachtete er als Herausforderungen, Angriffe beflügelten seinen Ehrgeiz. Ganz anders sahen weltliche Konflikte aus, die ihm Angst machten und denen er am liebsten aus dem Weg ging. Er war kein mutiger Mann, kein Spieler, sondern wollte einfach seine Ruhe haben, um konzentriert und ungestört an seinem Rechner arbeiten zu können. All das las Valerian, sofern er es noch nicht wusste. Isenfried wollte ihm nichts Böses, er fürchtete sich. Zudem fand Valerian heraus, dass eines der Schließfächer in Obenza lag und das andere an einem Ort, den er selbst nicht hätte benennen können, nachdem er das Schreiben an einen Verwandten überreicht hatte.


    "ALEX ist das Betriebssystem der Bluthexer. Es ist mit keinem anderen kompatibel, das ist die virtuelle Mauer der Souvagner. Sie betreiben damit ihre Schöpfermaschinen und ihr internes Kommunikationssystem. Für mehr musst du Nethlee befragen, der mir davon berichtete. Er kennt sich mit Technik gut aus, nur nicht mit unserer."


    Auch Isenfried trank nun einen Schluck. Das Getränk zitterte.

  • "Isenfried, ich bin nicht das Arschloch für das mich alle halten. Ich kann es sein ja... aber jeder kann ein Arsch sein, wenn er muss. Dein Tod war keine Option für mich. Wie zuvor gefragt, was hätte ich davon? Nichts. Du wärst tot, ich hätte einen guten Mann verloren und die Gefahr auch noch auf Miles losgelassen. Zudem denkst Du in klaren, strukturierten Bahnen. Du denkst mathematisch, so wie ich. Deine Formeln sind Deinem PC-Bereich geschuldet, meine den genetischen Codes und Sequenzen. Wir beide denken in Formeln. 


    Zudem verstehe ich Deine Angst, wer möchte schon sterben? Niemand möchte das. Du nicht und ich ebenso wenig. Du wohnst hier in der Himmelslanze, auch wenn es Dir nicht bewusst ist, hat dieser Umstand eine Bedeutung. Du gehörst zu meinen Leuten. Nicht zu meinem engsten Kreis, aber Du bist jemand der in meinem "Herrenhaus" wohnt. In meinem vertikalen Dorf, wie Theodor sonst sagt. Jene die ich hier nicht wünsche, sind nicht hier Isenfried. 


    Wir sind mental verbunden, Du weißt dass ich die Wahrheit sage. Du sprichst ebenso die Wahrheit. Du bist zu mir gekommen, um mir zu helfen. Um Deine Welt zu sichern, unsere Welt. Mehr noch, Du hast das Wertvollste meines Lebens geschützt - Miles.

    Dafür Danke ich Dir. 


    Du bist mein General, dann beseitige die feindlichen Schlupflöcher. Was Du getan hast, erkenne ich an. Wenn Du möchtest, darfst Du in die 110. Etage ziehen. Du hast Dir mein Wohlwollen verdient Isenfried. Eine Frage habe ich noch. Weiß Miles von alle dem? Ist es ihm bewusst, oder ist es unter seinem Radar durchgelaufen? Sprich weiß er nicht, was er da verzapft hat?", hakte Valerian freundlich nach.

  • "Dass du ein ... ein Arschloch sein könntest, habe ich nie gewagt zu denken. Es steht mir erstens nicht zu und zweitens ist es nicht, wie ich dich erlebe. Wo sonst haben Mitarbeiter so gute Arbeitsbedingungen wie hier?"


    Da sie noch immer mental verbunden waren, wusste Valerian, dass Isenfried nicht schmeichelte, sondern seine Worte genau so meinte, wie er sie sagte. Ihm gefiel das Leben in der Himmelslanze und seine Arbeit.


    "Wie viel dein Mann weiß, kann ich nur erahnen. Ich denke, da er auf einen automatischen Hack zugriff, wird es nicht viel sein. Ich kann die Schlupflöcher beseitigen - doch dafür benötige ich Zeit und ein größeres Team. Wir könnten, gleich dem ALEX, ein eigenes Betriebssystem entwickeln, welches weder physisch noch virtuell mit anderen Systemen Schnittstellen aufweisen kann.


    Das würde, je nach Abschottungsintensität, jedoch im Zweifelsfall auch bedeuten, dass die gesamte Himmelslanze mit anderer Technik ausgestattet werden muss ... die Fahrstühle, die Klima-Anlagen und hier würden keine Aeros und keine Handcoms mehr funktionieren, auch nicht mehr das Interkom deines Mannes. Du verstehst nun, warum es Lücken gab, geben musste, und wir nicht alles abblocken konnten, was wir vielleicht aus technischer Sicht gekonnt hätten, um einen Hack auszuschließen. Also, wie hoch darf die Mauer sein?"


    Isenfried schmunzelte.

  • Val schmunzelte Isenfried an und neigte als Zeichen des Respekts leicht den Kopf.

    "Frage kann man zwei Systeme nebeneinander laufen haben? Ich würde gerne die gesamte Lanze mit der höchstmöglichen Sicherheit ausstatten. Das hier ist mein Zuhause, ich möchte keine unliebsamen Überraschungen erleben. Wie wäre es, wenn die Lanze über einen eigenen Alex läuft, aber wir dennoch einige Technik haben, die uns mit Informationen von außen versorgt? Die beiden System müssen selbstverständlich unabhängig von einander laufen und dürfen keine Schnittstellen aufweisen. Sonst ist unser Alex nutzlos. Geld spielt keine Rolle, sag mir ob es machbar ist. Sekunde", bat Val.


    Valerian deutete Isenfried an zu warten, ging zu seinem Schreibtisch und rief Miles an. Es dauerte eine ganze Weile bis dieser an sein Com ging. Valerian stellte auf laut, damit sich Isenfried nicht hintergangen fühlte.


    "Was?", nuschelte Miles total verschlafen und gähnte.
    "Komm mal bitte runter in mein Büro", bat Val.


    "Jetzt? Ist doch nicht wahr... Was ist denn los? Komm doch hoch. Guck mal auf die Uhr wie spät es ist Lalli. Klapp die Akte zu und komm nach Hause. Den Rest kannst Du morgen früh lesen. Na komm", bat Miles mit vor Müdigkeit belegter, rauer Stimme.
    "Miles es ist wichtig, komm bitte her", bat Valerian ernst.


    "Na von mir aus. Muss ich dazu angezogen sein? Sprich muss ich danach wohin? ", gähnte Wittelspitz.
    "Darum geht es, Du sollst nirgends hin müssen. Erklärung im Büro. Schmeiß Dich in die Sportklamotten, Du kannst nicht nackt kommen. Bis gleich", antwortete Val belustigt.


    "Alles klar, mache ich. Dauert ein paar Minuten. Ich bringe uns einen Kaffee mit. Bis gleich Lalli", stöhnte Miles geschafft und gab einige undeffinierbare Knurrlaute von sich.
    "Na hopp jetzt, nicht wieder hinlegen. Anziehen, herkommen Milli", befahl Valerian liebevoll.


    "Du kennst mich zu gut. Bin unterwegs Kuss", gab Miles zurück und legte auf.

    Valerian legte ebenfalls auf und gesellte sich wieder zu Isenfried.


    "Wir benötigen etwas Geduld, Miles muss wach werden", schmunzelte Val und schnappte sich seine Packung Rauchstangen. Mitten in der Bewegung hielt er inne und legte sie zurück auf den Tisch. Er hatte die ganze Zeit seit Miles entführt worden war, nicht mehr geraucht. Warum sollte er damit wieder anfangen?


    Keine zehn Minuten später betrat Miles das Büro von Valerian. So sahen ihn sonst kaum andere, er lief sonst privat nicht in lockerer Sportkleidung herum. Wittelspitz küsste seinen Mann zur Begrüßung, drückte ihm einen Kaffee eher in die Hand und schaute danach Isenfried fragend an.


    "Also worum geht es?", fragte Miles und schnappte sich die Packung Rauchstangen, die Val gerade verschämt hatte und zündete sich eine an.

    "Das erklärt Dir Isenfried", antwortete Val und gab damit von Kaltenburg das Wort.

  • "Gern. Es betrifft die Logdatei des zum Laborrechner gehörenden Servers. Um es kurz zu machen, ich habe versucht, herauszufinden, wie der Mord an Servatio geschehen konnte, um diese Sicherheitslücke zu schließen. Und ich habe sie zurückverfolgt. Bis zu demjenigen, der die Identitätsabfrage umleitete auf Osmund von Wigberg. Ich habe nachvollziehen können, wer die Einäscherung initiierte."

  • "Interessant. Die Sicherheitslücke ist geschlossen, nehme ich an", antwortete Miles freundlich und rauchte in aller Seelenruhe weiter. Valerian schaute seinen Mann an und schüttelte langsam den Kopf.

    "Das ist sie nicht, möchtest Du mir was sagen?", fragte Val ruhig.


    "Ehr weniger, eigentlich wollte ich weiterschlafen", gab Miles als Antwort.

    "Servatio starb durch die Verbrennungsanlage im Labor, als Du meine Akte geholt hattest, die ich dort vergessen hatte am Vortag. Also antwortest Du uns nun vernünftig oder bekomme ich keine Antwort? Mal darüber nachgedacht, was passieren könnte, wenn die Information in falsche Hände gerät?


    Ich bin der dritte Richter Naridiens, aber ich bin nicht der erste Richter! Wir sind nicht verheiratet, Du genießt keine Immunität! Würde das herauskommen, würde man Dich aller Wahrscheinlichkeit nach anklagen und vor Gericht stellen. Mord ist ein Kapitalverbrechen Miles, jedenfalls dann wenn man erwischt wird. Und Du wurdest erwischt. Dem Ältesten sei dank von Isenfried, der sich vertrauensvoll an mich wandte. Also was ist dort geschehen und warum hast Du die Spuren nicht beseitigt? Es geht mir schlicht darum, Deinen Arsch zu retten und Dich nicht zu verlieren. Das meinte ich damit, Du sollst nirgendwohin. Weder in den Knast, noch in die Todeszelle. Für Deine Späße habe ich im Moment echt keinen Nerv", gab Valerian grantig zurück.


    Miles musterte seinen Mann liebevoll und strich ihm über die Schulter.

    "Hast Recht. Also hört zu. 


    Es war einer dieser ganz besonderen Tage, der schon chaotischer als jeder rakschanische Alltag begann. Valerian hatte vergessen den Wecker zu stellen und döste noch nichts ahnend im Bett. Ich ahnte genauso wenig, denn er ging auf Tuchfühlung und ich ging drauf ein.


    Mittendrin fiel sein Blick auf den Wecker und er befreite sich von mir. Mein Blick folgte seinem und sagte mir, er hatte noch genau 20 Minuten bis zur Verhandlung. Scheiße! Bei einer Verhandlung konnte sich so mancher verspäten, der Richter hingegen nicht. Vor allem wenn neun Kollegen auf ihn warteten.


    Es blieb also keine Zeit für heiße Spiele oder eine Dusche. Valerian zog sich in einer Geschwindigkeit an, die mich breit grinsen ließ. Ob das umgekehrt auch genauso schnell funktionierte, fragte ich lachend. Für die Frage erntete ich einen flüchtigen Kuss und schon war er aus unserer Wohnung verschwunden.


    Ich streckte mich noch einmal lang aus und genoss die Wärme des Bettes und den Duft von meinem Kerl, der noch nicht verflogen war.


    Einen Atemzug später erschien eine Nachricht auf dem HUD meines Interkoms.

    `Milli ich habe die Akte S12155/1071 für die zweite Großverhandlung am Mittag im Labor liegen lassen! Schaffst Du mir die Akte bis 11:30 Uhr ran? Kuss Val´, las ich in roten Lettern. Natürlich würde ich die Akte ranschaffen. Was tut man nicht alles für seinen Mann?


    Der morgendliche Nebel hatte sich gerade verzogen, das Verkehrschaos leider nicht wie mir die Verkehrsstatusanzeige mitteilte. Ich machte mich fertig, schnappte mir meinen Kaffee und das Schiff um auf schnellstem Weg zum Labor zu fliegen. Denn Val hatte gestern mit seinem Vater in Obenza gearbeitet. Eine halbe Stunde später erreichte ich das Labor, steckte die gewünschte Akte ein die Val tatsächlich auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen, als mich die Neugier im Computersystem herumschnüffeln ließ. Ein verschlüsselter Bericht zog meine Aufmerksamkeit auf sich, so dass ich mir Zugang zu den Daten verschaffte.


    Man sah zuerst nur einen schwarzen Bildschirm, dann sah ich in ein bekanntes Gesicht – Servatio von Hohenfelde, mein Adoptivvater. In aller Seelenruhe zündete er sich eine Rauchstange an, streichelte seinen Hund und ging ein Schreiben durch, ehe er sich dem eigentlichen Holobericht widmete.


    „Forschungsziel: Intellekt-Konsolidierung Sub8.


    Einleitung:

    GMO8/Sub8 wurde von mir in Zusammenarbeit mit Osmund geschaffen. Zielsetzung, der perfekte neu-menschliche Organismus zum waffentauglichen Einsatz und Ablösung der alten Regierung Naridiens.

    Status:

    Im Gegensatz zu den ersten 7 genetisch aufgewerteten Nachfolgern, geschaffen für den Überlebenseinsatz aus wenigen rein menschlichen Spendern, wurde bei Sub8 auf komplette Komposition aus bestmöglichem Genmaterial geachtet. Ein Vergleich mit den versagenden Vorläufermodellen ist dahingehend irrelevant, soll nur auf den Schöpfungsprozesses unseres GMOs verweisen.


    Schon für die Ausgangsbasis meines Modells habe ich somit die perfekte Grundsicherung geleistet. Sub8 wird überleben.


    Überschneidung zu Forschung Sentir:

    Intellekt-Konsolidierung


    Die Intellekt-Konsolidierung ist ein chirurgisches Verfahren zum mentalen Schutz des Behandelten vor psionischen Angriffen. Dabei werden in einem operativen Eingriff spezielle Nervenbahnen im Gehirn durchtrennt. Andere Nervenbahnen werden umgeleitet und neu verknüpft.


    Selbstredend ist die neurologische Operation mit immensem Risiko verbunden und befindet sich noch in der Testphase. Ein möglicher Kunstfehler meinerseits könnte zu schweren neurologischen Schäden führen. Die Erholungszeit nach der Operation betrug bei den Versuchsobjekten 1 - 15 im Idealfall 14 Tage.


    Ziel der Intellekt-Konsolidierung:

    Sub8 ist in der Folge gegen praktisch alle bekannten Ausleseversuche und Beeinflussungsmöglichkeiten immun. Telepathie, Hypnose, Suggestion bleiben wirkungslos, ebenso wie bewusstseinserweiternde BTM (Betäubungsmittel). Gedankenimpluse nach der Intellekt-Konsolidierung können von Sentir nicht mehr aufgespürt werden. Der Intellekt-Konsolidierte ist damit von Sentir nicht aufzuspüren.


    Vorgehensweise:

    Die Operation erfordert die Teilnahme von mindestens zwei Personen. Eines Neurologen und eines Neurochirurgen. Es wird bilateral ein etwa zwei Zentimeter großes Loch in den Schädel gebohrt. Orientierungspunkt ist die vordere Schädelnaht. Die Löcher befinden sich ca. drei Zentimeter vor und fünf Zentimeter oberhalb des Ohres. Bereich präfrontalen Kortex. Hier führt der Chirurg auf horizontaler Ebene ein längliches Messer in den Schädel ein. Ihm gegenüber auf der anderen Schädelseite befindet sich der Neurologe, welcher die Vordringungsrichtung dirigiert.


    Zunächst wird dieses vom Chirurgen unter Anpeilen der gegenüberliegenden Schädelbohrung bis kurz vor die Mitte des Schädels bzw. Gehirns geschoben. Die Orientierung erfolgt dabei an weiteren, innenliegenden Schädelpunkten.


    An diesem Punkt führte der Chirurg die eigentliche Intellekt-Konsolidierung durch, bei welcher weite Teile der Faserbahnen in der weißen Substanz sowie einige Bereiche der grauen Substanz im Gebiet des präfrontalen Kortex durchtrennt werden.


    Dazu schwenkt der Operierende das eingeführte Messer in vorgeschriebenen Winkeln in der koronaren Ebene nach oben und unten. Somit werden die Teile des Gehirns zerschnitten. Anschließend wird die gleiche Prozedur in der anderen Hirnhemisphäre durchgeführt.


    Das Messer wird nun vorsichtig entfernt und eine Sonde wird eingeführt, die genetisch-modifizierte Nervenleiter einfügt um eine Reparatur der Hirnareale vorzunehmen. Die Heilung lässt neue Nervenleiter wachsen, welche die alten durchtrennten umgehen. Sie sind mit Umgehungsstraßen vergleichbar.


    Mögliche Nebenwirkungen:

    Tod

    Wahnsinn

    Schwachsinn

    Ausfall von Körperfunktionen

    Zerstörung der Fantasie

    Abstumpfung der Gefühle

    Völlige Antriebslosigkeit

    Vernichtung des abstrakten Denkens

    Vernichtung des logischen Denkens

    Persönlichkeitsverlust

    Verlust der magischen Befähigung


    Den möglichen Nebenwirkungen steht der immense Vorteil gegenüber, dass Sub8 weder von den Sentir beeinflusst noch aufgespürt werden kann“, sagte Servatio in die Kamera immer noch mit der gleichen gelassenen Stimme als hätte er einen Einkaufszettel vorgelesen.


    Man sah noch kurz wie er seine Zettel ordnete und die Rauchstange ausdrückte, dann wurde der Bildschirm schwarz.


    Mir wurde schwarz vor Augen und mein Kiefer schmerzte grauenvoll, so fest hatte ich die Zähne zusammengebissen. Das Unendlichkeitszeichen auf Vals Unterarm war eine Acht!


    Sub8.

    Subjekt8.

    Sub8 hatte überlebt.

    Sieben Vorgänger-GMOs waren nicht dauerhaft lebensfähig gewesen.


    Mein Mann Valerian hatte überlebt. Und das würde er auch weiterhin, wenn ich da ein Wort mitzureden hatte. Ein hydraulisches Zischen riss mich aus meinen Gedanken. Servatio hatte soeben die Sicherheitsschleuse betreten. Während die bunten Gensequenzen wie Schmetterlinge auf den Bildschirmen von Valerian tanzten, schoss mir eine Idee durch den Kopf.


    Der Schmetterlingseffekt - Ursache und Wirkung.


    Mit einigen zügigen Schritten war ich an Bedieneinheit der Schleuse. Servatio starrte mich irritiert durch das Panzerglas an. Ich schaute eisig zurück und hielt einen Zettel hoch, zeitgleich hämmerte auf den roten Knopf. Notfallausbrennung. Das Innere der Kammer wurde zu einem gleißenden Flammenabgrund der Servatio schlang.


    Was auf dem Zettel stand? Das gleiche wie in Servatios Bericht.

    Sub8 überlebt!


    Er wollte Dich töten, also tötete ich ihn. Ich hatte nur dieses winzige Zeitfenster, nur diesen einen Moment und ich habe ihn genutzt. Ich schob es auf Osmund, weil er dort ständig ein- und ausging und man ihm nichts unterstellen würde. Das steckt hinter alle dem. Keiner nimmt Dich mir weg Lalli, niemand auch nicht Servatio", erklärte Miles ruhig und freundlich.


    Valerian schaute seinen Mann lange und stumm an, ehe er ihn einfach umarmte.

    "Du musst zuhören, was Isenfried Dir sagt. Wir müssen das geradebiegen Milli", flüsterte Val eindringlich.

  • Miles, der eigentlich nicht sprechen wollte, sprach dann sehr viel. Die Geschichte war rührend, aber irrational. Miles war effektiv, aber ohne nachzudenken vorgegangen, so dass er im Zweifelsfall selbst umgekommen wäre.


    "Ich bin der Einzige, der davon weiß. Was geschehen ist, ist nicht mehr zu bereinigen, da Vairetafe nicht vergisst. Aber wir können verhindern, dass in Zukunft automatisierte Hacks möglich sind, indem wir ein völlig neues Betriebssystem entwickeln, welches in keiner Weise mit anderen kompatibel ist."

  • "Wohl wahr, der Vairetafe vergisst nicht. Solange kein Grund besteht den Unfall anzuzweifeln, wird hoffentlich keiner erneut ermitteln. Und falls doch, Obenza ist nicht so weit entfernt und der Stadtstaat liefert niemanden aus, genauso wenig wie Daijan. Gesetzfreie Zonen haben auch was für sich. Sollte ich es nicht schaffen falls man gegen mich ermittelt und mich verhaften möchte, Pech gehabt. Das war es mir in dem Fall wert.


    Ich weiß nicht ob Du jemanden hast den Du liebst Isenfried, aber manchmal muss man Dinge tun, die größer sind als man selbst. Weil man sich selbst und damit einem anderen ein Versprechen gab. Und stehen solche Entscheidungen an, hast Du meist nur den Bruchteil einer Sekunde Zeit, zu handeln. Damals bei Servatio in der Kammer, damals im Büro mit der Bombe, in der Stadt im Club mit dem Messer... hätte ich da erst überlegt, hätte ich meinen Mann verloren Isenfried.


    Ein völlig neues Betriebssystem hieße alles in der Lanze völlig neu aufzuziehen. Läuft es autark wäre das ein immenser Sicherheitsvorteil, aber auch ein gewaltiger Kostenfaktor. Über die derartige Finanzhöhen entscheidet Valerian, auch wenn ich sonst freie Hand habe. Die Zustimmung muss von ihm kommen, es sei denn Du hattest ihn und nicht mich gefragt. Geht es rein um die Sache, bin ich für die Anschaffung eines neuen Betriebssystems", antwortete Miles.


    Im Gegensatz zu Val schien er sich nicht zu fragen, auf welcher Seite Isenfried stand. Er erklärte die Sachlage und sprach mit von Kaltenburg so, als besprachen sie etwas Trauriges und doch Alltägliches. Denn bis vor kurzem war dies noch der Fall gewesen.


    "Er hat von mir die Zusage für das neue Betriebssystem erhalten, ebenso die Einladung in die 110. Etage zu ziehen", warf Valerian ein. Die Information mit dem Umzug würde Miles zu deuten wissen.

    "Willkommen in den oberen Etagen", grinste Miles wie nur ein Wittelspitz oder Fuchs grinsen konnte.