Kapitel 57 - Zwei Wiggis

  • Zwei Wiggis

    Dorian und Roland plauderten sehr gepflegt bei einer Tasse Tee. Es tat Dorian gut, wieder mit Familie zu sprechen. Dass auch Roland ihn zu einer Aussöhnung überreden wollte, quittierte er mit Schweigen, doch bei den meisten übrigen Themen waren sie auf einer Wellenlänge. Auch Dori war froh, dass der Krieg nun vorbei war. Irgendwann stand er auf und trat an das Terrarium der gewaltigen Alligatorschnappschildkröte heran. Fast liebevoll strichen seine Blicke über den klobigen Leib, die schuppige Haut und das scharfe Maul, das an einen Schnabel erinnerte.


    "Womit fütterst du sie? Oder ihn?", erkundigte er sich. "Wenn ich ein wenig Schlaf und Erholung getankt habe, werde ich meine Anakonda besuchen, die deiner Aussage nach nun im Zoo des Valerian haust. Zuvor aber benötige ich meine zwei anderen Schätzchen. Ich hole sie, sobald wir uns verabschiedet haben."

  • "Schildi ist ein ER, ein Schildkröterich sozusagen. Er wird mit Fisch, Stubenküken, Mäusen und auch Kaninchen gefüttert. Sein Schnabel ist schärfer als Du Dir vorstellen kannst. Üblicherweise füttert man ein solches Tier zum Eigenschutz außerhalb seines Terrariums. Ansonsten ist alles, was in das Terrarium gehalten wird für ihn Beute. Dem Umkehrschluss folgend, füttere ich ihn genau aus diesem Grund im Terrarium. Der gute Schildi bewacht etwas sehr persönliches. Drum fass nicht ins Terrarium, falls Du ihn einmal füttern möchtest, gebe ich Dir gerne seine Futterzange. Mit dem Futtertier musst Du ein bisschen zappeln, das freut ihn und Du siehst wie schnell und erbarmungslos er zuschnappen kann.


    Oh Deine Schlange haust nicht im Zoo, ihr geht es sehr gut. Sie hat wie alle Bewohner ein großes Habitat, dass ihrer natürlichen Umgebung entspricht. Vor allem einen großen Wasserbereich, der sie glücklich macht. Valerian hat ein Faible für Reptilien und für Fische. Er hat auch einige andere Tiere, säugetierähnliche Tiere. Aber die meisten Bewohner des Zoos sind Reptiloid oder Ichtyoid. Also Reptilien- oder Fischartige. Wir können gerne einmal gemeinsam hingehen. 


    Besonders gefallen mir die Farisin 2.0, ein Repto-Humanoide, die zum Teil auf dem Genom von Farisin beruhen. Interessant. Es war wohl einmal angedacht, sie in der Zone der gläserenen Türme auszusiedeln, da sie dort mit den widrigen Lebensumständen zurecht kommen würden. 


    Val hat einen schöpferischen Geist. Du wirst ihn in die richtigen Bahnen lenken. Manchmal braucht es eine harte Lektion, nicht alles kann man in Liebe regeln. Die Lektion hast Du ihm verpasst, Du hast ihm eine schallende Ohrfeige gegeben und danach gleich die Hand gereicht. Wigberg eben.


    Es spricht nichts dagegen, dass wir Deine beiden Schätze sofort abholen. Davon ausgehend, dass Du damit die beiden Burschen in dem Aero meinst, die dort die ganze Zeit warten. Wir können nach vorne zur Rezeption gehen und auf dem Monitor nach ihnen schauen. Da sie Dir viel bedeuten, würde ich sie vor der eigenen Erholung abholen. Die beiden Männer haben mindestens genauso viel durchgemacht wie Du. Möglicherweise sogar noch mehr, wenn man sich ihre Optik betrachtet. Soweit ich vorhin gesehen habe, sitzen sie im Aero und bleiben auch dort. Sie steigen nicht aus und sitzen demzufolge noch in der Tiefgarage. Holen wir sie ab, damit sie sich ebenfalls entspannen können. Oder hat es einen bestimmten Grund, dass sie im Aero zurückgelassen wurden?", fragte Roland und reichte Dorian die Futterzange.


    Er verschwand für einen kurzen Augenblick in der Küche und kehrte mit einem kleinen Kaninchen zurück.

    "Greif es mit der Zange und halte es ins Terrarium", forderte Roland Dorian mit einem freundlichen Lächeln auf.


    Richard wusste, wer eine Anaconda besaß, hatte kein Problem mit Futtertieren oder gar Angst diese zu verfüttern.

  • Dorian störte es in der Tat nicht, Tiere zu verfüttern, ob lebend oder tot. Seine Anakonda bekam aus gutem Grund lebende, wehrhafte Beute. Er hoffte, dass sie im Zoo nicht verweichlicht worden war. So schwenkte er mit der Zange den pelzigen Kadaver vor der Nase der Schildkröte im Kreis.


    "Wozu wollte Valerian die Farisin in der Gläsernen Zone ansiedeln? Er sollte froh sein, dass sie ausgerottet worden sind, sie haben nichts Gutes gebracht, aber sehr viel Ärger. Ich habe Aldo 1 und Aldo 2 im Aero gelassen aus Sorge. Sie sollten sich in Sicherheit bringen können, falls mir etwas zustoßen würde. Vermutlich hätten sie es aber nicht getan ... die treuen Seelen. Ich hoffe, ich trete dir mit der Frage nicht zu nahe, aber was bewacht Schildi?"


    Dorian rechnete nicht damit, dass Richard ihm offen antwortete, aber er hoffte ein klein wenig auf den Familienbonus.


    "Du hast Recht ... holen wir meine Aldos."

  • Schildi ließ sich nicht lange bitten. Der Kopf der Schnappschildkröte schoss derart schnell vor, wie man es einem scheinbar behäbigem Tier wie diesem gar nicht zugetraut hätte. Der Hals der Aligatorschnappschildkröte war gut 15 cm nach vorne geschossen. Der Schnabel verursachte das Geräusch einer großen Gartenschere die sich mit Wucht schloss und das Kaninchen aus der Zange zerrte. Mit seinem Opfer tauchte Schildi ab und ließ es sich unter Wasser schmecken.


    "Schildi bewacht den Schlüssel zu meinem Versteck, zu meinem Keller. Valerian hat nicht die Farisin auferstehen lassen, sei unbesorgt. Er hat eine Rasse humanoider Reptilien geschaffen. Freigelassen wurden sie nicht, sie leben im Zoo in einem Habitat. Warum er sie schuf? Um das tote Land dort zu besiedeln, damit dort etwas lebt. Manchmal hat er so Anwandlungen, dass er meint für ein Wesen muss seine Existenz was Gutes bewirkt haben. Gedanklicher Kinderersatz vermute ich. Das habe ich nie gesagt und Du nie gehört Dorian.


    Diese Reptos haben den Stand von Waldalben. Sie leben in kleinen Gruppen, fertigen Speere und das ist es auch schon. Sie würden vermutlich wie Orks leben. Dir sind Orks noch bekannt? Sprich könnten sie, würden sie wohl in Höhlen hausen. Sie sind keine Wesen die wie die Grauen für den Krieg geschaffen wurden. Sie sind einfach existent. 


    Theo persönlich bevorzugt die Fische die im Dunklen leuchten. Sie gefallen mir auch, aber ehrlich gesagt würde mich die Haltung solcher Tiere doch irgendwann arg stören. Wenn ich das Licht ausmache, sollen die Fische nicht angehen wie kleine Glühbirnen.


    Na komm, gehen wir die Aldos holen. Du hast gut für sie überlegt, aber wenn sie so treu sind, hättest Du sie gleich mitbringen sollen. Beide sehen sehr abgekämpft aus. Meine Einschätzung bezieht sich auf ihr ganzes bisheriges Leben Dorian", antwortete Richard und gab den Weg vor. Er ließ zuerst Dorian auf den Flur treten, ehe er die Wohnung via Karte abschloss und seinen Gast den Flur entlang bis zu seinem Arbeitsbereich führte.


    Roland deutete auf die große Kabine hinter der Glasscheibe.

    "Dort arbeite ich für gewöhnlich", sagte er freundlich und holte den Aufzug ebenfalls via Zugangskarte.


    Gemeinsam mit Dorian fuhr er in die tieferen Etagen, sie stiegen mehrfach um, ehe sie in der Tiefgarage ankamen und zum Aero von Dorian schritten. Die beiden Aldos saßen immer noch im Fahrzeug und hatten sich aneinander gelehnt. Als sie Dorian erkannten, grinsten beide glücklich über beide Ohren. Der eine Aldo mit - der andere ohne Zähne.

  • "Fische sind eher die Domäne der Kaltenburgs, doch auch Wigbergs haben sich nicht selten Fische gehalten. Nicht so exzessiv vielleicht."


    Dorian besah sich den Arbeitsplatz von Richard, um ihn sich zu merken, falls er ihn dort einst aufsuchen wollte.


    "Ich habe sie aus einem ... Restaurant und Bordell für Feinschmecker freigekauft. Hilarius schleppte mich dorthin und ich ging mit, weil ich nicht wagte, Nein zu sagen. Als er mir die Speisekarte zeigte, standen darauf unter anderem die beiden Aldos. Aldo 1 ist stumpf, darum wollte ich ihn kaufen. Der zweite Aldo war zahnlos, also musste er mit. Ich habe sie nie auf die angedachte Weise angerührt, Richard."


    Als die beiden Aldos ihn anstrahlten, verzog sich auch Dorians Gesicht vor Glück. Er eilte zu ihnen, schloss jeden in einen Arm und drückte ihnen einen Kuss auf den Kopf.


    "Meine Schätzchen, ihr wart wieder so lieb ... es ist sicher, ihr könnt mitkommen. Das ist Roland, ein Freund."

  • Richard hörte sich an was Dorian zu sagen hatte und nickte knapp.

    "Oh ich habe selbst auch nichts gegen Fisch, gebraten mit Zitrone", gab Roland in seiner neutralen Art zurück und schenkte Dorian dann heimlich ein Schmunzeln.


    "Das Du die beiden Aldos derart benutzen würdest, hätte ich Dir niemals unterstellt. Weshalb solltest Du zwei Personen sicherheitshalber im Aero lassen, um ihnen die letzte Fluchtmöglichkeit zu gewähren und auf die eigene verzichten? Aus Selbstsucht? Dann hättest Du im Aero gesessen mit dem Com am Ohr und nicht die Aldos. Ich verstehe den Grund Deiner Handlung voll und ganz, sei unbesorgt", antwortete Roland freundlich.


    Die beiden Männer im Auto strahlten Dorian wie ihren persönlichen Retter an. Und genau das war Dorian. Er wartete ab bis Dorian die beiden Aldos begrüßt hatte. Die beiden Männer hingen an ihm wie übergroße Klammeräffchen. Als Dorian ihn vorstellte, neigte Roland leicht das Haupt zur Begrüßung und lächelte freundlich.


    "Willkommen in der Himmelslanze Aldo eins und Aldo zwei", grüßte er die beiden.


    Die Aldos waren weit weniger förmlich als Roland. Zuerst wurde Dorian gedrückt und geherzt, dass er fast keine Luft mehr bekam, einen Augenblick später war Roland dran. Danach ließen die beiden von ihm ab und schauten Dorian erwartungsvoll an.


    "Wohin geht es? Wir haben wie gesagt im Aero gewartet", sagte der zahnlose Aldo.

    "Auch wenn die Sicherheit uns im Auge behalten hat. Wir waren immer im Aero. Immer", bestätigte der stumpfe Aldo.


    "Anderes wurde auch nicht angenommen. Begleitet uns bitte", sagte Roland und gab den Weg vor zum Aufzug, um den gleichen Weg Retour anzutreten, so dass Dorian es sich Zuhause mit seinem Aldos gemütlich machen konnte.

  • "Manche Menschen sind so", stellte Dorian auf Richards Frage hin bitter fest.


    Jedoch musste er dann auch über den emotionslos vorgetragenen Witz über den Fisch schmunzeln. Heute war nicht der Tag, um noch länger in Schwermut zu schwelgen. Samt der beiden Aldos begleitete er Richard ins Innere. Er nahm sich vor, nach dem Ausschlafen Richards Keller zu bewundern ... Wigbergs liebten Keller, denn dort fand oft ihr wahres Leben statt. Manche übertrieben es und bauten gar Teile der Unterwelt zu ihren persönlichen Lebensoasen um.


    "Ihr wart geduldig und tapfer", fügte Dorian ein weiteres Lob hinzu. "Wir essen zu Hause etwas Schönes, Miles hat Zutaten zum Kochen gekauft."

  • "Und wenn ich anmerken darf, Herr Wittelspitz kann wirklich ausgezeichnet kochen. Nur macht er selten Gebrauch von dieser Fähigkeit. Meine Vermutung ist, seine Vorliebe für Schnellimbissessen, das er mit Vorliebe verzehrt. Hat er für uns gekocht, oder haben wir gemeinsam gekocht war es stets köstlich. Er wird Dir etwas Gutes tun wollen Dorian, ganz sicher. Er möchte dass Du Dich hier wohlfühlst. Dass ist ihm wichtig und Du bist ihm wichtig", antwortete Roland.


    "Tapfer und ich saß fast die ganze Zeit am Steuer. Bis ich müde wurde", bestätigte der zahnlose Aldo.

    "Er war aber immer bereit", stimmte der stumpfe Aldo zu.

    "Immer!", sagte der zahnlose Aldo und beide grinsten seelig.