Kapitel 58 - Das Nest auf der 109. Etage

  • Das Nest auf der 109. Etage


    Die 109. Etage wurde binnen weniger Tage Tekuros Reich. Sie war komplett leer geräumt und neu eingerichtet worden. Alle Fenster waren nicht nur abgedunkelt, sondern auch verschlossen worden. Kein Lichtstrahl drang in die 109. Etage ein. Das Licht das hier strahlte, war künstlich und schadete weder Mensch noch Vampir.


    Flutbeleuchtung suchte man hier allerdings vergebens. Das Licht war sanft, gedimmt und schuf ein Flair von purer Gemütlichkeit. Die ganze Etage war ein Appartment. Überall fand man große, gemütliche Sitzeck- und Lümmelecken. Der Boden war mit dickem Teppich versehen worden, der jedes noch so minimale Geräusch schluckte und die Füße angenehm in seinem Flausch versinken ließ. Raumteiler schufen passende Nischen Schlafzimmer mit überdimensionalen Betten.


    Ein großer Kamin an einer der Wände lud mit einer gewaltigen Couchlandschaft zum verweilen und kuscheln ein. Eine große Barzeile mit Kühlschränken, Kaffeemaschine und vielen anderen Annehmlichkeiten sorgte dafür, dass sich auch Nicht-Vampire gut aufgehoben fühlten. Die einzigen Bereiche die vom offenen Loft abgetrennt waren, waren die Sanitär-, Bade- und der Küchenbereich.


    Überall waren Kissen verteilt und Matten verteilt, aber der dicke Teppich allein reichte schon aus, um es sich zur Not auch auf dem Boden gemütlich machen zu können. Felle die über Sitzmöglichkeiten und zusätzlich auf dem Boden lagen, rundeten das Gesamtbild ab. Die Arashi-Kissen, die Tekuro und Bellamy von ihrem Ausflug aus dem Narashi-Distrikt mitgebracht hatten, fanden auf der großen Couchlandschaft einen besonderen Platz. Ebenso waren ihre Dekoschweinchen in einen der Raumteiler eingezogen. Sie dienten zeitgleich zur Abgrenzung einzelner Bereiche, wie auch zur Repräsentation von besonderen Dekostücken.


    Ein besonderer Duft hing in der Luft und erinnerte schwach an Vanille und andere Gewürze. Bellamy trat aus dem Aufzug und schaute sich auf der 109. Etage um. Klein Carnac, Ihr Nest war hier entstanden. Eine komplette Etage pure Gemütlichkeit und vermutlich das größte Kuschelzimmer das Asamura je gesehen hatte. Angenehm warm war es hier. Belly zog die Schuhe aus und stellte sie in den Eingangsbereich, um ihren wundervollen Teppich nicht zu verschmutzen.


    Mit nackten Füßen trat er auf den Teppich und verzog verzückt das Gesicht. Wer die Einrichtung abgestimmt hatte, liebte es genau wie Teku und er, oder wusste was Teku schätzte. Bellamy schlenderte zu der Couch vor dem großen Kamin. Mitten im Lauf überlegte er es sich anders und fasste einmal kurz in die Flammen. Sie sahen echt aus, waren es aber nicht. Sündhaft teure Hologramme, während der Kamin trotzdem Wärme abstrahlte. Das ein solch riesiger Kamin künstlich war, hatte nur einen einzigen Grund - ihre Sicherheit. Bellamy schmunzelte bei der Vorstellung, dass jemand auch daran gedacht hatte. Alles Flauschige brannte binnen Sekunden vermutlich wie Zunder. Hier würde nichts brennen, außer ihre Leidenschaft.


    Bell schaute auffordernd zu Tekuro, ehe er aus seiner Kleidung schlüpfte und es sich auf der großen Couch der Länge nach gemütlich machte. Mit einem glücklichen Seufzen schloss er die Augen und streckte die Hand nach Tekuro aus.

  • Tekuro zog die Schuhe und Socken aus, bevor er das Nest betrat. Seine Füße spürten die weiche Wärme, als sie mehrere Zentimeter im Teppich versanken. Tekuro genoss das Gefühl. Das war nicht nur Teppich, darunter lag vermutlich noch eine dicke Schicht Gummi oder etwas Vergleichbares, das alles abpolsterte. Tekuro zog alle Sachen aus und warf sie irgendwo hin, um mit allen Sinnen sein neues Reich erkunden zu können. Ehrfürchtig wie in einem Tempel bewegte er sich, strich mit den Händen über Möbel, Kissen und Decken, schnupperte, wälzte sich Probe. An einer besonders ansprechenden Stelle, die sich recht weit in der Mitte des Loft befand, legte er sich einfach lang und befühlte den Boden mit dem Gesicht, bis er sich mit langsamem Ausatmen entspannte und liegen blieb.


    "Belly ... wir haben die Insel der Glückseligen gefunden."


    Als Bellamy vom Sofa aus die Hand ausstreckte, griff Tekuro danach, um Bellamy zu sich herunter zu ziehen.


    "Komm her", schnurrte er.

    "Not all those who wander are lost."
    J.R.R. Tolkien

  • Bellamy so faul und gemütlich wie er gerade war, ließ sich von Tekuro von der Couch auf den weichen Teppich ziehen. Als Bell neben seinen Mann glitt, grinste er ihn verschwörerisch an und kroch über Teku. Dabei strich er mit seinem Körper, an Tekuros Körper entlang. Belly nahm seinen Schatz ganz fest in die Arme und robbte mit ihm bis kurz vor den Kamin. Dort blieb er mit Tekuro liegen und überblickte ihr Loft.


    "Herrlich Teku, einfach wunderbar. Sogar unsere Glücksschweinchen haben ihren Platz gefunden. Wir müssen eine Einweihnungsfeier geben. Und Theo, den Guten wollten wir auch noch einweihen und in der Familie willkommen heißen. Patti und Max werden es hier ebenso lieben. Der Kamin ist ein Holokamin, keine echten Flammen, also sein unbesorgt. Val hat Wort gehalten, der Mann liebt Dich", flüsterte Bellamy Tekuro ins Ohr und malte mit einem Finger dessen Ohrmuschel nach.

  • Tekuro ließ sich wie ein Kätzchen von der Mutter von Bellamy durch die Gegend zerren, wobei er nicht half. Er wollte Bellamys Kraft spüren. Erst, als sie dort lagen, wo Bellamy ihn haben wollte, hob er wieder die Arme, um ihn zu streicheln.


    "Valerian ist lieb ... ich mag ihn sehr ... wir sind Brüder. Das haben wir sofort gespürt. Sogar einen eigenen Boldi hat er. Miles ist Boldi sehr ähnlich, nur ist er nicht ganz so verfressen und hat eine höhere Grundrattigkeit."


    Beides war keine Kunst. Tekuro strich mit den Händen Bellamys Flanken auf und ab, küsste ihn und leckte seine Bartstoppeln.


    "Dann ruf sie doch alle her ... wir haben Platz. Val soll sehen, dass wir uns wohlfühlen. Theo vermisst mich, Patti ist sicher allein. Und ich will Miles kennenlernen. Max muss auch mit, aber sei lieb. Kein Zank heute. Ach ja ... eigentlich will ich auch Garlyn hier haben, Eddy und den komischen Roland."

    "Not all those who wander are lost."
    J.R.R. Tolkien

  • Bellamy schmiegte sich an Tekuro und zog ihn noch fester in seine Arme. Er genoss jeden so engen Moment mit seinem Schatz. Sanft küsste er Teku auf den Kopf.


    "Ja Ihr beiden war ein Duo, Ihr habt Seite an Seite gestanden um Patti und Miles zurückzubekommen. Solche Bindungen findet man selten und sowas musst Du festhalten Teku. Das ist die Form von Familie, die das Schicksal für uns bereit hält. Val ist Dein Bruder, dann gehört er für mich selbstverständlich auch dazu. Miles ist Vals Boldi? Das ist eine starke und tiefe Aussage Schatz. Die beiden sind ein Ei wie man so schön sagt. Wie Du und Boldi damals und wir beiden heute. Zwischen uns beide passt kein Blatt Tekulino. Und Patti und Max gehören zu uns beide, auch wenn sie Deine Männer sind. Es sind meine Ehebrüder. Theo vermisst Dich nicht nur, der Mann liebt Dich. Wie ich ihn kennengelernt habe, wird er gut in unsere Familie passen und er ist ein Leckerchen. Du hast einen guten Geschmack Teku. Zudem mag ich den Burschen, er ist abgebrüht und trotzdem gut zur Familie. Das passt. 


    Gute Idee, lass sie uns alle einladen. Platz haben wir Teku. Und was für einen schönen Platz. Oh ich habe eine Idee, richte Valerian bei uns auch eine Ecke ein. Wir merken uns, was er gerne mag oder wie er gerne wohnt. Und so richten wir ihm eine Ecke für sich und seine Familie ein. Das wird ihn freuen. Ich rufe die Jungs an", grinste Belly und kroch zurück Richtung Couch, wo er seine Kleidung fallen gelassen hatte.


    Belly wählte die 00 und teilte Roland mit, dass sich die ganze Gruppe rund um Val bitte in der 109. Etage zur Einweihungsfeier einfinden sollten. Auch er wäre eingeladen. Danach legte Belly auf und warf sich auf die Couch.

    "Teku zieh Dich an wir müssen ein bisschen für die Gäste vorbereiten", lachte der nackte Bellamy.

  • "Ich bin zu Hause", erwiderte Tekuro. "Kleidung benötige ich hier nicht. Und auch du wirst nackt bleiben, damit ich dich betrachten kann. Ich möchte dich anschauen können, mein wunderschöner Belly. Aber ich rieche und fühle auch gern an dir, an deinen Körperhaaren und deiner Haut, spüre deinen Herzschlag und deinen Atem. Mit allen Sinnen kann ich dich wahrnehmen ohne diese störenden Kleider. Haut auf Haut gehörst du mir am meisten. Je nackter du bist, umso mehr Belly ist zu spüren. Das darfst du mir nicht nehmen."


    So war es auch wenig verwunderlich, dass Tekuro zu Bellamy aufs Sofa kroch und sich an ihn schmiegte, während dieser telefonierte.

    "Not all those who wander are lost."
    J.R.R. Tolkien

  • Als das Handcom von Miles klingelte, rollte Patrice sich auseinander, der auf einer Sofaecke geschlummert hatte. Mit einer fließenden Bewegung kam er auf die Füße und griff danach. Mit dem klingelnden Gerät in der Hand klopfte er an der Badtür.


    "Miles", rief er. "Handcom!"

  • Bellamy hörte Tekuros Worten mit den Ohren aber mehr noch mit dem Herzen. Ganz sanft drückte er seinen Mann der Länge nach an sich, während er telefonierte und alle in ihr neues, kleines Carnac bestellte. Zärtlich fuhren dabei seine Fingerspitzen über die Haut von Teku. Haut die sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert hatte. Obwohl der schwarze Skorpion einen Panzer trug, war seine Haut samtweich. Ein wenig rauh, wie es bei Männern üblich war, fast fühlte sich Tekuro an wie ein geschmeidiger Sandhai.


    Das Gefühl hatte sich nie verändert, in all den Jahren nicht, dass Aussehen hingegen schon. An Teku gab es kaum noch eine freie Stelle. Jeder Milimeter Haut war mit Tätowierungen geschmückt. Die Chronologie ihrer Familie ging bei Tekuro unter die Haut und hielt sie auf seine eigene Art für die Ewigkeit fest. Er war das wandelnde Lexikon ihrer Familie. Trug Namen und Zeichen seiner Liebsten auf ewig verwahrt und so nah bei sich, wie man es nur konnte.


    Bellamy streichelte somit nicht nur Tekuro, er streichelte ihre Liebe und ihre Lieben, er streichelte alles wofür sie beide standen und kämpften. Man konnte tausend Worte darüber verlieren, man konnte dies alles versuchen so detalliert wie möglich zu beschreiben, aber ein Wort brachte all das was Belly damit verband auf den Punkt - Trutznest.


    Nichts stand mehr für Teku, seine Familie und ihr Leben als dieses Wort.

  • Miles stand unter der Dusche und hing seinen Gedanken nach, während das heiße Wasser in Strömen seinen Körper hinablief. Unter der Dusche konnte er am besten nachdenken, zumal er so einige angenehme Erfahrungen damit verband. Sogar der Anfang von Valerians und seiner Beziehung hatte unter der Dusche stattgefunden. Er war wieder Zuhause in der Himmelslanze und diesmal war alles anders. Sie war schon immer sein Zuhause gewesen, aber nun fühlte es sich anders an. Noch mehr wie ein Zuhause und das Dank Dorians Entscheidung, die letztendlich dazu geführt hatte, das sogar Val umdachte und Dorian mit anderen Augen sah.


    Tekuro gehörte nun ebenfalls zur Familie und Garlyn. Erster hatte seinem Mann beigestanden sie zu retten und zweiter war wie aus dem Nichts aufgetaucht und entpuppte sich als ein Verwandter. Und zum Schluss die Krönung - Jeremy. Miles war noch nie im Leben so froh um Vals Ungehorsam gewesen. Er musste sich selbst eingestehen, dass ihm in der ersten Sekunde das Herz in die Hose gerutscht war. Nach der Schrecksekunde spürte er nur noch eines - grenzenlose Liebe zu seinem Sohn. Der Kurze war ein Teil von Val und ihm. Und weshalb Valerian ihn erschaffen hatte, hatte ihm ebenso die Kehle zugeschnürt wie die Tatsache, dass Jerry existierte.


    Es würde gut werden, alles würde gut werden, denn genau das war es schon mit ihrer Rückkehr in die Lanze.

    Miles schloss die Augen und ließ sich das heiße Wasser ins Gesicht regnen.


    Ein Klopfen riss ihn aus seinen Gedanken, Patti stand vor der Tür und hatte einen Anruf für ihn. Miles stellte die Dusche ab, schnappte sich ein Handtuch und wickelte es sich um die nassen Haare, ehe er aus der Tür trat und das Com entgegennahm.


    "Danke Patti", sagte er freundlich.

    "Ja?", war seine kurze aber freundliche Begrüßung an den Anrufer. Danach hörte er sich die Einladung von Bellamy an, die ihn grinsen ließ. Wittelspitz legte auf und küsste Patti.


    "Tekuro und Bellamy haben uns zur Nesteinweihung auf die 109. Etage eingeladen. Wir müssen Val und Jerry suchen", freute sich Miles.

  • Patrice erwiderte den Kuss mit einem sanften Druck seiner vollen Lippen. Als Miles ihn freigab, schlug er langsam die Augen mit den langen Wimpern auf. Eine gepflegte Hand strich über Miles´ nasse Brust.


    "Ich freue mich, dass Tekuro seinen Lieblingsmann offenbar fertig begrüßt hat, der überhaupt nicht fort gewesen war. Noch mehr bin ich glücklich, dass auch du eingeladen wirst in das neue Nest. Jeremy ist noch zu jung, er sollte hierbleiben. Alles andere wird ihm Angst machen. Du wirst sehen, warum."

  • Miles drückte Patti genüsslich an sich.


    "Alles klar, ich vertraue Dir. Dann bleibt Jerry Zuhause und wir gehen gemeinsam auf die Party. Ob ich dem kurzen jemanden hier lassen soll? Das Problem ist einerseits ist er ein Vierzehnjähriger, andererseits ist er ein Baby. Also aus unserem direkten Umfeld wurden alle eingeladen. Ich könnte jemanden vom Sicherheitsdienst herbestellen, damit er auf den Kurzen aufpasst, oder wir bringen ihn zu Eddy und Garlyn. Was meinst Du?", fragte Miles und schob Patti sanft ein Stück von sich, so dass er sich abtrocknen konnte.

  • Patti, geschmeidig wie er war, wich, als er den Druck der Hand spürte, die ihn auf Distanz bringen wollte, so dass Miles keine Kraft aufwenden musste. Er war es gewohnt, auf feinste Signale seines Herrn zu reagieren.


    "Moritz meint, er sollte nicht allein bleiben, dafür ist er zu klein. Garlyn wird eingeladen sein, gemeinsam mit Eddy. Gibt es jemand sanftmütigen, dem du vertraust, der auf das Kind achtgeben kann? Ansonsten kann auch Moritz hierbleiben."


    Was Patrice nicht schmeckte, da er zu Tekuro wollte, doch in dem Fall fügte er sich Moritz´ Willen. Dieser teilte deutlich mit, dass Jeremy zu umsorgen war als hilfloser Verwandter, dem Moritz sich nahe fühlte.

  • "Moritz kann nicht hierbleiben, da Du somit hierbleiben müsstest. Das geht nicht. Ich vertraue all unseren Sicherheitskräften. Jedenfalls in den üblichen Bahnen Patti. Jene die auf unseren Privatetagen Dienst schieben sind von allen Zweifeln ausgeschlossen. Sekunde Mal schauen", antwortete Miles und ging auf dem Interkom die Dienstpläne durch und forderte dann einen der Sicherheitsleute an.


    "Anton wird Jerry hüten. Er ist ein umgänglicher Kerl und Jerry ist ja ein lieber Bursche. Wir verfrachten ihn ins Bett und dann gehen wir los", entschied Wittelspitz und ging gemeinsam mit Patti ins Ankleidezimmer um sich anzuziehen.


    "Sei so lieb und hole den Kurzen. Er ist im Kinderzimmer. Du weißt ja wo es ist. Direkt hinter dem Wohnzimmer, sag ihm er soll sich bei uns ins Bett legen. Es ist gleich jemand da, er sich um ihn kümmert. Wir kommen nicht zu spät zurück. Jedenfalls gehe ich davon aus. Falls doch, er soll sich keine Sorgen machen, Anton passt auf ihn auf", erklärte Miles beim Anziehen.

  • Patrice musterte Miles skeptisch beim Ankleiden, sagte aber nichts. Stattdessen zog er sich selbst eine viel zu große Hose samt Oberteil an - beides kuschelweich und ohne harte Reißverschlüsse oder Knöpfe - und ging nach einem leisen Klopfen ins Kinderzimmer. Es geschah etwas, das selten vorkam - Patrice und Moritz wurden eins. Als sie durch die Tür traten war es, als würde alles sich in Harmonie fügen, was zuvor auseinandergerissen worden war.


    "Jeremy? Du darfst dich ins große Bett legen. Die Papas gehen nach Nebenan. Anton wird auf dich aufpassen, bis sie zurückkehren."

  • Jeremy kam nach vorne, so dass er Moritz gegenüberstand in seiner kleinen Jugendwohnung. Ohne groß zu zögern umarmte er Moritz zur Begrüßung.


    "Bei ihnen im Schlafzimmer? Wann kommen sie denn zurück? Wer ist Anton? Darf ich den Holo anmachen, während ich warte?", fragte Jeremy und klaubte seine weiche Sportjacke von einer Sessellehne.

    "Damit mir nicht kalt wird, nehme ich die mit", erklärte er und lächelte Moritz tapfer an, so als müsste er eine Prüfung bestehen, vor der er gewaltig Angst hatte.

  • Patrice und Moritz umarmten ihn liebevoll mit genau der richtigen Menge an Druck und Körperkontakt, die der Kleine brauchte, um sich für den Moment geborgen zu fühlen.


    "Du darfst den Holo anmachen, aber leise, damit du einschlafen kannst, wenn du müde wirst. Anton ist ein Sicherheitsmann, du bist also sehr gut beschützt. Pass auf. Wenn du Angst hast, sagst du Anton, dass du die Papas anrufen möchtest und dann wird er dir dabei helfen. Wenn die Angst zu schlimm wird, wird ein Papa oder beide nach dir schauen kommen. Einverstanden?"

  • Jeremy hielt sich an Moritz fest und nickte zustimmend.


    "In Ordnung, ich mache das so wie Du sagst. Ich hoffe Anton ist nett. Schläft er auch im Bett? Ich habe noch nicht so viele Schlafanzüge. Er muss seinen eigenen mitbringen und seine Waffe. Ich habe noch keine Waffe. Ich weiß das ich eine haben sollte. Das ist komisch Moritz. Denke ich an eine Waffe, dann denke ich an das Gefühl in meiner Hand und es fühlt sich vertraut an. Aber ich hatte noch nie eine Waffe in der Hand. Vielleicht bringt Anton mir eine mit. Und auch was zu Essen wäre gut. Ich hatte vorhin Müsli gegessen, aber davon musste ich furzen. Hoffentlich nicht wenn Anton kommt, der erstickt sonst", erklärte Jerry ohne jede Scheu und zuckte die Schultern.


    "Ich hatte ein Com bekommen, aber es ist mir ins Klo gefallen. Es ist weg", stöhnte er leise.

  • "Anton wird nicht schlafen, sondern aufpassen. Für Müsli bist du noch zu klein, wo sind deine Breichen?", fragte Patrice mit Tadel in der Stimme.


    Er führte Jeremy an Miles vorbei in die Küche und stellte ihm etwas zu Essen heraus. So laut, dass auch Miles es hörte, erklärte er:


    "Du darfst im Moment nur Breichen essen. Alles andere macht dir Bauchschmerzen. Trotzdem muss die böse Luft raus aus deinem Bauch, also musst du sie auch rauslassen. Das versteht Anton. Wenn die Luft nicht gut ist, machst du einfach die Lüftung an."


    Das Fenster sollte er nicht öffnen, hoffentlich waren sie gesichert.


    "Hier hast du Möhrenbrei, der ist bei Bauchschmerzen das Beste. Kartoffel geht auch, aber nichts anderes, bis die Bauchschmerzen wieder weg sind. Eine Waffe brauchst du nicht, Jeremy, das träumst du nur. Dafür bist du noch viiiel zu klein."

  • Miles verfolgte was Patti dort tat und freute sich, wie umsichtig er mit seinem Kurzen umging.


    "Das mit dem Müsli war meine Schuld. Ich dachte es ist gesund und gut eingeweicht in Milch würde es ihm gut bekommen. Patti hat Recht Jerry, iss nur von dem Brei. Das Du kein Müsli verträgst, habe ich nicht bedacht. Und falls Du pupsen musst, wie Patti sagte, dann mach es. Das stört hier keinen und falls doch, kann er sich verziehen. Von dem Brei darfst Du Dir nehmen, so viel Du möchtest. Morgen kaufen wir zusammen ein. Wir haben auch welchen mit Probiotik. Davon iss bitte nur einen, sonst sitzt Du den ganzen Abend auf dem Topf. Kurzum es schlägt durch. Dass weiß jeder, der die Erfahrung mit gleichartigem Jogurt gemacht hat. 


    Die Fenster bleiben zu, wie Patti schon richtig sagt. Ebenso die Türen zur Terrasse, ich werde alles absichern. Auch sonst, falls die Türen mal offenstehen, Du gehst niemals ungefragt raus auf die Terrasse. Nie. Verstanden? Hinter der Absperrung, kurzum hinter dem Geländer geht es 111. Stockwerke in die Tiefe. Draußen haben wir zudem ein Schwimmbecken und ob Du schwimmen kannst weiß ich nicht. Gleich ob Du es kannst oder nicht, Du betrittst nicht die Terrasse, Du gehst nicht ins Wasser ohne Erlaubnis. Erlaubt Dir Val dass Du schwimmen gehst, muss er dabei sein. Falls etwas passiert wird er Dich rausziehen. Ich kann Dir nicht helfen, ich kann nicht schwimmen. Also mach keinen Unsinn Schätzchen.


    Falls Du was Warmes trinken möchtest, sag bitte Anton bescheid, er kümmert sich drum. Ich rufe auch Ziggi und Tivoli an und bitte sie mit auf Dich aufzupassen. Du wirst sie mögen und Spaß haben. Trotz allem wirst Du Dich gleich ins Bett legen und schlafen. Vorher könnt Ihr noch ein bisschen quatschen und Holo gucken. 


    Du hast gehört, was Du essen darfst. Patti sagte Möhren- und Kartoffelbrei, solange Du Bauchweh hast. 

    Eine Waffe bekommst Du nicht in die Hand. Das sind Träume, Erinnerungen die Dir mitgegeben wurden. Du meinst Du kannst damit umgehen. Du erinnerst Dich scheinbar an die Handhabung. Aber glaube mir, Du weißt so einiges in der Theorie.  In der Praxis weißt Du es nicht. Und eine Waffe hat nichts in der Hand von einem Kind verloren. Du wirst keine Waffe bekommen. Punktum. Und Jerry, Du wirst auch niemals eine Waffe anfassen die hier liegt. Ich werde mit Val sprechen, dass die Waffen sofort weggeschlossen werden, sobald wir vom Schießstand kommen. Aber sollte dennoch mal hier eine liegen, fasst Du sie nicht an. Ich möchte nicht, dass Dir etwas geschieht. Also Finger weg. 


    Du hast andere Dinge wo Du Dich mit beschäftigen kannst, Deine Bücher, Deine Datenbank, guck Holo, geh in den Zoo, spiele was oder frag was Du tun kannst, wir kümmern uns. Die Verbote sind dienen dazu, dass Du sicher lebst. Wir passen auf Dich auf. Anton ist gleich hier und ich hoffe die Sentir auch", sagte Miles und schrieb beiden eine Nachricht, mit der Bitte auf die 111. Etage zu kommen um den kleinen Jerry zu hüten.


    "Ich fasse nichts an und gehe nicht auf die Terrasse Papa. Versprochen", versprach Jeremy und zog seine Strickjacke an.


    Miles zog ihm die Kapuze über den Kopf und knuddelte ihn.

    "Super, Du weißt Bescheid. Mach es Dir gemütlich", schmunzelte Miles.


    Keine fünf Minuten später klingelte es und Miles ließ Anton via Interkom hinein, indem er die Tür entriegelte.

    "Hallo", grüßte der kahlköpfige Sicherheitsbeamte in die Runde und lächelte dann Jeremy zu, da er diesen beaufsichtigen sollte.


    "Hallo Anton, dass ist Jeremy und um ihn wirst Du Dich heute kümmern, bis Valerian und ich zurück sind. Es kommen noch zwei weitere Gäste. Zwei Sentir. Sie werden Dich unterstützen. Habt Spaß, aber übertreibt es nicht. Für Jerry gibt es nur Karotten- und Kartoffelbrei, da er Bauchschmerzen hat. Getränke stehen auf dem Tisch, der Kurze bekommt Wasser oder Tee. Die Fenster und Terrassentüren bleiben zu. Falls Ihr einen Klimawechsel wünscht, geht an die Klimaanlage. Patti und ich verabschieden uns. Bis später Jerry", sagte Miles liebevoll und drückte seinen Sohn lange und gab ihm einen Kuss auf den Kopf zum Abschied. "Wir sind bald wieder da".

  • Das waren zu viele Informationen für einen so jungen Geist, doch Miles war seinerseits noch ein ganz frischgebackener Vater, kein Wunder, dass er es übertrieb. Aber besser zu viel Fürsorge als zu wenig - das war die Meinung von Patrice und Moritz. Moritz´ ältester Sohn Corvin war sogar von drei Männern aufgezogen worden, seinem Vater und dessen Zwillings-Ehemänner. Nur einen zu heiraten war einfach nicht möglich gewesen, der andere hatte sich mit in die Ehe gedrängt, unterstützt vom ersten, bis er sie beide an der Hacke hatte. Er lächelte wehmütig bei der Erinnerung. Wie er die zwei Chaoten vermisste ... Caillou und Camille. Calli und Milli.


    "Wusstest du, dass einer von meinen Männern ebenfalls den Spitznamen Milli trägt?", sprach Moritz durch Patrices Mund. "Wenn wir rübergehen, werde ich mich zurückziehen und Patrice das Feld überlassen, doch das wollte ich dir noch gesagt haben."