Kapitel 63 - Das zweite Konzil

  • Das zweite Konzil

    21. Sonne des Heilmondes im Jahr 1079 nach der Asche.

    Naridien, Hauptstadt Alessa. Winterstrandbar.


    Seit dem ersten Konzil waren viele Tage und noch mehr Blut und Tränen ins Land gegangen. Gut gemeint war es gewesen, doch vielleicht die Sippe noch nicht bereit für ein Leben in Frieden. Nach 874 Jahren sollte das Konzil erneuert werden, welches verhinderte, dass die Häuser übereinander herfielen. Für immer würde es auch diesmal nicht halten, denn für Frieden waren die Menschen nicht gemacht, erst Recht nicht jene vom alten Blut. Doch würde es vielleicht eine Epoche des Atemholens ermöglichen, um die sinnlos vergeudeten Kräfte wieder zusammen, um zu allererst den Feinden trotzen zu können, denen ihre Dolche gelten sollten - jenen, die von außen an dem Gefüge der Sippe zu rütteln wagten.


    Richard und Dorian von Wigberg trafen in der schwimmenden Strandbar in Daijian ein, die sie heute komplett gemietet hatten. Die Architektur glich ein wenig einem Gewächshaus mit dem Glasdach und den grünen Palmenwäldchen, die als Raumtrenner fungierten. Dies war die Luxusausführung mit echtem Bambusmobiliar und lebenden Pflanzen, deren Kübel im Boden eingelassen waren. Barfuß ging man hier und genoss die Fußbodenheizung. In der Mitte gab es einen Pool, durch dessen Wände man ins verdreckte und weitestgehend tote Meer blicken konnte. Während im Inneren tropische Temperaturen herrschten, fauchte an den Fensterscheiben ein eisiger Wind vorbei, der die ersten Schneeflocken mit sich trug.


    Dorian hatte legere Kleidung angeordnet, in der Hoffnung, der Situation etwas von der Spannung zu nehmen. Noch wusste niemand, worum es heute überhaupt ging, außer ihm und Richard. Sie teilten den Traum, dass die Häuser wieder vereint stehen würden und die Einladungen waren per Interkom herausgegangen. Es würde sich zeigen, wer erschien - und wer fernblieb und so seine Ablehnung des Bündnisses kundzutun wagte. Das könnte, wenn überhaupt, nur eines der größten Häuser sich leisten: Wigberg selbst, Hohenfelde oder Eibenberg. Die kleineren Häuser ihrer Verbündeten würden ihre Gönner und Beschützer nicht vor den Kopf stoßen.


    Nervös spielte er mit der Karte. Das kurzärmlige, kunterbunt gemusterte Hemd passte nicht ganz zu seinem verschlissenen schwarzen Hut mit dem violetten Hutband und dem ebenso gefärbten herabhängenden Federbusch. Damit sein dicker Bauch nicht schmerzte, hatte er sich bequeme halblange Hosen angezogen und dazu Badeschlappen. Sein Blick strich herüber zu Richard.

  • Daijian das Obenza der Reichen und Schönen, die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Frei wie Obenza, aber sie verschlang ihre Kinder nicht. Jedenfalls nicht so offensichtlich. Hier verlor sich keine Seele in einem schwarzen Abgrund, niemand hauchte sein Leben in einem der illegalen Labore aus oder kam in der Schießerei zweier rivalisierender Banden um. Daijian hatte seine eigenen Regeln, im Leben wie auch im Tod. Hier starb man auf gehobene Weise, nicht weniger grausam oder schmerzhaft, aber dennoch mit Stil.


    Die Winterstrandbar spiegelt Daijian als Mikrokosmos wieder. Draußen wehten bereits die ersten Schneeflocken in einer kalten Welt vorbei, während es drinnen angenehm warm war. Umgeben von echten Pflanzen, mit Sand als Bodenbelag schuf diese Strandbar ein Urlaubsparadies, dass es in der Natur niemals so vollkommen gegeben hätte. Allein schon aufgrund des Wassermangels, waren die Seen Naridiens geradezu heilig und echte Zierpflanzen waren ein Luxusgut, dass sich nur die Oberklasse leisten konnte.


    Wasser war Leben und ihr aller Leben hing zum Teil von den großen Seen ab, denn neben dem notwendigen Nass boten sie zudem noch ausreichend Nahrung. Heute bot die See jenseits der Scheibe der Winterstrandbar etwas ganz anderes.


    Richard erwiderte mit freundlichem Lächeln Dorians Blick, zeitgleich drückte er ihm kurz die Hand und nickte Richtung Meer.


    Zuerst schien es, dass eine gewaltige Rückenflosse aus dem Wasser ragte, so als würden sie einem großen Fisch auf die Flanke schauen. Aber das Schauspiel trog, denn es war keine Flosse. Das dunkelblau gesprenkelte Dreieck schob sich weiter aus den Fluten. Meter um Meter erhob sich dort vor ihren Augen etwas aus der See, dass allen Wigbergs bekannt war. Die See vor der Strandbar brodelte, sie schien zu kochen als sich die spitze Nase von Thabit senkte und sein Körper so an die Oberfläche folgte. Als die Nase sich auf den Steg vor der Strandbar ablegte, spürten Dorian und Richard bis im Gebäude die Erschütterung der Bewegung.


    Ein unterschwelliges Grollen schien von Thabit auszugehen und setzte alles in der Strandbar in Vibration. Rote Lichter zuckten über sie hinweg, verharrten kurz auf ihren Gesichtern und erloschen, genauso wie die Antriebe des Giganten vor ihrer Tür.


    Einige Schritte vor ihren Füßen sank der Sand etwas ein und verfärbte sich. Er wurde dunkler, fester und sie erkannten den Grund, der Sand zog Wasser. Eine Pfütze bildete sich in einer Kuhle und für einen winzigen Moment kräuselte sich das Wasser. Nebel stieg aus den winzigen Wellen auf, formte sich zu einer Säule und nahm die Gestalt eines Mannes an - Thabit von Wigberg.


    Dorian und Richard spürten regelrecht in jeder Faser ihres Körpers, welche magische Allmacht von dieser Erscheinung ausging. Leuchtend hellblau, irrisierend stand Thabit dort, im Hintergrund sein dunkelblau gefleckter Maschinenleib, der die gesamte Sichtfläche der Strandbar einnahm. Magie und Feuergewalt, der ein Sterblicher nichts entgegen zu setzen hatte. Aber das brauchten die beiden auch nicht, denn sie waren eine Familie.


    "Ich bin Eurem Ruf gefolgt", sagte das Thabit wohlwollend.


    Er sprach ruhig, sanft zu seinen Verwandten und doch war es eine Stimme nicht von dieser Welt. Gleich ob man Thabit ehrte oder nicht, jeder der einem der Ältesten gegenüberstand wusste, er sprach mit etwas Uraltem, Mächtigem, Unsterblichem.


    Die neblige, geisterhafte Erscheinung lauschte auf etwas, dass nur sie zu hören schien, ehe er sich wieder an Dorian und Richard wandte.

    "Viele sind auf dem Weg hierher, Sterbliche, Unsterbliche, Älteste und Ältere. Und selbstverständlich mein Mann Irving, er wird jeden Augenblick hier auftauchen. Ihr untersteht meinem Schutz, sollte das hier kippen", erklärte Thabit und nahm eine entspannte Haltung ein.

  • Die Nacht wurde schon teilweise von Thabits gewaltigem Leib verschluckt, als sie einen Atemzug noch finsterer wurde. Ein Geräusch wie von knarrenden Segeln erfüllte die Luft, als draußen etwas aufsetzte, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Tiefling hatte. Allerdings war dieses Geschöpf weit über drei Meter groß und trug gewaltige Hörner und Dornen - eine Taudisschwinge.


    Nicht eine Taudisschwinge, sondern die Taudisschwinge, die letzte ihrer Art. Einst trug sie den Erzhexer Indutiomarus des Hauses Hohenfelde durch die Lüfte, aber bereits seit fast einem Jahrtausend trug sie den ersten und einzigen lebenden Vampir, den ältesten noch lebenden Wigberg, jene Person die durch Blut, Magie und Liebe geschaffen worden war - Nicodemus.


    Hochgewachsen und schwarz gerüstet wie seine Väter Indutiomarus und Ditzlin stieg er von seiner Taudisschwinge ab und zog sich den Helm vom Kopf. Auch er trug spitze Ohren, einst das Zeichen der Schande verwies es doch auf gekapertes Blut eines uralten Volkes der Amarthar. Nicodemus trug sie genau wie Indutiomarus mit stolz.


    Nicodemus war bleicher als jeder Geist. Seine glimmenden Augen und das schneeweiße Haar bildeten einen extremen Kontrast zu der schwarzen Rüstung und dem Schwert, dass er auf dem Rücken trug. Mit dem Helm unter dem Arm betrat er die Winterstrandbar und grüßte die Anwesenden mit einem Schmunzeln, dass seine rasiermesserscharfen Eckzähne entblößte.


    "Grüße! Und vielen Dank für die Einladung. Ein Familientreffen wie mir scheint... nein weitaus.... mehr...", grüßte er freundlich.


    Der erste aller Vampire, zog sein Schwert vom Rücken und machte es sich auf einem der Stühle bequem. Die Waffe legte er dabei in ihrer Scheide quer über seine Oberschenkel.

  • Richard wollte gerade etwas Aufmunterndes zu Dorian sagen. Er trag ein kurzärmeliges mintfarbenes Hemd und keine Krawatte. Dazu trug er eine lange, aber leichte Sommerhose und Sandalen.


    Gegen Dorian wirkte er damit immer noch fehl am Platz, immer noch zu zugeknöpft kurzum wie ein Spießer.


    Aber als er Nicodemus eintreten sah, war dieser Gedanke sofort verschwunden. Legere war er!


    Was bitte war für Nicodemus kriegstauglich, wenn so seine Freizeitkleidung aussah? Bei dem Gedanken musste Richard schmunzeln.


    Zwischen Dorian, Richard, Nicodemus und Thabit erschien urplötzlich eine kleine Sonne. Sie schwebte mitten im Raum und strahlte warmes, goldenes Licht aus, wie an einem wunderschönen Herbsttag.


    Während Richard sie noch fasziniert musterte, fing die Sonne an zu pulsieren. Mit jedem Herzschlag schien sie größer und heller zu werden, ehe sie urplötzlich in einer Supernova explodierte und ihre Welt in gleissendem Weiss versank.


    Sie hörten Nicodemus kurz aufgrund der Helligkeit aufkeuchen, die er nicht gewöhnt war. Auch Roland hatte die Hände vor die Augen geschlagen. Dennoch schien das Licht sie durch alle Ebenen zu durchleuchten.


    Das Licht erlosch, bis auf ein sanftes Glimmen. Horatio stand zwischen ihnen, das Glimmen ging von der Laterne aus die er in einer Hand hielt. Genauer gesagt, von der winzigen Sonne darin. Die Laterne flackerte und die Sonne strahlte wieder ihr sanftes Licht aus. Warm und golden, wie eine Umarmung.


    Horatio schaute sich um und stellte die Laterne zwischen Dorian und Richard ab, so dass sie im matten Schein der Laterne saßen. Ein Zeichen des absoluten Wohlwollens und Schutzes.


    Das kleine Pflanzgefäss, das optisch eine winzige Koralle trug, behielt er bei sich.


    Eine Kronenkoralle, das Zeichen des Konzils und der Zufluchtsort von Turhalos Seele.


    Dorian und Richard sahen, dass Nicodemus und auch Thabit der Anblick des Pflänzchens freute.


    "Ein mutiger Ruf von zwei ebensolchen Männern. Ich danke Euch für die Einladung. Ich war so frei, sie weiter zu geben.


    Es ist gut möglich, dass uns ein Gast beehrt, der seine neue Daseinsform gerade erst gefunden hat und sie bereits gegen die Finsternis verteidigen musste.


    Ich stand ihm bei, im Sand der ewigen Wüste und hoffe das er weiterhin dem Licht folgt. Denn genau das wählte er. Aber warten wir ab", erklärte Horatio.


    Er strich seine schlichte, weiche Robe glatt und nahm auf der anderen Seite von Dorian Platz. Seine nackten Füße grub er gut gelaunt in den Sand.

  • Die nächste Macht die sich näherte, war keine magische, sondern die Staatsmacht in Form des dritten Richters des Rates der Zehn Naridiens.


    Aber weder aufgrund seiner Staatsmacht, noch der seiner Magie oder seines Geldes war Valerian hier. Er war der familiären Einladung von Dorian gefolgt.


    Dorian und Richard erkannten das große Schiff namens Vanguard sofort. Es landete nahe der Strandbar im Sichtfeld, um von vornherein zu zeigen, dass sie in friedlicher Absicht kamen.


    Das Schiff setzte auf, die Flügelspitzen klappte hoch und die Triebwerke fuhren herunter.


    Valerian, Miles, Theodor und Korbinian stiegen aus und gingen direkt auf die Strandbar zu. Sie alle trugen locker luftige Freizeit Kleidung. Val und Theodor trugen zudem Dreitagebart.


    Miles ging vorneweg und hielt Val die Tür auf. Das dies mehr als reine Höflichkeit war, wussten die wenigsten.


    Mit einer Mischung aus Neugier, Respekt und etwas Unbehagen betrat die Gruppe die Bar in der bereits Dorian, Roland und drei Älteste anwesend waren.


    "Grüße. Eine interessante Gästeliste und Runde... In die Du bis dato nicht gepasst hättest, anhand der bereits Anwesenden Roland. Das Du hier bist, sagt mir wer und was Du bist... Vielleicht möchtest Du es aufklären?", begrüßte Valerian die Gruppe freundlich und musterte dabei Roland.


    "Gut kombiniert. Gerne Valerian, ich möchte sogar einiges mehr. Aber das erfahrt Ihr gleich, sobald alle anwesend sind.


    Nur soviel direkt für Dich, mein Name ist Richard von Wigberg und meine Aufgabe bestand darin, auf Dich acht zu geben und Dich zur Not zu beschützen. Macht es Euch gemütlich", bat Richard freundlich.


    Valerian tauschte kurz einen Blick mit Miles.

    "Hallo Richard", antwortete Val umgänglich.


    "Von mir ebenfalls ein Gruß in die Runde. Richard also", war Miles ruhiger Kommentar.


    Theodor nickte knapp, schenkte Dorian und Richard ein kleines Grinsen und hob zum Gruß die Hand. Korbinian schien unschlüssig, was er überhaupt tun sollte.


    Die Gruppe nahm Platz und die Anwesenden beobachteten einander. Richard tippte Dorian kaum merklich an. Die Gäste schauten neugierig und abwartend, keiner taxierte den anderen abschätzend.


    Die private Atmosphäre trug dazu bei und schien allen bis jetzt gut zu tun.

  • Kensairar von Hohenfelde


    Es dauerte nicht lange, dann trat der nächste Gast ein. Den meisten war dieser Mann persönlich nicht bekannt. Hochgewachsen, markante männliche Gesichtszüge, dazu lange schwarze Haare. Das auffallendste Merkmal jedoch war eine grässliche Narbe die quer über seinen Hals verlief, als hätte ihm jemand die Kehle durchschneiden wollen.


    Kensairar von Hohenfelde hatte die Strandbar betreten. Gekleidet war er in einem Kimonoartigen Gewand, das in dezenten Tönen gehalten war. An den Füßen trug er leichte Stoffschuhe die zu seinem Gewand passten.


    Ken neigte leicht das Haupt als er bei den Anwesenden ankam. Er schaute jede einzelne Person nach der anderen an, seine Form sie nonverbal und denn persönlich zu grüßen.


    "Ich grüße Euch. Ein schöner beschaulicher Ort für ein Familietreffen. Danke für die Einladung. Ich denke dass Ihr beiden die Einladung ausgesprochen habt. Anthony ist ebenfalls unterwegs", sagte Kensairar zu Dorian und Richard.


    Erneut schaute er sich um und wählte einen der freien Stühle. Ihm schien der Ort des Treffens zu gefallen.

  • Ein Hauch von leuchtendem Goldstaub zog durch Naridien. Wer genau hinsah, konnte sehen, dass die Wolke nicht den Gesetzen des Windes folgte, auch wenn sie diesen bisweilen nutzte. Wen der Goldstaub auf seinem Weg zufällig berührte, war für die nächsten Stunden mit einem Gespür für gute Gelegenheiten gesegnet, aber auch mit der Klarheit, einen Betrug zu erkennen. Dalibor aber reiste weiter, ohne sich darum zu kümmern oder innezuhalten, bis er die Winterstrandbar erreichte.


    Die Wolke zog sich im Flug in die Länge zu einem Faden. Dalibor sickerte durch das Schlüsselloch, als würde goldener Sand durch eine Sanduhr rinnen. Aus dem Haufen stieg, glitzernd und funkelnd, seine transparente Gestalt auf, die sich zu Fleisch und Blut manifestierte, als sie sich aufrichtete. Dalibor schien auf das Gold magnetisch zur wirken, da es seinen Bewegungen nach oben folgte wie ein glitzernder Seidenschleier. Der Goldstaub wogte um ihn wie ein geisterhaftes Gewand. Als Dalibor die Augen aufschlug, leuchteten diesen ebenfalls golden. Mit einer eleganten Bewegung seiner Arme ließ er den Staub dichter um seinen Körper gleiten, sodass er seinen Rumpf wie glänzender Lack bedeckte. Ein kurzes Schütteln und der Lack schlug Falten wie eine Tunika, gegürtet um die Hüfte, dann nocheinmal um Brust und Rücken über Kreuz, damit sie besonders schön fiel. Goldbänder um Füße und Unterschenkel rundeten das Erscheinungsbild ab. Derart in Gold gewandet, schritt Dalibor zum Tisch. Er klopfte zum Gruß auf die Tischplatte.


    "Ich bin gespannt, um welche Katastrophe es heute geht. Es ist nicht so, als hätte jemand je einen Ältesten gerufen, weil er ihn gern sehen wollte. Vielmehr bin ich sicher, dass es wieder darum geht, irgendeinem Sterblichen aus seiner selbstverschuldeten Misere zu helfen."


    Er nahm Platz auf einem der Korbstühle und schaute über seine zusammengelegten Fingerspitzen in die Runde. Selbst seine Fingernägel waren vergoldet. Sein Blick blieb kurz auf Dorian haften - ein halber Eibenberg, aber sehr wigbergisch gekleidet. Ansonsten - kein Eibenbergblut bislang.

  • Die Anwesenden in der Strandbar spürten, wie ein großes Geschöpf über ihre Köpfe hinweg zog. Man hörte gewaltige Flügelschläge, ehe die Gruppe durch die große Fensterfront sah wie ein Wesen vor der Bar landete, dass niemals auf Asamura existiert hatte. Bis auf eine einzige Ausnahme, der Drache des Südens - Irimoq.


    Der gewaltige Leib des Drachen setzte auf und die klingenartigen Klauen seiner Tatzen gruben sich in den Untergrund. Der nekrotische Schweif peitschte nach hinten und der gehörnte mächtige Schädel schwang in die Höhe. Mit halb geöffneten Schwingen schaute sich die Kreatur um, ganz so als wäre sie unschlüssig ob sie wirklich bleiben oder doch lieber fliehen sollte.


    Aber Irimoq war nicht mehr der selbe Drache von einst, der Mann war nicht mehr der selbe von einst. Davard hatte seine eigene, leidvolle Geschichte die ihn über die Jahrhunderte hin bis an diesen Punkt getragen hatte. Heute stand er vor der Strandbar in seiner zweiten Manifestation und grübelte.


    Der Kiefer mit dem schwertlangen Zähnen schloss sich schnappend. Der Drache schien eine Entscheidung getroffen zu haben. Das mächtige Wesen faltete die Flügel um seinen Leib und setzte sich auf die Hinterhand. Der gehörnte Kopf ragte über der Strandbar auf, der Drache bog den Hals S-förmig nach unten und spähte in die Bar hinein.


    Der Blick von Irimoq bohrte sich in den von Dorian.

    Der augenlose Blick der Kreatur haftete sich auf ihn. Nein… die Augenhöhlen waren nicht leer, sie beherrbergten keine Augen, sondern in ihnen war die absolute Finsternis zu finden. Die Dunkelheit einer anderen Sphäre, eine Finsternis die leuchte, ein Paradoxon an sich.


    Was immer der Drache im Blick Dorians gesucht hatte, er schien es gefunden zu haben.

    Die Mundwinkel Irimoqs zogen sich nach oben und er schien in Zeitlupe zu blinzeln.


    Dann begann der Körper des Drachen von innen heraus schwarz zu leuchten. Eine brennende Schwärze leuchtete aus seinem Fleisch, als hätte er eine schwarze Sonne verschluckt. Die Strahlung wurde immer heller, bis die Anwesenden die Hände vor die Augen schlagen musste um nicht geblendet zu werden. Gleißende Schwärze umwirbelte den Drachen. Es gab nichts als Finsternis, die dennoch auf seltsame Weise zu brennen und zu leuchten schien.


    Egal wie fest sie die Augenlider aufeinander pressten, die Leuchtkraft bohrte sich bis in ihr Innerstes und ließ sie erzittern. Das Blut pochte in ihren Ohren und schien in ihren Adern zu kochen. Unerträglicher Schmerz breitete sich aus, als sie meinten es nicht mehr ertragen zu können, war er überraschend verschwunden. Überrascht stellen sie fest, dass eine Kugel aus gleißendem goldenen Licht, blauen Nebelschwanden, einem blutfarbener Schleier, sowie einem Schutzschirm der zwischen golden, rot- und grüngold schimmerte und die anderen Anwesenden abschirmte.


    "Das sollte er nochmal üben", warf Horatio schmunzelnd ein.

    Die Dunkelheit zog sich um den Drachen wie Nebelschwaden zusammen. Langsam und unaufhörlich wurden sie lichter, ballten sich zusammen und wurden von dem Drachen absorbiert, der dabei schrumpfte. Die Konturen von Irimoq veränderten sich und nahmen die Form eines Mannes an. Die Dunkelheit verschwand in der Gestalt und gab den Blick auf Davard von Hohenfelde preis.


    Gemessenen Schrittes betrat Dave die Strandbar und schaute sich um.Der flammende schwarze Blick der bis in die Seele einer Person hinab starren konnte, strich über die Gruppe. Für Sekunden blieb er auf Horatio liegen, ehe er seinen Blick wohlwollend auf Dorian richtete. Dorian wusste, dass ihm dieses Wesen niemals etwas antun würde.


    "Du hast die Sippe eingeladen Dorian, wie mir Horatio mitteilte... nun hier bin ich...

    Wir kennen uns doch aus Soleil... nein... Du warst bei meiner Erweckung anwesend!

    Du und der junge Nekro Auriville und noch einige andere...

    Ich grüße Dich", sagte Dave mit freundlichem Schmunzeln.


    Unweigerlich dachte er für einen Moment wehmütig an seinen Mann Vanja, als er versucht hatte Dorian und seinen Sitznachbar mental zu berühren. Dave nahm neben Horatio Platz und wartete ab, was geschehen würde.

  • Dorian saß so dicht bei Richard, als wären sie Brüder, auch wenn ihr Erscheinungsbild sehr unterschiedlich war. Während Richard mit seinem mintfarbenen Hemd und der langen Sommerhose spießig wirkte, hatte der Dicke Dori mit seinem buntgemusterten Hemd, der kurzen Hose und den Badeschlappen in die andere Richtung übertrieben. Dorian blickte jedem Neuankömmling in die Augen und grüßte ihn. Nach und nach trudelten mehr Leute ein, als er gedacht hatte. Nicht alle davon kannte er.


    Korbinian war ohne Hilarius eingetroffen. Dorian spürte einen kurzen Stich, aber vermutlich war es besser so. Er musste sich auf die Sache konzentrieren und die persönlichen Gefühle außen vor lassen.


    "Hallo, Davard", grüßte Dorian schließlich den Drachen des Südens, der einen etwas eindrucksvolleren Kampfnamen hatte als er selbst. Falls Dorian eines Tages wieder schlank sein würde, würde er vermutlich trotz allem für den Rest seines Lebens der Dicke Dori bleiben.


    "Richtig, ich war dabei, als wir dich aus dem Norden abholten und zurück in den Süden brachten. Ich bin erfreut, dich hier zu sehen. Das gilt für alle."

  • Kaum hatte er die Worte gesprochen, öffnete sich die Tür und die bullige Gestalt von Garlyn Meqdarhan nahte. Trotz seiner Militärkleidung wirkte er heute weniger brachial als sonst, da er ein Klemmbrett mit darin befestigter Zettelwirtschaft in der Hand hatte: theoretisches Wissen für die Konstablerprüfung, natürlich nur jene Inhalte, bei denen ein Verlust keinen Skandal auslösen würde. Irgendwo dazwischen klemmten auch ein paar leere Blätter für Notizen.


    "Gruß", brummte er und blickte sich um, bis er Miles erblickte. Den Assistenten vom künftigen Chef - einen seiner wenigen noch lebenden Verwandten. Auf dem blieb sein Blick haften. "Zwei Feuerfüchse in einem Raum. Sehr selten heutzutage."


    Und dankenswerter Weise noch kein Robby, der ihn von der Begrüßung ablenken könnte. Sicherheitshalber hatte Garlyn sich einen klobigen Silberring an den Ringfinger gesteckt, in der Hoffnung, dies würde als Argument genügen, um seinem ehemaligen Mündel etwas Diskretion beizubringen.

  • "Danke für die freundlichen Worte. Ein Leben lang war ich gefühlt allein, nun in meinen schwärzesten Stunden stand mir eine andere Seele bei. Sie konnte mir zwar nicht helfen, aber jemand war da und so blieb ich es auch. Vermutlich wäre ich sonst vor langer Zeit gestorben, weit bevor ich Pavo traf, oder Vanja mein Gefährte und Mann wurde.


    Allerdings war bei jeder meiner Wiedergeburten eine Person anwesend wie ein Markstein, der in meinem Leben später noch eine ganz besondere Bedeutung haben sollte. Pavo einst, als ich nach dem Reitunfall wieder aufwachte und er mich einfach bei sich behielt. Er hat mehr gewusst als ich ihm jemals anvertraute oder er je mir gegenüber offenbarte. Er war es einst, der mir sagte ich sollte keine Angst vor dem Konzil haben und wenn es mich stört, sollte ich es besser machen. Letztendlich habe ich doch noch den Mut dazu gefunden, ganz loszulassen um etwas Neues zu werden. Das wirst Du nicht verstehen Dorian, aber jeder Älteste hier versteht es. Du musst dazu den Mut aufbringen Dich selbst zu verlieren, um Dich selbst zu finden. Du bekommst alles zurück und noch wesentlich mehr. Die Erfahrung ist gleichermaßen schrecklich wie schön. Und eines habe ich gelernt, verdrängte Erinnerungen holen ein immer wieder ein, wie ein Raubtier überfallen sie einen. Ab dem Tag, wo man sich ihnen stellt und ihnen in die Augen blickt, weichen sie zurück.


    Das macht das alte Übel nicht ungeschehen, es macht nichts besser. Aber ab dato hast Du die Gewalt darüber, wie Du damit umgehen möchtest. Es hat Dich nicht mehr in seinen Klauen.


    Der nächste Meilenstein nach Pavo war Vanja. Ich war dank Pavo meinen Peinigern entkommen, nur um mir selbst einen neuen zu suchen. Vanja war es, der mich aus diesem Abgrund befreite und er war mein Gefährte, mein Mann. Die andere Bestie würde ich niemals wieder so bezeichnen. Er war mein Ehemann und er gab mir alles, was er geben konnte. Er wollte mich retten und hat nicht gewusst, dass es dort nichts mehr zu retten gab. Jedenfalls war das meine Annahme, ich habe mich getäuscht. Vanja hatte Recht, so wie immer. Vielleicht war ich noch nicht so weit, um seine Weitsicht teilen zu können. Aber eines haben wir geteilt, die beste Zeit meines Lebens. Es gab keine Zeit in der ich so glücklich war, wie mit ihm an meiner Seite. Und die Erinnerungen, sie schwiegen größtenteils. Vermutlich auch, weil wir sie einmal geteilt hatten. Gemeinsam hatten wir uns den Erinnerungen gestellt. Und dann war er fort.


    In diesem Moment wurde Irimoq geboren, auch wenn es noch eine kleine Ewigkeit dauerte, bis er seinen Kopf erhob. Und auch in der Form verging ich. Ich verlor Pavo als er mich tötete. Ich war ihm nicht böse, er hatte keine andere Wahl. Er war der einzige Vater den ich je hatte und er tat was er tun musste. Und selbst dieser letzte Akt von ihm geschah aus Liebe.


    Als Ihr mich erweckt habt, warst Du anwesend und heute treffen wir uns hier. Das ist kein Zufall.


    In dem Moment wo ich mein Dasein völlig aufgab, die Anker löste und vollständig in den Nexus eintrat wurde ich vernichtet, auseinander genommen. Und dann, gefühlte Äonen später baute es mich wieder zusammen und auf...


    Ich manifestierte mich in der Wüste Rakshanistans, einem Ort der mir nicht nur die Schuppen meiner Haut wärmte, sondern auch mein Herz. Die Luft war warm und roch gut, vertraut. Bis sich Sekunden später ein Gestank erhob, der mir ebenso vertraut war. Ich wusste warum er gekommen war. Es ist leichter ein Neugeborenes zu töten, als einen alten Recken. Das gilt auch für Älteste Dorian...


    Dunwolf erschien und griff mich ohne zu zögern an. Was er wollte war klar, mich verschlingen. Ich schlug zurück... ungelenkt, ungeübt... aber mit einer Macht von der ich niemals in Erwägung gezogen hätte sie zu besitzen. Es muss kein guter Schwertstreich sein, wenn man ihn derart brutal ausführt, dass ihn der Gegner nicht mehr blocken kann. So entging ich seinen Reißzähnen und Klauen, aber er ist alt... er spielt das Spiel seit einer Ewigkeit und kennt die Regeln. Ich hingegen war nur eine Spielfigur auf dem Brett, die an diesem Tag das erste mal zum Spieler wurde. Ich gab alles, auch wenn ich die Regeln hinter den Regeln nicht kannte... von den Tricks ganz zu schweigen...


    Er nagelte mich im Wüstensand fest...

    Einen Augenblick später war ich in Licht gehüllt und er musste sich abschirmen. Außerhalb des Schirms war die Welt nur noch ein weißes, brennendes nichts... Er war fort. Nicht vernichtet, nein geflohen. Horatio hatte mir nach meiner Wiedergeburt in der Wüste das neue Leben gerettet. Grundlos. Ohne einen Preis zu verlangen.


    Und heute sitzt Ihr beiden hier, was immer das heißt, es muss etwas Gutes bedeuten", erzählte Dave freundlich.

  • "Grundlos habe ich Dich nicht gerettet, Du hattest gewählt Dave und die Wahl war das Licht. Ich war zu oft zu neutral in meinem Leben. Wo warst Du als ich Dich brauchte? Ich hörte es oft, zu Recht. Aber wie oft hatte ich die Personen genau dies Retour zu fragen? Und wo warst Du, als Du helfen konntest? All die Fragen samt der Antworten sind müßig. Wenn Du helfen möchtest hilf und flüchte Dich nicht in Ausreden. Mein Mann lehrte mich einst genau das. Manchmal muss man sich selbst daran erinnern, wofür man einsteht.


    Ich trage Turhalos Botschaft und Licht in die Welt. Aber Turhalos Licht ist keine Magie, er kann nicht den Frieden herbeizaubern. Turhalos Licht ist Erinnerung. Es erinnert mich daran, meine Pflicht zu tun und mich für den Frieden einzusetzen und gegen den alten Weg zu stellen. Jeder ist eingeladen Turhalos Idee und lichter Erinnerung zu folgen.


    Du hast diesen Weg gewählt, deshalb habe ich Dich beschützt, als einen der unseren", antwortete Horatio und deutete auf die kleine Kronenkoralle.

  • Miles beobachtete die Gruppe die sich hier versammelte. Die Macht der Sippe brachte es auf den Punkt. Die mächtigsten Personen, die die Sippe aufzuwarten hatte, waren fast komplett anwesend. Was er hier zu suchen hatte, fragte er sich dabei allerdings. Er gehörte der Sippe nicht an. Er war nicht einmal angeheiratet, aber das lag an ihm und nicht an Valerian. Miles schickte Val einen Ping auf das Interkom, das Gegenstück zu einem geistmagischen Anstupser.


    Miles beobachtete einen Moment Dorian. Einst waren sie Freunde, aber waren sie es noch? Er konnte sich die Frage nicht beantworten. Sie waren gemeinsam in die Schlacht gezogen, um die Familie zu retten. Sie wollten es besser machen und Dorian hatte ihm damals gesagt, "meine Familie hätte unsere Familie sein können, wenn Valerian es zugelassen hätte. Er hätte sich seine eigene Familie schaffen können".


    Wahre Worte, aber wie viel Schuld trug er selbst daran? Val kämpfte für eine Familie, die er ihm verwehrt hatte, da er kämpfte. Hätte er sie ihm nicht verwehrt, wäre der Kampf vermutlich beendet gewesen. Er hätte gründlicher über die ganze Situation und vor allem über die Gefühle von Valerian nachdenken sollen, bevor er antwortete.


    Ebenso hätte er vorher nachdenken sollen, was er Dorian fragte und damit von ihm verlangte.

    Roland... nein Richard, hatte ihm einen Spiegel vorgehalten. Eine Bitte, eine Person die eine Bedrohung darstellt verschwinden zu lassen. Sie soll einfach nicht wieder auftauchen. Gib Ihr Geld das sie für immer verschwindet, schüchterte sie ein oder wähle den Endweg. Worauf wir uns einigen ist gleich, die Person darf nie wieder hier auftauchen. Er hatte zugehört und zugestimmt Roland bei seinem Problem zu helfen. Bis Roland ihm gesagt hatte um wen es ging - Garlyn.


    Miles setzte zu einer passenden Antwort an, als Roland ihm ganz ruhig sagte,

    "Antworte mir nicht. Sag mir was Du fühlst. Dann weißt Du, was Dorian bei Deiner Bitte gefühlt hat. Was fühlst Du Miles?".


    Gefühlt hatte er im ersten Moment unglaubliche Fassungslosigkeit, Bestürzung über diese Bitte. Wie konnte Roland das verlangen, wo Garlyn doch der einzige noch lebende Blutsverwandte war? Einen Moment später verwandelte sich seine Bestürzung in Wut, aber ehe er reagieren konnte, hatte Roland die Situation aufgeklärt und zwar auf seine Weise.


    Was er in dem Moment fühlte? Scham. Er schämte sich bodenlos dafür, wie er mit Dorian umgegangen war. Ein Freund verhielt sich anders. Und genau dass hatte er Roland gesagt. Und Roland sagte noch etwas, was glaubst Du fühlt Val bei dieser Frage? Für Dorian ist sie Familie - eine Wigberg, für Val ist es die Mutter. Haben beide nicht schon genug Verluste erlebt?

    Er hatte Roland nur angesehen und nicht gewusst, was er antworten sollte. Der Mann hatte Recht.


    Alle beide Dorian wie Val hatten eine Entschuldigung verdient, mehr noch er musste es als Freund und Mann wieder gut machen. Daran führte kein Weg vorbei. Er wollte kein Arsch sein, beileibe dann durft er sich auch nicht wie einer verhalten! Einmal mehr eine Runde nachdenken, hätte ihm sein Vater geraten. Und Roland auch, auf seine ziemlich lehrreiche Art.


    Und nun genau in dem Moment, wo er über sein mieses Verhalten erneut nachdachte, betrat Garlyn den Raum und grüßte ihn derart, dass es ihm die Kehle zuschnürte. Miles grinste Garlyn schief zur Begrüßung an, obwohl er ein Kloß im Hals hatte.


    "Immerhin gibt es jetzt drei, schön Dich zu sehen Garlyn, hock Dich zu mir", bat Miles.

  • Garlyn, jovial, wie er war, krachte neben Miles in den Korbsessel und klatschte ihm auf den Oberschenkel. Dabei zwinkerte er ihm zu.


    "Noch bist du nicht mein Boss. Noch kann ich mir das gefahrlos leisten."


    Er schüttelte sein Klemmbrett zurecht, weil die Zettel sich aufrollten, dabei blieb sein Blick auf seinem Gegenüber haften. Was machte Roland hier? Garlyn blickte sich um. Nur Verwandtschaft. Außer Roland Krones. Waren die Krones ein kleines Haus, das er nicht kannte? Er legte fragend den Kopf etwas schräg. Gleichzeitig verspürte er den Drang, sich statt neben Miles neben Roland zu setzen. War er komplett übergeschnappt? Wieso wollte er weg von seinem Verwandten? Er war doch nicht verknallt in den strickenden Spießer da drüben!


    "Roland ... Krones?", wiederholte er fragend den Namen. Vielleicht hatte er sich ja nur verhört?

  • Dorian lauschte den Worten von Davard genau wie denen von Horatio, der eine Kronenkoralle bei sich trug. Ob Turhalo darin war? Dorian liebte gute Geschichten, besonders, wenn sie war waren, und die von Davard und Horatio war jeweils eine sehr gute Geschichte.


    "Turhalos Zauber benötigt keine Magie", antwortete er und wollte noch mehr sagen, als er merkte, wie Garlyn seinen Sitznachbarn taxierte.

  • "Noch nicht Garlyn, aber ich bin guter Dinge, dass sich das bald ändert. Nein nicht Roland Krones, sondern mit realem Namen Richard von Wigberg, wie er uns vor Deiner Ankunft offenbarte. Er hatte den Auftrag Valerian zu hüten. Und er hat uns noch einiges mehr zu berichten, laut seiner Information. Kurzum, er gehört zur Sippe und wie mir gerade einfällt ist er damit mit meinem Mann verwandt", beantwortete Miles Garlyns Frage.


    "Miles hat Recht, mein Name ist Richard von Wigberg und wie er korrekt anführte, werde ich nachher erklären warum ich vor Ort war. Aber vorab haben wir etwas weitaus Wichtigeres zu klären, als meine persönliche Aufgabe. Wartet bitte einfach ab. Wir müssen auch den anderen Nachzüglern eine Chance geben. Ihr werdet sehen, wir geben uns selbst damit eine. Auch das klingt kryptisch, ergibt aber bald Sinn und noch viel mehr. Versprochen", erklärte Richard Garlyn und damit allen anderen auch.

  • Hector hatte die Einladung mit Erstaunen gelesen. Er wurde zu einem Familientreffen eingeladen. Nun er war nicht der einzige Beißer, der auf der Einladung stand. Tekuro war ebenso eingeladen worden. Was nichts bedeuten musste, eine Falle konnte man auch auch mehreren Leuten stellen. Scheinbar war alles eingeladen worden, was Rang und Namen hatte. Allerdings waren das die Namen des Konzils, die dort vermerkt waren. Vielleicht sollte der alte Bund wieder ins Leben gerufen werden. Er selbst hatte sich vor gut 800 Jahren vom alten Weg losgesagt und seinen eigenen beschritten. Er mochte für seine Beute nicht lichter sein, für seine Nachfahren hingegen schon. Und wer fragte schon nach der Meinung von Gabad? Man sprach und spielte nicht mit dem Essen, man fraß es.


    Auf der Einladung stand, man sollte in Freizeitkleidung kommen. Da er als Fledermaus anreisen würde, würde er dort so privat aufschlagen, wie man nur rumlaufen konnte und zwar nackt. Allein bei der Vorstellung musste Hector zähnefletschend grinsen. Hector las die Einladung erneut durch, Daijan. In aller Ruhe zog er sich aus und verstaute seine Kleidung und verließ das die Himmelsröhre. Als er draußen in der Nachtluft stand verwandelte er sich in eine Fledermaus und flog so schnell er konnte Richtung Daijan.


    Einige Stunden später landete er vor der Strandbar und spähte als Fledermaus ins Innere und musterte die anwesenden Gäste. Vor der Tür verwandelte er sich zurück.


    "Bereit?", fragte er seinen Schatten und betrat mit einer Haltung als wäre er der König der Welt die Strandbar.

  • "Allzeit bereit, mein Lieber", sprach eine unsichtbare Stimme.


    Hector allein wusste, dass sie nicht tatsächlich unsichtbar war, nur sehr gut versteckt. Wer genau hinsah, bemerkte vielleicht, dass der Schatten Hectors seinen Bewegungen nicht ganz synchron folgte und seine Form nicht ganz passte ... er war etwas zu groß und wenn man ihn im Profil sah, stimmte die Linie von Stirn, Nase, Mund und Kinn nicht mit dem Gesicht von Hector überein.


    Es gab nach Vendelins Auffassung nur drei Möglichkeiten, wegen der sie heute eingeladen worden sein könnten: Eine Krisensitzung, eine Falle oder ein zweites Konzil. Obgleich Vendelin über die Jahrhunderte selbst dem Weg des Konzils gefolgt war, käme er nicht umhin, Stolz zu empfinden, wen die beiden jungen Wigbergs, welche zu dem Treffen geladen hatten, eine derart gewaltige Falle durchziehen würden.


    Nicht, dass er darauf hoffte. Sein Weg war seit jeher ein anderer gewesen. Nicht umsonst hatte er den Jägername Aal getragen. Um alle Probleme hatte er sich herumgewunden, anstatt sich ihnen offen zu stellen, oder war ihnen ausgewichen. Und heute glitt er als Schatten über die Wände, über die Menschen, und alles, was diese spürten, war eine unnatürliche Wärme, die von dem Schatten auszugehen schien, als wäre dieser ein lebendes Wesen.

  • Hector schmunzelte für seinen sichtbaren unsichtbaren Begleiter. Ven war weitaus mehr als nur sein Schatten, sie waren Liebende seit einer sehr langen Zeit und fast genauso lange auf diese Art und Weise verbunden. Vor Dorian und Richard blieb Hector stehen auf schaute auf die beiden Sitzenden herab. Zur Begrüßung grinste er beide mit voller Kauleiste an, ein Zeichen echter Freundlichkeit unter Beißern. Zwar stand er splitterfasernackt vor seinen Gastgebern, aber da Hector vom Hals an komplett mit alten Schriftzeichen tätowiert war, wirkte er dennoch irgendwie angezogen.


    Der ehemalige Schlüsselmeister Dunwolfs neigte leicht das Haupt als Zeichen des Grußes. Die bereits anwesenden Gäste waren interessant. Einige kannte er, andere kannte er nicht. Vermutlich kannte er die Personen dem Namen nach und würde dann gleich zu den Namen das passende Gesicht zuordnen können. Gleich wie unwichtig einem so etwas erschien, man sammelte immer und überall Informationen. Dass hatte er von seinem Mann gelernt.


    "Ich grüße Euch, was verschafft mir die Ehre der Einladung?", hakte Hector nach. Sein Vater war nicht anwesend, ebensowenig Dunwolf. Beides war nicht verwunderlich, wo Thabit, Horatio, Nicodemus und sogar Davard hier im Kreis saßen. Aber unmöglich war es trotzdem nicht. Sein Vater hatte einen eigensinnigen Sinn für Humor. Möglich war es also durchaus dass er hier aufkreuzte, um zumindest einem den Tag zu versauen.


    "Deine Zugehörigkeit zu unserer Familie und Sippe", antwortete Richard höflich und schaute Hector dabei starr ins Gesicht um bloß nicht irgendwoanders hinzuschauen, was noch peinlich geworden wäre.


    "Verstehe, dann habt Ihr das große Glück mit Vendelin dem Aal verwandt zu sein", grinste Hector.

  • Dorian war weniger höflich als sein Verwandter. Er starrte Hector schockiert in den Schritt, während er sich die Schmerzen ausmalte, welche eine Tätowierung in diesen Regionen mit sich bringen mussten.


    "Irgendwer hat sicher ein Kleidungsstück zu viel dabei, eine Ersatzhose oder dergleichen."


    Er bemerkte, dass ihm gegenüber Garlyn Hector unangemessen auf das Hinterteil starrte und fuchtelte ungehalten mit der Hand in Richtung der Tür.


    "SO vertraut sind wir nun auch wieder nicht, Hector, wir beabsichtigen eine seriöse Unterhaltung zu führen. Wenn du Geld benötigst, bekommst du welches, aber organisiere dir bitte etwas anzuziehen!"