Kapitel 6 - Ravis Hilferuf

  • Ravis Hilferuf

    Ravi blieb ruhig, bis sein Vorgesetzter und dessen neuer Assistent endlich im Wasser war. Er wartete noch einige Minuten, bis sie sich zum Schwimmen ein Stück von der Yacht entfernt hatte, dann startete er den Motor und gab Vollgas. Die Yacht beschleunigte so stark, dass ihr Bug sich trotz der gewaltigen Größe des Bootes ein Stück aus dem Wasser hob. Zu beiden Seiten stoben Wasserfontänen. Dass Crespo und Murger hilflos mitten auf dem eiskalten See zurückblieben, war mehr als ein Kollateralschaden. Würde den beiden vor Kälte oder Überanstrengung das Herz stehenbleiben, war das nur in seinem Interesse.


    Hektisch wählte er die Nummer des Hohen Gerichts von Naridien. Die direkte Durchwahl zu einem der Richter hatte er nicht, so wählte er die Nummer der Zentrale, um sich nicht der Reihe nach mit den Assistenten herumplagen zu müssen, die ihn aushorchten und dann vertrösteten. Er musste sofort einen Richter sprechen, der Zeit hatte!


    "Francebina hier, Assistent des zweiten Richters Yanko Crespo. Dies ist ein Notfall, ich muss einen Richter sprechen!"


    Welchter, das war ihm völlig gleich, so lange nicht Korpuuk selbst am anderen Ende der Leitung erschien. Das wiederum war unwahrscheinlich.

  • "Oberstes Gericht der Zehn - Geschäftsstelle Rechtsprechung, Sie sprechen mit Frederick Donnersow, guten Tag Herr Francebina. Der zuständige Haftrichter für außerterminliche Angelegenheiten ist diese Woche Herr Kuno Neda. Ich verbinde Sie, bleiben Sie bitte in der Leitung ", sagte der Verwaltungsbeamte völlig ruhig.


    Einen Moment später hörte Ravi nichts mehr, dann setzte eine angenehme, leise Meldodie ein. Er befand sich in der Warteschleife.


    "Kuno Neda", erklang die Stimme des neunten Richters des Obersten Gerichtes Naridiens.

  • Während der Wartemeolodie saß Ravi wie auf glühenden Kohlen. Auf die Scheiben des Cockpits prasselte das Wasser. Kuno Neda ... die Nummer neun. Na, immerhin.


    "Herr Neda, sie wurden von den Göttern ans Com geschickt", rief er. "Ravi Francebina hier. Ich benötige Hilfe. Seit gestern ist mein Vorgesetzter, Yanko Crespo, im Hohen Rat der zweite Richter. Ihm wurde auch ein neuer Assistent von Herrn Korpuuk zugewiesen. Sie ahnen, was das für mich bedeutet! Können Sie mir helfen?"

  • Ravi sah den 9. Richter Naridiens zwar nicht, aber er hörte wie sich dieser geradezu genüsslich in seinem dicken Ledersessel zurücklehnte. Vielleicht war es auch das Geräusch, das sein Haifischlächeln erzeugte. Er schwieg für den Bruchteil einer Sekunde geradezu genüsslich ehe er antwortete.


    "Ich weiß was das für Sie bedeutet und selbstverständlich kann ich Ihr Leben retten. Wo befinden Sie sich? Eine kurze Lageschilderung, dann dürfen Sie sich bereits als gerettet betrachten. Also wo befinden Sie sich und in welcher Lage?", hakte Kuno nach und zückte sein privates Handcom.


    "Ich höre".

  • "Auf dem Kratersee von Alessa, in einer goldenen Yacht! Crespo und sein Assistent sind gerade schwimmen, ich bin ihnen davongefahren."


    Ravi war klar, weshalb Kuno Neda frohlockte: Aus dem gleichen Grund, auf den Ravi spekuliert hatte, als er sich an einen Richter wand. Neda ging es mitnichten um seine Rettung, sondern um die Rettung des Wissens in seinem Kopf. Ravi wusste alles über Crespo, all die unangenehmen Dinge, welche diesem schaden und anderen Richtern nützen konnte. Er machte sich deshalb keine Illusion darüber, wie dieser Badeausflug für ihn ausgegangen wäre, jetzt, wo Crespo einen neuen Richter an seiner Seite hatte.


    "Bitte kommen Sie schnell", fügte er hinzu. Die Hand, die das Com hielt, zitterte.

  • "Fahren Sie weiter Richtung Ufer, aber bleiben Sie außerhalb des Sichtbereichs. Ich bin unterwegs. Sobald Sie mein Aero sehen, steigen Sie aufs Dach. Es ist eine alte Schrottmühle - der Hülle nach. Bis gleich", antwortete Neda und legte auf.


    Er stellte das Com auf sein persönliches Zweitcom um und verließ sofort das Büro. Erreichbar musste er bleiben im Büro nicht.

    "Ich bin für einige Stunden nicht im Büro Martino. Dienstcom ist auf mein Privatcom umgeleitet. Abwesenheitsnachricht anbei. Für dringende Notfälle haben Sie meine Nummer", erklärte Neda seinem Vorzimmerherrn.


    Mit den Worten war er aus seinem Büro samt Vorzimmer verschwunden. Kuno eilte aus dem Gerichtsgebäude, fuhr mit seinem Aero auf dem Luftweg schnellstmöglich zu seinem ehemaligen Anwaltskanzlei-Turm, indem nun sein Sohn residierte und stieg dort in sein altes Aero um. So eine Hetze war er nicht mehr gewöhnt, die letzte Zeit hatte er es zu gemütlich angehen lassen. Damit musste nun Schluss sein. Sein neuer Posten verlangte nicht nur einen messerscharfen Verstand, sondern auch solche Klauen und Zähne. Aber selbst der Panther mit den schärfsten Krallen erbeutete nichts, wenn er wie eine lahme Ente lief.


    Das alte Aero machte vielleicht optisch nicht viel her, aber es war robust und vor allem war es schnell.


    Kuno sprang in das alte Gefährt, fuhr die Triebwerke hoch und jagte damit hinaus in Richtung Kratersee. Sein privates Zweitcom hatte er bewusst in seinem schnittigen Aero liegen lassen. Niemand sollte zurückverfolgen, wohin er geflogen war. So hatte er seinen Sohn besucht. Aus dem gleichen Grund konnte er nicht von seinem Sonderwegerecht als Richter Gebrauch machen. Er musste nicht nur schnell sein um Ravi zu retten, sondern ebenso unauffällig.


    Die ganze Aktion erforderte Fingerspitzengefühl und so flog Kuno nicht nur am Rande der Geschwindigkeitsbegrenzung, sondern auch am Rande der Legalität so schnell zum Kratersee wie es der Flugverkehr über Alessa zuließ. Nach einer gefühlten Ewigkeit kam der See in Sicht. Ein Blick auf seinen 25.000 Taler Chrono an seinem Handgelenk verriet ihm, dass die ganze Aktion bis jetzt 17 Minuten gedauert hatte.


    So fußlahm war der alte Panther dann doch noch nicht. Das Aero schoss auf das Wasser hinaus und die Sonne brach sich auf einer Yacht, die Kuno ein angenehmes Ziehen im Schritt bescherte. Was für eine Schönheit, was für Prunk, was für eine Machtdemonstration! Ein Kleinod dass wie ein Goldnugget auf dem Wasser schwamm. Kunos Augen wurden bei dem Anblick noch ein Ticken dunkler als sie es schon waren.


    Er verringerte die Geschwindigkeit und ging langsam über der Yacht runter. Im Schwebeflug verharrte das alte Geschoss über der Yacht und die Kanzel öffnete sich.


    "Rein Ravi!", blaffte er gut gelaunt.



    Kunos altes Aero

    Link:

    https://www.minpic.de/i/bfsb/143lqw

  • Ravi hatte in der Zwischenzeit alles an sich genommen, was er für Wert erachtete, es zu entwenden. Mit seiner prallen Aktentasche kletterte er ins Aero zu Kuno Neda hinauf. Erschöpft von dem Stress und froh, mit heiler Haut davonzukommen, nahm er platz und schnallte sich an.


    "Ist dieses Aero bewaffnet?", fragte er und zeigte auf die zwei Köpfe auf der Mitte des Sees. Ihm selbst hatte Yanko seine Waffen weggeschlossen und die Codes geändert, ohne dass Ravi es rechtzeitig bemerkt hätte.

  • Kaum das Ravi im Aero saß, schloss sich die Kanzel und es kippte zur Seite weg. Kuno wollte direkt Distanz zwischen der Yacht und ihnen schaffen. Auf die Frage hin, ob sein Aero bewaffnet war, zog er nur minimal eine seiner Augenbrauen hoch. Ein Schmunzeln umspielte kurz seine Lippen. So kurz, dass Ravi es auch für eine Einbildung gehalten haben könnte.


    "Erschießung wäre Mord. Ersaufen ist ein Unfall", antwortete Kuno. Die Sonne schien ihnen ins Gesicht, aber die Augen von Kuno blieben so dunkel wie sie waren. Die kalten, finsteren Knopfaugen eines Hais, der gelernt hatte zu fliegen.


    Neda drehte mit dem Aero bei und schlagartig fühlte Francebina, wie er bei der Beschleunigung hart in den Sitz gepresst wurde. Die Optik strafte das alte Geschoss gewaltig Lügen.


    "Geiles Turbo...Loch nicht wahr?", grinste er zähnefletschend.

    "Francebina also. Der Assistent ist tot, lange lebe der Assistent. Bei mir wäre ein Job frei, für einen loyalen, wissenden Mitarbeiter. Interesse?", fragte er gespielt. Die Antwort war ihnen beiden klar.


    Als sie den See hinter sich gelassen hatten und unter ihnen sich die Landmasse von Naridien ausbreitete, drosselte Kuno das Tempo und fädelte sich in den Flugverkehr Alessas ein. Aus seiner Brusttasche zog er eine Packung Rauchstangen und hielt sie Ravi hin.


    "Nur zu. Wie kam es Deiner Entlassung mit Betonschuhen?", fragte er mit der Neugier eines Aasgeiers.

  • Ravi nahm eine Rauchstange und reichte im Gegenzug Neda ein Handcom.


    "Das Com von Yanko Crespo. Vielleicht kannst du es gebrauchen. Er hatte es zum Baden abgelegt." Ein zweites folgte. "Und das seines Assistenten Roman Murger. Ich wurde entlassen, weil der Oberste Richter, Herr Korpuuk, meinte, dass Yanko einen neuen Assistenten benötigen würde. Aber warum, vermag ich nicht zu sagen."


    Gierig sog Ravi den Rauch in die Lunge und pustete ihn durch die Nase wieder hinaus. Seine Finger zitterten und die obszöne Wortwahl von Kuno Neda ließ seine Nasenflügel beben.


    "Danke für die Rettung und das Jobangebot. Darf ich fragen, warum ein Richter ohne Assistent ist?", fragte er mit vorsichtiger Stimme.

  • Kuno nahm die beiden Coms fast andächtig entgegen und schaltete den Autopiloten ein. Dann zückte er ein weiteres Com und überspielte von beiden Mitbringseln sämtliche Daten auf sein Gerät.


    "Wissen ist Währung nicht wahr? Nun die Frage ist, wozu benötigt Korpuuk Crespo? Dafür benötigt er auch Murger. Du verstehst? Er hat damit beiden einen Direktposten verschafft, ob sie wollen oder nicht sie sind seine Männer. Sein persönlicher Schutzwall vor wem auch immer, der nach Macht streben wird.


    Hohenfelde ist in letzter Zeit ziemlich zahm, fast umgänglich laut Rasin unserem rakshanischen Plappermäulchen.

    Also wer ist so nah dran, dass er unangenehm werden könnte? Brechstein. Vermutlich möchte er Korpuuk mit einem Zahnpastalächeln in den Nexus pusten. Allerdings könnte auch jemand ganz anderes dahinter stecken und er freut sich gerade über meine Spekulationen Milan betreffend.


    Kazuho Miyauchi könnte ebenso dahinter stecken. Man kann im Gesicht dieses Mannes noch weniger lesen als in den Gesichtern aller anderen. Oder es ist Ruggiero Altizza, Richter Nummer Zehn der aussieht wie ein mittelmäßiger Saugroboterverkäufer mit Sprachstörung.


    Uns bleibt nur eines, wenn wir in diesem Spiel auf der Gewinnerseite stehen wollen Ravi, wir müssen an die passenden Infos kommen und zwar als Erste.


    Wieso ich keinen Assistenten habe? Wie kommst Du darauf dass ich keinen hätte?


    Aber was rede ich, Du hast Recht. Ich habe meinem Sohn meine Kanzlei überlassen und ich hatte mich bereits in den Ruhestand verabschiedet. Ich habe lange genug gearbeitet und hatte vor den Rest meines Leben schlicht meine Freizeit zu genießen. Ubbo und das Schicksal sahen es anders und ich muss gestehen, ich habe es vermisst mich im Haifischbecken der Gerichte zu tummeln. Also bin ich wieder aufgetaucht, allerdings ohne Assistentenanhang.


    Wesentlich länger als Crespo bin ich nicht dabei, nur bekam ich nicht so ein schmackhaftes Angebot. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Wer weiß, wer der nächste Oberste wird, nicht wahr? Für benötigen einen Informationshändler und ich weiß auch schon wen", lächelte Kuno freundlich.


    Er zückte einen winzigen Handspiegel schaute hinein und lächelte sich selbst an.

    "Und wie genau ich das weiß", lachte er leise, zwinkerte und ließ den Spiegel zuschnappen.