Kapitel 68 - Ein Herrenhaus und zwei Bücherwürmer

  • Ein Herrenhaus und zwei Bücherwürmer


    Frühling hatte die letzten Tage in der Luft gelegen, eine milde Brise kündete von wärmeren Tagen. Aber noch war der Winter nicht gewillt zu weichen, er hatte nicht vor sich so leicht vertreiben zu lassen. Kalt war es über Nacht geworden und die Temperaturen sanken unter den Gefierpunkt. Doch das störte die beiden Reisenden nicht. Mit guter Laune und einer Isolierkanne heißem Kaffee, sowie einem kleinen Vorrat an belegten Broten fuhren sie durch die frostige Landschaft Naridiens. Der bunte Roland bahnte sich seinen Weg mit konstanter Geschwindigkeit, die Heizung hatte den Innenraum auf angenehme wohlig Wärme hochgeheizt. Die Innenausstattung des Fahrzeugs war genauso farbenfroh wie spartanisch.



    Roland - Mittelklassefahrzeug

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    Sie verließen Alessa Richtung Süden und hielten geraume Zeit auf Falkenscheidt zu. Nach einer kleinen Rast und setzten die beiden Reisenden ihren Weg in östlicher Richtung fort. Sie passierten Kalthorst, Grünbachthal und fuhren in Richtung Wolfenwarth weiter. Ein kurzer wehmütiger Blick in Richtung Kalthorst, ließ bei beiden Reisenden die Erinnerung an die Kalthorster Buchmesse aufkommen. Sie erreichten Wolfenwarth nicht, sondern sie wandten sich erneut in südliche Richtung. Zu ihrer linken erhob sich im bleiernen, schweren Nebel Dals Rücken. Der Gebirgszug Naridiens reichte von Vellingrad bis hinab nach Nebreszko. Tapfer kämpfte sich der bunte Roland durch das diesige Wetter und die Fahrt ging noch langsamer voran. Aber das tat der Laune der beiden Reisenden keinen Abbruch.


    Der Sender N-Radio 1 - Erstes Naridisches Radio lief im Radio und lieferte ein gemischtes Programm, heute mit Ulrich Schocke. Die Wetterwarnungen wechselten mit der Musik, heute gab es alte Klassiker der letzten 30 Jahre. Nach einer längeren Fahrt bog der bunte Roland linker Hand ab und das Fahrzeug quälte sich ein Stück in das Gebirge hinein. Die Straße war alt, dass sah und spürten die Reisenden als sie über die Piste mit dem Roland hoppelten. Stück für Stück arbeitete sich das Fahrzeug in die Höhe. Die Straße wurde extrem schmal.


    Eine letzte Biegung und sie standen vor ihrem Ziel - dem Herrenhaus Laurenloff.


    Herrenhaus Laurenloff

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    Dorian und Richard blickten aus dem bunten Roland heraus auf das alte Herrenhaus. Ein Friedhof lag vor dem Haus, eine Prunktreppe führte hinauf zum Haus selbst. Das Haus selbst verfügte über zwei Türme und einer dieser Türme war scheinbar mit einer großen Uhr versehen. Allerdings wussten Dorian und Richard, dass es sich dabei nicht um eine Uhr handelte. Die vermeintliche Uhr war ein Shahlmun Mittrar - ein Essenzmeter, ein Seelenzähler. Einer von zweien, die noch auf Asamura existierten, der andere ältere stand auf Asa Karane.


    Richard stellte den Motor ab, lehnte sich gemütlich im Sitz zurück und betrachtete das große Gebäude.


    "Bereit die Bibliotheken zu erkunden?", fragte er gut gelaunt, nahm die Isolierkanne an sich und goss sich einen Becher Kaffee ein.

  • Dorian lehnte sich ebenfalls zurück, öffnete das Fenster und die kühle Abendluft fuhr ihm wohltuend ins Gesicht. Die Fahrt war lang gewesen und das gleichmäßige Schnurren des Motors hatte ihn müde gemacht, doch nun wollte er wieder munter werden.


    "Hast du für mich auch noch ein Käffchen übrig?", fragte er. "Wir sollten noch einen Happen essen, ehe wir das Anwesen Laurenloff erkunden. Ich frage mich, ob dies ein tatsächlicher Friedhof ist, der Tote beherbergt, oder ob das nur Gedenksteine sind."


    Entspannt blinzelte er in das Licht der Abendsonne, das hinter dem Anwesen glomm. Mit Richard rauszukommen aus dem Stress, der sich seit einem Jahr sein Leben nannte, hatte etwas Wohltuendes.

  • Richard stellte seinen Kaffee auf dem Amaturenbrett ab, zog einen weiteren Becher aus ihrer Provianttasche und goss Dorian einen Becher ein. Ebenso beförderte er Milch und Zucker zu Tage und zwei Brote. Kaffee, Zucker, Milch und ein Brot reichte er Dorian und machte sich selbst einen Moment später daran sein Brot auszupacken.


    "Selbstverständlich und bitteschön lass es Dir schmecken. Ob das ein echter Friedhof ist, kann ich Dir nicht sagen. Es ist gut möglich, dass dort nur Gedenksteine stehen. Ebenso ist es möglich, dass dort wirklich zig Laurenloffs liegen. Die Familie von Theodor hat eine eigene, sonderbare Weltsicht. Das würden vermutlich auch einige über uns sagen.


    Seine Familie verehrte die Leere, das Nichts in seiner Familiensprache Chuntarjar genannt Ferner verehrten sie die Uressenz und die sieben Essenzen, aus denen sich die Uressenz zusammensetzt. Die Lehre der Chuntarjar lautet folgendermaßen, wie mir Theo einst einmal erläuterte.


    Dem Weg zu folgen, bedeutet den Vorfahren zu folgen.

    Den Vorfahren zu folgen, bedeutet dem Blut zu folgen.

    Dem Blut zu folgen, bedeutet sich selbst zu folgen.

    Sich selbst zu folgen, bedeutet sich selbst zu überwinden.

    Sich selbst zu überwinden bedeutet, eins zu werden mit allen Sieben Essenzen.

    Chuntarjar, die Leere.

    Chuntarjar in der es keine festen Substanzen und keine unumstößlichen Realitäten gibt.

    Chuntarjar in der die sieben Essenzen Substanz und Realität formen.


    Nur aus dem Nichts heraus kann man etwas erschaffen. Erst existiert nichts, dann existiert etwas. Der Wille allen Seins, aller Dinge oder Dein eigener. Dort draußen wissen sie nichts mehr von der Seele der Welt, sie halten Magie für eine Wissenschaft, anstatt sie mit der eigenen Seele mit ihrer Suhanar zu fühlen. Allerdings ist dies ein zweischneidiges Schwert, Du siehst was Gefühle hinterlassen können, Chuntarjar. Die Leere - Anfang und Ende und Sein doch in Wahrheit Nichts.


    Chuntarjar ist meines Erachtens nach eine Weltanschauung, bei der eine vorfindbare Sinnhaftigkeit der Welt sowie eine objektive Erkenntnismöglichkeit und feststehende Wahrheiten verneint werden. Im Endeffekt erkennen sie weder gesellschaftliche Normen noch Moral an. Denn alles geht irgendwann wieder vom Sein ins Nichts über und das Nichts ist allmächtig. Es ist und war immerdar.


    Folglich muss man den Tod anderer nicht betrauern, sie gingen ins Nichts über, denn von dort kamen sie einst. Ebenso werteten sie Handlungen anders. Wäre man dem Feuer böse, wenn es einen verbrennt? Es tut was es tun muss, dies liegt in seiner Seele in seiner Essenz. Und sie vertrauten darauf, das alle Handlungen am Ende ebenfalls den Essenzen geschuldet sind. Ein Wigberg oder ein Hohenfelde ist so wie das Feuer, sie handeln wie es ihre Essenzen verlangen. Mag es gut oder schlecht sein, es ist unerheblich. Denn alle enden am Ende aller Zeit im Nichts, sogar die Zeit selbst.


    Es ist eine komplizierte Lehre und traurige Lehre, denn im Grunde sagt sie aus, dass gleich was Du tust, alles sinnlos ist. Das Ende ist das Nichts. Handele gut, oder schlecht, sein Freund oder Feind, das ist das Feuer Deiner Existenz. Aber erwarte nichts von anderen, denn am Ende ist alles gleichgültig.


    Theodor ist der Tod seiner Familie nicht gleich, er geht daran zu Grunde. Die innere Leere zerfrisst ihn förmlich, er ist krank vor Einsamkeit. Er versucht es mit der Lehre zu erklären und findet nichts. Grauenvoll und passend zugleich, merkt er nicht, dass er die Antworten besser woanders suchen sollte, als in dieser verworrenen und phlegmatischen Lehre.


    Zu etwas Schönerem. Theodor hat mich gebeten, die Bücher des Herrenhauses zu sichten und zu sichern, so dass das Wissen uns allen zur Verfügung gestellt wird. Allen voran Thabit. Wir haben also die Aufgabe, die Bibliotheken zu durchstöbern und die Bücher zu sichten. Wir dürfen uns im gesamten Haus frei bewegen und wir können uns gerne umschauen. Derart alte Gemäuer haben ihre eigenen Geschichten zu erzählen und ihre Geheimnisse zu hüten", antwortete Richard und biss in sein Käsebrot.

  • Dorian nahm reichlich Zucker und noch mehr Milch. Hell und süß liebte er seinen Kaffee, am besten noch mit Gebäck. Er trank die halbe Tasse leer, während Richard sein Käsebrot aß.


    "Chuntarjar, die Lehre von der Leere. Eine Ideologie von Depressiven, die nichts Besseres  im Dasein zu sehen vermögen, als die Vorstellung, dass alles Leid sich irgendwann buchstäblich in Nichts auflöst, gemeinsam mit ihnen selbst. Wer auch immer einst die Grundzüge definiert hat, verdammte damit seine Nachfahren damit zum gleichen Schicksal, das ihn selbst von innen her zerfraß und nur Leere zurückließ. Vielleicht war er so voll Gram, dass er sich genau dies wünschte?"

  • Richard nickte zustimmend und kaute den Bissen Brot erst einmal hinunter bevor er Dorian antwortete.


    "Vor allem verdammte er sie damit zum Untergang. Die Laurenloffs kämpften wie alle anderen um ihr Überleben Dorian, aber eine Niederlage akzeptierten sie genauso wie einen Sieg. Am Ende sollte es schließlich so sein, die Dinge fügen sich wie es geschehen soll. Denn es gibt kein Ende, denn es endet nichts, am Ende ist das Nichts. Manches davon klingt so paradox und auf erschreckende Weise so grau, dass ich mich vor einigen Jahren das Gleiche gefragt habe wie Du. War jener Mann, der diesen Weg schuf, derart voller Gram? Oder noch schlimmer, war er ernsthaft krank?


    Du kennst den Weg der Eibenbergs, oder der Hohenfelde und ebenso unseren Weg. Ich spreche allein von den Familieneigenen Wegen. Später einten sich unsere Familien zur Sippe, dennoch hat jeder einen Teil seines eigenen Weges behalten. Oder so mancher auch andere Wege übernommen. Aber gleich wie dunkel der Weg der Hohenfelde ist, wie berechnend der der Eibenbergs oder wie einsam oft der unsere, ich persönlich empfinde keiner der Wege war derart selbstzerstörerisch wie der, der Laurenloffs.


    Denn wo endet man selbst, wenn jede Handlung letztendlich bedeutungslos ist? Jede Norm? Jeder Wert? Und sogar man selbst? Wofür hat man gelebt? Was hat man geliebt? Oder hat man nicht schlichtweg nur existiert. Sie haben ihr eigenes Wissen gesammelt, sie hatten ein Haus wie unsere Familie auf der alten Welt Asa Karane. Aber Ihr Haus ist gefallen. Einige wenige haben überlebt und dieses Haus geschaffen, vor sehr langer Zeit. Es ist im Grunde die Konservierung von alle dem, was diese Familie fühlte. Sollte ich dies mit einem Wort beschreiben, fällt mir stets eines zu Theodor und seiner Familie ein. Schwermut.


    Schau aus dem Fenster Dorian und schau Dir die Grabsteine an. Sie tragen keine Inschriften. Als wollten sie sagen, ja hier lebten einst jene Laurenloffs. Aber selbst ihre Namen gingen ein ins Nichts. Drum ist hier nichts vermerkt. Eine Leere der absoluten Trostlosigkeit. Nimm die wahre Bedeutung des Wortes. Hier gibt es keinen Trost, denn es herrscht Trostlosigkeit. Wie kann Theodor erwarten an jenem Ort un in jener Lehre das zu finden was er benötigt? Er benötigt Trost, dass ist es was tatsächlich braucht. Ich bedauere dies, denn er ist im Grunde seines Herzen ein sehr anständiger Mann. Du verstehst ihn vermutlich noch besser als ich und ich bedauere diesen Umstand für Euch beide.


    Wir sind jedoch aus dem Grund hier, Wissen zu sammeln und aus all dem Grau, etwas Farbe zu bergen. Möglicherweise können wir davon etwas weitergeben. Wollen wir hineingehen?", fragte Richhard und nahm noch einen Bissen vom Brot.

  • Dorian nickte mitfühlend.


    "Hier fand Theodor - nichts. Es ist gut, dass er hier raus ist. Zwar hat er noch ein Stück seines Weges vor sich, ehe er seine eigene Leere mit Glück füllen kann, doch ich bin zuversichtlich, dass es ihm gelingt. Vielleicht mit ein wenig Hilfe, aber er ist doch ein sympathischer Mensch mit einem guten Beruf und ist ein adretter Anblick. Es gibt sicher ein Herz, welches für ihn schlagen würde, wenn er es nur ließe."


    Er schüttete seinen Kaffee ganz herunter, nahm sich seine Schnitte mit Eiersalat mit und stieg aus dem Wagen.


    "Ich bin sehr gespannt, was für Bücher und Geheimnisse wir hier finden. Hoffentlich nicht nur leere Seiten."

  • Entgegen seiner sonstigen Art und wohl seiner eigenen Erwartungen musste Richard über den letzten Kommentar von Dorian lachen. Es war eine warme, leicht raue, aber angenehme Lache. Vermutlich hatte er eine Ewigkeit nicht mehr derart von Herzen gelacht, wie gerade in diesem Moment. Richard benötigte einen Augenblick, bis er sich wieder gefangen hatte. Gut gelaunt schüttelte er den Kopf und tranke ebenfalls seinen Kaffee aus. Den Becher putzte er mit einem Taschentuch sauber und trocken und verstaute alles wieder im Proviantbeutel. Mit dem Beutel folgte er Dorian nach draußen, verschloss den Wagen und atmete genüsslich die kalte, klare Luft ein.


    "Vor vielen Jahren gab es einmal ein Herz, dass für ihn schlug. Aber weder seines, noch das Herz des anderen war es vergönnt zusammenzufinden. Dafür fanden sie etwas anderes, nicht minder wertvolles. Freundschaft. Hoffentlich ist er bei Tekuro mutiger, nur ein klein wenig würde schon ausreichen. Und Tekuro ist Tekuro, es spricht also nichts dagegen Dorian", antwortete Richard gut gelaunt und schulterte ihren Verpflegungsbeutel.


    Richard kramte in seiner Hosentasche und in seiner Jackentasche und beförderte einen großen, alten Schlüssel zutage. Mittlerweile hatte die Nacht Einzug gehalten und das Herrenhaus wirkte schlagartig anders, nicht nur aufgrund der Lichtverhältnisse und des Friedhofs. Schwarz, finster, ja fast bedrohlich. Aber das suspekte an dem ganzen Haus war, in einem einzigen Zimmer brannte Licht.


    Herrenhaus bei Nacht

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    "Unser Schlüssel zum Herrenhaus. Leere Bücher, dass wäre uns eine Lehre über die Lehre. Hoffen wir inständig, dass die Laurenloff keinen derartig schwarzen Humor haben. Aber der Einwand von Dir hat was, dass muss ich gestehen. Das Haus wartet und mit ihm seine Geheimnisse, geh bitte vorsichtig", sagte Richard und hakte Dorian unter.


    Gemeinsam liefen sie die beiden Reisenden den schmalen Weg nach oben, tasteten sich über die finsteren Stufen voran bis zur Haustür des gewaltigen Gebäudes. Der uralte Schlüssel fand seinen Weg ins Schloss. Knarzend und knirschend öffnete sich die alte, mächtige und massive Tür und gab den Weg preis in das Reich der Laurenloffs. Dorian und Richard betraten gemeinsam ihre Welt.

  • Dorian ließ sich von Richard einhaken. Er nickte, als dieser von der Vergangenheit von Theodor erzählte.


    "Es gab andere Wigbergs, die ähnliches durchleiden mussten, die wussten, dass nur ihre Persona geliebt wurde. Und weißt du was? Ich beneide diese. Ich hätte nie zulassen dürfen, dass jemand dem wahren Dorian so nahe kommt, wie es geschehen ist. Eine Persona kann man abstreifen, sich selbst jedoch nicht."


    Beim Gehen durch die aufziehende Dunkelheit blickte er hinauf zu dem einzigen beleuchteten Fenster.


    "Weißt du davon?", raunte er. "Es könnte eine bloße Abschreckungsmaßnahme gegenüber Dieben und Landstreichern sein, um vorzugeben, jemand wäre daheim."

  • Richard blieb stehen, als die schwere Tür sich hinter ihnen geschlossen hatte. Ihre wenigen Schritte hallten nur gedämpft wieder, sie liefen also auf einem Teppichboden. Richard befreite sich einen Moment von Dorian und tastete umher, bis er gefunden hatte was er suchte und zwar den Lichtschalter. Einen Augenblick später flammte flackernd die Beleuchtung in dem Eingangsbereich des Herrenhauses auf, ganz so als wäre das Haus aus seinem Schlaf erwacht.


    Zum ersten Mal Dorian und Richard, was für ein Haus sie betreten hatten. Sie standen auf einem schweren, dicken, blutroten Teppich der absolut gerade verlief und zu einer Prunktreppe führte. Der Teppich selbst zierte sogar die Treppe. Der Eingangsbereich in dem sie standen war mehr eine winzige Vorhalle, deren Boden mit hellem Mamor und dunklen Holz gestaltet war. Säulen säumten die Seiten der Halle und zwischen ihnen führten mehrere Türen ab.


    Neben der Prunktreppe auf die sie blickten, befanden sich zwei Durchgänge. Wohin diese führten, konnten sie von ihrem Standpunkt aus nicht erkennen. Die Prunktreppe selbst wurde ebenfalls von zwei Säulen eingefasst, aber entgegen der anderen waren diese Säulen weiß und wie der Boden aus Mamor.


    Dorian und Richard blickten auf die zweite Etage empor, die mit einem schweren, dunklen Holzgeländer gesichert war. Über alle dem hing ein großer Deckenleuchter, der die Szene sanft beleuchtete. An den Wänden hingen künstliche Kerzen, die zusätzliches Licht spendeten. Das gesamte Holz war mit Schnitzarbeiten und Ornamenten verziert. Die Decke hinter den Säulen vor den Türen waren mit Holz getäfelt, dadurch hatte der gesamte Eingangsbereich etwas Wertiges und Erhabenes, aber es wirkte auch seltsam düster. Richards Blick wurde von einer Arashivase angezogen, die auf der linken Seite neben der Treppe stand.


    Dieser Bereich war das erste was Gäste zu sehen bekamen und für den ersten Eindruck gab es keine zweite Chance. Man zeigte Prunk, man zeigte aber auch auf subtile Weise, wer hier wohnte und mit wem man sich möglicherweise anlegen würden. Jedes Mitglied der alten Häuser wusste, in derartigen Herrenhäusern galten ganz eigene Regeln. In dem der Laurenloffs schien es nicht anders zu sein.


    Eingangsbereich

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    Richard löste seinen Blick von der Vase, den wundervollen Holzarbeiten und den vielen Kleinigkeiten die er überall entdeckte und am liebsten abgezeichnet hätte um sie für immer festzuhalten. Er wandte sich Dorian zu und schmunzelte wehmütig.


    "Man wünscht sich stets dass, was man nicht hat Dorian. Du hättest Dir gewünscht nur als Persona geliebt zu werden und Dein wahres Ich zu verhüllen. Ich hätte mir gewünscht, dass mich einmal eine Person um meiner selbst Willen liebt. Aber dies geschah nicht, mit Ablegen der Persona hätte ich auch die Liebe verloren. Wobei hätte rein hypothetisch gesprochen ist, ich habe sie niemals besessen.


    Soweit Theo sagte kümmern sich Bedienstete in gewissen Abständen um das Haus, halten es nicht Schuss und in Ordnung. Als ich fragte, ob er keine Angst hätte, dass man ihm das Haus ausräumt hat er nur gelacht. Niemand raubt dieses Haus aus, dass waren seine Worte. Entweder haben sie hier einen Sicherheitsdienst, oder jemand... etwas anderes sorgt hier für die Sicherheit. Es könnte einer der Bediensteten sein oder was auch immer hier wachen soll. Verraten hat er es mir nicht, er sagte nur, wir müssen uns im Haus nicht fürchten, denn wir haben den Schlüssel. Und hier ist er", sagte Richard und zeigte Dorian zur Beruhigung noch einmal den Schlüssel des Herrenhauses.


    Schlüssel

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    Richard schaute den Schlüssel selbst noch einmal genau an und musste verlegen schmunzeln.

    "Frage mich jetzt bitte nicht, weshalb ich den Schlüssel in der Hosentasche gesucht habe. Hier nimm Du ihn. Was erkunden wir zuerst, ich schlage vor wir gehen erst einmal nach oben", sagte er freundlich.

  • Dorian zog amüsiert die Brauen nach oben beim Anblick des Schlüssels vom Ausmaß eines Totschlägers.


    "Ohne Hosenträger könnte dieser Schlüssel zu einer peinlichen Situation führen, wenn du ihn in eine Hosentasche schiebst."


    Dorian wandte den Blick wieder nach oben. Neben der Prunktreppe führten rechts und links weitere Gänge in die Tiefen des Herrenhauses.


    "Schauen wir zuerst nach, woher das Licht kommt. Dazu müssen wir hinauf. Hat Theodor dir eine Beschreibung oder einen Plan mitgegeben oder nur den Schlüssel? Gibt es verbotene Kammern?"

  • Richard wurde bei Dorians Kommentar rot wie eine Fleischtomate und räusperte sich.


    "Das mit dem Schlüssel ist ja zum Glück nicht in die Hose gegangen, wortwörtlich. Wir dürfen uns im ganzen Haus frei bewegen, dass hat Theo gesagt. Es gibt also keine verbotenen Kammern oder Orte. Unser Gastgeber hat mir sogar zwei Karten mitgegeben, wobei ich mich frage, ob sie uns nützen werden. Du kennst Theo leider noch nicht so gut wie ich. Sagt Dir Rakshor etwas? Dieser Gott würde an Theos Lageplänen verzweifeln. Zum Glück hat er nicht die Markierungen der Rettungswege angebracht. Wohin es immer die Leute verschlagen würde, ich kann es Dir nicht sagen. Aber laut der Lehre der Leere, wäre dass letztendlich auch gleich, es kommt alles dahin wo es hin soll und wenn nicht verschwindet es eh im Nichts.


    Hier sind die Pläne, vielleicht kannst Du damit etwas anfangen. Er hat mir sogar hilfreiche Zeichen hineingemalt. Er meint es gut, aber geschriebene Hinweise wäre mir lieber gewesen. Allerdings wer bin ich diesen Mann zu kritisieren der uns seine gesamte Bibliothek schenkt und uns hier frei stöbern lässt? So ist Theo eben, man muss sich nur etwas auf seine Art einlassen in der Hoffnung etwas von den Plänen zu erfassen", schmunzelte Richard und reichte sie Dorian.


    Karte 01

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    Karte 02

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    "Auf der ersten Karte erkenne ich im Raum ganz außen Rechts eine Katze und etwas tiefer noch eine, der Raum ist wie ein umgedrehtes L. Gritzrar? Weiter nach links in den kommenden Raum sieht es aus wie ein Gewehr. Dann Treppen die in ein S münden. Weiter geht es zu einem Doppelraum in dem scheinbar Vögel fliegen. Folgen wir der zweiten Katze, kommen wir zu einem Typen der den Zopf nach vorne trägt. Das müsste alles rechts von uns liegen.


    Links von uns folgt ein großer Raum, möglicherweise ein Speisesaal. Geht man aus dem Speisesaal scheint da irgendwer zu liegen. Das sieht aus wie eines dieser Tatortbilder. Möglicherweise ist dort auch einer der Verwandten gegangen und es heißt deshalb das Zimmer des toten August oder so. Genau gegenüber des vermeintlichen Speisezimmers scheint es in einem Raum eine seltsame Mütze zu geben. Hinter der Mütze scheint es eine extrem große Spinne zu geben, oder eine Sonne. Neben der Sonne scheint das Zimmer einer Person zu liegen, der gerne sang. Jedenfalls sieht es so aus. Und noch ein Stück weiter, ganz links außen in dem Zimmer über dem Flur scheint es wieder ein Gewehr zu geben.


    Aber alle meine Deutungen sind ohne Gewähr. Was liest Du daraus?", fragte Richard neugierig.

  • Dorian schmunzelte, als Richards Gesicht sich rötete.


    "Ist das eigentlich deine Naturröte oder färbst du dich absichtlich? Viele Wigbergs können spontan ihre Gesichtsfarbe wechseln. Je nach Erforderlichkeit erbleichen sie wie unter Schock oder werden krebsrot. Auch den Schweiß können sie absichtlich auf die Stirn treten lassen oder vermögen es, spontan in Tränen auszubrechen."


    Er schaute in die handgezeichneten Pläne - und verzweifelte.


    "Er hätte die Pläne beschriften sollen", stöhnte Dorian. "Hast du Theos Nummer, so dass wir ihn im Notfall anrufen können? Ich kann mich nicht entscheiden, zuerst den Tatort aufzusuchen oder den Typen mit dem Zopf an der Stirn ... gut, gehen wir zuerst zum Tatort. Also links."

  • Richard schaute Dorian perplex an.


    "Nein ich färbe mich nicht absichtlich, mir war das peinlich. Normalerweise sind mir derartige Wortspiele fremder Personen gleich. Aber Du bist kein Fremder also unterwandern die Worte meine Abwehr. Ich könnte Dich Retour fragen, ob es Dir Spaß macht, mich erröten zu sehen. Die Farbe bewusst wechseln, nun ich könnte mich mit einiger Anstrengung wieder weiß färben kurzum das Gefühl herunterkämpfen. Du kannst ganz schön hartnäckig sein.


    Meine Rede Dorian, er hätte die Pläne beschriften sollen. Aber der gute Theodor meint, das Bilder einprägsamer sind und auch weniger Platz kosten. Das ist in einigen Bereichen durchaus der Fall, hier allerdings nicht, wenn wir seine Zeichnungen nicht deuten können. Der Tatort oder der Mann mit Zopf auf der Stirn? Ich würde sagen, lass uns zuerst nach dem Tatort schauen. Ich hoffe für Theodor, dass dort kein frischer Leichnam liegt, den er nur der Freundlichkeit halber eingezeichnet hat.


    Ja ich habe Theos Nummer, allerdings muss ich gestehen habe ich mich auf den Ausflug gefreut. Und wie bei jeder Lesestunde, habe ich kein Com dabei. Ebenso nehme ich keines zur Buchmesse nach Kalthorst mit. Dass ist meine Zeit und ich bin davon ausgegangen, dass wir hier unsere eigene Buchmesse erleben werden. Stöbern, lesen, sortieren und das alles in wunderbarer Ruhe. Hast Du ein Com dabei?", fragte Richard hoffnungsvoll.

  • "Habe ich, aber vorhin musste ich feststellen, dass der Akku leer ist. Wir werden also ohne auskommen müssen." Er schmunzelte Richard erneut an. "Ja, ich sehe dich gern erröten."


    Er hakte sich wieder beim ihm unter und machte sich auf nach links, um zu schauen, wofür der menschliche Umriss stand. Ihre Schritte hallten in dem Herrenhaus und ließen die beiden Besucher sehr verloren wirken.

  • "Com Zuhause gelassen und Du hast einen leeren Akku, nun Bücherwürmer unter sich. Du siehst mich gerne erröten? Warum siehst Du mich gerne rot? Das alleine wäre schon wieder ein Grund anzulaufen, nein, nicht dran denken. Ich denke jetzt an was anderes", sagte Richard und schnappte sich einen von Theo verworrenen Plänen, um diesen scheinbar zu studieren. Im Grunde versteckte er nur kurz sein Gesichter dahinter.


    "Katzen, Gewehre, Typen mit Zöpfen auf der Stirn, singende Burschen und riesige Spinnen. Wenn jemand fragt, wieso kein Schlachtplan eines Laurenloffs je funktioniert hat, der muss nur diesen Lageplan deuten", murmelte Richard und kicherte leise.

  • Ihre Schritte hallten in dem alten Haus wieder und ihre Stimmen wirkten unnatürlich laut.


    "Ich sehe dich gern erröten, weil ich es lustig und auch ein bisschen niedlich finde. Dass Haus Laurenloff nur noch aus einem einzigen Man besteht ist wirklich kein Wunder bei solchen Plänen."


    Sie bewegten sich auf die Tür linker Hand der Treppe zu.

  • Richard kramte in seinem Verpflegungsbeutel und drückte Dorian eine Stabtaschenlampe in die Hand.


    "Niedlich? Ich wurde schon einiges genannt und an der Rezeption habe ich vermutlich schon jedes Schimpfwort an den Kopf geworfen bekommen, dass es gibt. Aber das mich einer niedlich findet, ist mir neu. Danke. Ich hoffe ich werde jetzt nicht schon wieder rot. So hier ehe Du mich noch weiterhin in Verlegenheit bringst, dass ein alter Mann nachher noch den Rest seines Lebens feuerrot bleibt, nimm die Taschenlampe an Dich. Das dient rein zur Sicherheit, wir wissen nicht wie alt und zuverlässig die Leitungen sind.


    Theodor malt nicht nur Pläne auf diese chaotische Art und Weise, aber das könnte Dir wohl besser Valerian erklären oder noch besser Tekuro. Am besten vermute ich könnte es wohl der ehemalige Duc Aleron de Souvagne beschreiben. Nach ausführlicher Hilfe von Theodor von Laurenloff war er noch noch ein Haufen atmendes Mett mit Augen und ein Ältester wurde auch freigelassen. Woher dieser Mann auch immer gekommen ist. Das weiß vermutlich allein Theodor, wobei ich befürchte, er weiß es nicht einmal.


    In diesem Raum müsste die Mütze liegen richtig? Ja das ist der Mützenraum", bestätigte Richard sich selbst und nickte weise.

  • "Die Geschmäcker sind zum Glück verschieden, sonst würden sich alle auf ein und denselben Menschen stürzen und ihn zwischen sich zerquetschen, anschließend würde die Menschheit aussterben."


    Dorian testete im Gehen, ob die Taschenlampe funktionierte. Bei ihrem Glück würde es ihn nicht wundern, wenn die Akkus alle wären oder ein technischer Defekt verhinderte, dass sie im Notfall Licht hatten.


    "Den Mützenraum wollten wir als Zweites besuchen. Zuerst den Raum mit dem eingezeichneten Umriss. Oder haben wir uns auf den paar Metern schon verlaufen dank Theodors Zeichenkünsten?", fragte Dorian mit einem Anflug von Hysterie in der Stimme.

  • Richard schaute nochmal auf den Plan und nickte zustimmend, während die Taschenlampe in Dorians Hand zuverlässig leuchtete.


    "Absolut korrekt, ich habe mich schon aufgrund des Plans geirrt. Also langsam, wir gehen direkt durch die erste Tür auf der linken Seite. Den Raum durchqueren wir bis zur Tür auf der rechten Seite. Diese wird uns in den Flur führen, wo der Umriss eingezeichnet ist. Damit hast Du wohl Recht, Geschmäcker sind verschieden. Und wie ist Deiner?", schmunzelte Richard und hakte Dorian sicherheitshalber wieder ein. Die Taschlampe war ihre einzige Waffe. Seltsamerweise kam sie ihm irgendwie recht klein vor.


    "Nur zur Information, ich bin nicht bewaffnet, bist Du bewaffnet?", hakte Richard vorsorglich nach und betrat gemeinsam mit Dorian das erste Zimmer. Die Doppeltür ächzte wie ein Lebewesen mit grauenvollen Schmerzen. Richard ging weiter und suchte nach dem Lichtschalter. Kaum flackerte die Beleuchtung auf, sahen die beiden, dass sie einen alten Speisesaal betreten hatten.


    Speisesaal

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    "Der Tisch verdient wirklich die Bezeichnung Tafel", sagte Richard mit der Neugier eines Entdeckers und betrachtete das gewaltige Möbelstück.

  • "Ich bin auch nicht bewaffnet", stellte Dorian fest. Ein Gefühl der Hilflosigkeit überkam ihn. Wenn sie beide planten, ein unheimliches Herrenhaus zu besuchen, wählten sie sich nicht nur zielsicher die ungünstigste Tageszeit aus - mitten in der Nacht - sondern brachten auch nichts mit als ein paar Butterbrote und eine Taschenlampe.


    Mit der Hand, die nicht eingehakt war, strich Dorian im Vorbeigehen über die lange Holztafel. "Hier könnte eine Großfamilie dinieren samt Hausstand. Mein Geschmack?" Er überlegte kurz. "Ich fürchte, er ist grauenvoll, wenn ich an Hilarius zurückdenke! Und deiner?"