Kapitel 76 - Zwei Wiggis allein im Herrenhaus

  • Zwei Wiggis allein im Herrenhaus

    Nachdem Theodor und Tekuro wieder abgereist waren, kehrte erneut Stille im Herrenhaus ein. Mit der Dunkelheit schien das alte Gemäuer zum Leben zu erwachen. Das Gebälk knarrte, der Wind rüttelte an den Fensterläden und Äste kratzten an den Scheiben. Vereinzelt klatschten Regentropfen gegen das Glas. Es fühlte sich an, als ob das erste Frühlingsgewitter bevorstand. Die beste Stimmung, um es sich mit einem guten Buch vor dem Kamin gemütlich zu machen!


    Dorian heizte ihn richtig schön warm an und legte eine Kuscheldecke bereit. Auf dem Tisch dampfte eine Kanne mit heißem Früchtetee mit Nelken und Zimt, dunkel und aromatisch wie Rotwein, nur frei von Alkohol. Als alles gemütlich war, schenkte er zwei Tassen ein und rief nach Richard.


    "Möchtest du deinen Tee mit oder ohne Honig? Du kannst es dir schon einmal gemütlich machen. Welches Buch?"

  • Richard gesellte sich gut gelaunt zu Dorian und schaute sich um. Dorian hatte sich alle Mühe gegeben, es ihnen gemütlich zu machen. Im Kamin prasselte ein warmes Feuer, Tee stand dampfend auf dem Tisch und eine Kuscheldecke war bereit gelegt. Richard nickte anerkennend, hob aber dann einen Zeigefinger, damit Dorian ihm einen Moment Geduld schenkte. Die Geste hatte er bewusst von Bruno immitiert, da es bei dem Kamsor recht lustig wirkte.


    "Das sieht wunderbar aus Dorian, absolut gemütlich. Passend dazu habe ich noch etwas für Dich, ich hole es kurz. Einen kleinen Augenblick bitte. Meinen Tee nehme ich gerne mit Honig. Die Bücherwahl überlasse ich Dir. Oh weißt Du was auch interessant ist, falls Du Interesse daran hast? Wir könnten gemeinsam ein gleiches Buch lesen und dann unsere Interpretation davon vergleichen. Manche anderen Rückschlüsse sind hochinteressant und beflügeln die eigene Sicht. Ich bin sofort wieder bei Dir", sagte Richard und verschwand wieder im Herrenhaus.


    Dorian musste nicht lange warten, dann kehrte Richard zurück und drückte ihm etwas in die Arme.


    "Die ist für Dich, ich hoffe sie gefällt Dir", erklärte Richard mit einem Lächeln und machte es sich dann vor dem Kamin gemütlich. Draußen heulte der Sturm auf und ein Unwetter brach los. Blitze zerrissen den Himmel und es krachte ohrenbetäubend, während sie es sich vor dem Kamin gemütlich gemacht hatten.


    Dorians Geschenk

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  • Dorian rührte einen großzügigen Löffel Honig in Richards Tasse. Während Richard noch einmal verschwand, fuhr er mit dem Finger am Bücherregal entlang, während er die Titel las. Mit ihm Diskutieren wollte Richard. Das war ganz nach Dorians Geschmack.


    Sein Finger verharrte kurz am Titel Über den Ackerbau von Taco dem Alten. Es war das älteste überlieferte Prosawerk in asameischer Sprache, das etwa im Jahr 150 vor der Asche verfasst worden war. Kein Lehrwerk der Landwirtschaft, sondern vielmehr ein Erfahrungsbericht des Autors, verpackt in eine nach Dorians Ansicht äußerst spannende Geschichte. Taco entwickelte darin die frühesten Rentalibitätsprinzipien in Abhängigkeit von der Bodenbeschaffenheit.


    Dann aber fuhr Dorians Finger weiter zu R wie Romain de Remuer ...


    Mit einem verschmitzten Grinsen schlüpfte er auf das Sofa, wobei der das Buch so aufschlug, dass Richard den Titel nicht lesen konnte. Als Richard zurückkehrte, war der kleine Scherz jedoch vergessen, als Dorian sein Geschenk empfing.


    "Was für eine wunderschöne Decke! Sie passt sogar zu meinem Schal! Hast du in letzter Zeit noch etwas anderes getan, als gehäkelt und gestrickt?"


    Er schubste die andere Decke beiseite und zog die Neue über sich. Er hielt einladend eine Seite auf, damit Richard sich dazugesellen konnte. Das Buch ruhte noch immer auf Dorians dickem Bauch.

  • Richard nahm die Einladung unter die Decke gerne an und gesellte sich zu Dorian. Glücklich setzte er sich neben ihn und nahm seine Teetasse in beide Hände. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss die Wärme und den Duft, ehe er den ersten Schluck nahm. Süß und vollmundig, so schmeckte der Tee. Richard ließ sich ein wenig heruntersinken und betrachtete Dorian schmunzelnd.


    "Natürlich passt die Decke zu Deinem Schal, beides ist auf einander abgestimmt und für Dich. Ob ich in letzter Zeit etwas anderes getan habe als gehäkelt oder gestrickt? Nein, warum sollte ich?", lachte Richard leise und nahm noch einen Schluck Tee.


    Es es gibt kaum etwas Entspannenderes als die gleichmäßigen Bewegungen der Häkel- oder Stricknadeln. Beim Stricken kommt noch das Geräusch hinzu. Gemütlich auf dem Sofa sitzen, einen guten Tee in der Tasse oder warme Honigmilch. Dazu ein paar selbstgebackene Vanillekekse und Stille. Das ist wie innere Einkehr, ich bin mit mir und der Welt im Einklang und fühle mich rundum wohl. Andere würden meine Freizeitbeschäftigung vielleicht als langweilig empfinden, sollen sie doch. Ich benötige keine Hektik, ich muss niemanden erzählen wo ich am Wochenende schon wieder gewesen bin. Sie beeindrucken Leute, die sie nicht leiden können. So ist es doch meist. All das zählt für mich nicht, ich möchte mich einfach wohlfühlen und dazu benötige ich Bücher, Wolle, Strick- und Häkelnadeln, Tee, Milch und Kekse. Angenehme Gesellschaft dabei ist jederzeit und gerne willkommen.


    Wo wir von Gesellschaft sprechen Dorian, ich möchte Dich etwas fragen. Du hast mich sehr vehement vor Tekuro verteidigt, möchtest Du mir verraten weshalb? Ich meine nicht den offensichtlichen Grund, sondern jenen den Du Dir nicht anmerken lässt. Du hast den Tee sehr gut gesüßt", antwortete Richard und rutschte ein Stück näher zu Dorian auf.

  • Dorian hatte von seinem eigenen Tee etwa ein Drittel getrunken und die Tasse dann auf dem Tisch in Griffreichweite stehen lassen, damit er nicht versehentlich Tee über das Buch goss. Als Richard dicht neben ihn rutschte, deckte Dorian ihn sorgfältig zu, so dass sie es beide warm hatten. Auf die Frage hin schwieg er verlegen. Er schämte sich plötzlich, dass er ausgerechnet dieses unanständige Machwerk herausgesucht hatte, um mit Richard ein wenig lachen zu können.


    "Ist das nicht offensichtlich?", fragte er leise.

  • Richard rutschte noch ein Stück näher zu Dorian auf und zog die Decke fester um sie beide. Auch er stellte seinen Tee zur Seite und schaute Dorian an. Mit einem Finger hob er sachte Dorians Kopf an, indem er ihn unter dessen Kinn legte.


    "Bei einer derart wichtigen Antwort Dorian, möchte ich nichts dem geringsten Zweifel überlassen. Aus diesem Grund frage ich Dich. Manches muss man aussprechen, sogar wir. Manches sagen wir versteckt, mit Schutz, mit einem Schal oder einer wärmenden Decke. Bitte antworte", sagte Richard leise und betrachtete Dorian innig.

  • Dorian legte das Buch auf dem Tisch ab. Seinen Hut legte er dazu. Dann rollte er sich auf die Seite, sodass er Richard ansehen konnte. Er suchte in dessen Gesicht, doch wusste zeitgleich, dass es ein aussichtsloses Unterfangen war. Er würde nur das lesen, von dem Richard wollte, dass er es las. Nicht einmal ein Wigberg konnte einen Wigberg auslesen.


    "Weil ich nicht wollte, dass er dich auf diese Weise berührt."

  • Richard legte sich ebenfalls auf die Seite und schob beide Hände als Kopfkissen unter seine Wange. Sein Lächeln war liebevoll und aufrichtig als er Dorian noch eingehender betrachtete.


    "Wir sind unter uns und Du hast keinen Grund Dich vor mir zu fürchten Dorian. Nicht den geringsten Grund. Also bitte antworte mir. Du wolltest nicht dass er mich so berührt. Du hast mich verteidigt, wohlwissend wie das für Dich hätte ausgehen können. Sprich es aus", bat Richard ganz leise und zog ihnen die Decke bis zum Hals hoch.

  • "Ich fürchte mich nicht vor dir, Richard. Aber du weißt, was ich alles verloren habe. Will ich das noch mal verlieren? Das ist eine Frage, mit der ich mich seit einigen Tagen plage. Ich trage sie wie einen schweren Rucksack mit mir."


    Wie viel wollte er sagen? Oder war das schon zu viel?


    "Ich habe versucht, mich an dem zu freuen, was ich habe. Und scheinbar war selbst das zu viel verlangt. Wer hoch fliegt, der fällt tief. Mein Glück waren mein Antiquariat und meine Familie. Dass ich unsere Vernichtung überlebt habe, ist ein kleines Wunder. Ich versuchte, Hilarius, der mich aufnahm, keinen Ärger zu bereiten. Ich schluckte seine Lügen bis hin zu dem Punkt, an dem sie mich und ihn ebenso fast umgebracht hätten. Erst da merkte ich, dass selbst mein Wunsch nach Liebe schon zu viel verlangt gewesen war, selbst wenn sie an keinerlei Bedigungen geknüpft war.


    Wie weit soll ich meine Ansprüche noch herunterschrauben, ohne dass es in einer Katastrophe endet? Ich möchte dich nicht auch noch verlieren, Richard, oder noch schlimmer, dass dir etwas geschieht."

  • Richard nahm Dorian in die Arme, denn einfach nur neben ihm zu liegen, während dieser ihm seine Seele und sein Herz offenbarte war ihm nicht möglich.


    "Niemand weiß dies so gut wie ich Dorian. Ich habe gesehen, was von Dir übrig geblieben ist. Eine kleine, zerbrochene Seele, die ziellos auf dem Ozean des Lebens getrieben ist. Ohne Ziel, ohne Halt, ohne Mannschaft oder Anker - verloren und nur noch ein Scherbenhaufen von dem Mann, der Du einst gewesen bist.


    Deine Frage ist berechtigt Dorian, möchtest Du all das noch einmal verlieren? Ich frage Dich im Gegenzug, was ist denn "all das" was Du besessen hast? Diese Frage beziehe ich auf Deine Beziehung mit Hilarius. Du hast seine Lügen geschluckt, bis es für Euch beide fast fatal geendet hätte. Dorian ich bin nicht Hilarius und "all das" wirst Du bei mir nicht bekommen, also kannst Du es auch nicht verlieren.


    Wie ich denke, fühle und handele hast Du die ganze Zeit über miterlebt. Du liegst mir sehr am Herzen. Für andere mag ich ein seltsamer Mann sein, prüde, langweilig, ja vielleicht sogar verschroben. Aber weißt Du, lass es ruhig stimmen. Dann bin ich eben ein langweiliger, prüder, verschrobener Bücherwurm, der gerne strickt. Aber ich bin ich und das mit Herzblut. Anstatt Dich zu belügen, habe ich mich Dir offenbart.


    Hilarius hat völlig andere Wertevorstellungen als wir beide, er hat eine andere Weltsicht und er hat zwischen uns beiden nichts verloren Dorian. Hier geht es nur um Dich und mich. Hilarius ist für Dich schmerzliche Vergangenheit. Ich möchte für Dich weder schmerzlich, noch Vergangenheit sein, sondern ich erhoffe mir eine gemeinsame Zukunft.


    Wir beide teilen so viel Dorian, dass es mir manchmal schlicht den Atem vor Freude raubt. Deine Familie kann ich Dir nicht zurückgeben oder sie ersetzen. Aber ich kann Dir ein Ehemann sein, einer der die Bezeichnung verdient. Ebenso würdest Du die Bezeichnung Ehemann verdienen. Du hast mir in einer für Dich ausweglosen Situation beigestanden. Du hast sofort verstanden, wie ich mich fühle, ganz ohne eine einzige Erklärung von mir. Nirgends sonst habe ich das gefunden.


    Du sollst Deine Ansprüche nicht herunter schrauben, sondern wir beide sollten unsere gemeinsamen Ansprüche voll ausleben. Schau Dich um, wir sind hier, wir genießen die gemeinsame Zeit und uns. Ich wüsste niemanden mit dem wir beide das besser könnten, als mit uns. Und den Schal wie auch die Decke kamen von Herzen. Ein Schal ist eine weiche, warme und tragbare Umarmung Dorian. Und ich möchte Dich gerne in den Armen halten", antwortete Richard liebevoll.

  • Dorian schwieg, während Richard ihm seine Sicht erklärte. Er musste zugeben, dass Richard in vielen Dingen recht hatte. Zum einen hatte Hilarius nichts mehr in den Gedanken von Dorian verloren. Er sollte aufhören, irgendjemanden mit seinem ehemaligen Mann zu vergleichen. Diese Zeit war vorbei und es stimmte - Richard war eine eigenständige, noch dazu völlig andere Person.


    "Du bist nicht verschroben, Richard ... nicht langweilig, nicht prüde. Du bist nur eines: so wunderbar normal, dass ich dich am liebsten den ganzen Tag umarmen möchte. Ich liebe es, wenn du sprichst, deine einfühlsamen und klugen Gedanken, die Art, wie du die Welt siehst, deine Sicht auf eine Partnerschaft, das alles bringt mich dazu, die ganze Zeit gedanklich zu schreien: Ja, genau so ist es! Es gibt keine Diskussionen, kein Aushandeln persönlicher Grenzen, es fügt sich alles ganz selbstverständlich."


    Und doch verspürte Dorian große Furcht.


    "Ich frage nicht, ob du es ernst meinst, mein Ehemann zu sein ... wo wir ja noch nicht mal die Vorstufe haben ... weil ich weiß, dass du jedes Wort so sagst wie du meinst. Ich möchte so gern Ja sagen, Richard. Von Herzen."


    Er grub sich durch das Bettzeug, unter der handgehäkelten Decke, tiefer an Richard heran, um ihn ganz nah zu spüren.


    "Und ich sage es auch. Ja, Richard. Bitte sei mein Mann."

  • Richard nahm Dorian fest in die Arme und drückte ihn an sich.


    "Dorian schau doch hin wie wir hier gemeinsam leben. Das ist unsere Vorstufe, dass spürst Du doch. Hier bist Du aufgeblüht, konntest Dich wieder entfalten. Wir leben hier, wir genießen jeden Moment den wir gemeinsam in diesem gewaltigen Haus haben. Selbst mit Bruno an unserer Seite, ist das unser Haus und unsere Zeit. Um zu wissen, ob Du jemanden liebst Dorian, musst Du vorher keinen Sex mit ihm gehabt haben. Wir sprechen von Gefühl, davon sich seelisch zu gleichen, einander zu ergänzen und gemeinsam mehr zu sein als jene Person, die wir alleine sind. Du hast hier alles so gemütlich und innig für unsere Lesestunde vorbereitet. Warmes Feuer, weiche Decken, süßer Tee und Bücher die nur darauf warten gelesen zu werden. Du weißt genau, wonach sich meine Seele sehnt. Du hast die Nähe geschaffen, die Du mir gönnst und Dir selbst wünscht.


    Ich würde niemals bei so einem tiefen Thema scherzen. Generell bin ich kein Mann der mit Gefühlen spielt, oder darüber scherzt. Man lacht gemeinsam, aber niemals über den anderen. Wir leben, lesen, lachen und lieben hier gemeinsam. Wie rund muss es denn noch werden, bevor Du siehst, dass wir schon so viel haben? Körperliche Nähe haben wir auch schon geteilt und auch da haben wir einander verstanden. Du wirst sehen, der Rest fügt sich von ganz allein.


    Natürlich werden wir nicht in allem übereinstimmen. Aber das ist genau dass, was worüber wir dann diskutieren können. Sagen wir die unterschiedliche Sichtweise auf ein Buch. Oder unsere Hobbys. Selbst wenn Du niemals Häkeln wollen würdest, so würdest Du mein Hobby achten. Du tust es jetzt schon. So verhält es sich auch mit mir. Deine Dinge und Interessen sind mir wichtig, denn Du bist mir wichtig.


    Es hat mir so weh getan, Dich derart am Boden zu sehen. Am liebsten würde ich dieses Haus behalten Dorian, es scheint Dir gut zu tun. Fernab der Welt, ein kleiner Ort auf der Nähe und sonst hat es alles was wir brauchen.


    Deine Worte sind das Schönste was ich je gehört habe und Danke für das Kompliment. Andere verstehen unsere Welt nicht Dorian, aber das müssen sie auch gar nicht. Denn in unserem Privatleben haben sie nicht verloren. Ich nehme Dich von Herzen an und ich bin sehr gerne Dein Mann. Aber eines möchte ich dennoch anmerken, wobei Du es sicher selbst so siehst und weißt. Solltest Du offiziell ja zu mir sagen, dann ist es für immer. Keine halben Sachen, keinen Rückzieher, gleich was geschieht wir halten zusammen. Es gibt nichts, was wir nicht klären können. Selbst das schrecklichste Gewitter, zieht vorrüber und macht dem Sonnenschein wieder Platz. Und bei Gewitter wird sich nicht versteckt, sondern wir packen entweder die Regenschirme aus oder setzen uns vor unseren Kamin.


    Ich bin kein eifersüchtiger Mann, aber ich erwarte absolute Liebe und Loyalität, meine ist Dir sicher. Habe Freunde, bringe sie gerne mit zu als Gäste. Aber bitte kein zu naher Umgang. Ihr könnt Euch herzen, also drücken, manche Freunde sind Familie. Auch das benötigst Du und ich weiß es. Dennoch gibt es ein paar Unterschiede, die mir wichtig sind. Bitte küsse niemanden zur Begrüßung, dass würde mich extrem treffen. Es würde mich sehr verletzten. Wir sind ein Paar und wenn Du möchtest bald ein Ehepaar, diese Form der Begrüßung ist uns allein vorbehalten.


    Du kannst jemanden drücken oder knuffen, dass ist für mich völlig in Ordnung. Es soll allerdings keine Nähe sein, die dem Partner gebührt. Nehmen wir Tekuro als Beispiel, da war ich doch wirklich etwas nun sage ich mal verstört. Dass Du so etwas nicht tun würdest, ist mir bewusst. Dennoch möchte ich es Dir gesagt haben.


    Wichtig ist mir zudem, dass ich weiß wo Du bist. Solltest Du einmal verspätet nach Hause kommen, sage mir bescheid. Und falls etwas ist, es spielt keine Rolle wie spät es ist, oder wie weit weg Du bist. Ein Anruf genügt und ich bin da und hole Dich ab. Keine Experimente auf die Art, ich möchte ihn nicht stören und komme schon allein nach Hause.


    Das mag kleinlich klingen, aber mir liegt dies am Herzen", antwortete Richard und legte seinen Kopf auf den von Dorian ab.


    "Ich bin so glücklich dass Du ja gesagt hast", flüsterte er ganz leise.

  • "Und ich bin so froh, dass du fragtest, ohne dass es eine Frage war. Weißt du, eigentlich ist es eine Feststellung dessen, was wir beide spüren - dass es passt. Dass es so sein soll. Und natürlich für immer. Wofür sonst? Deine Wünsche klingen nicht kleinlich. Ich hätte dich um die gleichen Dinge gebeten."


    Er schloss die Augen und spürte Richards Wärme. Nicht nur die seines Körpers, sondern die Wärme, die in seinen Worten lag, in seiner Nähe.


    "Warum sollte ich jemanden küssen wollen? Mich widern Küsse von Außenstehenden an. Ich bin kein Mann für eine Nacht. Weder möchte ich das, noch fantasiere ich davon. Auch Huren oder Stricher haben niemals mein Interesse geweckt noch führe ich mir welche von diesen Schmuddelfilmen zu Gemüte. Wen wollen diese Menschen täuschen, die Körper und Seele zum Markt tragen und ihn als vermeintliche Illusion verkaufen, einen Wigberg? Das funktioniert nicht. Ich verspüre auch nicht den geringsten Bedarf, mich einer Lüge hinzugeben. Eine Lüge leben die meisten von uns jeden Tag. Was ich suche, Richard, sind Wahrhaftigkeit und Liebe.


    Du hast mich durchschaut. Ich wollte, dass du hier innerlich ankommen kannst, dass alles, was draußen lauert, von dir abfällt. Dass du das Gefühl hast, das hier wäre ein Stück zu Hause. Und natürlich habe ich mir auch gewünscht, dass wir beide uns hier wohlfühlen, dass wir zusammen ein gutes Buch lesen, dabei Tee trinken und einfach Wigbergs sein dürfen. Nicht die Männer der tausend Masken - sondern Wigbergs privat."

  • "Manche haben nur den Moment im Blick Dorian. Daran ist nichts falsch, aber ich achte den Augenblick und plane gerne die Zukunft. Es muss nichts Großes sein, aber allein das Wissen darum, dass man gemeinsam auf etwas hinarbeitet, ist etwas sehr schönes. Du hast keine Ahnung wie froh mich Dein Ekel macht. Ich bin auch kein Mann für eine Nacht Dorian. Du könntest das vielleicht fälschlicherweise von mir annehmen aufgrund meiner Zusammenkunft mit Theodor. Aber vor dieser Nacht, war da ebenfalls etwas. Wir waren verbunden, auch wenn wir einander nicht immer verstanden haben. Es hat nicht sollen sein Dorian und das hatte seinen Grund, Dich. Sonst wäre ich nicht freigewesen für Dich.


    Genau wie Du habe ich in meinem gesamten Leben niemals jemanden für Sex oder Zärtlichkeit bezahlt. Nicht einmal für eine medizinische Massage, denn selbst das ist mir zu nahe. Auch ich habe keine derartigen Filme geschaut und ich besaß auch nie eines dieser Schmierhefte. Die Menschen täuschen sich selbst Dorian, aber tief in ihrem Inneren wissen sie ganz genau, dass sie für eine Illusion bezahlen. Und sie bezahlen mit weitaus mehr, als nur mit Talern.


    Sie begreifen nicht, dass sie für eine Lüge bezahlen. Sie lassen sich etwas vorspielen was es nicht gibt. Und am Ende sind sie einsamer als jemals zuvor. Das ist nicht unser Weg Dorian, wir gestehen uns ein allein zu sein und sehr oft auch einsam. Aber eine Lüge kann Herzennähe niemals ersetzen. Es gibt keine käufliche Liebe, Liebe bekommt man geschenkt.


    Das hast Du sehr schön gesagt und Du hast erreicht, was Du erreichen wolltest. Ich bin Dir sehr dankbar dafür. Hier sind wir Dorian und Richard, die das Haus durchstöbern und die Bücherregale auf den Kopf stellen. Natürlich nur im übertragenen Sinne und chronologisch. Es ist schön Dich an der Seite zu haben, wir sehen die Welt auf gleiche Weise. Damit ist Deine These bewiesen, ich bin doch kein Wok. Erinnerst Du Dich, als Du sagtest auf jeden Topf passt ein Decke? Du hattest Recht", antwortete Richard und grinste Dorian an.


    "Ich hatte Dir sogar etwas gefertigt, falls Dich der Schal und die Decke nicht überzeugt. Ist sogar ganz praktisch, Du wirst es nachher geschenkt bekommen und ich hoffe es gefällt Dir. Wir sollten wann immer Du Zeit und Lust hast in den kleinen Ort fahren und uns mit Vorräten eindecken. Ein bisschen Stöbern, damit ich uns etwas leckeres Kochen und Backen kann. Dann kann ich uns verwöhnen", schlug Richard vor und schloss die Augen. Die Wärme von Dorian wirkte wahre Wunder, während draußen der Wind die Regentropfen gegen die Fensterscheiben trieb.

  • Und in diesem Moment spürte Dorian, dass die Zeit der Trauer überwunden war. Wo waren der grenzenlose Schmerz, der lähmende Mantel aus Blei, die eiserne Klammer um sein Herz? Hier war er nun an Richards Seite und alles war gut. Die Vergangenheit - geschehen in all ihrer Tragik, doch ohne Macht über die Gegenwart. Richard und er lagen zu zweit auf der Couch und sie waren eins mit sich und der Welt. Dorian, der Unversöhnliche, der ewig Getriebene, schloss Frieden und kam endlich in der Gegenwart an. Das Heulen des Windes war wie göttliche Flöten, das Klappern der Fensterläden wie hölzerne Trommeln und die Tropfen am Glas wie leise Rasseln.


    "Sie begreifen nicht nur, was sie verlieren, Richard ... sie begreifen gar nichts. Aber wir verstanden einander von Anfang an. Mach dir keine Gedanken wegen Theodor. Das ist nicht zu vergleichen damit, wie andere Menschen einander benutzen. Ich weiß, dass es bei euch um etwas anderes ging, was sich nicht erfüllte. Das macht die Nacht nicht schmutzig.


    Schau, ich habe dir auch erzählt, was mit Melvin war. Keine Liebe, nicht einmal Freundschaft und doch etwas, worum es um viel mehr ging als den Genuss eines lebenden Körpers. Er hat mir auf seine Weise viel bedeutet und ich ihm. Doch er wird meine Grenzen respektieren, ich werde sie ihm neu definieren, denn niemand anderes hat keinen Platz in meinem Bett oder meinem Herzen, wenn du darin liegst."

  • Richard hielt Dorian fest in den Armen und spürte wie die Anspannung von Dori abfiel. Seine Muskeln waren nicht mehr hart, er ließ los und ließ sich in etwas Neues fallen. Etwas dass schon da gewesen war, Dorian aber nun in diesem Moment völlig bewusst wurde. Allein zu fühlen, wie sich dieser Mann in seinen Armen entspannte, schnürte Richard die Kehle zu. Der Sturm der heulte, der Blitz der den Himmel zerriss und der Donner der all das gemeinsam mit dem Regen untermalte, war ihre Melodie.


    "Weißt Du Dorian, dass ist das Wunderbare, Du hast direkt verstanden worum es bei Theodor und mir einst ging. Er selbst hatte es lange Zeit nicht verstanden. Dafür hatte er zu viel Angst. Aber er ist ein guter Mann, er vergisst das nur selbst oft. Er hat uns hierher geschickt Dorian, ich denke bei uns beiden hat er mehr gesehen, als bei sich selbst. Er hätte jeden anderen mit der Büchersicherung beauftragen können, doch er wählte uns. Wobei ich denke der Auftrag war nur Vorwand, damit wir einmal raus kommen und Zeit für uns alleine haben.


    Dafür bin ich sehr dankbar, denn hier haben wir wirklich alle Masken und Zwänge ablegen können. Naja fast alle Zwänge, von einigen kann ich mich nicht trennen.


    Dein Melvin hat etwas von einem Kind. Ich wage zu behaupten, dass Dein Melvin Dir so am Herzen liegt, wir mir Sibi. Es ist eine andere Form von Zuneigung und Liebe. Freundschaft ist es nicht und dennoch ist es mehr. Melvin tut Dir gut, er gehört zu Dir, wie zu mir Sibi. Sie beide werden unsere Grenzen wahren und wir beide werden unsere Schützlinge hüten. Was ist mit Deinen beiden Aldos?


    Das Bett ist unsere Zone, gleich was wir dort tun. Ob wir uns lieben, kuscheln, lesen, ein bisschen plaudern es ist nur für uns. Melvin benötigt einen eigenen Raum oder sogar eine Wohnung. Er könnte eine Wohnung auf unserem Flur beziehen. So wäre er in unmittelbarer Nähe und hätte dennoch seinen Freiraum. Oder wir fragen an, ob wir die angrenzende Wohneinheit übernehmen dürfen und ein Durchbruch gemacht wird. Dann wäre unsere Wohnung größer und wir hätten Platz für Melvin und Deine Aldos. Was wäre Dir denn am liebsten?", fragte Richard und kraulte Dorian sanft den Rücken.

  • "Die Aldos haben nie für mich als Spielzeuge herhalten müssen. Ich habe sie freigekauft aus einem Bordell, wo sie missbraucht wurden. Wie könnte ich ihnen da so etwas antun? Sie sind ..."


    Er musste hier wirklich überlegen.


    "... de jure meine Sklaven. Vielleicht trifft es Gesellschafter am ehesten? Ich habe mich an ihrer Gegenwart gefreut, an der Tatsache, dass ich sie retten konnte und dass sie so glücklich darüber sind, endlich leben zu können. Sie sind ein kleines Wunder, denn trotz allem, was sie erlebten, können sie sich noch immer freuen und lachen. Der alte wie der junge Aldo. Das macht mich einfach froh. Ich versprach ihnen die Freiheit. Und ich denke, dies ist ein guter Anlass, sie ihnen zu gewähren.


    Und weißt du, Richard ... ich denke, wir tun Melvin keinen Gefallen, wenn er als das fünfte Rad am Wagen leben muss. Erinnerst du dich an Eddy? Er verlor seine ganze Einheit. Ob Melvin wie Garlyn ein Schockkonstabler werden möchte, weiß ich nicht, aber zumindest wäre er mit einer Aufgabe zum Bewachen und vor allem mit einem ganz engen Freundeskreis sehr viel glücklicher."


    Dori genoss das sanfte Kraulen mit geschlossenen Augen und einem Lächeln.

  • Richard lächelte versonnen, als Dorian sein Kraulen derart genoss.

    "Dann sind auch Deine Aldos wie Kinder für Dich. Deine Kinder sind erwachsen geworden Dorian und sie werden ausziehen. Schau nur genau hin, ob sie schon soweit sind. Sind sie es, schenkt ihnen die Freiheit und wir unterstützen sie weiterhin. Sind sie noch nicht soweit, dann bleiben sie bei uns bis zu dem Tag, wo sie es sind. Nein ich wollte wissen, was die Aldos vom Gefühl für Dich sind. Dass Du sie niemals angefasst hast, ist mir klar. Man sieht ihnen ihr schweres Schicksal an und dennoch freuen sie sich. Du warst selbst verloren und hast andere gerettet. Du weißt genauso wenig was für ein anständiger Kerl Du bist, aber ich weiß es und die Aldos wissen es auch.


    Das mit Melvin ist eine sehr gute Idee Dorian. Du würdest damit Melvin, Eddy und Garlyn glücklich machen. Und ich gehe fest davon aus, dass Melvin ein erstklassiger Beschützer ist. Es liegt in seiner Natur. Wenn es Dir Recht ist, werde ich Miles ansprechen und nachfragen, ob Melvin einen Platz bei den Constablern erhalten kann. Da wird er sich ganz sicher wohlfühlen.


    Wollen wir uns von Bruno nachher das große Bad mit dem runden Stein mal zeigen lassen? Was sagst Du dazu? Wir könnten sogar gemeinsam baden", schlug Richard vor und wurde puterrot.


    "Entschuldige bitte", lachte er kläglich.

  • Als sie sich gegenseitig ansahen, konnte Richard sehen, dass Dorian genau so rot geworden war. Dorian lachte und zog Richard sanft an sich, wobei er noch röter wurde.


    "Das tun wir, Richard! Wir gönnen uns zusammen ein heißes Bad. Während draußen die Welt im ersten Frühlingsgewitter untergeht, genießen wir beide den Schutz dieses Hauses und die Nestwärme."

  • Richard betrachtete Dorian und strich mit einem Finger sanft über dessen Gesicht.

    "Das erste Mal, dass ich Dich rot werden sehe. Da wir uns absolut einig sind, gebe ich Dir einen richtigen Grund dazu", antwortete Richard und räusperte sich. Dabei rutschte er ganz nah zu Dorian auf, so nah dass sich fast ihre Gesichter berührten.


    Einen Atemzug später taten sie es auch, denn Richards Lippen pressten sich liebevoll auf jene von Dorian. Er küsste ihn sanft und zärtlich, während er Dorian dabei fest in den Armen hielt. Als der Kuss endete drückte er Dorian an sich, so als wollte er ihn nie wieder loslassen.

    "Ich habe sogar Badehosen dabei", flüsterte Richard Dori mit geschlossenen Augen ins Ohr.