Kapitel 77 - Entzug

  • Entzug

    (05.04.1080 n.d.A.)


    Miles gesellte sich zu Valerian ins Wohnzimmer und stellte seine Tasche vor dem Kaminrondel ab. Val hatte es sich auf der Kaminseite der großen Couch gemütlich gemacht und döste vor sich hin. Verschlafen taxierte er Miles einen Moment, bis ihm die Tasche auffiel. Schlagartig hellwach betrachtete er argwöhnisch die Tasche, als wäre sie ein Feind den es zu bekämpfen galt.


    "Was soll das? Wohin willst Du?", fragte Valerian mit einer Stimme wie in Watte gepackter Stahl. Zeitgleich rollte er sich auf die Füße und ging seinem Mann entgegen.

    "In die Klinik Lalli", antwortete Miles ruhig und nahm Val fest in die Arme.


    "Jetzt? Was ist los? In welche Klinik hier? Was hast Du? Wenn ich Dir nicht helfen kann, rufe ich einen Arzt aus der hauseigenen Klinik her. Also was hast Du?", hakte Valerian nach, nun alles andere als misstrauisch, sondern voller Angst und Sorge um Miles. Zeitgleich begann er ihn abzutasten und zu untersuchen. Miles packte Valerians Handgelenke und hielt sie fest. Dabei schaute er ihm fest aber liebevoll in die Augen.


    "Hör auf, Du musst keine Angst haben. Ich muss in die Entzugsklinik Lalli und ich gehe jetzt, weil ich es schon zigfach aufgeschoben habe. Für heute habe ich einen Termin vereinbart. Spät abends, oder besser gesagt extrem früh, damit ich den Tag noch mit Euch verbringen kann. Ich wollte schon im März gehen, aber da kam einiges dazwischen. Vor allem habe ich zig Ausreden gefunden und hatte ich keine Ausrede parat, habe ich Dich morgens im Bett neben mir betrachtet und wollte Dich nicht verlassen. Das will ich immer noch nicht, aber für uns drei muss ich den Arsch zusammenkneifen und den Termin jetzt einhalten. Ich liebe Dich Lalli, deshalb muss ich jetzt gehen.


    Theodor wird während meiner Abwesenheit bei Euch wohnen. Er passt auf Euch auf und er sorgt dafür, dass Du keinen Unfug machst. Tue Dir selbst einen Gefallen und gehe weiter arbeiten. Ich weiß wie Du reagierst, sobald Du mich vermisst. Es kann kein schöneres Kompliment geben Lalli. Aber die Trennung ist für uns drei und sie muss sein. Eigentlich wollte ich Dir die ganze Zeit über den neuen Termin für den Entzug mitteilen, aber ich hatte Schiss. Ich liebe Dich und jetzt verlasse ich Dich. Wir sehen uns wenn alles gut geht in etwa zehn Wochen wieder. Dann folgt die Phase Zuhause, die drei bis neun Monate andauert laut Arzt.


    Beim Katzen-Entzug muss man sich auf einen langwierigen Prozess einstellen. Er macht einiges erforderlich, Willen, Therapie. Vor allem da die Katze einen selbst nach längerer Zeit noch ruft, sprich das Verlangen sie einzuwerfen ist gross. Und die Katze ist nicht mein einziges Problem Lalli, dass weißt Du. Das bedeutet leider ein langanhaltendes wie hohes Rückfallrisiko. Drum muss ich das jetzt in Angriff nehmen", erklärte Miles, zog Valerian an sich und küsste ihn als gäbe es kein Morgen.


    Val schlang die Arme um Miles und küsste ihn ebenso fest und innig mit.

    "Lass uns ins Schlafzimmer gehen Milli, dann verabschieden wir uns in aller Liebe. Ich will Dich noch einmal spüren", bat Valerian und küsste Miles erneut.

    "Mach es mir doch nicht so schwer. Wir begrüßen uns in aller Liebe, sobald ich wieder Zuhause bin. Versprochen Lalli. Besuch ist aus gutem Grund verboten, damit niemand etwas einschleust, was der Patient vielleicht vorher am Com erbettelt hat. Wobei ich sicher die erste Zeit nicht anrufen darf. Sobald ich es darf, rufe ich Dich an Lalli. Gib Jerry einen Kuss von mir, Euch beide kann ich nicht so sehen. Theo fährt mich, Du bleibst hier. Sobald ich in der Klinik aufgenommen wurde, kehrt er zur Dir zurück und erzählt Dir alles", antwortete Miles und knuddelte seinen Kerl.


    Von Wittelsspitz gab Valerian behutsam frei und strich ihm mit einem Finger über die Wange, auch wenn er selbst davon nichts spürte.


    "Ich...", sagte er leise.

    "Ich Dich auch...", erwiderte Val und blinzelte die Tränen weg.


    Erneut küssten sie sich zum Abschied, lange, fest, fast schmerzhaft, aber das war ihr Abschied auch.




  • Couch oder Bett


    Einige Stunden später, nach dem Miles aufgebrochen war, traf Theodor ein und hatte selbst eine Tasche mitgebracht. Mit seiner Zugangskarte öffnete er die Tür und wurde sofort von Valerian begrüßt.


    "Schön dass Du da bist, ist alles gut verlaufen?", fragte Val nervös.

    "Alles bestens verlaufen. Ich bin vor Ort geblieben, bis die Aufnahmeuntersuchungen abgeschlossen waren. Und ich habe mir angehört, worum es in drei Phasen des Entzugs geht.


    Beim Katze-Entzug werden drei Phasen durchlaufen.


    Erstens die Absturz-Phase.

    Sie kann bereits nach einigen Stunden einsetzen. Besonders bei Patienten, mit einem sehr hohen Konsum der Droge. Dabei ist die Phase gekennzeichnet von einem starken physischen und psychischem Einbruch, extremer Erschöpfung und einem eben solchem Schlafbedürfnis.


    Darauf folgt die zweite Phase.

    Sie hält einige Tage an und wir begleitet von negativen oder sogar depressiven Grundstimmungen. Derart tiefe Gedanken, dass sie sogar in Selbstmordgedanken münden können. Alle negativen Gefühle überwiegen, die vorher von der Katze unterdrückt wurden, wie Angst, Missmut, Niedergeschlagenheit, Schuld, Wut und was dazugehört. Die Erschöpfung zeigt sich dann in Passivität, Schläfrigkeit, Lustlosigkeit und ähnlichem. Schlafstörungen gehören ebenfalls dazu, Alpträume, innere Unruhe, vermehrter Hunger.


    Zu guter Letzt folgt die dritte Phase.

    Die dritte Phase dauert bis zu zehn Wochen an. Die Beschwerden die ich gerade aufgezählt habe, bilden sich zurück. Aber sie können in der Zeit immer wieder auftreten. Die betrifft vor allem die erhöhte Selbstmordgefahr.


    Alle drei Phasen werden von einem starken Verlangen nach der Droge bestimmt. Dieser ausgeprägte und langanhaltende Suchtdruck ist für den Katze-Entzug besonders charakteristisch. Möglich sind auch wahnhafte Wahrnehmungsstörungen, dass nennt man Katze-Psychose. Ich habe vergessen wie das Zeug mit chemischen Namen heißt.


    Hinzu kommt Miles Schmerzmittelabhängigkeit. Dass macht den Entzug nicht leichter. Sie stellen ihn bei den Schmerzmitteln auf ein neues Medikament um, damit er schmerzfrei bleibt und dennoch von der hohen Dosierung herunter kommt. Zudem passen sie den Entzug und die neue Medikation an seine Medikation von seinen Immunsuppressiva an.


    Nach dem ganzen Entzug ist es aber noch nicht vorbei, dann geht die Anstrengung im Alltag weiter. Aber warten wir erst einmal die zehn Wochen ab und drücken ihm die Daumen.


    Sobald Miles wieder Zuhause ist, passen wir gut auf ihn auf und unterstützen ihn. Vorher sollten wir die Wohnung, seine beiden Arbeitsplätze, die Schiffe und Fahrzeuge auf den Kopf stellen. Nirgendwo darf Katze oder etwas anderes gebunkert sein. Lass uns das Morgen früh angehen Val. Zwar hat er einen guten Willen gezeigt, aber Miles ist ein Fuchs. Er überlistet sich am Ende noch selbst. Das müssen wir verhindern", antwortete Theo und gähnte.


    "So ein Monolog von Dir, aber ich bin voll und ganz Deiner Meinung. Wir machen uns morgen direkt an die Arbeit. Ich werde Milan anrufen und ihn bitten mich zu vertreten. Dafür hat er was gut, oder ich vertrete ihn direkt an einem anderen Tag. Du vermisst Miles", schmunzelte Val und drückte Theo, entgegen seiner sonstigen Art.


    "Natürlich vermisse ich ihn, er ist mein Freund, genauso wie Du auch wenn Du es hundertmal abstreitest. Ich ziehe mich um und lege mich hin. Wo soll ich schlafen? Couch oder Bett?", fragte Theodor freundlich.

    "Bett und zwar auf der linken Seite. In der Mitte lassen wir ein bisschen Platz", grinste Valerian.


    "Neuerdings schüchtern?", lachte Theo.

    "Nein, der Platz ist für Jerry. Er schläft gerne mit in unserem Bett. Sphinx übrigens auch, unser Kater. Er schläft auf Jerrys Bauch. Die beiden sind unzertrennlich und absolut niedlich zusammen. Also gewöhne Dich dran. Zehn Wochen sind wir jetzt Bett- und Budenbrüder", antwortete Val und nickte Richtung Schlafzimmer.


    "Gehst Du nicht ins Bett?", hakte Theo vorsichtig nach.

    "Später vielleicht, ich wollte noch einen Moment auf die Terrasse gehen und mir die Lichter der Stadt anschauen. Ein bisschen den Kopf freibekommen und den Kloss im Hals loswerden", gab Valerian leise zurück.

    "Das kannst Du auch vom Bett aus Val. Komm wir gehen schlafen und falls Du den Kloss im Hals loswerden musst, ich bin da. Wir reden ein bisschen oder schweigen gemeinsam. Ganz wie Du magst. Komm", entschied Theodor und gab den Weg vor.


    "Theo?", fragte Val und folgte ihm auf dem Fuße.

    "Was denn?", hakte von Laurenloff nach.


    "Danke", antwortete Valerian schlicht.



    ****

  • Der Anfang vom Anfang oder der Anfang vom Ende



    Miles lag im Bett und starrte zur Decke empor. Er hatte in der Entzugsklinik vor Tagen eingecheckt, hatte die Untersuchungen über sich ergehen lassen und musste erdulden, dass sämtliche Kommunikations- und Waffenkybernetik abgeschaltet wurde. Gefühlt war er nackt und hatte jeden Kontakt zur Außenwelt verloren.


    Und genau so sollte es sein. Waffen benötigte er hier nicht. Seine Waffen waren in der Klinik sein Wille und sein Verstand. Ohne beides würde er den Kampf gegen die Sucht verlieren. Da nützte die beste Pistole nichts, denn die Sucht ließ sich nicht erschießen.


    Dafür fühlte er sich selbst zur Zeit extrem erschlagen. Gegen seine Schmerzmittelabhängigkeit hatte man ihm ein neues Schmerzmittel verschrieben, damit nach der Umstellung der Entzug begonnen werden konnte.


    Wie sagte der Arzt?


    ...Um den Entzug von Schmerzmitteln also Opioiden so schonend wie möglich zu gestalten, wenden wir eine innovative Methode an. Wir stellen unsere Patienten zuerst für zwei Wochen auf ein Ersatzmittel und zwar Lisoyemil um, bis es keine Entzugs-Symptome gibt. Dann entziehen wir das Substitut, sprich das Ersatzmittel innerhalb einer viel kürzeren Zeit. Durch die Umstellung sind die Entzugs-Symptome nicht mehr so gravierend und die Entgiftung verläuft angenehmer für Sie...


    Und so hatte er in kürzester Zeit schon einiges gelernt. Angenehmer hieß zum Beispiel nicht, angenehm. Sein Kreislauf hatte verrückt gespielt, er hatte sich die Seele aus dem Leib gekotzt und wenn er sich nicht übergeben musste, saß er auf der Toilette.


    Schmerzmittel jedoch waren nicht sein einziges Problem, seine Sucht nach der verwirrten Katze war größer. Wobei das war eine Lüge. Allein schon wenn er nur darüber nachdachte, dass ihm keine Schmerzmittel zur Verfügung standen, bekam er regelrechte Panik. Ein Schmerzschub konnte ihn jederzeit treffen. Die Implantate konnten sich melden, die Schnittstellen zwischen Maschine und Fleisch waren das größte Problem. Und an manchen Tagen schmerzten ihn sogar jene Körperteile, die er gar nicht mehr besaß. Seine Hände, seine Arme oder seine Beine. Für solche Fälle benötigte er die Schmerzmittel. Rein das Wissen darum wo sie lagen und sie jederzeit nehmen zu können, hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn.


    Hier hatte er nichts zur Hand. Die Medikamente bekam er täglich von seinem behandelnden Arzt ausgehändigt. Hatte er Beschwerden, dann hatte er sich an seinen Arzt zu wenden. Schon bald würden die Tage vollgepackt sein mit Anwendungen und Therapien. Miles hoffte, dass es bald soweit war und er die Angstzustände los wurde.


    Und dann die Drohung von ausgewogener Ernährung. Bis dato hatte er alles erduldet, aber als der das heute gehört hatte, zog sich bei ihm alles zusammen. Nicht einmal mehr den winzigsten Heißen Hexer? Gut im Moment würde er ihn vermutlich nicht länger als einige Augenblicke im Magen behalten. Aber allein bei dem Gedanken an das Fett triefende Glück mit extra viel Käse und Zwiebeln hätte er am liebsten alles hingeschmissen.


    Nein auch das war eine Lüge. Miles wälzte sich auf die Seite, rieb sich stöhnend seinen hämmernden Schädel und vermisste gefühlt zum Millionsten Mal an diesem Tag Valerian. Dessen Stimme, dessen Schnarchen, dessen Geruch und Wärme. Er zückte sein Handcom und schaute sich ein Foto von seinem Mann und Sohn an. Die Karte hatte er abgeben müssen, das Gerät durfte er wegen dem Fotoalbum behalten. Das war nett vom Doc gewesen, fand Miles.


    Er betrachtete die beiden und war einige Atemzüge später endlich eingeschlafen.



    ****

  • Pattis Besuch



    Patrice war trotz allem ein Wigberg.


    Er spürte es, als es um den Entzug von Miles ging. Er spürte es, als es hieß, Miles würde die Himmelslanze verlassen und allein in einer Klinik überdauern müssen. Miles, abgeschottet und allein. Valerian hatte Theodor, sie würden sich trösten. Wer tröstete Miles? Wenn Patrice etwas wusste, dann, dass Miles ihn jetzt brauchte. Miles hatte ihn beschützt, als sie gemeinsam durch die Wüste gefahren waren und in den Höhlentiefen von Rakshors Zähnen. Nun würde Patrice zurückgeben, was ihm geschenkt worden war.


    Er sammelte Informationen, drückte sich hier und da herum, stellte beiläufige Fragen, spitzte beim Betrachten von Pinnwänden die Ohren, während er eine heiße Zitrone schlürfte. Las, recherchierte und sagte dabei keinen Ton. Nein, er konnte den Moritz nicht leugnen, mit dem er diesen Körper teilte, zwei Seelen und doch wechselwirkten sie in mancherlei Hinsicht.


    Patrice wusste bald, wann Miles ging.

    Patrice wusste bald, wohin Miles ging.


    Und er war noch vor ihm dort.


    Regulärer Besuch würde hinter einer Glasscheibe stattfinden ... dies war nicht das, womit ein Patrice sich zufrieden geben würde. Und so öffnete sich eines Morgens nach kurzem Klopfen die Tür zum Zimmer von Miles. Patrice schob in himbeerfarbener Praktikantenkleidung eine Wagen mit Hygienematerialien und einer heißen Teekanne hinein. Hinter sich schloss er die Tür.


    "Guten Morgen, Herr von Wittelspitz. Haben Sie gut geschlafen?"


    Ein verschmitztes Lächeln spielte um seine Lippen, während er die Tür hinter sich schloss und das Flurlicht der Tür auf Rot umschaltete.

  • Miles registrierte das freundliche Guten Morgen, er wollte sich über das Gesicht reiben, aber seine Glieder fühlten sich so schwer an, sein Geist war müde. Als er die Augen öffnete schoss ein Schmerz von der Spitze seines Schädels bis zu seinen Zähnen. Instinktiv wollte er sich an den Schädel fassen, hielt aber mitten in der Bewegung inne und führte sie nicht aus. Er hatte Angst und aus irgendeinem Grund fühlte er seine Hände nicht mehr. Alles was er fühlte war bleierne Müdigkeit. Einen Augenblick später fiel ihm ein, dass seine Hände einschließlich der Arme fort waren und er sie nur noch dann spürte, wenn diese seltsamen Schmerzen von ihm Besitz ergriffen. Phantomeschmerzen hießen sie.


    Er fühlte sich selbst wie ein Geist so ausgelaugt, dass man durch ihn durchschauen konnte. Selbst das Denken strengte ihn an, seine

    Gedanken waren wie in Watte gepackt und wenn er sich konzentrierte, quälten Schmerzschübe seinen Schädel. Er hätte nach dem Doc klingeln können, aber dazu musste er sich bewegen und die Klingel drücken. Eine Aufgabe die ihm unlösbar erschien. Er hatte keine Energie mehr. Allein der Versuch wach zu bleiben, kostete ihn ungeheure Anstrengung.


    Er konnte nichts anders tun als warten und schlafen. Doch wenn er schlief, hatte er Alpträume. Er träumte von seinen Eltern, von Val und wenn er erwachte ließen ihn die Erinnerungen zittern. Manchmal träumte er sogar von Servatio, danach hatte er stets das Bedürfnis dem Kerl das Grinsen aus dem Gesicht zu prügeln. Aber er war tot, schon lange tot.


    Mile spürte das seine Zunge wie ein fetter unbeweglicher Lappen an seinem Gaumen klebte, als hätte er eine riesige Schnecke verschluckt. Langsam schüttelte er die Müdigkeit ab. Verlangen… seltsames Verlangen durchflutete seinen Körper. Die Stimme... er kannte die Stimme! Beim Abgrund, schlagartig hellwach setzte sich Miles schneller auf als gut für ihn war.


    "Patti?", keuchte er leise und kämpfte gegen die Übelkeit an.

  • Patrice schob den Wagen in die Nähe des Bettes und zog sich einen Stuhl heran. Damit setzte er sich an Miles' Kopfende. Noch immer lächelte er, auch wenn der Anblick von Miles ihm weh tat. Doch es war wichtig, dass Miles diesen Schmerz durchstand. Er schob einen Arm hinter Miles schweißnassen Rücken, die Hand hinauf zu seinem feuerroten Haar. Vorsichtig küsste er ihn auf die Stirn.


    "Ich dachte, ich seh mal nach dir. Wie geht es dir? Ich habe dir Fenchel-Anis-Kümmel-Tee mitgebracht, der ist mild und gut für die Verdauung. Möchtest du dich duschen oder soll ich dir beim Waschen mit der Schüssel helfen?"

  • Miles ließ Patti anstandslos gewähren, mehr noch, er genoss jede Berührung von ihm. Als Patrice ihn auf die Stirn küsste, schloss Miles für einen Moment die Augen und lehnte sich an ihn an.


    "Das ist lieb von Dir. Die Worte drücken nicht annähernd aus, was ich gerade empfinde. Ich könnte vor Rührung heulen Patti. Wie es mir geht? Grauenvoll, aber schon ein kleines bisschen besser. Also mir ist nicht mehr ganz so übel. Den Tee nehme ich gerne und Duschen wäre echt super. Du musst bitte bei mir bleiben, falls mir schlecht oder schwindlig wird.


    Nebenbei bemerkt, ich wusste von Anfang an, dass Du wesentlich mehr drauf hast als Du zugibst. Wie bist Du hier reingekommen? Wo ein Wille ist, ist auch ein Wiggi stimmts? Ich würde Dich am liebsten hier behalten. Wie lange kannst Du bleiben? Wie geht es Dir? Ist bei Dir alles in Ordnung? Bellamy oder Tekuro machen Dir doch keinen Stress oder? Lass Dich drücken", bat Miles und umarmte Patti fest und innig.


    "Ich bin so froh, dass Du hier bist", flüsterte Miles heiser und klammerte sich an Patrice fest.

  • "Heulen ist erlaubt, Miles. Ich bin froh, dass ich hier sein kann."


    Patrice ließ zu, dass Miles sich an ihn klammerte, versuchte ihm der Halt zu sein, der Miles einst für ihn gewesen war.


    "Ich helfe dir beim Duschen. Natürlich bleibe ich bei dir, dafür bin ich hergekommen. Meine neue Biografie samt Zeugnissen würde einer tieferen Überprüfung nicht standhalten, dafür fehlte mir die Zeit, aber für einen Praktikumsplatz hat es genügt. Bellamy und Tekuro sind, wie immer, mit sich selbst beschäftigt. Anstatt zu warten, kann ich die Zeit sinnvoller nutzen."


    Er löste sich von Miles, schenkte ihm eine Plastiktasse Tee ein und setzte sie ihm an die Lippen.


    "Trink. Du hast stark geschwitzt. Möchtest du warm oder kalt duschen?"

  • "Am liebsten würde ich bei Dir Zuhause duschen", lachte Miles leise und betrachtete Patti von oben bis unten.


    "Heulen kann ich später immer noch, wenn ich alleine bin Patti. Jetzt bin ich glücklich, dass Du hier bist und genieße es in vollen Zügen. Also nochmal von vorne, Danke dass Du hergekommen bist und mir beistehst. Was Du alles auf Dich genommen hast Du Schlitzohr. Aber ich weiß wieso Du es getan hast und das bedeutet mir extrem viel. Du bist ein feiner und absolut guter Kerl. Du hast ein Herz aus Gold Patti und wenn es drauf ankommt Eier aus Stahl, dass muss ich Dir lassen.


    Und sogar der Kittel steht Dir. Hatte Teku nicht Geburtstag? Ich meine er hatte Geburtstag, er stand im Küchenkalender, ich bin mir sicher. Jedenfalls gratuliere ihm von mir. Dass Du Deine Zeit mit mir verbringen möchtest freut mich. Ich kann Dir leider nichts anbieten, außer so einige Kekse. Es sind trockene Vollkornkekse, vielleicht möchtest Du trotzdem einen? Sie sind allerdings fast ohne Zucker, ich warne Dich gleich. Aber mit Deinem Tee schmecken sie bestimmt gut", bot Miles an und packte die kleine Packung Kekse aus dem Nachttisch aufs Bett.


    Vorsichtig nahm der den Becher Tee entgegen und trank einen Schluck, dabei merkte er erstmal wie durstig er die ganze Zeit gewesen war.

    "Du hast Recht, Danke. Das tat echt gut. Ich möchte nicht zu heiß und nicht zu kalt duschen. Die gute Mitte bitte, reimt sich sogar", antwortete von Wittelsspitz und betrachtete Patti einen Moment nachdenklich, ehe er ihn erneut fest umarmte.


    "Danke Patti", sagte er gerührt und küsste ihn liebevoll.

  • Pattis Lippen waren heiß und weich, die schmeckten ein wenig nach süßem Lipgloss. Die von Miles waren kalt, seine Bartstoppeln kratzten und seine Haut schmeckte salzig. Patrice genoss den Kuss, er erwiderte ihn lange und sehr liebevoll. Gleichzeitig kraulte er Miles das Haar am Hinterkopf. Erst, als Miles sich löste, stand Patrice auf.


    "Warte einen Moment, ich bereite alles vor. Du kannst noch sitzen bleiben. Einen Keks nasche ich später gern, jetzt kümmern wir uns erstmal um dich."


    Er schob den Wagen neben die Badtür, holte sich Lappen, Seife und Handtuch heraus, legte und hängte alles an den vorgesehenen Platz. Die Heizung drehte er auf Maximum. Er kontrollierte mit kurzem Blick die Sauberkeit des Bades und stellte die Wassertemperatur handwarm ein. Da es immer etwas dauerte, bis das Warmwasser ankam, ließ er es laufen.


    Dann half er Miles erst aus dem schweißnassen Shirt und dann aus der Unterhose.


    "Wer holt eigentlich deine Kleider zum Waschen ab?", erkundigte Patrice sich mit gerunzelter Stirn. "Sonst haben wir hier auch Klamotten für dich. Jetzt komm."


    Er half Miles auf die Beine, beziehungsweise auf die Prothesen. Besorgt betrachtete Patrice die Übergänge vom Fleisch zur Kybernetik. Er hatte Miles noch nie so gesehen. Erst jetzt wurde ihm wirklich bewusst, wie wenig von dem Mann überhaupt noch übrig war und ihm wurde schwer ums Herz.


    Selbst mit den Tränen ringend stützte er ihn. "Möchtest du gleich unter die Dusche oder vorher noch auf Toilette?"

  • Bevor sie sich lösten rieb Miles seine Nase an der von Patti, als innige Geste. Er hätte ihn auch mit den Fingern streicheln können, aber das wäre allein für Patti bestimmt gewesen und er wollte Patrice selbst spüren.


    "Du bist lieb. Ja ich warte hier auf Dich. Die Kleidung schmeiße ich in den Wäschebeutel im Schrank. Sie wird einmal am Tag abgeholt. Meist so gegen Mittag. Ich vermute da haben die anderen schon ihre Anwendungen. Ich noch nicht, kommt aber bald. Ich muss nicht auf Toilette Danke", antwortete Miles und zog sich an Patrice hoch.


    "Patti, was ist denn los hm?", fragte Miles besorgt und wischte ihm ganz behutsam über die Augen.


    "Du hast mich noch nie so gesehen. Das der Anblick Dich derart schmerzt, berührt mich. Schau mich an wenn Du möchtest, dass nimmt dem Anblick den Schrecken. Ohne all das gäbe es mich nicht mehr. Aber das ist nur die äußerliche Kybernetik, innen sehe ich ganz ähnlich aus. Selbst meine Augen sind künstlich. Du kannst auch über die Narben fassen.


    Vielleicht verstehst Du so ein wenig, warum ich ohne Schmerzmittel nicht leben kann. Dass ich es damit übertrieben habe, lag an meiner Angst vor den Schmerzen. Manche Schmerzen sind unbeschreiblich. Schmerzen in den Armen oder Beinen können grausam sein, aber wenn Du Schmerzen tief in Deinem Innersten verspürst Patti, hat das eine ganz andere Dimension. Ein Detonator hat mich damals zerfetzt, mir die Arme und Beine abgerissen. Das Schrapnell hat sich in meinen Körper gefressen, meine Lunge verletzt, mir die Augen genommen.


    Damals... ich habe meinen Mann beschützt. All das... er meinte es war seine Schuld. Das war es nicht. Es war meine Entscheidung. Die Entscheidung habe ich bereits getroffen, wo er mein Bruder wurde. Ich beschütze ihn, gleich vor wem, gleich vor was. Nur manches haben wir selbst verschuldet. Wer Wind säht, wird Sturm ernten. Und das war eine Konsequenz davon, wie wir bis dato lebten. Es gibt immer wen, mit schärferen Krallen und mächtigeren Fängen. Das war der Preis den ich zahlen musste, um meinen Mann zu behalten. Würde ich es heute wieder tun? Ja. Aber ich würde dafür beten, dass Val mich nicht...


    Ich lasse dass mal so stehen, im Moment denke ich zu düster. Dafür bist Du nicht hergekommen. Ich freue mich so Dich zu sehen. Hey falls Teku Dich je vor die Tür setzt, Du weißt wo Du einziehst", grinste Miles und streichelte Patti sanft über den Nacken.


    Miles hakte sich bei Patrice ein und trabte mit ihm zur Dusche. Auf wackligen Beinen stellte er sich unter die Dusche und wandte dem Wasser das Gesicht zu, dabei schaute er ziemlich zufrieden.


    "Das ist gut", gurrte er glücklich.

  • Patrice seifte ihm langsam und mit streichelnden Bewegungen den Rücken ein.


    "Es ist wichtig, dass du jeden Morgen duschst. Zum einen für die Hygiene, aber auch, damit du dich selbst nicht aufgibst. Dies ist auch an den allerschwersten Tagen deine Tagesaufgabe: Dich zu duschen. Wenn sonst nichts mehr geht, das musst du schaffen. Klar?"


    Ein Patient, der sich selbst bewegen konnte, konnte sich auch allein waschen, doch bei Miles machte Patrice eine Ausnahme. Er wollte ihm Gutes tun und wusch ihm auch die Vorderseite und die Intimregion.


    "Hm, ich glaube ich wäre ein schlechter wirklicher Praktikant in diesem Beruf. Ich genieße es, meinen Patient zu begrabschen."


    Er schmunzelte etwas, um Miles aufzumuntern, der in sehr düsterer Stimmung war.


    "Tekuro wird mich niemals vor die Tür setzen, es ist eher zu befürchten, dass er mich in ein Gehege sperrt, nur um mich aufzubewahren, selbst wenn er meiner gar nicht mehr bedarf.


    Warum du gerade diese dunklen Gedanken hast, weiß ich, es ist völlig normal in deinem Zustand und vielleicht wäre es das auch ohne den Entzug. Aber nun bist du hier und ich auch und so schlecht ist der Tag doch gar nicht. Bald geht es dir wieder besser und bis dahin bin ich an deiner Seite."

  • Miles stützte sich mit einer Hand an der Wand ab und genoss es, derart von Patti umsorgt zu werden. Patrice hatte Recht, er war es sich selbst und seinen Lieben schuldig, sich nicht hängen zu lassen. Zudem hatte er sonst stets darauf geachtet, gepflegt zu sein. Warum hatte er sich hier hängen lassen? Es gab dafür keinen Grund. Es war gut, dass Patti ihn in den Arsch getreten hatte und das auf diese liebevolle Art.


    "Verstanden, ich werde mich morgens und abends duschen, so wie es sich gehört. Du hast Dich hier nicht hineingeschmuggelt, um mich scheitern zu sehen. Sondern Du bist hier, um mir beizustehen. Also ist es meine Pflicht, Dir Deine Hilfe so leicht wie möglich zu machen. Ich schulde Euch, dass ich das hier packe. Und ich selbst möchte es auch. Ich will nicht vor die Hunde gehen Patti. Drum darf ich mich nicht hängen lassen.


    Ein schlechter Praktikant? Also ich muss sagen Du bist der beste Pfleger den ich bis jetzt hier hatte. Keiner kommt an Dich ran Patti. Der Patient genießt es auch von Dir begrabscht zu werden. Also trägt das doch zur Genesung bei oder? Jedenfalls zur guten Laune, Du bist hier mein pinker Lichtblick. Die düstere Stimmung kommt davon, dass mir die Katze fehlt und ich über alles nachdenke. Also wirklich alles. Ich habe ja hier die Zeit dafür. Aber ich könnte meine Zeit auch damit verbringen, positiv zu planen, anstatt zu grübeln. Dafür ist so ein Arschtritt ganz hilfreich.


    Der Tag ist überhaupt nicht schlecht, der Tag ist perfekt und das Dank Dir Patti. Ich denke sobald ich Anwendungen habe, geht es aufwärts. Ablenkung tut gut. Du bleibst an meiner Seite? Dazu sage ich garantiert nicht nein. Du hast gewaltig was bei mir gut Patti. Ob Teku Dich rauswirft oder einkerkert, ich stehe Dir bei. Wann immer Du mich brauchst, ich bin da. Garantiert. Geschworen", gab Miles ernst zurück und zog Patti in seine Arme.


    "Weiß Tekuro was er an Dir hat? Weiß er was und wer Du wirklich bist? Zumindest eine Ahnung hat er davon. Er ist ein glücklicher Mann Patti. Er hat Dich an seiner Seite. Ich erinnere mich, wie tief Du um ihn getrauert hast, als Du von ihm getrennt warst. Ja Teku ist ein Glückspilz. Heute bin ich der Glückspilz und was für einer", grinste Miles und kuschelte mit Patrice unter der Dusche.

  • Pilze


    Valerian betrat das Zimmer von seinem Sohn. Jeremy saß auf dem Bett und häkelte hochkonzentriert. Vor ihm lag ein kleiner Korb, in dem bereits einige gehäkelte Pilze lagen. Val gesellte sich dazu und nahm einen der Pilze aus dem Korb.


    "Hallo Paps", grüßte Jerry, während er weiterhäkelte.

    "Hallo Kleiner, alles gut bei Dir?", hakte Val freundlich nach und betrachtete den Pilz eingehend. Jeremy hatte sich alle Mühe gegeben, der Pilz sah sehr schön aus.


    "Bei mir ist alles gut, ich häkele einen Korb voller Pilze für Papa Miles. In die Mitte kommt ein Glückspilz. Das soll ihm Glück bringen, wenn er aus dem Krankenhaus zurück kommt", antwortete Jerry.

    "Ein Glückspilz?", fragte Valerian erstaunt und hockte sich dicht neben seinen Sohn, um ihm beim Häkeln zuzuschauen.


    "Die Pilze fachlich Fungi genannt, bilden das drittgrößte Reich von Lebewesen, neben den Tieren - Animalia und den Pflanzen - Plantae. Pilze sind sesshaft, können aber keine Photosynthese betreiben, wie Pflanzen. Trotzdem hielt man sie lange für Pflanzen, dass sind sie aber nicht. Pilze müssen sich wie Tiere durch Nahrungsaufnahme ernähren. Dazu verwenden sie organische Substanzen. Das was viele als Pilz kennen, ist in Wahrheit nur ihr Fruchtkörper, der eigentliche Pilz ist das Myzel. Die Wissenschaft von den Pilzen heißt Mykologie. In manchen Kulturen wird der Fruchtkörper des Fliegenpilzes als Glückssymbol gewertet. Er zählt zu den beliebtesten Glückssymbolen. Drum bekommt Papa Miles einen Glückspilz", grinste Jeremy breit und häkelte dabei weiter.


    "Was für eine Antwort", grinste Valerian.

    "Eine valerische Antwort würde Papa Miles sagen", lachte Jerry.


    Pilze:

    https://www.minpic.de/i/bo9m/333aj


    Glückspilz:

    https://www.minpic.de/i/bo9o/vy5yn


    "Eine valerische Antwort, nun Du bist unser Kind, sicher hast Du auch was von mir", gab Val grinsend zurück und machte es sich auf dem Bett gemütlich.

    "Sei vorsichtig, Sphinx liegt auf dem Kopfkissen, leg Dich anders herum", bat Jerry.


    Valerian legte sich so, dass er Jerry weiter zuschauen konnte. Jeremy häkelte geschickt und scheinbar im Akkord.


    "Sag mal Jerry, würdest Du mir einen der Pilze überlassen?", fragte Val und betrachtete sie gerührt.

    "Nein, von denen nicht, die habe ich für Papa Miles gehäkelt. Du kannst einen eigenen bekommen. Such Dir einen aus und ich häkele ihn nur für Dich. Dann ist das Glück für Dich eingehäkelt. Was für einen Pilz möchtest Du denn?", fragte Jeremy und strich Val die Haare aus dem Gesicht.


    Val schaute seinen Sohn verdutzt an und schüttelte gut gelaunt den Kopf.


    "Was machst Du? Einen Fliegenpilz bitte", gab Valerian zurück und schaute zu Jerry hoch.

    "Die Haare zurück, die hängen sonst in Deine Augen und stechen Dich. Du musst die mal schneiden lassen. Der nächste Pilz wird Deiner Paps", grinste Jeremy auf seinen Vater runter.


    "Dankeschön, das ist lieb von Dir dass Du so an mich denkst. Du bist ein guter Bursche, wie Dein Papa Miles", antwortete Valerian ernst.

    "Manchmal bin ich gut, manchmal schlecht", lachte Jerry.


    "Du bist ein feiner Kerl und absolut in Ordnung, lass Dir nichts anderes erzählen. Nicht einmal von mir", sagte Val schlicht.

    "Du bist auch ein lieber Kerl, nur am Anfang warst Du ein mieser Stinkstiefel zu mir. Ganz am Anfang als ich aus der Hülle kam. Davor warst Du auch lieb zu mir. Jetzt sind wir wieder gut miteinander. Warum warst Du da sauer auf mich?", fragte Jerry, legte den fertigen Pilz in den Korb und fing den Fliegenpilz an zu häkeln für Valerian.


    "Ja das stimmt, ich habe mich mies zu Dir verhalten und es tut mir von Herzen leid Schatz. Ich war nie sauer auf Dich Jerry, ich habe nur meine Wut und Enttäuschung an Dir ausgelassen. Das hätte ich niemals tun dürfen, so ein Verhalten hätte mir nicht passieren dürfen. Nicht Dir gegenüber. Ich hatte Dir von meinem Vater erzählt, erinnerst Du Dich? Ich habe ihn gefürchtet und zeitgleich habe ich mich ständig gefragt, warum er mich derart hasst. An dem Tag habe ich mich genau wie er verhalten, ausgerechnet Dir gegenüber, meinem eigenen Kind.


    Du sollst Dich niemals vor mir fürchten Jerry. Gleich was jemals sein wird, Du kannst mit allem zu mir kommen. Selbst wenn Du den größten Mist verzapft hast, komm zu mir, wir beide bekommen das wieder hin. Das verspreche und schwöre ich Dir. Ich weiß, als Du in der Hülle warst, habe ich Dich berührt, für Dich gesungen und Du musstest es Dir auch noch anhören. Ich war so glücklich als Du dort in der Hülle gereift bist und nichts Böses gekannt hast. Du hattest immer sonnige Gedanken.


    Und dann sollte ich Dich abgeben, ich selbst hatte diesen Vorschlag unterbreitet. Es war nicht Dorians Schuld Jerry, es war meine. Und genau dass, hast Du zu spüren bekommen, meine Wut auf mich. So wie ich mich dort verhalten habe, wollte ich niemals sein. Es tut mir leid Jerry und ich hoffe Du weißt, dass ich Dich lieb habe", erklärte Valerian bedrückt.


    Jeremy ließ sein Häkelwerk sinken und drückte seinem Vater einen festen Kuss auf die Wange.


    "Ich hab Dich auch lieb. Guck ich häkele Dir sogar einen Wunschpilz. Ich weiß, dass Du ganz komisch drauf warst. Aber ich wusste ja nicht wieso und warum. Und ich hatte Angst, dass Du mich weggeben willst. Ich wusste nicht, was ich falsch gemacht habe. Ich wollte Dir sagen, dass Du mir das sagen sollst, damit ich es besser mache. Damit ich bleiben darf", antwortete Jerry, nahm sein Häkelzeug wieder auf und häkelte weiter.


    "Kann ich Dir nicht verdenken, ich habe selbst sehr oft früher so gedacht. Wie gesagt, Du hast nichts falsch gemacht. Das war ausschließlich ich. Eine andere Frage, wo ist Theo?", hakte Valerian nach und setzte sich auf.

    "Bei Anton, er ist so um 20:00 Uhr herum wieder da, hat er gesagt. Du musst Dir keine Sorgen machen", grinste Jerry.


    "Bei Anton? Knuddeln oder was?", fragte Valerian mürrisch.

    "Bestimmt nicht, bei Anton stinkt es", lachte Jerry und schüttelte den Kopf.


    "Bei Anton stinkts? Was stinkt da? Wirf mir doch keine Brocken hin, damit ich neugierig werde, erzähl mir dann auch alles. Du bist wirklich ein Fuchs", gibbelte Val.


    "Paps Anton hat seine ganze Wohnung gestrichen. Alles auf einmal und nun stinkt es die ganze Zeit nach Farbe. Drum wohnt er solange es noch stinkt bei Theo. Theo wohnt solange Papa Miles im Krankenhaus ist hier. Da passt das, dass er Anton Unterschlupf geben kann. Aber ich glaube die streichen weiter. Dann stinkt es noch mehr, aber das habe ich nicht gesagt", prustet Jeremy, was auch Valerian loslachen ließ.

    "Entweder hätte er im Sommer streichen sollen, oder Anton hätte Farbe nehmen müssen die nicht stinkt. Aber das verraten wir ihm nicht. Soll er mal schön machen. Gut dann mache ich uns was zu Essen und wir stellen Theo was zur Seite. Nicht das er sich beschwert", sagte Valerian und stand auf.


    "Das geht noch einfacher Paps. Wenn Anton nichts dreckig macht, muss er auch nichts streichen. Hast Du streichen müssen oder ich? Nein wir passen auf, damit nichts schmutzig wird. Oder wir wischen es weg. Du kannst hierbleiben, Theo bringt was zu Essen für uns mit. Und er hat gesagt, falls Du länger im Gericht bleibst oder so, dann sollst Du ihn anrufen. Halt damit er Bescheid weiß. Du kannst auch mich anrufen", erklärte Jerry gut gelaunt.

    "Na das nenne ich Luxus, Theo verpflegt uns. Ich bleibe momentan keine Minute länger als ich muss, dass heißt ich komme direkt zu Dir nach Hause", antwortete Val und setzte sich wieder neben seinen Sohn.


    Einen Augenblick später ging die Tür und Theo gesellte sich zu ihnen.

    "Hallo Ihr beiden, ich habe Abendessen mitgebracht. Grillhähnchen mit Pommes. Lasst uns den Tisch decken", grüßte Theodor.


    Jeremy legte das Häkelzeug in seinen Nachtschrank und wartete auf seinen Vater.


    "Warum packst Du alles in den Schrank?", hakte Val nach.

    "Wegen den Nadeln. Das darf man sich nicht angewöhnen. Wenn Du strickst und die Nadeln in die Wolle steckst und so stehen lässt, stehen die hoch. Springst Sphinx auf das Bett oder wo die Wolle steht, dann springt er in die Nadeln und verletzt sich. Drum steck die Nadeln nie in die Wolle und räume die immer gleich weg, ja?", bat Jeremy.


    "Hast Recht, mache ich. Gut überlegt Jerry", stimmte Val zu und küsste seinen Sohn auf den Kopf.

    "Was wollt Ihr als Gemüse dazu?", rief Theo aus der Küche.


    "Pilze", antwortete Jerry grinsend.



    ****

  • Modesto Malitas Soße



    Es war später Nachmittag und Miles fühlte sich Dank Pattis Unterstützung mittlerweile gut aufgehoben in der Klinik. Auch ging es ihm langsam körperlich besser, jedenfalls was den Brechreiz anging. Sein Schädel fühlte sich trotzdem oft noch zum Bersten an, von anderen Körperteilen sprach er besser nicht. Die neuen Medikamente verhinderten die schlimmsten Schmerzen, aber eben nicht alles.


    Heute war einer dieser Tage, wo er mehr denn je Valerian vermisste. Er hatte seinen heutigen behandelnden Arzt bekniet seinen Mann anrufen zu dürfen. Dr. Reza Abbud Morrakhan erlaubte Miles den Anruf. Denn wie der Mann mit dem breitesten Lächeln dass Miles je gesehen hatte sagte, ging es um das Wohlfühlen des Patienten und nicht um eine scheinbare Bestrafung. Dies hatte nichts mit Heilung zu tun.


    Und so stand Miles unten im Aufenthaltsraum am Com und wählte die Nummer von Valerians Handcom. Es klingelte einmal, dann wurde bereits abgenommen.


    "Ist alles mit Dir in Ordnung?", fragte Val besorgt.

    "Eh ja und Hallo Lalli. Woher wusstest Du, dass ich es bin?", fragte Miles baff.


    "Intuition. Nein... Spaß beiseite. Bis auf Dich und einige andere hat niemand diese Nummer. Und die anderen sind hier. Ergo kannst nur Du angerufen haben. Wie geht es Dir? Ist alles in Ordnung?", hakte Valerian nach.

    "Ja soweit ist alles in Ordnung, mach Dir keine Sorgen. Ich vermisse Dich Lalli und ich musste Deine Stimme hören. Ist bei Euch auch alles gut?", fragte Miles rückversichernd.


    "Was soll ich da jetzt antworten? Ohne Dich ist alles Scheiße, aber ich warte so lange wie ich warten muss. Ansonsten ist soweit alles gut, Theo wohnt solange Du fort bist bei uns und wir alle vermissen Dich", gab Valerian zurück.

    "Ich hatte ehrlich gesagt gehofft, Du würdest Dich mal melden. Nicht über Com, aber auf Deine Weise, Du weißt schon...", flüsterte Miles verschwörerisch.


    "Das hätte ich auch sehr gerne getan und ich war mehrfach kurz davor. Aber ich weiß auch was das für Dich heißt. Hätte ich mich bei Dir gemeldet, ist das für Dich wie ein Ruf. Du hättest den Entzug abgebrochen, um nach Hause zu kommen. Du würdest mich niemals hängen lassen Milli, also habe ich geschwiegen. Und gleich damit das klar ist, das ist auch kein Rückruf. Du kommst Heim, sobald es soweit ist. Ich liebe Dich, also halte durch. Gedanklich sind wir bei Dir", antwortete Valerian liebevoll.

    "Ich liebe Dich auch. Heute hatte ich meine erste Therapie. Also kennst Du einen Arzt, der sich mit sowas auskennt?", grübelte Miles am Com.


    "Bitte was? Du bist in einer Klinik, wo sich die Ärzte mit so etwas auskennen Milli. Frage Deinen behandelnden Arzt und nicht mich. Ich weiß einiges, ich weiß im Grunde viel zu viel, weil ich ständig lernen muss um meinen anderen Mangel auszugleichen. Nun um mich nicht festgesetzt... unbeweglich... zu fühlen... Aber das? Du hast dort Ärzte, frage bitte die. Was willst Du überhaupt fragen?", gab Val zurück.

    "Ich verstehe die Therapie nicht Val!", keuchte Miles verzweifelt.


    "Was verstehst Du nicht?", fragte Valerian Retour.

    "Alles. Der Arzt redet mit mir über alles, aber nur nicht über meine Sucht. Er scheint alles wissen zu wollen, aber über die Sucht scheinbar nichts. Vermutlich war ich beim falschen Arzt, oder der Kerl wollte nur plaudern", murrte Miles, was Valerian leise lachen ließ.


    "Das wird schon seine Richtigkeit haben, könnte eine Anamnese sein. Kurzum er möchte Deine Krankengeschichte erfahren und zur Sucht gehört mehr als nur zu erfahren was Du schluckst und spritzt Milli. Habe ein bisschen Geduld und Vertrauen", bat Valerian seinen Mann.

    "Ja... ja, ja Du hast ja Recht, von der Seite habe ich es nicht betrachtet. Erzähle mir etwas über Euch, etwas von Zuhause Lalli", forderte Miles Val auf.


    "Als Du in die Klinik gezogen bist, habe ich Deine Lieblingssoße gekauft.... Modesto Malitas Soße, die Soße für Fleisch, Salate und vieles mehr!", erzählte Val grinsend.

    "Du isst die Soße nicht mal, warum hast Du sie gekauft Lalli?", gibbelte Miles.


    "Wegen Dir, wir haben Deine Lieblingssoße immer im Kühlschrank. Und nur weil Du nicht da bist, darf Deine Soße nicht fehlen. Kurzum so bist Du ein bisschen hier Schatz. Jerry liebt Malitas Soße genauso wie Du und ich habe mir angewöhnt die Soße ebenfalls zu jeder Mahlzeit zu essen. Passt zwar nicht immer, aber was soll es. Pass auf Dich auf hörst Du?", sagte Valerian liebevoll.

    "Das mache ich. Du ich glaube ich habe hier einen Verwandten von Rasin getroffen. Er ist auch so ein Dauergrinser. Ich vermute ich weiß nun, wo die konfiszierten Drogen abgeblieben sind. Von der Soße hätte ich jetzt gerne auch eine Flasche Lalli... und Dich", schmachtete Miles.


    "Das sind zwei Drogen die erlaubt sind. Ich kaufe Dir zu Deiner Rückkehr eine Sonderflasche von Modesto Malitas", gurrte Val.

    "Modesto Malitas die extra süße Soße?", keuchte Miles erfreut.


    "Modesto Malitas die Gold-Edition, also streng Dich an. Ich liebe Dich", flüsterte Val und legte auf.

    "Modesto Malitas Gold-Edition, ich liebe Dich auch Lalli", antwortete Miles schmunzelnd und hang den Hörer ein.



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