• Sohn der Dunkelheit

    Der Ruf des Nebelhorns rief Leopoldius an den Hafen. Eilig warf er den Mantel über, ging hinunter und nahm weder Diener noch Gefolge mit. Ein warmer, nach Tang stinkender Wind fuhr durch sein kurzes schwarzes Haar. Der mittlere Hohenfelde-Sohn verzichtete darauf, die Kapuze aufzusetzen. Vereinzelte Regentropfen fielen auf sein Gesicht, als Leopoldius hinaus auf das stahlgraue Meer blickte, in dem kein Fisch mehr schwamm. Die Magie der Erzhexer hatte das meiste Leben bereits aufgezehrt.


    Das almanische Transportschiff glitt durch den Regenschleier nach Asa Karane, wo niemand mehr die Kunst des Schiffbaus beherrschte. Sie waren hier gefangen und würden mit der Insel sterben, denn das Gold ihrer Schatzkammern war endlich. Man konnte nicht ewig vom Festland einkaufen, ohne selbst etwas zu erzeugen, dass die Kassen füllte. Der Krieg zwischen den Magierhäusern verschlang alles und die Bevölkerung schmolz rapide in sich zusammen. Leopoldius hatte berechnet, dass in spätestens 45 Jahren die Insel menschenleer sein würde. Mehr als zwei Generationen blieben ihnen nicht mehr und noch immer folgten sie dem Weg der Asche.


    Was sollte es nützen, den Kampf um die Thronfolge zu gewinnen, wenn wahrscheinlich schon sein Sohn, spätestens aber sein Enkel schlichtweg verhungern würde? Diesen Kampf hatte Leopoldius bereits verloren, noch bevor er überhaupt den Dolch im Duell gegen seine Brüder und seinen Vater erhob. Diesmal gab es keinen Sieger.


    Die trübe Brühe klatschte gegen die Steinmauer der Mole. Das Schiff legte an. Die Segel wurden nicht erst gerafft, denn man wusste um die unsichtbare Gefahr an diesen Gestaden, die an der Lebensessenz der Menschen zehrte. Man würde nach getaner Arbeit sofort wieder ablegen.


    Seilwinden knarrten, die Offiziere des Schiffes riefen Befehle. Während die Getreidelieferung noch abgeladen wurde, betrat Leopoldius das Schiff, vorgeblich, um mit dem Kapitän die Rechnung zu besprechen, wie er das schon einige Male zuvor getan hatte. Der Trubel lenkte den Blick ab von seiner markanten Gestalt, hochgewachsen und aufrecht mit dem Gang eines Mannes, der es gewohnt war, dass man ihm respektvoll auswich. Doch in der Kajüte traf er nicht den Kapitän.


    Ohne Gruß ging er vor der Frau, die in der Koje saß, in die Hocke. Keine Vertraulichkeiten, im Endeffekt war es eine geschäftliche Angelegenheit. Es war besser, sich nicht zu sehr an ihre Gegenwart zu gewöhnen. Nur kurz hatte er in ihr rundes Gesicht geschaut, dann blickte er auf das Kind, das sie in den Armen hielt. Lange betrachtete er schweigend das kleine Gesicht, den schwarzen Flaum auf dem runden Köpfchen, die streng zusammengezogenen, noch kaum sichtbaren Brauen. Die Ähnlichkeit war nicht zu leugnen.


    »Und was sagst du?«, fragte Kunigunde.


    Leopoldius nickte. »Ich erkenne ihn an als von mir gezeugt. Wir sind im Geschäft. Es wird geschehen, wie vertraglich zugesichert: Einmal im Jahr möchte ich das Kind lebend sehen, ohne dass mir der Termin vorher mitgeteilt werden darf. Je weniger Mitwisser es gibt, umso weniger Sicherheitslücken. Ich bilde dabei keine Ausnahme. Wer sein Vater ist, darf er niemals erfahren, so wenig, wie er jemals meinen Namen tragen oder auf dem Thron sitzen soll.«


    Seine Worte fühlten sich an wie Klingen im Mund. Er erhob sich, ohne seinen Sohn berührt zu haben, als würde er fürchten, das Übel seiner Familie könne ansteckend sein. Ein Hohenfelde zu sein, fühlte sich an wie ein Fluch. Er kannte niemanden dieses Namens, der je glücklich gewesen war. Sie alle starben dürr und verbittert mit einem Dolch zwischen den Rippen, wenn es Zeit war, den Platz auf dem Thron zu räumen. Eine Flucht würde nichts nützen, Leopoldius würde das Gift nur im Herzen in das neue Land tragen und dort würde es weitergehen wie bisher. Sein Sohn hatte nur eine Chance, wenn er nicht als Hohenfelde aufwuchs.


    »Er hat deine blauen Augen geerbt«, sprach Kunigunde zärtlich. »Überhaupt ist er dir sehr ähnlich.«


    Leopoldius löste den Blick von seinem erstgeborenen Sohn. »Die Ähnlichkeit ist gut für deinen Geldbeutel, nicht gut für ihn. Ich hoffe, dass er nur äußerlich nach mir schlägt und ansonsten ganz nach deiner Familie kommt. Vergiss niemals unseren Vertrag. Das Gold, das ich deinem Mann bei jedem Besuch überreichen werde, dient nicht nur dazu, meinem Sohn ein würdiges Leben zu ermöglichen. Zehn Prozent davon sind dir zugedacht, als Schmerzensgeld für die Entbindung und als Schweigegeld für deine Zunge. Offiziell bin und bleibe ich kinderlos. Bricht einer von euch den Vertrag, ist euer Leben verwirkt. Ich finde euch überall, in welchem Winkel von [definition='6','0']Asamura[/definition] ihr euch auch versteckt.«


    Sie lachte unbeschwert, als würde er nur scherzen. Eine völlig unangebrachte Reaktion in Gegenwart eines Hohenfelde. »Das Schweigegeld ist nicht nötig. Ich weiß, wie wichtig mein Schweigen für die Sicherheit von Benji ist. Du hast mir von den Problemen in deiner Familie erzählt. Aber ich glaube auch, dass du dir zu viele Sorgen machst. Auf dem Festland ist er sicher.«


    »Probleme? Hier nennt man Mordlust nicht Problem, sondern Tradition.« Leopoldius hatte nie den Namen des Kindes erfahren wollen. Am liebsten hätte er ihn auch niemals gesehen, doch es gab keine andere Garantie dafür, dass Kunigunde und ihr Mann ihn nicht betrogen.


    Kunigunde lächelte. »Er ist nicht allein dein Sohn«, fuhr sie fort, »sondern ebenso meiner. Auch Pavel hat ihn ins Herz geschlossen. Meinem Gatten und mir wäre ohne dich nie ein eigenes Kind vergönnt gewesen.«


    Leopoldius schnaubte. Dass er nichts als ein Samenspender und ein Geldesel war, wusste er. Andererseits war es vielleicht gut, dass auch sie das so sah. Es würde den Abschied und seine einsamen Nächte in einem zu großen Bett leichter machen.


    Kunigunde überging sein Schnauben. »Nach Pavels Tod wären Land und Besitz von Generationen verloren gewesen«, plauderte sie, mit ihren roten Wangen und den leuchtenden Augen ein fast schon grotesker Gegensatz zu der finsteren Gestalt, die ihr gegenüber hockte. »Pavel kann ja nichts dafür. Nun hat er endlich seinen Sohn. Pavel wird Benji lieben wie sein eigen Fleisch und Blut. Es wird deinem Sohn gut gehen und er wird in Liebe aufwachsen.«


    »In Liebe.« Leopoldius bestätigte die Worte, ohne zu wissen, wovon sie sprach. Sein Blick trübte sich, als er an seine eigene Kindheit zurückdachte. Er hätte es gern besser gemacht, doch das einzige Geschenk, das er seinem Sohn erweisen konnte, bestand darin, ihm niemals Vater zu sein. Leopoldius musste die Rolle des Handelspartners spielen, der den almanischen Kapitän Pavel Bovier für seine Getreidelieferungen großzügig entlohnte.


    Leopoldius hob den Blick, betrachtete die Frau, die er nur einmal im Jahr sehen durfte. Würde ihr nächstes Kind ihm nicht ähnlich sehen, würde er weiterhin nur für eins zahlen. Anders konnte er nicht sicherstellen, dass sie nicht noch mit einem dritten das Lager teilte. Seine Lust machte sich bemerkbar bei dem Gedanken.


    »Er schläft«, sagte Leopoldius. »Bette Benji doch für eine Weile in seine Hängematte.«


    Als der Kleine dort weiterschlummerte, legte Leopoldius die Hände an Kunigundes Schultern. Er küsste ihren Hals, während er sie rücklings in die Koje schob und ihr mit fahrigen Fingern das Kleid von den Armen zog. Mit den Zähnen riss er ihr Brustband nach oben und drang hart in sie ein. Weniger als eine halbe Stunde war ihnen vergönnt. Die letzten Minuten mit Kunigunde musste Leopoldius mit seinem Sohn teilen, der ihm zu verstehen gab, dass der Vater störte. So winzig, wie der Kleine war, konnte er doch schon Eifersucht empfinden. Sein penetrantes Gequengel verhinderte jeden weiteren Genuss.


    Als Leopoldius Pavel schließlich das Säckchen mit dem Gold in die Hand drückte, taxierten die beiden Männer sich. Leopoldius roch nach Leidenschaft. Es war Teil der Vereinbarung. Der Kapitän und der Fürstensohn waren eine Symbiose eingegangen, die beiden Schmerzen zufügte.


    »Danke«, sagte Pavel förmlich.


    »Ich habe zu danken«, erwiderte Leopoldius steif.


    Als das Schiff zurück in Richtung Osten segelte, war Leopoldius froh über Regen und Wind, die ihm wie ein stinkender feuchter Atem ins Gesicht hauchte. Er sah dem Schiff nicht nach, sondern marschierte zielstrebig zurück nach Hohenfelde. Die Zitadelle warf einen langen Schatten und sie trug seinen Namen. Doch es war nicht der Name seiner Familie und gleichsam nicht deren zu Hause. So wenig, wie die Familie Bovier seine Familie war. Weder Namensgleichheit noch Blutsverwandtschaft waren geeignet, den Zustand einer Familie zu begründen. Was es sonst sein könnte, lag außerhalb des Verständnisses von Leopoldius. Er konnte nur sagen, was eine Familie alles nicht war, denn er kannte nur den Zustand des Mangels. Im Kampf um den Thron focht und starb jeder allein.


    Er prüfte den Sitz seines Dolches, als er durch das schwer bewachte Eingangsportal trat.