Eisenmänner - Der Alltag eines almanischen Ritters im Asameischen Mittelalter

  • Eisenmänner

    Der Alltag eines almanischen Ritters im Asameischen Mittelalter


    Mein Name ist Chirag de Dupont. Wie mein Name verrät, gehöre ich dem souvagnischen Adel an. Manche würden mich wohl einen Edelmann nennen, doch klingt das für meine Ohren zu vornehm für jemanden, der dem niedersten Adelsstand angehört. Ich möchte dir davon berichten, wie mein Alltag sich gestaltet, dann wirst du verstehen, was ich meine.


    Unter einem Edlen stellen sich die meisten einen Mann vor, der in prächtigen Gewändern Bälle besucht und in einem noblen Anwesen residiert. Einen, dem das gute Leben einen Wohlstandsbauch bescherte und der den Mangel nicht kennt. Das mag auf den Hochadel zutreffen, auf den Marquis, der mit dem Duc per Du ist und in den meisten Fällen auch mit ihm verwandt, doch wir Ritter sind der niederste Adelsstand. Wir kennen die Nöte des Volks besser als die hohen Herren, denn wir leben mit dem Volk eng zusammen und haben täglich mit ihm zu tun.


    In Souvagne nennt man den Ritter Chevalier. Und meinen Lehnsherren, den Grafen, Comte. Mein Lehen wurde unsere Vorfahren vom Comte de la Cantillion verliehen für unsere treuen Dienste. Das Land gehört mir also nicht wirklich, es wurde uns nur zur Verwaltung anvertraut. Ein Fehler kann dafür sorgen, dass man uns entadelt und es meiner Familie wieder entreißt. Der Staat kennt kein juristisch genehmes Mittel, das zu verhindern. Die vermeintliche Sicherheit des Chevaliers ist ein Irrtum, alles hängt beständig in der Schwebe. Vom Vater an den ältesten Sohn wurde unsere Scholle über die Generationen weitergegeben, zusammen mit allen Rechten und Pflichten unseres Standes, und manche sagen: Die Bürde wurde weitergereicht. Momentan trag ich sie, Chevalier Chirag, Familienoberhaupt derer de Dupont.


    Alles, wovon ich lebe, habe ich mühsam erwirtschaftet. Die Menschen, die mir ihren zehnten Teil überlassen und Frondienste leisten, sind arme Bauern. Ihnen verpachte ich meine Äcker, Weiden und Weinberge. Der Ertrag ist gering im Verhältnis zu den Mühen, die sie darauf verwenden. Wir alle müssen umsichtig wirtschaften, der Bauer wie der Ritter, denn auch ich diene einem höheren Lehnsherrn, dem ich verpflichtet bin, dem schon erwähnten Comte. Und dieser wiederum muss dem Marquis Rechenschaft leisten, so dass er wie ein Geier über meinen Handlungen kreist. Ich meinerseits muss gleiches beim Volk tun. Achte ich nicht sorgfältig auf die Bevölkerung, so glaubt jeder Bauer, er könne sich alles erlauben. Komme ich meinen Pflichten gegenüber dem Comte nicht nach, so droht er mir und weiß Mittel und Wege, seinen Worte Nachdruck zu verleihen. Von ihm erhoffen wir Ritter uns Schutz und Schirm, doch fordert er viel dafür, weil auch von ihm viel gefordert wird, und manches ist nur unter größter Anstrengung und auf Kosten der Nachhaltigkeit zu leisten.


    Reich wird ein Chevalier unter diesen Bedingungen nicht. Die vom Comte versprochene Sicherheit gibt es an keinem Tag. Setze ich nur einen Fuß aus dem Haus, droht die Gefahr, dass ich auf Leute stoße, die einem anderen Comte dienen, die mich anfallen und gefangen nehmen. Wenn ich Pech habe, kann ich die Hälfte meines Vermögens als Lösegeld geben, damit mein Comte mich von meinem eigenen Vermögen freikauft. So wendet sich der erhoffte Schutz ins Gegenteil und wird ein übler Fluch. Die Feinde meines Comte sind auch meine Feinde, selbst wenn sie mich nicht kennen.


    Deshalb halten wir Ritter uns Pferde und reiten nur bewaffnet, umgeben uns stets mit großer Gefolgschaft, was allein schon nicht wenig kostet. Keine zwei Äcker können wir unbewaffnet gehen, keinen Bauernhof ohne eine Klinge an der Seite besuchen, selbst bei der Jagd müssen wir in Eisen gepanzert sein. Nicht umsonst nennen uns die Rakshaner Eisenmänner, denn anders sieht man uns nie unter freiem Himmel.


    Wenn ich nicht meine Scholle bereise, um überall regelmäßig nach dem Rechten zu sehen, arbeite ich als Richter und Schlichter an meinem bescheidenen Burghof. Zwischen meinen eigenen Bauern und auch zwischen ihnen und fremden Bauern hören die Streitigkeiten niemals auf. Kein Tag vergeht ohne Klagen und Gezänk, die ich mit größter Umsicht beizulegen versuche. Auch versuchen sie freilich, mich zum eigenen Vorteil dabei zu betrügen.


    Auch um eigene Belange muss ich mich dabei kümmern. Verteidige ich das Meine allzu innig oder verfolge auch nur ein begangenes Unrecht, erklärt mir der Ritter der fremden Bauern die Fehde. Lasse ich zu viel Nachsicht walten oder verzichte ganz auf mir Zustehendes, so gebe ich mich Übergriffen von allen Seiten preis. Was ich dem einen nachsehe, beanspruchen sofort auch alle anderen.


    Schutz und Schirm sind relativ, denn in solchen Situationen ist der Chevalier auf sich alleingestellt. Nur ein Narr wendet sich in der Not an seinen Comte, um sich bei ihm zu beklagen, denn es gäbe dazu so viele Gründe, dass er darin ertrinken würde, hörte er sie sich alle an. Folglich hält seine Geduld mit den Klagenden sich in Grenzen. Wer es doch tut, beweist in seinen Augen nur Unfähigkeit, sein Lehen eigenverantwortlich zu verwalten. Der Comte wird dann zusehen, einen solchen Ritter schnellstmöglich loszuwerden, sei es durch Entadelung oder heimtückischen Mord, und durch einen fähigeren Mann zu ersetzen. Man sollte ihn also nur um Hilfe bitten, wenn es anders nicht möglich ist.


    Um das Schlimmste zu verhüten, lebt der Chevalier in einer Burg. Mit einem zu Hause, wie man es sich unter diesem Begriff vorstellt, hat ein solches Anwesen wenig zu tun. Gleichgültig, ob eine Burg oben auf einem Felsen errichtet wurde, wie unsere Gewitterfeste, oder ob sie in weiter Ebene steht, wie der Sonnenstein, so ist eine Burg in jedem Fall nicht zur Behaglichkeit, sondern zur Wehr erbaut. Alles ist auf Pragmatik ausgelegt.


    Außen umringt sie ein Graben, innen drückt ein Wall die Gebäude auf kleinstem Raum zusammen. Die Menschen, auch der Ritter selbst und seine Familie, leben zusammengepfercht mit den Viehställen und Wohntrakten der Bediensteten. In den Gassen findet man kaum den Platz, aneinander vorbei zu gehen, ohne einander zu berühren. Auf dem kleinen Marktplatz stinken Vieh und Menschen um die Wette, und der Duft ihres Unrates ist auch nicht lieblicher.


    Die Fenster der Gebäude sind klein, um die Wärme drinnen zu halten. Verschlossen werden sie mit hölzernen Rahmen, in die man eine Tierhaut gespannt hat, denn Glasfenster sind für uns zu teuer. Wird es zu kalt, schließt man auch den äußeren Fensterladen, der ganz aus Holz besteht. Die Zimmer sind deshalb insbesondere in der kalten Jahreszeit rechte Dunkelkammern, in denen man nur die Wahl hat, nichts zu sehen oder im schwarzen Rauch von Öllampen und Kaminfeuer seine Lunge zu ruinieren.


    Im Winter friert man erbärmlich, denn jedes Holz muss von Bauern geschlagen werden, die in dieser Zeit für andere Arbeiten fehlen. Eine kleine Gruppe Männer benötigt mehrere Tage, um eine einzige Eiche zu fällen und sie zu Scheitholz zu verarbeiten. Der Verbrauch einer ganzen Burg ist enorm und so muss man das Brennholz sorgsam rationieren und kann nur einen kleinen Teil der Räume heizen.


    Der Lärm auf einer Burg ist auch nicht zu verachten. Tagsüber brüllen die Rinder und blöken die Schafe, es bellen die Hunde und auf den Feldern schreien die Arbeiter. Wagen und Karren rumpeln über das Kopfsteinpflaster.


    Reiter strömen durch das Tor, darunter die Spione von Adligen, die mit mir verfehdet sind, oder jene Männer meines Comte, die sich der peniblen Erfüllung meiner Pflichten versichern. Diebe, Räuber, Wegelagerer und Söldner kommen und gehen mit ihnen durch das Tor, denn Truppen, um das Gedränge am Tor zu kontrollieren, kann ich nicht bezahlen. Ich bin froh, wenn meine Mannen ausreichen, um für meine persönliche Sicherheit zu sorgen. Diese fremden Reiter suchen Arbeit, die ich ihnen nicht geben kann, oder stehlen, suchen Liebschaften oder schnüffeln ziellos herum, weil sie nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen in ihrer eigenen Not. Unsere Burgen stehen allem möglichen Volk offen und lassen sie kommen und gehen, da wir den Einzelnen nicht kennen und uns auch nicht sonderlich um ihn kümmern. Man muss die Risiken des Tagewerks erdulden, da man sie nicht ändern kann, damit alles in ausreichender Effizienz seinen Gang gehen kann.


    Jeden Tag sorgt man sich um den folgenden, ist in Bewegung und voll innerer Unruhe. Man verwaltet und rechnet, richtet und schlichtet, reitet aus zur Inspektion oder zu Verhandlungen, bekämpft Räuber oder verjagt das Volk von anderen Herren, dass sich an meinem Lehen bedient und das Wild meines Comte wildert. Täglich treffen Briefe ein mit Beschwerden und Drohungen, weil meine Bauern das Gleiche auf fremdem Lehen taten, weil sie Wild und Holz stahlen oder weil sie die Bauern eines anderen Chevaliers überfielen.


    Zur Abenddämmerung schließen wir das Tor. Da man bei Dunkelheit nichts mehr sieht, kommen Mensch und Tier zur Ruhe. Nachts hört man vor der Mauer die Wölfe heulen. Wenn man sich noch nicht zu seinem zahnlosen Weib in das von Schaben wimmelnde Bett legt, sondern der Wache auf dem Wehrgang der Mauer einen Besuch abstattet, zeigt der Wächter einem manchmal die Feuer von Gesindel in der Ferne, von Leuten, bei denen wir alle froh sind, dass sie im kalten Wind bei den Wölfen ausgesperrt bleiben. Vielleicht werden sie bei Tagesanbruch weiterziehen, vielleicht sich unter die Reiter mischen, um in meine Burg zu gelangen, vielleicht werden sie auch den Sonnenaufgang nicht mehr erleben, weil ihnen von ihresgleichen im Schlaf die Kehle durchgeschnitten wurde.


    Schutz und Schirm lautet der Treueschwur, doch müsste er eher lauten Mühsal und Undank. Und dass manch einer meines Standes zum Raubritter wird, weil er keine andere Möglichkeit mehr sieht oder es einfach satthat, ist wohl nicht allzu schwierig nachzuempfinden.

    "Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt."
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