Der Reliktjäger

  • divider.png


    Der Reliktjäger



    sodomio.jpg





    ╔═.✵.═════════════════════╗


    Wo Schatten durch die Höhlen huscht

    Und Klauenhand mit Reichtum spielt

    Der Jäger leis vor Blicken kuscht

    Und Dolch im Dunkel blitzend zielt


    Wo Träume man mit Eisen kauft

    Und Jäger werden blutgetauft

    Dort ist`s, wo man Relikte jagt

    Und jeder fällt, der hier versagt.


    ╚═════════════════════.✵.═╝





    Vorwort


    So spät noch unterwegs? Setz dich zu mir ans Feuer. Keine Furcht, meine Rüstung und die Waffen gelten einem anderen. Die Nächte sind kalt in der Wüste und niemand sollte allein reisen, bei mir bist du sicher. Mach es dir auf der Decke bequem, sie ist groß genug für zwei. Bedien dich ruhig an den Datteln, hier an der Oase gibt es noch mehr. Du siehst aus, als wärst du weit gereist. Vor allem siehst du aus, als würdest du ein gutes Geschäft erkennen. Pst, nicht so laut. Natürlich spreche ich von den Relikten. In der Tiefe unter diesem Sand harren die wertvollsten Exemplare noch immer ihrer Entdeckung. Und das erklärt auch meine martialische Aufmachung, du hast nicht irgendwen vor dir.


    Als Fremder kannst du es nicht wissen, aber der Taudis, mein Freund, ist kein Mythos. In Tamarant, nur einen Tagesmarsch von hier entfernt, weiß man um die Wahrheit und kennt den Weg hinab. Du musst nur den Richtigen danach fragen. Ja, eine Prise Wahnsinn gehört zweifelsohne dazu, in den Abgrund zu steigen. Wenn du mir noch etwas Gesellschaft leistest, wirst du verstehen. Eine gute Geschichte ist der Einsamkeit vorzuziehen, nicht wahr? Lass uns gemeinsam auf den Sonnenaufgang warten.


    Gestatten, Sodo Mio. Reliktjäger.


    Andere nennen sich Dantai Nageltod, Chalkas der Schlächter oder Yan Sanguini. Lug und Trug gehören in den Kreisen meiner Zunft zum guten Ton. Nichts im Taudis ist, wie es scheint, das ist das erste Gesetz der Tiefe.


    Du merkst, vor dir sitzt ein Profi. Ich berge dir jedes Relikt, nach dem du dich sehnst, auch wenn es im Laufe der Jahrhunderte scheinbar verloren ging. Dafür gibt es schließlich Dienstleister wie mich, denen du deine geheimen Wünsche anvertrauen kannst. Sodo Mio findet sie alle. Vorausgesetzt, du hast das nötige Kleingeld übrig.


    Und weil du mir so sympathisch bist, werde ich dir eine detaillierte Kostprobe meines Könnens liefern. Wir haben ja Zeit, die Nacht ist jung. Rieche den süßen Duft des Palmenhains, der sich mit dem Lagerfeuer vermischt, spüre die sanfte Brise dieser klaren Wüstennacht, lehne dich zurück und lausche meiner Geschichte. Danach wirst du keinen Zweifel mehr hegen, dass ich der richtige Mann bin, um das Relikt deiner Träume zu bergen.


    Du wirst erfahren, warum ich diesen gefährlichen Beruf ergriff, mir beim Alltag an der Oberfläche über die Schulter schauen und meine tödlichsten Rivalen kennenlernen. Ich nehme dich mit in eine waschechte Reliktjägerkneipe, wo es seltsame kulinarische Kunstwerke gibt und wo ich erfuhr, dass Frischobst nicht sehr angsteinflößend wirkt. Du schaust mir bei den Vorbereitungen für eine äußerst vielversprechende Reliktjagd über die Schulter, lernst, wie man Flachechsen durch einen einfachen, aber schmerzhaften Trick erlegt, dass Knochenseife im Notfall essbar ist und wozu Marmelade so alles gut sein kann.


    Ich nehme auch kein Blatt vor den Mund, wenn ich darüber berichte, welch raffinierte Fallen ich für meine Rivalen ersinne, zum Beispiel das selbstgebaute Haarige Relikt, welches eine nette Überraschung in sich birgt. Und ich berichte ebenfalls – wenn auch ungern – über diejenigen Pläne, die fürchterlich schiefgelaufen sind und mich fast umgebracht hätten. Es wird eine gewaltige Explosion geben und nicht alle, die mit uns zusammen durch den Taudis wandern, werden wieder daraus zurückkehren.


    Kurz: Du wirst erleben, was es heißt, ein Reliktjäger zu sein.


    Wenn du den Mut hast, dem Tod in die leeren Augenhöhlen zu sehen und mit mir hinab zu steigen in die Finsternis, dann bist du auch würdig, die andere Seite kennen zu lernen, den Mann hinter der Maske, der schlussendlich den stärksten aller Gegner bezwingen muss – sich selbst.


    Folge mir nun in die Geschichte, wenn du dich traust.

  • sonnenuntergang.png

    Zurück ins Leben

    Versteh mich nicht falsch, viele haben es weitaus schlimmer als ich, aber es gibt Zeiten, da glaube ich an den Fluch meiner Geburt, an die verderbliche Wirkung des roten Lichts von Daibos, dem kleineren der beiden Monde. Er hatte sich in dieser Nacht vollständig vor Oril geschoben und das weiße Licht verdeckt. Mein Leben lang wurde ich von einer schier unglaublichen Pechsträhne verfolgt.


    Als ich beim Militär war, bekam ich zum Beispiel das Sumpffieber und lag im Sterben. Das ist vor allem darum ungerecht, weil es sich um eine Krankheit handelt, die man sich üblicherweise in einem Freudenhaus einfängt – nur, dass ich nie einen Fuß in eines gesetzt hatte! Irgendein Kamerad musste mich beim Training angesteckt haben und so lag ich völlig unverdient im Lazarett und starb.


    Über mir sah ich die graue Trollnase von Cherax, die zwischen den imposanten Hauern spitz nach unten zeigte. Er betete, aber nicht etwa für meine Genesung, wie es jeder Freund tun sollte, sondern für Folgendes: «O Rakshor, Herr des Chaos, prüfe diesen jungen Mann, mach seine Tage zu einer Zeit der Mühsal und der Prüfungen und führe ihn auf den Pfad der Rechtschaffenheit. Möge sein Leiden ihn zu einem besseren Mann machen.»


    Dann bin ich nicht gestorben, ich habe nur alles verloren, was ich je geliebt habe, und ich habe sieben Jahre lang tausendfache innere Qualen ertragen. Trollhumor? Die fragwürdige Liebe des Chaosgottes? Oder einfach nur unfassbares Pech? Ich vermag darauf keine Antwort zu geben.


    Diese Geschichte beginnt also während meiner Genesung, als ich dachte, es würde nach den qualvollen Tagen des Siechtums wieder aufwärts gehen. Auf der Bettkante sitzend genoss ich meinen Tee und blinzelte in das Licht. Die aufgehende Sonne lockte rötlich durch das mit einem Zwerchfell bespannte Barackenfenster. Glas wäre für ein Söldnerlager reichlich dekadent gewesen. Ich leerte den Tonbecher, stellte ihn auf den Nachttisch und erhob mich, um meine ersten Schritte zu gehen.


    Sie führten mich zu unserem Feldscher. «Möchte mich gesund erklären lassen», verkündete ich froh.


    Er hob die Brauen. «Dann einmal freimachen für die Abschlussuntersuchung.»


    Lorenzo war ein besonders penibles Exemplar von einem Feldscher. War ich es bisher gewohnt, dass sie einen auch einbeinig, einarmig und einäugig in die Schlacht schickten, so lange man kriechen und eine Waffe halten konnte, war dieser das Gegenteil. Sein Lazarett platzte grundsätzlich aus allen Nähten und selten war ein Bett leer. Bei den fauleren Kameraden erfreute er sich entsprechender Beliebtheit, aber ich, der mehrere Woche ans Bett gefesselt gewesen war, während denen ich in eine Flasche pinkeln und mein Geschäft in eine Pfanne verrichten musste, war froh, wieder gesund zu sein. Ich wollte raus hier, den Geruch der Kranken hinter mir lassen, zurück zu meinen Kameraden, zurück ins Leben!


    «So richtig gefällst du mir noch nicht», stellte er fest.


    Ich grinste. «Die grüne Haut täuscht. Die ist bei Halborks normal.»


    Er überging den schlechten Witz und drückte an meinen Lymphknoten herum. Dann stemmte er die Hände in die Hüften und musterte mich mit einer hochgezogenen Braue. Ich breitete die Arme aus und drehte mich einmal langsam im Kreis, grinsend von Ohr zu Ohr.


    Er seufzte resigniert. «Na schön. Ich schreibe deinen Puls auf. Dann gehst du eine Runde ums Lager und kommst wieder her, damit ich ihn noch einmal messen kann. Danach rennst du eine Runde. Wenn alle drei Werte gut sind, entlasse ich dich.»


    «Was sind schon Zahlen. Ich fühle mich großartig.»


    Doch Lorenzo blieb stur.


    Ich unternahm also meinen ärztlich verschriebenen Spaziergang. Die frische Morgenluft duftete nach Pinien und Harz. Die Morgendämmerung zog ihren roten Schleier von Osten her über den Himmel. In Armeestiefeln und Nachthemd bot ich sicher einen besonderen Anblick, zumindest sorgte die Aufmachung für gute Laune, als ich meine Kameraden auf dem Wall besuchte. Weil wir keine Soldaten waren, sondern Söldner, ging alles recht locker zu, wenn Kommandant Meqdarhan nicht in der Nähe war. Ich wurde geklopft und geknuddelt. Dass ich ein Halbork bin, spielte in dieser zusammengewürfelten Truppe keine Rolle. Wir dienten keinem Land, Herrscher und Grenzen waren für uns nicht von Interesse, uns lockte nur die klingende Münze.


    Die meisten von uns waren Naridier oder stammten aus einem der almanischen Großherzogtümer. Aber wir hatten auch einen Kameraden, bei dem vermutlich ein Tiefling in der Ahnenreihe mitgemischt hatte, ohne dass er auch nur einen Funken magische Begabung besitzen würde, aber der rattenartige Schwanz, den er schamvoll in seiner Hose versteckte und für sehr viel Neugier sorgte, machte ihn schon irgendwo verdächtig. Und dann waren da noch Felsentroll Cherax und Halbork Kobro – mein bester Freund und ich. Hier zählte nicht die Haut oder die Form der Ohren und Zähne, sondern nur, dass einem das Herz eines Söldners in der Brust schlug.


    Mein Weg führte mich den getrampelten Weg um das Lager herum. Meine Schritte waren leicht und ich fühlte mich frei. «Ich bin gesund», dachte ich glücklich. «Ich bin gesund!» Dann rannte ich, eine Runde nach der anderen, bis das Nachthemd schweißnass an meinem Rücken klebte.


    «Schreib mich dienstfähig», forderte ich von Lorenzo, der sich darüber ärgerte, dass ich die Pulsmessung nach dem Spaziergang übersprungen hatte. Dennoch waren meine Werte hervorragend, daran ließ sich nicht rütteln, was ihm zu missfallen schien. Er bevorzugte es, wenn seine Patienten nach der Genesung noch ein paar Tage Kraft tankten. Also musste ich mir zur Strafe wenigstens noch seine demütigende Belehrung über angemessenes Verhalten in Freudenhäusern anhören.


    «Ich war in keinem Freudenhaus», wiederholte ich zum hundertsten Mal.


    Sein ausdrucksloser Blick sprach Bände. Er war der Lügen überdrüssig, obwohl ich gar nicht log, und setzte seine Litanei fort, die er nun auch um Huren in Gasthäusern und an Straßenrändern erweiterte, obwohl ich die genau so wenig in Anspruch genommen hatte. Mit meinem Körper stand ich, aller Toleranz meiner Kameraden zum Trotz, auf ewigem Kriegsfuß, und ich hätte zu dieser Zeit niemanden in solcher Nähe gewollt. Aber wer glaubt das schon einem jungen Söldner der im vollen Saft steht und auf Moral und Anstand einen feuchten Kehricht gibt?


    Irgendwann war die Belehrung vorbei, die ich stoisch über mich ergehen ließ, und dann war ich frei.


    Mein Leben wäre anders verlaufen, hätte ich auf Lorenzo gehört und wäre im Bett geblieben. Aber ich hätte jederzeit genau so entschieden. Das Leben ist der Augenblick, den du verpasst, während du dich über die Vergangenheit ärgerst und vor der Zukunft zitterst. Und bei all den Fehlern, die ich zweifelsohne beging, unterlief mir dieser eine nicht. Ich habe aus vollem Herzen gelebt, zu jeder Sekunde meines rotmond-verfluchten Daseins, ich habe gelebt, und ich lebe noch immer!

  • krieger.png

    Das Signal

    Als der Hornist das Signal blies, stand ich gerade nackt vor der Waschschüssel in meiner Baracke, das Rasiermesser in der Hand. Zügig wischte ich mit der Hand mein Kinn ab, rubbelte mich in Windeseile trocken und ließ mir in die Rüstung helfen. So viel Zeit muss sein, denn erstens darf niemand über meine herumliegenden Sachen stürzen und zweitens sieht man im Gefecht nichts, wenn einem Seife ins Auge fließt. So verlief die Unterbrechung der morgendlichen Abläufe recht geordnet, wir alle waren erfahren und routiniert. Niemand konnte mir sagen, was los war. Das erfuhren wir erst beim Antreten von unserem Kommandanten Garlyn Meqdarhan.


    «Aaaa-chtung!»


    Wir schlugen die Stiefel zusammen und strafften die Haltung. Scheinbar war noch Zeit für solche Spielchen. Der rothaarige Naridier wirkte nicht übermäßig angespannt, ein Haudegen von etwa vierzig Jahren, groß, bullig, laut. Ich blickte unterdessen auf den hypnotisch pendelnden Fuchsschwanz an seinem Gürtel, wohl ein Glücksbringer. Meqdarhan brauchte sich jedenfalls nicht zu beschweren, wenn ihm alle auf den Hintern schauten statt ins Gesicht.


    «In der Nacht sind Landungstruppen der Oltremarini von Bord gegangen», donnerte er. «Gestern Mittag haben sie ein Dorf geplündert. Unsere Aufgabe besteht darin, sie aufzuhalten, bevor sie weiteren Schaden anrichten.»


    Ah, ja. Die Oltremarini mal wieder. Sie waren uns Söldnern nicht unähnlich, denn auch sie kämpften unter anderer Flagge. Der Unterschied war nur, dass sie zur See fuhren und ihnen am Ende ihrer Dienstzeit die Staatsbürgerschaft Ledwicks winkte. Das hielt sie nicht davon ab, regelmäßig irgendwo einzufallen und sich wie Piraten zu benehmen. Vielleicht hätte ihr Dienstherr sie davon abhalten können, aber Fakt war, dass er es nicht tat und die Plünderungen duldete. Aber zum Ausgleich gab es ja Männer wie mich.


    Gemeinsam marschierten wir ins Feld, um Stellung zu beziehen. Wir hatten unser Ziel noch nicht erreicht, da fielen sie uns in die Flanke. Die blutigen Einzelheiten erspare ich dir an dieser Stelle und beschränke mich darauf, dass wir fielen wie die Fliegen. Es war aussichtslos, bald waren wir überall verstreut, und ich zog die einzig logische Konsequenz. In einem Versteck wartete ich auf einen günstigen Augenblick. Auf Fahnenflucht stand die Todesstrafe, deswegen war es überlebenswichtig, den bestmöglichen Zeitpunkt abzupassen.


    Mein großes Gebüsch schien auch auf andere einladend zu wirken. Plötzlich tauchte einer meiner Kameraden neben mir auf, keuchend, die Rüstung besprenkelt mit Blut. Ich wollte nach dem Kurzschwert greifen, damit er mich nicht verpfeifen konnte, doch er legte die Hand auf meinen Arm. «Kobro! Was machst du hier? Bist du verletzt?»


    Zu meiner Erleichterung erkannte ich Cherax. Er nannte mich bei dem Namen, den ich zu dieser Zeit noch trug - den Namen meiner Geburt, denn damals war ich nur ich selbst. Durch sein Visier sah ich, dass die graue Haut des Trolls feucht glänzte.


    «Mir geht es gut», zischte ich. «Vorausgesetzt, du verpfeifst mich nicht.»


    Ungläubig starrte er mich an. «Willst du abhauen? Du weißt, was dir blüht, wenn Meqdarhan dich erwischt!»


    «Dann sorg dafür, dass das nicht geschieht. Das hier ist kein Gefecht, das ist ein Schlachtfest!»


    Cherax war seit acht Jahren mein Mentor und Freund. Aber er war auch prinzipientreu, weshalb ich allein hatte fliehen wollen. Er hätte dem nie zugestimmt.


    Meine Ohren richteten sich ohne mein Zutun nach den Geräuschen aus, spitz und beweglich wie die meiner Mutter. Stahl schlug auf Stahl und auf Knochen, ich konnte jedes Geräusch zuordnen, denn ich kannte sie alle. Dafür musste ich nicht durch das Dickicht blicken. Eine Stimme, die ich zu hassen gelernt hatte, brüllte Befehle: Kommandant Meqdarhan, der für vieles bekannt war, aber nicht für seine Milde. Er schien ziemlich nah zu sein. Jemand flehte um Gnade, bis ein dumpfes Hacken erklang.


    «Wir müssen hier weg», zischte ich. «Die sind jeden Moment hier!»


    «Und wohin? Welches Söldnerlager akzeptiert Deserteure? Feigheit spricht sich herum. Gerade du als Halbork fällst auf wie ein bunter Hund. Zeig Rückgrat und kämpfe.»


    «Ich bin durch mit Meqdarhan! Sei ein letztes Mal ein Freund und schweige, sobald ich losspurte.»


    Es blieb keine Zeit mehr. Wenn ich fliehen wollte, musste ich das schnellstmöglich tun. Wir sahen uns an. Cherax trug den gleichen leichten Panzer wie ich, ein schlecht sitzendes Etwas voller Scharten und Rost. Darunter lag polsternde Kleidung aus geflecktem Kuhfell. Als Söldner waren wir entbehrlich und das sah man unserer Ausrüstung an.


    Ich wollte losrennen, da packte Cherax meine Schulter und hielt mich mit einiger Gewalt zurück. «Halt!»


    «Cherax», grollte ich gereizt. «Ich schwöre dir-»


    «Lauf nicht in diese Richtung. Halte dich südlich. Meqdarhan hat Bogenschützen postiert, die jeden Fahnenflüchtigen abschießen.»


    Ungläubig sah ich ihn an. «Aber dort ist nur endloser Wald!»


    «Von wegen, es ist nicht mehr als ein Streifen. Achtung!»


    Schnell drückte ich mich gegen die Stämme. Vor uns bildete das herabhängende Geäst einen Schleier, ziemlich dürr allerdings, der Sommer war ungewöhnlich heiß und trocken. Sich unsichtbar zu machen ist keine leichte Übung für einen kräftigen Halbork. Auch Cherax presste sich neben mich. Plötzlich änderte sich die Geräuschkulisse. Die Rufe wurden hektischer, die Kommandos unkoordinierter. Widerworte erklangen, ein Streit brach aus und mit einem Mal herrschte um uns herum das reinste Chaos.


    Unsere Gegner stürmten die Stellung der Söldner, gerüstet in Schwarz und Türkis. Der weiße Seelöwe auf ihrem Banner flatterte im Wind, darunter der schwarze Kormoran. Ihre hervorragende Ausrüstung trieb jedem Kenner des Kriegshandwerks die Freudentränen in die Augen. Oder, in meinem Fall, Schweißtropfen auf die Stirn.


    «Das ist Wahnsinn, Kobro, du hast da draußen keine Zukunft», flüsterte Cherax.


    «Spar es dir», fauchte ich. Allein die Tatsache, dass vor uns das Chaos herrschte, verhinderte, dass ich die Beine in die Hand nahm. Dass ich nichts konnte, außer zu kämpfen, wusste ich selbst. Ich hatte nie gelernt, mich im Zivilleben zurechtzufinden.


    «Es muss wohl so geschehen», sagte er resigniert. «Also hör zu. Die Schützen lauern westlich. Der Weg durch den Wald führt hinaus in die Wildnis. Du hast nicht gekämpft, du bist ausgeruht und schnell. Wenn sie auf uns schießen, werden sie dich nicht kriegen und ich habe auch noch ein paar Reserven.»


    «Du begleitest mich?»


    «Acht Jahre habe ich die Richtung vorgegeben und du bist mir auf jedem Weg gefolgt. Nun bist du offenbar so weit, selbst deinen Weg zu wählen. Du wirst ihn nicht allein gehen müssen.»


    Ein Zittern durchfuhr meinen Körper. Für einen Moment war ich wieder der halbverhungerte Jugendliche, der weder bei den Orks noch bei den Menschen einen Platz fand. Cherax packte mich noch etwas fester. «Mut, Kobro. Wir schlagen uns nach Süden durch und durchqueren dann den Fluss. Von dort aus reisen wir mit dem Schiff nach Tamarant. Falls wir noch eine Zukunft haben, dann dort.»


    Er ließ mich los. Dann legte der Troll ohne Vorwarnung einen Blitzstart hin. Mit einer Geschwindigkeit, wie man sie einem gepanzerten Krieger kaum zutrauen würde, preschte er davon und verschwand zwischen den Bäumen. Keiner der Kämpfenden hatte ihn beachtet und Meqdarhan brüllte gerade in die andere Richtung. Man hätte meinen können, Cherax wäre nur eine Einbildung gewesen, ein Schatten in den Augenwinkeln. Ein paar Blätter trudelten in der Luft, das war alles.


    Auch ich sprang nun auf die Füße und stürzte dem Troll hinterher. Zornige Schreie, meine Flucht war bemerkt worden. Ein Befehl erklang, Kettenhemden rasselten, Kampfstiefel polterten. Ich verfluchte mich dafür, dass ich nicht mit Cherax gleichzeitig losgelaufen war. Ab sofort war ich ein Fahnenflüchtiger. Jetzt hieß es, schneller zu sein als meine Verfolger oder zu sterben. Bei meinem notorischen Unglück konnte ich mir ausmalen, wie es ausgehen würde.


    Im Rennen schlug ich Äste beiseite. Cherax war schon zu weit entfernt, um zu bemerken, dass ich nicht mit ihm Schritt halten konnte und meine Verfolger ihren Abstand zu mir verringerten. Meine Rüstung war zwar auf Beweglichkeit ausgelegt und verhältnismäßig leicht, dennoch wog sie zu viel, um längere Sprints zu ermöglichen. Im Baum vor mir schlug ein Pfeil ein und blieb zitternd stecken.


    Jemand überholte mich. Nach einem raschen Blick stellte ich fest, dass es sich um einen anderen Söldner handelte, dem die gleiche Idee gekommen war wie Cherax und mir. Ein Weiterer schloss zu uns auf. Noch mehr Söldner, der Wald war voll von meinen Kampfgefährten! Euphorie ergriff mich. Das Schicksal hatte ein Einsehen! Mit unserem Davonlaufen hatten wir eine Massenflucht ausgelöst. Das verringerte die Wahrscheinlichkeit, dass ausgerechnet ich zur Zielscheibe der Bogenschützen wurde, die nun versuchten, die Lücke zu schließen. Das Zischen wiederholte sich, ein Söldner stürzte vor mir im vollen Lauf. Ich sprang über ihn hinweg, Steine rollten unter meinen Tritten davon, Äste brachen. Ich riss die Arme vor den Helm, während ich, ohne langsamer zu werden, durch ein Dickicht brach.


    War ich hier richtig? Wo zum Henker war Cherax?!


    Ich sprang einen Abhang hinunter, schlitterte durch Erde und Laub. Durch die Schlucht, in der ich nach einer längeren Schlitterpartie landete, floss ein Bach und ich folgte seinem Lauf. Hoffentlich waren meine Verfolger weit genug entfernt, so dass sie meinen halsbrecherischen Sprung nicht bemerkt hatten. Das Gewicht meiner Rüstung und die Sommerhitze machten mich fertig. Als ich einen Wadenkrampf bekam, fand ich noch die Zeit, mein Schicksal zu verfluchen, ehe ich mit einem Klatschen der Länge nach hinstürzte. So viel Pech konnte nur ich haben.


    «Kobro, hier drüben!»


    Am Ufer, ein paar Meter weiter winkte unter der Wurzel eines Baumes ein Panzerhandschuh hervor. Dahinter musste eine Höhle sein. Unter Schmerzen richtete ich mich auf, doch der Wadenkrampf machte es mir unmöglich, auch nur einen einzigen Schritt zu gehen.


    «Mein Bein. Cherax, hilf mir», keuchte ich. Zwischen den Wurzeln tauchte sein vertrauter Helm auf. Der Troll blickte prüfend in alle Richtungen. Doch anstatt mir zur Hilfe zu kommen, hielt Cherax zögernd am Höhleneingang inne, als ob er etwas gehört hätte.


    «Verdammt, beeil dich», rief ich verzweifelt und humpelte einen einzigen, erbärmlich winzigen Schritt vorwärts.


    Und tatsächlich, Cherax ging das Risiko ein und verließ das Versteck, in dem er schon in Sicherheit gewesen war. Er zog meinen Arm über seine Schultern, griff in meinen Gürtel und zerrte er mich vorwärts zu der Höhle, wo er mich zwischen die Wurzeln schob. Mit einem Schwall Erde und welken Blättern fiel ich in einen unerwartet großen Hohlraum. Kurz darauf folgte Cherax. Beim Aufprall knackte es, der Troll unterdrückte einen Aufschrei und fiel auf die Seite. Heftig atmend griff er nach seinem Fuß.

    Draußen platschten Schritte im Wasser, ich zählte mindestens drei Personen. Das Platschen verstummte.


    «Ich habe doch gesagt, wir hätten dem Bach in die andere Richtung folgen sollen!»


    «Unsinn, das sind Söldner. Für`s Davonlaufen kriegen sie keinen Sold, sie werden bald freiwillig ins Lager zurückkehren. Dann haben wir sie.»


    «Werden sie nicht.» Das war die Stimme von Kommandant Meqdarhan. Seine Schritte kamen näher. «Sie wissen, was jemandem blüht, der die Truppe im Stich lässt. Ich dulde keinen Vertragsbruch. Die Feiglinge sind längst über alle Berge. Ich werde mich in den nächsten Wochen mal bei den anderen Söldnerlagern umhören, was an Neulingen so eingetrudelt ist.»


    Laub raschelte. Hatten wir, abgesehen von meiner etliche Meter langen Schleifspur am Hang, Spuren hinterlassen? Wussten sie, dass wir hier waren? Cherax hatte doch alles verwischt, bevor er mir in die Höhle gefolgt war, oder?


    «So lange würde ich nicht warten. Wir müssen jeden Einzelnen jagen und erledigen», sagte ein Dritter.


    «Allerdings», stimmte Meqdarhan zu. «Aber uns stehen vielseitige Methoden zur Verfügung. Den Wald zu durchkämmen fehlen uns die Kapazitäten und mir die Lust. Nein, das machen wir intelligenter.»


    Vor den Wurzeln erschienen Beine, daneben bereitgehaltene Schwerter. Ich sah den Fuchsschwanz, der als Glücksbringer von Meqdarhans Gürtel baumelte. Verflucht noch eins, warum hatte Cherax den Eingang nicht noch schnell mit Laub verstopft? Mein Herz schlug so laut, dass ich fürchtete, sie könnten es hören. Sie waren zu dritt und Cherax verletzt. Meqdarhan allein war ein schrecklicher Gegner. Nicht von ungefähr war er auch Nahkampfausbilder.


    «Zurück zum Lager, Abmarsch.»


    Der Fuchsschwanz schwang herum, die Schritte entfernten sich, bis sie verstummten. Dennoch wagte ich nicht, mich zu erheben. Vielleicht war es eine Falle? Hatten sie uns doch bemerkt und wollten uns aus der Höhle locken? Unsicher sah ich zu Cherax herüber. «Sind sie weg?», wagte ich zu flüstern.


    «Schon lange», erwiderte er in normaler Lautstärke.


    «Was lauschst du dann noch?»


    «Ich lausche nicht, irgendwas riecht komisch.»


    Mühsam stand ich auf, um den Kopf aus der Höhle zu recken. Mein Bein war noch immer schwach, aber ich hatte das Gefühl, wieder halbwegs laufen zu können. Ein milder Wind wehte in die Lüftungsschlitze meines Helmes. Sofort bekam ich eine Gänsehaut. Das war unverkennbar der Geruch von Gefahr, auch wenn ich ihn noch nicht genau zuordnen konnte. Mit einiger Mühe wuchtete ich mich aus dem Erdloch. In diesem Moment fuhr mir eine Windbö ins Gesicht und nun erkannte ich den Geruch. Ich fuhr herum. Zwischen den Bäumen loderte und qualmte es.


    «Feuer!» Überhastet rannte ich los. Bei dieser Trockenheit hier würde ein Waldbrand sich in rasender Geschwindigkeit ausbreiten.


    «Kobro! Warte!» Ich hielt inne und sah zurück. Cherax versuchte vergeblich, aus dem Erdloch zu klettern. Sein Fuß war wohl wirklich gebrochen. Mein Blick huschte ein paar Mal zwischen ihm und dem Feuer hin und her. Die Flammen fraßen sich durch den Wald. Sie krochen über das trockene Laub, griffen von Baum zu Baum. Vögel stiegen hinauf in den Himmel und als ich ihnen mit dem Blick folgte, sah ich, wie schwarz der Himmel bereits war.


    «Bei der gesichtslosen Leere», keuchte ich. Meqdarhan war irre, im Hochsommer den Wald anzuzünden! Ein paar Rehe sprangen an mir vorbei. Der Wind fauchte mir heiß und stinkend ins Gesicht. Ich stürzte den Rehen hinterher und rannte um mein Leben.


    «Kobro!», hörte ich Cherax schreien. «Lass mich nicht hier verbrennen!»


    Ich rannte noch schneller. Sein Rufen war bald nicht mehr zu hören. Mit dem verletzten Troll im Schlepptau wäre ich zu langsam gewesen. Es nützte niemandem etwas, wenn wir beide starben.


    So schnell ich noch konnte, rannte ich zwischen den Bäumen entlang. Ohne Rücksicht auf eventuelle Kollisionen preschte ich durchs Unterholz, hinaus aus der Schlucht. Ich wurde wieder langsamer, diesmal vor schierer Erschöpfung, und quälte mich dennoch weiter. Irgendwann ließ ich den Wald hinter mir, kletterte über Geröll und arbeitete mich durch eine sumpfige Wiese hinunter zum Fluss. Wie sehr der Waldbrand auch loderte, hier würde er seinen Meister finden. Ruhig trieb der Ninmat dahin, ein silbernes Wasserband, das die Vergangenheit von der Zukunft trennte, das Leben vom Tod. Am anderen Ufer würde ich nicht nur vor dem Feuer in Sicherheit sein, sondern auch vor Meqdarhan, dessen Aufträge sich nicht in diese Regionen erstreckten.


    Asche tänzelte wie schwarze Schneeflocken durch die Luft. Der Wind stank nach Qualm und war unnatürlich heiß. Wie viele von uns es wohl geschafft hatten? Hinter mir war niemand zu sehen. Ich trat an das Ufer heran, zog die Panzerstiefel aus und warf sie an den Schnürsenkeln über die Schulter. Langsam beruhigte sich mein Atem. Der Fluss war an dieser Stelle so flach, dass ich ihn zu Fuß durchqueren konnte. Die Kälte und der weiche Sand taten meinen geschundenen Füßen gut. Als meine Füße das andere Ufer betraten, drehte ich mich noch einmal um. Unter einem schwarzen Himmel verbrannte die Welt. Ich nahm mir die Zeit, einen Moment lang meines alten Mentors und Freundes zu gedenken. Ihm verdankte ich mein Leben. Er war nicht unbedingt wie ein Vater gewesen, dafür genügte der Altersunterschied nicht, aber vielleicht wie ein großer Bruder.


    Dann setzte ich meinen Marsch fort, das erste Mal ohne ihn. Langsam und mit vielen Pausen, anders ging es nicht mehr. In Tamarant würde ich mein Leben in die eigenen Hände nehmen. Heute war mein letzter Tag unter dem Kommando von Meqdarhan und mit Cherax als Mentor. Es war Zeit, erwachsen zu werden. Barfuß ging ich über das weiche Gras, der Nachmittagssonne entgegen.

  • sterne.png

    Wie man eine Hochkultur zugrunde richtet

    Ohne Geld würde die Reise schwierig werden. Meine Ersparnisse und mein bescheidenes Hab und Gut befanden sich im Söldnerlager. Daran würde Kommandant Meqdarhan sich gütlich tun, während ich wie ein Bettler reisen musste. In der Wildnis zu überleben ist nicht so einfach, wie manch Naturfreund es sich vorstellt.


    Als der Abend dämmerte, erreichte ich einen idyllischen Sandstrand. Am anderen Ufer wütete das Feuer und wenn es nicht regnete, würde es viele Wochen brennen. Doch es konnte den Ninmat nicht überqueren. Meine Freude über den schönen Rastplatz schlug jäh in Entsetzen um, als ich das Kriegsschiff vor Anker liegen sah, den weißen Seelöwen und den Kormoran am Mast. Ich stand am Strand wie auf dem Präsentierteller. Die Oltremarini drängten sich um ihre Beutestücke, die sie auf dem Sand ausgebreitet hatten, diskutierten und sortierten. Da war ein verirrter Söldner uninteressant. Sie bemerkten mich, aber sie schenkten mir keine Beachtung. In respektvollem Abstand ging ich an den Soldaten vorbei, die Hände zum Zeichen des Friedens etwas erhoben, weit weg von den beiden Kurzschwertern, die ich auf dem Rücken trug.


    Als die Sonne erneut unterging, erreichte ich das Dorf, das ihnen zum Opfer gefallen war, eine Anordnung verkohlter Lehmkegel inmitten eines niedergebrannten Maronenhains. Zwar qualmten die Reste noch, aber das Feuer hatte hier nicht so stark gewütet wie nördlich des Flusses. Das lag vor allem an der spärlicheren Vegetation. Durch die Asche stolperten ein paar bunte Schafe mit Schlappohren. Die Dorfbewohner räumten auf und versuchten zu bergen, was zu retten war. Ihre Haut glänzte wie Mahagoni, ihre Augen leuchteten hell in den dunklen Gesichtern. Das Haar war glatt und schwarz, sowohl bei Männern als auch Frauen zu kunstvollen Flechtfrisuren verknotet.


    Ein Mädchen eilte mit einem Wassereimer in ein Haus, aus dem schmerzliches Stöhnen drang. Darin wurden scheinbar die Verwundeten gepflegt. Eine Frau rannte heraus, um mehr Wasser zu holen. Einige Jugendliche bereiteten auf dem Dorfplatz Esskastanien zu, die hier in der Gegend das Grundnahrungsmittel stellten. Der Platz selbst war im Kreis von dreizehn Monolithen umstellt, jeder anders beschriftet, und in der Mitte lag eine gemeinschaftliche Feuerstelle. Von dort aus führte Strahlen zu den Steinen. Unverkennbar frönte man hier dem Sonnenkult, der dreizehn Monde im Jahr kannte. Einige Männer reparierten trotz der hereinbrechenden Dunkelheit die Lehmhütten, andere zogen mit Rechen die Asche auseinander, damit sie sich nicht neu entzündete.


    Anhand meiner Kuhfellkleidung und der billigen Rüstung erkannte man mich als einen Angehörigen der Söldnertruppe, die dieses Dorf vergeblich gegen die Oltremarini verteidigen sollte. Die Dorfbewohner empfingen mich entsprechend herzlich, luden mich zur Übernachtung ein und teilten mit mir das Wenige, das die Plünderer ihnen gelassen hatten. Man behandelte mich wie einen Helden, der sie mit seinem Leben verteidigt hatte, dabei war es mir nur um das Geld gegangen. Das sorgte für eine gewisse Beschämung meinerseits, doch Bett und Verpflegung nahm ich trotzdem gern an. Ich schlief bis zum Morgen durch, die Geräusche des Dorfes störten meinen Schlaf nicht.


    Bevor ich weiterreiste, war ich zum Frühstück beim Dorfältesten zu Gast, der sich als Farhang vorstellte und mich in sein Haus einlud. Der Greis war wohlgenährt und seine Zähne in verblüffend gutem Zustand, das lange weiße Haar zu einem Kunstwerk geflochten.


    «Hast du angenehm geschlafen?», erkundigte er sich, während er mir einschenkte.


    «Danke, ja. Du hoffentlich auch.»


    «Den Umständen entsprechend. Wir müssen fleißig sein und dürfen den Mut nicht verlieren, müssen in Alvashek vertrauen, dann werden wir uns auch von diesem Schlag erholen. Wohin soll deine Reise gehen?»


    «Nach Tamarant. Ein Freund meinte, dort würde es Arbeit für mich geben.»


    «Tamarant, wirklich? Was ist das für ein Freund, der solch eine Empfehlung ausspricht? Die Stadt ist nicht mehr das, was sie einst war. Ich würde jedem abraten, dorthin zu reisen. Es gibt nichts Lohnenswertes mehr, obendrein haust dort gefährliches Gesindel.»


    «Gut. Das hört sich nach Arbeit für einen Söldner an.»


    «Nun, ich möchte mich ja nicht einmischen. Doch ich empfehle dir eine andere Wahl aus gutem Herzen. Ich möchte vermeiden, dass du eine Enttäuschung erlebst, wenn du das Unheil siehst, oder dass dir etwas zustößt.»


    «Das weiß ich zu würdigen. Aber ich bin Söldner, das Risiko ist mein Beruf. Zudem bilde ich mir meine Meinung lieber selbst.»

    Es klang ein wenig zu schroff, ein Reflex, weil er an der Freundschaft von Cherax zweifelte. Ich kannte keine ehrlichere Person. So versuchte ich, das Thema umlenken in eine positivere Richtung. Nun war ich allerdings mit den hiesigen Sitten und Gebräuchen nicht vertraut, da ich aus dem Nordosten stammte. So geriet mein erneuter Gesprächsbeginn reichlich plump.


    «Welchem rakshanischen Stamm gehört ihr eigentlich an?» Da sie im Süden lebten, nahm ich an, es käme keine andere Volkszugehörigkeit infrage. Alles, was südlich des Ninmat lebte und Mokka trank, war für mich rakshanisch.


    Farhang ließ den reich verzierten Holzbecher bemerkenswert langsam sinken. Er musterte mich prüfend mit seinen goldgelben Augen, dann schien er zu beschließen, dass es ein Spaß sein müsse, denn er lachte. «Wir sind keine Rakshaner, mein Freund. Wir sind Angehörige des stolzen Volkes der Tamjid.»


    «Oh, ähm, Verzeihung.» Das sollte mal einer wissen. «Ist es unhöflich, nach den Unterschieden zwischen Tamjid und Rakshanern zu fragen?»


    Er blinzelte. «Zumindest ist die Frage nicht unhöflicher, als einen Tamjid mit einem Rakshaner gleichzusetzen, nur weil beide Völker der Wüste entstammen. Rakshaner rauben das, was andere Leute sich mit ihrer Hände Arbeit erschufen. Es sind Hyänen und Aasgeier, wie die Oltremarini.»


    Ich gestattete mir ein süffisantes Grinsen. «Aber ihr Tamjid seid natürlich allesamt gesetzestreue Leute.»


    Farhang wahrte Haltung. «Übles Gesindel gibt es überall, natürlich auch bei uns. Bei den Tamjid wird es als Verbrechen betrachtet, jemanden auszurauben. Die Rakshaner jedoch leben von Plünderungen. Sie sind der Grund, warum wir auf die Dienste von Söldnern zurückgreifen müssen, obwohl das für unsere Dorfgemeinschaft sehr teuer ist. Wir sind nicht mehr viele. Unsere Männer können uns nicht gegen eine solche Übermacht verteidigen. Und wenn dann auch noch der Kormoran anlandet ...»

    Farhang schüttelte traurig den Kopf.


    Ich nickte mitfühlend, obwohl es mir schwerfiel, mich in ihn hineinzuversetzen. In dem ewigen Wechselspiel von Räuber und Opfer hatte ich stets auf Seiten der Räuber gestanden, seit ich als Jugendlicher die Bruthöhlen verlassen hatte. Als Bettler hatte ich gelebt, als Dieb, als Räuber. Selbst als Söldner hatte ich geplündert, wenn wir die entsprechende Freigabe erhalten hatten. Heute war das erste Mal, dass ich mit einem Opfer von Plünderungen so vertraulich sprach und mir seine Sorgen und Nöte anhörte. Der Perspektivwechsel erweckte ein unbehagliches Gefühl. Selbst mit einem Oltremarino hätte ich lieber gefrühstückt. Ich spürte den Drang, die Not der Tamjid zu relativieren, ihnen die Schuld für ihr Versagen zuzuschieben, um mein Gewissen zum Schweigen zu bringen.


    «Du sagst, ihr seid nicht mehr viele», griff ich den Faden wieder auf, um mich abzulenken. «Demnach war es früher anders? Ihr wart einst mehr?»


    «Sehr viel mehr und sehr viel bedeutender. Ein stolzes Volk, wie ich sagte, mehr als nur kleine Dorfgemeinschaften. Als du den Ninmat überquertest, hast du unser Land betreten.»


    Ja, das hatte Meqdarhan angedeutet. Darum hatten wir uns nördlich des Flusses gehalten. Dort lag für viele Tagesreisen nur Niemandsland, auf das kein Staat Anspruch erhob. Der Süden war das Hoheitsgebiet der Wüstenvölker. Mindestens zweier, wie ich nun wusste.


    «Rakshanistan.» So lautete der Name, den Meqdarhan für das Land verwendet hatte.


    Farhang zog ein gequältes Gesicht. «So nennen sie es heute, ja. Wir bevorzugen jedoch den alten Namen. In der Zeit vor der Asche nannte man das Land südlich des Ninmat und des Rasmat Tamjidistan.»


    Der Namenswechsel erklärte alles. «Die Rakshaner haben euer Land geraubt», schlussfolgerte ich. «Sie haben es erobert und zu dem ihren gemacht. Sie sind Besatzer im Land der Tamjid.»


    «Schlimmer. Sie haben es nicht nur geraubt, um es zu besitzen, sondern die alte Hochkultur völlig zerstört. Dabei sind sie dem Blute nach mit uns verwandt, auch wenn sie keine Reinblüter sind. Sie sind Mischlinge, was erklärt, warum sie nie die gleiche Liebe zu diesem Land empfanden. In ihren Adern singt auch das Blut der Fremde.»


    Mein Mitleid verpuffte. Da war er, der Grund, die Tamjid für ihr Schicksal zu verachten! Als Halbblut konnte ich derartiges Gefasel nicht mehr hören, mit dem ich so oft gequält worden war. Wer solch eine vorzeitliche Weltsicht sein eigen nannte, verdiente es nicht anders, als ausgeplündert zu werden.


    «Weißt du, Farhang, vielleicht konnten die Rakshaner euer Gerede von Reinblütigkeit nicht länger ertragen.» Jetzt war es raus! Ich gab mir keine Mühe, freundlich zu klingen. Es war mir schnurz, ob ich meinen Gastgeber beleidigte, während ich seine Vorräte wegfraß! Aus schierer Gehässigkeit nahm ich mir eine weitere Portion gerösteter Kastanien.


    Farhang beobachtete es in ruhiger Würde. «Sie konnten die alte Gesellschaftsordnung nicht ertragen», korrigierte er. «Tamjidistan war die Hochkultur unter dem segnenden Licht des Sonnengottes. Hast du nie davon gehört, vom Reich der Sonne?»


    «Doch schon.» In Legenden und Märchen, wo Tamjid in verschwenderischem Reichtum dargestellt wurden. Meist ritten sie auf Eisenpferden, die schwarzen Rauch spien. Aber so etwas gab es nicht.


    Farhangs Augen blickten an mir vorbei ins Nichts. «Die Palasttürme ragten so weit hinauf in den Himmel, wie es heute niemand mehr zu bauen vermag. Unsere Priester regierten das Land nach dem Gesetz der Ordnung. Wir bauten die Salzstraße, ein steinernes Band, das durch alle Länder reichte. Unsere Karawanen zogen durch Almanien und Naridien, brachten Seide und Gewürze, durch die Tundra von Shakorz und Teppiche bis hinauf ins schneebedeckte Arashima. Wir bauten Maschinen, von denen man heute nur noch träumen kann und die uns das Leben sehr erleichterten. Mit ihrer Hilfe war es uns sogar gelungen, die Wüste zu begrünen und unsere Hauptstadt Tamarant erblühte in zahlreichen Gärten. Zu Ehren Alvasheks deckten wir unsere Dächer mit Gold. Doch all das», er seufzte, «liegt nun in Trümmern und versinkt im Sand.»


    Tamarant. Das Ziel meiner Träume. Nur Ruinen? Was hatte Cherax dann dort gewollt? Leiser Zweifel regte sich, doch ich wischte ihn beiseite. Auf den Troll war immer Verlass gewesen. Ich würde schon herausfinden, warum er diesen Ort erwählt hatte.


    «Lass mich raten», sagte ich lauernd. «In dieser reichen Gesellschaft bildeten die Rakshaner den Bodensatz, weil sie Mischblüter waren.»


    «Sie waren unsere Sklaven», bestätigte Farhang. «Wir kauften sie von überall her. Besonders weißhäutige Exemplare waren beliebt, das sieht man auf alten Bildern. Oft führte das zur Geburt von Mischlingen. Diese Mischlinge, in deren Adern das Blut der ganzen Welt floss, vermehrten sich natürlich auch untereinander. Es sind keine Tamjid, auch wenn einige uns ähnlich sehen und viele unser Blut in ihren Adern fließen habe. Sie denken und fühlen anders.»


    «Ich vermute, sie dachten und fühlten, dass es ungerecht wäre, sie nicht an dem Reichtum teilhaben zu lassen, der auf ihren gebeugten Rücken errichtet wurde.»


    «Was sollten sie denn mit Reichtum? Ihr Herr gab ihnen alles, was sie zum Leben und Arbeiten benötigten und bei guter Führung gab er ihnen auch darüber hinaus. Unseren Sklaven ging es gut, sie hatten keinen Grund zu dem Aufstand, den sie schlussendlich anzettelten.»

    Ich konnte nicht anders, ich lachte schallend. So richtete man eine Hochkultur erfolgreich zugrunde. Mit ihrer legendären Gier und ihrem Wahn vom reinen Blut hatten die Tamjid ihr eigenes Grab geschaufelt. Mochten die Rakshaner plündern und brandschatzen, ich empfand ihnen gegenüber eine größere Sympathie als für die Tamjid.


    Als ich lachte, verfinsterte sich das edle Gesicht des alten Farhang, doch er blieb unverändert höflich. «Ich werde nun gehen, da ich die Aufräumarbeiten koordinieren muss. Wenn du deine Schale geleert hast, melde dich bei einem der Männer. Man wird dich zur nächstgelegenen Karawanserei führen. Von dort aus magst du deinen Weg nach Süden finden und dich selbst davon überzeugen, was die Rakshaner zerstörten und was sie den Tamjid und der Weltgemeinschaft damit antaten.»


    «Das werde ich. Obwohl ich ein Halbblut bin.» Ich goss den gesamten restlichen Mokka in meinen Becher und aß jede Esskastanie, die sich in diesem Raum befand.

  • zelt.png

    Sturm der Zukunft

    Das Problem an Tamarant ist, dass es mitten in der Wüste liegt.


    Es gibt zwei Möglichkeiten, die Tamjara zu durchqueren, ohne an Hitzschlag zu sterben oder zu verdursten: Erstens, man durchquert sie gar nicht, sondern wandert ans Meer und fährt mit dem Schiff bis zum Hafen von Markaz, wo der Sulmat in den offenen Ozean mündet. Anschließend folgt man dem Fluss entlang ins Landesinnere bis zur Stadt. Das ist der bequeme und sichere Weg. Der Kapitän, meist ein Oltremarino, lässt sich die Mühe fürstlich entlohnen.


    Zweitens, man schließt sich jemandem an, der sich auskennt und einen durch die Tamjara führt. Das ist der preiswertere, aber gefährlichere Weg. Da ich mittellos reiste, erübrigt sich die Frage, für welche Variante ich mich entscheiden musste.


    Meine Zuversicht schwand, als ich der sogenannten Karawanserei ansichtig wurde. Andernorts hätte man Schwarzmarkt dazu gesagt. Schrumpfköpfe, Windspiele aus Menschenknochen und Skalpe wehten an den Zeltstangen im Wind. Vermummte Gestalten verschwanden mit den Kunden im Inneren und schlossen die Zeltplanen hinter sich. Knochen, Hyänenzähne und Geierfeder schienen ihr liebster Körperschmuck zu sein. Unverkennbar gab man hier dem Chaosgott Rakshor den Vorzug. Jemand bot an seinem Stand Waffen an, die schon zahlreiche Schlachten gesehen hatten. Ein sogenannter Heiler verkaufte Medizin aus gemahlenen Tieren. Ein anderer handelte offen mit Dhanga, einer Droge, die sich bei Söldnern und Soldaten großer Beliebtheit erfreute. Bei Konsum verschwindet das natürliche Schlafbedürfnis. Eine weitere Nebenwirkung ist die Betäubung jener Gehirnregionen, die für das moralische Handeln zuständig sind.


    Ich beneidete die Tamjid nicht um diese Nachbarschaft. Hier an der Grenze zur Wildnis hatte sich der Bodensatz Rakshanistans versammelt. Zumindest hoffte ich, dass diese Ansammlung nicht repräsentativ für das ganze Volk stand. Beklommen blickte ich auf die Wüstenkrieger, die auf Decken im Sand lungerten. Nahe ihrer Herren lagen die Riesenhyänen, die ihnen als Reittiere dienten.


    Als eine vollbeladene Abordnung der Oltremarini eintraf, erhoben die Rakshaner sich. Die Hyänen knurrten. Die Aufmerksamkeit der meisten Wüstenkrieger galten den Neuankömmlingen, die einen Stand aufschlugen. Die Beute, die sie feilboten, entstammte zweifelsohne dem Dorf der Tamjid. Man kannte einander, die Begrüßung fiel herzlich aus. Das Wort Bruder fiel bemerkenswert oft.


    Da sie abgelenkt waren und in guter Stimmung, schaute ich mir ihre Stände genauer an. Mein Interesse galt nicht den Waren, sondern den Rakshanern dahinter, weil ich versuchte, herauszufinden, ob einer von ihnen in den nächsten Tagen nach Süden abzureisen gedachte. Als besonders hartnäckig erwies sich ein junger Bursche namens Khawa Steppensturm, der behauptete, meine Zukunft vorhersagen zu können. Er verfolgte mich über die ganze Karawanserei und es gelang mir nicht, ihn abzuwimmeln.


    «Nein, danke! Ich habe keinen Bedarf an Wahrsagerei», sagte ich brüsk.


    «Aber nein, ich bin kein Wahrsager. So etwas gibt es bei uns nicht. Ich bin Sturmseher, das ist eine präzise Wissenschaft.»


    «Aha», sagte ich und widmete meine Aufmerksamkeit betont einem Satz Essgeschirr, der aus menschlichen Schädeldecken gefertigt worden war.


    «Bruder, der Wind flüstert mir, dass dein Herz voller Zweifel ist.»


    «Das flüstert nicht der Wind, das sage ich!»


    «Er verrät mir gleichsam, dass du eine Reisemöglichkeit nach Tamarant suchst.»


    Der Satz Flöten aus Oberschenkelknochen war aus meiner Sicht makaber. Der Händler verriet mir augenzwinkernd, dass es üblich war, aus dem Oberschenkelknochen seines ersten besiegten Feindes eine Knochenflöte zu schnitzen. Für den Fall, dass es mir nicht gelungen sei, jemanden niederzustrecken, hätte er hier Ersatz. Garantiert von legitim getöteten Kriegern auf Schlachtfeldern geerntet und nicht von Friedhöfen geplündert. Gut, dass man hier so auf Qualität achtete.


    «Du musst nach Tamarant», belästigte Khawa mich weiter.


    Ich nahm eine der Flöten, um sie zu betrachten. «Ich wüsste nicht, was dich das angeht.»


    «Zufällig muss ich ebenfalls in diese Richtung.»


    Ich legte die Flöte wieder hin und drehte mich zu ihm um. «Du suchst sicher einen Söldner, der dir Geleitschutz bietet? Für einen fairen Preis gehören dir meine Klingen.» Wenn alles gut lief, brauchte ich für die Reise kein Geld, sondern er würde mich dafür, dass er mich sicher durch die Wüste führte, auch noch bezahlen.


    «Einverstanden. Darf ich dich in mein Zelt einladen, damit wir die Details besprechen?»


    Das war ja einfach gegangen. Von einem Rakshaner hatte ich hartnäckigere Verhandlungen erwartet. Zufrieden begleitete ich Khawa zu seinem Zelt. Auf einer Stange saß ein lebender Gänsegeier. Ein Lederband am Fuß verhinderte, dass der Raubvogel wegflog. Der Rakshaner kraulte dem Tier kurz den Kopf, dann traten wir ein. Dunkle Tücher schufen ein Labyrinth in dem engen Zelt. Im Gehen strich man unweigerlich gegen die klimpernden Klangspiele aus Knochen und Münzen, die von der Decke hingen. Der Rauch von Räucherharz überdeckte alle anderen Gerüche und hüllte das Zelt in einen weißen Nebel. Das wenige Licht kam von dort, wo die Lederplanen einander überlappten.


    «Setz dich zu mir», raunte er und nahm auf einem Zebrafell platz. Zwischen uns lag eine kreisrunde Lederdecke, die wohl sein Arbeitsplatz war. «Ich möchte dir erklären, was ein Sturmseher tut, um deine Zweifel zu zerstreuen.»


    Da war der Haken des vermeintlich guten Geschäfts. Er wollte mir seinerseits seine Dienste andrehen. Was blieb mir anderes übrig, als ihm zuzuhören? Ich benötigte den Auftrag und die Reisemöglichkeit, also bot ich all meine Geduld auf und ließ mich auf dieses Gespräch ein. «Ich höre.»


    So erfuhr ich, dass Sturmseher tatsächlich die Gelehrten eines Stammes waren. Sie kannten die Gesetze des Windes, lasen den Tanz der Wolken und den Flug der Vögel. Sie wussten auch um den Lauf der Gestirne und ersetzten mit ihren Beobachtungen den Kalender, denn Rakshaner schrieben nicht. Sie wussten, wann der nächste Regenmond drohte und die Himmelsbeobachtungen verrieten ihnen, wie das Wetter werden würde.


    Aber es wären keine Rakshaner, würden sie ihrer Wissenschaft nicht den Schleier des Mystischen überstreifen. Wenn jemand das Wetter mit bemerkenswerter Präzision vorherzusagen vermochte, war es ein Leichtes, ihm generell die Gabe der Voraussicht zuzuschreiben. Aus ausgebreiteten Innereien vernahmen sie Rakshors Willen und in Trance hörten sie den Chaosgott mit ihnen sprechen. Da die Sturmseher für das Überleben eines Stammes eine wichtige Rolle spielten, genossen sie eine Sonderstellung und waren bei Plünderungen die rechte Hand des Anführers. Ihr Wort hatte beträchtlichen Einfluss.


    Ein solcher Mann war Khawa Steppensturm, der darauf bestand, meine Zukunft vorherzusehen.

  • monde.png

    Rotmondgeboren

    Khawa warf dunkle Harzklumpen in die Feuerschale. Wie Blut, das sich im Wasser ausbreitet, quollen rote Wolken zwischen uns empor. Es roch nach Honig und Eisen, wie gesüßtes Blut. Draußen schrie der hungrig Geier. Schwere Soldatenstiefel gingen vorbei, ein Kettenhemd rasselte. Der rote Rauch verdichtete sich in dem engen Zelt. Khawa zog aus der Dunkelheit einen Beutel hervor, griff hinein und legte einen Knochenkreis. Langsam und konzentriert, eine rituelle Abfolge einhaltend. Mir fiel auf, dass seine Augen mit einem schwarzen Lidstrich umrandet waren, wie ich es bei vielen Rakshanern schon gesehen hatte. Abgesehen von dem schwarzen Turban samt Gesichtsschleier trug er nur er einen Lendenschurz aus Hyänenfell. Sand und Staub klebten auf seiner hellbraunen Haut.


    Mit beiden Händen hob er feierlich ein Büschel Federn, um sie langsam durch seine Finger gleiten zu lassen. Trudelnd fielen sie in den Knochenkreis. Khawa starrte auf sein Werk und schien daraus zu lesen. «Nenne mir das Jahr deiner Geburt.»


    «Am fünfzehnten des Weidemonds im Jahr 170 nach der Asche.»


    Ohne viel nachzudenken schlussfolgerte er: «Du bist an einem Tag geboren, als Daibos voll und rot am Himmel glühte und Oril im Leermond stand.»


    «Das stimmt.» Mich überraschte die Präzision dieser Bestimmung, die er wohl aus dem Kopf heraus berechnet hatte. «Meine Mutter hat mir davon erzählt. Die Blutschande offenbarte sich an einem Blutmond. Ich war verflucht, behauptete sie. Aber ich sagte bereits, dass ich nicht an solche Dinge glaube.» Meine Mutter war diejenige gewesen, welche Blutschande mit einem Menschenmann betrieben hatte. Aber ich war derjenige, der mit seinem Gesicht dem gesamten Stamm ihren Fehltritt offenbarte.


    «Was hat sie dir über Daibos erzählt?», fragte Khawa.


    «Der der rote Mond bringt in den Nächten, da sein Kreis zunimmt, Unglück und Verderben. Die Kompassnadeln spielen verrückt und die Zugvögel verirren sich auf ihrem Flug. In dieser Nacht stand Daibos voll am Himmel. Er hatte sich obendrein vor Oril geschoben und das weiße Licht vollständig verdeckt. Eine unglückseligere Konstellation kann es nicht geben. Meine Mutter behauptet, ich würde dem Stamm Unglück bringen. Natürlich war das nur ihr Vorwand, mich davonzujagen.» Ich lächelte giftig. «Mein Fluch resultiert nicht aus der Konstellation der beiden Monde, sondern daran, dass ich ein Halbblut bin! Das ist der Fluch, den ich trage: Für die Orks bin ich ein Halbmensch, für die Menschen ein Halbork. Für mich gibt es keinen Platz, wohin ich meine Schritte auch lenke. Weder Mensch, noch Ork, ich bin gar nichts.»


    Ich sah an seinen Augen, dass er lächelte. «Von allen das Beste, Bruder. Beides bist du, doppeltes Glück.»


    Ich lachte bitter. «Danke für den Versuch, aber so ist es nicht. Du magst die Gestirne lesen können und die Winde verstehen, doch nicht die Leute. Du weißt nicht, was ich durchgemacht habe. Mein Leben war ein Irrweg, dessen einziges Ziel lautete, zu überleben. Ich bin wie einer der Zugvögel, die in der Fremde stranden, selbst auf ewig ein Verirrter.»


    Er zog den Schleier von seinem Gesicht, damit ich ihn betrachten konnte. Müde tat ich ihm den Gefallen.


    «In meinen Adern fließt das Blut von Tamjid und Almanen, Bruder», sprach er. «Meine Eltern und Großeltern waren Mischlinge und deren Eltern und Großeltern gleichsam. Es gab eine Zeit, da dachten unsere Vorfahren wie du, dass sie keinen anderen Platz auf dieser Welt hätten als jenen, den sie durch die Gnade anderer zugewiesen bekämen. Das war die Zeit der Sklaverei. Heute fürchtet man uns auf ganz Asamura. Wir sind keine Halbtamjid oder Halbalmanen, wir sind Rakshaner. Deine Ketten sind nicht aus Eisen, du trägst sie im Kopf.»


    «Nein, ich trage sie im Blut. Ich kann nicht aus meiner Haut. Ihr wart viele, ich bin allein. Ob Halbork oder Halbmensch: Ich werde nie etwas Ganzes sein.»


    Khawa zog den Schleier wieder züchtig über sein Gesicht, während er erneut die Federn anstarrte.


    «Du benötigst einen Kompass und ich werde dir mithilfe der alten Lehre einen geben. Zwar bin ich kein Heiler, doch die Grundlagen der Mondtherapie sind für einen Sturmseher bekannt, da sich die Künste überschneiden.»


    Ich stöhnte. Mondtherapie!


    «Man unterscheidet nach dem Stand der beiden Monde zur Geburt sieben Mondtypen», erklärte Khawa. «Rotmondgeborene nennt man auch Daibosi. Sie tragen Chaos im Herzen und sind offen für Neuerungen. Sie lieben den Fortschritt und sind bereit, Risiken einzugehen. Altes werfen sie leichtfertig über Bord. Ob Gewohnheiten und Bekanntschaften: Wenn es für sie nicht mehr tauglich erscheint, wird es zurückgelassen, um einen anderen Weg auszuprobieren.»


    Ich dachte an Cherax und ein Stich ging durch mein Herz. Doch ich konnte nicht zugeben, dass Khawa ins Schwarze traf.


    «Sie neigen gleichsam zu Unbeständigkeit und Wankelmut», fuhr Khawa fort. «Viele berühmte Künstler und Erfinder waren Rotmondgeborene.»


    «Nun bin ich aber weder das Eine noch das andere», trumpfte ich auf. «Ich bin Söldner.»


    «Du bist ein Überlebenskünstler. Auch das ist eine Kunst, die du bislang gut gemeistert hast, allen Widrigkeiten zum Trotz.»


    Ich senkte den Blick und antwortete nicht darauf. Er wollte mir ein Kompliment machen, mich sicher aufmuntern, doch es gelang ihm nicht. «Gibt es etwas Gutes daran, rotmondgeboren zu sein? Irgendwelche Vorteile?»


    «Alle Mondtypen haben ihre Stärken und Schwächen. Der Einfluss von Daibos hilft zum Beispiel beim Erkennen neuer Wege oder guter Gelegenheiten. Gleichsam hat jeder Mondtyp seine Herausforderungen zu bewältigen. Wenn das Chaos im Herzen überhandnimmt, fällt es den Rotmondgeborenen schwer, sich zwischen all den Möglichkeiten zu entscheiden, die das Leben ihnen anbietet. Sie sind verloren im Labyrinth der tausend Wege. So verloren, wie du dich fühlst.»


    «Da es für das Schicksal keinen Kompass gibt: Was hilft gegen Chaos im Herzen?»


    «Dunkelkuren, viel Ruhe, außerdem kalte Wickel und kühle Bäder.»


    Ich konnte nicht anders, ich musste dermaßen lachen, dass draußen vor dem Zelt jemand mitlachte, der soeben vorbeiging. Wadenwickel gegen Lebenskrisen. Die Medizin der Rakshaner. Für einen Augenblick hatte ich geglaubt, Khawas Worte würden abseits der spirituellen Komponente einen praktischen Sinn ergeben.


    «Orte der Heilung aufzusuchen hilft ebenfalls, wenn dir kühle Wickel nicht behagen», fuhr Khawa unbeirrt fort. Mein Hohn schien ihn nicht zu stören. «Für Rotmondgeborene sind Höhlen und Grotten besonders geeignet.»


    Ich schüttelte feixend den Kopf, schluckte aber weitere bissige Kommentare herunter. Immerhin wollte ich noch mit ihm gemeinsam reisen und ihm das Geld aus der Tasche ziehen. «Ich werde deinen Rat beherzigen, wenn wir unterwegs an einer Höhle vorbeikommen.»


    «Ach, Bruder. Erneut spüre ich deinen Zweifel.»


    «Was daran liegen könnte, dass ich dich ausgelacht habe. Khawa, du meinst es gut, aber ich bin der falsche Zuhörer für deine Weisheit. Ich sagte bereits, dass ich ein Ungläubiger bin. Kein Gott kann mir helfen, und auch kein Wadenwickel.»


    «Rakshor ist nicht nur der Gott des Chaos, sondern gleichsam der Gott der Ausgestoßenen und der Fremden. Er steht jenen zur Seite, für die sonst keiner da ist.»


    Meine Nerven.


    «Rakshor hilft dir ohne Gegenleistung, Bruder. Doch du musst die Ketten, die dich gefangen halten, selbst lösen und deinen Weg aus dem Labyrinth allein finden.»


    «Ich werde es versuchen», sagte ich, weil ich ihm nicht mit einer erneuten Beleidigung vors Schienbein treten wollte. Khawa meinte seinen Unsinn mit dem Labyrinth der tausend Wege und der Mondtherapie vollkommen ernst.


    Er fasste, ohne hinzusehen, in den Kreis aus Knochen und Federn, zog etwas hervor und drückte es mir in die Hand. Meine Finger umschlossen einen Hyänenzahn, lang und spitz wie die Klinge eines Dolches, leicht gekrümmt. Khawa strahlte. Sicher war diese Schenkung Teil seines Orakels. «Dir steht auf deiner Suche ein schwerer Kampf bevor, aber du wirst siegreich daraus hervorgehen. Die Monde standen schlecht, doch die Knochen lagen gut. Ruhe nun. Morgen früh brechen wir auf.»

  • tamjara.png

    Durch die Tamjara

    Es dauerte nicht lange, bis ich mich mit einem Rakshaner darauf geeinigt hatte, dass er mich nach Tamarant bringen würde, obwohl ich kein Geld besaß. Er winkte ab, weil er ohnehin in diese Richtung müsse. Angeblich wartete dort seine Verwandtschaft, der er die Beute der letzten Monate vorbeibringen wollte. So setzte er mich auf eine Hyäne, die mich hasste und nach meinen Beinen schnappte. Die Verpflegung gedachte Khawa Steppensturm unterwegs zu organisieren.


    Rakshaner neigen dazu, ihre Kundschaft ausgeplündert in der Wüste zurückzulassen und sich mit der Beute aus dem Staub zu machen. Es war in diesem Moment von Vorteil, dass ich ein armer Schlucker war und meine Rüstung praktisch nichts wert. So hoffte ich, nicht in Khawas Plünderschema zu fallen.


    Den Fluss hatten wir bald hinter uns gelassen. Je weiter wir nach Süden reisten, umso trockener wurde der Wald. Keine Baumkrone spendete mehr Schatten, wir waren der Sonne ausgesetzt. Anstelle der Esskastanienbäume säumten Ginsterbüsche den Weg. Nach einigen Tagen Reisezeit hatten wir die Tamjara erreicht. Eine geraume Zeit sollte ich kaum etwas anderes sehen als Sanddünen, Felsen, Khawas braungebrannten Rücken und das Hinterteil seiner Hyäne. Doch zur Abenddämmerung erreichten wir einen Palmenhain, ohne dass ich Wasser sah.


    «Die Tamjara ist die größte Wüste Asamuras, Bruder», erklärte Khawa. «Aber sie ist nicht die Unwirtlichste, sie führt Grundwasser, nur liegt es zu tief, um ohne Brunnen an das lebensspendende Nass heranzukommen. Das Fehlen erreichbaren Wassers macht die Reise zu einer Herausforderung. An Palmen hingegen herrscht kein Mangel, wenn man den unterirdischen Weg des Wassers kennt.» Und Khawa kannte ihn.


    Im Kokoswäldchen zeigte er mir, dass die riesigen Nüsse eine wohlschmeckende Flüssigkeit enthielten und das weiße Fruchtfleisch köstlich schmeckte. Um den Durst zu stillen, würde die Kokosmilch nicht genügen, aber dafür, um das Verdursten hinauszuzögern. Die Hyänen fraßen die Kokosnüsse, indem sie diese unter Krachen und Knirschen zwischen ihren mächtigen Kiefern zerkauten. Ich versuchte, mir ebenfalls welche mit zwei großen Steinen zu knacken, ohne dass die Milch auslief, doch Khawa, nett, wie er war, lachte mich aus. Er zückte seinen kleinen Handbohrer und zeigte mir, wie man es machte.


    Trotz der Kokosnüsse wurde mein Durst nach einigen Tagen unerträglich. Dann kamen wir an eine Oase, in der uns jemand zuvorgekommen war, so dass wir keine einzige intakte Nuss fanden. Die Hyänen schnurpsten Kokosfleisch. Eine Weile sah ich ihnen zu, da es sonst nicht viel Unterhaltung gab, doch vor lauter Durst verspürte ich selbst keinen Hunger.


    «Morgen erreichen wir ein Dorf der Tamjid», versuchte er mich zu trösten.


    Tamjid, prima. Die würden sich freuen, einen Rakshaner mit spirituellen Anwandlungen und einen halbverdursteten Halbork zu Gast zu haben! Sie würden uns davonjagen, vorher wahrscheinlich teeren und federn, zumindest ausrauben, möglicherweise töten! Als der Morgen dämmerte, ließ ich beim Losreiten hoffnungslos den Kopf hängen. Meine Hyäne hatte mittlerweile eine Maulschlinge bekommen, da nicht nur meine einzige Hose voller Löcher war, sondern auch meine Beine.


    Das Dorf war, wie das andere, eine Ansammlung von Halbkugeln aus Lehm. Durch ein Loch in der Decke fiel Licht und es kam Frischluft herein. Fenster suchte man vergebens. Mit unserem Erscheinen kam Bewegung in die Menschen. Sie gaben Khawa freiwillig etliche Rationen an Nahrung und Wasser und legten Geschenke oben drauf. Mich deckten sie ebenso mit allem Möglichen ein, wobei ich jedoch das Gefühl hatte, dass dies allein auf Khawas Gegenwart zurückzuführen war. Die Rakshaner waren Herren des Landes und was wollte man so einer Hyäne entgegensetzen, wenn man kein Kriegsgerät zur Hand hatte?


    Voll bepackt zwinkerte Khawa mir zu. Ohne den Tamjid ein Haar zu krümmen oder unfreundlich zu werden, ritt er weiter nach Süden. Die Kinder winkten zum Abschied. Ich folgte ihm auf meinem Tier, verwirrt ob der Gesetzmäßigkeit dieses Landes.

  • ringsiedlung.png

    Die Ringsiedlung

    Diejenigen, die reich genug sind, sich die Überfahrt per Schiff leisten zu können oder zufällig an einen netten Rakshaner geraten, der sie nicht ausplündert, sehen am Ende ihrer Reise die legendäre Stadt. Bislang hatte ich Glück und war nicht nackt in der Wüste zurückgelassen worden. Khawa hatte sogar die Hälfte der Geschenke mit mir geteilt, so dass ich wieder ein paar Pyras besaß, zudem eine Kürbisflasche und anderen Kleinkram. Trotzdem traute ich dem Braten nicht. Es war unvorstellbar, dass ein Rakshaner mich gratis lotste.


    Ein Saum schäbiger Behausungen umringte Tamarant, aufgehalten von der Mauer. Dahinter stiegen tausend Rauchsäulen hinauf in den ewigen Sommerhimmel. Der heiße Wind trug den süßen Geruch von Bäckereien bis zu mir, das herbe Aroma von Schmieden. Das unaufhörliche Klopfen war bis hier draußen zu hören, das Murmeln einer unschätzbar großen Menschenmenge, das Summen und Brummen, Rufen und Lachen, Pfeifen und Sägen, Schaben und Quietschen all der täglichen Verrichtungen.


    Gelassen trottete meine Hyäne hinter der von Khawa her. Langsam überholten wir eine vollbepackte Karawane von Dromedaren. Dann einige Handelskarren, von Eseln gezogen. Eine weitere, noch längere Karawane. Rakshanische Frauen mit hellen Augen riefen Khawa etwas zu. Er antwortete, dass er Verwandte besuchen wolle. Die Frauen balancierten weiche Körbe voller Datteln auf den Köpfen. Ihre Körper waren von der Arbeit muskulös. Im Gegensatz zu ihren Männern verhüllten sie nicht ihre Gesichter noch waren sie geschminkt, zudem trugen sie kaum Schmuck. Wer bei ihnen wen umwarb, und wer die Hoheitsgewalt über eine Ablehnung innehatte, war eindeutig.


    Wir verließen die Handelsstraße und bogen in einen Weg ein. In der Ringsiedlung lebten hauptsächlich Rakshaner mit ihren Hyänen. Ihr Selbstbewusstsein stand im krassen Gegensatz zur Ausstattung dieses Wohnortes. Hütten aus rostigem Wellblech, behangen mit sandverstaubten Tüchern, säumten die Pfade. Eisenmüll, mit dem die Kinder spielten, verschmutzte den Sand. Sehnsuchtsvoll blickte ich in Richtung Tamarant. Die Mauer, die sich wie ein Gebirge auftürmte und reich mit Reliefmustern verziert war, stammte aus der Zeit Tamjidistans. Ich bekam eine Ahnung von der kulturellen Größe, die verloren gegangen war. Aber was war eine Größe wert, die auf den Rücken von Sklaven errichtet war? Hinter der anderen Seite der Stadt zog ruhig der Sulmat, blau und glatt, ein Spiegel des Himmels, die Ufer bewachsen mit Schilf und Palmen.


    Aber bevor ich Tamarant betreten konnte, wurde ich von Khawas Verwandtschaft in der Ringsiedlung aufgehalten.


    Wir hielten und stiegen ab. Khawa begann, sein Beutegut abzuladen. Aus der Blechhütte stieg der Duft von frisch gebrühtem Mokka. Die Männer, deren Gesichter züchtig verhüllt waren, standen johlend von der bunten Decke auf, um ihn zu begrüßen und ihm zu helfen.

    Lass dir eines gesagt sein: Falls Rakshaner dir zulächeln, was man an ihren Augen gut sieht, denn sie lächeln sehr herzlich, dann solltest du das nur erwidern, wenn du zu ihrem Feuer komplimentiert und zu einem Mokka und einem Gespräch eingeladen werden möchtest. Andernfalls ist es empfehlenswert, rasch weiterzugehen. Jede kleine Freundlichkeit nehmen sie zum Vorwand, dich zu Geselligkeit zu nötigen und dir ihre Gastfreundschaft aufzuzwingen.


    Ich machte den Fehler, dass mich die freundlichen braunen Augen eines von Khawas Verwandten mit Krücke dazu verleiteten, einen höflichen Gruß von mir zu geben. Die ganze Zeit hatte er mich angestarrt, als würde er etwas von mir erwarten und ich Dämlack ging ihm geradewegs in die Falle. Der Mann, dessen Namen ich nicht einmal wusste, lotste mich mit ausgesprochener Herzlichkeit vor seine Hütte, wo ich mich abseits der anderen niederlassen sollte. Ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, Khawa hätte mich ihm zum Fraß vorgeworfen, denn der Sturmseher holte sich weit entfernt von mir lauter Umarmungen und Küsschen ab, bevor er bei Mokka und Gebäck platz nahm. Ich war indessen seinem Verwandten ausgeliefert, der nun einen geflochtenen Korb aus seiner Wohnstatt herbeiwuchtete. Mit einem Arm stützte er sich auf seine Krücke, mit dem anderen schleppte er. Umständlich und unter schmerzhaftem Ächzen stellte er die Last ab und ließ sich nieder. Scheinbar war sein letzter Plünderzug einer zu viel gewesen. Dieser Mann würde niemanden mehr ausrauben. Außer mich, wenn ich nicht achtgab.


    Der schwere Korb war bis oben hin mit groben Metallstücken gefüllt. Er zeigte mir jedes Teil und pries es an, als sei es ein Diamant. Leider sprach er ein dermaßen verschachteltes und akzentreiches Rakshanisch, dass ich ihn nicht verstand.


    «Ich möchte nicht unhöflich sein», warf ich langsam und deutlich ein, in der Hoffnung, dass er ein paar Brocken meines Asameisch verstehen würde, «aber was ist das alles? Bist du Altmetallhändler?» Ich wagte nicht, Schrotthändler zu sagen. Scheinbar erwartete Khawa, dass ich zum Dank für seine Führung durch die Wüste bei seinem verkrüppelten Verwandten einkaufte.


    Der Mann sagte etwas, dass wie «Chelig» klang. Als ich ihn verständnislos ansah, wiederholte er: «Che-lig.» Aufmunternd hob er einen verknoteten Metallklumpen empor und wackelte an einem Hebel, der nichts bewirkte, als ein Klickgeräusch. Weil ich nicht die erhoffte Begeisterung zeigte, nahm er ein anderes Objekt und drehte dessen Zahnräder. Dann hob er bedeutungsschwer den Finger und kombinierte die beiden Gegenstände. Mit einem deutlich hörbaren Klacken rasteten sie fest ineinander. Als er erneut den Hebel betätigte, sorgte das für ein selbstständiges Drehen der Zahnräder.


    Diese Altmetallklumpen schienen Bauelemente zu sein. Ein dreidimensionales Eisenpuzzle. Nur wofür? Was der Rakshaner mir an diversen Kombinationsmöglichkeiten vorführte, ergab zwar funktionale, aber nicht sinnhafte Ergebnisse. Und jedes Einzelne kostete etwas. Je nach Komplexität und Zustand wollte er mehr oder weniger Scudi sehen, wobei er mir den Preis mit den Fingern zeigte. Man bezahlte bei diesem Handel für ein mechanisches Puzzle, dessen beabsichtigtes Resultat weder ich noch der Rakshaner kannten. Kein Wunder, dass man ihm Kunden zuspielen musste.


    Mürrisch betrachtete ich den Unrat. Die paar Scudi, die Khawa mit mir geteilt hatte, wollte ich für etwas Essbares ausgeben. Dass er mich auf die Weise um das geschenkte Geld bringen wollte, ärgerte mich maßlos. Es gehörte mir und ich konnte damit tun und lassen, was mir beliebte!


    Mit einem Blick in Khawas Richtung versicherte ich mich, dass er momentan mit Turteln beschäftigt war. Er gurrte und säuselte, dass die rosa Herzchen nur so stoben. Das war meine Chance. Ich erhob mich, leierte eine Entschuldigung und tat, als müsse ich austreten. Kaum war ich außer Sicht, wechselte ich die Richtung und ging hinter der Hüttenreihe entlang zurück zur Straße. Ich hatte sie gerade erreicht, da rief Khawa meinen Namen, erst fragend, dann nachdrücklich. Als ich nicht reagierte, wurde ein empörtes Schreien daraus, dem sich weitere Stimmen anschlossen. Es wurde Zeit, sich zu beeilen.


    «Platz da!» Ich stieß einen Pilger zur Seite, der in den Dreck fiel, und rannte die Straße hinab auf das Tor zu. Kein Ausweichen in die verwinkelten Gassen der Ringsiedlung, kein Versteckspiel, jetzt ging es um alles.


    Hinter mir erklang das Galoppgetrappel weicher Pfoten im Sand. Die Hyänen jaulten in Vorfreude auf mein Blut. Zwei Karren versperrten vor mir die Straße, weil die Fahrer ausgerechnet jetzt miteinander streiten mussten. Doch das würde mich nicht aufhalten. Mit einem Satz war ich oben, kletterte über die Ladung, wobei es unter meinen Stiefel splitterte und klirrte, grüßte den fassungslosen Tamjid auf dem Kutschbock, sprang hinab und rannte weiter auf das Tor zu. Die Schritte der Hyänen verstummten, als sie gezwungen waren, vor dem Hindernis anzuhalten. Die Tiere keckerten wütend. Rufe informierten mich darüber, dass der Händler nicht damit einverstanden wäre, würden die Hyänen ebenfalls über seine Ladung trampeln, ohne dafür zu bezahlen. Khawa bezichtigte ihn der Gier und des Geizes, der Tamjid dichtete Khawa eine unsittliche Verbindung zu seiner Hyäne an.


    Das Stadttor! Meine Mundwinkel zogen sich beim Sprint zu einem triumphierenden Grinsen auseinander. Im Rennen blickte ich kurz zurück. Dann wieder nach vorn. Niemand machte Anstalten, mich aufzuhalten oder zu kontrollieren, weil alle auf die Hyänen starrten, die geifernd unter dem Protest des Tamjid über den Wagen hinweg trampelten. Aber sie würden nicht durch das Tor gelassen werden, wie ein entsprechendes Schild verriet, und ich war nun da. Keuchend bremste ich meine Schritte, schlenderte provokant das letzte Stück. Nun wusste ich auch, warum so viele Rakshaner draußen kampierten – sie konnten ihre Hyänen nicht allein lassen, ohne dass diese auf Menschenjagd gingen. Ich blieb stehen, drehte mich ein letztes Mal um und grinste Khawa und seinen vielen Brüdern, Vettern, Onkeln und Neffen zu. Mit einem ironischen Salut übertrat ich die Schwelle.


    Verspürte ich ein schlechtes Gewissen, nachdem Khawa mich kostenlos durch die Tamjara eskortiert und mir gezeigt hatte, wie ich mich mit Kokosnüssen ernährte? Nachdem er die Geschenke der Tamjid halbe-halbe mit mir geteilt hatte? Grämte ich mich, ihm nicht einmal diesen klitzekleinen, symbolischen Gefallen zu erweisen, und ein Stück nutzlosen Schrott bei seinem Verwandten zu kaufen, damit dieser seine Familie ernähren konnte, weil seine Zeit des Plünderns vorüber war?


    Nicht im Mindesten! Ich freute mich über die günstige Gelegenheit und nutzte sie. Jeder musste sehen, wo er blieb. Nicht zuletzt hatten wir keine entsprechende Vereinbarung. Ich schuldete Khawa nichts und noch weniger seinem nutzlosen Verwandten, der als Händler vermutlich der Schandfleck der räuberischen Familie war.


    Ich bog in die erste Seitengasse, folgte den verwinkeltsten Wegen um enge Kurven und war für die Verfolger unauffindbar ins Großstadtgewimmel eingetaucht. Selbst eine Hyäne konnte in dieser Umgebung nicht meiner Duftspur folgen. Ich war in Sicherheit, bereit für ein neues Leben.


    Ajì, Tamarant!

  • tamarant.png

    Tamarant

    Das Tamarant von heute ist nicht mehr jenes, von dem die alten Erzählungen künden. Wo man den Sonnengott für tot erklärte, starb vieles mit ihm. Während die Rakshaner und Tamjid in der neuen Zeit überlebten, wusste man von den anderen Kasten, den Skondrani und den Yakani, heute nichts mehr. Was blieb, war Tamarants Größe und Reichhaltigkeit, wie ich sie nirgendwo sonst erlebt hatte.


    Auf meiner Flucht vor Khawas Sippe eilte ich durch ein Labyrinth enger Gassen. Zwischen den unzähligen Marktbuden, die vor den mehrstöckigen Kastenhäusern aufgebaut waren, fand man kaum Platz zum Gehen. Ich drängelte mich an einem Stand für Backwaren vorbei, dessen Duft mir ein Magenknurren entlockte. Mohngebäck und Dattelkuchen, Kakaoplätzchen und Kokosbrot harrten verführerisch dampfend des hungrigen Kunden. Wahrscheinlich wurden sie im Haus dahinter frisch gebacken. Im Vorbeigehen ließ ich eine mit Mandelsplit bestreute Bananenstange mitgehen, die ich unterwegs aß. Eine Gruppe Kinder, die sich gegenseitig jagten, lenkte in diesem Moment alle Aufmerksamkeit auf sich und deckte meine Untat. Der warme Teig zerging fruchtig-süß in meinen Mund.


    Zur Strafe stieß ich mir einen Stand weiter bei einem Mosaik- und Fliesenleger das Knie an einem Stapel bunter Kacheln. Der Wohlgeschmack der Bananenstange überlagerte den Schmerz. Wenn es etwas gab, was die Rakshaner beherrschten, außer zu plündern und Mokka zu kochen, dann war es die Kunst des Backens. Oder war das ein Tamjid gewesen? Sein Gesicht war nur halb verhüllt, die Nase schaute heraus. Die Unterscheidung war nicht immer so klar wie bei Farhang und Khawa Steppensturm.


    Die Gasse öffnete sich zu einem Markt, auf dem eine Tuchhändlerin sich ausgebreitet hatte. Wie bunte Segel blähte die Seide sich im ewigen Sommerwind, schneeweiß, meergrün und türkis, karminrot, kirschblütenrosa und sonnengelb. Ich fragte mich, warum die Frau in Kauf nahm, dass der edle Stoff verschmutzt würde, doch war dies nicht mein Problem. Diese Straße war schließlich öffentlich und jeder konnte entlanglaufen, wo er wollte. So schritt ich durch ein fliederfarbenes und nach Blüten duftendes Seidentor und verlor mich dahinter. Mich empfing ein schimmerndes Seidenlabyrinth ohne Ende. Was für eine Pracht. Mit dem Gefühl der Segnung von tausend ungeborenen Sonnenfaltern wandelte ich einher, die Seide strich kühl über mein heißes, verschwitztes Gesicht. Für einige Zeit verlor ich die Orientierung in Zeit und Raum, fand den Eingang zur nächsten Gasse nicht und drehte mich mit anderen Gästen durch die wogenden Farben. Ich erblickte kurz das glückliche Gesicht einer Trolldame mit imposanten Hauern, an denen goldene Glöckchen klingelten, mein Lächeln wurde breiter, doch bevor sie mich bemerken konnte, wogte ein nachtschwarzes Tuch empor. Als es wieder hinabsank, war sie fort und ich wandelte erneut allein im Farbenmeer. Azurblaue Seidenwellen umwogten mich, kristallsilberne Schaumkronen liebkosten meine Rüstung, weich und gütig. Hoch über allem strahlte die Sonne auf die Leute, die sich wie Tänzer drehten. Tamjid und Rakshaner, dazu mindestens ein Troll und ein Halbork, gemeinsam verloren im Farbenmeer. War dieser Ort wirklich von Alvashek verlassen?


    Meine Panzerhandschuhe griffen nach einem Tuch, das so moosgrün schimmerte wie meine eigene Haut. Ich drückte es mir ins Gesicht, sog den Duft von Zeder und Tannenharz durch meine Nase, der mich an den kühlen Wald des Nordens erinnerte. Vorsichtig löste ich es von der Leine, mit dem Gefühl, der Diebstahl solcher Ware käme einem Sakrileg gleich. Ich suchte die Tamjidhändlerin und bezahlte, bedankte mich voll Überschwang. Kein Tuch hatte ich erworben, sondern einen Augenblick des Friedens, Sonnenfaltersegen und Waldheimatgeist für daheim. Glücklich wickelte ich es um den Helm, nach Art der Rakshaner auch vor mein Gesicht. Die gefilterte Luft war staubfrei und duftete frisch. Dieses Tuch war jeden Scudo wert. Maskiert fürchtete ich Khawa nicht länger, als würde der Zauber sich bis nach draußen erstrecken, verließ das Gassenlabyrinth der Unterstadt und trat auf die Hauptstraße. Die Kastenbauten endeten hier. Ein langer und breiter Schatten fiel auf mich und ich sah auf. Vor mir erhob sich unnahbar wie eine Metropole aus eisernen Kathedralen die Oberstadt.


    Ich blinzelte, als würde ich aus einem schönen Traum erwachen. Mit einem Gefühl von Fassungslosigkeit blickte ich zurück in das bunte, freundliche Gewimmel und dann wieder nach vorn. Der historische Bruch war nicht zu übersehen: Die prunkvollen Paläste des alten Stadtzentrums waren zerstört und durch Eisentürme ersetzt worden. Nur die Unterstadt hatte man belassen. Anstatt im Herzen Tamarants auf goldene Kuppeldächer zu strahlen, schien Alvasheks Licht auf schroffe Giebel. Das Ganze mutete an wie eine Fallgrube voll angespitzter Eisenpfähle. Stahlgrau und Rostrot waren die dominierenden Farben.


    Ich zog den Kinnriemen meines Helms auf die engste Stufe und wickelte das Tuch so fest, dass nichts wehte. Der plötzliche Geruch von Eisen und Rost erinnerte mich an Blut und Rüstungen, an feuchte Erde und die Schlachtfelder dieser Welt. Mein Instinkt riet mir, besser gerüstet zu sein, wenn ich die Oberstadt betrat.

  • dantai.png

    Der fremde Kämpfer

    Das erste, was ich sah, war ein wackelnder Gullydeckel. Verwirrt sah ich zu, wie er sich drehte und dann hob. Zwei Panzerhandschuhe schoben ihn auf die Straße, ehe sich der dazugehörige Kämpfer aus der Öffnung zwängte. Aufgrund des Gewichts seiner Rüstung schnaufte er, als er an der Leiter hinauskletterte. Rost rieselte von seiner Panzerung und er stank. Von innen hatte er zahlreiche Nägel durch die Schulterstücke getrieben. Den Rumpf schützte ein rostiges Kettenhemd. Von seiner Haut war nicht ein Fingerbreit zu sehen. Das Bemerkenswerteste aber waren die beiden eisernen Hasenohren auf seinem Helm.


    Er schien mich nicht zu bemerken, löste einen Strick von seinem Gürtel und zerrte den am anderen Ende befestigten Sack aus dem Gully. Was sich darin befand, war schwer und sperrig. Unkoordiniert tastete der Gepanzerte nach dem Deckel, um ihn wieder auf die Öffnung zu schieben. Neugierig beobachtete ich sein Treiben.


    Nachdem er seinen Sack geschultert hatte, ging er geradewegs auf mich zu, als würde er erwarten, dass ich ausweiche. So nicht, Freundchen. Stur blieb ich stehen, unbeeindruckt davon, dass er direkt auf mich zuhielt. Noch drei Schritte war er entfernt, zwei, einen. Ungebremst marschierte er gegen meine Brust. Ich schnaubte erzürnt, er zischte und wich einen Schritt zurück, nicht mehr. Durch die Augenöffnungen seiner Eisenmaske sah ich, dass seine Lider geschwollen und fest zusammengekniffen waren. Tränen gruben kleine Bachbetten in den Dreck auf seinen Wangen. Er öffnete seine Augen auch jetzt nicht. Vermutlich waren sie verletzt.


    Seine freie Hand huschte mit kaum spürbaren Berührungen über mein maskiertes Gesicht und meinen Oberkörper. Er tippte bestimmte Punkte an, um sich ein Bild von mir zu machen. Ziemlich routiniert wirkte das Ganze, die Verletzungen mussten schon älter sein. Das Resultat seiner Forschung schien ihm nicht zu gefallen, er wich einen weiteren Schritt zurück.


    «Wer bist du?», verlangte er zu wissen.


    Ich grollte. «Wüsste nicht, was dich das angeht.»


    «Ich kenne deine Stimme nicht. Du musst ein Neuer sein. Pass bloß auf, dass du mir unten nicht in die Quere kommst.»


    Ich machte ein verächtliches Geräusch. «Hast du Höhenflüge? Sieh zu, dass du Land gewinnst.»


    «Du hast keine Ahnung, mit wem du dich anlegst», drohte er.


    «Spar dir den Atem, ich will es nicht wissen. Wäre es nicht so erbärmlich, einen Blinden zu schlagen, würdest du Staub fressen.»


    «Wäre es Nacht, wärst du tot», zischte er und bewegte sich mit ausgestreckter Hand seitwärts von mir fort. Er fand die Wand des nächsten Hauses. Ohne mich weiter zu beachten, folgte er dem Lauf der Seitenstraße in eine finstere Gasse. Seine Finger glitten locker über die vernieteten Eisenplatten, die in der Oberstadt die Mauern bildeten. Zwischendurch hielt er inne, vor Schmerzen stöhnend und seine Maske reibend, ehe er weiterging. Insgesamt erweckte sein Bewegungsmuster keinen guten Eindruck. Er schien nicht allein in den Augen Schmerzen zu leiden.


    Ich wartete, bis er meine Schritte unter denen der Passanten nicht mehr einzeln würde ausmachen können, dann folgte ich seiner Miefwolke.

  • Kein Sonnenstrahl drang an den Grund der Gasse, durch die der Weg des Rosthasen führte. Die schwere Luft staute sich, es stank nach Urin und Verfall. Genau in der richtigen Höhe waren die Eisenwände rotbraun verfärbt. Feuchte Stoffballen vermoderten in den Ecken, gemeinsam mit zerbrochenen Tongefäßen und kaputten Flechtkörben. Weiße Frettchen stöberten darin nach Ratten und Mäusen. Diese Müllhaufen versperrten einen wesentlichen Teil des ohnehin schmalen Weges. Wenn ich die Arme ausstreckte, konnte ich beide Seiten der schmuddeligen Gasse berühren. Ärmlich gekleidete Gestalten, die in den Hauseingängen lungerten, sahen uns tuschelnd nach.


    Warum wagte der Rosthase sich in seinem lädierten Zustand in solch eine Gegend? Was war so wichtig, dass er trotz seiner Blindheit das Risiko eines Überfalls einging? Das würde ich schon herausfinden. Da er eine selbst zusammengestellte Rüstung trug, hielt ich ihn für einen Söldner. Wo er hinging, gab es sicher auch für mich Arbeit. Und dass man Söldnerlager oder die Spelunken zum Anwerben nicht in die besten Viertel setzte, war bekannt.


    Er blieb stehen, stützte sich mit beiden Händen an eine Wand, als würde er sich erbrechen müssen, keuchte, ging dann aber unverrichteter Dinge weiter. Eine vermummte Gestalt öffnete für ihn ihren Umhang, um ihm etwas zu zeigen, doch er winkte ab und setzte seinen Weg fort. Auch mir zeigte die Person ein Arsenal gefüllter Innentaschen, die verlockend dufteten, aber ich würde meine Verfolgungsjagd nicht aufs Spiel setzen und lehnte ebenfalls ab. Trotz seiner Langsamkeit bewegte der Gepanzerte mit den Hasenohren sich zielstrebig.


    Eine Gruppe rakshanischer Trunkenbolde, die auf einer Treppe herumlungerten, hob bei seinem Erscheinen johlend die Kokosnussbecher. «Dantai Nageltod! Wie lange warst du fort, Bruder?»


    «Ein halbes Jahr. Aber ich habe jetzt keine Zeit.»


    «Hast du nichts für uns mitgebracht?»


    «Ich bin nicht an den Kellern vorbeigekommen. Nächstes Mal.»


    Wehklagend ließen sie ihn ziehen. Als ich an den Zechern vorbeikam, grüßte ich sie ebenfalls. Der Geruch von Mokka vermischte sich mit dem von hochprozentigem Alkohol. Ich gab mich so vertraulich, als wäre ich ein Freund von Rosthase, der sich, wie ich nun wusste, Dantai Nageltod nannte. Dass es sich hierbei um eine Tarnidentität handelte, war nicht zu überhören. Sie grüßten zurück. Unbehelligt setzte ich meine Verfolgung fort. Die meisten Passanten dieser Gasse verhielten sich weniger freundlich. Man versuchte, trotz der Enge möglichst viel Platz zu Dantai und mir zu lassen. Söldner schienen hier keinen guten Ruf zu genießen.


    In einem vergitterten Schaufenster entdeckte ich Gebilde, die mich an die Cheligs des Rakshaners erinnerten. Dantais Schneckentempo ließ mir Zeit, sie zu betrachten. Die Gegenstände waren größer und wiesen beinahe den Charakter von durchdachten Apparaturen auf. Doch was sollte das sein? Zwirbeldreher, 370 Scudi. Heuler, 150 Scudi. Funkenregen, ganze 2450 Scudi. Müll. Bei diesen Preisen zweifelte ich am gesunden Verstand der Tamaranter. Was hatten sie hier nur mit ihren Eisenpuzzeln? Und warum waren sie bereit, derartige Summen dafür auszugeben?


    Fast hätte ich Dantai wegen meiner Unaufmerksamkeit verloren, als er in einen Laden trat. Auf dem Schild stand: Notariat Zim Zamint & Sal Davion.


    Als ich eintrat, stand er schon an einem Tresen, die Unterarme aufgestützt. Er atmete schwer. Auf dem Boden glänzte eine Spur von Blutstropfen, die von meinen Stiefeln bis zu ihm führte. Der Raum besaß den Charme einer Werkstatt mit eisernen Aktenschränken und einem kleinen, dreckigen Alchemietisch.


    «Ich benötige ein Echtheitszertifikat», schnaufte Dantai. Die Anstrengung schien ihm Luftnot beschert zu haben.


    Der Tamjid, dessen Namensschild ihn als Zim Zamint auswies, öffnete mit beiden Händen eine Schriftrolle, auf welcher er nach einem freien Termin suchte.


    «Ich benötige das Zertifikat sofort», keuchte Dantai. Blut tropfte aus seiner Rüstung. «Ich zahle den erforderlichen Betrag», fügte er hinzu.


    Zim Zamint ließ die Schriftrolle zuschnappen und räumte sie zurück unter den Tresen. Er winkte seinen Kollegen vorbei, der die fleckige und nach Lösungsmitteln riechende Schutzkleidung eines Alchemisten trug. Der trug den Sack auf seinen Arbeitstisch, wo er ihn öffnete, während Zim Zamint sich einem Formular widmete. «Für welche Ebene darf ich das Echtheitszertifikat ausstellen?»


    «Viridia. Ein Komplexikum.»


    In der Tat wirkte dieser Gegenstand, als seien die schätzungsweise hundert winzigen Bestandteile sinnhaft miteinander verbunden. Das war vermutlich kein Vergleich zu dem Schrott, den man mir in der Ringsiedlung hatte andrehen wollen. Aber wozu diente es?


    Der Alchemist nahm einige Reagenzgläser zur Hand, in denen er etwas mischte. Dantai schien erst jetzt zu bemerken, dass der Gegenstand überprüft wurde. Sein Kopf fuhr zum Arbeitstisch herum und er wiegte ihn, zeigte erst mit der einen, dann mit der anderen Ohröffnung seines Helms dorthin, als würde er versuchen, die Richtung und die Entfernung akustisch zu orten. «Meine Beutestücke sind echt und alle von mir angegebenen Daten stimmen. Das weißt du, ich habe nie falsche Angaben gemacht. Meine Kunden können sich auf mich verlassen. Ich benötige nur das Zertifikat, keine tatsächliche Überprüfung.»


    «Die Zeiten ändern sich. Ohne Test kann ich kein Zertifikat ausstellen», sagte Zim Zamint.


    «Und ich muss den Test zuzüglich zur Ausstellung des Zertifikats bezahlen?»


    Sal Davion träufelte Flüssigkeiten auf verschiedene Oberflächen des Beutestücks. Zim Zamint kritzelte im Formular herum. «Ich kann es nicht ändern, Dantai», sagte er. «Vorschrift ist Vorschrift.»


    «Besonders, wenn ihr daran verdient, nicht wahr? Ihr wisst, dass es mir nach der Rückkehr schlecht geht! Ihr nutzt aus, dass es mir nicht möglich ist, ein besseres Notariat zu suchen!»


    «Es gibt kein Besseres. Nicht für einen Reliktjäger.»


    Sal Davion legte den Gegenstand auf eine Messingwaage. Er nannte das Gewicht, welches vom Notar ins Formular eingetragen wurde. Der Notar ließ sich zum Unmut seines Kunden auch noch die Maße geben. «Am Ende ist alles nur ein Geschäft», sprach Zim Zamint tröstlich, während er einen riesigen Stempel setzte. «Die Klassifizierung als Viridisches Komplexikum geht in Ordnung.»


    Dantai bezahlte murrend, nahm das Zertifikat und den Sack mit seinem Beutestück entgegen und wandte sich zum Gehen. Mitten im Raum stockte er und witterte wie ein Kaninchen, das besorgt Männchen macht.


    «Du hier», fauchte er. «Habe ich es doch gleich gewusst!»


    Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach, aber um ihn zu ärgern, bestätigte ich: «Ganz recht. Überrascht?»


    «Nicht im Geringsten.» Er trat vor mich. Seine Dunstwolke aus Schweiß, Rost und Blut war übel, doch von den Schlachtfeldern des Nordens war ich Schlimmeres gewohnt. Seine Augen sahen mittlerweile vollkommen zugeschwollen aus. Ich vermute, dass er sie nicht mehr würde öffnen können, selbst, wenn er es versucht hätte. «Und wie ist dein werter Name, Herr Kollege?», fragte er mit falscher Freundlichkeit.


    «Vielleicht verrate ich ihn dir, wenn du das nächste Mal etwas netter zu mir bist. Jetzt hau ab.» Ich sah keinen Anlass, seinen Irrtum, ich wäre ebenfalls ein Reliktjäger, richtigzustellen. Insbesondere, weil ich damals sträflich unterschätzte, wie tief er in die dubiosen Geschäfte der Oberstadt verstrickt war. Heute würde ich sagen: verheddert.


    Im Vorbeigehen rempelte er mich mit seiner gepanzerten Schulter an. Mit dieser Grobheit zum Abschiedsgruß setzte er seinen Weg fort.


    Und ich würde ihm folgen, auch wenn er kein Söldner war, bis ich wusste, wo er seinen Unterschlupf hatte. Seine Abneigung und Streitlust wirkten auf mich zu intensiv, um sie ignorieren zu können. Ich würde ihn meucheln, sobald er sich niederlegte, um seine Wunden zu lecken.

  • arkaden.png

    Die Eisernen Arkaden

    Als ich den Laden direkt hinter Dantai verließ, bestand für ihn kein Zweifel mehr daran, dass er einen Verfolger hatte. Und ich gab mir keine Mühe, meine Absicht zu verbergen. Unverschämt dicht rückte ich auf, sobald er langsamer wurde, atmete ihm drohend ins Genick.


    «Denk an den Oberflächenfrieden», blaffte er, während er sich, einem Geländer folgend, hektisch auf Distanz tastete.


    Nach wie vor hatte ich keine Ahnung, wovon er sprach. Weder wusste ich, was ein Reliktjäger war, noch, was er mit dem Oberflächenfrieden meinte. «Ganz ruhig», erwiderte ich mit falscher Freundlichkeit. «Wir haben nur zufällig denselben Weg.»


    Seine Bewegungen wurden noch fahriger. Er blieb mit dem Beutestück im Geländer hängen, was ihm ein Japsen entlockte, als ich wie zufällig gegen ihn stieß. «Hoppla.» Natürlich hielt er sich bewusst in den belebtesten Gassen. Vor aller Augen einen Mord zu begehen, würde meine Zukunft in dieser Stadt ruinieren. Doch früher oder später würde ihm ein Fehler unterlaufen. Ich hatte Zeit. Er bog links ab, dann rechts, stieg eine Treppe hinauf, überquerte eine Terrasse mit Restaurant und stieg zur anderen Seite wieder hinab. Nichts würde ihn retten, ich blieb ihm auf den Fersen.


    Bis ihm endlich der entscheidende Fehler unterlief: Er trat im Gewühl auf einmal zur Seite, um sich in einem Käfig zu verstecken, der in einer Einkerbung der Hauswand stand. Dort rückte er nach ganz hinten, wo er nervös ein paar kreisförmige Intarsien befühlte. Vielleicht war das eine Art Schrein und er betete. Hier gab es sicher die merkwürdigsten Kulte. Scheinbar nahm er an, ich würde nun einfach an ihm vorbeilaufen, nur weil er sich leise verhielt. Doch dort in seiner Ecke saß er wie die Ratte in einer Lebendfalle. Niemand würde sehen, wie er starb.


    Ich zog meinen Dolch aus dem Stiefel und folgte ihm entschlossen. Keine Heimlichkeit, mein Rücken als Sichtschutz genügte. Mit dem Fuß trat ich ohne zu zögern über die Schwelle. In dem Moment drückte er fest auf eine Intarsie. Mir wurden beide Beine weggerissen, als der Boden nach oben ruckte. Und nicht nur der! Der gesamte Käfig raste senkrecht hinauf! Ich stürzte, der Dolch flog mir davon, während ich am tiefer werdenden Abgrund baumelte. Mit den Panzerhandschuhen konnte mich am Eisengitter festhalten. Von beiden Seiten versuchte der Mechanismus hartnäckig, die Gittertür zu schließen, blieb jedoch an mir stecken.


    Mit seinen geschlossenen Augen blickte Dantai in Richtung der Tür, wo ich mich verzweifelt festkrallte, lachte leise. «Auf Nimmerwiedersehen, du armseliger Amateur.» Anscheinend ging er davon aus, ich sei in die Tiefe gestürzt, denn er beachtete mich nicht weiter. In der Nähe seiner Stiefel lag mein Dolch.


    In atemberaubender Geschwindigkeit raste der Käfig auf einen finsteren Schacht zu. Mit einem beherzten Klimmzug wuchtete ich mich nach innen, gerade rechtzeitig, bevor ich zwischen Gitter und Schachtwand zerquetscht wurde. Hinter mir schnappte die Gittertür zusammen. Dantai betastete sie darauf hin prüfend, während ich unter seinen Armen hinweg auf allen vieren zur Seite flüchtete. Das Rattern und Klappern übertönte jedes Geräusch. Der Fahrtwind wehte alle Gerüche nach unten durch den Gitterrost. Das war mein Glück. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, Dantai würde mich doch bemerkt haben, aber weil er nicht dergleichen tat, musste ich mich geirrt haben.


    Hoch über der Straße hielt die Konstruktion endlich an. Der Blick auf die Stadt offenbarte deutlich den Unterschied zwischen dem Zentrum, der Altstadt und der Ringsiedlung. Was für ein Panorama. Im Osten zog träge der Fluss.


    Im Moment blieb keine Zeit, mich länger der Aussicht zu widmen. Die Gittertür sprang scheppernd auf und Dantai trat hindurch. Ich ergriff meinen Dolch und folgte ihm. Ein Blick zurück offenbarte, dass der Käfig an einem Eisenseil hing. So etwas hatte ich noch nicht gesehen. Ein Seilzugmechanismus bewegte das Ganze auf und ab. Doch wer bediente es? Woher kam die Kraft dafür? Ich sah niemanden.


    Auf wackeligen Beinen folgte ich Dantai ins Innere des Gebäudes. Der Boden, die Wände, alles bestand aus poliertem Eisen. Bald öffnete sich der Gang zu einem hell beleuchteten Saal mit einer Empore. Die gläsernen Lampen mussten alchemistisch gefüllt sein, denn sie erstrahlten in gelblichem Licht wie kleine Sonnen ohne jedes Feuer. Von ihnen gab es sehr viele. Ein Schild verkündete auf Rakshanisch und Asameisch: Die Eisernen Arkaden. Es schien sich um eine Ladenpassage zu handeln.


    Die Bevölkerung, die sich hier oben bewegte, schien von der wohlhabenden Sorte zu sein. Ich sah viele Tamjid mit den markanten Flechtfrisuren in edlen Gewändern einherschreiten, aber auch weißhäutige Almanen, wahrscheinlich Naridier, wenn ich den strengen Schnitt ihrer Kleider und die Seitenscheitel betrachtete. Zudem schritt erhaben eine ganze Gruppe von Mönchen der Bruderschaft von Zeit und Raum an mir vorbei, die unschwer an ihren schwarzen Kapuzenkutten zu erkennen waren. Sie würdigten weder Dantai noch mich eines Blickes.


    Getragen wurde das Gewölbe des gewaltigen Saales von Säulen, deren bunte Streifen aus unterschiedlichen Metallen gefertigt waren. Ich erkannte gelbes Messing, rotes Kupfer und dunklen Blaustahl. Rostig wirkte hier nichts. Alles war in bestem Pflegzustand. In der Mitte des Ganzen stand ein schwarzer Turm, der zweifelsohne der zu den Mönchen gehörende Tempel war.


    Getuschel riss mich aus meiner Betrachtung. Hinter einer Säule standen zwei Männer, deren Rüstungen genau so selbst zusammengestümpert aussah wie die von Dantai. Sie tauschten etwas, das niemand sehen sollte. Der Schlanke trug einen leichten Krokodillederpanzer, der Muskulöse eine almanische Eisenrüstung, doch sein Waffenrock war ohne Wappen. Von keinem sah man einen Quadratzentimeter Haut. Ihre Gesichter verbargen sie, wie der Hasenkopf, hinter Masken. Wahrscheinlich handelte es sich ebenfalls um Reliktjäger, denn sie hielten inne und starrten mich an, als wollten sie mich auffressen. Ich erwiderte den Blick erbarmungslos, ehe ich abbog, um Dantai in ein nobel wirkendes Geschäft zu folgen.


    Viridische Komplexika, versprach das in Gold gefasste Schild über der Tür. Edle Kacheln aus hellsilbernem Metall bedeckten den sauberen Boden. Ein Wald von Vitrinen aus Gitterglas füllte den Laden aus. Ein Duftlämpchen überdeckte mild den Eisengeruch. Ein Barde, den ich nicht sah, spielte eine leise Melodie. Die Preise in den Vitrinen waren ausnahmslos fünfstellig.


    Augenscheinlich hatte Dantai etwas erbeutet, das weitaus wertvoller war als die Schrottstücke des Rakshaners in der Ringsiedlung. Mein Rosthase würde gleich ein reicher Mann sein. Wie praktisch für mich. Leise tat ich so, als würde ich mich für die Gegenstände in den Vitrinen interessieren. Noch immer hatte Dantai nicht bemerkt, dass ich ihn verfolgte. Sein frisch zertifiziertes viridisches Komplexikum landete auf dem Tresen. Der Triumph sprach aus seiner Körperhaltung. Zwar keuchte er noch immer, doch die Aussicht auf ein so stattliches Sümmchen überlagerte scheinbar seine Schmerzen.


    «Sind Sie hier, um zu verkaufen?»


    Ich fuhr zusammen, denn die Frage galt nicht ihm. Die Stimme gehörte zu einem Mitarbeiter, der aus dem Vitrinenwald unbemerkt direkt neben mir aufgetaucht war.


    Dantai fuhr herum. «Oh, verkaufen möchte mein Freund keineswegs», antwortete er an meiner Stelle. Seine Stimme klang ausgesprochen gehässig. «Und es besteht auch kein Anlass, die Wächter zu rufen. Seine Anwesenheit geht in Ordnung. Er ist hier, weil ich ihn jemandem vorstellen möchte.»


    Das war augenscheinlich ein Stichwort. Mit einem schweren Klong schloss sich die eiserne Ladentür. Ich saß in der Falle.

  • nekromant.png

    Chalkas, der Allesfresser

    Die Wächter waren der zivile Sicherheitsdienst von Tamarant. Man hatte ihnen diese neutrale Bezeichnung gegeben, da sie keinem Herrn und keiner Staatsmacht dienten. Sie glichen Söldnern und in der Tat rekrutierten sie sich oft aus diesen, auch wenn der Verdienst aufgrund der kaum vorhandenen Gefahr für Leib und Leben deutlich geringer ausfiel. Als Waffen nutzten sie lange Holzstäbe mit stumpfen Enden, mit denen sie jemanden zuverlässig ausschalten konnten, ohne ihn umzubringen. Außerdem vermochten sie damit Menschenmengen zurückzudrängen und Türen abzusperren.


    Diese beiden Exemplare, bei denen es sich um zwei halbstarke Ledvigiani handelte, wie ihre Pluderhosen und die Bauchbinden anstelle von Gürteln verrieten, arbeiteten als Sicherheitsdienst für die Eisernen Arkaden. Dass sie mich abtransportieren durften, bereitete ihnen abgründiges Vergnügen.


    «Na warte, wenn Chalkas der Allesfresser davon hört», giftete einer fröhlich.


    «Chalkas ist nicht für seine Gnade bekannt», frotzelte der andere vergnügt und stieß mich mit dem Stab. «Ab jetzt! Marsch!»


    Einer ging voran, der andere führte mich an der Kette, die an den Handschellen befestigt war. Beide Hände hatten sie mir damit fest auf den Rücken fixiert.


    Ich musterte Dantai, der keuchend neben der Prozession her marschierte. «Musst du nicht zum Arzt oder so?»


    «Ah, nein. Der ehrwürdige Vater Chalkas bedarf meiner Zeugenaussage, um dich möglichst hart verurteilen zu können.»


    «Ich dachte, Tamarant hätte keine Regierung?», maulte ich im Gehen.


    «Nicht offiziell.»


    «Und inoffiziell?»


    «Ich würde sagen, lass dich überraschen.» Ziel des Marsches war der Tempel im Zentrum der Eisernen Arkaden. «Die Zitadelle der Leere, größter Tempel der Bruderschaft von Zeit und Raum in Tamarant. Was du siehst, ist nur die Spitze.»


    Durch jene traten wir ein. Erneut sausten wir in einem Gitterkäfig hinab. «Was ist das für ein Ding?», fragte ich missmutig.


    «Ein vollmechanischer Aufzug. Aus Fragmenten rekonstruierte Yakani-Technologie. Ich darf von mir behaupten, durch meine Expeditionen wesentlich zur Optimierung des Mechanismus beigetragen zu haben.»


    Man brachte mich in einen Saal. Von dem hohen Eisengewölbe hing ein eiserner Kronleuchter, der mit gläsernen Lichtkugeln anstelle von Kerzen ausgestattet war. «Und die Beleuchtung?», erkundigte ich mich.


    «Die Glaskugeln sind mit einer geheimen alchemistischen Rezeptur gefüllt. Sie brennen je nach Qualität recht lange, bevor man sie neu befüllen muss. Die Bruderschaft von Zeit und Raum liebt solche Technik. Wer Ainuwar verehrt, der verehrt auch Forschung und Wissenschaft. Es ist eine vernunftbasierte Religion, die nichts mit dem Hokuspokus der Rakshaner oder Tamjid zu tun hat. Ruhe jetzt.»


    Dantai fixierte mich vor dem Schreibtisch an einem wuchtigen Eisenstuhl, wobei er die Ketten fester zog, als nötig gewesen wäre. Die beiden Wächter schickte er nach draußen. Er selbst nahm neben mir Aufstellung. So warteten wir. Noch war der Vater nicht eingetroffen, so dass ich die Zeit fand, mich umzusehen. Bei dem brachialen Beinamen hätte ich nicht mit dem Studierzimmer eines Gelehrten gerechnet. Woher diese Affinität für Eisen stammte, wüsste ich gern. Und woher nahmen die Tamaranter die Unmengen des teuren Materials? Ähnlich wie Parkett waren die Eisenplanken hier auf dem Boden und an den Wänden in einem Fischgrätenmuster verlegt. Gleichsam bestanden alle Möbel aus Eisen. Wenn die Gemächer die Seele ihres Bewohners widerspiegelten, wie mochte es im Inneren von Chalkas aussehen?


    Beklommen ließ ich meinen Blick durch den Raum schweifen. Ein riesiges Regal füllte die gesamte Rückwand aus. Die Folianten und Schriftrollen reihten sich lückenlos und wohlgeordnet von der Decke bis zum Boden. Doch dieser Mann war kein reiner Theoretiker. Linker Hand stand eine breite Werkbank mit mechanischen Apparaturen, die er nicht untersuchte, sondern in vollem Funktionsumfang benutzte, denn die Werkstücke lagen darunter oder waren eingespannt. Manche erinnerten mich an die Gerätschaften eines Foltermeisters. Ich hoffte, dass dieser Eindruck täuschte.


    Endlich nahte der Vater. Seine Fortbewegungsart war bemerkenswert; dergleichen kannte ich nicht. Er saß in einem Stuhl, der wie eine Miniaturkutsche zwischen zwei großen Rädern aufgehängt war. Angetrieben wurden sie durch seine Hände. Zwei kleinere Räder sorgten für die notwendige Stabilität der gefederten Konstruktion. In diesem Gefährt thronte er bequem in dicken Lederpolstern. Er fuhr um den Arbeitstisch herum, der vor dem Bücherregal stand, wendete und machte es sich dahinter bequem. So alt und bleich erinnerte Chalkas mich in seiner schwarzen Robe eher an einen Nekromanten denn an einen Priester.


    Mir schenkte er zunächst keine Beachtung. Seine Aufmerksamkeit galt Dantai Nageltod, dessen keuchender Atem nicht besser wurde, auch wenn er sich mühsam aufrecht hielt. An Stolz mangelte es ihm nicht. Langsam glitt des Vaters feuchte Zunge über die schmalen Lippen, lang und rosig. Sie wirkte lebendig, als wäre sie ein parasitäres Geschöpf, das sich im Mundraum des Priesters festgesetzt hatte und sein Blut und seine Lebenskraft in sich aufsaugte.


    «Dantai, mein Lieber», sprach der Alte sanft. «Was hast du mir heute mitgebracht?»


    «Das heißt wer und nicht was», schnauzte ich, erbost ob dieser Behandlung und der Ignoranz. «Augenscheinlich bin ich eine Person und zudem ein freier Mann! Ich habe mächtige Freunde, die wissen, wo ich mich befinde. Falls ich in den Eisernen Arkaden verschwinde, wird das nicht unbemerkt bleiben. Lasst mich gehen!»


    Weder Chalkas noch Dantai blickten in meine Richtung. Sie taten weiterhin, als sei ich Luft. Das brachte mich zu der Annahme, dass eine Situation wie diese häufiger vorkam.


    «Es handelt sich um einen Messerstecher», beantwortete Dantai die Frage des Alten. «Er lauerte mir auf, als ich den Untergrund verließ. Seither verfolgt er mich in der Absicht, mir mein frisch erbeutetes viridisches Komplexikum abzunehmen.»


    «Lügner», blaffte ich. «Wir hatten nur zufällig den gleichen Weg. Hast du für deine paranoiden Fantasiegespinste irgendwelche Beweise?» Die Lüge kam flüssig über meine vermummten Lippen. Ich war nicht bei einem Räuberhauptmann in die Lehre gegangen, um ein ehrlicher und gesetzestreuer Mann zu werden. Zu mir war schließlich auch niemand ehrlich und nett.


    Endlich drehte Dantai den Kopf in meine Richtung. Von oben blickte er durch den tränenden Spalt eines Auges geringschätzig auf mich herab. «Du bist hier», schnarrte er. «Und das bist du, weil du mir den ganzen Weg gefolgt bist, vom Gully zum Notar, vom Fahrstuhl bis in die Eisernen Arkaden. Zufall? Ich glaube kaum. Wir beide sind zeitgleich im Geschäft eingetroffen, als ich gerade meine Beute verkaufen wollte. Nein, Kollege. Das war kein Zufall. Deine Anwesenheit ist der Beweis für dein übles Trachten.»


    «Sehr wohl ein Zufall», begehrte ich trotzig auf. Was hätte ich sonst sagen sollen?


    Chalkas bewegte in einer beschwichtigenden Geste die Hand, damit ich verstummte. «Es bedarf keiner weiteren Beweise, geschätzter Dantai. Du musst dich nicht dafür rechtfertigen, deine Haut vor einem Übeltäter schützen zu wollen. Mir genügt, wie stets, dein Wort.» Der Alte wandte sich mir zu. «Gegen das Wort meines besten Mitarbeiters steht das Wort eines bedeutungslosen Reliktjägers ohne Rang und Namen, der an der Steuer vorbei agiert und den Oberflächenfrieden missachtet. Du kennst das Gesetz, das den freien Handel und somit die Forschung im Dienste Ainuwars gewährleistet. Es zu brechen bleibt nicht ungesühnt.»


    Ich hatte es mir an meinem ersten Tag in Tamarant nicht nur mit Khawas Sippe verdorben, sondern mich ebenfalls des Verstoßes gegen das Gesetz und der Ketzerei schuldig gemacht. Das schaffte kein anderer. Niemand sonst war von solchem Pech geschlagen! «Das ist ein Irrtum», versuchte ich es in ruhigen Tonfall, um die Situation zu entschärfen. «Ich schwöre euch, dass ich kein Reliktjäger bin. Ich bin ein einfacher Söldner auf der Suche nach Arbeit. Den Hasenkopf verfolgte ich allein darum, weil er frech zu mir war!»


    «Er lügt», fuhr Dantai dazwischen. «Jeder weiß, dass es in Tamarant keine Söldner gibt. Dafür gibt es hier schlichtweg keinen Markt, an der Oberfläche herrscht Frieden. Wo wäre die Logik? Tamarant ist ein Ort der Kultur, der Forschung und des Handels. Eine rein zivile Stadt, keine almanische Festung. Wer sollte hier Söldner beauftragen?»


    Auch das noch. Wäre Cherax nicht schon tot und verbrannt, würde ich ihm die Pest an den Hals wünschen, mich in dieses Kaff geschickt zu haben. Warum nicht Obenza, wo man jeden Söldner mit Kusshand nahm? Warum ausgerechnet Tamarant? Da meine Chancen in dieser Argumentation nicht besser wurden, ruderte ich zurück: «Es tut mir leid, ehrwürdiger Vater. Tatsächlich komme ich frisch aus dem almanischen Grenzland und bin mit den hiesigen Gepflogenheiten nicht vertraut. Das Ganze ist ein Missverständnis und ich möchte mich dafür entschuldigen.»


    Dantai schnaubte verächtlich durch seinen Helm, wobei Rotz und Blut den Boden vor ihm besprenkelten, aber Chalkas nahm ein kleines Buch zur Hand. Die eisernen Buchdeckel waren mit einem Schloss gesichert. Zum Öffnen benutzte er keinen Schlüssel, sondern strich mit den Fingerspitzen darüber, wobei jeder Finger eine andere Kurve zeichnete. In aller Seelenruhe blätterte er. Zwar konnte ich auf die Entfernung und verkehrt herum nichts lesen, aber jeweils auf der linken Seite befand sich ein beschriftetes Portrait und auf der rechten eine Tabelle. «Eingetragen wäre er natürlich ohnehin nicht, wenn er an der Steuer vorbei agiert», murmelte Chalkas. «Doch mir hat bislang auch noch kein Reliktjäger von einer Begegnung mit diesem Mann berichtet. Dir, Dantai?»


    «Nein. Das muss aber nichts heißen, wenn er neu ist. Bisher hat er sich offenbar erfolgreich verborgen gehalten. Vater, ich möchte Euer Urteil nicht in Frage stellen, doch dass dieser Mann ein ahnungsloser Söldner ist, erscheint mir unwahrscheinlich.»


    Chalkas sah mich an. «Gibt es einen neutralen Zeugen?»


    «Jawohl! Den gibt es», trumpfte ich auf. «Ein Rakshaner namens Khawa Steppensturm! Er hat mich heute Vormittag noch durch die Tamjara geführt.» Und ich hatte ihn betrogen. Nun war ausgerechnet er meine einzige Hoffnung. Der Name schien Chalkas zu beeindrucken. Auch Dantai erwiderte nichts mehr. Endlich mal ein wenig Glück.


    Der Alte lehnte sich zurück. «Unter diesen Umständen sehe ich einen Weg, dir eine Verurteilung zu ersparen. Du sagtest, du suchst Arbeit?»

  • handel.png

    Ein Handel

    «Zu meiner aktiven Zeit habe ich im Taudis etwas vergessen, das mir viel bedeutet», sprach Chalkas. «Um den materiellen Wert geht es dabei nicht, weshalb es sich nicht lohnt, einen Reliktjäger dafür anzuheuern. Es wäre Geldverschwendung. Ich biete dir darum einen Handel an. Lerne die Grundlagen der Reliktjagd und berge für mich das Objekt. Bist du erfolgreich, werde ich dich in Zukunft regelmäßig mit Aufträgen versorgen. Du wirst nie wieder unter Geldnot leiden, und das bei überschaubarer Gefahr im Vergleich zum Leben als Söldner.»


    «Mit Verlaub», mischte Dantai sich ein, «aber wenn er wirklich ein Söldner sein sollte, hätte er dort unten nichts verloren. Er kennt nicht die Gesetze der Tiefe, nicht die Wege und Gefahren, hat keine Ahnung davon, wie er dem Muster folgen soll. Keinen Tag lang würde er überleben.»


    Da musste ich ihm ausnahmsweise zustimmen – beziehungsweise hätte ich es, wenn er mir nicht so unwahrscheinlich auf den Keks gehen würde! «Man kann jedes Handwerk lernen, das Kriegshandwerk ebenso wie die Reliktjagd», entgegnete ich schroff. «Du hast auch irgendwann damit begonnen, den Taudis zu erforschen, du bist schließlich nicht dort unten geboren.»


    Er schnaubte voller Verachtung, erneut ging ein Regen von Blut und Rotz auf den Fußboden nieder. «Nichts weißt du vom Taudis und noch weniger von mir.»


    Der Vater faltete seine von Gicht geschwollenen Hände über dem Buch. «Mein geschätzter Dantai», sprach Chalkas sanft. «Du hast mir schon in vielen Situationen geholfen, in denen kein anderer Reliktjäger es vermochte.»


    «Allerdings», bestätigte Dantai.


    «Du warst und bist in allen Belangen mein fähigster Mitarbeiter. Ohne dich hätten wir keine mechanischen Aufzüge, keine Glühbirnen, kein Grammophon.»


    Dantai nickte selbstbewusst. «So ist es.»


    «Und darum, mein Bester, vertraue ich dir die Ausbildung von diesem Neuling an. Ich weiß, du wirst dem Auftrag zu meiner Zufriedenheit nachkommen.»


    «Was?!», riefen Dantai und ich wie aus einem Munde.


    «Der schubst mich da unten in den erstbesten Abgrund», rief ich erbost.


    «Ich werde mir doch keinen Rivalen heranziehen», ereiferte Dantai sich und ballte die Fäuste. Endlich waren wir wirklich mal einer Meinung.


    Chalkas betrachtete den Rosthasen unter seinen hängenden Augenlidern hervor. «Wie viele Jahre steigst du nun hinab in den Taudis, Dantai Nageltod? Wie viele Jahre Vorsprung an Wissen und Erfahrung hast du vor diesem Mann? Zwanzig? Dreißig? Oder gar vierzig?»


    «Lange genug», entgegnete Dantai arrogant.


    «Und wie viele Jahre, meinst du, wird es dauern, bis dieser völlige Neuling, dieser Quereinsteiger, jemandem wie dir Konkurrenz zu sein wird?»


    Der Rosthase schwieg eine Weile, ehe er sagte: «Er wird mir niemals ebenbürtig sein.»


    Chalkas nickte milde. Seine alten Finger strichen über die Kanten des Buches. «Was immer du ihn lehren magst, er muss es am Ende auch anwenden können. Jahrzehnte an Erfahrung holt niemand auf. Im Vergleich zu dir wird er nur ein Schatten sein. Darum soll er zunächst unter deiner Anleitung nur den privaten Gegenstand bergen, damit ich einschätzen kann, ob eine weitere Investition in seine Fertigkeiten sich überhaupt rentiert. Du weißt, von welchem Objekt ich spreche.»


    «In der Tat.»


    Innerlich kochte ich vor Wut, wie sie so abfällig über mich sprachen, und das in einem Tonfall, als wäre ich gar nicht da, doch ich verbiss mir jeden Einspruch. Dies hier war meine Chance, ein neues Leben zu beginnen und ich gedachte sie zu ergreifen. Eines Tages würde Dantai bereuen, mich so herablassend behandelt zu haben. Ich würde nicht nur sein schlimmster Rivale werden, ich würde ihn fertigmachen.

  • Und so wurde Dantai mein Mentor, nicht freiwillig, aber meine Motivation schraubte sich empor wie die Eisentürme der Oberstadt! Ich würde ihm all sein Wissen rauben, den unsympathischen Burschen anschließend entsorgen und in seine Fußstapfen als bester Reliktjäger treten. Ich sah mich in Gedanken schon seine Reliktvorkommen plündern und mit glänzenden Edelrelikten dem Geschäftsführer dieses Schickimickiladens in den Eisernen Arkaden die Freudentränen in die Augen treiben.


    Nichtsahnend von meinen niederträchtigen Plänen trottete Dantai hinter mir her durch die Gassen, schniefend und hustend. Ich marschierte voran wie sein Sicherheitsmann und schuf dem fast Blinden großspurig Platz: «Scher dich beiseite, Turban. Hier kommt jemand, dessen Wert für die Zivilisation schier unermesslich ist – im Gegensatz zu deinem. Aus dem Weg, Schreckschraube. Dantai Nageltod fordert Raum und saubere Atemluft!»


    «Geht das nicht etwas weniger blumig?», knurrte Dantai hinter mir. Vielleicht kenne ich die Leute?»


    «Wir wollen vorwärtskommen», sagte ich liebenswürdig. Und dann bellte ich erneut: «Beweg deinen flachen Arsch zur Seite, Halbglatze! Du blendest uns mit deinem Kopf.»


    Bei dem Anblick von zwei Gepanzerten hielt der Gescholtene lieber den Mund, auch wenn ich anhand der anschwellenden Schläfenadern sah, dass er sich zusammenreißen musste. Ich marschierte erhobenen Hauptes an ihm vorbei, hinter mir trottete Dantai, murrend und tropfend.


    «Jetzt nach rechts», keuchte er. «Wie heißt du überhaupt?»


    Ich hielt inne und wartete, bis er zu mir aufgeschlossen hatte. Ich beäugte ihn von der Seite. «Hast du mir deinen Namen denn verraten?»


    Er äugte mit geschlossenen Augen zurück. «Du solltest ihn inzwischen mitbekommen haben. Ich heiße Dantai Nageltod.»


    Ich lachte leise. «Und so hat dich deine Mutter genannt, ja?»


    «Es ist natürlich ein Künstlername», gab er mit hörbarem Widerwillen zu. «Die größte Gefahr im Taudis sind nicht die Kreaturen, nicht die Steinschläge oder Wassereinbrüche. Die meisten Reliktjäger sterben durch die Hand ihrer Rivalen. Der Reliktjäger ist dem Reliktjäger ein Wolf. Das Geschäft, mein Freund, ist ein knallharter Wettbewerb. Dort unten schützt dich weder Recht noch Ordnung, du kannst niemanden verklagen, der dir Übles tat. Niemand hört deine Schreie an dem Ort, der nie von Alvashek geküsst wurde. Dort unten herrscht nur das Gesetz der Tiefe. Es hat seinen Grund, warum ich in Rüstung aus dem Taudis zurückkehre. Alle Reliktjäger tragen Eisen als eine zweite Haut und außerdem einen Künsternamen, so wie sie eine Maske tragen. Anders können wir unser Privatleben an der Oberfläche nicht vor den anderen schützen. Es gibt zwar einen Oberflächenfrieden, der besagt, dass das Gesetz der Tiefe dort endet, wo die Sonne scheint, aber ich vertraue lieber nicht zu sehr darauf.»


    Ich nickte. «So betrachte ich dies als erste Lektion, mein Mentor. Du darfst mich Sodo Mio nennen.» Der Name war mir spontan eingefallen, um ihn zu ärgern.


    Er zwang sich, einen Lidspalt zu öffnen, und starrte mich mit triefendem Auge an. Die rosa Iris verstärkte den Eindruck eines Albino-Kaninchens. Ich blickte mit todernstem Gesicht durch die Lücke zurück, die mein grüner Gesichtsschleier ließ. Eine Weile hielten wir den Blick, er einäugig, ich zweiäugig.


    Dann kniff er sein Auge wieder zu und lachte. «Also schön, Sodo Mio. Gehen wir weiter. Folge der Schmiedegasse bis zum Ende.»

  • Dantais Unterschlupf

    Dantai beging nicht den Fehler, mich in sein Hauptquartier zu führen. Stattdessen brachte er mich in das Zimmer, das er gemietet hatte. Weil nur wenige Gastwirte Reliktjäger aufnahmen, musste er mit einer Absteige vorliebnehmen, die den klangvollen Namen «Räuberschänke» trug und wie ein schief sitzender Hut auf dem höchsten Gipfel einer Mülldeponie stand. Wir stapften die Spirale des Weges hinauf, während Knochen und vor allem endlos viele Tonscherben unter unseren Stiefeln knirschten. Dazwischen klemmten festgetrampelte Lumpen. Aufgrund der Trockenheit hielt sich der Gestank in Grenzen. Die Wirtin, bei der ich mir nicht sicher war, ob es sich tatsächlich um eine Frau handelte, händigte Dantai den Schlüssel aus, den er für die Dauer seiner unterirdischen Reise bei ihr abgegeben hatte, damit er nicht verlorengehen konnte.


    «Melde einen weiteren Gast an», erklärte Dantai. «Vollpension.»


    «Macht einen halben Scudo mehr je Tag.»


    Auch die Stimme löste das Rätsel nicht. Es könnte eine hohe Männerstimme oder eine tiefe Frauenstimme sein. Nachdem alles geklärt war, hob Dantai eine Klappe und stieg allen Ernstes in die Tiefen des Müllbergs hinab. Das war kein Quartier, das war nicht mal ein Keller, das war ein Dreckloch!


    «Trägst du keinen Funken würde in dir», zischte ich, als ich die schiefen Holzstufen, die aus unbearbeiteten Palmenstammstücken bestanden, hinter mich gebracht hatte. Dann schlug die Wirtin oder der Wirt über uns die Klappe zu. Vollständige Finsternis umfing mich, und der Geruch nach Sand, Staub und Ruß.


    «Deine Würde wird dich im Taudis nicht retten», fauchte Dantai aus der Dunkelheit zurück. «Du kannst auch probieren, woanders unterzukommen, dann wünsche ich dir schon mal viel Spaß bei der Suche, so ganz ohne Geld.»


    «Pft. Ich kann auch draußen in der Ringsiedlung ein Zelt aufschlagen.» Eine Lüge, denn die Rakshaner würden mich an ihre Hyänen verfüttern, aber das wusste der Rosthase ja nicht. «Mach doch mal Licht!»


    «Ah, entschuldige. Ich hatte vergessen, dass du im Dunkeln nicht sehen kannst.» Er kramte in seinem Gerümpel. Es klimperte und raschelte.


    «Niemand kann im Dunkeln sehen», konstatierte ich. Dabei war ich verhältnismäßig gut darin, besonders bei Dämmerung reichte meine Sehleistung weit über die meiner menschlichen Söldnerkameraden hinaus. Doch bei vollständiger Finsternis konnten auch weder Orks noch Halborks etwas erkennen und erst Recht sonst niemand. Aber vielleicht waren Dantais Augen durch die Zeit im Untergrund ja an die Dunkelheit gewöhnt? «Wie lange warst du im Taudis unterwegs», erkundigte ich mich.


    Er schlug Funken mit einem mechanischen Feuerzeug. Für einen Moment blitzte die Silhouette seines Helms auf. «Etwa ein halbes Jahr wird es gewesen sein.»


    Ich pfiff durch die Zähne. «Das ist verdammt lange. Wird dir das nicht langweilig auf Dauer?»


    Es gelang ihm, eine Öllampe zu entzünden, die wie eine Teekanne aussah, aus deren Tülle ein Docht ragte. Vorsichtig stellte er sie in den Sand, so dass nirgends etwas anbrennen konnte. Der Fußboden war sehr aufgeräumt, dafür hingen an die hundert Säcke, Beutel und Körbe von der Decke, in denen er seine Habseligkeiten verstaute. Ein Windspiel aus Muttern klimperte leise. «Es kann monoton werden, ja. Aber langweilig wird einem selten. Dafür ist der Taudis ein zu gefährlicher Ort.»


    Ich entdeckte sein Bett, ein schiefes Weidenflechtgestell mit ehemals bunten, nun stark ausgeblichenen Wolldecken. Gegenüber befand sich eine Sitzecke mit weiteren Decken und plattgesessenen Kissen. Darüber klemmte ein Regal voller Bücher. Dort kuschelte ich mich ein und versuchte zu ignorieren, dass auf dem Kissen, auf dem mein Kopf lag, vorher Danais Hintern gesessen haben könnte, oder das Regal jeden Moment auf mich zu stürzen drohte. Es hatte etwas von einer muffigen Orkhöhle. «Erzähl mir vom Taudis, Dantai.» Entspannt blinzelte ich. Meine schlechten Gedanken waren vorerst verflogen.

  • Dantai wirkte wenig begeistert darüber, dass ich es mir in seiner Leseecke bequem gemacht hatte. «Schlafen wirst du hier nicht, nur, dass das klar ist», knurrte er. «Aber hier werde ich dir die wichtigsten Dinge berichten, die du als angehender Reliktjäger wissen musst. Du genießt den Luxus, einen Mentor zu haben, weil Chalkas es so wünscht. Das ist alles andere als üblich. Dadurch sparst du Zeit und Misserfolge.»


    Der Unterricht kam also meinen Plänen entgegen. Ich räkelte mich in seinen Kissen und griff wahllos nach einem Buch, das ich aus dem Regal über mir zog. Sand rieselte auf mich hinab. «Warum jagen sie ansonsten allein? Gemeinsam könnte man mehr erreichen.»


    Endlich ließ auch Dantai sich nieder, anstatt weiter herumzustehen und Stress zu verbreiten. Ihn machte meine Anwesenheit in seinem Versteck augenscheinlich nervös. «Weil das bedeuten würde, dass man auch seine Beute teilen muss. Doppelte Verpflegung, halbe Beute, das ist kein gutes Geschäft. Außerdem sind die meisten Reliktjäger auch von der Persönlichkeit her Einzelgänger, die von ständiger Gesellschaft bald genervt wären.»


    «So wie du?» Ich lachte leise.


    Er blieb eine Antwort schuldig, doch ließ zu, dass ich sein Buch aufschlug. Der Anblick war ernüchternd. Die Seiten waren mit fremdartigen Symbolen beschrieben. Vergebens blätterte ich nach einem vertrauten Wort. «Was ist denn das für eine Sprache», grummelte ich.

    «Das ist Altrakshanisch, ein Standardwerk. Du hältst in deinen Händen das Dekameron von Jibril Garimbagh. Würde ich es dir vorlesen, würdest du das meiste verstehen. Das heutige Rakshanisch ist nicht so viel anders. Es ist die Schrift, die dir fremd ist, tamjidische Versalschrift aus der späten Vorzeit. Damals schrieb man so.»


    «Oh.» Ich blätterte in dem Buch. Von einem Dekameron hatte ich nie gehört und verspürte nicht das Bedürfnis, nachzufragen, worum es sich dabei handelte. Interessanter war, dass ich Dantai scheinbar falsch eingeschätzt hatte. «Bist du ein Gelehrter oder so?»


    «Ich bin Reliktjäger», sagte er ausweichend. «Muskelkraft allein wird dir dort unten nicht weiterhelfen. Oder glaubst du, wir steigen aufs Geratewohl in den Taudis hinab? Abenteure wissen nicht, wo sie nach den Relikten suchen sollen und falls sie zufällig auf welche stoßen, können sie ein viridisches Komplexikum nicht von einem Stück Abfall unterscheiden.»


    «Werde ich etwa ausgestorbene Sprachen und Schriften lernen müssen?!» Ernüchtert schlug ich das Buch zu. Ewig lange die Schulbank zu drücken war nicht in meinem Sinne.


    Er öffnete wieder ein Auge. Mir fiel auf, dass er sie nach wie vor die meiste Zeit geschlossen hielt. «Du vergisst, dass wir zu zweit unterwegs sind. Es genügt, wenn einer über diese Dinge im Bilde ist.»


    «Aber wozu brauchst du mich dann überhaupt?» Umständlich, um nicht aufstehen zu müssen, schob ich das Buch zurück an seinen Platz.

    Er lachte. «Wer sagt denn, dass ich das tue? Chalkas will es so und sein Wort stellt kein Reliktjäger infrage. Chalkas kontrolliert den gesamten Relikthandel in Tamarant! Es wäre dumm, sich ihm aus falschem Stolz entgegenzustellen. Zufällig hat er Interesse an guten Beziehungen zu Khawa Steppensturm. Und darum liegt ihm mehr daran, dich für seine Arbeit zu gewinnen als dich für deine Frechheit und dein Geschnüffel zu bestrafen.»


    Oha. Meine Lüge hatte mir scheinbar das Leben gerettet. «Wie lange wird es dauern, ehe wir aufbrechen?» Ich hoffte, möglichst schnell von hier wegzukommen. Bis wir wieder aus dem Taudis an die Oberfläche stiegen, würde Khawa als Nomade weitergezogen und sein und niemand sich mehr an die Sache erinnern.


    «So lange, bis du deine Ausrüstung zusammenhast. Wir überbrücken lediglich sinnvoll die Zeit. Den Rest lernst du in der Praxis.»

    Ich stützte mich auf den Ellbogen. «Und wenn das morgen ist?»


    «Dann steigen wir morgen runter.» Er zog ein zerfleddertes Notizbuch hervor, in das so viele zusätzliche Zettel eingelegt waren, dass es nicht mehr zu schließen war. Er schlug eine Seite auf, die mit einem der geschätzt hundert verschiedenfarbigen Lesebändchen markiert war. «Hier ist eine Liste der Dinge, die du dir besorgen musst. Woher du das Geld dafür nimmst ist deine Angelegenheit.»


    Und so sah die Liste aus:


    Ausrüstung eines Reliktjägers für den Taudis


    • Vollständige, frisch gewartete und geölte Rüstung

    • Darunter Lederkleidung, mit der Fellseite nach innen, denn es kann kalt da unten werden. Die Kleidung mus gut sitzen und darf nicht reiben.

    • Stabiles Schuhwerk, in dem große Strecken zurückgelegt werden können, ggf. Arbeits- oder Militärstiefel.

    • Bewaffnung zur Jagd und Selbstverteidigung nach eigenem Geschmack.

    • Gutes Messer – kein Dolch, ein Messer! Dolche sind für Angeber und als Werkzeuge nutzlos. Ein gutes Messer ist ein stabiles Werkzeug, das in Sachen Selbstverteidigung einem Dolch in nichts nachsteht.

    • Mindestens zwei Gürtel oder Gurte, um die Ausrüstung am Körper zu befestigen, besser mehr.

    • Seil, welches das Doppelte deines Körpergewichts problemlos aushält. Die Oberfläche darf nicht ausgefranst sein, da dies ein Zeichen dafür ist, dass das Seil zu stark verschlissen ist, um zuverlässig zu sein.

    • Schlingen, Qualität siehe Seil

    • Gurt zum Abseilen, Karabinerhaken

    • Säcke und Taschen zum Transport diverser Gegenstände.

    • Grubenlampe samt Feuerzeug und Brennmaterial für viele Tage

    • warme Decke oder Schlafsack (fest und platzsparend eingerollt)

    • Farbe oder Kreide zum Markieren des Weges

    • Flickzeug für die Kleidung

    • Flickzeug für dich selbst

    • hochprozentiger Alkohol zum Desinfizieren der Wunden (und nur dafür)

    • Zahnstocher und Zahnbürste (faulende Zähne können tödlich sein)

    • eine Seife, denn Hygiene beugt Krankheiten vor (notfalls kann man die essen)

    • Lupe, Kompass, Karten

    • Feder, wasserfeste Tinte, Notizbuch, z. B. um Karten zu zeichnen oder zu ergänzen

    • frisch gefüllter Trinkschlauch

    • Trockenfleisch, Trockenobst (wiegt wenig), evntl. Konservengläser

    • Giftköder und Fallen nach Wunsch

    • eine Ausgabe des Meisterwerks „Der Weg des Reliktjägers“ von Chalkas dem Allesfresser.


    Ich ließ das Buch wieder sinken. «Chalkas der Allesfresser war ein Reliktjäger?»


    Dantai nickte. «Sein Name war im Taudis gefürchtet. Doch nun kann er nicht mehr selbst hinabsteigen. Also hat er seine Geschäftsform geändert. Er ist jetzt Organisator, hilft den Reliktjägern an Aufträge zu kommen und streicht dafür ein paar Prozente ein.»


    Ich lachte leise. «Ein paar Prozente ist gut. Außerdem verlangt er noch irgendeine Steuer.»


    «Das mag alles sein, aber er hat die Professionalisierung unseres Berufs vorangetrieben und den Oberflächenfrieden etabliert. Natürlich benötigt er dafür die nötigen Mittel. Vorher haben sich die Reliktjäger bei jeder Gelegenheit gegenseitig gemeuchelt. Durch den Oberflächenfrieden konnten sich hier mehr Reliktjäger niederlassen als zuvor.»


    «So dass Chalkas besser verdient.»


    «Klar. Aber es gibt uns auch eine Verschnaufpause vom ewigen Kampf im Taudis. Du solltest das Gesetz nicht brechen, sonst jagen dich sämtliche anderen Reliktjäger auf einmal. Hier hast du ein leeres Notizbuch. Betrachte es als Geschenk. Es wird dein wichtigster Begleiter da unten. Nun schreibe dir die Liste ab.»


    Am Ende ließ er mich doch bei sich pennen. Scheinbar war ihm klar geworden, dass es sinnlos war, sich vor jemandem zu verstecken, mit dem er bald rund um die Uhr in einem engen Höhlensystem zusammengepfercht leben musste. Seine wertvollsten Habseligkeiten lagerte er ohnehin woanders, seine Fachliteratur konnte ich nicht lesen, also war alles in Ordnung.


    Wir verschliefen den Tag. Beide hatten wir eine anstrengende Zeit hinter uns. Als ich aufwachte, zirpten die Zikaden und Dantai schlich die Treppe hinauf. Leise schloss er die Falltür. Was sich rücksichtsvoll anhört, war in Wahrheit Heimlichtuerei, davon war ich überzeugt. Ich gedachte herauszufinden, was er trieb. Als ich in den dunklen, menschenleerem Empfangsraum trat, zog er hinter sich die Tür zu. Bislang war ich unbemerkt und gedachte es zu bleiben. Seine Schritte knirschten zügig auf dem Schuttberg, er hatte es scheinbar eilig, was meine Neugier beflügelte. Durch ein Fenster beobachtete ich, wie er den Hang hinabstieg und in welche Richtung er nach Tamarant einbog. Da ich auf dem Schuttberg keine Deckung hatte, musste ich warten, bis er aus der Sicht verschwand, ehe ich ihm hinterher eilte und ins Nachtleben von Tamarant eintauchte.

  • Dämmerung über Tamarant

    Wenn ich geglaubt hatte, Dantai aufgrund seines körperlichen Zustands ohne Schwierigkeiten folgen zu können, hatte ich mich geschnitten. Als ich die Schmiedegasse betrat, war er wie vom Erdboden verschluckt. Ich besann mich des orkischen Blutes in meinen Augen, schloss die Augen und nahm Witterung auf. Kaum einer anderen Spur konnte ich so gut folgen wie dem Geruch von Blut oder offenem Fleisch. Ein wohliger Schauer rollte über meine Haut, als der Duft von Dantais Verletzungen mir schmeichelnd um die Nase strich.


    An dieser Stelle muss ich mit einem verbreiteten Missverständnis aufräumen: Orks sind etwas anderes als grünhäutige Menschen mit spitzen Ohren und einem Übermaß an Muskeln und Zähnen. Zum Einen sind keineswegs alle olivgrün, sondern es wandeln neben Exemplaren mit dieser häufigen Hautfarbe viele mit hellgrüner, dunkelgrüner, braungrüner, graugrüner, schwarzgrüner oder fast weißer Haut über Asamura.


    Zum Anderen sind Orks Spitzenprädatoren und damit reine Fleischfresser. Ihre Natur macht Ackerbau und das Sammeln von Früchten überflüssig, all das hat für sie keinen Sinn. Sie werden mit der Lust zu jagen geboren und sind schon als Halbstarke ausgestattet mit scharfen Sinnen, guter Nachtsicht, einem stabilen Kiefer, Reißzähnen und der Bereitschaft alles zu töten, was kein Ork ist. Ihre vermeintliche Kriegslust ist aus dieser Warte zu betrachten. In Wahrheit handelt es sich um ausgelebten Jagdtrieb an Beute, die zufällig sprechen kann. Zwar ist es einem Ork möglich, diesen Instink zu unterdrücken, so dass er sich zum Beispiel mit einem Menschen unterhalten kann, doch ist zu bedenken dass auch Menschen manchmal mit ihren Tieren reden, sie streicheln und ihnen Namen geben, bevor sie das Schlachtbeil wetzen. Bei Orks verhält es sich genau so. An der Wahrnehmung, dass der Mensch potenzielle Beute sei, ändert sein gelegentlich zugänglich wirkendes Gebaren nichts.


    Für mich als Halbblut hat dieses Erbe drei entscheidende Folgen: Erstens, mit all den unorkischen Eigenheiten erinnere ich Vollblutorks an Beute und befinde mich in der Hierarchie jeder Rotte an unterster Stelle. Es ist ein Zeichen ihrer sozialen Intelligenz, dass sie meinereins nicht schon als Säugling töten und essen, sondern als minderwertigen Teil der Rotte akzeptierten, dem eine feste Aufgabe zugewiesen und der durchgefüttert wird.


    Zweitens, ich werde niemals Vater werden. Alle Halborks sind unfruchtbar. Das ist eine der Ursachen dafür, weshalb man mich trotz des verunreinigten Blutes dulden würde, wenn ich nur wollte. Doch leider liegt in meiner Unfruchtbarkeit auch der Grund, warum mir die Rolle als Spielzeug für Erwachsene zugedacht ist, der ich mich durch Flucht entzog.


    Drittens, auch wenn ich sehr nach meinem menschlichen Vater komme, so ist das Blut meiner Mutter stark in mir. Die Dämmerung ist die Zeit, in der ich mich am wohlsten fühle und meine Sinne ihre raubtierhafte Schärfe entfalten. Ich liebe muffige Höhlen und die Aussicht auf einen guten Kampf, der meinen Jagdinstinkten schmeichelt. Der Geruch von Blut hat eine enorme Anziehungskraft.


    In anderen Belangen aber bin ich mehr Mensch als Ork. Vieles, was Vollblutorks umtreibt, kann ich bewusst ausblenden, so waren meine Söldnerkameraden für mich nie Beute und Cherax war mein Freund, den ich aufrichtig mochte. Doch eigens für Dantai ließ ich den Ork in mir von der Kette.


    Niemand geht unvorbereitet auf die Jagd. Zunächst suchte ich mir einen alten Lagerraum, der voller leerer Amphoren stand, wo ich mich der Rüstung und des Helmes entledigte, damit Dantai mich nicht gleich erkannte. Ich deponierte alles in einem der hüfthohen Tongefäße. Eine zweite Amphore musste als Toilette herhalten.


    Dann folgte ich dem Geruch, der wie ein rotes Band zwischen all den anderen Düften des nächtlichen Tamarant schwebte. Er war so deutlich und so markant, dass ich mir Zeit lassen konnte, um ein wenig Abstand zwischen uns zu bringen. Es war besser, wenn der Geruch sich etwas verdünnte, damit ich klar im Kopf blieb.


    Ich schlenderte daher zum nächsten Laden, um mich abzuregen, betrachtete die Wasserpfeifen aus buntem Glas und glänzendem Messing. Für einen Scudo ließ ich mir eine Kostprobe süßen Rauchs aus getrockneten Aprikosen mit Honig schmecken, um meine Nase von der Blutspur abzulenken, die mit der Abendluft sanft meine Nüstern liebkoste, was der Vernunft nicht zuträglich war. Ich stand und rauchte. Vom Fluss zog ein kühler Wind durch die Stadt, der die Hitze des Tages aus den Gassen schob. Meine schweißnasse Kleidung trocknete und fühlte sich luftiger an. Langsam blies ich einige Rauchfahnen hinauf in den Himmel, ehe ich den Pfeifenschlauch zurücklegte und weiter schlenderte.


    Zu einem Grillstand hielt ich bewusst Abstand, wo frisch geschlachtetes Federvieh seinen Weg in die hungrigen Mägen fand. Ich war durchaus in der Lage, pflanzliche Nahrung zu verwerten, aber in meiner momentanen Stimmung hätte ich rohem Fleisch den Vorzug gegeben, noch körperwarm und rot tropfend. Doch es würde nicht dazu beitragen, meine Suche nach Dantai im Rahmen der Vernunft zu halten, darum blieb ich auf Distanz und schenkte dem Geschehen nicht mehr Aufmerksamkeit als nötig.


    Das Gewimmel an offenen Läden und Marktständen hatte sich im Vergleich zum Tag verdoppelt. Nun erlebte ich das wahre Tamarant, das einer ewigen Festnacht glich. Rote und gelbe Papierlaternen schmückten die Zeltstangen der überdachten Stände. Ein rakshanischer Feuertänzer ließ einen brennenden Reifen um seinen halbnackten Körper wirbeln, auf und ab, er hob die Arme und plötzlich kreiste das Feuerrad um einen Arm, sprang zum anderen, raste seinen Körper erneut herunter und hinauf. Seine Gefährten trommelten den Takt auf der Tambunga, ließen die Windschellen klingen und flöteten auf der hakenförmigen Krumba. Die Menge bildete einen klatschenden Halbkreis und ich war Teil davon. Was für eine Körperbeherrschung. Der Reif flog hoch in den Himmel, ein Stockwerk, zwei und bis über die Dächer, er kreiste als wirbelndes Feuerrad vor dem roten Mond. Ich klatschte, warf der Truppe einen Scudo in den bereitliegenden Turban und setzte meine Suche fort.


    Mein bewusst langsamer Weg führte mich in eine Gasse, in der überdurchschnittlich viele vierschrötige Kerle unterwegs waren, von denen ich fand, dass sie gute Reliktjäger abgegeben hätten, aber auch Gelehrte, meist Tamjid, die über die Waren fachsimpelten. Zwischen ihnen schwebte gut wahrnehmbar Dantais Geruch.


    Eine Wühlkiste verkaufte sogenannte Schlangenstücke für Entropisten, ein Sammelsurium bunt ummantelter, biegsamer Eisenstäbe. Die meisten waren blau oder rot. Ich hob ein Blaues auf, betrachtete die Hülle, die mich an Leder erinnerte, jedoch keines war.


    Der Händler gesellte sich zu mir, ein Almane mit braunem Stoppelbart und gelben Zähnen. «Schlangenstücke erster Güte, extra lang.» Er demonstrierte mir eifrig die Biegsamkeit. «Gut geeignet für die Fallenkonstruktion.»


    Vielsagend wackelte er mit seinen Augenbrauen, doch ich begriff die Botschaft nicht.

    «Ich bin Söldner», informierte ich mit ernstem Blick. «Aus dem Norden.»


    «Ah, verstehe.» Mit einem Auge blinzelte er verschmitzt. «Diese Schlangenstücke sind zum Korbflechten bestens geeignet!» Was auch immer ein Söldner mit selbstgeflochtenen Körben sollte. Er ließ es so verschwörerisch klingen, als sei es ein Deckname. Offenbar fügte ich mich mit meinen Muskeln, Narben und der verlotterten Kleidung bestens in die Kundschaft, der ich meinerseits zutraute, zum nicht unwesentlichen Teil aus verkappten Reliktjägern zu bestehen. Auch die Düsterkeit der Gasse sprach dafür, der Messerwerfer, der Ledermacher und der Waffenschleifer.


    «Ich benötige keine ... keine Schlangenstücke, wofür auch immer.»


    «Dann vielleicht ein paar schöne Ketten? Nicht weit von hier hat ein Kettenhändler sein Geschäft, mit dem ich gut befreundet bin. Von welchen, die so fein wie Schnüre sind, bis hin zu solchen, die einen Anker tragen, liefert er jede Größe und jede Länge.»


    Was bitte sollte ich mit einer ankertragenden Kette? Oder überhaupt einer Kette? Mit einiger Mühe wimmelte ich ihn ab. Ich bog in eine Gasse ab, die seriöser wirkte, um meinen auffälligen Anblick nicht ins Gedächtnis potenzieller Rivalen zu brennen.


    Als ich aus Neugier einen Laden für Cavernische Elitaria betreten wollte, dessen Schaufenster ausschließlich Relikte im Wert von fünfstellige Beträgen zeigte, wurde ich vom Inhaber hinausgeschickt. Auch ein Händler von Catarsischen Marginalika wollte mich aus seinem Laden schmeißen, doch aus Sturheit blieb ich stehen und betrachtete betont gelangweilt seine hochkomplizierten Relikte, die in geöffneten Kästen und Schatullen aus Glas steckten. Man sah mir an, dass ich diese Waren niemals hätte bezahlen können.


    «In diesem Geschäft sind Personen von zweifelhaftem Ruf unerwünscht», informierte er hochnäsig.


    «Ich bin ein ehrbarer Söldner», schnauzte ich zurück.


    «Natürlich.» Er lächelte falsch. «Es gibt keine Söldner in Tamarant. Und von ehrbaren Söldnern habe ich überhaupt noch nie etwas gehört. Gehen Sie.»


    «Dann bin ich eben ein verdammter Urlauber», schnauzte ich, doch er blieb unbarmherzig.


    Ähnlich verhielt es sich in anderen Läden dieser Ausrichtung, mit denen ich ein wenig herumexperimentierte. Mit der Zeit erkannte ich das System. Die Reliktjäger durften den feinen Händlern all die Kostbarkeiten bergen, doch blieben selbst unerwünscht. Sie befanden sich am unteren Ende derer, die am Relikthandel verdienten, denn kein einziger Händler glaubte mir, dass ich das nötige Kleingeld besitzen würde. Die Ware musste sogar über Zwischenhändler abgeliefert werden, damit man nicht mehr als nötig mit unsereins in Berührung kam.


    Ich hatte genug erfahren und folgte weiter dem Duft nach Eisen und rohem Fleisch, nach lebendem Blut, das lockte, ihm zu folgen.

  • Rucola

    Nun kannte ich den Zielort von Dantai. Die geöffnete Tür verdeckte jede Sicht auf die beiden Gestalten, die sich im Hauseingang unterhielten, doch meine Nase verriet mir, wer dahinter stand. Lautlos glitt ich zurück hinter die Ecke, wo das Nachtleben an mir vorüberzog. Unmittelbar neben dem Abzweig, der in die schmale, verblüffend sauberen Gasse führte, lehnte ich mich an die Wand, witterte und lauschte. Meine Augen benötigte ich momentan nicht, so dass ich nicht zu riskieren brauchte, entdeckt zu werden. Die Musik und das Stimmengewirr störten nicht, auch nicht die vielen unterschiedlichen Gerüche. Mir war es mühelos möglich, jene Eindrücke herauszufiltern, die von Bedeutung waren.


    Rauchschwaden drangen aus dem Inneren der offenstehenden Haustür. Ich witterte den Duft von schwerem, süßlichen Räucherwerk, wie ich ihn von Freudenhäusern kannte, in die ich nie einen Fuß gesetzt hatte. Jedoch war ich oft genug daran vorbeigegangen, so dass ich die Aromen kannte, welche die stinkende Wahrheit übertünchen sollten. Mich reizten diese Etablissements nicht einmal von außen, aber sie standen oft in den Randbezirken nahe jener Kneipen, die von Söldnern besucht wurden, so dass ich durchaus im Bilde war, wie das Geschäft funktionierte.


    Ich hörte, wie Dantai mit einer Frau sprach. Die Worte waren aufgrund der gedämpften Lautstärke und der lauten Musik in den Gassen nicht zu verstehen, doch ich konnte die Tonalität identifizieren. Beide Stimmen klangen freundlich, aber ließen eine geschäftliche Distanz durchblicke. Gemeinsam traten sie nun ein und schlossen hinter sich die Tür. Der Duft des Räucherwerks wurde jäh abgeschnitten und die Reste verwehten langsam im kühlen Abendwind.


    Ich trat in die Gasse. Die aus Naturstein gemauerten, altertümlichen Häuser ließen keinen Zweifel daran, dass wir uns in der Unterstadt befanden. Blumenkübel mit rot und weiß blühenden Büschen waren neben den Hauseingängen platziert. Bemalte Klappstühle luden zum Verweilen ein. Auf einem Fenstersims harrte eine Wasserpfeife ihrer Benutzung, daneben standen einige Tonbecher und eine Kanne bereit. Jeder Hauseinang, an dem ich vorbeikam, war so ordentlich. Am Ende der Gasse schimmerten die blühenden Gärten der flussnahen Viertel, doch so weit führte mich der Weg nicht, sondern nur bis zur Hälfte. Ein Blauregen rankte sich wie ein himmelblaues Dach an einem Holzgerüst über die Gasse. Daneben fand sich die Tür, in welche der Rosthase verschwunden war.


    Ich blieb stehen, um den Namen des Etablissements abzulesen, beziehungsweise der Privatperson, doch da war kein Schild, nur ein verschnörkeltes Zeichen. Da mir die Augen, wie so oft, nicht weiterhalfen, setzte ich erneut die Nase ein.


    Der Geruch von Rosen und Rosmarin zog noch immer schwer durch die Luft, süß und würzig zugleich, was für ein billiges Freudenmädchen recht stilsicher wirkte. Passte das zum Rosthasen? Ein gewisser Zweifel blieb, doch mir fiel keine andere Deutungsvariante ein.


    Auf gut Glück drückte ich die abgegriffene Messingklinke, doch wann hatte ich schon einmal Glück? Natürlich war sie verschlossen. Auch ein Blick zum Fenster brachte kein Ergebnis – orangerote Vorhänge verhinderten den Einblick. Scheinbar genoss Dantai eine vornehme Einzelbehandlung und es existierte kein Empfangsbereich.


    Ich frohlockte darüber, ihn hier aufgespürt zu haben. Kaum, dass er wieder draußen war, würde ein weiterer Kunde durch die Tür treten und ein wenig in seinen Angelegenheiten stöbern, bevor er unverrichteter Dinge gehen würde. Ich rechnete nicht mit Schwierigkeiten bei meinem Vorhaben. Solche Frauen unterschieden sich kaum von uns Söldnern, sie taten alles, wenn der Preis stimmte. Das Mädchen würde reden wie ein Wasserfall, wenn ich mit meinen Scudi klimperte, nicht ahnend, dass dies meine letzten verbliebenen Reichtümer waren. Bis dahin verbarg ich mich hinter dem üppig blühenden Blauregen, der fast die gesamte Breite der Gasse einnahm, ehe er sich um das Rankgerüst flocht.


    Eine halbe Stunde musste ich warten, bis sich die Tür öffnete und ein vitalisiert wirkender Dantai hinausspazierte. Er ließ die Tür hinter sich zufallen und marschierte erhobenen Hauptes in Richtung Markt, ohne sich umzublicken. Das kam davon, wenn man aufhörte, mit dem Kopf zu denken. Er ahnte nicht, wer hier im Blauregen lauerte, bereit, seine dunklen Geheimnisse zu lüften. Einen Moment später war ich schon eingetreten, ein schmucker Halbork in seinen besten Jahren, eine Hand auf dem Gürtel, das scharfe Gebiss in einem süffisanten Lächeln blitzend. «Guten Abend, die Dame.»


    Die Trollfrau blickte von ihrem Arbeitstisch auf, eine Brille auf der spitzen Nase. «Haben Sie einen Termin?»


    Das gelbe Kleid leuchtete auf ihrer dunkelgrünen, fast schwarzen Haut. Von ihren imposanten Wildschweinhauern hing je eine Kettchen mit Glöckchen, die bei jeder Kopfbewegung klingelten. Ich kannte sie, ich kannte diese Trolldame von meinem ersten Tag in Tamarant, sie war bei der Tuchhändlerin gewesen! Fassungslos starrte ich sie an. Ihre langen Ohren wurden von schweren Ohrringen hinabgezogen und in Schlappohren verwandelt. Ihre Schultermuskeln und ihr Bizeps machten meinen Armen Konkurrenz. Um nichts in der Welt hätte ich hinter der Tür einen solch erfreulichen Anblick erwartet! Ein sinnliches Grollen drang aus meiner Brust, das ich rasch mit einem Husten kaschierte.


    Ihr Blick ließ Besorgnis erkennen. «Ich kann Sie natürlich als Akutpatient drannehmen. Dafür verrechne ich allerdings den doppelten Satz. Was haben Sie für Beschwerden? Ausschließlich Husten?»


    Mein erbärmliches Schauspiel brach zusammen, weil ich nicht mit dem gerechnet hatte, was mir hier widerfuhr. Verwirrt blickte ich mich um, die Ohren friedfertig zurückgelegt. Eine Sammlung von Schrumpfköpfen hing neben getrockneten Kräutersträußen von einem eisernen Deckenbalken. Ein Regal stand voller Glasfläschlein, in denen tote Insekten, Schlangen und Skorpione in bunten Flüssigkeiten schwammen. Ein Schrank mit hundert Schubfächern war mit alchemistischen Symbolen beschriftet, die ich nicht lesen konnte. Auf dem Arbeitstisch fand sich eine Waage mit Messinggewichten.


    «Sie sind Ärztin», schlussfolgerte ich unter Aufbietung aller Gedankenkraft. «Und das Räucherwerk schützt vor der Übertragung von Krankheiten.» Das kannte ich vom Lazarett, wo ich auch regelmäßig eingenebelt worden war, nur mit einer gänzlich anderen Mixtur. Lorenzo hatte auf eine Rinden- und Harzmischung gesetzt.


    Sie lächelte. «Ich bin Frau Doktor Rucola, das ist korrekt. Rosen und Rosmarin neutralisieren Miasmen.»


    «Verstehe.»


    Rucola, was für ein Name, herb und frisch wie ihr Äußeres. «Mir würde ein Beratungsgespräch gelegen kommen», erklärte ich.


    «Nehmen Sie Platz. Worum geht es?»


    Ich tat wie geheißen und setzte mich auf den gepolsterten Hocker. «Die Beratung betrifft allerdings nicht mich selbst, sondern eine andere Person.» Ich versuchte, besorgt auszusehen.


    Sie machte sich daran, eine neue Patientenakte anzulegen. «Ein Verwandter ist erkrankt?»


    «Ein guter Freund. Ich bin in Sorge. Es handelt sich um den Mann, der gerade bei Ihnen war.»


    Ihr Blick wurde kalt wie Packeis. Sie schlug die leere Akte wieder zu. «Sie sollten wissen, dass die ärztliche Schweigepflicht und der Anstand mich binden. Meine Patienten sind bei mir in besten Händen. Ich verrate Ihnen nicht ein Sterbenswörtchen über die Person.»


    «Es ist zu seinem Wohl», säuselte ich und setzte etwas auf, das ich für ein gewinnendes Lächeln hielt. «Ich zahle gut ... für die Beratung.»


    «Sie meinen, Sie zahlen gut für Geheimnisverrat! Bedaure, aber von mir werden Sie keine Auskunft über einen Kunden erhalten. Und auch sonst über niemanden.»


    Ihre Armmuskeln spannten und entspannten sich rhythmisch. Mein Orkblut schickte mir eine Gänsehaut über den Leib. Ich sah rasch weg, blickte mich ein weiteres Mal um, damit ich mich wieder beruhigte. Da entdeckte ich eine Wandtafel, wie sie für Sehtests verwendet werden. So, wie sie dort stand, schien das nicht ihr dauerhafter Platz zu sein.


    Ich sah Rucola wieder an. «Es geht um Dantais Augen», sprach ich in besorgtem Ton. «Er klagt oft, dass er Probleme mit dem Sehen hat und er besitzt nicht viel Geld. Ich möchte ihm doch nur helfen. Medizin, Salben, Tropfen, was auch immer er zur Genesung benötigt: Ich kaufe und bezahle es für ihn.» Und anhand dessen würde ich auf die Art seiner Beschwerden schließen können.


    Rucola klopfte gereizt mit der Rückseite ihres Füllfederhalters auf den Tisch. «Wenn sie selbst so gesund sind, wie es den Anschein hat, und sie auch kein Beratungsgespräch zu ihrer eigenen Gesundheit wünschen, möchte ich sie höflich bitten, meine Zeit nicht länger zu beanspruchen, Herr...?»


    «Kobro, einfach nur Kobro», grollte ich langsam, tief und mit rollendem R meinen Namen, ein sehnsüchtiges Donnergrollen in meiner Brust, gefolgt von einem «Argh», als ich mir selbst auf den Fuß trat. «Entschuldigen Sie.»


    Doch anstatt mir zu zürnen und mich hinauszuwerfen, blickten ihre leuchtend gelben Augen wieder sanft. «Ihr Äußeres und Ihr Knurren sind nicht menschlich. Welchem Volk gehören Sie an?»


    Warum sollte ich lügen? «Ich bin ein Halbork. Ich gehöre zu niemandem und niemand gehört zu mir. Verzeihen Sie meine fehlenden Manieren. Das war ein Reflex. Ich hatte nie Gelegenheit ... egal.»


    «Es ist nicht egal, denn es war Ihnen wichtig genug, es anzusprechen. Bitte fahren Sie fort.» Auf mein Zögern hin setzte sie hinzu: «Machen Sie sich um Geld keine Gedanken. Betrachten sie es als Kennenlerngespräch für jemanden, der noch nicht sicher ist, ob ich die richtige Ärztin für ihn bin.»


    Ich lehnte mich im Stuhl zurück. «Ich hatte nie Gelegenheit, Manieren zu erlernen», setzte ich fort. «Als ich aus Shakorz fortlief, war ich kaum mehr als ein Junge, mit viel Fantasie ein Jüngling. Meine Erziehung übernahmen Räuber und Söldner. Verstehen Sie? Das macht einen nicht unbedingt zu einem höflichen Zeitgenossen.»


    «Ich verstehe sehr gut», sagte sie freundlich. «Sie sind nicht im Reinen mit sich und Ihrer Natur?»


    Ich antwortete nicht direkt darauf, aber meine Stimme klang verbittert. «Das Leben in den Rotten wird von denen bestimmt, welche die besten Leistungen zeigen. Jenen, die sich beim Kampf durchzusetzen verstehen und die eindrucksvollsten Trophäen mit nach Hause bringen. Von Kindesbeinen an werden Orks ermutigt, sich nach oben zu kämpfen. Ich war der Einzige, dem unmissverständlich klargemacht wurde, dass ich es besser gar nicht erst versuchen sollte, wenn mir meine Gesundheit lieb ist.»


    «Ein Halbork ist weniger wert als ein reinblütiger Ork?»


    «Er ist überhaupt nichts wert! Und keine kriegerische Tat und keine Jagdtrophäe kann etwas daran ändern, und wäre ich zehn Mal fähiger als der Häuptling unserer Rotte persönlich. Keine Orkfrau würde je etwas anderes in mir sehen, als ein Spielzeug zum Zeitvertreib.» Rasch fügte ich hinzu: «Bitte verstehen Sie das nicht falsch. Ich wollte Sie nicht mit einer Orkdame vergleichen.»


    Beschwichtigend hob sie eine Hand. «Ich bin Ärztin, keine Richterin. Ich urteile nicht, sondern helfe, wenn es in meiner Macht liegt. Und so unhöflich sind Sie gar nicht, sie drücken sich recht gewählt aus. Reden Sie nur, wenn Sie möchten. Sie wissen ja nun, dass nichts davon je an das Ohr eines anderen dringen wird. Ich habe den Eindruck, es tut Ihnen gut.»


    Und ich tat es: Ich schüttete ihr mein schartiges und zerbeultes Herz aus, gab all der Verbitterung Raum, die ich sonst tief verschlossen in mir trug. Keinen Gedanken verschwendete ich mehr an Dantai. Am Ende der Sprechstunde ging es mir gut. Und Rucola hatte einen neuen Patienten gewonnen.