Beiträge von Irving von Kaltenburg

    Irving sah Horatio nach. In seinem Blick lagen Neid, weil er nicht ins Landesinnere gehen konnte, Hoffnung, dass die Pflanzung der Koralle nicht nur Symbol bliebe, sondern tatsächlich etwas bewirken würde und Trauer, weil er Amias im Rahmen dieses Konzils verloren hatte. Amias, der über Jahrhunderte sein treuer Sklave und unterhaltsamer Freund gewesen war und nicht zuletzt ein Relikt aus seiner Heimat Asa Karane. Die letzte Verbindung zu der Welt, nach deren Werten Irving und Thabit lebten. Allein kehrte er in den biomechanischen Leib seines Mannes zurück.


    'Kurs auf Monleone', bat er. 'Man erwartet uns.'

    Irving stieg als Erster aus. Doch würde er nicht weit ins Landesinnere gehen. So sehr ihn die Neugier auch reizte, es war ihm nicht vergönnt. Der Ozean war Thabits Reich und sein Gefängnis und mit ihm gemeinsam saß auch Irving dort für immer ein. Der Dhunico war ihr unangefochtenes Territorium, doch er war wörtlich alles für sie, denn alles andere war ihnen verwehrt.


    "Wir sind in Souvagne", verkündete er. "Horatio, von hier an seid Ihr auf Euch allein gestellt. Hier endet unsere Herrschaft und die Eure beginnt. Es war angenehm, mit Euch zu sprechen und einen Teil der Reise gemeinsam zu bestreiten."

    Irving grinste vor Genuss und rieb seinen Hintern auf der Sitzfläche im Kreis, während er zusammen mit Thabit den Geschmack der Seele kostete. Mit leisem Stöhnen kaute er auf seiner Unterlippe und schloss die Augen. Wenige Augenblicke später war der Mann, der im Ozean trieb, nur noch eine leere Hülle, von der nicht einmal ein Geist in den Nexus steigen würde. Noch toter konnte ein Mensch nicht sein. Für Thabit und Irving aber bedeutete Tod Leben.


    'Wir akzeptieren das Opfer. Allerdings sollte es keine einmalige Angelegenheit bleiben, bedenkt dies und haltet die alten Bräuche hoch, dann werden eure Schiffe sicher über den Dhunico gleiten. Nun hört, dass wir eine Lieferung des Ältesten Horatio von Schwarzfels für den Duc de Souvagne haben und das Ihr uns auf den Nerv geht, Magier.'

    'Einen kleinen Moment noch, Thabit', kommunizierte Irving liebevoll. Dann schickte er eine Botschaft, die das Gefühl all seiner Arroganz und jahrhundertealter Bosheit an den Magier vermittelte.


    'Der Gott aller Ozeane, Thabit Argentocoxos Davy Tod-aus-den-Tiefen von Wigberg, verlangt nichts geringeres als einen Jüngling, der mit durchgeschnittener Kehle zum Sterben in den Dhunico geworfen wird! Im Optimalfall ist es ein schöner Jüngling, wenn Thabit besonders gewogen sein soll.'


    Hässliche Jünglinge waren schließlich entbehrlich, aber einen schönen Knaben zu opfern, tat jeder zivilisierten Nation weh. Es war der Vergleich zwischen einem Geschenk, dass in Butterbrotpapier und einem, das in Seide eingeschlagen überreicht wurde.

    Eine Furche entstand zwischen Irvings schwarzen Brauen. Dass der Souvagner behauptete, die See würde in diesem Abschnitt ihnen gehören, fand er ausgesprochen anmaßend. Der Herr der See war Thabit Argentocoxos und niemand sonst.


    'Souvagner, ich frage EUCH, wer seid IHR und warum hat Thabit Argentocoxos noch keine Opfergaben noch Gebete von eurem Land empfangen? Der Dhunico ist mitnichten Teil von Souvagne, keinen Fingerbreit! Dies ist nicht die Azursee. Noch haben wir diese Nachlässigkeit geduldet, doch langsam wird es an der Zeit, Thabit den nötigen Respekt zu erweisen, wenn ihr wollt, dass diese Mauer bestehen bleibt und dass eure Schiffe künftig heil den Seewegen folgen!'

    Die Ankunft der Kronenkorallen in Souvagne

    Irving lehnte mit geschlossenen Augen in dem weichen Sitz, der das Herzstück der Kommandozentrale von Argentocoxos bildete. Die Oberfläche fühlte sich an wie Haut, doch bestand nicht aus Leder - sie lebte. Die Wärme, die Irving durch den leichten roten Stoffmantel spürte, war nicht sein eigener Körper, der die Lehne erwärmt hatte, sondern war die Eigenwärme des Lebenden Schiffes. Der Sitz war in Wahrheit ein Sinnesorgan, das mit unzähligen Sensoren den Willen der Person wahrnahm, die in ihm thronte. Von dort aus wurden die Informationen weitergeleitet und ohne weitere Zwischeninstanz in Handlungsbefehle umgewandelt. Die Kontrolle, die Capitano Irving über das Schiff hatte, war absolut, wenn dessen Seele nicht gegenwirkte, doch warum sollte sie das tun? Sie beide wussten, was der andere dachte und empfand. Weder konnte einer ohne den anderen überleben noch wollten sie es. Schiff und Kapitän waren in untrennbarer Symbiose verbunden, sie waren eins.


    Und so spürte Irving, wie das Wasser, dass den Körper des Biomechanoiden umspülte, wärmer wurde, als sie sich der Küste näherten - und beide waren zeitgleich verwundert, als sie eine Mauer inmitten des Ozeans fühlten. Es war ihnen unmöglich, einen der Hochseehäfen anzusteuern. Irving öffnete die Augen. Wie gelangten souvagnische Schiffe hinein? Vermutlich würden sie gleich magisch kontaktiert werden. Er wartete aufmerksam.

    Die Umstehenden sahen es meist, wenn Thabit mit seinem Mann sprach. Diesmal herrschte kein Zweifel daran. Das Gesicht des Augurs verzog sich vor Liebe und Verzweiflung.


    'Für immer, Thabit', wiederholte er und sehnte sich zurück in seine Schaltzentrale, seinen Sessel und Thron, der zugleich das Ehebett für ihn und den Biomechanoiden war. Er benötigte eine Weile, um sich wieder zu sammeln, ehe er antworten konnte.


    "Im Namen von Thabit von Wigberg und im Namen von Kaltenburg verkünde ich, dass wir diesem Bund beitreten. Amias, ich erteile dir das Wort. Vendelin und Wolfram, sprecht für eure Zweige der Familie."

    Einige in der Runde schauten betreten, als Amias, Davard und Horatio das Problem auf den Punkt brachten. Sie waren festgefahren in ihren Denkweisen, bisweilen sogar gefangen. Es würde nicht einfach werden, einen neuen Weg zu beschreiten, selbst dann nicht, wenn der aufrichtige Wille dazu bestand.


    Irving schloss die Augen und schmiegte seine Seele an die von Thabit. Sein Mann wusste, dass Irving nicht gezögert hätte, eine Hohenfelde, ob unschuldig oder nicht, zu richten und dass seine Worte sehr viel umsichtiger gewählt waren als seine Gedanken. Auch Thabit konnte nach all den Jahren des Hasses auf die Familie, welche die seine ermordet hatte, nicht einfach aus seiner Haut.


    'Sag du zuerst Ja', bat er. 'Sonst kann ich es nicht. Ich weiß, wie wichtig dieses Bündnis ist, aber mein Hass ist wie ein eiternder Dorn in meiner Seele.'

    "Ich halte mich mit einer Einschätzung zu eurem Plan zurück, denn ich weiß zu wenig über Aurora. Warum soll sie auf einmal sterben, wenn sie seit Jahrhunderten existiert, egal in welchem Zustand? Um sie würde ich mir überhaupt keine Gedanken machen, es leiden viele, man kann nicht jeden erlösen. Dunwolf und Mabel halte ich für entscheidender. Zuerst muss Dunwolf fallen, da er gewarnt ist, wenn seiner Tochter etwas zustößt. Er ist die größere Gefahr. Sie kommt danach."

    "Man könnte es auch so sehen, dass die Beißer das Erbe von Caltharnae und Asa Karane bewahren. Menschenfleisch zu konsumieren ist ein Ritual, keine Perversion. Die Menschen sind es, die eine Perversion daraus gemacht haben! Was ist verwerflich daran, die Hoden und das Herz eines würdigen Gegners zu verspeisen, anstatt ihn zum Verrotten auf dem Schlachtfeld liegen zu lassen? Ersteres ist eine Würdigung, zweiteres eine Vergeudung. Oder meint ihr, ich hätte die Hoden meiner Ruspanti einfach in den Abfall geworfen?


    Perversion ist, wenn man das Fleisch gedankenlos und gierig in sich hineinschlingt und der Herkunft keine Bedeutung beimisst. Es ist der Unterschied vom Genießen eines guten Glases Wein und einem hirnlosen Säufer. Der Zirkel der Menschenfresser muss nach der Vernichtung von Marbel auch dahingehend umstrukturiert werden, es muss eine moralische Erziehung stattfinden, dann tut man mit dem Erhalt des Zirkels sogar ein gutes Werk.


    Schwache Mitglieder auszuselektieren ist ebenso eine Vergeudung, denn was ist Schwäche? Wie Nicodemus sagt, jeder hat seine Stärken anderswo, Spezialisierung ist der Schlüssel."

    Irving, der gerade registriert hatte, dass Amias sich bei Horatio einhenkelte, als sei dieser ein alter Freund, drehte den Kopf und musterte Davard nun von der Seite.


    "Das ist die große Frage, Davard. Die Hohenfeldes haben im Moment keinen Sprecher, jeder scheint sein eigenes Süppchen zu kochen und das betrifft auch Dunwolf. Was hält deine Familie von ihrem Ältesten? Ehren sie ihn? Oder wünschen sie, dass er über kurz oder lang abgesetzt wird?"

    "Korrekt", stimmte Irving zu. "Dies hier ist keine Sitzung in einem Plenarsaal oder dem Konferenzraum eines Handelsunternehmens. Das hier ist ein Familientreffen. Inzwischen sind wir alle, ohne dass wir uns dazu aufgefordert haben, instinktiv vom Euch zum Du übergegangen. Das nehme ich als ein gutes Zeichen. Wir sind eine Familie, Dalibor. Ich weiß, warum du geblieben bist. Du hast an Marthis gedacht.


    Du vermisst deinen großen Bruder, der vor kaum mehr als einem Jahr für immer von dieser Welt verschwunden ist, so wie kurz zuvor auch Veyd. Dein Herz schwankt zwischen dem Wunsch nach Vergeltung und dem Wunsch, dass so etwas nie wieder geschieht. Denn deine Lieben sind dir lieb und teuer, auch wenn ein Eibenberg das anders zeigt als ein Wigberg."

    Irving lächelte.


    "Ich rede von meinem zierlichen, liebenswürdigen Ruspante Amias. Er saugt Essenzen wie ein Lich. Jedoch fehlt ihm die Gabe, sie so zielgerichtet einzusetzen wie andere, er beherrscht nur die Zauber der Ruspanti und was er zuvor schon erlernte, sich von fremder Magie zu nähren. Seine Magie ist passiv ausgerichtet. Der Mann ist so alt wie ich, mir dem Unterschied, dass er kein einziges Mal gestorben ist. Jedoch ist er nicht in der Lage, seine Gestalt zu wechseln, wie ein Ältester das kann. Dafür ist er mit ewiger Schönheit und Jugend gesegnet."


    Ob jemand außer ihn einen pickligen, mageren Eunuchen als schön bezeichnen würde, war Irving gleichgültig, er hatte sein eigenes Ideal.


    "Amias ginge sicher als Magier des fünften Grades durch nach den heutigen Maßstäben, auch wenn er nicht in das moderne Schema passt. Auf Asa Karane aber wäre er unter den Hexenmeistern Durchschnitt gewesen."


    Er nickte in Richtung der Ruine.


    "Dal steht noch immer dort, allein, und starrt in die leere Schale."

    "Ich habe meine Gabe verloren, als Thabit und ich den unsterblichen Bund eingingen. Aber es ist eine neue Gabe hinzugekommen." Er tippte an seine Schläfe. "Ich sehe mit tausend Augen und höre mit tausend Ohren. Gleichzeitig. Nein, ich bin kein Essenzmagier im alten Sinne mehr, meine Kunst geht am ehesten in Richtung Geistmagie. Lebensessenz absaugen und nutzen kann ich nicht."


    Der Finger schwenkte herum und richtete sich auf Amias, der gerade zu Horatio schlenderte und sich neben ihm niederließ.


    "Aber er. Er beherrscht die Essenzmagie wie damals. Wenn ich mich nicht täusche, ist er der einzige noch lebende Essenzmagier aus alter Zeit, der kein Ältester ist. Es ist nicht Thabit, der ihn am Leben hält. Das schafft er ganz allein. Mit modernen Begriffen ginge er wohl am ehesten als Lich durch, nur dass er mit Totenbeschwörung nie etwas zu tun hatte."


    Irving hörte auf, auf Amias zu zeigen und widmete seine Aufmerksamkeit wieder ganz Davard.


    "Prince Ciel und der Duca stehen sehr gut mit Linhard. Aber etwas hält ihn davon ab, sich ganz auf Tazio einzulassen, vermutlich schlichtweg dessen weltliche Macht. Mit Ciel aber steht er auf sehr gutem Fuß."

    Irving lächelte nun und machte eine Geste mit den Fingern, als würde er ein delikates Gericht loben.


    "Alexandre de la Grange ist ein sehr stolzer Mann. Ihm ging es gegen den Strich, dass der Duc ihn zwang, ausgerechnet einen Nekromanten zurück ins Leben zu rufen. Also hat er eine kleine Sollbruchstelle eingebaut - wer wöllte ihm das nachweisen? - und hat ganz nebenbei eine uralte Praktik neu entdeckt. Der Mann ist sehr gut.


    Er hat Brandurs Seele halbherzig verankert und ganz ähnlich wie bei einem Vampir hat Brandur einen Riss in der Seele, aus dem seine Essenz heraussickert. Noch hat Alexandre nicht herausgefunden, wie er sie sich nutzbar machen kann oder scheut davor zuück, da er zurecht ahnt, dass dies in Richtung der von ihm so verhassten Nekromantie geht. Aber du verstehst, worauf ich hinaus will. Mit Bluthexerei hat er einen Schadenszauber gewirkt. Er hat das Bindeglied zwischen Bluthexerei und Nekromantie wieder entdeckt - die Essenzmagie. Ich bin gespannt, was er erst kann, nachdem er Unterricht bei Nicodemus genommen hat.


    Eine Bitte habe ich. Auch wenn Alexandre einem Hohenfelde schadet, so vergiss dabei nicht, dass er ihn überhaupt erst ins Leben zurückrief. Alexander ist über Amias Teil von uns. Wie auch immer du das Problem zu lösen gedenkst, der Marquis darf dabei keinen Schaden nehmen."

    Irving war froh, dass Davard sich wieder beruhigt hatte. Der Mann war eigentlich ganz vernünftig, nur leider labil. Wenn er umschlug, war von der Vernunft nicht mehr viel zu sehen, aber wem ging das nicht so. Nur geschah das bei Davard schneller und heftiger als beim Durchschnitt.


    "Brandur ist ein alter Mann, der einem üblen Streich von Alexandre de la Grange unterliegt, falls es dir nicht aufgefallen ist. Die beiden haben ihre Rivalität und versuchen sich gegenseitig intellektuell und magisch zu übertrumpfen. Allerdings ist magisch Alexandre am längeren Hebel. Brandur hat nicht mehr die Energiereserven von früher. Er ist vermutlich damit überfordert, Linhard wirklich zu helfen. Du widerum hast anderswo Dinge, die dich Kraft und Energie kosten.


    Übernimm dich nicht, mit leeren Versprechungen hilfst du dem Jungen nicht. Wenn du es selbst nicht kannst, suche ihm jemanden, der dazu in der Lage ist, ihn zu beraten, ihm den Rücken freizuhalten und vor allem diesen Archibald von ihm fernzuhalten. Denk daran, wie du dir die Zukunft für deine Tochter vorstellst. Linhard könnte sie verwirklichen. Archibald? Kaum."

    Irving musste von Amias am Ärmel festgehalten werden, da er, zu Tode beleidigt, Dave hatte behandeln wollen, als wäre er verdichtete Luft, indem er an ihm vorbeiging, um in den biomechanischen Leib von Thabit hineinzumarschieren. Amias hielt ihn fest und Irving hielt inne, da er insgeheim wusste, dass es richtig so war. Er löste die zarten Hände von Amias von seiner Robe und wandte sich Davard zu, um ihm zuzuhören. Hinter dem Hohenfelde ragte schwarz und zerklüftet der Rest von Horatios zu Hause in den grauen Himmel.


    "Diese Insel macht uns alle verrückt", antwortete Irving schließlich. Er nickte in Richtung der Ruine, damit Davard mit ihm gemeinsam hinaufblickte. "Ich habe diesen Verhandlungsort seiner Wirkung Willen ausgewählt. Er ist ein Mahnmal, was mit jedem unserer Häuser geschehen könnte. Kein gemeißelter Stein, kein Denkmal, sondern ein Mahnmal, welches das Leben selbst erschaffen hat und das unverändert hier noch steht. Ich muss gestehen, dass ich seine Wirkung unterschätzt habe. Der Ort sollte zeigen, dass jeder von uns der Nächste sein könnte und das hat er und die Gemüter waren erhitzt. Für Horatio muss esgewesen sein, als hätten wir auf den Gräbern seiner liebsten gestanden und auf ihre Gebeine gespuckt. Auch ihm gebührt eine Bitte um Verzeihung, von uns beiden."


    Er ließ eine Pause. Träge zogen die Wolken. Sein Mann hatte all die Zeit geschwiegen. Nur ganz am Ende ... da hatte Thabit etwas gesagt, was Irving in seinem Zorn nicht hatte hören wollen.


    "Ich wünsche deine Essenz nicht, Davard, nicht einmal deinen Kopf. Deine aufrichtige Entschuldigung genügt mir vollkommen. Hast du gewusst, dass auf Asa Karane die Geste des Entschuldigens vollkommen unbekannt war? Man sagte damals, Worte sind wie Pfeile. Einmal von der Sehne gelassen, kann man sie nicht mehr zurücknehmen. Man wählte seine Worte mit Bedacht, denn eine Beleidigung hatte damals eine ganz andere Wirkung zur Folge als heute. Umgekehrt, hatte derjenige, der beleidigt wurde, auch keine Wahl, als den Widersacher und am besten sein ganzes Haus auszuradieren, um seine Ehre wieder herzustellen. Auch dann nicht, wenn er eigentlich Frieden wollte. Wir sollten froh sein, dass diese Zeiten vorbei sind und dass Worte genügen, um Worte wieder gut zu machen. Ich nehme deine Bitte um Verzeihung an, Davard.


    Du hast in diesem Moment, da du deine Entschuldigung aussprachst, nicht an dich gedacht, sondern an das Wohl deiner Familie und das rechne ich dir an. Wir alle sind hier angereist, um es besser zu machen, mit Ausnahme von zweien, über die wir jetzt nicht reden wollen. Also machen wir es besser. Kehren wir zurück."


    Etwas leiser fügte er hinzu:


    "Eines noch. Linhard ist ein kluger junger Mann. Aber ihm fehlt die Härte, sich einer Sippe wie der unseren durchzusetzen. Der Junge braucht jemanden, der seinen klugen Gedanken in unseren zähnestarrenden Reihen Gehör verschafft. Jemanden, der ihm hilft, als Familienoberhaupt ernst genommen zu werden und die Interessen seiner Familie nach innen und außen zu vertreten.


    Linhard braucht einen Freund, der ihm dabei hilft, sonst ist er auf verlorenem Posten. Schneller, als er sich versieht, wird ein anderer auf dem Thron der Hohenfelde sitzen und der Junge wird eine Marionette oder eine Leiche. Denk darüber nach, ob du dieser Freund sein möchtest. Wenn nicht, wer es sonst sein könnte. Sonst wird Archibald von Dornburg diesen leeren Platz an seiner Seite einnehmen und mit der Stimme von Linhard über eure Familie herrschen."

    "Zu Schweigen ist nicht neutral, wenn solche Ungerechtigkeiten stattfinden. Damit ergreift man sehr wohl Partei. Mir ist vollkommen gleich, wer Schuld hat, darum geht es nicht. Wenn interessiert die Schuldfrage, fängst du jetzt auch an, in der Vergangenheit zu wühlen, Horatio? Wir sind hier her gekommen, um über die Zukunft zu sprechen, eine solche ist nicht gemeinsam möglich.


    Natürlich muss jemand für eine Beleidigung sterben, bist du unter die Naridier gegangen? Ich dachte, du hütest ein almanisches Land? Dass es in Souvagne auf eine Beleidigung hin kein Duell gibt, ist schwer vorstellbar.


    Linhard ist nicht das reale Familienoberhaupt, er kann nicht für alle sprechen, sie agieren nicht als Einheit und warum sollten wir jeden überprüfen? Das kannst du gern tun, ich tue das nicht.


    Amias! Vendelin!"


    Mit einer barschen Geste forderte er sie auf, mit ihm zu Thabit zurückzukehren.


    "Nicodemus, wir haben dich hergebracht, wir bringen dich auch zurück. Ganz gleich, wo du in diesem Spiel stehst."

    "Du brauchst nicht im Plural zu sprechen", garstete Irving. "Hohenfelde hat seinen Standpunkt gewählt. Sie haben einen ambitionierten, aber nutzlosen Halbstarken geschickt, eine Heulsuse und einen Ältesten, der genau so wenig wie der Halbstarke in der Lage ist, seine Schäfchen zu zügeln. Es geht nicht mehr um die Sache, es geht nur noch um das Gejammer irgendeines namenlosen Sterblichen. Hohenfelde ist für mich außen vor, mit dem Rest bin ich bereit zu verhandeln. Ansonsten verlassen Wigberg, Kaltenburg und Wolkenhaim den Konzil", entschied Irving.