Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

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Jaro Ballivòr

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#61

Beitrag von Jaro Ballivòr » Di 19. Feb 2019, 10:22

Alaryah Schattenwind
Endlich hatte Alaryah eine geeignete Stelle gefunden. Vorsichtig schob sie einen Zweig beiseite, um einen besseren Blick zu haben. Sie konnte mehrere Gestalten erkennen, die hier und da Fackeln aufgetellt hatten. Ganz in ihrer Nähe stand etwas großes. Alaryah konnte nicht genau erkennen, worum es sich tatsächlich handelte. "Das hat sich hier verklemmt.", sagte eine der Personen und hantierte an dem großen Etwas herum. "Warte, ich drücke mal von der Seite.". Zu zweit entfernten die beiden Gestalten die Reste eines zersplitterten Baumes und warfen diesen achtlos beiseite. "Los!", rief der eine dann dem unbekannten Wesen zu. "Ein letzter Versuch, sonst müssen wir morgen weitermachen!". Eine dumpfe Stimme antwortete etwas. Erst jetzt fielen Alaryah die beiden Karren und die drei Zelte in der Nähe auf. Scheinbar hatte man hier ein Lager aufgeschlagen und Waren transportiert. Dann schepperte es plötzlich wieder in der Dunkelheit. Alaryah zuckte zusammen und machte sich kleiner. "Läuft wieder!", schrie der eine dem anderen über den Lärm hinweg zu. Dann erhob sich das Wesen. Es schien komplett in Metall gekleidet zu sein, größer und breiter als jedes Lebewesen, welches Alaryah bisher gesehen hatte. Selbst ein Bär musste daneben klein erscheinen. "Mach die hier noch weg! Die hier!". Der eine Kerl winkte und deutete in Richtung mehrerer Bäume zu seiner linken. Laut polternd setzte sich das Wesen in Bewegung, kleine Wolken aus dunklem Qualm stiegen auf. Das Geräusch, mit dem die riesige Kreissäge durch die Baumstümpfe fuhr, lies Alaryah erschrocken zurückfallen. Sie hielt sich die Ohren zu, konnte nicht glauben, was sie dort sah. Mit einer ungeheuren Leichtigkeit fällte die Maschine mehrere Bäume, die krachend zu Boden fielen. Zitternd krauchte Alaryah rückwärts, noch immer den Blick auf die Maschine gerichtet, die ihr grausames Werk fortsetzte. Dann kam die Albin nicht mehr weiter, sie stieß mit dem Rücken gegen etwas hartes. Alaryah drehte den Kopf und für einen Moment schien ihr Herz auszusetzen. Dieses Ding hatte bereits eine Schneise der Verwüstung hinter sich gelassen. Von einer kleinen Lichtung aus bis zum jetzigen Punkt waren die Bäume allesamt gefällt, manche ausgerissen, andere unheilbar zurechtgestutzt. Panik erfasste die Albin. Unbeholfen stand sie auf und stolperte in die Richtung, in der sie Jaro vermutete.

Jaro Ballivòr
Zunächst fiel Jaro nichts Ungewöhnliches auf. Wo er auch hinsah reihten sich die Stämme der größeren und die Wipfel der kleineren Bäume an einander. Auch die Geräusche hatten abgenommen, sodass er unsicher war, in welcher Richtung er eigentlich suchen sollte. Aber irgendwo musste doch etwas sein! Und dort war vermutlich auch Alaryah und möglicherweise war sie in Schwierigkeiten. Er musste sie finden! Er musste! Jaro presste die Lippen fest aufeinander und spähte erneute zu allen Seiten. Das wieder einsetzende laute Brummen ließ ihn zusammenfahren und beinahe wäre er vom Ast gerutscht. Zuerst war es so laut, dass er nicht deuten konnte, woher es kam. Viel mehr schien es überall gleichzeitig zu sein. Dann sah er es. Die Bäume bewegten sich. Schockiert sah Jaro zu, wie ein wahrer Riese wackelte, schwankte und schließlich mit lautem Knarzen fiel, als sei er nicht viel mehr als ein morscher Ast. Das Dröhnen ging bis ins Mark. <Es klingt wie ein Klageschrei>, dachte Jaro und eine tiefe Trauer erfüllte ihn. Weitere Bäume folgten, große wie kleine. "Was ist das?", flüsterte er ungläubig zu sich selbst. Dann. "Alaryah!" Was auch immer in der Lage war, solch eine Zerstörung anzurichten, Alaryah ging direkt auf es zu! Unentschlossen sah Jaro nach unten und wieder zurück zu der Stelle, an der die Bäume fielen. Sie hatten vereinbart, dass er hier wartete, doch er musste sie warnen! Was sollten sie gegen einen Gegner wie diesen schon ausrichten? So schnell er es wagte, schwang Jaro sich vom Baum und zog das Stilett hervor. Ängstlich schluckte er, dann setzte er sich in Bewegung.

Alaryah Schattenwind
Weg! Sie wollte einfach nur noch weg! Weg von diesem Ding! Alaryahs Herz raste und nahezu orientierungslos taumelte sie durch die Gegend. Sie dachte nicht einmal mehr an Jaro oder ihre Mission. Die Albin stolperte über eine Wurzel, fiel der Länge nach hin und rang nach Luft. <Weiter!>, hämmerte es in ihren Gedanken, während ein weiterer Baum fiel. Laut keuchend raffte sie sich wieder auf. "Die drei noch, dann reicht es erst einmal!", rief der eine Kerl kaum hörbar und wieder knirschte es laut. Es dauerte, bis Alaryahs Körper wieder gehorchte und sie stürzte davon. Ihr Blickfeld verengte sich und immer wieder schaute die Albin panisch hinter sich aus Angst, das Ding könnte ihr folgen. "Alaryah!". Sie überhörte Jaros Rufen aus der Ferne. "Alaryah, hierher!". Sie wich einem Baum aus, machte einen Satz nach links über einen Stein und raste weiter. Irgendwann kam die Albin vor einer Dornenhecke zum stehen, wirbelte herum und nahm erneut Fahrt auf. "Alar...". Sie schlug hart mit Jaro zusammen, der sie irgendwie und leicht aus der Puste eingeholt hatte. Weiße Sterne tanzten vor Alaryahs Augen umher. Sie versuchte erneut aufzustehen, doch sie wurde festgehalten. Die Albin schlug wild um sich, doch schaffte es einfach nicht sich loszureißen. Mit aller Kraft versuchte sie nun an einen der Dolche zu kommen...

Jaro Ballivòr
Panik verlieh Jaro zusätzliche Kräfte und er hielt Alaryah so fest er konnte. Es durfte sie nicht sehen. Auf keinen Fall durfte das baumfressende Monstrum sie sehen! Vage nahm Jaro ein dumpfes Pochen am Kopf wahr, wo er vermutlich mit Alaryah kollidiert war. Irgendwann hatte er alle Vorsicht beiseite geschoben und angefangen, nach seiner Freundin zu rufen, um überhaupt eine Chance zu haben, sie zu finden. Kaum war er vom Baum herunter, war seine Orientierung fort gewesen. Wo er zuvor noch eindeutig die Richtung gesehen hatte, hatte alles wieder vollkommen identisch gewirkt. Und dann hatte er sie wirklich gefunden, wenn auch anders als geplant. "Alaryah, hör auf! Ich bin es", presste er hervor, während die Albin ihm mehr und mehr entglitt. "Ich bin es, Jaro!" Er wagte kaum mehr als zu flüstern. "Es wird uns hören!" Er wimmerte nun fast und schließlich versiegten seine Kräfte und Alaryah riss sich los. Schwer atmend und mit dem Dolch in der Hand presste nun sie ihn zu Boden. Jaro erstarrte und hob instinktiv die Hände.

Alaryah Schattenwinde
Die Panik schien aus Alaryahs weit aufgerissenen Augen schon fast nach Jaro zu greifen. Trotz der Düsternis um sie herum konnte er nun sein Spiegelbild in den mittlerweile feuchten Augen sehen, in denen die Pupillen langsam kleiner wurden. "Bitte...". Alaryahs Atmung verlangsamte sich, sie musste husten und sogar würgen. Dann begann zuerst iher Hand mit der Waffe deutlich zu zittern und der nun gefühlt tonnenschwere Dolch fiel dumpf auf den Boden neben Jaro. Alaryah sah ihre zitternde Hand ungläubig an, hielt sie nun mit der anderen Fest. Dann schaute sie zu Jaro hinab, der immer noch wie vom Blitz getroffen da lag. "Es...", sie formte mit dem Mund Worte, sprach sie jedoch nicht aus. "Es war so furchtbar.", brachte sie dann endlich hervor. "So viel Zerstörung.". In der Ferne war der Lärm nun verstummt. "So viel Zerstörung.", wiederholte sie leise und Tränen rannen ihre Wangen hinab. "Was...was war das nur für ein Ding?". Alaryah kippte nun seitlich weg und ließ so von Jaro ab, der ihr mit seinen Blicken folgte. Wieder und wieder murmelte Alaryah leise unvollständige Sätze und kaum hörbare Worte, während sie zusammengekauert da lag. Sie hatte zum ersten Mal in ihrem Leben eine riesige Maschine in Aktion gesehen. Diese Kraft, dieser Lärm, all das war neu und scheinbar zu viel für die Albin.

Jaro Ballivòr
Angestrengt versuchte Jaro irgendetwas von Alaryahs Gemurmel zu verstehen. Der Schock steckte ihm noch in den Gliedern, doch es war kein Vergleich zu dem Schrecken, der die Waldalbin durchfahren haben musste. "Ich... ich habe gesehen, wie die Bäume einfach..." Er verstummte wieder, als er begriff, wie sehr dies Alaryah zu schaffen machte. Hatte sie gesehen, was dort wütete? "Alaryah", sagte er nun sanfter und versuchte einen möglichst ruhigen Ton anzuschlagen. "Wir müssen hier weg." Zögerlich legte er eine Hand auf ihre Schulter und klopfte sie leicht. "Vielleicht, wenn wir Hilfe holen könnte..." Der Klang der Verzweiflung ließ sich nicht vollständig aus seiner Stimme vertreiben. Gleichzeitig grübelte er, ob es nicht irgendetwas gab, dass sie tun konnten. Sollten sie wirklich dabei zusehen, wie der Wald nieder gemäht wurde? Jetzt, wo seine Sinne sich langsam klärten, fiel Jaro auf, dass der Lärm fort war. Was mochte das bedeuten?

Alaryah Schattenwind
Alaryah schlug die Augen auf. Sie lag auf der Seite. Ihr Blick zuckte suchend umher. Es war immer noch dunkel, doch war sie nicht mehr an dem Ort, an dem sie mit Jaro zusammengeprallt war. Was war passiert? Alaryah wollte sich aufrichten, doch fast jeder Muskel in ihrem Körper schien sich dagegen zu wehren. Die Angst hatte dafür gesorgt, dass die Albin völlig verkrampft dagelegen hatte. Sie befanden sich wohl in ihrem Nachtlager, welches aber auch woanders zu sein schien. Alaryah kramte in ihren Erinnerungen...und wurde schließlich fündig. Jaro hatte es irgendwie geschafft sie zumindest etwas zu beruhigen und sie waren gemeinsam irgendwo hingegangen. Was war noch? Sie waren in ihrem Lager angekommen und...genau! Sie haben es verlegt und somit noch etwas mehr Abstand zwischen sich und das Ding gebracht. Nun waren sie hier. Alaryah erinnerte sich weiter. Sie waren beide aufgekratzt gewesen und hatten beschlossen sich erst einmal zu beruhigen. Alaryah hatte viel und leise geweint. Doch ihr fiel auf, dass die Geräusche verstummt waren. Da war nichts, außer die vertrauten Stimmen des Waldes bei Nacht. War das Ding etwa fort? Nein, das konnte nicht sein. Alaryah erinnerte sich an die Gestalten, die miteinander gesprochen hatten. Scheinbar hatten sie irgendwie Einfluss auf das Wesen gehabt. Es würde also irgendwann weiter in dem Wald wüten. Mit dem Ärmel wischte sich die Albin nun durch das Gesicht. Sie musste furchtbar aussehen. "He.", sagte plötzlich jemand leise und schräg rechts vor ihr. Zu Alaryahs Erleichterung war es Jaro. Er hatte sich eine Decke übergeworfen und saß einfach da. Scheinbar hatten sie es nicht gewagt ein kleines Feuer für die Nacht zu entzünden. Alaryah ging zu ihm hinüber und setzte sich neben ihn. "Was war das für ein Ding?", fragte sie leise und beschrieb Jaro, was sie gesehen hatte. Sie sprach von den Gestalten, dem Metall und was sonst passiert war bevor sie geflohen war. Als sie von der Schneise im Wald berichtete versagte kurz ihre Stimme. "Was, wenn sie die Festung suchen?"

Jaro Ballivòr
Für Jaro war es selbstverständlich gewesen, die Wache zu übernehmen. An Schlaf war sowieso nicht zu denken gewesen. Trotz der Decke hatte ihn gefröstelt, doch es hatte ihn getröstet zu sehen, dass Alaryahs Atem irgendwann ruhiger ging. Das und die Stille des Waldes hatten schließlich auch sein Innerstes umschmiegt und seine Gedanken beruhigt.
Die Beschreibung des Monsters wühlte sie nun wieder auf und gleichzeitig war er froh, ein Bild zu kriegen, dass seine unerbittliche Fantasie in die Schranken wies. "Sind wir denn schon so nahe dran?" Jaro hoffte, dass die Antwort nein wäre, doch Alaryah nickte. "Du meinst, sie wollen einen Eingang freilegen?" Plötzlich erschien dies so logisch, dass Jaro sich fragte, wie er nicht direkt darauf hatte kommen können. Er sah Alaryah an. "Oder sie haben ihn bereits geöffnet." Immerhin war es den Rest der Nacht still gewesen. Was sollte der Grund dafür sein, wenn nicht, dass sie ihr Ziel erreicht hatten?
Eine Idee kam ihm, so urplötzlich, dass er aufkeuchte. "Wenn.. wenn sie drin sind... wir könnten uns anschleichen und das Portal versiegeln!" Aufregung ließ seine Stimme zittern. "Vielleicht haben sie diese Höllenmaschine mit rein genommen! Ich könnte nachsehen gehen." Die Worte sprudelten einfach aus Jaro heraus. Er wusste nicht einmal woher sie kamen.

Alaryah Schattenwind
Hastig schüttelte Alaryah den Kopf. "Wenn, dann gehen wir zusammen.". Zwar hatte die Albin ein mulmiges Gefühl als sie wieder an diese Höllenmaschine, wie Jaro sie nannte, dachte, doch durften sie nichts unversucht lassen sie aufzuhalten. Sie mussten so schnell wie möglich gemeinsam den Eingang versiegeln, erst dann konnten sie Hilfe holen. Alaryahs Gefühlswelt schwankte zwischen furchtbarer Angst und irrwitzigem Mut hin und her, doch wenn Jaro Recht hatte, dann blieb keine Zeit lange zu verharren! Mit noch leicht zitternden Knien machten sich die beiden also wieder auf den Weg in Richtung Maschine.
Sie nahmen den gleichen Weg wie Alaryah und kamen bei dem improvisierten Lager an. Dort waren allerdings noch die Personen und die Maschine, was gut, aber auch schlecht sein mochte. Gut, da sie die Festung noch nicht betreten hatten...und schlecht, weil sie noch direkt davor waren. Eine Gestalt stand Wache, eine weitere zog Holzreste aus einem großen Gitter an der linken Seite der Maschine. Jemand weiteres schlief hörbar in einem der Zelte in der Nähe. Beim genaueren Hinsehen erkannten Jaro und Alaryah, dass es sich um Menschen handelte. Sie waren von normaler Statur und trugen an ihren Gürteln Werkzeug statt Waffen. Der eine, der die Umgebung im Auge behielt, stützte sich auf eine große Holzfälleraxt. "Es dauert nicht mehr lange, dann geht die Sonne auf.", brummte er dem anderen Kerl zu, der weiterhin seiner Arbeit nachging. "Wird auch Zeit. In so einer Finsternis zu arbeiten ist auch so gut wie unmöglich. Hinterher trifft die Säge wieder auf Stein oder es löst sich eine Kette...". Sie würden die Maschine also erst bei Sonnenaufgang wieder anwerfen! Noch war es also nicht zu spät. "Wir müssen sie irgendwie ausschalten.", flüstere Alaryah und nickte in Richtung der Männer. "Sie dürfen das Ding nicht wieder entfesseln.". Alaryah tastete nach dem Stein in ihrer Tasche. "Ich muss dann nur nahe genug an den Eingang herankommen. Ich hoffe, dass er sich schnell versiegeln lässt.". Sie wartete Jaros antwort ab, war bereit loszuschlagen.

Jaro Ballivòr
Erst jetzt, beim direkten Anblick wurde Jaro vollends klar, dass es sich nicht um ein Lebewesen sondern um eine Maschine handelte, ein Gerät aus Metall, wenn auch ein besonders mächtiges Exemplar. "Vielleicht kann ich das Ding außer Kraft setzen", flüsterte er. "Ich kenne ein paar handwerkliche Kniffe." Zwar sprach er hierbei von den selbstkonstruierten Linsenschleifmaschinen seines Vaters, doch so groß konnte der Unterschied ja nicht sein. Oder doch? Er nickte, wie um sich selbst zu überzeugen. "Ja, ich kann das. Und falls sie mich entdecken, locke ich sie von hier fort, damit du in Ruhe an den Eingang herankommst." Alaryah starrte ihn mit offenem Mund an. "Jaro! Du kannst doch nicht alleine zu diesem... Ding gehen!" Verwirrt runzelte Jaro die Stirn. "Warum denn nicht? Ich passe auf und schaue mir erst alles genau an, bevor ich eine Schraube lockere oder einen Zweig in den Bewegungsmechanismus klemme. Mir fällt schon etwas ein." Alaryahs Lippen formten das Wort "Schraube" nach, während er sprach. "Das ist ein Werkzeug", erklärte Jaro, dem langsam dämmerte, was los war. "Alben... oder wohl eher: Menschen haben es gebaut und sie bedienen es auch! Alleine macht es gar nichts, verstehst du?" Alaryahs Gesichtsausdruck zu Folge verstand sie nicht.

Alaryah Schattenwind
In Alaryahs Augen sprach Jaro ohne wirklich etwas zu sagen. Schraube? Bewegungsirgendwas? Aber er schien einen Plan zu haben. "Und solange die drei nichts tun können bleibt es einfach so wie es jetzt ist?", fragte sie noch einmal unsicher nach während sie die Maschine mit ihren Blicken fixierte. Sie hatte zwar Kräne und diverse andere Mechanismen innerhalb der Städte und Stützpunkte gesehen, doch schien das, was für sie bereits so etwas wie Zauberei war, primitiv im Gegensatz zu diesem Ding. "Menschen haben es gebaut.", dachte sie laut, doch Jaro unterbrach ihre Gedanken. "Alaryah, wir müssen handeln.". Er hatte Recht! Sie hatte sich zu sehr ablenken lassen. "Ich schleiche mich dann hier entlang, versuche den im Zelt als erstes auszuschalten. Von dort aus kann ich die anderen vielleicht umgehen?". Bei dem Gedanken näher an die Maschine zu gehen fühlte sich Alaryah sichtlich unwohl. Doch es war zu spät und sie musste jetzt einfach tapfer sein! "Wenn du irgendwie machen kannst, dass das nicht mehr funktioniert...", begann sie leise und deutete auf die Maschine "...dann los. Ich behalte die anderen beiden auch im Auge, sollte es zu Problemen mit ihnen kommen kann ich helfen.". Alaryahs Herz raste vor Aufregung, doch musste sie sich zur Ruhe zwingen. Sie durfte nicht unvorsichtig werden! "Sei bitte vorsichtig.", flüsterte sie und griff Jaros Hand.
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#62

Beitrag von Alaryah Schattenwind » Di 26. Feb 2019, 17:49

Jaro Ballivòr
Einen Augenblick lang verharrte Jaro und blickte in Alaryahs sorgenvolle Augen. "Das werde ich!", versicherte er schließlich, löste sich und schlich geduckt durch das Unterholz. Er nahm einen weiten Bogen um das Lager. Der eine Kerl war noch immer damit beschäftigt, die Maschine von den Splittern und Spänen zu befreien, doch glücklicherweise befand er sich auf der dem Zelt zugewandten Seite. Die Maschine war groß genug, um Jaro auf der anderen Seite ausreichend Deckung zu geben und der Arbeiter verursachte so viel Lärm, dass er hoffentlich auch ungehört blieb. "Drecksding!", fluchte der Mann gerade, als Jaro sich näherte. "Ein bisschen Baum und schon hakt das ganze Getriebe! Und natürlich kommt nichts davon alleine wieder raus..." Bisschen war gut, dachte Jaro und schluckte zum wiederholten Male schwer ob der Verwüstung rund um das Lager. Während der Mann lärmte und fluchte, verursachte Jaro nicht einen Mucks auf dem von Spänen und Schutt bedeckten Waldboden. Schnell suchte er die Maschine ab. Sie war noch weit komplexer als er gedacht hatte und rund herum mit Metallplatten und Gittern verkleidet. An wichtige Verbindungen heranzukommen, würde schwierig werden, vorausgesetzt er konnte überhaupt deuten, was wichtig war. Zudem hatte er kein Werkzeug. Der Gedanke kam ihm ganz plötzlich und er ärgerte sich, dass er nicht wenigstens einen Stein oder einen stabilen Zweig aufgelesen hatte. Dort lief die Kette, die wohl die Bewegung weiterleitete, ähnlich wie das Band bei Vaters Schleifmaschine. Jedes Glied war größer als Jaros Faust und hing scheinbar nahtlos im folgenden. Jaro zermarterte sich das Hirn. Selbst wenn er einen ganzen Baum dort hinein schob, dieses Monstrum würde sich immer noch bewegen. Mit wachsender Unruhe huschten seine Augen weiter über die Maschine. Es gab keine Schwachstelle. Jeden Augenblick konnte der Kerl auf der anderen Seite seine Arbeit beenden oder der Schnarcher im Zelt erwachen. Es wurde zusehends heller. Wenn sie die Maschine erst anschmissen, war die Chance verflogen. "He!" Jaro zuckte vor Schreck zusammen und ließ sich instinktiv in die Hocke sinken. "Das Ding braucht wieder Stoff!"
Ein Stein fiel ihm vom Herzen. Einen kurzen Moment hatte er gedacht, der Kerl hatte ihn entdeckt.
"Ja dann füll was nach!", brummte es vom Lager her. Fluchend stampfte der Arbeiter davon. Jaro spähte zwischen den Rädern in der Raupe hindurch. Mit einem Kanister in der Hand kam der Mann zurück, noch immer vor sich hin motzend. Jaro schlich genau entgegen gesetzt zur Seite, während der andere hinter die Maschine trat. Er schraubte an etwas, dann gluckerte es. Jaro riss die Augen auf. Das war es! Das Ding lief mit irgendeiner Art magischer Flüssigkeit. Wie hatte er auch nur denken können, dass ein Fußpedal oder ein Hebel einen solchen Koloss bewegen konnte... Er musste nur die Verbindung des Tanks kappen. Nur... Jaro sah sich um. Von Alaryah war nichts zu sehen und zu hören. Der Arbeiter war wieder in Richtung Lager geschlurft. Jetzt oder nie, dachte er und schlich auf das hintere Ende der Maschine zu.

Alaryah Schattenwind
Die Sekunden vergingen quälend langsam. Alaryah verfolgte Jaro noch so weit wie möglich mit ihren Blicken und machte sich dann selbst auf den Weg. Geduckt huschte die Albin in der Düsternis des Unterholzes umher und näherte sich dann langsam aber sicher dem Zelt. Wieder und wieder kam sie an abgeknickten Ästen, herausgerissenen Wurzeln, Splittern und Rinde vorbei. Der süße Duft von frisch gefällten Bäumen war deutlich wahrzunehmen und Alaryah musste sich enorm zusammenreißen um nicht von Trauer und blinder Wut überrannt zu werden. Wichtig war jetzt ihre Mission! Endlich kam sie an dem ersten Ziel ihrer Etappe an. Vorsichtig lugte die Albin an dem Zelt vorbei in Richtung dessen, was Jaro Maschine genannt hatte. Niemand schien auch nur im Geringsten in Erwägung zu ziehen, dass Alben in der Nähe sein konnten. Diese Selbstsicherheit der Schergen ließ Alaryah kaum merklich den Kopf schütteln. Nun wandte sich Alaryah der Rückwand des Zelts zu. Dort war kein Ein- oder Ausgang, nur eine Plane aus dickem Tuch. Unbemerkt durch den wahrscheinlich zugeschnürten Vordereingang zu gelangen war ein Ding der Unmöglichkeit und so zog Alaryah einen Dolch. Vorsichtig setzte sie die Klinge am unteren Ende der Plane an und schnitt langsam hinein. Jeder Millimeter Schneidearbeit machte einen gefühlt ohrenbetäubenden Lärm, doch war in Wirklichkeit nichts zu hören. Alaryah wunderte sich sowieso, wie der Kerl im Zelt überhaupt bei diesem ganzen Lärm, den seine Kameraden verursachten, schlafen konnte. Dann war der Spalt endlich groß genug und Alaryah spähte ins Innere. Dort lag eine Gestalt auf einem improvisierten Nachtlager, das Kopfende war ihr zugewandt. Ein gezielter Hieb würde genügen um den Kerl länger ins Reich der Träume zu schicken, da war sich die Albin sicher. Doch hatte sie nicht genug Platz um ordentlich auszuholen...und so schob sich Alaryah mit dem Oberkörper so vorsichtig wie Möglich ins Zeltinnere.
Es polterte laut, als die Albin mit der Schulter einen Stapel aus Tonbechern und gestapeltem Essbesteck umstieß. Die Gespräche draußen endeten abrupt und jemand rief einen Namen, fragte, ob alles in Ordnung sei. Die Albin fuhr zusammen als der gerufene erwachte, den Kopf hob und die Augen öffnete. "Wa..was? Alles gut, lasst mich noch schlaf...". Die Blicke des Mannes trafen die der Albin, die weiterhin regungslos in ihrer Position verharrte. Es war ein Reflex, der die Kontrolle über die Albin übernahm. Blitzschnell schoss die freie Hand der Albin voran und hielt dem Kerl den Mund zu. "Mhmhmm?!", brachte er hervor und riss panisch die Augen auf. Er wollte seine Kumpanen alarmieren und begann zu strampeln. Glücklicherweise wurde sein Zappeln durch eine verhedderte Decke weitestgehend eingeschränkt.
Alaryah öffnete die Augen. "Dann bleib halt noch liegen, Nichtsnutz!", gab einer der Schergen laut von sich. Erst jetzt sah Alaryah, was sie angerichtet hatte. In ihrer Furcht entdeckt zu werden, die Mission zu gefährden und vor Wut aufgrund der Zerstörung um sie herum hatte Alaryah mehr als nur häufig auf den Mann eingestochen. Er war leise grunzend abgetreten, sein erschlaffter Körper war übel zugerichtet. Alaryah selbst hatte deutliche Blutspuren an Händen, Armen und Gesicht, auch im Zelt selbst sah es aus wie in einem Schlachthaus. Doch durfte sie nicht lange innehalten! Jede Sekunde war kostbar! "Hoffentlich hat der nicht unser ganzes Geschirr zerdeppert.", hörte Alaryah noch den einen Schergen schimpfen, während sie wieder geduckt rückwärts laufend im Gebüsch verschwand. Der Geruch von Blut klebte an der Albin und löste in ihr wieder so etwas wie einen Jagdinstinkt aus...


Jaro Ballivòr
Der Kanister war schnell gefunden, doch war er fest an der Umhausung fixiert und ragte zum Teil hinein, sodass es gut geschützt war. Jaro lugte durch ein Gitter hindruch und tatsächlich: innen ging ein großer Schlauch ab. Aber wie sollte er dort heran kommen? Er probierte einige Spalten und Gitteröffnungen aus, doch nirgends passte seine Hand hindurch. Sein Stilett hingegen war zu kurz. Vergeblich zog und zerrte Jaro an den Metallplatten, die einen Großteil der Maschine umgaben. Sie bewegten sich keinen Millimeter. Er brauchte ein Werkzeug, irgendetwas. Hektisch schoss Jaros Blick von Seite zu Seite. Er entdeckte einen abgebrochenen Ast und hob ihn leise auf. Mit steigender Nervosität schob er das Holz durch das Gitter hindruch und versuchte, den Schlauch zu beschädigen oder zu lösen. Nichts geschah. Und schließlich brach das Stück mit einem Knacken entzwei. Jaro erstarrte. Ein Poltern folgte, dann Geschrei. Schweiß trat Jaro auf die Stirn. Er hörte die Männer zankten, doch offenbar ging es nicht um ihn. Alaryah? Es klang, als murrten sich die Kerle eher gegenseitig an. <Steh nicht so blöd rum! Tu etwas!>, schalt Jaro sich in Gedanken. Es galt die Zeit zu nutzen, in der die Männer noch stritten. Aber wie sollte er an diese Leitung herankommen? Jaro begann erneut die Maschine zu untersuchen. Er ging in die Knie und legte sich schließlich ganz auf den Boden. Zwar war es noch lange nicht hell, doch für Jaros Augen war es genug. Da war ein Spalt! Die Maschine stand nicht ganz eben und im hinteren Teil hob sie leicht ab. Möglicherweise reichte das. Jaro legte sich auf den Rücken und schob sich, Kopf voran, Stück für Stück hinein. Er hielt die Luft an und zog den Bauch ein. Mit einem leisen Ratschen riss sein Hemd und er keuchte auf, als Metall die Haut über seinen Rippen aufkratzte. Trotzdem stemmte er sich weiter unter das Monstrum. Es war beängstigend und so eng, dass ihm die Luft weg blieb, doch er passte hinein. Unter dem Tank angekommen, hob Jaro die Hände. Er zog, zerrte und riss an dem Schlauch und begann sogar im Stillen zu fluchen, bis sich die Verbindung endlich löste und sich ein Schwall beißend riechender Flüssigkeit über sein Gesicht und seinen Oberkörper ergoss. Panisch versuchte Jaro den folgenden Hustenreiz zu unterdrücken, doch erfolglos. Es prustete los und hörte zugleich, wie nebenan Bewegung ins Lager kam. Bestimmt hatten sie ihn gehört! Er saß in der Falle.

Alaryah Schattenwind
Am liebsten hätte sich Alaryah direkt auf den nächststehenden Schergen gestürzt, doch hatte sie gerade noch genug Selbstbeherrschung. In der kleinen Albin, die fast nie in ihrem Leben diese Art Emotionen gefühlt hatte, brannte nun ein loderndes Feuer. Sie schärfte ihre Sinne, während sie sich den Weg zu ihrem Ziel bahnte. Die Männer diskutierten und weiter in der Ferne hörte sie ein seltsames Gluckern. Es war anders als das Geräusch von einem Fluss oder Regen. Es war ihr unbekannt. Alaryah ging weiter und war sich sicher, dass dieses Geräusch aus der Maschine stammen musste...
Es dauerte etwas, doch schließlich erahnte die Albin unter einem riesigen und flächendeckenden Brombeerbusch den nächsten Zugang. Sie hatte sich an die Zeichnung einer Brombeere erinnert, die kaum sichtbar in einer Ecke eines Fragments abgebildet war. Wieder hielt sie inne und lauschte. Irgendwas ging da hinter ihr vor, doch durfte sie sich nicht ablenken lassen. Mit aller Kraft riss Alaryah nun an den Zweigen des Brombeerbusches herum. Die Dornen bohrten sich durch ihre Handschuhe und sie musste die Zähne fest aufeinanderbeißen um nicht zu schreien. Doch aufgeben? Niemals! Endlich war dort eine Lücke in dem Gewächs. Das Geschrei hinter ihr wurde lauter. Jaro! Alaryah stand auf. Sie wollte zurück und sehen, ob Jaro wohlauf war. Gerade in diesem Moment kroch die Sonne am Horizont empor und erste Strahlen schossen durch die Dunkelheit. Es war womöglich fast zu spät. Alaryah drehte sich zu dem Eingang um. Dort war eine große Steinplatte, womöglich eine Art Luke. Die Albin atmete tief durch, versuchte den Lärm hinter sich zu ignorieren und nahm Anlauf. Mit einem Satz brachte sie einen Großteil des Dornengestrüpps hinter sich, doch landete sie trotzdem unsanft zwischen Steinplatte und Zweigen. Alaryah wollte gar nicht wissen, wie viele Dornen nun in ihrer leichten Rüstung und in ihrem Körper steckten. Wie in Trance tastete sie nun mit zittrigen Händen die Steinplatte ab. Irgendwo musste es doch eine Fassung für diesen verdammten Stein geben! Tatsächlich wurde die Albin fündig. Zu ihrer Erleichterung passte der goldgelbe Stein in eine kleine Ausbuchtung und fügte sich nahtlos in die Steinplatte ein. Doch nichts geschah. "Nein...", hauchte Alaryah. "Nein, bitte nicht!". Wieder erklang Lärm hinter ihr. "Jaro.". Alaryah versuchte fieberhaft den kleinen Stein wieder aus der Platte zu puhlen, doch es war hoffnungslos. Es wollte ihr nicht gelingen, wieder und wieder glitt der kleine gelbe Klumpen zurück. "Verdammt noch mal!", fluchte die Albin und hämmerte hilflos mit den Fäusten auf die Steinplatte. Die Sonne kroch den Himmel empor. Ein Lichtstrahl näherte sich dem Stein. Jetzt verstand Alaryah. "Natürlich...". Sie presste sich flach auf die Steinplatte und ihre Augen folgten dem Lichtstrahl der Sonne. Dann trafen Strahl und Stein aufeinander. Ein helles Licht erschien und Alaryah musste den Blick abwenden. Die Steinplatte unter der Albin begann zu vibrieren, erbebte einmal mit enormer Kraft und wurde dann schlagartig kühl. Der goldgelbe Stein war verschwunden, stattdessen sah es nun so aus als hätten sich steinernde Wurzeln wie eine Krallenhand um den Eingang geschlossen. Es war geschafft. Nun musste Alaryah zurück! Sie bahnte sich ohne Rücksicht ihren Weg durch das riesige Brombeergewächs. Auch wenn sie aus gefühlt tausenden Schrammen bluten mochte, sie würde Jaro nicht aufgeben! Im Laufen zog Alaryah den Bogen und legte einen ersten Pfeil auf. Niemand würde Jaro etwas antun! Polternd kam die Albin auf der Lichtung mit der Maschine zum stehen und blickte in die erstaunten Gesichter der zwei übrigen Kerle. Sie überlegte nicht lang, hob den Bogen und schoss. Der Pfeil löste sich von der Sehne, surrte durch die Luft und schlug in den geöffneten Mund des ihr am nächsten stehenden Mannes ein. Der andere wandte sich zur Flucht, doch die Albin war schneller. In einer fließenden Bewegung legte sie erneut auf. Schreiend ging der andere Kerl zu Boden, versuchte den Pfeil in seinem Rücken mit den Händen zu erreichen. Erfolglos. Alaryah warf den Bogen beiseite, stürzte sich mit gezogenem Dolch auf den Mann und brachte ein blutiges Werk zuende.

Jaro Ballivòr
Kurzatmig vor Panik und dem widerwärtigen Gestank der Maschinenflüssigkeit zwängte Jaro sich Stück für Stück unter dem Koloss hervor. Es ging viel zu langsam. Seine Augen brannten von der Tankfüllung und ein wenig davon war ihm in den Mund geflossen, doch es war zu eng, um mit den Händen über das Gesicht wischen zu können.
"Ich sage dir, das kam von dort, von der Maschine!"
"Seit wann husten Maschinen??"
Die Stimmen kamen näher.
"Das war bestimmt Froson, der faule Sack! Kriegt den Arsch wieder nicht hoch."
"Lass uns nachsehen, dann merkst du dass ich Recht habe."
"Ich war eben erst hier und da war nichts, niemand! Wenn hier keine hustenden Ratten herumkriechen..." Der Mann unterbrach sich. Jaro konnte nicht sehen, was vor sich ging. Beinahe wünschte er sich, er wäre komplett unter die Maschine gekrochen, wo wenigstens seine Beine nicht zu sehen waren. Das Herz schlug ihm bis zum Hals.
"So viel zum Thema niemand... schalt die Maschine an, Greg. Wollen wir doch mal sehen, was sie außer Holz und Stein noch so verarbeiten kann." Ein kehliges Lachen ertönte.
"Nein, nein!", stöhnte Jaro. Er konnte sich noch immer kaum bewegen. Jeder Millimeter dauerte eine Ewigkeit.
"Hallo Bürschchen." Ein Gesicht tauchte seitlich am Gitter auf, das sein Grinsen grotesk verzerrte.
Panik nahm Jaro in Beschlag und er begann wie wild zu strampeln, im Versuch sich zu befreien.
"Was ist denn jetzt, Greg?"
"Keine Ahnung! Das blöde Ding springt nicht an!" Wieder begannen die Männer sich anzukeifen. Nur noch ein kleines Stück... Jaro schob sich unter der Verkleidung hervor und sprang auf die Füße. Sein Atem ging schwer und schnell, doch er hatte es geschafft.
"Da ist er!" Die Männer griffen zu ihren Waffen, da ließ ein Geräusch sie herumschnellen. Fast im selben Augenblick sah Jaro die Spitze eines Pfeils durch den Nacken des ersten Kerls brechen. Wie ein grüner Blitz fiel Alaryah den zweiten an und noch bevor Jaro zu irgendeiner Reaktion fähig war, lagen beide Männer auf dem Boden. Alaryah war blutverschmiert und trug einen halben Dornenbusch mit sich herum, doch es ging ihr gut. Ungeachtet des Gestrüpps sprang Jaro zu ihr hinüber und umarmte sie aus purer Erleichterung der missligen Lage entkommen zu sein. Als er den Kopf von Alaryahs Schulter löste und die Augen öffnete, blieb ihm beinahe das Herz stehen. Regungslos wie eine Statue stand er da. Sein Oberkörper war entblößt, doch viel Haut war nicht zu sehen. Ein dichtes Netz aus Tätowierungen zog sich über Brust, Bauch und Arme. Der Mann legte leicht den Kopf schief, so als verwirrte ihn Jaros und Alaryahs Anwesenheit. Die Zeit stand still für Jaro, als der Tätowierte in die Hocke ging wie ein Raubtier vor dem Angriff. "Alaryah", war alles, was Jaro zustande brachte, dann stürzte der Fremde vor.

Alaryah Schattenwind
Der blutige Schleier löste sich langsam aus Alaryahs Blickfeld, als Jaro sie fest im Arm hielt. Nun wurde die Albin von Erschöpfung ergriffen. Sie umklammerte immer noch den Dolch, mit dem sie den letzten Schergen übel zugerichtet hatte. Wie konnte es nur soweit kommen? Erst als Jaro plötzlich ihren Namen laut aussprach kam sie wieder in der Realität an. Zu spät. Etwas Wuchtiges traf die Albin und sie und Jaro wurden durch den Aufprall umgeworfen. Da war dieser Kerl mit den Tätowierungen! Alaryah kam wieder auf die Beine und fixierte den Feind. Der drahtige Mann ohne Oberteil hatte lange Haare, die ihm glatt anliegend bis über die Schultern reichten. Die Augen hatte der Angreifer mit schwarzer Farbe eingerahmt, was ihm im fahlen Licht der Morgensonne zu einer furchterregenden Erscheinung machte. "Ihr stört hier.", krächzte er mit einer Stimme, die nach dem Brechen verdorrter Zweige klang. Alaryah sah in ihm nur pure Bosheit. Wieder stürzte er sich auf die beiden. Alaryah rempelte Jaro, der sich gerade aufrichtete, wieder um. Nur knapp entgingen sie dadurch dem nächsten Angriff des Mannes, der mit übermenschlicher Schnelligkeit auf die Gefährten losging. Ein paar Meter hinter ihnen kam der Tätowierte zum stehen, wirbelte dabei Spähne, Splitter und Waldboden auf. Er schnaubte verächtlich. "Ich kann das den ganzen Tag machen!", krächzte er und warf sich ihnen erneut entgegen. Dieses Mal bekam er Jaro irgendwie zu packen und riss ihn mit sich. "Nein!", schrie Alaryah fast panisch und setzte nach. Mehrmals hieb sie auf den scheinbar schutzlosen Körper ein, versenkte die Klinge tief im Fleisch. Entweder schien der Angreifer keinen Schmerz zu spüren, oder die Waffe war einfach wirkungslos. Kein einziger Bluttropfen quoll aus den Wunden hervor, die Alaryah ihm zugefügt hatte. "Ihr werdet hier sterben.", verkündete der Mann und drückte Jaro die Luft ab. "Lass ihn los!", zeterte Alaryah und mobilisierte ihre letzten Kraftreserven. Doch es war hoffnungslos. Der Mann blockte Alaryahs Angriff mit dem Unterarm, in dem sich ihr Dolch verkantete. Mit einer knappen Bewegung entwaffnete der Tätowierte die Albin und verpasste ihr einen ordentlichen Schlag ins Gesicht. Alaryah taumelte und ging zu Boden. "Erst dich, dann sie.". Er griff Alaryah bei den Haaren und zog sie näher zu sich heran. Nun wurde auch der Griff um Jaros Hals wieder fester. Der Mann kam unangenehm nah an Jaro, der verzweifelt nach Luft schnappte. Ein breites grinsen umspielte aufgeplatzte Lippen. "Jaaah. Gleich ist es vorbei.", flüsterte er.
Ein Hornstoß erklang aus dem Unterholz und der Kerl wirbelte herum, seinen Griff um Haare und Kehle nicht lockernd. Pfeile flogen durch die Morgenröte, manche trafen den Tätowirten, andere nur Wiese oder Umgebung. Jemand rief etwas. Alaryah kam wieder zu sich, doch war sie zu erschöpft um noch einmal Widerstand zu leisten. Erschöpft tasteten ihre Hände in Jaros Richtung. "Lebe.", hauchte sie in die Richtung, in der sie Jaro vermutete, als der Angreifer seine Hand aus ihrem Haar löste. "Nächstes Mal!", zischte der Kerl, mittlerweile von vier Pfeilen getroffen, bevor er auch von Jaro abließ und im nahegelegenen Unterholz verschwand. Alaryah war am Ende ihrer Kräfte. "Es ist Schattenwind!", hörte sie eine Stimme sagen und Gesichter beugten sich über sie.

Jaro Ballivòr
Die Welt schrumpfte auf die farblosen Augen des Mannes. Jenseits der dunklen Umrandung gab es nichts. Jaro spürte den Drang seiner Lunge nach Luft, spürte die Zuckungen seiner Arme und Beine im verzweifelten Versuch, sich dem Griff zu entwinden, doch er hatte keine Kontrolle mehr darüber. Sein Geist verlor sich in diesen Augen. Der Wald war verschwunden, sein Duft, seine Klänge, das schüchterne Licht des erwachenden Tages. Auch Alaryah war fort. Alles war dem Bösen gewichen, das sich in dem Blick des Fremden manifestierte. Nichts kam dagegen an. Eine Stimme regte sich in Jaros Geist. "Lass los", flüsterte sie, sanft und süß wie Honig. "Lass los." Jaro erkannte, dass sie Recht hatte. Wenn Alaryah nicht gegen diese Macht ankam, ja nicht einmal der Wald, die Bäume, alt und stark und weise, wie konnte Jaro dann hoffen, den Kampf zu gewinnen? Er spürte keine Schmerzen, obwohl sein Körper noch immer rebellierte. Langsam schloss Jaro die Augen. Und fiel. Der Aufprall kam unerwartet schnell und hart, doch sofort breitete sich der Duft und dunkler Erde aus und Jaro spürte Laub und Holz. Der Wald war zurück. Es war richtig gewesen, der Stimme zu vertrauen. Die grausamen Augen waren verschwunden, stattdessen sah Jaro im Geiste eine goldene Waldlichtung. Da war Geflüster, und Rascheln und ein sanfter Wind strich ihm über die Haut. Jaro ließ sich treiben. Wenn dies der Tod war, wie hatte er sich je davor fürchten können? "Lebe"... Nun meinte Jaro die geflüsterten Wörter zu verstehen. "Er atmet nicht!" - "Lebe!" Sie wurden lauter. Jaro versuchte sich abzuwenden, sehnte sich nach dem Frieden und der zarten Berührung der Seele des Waldes. "Atme!" - "Jaro!" Wie in einem großen Saal hallten die Worte in wechselnder Lautstärke nach. Jaro spürte einen gewaltigen Druck in seiner Brust. Es fühlte sich an wie nach einem langen Tauchgang, kurz bevor man die Wasseroberfläche erreicht.
Keuchend atmete Jaro ein und riss die Augen auf. Reflexartig wollte er aufspringen, doch eine Hand drückte ihn sanft zurück auf die Erde. Die plötzliche Ladung Sauerstoff brannte in seiner Lunge und panisch versuchte Jaro sich der Hand zu entwinden. Ein Kopf beugte sich über ihn und ein neuer Schwall von Furcht ließ Jaros Atmung noch schneller werden. Als seine Augen sich an den Halbschatten im Gesicht der Person gewöhnt hatten, fanden sie dort jedoch nicht den erwarteten, tödlichen Blick. Im Gegenteil: er kannte diese Frau. Es war die Heilerin Cywenna.

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#63

Beitrag von Jaro Ballivòr » Mo 18. Mär 2019, 17:40

Alaryah Schattenwind
Vorsichtig wurde Alaryah irgendwo von helfenden Händen wieder auf die Beine gestellt. Es dauerte einen kurzen Moment bis sie wieder allein stehen konnte, doch kam recht schnell wieder Leben in ihre schmerzenden Knochen. Der Hieb hatte wirklich gesessen und das Gesicht der kleinen Albin schien schon langsam an der leicht verfärbten Stelle anzuschwellen. "Mein...mein Kooopf.", klagte sie leise und kniff die Augen etwas zusammen. "Geht es Euch gut?", fragte einer der Waldläufer während er seinen Bogen beiseite legte und Alaryah grob auf weitere Verletzungen untersuchte. "Wo ist Jaro?" wollte die Albin wissen und versuchte sich umzusehen. "Wo ist dieser...diese...?". Der Waldläufer hielt sanft ihren Kopf fest. "Ganz langsam, Schattenwind.", sagte er ruhig und schaute ihr tief in die Augen. Dann murmelte er etwas und eine angenehme Wärme ging von seinen Händen aus. Alaryahs Augen flackerten und es schien, als würde sie jeden Moment wieder zusammenbrechen. Doch gerade, als sie zu fallen drohte, spannte sich ihr Körper wie eine Bogensehne. "Das ist noch einmal gut gegangen.", sprach der Waldläufer gelassen weiter und nahm die Hände von Alaryahs Kopf. "Ihr habt zum Glück keine inneren Verletzungen.". Alaryah wirkte nun ruhig und deutlich entspannter. "Ich danke euch.", sagte sie und nickte dem Waldläufer, der sie untersucht und scheinbar auch leicht geheilt hatte, zu. "Wir werden den Angreifer weiter verfolgen.", verkündete der Alb anschließend und hob seinen Bogen wieder auf. "Die grüne Schar und die Verlorenen Irrlichter sind bereits hinter ihm her.". Alaryah verzog leicht skeptisch den Mund. Die grüne Schar und die Verlorenen Irrlichter waren keineswegs harmlose Waldläufertrupps, doch konnten sie wirklich etwas gegen den mysteriösen Angreifer ausrichten? Würde ihre Kraft reichen? In Gedanken sprach Alaryah ein kurzes Gebet für die tapferen Alben und bat um ihre baldige und unversehrte Rückkehr.
"Aber wo ist...?". Alaryah sprach nicht weiter, denn sie hatte Jaro schon erblickt. Cywenna war bei ihm. "Geht zu ihm.", sagte der Waldläufer, legte Alaryah die Hand auf die Schulter und schob sie leicht voran.

Jaro Ballivòr
Es dauerte eine ganze Weile, bis Jaros Atmung sich normalisiert hatte. Mit zitternden Händen tastete er nach seinem Hals. Noch immer spürte er den erbarmungslosen Griff des Angreifers. Die Haut schmerzte und er sog hörbar Luft ein. "Das wird ein schönes Mal werden, Jaro", sagte Cywenna sanft. "Immerhin scheint alles heil geblieben zu sein, von der Quetschung abgesehen natürlich. Hier." Sie zog eine kleine Phiole mit einer bläulichen Flüssigkeit hervor. "Das hält die Schwellung im Zaum und sorgt dafür, dass sich der Bluterguss später schnell auflöst." Letztlich musste die Heilerin Jaro helfen, das kleine Fläschchen zu entkorken, denn seine Hände zitterten zu sehr. Die Flüssigkeit schmeckte bitter und erdig, doch verursachte eine sanfte Kühle in seinem Hals. "Danke", flüsterte Jaro. "Nicht der Rede wert." Cywenna erhob sich und klopfte sich die Erde von den Knien. "Kalthair hat gut daran getan, euch die Trupps hinterher zu schicken. Ich hätte es mir nicht verzeihen können, wäre euch etwas zugestoßen."
Jaros Blick fiel auf Alaryah, die im Hintergrund langsam auf ihn zukam. Cywenna wandte sich ebenfalls um. "Ah, Schattenwind, ich sehe du bist auch noch einigermaßen ganz." Sie legte der sichtlich angeschlagenen Waldalbin eine Hand auf die Schulter. "Jaro", sagte diese leise und Jaro mühte sich ein Lächeln ab. "Es geht mir gut", krächzte er, räusperte sich und widerstand dem Drang, erneut nach seinem Hals zu tasten. Vorsichtig stemmte er sich nach oben und Alaryah eilte sofort heran, ihm auf die Beine zu helfen.
"Ihr könnt nicht lange verweilen." Cywennas Stimme war deutlich anzuhören, dass die Heilerin in ihr die beiden ungern schon weiter schickte, dass sie jedoch keine andere Wahl hatten. "Ihr müsst den letzten Eingang finden, so schnell es geht. Wer weiß wie viele davon sie noch in petto haben." Sie gestikulierte in Richtung der Maschine. Die Tatsache, dass die Waldläufer um die Eingänge und die Festung wussten, beruhigte Jaro auf merkwürdige Weise. Er wünschte, einige der Krieger würden mit ihnen kommen.

Alaryah Schattenwind
"Ja, wir...". Alaryah unterbrach sich und hätte Jaro beinahe aus Versehen wieder losgelassen. Woher wusste die Heilerin von ihrer Mission? Alaryah kramte in ihren Erinnerungen, doch waberten dort noch zu viele Nebelschwaden umher. Cywenna war nun auf die liegengebliebene Maschine fixiert und koordinierte die verbliebenen Waldläufer. Nachdem Alaryah und Jaro ihre Ausrüstung zusammengesammelt und sich erneut mehrfach für die Rettung bedankt hatten, machten sie sich auch schon wieder auf den Weg. Zwar waren sie noch leicht angeschlagen, doch das sollte sie nicht aufhalten. Dank der Unterstützung von Cywenna und den anderen Alben hatten sich die beiden recht schnell von den letzten Kämpfen erholt, Alaryah hatte sich sogar noch mit Wasser aus einer Trinkflasche waschen können, doch blieben deutliche Blutflecken auf ihrer Kleidung zurück. Nach ihrer Rückkehr würde sie sich erst einmal neu einkleiden, so viel war sicher!
Auf dem Weg zum letzten Eingang wollte Alaryah von Jaro einiges über die Maschine und ihre Funktionsweise wissen. Er hatte viel Geduld mit der Albin, die schon an diversen Begriffen wie "Blattfeder" oder dem einfachen "Sicherungssplint" scheiterte. Oftmals half nur bildliche Sprache und nach und nach konnte Alaryah sich mühsam das ein oder andere unter den ganzen doch sehr verwirrenden Fachworten vorstellen. Auch wenn es für Jaro anstrengend und für Alaryah nicht einfach war, gemeinsamen nahmen sie ihr so zumindest etwas die Angst vor diesem großen, bisher unbekannten Gebilde. "Ob ich mir das alles merken kann?", murmelte Alaryah irgendwann und zuckte missmutig mit den Schultern...
Obwohl Jaro noch ein paar weitere Begriffe und Funktionen erklärte, waren sie dennoch nicht unachtsam. Irgendwann blieb Alaryah plötzlich stehen und ihr Blick raste zur linken Seite. Jaro bekam einen Schreck und folgte ihrem Blick in Richtung Unterholz. Gerade in diesem Moment schienen dort zwei goldgelbe Augen zu verschwinden. "Wa...was war das?", hörte Alaryah Jaro fragen und hörte genauer hin. Ein paar quälende Sekunden vergingen, dann drehte sich Alaryah zu Jaro um. "Keine Sorge, wir können weiter.". Jaro blieb wie angewurzelt stehen, holte Alaryah, die schon ein paar Schritte gegangen war, mit hastigen Schritten wieder ein. "Das war einer der Verlorenen Irrlichter.", erklärte die Albin. "Scheinbar passt doch noch jemand auf uns auf.". Erleichterung. "Ich kann dir später gern von ihnen erzählen wenn du magst.", bot Alaryah an. "Doch zuerst...musst du mir noch einmal erklären was es mit dieser Antriebssache auf sich hat..."

Jaro Ballivòr
Noch immer das Unterholz absuchend, griff Jaro das Thema wieder auf. "Meinst du den Kettentrieb? Was ein bisschen aussah wie ein Gerippe?" Er beschrieb das mächtige, bewegliche Bauteil so gut er konnte. "Eigentlich ist das nur da, um die erzeugte Bewegung von einem Ort, einer Geschwindigkeit und einer bestimmten Kraft woanders hinzuleiten. Deshalb konnte die Maschine sägen und graben. Auch wenn ich noch nie so ein mächtiges Werkzeug gesehen habe... aber im Prinzip ist das wie bei den Aufzügen und Flaschenzügen, ja genau, das trifft es." So etwas kannte Alaryah bestimmt, immerhin waren die Waldalben wahre Meister in derlei Konstruktionen. "Ihr verwendet meist Seile und Holz und wenn man dann auf einer Seite zieht oder ein Antriebsrad dreht, kann man eine größere Last nach oben schaffen." Alaryah nickte eifrig. "Und damit kann man so verschiedenen und schwierige Bewegungen bewirken?" Jaro zuckte mit den Schultern. "Offenbar ja... bislang kannte ich auch nur Schleif- und Bohrmaschinen und all das wurde per Hand betrieben... Hier hingegen gab es irgendeine Art Zauberflüssigkeit..." Sofort fragte Alaryah neugierig nach Schleifmaschinen, denn auch sie kannte ein paar Hilfsmittel, um Holz zu bearbeiten. Jaro beschrieb die Werkstatt seines Vaters und, nicht ohne Stolz, einige seine eigenen kleinen Erfindungen. Es tat gut über etwas derart Banales zu sprechen und gleichzeitig zu wissen, dass eine mysteriöse Gruppe Waldalben über sie wachte. Verlorene Irrlichter... schon der Name klang geheimnisvoll. Nachdem Alaryahs Wissensdurst gesättigt war, hatte die Sonne ihren Wendepunkt längst passiert. Es hatte ein wenig abgekühlt und roch nach Regen, doch durch das Blätterdach zeigte sich blauer Himmel. "Diese Irrlichter", setzte Jaro nach einer kurzen Sprechpause an, "sind sie besondere Kämpfer?"

Alaryah Schattenwind
In Gedanken war Alaryah immer noch bei abenteuerlichen Konstruktionen und Maschinen, bei Zahnrädern und bei Schwingschleifern. Zwar würde sie viele Details von Jaros Erklärungen bald wieder vergessen haben, doch konnte sich die Albin nun mehr unter diesen "Maschinen" vorstellen.
Bald wurde es kühler und es schien, als würde sich ein Regenschauer nähern. Die beiden Gefährten warfen noch einen kurzen Blick auf das letzte Fragment und stellten dabei fest, dass sie noch ein ganzes Stück Weg vor sich hatten...falls sie überhaupt richtig waren.
"Die Verlorenen Irrlichter sind eine Sippe mit langer und ebenso düsterer Geschichte.", begann Alarah. "Sie waren eine edle Waldläuferfamilie und wurden vor langer Zeit in die Sümpfe geschickt. Dort errichteten und besetzten sie einzelne Wachhäuser. Man konnte dort einfach keine großen Lager aufschlagen oder gar ein Dorf errichten. Ihre Aufgabe bestand nicht etwa darin die Grenzen zu schützen oder Eindringlinge aufzuhalten. Die wären ohnehin im Sumpf umgekommen...". Alaryah machte einen Satz über einen großen Stein. "In den Sümpfen wurde es nie richtig hell und Nebel hing zwischen verdorrten Bäumen. Wanderer ohne Ortskenntnis wären verloren, wenn es nicht die Irrlichter gegeben hätte. Sie entzündeten regelmäßig Feuerschalen um einen sicheren Weg zu markieren, trugen dabei selbst bläulich leuchtende Fackeln mit sich. So konnte man sie schon aus der Ferne erkennen, selbst durch dichte Nebelbänke.". Jaro nickte, während Alaryah eine flache Böschung emporstieg. Von etwas weiter oben sprach sie weiter. "Seit dem Beginn ihrer Wacht ist jeder Wanderer sicher durch die Sümpfe gekommen, manchmal begleiteten sie sie sogar ein Stück. Auf diese Weise bekamen sie mit, was in dem Waldreich außerhalb der Sümpfe passierte.". "Und warum sind sie dann verloren?", fragte Jaro und stapfte nun ebenfalls die Böschung hinauf. "Irgendwann wurden neue Handelswege errichtet und die alte Sumpfroute geriet in Vergessenheit. Bald dachte niemand mehr an die Irrlichter, die seit jeher gute Dienste geleistet hatten. Auch sie wurden vergessen. Doch keiner von ihnen verließ seinen Posten und so warteten sie, zündeten ihre Lichter an und schritten ihre Wege ab. Erst als ein...", Alaryah pausierte, während sie auf einen umgestürzten und entwurzelten Baum kletterte. "Erst als eine Gruppe Kartographen die Sümpfe zu Vermessungszwecken betrat wurden sie wieder...naja...entdeckt.". Die Albin balancierte nun über den Baum, Jaro ging nebenher. "Aber dann konnten sie doch endlich wieder ihrer Aufgabe nachgehen?". "Nein Jaro, leider nicht. Sie waren irgendwie verändert. Man erzählt sich, dass die Kartographen nicht mit ihnen reden konnten. Einfach, weil die Irrlichter nicht mehr sprachen. Es war, als wären sie wie die trockenen Äste der toten Bäume im Moor. Sie standen einfach regungslos da, ihre Augen hatten sich verfärbt und ihre Haut war fast bleich.". Die Albin sprang von dem Baum hinunter und landete neben Jaro. "Heiler konnten nichts genaues feststellen, sie schienen weiterhin gesund. Schließlich wurde dem damaligen Prinzen Meldung gemacht und ab hier ist die Geschichte ungenau. Manche sagen, er habe mit den Irrlichtern einen Pakt geschlossen und ihnen eine neue Aufgabe zugeteilt. Andere sagen sie seien keine Alben mehr, sondern wirklich Geisterwesen. Da gibt es viele verschiedene Erzählungen. So oder so, man hatte eine komplette Sippe vergessen, daher auch der Name. Die Verlorenen Irrlichter.". Erst jetzt erkannte Alaryah so etwas wie Unbehagen in Jaros Gesichtszügen. "Aber wie dem auch sei, diese Waldläufer schützen nun seit jeher Reisende.". "Wie sie es auch vorher schon immer taten.", fügte Jaro leise hinzu und schaute Alaryah an. Diese nickte knapp und lächelte aufmunternd.

Jaro Ballivòr
Wieder suchte Jaro das umliegende Dickicht ab, doch seit dem einen Mal ganz zu Beginn hatte sich keiner der Irrlichter mehr blicken lassen. Die Wirkung von Alaryahs Erzählung ebbte in Jaro nach. Er war fasziniert und auch ein wenig beängstigt und gleichzeitig verspürte er Mitleid und Ehrfurcht. Was verlangte es von einem ab, Tag ein, Tag aus seinen Posten zu stehen, wo einen die Welt längst vergessen hatte? Kein Wunder, dass die Alben sonderbar geworden waren.
Eine Windböe rauschte durch die Baumwipfel und gab einen Blick auf den dunkler werdenden Himmel frei. "Oh." Alaryah legte den Kopf in den Nacken. "Ich glaube, da kommt ein Unwetter. Vielleicht suchen wir uns besser einen Unterschlupf. Weit können wir heute eh nicht mehr gehen." Der Wind frischte nun zusehends auf und die Bäume knarzten wütend unter seinem Griff. Hier unten waren sie recht gut geschützt, doch schon jetzt fand der ein oder andere Tropfen den Weg hinab. Behände kletterte Alaryah über einen gefallenen Baumriesen hinweg und spähte in alle Richtungen. Der Himmel brüllte auf. "Ein Gewitter", murmelte Jaro vor sich hin, während er sich anstrengen musste, mit Alaryah Schritt zu halten. "Komm, Jaro!", rief die Albin. "Das kann selbst hier im Wald ungemütlich werden." Sie gingen noch eine ganze Weile kreuz und quer durch das Unterholz. Mittlerweile donnerte und blitzte es in regelmäßigen Abständen und immer mehr Tropfen fanden den Weg hinab. Das Unwetter hatte das letzte Tageslicht verfrüht geschluckt und Jaro war dankbar, als Alaryah schließlich stehen blieb. "Hier bleiben wir, das muss reichen." Am Rande einer Böschung hatte sich Erde und Geröll gelöst und unter dem Wurzelwerk eines Baumes eine kleine Höhle geschaffen. Es war nichts Besonderes, doch es schützte vom Regen und hielt den Wind ab. Schnell erichteten sie ein kleines Lager und sammelten ein paar wenige noch trockene Hölzer ein, um ein kleines Feuer zu machen. Jaro fragte sich, wo die Irrlichter wohl rasteten, wenn sie das überhaupt taten. Ob sie auch ein kleines Mahl genießen konnten? Während dem Essen zogen Alaryah und Jaro das Kartenfragment hervor und hielten zeitgleich inne. Ihre Blicke fanden sich und wanderten dann nach hinten an die Rückwand der halben Höhle. Konnte es sein, dass sie sich direkt in den Eingang gesetzt hatten?

Alaryah Schattenwind
Es donnerte laut und nun hatte der Himmel seine Pforten geöffnet. Regen brach über sie herein und schnell hatten sich verschieden große Rinnsale zu ihren Füßen gebildet. Von den überstehenden Wurzeln über ihren Köpfen fielen erst kleine, dann immer größere Tropfen hinunter. "Nein, nein, nein.", rief Alaryah über den Lärm des Unwetters hinweg. "Warum? Das muss doch jetzt nicht sein?!". Die Albin fuhr zusammen und fiel zur Seite hin um, als ein weiterer, lauter Donnerschlag erklang. Das Gewitter schien nun ganz nah zu sein. "Meinst du, wir sind hier richtig?", fragte Jaro laut und es dauerte etwas, bis Alaryah schließlich antwortete. Sie drehten das Fragment links und rechts herum. Ein großer Tropfen fiel mittig auf den kleinen Kartenausschnitt und die Augen der beiden weiteten sich. "Oh nein...". Alaryah sah sich um. "Was machen wir jetzt? Abwischen? Abtupfen?! Uns darf kein Detail verloren gehen! Jaro, tu doch was!". Ein Windstoß brauste heran und Alaryah drehte sich mit dem Rücken zu den Kräften der Natur. Es kribbelte, als sie von gefühlt tausenden Regentropfen am Rücken getroffen wurde. In wenigen Sekunden war die Albin patschnass, doch immerhin waren das Fragment und das kleine Feuerchen unversehrt geblieben. "Wenn wir hier wirklich richtig sind...ich meine...es wäre schon wirklich ein Zufall..aber...". Sie begannen erneut zu rätseln. Weit kamen sie nicht, es krachte nun fast direkt über ihnen. "Wie sollen wir denn hier überhaupt irgendwas versiegeln?!", rief Alaryah nun deutlich vom Wetter eingeschüchtert und wischte sich das Regenwasser aus dem Gesicht, welches den Weg durch ihre Haare gefunden hatte.
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#64

Beitrag von Alaryah Schattenwind » Do 4. Apr 2019, 09:36

Jaro Ballivòr
Das kleine Feuer zitterte und zischte im aufbrausenden Wind, der immer mehr Feuchtigkeit in die kleine Höhle trieb. Alaryah hatte alle Hände voll damit zu tun, das kleine Kartenfragment zu schützen. "Das hat keinen Sinn", murmelte sie und packte es schließlich weg. Jaro nickte. Es war Unsinn, das wenige an Information zu opfern, das ihnen blieb. Sie hatten für den Augenblick ohnehin alles gesehen, was es zu sehen gab. Jaro begann das Erdreich unter dem Baum abzutasten. Wenn dies der Eingang war, musste es irgendetwas geben. Doch es gab nichts. Seine Hände fanden nur Erde und Wurzelwerk und das flackernde Feuer bot kaum mehr genug Helligkeit, um etwas erkennen zu können. Das wäre des Glückes wohl auch zu viel gewesen. Jaro seufzte. "Hier ist nichts." Enttäuscht ließ er sich in die Hocke sinken. Donner brüllte auf und kurz darauf zuckte ein Blitz zur Erde. Jaro zog die Beine an.
"Wir finden den Eingang!" Durchnässt wie sie war, legte Alaryah Jaro trotzdem aufmunternd eine Hand auf die Schulter und brachte ein kleines Lächeln zustande. Wieder ging ein Blitz herunter. Es krachte ohrenbetäubend, doch dieses Mal war es kein Donner. Jaro riss die Augen auf. "Feuer", flüsterte er. Alaryah folgte seinem Blick. Der Blitz hatte in einen nahen Baum eingeschlagen. "Feuer", wiederholte Jaro und stand auf. Einer spontanen Eingebung folgend trat er in den Regen hinaus. "Jaro, was tust du?" Er wandte sich zu Alaryah um. "Ich prüfe etwas."
Schnell war er komplett durchnässt, doch das zählte jetzt nicht. In aller Eile suchte er die Gegend ab und tatsächlich: er fand eine weitere Baumhöhle, Zeuge eines früheren Blitzeinschlages, dann noch eine, kurz darauf einen gespaltenen Baum. Das war es!
Jaro eilte zurück zu Alaryah, die ihm mit einem fragenden Gesichtausdruck ein Stück gefolgt war. Gemeinsam flüchteten sie in den kleinen Unterschlupf zurück. "Der Eingang ist hier!" Vor Aufregung bebte Jaros Stimme. "Vielleicht nicht direkt unter uns, aber zumindest in der Nähe. Deshalb schlagen hier regelmäßig Blitze ein. Das Feuer sucht seinesgleichen, verstehst du?" Er grinste verlegen.

Alaryah Schattenwind
Alaryah nickte, nachdem sich Jaro zumindest etwas beruhigt hatte und wieder tiefer durchatmete. Er hatte wieder dieses sanfte Beben in der Stimme gehabt. Dieses Beben, wie er es immer hatte wenn ihm eine Idee kam und er von Tatendrang gepackt weitere Mut- und Kraftreserven mobilmachte. "Dies ist ein sonderbarer Ort.", murmelte die Albin, während sie Jaro leicht entrückt anschaute, dann jedoch zusammenfuhr, als in der Nähe der nächste Blitz ein Ziel fand. "Wenn sich die Blitze und der Eingang gegenseitig...naja...suchen, dann heisst das, dass der Eingang irgendwie...gefunden werden will? Oder gibt es vielleicht eine Magie, die von dem Eingang ausgeht, sodass er überhaupt gefunden werden kann? Warum sollte man so etwas erfinden?!". Bei der letzten Frage stoppte Alaryah ihre lauten Gedanken abrupt. Warum sollte man so etwas erfinden? Warum sollte man überhaupt solche Maschinen erfinden, die nur Zerstörung anrichten? Warum sollte man Laboratorien erfinden, in denen man wiederum grausige Dinge und Wesen erfinden konnte? Warum fragte sie sich so etwas überhaupt noch. "Meinst du...es gibt eine Art Weg? Ein sicherer Pfad, der durch das Feld der Blitze führt?". Alaryah dachte an die Geschichte der Verlorenen Irrlichter zurück, während sie sich zwang wieder auf das Wesentliche, die Mission, zu konzentrieren. Wäre doch möglich, dass sich solch eine Geschichte wiederholen könnte, wenn auch unter anderen Umständen? Als ein weiterer Blitz einschlug und dabei einen unweit entfernten Baum fällte kreischte Alaryah kurz vor Schreck auf und zuckte zur Seite. "Wir können da unmöglich einfach so raus?!". Mit großen Augen sah sie Jaro an und bezweifelte nun sogar, dass er sich der Gefahr von Blitzen überhaupt bewusst war. Ja, der Albin gefiel diese Situation in die sie wieder einmal geraten waren überhaupt nicht. Doch was sollten sie tun? "Wir werden den Eingang bestimmt nicht finden wenn das Gewitter sich erst einmal verzogen hat, oder?". Alaryah hoffte, dass Jaro diese Frage anders beantworten würde, doch war der Albin die Antwort eigentlich schon vorher klar...

Jaro Ballivòr
Verwirrt legte Jaro den Kopf schief. Hörte er da Furcht in Alaryahs Stimme? Vor dem Gewitter? "Ich weiß nicht", gab er zu. "Vielleicht doch, falls wir ein Muster bei den Einschlägen erkennen können; eine Art Zentrum... Aber das wird von hier aus vermutlich schwer." Er sah sich um. Der Abstand der Blitz und Donner Folgen wuchs bereits, der Regen fiel gleichmäßiger. Wenn sie das Gewitter als Indiz brauchten, mussten sie sich schnell entscheiden. Wer konnte schon wissen, wie viele Einschläge es hier seit dem Bau der Festung gegeben hatte? Die Suche konnte ewig dauern. "Wir müssen nur den Ort finden", grübelte Jaro laut. "Dann können wir das Unwetter absitzen, bevor wir versuchen, den Eingang zu versiegeln." Ein weiterer Blitz ging nieder und ein plötzlicher Windstoß gab dem kleinen Feuer den Rest. Jaro blinzelte die Dunkelheit fort. Da sah er es. "Alaryah", er deutete auf den Beutel. Ein rotes Licht glomm darin, doch nicht etwa statisch, sondern mit einem sanften Pulsieren. "Vielleicht kann uns der Stein einen Weg leiten."

Alaryah Schattenwind
"Was denn?!", fragte die Albin mit einem leichten Jammern in der Stimme. Sie war gerade äußerst unzufrieden, denn jetzt war auch noch das Feuer aus. Sie hatte schon genug Zeit in der Wildnis verbracht und eigentlich machten ihr Wind und Wetter selten etwas aus...doch das gerade war einfach zu unnatürlich. "Da.". Jaro deutete in der Dunkelheit auf den pulsierenden Stein in dem Beutel an Alaryahs Gürtel. Sie sah diese Geste nicht. Erst, als ein weiterer Blitz die Szenerie für eine Sekunde erhellte und die Welt stillzustehen schien folgte sie seinem Fingerzeit. Mit vor Aufregung leicht zitternden Fingern löste Alaryah erst den Beutel von ihrem Gürtel und dann den dünnen Lederriemen, der dem Beutel als Verschluss diente. Der rote Stein kam zum Vorschein, pulsierte unregelmäßig, doch schien er irgendwie auf die Umgebung oder das Licht der Blitze zu reagieren. Alaryah hob vorsichtig die Hand mit dem Stein hoch. Das Licht, was von dem Stein ausging, war einfach wunderschön und beruhigend. Es war, als ginge eine Wärme von ihm aus, die sich langsam durch Alaryahs Arm bis in ihre Körpermitte erstreckte. "So schön...", murmelte Alaryah leise und hatte für einen Moment das tosende Unwetter vergessen. "Wir lassen unsere Sachen erst einmal hier.", legte Jaro derweil fest und verstaute ihre Habe so, dass sie so gut es ging vor einfallendem Regen geschützt war. "Wir müssen jetzt schnell handeln.", verkündete er selbstsicher und machte sich bereit loszusprinten. "Alaryah?". Die Albin hockte immer noch da und starrte auf den Stein. Scheinbar hatte sie nicht einmal zugehört. "Alaryah, los doch!". Als wieder keine Reaktion kam griff Jaro fest entschlossen nach dem Stein und nahm ihn Alaryah aus der Hand. "Los jetzt, folge mir!". Alaryah blinzelte mehrmals heftig und schüttelte den Kopf. "Verzeih, ich...Jaro, warte...JARO!". Er war bereits in dem Unwetter verschwunden. Ohne weiter nachzudenken oder irgendeine Angst zu verspüren hastete Alaryah Jaro hinterher.

Jaro Ballivò
Wärme breitete sich in Jaros Hand aus und er meinte, einen sanften Zug zu spüren. <Er führt mich.>, schoss es ihm durch den Kopf. Von Zeit zu Zeit erhellten Blitze die Umgebung und Jaro merkte, dass sie den Weg, den er ging, umkreisten. Entweder, er war richtig, oder es musste der Einfluss des Steines sein. Eine plötzliche Hitzewelle in seiner Hand ließ Jaro anhalten. Kurz darauf erreichte ihn Alaryah. Vor ihnen ragten die Reste eines riesigen Baumes empor. Jaro öffnete die Hand und der Stein strahlte nun hell und stetig. Selbst in diesem Licht war zu erkennen, dass das Holz des Baumes vollkommen verkohlt war. Sein Kern war ausgehöhlt und der Boden unter seinen Wurzeln größtenteils weggebrochen. Jaro brauchte das Kartenfragment nicht ansehen, um zu wissen, dass dies der Ort war. "Sieh nur", flüsterte Alaryah und trat nahe heran. Der Lichtkegel um den Stein vergrößerte sich. Er wuchs und bog sich und beinahe wirkte es, als wanderte er in Richtung des Baumes. Auch die Temperatur nahm zu und Jaro musste immer öfter die Hände wechseln, um sich nicht zu verbrennen. "Ich gehe rein." Einem inneren Drang folgend setzte Jaro sich in Bewegung und schlüpfte durch die gewaltsam geschaffene Öffnung in dem toten Baumstamm. Sofort hellte der Stein weiter auf, sodass eine wahre Lichtsäule nach oben schoss. "Au!" Reflexartig ließ Jaro den Stein los und noch bevor er auf dem Boden aufschlug, drangen Flammen aus ihm hervor. Fasziniert beobachtete Jaro, wie der kleine Feuerball über den Boden zu kreisen begann, immer schneller und schneller, ganz so, als suche er die Umgebung ab. Ein Summen ertönte, das zusehends lauter wurde. Wie hypnotisiert beobachtete Jaro die verschwimmenden Lichter, bis der Stein schließlich an einer Stelle verharrte, sich weiter schnell um die eigene Achse drehte und schließlich urplötzlich im Boden versank. Es wurde still. Noch immer stand Jaro an Ort und Stelle. Dann begann der Boden zu dröhnen. "Jaro! Raus da!, brüllte Alaryah von hinten und Jaro riss sich aus seiner Starre. Der Boden bebte und das Grollen nahm zu und Alaryah und Jaro hetzten von dem Baum fort. Dann brach eine Feuersäule hervor. Sie schluckte die Reste des Baumes und fiel ebenso schnell in sich zusammen, wie sie empor geschossen war. Zurück blieb nur ein Fleck verbrannter Erde, auf dem die Regentropfen zischend verdampften.

Alaryah Schattenwind
Sie standen einfach nur da, immer noch gebannt von dem, was sie gerade gesehen hatten. Der Regen fiel ohne Unterlass weiter und weiter prasselnd auf die beiden Alben hinab. "Wi-...wir...haben es geschafft?", fragte Alaryah mit tonloser Stimme. All das gerade erlebte raste noch einmal in Gedanken an den Gefährten vorbei. Der Regen wurde weniger und schließlich lösten vereinzelte dicke Tropfen, die von den Blättern der noch stehenden Bäume fielen, den trüben Schleier ab. Es wurde merklich ruhiger, das Donnergrollen war nur noch leise in der Ferne zu hören. "Lass uns gehen.", sagte Jaro schließlich und ging voran. Alaryah folgte stumm. Das schmatzende Geräusch ihrer Schritte auf dem durchgeweichten Waldboden war das einzige, was bald zu hören war. Alaryah hatte keine Ahnung wie Jaro sich fühlen mochte, doch war sie momentan gedanklich sowieso woanders. Wenn sie nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, dass sie gerade lief, so hätte sie es nicht geglaubt. Der Regen hatte ihre Kleidung nun komplett durchgeweicht und Alaryah fühlte plötzlich Kälte, die sich ihren Weg bis zu den Knochen zu suchen schien. Lag es daran, dass sie patschnass war oder kam es ihr nur so vor, weil die Wärme des Steins nun verschwunden war? Irgendwann wischte sich Alaryah nicht einmal mehr die ins Gesicht gefallenen Strähnen aus dem Gesicht, sondern stapfte Jaro nur stoisch hinterher. "Wir sollten uns einen trockneren Ort suchen und kurz rasten.", hörte Alaryah Jaro sagen und brachte nur ein knappes Nicken zustande. Sie wollte eigentlich gar nicht mehr laufen, doch Jaro hatte Recht. Sie mussten sich einen Platz zum Ausruhen suchen, ein Feuer entfachen und sich aufwärmen.
Alaryah zuckte zusammen, als sie plötzlich eine Berührung am Rücken spürte. Nun wischte sie doch die nassen Haare aus dem Gesicht und sah, dass Jaro ihr ihren dicken Reiseumhang umgelegt hatte. Mit einer Hand zog die Albin den Umhang erschöpft und beholfen zurecht. "Danke.", murmelte sie leise und folgte Jaro, der die Führung und das Tragen ihrer Ausrüstung übernommen hatte.

Jaro Ballivòr
Wo eigentlich Erleichterung sein sollte, fühlte Jaro eine merkwürdige Leere. Alle Eingänge waren versiegelt. Die Aufgabe, die Nativus ihnen gegeben hatte, war erfüllt, so unmöglich sie zu Beginn auch erschienen war. Und trotzdem... so recht glauben konnte Jaro es noch nicht. Er versuchte sich einzureden, dass es bloß die Erschöpfung und die Nässe war, die ihn niederdrückte. Mit etwas Ruhe und trockener Kleidung würde alles wieder ganz anders aussehen. So hoffte er zumindest. Sie gingen eine ganze Weile stumm hintereinander her. Jaro spähte angestrengt zu allen Seiten. Auch wenn er selbst nachts gut sehen konnte, fehlte ihm Alaryahs Gespür, einen passenden Unterschlupf zu finden. Trotzdem wollte er es unbedingt schaffen. Der Regen hatte sich gnadenlos einen Weg durch die Bäume gebahnt. Es gab nicht ein trockenes Fleckchen, bis sie endlich in felsigeres Gebiet kamen. Hier gab es gleich mehrere Felsvorsprünge, die groß genug gewesen waren, um trocken zu bleiben. Ein durch das Unwetter angeschwollener Bach schlängelte sich an den Felsen entlang und sie folgten ihm ein Stück. Noch immer war es Nacht, doch Jaro hatte das Gefühl, dass die dunkelste Stunde bereits hinter ihnen lag. "Sieh nur!", rief er plötzlich aus. Unter einer Felszunge gab es nicht nur genug Platz, dort war auch ein Haufen Treibholz angeschwemmt worden, der offenbar trocken zu sein schien. Alaryah brachte eilig ein Feuer in Gang und seufzte wohlig auf, als die Wärme sich ausbreitete. Selbst Jaro, der nie fror, sehnte sich danach, die Nässe loszuwerden. Er lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und lauschte dem Knacken und Knistern der Flammen. Die Wärme machte ihn schläfrig, doch Erleichterung über die abgeschlossene Aufgabe wollte sich trotzdem noch nicht einstellen.

Alaryah Schattenwind
Jaro hatte einen guten Platz gefunden, hier konnte ihnen auch der kühle Wind nichts anhaben. Das Feuer prasselte munter vor sich hin und endlich fühlte Alaryah die Wärme, die von den Flammen ausging. Nach und nach kam wieder Leben in ihre Arme und Beine und es schien, als würde auch die Gefühlslage der Albin etwas aufklaren. Sie schwiegen sich trotzdem an. Alaryah rutschte irgendwann unruhig auf ihrem Platz umher. "Mh?", brachte Jaro hervor und sah die Albin fragend an. Diese hatte es endlich geschafft ihre immer noch durchnässten und mit Matsch beschmierten Stiefel auszuziehen. Alaryah stellte die Stiefel in den Wärmekreis des Feuers und wirkte wieder etwas zufriedener. "Wir haben es geschafft.", sagte Alaryah dann ganz leise, während sie in die Flammen starrte. "Niemand wird die Festung betreten können. Ihre Geheimnisse bleiben nun verschlossen.". Sie hoffte zumindest, dass es so sein mochte. Wie groß mochte die Gefahr von Außen noch sein? Wie viele Feinde mochten sich noch in den Wäldern herumtreiben und was für Aufgaben warteten noch auf die Gefährten? "Meinst du Kirona geht es gut?", fragte Alaryah und sah nun zu Jaro hinüber.

Jaro Ballivòr
"Ja, das ist...", doch Jaro wusste nicht, was es eigentlich war, also brach er ab. Warum fühlte es sich so an, als trügen sie noch immer eine große Last auf den Schultern?
"Ich hoffe es! Bei Kalthair war sie bestimmt in guten Händen. Ich hoffe nur, sie musste sich nicht irgendwelchen Untersuchungen ausliefern." Jaro schlüpfte mit den Händen in sein Hemd und drehte es um, sodass der noch feuchte Rückenteil nun vorne war. "Jedenfalls freue ich mich schon, sie wieder zu sehen. Sie ist bestimmt stolz auf uns." Zu gerne wollte Jaro wissen, ob sich Alaryah ähnlich fühlte wie er, doch er traute sich nicht zu fragen. Irgendwie schämte er sich für seine Reaktion. "Und Nativus müssten wir auch fast besuchen. Was glaubst du, wie erleichtert er sein wird!" Jaro versuchte es sich vorzustellen, doch nicht einmal das gelang ihm. Der Gedanke, den verrückten Alb wiederzusehen, gefiel ihm trotzdem. Vielleicht würde dessen Freude auch seinem eigenen Kopf endlich klar machen, dass es geschafft war.

Alaryah Schattenwind
"Nein...nein, sie werden ihr nichts tun.", sagte Alaryah schließlich und war sich dessen wirklich sicher. Es wirkte trotzdem alles noch gar nicht so real. Sie hatten gerade die Zugänge einer uralten Festung verschlossen. Sie hatten ein Stück Geschichte erlebt, wenn auch einen düsteren Teil davon. Und doch war dieser düstere Teil nun wieder aktuell...
Der Gedanke daran Kirona, die Waldläufer und den recht wirren Nativus wiederzusehen ließ Alaryah noch weiter auftauen. Sie hatten etwas Großes und Gutes getan. Alaryahs Gedanken drifteten ab. Sie dachte an die Familie mit der kleinen Tinriel, an die Schamanin...und hoffte einfach, dass sie alle wohlauf waren. "Unser Weg sollte uns wirklich zuerst zu Nativus führen. Er muss wissen, dass wir es geschafft haben. Es wird ihn erfreuen und vielleicht wird es ihm...naja irgendwie helfen.". Alaryah kratzte sich nachdenklich an der Schläfe während sie redete. In Gedanken plante sie schon eine Route. "Aber dann auf schnellstem Wege zurück zum Lager und zu Kirona.". Sie konnten die junge Frau nicht zu lange mit ihrer Ungewissheit über den Verbleib ihrer Gefährten allein lassen. "Aber eins steht fest...", fügte Alaryah schließlich an. "Heute gehen wir nirgendwo mehr hin.". Sie machten sich nicht einmal mehr die Mühe die Tageszeit zu bestimmen, sondern nahmen einfach hin, dass es noch dunkel war. Ein paar Stunden Schlaf waren bitter nötig und die Wärme des Feuers hatte bald sämtliche Nässe vertrieben. Alaryah nickte immer wieder weg, irgendwann konnte sie die Augen einfach nicht mehr offen halten. Sie murmelte etwas vor sich hin, zog ihren Umhang zurecht und legte sich schlafen, den Kopf auf Jaros Oberschenkel ablegend.

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#65

Beitrag von Jaro Ballivòr » Di 9. Apr 2019, 08:37

Jaro Ballivòr
Als sie erwachten, war es längst hell. Sonnenstrahlen brachen durch das Blätterdach und Jaro konnte nicht sagen, ob ihn deren Wärme oder das unablässige Zwitschern der Vögel geweckt hatte. Nur der angeschwollene Bach und das viele Treibgut, das er vor sich hin schob, erinnerte noch an das heftige Unwetter der Nacht. Die Luft war klar und frisch und zwischen den Blättern der Bäume zeigte sich ein strahlend blauer Himmel. Von den Resten der Glut zog sich eine kleine Rauchfahne kerzengerade in den Himmel. Das Feuer war lange schon abgebrannt. Es musste schon auf Mittag zugehen, schloss Jaro und sah zu Alaryah hinüber, die ebenfalls gerade erwachte, sich aber noch einmal auf die andere Seite drehte und seufzte. Zunächst hatte Jaro im Sitzen geschlafen und kaum gewagt, sich zu rühren, um Alaryah nicht zu wecken. Irgendwann hatte ihm jedoch der Nacken geschmerzt und behutsam hatte er den Kopf der kleinen Albin auf seinem Bündel gebettet, um sich selbst ablegen zu können. Er musste sofort eingeschlafen sein und fühlte sich einigermaßen erholt. Während Alaryah langsam die Augen aufschlug, kam Jaro auf die Beine, streckte sich ausgiebig und ging zum Bach hinunter, um sich zu waschen und zu trinken. Danach bereiteten sie sich ein kleines Frühstück und mussten dabei feststellen, dass sie bald ihre Vorräte auffüllen würden müssen, da ein Großteil des Brotes dem Regen zum Opfer gefallen war. Sie sprachen nicht viel, jedoch war ersichtlich, dass beide innere Ruhe gefunden hatten. Spätestens, als sie sich von Neuem aufmachten, einen Weg durch die moosigen Pfade des Waldes zu suchen, war Jaro sich sicher, dass etwas anders war. Er fühlte sich leicht und unbeschwert, ließ den Blick schweifen, hielt das Gesicht in die Sonnenstrahlen und lauschte der Melodie der Vögel. Wie von selbst schlich sich ein kleines Lächeln auf seine Lippen und er atmete den würzigen Duft der Bäume, so lange und tief er konnte. Mit der körperlichen Ruhe war endlich auch die Erleichterung gekommen.

Alaryah Schattenwind
Es war ein erholsamer Schlaf gewesen und Alaryah merkte nach dem Aufwachen schnell, dass sie zumindest einen Teil ihrer Kräfte zurück hatte. Erst war die Albin noch etwas brummelig, doch legte sich dies bald. Die warmen Sonnenstrahlen sorgten nicht nur dafür, dass die klamme Feuchtigkeit endgültig aus den Kleidern verschwand, auch hoben sie spürbar die Laune an.
Irgendwann schwebte Alaryah schon fast mit schwebenem Schritt neben Jaro her, wobei die Pfeile und der Bogen in ihrem Köcher leise klapperten. Entweder hatte Alaryah die Ereignisse der letzten Tage erstaunlich schnell verarbeitet, oder sie waren einfach durch die momentan vorherrschende Erleichterung, sowie die Schönheit des Augenblickes in den Hintergrund geraten. "Ich glaube wir haben wirklich Großes erreicht.", sagte Alaryah schließlich mit einem kleinen Funken Stolz in der Stimme. "Wir haben nicht nur neue Gefahren überstanden, sondern auch Geschichte erlebt...wenn auch einen recht düsteren und geheimnisvollen Teil.". Alaryah versuchte sich vorzustellen, wie die Alben in der Vergangenheit wohl gelebt hatten. Wahrscheinlich hatte es auch Alben wie die Gefährten gegeben, auch wenn sie jetzt schon lange... "Ich bin auf Nativus Gesicht gespannt.", unterbrach Alaryah ihre Gedanken.
Der Weg zurück zu Nativus gestaltete sich etwas schwieriger als Gedacht. Zwar hatten sich die beiden bisher nicht verlaufen, doch mussten sie dieses Mal öfter ihre Wegbeschreibungen und das Kartenmaterial zu Rate ziehen. Sie verzichteten auf Umwege, schließlich wollten sie nach dem Besuch bei Nativus so schnell wie möglich zurück und Kirona abholen!
So kam es, dass sie auch nicht zu lang rasteten. Alaryah erhob sich recht schnell wieder von einem Baumstumpf und nach einem scharfen Pfiff warf sie Jaro einen Apfel zu. "Komm, lass uns weitergehen!", sagte die kleine Albin mit heller Stimme, während sie an Jaro vorbeihuschte. Er sah ihr nach und erkannte, dass ihre Stiefel an ihrem Reiserucksack baumelten. Alaryah genoss den weichen Waldboden unter ihren Füßen, während sie sich bereits zum nächsten Etappenziel aufzumachen schien. "Wir haben noch ein gutes Stück Weg vor uns, Jaro.", fügte sie hinzu und gab ihm Handzeichen ihr zu folgen.

Jaro Ballivòr
Grübelnd sah Jaro auf seine eigenen Füße hinab. Dann, ehe er sich versah, hatte auch er seine Stiefel abgestreift und genoss die Kühle der Luft auf der feuchten Haut. Er beeilte sich, Alaryah zu folgen, musste aber feststellen, dass er besser aufpasste, wohin er trat. Mit dem richtigen Blick dafür war es eine Wohltat, das weiche Moos an den Fußsohlen zu spüren, ohne... nun ja, ohne sprang man öfter einmal zischend zur Seite, wenn sich ein Steinchen oder ein Ast hineingebohrt hatte und konnte auch den ein oder anderen Fluch nicht verhindern.
Obwohl Jaro sich weitestgehend auf Alaryahs Navigationsgeschick verließ, versuchte er sich beim Studieren der Fragmente rege zu beteiligen. Da sie nur kurz rasteten, selbst nachts, kamen sie zügig voran und bereits am dritten Morgen nach dem Unwetter erreichten sie einen Wegabschnitt, der Jaro bekannt vorkam. Sie folgten ihm mehrere Biegungen lang, dann war Jaro sich sicher. "Hier muss irgendwo der Abzweig in das Heckenlabyrinth sein!" Mit einem Grinsen über die Schulter verschwand Alaryah seitlich im Grün. "Ich weiß nicht, was du meinst!", rief sie hinaus und als Jaro ihr folgte, war sie bereits um die Ecke gebogen und für das bloße Auge wie vom Erdboden verschluckt. Beinahe spielerisch jagten sie den zickzackigen Weg entlang und stürmten in Nativus' verstecktes Kleinod. "Oh." Jaro blieb wie angewurzelt neben Alaryah stehen. Noch immer war die Lichtung mit seltsamer Magie belegt, noch immer ging eine Art Frieden von ihr aus, der einem bis ins Mark drang und bisweilen sogar ein wenig furchteinflößend sein konnte, und doch hatte sich alles verändert. Nativus' Hütte, die einst von Wurzeln, Ranken und Zweigen geformt worden war, wurde nun von ihnen verschluckt. Es sah aus, als würde die Natur sich zurückholen, was sie einst gegeben hatte, als würde schon seit Jahren niemand mehr hier wohnen. "Was hat das zu bedeuten?", flüsterte Jaro.

Alaryah Schattenwind
"Bestimmt nichts Gutes.", mutmaßte Alaryah und blieb nach ein paar Schritten wieder stehen. "Wir...sollten vorsichtig sein?". Irgendwie konnte und wollte sich die Albin nicht vorstellen, dass hier etwas passieren könnte...oder vielleicht sogar schon passiert war? Aus der Ferne konnten sie kein Lebenszeichen von Nativus ausmachen, auch waren die Geräusche des Waldes und der Tiere weniger und leiser als bei ihrem letzten Besuch. Allgemein schien es, als liege eine gewisse Schwere in der Luft. Je weiter sie gingen, desto deutlicher konnte Alaryah dieses Gefühl und diese Eindrücke einordnen. Hier gab es keine Gefahr. Hier gab es einfach...nichts mehr? Einsamkeit? Leere? "Das kann doch nicht...". Alaryah nahm das, was von der Hütte noch sichtbar war, von weitem genau unter die Lupe. "Wir waren doch niemals so lange weg? Pflanzen wachsen im Waldreich nicht so schnell, nicht einmal in den verzauberten Hainen?!." Beim Laufen drehte sich Alaryah mehrmals um die eigene Achse und suchte die Umgebung nach dem Alben ab, der sie mit dieser wichtigen Aufgabe betraut hatte. "Sieh doch!", rief Jaro plötzlich und Alaryah wirbelte herum. Jaro lief schnellen Schrittes davon. "Jaro! Warte! Wohin willst du?". Dann erkannte auch Alaryah sein Ziel. In der Nähe von dem, was einst als Behausung gedient hatte, steckte ein Stab im Boden. Es handelte sich um einen guten und mit Schnitzereien verzierten Wanderstock, an dem ein kleiner Wimpel hing. Kleine Glöckchen sangen ein leises Lied aus hohen Klängen, während der Wimpel sanft im Wind wehte. Die beiden untersuchten die Stelle. "Meinst du, das ist...ein Grab?", fragte Jaro unsicher, während Alaryah den Wimpel mit leicht zittrigen Fingern an sich nahm. Während sie in Stille verharrten drehte Alaryah den Wimpel, wie von einer fremden Macht gesteuert, um. Dort waren Worte! "In der Umarmung der Blätter des Schlafes liegen meine Worte.", hörte sich Alaryah den Text vorlesen. "Mh? Was?", fragte Jaro, der gerade mit dem Daumen über ein geschnitztes Symbol fuhr. Alaryah sprach die Worte erneut und blickte nachdenklich zu Boden. Dann wurde Alaryah schlagartig von der Erkenntnis getroffen! Sie erinnerte sich an den Besuch in Nativus Hütte und wie spärlich die Einrichtung gewesen war! "Er hat eine Botschaft für uns hinterlassen...in der Schlafstätte aus Blättern!". Schon fast gleichzeitig rasten die Blicke der beiden Gefährten zu der "Hütte" hinüber. "Wir müssen da rein.", sagte Alaryah entschlossen und zog die festen Lederhandschuhe über.

Jaro Ballivòr
Mit klopfenden Herzen bahnten sie sich einen Weg durch die überwucherte Türe. Eine dicke Staubschicht bedeckte Boden und Einrichtung und die Luft war stickig und schwer. Jaro und Alaryah sahen sich unsicher an und Alaryah nickte mit dem Kopf in Richtung Bett. Fast hätte Jaro aufgeschrien und nahm stöhnend eine Hand an die Brust. Was er für das Skelett eines Mannes gehalten hatte, war stattdessen eine Konstruktion aus Zweigen, die ein solches symbolisierte. Die eigenartigen Blätter des Bettes umschmiegten die Skulptur von allen Seiten, sodass es wirkte, als versank sie darin. Die knorrigen "Hände" waren auf der Brust verschränkt und hielten etwas. "Das ist es", flüsterte Alaryah und zog vorsichtig ein Schriftstück aus der hölzernen Umklammerung. Der Zweig, der den Unterarm bildete, rutschte dabei zur Seite und jagte Jaro einen erneuten Schreck ein. Es sah so furchtbar echt aus, dass sie beschlossen, nach außen zu gehen, um die Nachricht zu lesen.
Eines Morgens erwachte ich und verspürte den unwiderstehlichen Drang zu schreiben. Ich ging an meine Truhe, an meinen Tisch, ja an jedes Regal und jede Nische meines Heims, doch nirgends fand ich Papier und Feder und Tinte. Das wunderte mich doch sehr, denn ich war immer schon ein Schreiber gewesen. Also eilte ich hinaus aus meiner Hütte und staunte nicht schlecht. Die Umgebung kam mir gänzlich fremd vor. Ich blinzelte in die Strahlen der Morgensonne hinein und überlegte, ob ich vielleicht noch träumte, als ich ihn dort sah, wie er die Blumen richtete. Er war ganz vertieft, sprach ihnen gut zu und auf seiner Schulter saß ein Sperling und sang sein Lied dazu. Erst, als ich ganz nahe war, bemerkte er mich und sah auf. Ein Lächeln umspielte seine Lippen und er sagte: "Also habe ich es doch gefühlt. Es ist vollbracht." Ich wusste nicht recht, was er meinte und überhaupt wollte ich ihn fragen, wer er war, da bemerkte ich seine Ähnlichkeit zu mir. Freilich war er ausgemergelt, hatte Blätter im Haar und ledrige braune Haut, doch die Ähnlichkeit war unverkennbar. "Ich habe nicht gedacht, dass wir uns wiedersehen", fuhr er fort, während ich nicht anders konnte, als ihn anzustarren. "Und jetzt bin ich gänzlich unvorbereitet, aber irgendwo hier muss es sein." Dann begann er seine Taschen abzusuchen, leerte allen möglichen Krimskrams auf den Rasen aus und murmelte Unverständliches vor sich hin. "Ha!", rief er schließlich aus und hielt triumphierend ein kleines Päckchen hoch. Er reichte es mir und ermutigte mich es zu entschnüren. Sofort erkannte ich meine alte Schreibfeder wieder, doch es gab auch Pergament und Tinte. Ich sah ihn fragend an, noch immer unfähig zu sprechen. "Du musst die Geschichte nun zu Ende schreiben." Endlich fand ich meine Stimme wieder. "Welche Geschichte?" Er legte den Kopf schief. "Meine. Deine. Unsere. Ich muss jetzt gehen." Dann ließ er mich mit offenem Mund stehen. "Warte!", rief ich, doch er drehte sich nicht um und als ich blinzelte, war er verschwunden.
Ich weiß nicht, wie lange ich so da stand, verwirrt und unfähig mich zu rühren, doch irgendwann muss ich mich an den Tisch gesetzt haben und wie ich die Feder aufsetzte, strömten die Erinnerungen durch mich hindurch und plötzlich wusste ich wer er war. Wer ich war. Wer ihr wart. Ich hoffe, dass ihr dies hier findet. Nativus wird es euch geben, denn er möchte hier bleiben, während ich fort muss. Ich lasse ihn zurück. Lange genug hat er über mich gewacht, nun ist es Zeit, dass ich die Verantwortung übernehme. Ihr habt ihn gerettet und mich befreit, vielleicht auch umgekehrt und dafür stehe ich tief in eurer Schuld. Es tut mir leid, dass wir uns nicht persönlich treffen können, doch ich habe noch so viel zu tun und so wenig Zeit. Immerhin muss ich eine Geschichte zu Ende schreiben.

Das war alles. Nachdenklich sahen Jaro und Alaryah sich an. Offenbar hatte Nativus oder Nesolion oder wer er auch immer war, mitbekommen, dass sie die Aufgabe erfüllt hatten. "Er hat Frieden gefunden", flüsterte Alaryah und wie aufs Stichwort flatterte ein kleiner Sperling zu ihnen hinüber und setzte sich auf ihre Schulter.
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#66

Beitrag von Alaryah Schattenwind » So 28. Apr 2019, 19:39

Alaryah Schattenwind
"Ich würde sagen wir...". Alaryah hielt inne, als sie den kleinen Spatz auf ihrer Schulter bemerkte. Dieser legte den Kopf schief und zwitscherte, für seine geringe Körpergröße zugegeben recht laut, direkt drauf los. "Jah ist doch gut, du.", sagte Alaryah leise und fuhr dem Tier behutsam mit dem Zeigefinger über die Brust. Dann hüpfte der kleine Vogel ein paar Mal auf und ab, flog um Alaryah herum und steuerte dann Jaro an. Dieser hielt dem Tier einfach die Hand hin und dort landete der Sperling dann auch. "Ich glaube da möchte uns jemand ein Stück begleiten?". Alaryah sah erst den Vogel und dann Jaro an. "Ich habe da natürlich nichts gegen, du bestimmt auch nicht, oder Jaro?". Natürlich nicht!

"Meinst du, wir sollten einfach so gehen?", fragte Jaro schließlich, als sich Alaryah schon fast zum Gehen abgewandt hatte. Die Albin überlegte kurz. "Nativus ist fort und unsere Aufgabe erfüllt.". Natürlich erwarteten sie keine wirkliche Belohnung und von ihren Taten würde wahrscheinlich niemand je hören, geschweige denn ihnen glauben. Es war vielleicht auch besser so? Wahrscheinlich würde die Zeit es zeigen. "Wir können hier jetzt nichts mehr tun.", sagte Alaryah und schien dabei etwas geknickt. Sie würden den Ort, an dem Nativus so lang im Verborgenen gelebt hatte, einfach sich selbst überlassen und die Natur würde sich holen, was ihr ohnehin gehörte. So hätte Nativus es auch gewollt...oder wollte es immer noch? "Wir können ein paar Worte sprechen.", schlug Alaryah vor. Sie legte Bogen und Köcher ab, ihr Bündel stellte sie daneben. Dann ging die Albin zum Eingang der Hütte zurück, kniete nieder und schloss die Augen. Erst passierte gar nichts, dann begann sie ihre Lippen zu bewegen und sprach dann immer lauter und deutlicher mit ruhiger und gelassener Stimme Worte in der Sprache der Waldalben. Es handelte sich um einen Segensspruch, ein Gebet, Verse. Als sie geendet hatte öffnete Alaryah langsam die Augen. Sie atmete noch einmal tief durch, erhob sich und nickte dann Jaro zu, der nicht weit von ihr stand. "Wenn du möchtest kannst du jetzt.". Andächtig machte sie zwei Schritte zurück und schwieg.

Jaro Ballivòr
Jaro konnte die Worte Alaryahs nicht verstehen, doch er bildete sich ein, ihre Wirkung zu spüren. Hatten sich dort nicht eben die Halme des hohen Grases bewegt, obwohl kein Wind ging? Raschelten Blätter immer auf diese Weise, wie ein Flüstern, wie ein Seufzen? Und bildete er es sich ein oder war es wärmer geworden? Als er an der Reihe war, kamen Jaro die Worte, die er sich zurecht gelegt hatte, plötzlich unpassend vor, doch während er zögerte, meldete sich der Sperling zu Wort. Nachdem auch er Alaryahs Worten gelauscht zu haben schien, begann er nun wieder fröhlich zu zwitschern und sah Jaro aufmunternd an. <Er ist ein Vogel! Wie kann er aufmunternd gucken!>, schoss es Jaro durch den Kopf und doch... "In Ordnung", hörte er sich sagen, trat vor und kniete ebenfalls nieder. Der Sperling flog auf seine Schulter und Jaro legte beide Hände auf das weiche Gras. "Ich bin nicht von hier", begann er und nachdem ihm die Worte zunächst schwer fielen, sprudelte es bald nur so aus ihm heraus. Er wünschte sich Frieden für diesen Ort und bat Oril, sein Licht Tag und Nacht auch hierher zu lenken. Wenn er etwas geben konnte, so dachte Jaro, dann sollte es ein Stück seiner eigenen Heimat sein, seines eigenen Selbst. Nachdem er geendet hatte zwitscherte der Sperling erneut und Jaro fand, dass es nach Zustimmung klang. Fröhlich flatterte das kleine Geschöpf zu Alaryah hinüber, die Jaro anlächelte. Der Abschied war getan.

Kurz darauf kehrten sie nach Eichenhain zurück. Jaro kam es vor, als wären sie eine Ewigkeit fort gewesen und es erschien ihm falsch, dass alles noch genauso aussah, wie bei ihrem Aufbruch. So viel war passiert, doch das Leben in dem kleinen Ort war unberührt weiter gegangen. Sie suchten auf direktem Wege das Lager der Waldläufer auf, fanden es aber relativ verwaist vor. "Kalthair ist mit eurer Freundin und einem Trupp unterwegs. Ich weiß nicht, wann sie wiederkommen", erklärte ein junger Posten. Jaro sah zu Alaryah. "Dann warten wir eben, oder?" Er versuchte dabei nicht an das Gasthaus und seine Bedienung zu denken.

Alaryah Schattenwind
"Natürlich warten wir, ich lasse mich nicht noch einmal wegschicken.". Alaryah sprach die Worte scheinbar absichtlich etwas lauter aus, sodass der Posten sie deutlich mitbekommen konnte. Er schient etwas verwirrt, wusste nicht genau wie er sie zuordnen sollte. "Da seid ihr ja!", hörten Jaro und Alaryah plötzlich eine Stimme von der Seite. Es handelte sich um einen durchschnittlichen Alben, keinen Waldläufer oder gar ein Träger von Amt und Würden, der winkend auf sie zugeeilt kam. "Ihr...seid doch die beiden Reisenden, oder?", keuchte er und musste erst einmal Luft schnappen als er die Gefährten erreicht hatte. "Möglich?", fragte Alaryah und schaute schulterzuckend zu Jaro hinüber. "Die, die mit der Frau reisen?". Damit konnte eindeutig nur Kirona gemeint sein. Der Alb musterte Jaro und Alaryah und nickte dann. "Ihr seid es. Die Beschreibung passt.". "Ja...und nun? Sag, wer schickt dich?". Alaryah klang härter als sie es eigentlich wollte. "Man hat eure Rückkehr bereits erwartet. Euch wurde eine Bleibe bereitgestellt wo ihr euch ausruhen und speisen könnt. Man sagte mir, dass ihr möglicherweise erschöpft seid. Soll ich euch vielleicht etwas abnehmen während ich euch zu euren Gemächern begleite?". Er streckte seine Hand nach dem Trageriemen von Alaryahs Köcher aus, diese jedoch fuhr zurück. Der Bote zuckte erschrocken zusammen. "Ve..verzeiht. Ich wollte nicht...". "Schon gut.", gab die Albin knapp zurück. "Bringt uns erst einmal hin. Wir haben unsere Sachen die letzten Tage getragen, da kommt es auf ein paar Meter mehr auch nicht an.", mischte sich Jaro beschwichtigend ein. Erfolgreich.
Schließlich kamen sie bei ihrer Behausung für die nächste Zeit an. Es handelte sich um eine kleine Hütte, die in die Reste eines Baumstumpfes eingearbeitet worden war. Hier ging es nicht um pompöse Hallen, zig Schlafzimmer oder königliche Gemächer. Hier ging es um Gemütlichkeit und praktischen Komfort. Das Häuschen lag etwas abseits der Straßen von Eichenhain und man hatte einfach seine Ruhe. "Bevor ich euch nun verlasse...", begann der Bote, während er den Gefährten einen groben Schlüssel überreichte. "...ein Besucher ist noch zu euch unterwegs. Er ist ein Heiler. Kalthair bestand darauf, dass man euch auf Verletzungen oder sonstige Leiden untersucht.". Bevor Alaryah etwas sagen konnte hatte der Alb auch schon auf dem Absatz kehrt gemacht und rauschte von dannen. "Ein Heiler also...hm.". Alaryah sah dem Burschen nach und verzog das Gesicht. "Nungut...lass uns reingehen."

Jaro Ballivòr
Neugierig inspizierte Jaro die kleine Bleibe. Sie war schlicht und gemütlich und bot alle Notwendigkeiten. Der Duft warmen Holzes lag in der Luft und es gab genügend Tageslicht, das durch viele kleine Fenster einströmte. Kleine Schlafnischen waren vom Wohnraum abgetrennt, der den Rest der Hütte einnahm. Die meisten Möbel waren direkt aus dem Baumstamm gehauen und rot-weiß karierte Decken und Polster zierten Tisch und Bänke. Seufzend ließ sich Jaro auf eine kleine Erkerbank sinken und blickte aus einem der Fenster. "Ziemlich aufdringlich für so einen jungen Alb, oder?" Sein Blick verlor sich in der Umgebung, während er über den Boten nachdachte. "Aber nett, dass sie uns diese Unterkunft organisiert haben." "Kalthair lässt nichts anbrennen", stimmte Alaryah zu und begann, ihren Beutel auszupacken. "Allerdings... mir gefällt nicht, wie er nach unseren Sachen gegriffen hat." Sie schüttelte den Kopf, wie um den Gedanken abzuschütteln. "Ich sehe mittlerweile auch immer und überall potentielle Gefahren", gab Jaro zu. "Ob das irgendwann wieder weggeht? Es ist ganz schön anstrengend." Er lachte schwach und strich Gedanken verloren über das polierte Holz des Fenstersims', als der Klang einer Glocke ertönte, gefolgt von einem Pochen an der Tür. "Das wird der Heiler sein", schloss Jaro, während Alaryah schon dabei war, die Tür zu öffnen. Ein freundlich drein blickender, älterer Alb schob sich in die Hütte. In einer Hand trug er einen ledernen Koffer. Seine Augen strahlten in hellem Blau und er hatte sich einen kleinen Ziegenbart stehen lassen, der bereits ergraut war. "Guten Tag", grüßte er mit tiefer Stimme. "Kalthair schickt mich. Ich bin Gwendir." Er schüttelte erst Alaryah und dann Jaro die Hand, der aufgestanden war, um den Neuankömmling zu begrüßen. Warum nicht gleich damit beginnen, etwas gegen das eigene Misstrauen zu tun? "Ihr wisst warum ich hier bin?" Gwendir legte seinen Koffer auf den Esstisch und klipste ihn auf. "Wer möchte denn anfangen?"

Alaryah Schattenwind
Unsicher schaute Alaryah zu Jaro hinüber. Plötzlich war ihr gar nicht mehr so sehr nach Heilung zumute. "Mh?", fragte Gwendir mit einem sanften Lächeln nach, welches jedoch auch keinen Widerspruch zuließ. Langsam hob Alaryah die Hand. "Ah, ihr also. Nun gut, dann nehmt doch bitte hier Platz.". Alaryah folgte den Anweisungen und setzte sich. Zuerst stellte ihr Gwendir einige Fragen, ähnlich wurde es auch von den Feldärzten der Waldläufer gehandhabt. Was habt ihr in den letzten Tagen gegessen? Wie viele Stunden habt ihr im Durchschnitt geschlafen? Wie fühlt ihr euch vor und nach dem Schlafen? Gibt es irgendwelche sonstigen Auffälligkeiten oder Beschwerden? Alaryah beantwortete alle Fragen so gut sie konnte. Dann ging es mit der eigentlichen Untersuchung los. Gwendir ließ die Albin allerhand Tests und Bewegungsabläufe durchführen, beobachtete dabei ihre Bewegungen und die Mimik mit fachmännischem Blick. Man konnte irgendwann deutlich erkennen, dass Alaryah genug hatte. "Jetzt bitte einmal hier auf den Tisch legen, Gesicht nach unten.". Alaryah glotzte den Heiler schon fast ungläubig an. "Wa...?". "Es ist in Ordnung. Wir haben hier leider keinen anderen Behandlungstisch.". Misstrauisch setzte sich Alaryah in Bewegung. <Er will dir nur helfen.>, sagte sie sich gedanklich immer wieder. Schon bald spürte sie, wie die Finger von Gwendir über ihren Rücken und die Schultern tanzten. "Mhh..aaaaha. Habe ich es mir doch gedacht.", fachsimpelte der Alb und warf mit medizinischen Begriffen um sich. Zwar kannte Alaryah grundlegende Heilungs- und Erste-Hilfe-Vorgänge, doch verlor sie bei diesen Ausführungen sehr schnell den Anschluss. "...und sehr ausgeprägt ist es an dieser Stelle hier.". Nur einen Sekundenbruchteil später schoss ein stechender Schmerz wie heiße Glut durch Alaryahs Körper, sogar bis in die Fingerspitzen. Der Kopf der Albin schnellte nach oben, die Augen weit aufgerissen. Sie keuchte. Gwendir hatte mit dem Zeigefinger auf einen Wirbel ihres unteren Rückens gedrückt. "Das erklärt auch, warum euch diese Bewegung etwas schwerer fällt.", fuhr er fort und bewegte Alaryahs linken Arm ruckartig. "Das kann doch nicht......!". Alaryah kam nicht weiter und schnaufte nur. Ihr Kopf fiel hart auf den Tisch. Sie wimmerte leise. "Mit ein paar Handgriffen ist das erledigt. Keine Sorge, ihr werdet euch gleich besser fühlen.
Die nächsten vier Sekunden waren von knackenden Lauten erfüllt und es schien, als würde Gwendir Alaryah sämtliche Knochen brechen. Anschließend war es ruhig. Alaryah lag einfach nur da, ihr rechter Arm hing schlaff von der Tischplatte hinunter. "Nun, da war aber einiges ausgerenkt, verspannt und und und.". Der Heiler fasste mit ruhiger Stimme zusammen, was er gerade alles genau behandelt hatte. Währenddessen drehte sich Alaryah schwer atmend auf den Rücken und verharrte kurz in dieser Position. "...doch das sollte nun auch kein Problem mehr darstellen.". Gwendir half Alaryah vom Tisch. Sie wankte etwas, doch hatte dann die Kontrolle über ihren Körper zurück. "Also? Fühlt ihr euch besser?", fragte Gwendir und ließ Alaryahs Hand los. "Ich...ich fühle...mich tatsächlich besser.", sagte Alaryah erstaunt und schaute in die Runde. "Ich...fühle mich sogar...wunderbar?". Die Albin schaute an sich hinunter. Es war, als hätte jemand sämtliche Last von ihr genommen. "Ich fühle mich so...leicht.". Gwendir nickte zufrieden. "So. Nachdem ich eure Freundin unter anderem wieder eingerenkt habe...lasst uns beginnen.". Der Blick des Heilers traf Jaro. "Ich werde euch ebenfalls erst einmal ein paar Fragen stellen.".

Jaro Ballivòr
Reflexartig klappte Jaro den Mund zu, als das Wort an ihn gerichtet wurde und merkte erst in diesem Moment, dass er offen gestanden hatte. Jeden Moment hatte er damit gerechnet, dass Alaryahs Rückrat brach, doch im Gegenteil: anscheinend hatte die Behandlung sogar geholfen! "Ich, ähm...", stammelte Jaro und wiederholte mehr oder weniger, was Alaryah zu Nahrung und Schlaf geäußert hatte. Krankheiten seien ansonsten keine bekannt, er habe nur ein paar Blessuren der letzten Ereignisse. "Dürr", stellte Gwendir fest, als er Jaro schließlich abtastete. "Etwas mehr hiervon würde auch nicht schaden." Er zwickte Jaro in den Oberarmmuskel, wobei seine Augen amüsiert blitzten. "Oh, das ist..." Mit den Fingerspitzen fuhr er über Jaros Hals, wo vermutlich noch die Reste des Blutergusses zu sehen waren. "Verheilt, ja, leichte Quetschung. Aber... hier waren bereits heilende Hände am Werk, nicht?" Jaro nickte. "Cywenna, wenn ich nicht irre?" "Wie?...", setzte Jaro erstaunt an und Gwendir schmunzelte. "Jeder Heiler hat seine Note, wie jeder Künstler seinen Pinselstrich." Seine Hände tasteten weiter den Hals entlang und fanden schließlich die Kette. Gwendir stoppte. "Das ist kein gewöhnlicher Schmuck", stellte er fest. "Ich spüre Kälte." Instinktiv griff Jaro den Dunkelstein durch sein Hemd hindurch. "Mein Glücksbringer." "Hm." Gwendir sah ihm lange in die Augen, beließ es aber dann dabei. Stattdessen tastete er den Rest von Jaros Körper ab, ließ Arme und Beine in ihren Gelenken schaukeln und war schließlich zufrieden. "Alles dran. Obwohl du so ein Hänfling bist, scheint hier weit weniger verrenkt zu sein. Hier", er reichte Jaro ein kleines Fläschchen. "Das treibt den Bluterguss schneller zurück. Ansonsten kann ich euch nur raten, regelmäßiger zu essen und einmal wieder richtig auszuschlafen. Diese Kojen scheinen dafür gut geeignet zu sein." Er zwinkerte und nickte in Richtung der Schlafnischen. "Ich lasse euch noch etwas Siebenschläfer da, das beruhigt eure Träume." Mit geschickten Fingern fischte er ein zweites Fläschchen aus dem Koffer. "Habt vielen Dank." Alaryah lächelte den Heiler an. Sie wirkte sichtlich entspannt. "Ja, vielen Dank." "Dankt nicht mir, dankt Kalthair. Und hört auf meinen Rat. Ihr habt Glück gehabt, doch auf Dauer werdet ihr diese Belastung nicht einfach so wegstecken. Sie kriecht euch schon jetzt in die Knochen." Mit diesen Worten ließ er seinen Koffer zuschnappen und wandte sich in Richtung Tür.

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#67

Beitrag von Jaro Ballivòr » Do 2. Mai 2019, 08:27

Alaryah Schattenwind
Das war...ich kann es dir gar nicht so genau sagen.". Alaryah genoss ihre wiedererlangte Bewegungsfreiheit. Allerdings war gerade noch nicht an Schlaf zu denken. Nachdem auch die letzten Gepäckstücke verstaut waren kratzten sich die Gefährten erst einmal den Dreck der letzten Tage vom Körper. Erstaunlich, was sich dann doch bei solch einem "Ausflug" in die Wildnis angesammelt hatte. Erst als Alaryah zum dritten Mal die Haare ausgewrungen hatte begann sie damit die Knoten auszukämmen. Manche dabei entstandenen Geräusche wurden von leisen Flüchen seitens der Albin begleitet. Das Gefühl von frischer Kleidung auf der Haut hatte hingegen viel Schönes.

"Lass uns noch etwas umherziehen.", schlug Alaryah irgendwann vor. Sie hatte ihre Waldläuferuniform gewaschen und zum Trocknen aufgehängt, die Lederrüstung frisch eingefettet und die restliche Ausrüstung ausgebessert. Diese lag, fein säuberlich zu einem Päckchen geschnürt, auf einer kleinen Truhe am Fußende ihrer Schlafnische. "Ich möchte heute nicht auf offenem Feuer kochen oder aus einem Trinkschlauch trinken.". Jaro schien diesem Vorschlag gegenüber nicht abgeneigt.

"Was meinst du, wann kehren Kirona und die anderen zurück?", fragte die Albin, nachdem sie ein paar Meter gegangen waren. Ihre Stimme klang nicht besorgt, es war viel mehr einfaches Interesse. Mittlerweile schien Alaryah Kirona einiges zuzutrauen und natürlich war sie bei den Alben in guter Gesellschaft. Was Alaryah allerdings nicht ganz so gefiel war der Sitz ihrer zivilen Kleidung. Wieder und wieder zupfte sie an ihrem Gewand herum, so als wolle es nie richtig passen. Alaryah kam es vor, als hätte sie in letzter Zeit schon viel zu lang ihre Rüstung getragen, darin geschlafen und weite Strecken bei Wind und Wetter zurückgelegt. Es war ungewohnt so herumzulaufen. In solchen Momenten fragte sich die Albin, ob sie langsam abstumpfte. Doch nun war nicht der rechte Zeitpunkt für diese Gedanken! "Wo möchtest du heute hin?", fragte Alaryah um von sich und ihrer Unsicherheit abzulenken.

Jaro Ballivòr
"Es klang nicht so, als gäbe es einen festen Plan", gab Jaro schulterzuckend zurück. "Ich hoffe doch bald. Bestimmt wird sie sich freuen von unserem Erfolg zu hören." Er lächelte Alaryah zu, die von ihrem Hemd aufsah und ebenfalls schnell ein Lächeln aufsetzte. Nun, frisch gewaschen und gekleidet, hatte Jaro sich vorgenommen den positiven Abschluss ihrer Mission endlich zu genießen. Für seine Verhältnisse hatte er sich sogar regelrecht herausgeputzt, hatte freudig die Öle und Seifen durchprobiert, die in der Hütte bereit gestanden hatten und sein Haar locker zusammen gebunden, inklusive zweier geflochtener Zöpfchen, wie sein Vater es für Essenseinladungen und Kundengespräche zu tun pflegte. Der junge Mann, der ihm aus dem Spiegel entgegen geblickt hatte, sah älter aus, als der Junge, dem Alaryah vor all der Zeit das Leben gerettet hatte. Vielleicht waren sogar seine Schultern ein bisschen breiter geworden. Stattlich genug um eine junge Bedienung auf ein Getränk einzuladen? Schon der Gedanke daran, machte Jaro nervös und er tastete nach den Münzen, die er in seinem Beutel zusammengeklaubt hatte.
Alaryah schien seine Gedanken gelesen zu haben. "Ich fand die... gespaltene Eiche ganz nett." Jaro spürte wie er errötete, was sein Gesicht nur noch heißer werden ließ. "Allerdings weiß ich nicht, ob man dort auch essen kann oder ob es nur zu trinken gab." Ein voller Magen konnte auf jeden Fall nicht schaden. Nicht, dass er nach einem Becher Wein schon nur noch wirres Zeug von sich gab. Er warf Alaryah einen vorsichtigen Seitenblick zu, doch sie schien noch etwas an ihrem Gewand zu suchen und hatte sein Erröten vielleicht nicht gemerkt. Der Geruch von geröstetem Brot und Kräutern wehte zu ihnen hinüber. "Was meinst du, sollen wir erst einmal die Straßenstände abklappern?"

Alaryah Schattenwind
Essen. Ja. Tatsächlich hatten sie bald schon die ersten Lokalitäten erreicht, in denen diverse Speisen zur Auswahl standen. Die beiden nahmen sich die Zeit und setzten sich an einen grob achteckigen Tisch auf der hölzernen Veranda des Gasthauses. Es dauerte nicht lang, da war auch schon ein Bediensteter herangetreten. Er pries die verzüglich klingenden Tagesgerichte an und fuhr dann mit den Standardauswahlen fort. Alaryah spürte bereits, wie ihr nach den ersten Menüpunkten der Mund wässerig wurde. Als der Alb mit der Schürze geendet hatte trat ein Moment der Stille ein. Dann holte Alaryah tief Luft und gab ihre Bestellung auf. Es schien kein Ende zu nehmen. Sie bestellte nicht wirklich große Mahlzeiten, vielmehr begann sie ihr eigenes Gericht zusammenzustellen. Der Angestellte nickte eifrig und musste sich schließlich Notizen machen. "...und dann...ja...dann nehme ich noch etwas von den in Waldkräutern eingelegten Pilzen...und etwas Grillgemüse.". Puh. Das hatte es in sich. Dann wandte sich der Alb Jaro zu und erwartete eine ähnlich große, besser gesagt selbstausgedachte, Bestellung.

Jaro Ballivòr
Plötzlich war Jaro unsicher, ob er die Auswahl richtig verstanden hatte. Eigentlich hatte er den Wurzelbratling mit Pilzragout und scharfem Birnenmuß nehmen wollen, doch was, wenn das gar kein festes Gericht war? War es hier Brauch, dass man sich etwas zusammenstellte? "Für mich", der Kellner hatte erwartungsvoll den Stift gezückt, "den... den Wurzelbratling..." "Hm, mit Ragout und Muß?", fragte der Mann direkthin und Jaro nickte erleichtert. "Ja genau. Bitte. Das ist alles." Er erntete ein Lächeln des Alben und schloss daraus, dass er zumindest nicht alles falsch gemacht hatte. "Wasser und Tee findet ihr gleich hier drüben." Mit einer Hand ließ er seinen Notizblock in der Brusttasche verschwinden, mit der anderen wies er in Richtung einer kleinen Säule, in die zwei Getränkekanister eingelassen waren. "Das ist bei den Menüs dabei." Beim Wort "Menü" blickte er kurz zu Alaryah, nickte dann beiden zu und ging. "Ich bin am verhungern!", seufzte Alaryah und bei den Düften, die in der Luft lagen, ging es Jaro ganz genauso. "Es sieht aber auch köstlich aus", entgegnete er und folgte den Tellern auf ihrem Weg zum Nachbartisch. Die Gerichte waren kunstvoll aufgetürmt und mit Kräutern und Blumen dekoriert. Lediglich die Portionen schienen Jaro etwas klein zu sein. Vielleicht hatte Alaryah wirklich die bessere Wahl getroffen.
"Ich hole uns Wasser", bot er an und füllte eine der polierten Holzkaraffen. Er nahm auch zwei Becher mit und brachte alles an ihren Tisch. Dann kam auch schon das Essen. "Die Dame... der Herr. Guten Appetit! Wenn ihr einen Nachtisch wünscht oder etwas anderes zu trinken, lasst es mich wissen."

Alaryah Schattenwind
Man konnte es schon fast "gefräßiges Schweigen" nennen. Das Geräusch von Besteck auf Tongeschirr war eine Zeit lang das einzige, was von dem Tisch der beiden Gefährten zu hören war. Irgendwann unterbrach Alaryah die "Stille". "Das MUSST du probieren.". Ohne auf eine Antwort von Jaro zu warten hatte sie auch schon einen der eingelegten Pilze auf seinen mit sanften Pinselstrichen verzierten Tellerrand gelegt. "Jedes Mal wenn ich unterwegs gewesen bin, gerade bei längeren Aufenthalten in der Wildnis, merke ich danach erst wieder, wie ich die Küche hier vermisst habe.". Gekonnt löste Alaryah ein Band, welches Blätter um ein gedünstetes Stückchen Waldhuhn zusammenhielt. Mit der Messerspitze löste sie einen Teil des Fleisches ab, welches anschließend in ihren Mund wanderte. Alaryah schloss die Augen, kaute und genoss die Geschmacksexplosion in ihrem Mund. "Es ist einfach etwas anderes als der Eintopf.", stellte sie erneut fest. Dann schaute sie zu Jaro hinüber, der ebenfalls zufrieden speiste. "Ehm...ist...irgendetwas?", fragte Jaro und riss Alaryah aus einer kurzen Tagträumerei. "Verzeih.", antwortete die Albin als hätte er sie bei etwas ertappt. Dann schaute Alaryah verlegen auf ihren Teller, das Lächeln wurde breiter und schließlich lachte sie kurz leise auf. "Weisst du Jaro...vor kurzem haben wir noch auf dem Waldboden gelegen oder haben uns im Regen zusammengekauert. Wir haben gekämpft, gelitten und, nunja.". Sie schaute erneut auf ihre Gewandung, dann musterte sie Jaro. "Und jetzt sitzen wir hier. Sieh uns an. Fein rausgeputzt. Fast so, als hätten wir nie etwas anderes gemacht. Solche Momente kommen mir manchmal ungewohnt und seltsam vor.". Die Albin nahm sich einen weiteren Löffel Grillgemüse und stellte die kleine Tonschale in die Mitte des Tisches, sodass auch Jaro sie gut erreichen konnte. "Meinst du so wird unser Leben irgendwann einmal aussehen? Vielleicht hat Gwendir gar nicht mal so unrecht, dass wir so etwas auf Dauer nicht durchhalten?.". Alaryah kannte zwar einige alte Waldläufer, die ihr Wissen an Rekruten und Lehrlinge weitergaben, doch wurde ihre Präsenz bei Patrouillen oder einer Wilden Jagd immer seltener. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Ganz ehrlich? Ich kann mir so etwas noch gar nicht vorstellen.". Für einen Moment wanderte Alaryahs Blick in die Ferne, dorthin, wo die Sonne sich langsam rot verfärbte. Es gab noch so viel zu sehen, zu entdecken und zu erleben!

Jaro Ballivòr
Wahrlich, die eingelegten Pilze waren wunderbar. Zwar war Jaro mit seiner eigenen Wahl sehr zufrieden, doch die saure Würze des Suds ergänzte den erdigen Geschmack derart gut, dass Jaro sich fragte, ob er je etwas Besseres gekostet hatte. Bekennend nickte er und schnitt sich dann ein weiteres Stück seines Bratlings ab. Zunächst hatte er gedacht, er würde niemals satt werden, doch das Gericht war gehaltvoller als vermutet. "Das stimmt", presste er aus vollen Backen hervor und schluckte dann eilig. "Und jedes Mal kommt es mir so vor, als läge alles schon wieder weit zurück. Ich frage mich dann, wie wir das überhaupt schaffen konnten." Wenn er an die gemütliche Koje in der Hütte dachte, konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, wie er ohne Decken und Kissen, nass und klamm unter freiem Himmel hatte schlafen können, ohne sich einen furchtbaren Schnupfen einzufangen. Nie und nimmer wollte er das Bett heute Nacht missen! "Weißt du, bis vor kurzem sah es jeden Tag bei mir so aus. Mutter hat immer ein Abendmahl bereitet, nachdem Vater und ich in der Werkstatt zugange waren. Ich gewöhne mich gerade erst an das wilde Leben eines Kriegers des Waldes." Er grinste schüchtern. Mit dem letzten Stück Bratling wischte er die Sauce vom Teller und nahm sich dann dankbar ein wenig von Alaryahs Gemüse. Er folgte ihrem Blick in die Ferne. "Wie lange machst du das eigentlich schon? Ich meine, wie lange bist du schon von zu Hause fort?"

Alaryah Schattenwind
"Ich bin nicht wirklich von Zuhause fort. Das alles hier ist mein Zuhause.". In einer knappen Handbewegung ließ Alaryah das Messer in der Luft kreisen. "Ich fühle mich wie durch ein starkes Band mit meiner Familie verbunden, egal wo sie auch gerade alle sein mögen. Wir sind eine Waldläuferfamilie, da wächst man sowieso etwas anders auf. Man kann sagen, dass die Familie so groß ist, dass man immer irgendwo irgendwen trifft.". Es war schwer zu sagen, ob Alaryah das gesagte auch wirklich so fühlte. "Mein Weg führt mich immer wieder zu ihnen zurück. Zu meinem Geburtshaus, wo ich meine Kindheit verbrachte.". Erinnerungen an frühere Zeiten schwappten in Alaryahs Gedanken. "Ich habe nie etwas anderes gelernt und wenn ich ehrlich bin...". Sie hielt kurz inne und schaute Jaro nun selbstsicher und entschlossen an. "Wenn ich ehrlich bin möchte ich auch gar nichts anderes machen.". Natürlich war Alaryah klar, dass ihre Berufung als Waldläuferin gefährlich sein konnte. Sie hatte es erst kürzlich wieder erleben dürfen."Auch wenn ich an meine Pflicht gebunden bin, so genieße ich doch eine gewisse Freiheit bei dem, was ich tue. Ich kenne den Wald, die Flüsse, die Blumen. Ich hatte die Zeit all das kennenzulernen. Ich schütze es. Ich...". Sie unterbrach sich, als der Angestellte schließlich den Tisch abräumte, denn dieser musste ihre Gedankengänge nicht unbedingt mitbekommen. "Kannst du dir vorstellen, dass ich jemals in einem Hain sitze und über Preise für Waren verhandle? Dass ich vor einer Behausung Kleider nähe?". Alaryah kam diese Vorstellung äußerst fremd vor. Doch was mochte die Alternative sein? Von einer Klinge durchbohrt im Wald verbluten? Es würde bestimmt einen anderen Weg geben. "Sobald ich jemanden von meiner Sippe sehe werde ich sie oder ihn dir natürlich vorstellen.", setzte Alaryah nach um das Gespräch wieder in eine angenehmere Richtung zu lenken.

Jaro Ballivòr
Fasziniert folgte Jaro Alaryahs Worten und versuchte sich ein solch ungebundenes Leben vorzustellen. Einen kurzen Ausschnitt hatte er ja nun miterlebt, wenn es, so hoffte er, auch einer der aufreibenderen Sorte gewesen war. So wunderbar wie ihm das Leben der Waldläufer schien, musste er sich doch eingestehen, dass er froh über seine eigenen Wurzeln war und sich tief in seinem Inneren danach sehnte, einmal dorthin zurückzukehren. Wenn auch noch nicht sofort. Alaryah und das Waldreich zurückzulassen und vielleicht nie wieder zu sehen, konnte er sich gerade nicht vorstellen.
Jaro musste lachen. "Nein, ehrlich gesagt nicht! Ich denke eher, du bringst deinen Kindern bei, mit Pfeil und Bogen umzugehen und lässt deinen Mann die Socken stopfen und das Essen kochen. Oder aber ihr geht gemeinsam auf Verbrecherjagd, als berüchtigte und gefürchtete Familie." Mit einem Zug leerte Jaro seinen Becher. "Unbedingt! Es würde mich sehr freuen. Sie sind bestimmt ganz wunderbare Alben." Sie begannen über typische Eigenarten ihrer Familien zu scherzen und Jaro war erstaunt, dass Alaryahs Sippe wirklich riesig zu sein schien, während er nur von zwei Personen berichten konnte. Schließlich trat erneut der Kellner an ihren Tisch und sie beschlossen zu zahlen und den überfälligen Wein tatsächlich in der gespaltenen Eiche zu sich zu nehmen. Unterwegs führten sie ihr Gespräch fort und lachten mehrfach laut auf. Rundherum wurden Lichter und Feuerschalen entzündet und Jaro fühlte sich rundum wohl und zufrieden. Er dachte nicht einmal mehr an seine Pläne, die hübsche Bedienung auf ein Getränk einzuladen. Nur einmal verspürte er ein merkwürdiges Kribbeln im Nacken, gefolgt von dem unangenehmen Gefühl, beobachtet zu werden. Als er sich aber umsah, war niemand da, nur andere fröhliche Passanten, Schankwirte und Händler, die noch immer ihre Waren priesen. Er schüttelte den Kopf. Heute war kein Tag für negative Gedanken, heute war ein Tag zum Genießen!

Alaryah Schattenwind
Alaryah begrüßte den recht schnell über die Bühne gehenden Ortswechsel. Sie plauderten auf ihrem Weg scheinbar belangloses, jedoch gab das ein oder andere der Albin dann doch etwas zu denken. Als sie die ihnen bereits bekannte Schänke betraten war keine Zeit mehr für solche Gedanken! Es war noch nicht wirklich voll, sodass eine fast freie Platzwahl möglich war. Ein Tisch war schnell gefunden. Dieses Mal befanden sie sich nicht auf einem der Balkone, stattdessen in einer verwinkelten Ecke auf einer Empore, die über drei kleine Treppen zu erreichen war. Um sie herum hingen Schnitzereien in den verschiedensten Größen. Manche zeigten Pflanzen, andere mystische Symbole oder Helden, die gerade ihrer Berufung nachgingen. Von der Decke hingen mehrere Öllampen aus Ton hinab, die für eine gemütlich schummerige Atmosphäre sorgten. Leise Klänge einer Laute waren von weiter vorne zu vernehmen. Beim Betreten des Schankraumes hatten Jaro und Alaryah die Spielleute sofort bemerkt. Alaryahs Herz rutschte kurzzeitig hinab, vermutete sie doch Linor an einem der Instrumente. Doch war dies zum Glück nicht der Fall. Es handelte sich um drei Alben, die zwar wüste Frisuren hatten, dafür jedoch äußerst entspannende und wohlklingende Lieder sangen. Alaryah bestellte sich einen Fruchtwein und gerade, als die Schankmaid wieder gehen wollte, packte die Albin sie am Handgelenk. Die beiden Frauen sahen sich einen Moment lang schweigend an, dann stellte die Schankmaid die Karaffe auf den Tisch. Alaryah nickte lächelnd. "Vielen Dank.". Auch Jaro sollte schnell seine Bestellung erhalten. Natürlich blieben seine suchenden Blicke von Alaryah nicht unbemerkt. Während sie weiter über belangloses redeten schweiten seine Augen wieder und wieder ab und einzwei mal beendete Alaryah ihren Satz so lange, bis sie wieder Jaros Aufmerksamkeit hatte. Sie wusste, dass er nach ihr suchte. War es letztendlich wirklich eine gute Idee gewesen dieses Gasthaus aufzusuchen?
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#68

Beitrag von Alaryah Schattenwind » Mo 13. Mai 2019, 08:45

Jaro Ballivòr
Kurz hatte auch Jaro wieder mit dem köstlichen Fruchtwein geliebäugelt, sich dann aber entschieden, das selbst gebraute Honigbier der Taverne zu kosten. Sogar der Honig kam laut Karte aus einer hauseigenen Imkerei. Kurz darauf fand sich ein großer Krug mit üppiger Schaumkrone vor Jaro. Sie prosteten einander zu und tranken. Cremig weich und kühl war das Bier und hatte eine angenehme würzige Süße. Zufrieden wischte Jaro sich den Schaum von der Oberlippe und linste zum Tresen hinüber. Nun, da sie hier waren, hatte die hübsche Bedienung wieder seine geistige Aufmerksamkeit erobert, wobei es eigentlich eher ihre Abwesenheit war, die Jaro beschäftigte. Hatte sie heute frei? Würde sie später noch kommen? Er spürte Alaryahs Blick. "Entschuldige, was hast du gesagt?" Mit hochgezogenen Brauen wiederholte die Albin ihre Worte und Jaro schluckte verlegen. Er versuchte sich daraufhin wieder reger an ihrem Gespräch zu beteiligen, denn keineswegs wollte er Alaryah das Gefühl geben, er langweile sich mit ihr. So war es ja nicht! Nur... zu gerne hätte er die junge Frau noch einmal gesehen und getestet, ob er sich traute, ihr ein Getränk auszugeben. Da! Es war wieder passiert! Da Alaryah ihn weiter fragend ansah, kam Jaro zu dem Schluss, dass sein Nicken keine adequate Reaktion war, auf was auch immer sie zu ihm gesagt hatte. Da es ihm peinlich war, den Grund seiner Abgelenktheit zu erklären, zeigte er stattdessen auf eine kleine Tafel am Rande des Tresen. "Kannst du lesen, was da steht? Wildblumenbrand?" Er sah Alaryah an. "Wollen wir das mal probieren?" Als er den Kopf wieder in Richtung Theke drehte, trafen sich ihre Blicke. Offenbar war sie erst angekommen, denn sie schlüpfte gerade aus einem lockeren Mantel. Der Ausdruck des Erkennens huschte über ihr Gesicht, dann etwas anderes: Wut.

Alaryah Schattenwind
"Wildblumenbrand?". Alaryah schaute Jaro mit hochgezogener Augenbraue an. "Du weisst aber schon, dass das...". Sie hörte schließlich wieder einfach auf zu reden. Es war zwecklos, Jaro war schon wieder gedanklich woanders, das war nun mehr als deutlich. Alaryah folgte seinem Blick und erkannte die Schankmaid, die gerade ihren Dienst anzutreten schien. Es war, als würde sich eine Schlange in ihrem Magen winden. Was war das nur für eine Gefühlsduselei, die da in ihr aufkeimte? <Jetzt reiss dich aber mal zusammen.>, sagte sich die Albin selbst und machte gute Miene zu bösem Spiel. Sie fühlte sich nun nicht mehr so wohl und hoffte in einem großen Schluck Fruchtwein Linderung zu finden. Das wärmende Gefühl des Alkohols machte sich in Alaryahs Magen breit, doch wollte es nicht helfen. Schließlich hatte sie Jaro Aufmerksamkeit wieder. "Ja. Wildblumenbrand. Lass uns einen bestellen. Geht auf mich.". Dann erhob sich die Albin. "Bestell doch schon mal, ich muss kurz wohin.". Ohne auf eine Antwort zu warten verschwand Alaryah.

"Was soll das?!". Alaryah lehnte sich an die Wand des schmalen Flurs, der zu dem Abort führte. Sie kam sich albern vor. Jaro war doch ein freier Alb, er konnte tun und lassen was er wollte? Warum ärgerte sie sich überhaupt darüber, dass er sie nicht beachtet hatte? Schließlich war er doch an der Schankmaid interessiert! Als gute Freundin sollte sie für ihn da sein, ihm irgendwie helfen!? Und doch wehrte sich etwas in Alaryah dagegen. <Warten wir erst einmal ab.>. Leise ging Alaryah den Flur zurück in Richtung Schankraum. An der Ecke stand eine große Topfpflanze, an der sie ungesehen vorbeilugen konnte. Jaro saß dort und starrte in Richtung Tresen. Alaryah verfluchte sich für dieses Verhalten, doch wollte sie nun einfach wissen, was als nächstes passierte...

Jaro Ballivòr
Erleichtert, dass Alaryah auf das Angebot, einen Schnaps zu trinken ansprang, lächelte Jaro. <Vielleicht hat sie meine Blicke nicht gemerkt!>, dachte er bei sich, obwohl er nicht wusste, warum ihm das wichtig war. Der Gesichtsausdruck der Bedienung verursachte ihm allerdings ein ungutes Gefühl. Seit sie ihn erkannt und wütend angestarrt hatte, mied sie seinen Blick, obwohl er verzweifelt versuchte den ihren zu fangen. Er wollte unbedingt bei ihr bestellen, bevor ihre eigentliche Tischbedienung zurückkehrte. Bei der Gelegenheit konnte er ihr gleich etwas anbieten, ohne dass Alaryah sein Gestammel hören und ihn später damit aufziehen konnte. In aller Seelenruhe band die Maid sich eine mit Rüschen verzierte Schürze und ihre Geldbörse um, sprach mit dem Schenker und lachte über etwas, dass er sagte. Dabei blickte sie nicht einmal in Jaros Richtung. Sie hatte ihn doch erkannt... und bei ihrem letzten Besuch hatten sie sich doch zu späterer Stunde schon unterhalten. Und dann... ja, was war dann eigentlich passiert? Jaro musste feststellen, dass der den Abend nicht mehr recht rekonstruieren konnte. "Kriegt ihr noch was?", riss ihn die andere Kellnerin aus seinen Gedanken. "Wir.. ähm. Ja, ja gerne. Zwei mal den Wildblumenbrand, bitte." Jaro versuchte seine Enttäuschung hinunterzuschlucken. Dann, bevor er es sich anders überlegen konnte, fügte er an: "Und einen für deine Kollegin dort... ich kenne sie und muss mich noch revanchieren." Er schwindelte ein wenig, doch etwas Besseres fiel ihm nicht ein. "Für Lilith?" Sie grinste. "Ich kann es versuchen." Was auch immer das bedeuten mochte... Jaro rutschte nervös auf seinem Hocker herum und blickte in die Richtung, in der Alaryah verschwunden war, dann wieder zum Tresen. Aus einer kunstvoll geschwungenen Flasche füllte die Kellnerin drei kleine Tonkrüglein und ging mit dem Tablett zu Lilith. Sie sagte etwas und nickte in Jaros Richtung. Reflexartig sah er weg, ärgerte sich sofort darüber und setzte zurückblickend ein gequältes Lächeln auf. Mit dem kleinen Krug in der Hand starrte sie ihn an, eine Augenbraue erhoben, beinahe spöttisch, dann trank sie den Brand in einem Zug leer, griff nach der Flasche und schenkte sich nach, trank erneut. Sie schüttelte den Kopf und nahm ihr volles Tablett, um es unter die Leute zu bringen.

Alaryah Schattenwind
Jaro hatte zwar die Bestellung aufgegeben, doch war dies bei der ihnen zugeteilten Schankmaid geschehen. So ganz zufrieden schien der Alb mit dieser Situation nicht zu sein, so schätzte Alaryah zumindest. Die entsprechende Reaktion der anderen Albin war nicht zu erkennen, zumindest nicht von Alaryahs "Versteck" aus. Irgendwann machte sie sich dann schließlich auf den Rückweg. Warum sollte sie auch noch weiterhin neben der Topfpflanze herumstehen? Fast zeitgleich mit der anderen Albin erreichte Alaryah den Tisch. Während die Frau zwei kleine Tonkrüge mit dem Wildblumenbrand servierte sagte sie etwas zu Jaro, was Alaryah jedoch nicht verstand. Direkt im Anschluss huschte die Frau mit dem leeren Tablett hinfort. "Das ging schnell.", meinte Alaryah trocken und griff nach dem Krüglein vor sich. "Weisst du nun wenigstens ihren Namen?". Alaryah leerte das Gefäß. Es war, als wanderte flüssiges Gold ihre Kehle hinab. Ein dumpfes "Batsch!" ertönte, als Alaryah mit beiden Händen flach auf den Tisch schlug. Sie hatte die Augen weit aufgerissen, ihr Kiefer mahlte deutlich. Dann atmete die Albin schwer aus. "Was für ein...Brand.". Hastig kippte sie nun einen Schluck Wein hinterher. Der Wildblumenbrand war einfach etwas zu viel für sie. Warum hatte sie sich noch einmal dazu überreden lassen einen Wildblumenbrand zu trinken? <Achja...>. Irgendwie fühlte sich die Albin nun unwohl. Auf der einen Seite kam sie sich fehl am Platz vor, auf der anderen Seite war es ein Ding der Unmöglichkeit nun einfach zu gehen...oder? So saßen sie für ein paar Augenblicke einfach nur da. Jaro, abgelenkt durch Lilith und irgendwie ihren Blick suchend und Alaryah, mit sich selbst und der Welt nicht ganz im Einklang. "Was hast du jetzt vor?", fragte sie schließlich über den Rand ihres Weinkelches hinweg.

Jaro Ballivòr
Auch Jaro hob das kleine Gefäß, doch hielt inne. "Namen? Wer?", fragte er dämlich und zuckte von Alaryahs Schlag auf den Tisch zusammen. Schnell kippte auch er sich den Schnaps hinunter, um der Frage zu entkommen. Es schüttelte ihn und er konnte ein Husten nicht unterdrücken. In der Tat... das war nichts für schwache Seelen. In Jaros Bauch brannte es, doch unter den gegebenen Umständen war es nicht die angenehme Hitze, die er beispielsweise durch die Edelkastanie verspürt hatte, sondern fühlte sie sich eher wie ein großes Loch an, das seine Unsicherheit und Beschämung nur noch verstärkte. Warum war die Schankmaid - Lilith, er rief sich ihren Namen ins Gedächtnis - so merkwürdig? Und war mit Alaryah alles in Ordnung? Wurde etwas von ihm erwartet oder hatte er etwas falsch gemacht? Woher wollte man denn aus diesen Albinnen schlau werden?! Betreten senkte Jaro den Blick auf die Tischplatte und strich mit den Fingern darüber. Schon einmal hatte es so eine merkwürdige Situation gegeben und das war ebenfalls in dieser Taverne gewesen. Und dann noch einmal, am Morgen danach. Was war nur der Grund? Jaro ertappte sich dabei, wie er Kirona herbei wünschte, die mit ihren direkten Aussagen die Runde auflockerte.
Als Alaryah ihn ansprach, sah er auf und hoffte, dass er nicht so miserabel aussah, wie er sich fühlte. "Ich", er musste sich räuspern, "eigentlich habe ich keinen Plan." Unbeholfen zuckte er mit den Schultern. "Ich dachte, wir könnten wieder ein bisschen trinken und Spaß haben, vielleicht doch ein wenig quatschen... aber irgendwie schmeckt es heute nicht so, oder?" Er kaute auf seiner Lippe herum. "Also... wir können gerne auch weiter ziehen. Vielleicht noch ein bisschen raus?"

Alaryah Schattenwind
Mit dieser Antwort hatte Alaryah nicht gerechnet. Ein Teil von ihr schrie sofort innerlich und triumphal auf, hätte natürlich gern direkt mit Jaro das Gasthaus verlassen. Irgendwie schien Alaryah das jedoch nicht ganz richtig. "Was ist genau das Problem mit ihr?", fragte sie dann gerade heraus. Jaro fuhr mit den Fingern eine Schnitzerei in der Tischplatte entlang. "Jaro?", hakte Alaryah nach. "Ich rede mit dir.". Es war nun deutlich zu sehen, dass er sich unwohl fühlte. Tatsächlich wagte er erst kaum ihrem Blick zu begegnen, geschweige denn konnte er diesem dann lange standhalten. "Ich...ich glaube ich habe irgendwie einen Fehler gemacht?", fragte er und suchte bei Alaryah nach Antworten. Natürlich konnte sie nicht helfen. Mühsam brachte Jaro ein paar erklärende Worte hervor und endete mit seinem Versuch ein Getränk als kleine und durchaus lieb gemeinte Aufmerksamkeit auszugeben. Schließlich wollte Jaro doch nichts Böses! Während Jaro von Lilith erzählte wanderte Alaryahs Blick langsam zu der Schankmaid hinüber. Die Waldläuferin beobachtete die Albin mit dem Tablett einen Moment lang und es schien, als seien Jaro und Alaryah für sie nichts weiter als Luft. "Weisst du was?". Alaryah unterbrach Jaro, der abrupt schwieg und plötzlich leicht eingeschüchtert schien. "Wir sollten vielleicht wirklich gehen. Ein bisschen raus...das klingt gut.". Es war nicht schwer zu erkennen, dass Jaro nervös wurde, während Alaryah den Rest ihres Kruges leerte. Er erkannte deutlich die Ernsthaftigkeit in Alaryahs Stimme, die keine Wiederworte zu dulden schien. "Ist gut.", sagte er leise und erhob sich. Geknickt schlurfte er in Richtung Tür und fühlte sich etwas verloren. Dann wurde er am Oberarm gepackt. "Wir sind hier noch nicht fertig.", hörte er Alaryah sagen und wurde von der Albin mitgezogen. "Alaryah, was...?". Sie bahnten sich ihren Weg in Richtung Tresen, dabei mehr oder weniger auf ihre Umgebung und andere Gäste achtend. Während Alaryah schnurstracks vorneweg marschierte hörte man Jaro hier und da eine leise Entschuldigung aussprechen wenn ein Krug verschüttet oder ein Gast angerempelt wurde. Schließlich kamen sie am Tresen an. Sie mussten ja auch noch bezahlen! Dann erkannte Jaro Lilith, die gerade eine neue Ladung Getränke auf das hölzerne Tablett stellte. "Jetzt hör mir mal genau zu.", begann Alaryah, ließ Jaro los und lehnte sich zu der Schankmaid hinüber. "Was auch immer zwischen euch vorgefallen ist...oder was auch nicht...und was auch immer Jaro falsch gemacht haben könnte...", sie er hob mahnend den Finger, "Er ist kein schlechter Alb. Du magst es vielleicht gerade nicht erkennen, aber vor dir steht eine wunderbare Person, die für andere da ist. Eine Person, mit der ich Dinge gesehen habe, die du dir nicht einmal ansatzweise vorstellen kannst. Ja, wir sind sogar das ein oder andere Mal fast umgekommen, doch wünschte ich mir niemand anderen an meiner Seite als ihn.". Alaryahs Stimme wurde etwas lauter. "Du solltest nicht über ihn urteilen, solange du nicht einmal genau weisst wer er ist.". "Alaryah, bitte, wir sollten vielleicht...", Jaro unterbrach sich, als Alaryah die Hand hob, dabei immer noch die Schankmaid fixierend. "Du kannst mit anderen Gästen so umspringen, sie verurteilen oder dir deinen Teil über sie denken. Aber eins verspreche ich dir: Du hast ein völlig falsches Bild von ihm!". Lilith wusste nicht, wie sie reagieren sollte. Sie schien fassungslos und rang nach Worten. "Und wenn ich es mir recht überlege, so denke ich, dass du seine Gesellschaft nicht verdienst.". Anschließend kramte Alaryah eine Handvoll Münzen hervor und legte sie auf den Tresen. "Das sollte genügen.". Alaryah wandte sich Jaro zu. "Es tut mir Leid.", flüsterte sie und ging in Richtung Tür.
Allein draußen angekommen ging die Albin noch ein paar Schritte und musste dann erst einmal tief durchatmen. Was für ein Gewitter war da gerade über sie hereingebrochen?! Was es auch ausgelöst hatte, es fühlte sich irgendwie richtig an. Was nahm sich diese einfache Schankmaid überhaupt heraus? Wieder einmal entdeckte Alaryah eine neue Seite an sich. Dann hörte die Albin, wie die Tür vom Gasthaus geöffnet wurde.

Jaro Ballivòr
War es der Wildblumenbrand oder warum war ihm plötzlich so mulmig im Bauch? Jaro wäre am liebsten im Boden versunken und wagte weder Alaryah noch Lilith anzusehen. Gleichzeitig fühlte er aber auch etwas anderes, etwas Warmes. War es Dankbarkeit? Oder Zuneigung? Und überhaupt, wie hatte Alaryah bemerken können, was in ihm vorging? Konnte sie etwa Gedanken lesen oder hatte er Lilith so offensichtlich angestarrt? Falls ja, dann war das ja furchtbar! Kein Wunder, dass sie sich von ihm distanziert hatte... andererseits hatte Alaryah doch recht, er hatte es nur gut gemeint, hatte vielleicht auf ein Gespräch gehofft oder ein freundliches Lächeln. Das war doch nicht zu viel verlangt. Dass Lilith von anderen Kunden vermutlich ganz andere Angebote bekam, kam Jaro dabei nicht in den Sinn. Betröpelt und mit schwitzigen Händen stand er neben Alaryah, die die ebenfalls vollkommen perplexe Schankmaid klein machte, und wusste nicht, was er tun oder sagen sollte. Einerseits wollte er Alaryah bremsen, aber zeitgleich rührten ihre Worte ihn sehr und er musste zugeben, dass sie ihm gut taten. Schließlich endete Alaryahs Tirade von selbst, sie zahlte und stürmte hinaus. Mit klopfendem Herzen stand Jaro da. Was nun? Alaryah hatte eine unangenehme Stille hinterlassen. Obwohl der Schenker und die am nächsten platzierten Gäste so taten, als wären sie beschäftigt, war deutlich zu sehen, dass sie die Szene verfolgten. Zeit zu gehen... Leise räusperte sich Jaro und wollte ein Wort des Abschieds loswerden, da lachte Lilith plötzlich. "Na, da hast du aber jemandes Herz erobert! Kein Wunder, dass du neulich so plötzlich abgehauen bist. Hattest du Angst vor Ärger?" Sie zwinkerte und nahm ihren Worten damit die Härte. "Wir sind gute Freunde", bestätigte Jaro leise und rieb nervös die Hände in einander. "Ich gehe dann jetzt auch mal." "Tu das, Kleiner!" Lilith legte ihm eine Hand auf die Schulter und auch, wenn ihn das "Kleiner" kränkte, klopfte sein Herz schneller. "Aber vergiss nicht: jetzt hast du mir schon zwei Mal ein Getränk versprochen und bist es schuldig geblieben. Deine Freundin hat dir eins voraus!". Jaro grinste schwach und wandte sich schließlich zum Gehen. Er verstand nicht ganz, was Lilith mit den zwei Getränken meinte, doch er brauchte nun dringend frische Luft und wollte auch nicht nachfragen. Er hörte den Schenker lachen und beschleunigte seine Schritte. Alaryah wartete bestimmt schon.
Er fand sie mit dem Rücken zur Tür. Vorsichtig trat Jaro näher. "Alaryah?", setzte er schüchtern an, "das, also. Danke. Noch nie hat jemand so liebe Dinge über mich gesagt. Und, ähm. Ich bin auch froh, dass du an meiner Seite bist; bei all den Abenteuern, die wir durchstehen, von Bäume fressenden Monstern bis zu gefährlichen Schenken." Unbeholfen berührte er ihre Schulter und verstummte, bevor er noch mehr peinliches Zeug von sich gab.

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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#69

Beitrag von Jaro Ballivòr » Di 14. Mai 2019, 11:19

Alaryah Schattenwind
Alaryah stand erst für ein paar Augenblicke regungslos da, dann drehte sie sich zu Jaro um. Dieser zuckte mit der Hand zurück. "Schon gut.", sagte Alaryah mit einer nun deutlich sanfteren, aber dennoch weiterhin festen Stimme. "Das...ist einfach so über mich gekommen. Vielleicht habe ich auch einfach ein wenig übertrieben.". Die Albin zuckte mit den Schultern, schaute dann die Straße entlang, weg vom Gasthaus. Wahrscheinlich, so schätze Alaryah, war ihr gerade so etwas wie Schamesröte ins Gesicht gestiegen und Jaro sollte es nicht unbedingt mitbekommen. Ob sie dies nun tatsächlich mit ihrem doch recht plumpen Versuch verstecken konnte war jedoch fraglich. "Hat sie noch irgendetwas zu dir gesagt? Oder sich entschuldigt?".
Erst als die beiden etwas Abstand zwischen sich und die Schänke gebracht hatten verlangsamte Alaryah ihren Schritt wieder. Sie hatte erst gar nicht gemerkt, dass sie doch recht züging vorangegangen war. Eine etwas unangenehme Stille hing nun über Jaro und Alaryah. In Gedanken verfluchte sich Alaryah für ihren Auftritt, wusste aber auch kaum etwas zu Jaros Worten vor der Taverne zu sagen. Dieser ganze Abend hatte einfach eine unvorhergesehene Wendung genommen! Was war nur los?! Mehrmals öffnete Alaryah den Mund, wollte etwas sagen oder erklären, doch blieb sie letztendlich stumm.
"W..was hältst du von dort vorne?". Alaryahs Stimme klang seltsam in ihrem Kopf, doch was sollte sie tun? Irgendwann musste einfach jemand etwas sagen. <Jetzt fang nicht an zu spinnen...>. Jaro stimmte zu und so nahmen die beiden in einem kleinen Hinterhof an einem Tisch Platz. Es war der Hinterhof einer Herberge, gemütlich hergerichtet mit hölzernen Torbögen, sowie Efeu- und Weinranken. Einige der bereits anwesenden Gäste, eine kleine Gruppe Reisende aus entfernten Dörfern und zwei Händler, nickten den Neuankömmlingen zur Begrüßung zu. "Ich bin hier noch nie gewesen.", sagte Alaryah und hoffte, dass das Personal hier keinen Einfluss auf den weiteren Verlauf des Abends nehmen würde.

Jaro Ballivòr
In aller Kürze gab Jaro wieder, was sich in der Gespaltenen Eiche noch zugetragen hatte. Er sprach seinen Verdacht aus, dass er Lilith bei ihrem letzten Besuch vielleicht mit einem leeren Versprechen hatte stehen lassen. "Vielleicht hat sie mir das übel genommen...?" Falls Alaryah eine Antwort auf diese Frage wusste, so behielt sie sie für sich. Jaro musste sich eilen, um mit ihr Schritt zu halten und nicht selten schlüpfte sie gerade noch durch eine sich schließende Lücke zwischen den Passanten, sodass Jaro den halben Weg damit beschäftigt war, Schultern und Ellebogen auszuweichen und Entschuldigungen zu murmeln, wenn ihm das nicht gelang. Er kam sich furchtbar ungeschickt vor und war froh, als Alaryah ihren Schritt verlangsamte.
Es dauerte nicht lange, da fand Jaro sich wieder mit einer Getränkekarte in der Hand vor. Immerhin war der Abend noch recht jung und sollte nicht schon jetzt und auch noch in unangenehmem Schweigen enden. "Ich finde es hier sehr schön", bekräftigte Jaro aufmunternd. Tatsächlich stellte er fest, dass er sich in dem weitläufigen Schankgarten unter freiem Himmel deutlich wohler fühlte. Das Atmen ging leichter von der Hand und der Hof war reichlich geschmückt, von der Natur gleichermaßen wie von Albenhand, sodass das Auge ständig etwas Neues fand, das es in seinen Bann zog. Die ersten Lampignons waren bereits entzündet worden und Jaro vermutete, dass sie ihre Wirkung zu späterer Stunde noch so richtig entfalten würden. Nach dem recht schweren und süßen Honigbier und dem Magen verbrennenden Brand, beschloss Jaro wieder zu dem Fruchtwein zurückzukommen, den die Waldalben meisterhaft beherrschten. Er hoffte, dass er ihm so schnell wie zuletzt in den Kopf stieg und diese angenehme Leichtigkeit mitbrachte, die ihm auch die Zunge lockerte. Fieberhaft überlegte er, welches Thema er anschneiden sollte. Zwar hätte er Alaryah gerne noch etwas zu Liliths Verhalten gefragt, doch er hatte das Gefühl, dass sie das Thema am liebsten abhaken wollte. Deshalb entschied er sich für etwas anderes, das ihn immer wieder beschäftigte. "Weißt du, es gab Phasen auf unserer Reise, da habe ich gedacht, das war's, hier kommst du nicht mehr lebend raus... doch wir haben alles geschafft. Ist das nicht unglaublich?"

Alaryah Schattenwind
<DANKE!>. Das von Jaro gewählte Gesprächsthema war zwar nicht gerade mit den schönsten Erinnerungen verbunden, doch lenkte es sie zumindest von den letzten Momenten ab. Alaryah nickte. "Ich fühle mich auch nicht wirklich wohl dabei dich immer wieder in Gefahr zu bringen.". Nach einer kurzen Pause fügte Alaryah noch hastig ein "und natürlich auch Kirona." an. "Oftmals werden Angelegenheiten hier ohne die Hilfe von...naja, "Fremden" geklärt.". Das Gespräch endete abrupt, als die Getränke serviert wurden. Die beiden Gefährten bedankten sich für den Wein, der in einem großen Tonkrug mit Henkel in der mitte des Tisches platziert wurde. Zwei weitere Becher gesellten sich dazu. "Du weisst schon wie ich das meine, oder?", fragte Alaryah Jaro als der Wirt, der hier seine Gäste noch selbst bediente und der Herbergsvater zu sein schien, wieder gegangen war. "Manche Alben hier haben Schwierigkeiten damit "Außenstehende" in ihre Probleme einzuweihen.". Sie schenkte erst Jaro, dann sich ein. "Aber um deine Frage zu beantworten: Ja, es stimmt. Selbst...naja...unnatürliche Begegnungen haben wir überstanden. Wieder und wieder. Es scheint fast so als würde jemand eine schützende Hand über uns halten.". Dies mochte zumindest ihr bisheriges Überleben gesichert, sie jedoch nicht vor Schmerz und Leid geschützt haben. Alaryah dachte an die Verletzungen zurück, die sie bisher erlitten hatten. Die Angst, der sie ausgesetzt waren. Unbewusst fuhr die Albin mit der rechten Hand über ihren linken Arm. Zwar waren die Wunden der Gefährten ver- und geheilt, doch war zumindest in Alaryahs Kopf so mancher Schmerz noch präsent. Sie war schließlich in ein Loch hinabgestürzt, von Pfeilen und Klingen getroffen und verprügelt worden, das konnte niemand einfach wegstecken. Doch geschah all dies zum Schutz des Waldreiches und... "Ich werde aber auch weiterhin auf dich aufpassen. ", sagte Alaryah gerade heraus, griff nach ihrem Becher, prostete Jaro zu und trank. Währenddessen war ihr Blick fest auf Jaro geheftet. Es war nicht nur eine Aussage oder ein Versprechen, es kam schon fast einem Schwur gleich. Bald fühlte Alaryah wohlige Wärme in ihrem Körper. Sie wollte sich erst wieder für ihre vielleicht seltsam anmutenden Worte entschuldigen, doch ließ sie diese nun erst einmal im Raum stehen. Sollte Jaro doch ruhig wissen, wie sie darüber dachte. Der Abend hatte holperig begonnen, warum sich dann auch noch für alles mögliche entschuldigen oder ein Blatt vor den Mund nehmen? Dafür hatten sie, wie Jaro richtig festgestellt hatte, einfach schon zu viel zusammen erlebt.

Jaro Ballivòr
Bei Alaryahs Worten musste Jaro lächeln. "Ach, weißt du, solange du mich am Ende immer wieder rettest, verzeihe ich das gern! Im Gegenteil, manchmal wünschte ich, ich wäre eine größere Hilfe. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, muss ich mich unbedingt noch einmal an Pfeil und Bogen versuchen!" Er dachte an den unbeschwerten Abend auf dem großen Fest zurück und wie viel Freude er an dem Schießstand gehabt hatte. Noch immer trug er das kleine Abzeichen bei sich, das er damals gewonnen hatte. "Wirklich fremd habe ich mich hier nie gefühlt", stellte er fest. "Alle sind so herzlich und aufgeschlossen... aber ich weiß, was du meinst." Vielleicht verstärkte das gerade die Gastfreundlichkeit der Waldalben. Sie hießen Besucher warm willkommen, doch schützten sie im Stillen vor all den Gefahren, die es gab. Der Wald und seine Bewohner waren Jaro wirklich ans Herz gewachsen und wert, beschützt zu werden! Es war das Geringste, das er zurückgeben konnte.
"Da bin ich sehr beruhigt! Eine fähigere Aufpasserin kann ich mir kaum vorstellen. Ich bin sehr froh, dass wir uns getroffen haben", prostete Jaro zurück und das Grinsen lag ihm schon wieder leichter auf den Lippen. "Mmmmh." Jaro nahm direkt einen weiteren großen Schluck. "Ich hatte beinahe vergessen, wie gut das schmeckt!" Nicht ohne einen vorsichtigen Blick in Alaryahs Richtung, schenkte er sich nach und bot auch der Albin an, ihren Becher neu zu füllen. Plötzlich kam ihm eine Idee und bevor er es sich anders überlegen konnte, sprach er es einfach aus. Ob der Wein so schnell schon Wirkung zeigte oder woher er sonst den Mut nahm, wusste er nicht zu sagen. "Du, Alaryah... meinst du, du könntest mir ein bisschen was beibringen? Wie man kämpft oder schießt zum Beispiel? Natürlich nur, wenn das ok für dich ist und du keine Geheimnisse von euch Waldläufern dabei verletzt", fügte er schnell noch an und trank einen hastigen Schluck Wein hinterher, in der Hoffnung, Alaryah fände seine Bitte nicht unangebracht.

Alaryah Schattenwind
Für einen Moment hielt Alaryah etwas überrascht inne. Jaro und dreckiger, blutiger Nahkampf? Sie war sich nicht sicher, ob Jaro dafür wirklich bereit war. Sie war sich allerdings auch nicht sicher, ob diese Zweifel durch diese seltsame Gefühlslage hervorgerufen wurden. Wahrscheinlich war es sogar keine schlechte Idee wenn Jaro ein paar Manöver lernen oder allgemeine Trainingseinheiten erhalten würde. "Ich...kann dir das ein oder andere zeigen.", sagte die Albin und gab sich dabei keinerlei Mühen die Skepsis in ihrer Stimme zu verbergen. "Auch wenn ich dich eigentlich ungern in der Nähe einer gegnerischen Klinge sehen möchte...". Sie wollte Jaro nicht beleidigen oder verunsichern. "Ich werde dir etwas beibringen. Wir werden trainieren. Versprochen". Während Alaryah zum nächsten Schluck ansetzte kam ihr schon eine erste Idee. "Weisst du was? Wir fangen heute noch damit an.". Es war vielleicht nicht die beste Idee, schließlich hatten sie schon etwas getrunken, aber ein paar Grundlagen würde die Waldläuferin schon noch auf die Reihe kriegen. Wobei...Grundlagen? Nein. Alaryah würde Jaro erst einmal auf die Probe stellen. Doch wollte sie dies noch nicht weiter ausführen. So warf die Albin Jaros fragendem Blick ein sanftes Lächeln entgegen. "Sei unbesorgt, du musst dir nichts merken oder Angst haben verletzt zu werden.". Vielleicht ging Jaro die ganze Sache zu schnell? Oder hatte ihn die Motivation gepackt? Sicher konnte Alaryah das nicht sagen. "Wer weiss, vielleicht passt du dann ja bald auf mich auf?". Sie grinste. <Was war DAS denn jetzt?!>. Irgendwie fühlte sich Alaryah geschmeichelt, dass Jaro sie um diesen Gefallen gebeten hatte. Gut, sie war schließlich auch eine trainierte Kämpferin und wahrscheinlich auch die einzige, die Jaro in einem Umkreis von zig Meilen bekannt war, aber trotzdem hätte es sich die kleine Albin nie träumen lassen einmal etwas von ihrem Wissen weiterzugeben...auch wenn es das Wissen zum Töten war.
"Aber bevor wir irgendetwas in dieser Richtung unternehmen...lass uns noch für einen Augenblick den Moment genießen.". Es wurde dunkler und nach und nach entzündete der Wirt die den Innenhof umgebenden Lichter. Die beiden Händler ein paar Tische weiter standen auf, besiegelten eine Vereinbarung per Handschlag und verließen den Hof. Der eine ging die massive Holztreppe in die erste Etage hinauf, wahrscheinlich zu seinen Gemächern, der andere betrat ein Zimmer im Erdgeschoss. Obwohl dieser Ort recht zentral gelegen war drangen kaum Geräusche von der Straße zu ihnen heran. "Sieh doch.". Alaryah zeigte nach oben. Vereinzelt erschienen erste Sterne, während das Abendrot so gut wie verschwunden war. Es war recht mild und sie wussten, dass sie noch lange draußen verweilen konnten.

Jaro Ballivòr
Kurz hatte die Unsicherheit noch angehalten, dann aber, spätestens, als Alaryah zustimmte, war Jaro endgültig überzeugt von der eigenen Idee. Eine bessere Lehrerin konnte er sich doch kaum vorstellen und überhaupt, gefiel ihm die Art und Weise, wie die Waldalben kämpften, außerordentlich gut. Die Krieger der Lichtalben hatte er stets für raue und undisziplinierte Rüpel gehalten, allerdings beschränkte sich seine Erfahrung auch auf Falathris Stadtwache, die möglicherweise nicht das beste Beispiel abgab. Zumindest, wenn man Goldanils Worten Glauben schenkte und daran war man zumeist gut beraten. Die Waldläufer bewegten sich hingegen lautlos und unsichtbar durch das Unterholz und schlugen zu, schnell und präzise wie ein Raubvogel auf Beutejagd. Es war eine elegante und auch irgendwie gerechte Art zu kämpfen, denn Jaro hatte das Gefühl, dass sie stets nur so viel Blut vergossen, wie notwendig war.
"Wer weiß, vielleicht kommt keine Klinge der Welt mehr nahe an mich heran, wenn du mit mir fertig bist." Die plötzliche Vorfreude gepaart mit der Wärme des Weins breitete sich wohlig in Jaros Bauch aus. Trotzdem stockte er kurz. "Jetzt... jetzt gleich? Also heute?" Ja warum eigentlich nicht? Wer konnte schon wissen, wie viel Zeit ihnen in Eichenhain vergönnt war? "In Ordnung." Wenn Jaro zuletzt etwas gelernt hatte, dann, dass die entspannten Momente jederzeit vorbei sein konnten. Zu einem solchen Moment war dieser Abend nun doch noch geworden. Jaro folgte Alaryahs Fingerzeig und suchte den kleinen Ausschnitt des Himmels nach einem Sternenbild ab, das ihm bekannt vorkam. "Ich habe ein ganzes Jahr lang an Sternenkarten gearbeitet", sagte er gedankenverloren. "Doch ich erkenne hier kaum einen wieder. Vermutlich gibt es überall andere Sterne und insgesamt sind es so viele, dass niemand sie alle kennen kann." Er ließ seine Gedanken einfach in Worte strömen, den Kopf weiter in den Nacken gelegt. "In meinem Volk denken viele, dass der, der die Geheimnisse der Sterne kennt, die Geschicke der Welt in den Händen hält. Bestimmt ist es besser, wenn ein wenig davon verborgen bleibt." Letztlich löste er den Blick und sah wieder Alaryah an. Es war komisch von "seinem Volk" zu sprechen, denn die Worte schufen eine Abgrenzung, die er nicht empfand.

Alaryah Schattenwind
"Diesen Stern dort...den nennen wir hier "Lunaris Auge".". Alaryah zeigte auf einen Stern und senkte dann aber schnell wieder den Arm. Woher sollte Jaro wissen, auf welchen Stern sie tatsächlich deutete? "An diesem Stern kann man sich gut orientieren.". Alaryahs Kenntnisse über Astronomie waren, wenn überhaupt, gering. Das Wissen, welches sie gerade mit Jaro teilte, beruhte auf dem Tipp eines älteren Waldläufers, der in Fährtenlesen und Orientierung immer einen guten Rat auf Lager hatte. Die Albin hoffte, dass Jaro nicht noch mehr über die Sterne oder Sternenkarten der Alben erfahren wollte...sie würde ihm ohnehin in diesem Bereich keine Hilfe sein. Glücklicherweise hatte Jaro Alaryahs Information einfach nur aufgenommen, während er weiter gen Himmel starrte.
Die Zeit plätscherte etwas dahin und schließlich hatten die beiden ihren Krug geleert. "Lass uns weiterziehen.", meinte Alaryah dann und stand auf. "Wir haben da noch etwas vor.". Sie bezahlten, hinterließen dem Wirt ein gutes Trinkgeld und wünschten allen Anwesenden noch einen schönen Abend.
Alaryah führte Jaro hinaus. Sie verließen Eichenhain und folgten der Straße in Richtung Norden. Alaryah hatte den Wächter am Tor angesprochen und so erfuhren die beiden, dass ihnen noch ein paar Stunden blieben bevor die Tore über Nacht geschlossen wurden.
"Wohin gehen wir?", fragte Jaro schließlich, doch konnte er Alaryah keine Antwort entlocken. Er sollte es einfach selbst sehen.
"Wir sind da.", sagte Alaryah schließlich und schob einen großen Tannenzweig beiseite. Sie befanden sich am Ufer eines großen Sees. Das Geräusch von leise plätscherndem Wasser war am Ufer zu hören und Schilf wogte im lauen Wind sanft hin und her. Sterne und Mond spiegelten sich in der Wasseroberfläche und die gesamte Szenerie wurde von schummrig schönem Licht erhellt. Es war zauberhaft. Ruhig. Friedlich. Ein Frosch quakte laut und sprang dann mit einem "Platsch!" ins schon fast tintenschwarze Wasser. "Es ist wunderschön hier.", stellte Jaro erstaunt fest. Er hatte nicht damit gerechnet, dass Alaryah ihn an solch einen Ort führen würde. "Fangen wir an.", hörte Jaro Alaryah sagen. Er drehte sich in ihre Richtung. "Inwiefern...?". Die kleine Albin stand einfach locker da und legte den Kopf schief, als wäre irgendwas an ihrer Aussage nicht zu verstehen. "Schlag mich.".
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Re: Unter Bäumen - Nichts bleibt verborgen

#70

Beitrag von Alaryah Schattenwind » Fr 24. Mai 2019, 17:09

Jaro Ballivòr
Der Wind im Schilf und das Plätschern des Wassers waren einen Moment lang die einzigen Geräusche am Ufer des Sees. Verdattert starrte Jaro Alaryah an und rührte sich nicht.
"Komm, schlag mich", wiederholte sie ihre Worte, ohne sich von der Stelle zu rühren.
"Aber ich kann doch nicht...", stammelte Jaro und wurde von einer erneuten Aufforderung unterbrochen. Zögerlich machte er einen Schritt auf sie zu. "Ich dachte, du könntest mir vielleicht ein paar Bewegungen zeigen, o-oder wie man eine Waffe führt..." - "Jaro", unterbrach Alaryah ihn abermals mit strengem Blick. "So schwer ist die Aufgabe wirklich nicht. Los jetzt! Wenn du etwas lernen willst, musst du schon tun, was ich dir sage."
Jaro schluckte schwer und nickte. Mehrfach öffnete und schloss er die Hände zu Fäusten und als er meinte, nah genug zu sein, setzte er einen halbherzigen Fauststoß in Richtung von Alaryahs Gesicht an. Mit hoch gezogenen Brauen lugte die Waldalbin neben Jaros ausgestrecktem Arm hervor. "Das sollte mich treffen?", fragte sie belustigt. Sie hatte sich keinen Schritt bewegt. "Du kriegst eine zweite Chance." Noch immer höchst unwohl in seiner Haut trat Jaro noch ein kleines Stück näher heran und probierte es erneut. Dieses Mal nahm Alaryah nur ganz leicht den Kopf zur Seite, sodass Jaros Hand ihre Wange beinahe strich. "Du greifst nicht an. Ich habe gesagt "Schlag mich", und nicht "streck deinen Arm in meine Richtung"." Beschämt nahm Jaro die Faust zurück. Na gut. Wenn sie darauf bestand, dann würde er eben richtig hinhauen. Alaryah nicht aus den Augen lassend, ging Jaro etwas in die Knie und nahm beide Fäuste hoch. Er zögerte einen Moment und ließ dann die Rechte nach vorne schnellen. Dieses Mal würde er treffen, er spürte es... und wieder sauste seine Hand knapp an Alaryahs Gesicht vorbei. Das Ausbleiben des erwarteten Aufpralls ließ Jaro beinahe das Gleichgewicht verlieren. "Schon besser. Und jetzt streng dich an dabei." "Ich strenge mich..." Ein Kopfschütteln Alaryahs ließ Jaro verstummen und er begab sich stattdessen wieder in Position. So ging es Schlag auf Schlag und stets wich Alaryah gerade so weit aus, dass Jaro kurz dachte, er hätte Erfolg, bevor seine Hand abermals ins Leere schoß. Schnell war er außer Atem und so sehr er sich auch anstrengte, so oft er sein Ziel auch änderte, vom Gesicht, zum Bauch, zu den Schultern, gelang es ihm einfach nicht, Alaryah auch nur zu streifen. "Das gibt's doch nicht", keuchte er und stützte sich auf seinen Oberschenkeln ab. Während er seinen Atem beruhigte, vernahm er plötzlich fröhliches Vogelgezwitscher, gefolgt von Flügelschlagen und dem Rascheln aus einem nahen Baum. "Du!", stieß er aus, als er den kleinen Sperling erkannte, der ihnen von Nativus' Heim bis vor die Tore Eichenhains gefolgt war. "Ja, lach du nur!" Jaro hatte aufgegeben, sich über die scheinbaren Gefühlsregungen des Vogels zu wundern, der wie zur Antwort noch lauter und fröhlicher trällerte. Bei Orils ewigem Licht - nun wurde er schon von einem Vogel ausgelacht! Die Erkenntnis stachelte Jaro an. "Dir werde ich es zeigen!", rief er dem Zaungast zu und hob die Arme. Er versuchte es mit Finten und verzögert, von der Seite, mit einem weiten Schwinger und mit Doppelschlägen. Wenn er auch noch immer nicht traf, hatte er nach einer Weile wenigstens den Eindruck, dass auch Alaryahs Atem schneller ging und schließlich nahm sie erstmals einen Arm zur Hilfe, um Jaros Schlag abzulenken. "Ha!", triumphierte er, als hätte er einen vollen Treffer gelandet und grinste Alaryah stolz an. Der Sperling hatte indes nur eine amüsierte Trällerfolge für ihn übrig.

Alaryah Schattenwind
Alaryah musste ein Kichern unterdrücken, als sich der Sperling an ihrem Vorhaben lauthals beteiligte. Sie freute sich, dass der kleine Vogel wieder da war. Jaros Schläge nahmen nun nach und nach Fahrt auf. Wieder war eine Parade mit dem Unterarm nötig, dann noch eine. Dies schien für einen Motivationsschub bei Jaro zu sorgen, dem Alaryah nun erst einmal einen Dämpfer verpassen wollte. Sie biss die Zähne aufeinander und ließ die von links heranfliegende Faust durch. "Uff!". Wärend der kleine Vogel wild mit den Flügelchen flatterte machte die Albin einen Satz zur Seite, wandte den Blick ab und beugte sich nach vorn über. Jaro schrie erschrocken und ungläubig zugleich auf. "Alaryah, verzeih, das wollte ich nicht!". Gerade, als er zu der Albin gehen und prüfen wollte ob es ihr gut ging, sprang sie nach vorn. Von unten kommend prallte Alaryah mit der Schulter in Jaros Magengegend, bekam irgendwie sein rechts Bein zu packen und brachte den Alb aus dem Gleichgewicht. Er strauchelte und fiel dumpf auf den Rücken, Alaryah landete neben ihm. "Was zum...?". Alaryah wirbelte herum und drückte Jaros Schulter nun mit aller Kraft auf den Boden. Dann presste sie ihre rechte Handkante an seinen Hals. "Siehst du?", fragte sie und grinste triumphierend. "Jetzt wärst du tot gewesen.". "Aber wa...". "Du darfst dich nicht ablenken lassen oder zögern. Unsere Gegner werden mit allen Mitteln versuchen zu überleben.". Jaro nickte. "Du hast ganz schön zugelangt.", sagte Alaryah dann gespielt empört und nahm die Hand von Jaros Hals. "Bewegungsabläufe oder der bessere Umgang mit einer Waffe, das machen wir aber nicht mehr heute.". Sie klopfte Jaro aufmunternd auf die Brust, erhob sich und reichte ihm die Hand. Er zögerte. "Komm schon, dieses Mal ist es kein Trick, versprochen.". Jaro ergriff Alaryahs Hand und schon bald stand er wieder.
"Los, noch einmal.". Dieses Mal verzichtete Alaryah auf weitere Täuschungsmanöver. Ab und an unterbrach sie ihre "Training" und erklärte Jaro, wie er Kräfte sparen oder seine Atmung regulieren konnte. Es würde sicherlich helfen. Ausdauer war im Kampf immer wichtig, egal ob mit oder ohne Waffe. Jaro versuchte die Anweisungen umzusetzen, doch schien es etwas zu viel für den Anfang. Alaryah schien zwischendurch zu vergessen, dass es Jaro und kein Waldläuferanwärter war mit dem sie es hier zu tun hatte...Jedoch erkannte sie wieder und wieder die Bemühungen und sprach das ein oder andere Lob aus.
"Gut so! Und dann trainieren wir als nächstes mit Übungswaffen.", verkündete Alaryah über den "Schlagabtausch" hinweg. "Gar kein Problem.", gab Jaro konzentriert zurück. Langsam drängte Alaryah Jaro nun zurück, fing an Druck aufzubauen. "Immer mit einem Fuß am Boden bleiben, sicherer Stand, Beine beim Schritt nicht überkreuzen.", rief sie Jaro in Erinnerung. Er schaute nun grimmiger drein. "Schon viel besser!".

Jaro Ballivòr
Es machte... Spaß! Eifer packte Jaro und er vergaß die Anstrengung, vergaß den Schmerz im Rücken von dem harten Aufprall, vergaß sogar das schadenfrohe Gezwitscher des kleinen Sperlings. Längst zitterten seine Beine vom tiefen Stand und den schnellen, kurzen Schritten, seine Arme schienen das Doppelte zu wiegen und Schweiß rann ihm den Rücken hinab. Trotzdem machte er immer weiter, folgte Alaryahs Anweisungen und probierte das ein oder andere selbst - wenn auch mit weniger Erfolg. Instinktiv tappte er in jede Falle, die ihm Alaryah stellte, die ihrerseits all seine Bewegungen vorauszuahnen schien. Zudem war Jaro einfach deutlich langsamer. Er merkte schnell, dass dies nicht allein an seinen bereits ermüdenden Gliedern lag. Während er über jeden Schritt und jede Armkombination nachdenken musste, schien bei Alaryah alles von selbst zu gehen. Erneut ging er ihr ins Netz und dieses Mal schlug er nur deshalb nicht auf dem Boden auf, weil Alaryah ihn vorher auffing und wieder auf die Beine schob. Jaro erinnerte sich an ihren Rat, nicht zu zögern, und setzte sofort einen Konter an. Alaryah fing ihn ab. "Das war... fies!", stellte sie fest. "Gut!", sie grinste und schon wieder fand Jaro sich in Rückwärtsbewegung vor. Wasser platschte und Jaro stoppte abrupt, blickte über die Schulter. Alaryah hatte ihn bis an den Rand des Sees gedrängt. "Hab deine Umgebung stets im Blick. Lass dich niemals in eine Sackgasse drängen." Jaro knirschte mit den Zähnen. <Zu Spät!>, dachte er und versuchte seitlich davon zu schlüpfen, doch es gelang ihm nicht. Schon drang Wasser in seine Stiefel ein und wenn es auch nicht eiskalt war, so hatte Jaro doch wenig Interesse an einem unfreiwilligen Bad. Er parierte einen Schlag in Richtung Schulter, verlor dabei aber das das Gleichgewicht. Wild mit den Armen rudernd kämpfte er gegen das Unvermeidliche an, während Alaryah ihn amüsiert betrachtete, die Hände keck in die Hüfte gestemmt. Im letzten Moment schoß Jaros Hand vor und er packte die Albin in der Armbeuge, um sie wenigstens mit sich zu reißen.

Alaryah Schattenwind
Es mochte der Albin nicht sonderlich gefallen, doch sie hatte Jaro unterschätzt. Zwar wollte sie ihn niemals in den See schubsen, doch hatte die ganze Sache eine gewisse Eigendynamik angenommen. Jaro versuchte sein Gleichgewicht zu halten, doch gelang es ihm nicht. Dafür schaffte er etwas anderes, nämlich Alaryah am Arm zu packen. "Neeein!", rief sie gerade noch mit überraschter Stimme - doch es war bereits zu spät. Ein lautes Platschen zerriss die umliegende, friedliche Stille und es war als hätte der halbe Wald den Lärm mitbekommen. Diese Stelle vom See war alles andere als tief, doch war es hier tief genug damit das Wasser die beiden verschlingen konnte. Unter Wasser riss sich Alaryah von Jaros Griff los und tauchte so schnell wie möglich wieder auf. Sie wischte sich Wasser und Haare aus dem Gesicht, prustete dabei und musste sich neu orientieren. Jaro tauchte ebenfalls wieder auf, etwas weiter links von ihr. "Das kriegst du wieder, das merke ich mir!", versprach Alaryah. Jaro lachte, während auch er das Wasser aus seinen Augen wischte. "Lach nicht, jetzt bin ich wegen dir patschnass!". Alaryah, die etwas weiter als knietief im kühlen Wasser stand, schlug gegen die Wasseroberfläche und schleuderte somit viele Tropfen in Richtung Jaro. "Warte ab, wenn ich dich zu fassen kriege!". Alaryah watete fest entschlossen durch das Wasser, direkt auf Jaro zu. Der kleine Vogel war am Ufer zurückgeblieben und hüpfte aufgeregt hin und her. Irgendwie schaffte es Jaro Alaryahs Griffen auszuweichen und schien auch schneller im Wasser voranzukommen. Er hatte fast das Ufer erreicht, da platschte es erneut. Alaryah war umgeknickt und daher erneut unfreiwillig abgetaucht. Sie rappelte sich wieder auf und schaffte es mit Jaros Hilfe problemlos aus dem See. "Alles gut, alles gut.", sagte sie dann und tatsächlich war das Laufen nach ein paar abgehackten Schritten wieder möglich. "Ich glaube das war genug Training für heute.", befand Alaryah und auch Jaro stimmte zu. Wie hätte es auch sonst weitergehen sollen, schließlich waren sie völlig durchnässt. "Lass uns erst einmal zurückgehen und etwas trockenes anziehen.", schlug Alaryah vor und so machten sie sich auf den Rückweg. "Gut gekämpft.", sagte sie beim gehen und gab Jaro einen sportlichen Schlag auf den Oberarm.

Jaro Ballivòr
Ein Grinsen breitete sich auf Jaros Gesicht aus. "Danke, du auch", feixte er und wrang beim Gehen sein Haar aus. "Tut mir leid wegen dem Bad. Ich konnte dem Vogel den Triumph nicht gönnen, nur mich baden gehen zu sehen." Ein letzter Ruf des Sperlings war die Antwort, dann verschwand er zwischen den Bäumen und kurz darauf kam Eichenhain in Sicht. "Oh, sieh nur, sie schließen schon das Tor!", rief Jaro aus und so rannten sie platschend und tropfend die letzten Meter den Weg entlang. Die Alben am Tor musterten sie skeptisch von Kopf bis Fuß, ließen sie dann aber ohne weitere Kommentare passieren. "So viel Zeit ist vergangen?" Es kam Jaro vor wie nichts. Seinen Beinen hingegen wie ein Tagesmarsch. Spätestens nach dem kurzen Lauf wollten sie ihm nicht mehr recht gehorchen und fühlten sich seltsam wackelig an. Auch musste er feststellen, dass er sehr durstig war. Und... war da sogar schon wieder ein Hungergefühl in seinem Bauch? "Du, Alaryah, was hältst du von einem kleinen Nachttrunk, wenn wir uns umgezogen haben?" ... und einem kleinen Happen, fügte er in Gedanken hinzu. Alaryah hielt sehr viel von der Idee, im Gegenteil: sie rügte Jaro sogar, dass er das nicht als selbstverständlichen Trainingsinhalt erkannt hatte.
Mit trockener Kleidung auf der Haut und der Euphorie aus der Übungseinheit im Blut, war Jaros Laune ausgezeichnet, als sie erneut die kleine Hütte verließen. "Ich muss kurz etwas erledigen, in Ordnung? In der Gespaltenen Eiche." Alaryahs Gesichtsausdruck sprach Bände. "Geht ganz schnell, versprochen! Und dann können wir woanders hin gehen oder uns etwas zu Trinken für Zuhause besorgen." Dieses Mal war es Jaro, der durch die Menge eilte und Alaryah, die ihm zu folgen versuchte. Mittlerweile kannte Jaro den Weg zu der alten Taverne sehr gut. Bevor er eintrat, lächelte er Alaryah, wie er meinte, vielsagend zu und schritt dann entschlossen an den Tresen. Der Schenker erkannte ihn und grinste abschätzig. "Sie bedient die Balkone", sagte er gewichtig, "was darf es denn sein?" Jaro schob zwei Münzen über den Tisch. "Eine Edelkastanie für die Dame. Ich kann leider nicht bleiben, ich habe schon Gesellschaft." Sichtlich irritiert griff der Alb nach den Münzen. "Alles... klar. Dann richte ich es ihr aus.." Jaro grinste Alaryah an, die ihm zögerlich in den Gastraum gefolgt war. "Danke! Bis zum nächsten Mal dann." Er hakte sich bei Alaryah ein und führte sie wieder zurück auf die Straße.

Alaryah Schattenwind
Jaro ging selbstsicher voran und gab dabei das Tempo vor. Alaryah hielt eingehakt mit einer Mischung aus Skepsis und Verwirrung Schritt. Was war da gerade genau passiert? Sie hatte erst das Schlimmste erwartet als Jaro das Gasthaus erwähnte, doch dann...ja, was war dann? Alaryah beschloss für sich, dass jetzt einfach nicht die Zeit für solche Gedanken war. Sie würde Jaro irgendwann darauf ansprechen, vielleicht morgen, vielleicht übermorgen...
Viele der Küchen hatten bereits geschlossen und auch die Tavernen leerten sich zusehends. Doch sollte Jaro sein Mahl noch bekommen. Ein Wirt brachte gerade die letzten Portionen aus einem großen Suppentopf unter die Passanten und lehnte sogar die von Jaro angebotene Bezahlung ab. Die Suppe war schon fast kalt, aber trotzdem lecker. Während Jaro dabei war die Schüssel zu leeren wechselten zwei Flaschen Wein den Besitzer. Alaryah verstaute die Ware in ihrem Beutel und zwinkerte Jaro zu, als dieser beim Klang von Glas auf Glas kurz von seiner Schüssel aufsah.
Nach der kleinen Mahlzeit schlenderten die beiden wieder zurück zu ihrer Behausung. Alaryah hatte wieder Jaros Arm gegriffen und so genossen sie die Ruhe und den Frieden in Eichenhain. Zwischendurch deutete Alaryah auf dieses und jenes und erklärte Jaro, der aufmerksam lauschte, etwas dazu. Tatsächlich verbanden mehr Erinnerungen die Albin mit diesem Ort als es zuvor den Anschein hatte.
"Ich habe eine Idee.", platzte es plötzlich aus der Albin heraus. Noch bevor Jaro wirklich reagieren konnte zog Alaryah ihn auch schon mit sich. Sie eilten zu ihrer Bleibe zurück, wo Alaryah Jaro ihr Bündel in die Hand drückte. Die Flaschen klimperten leise. "Hier, hol du schon mal Krüge. Ich bin mir sicher, dass da hinten noch irgendwo...". Die Albin führte ihre Gedanken noch etwas weiter aus, doch waren sie für Jaro nicht mehr wirklich nachvollziehbar, geschweige denn zu hörbar. "Was bitte?", fragte er noch, doch Alaryah war bereits verschwunden. So stand er da, mit ihrem Beutel in der Hand und wusste nicht so recht wohin. "Krüge.", erinnerte er sich und verschwand im Inneren.
Das Geräusch von krächzendem Stahl ertönte, als Jaro wieder ins Freie trat. Er hatte Alaryahs Bündel über die Schulter gelegt und zwei Krüge in der Hand. Die Albin erschien und die Quelle des Lärms wurde ersichtlich. Alaryah zog eine große Feuerschale hinter sich her, die für sie allein viel zu groß zum transportieren war. Schnell ging Jaro ihr zur Hand. Bald schon hatten die beiden etwas Holz aufgeschichtet und ein Feuer auf der dafür vorgesehenen Feuerstelle entfacht. Von dem Platz vor ihrer Hütte konnten sie sehen, dass andere Familien, Wachtposten und sonstige Bewohner es ihnen bereits gleichgetan hatten. Ruhe kehrte ein. "Setz dich zu mir.", sagte Alaryah und deutete auf den Platz neben sich. Sie hatte ein großes Fell ausgelegt, auf dem sie gemütlich Platz fanden. "Das war ein guter Tag.", fand Alaryah und ließ den Kopf auf Jaros Schulter fallen. Dann hielt sie ihm den Becher zum Anstoßen hin, während das Feuer laut knackte.

Jaro Ballivòr
zum ersten Mal verkrampfte Jaro sich nicht völlig, als Alaryah sich bei ihm anlehnte. Stattdessen schob sich ein Lächeln auf seine Lippen und er stieß seinen Krug gegen ihren. "Das war er... ist er noch immer." Den Blick unfokussiert auf die Flammen gerichtet, nippte er an dem Wein. Er war herber als die Fruchtweine, ohne aber bitter oder schwer zu sein. Eine sanfte Holznote begleitete seinen Geschmack, etwas, das Jaro bislang nur als Geruch gekannt hatte. "Das schmeckt...", einen Moment lang suchte Jaro nach Worten, "teuer", sagte er dann lachend, denn genau das traf zu. Vorsorglich stellte er den Krug neben sich, um nicht zu schnell zu trinken. Einen Wein wie diesen, sagte ihm sein Gefühl, trank man gemächlich. Sein Blick glitt über die Lichtpunkte der umliegenden Hütten und Verandas. Der Anblick war unwahrscheinlich beruhigend. "Stell dir einmal vor, wir wären hier zu Hause", sprach er ein plötzliches Gedankenspiel aus. "Bei gutem Wetter könnten wir immer hier außen sitzen, ein Feuer entzünden und die Beine ausstrecken..." Auch jetzt löste er den Schneidersitz und drückte die Knie durch. "Uh... ich glaube, das gibt einen furchtbaren Muskelkater. Aber ich will micht nicht beschweren!", fügte er schnell an. "Ich finde es toll, dass du dir die Zeit nimmst und mit mir trainierst." Wie von Zauberhand fand der Krug den Weg in seine Hand. Alaryah legte einen Scheit nach und das Feuer knisterte zustimmend, verströmte von Neuem den aromatischen Duft brennenden Nadelholzes. "So sehr ich mich freue, sie wieder zu sehen, hoffe ich doch, dass Kirona noch ein wenig zu tun hat", gab Jaro zu. "Dann können wir noch ein paar Tage hier bleiben. Wir können gemeinsam trainieren und einfach ein wenig ausspannen." Plötzlich wünschte Jaro sich nichts sehnlicher, als an Ort und Stelle sitzen zu bleiben. Ihre Aufgabe war erfüllt, vielleicht hatten sie das Grauen endgültig hinter sich gelassen. An einem Abend wie diesem, mit angenehmer Erschöpfung in den Gliedern, einem vollen Magen und einem vom Wein gelösten Geist, traute Jaro sich daran zu glauben.

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