Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Bluthexer auf Abwegen

Obenza 1077.
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Tekuro Chud

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Bluthexer auf Abwegen

#1

Beitrag von Tekuro Chud » Do 11. Jul 2019, 21:19

Bluthexer auf Abwegen



1

'Was gibt`s', fragte die Stimme am anderen Ende der Leitung mit gereiztem Unterton.
„Hallo, Tek, hier ist Marlin“, grüßte sein jüngerer Verwandter. „Ich weiß, du bist sauer, weil ich mich so lange nicht gemeldet habe. Hörst du mir trotzdem zu?“
'Du bist wie dein Urahn, der missratene Mako, der sich mein Sohn schimpft. Kein deut besser, hält es seit 124 Jahren nicht für nötig, sich zu melden. Eure ganze Linie hätte aussterben sollen, nur Sorgen. Ledwickerblut ist kaltes Blut, ihr wart von Anfang an verseucht. Wo treibst du dich rum?'
„Ich bin hier in Obenza in einer Kneipe. Aber ich gedenke, heute Abend wieder nach Hause zu kommen.“
Diese Zauberworte stimmten Tekuro in der Regel milde, völlig gleich, wie lange man sich unerlaubt in der Weltgeschichte herumgetrieben hatte.
'So?', fragte der andere Vampir versöhnlich. 'Ich werde jemanden schicken, der dich abholt. Wo genau bist du, ich lasse alles vorbereiten. Gehe ich recht in der Annahme, dass es ein gewisses Kellerlokal für einsame Leute ist? Mit Flieder als Firmenfarbe? In Obenza gibt es nichts, was ich dir nicht nach Carnac holen könnte. Wir veranstalten ein Festessen zu deiner Heimkehr. Irgendwelche Wünsche?'
Marlin grinste. So streng Tekuro auch war - sobald es darum ging, die verlorenen Schäfchen nach Hause zu führen, ließ er sich nicht lumpen. Fürs Fortlaufen wurde man bestraft, wenn er einen unterwegs erwischte, niemals aber fürs Nachhausekommen. Die Tore des unterirdischen Reiches standen für die Familie stets offen, sogar für die Nachkommen seines ältesten Sohnes. „Ich habe eine Bitte, Tekuro.“
Verärgertes Schweigen, dann: 'Lass mich raten. Davon, ob ich sie dir gewähre, hängt ab, ob du heute heimkehrst. Eure Linie ist hinterhältig und mies, dabei hast du nicht mal die dummen blonden Haare von Mako geerbt, sondern anständiges Schwarz. Ich hatte wirklich geglaubt, aus dir würde trotz deiner Abstammung ein ordentlicher Beißer werden. Jetzt spuck`s schon aus und dann sehen wir, ob ich etwas für dich tun kann.'
„Ich habe hier einen Sklaven. Den möchte ich mitbringen und behalten. Nicht als Konserve, sondern einfach so.“
'Verstehe, ein Spielgefährte. Beschreibe ihn mir. Ist doch ein Er, oder?'
„Oh ja“, schmachtete Marlin und betrachtete seinen Begleiter, der neben ihm sitzend einen Tee trank. Während er selbst optisch etwa dreißig war, vom nächtlichen Schwimmen muskulös, sah sein neuer Freund aus wie ein Mittvierziger, der einen Reaktorunfall überlebt hatte. Er war blass und haarlos mit einem schlanken, weichen Körper. Sein weißes Fleisch war hundertfach gezeichnet von Instrumenten des Schmerzes. Marlin las die Botschaften seiner Haut wie ein offenliegendes Buch. Er wusste, was dieser Mann brauchte und fand ihn wundervoll.
„Er ist älter als ich, hat Glatze und unwahrscheinlich viele Narben, aber es ist es nicht allein sein leckeres Aussehen. Er hat das gewisse Etwas, du weißt, wovon ich spreche, weil du das Gleiche spürst. Ich brauche diesen Mann in meinem Bestand, Tekuro, ich muss ihn besitzen! Er ist sogar Souvagner, so wie du früher. Sag ja!“
'Ein kahler Souvagner voller Narben?' Tekuros Stimme wurde zum Ende hin lauter und Marlin hörte eine Tonlage, die er nur selten von dem fast 900 Jahre alten Vampir vernahm: Angst. 'Trägt er eine Rote Robe?'
„Äh, ja. Woher weißt du das?“
'Marlin, hör mir genau zu, du darfst nun keinen Fehler machen. Der Kerl, den du dir geangelt hast, ist ein Bluthexer. Sie sind ein Orden von Magiern, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Untote zu jagen. Sie sind religiöse Fanatiker, die sich für vollkommener halten als ihren eigenen Gott. Sie sehen sich als dazu auserkoren, Ainuwars fehlerhaftes Werk zu korrigieren. Und einer dieser Fehler sind wir. Als was auch immer der Mann an deiner Seite sich ausgibt, er ist nicht dein Sklave, nicht dein Freund, nicht dein Spielgefährte. Er ist dein Tod! Sieh zu, dass du ihn so schnell wie möglich loswirst, ohne ihn zu provozieren. Gib ihm immer Recht, kritisiere ihn nie. Mach keine abfälligen Bemerkungen über seine Religion. Verschwinde da, Marlin!'
Marlin grinste noch immer. „Tekuro, ich hatte eine Bedingung gestellt. Er ist letzten Endes nur ein Mensch, egal ob Hexer ist oder nicht. Du vergisst, über welche Fähigkeiten wir Söhne und Töchter der Schatten verfügen. Als ich sagte, ich brauche ihn, war das eine klare Ansage. Wenn ich ihn nicht mitbringen darf, sehe ich keinen Grund, nach Hause zu kommen.'
'Marlin', rief Tekuro nun mit unterdrückter Hysterie. 'Das ist kein Spaß! Du bist ein Vampir, aber du bist nicht unsterblich. Der demontiert dich!'
Marlin lachte, schüttelte den Kopf und legte auf. Er würde es später noch einmal versuchen. Ein wenig Funkstille bewirkte bei Tekuro oft wahre Wunder. Er schob das Handcom in die Hosentasche und widmete sich wieder Fulcaire, der gerade den Teebeutel aus seiner Tasse hob. Marlin zog ihm die rote Kapuze in den Nacken und küsste seine Glatze, die so zerfurcht war wie die Kraterlandschaft der beiden Monde.
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Re: Bluthexer auf Abwegen

#2

Beitrag von Oliver Vallis de Souvagne » Do 11. Jul 2019, 21:20

2

Oliver und Audric hatten gerade den Tee serviert bekommen, den sie sie bestellt hatten, als die souvagnische Nationalhymne durch das Lokal dudelte. Oliver zog das Handcom aus seiner roten Robe und blickte darauf, ohne abzunehmen.
„Das ist die Vorwahl vom Tempel“, wunderte er sich, ehe er abnahm. Das Gedudel verstummte. „Ja?“ Als er die Stimme erkannte, wurde sein sonst so hartes Gesicht zunächst sanft, ehe es sich wieder verfinsterte. „Hm, ja.“ Er nickte und spielte mit dem Löffelchen, das zu dem Teeservice gehörte. „Richtig, ich bin in Obenza. Eine private Angelegenheit, Bruder Audric ist bei mir … ja, genau. Hm, verstehe. Ja, Audric kann kämpfen. Ich für meinen Teil bin etwas aus der Übung, aber ich besitze eine Barrinetta, einen Multifunktionskampfstab. Die kann sogar Kaffee kochen.“ Audric schaute neugierig, aber musste sich noch eine Weile in Geduld üben, bis Oliver sich verabschiedete mit den Worten: „Wir tun, was wir können. Es war schön, von Euch zu hören, trotz des besorgniserregenden Anlasses. Ich halte Euch auf dem Laufenden, Bruder. Bis später.“ Er packte das Handcom ein und starrte Audric aus seinen blauen Augen an. Zusammen mit den schwarzen Tätowierungen im Gesicht verliehen sie ihm ein sehr markantes Aussehen, das ihn als Hexenmeister des Blutes auswies. „Es war Bruder Nethlee!“
„Der Behüter?“
„Genau der! Bruder Fulcaire hat ihm vor wenigen Augenblicken eine Nachricht geschickt.“
„Woher hat Fulcaire denn die Nummer von Nethlee?“, wunderte Audric sich. „Die Behüter leben doch abgeschottet, die haben da unten nicht einmal Empfang.“
„Dito, mir war bislang unbekannt, dass Nethlee überhaupt über eine Nummer verfügt. Jedenfalls hat er mich kontaktiert, weil wir diejenigen sind, die am nächsten an Fulcaire dran sind. Der Bruder ist hier in Obenza und hat einen Vampir an der Angel.“
„Dann soll er ihn demontieren.“ Audric zuckte mit den Schultern. „Und wenn er das nicht packt, ihm einen Mentalschlag verpassen, das genügt in der Regel, um die Brut auf Abstand zu halten. Es wird ja nicht ausgerechnet ein Urvampir sein.“
„Da liegt das Problem. Ich kenne Fulcaire seit Kindertagen, er war der Schlechteste unseres Jahrgangs. Vermutlich sogar der Schlechteste in zehn Jahrgängen oder der schlechteste Bluthexer überhaupt. Er ist nie über den Rang eines Novizen hinausgekommen, er hat nicht einmal den Adeptenabschluss geschafft. Der Kerl ist so alt wie wir beide und hat noch den ersten Magiergrad inne! Wenn du ihn siehst, wird dir auffallen, dass sein Körper frei von Tätowierungen ist.“
„Wie bitte?“ Audric hob erstaunt die Brauen. Die blauen Tätowierungen um seine Augen herum, die an eine Sonnenbrille erinnerten, zogen sich in die Höhe. Keine zwei Bluthexer trugen die selben Muster, aber anhand des Stils erkannte man dennoch ihre Spezialisierung. Audric war kein Vampirjäger. Er war zwar Kampfmagier, aber er schützte die Novizen, die seiner Obhut anvertraut waren.
Audric musste nach Kenntnisnahme der Nachricht erst einmal einen Schluck Tee zu sich nehmen. „Ich hätte nicht geglaubt, dass man überhaupt durch die Adeptenprüfung fallen kann, ich dachte immer, sie wäre so gestaltet, dass jeder durchgeschliffen wird. Mal ehrlich, Novizen – das sind die ganz kleinen Brüder, unser Nachwuchs! Fulcaire ist vierundvierzig, wenn er dein Jahrgang war!“
„Bruder, ich sage es nur ungern, aber Fulcaire muss an seiner Vollkommenheit noch ein wenig feilen. Brechen wir auf.“
Beide stürzten ihren Tee herunter, Oliver legte die exakte Summe ohne ein Trinkgeld auf den Tisch, ehe sie es zu Fuß verließen.
„Nethlee muss extra für die Kontaktaufnahme durch die Schleuse getreten sein.“ Oliver ließ das Thema nicht los. „Was eigentlich unzulässig ist, die Behüter dürfen den geschützten Bereich niemals verlassen. Was wiederum heißt, dass er mit einer Nachricht von Fulcaire gerechnet hat – alles in Ordnung mit dir?“
Audric war stehen geblieben und stützte sich an einer Laterne ab. „Mir ist komisch. Der Tee muss verdorben gewesen sein.“
„Er war aus Leichenteilen gemacht, ich habe doch gesagt, dass das in dem Beutel zerstückelte Pflanzenmumien sind und keine Instantkrümel. Ich hätte dafür nicht bezahlen dürfen. Diese vermaledeiten Ungläubigen, mein Schädel!“
Oliver wankte. Audric, der sich an der Laterne festhielt, riss ihn an der Robe zu sich heran, damit er nicht stürzte. Wie zwei Betrunkene wankten sie Arm in Arm durch die schmutzigen Gassen am Grunde der Häuserschluchten. Nach zwei Kreuzungen begannen sie, den Morgenchoral ihres Ordens zu grölen.

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Tekuro Chud

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Re: Bluthexer auf Abwegen

#3

Beitrag von Tekuro Chud » Do 11. Jul 2019, 21:21

3

„Keine Angst“, sagte Marlin und strich mit den Fingern über Fulcaires Halsschlagader. Seine Hände waren für einen Vampir ungewöhnlich stark gebräunt, da er auch zu Lebzeiten schon einen bronzenen Teint besessen hatte. Der Hals seines neuen Sklaven hingegen war weiß wie Schnee. Nur war dieser Schnee nicht eisig, sondern fühlte sich heiß an für die kalten Finger des Vampirs und er spürte das leichte Beben bei jedem Herzschlag. Marlin wollte seine Lippen darauf pressen und das Pulsieren des Blutflusses spüren.
Als er mit dem Mund an ihn heranging, sprach Fulcaire zittrig: „Ein Biss wäre deinem Wohlbefinden sehr abträglich. Ich bin giftig!“
Marlin lächelte nachsichtig und richtete sich wieder auf. „Dir geht es zu schnell? Ich werde dich nicht beißen, noch nicht. Zunächst musst du dich vor Tekuro bewähren, ehe er die Genehmigung dazu erteilt, dich in einen der unseren zu verwandeln. Würde ich das ohne seine Zustimmung tun, müsstest du dich von Carnac fernhalten, da er dich sonst tötet. Minderwertige Vampire haben für ihn keine Daseinsberechtigung, sie sind unnötige Konkurrenz bei der Jagd. Also müssen wir ihn davon überzeugen, dass du es wert bist.“
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Re: Bluthexer auf Abwegen

#4

Beitrag von Oliver Vallis de Souvagne » Do 11. Jul 2019, 21:22

4

„Wollüstiger Abschaum“, rief Oliver und schlug mit der Barrinetta in die Luft. Die Köpfe der leichten Mädchen explodierten der Reihe nach wie platzende Straßenlaternen. Ihre Körper klatschten auf den feuchten Rinnstein. Einige Passanten rannten davon, doch manche schauten nur gelangweilt, während sie an ihrer Rauchstange sogen und ihren eigenen schmutzigen Geschäften nachgingen. In Obenza war ein Mord auf offener Straße nichts Ungewöhnliches. Es war eine Nebenwirkung der absoluten Freiheit, in der sich alles selbst regulierte ohne eine einschreitende Ordnungsmacht eines Staates. Inmitten von Naridien hatte der Hohe Rat die Kontrolle über die einstige Handelsstadt verloren. Hier regierte nur noch das Verbrechen. Für die Bluthexer, die der souvagnischen Krone dienten, war es ein Grund mehr, diesen Stadtstaat und seine Bewohner zu verabscheuen. Bluthexer waren unfehlbar – ihr Gott war es nicht. Er erschuf auch solche Orte, die der regulierenden Macht seiner Jünger bedurften, damit das Übel sich nicht verbreitete wie ein wuchernder Schimmelpilz.
„Volltreffer!“, lobte Audric und torkelte gegen eine Hauswand, wo er auf wackeligen Beinen stehen blieb. „Lass mich auch mal!“
Oliver reichte ihm seinen Kampfstab. Audric zielte, die Barrinetta gab eine Folge von Pieptönen von sich und dann blinkten einige Lämpchen. Schießen tat sie nicht. Beide beugten sich darüber.
„So sehr ich diese Waffe liebe, aber diese komplizierten Einstellungsoptionen treiben mich noch in den Abgrund«, murrte Oliver. »Vermutlich hat Pierre sie wieder verstellt. Dank des Interkoms kann er sie für mich auch aus der Ferne einstellen, weil ich mich mit Technik nicht so gut auskenne. Das letzte Mal hatte er sogar den Antimateriestrahl deaktiviert. Das wäre jetzt in dem Moment allerdings unerfreulich, weil er die mächtigste Funktion ist und die brauche ich später. Lass mal sehen.“
Die Anzeige auf dem Display ergab keinerlei Sinn. Die Bluthexer wurden von einem Lachkrampf geschüttelt, ehe Oliver wieder einfiel, warum sie überhaupt hier waren.
„Wo ist nun eigentlich dieses vermaledeite Sexmuseum? Die Hochhäuser sehen alle gleich unzüchtig aus. Die phallische Architektur von Obenza ist geschmacklos.“
„Wahrscheinlich liegt das Museum im höchsten Turm“, sprach Audric, während er an der Barrinetta herumstellte, die nun mit einer geschlechtsneutralen Computerstimme den Wetterbericht leierte. „Oder im tiefsten Loch.“
Die Bluthexer in ihren Roben boten einen gar unwürdigen Anblick, als sie sich vor Lachen krümmten. Dieser Tee musste wahrlich des Rakshors gewesen sein. Audric stützte sich haltsuchend auf die Barrinetta, die in diesem Moment losfeuerte. Eine Reklametafel erlosch unter bunten Blitzen und stürzte halb von ihrer Verankerung. Nur noch an einer Ecke hängend, baumelte sie brutzelnd und Funken schlagend von der Hauswand. Audric zielte auf die letzte Befestigung und traf. Das Schild kam herunter und zerquetschte einen Drogendealer und seine beiden Kunden.
„Drei auf einen Streich!“ Oliver grinste breit. „In einer gottlosen Stadt wie dieser ist jeder Treffer ein guter Treffer. Mal sehen, ob ich das überbieten kann.“ Er hielt nach einem lohnenswerten Ziel Ausschau.

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Re: Bluthexer auf Abwegen

#5

Beitrag von Tekuro Chud » Do 11. Jul 2019, 21:23

5

Nervös schaute Fulcaire zur Tür der Kneipe und fragte sich, wo die Verstärkung blieb, die Nethlee ihm zugesichert hatte. Einen Kampfmagier und einen Hexenmeister hatte er ihm versprochen, wo blieben die Brüder? Der Vampir wurde immer zudringlicher. Er raspelte Süßholz, dass es Fulcaire die Röte ins bleiche Gesicht trieb und er sich fragte, was an diesen Kerlen eigentlich so gefährlich sein sollte. Marlin erschien ihm schlimmstenfalls unangenehm. Er wollte auf das Handcom schauen, doch der Vampir nahm es ihm aus der Hand und betrachtete das Display.
„Wer ist dieser Nethlee? Dein Stecher?“ Er schaltete das Handcom aus. „Du brauchst ihn nicht mehr, du hast nun mich. Ich verpasse dir schönere Narben als dein alter Meister, er hatte keinen Geschmack, du siehst aus wie durch den Fleischwolf gedreht. Symmetrische Narben, ästhetisch wertvoller Machart. Gefallen dir meine Tätowierungen? Vielleicht so in der Art? Zeig deine Brust her.“
Mit verträumtem Blick machte Marlin sich daran, ihn aus der Robe zu pellen. Fulcaire hätte nichts dagegen, wenn die beiden anderen Bluthexer endlich aufkreuzen würden. Wenn er jetzt aufstand, um zu fliehen, würde der Vampir ihm hinterherkommen und dann wussten die Ordensbrüder nicht, wo sie ihn suchen sollten.
Fulcaire löste Marlins Hand mit vornehmer Geste, bei der er den kleinen Finger abspreizte. „Ich habe noch nicht meinen Tee ausgetrunken. Und diese Narben hat mir nicht Nethlee verpasst, sondern ich selbst!“
Marlin fegte die Teetasse kurzerhand vom Tisch. Sie schoss quer durch den Raum und platzte an der Wand. „Ah, so einer bist du“, raunte er erregt. „Zu zweit macht es noch viel mehr Spaß. Schmerzen kann ich dir schenken, so viel du brauchst. Kostprobe gefällig? Lass uns zu den Toiletten gehen.“
Er stand auf und zog Fulcaire an der Robe mit sich.
„Hilfe“, brüllte der Bluthexer, doch die Sicherheitsleute schauten nur. Marlin war derjenige, der alle Rechnungen für sie beide entgegennahm. Sie würden ihm nicht die Tour vermasseln. Einen Moment noch gelang es Fulcaire, sich am Türrahmen festzukrallen, dann warf Marlin ihn sich wie einen roten Sack über die Schultern und schleppte ihn in Richtung Toiletten. Auf dem Tisch klingelte unbeachtet Fulcaires Handcom.
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Re: Bluthexer auf Abwegen

#6

Beitrag von Oliver Vallis de Souvagne » Do 11. Jul 2019, 21:25

6

„Er geht nicht ran.“ Oliver wollte das Handcom in die Robe stecken, doch es fiel ihm auf den Boden, rutschte über den Rinnstein und genau in ein Gulliloch. Weg war es. Betreten schaute Oliver auf das Loch, in dem es verschwunden war. Dann brachen sie zeitgleich erneut in Gelächter aus.
Audric musste sich vor Lachen hinhocken, sonst wäre er gestürzt. Und wie er da hockte, fiel sein Blick auf ein aufgeweichtes Werbeprospekt. „O-Oli“, japste er, um Beherrschung ringend. „Hier ist die Adresse!“
Oliver wischte sich die Tränen weg. „Von dem Laden, in dem Fulcaire hockt?“
„Von dem Sexmuseum!“
Oliver starrte ihn an wie vom Donner gerührt. Sein Lachen erlosch zusammen mit seinem Grinsen. „Bruder“, sprach er ernst. „Der Vampir muss warten.“
Vielleicht wäre die Entscheidung anders ausgefallen, wenn die Bluthexer nüchtern gewesen wären. Audric gab die Adresse in sein eigenes Handcom ein und die beiden ließen sich zu der berüchtigten Sehenswürdigkeit lotsen.
Am Eingang schaute eine fliederfarben gekleidete Dame die beiden Männer in ihren knöchellangen Ordensgewändern amüsiert an. „Ich wusste nicht, dass Mönche sich auch für unsere Ausstellung interessieren. Oder handelt es sich um bloße Recherche?“ Sie zwinkerte anzüglich. „Darf ich Sie bei dieser Gelegenheit auf unsere Bar im Kellergeschoss hinweisen? Neun von zehn Gästen gehen hinterher nicht allein nach Haus und das ganz ohne versteckte Zusatzkosten.“
„Ich bin verheiratet! Wie kannst du es wagen, mir solch einen Vorschlag zu unterbreiten?! Wir sind keine Mönche“, brüllte Oliver und richtete die Barrinetta auf sie. „Wir sind Bluthexer! Wir haben Ehepartner und wir haben Sex, dessen Reinheit ihr mit dieser unzüchtigen Einrichtung gefährdet!“
Die Spitze des Kampfstabs erglühte, ein leuchtender Strahl schoss daraus hervor und eine Sekunde später war von dem Tresen nichts weiter mehr übrig als ein schwarzer, keilförmiger Fleck, an dessen Spitze die beiden Bluthexer standen. Audric, der die Geldkatze gezückt hatte, um den Eintritt zu bezahlen, steckte sie schulterzuckend wieder ein. Dann wankten sie nebeneinander ins Innere. Um seinem Ordensbruder zu helfen, zückte Audric seine kleinkalibrige Handfeuerwaffe. In den Ausstellungssälen explodierten die Exponate. Besonders auf die Monitore hatte Oliver es abgesehen. Er zielte sorgfältig auf eine exorbitant widerliche und großformatige Darbietung.
In dem Moment klingelte Audrics Handcom. „Es ist dein Mann, soll ich rangehen?“
Oliver keuchte wütend, da er sich eigentlich gerade seinem Zorn hingeben wollte. Dann aber besann er sich und hielt die Hand auf. Audric legte das Handcom hinein.
„Ja, Pips?“, fragte Oliver liebevoll. Um ihn herum rauchte und qualmte es, während Audric weiter schoss.
'Alles in Ordnung bei euch? Der Tempel des Blutes hat mich kontaktiert, weil sie weder euch noch einen Ordensbruder erreichen, den ihr wohl retten solltet.'
„Wir wurden aufgehalten“, sprach Oliver nervös. „Aber mit uns ist alles in Ordnung. Wir müssen los, bis später. Hab dich lieb, Schatz.“
'Ich dich auch, passt auf euch auf!'
„Ja, Liebling. Kuss.“
'Kuss!'
Die Verbindung wurde unterbrochen.
Aufgebracht blickte Oliver Audric an. „Dieser Sündenpfuhl muss warten. Fulcaire geht nicht mehr an sein Handcom. Wie konnten wir uns nur ablenken lassen! Die Macht dieses Gebäudes ist erschreckend.“
Sie zerschossen auf ihrem Weg zurück zum Eingang noch schnell ein Regal mit Zeitschriften. Nicht nur das Regal, sondern auch die Wand dahinter wurde von der Barrinetta zerfetzt. Auf Obenza schneite es Fetzen voll unzüchtig bedruckten Hochglanzpapiers.
„Druckerpressen sind des Rakshors“, knurrte Oliver. „Man hätte den Buchdruck von Anfang an verbieten sollen. Es war absehbar, dass die Unwissenden auch diese Erfindung pervertieren würden.“
„Oder die private Nutzung untersagen und Druckerpressen den Tempeln des Blutes vorbehalten, um unser Wort zu verbreiten.“
„Oh, ja“, sinnierte Oliver. „Wir bräuchten eine Abteilung, die unsere Lehren auf korrektem Wege an die Unwissenden bringt und solche Nester wie dieses hier aushebt. Eine Art Wächter der guten Sitten. Hüter des Glaubens.“
„Bekämpfer der Unwissenheit, Bestrafer der Unwürdigen“, fuhr Audric fort.
„Die Geißel der Ungläubigen“, bekräftigte Oliver.
„Geißel ist gut! Schau mal auf die Uhrzeit.“
Oliver tat es und riss erschrocken die Augen auf. „Zeit für die Kasteiung! Suchen wir uns einen geeigneten Raum.“

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Re: Bluthexer auf Abwegen

#7

Beitrag von Tekuro Chud » Do 11. Jul 2019, 21:27

7

Fulcaire spreizte Arme und Beine, damit er nicht durch die Tür der Kabine passte.
„Komm schon“, neckte Marlin. „Sei lieb und geh da rein.“ Er kitzelte ihn unter den Achseln.
„Ich bin immun gegen die Qualen des Fleisches“, rief Fulcaire. Und in der Tat mühte der Vampir sich vergebens, ihn durch Kitzeln dazu zu bringen, den Holzrahmen loszulassen. „Du kannst mir keine Pein zufügen, die mich dazu bringen würde, mich deinem Willen zu fügen, Sohn der Finsternis. Mein Fleisch ist die Festung meines Geistes!“
„Ja, da stehst du drauf, wenn dich einer quält“, gurrte der Vampir. „Aber nicht hier, die Freuden solcher Spiele sparen wir uns für Carnac auf, da haben wir die passende Ausrüstung und kuschelige Räume in ewiger Dunkelheit.“
Fulcaire krallte sich so fest, dass seine Knöchel hervortraten. Er machte sich so sperrig, wie es nur ging. „Und warum stopfst du mich dann hier herein?“
„Die versprochene Kostprobe, mein störrisches und verspieltes Böckchen. Jetzt sei brav und füg dich. Ich tu dir auch ein bisschen weh.“
In dem Moment dröhnte Chrom Vanadium aus Marlins Hosentasche. Diese Musik erklang immer dann, wenn Tekuro anrief, der jedem gern erzählte, dass er den Sänger kannte. Marlin ließ von Fulcaire ab und ging ran. „Ja?“
'Marlin', keuchte Tekuro. 'Geht es dir gut? Ich bin in Obenza. Wo kann ich dich abholen? Im Lavish Lavender?'
Marlin rollte genervt mit den Augen. „Gar nicht, wir haben uns gerade zum Spielen zurückgezogen. Es sei denn, du hast es dir überlegt.“
'Junge, nimm Vernunft an', brüllte Tekuro. 'Der Kerl macht dir schöne Augen und dann reißt er dir die Seele aus dem Leib!'
Marlin wurde wütend. „Ich verstehe, du gönnst mir nicht, dass ich glücklich werde! Wie war das mit deinem Patti damals? Der hängt dir nach all den Jahrhunderten zum Hals raus, ihr habt euch nichts mehr zu sagen und du kannst seinen Arsch nicht mehr sehen! Ezio geht dir auch inzwischen nur noch auf den Wecker, sonst hättest du nicht zugelassen, dass Johnny sich an dich ranwanzt, nicht wahr? Aber dass ich hier den ersten Mann habe, den ich mir von ganzem Herzen als Sklave wünsche, das kannst du nicht ertragen! Es erinnert dich an das, was du verloren hast!“
'So ein Blödsinn! Patti kriegt alle dreißig Jahre einen neuen Arsch samt neuem Körper spendiert und Ezio dient mir so zuverlässig wie eh und je. Komm nach Hause, Junge! Such dir einen anderen Sklaven, irgendeinen, ich schwöre dir, ich lass dir freie Hand bei der Auswahl. Aber keinen Bluthexer! Wo muss ich landen, zum Abgrund!'
„Du kannst mich mal.“ Marlin legte auf. Als es erneut klingelte, schaltete er auf lautlos.
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Re: Bluthexer auf Abwegen

#8

Beitrag von Oliver Vallis de Souvagne » Do 11. Jul 2019, 21:27

8

Was Ungläubige anbelangte, kannten die beiden Bluthexer heute noch weniger Gnade als sonst. Wie gut, dass in Obenza jeder sich selbst der Nächste war. Hier hing die eigene Sicherheit davon ab, ob man die Schutzgeldzahlungen pünktlich lieferte oder sich genügend Söldner leisten konnte. Das Sexmuseum war allem Anschein nach zu geizig gewesen, was diesen Aspekt der Personalplanung anbelangte. Den zwei Bluthexern im Rausch des gerechten Zorns – und dem Rausch des zweifelhaften Tees – hatten sie nichts entgegenzusetzen. Eine Barrinetta war keine Waffe, die es an jeder Straßenecke gab. Die beiden Bluthexer knieten nach der Reinigung von Personal des oberen Gebäudeteils mit nackten Oberkörpern auf dem blanken Boden. Eine Abstellkammer bildete den provisorischen Ritualraum.
Normalerweise schwieg man während der Selbstgeißelung, von eventuellen Schmerzenslauten oder Gebeten abgesehen, doch heute sah Oliver sich gezwungen, die rituelle Einkehr zu unterbrechen. „Bruder“, keuchte er und ließ seine zwölfschwänzige Geißel sinken.
Auch Audric unterbrach die Kasteiung. „Ja?“
Von ihren Rücken liefen Rinnsale von Blut.
„Dieser Ort ist verflucht. Bei jedem Schlag muss ich an meinen Pips denken, als ob seine liebende Hand es wäre, welche die Geißel führt.“
„Gegenseitige Geißelungen festigen die Paarbindung“, versuchte Audric, ihn zu beruhigen.
Oliver schüttelte den Kopf. „Das ist es nicht. Ich verspüre Verlangen bei den Schlägen, ein niederes Gelüst wie einer der Gemeinen, welche die Kasteiung pervertierten, so wie sie das mit allem taten. Der meditative und reinigende Effekt bleibt heute aus, stattdessen werden meine Gedanken noch schmutziger!“
Audric steckte seine eigene Peitsche zurück in den Gürtel und stand auf. Nachdenklich betrachtete er Olivers Rücken, auf der Suche nach dem Fehler in dessen Geißelungstechnik. „Hm, vielleicht ist die Kasteiung zu milde in Anbetracht der enormen Häresie, von der wir hier in Obenza umgeben sind. Darf ich dir helfen?“
„Ich bitte darum. Salz wäre eine Möglichkeit.“
„Gute Idee. Die reinigende Wirkung von Salz ist bekannt. Zum Glück habe ich welches in weiser Voraussicht mitgenommen. An einem Ort wie diesem kann man nie genug davon haben.“
Audric gab auf seine Hand einen großzügigen Berg grobkörniger Salzkristalle. Er kniete sich hinter Oliver, gab einen Teil des Salzes auf die andere Hand und legte dann beide auf die Schulterblätter seines Ordensbruders. Oliver ächzte und Audric verrieb das Salz kräftig, so dass ihm der Rücken regelrecht geschmirgelt wurde. Oliver krümmte sich einen Moment vor Schmerzen und wollüstiger Ekstase, dann sprang er auf die Füße und flüchtete in eine Ecke, wo er keuchend verharrte.
„... des Abgrunds“, japste er. „Gib mir dein Handcom.“
Audric rechte es ihm und er rief rasch seinen Mann an. „Pips“, stöhnte er. „Ich muss deine Stimme hören, ich vermisse dich, ich brauche dich, du bist mein Ein und Alles!“
'Ich werde Euch weiterreichen', sprach eine pikierte Stimme, die ganz und gar nicht zu Pierre gehörte.
„Wer ist da“, bellte Oliver.
Im nächsten Moment hatte er seinen Mann am anderen Ende der Leitung. 'Ja, Liebling?'
„Wer war die kleine Sackratte“, brüllte Oliver außer sich. „Und wieso geht er an dein Handcom?“
'Bitte beruhige dich. Das war Enzo Chaterde von den Tuteurs, er hat gerade die Barricade aktualisiert und einen neuen Treiber heruntergeladen.'
„Barricade?“
'Den Blocker, die Kindersicherung gegen unanständige Werbung. Du hattest mich darum gebeten.' Oliver hörte, dass Pierre schmunzelte.
„Hm, ja. Gut, dass du endlich daran gedacht hast. Wir haben uns soeben versucht zu geißeln, aber es ist etwas schiefgelaufen dabei. Ich spüre ein entsetzliches Verlangen nach dir. Alles ist viel intensiver als sonst und bis vor der Kasteiung haben wir andauernd Lachanfälle bekommen, ich wette das liegt an diesem Pflanzentee.“
'Pflanzentee?', fragte Pierre alarmiert. 'Oli, steht ihr unter Drogen? In was für einem Lokal wart ihr? Und was ist mit Fulcaire?'
„Mit Ful … oh. Ach ja.“ Oliver blickte fragend zu Audric herüber. Der zog ein schuldbewusstes Gesicht. „Wir brechen sofort auf!“
'Gar nichts tut ihr. Oli, ihr seid nicht Herr der Lage, du redest wirr! Wartet dort, wo ihr seid, ich komme rüber.'
„Zweifelst du an meiner Vollkommenheit?“, brüllte Oliver. „Du bleibst, wo du bist!“
'Zu spät. Ich habe deine Koordinaten gerade meinem Piloten übermittelt. Du bist … Oli! Sehe ich das richtig?' Pierre feixte. 'Ihr zwei seid im Sexmuseum?'
„War klar, dass du die Koordinaten sofort wieder erkennst, du hast ja auch die Platinkarte! Ich äschere das Ding ein, scheiß auf Fulcaire, hier geht es um meine Ehe! Die sollen wen anderes schicken, ich war nicht wegen ihm hier in dieser Drecksstadt!“
„Die Schwachen werden für ihre Schwäche bestraft“, bekräftigte Audric.
'Ihr beide seid auf irgendwelchem Kraut, ihr seid doch sonst nicht so eigensüchtig. Was wummert da im Hintergrund, hört ihr jetzt auch noch Chrom Vanadium?'
„Diesen naridischen Dreck? Natürlich nicht.“ Oliver horchte auf. „Hier fliegt ein Aeromoto viel zu tief vorbei und mit überhöhter Geschwindigkeit, da kommt die Musik raus.“ Es krachte, der Boden schwankte und die Bluthexer stürzten.
'Alles okay?' rief Pierre erschrocken.
Audric rappelte sich als erster wieder auf und schaute aus dem Fenster. „Das war das Aeromoto. Es hat sich einen Weg durch die Wand gesprengt und ist durchgefahren. Es düst jetzt im Museum herum. Sieht aus, als ob es in den Keller will.“ Audric stockte, als seine magischen Sinne ihn alarmierten. „Der Fahrer ist ein Vampir!“
„Ein Vampir“, wiederholte Oliver aufgebracht. „Pips, ich muss Schluss machen und einen Untoten in den Taudis schleudern, bis dann! Hab dich lieb, Schatz!“ Er legte auf, diesmal ohne auf die Erwiderung zu warten. Dieser Vampir machte es ihnen leicht, sie brauchten nur der ohrenbetäubenden Musik zu folgen.

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Tekuro Chud

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Re: Bluthexer auf Abwegen

#9

Beitrag von Tekuro Chud » Do 11. Jul 2019, 21:28

9

„Es wird dir unter meinem Schutz gut gehen“, versprach Marlin und liebkoste Fulcaires nackten Fuß. Sein Spielgefährte saß inzwischen rückwärts auf dem zugeklappten Toilettendeckel und hatte die Beine angezogen, während der Vampir vor ihm auf dem zartlila Fliesenboden saß. „Du bist ein wundervoller Mann, schön wie der bleiche Mond, klug wie die Wölfe der Nacht und deine Narben sind wie die Pfade der Verheißung, die uns in höhere Sphären führen, wenn wir sie sorgsam anlegen.“
Er zog das widerspenstige Bein mit Gewalt lang und küsste es vom Fuß angefangen den Unterschenkel hinauf. Als er an der Kniekehle angelangt war, dröhnte auf einmal Chrom Vanadium durch den Sanitärtrakt, die Tür wurde weggesprengt und ein schwarzes Aeromoto rauschte um die Ecke herein. Es parkte im Schwebemodus bei laufendem Motor und der Fahrer sprang herunter. Da die Kabinentür offenstand, konnte Marlin alles sehen. Die Musik wurde herunter geregelt und der Fahrer zog den Helm ab. Schwarzes kurzes Haar, wie bei Marlin, doch das Gesicht war schärfer geschnitten, die Wangenknochen wirkten kantig. Die dunklen Augen waren schmal.
„Wusste ich doch, dass ich dich hier finde!“ Tekuros Mimik war nicht zu deuten, aber als er näherkam, verhielt er sich Fulcaire gegenüber sehr höflich. „Im Namen Milothirs und des Ältesten bitte ich um freien Abzug für diesen Sohn Carnacs“, sprach er auf Asameisch, was den Bluthexer erstaunt dreinblicken ließ. In der Regel sprach man in Obenza Rakshanisch. Tekuro kniete sich neben Marlin, so dass beide vor Fulcaire auf dem Boden hockten, der auf der Toilette saß und nicht wusste, was er tun sollte im Angesicht von so viel Unterwürfigkeit. Marlin lächelte zu ihm hinauf und gab ihm einen Schmatz auf die große Zehe.
Der Bluthexer grinste gequält. „Also wenn ihr mich sooo freundlich bittet … dann lasse ich euch gehen. Dieses eine Mal noch schenke ich euch das Leben. Hebt euch hinfort. Belästigt mich nie wieder, sonst werde ich eure Seelen in den tiefsten Taudis schleudern! Unwürdiger, küsse meinen anderen Fuß. Und preise meine Intelligenz, meine spirituelle Überlegenheit und meine Macht über euch niedere Geschöpfe.“
Er schob Tekuro den Fuß in den Mund, der ihn voll gespielter Inbrunst liebkoste.
In diesem Moment traten zwei weitere Bluthexer in den Trakt. Nun verging auch Marlin das glückselige Grinsen. Drei Bluthexer waren etwas anderes als einer. Und diese zwei wirkten sehr viel respekteinflößender als Fulcaire und waren bewaffnet. Erschrocken betrachtete er die beiden hochgewachsenen Gestalten, deren tätowierte Gesichter im Schatten der roten Kapuzen lagen. Es sah nicht aus, als wären sie auch zum Spielen gekommen.
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Re: Bluthexer auf Abwegen

#10

Beitrag von Oliver Vallis de Souvagne » Do 11. Jul 2019, 21:29

10

Oliver kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen bei der Szenerie, die sich ihnen bot. Auch Audric schien nicht zu wissen, ob er lachen oder weinen sollte. In einem fliederfarben ausgestatteten Sanitärtrakt, unter fliederfarbenem Neonlicht, saß Nethlee auf der Toilette und ließ sich die nackten Füße von zwei Vampiren küssen.
„Und dafür“, sagte Oliver, „hast du Alarm geschlagen. Hast Nethlee aus dem gesicherten Bereich herausgejagt, der vor lauter Sorge sogar meinen Mann anrief. Und hast meinen Rachefeldzug gegen das Sexmuseum unterbrochen. Dafür, dass du gleich zwei Vampire mit sichtlicher Leichtigkeit und Freude bändigst.“
„Sie sind überraschend kooperativ“, sagte Fulcaire und legte seine Füße auf den Köpfen der Vampire ab. „Das konnte ich nicht ahnen. Tekuro hier ist regelrecht höflich und hat nach seinem Erscheinen auch Marlin zur Einsicht gebracht, dass Unterwerfung die einzig angemessene Handlung ist gegenüber einem Bluthexer. Er spricht sogar Souvagnisch.“
„Asameisch“, korrigierte Oliver. „Wir sprechen Asameisch im souvagnischen Dialekt. Es ist keine eigene Sprache.“ Er war verärgert und daher in besonders rechthaberischer Laune.
Der ältere Vampir, den Fulcaire als Tekuro vorgestellt hatte, mischte sich nun ein. „Ich bin Souvagner wie Ihr. Wir bitten demütig um Gnade und um freien Abzug. Nie haben wir uns im Hunger an Landsmännern vergriffen und ich schwöre, dass wir keinen Ärger mit den Bluthexern wollen, wissen wir doch um Eure Macht und Unbesiegbarkeit. Eure Fähigkeit, Vampiren mit bloßer Magie die Seelen aus den Leibern zu reißen, ist weithin bekannt und man spricht den Namen Eures Ordens in Carnac voll Ehrfurcht aus. Ein Missgeschick nahm uns die Menschlichkeit, aber nie vergaßen wir, woher wir stammen. Wir verließen Souvagne schon vor Jahrhunderten, um nicht aus Versehen Schaden anzurichten.“
„Kein Problem“, sprach Oliver freundlich. „Wir sorgen dafür, dass du nie wieder eine Gefahr darstellen kannst. Demontage, Blutsauger!“ Sein Lächeln zog sich zu einem abgründigen Grinsen auseinander. Er streckte die Hand aus, als wolle er etwas Unsichtbares aus der Luft greifen, die Finger ausgestreckt und dann krümmten sie sich langsam, während er auf die Seele des Vampirs zugriff. Tekuros Schlitzaugen weiteten sich ungläubig, er riss den Mund zu einem stummen Schrei auf.
Da klingelte Audrics Handcom.
Der magische Griff erlosch gemeinsam mit Olivers Konzentration. Er ließ die Hand sinken. Genervt blickte er nach oben. Tekuro sackte keuchend auf allen vieren zusammen.
„Ja?“ Audric ging ein paar Schritte abseits. Aus der zerstörten Tür trat Pierre hervor, das Handcom am Ohr. Er lächelte und steckte es weg. „Hat sich erledigt, hab euch gefunden. Na, gerade fleißig am Demontieren, Oli?“ Er begrüßte ihn mit einem Kuss.
„Ich hatte alles im Griff“, rief Fulcaire dazwischen. „Bekanntlich sind Bluthexer unfehlbar.“ Er tätschelte die Vampire mit den Füßen. „Ich habe den beiden freien Abzug versprochen.“
„Bist du des Wahnsinns“, brüllte Oliver. Als ihm bewusst wurde, dass er soeben einen anderen Bluthexer in der Öffentlichkeit und unter Zeugen kritisierte, räusperte er sich und verschränkte die Hände über der Barrinetta. „Seid Ihr Euch sicher, Bruder?“, fragte er in normaler Lautstärke.
„Natürlich, ich bin vollkommen.“
„Seid Ihr Euch GANZ sicher?“, wiederholte Oliver deutlicher.
„Ja“, antwortete Fulcaire. „Ich habe zwei Vampire geknechtet und meinem Willen unterworfen. Wie es die Prüfung des dritten Grades verlangt.“
„Gut gewählter Prüfungsort“, murmelte Audric gerade laut genug, dass Fulcaire es hören konnte.
Oliver warf ihm einen Blick zu, der besagte, dass er den Ort für diesen Ordensbruder ebenfalls für angemessen hielt. Dass diese Vampire nicht als untote Marionetten fremdgesteuert waren, sondern nur aus Furcht knieten, weil sie seine Fähigkeiten überschätzten, war offensichtlich.
„Nun gut“, murrte Oliver. „Lassen wir sie für dieses Mal laufen. Bruder, ab mit Euch in das Luftschiff meines Mannes.“
Fulcaire erhob sich von dem Toilettensitz, zog würdevoll seine Robe zurecht und marschierte an Oliver und Audric vorbei. Er sah trotz der aufrechten Haltung nicht glücklich über seine Rettung aus. Oliver konnte sich den Grund denken. Da hatte Fulcaire endlich einmal zwei Personen gefunden, die ihn als Bluthexer ernst nahmen und dann das: Er wurde vor ihnen gerettet.
„Deine Stiefel“, erinnerte der jüngere Vampir freundlich.
„Oh, danke.“ Fulcaire machte kehrt, ging zu ihm zurück und hielt ihm den Fuß vor die Nase. Marlin küsste ihn darauf, ehe er ihm die Socke und den Stiefel überzog. Das selbe machte er bei dem anderen Fuß, nur ließ er sich noch mehr Zeit.
„Ich glaub, mein Schwein pfeift“, raunte Audric.
„Fulcaire gehört kollektiv gegeißelt, damit er wieder Vernunft annimmt“, stimmte sein Ordensbruder ihm zu. „So ein Aufriss wegen nichts. Kommt jetzt, Fulcaire“, sagte Oliver laut. Und endlich verließen sie den Hort der Unzucht, der ihrer aller Geist verwirrte.
Als sie die zerstörte Tür zu den Toiletten durchquerten, hörten sie, wie der eine Vampir dem anderen eine mörderische Backpfeife verpasste.

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