Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. Während die Urvölker auf Altbewährtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimbünde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Teebeutel - Kap. I – Der Marktplatz von Phintias

Archiv der Siedler
Einige Bewohner Asamuras kommen ursprünglich aus Caltharnae, das in Asche versank. Ihr Leben vor der Überfahrt auf den neuen Kontinent wurde hier verewigt.
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Arafis
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Re: Teebeutel - Kap. I – Der Marktplatz von Phintias

#51

Beitrag von Arafis » Sa 21. Mär 2015, 14:01

Arafis beobachtete gerade den missgelaunten Urako, wie er auf den Kutschbock kletterte, und nach einigem Hin und Her mit seiner Pelzjacke, endlich ein annehmbares Plätzchen geschaffen hatte.
Im selben Moment starrte der Tiefling zu ihr hinüber und ihre Blicke trafen sich. Er schien unzufrieden zu sein und der Ausdruck seiner Augen war nicht gerade freundlich.

Was für ein verschrobener Kerl. Da meint man es noch gut und gibt ihm etwas von dem leckeren Hasen ab, und was bekommt man dafür? Man wird mit giftigen Blicken beworfen!
Verständnislos schüttelt die Albin den Kopf. Solch undankbaren Wesen war sie nicht oft begegnet.

„Wir wären bereit zum Aufbruch!“, verkündete sie nun lautstark, damit es endlich losgehen, und sie den bösen Blicken des kleinen Dämonen aus dem Weg gehen könnte.
"Was, es geht schon los?", Selan blickte sich um, er schien geschlafen zu haben.
"Na dann hab ichs ja wohl voll verschlafen. Guten Morgen!", lächelte er, "Dabei hatte ich ja noch etwas vor. Wartet bitte kurz."
Arafis beobachtete wortlos den gutfriedigen Mann. Was hat er denn nun vor? Vielleicht will er noch einen Tee aufsetzen, bevor es losgeht…
Doch nichts dergleichen. Stattdessen kramte er etwas aus einer Truhe hervor. Arafis musste zweimal hinschauen, um zu glauben, was sie da sah. Knochen?

Tatsächlich legte Selan nach und nach ein kleines Skelett in der Wiese aus, und zeichnete Symbole in die Erde drumherum. Neugierig liess Arafis Vilya etwas näher treten, denn sie wollte sich das seltsame Schauspiel nicht entgehen lassen.
"Urako, schau nun genau zu, kein Blödsinn jetzt und bitte keinesfalls stören!" Selan klang ernst und es musste ihm wirklich wichtig sein, dass alle Ruhe gaben.
Nun begann er unbekannte Worte zu sprechen und die Zeichnungen zu seinen Füssen begannen zu leuchten.

Plötzlich, und völlig unerwartet, gab es einen krachenden Laut und ein greller Blitz schlug mit voller Wucht in den Boden ein. Eine Staubwolke umhüllte Selan und das Skelett. Urako war entsetzt auf die Beine gesprungen, Vilya scheute und warf ihren weissen Kopf erschrocken zurück, Fricai wusste nicht ob er knurren oder ängstlich winseln sollte und Arafis stiess einen erschrockenen Schrei aus.

„Scheiße, Selan! Siehst du, ich hab dir doch gesagt, dass es Unglück bringt, mich anzufassen und du, was machst du? Du musstest mich gleich umarmen! Das kommt davon!“
Was schwafelt der schon wieder von Unglück?! Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied…
Doch auch Arafis war besorgt um den neuen Reisegefährten. „Selan?“, fragte sie vorsichtig, liess sich von dem Pferd heruntergleiten und näherte sich langsam und angespannt dem sich lichtenden Nebel.
Doch die Sorge war umsonst, Selan stand zufrieden da und betrachtete fröhlich das Skelett vor ihm, welches munter drauflosquatschte – ja genau, es quatschte!

Mit offenem Mund starrte die junge Frau das seltsam kurze Wesen an. Entfernt erinnerte es sie an eine andere Gestalt aus ihrer Erinnerung, doch sie konnte es nicht so genau zuordnen. Ein etwas ungutes Gefühl machte sich in breit, doch sie wollte sich nicht als Angsthase geben und schüttelte es deshalb ab.
“Neue Reisegefährten, darf ich vorstellen, die Albin Arafis und der Halbdämon Urako, dies ist das Goblinskelett Ralogg.”
Goblinskelett? Unwillkürlich verdüsterte sich der Blick der Albin, und als Ralogg zu ihr trat, um ihr die Hand zu schütteln, blieb sie zögerlich.
“Ralogg“, rief Selan, „bitte, auf den Wagen, das Fuhrwerk muss gelenkt werden, wir wollen los.“
Dieses Ding soll mit uns reisen? Doch ausser ihr schien diesen Gedanken niemand abwegig zu finden und Urako schien sich sogar schon mit den neuen Gefährten anzufreunden.

Die nächsten Tage wurden für die Albin zur Tortur. Selan war die meiste Zeit in seinem Wagen verschwunden, um seine Bibliothek zu durchforsten, und so musste Arafis mit Urako und diesem Knochenhaufen Vorlieb nehmen. Obwohl sie normalerweise zwar vorsichtig doch trotzdem recht offen für neue Begegnungen war, schreckte sie dieser Möchtegern-Goblin ab.
So versuchte sie meistens mit Vilya etwas hinter oder vor dem Wagen zu reiten, um Abstand zu halten.

Auch musste sie immer ein Auge auf Fricai haben. Bei einer Rast, die sie eingelegt hatten, beobachtete sie den Wolf dabei, wie er sich schnüffelnd an das Skelett herangeschlichen hatte. Schon hatte er sich über die Lefzen geleckt, als Arafis ihn mit einem gedanklichen Befehl zu sich herbeordert hatte. Obwohl es ihr nicht viel ausgemacht hätte, den Knochenhaufen loszuwerden, wollte sie doch nicht Selans Werk zerstören und ihn somit erzürnen.

Doch das waren nicht die grössten Probleme für die Albin. Ihre neuen Reisegefährten brachten auch eine neue Sehnsucht und Herausforderung mit sich. Die Druidin vermisste ihre Wolfsgestalt. Sie fühlte sich eingesperrt in ihrem natürlichen Körper. Sie wollte rennen, jagen, Beute machen. Sie wollte die menschlichen Probleme hinter sich lassen, die abgestumpfte Welt verlassen und mit den Sinnen eines Raubtiers die Welt erkunden.
Doch auf keinen Fall wollte sie ihr wölfisches Wesen vor den Dämonen preisgeben. Urako schaute schon Fricai als einen räudigen Köter an, dem man am besten das Fell über den Kopf ziehen mochte, was würde er erst von einer Albin halten, die gleichzeitig eine Wolfsgestalt besass? Ohne Zweifel wäre das ein doppelter Grund, sie zu köpfen!
Auch Selan traute sie seit der Heraufbeschwörung des Skeletts nicht mehr so ganz über den Weg. Für ihn wäre es bestimmt ein tolles Experiment, eine untote Druidin in seinem Sortiment zu haben. Nachdenklich streichelte sie über das weisse Fell des Pferdes. Ob ich mich als Untote auch noch in ein Tier verwandeln könnte?

So unterdrückte sie die Wölfin in ihrem Inneren, wurde zunehmend unruhiger, angespannter und redete nur noch, wenn sie etwas gefragt wurde. Oft ritt sie mit Fricai an ihrer Seite zwanzig Meter hinter dem Wagen her.

Als sie gerade näher an den Wagen heranritt, um zu fragen, wie weit es noch bis Shizu sei, bekam sie zufällig ein Gespräch der beiden Fieslinge auf dem Kutschbock mit.
Ich habe den Angriff zwar nicht überlebt, aber hey, was soll`s! Das Dorf wurde dem Erdboden gleich gemacht. Und da Selan mich wieder erweckt hat, will ich mich über mein Ableben nicht beklagen.“
Ja, ein Albendorf weniger ist diesen Einsatz wert“, bekräftigte Urako. „Du hättest bei meiner letzten Hinrichtung dabei sein sollen. Die Albin hatte die große Klappe, also hab ich sie baumeln lassen, anstatt den Kopf abzuschlagen. War lang und qualvoll!“

Arafis blieb der Mund offen stehen. Und sie starrte die beiden fröhlich vor sich hin lästernden Winzlinge sprachlos an. Hatte sie gerade richtig gehört?

Bei den Worten des Knochenhaufens schossen ihr augenblicklich Bilder von einem brennenden Albendorf durch den Kopf. „Mutter, Vater!“, hatte sie gerufen, doch keine Antwort erhalten. Stattdessen war sie geflohen und getraute sich aus Scham seitdem nicht mehr nach Hause. Die traurigen Gedanken wurden von noch grausigeren abgelöst, in welchen sie ihre tote Freundin an einem Strick baumeln sah, mit blau angelaufenem Gesicht und qualvollem Ausdruck. Sie schüttelte sich und ein Schauer lief durch ihren Körper. Sie bemerkte gar nicht, dass Vilya stehen geblieben war und nervös auf der Stelle tänzelte. Vermutlich hatte sie durch ihr Entsetzen Signale ausgesendet, welche das Pferd unruhig werden liessen.
Fricai stand neben der Stute und blickte zu seiner Begleiterin hoch. Doch Arafis starrte nur vor sich hin, schien wie in Trance zu sein.

Erst als sie plötzlich die Rufe der Reisetruppe vernahm, welche verkündeten, dass sie Shizu gleich erreicht hätten, erwachte sie wie aus einem Traum.
Wut stieg in ihrem Körper hoch und instinktiv drang ein leises Knurren hervor. Warum war ich nur so dumm und habe versucht, nett zu diesem Monster zu sein? Was habe ich nun davon? Er macht sich über den Tod meiner Freundin lustig und lästert mit diesem stinkenden Haufen Knochen, der nur durch eine für ihn glückliche Wendung noch lebt, über ein zerstörtes Albendorf!
Immer mehr versetzte sie das eben Gehörte in Rage. Am liebsten wäre sie trotz ihrer ruhigen und vorsichtigen Natur auf die beiden Gestalten losgegangen und hätte ihre Zähne zum Einsatz gebracht.

Noch in Gedanken versunken, bemerkte sie plötzlich, dass sie bereits den Stadtrand erreicht hatten. Ralogg manövrierte die Pferde und den Wagen gerade in eine Gasse am Rande des Marktes.
Arafis atmete tief durch. Sie beschloss sich nicht anmerken zu lassen, dass sie alles mitgehört hatte, wusste jedoch nicht, ob sie ihre Emotionen gut verbergen könnte.

Sie hatte nun sowieso ein anderes Problem. Und das nannte sich Shizu.
Die Albin hasste Städte, und hielt sich lieber davon fern. Enge Gassen und hohe Häuser behagten ihr nicht. So war sie auch ziemlich unruhig, als sie Vilya neben dem Wagen zum Stehen brachte und sich von dem Rücken des Pferdes gleiten liess. Fricai presste sich an ihr Bein, auch ihm schien die Stadt nicht zu behagen. Arafis hoffte insgeheim, dass sie hier so schnell wie möglich wieder verschwinden könnte. Doch vielleicht konnte sie die Gelegenheit auch nutzen, um nachts einmal davonzuschleichen, um ihre Wolfsgestalt ausleben zu können.
Und vielleicht würde sich eine Gelegenheit ergeben, diesem dämlichen Henkerlein seine Taten und das ekelhafte Getue zurückzahlen zu können.
Mit diesen Gedanken trat sie zu Selan heran: „Wie lange werden wir voraussichtlich hier verweilen?“
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Selan Todaric
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Re: Teebeutel - Kap. I – Der Marktplatz von Phintias

#52

Beitrag von Selan Todaric » Sa 21. Mär 2015, 14:01

Es war früh am Morgen, als die neu zusammengewürfelte Truppe endlich in Shizu eintraf. Die letzten Tage vergingen wie im Flug, Selan war dabei mehr im Waagen, als irgendwo anders. Schon lange hatte er sich vorgenommen wieder einmal etwas in seinen Büchern zu schmöckern, denn längere Zeit war schon vergangen als er dazu Zeit hatte, drum genoss er es um so mehr. Die anderen waren eh mehr mit sich beschäftigt gewesen, so das es auch nicht weiter schlimm war, dass er sich etwas zurück zog und zum reden blieb ja eh immer noch genug Zeit.

Wie es den Anschein hatte mochten sich sogar die beiden Sonderlinge Urako und Ralogg, sehr zur Selan Verwunderung. Dachte er doch erst im Nachhienein darüber nach, dass das Skelett Ralogg vielleicht etwas Angsteinflösend sein könnte, vor allem für Urako da er sonst eher etwas eigen ist in seinen Absichten, aber zum Glück war dem nicht so.

Als Selan aus dem Waagen trat blendete ihn die Morgensonne, lächeld hielt er sich die Hand vor die Augen, um sie etwas vor den morgendlichen Strahlen zu schützen. Ralogg hatte den Waagen etwas in eine Hinterhofgasse gelenkt, die als Sackgasse endete. Noch scheinte Sonne in die kleine Gasse, in ein paar Stunden wird der Stand der Sonne etwas ungünstiger stehen und die Gasse in Schatten hüllen. Nicht gerade sehr toll für die Kundschaft dachte sich Seelan, aber besser als nichts, war es nun einmal der einzige Platz, den die Stadtwachen ihnen angeboten hatten.

“Guten Morgen Freunde!”, sprach Selan und machte von dem kleinen Träppchen am Ende des Waagens einen kleinen Sprung nach vorn. “Morgenstund hat Freunde auf den Lippen, oder so ähnlich... Ähmm ja...”, reusperte sich Selan und musste etwas schmunzeln. “Damit fängt heute der erste Arbeitstag für dic han Urako. Ich erwarte von dir großes und Einsatz. Zu dem einen schönen Tag und viel Freude bei der Arbeit.”

Schnell verschwand Selan wieder im Waagenund nur Augenblicke später an der selben Stelle mit einem großen fein gearbeiteten und verziertem hölzernem Aufstellschild in der Hand aud dem in großen goldenen Buchstaben Stand:

Selan Todaric
Professionelle, gutartige Nekromatie
für den kleinen Geldbeutel!

Verwandte verloren?
Eine geliebte Person zu früh gestorben?
Noch ein letztes liebes Wort?
Den Schlüssel verloren?

Reden mit den Toten kann so einfach sein!
Sprechen sie mich doch einfach an, vollkommen
seriös natürlich.

Die Erstberatung ist selbstverständlich kostenlos!


"Hier Urako, stell das bitte vorn an der Gasse auf, so das es die Leute gut sehen können. Wenn sie dich etwas Fragen, seih höflich und schick sie hier hinter und bitte seih freundlich und lächle.", sprach Selan zu rako und drückte ihm das Schild in die Hand.

"Ralogg, du kennst die Prozedur, hilf mir mal bitte."

Keine 30 min später war seitlich am Waagen ein großes lila Vorzelt aufgebaut worden, was feine goldene Umrandung hatte. Vor dem Waagen stellte Selan gerade noch ein weiteres Schild auf, mit etwas Werbung gemacht werden wollten, zudem einer Liste von Schreiben mit guten Rezessionen für deen Tieflingsnekromanten.

"Ich wäre dann so weit Selan, der Tisch ist im Zelt, die 4 Stühle auch, die Ausrüstungstruhe auch. Ansonsten hätten wir alles so weit fertig, nur noch ein bisschen Kleingerümpel, das du ja sowie so immer selber anbringen willst und würde mich dann erst einmal zuück ziehen."

"Ralogg, erst mal danke für deine Mühen, aber das ist kein Kleingerümpel sondern Deko. Liebevoll gestaltete Deko wie ich dazu bemerken möchte!", erwiederte Selan etwas empört.

"Sag ich doch Kleingerümpel, ich bin mal auf dem Markt mich etwas umschauen, bis dann!"

"Auf dem Markt?", schaute Selan etwas verdutzt, als das Skelett ziel Richtung Markt lief.
Nur ein Tag mit Tee, ist ein lebenswerter Tag. (von Selan Todaric)

Wenn sie mit dir streiten wollen, biete Tee an. Wenn das nicht hilft, schlag sie tot! (von Selan Todaric)


Kleine Legende:
"Text" -> Gesprochener Text /\ >Text< -> Gedachter Text

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Re: Teebeutel - Kap. I – Der Marktplatz von Phintias

#53

Beitrag von Urako » Sa 21. Mär 2015, 14:02

Noch ehe die Stadt in seinem Blickfeld auftauchte, konnte Urako sie schon riechen.
Der Qualm von zahllosen Herdfeuern schlug ihm entgegen wie eine Wand. Der beißende Rauch stach in seinen Lungen. In Phintias wurden nur selten Feuer in speziellen Brandschalen entfacht, da es dort immer warm war und viele Tieflinge ihre Mahlzeiten ohnehin roh zu sich nahmen. Aber so, wie es hier miefte, hatte jeder menschliche Haushalt mindestens ein Feuer, was die ganze Zeit brannte.

Als sie die Außenbezirke vor der Stadtmauer durchquerten, wurde Urako schlecht von dem Schweißgeruch hunderter hart arbeitender Menschen, die selten dazu kamen sich zu waschen. Hinzu kam der üble Gestank von abgezogenen Tierhäuten, die im Schatten aufgespannter Stoffbahnen trockneten. Fliegen schwirrten darum herum. Der faule Dunst von Verwesung hing in der Luft.

Am widerwärtigsten war jedoch der Fluss, der neben dem Weg entlang verlief.
Der schmale Strom hatte die Stadt noch nicht einmal erreicht, da war er schon verfärbt von zahllosen entleerten Nachttöpfen, benutztem Waschwasser und abgeschnittenen Haaren und Fingernägeln. Als Urako den aufgedunsenen Leib eines verendeten Fisches darin treiben sah und sich daran erinnerte, dass er flussaufwärts in dem selben Wasser gebadet hatte, spürte er, wie ihm das Frühstück wieder hoch kam. Er sprang vom Kutschbock des fahrenden Wagens und erbrach sich in den widerlichen Fluss hinein. Da war ohnehin nichts mehr zu verderben. Als er bemerkte, dass weiter hinten eine Frau daraus Wasser schöpfte und in einen Kochtopf füllte, erbrach er sich gleich ein zweites Mal. Die übrige Fahrt saß er stumm und mit verquollenen Augen neben Ralogg.

Sie wurden problemlos durch das Holztor gelassen, welches den einzigen Durchgang im Palisadenzaun bildete. Das nun folgende Geholper über das schmutzige und schlecht gelegte Kopfsteinpflaster war Urakos Zustand nicht gerade förderlich. Endlich erreichten sie den Marktplatz, wo sie von der Stadtwache einen Stellplatz für den Karren zugewiesen bekamen, der gleichzeitig als Marktstand dienen sollte.

Arafis beobachtete, wie Selan und Ralogg den Stand aufbauten. Sie schien sich äußerst unwohl in der Stadt zu fühlen und blickte ständig in Richtung des Ausganges. Es war das erste Mal, dass Urako mit ihr einer Meinung war. „Wie lange werden wir voraussichtlich hier verweilen?“, fragte sie den Nekromanten, doch der war offenbar so beschäftigt, dass er Arafis` Frage einfach überhörte.

“Morgenstund hat Freunde auf den Lippen, oder so ähnlich... Ähmm ja...”, posaunte Selan und strahlte über das ganze Gesicht. “Damit fängt heute der erste Arbeitstag für dich an, Urako. Ich erwarte von dir großes und Einsatz. Zudem einen schönen Tag und viel Freude bei der Arbeit.”

„Einspruch“, krächzte Urako mit zittriger Stimme. „Ich bin krank!“ Doch Selan drückte ihm ohne viel Federlesen ein Schild in die Hände.

"Hier Urako, stell das bitte vorn an der Gasse auf, so dass es die Leute gut sehen können. Wenn sie dich etwas fragen, sei höflich und schick sie hier hinter. Und bitte sei freundlich und lächle."

Notgedrungen fügte der Henker sich und stapfte mit dem Schild davon. Er platzierte es dort, wo die Gasse in den großen Marktplatz mündete. Die Menschen starrten ihn an wie ein Ungeheuer.
Muss wohl an dem übertrieben freundlich formulierten Schild liegen, dachte Urako. Kostenlose Erstberatung, pft... der Mann geht noch Pleite, bevor er seinen Stand überhaupt aufgebaut hat! Es wird Zeit, dass ich ihm ein wenig unter die Arme greife.

Während Urako dastand, die Hände in die Hüften gestemmt und sich darüber freute, wie professionell er doch das Schild platziert hatte, stürmte Ralogg klappernd an ihm vorbei in Richtung des Marktes. Der Henker beschloss, dass auch er eine Pause verdient hatte und eilte ihm hinterher, ohne sich bei Selan abzumelden. Er würde ja gleich wieder zurück sein. Außerdem, wer war Selan, dass er ihm Rechenschaft schuldete?

„He, so warte doch!“, rief Urako, doch der Knochen-Goblin war schneller. Sein dürrer Rücken war ihm immer eine Nasenlänge voraus. Plötzlich gab es einen Knall, wie wenn man einen Haufen trockener Holzscheite mit einem Mal fallen lässt und Ralogg implodierte. Ein Knochenregen ergoss sich auf den Henker. Er schirmte sein Gesicht mit dem Unterarm ab, bis der Hagel verebbte. Ein Meer von Knochen lag auf dem Markt ausgebreitet. Zu Urakos Verblüffung lagen da zwei Schädel. Und zwei Hüften. Überhaupt war alles doppelt. Offenbar war Ralogg mit einem anderen Skelett kollidiert. Wo kam das nur her?

Gedankenverloren machte er sich daran, die Gerippen wieder zusammen zu setzen, während die Leute um ihn herum standen. Einige applaudierten und warfen ihm Münzen zu. Als Henker wusste er glücklicher Weise, wo welcher Knochen hin gehörte. Jedoch fand er, dass die längeren Beine des anderen Skeletts Ralogg besser standen und verpasste dem anderen die Stumpeln des Goblins.

Fertig.

Ralogg stolzierte elegant auf viel zu langen Stelzen herum, während sein skelettierter Kollege plump den Weg zurück zuckelte, den er gekommen war.

Urako raffte die herumliegenden Münzen zusammen, sopfte sie in seine Hosentasche und nahm die Verfolgung von Stumpelchen auf. Er musste heraus finden, woher das andere Gerippe kam. Bestimmt hatte ein Konkurrent seinen Marktstand hier irgendwo zwischen den anderen Buden. Ralogg begleitete ihn.

Und Urako sollte Recht behalten.

Als er den anderen Nekromant in seinem schwarzen Zelt sitzen sah, stockte ihm der Atem. Der Mann war groß, hager und hatte schwarze Haut und weißes Haar. Ihm zur Seite standen die beiden Kampfmagier, die er ihm auf den Hals gehetzt hatte. Auf einem beinernen Schild, das wohl mal das Schulterblatt eines sehr großen Wesens war, stand:

Ibn Altsalat.
Totenbeschwörung auf niedrigstem Niveau.
Ich bin mir für nichts zu schmutzig, wenn nur der Preis stimmt. Keine Fragen.
Bringen sie mir die Leiche und das Geld - und wir sind im Geschäft.


Urako schluckte. Mit diesem unmoralischen Angebot konnte der gute Selan sicher nicht mithalten.
Der Henker versuchte, unauffällig in der Menge abzutauchen, bevor Ibn Altsalat und seine Mitarbeiter ihn bemerkten. „Ralogg. Lauf schnell vor und informiere Selan und Arafis. Wir haben einen Konkurrenten auszuschalten. Ich halte hier derweile die Stellung.“
Das Goblinskelett stakste in Windeseile davon.
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"Wenn Kaiser, Könige und Diktatoren ruhig schlafen,
warum soll`s nicht auch der Henker können?"
Charles Henry Samson, Scharfrichter

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Re: Teebeutel - Kap. I – Der Marktplatz von Phintias

#54

Beitrag von Arafis » Sa 21. Mär 2015, 14:02

Arafis beobachtete nervös, wie Selan, Urako und Ralogg sich daran machten, den Stand aufzustellen. Auf ihre Frage hatte sie keine Antwort erhalten, offensichtlich waren ihre Reisegefährten schon zu sehr abgelenkt. Und augenscheinlich machte ihnen der Aufenthalt nicht so viel aus wie ihr. Obwohl sie das Gefühl hatte, dass auch der kleine Tiefling immer wieder etwas unbehaglich umherschaute.
Als sie mit ihrer Arbeit fertig waren, drückte Selan seinem neuen Lehrling ein Schild mit Werbung in die Hände und schickte ihn Richtung Marktplatz, damit er Interessenten den Weg weisen könnte.
Auch das Skelett wollte sich eine Auszeit gönnen, und bevor der Meister widersprechen konnte, düste es auf seinen Stummelbeinchen Urako hinterher. Arafis blickte ihnen nur Kopfschüttelnd hinterher.

Unschlüssig blieb die Albe stehen, denn sie wusste nicht so recht, was sie nun anfangen sollte. Sie hätte zwar gerne die Marktstände etwas genauer angeschaut, doch das Getümmel der vielen Leute und das Gedränge, liess sie davor zurückschrecken.
Sehnsüchtig dachte sie an die Tage im Wald zurück und streichelte nachdenklich über Frica’s Fell.
Etwas melancholisch geworden überlegte sie, dass sie ja sowieso kein Geld gehabt hätte, um sich nur schon eine kleine Leckerei zu kaufen.
Sie beobachtete Selan, der umherwuselte, und dort einen Stuhl zurechtrückte und da die Deko umherschob. Seine Arbeit musste ihm viel bedeuten, das konnte man sehen.
Ich habe nicht Mal einen Beruf erlernt. Von einem Augenblick auf den anderen fühlte sich Arafis nutzlos und leer. Klar, ich kann jagen, kenne mich mit Pflanzen aus, kann mit etwas Magie die Gestalt von Steinen verändern… Doch was ist das alles schon?! Nichts im Vergleich zu einem richtigen Beruf. Sogar der Henker hatte eine Arbeit, auch wenn die nicht so angesehen sein mochte.
Der Wolf schien ihre Trauer zu spüren, und drückte ihr seine warme Schnauze in die Handfläche. „Ja, zum Glück habe ich wenigstens noch dich“, murmelte sie und ein kleines Lächeln erhellte ihr Gesicht.
Plötzlich schüttelte sie energisch den Kopf. Das passt gar nicht zu mir, so schwarz zu malen! Das muss an dieser beengenden Stadt liegen.
Schliesslich fasste sie einen Entschluss und verabschiedete sich von Selan: „Ich werde auch die Stadt erkunden gehen. Fricai lasse ich bei dir, er wird brav sein.“
Dann drehte sie sich auf dem Absatz um, und ging den Weg, den zuvor Urako und Ralogg gegangen waren.

Gerade als sie überlegte, wo die beiden wohl sein mochten, hörte sie ein Klappern und im nächsten Moment sah sie eine Gestalt auf sich zusausen. „Ralogg...?“, nein das konnte nicht sein. Dieses Skelett hatte lange Steckenbeine, wohingegen Selan’s Schöpfung kurze Stummelchen besass.
Achtung, aus dem Weeeg, ich kann nicht bremseeeen!“, kreischte da der Knochenhaufen und Arafis identifizierte die bekannte Stimme.
Im nächsten Moment, realisierte sie die Bedeutung seiner Worte, als sie ihn pfeilgerade auf sich zusprinten sah. „Ooooh“, Im letzten Augenblick sprang sie zur Seite, als Ralogg mit den Stelzenbeinen auch schon haarscharf an ihr vorbeiflitzte. „Excusi, Baumkuschlerin!“, und schon war er um die nächste Ecke verschwunden, die er schlitternd gerade so erwischt hatte.
Mit offenem Mund blickte Arafis ihm verwundert nach. Was war das denn?!
Aber sie würde es bestimmt noch früh genug erfahren. Vielleicht kannte auch Urako die Antwort für diese kuriose Frage. Sie hatte irgendwie das Gefühl, dass er etwas damit zu tun hatte. Würde zumindest zu ihm passen!

Langsam wurde die Gasse breiter und führte sie schliesslich auf eine Strasse, die zum Marktplatz führte. Schon bevor sie dort angelangte, konnte sie das laute Rufen der Händler hören und die aufgeregten Stimmen der Bürger. „Schweinefüsse zu verkaufen, frisch gehackt!“, „Kommen sie zu Lydia Sombra, ich kann ihnen die Zukunft aus den Händen, Hufen, Flügeln, Flossen, Pfoten oder Krallen lesen!“, „Fledermäuse und Krähen zu verkaufen! Die besten und schnellsten Boten in ganz Shizu. Wollen sie einen geheimen Liebesbrief verschicken? Oder sich über ein geplantes Attentat mit ihrem Bekannten austauschen? Dann kommen sie und wählen einen dieser indiskreten Nachrichtenüberbringer aus!“

Arafis blieb stehen und betrachtete mit grossen Augen das Treiben auf dem Markt. Überall wuselten die seltsamsten Kreaturen umher. Tieflinge in allen Grössen und Formen, mit oder ohne Flügel, mit Pelz oder Schuppen bedeckt, mit Schwänzen, mit Hörnern, Krallen, Reisszähnen, Stacheln, es gab nichts, was es nicht gab. Zwischendurch waren grosse, bedrohlich wirkende Männer unterwegs, die die Albin an das Volk der Poraha erinnerten. Die Frauen trugen meistens lange Röcke, welche sich Arafis nicht sehr praktisch vorstellte.

Plötzlich wurde sie von hinten angerempelt. Überrascht ruderte sie mit den Armen und konnte sich gerade noch auffangen. "Geh aus dem Weg, Spitzohr!“, murrte eine Stimme, und ein grosser, schwarzhaariger Tiefling drängte sie ungeduldig zur Seite. Arafis gab ein unwilliges Knurren von sich und funkelte den Mann, der sie um einiges überragte, böse an. Er hatte ihren Blick aufgefangen und ein fieses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. "Na Püppchen, bist ja ganz ne Wilde, was? Dir muss man wohl noch Manieren beibringen!“,bevor die Albin reagieren konnte, grapschte der Tiefling mit seinen Krallen nach ihrem Arm und zog sie zu sich heran. Sie konnte seinen übelriechenden Atem in ihrem Gesicht spüren, als er sich zu ihr herabbeugte und unter dem Johlen eines zweiten Kupanen versuchte, ihr einen feuchten Kuss aufzudrücken und mit der anderen Pranke gleichzeitig nach ihrem Hintern griff. Arafis sträubte sich, und versuchte sich dem Ekel zu entwinden, doch gegen die Kräfte dieses Scheusals hatte sich nichts entgegen zu wirken. Als ihr der Dämon nun versuchte, seine Zunge in den Hals zu stecken, biss sie kurzerhand und voller Panik zu. Sie hörte einen Schrei und gleich fluchte der Tiefling los: "Du Miststück! Na warte, dir werd ich’s zeigen! Halt sie fest!", schrie er seinem Kumpanen zu, denn vor Schmerz hatte er Arafis unwillkürlich losgelassen.

Arafis nutzte diesen kurzen Augenblick, machte kehrt und rannte los. Geschickt konnte sie sich zwischen den Leuten hindurch schlängeln. Doch im nächsten Moment hörte sie Flügelschlagen über sich, und mit einem entsetzten Blick nach oben erkannte sie den Kumpanen, der suchend über der Menge umherflatterte. Die Albin zitterte vor Angst und Anstrengung. Suchend blickte sie sich nach einem Fluchtweg um, als sie in einiger Entfernung eine bekannte Gestalt ausmachen konnte. Voller Erleichterung rannte sie auf Urako zu, der sie gar nicht bemerkte, sondern einen der Marktstände zu beobachten schien. „Urako!“, keuchte Arafis, als sie fast bei ihm angelangte, im nächsten Moment, wurde sie jedoch grob herumgerissen und blickte in das wutverzerrte Gesicht ihres Peinigers. „Ich werd dir schon zeigen, was es heisst, sich Orobas zu widersetzten!“
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Re: Teebeutel - Kap. I – Der Marktplatz von Phintias

#55

Beitrag von Selan Todaric » Sa 21. Mär 2015, 14:03

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Hier spielt der zweite Teil der Reise:
Link
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Nur ein Tag mit Tee, ist ein lebenswerter Tag. (von Selan Todaric)

Wenn sie mit dir streiten wollen, biete Tee an. Wenn das nicht hilft, schlag sie tot! (von Selan Todaric)


Kleine Legende:
"Text" -> Gesprochener Text /\ >Text< -> Gedachter Text

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