Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

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Jaro Ballivòr
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#11

Beitrag von Jaro Ballivòr » Do 15. Nov 2018, 20:48

14. Fieberwahn

Rasgars schlimmste Befürchtungen bestätigten sich. Sie ritten nach Mildir. So gut es ging, versuchte er die Alben im Blick zu behalten, doch häufig bedeutete dies, dass er bis tief in die Nacht hinein reiten musste, um den Vorsprung aufzuholen, den sie sich tagsüber erarbeitet hatten. Zu allem Überfluss kam er dann selten nah genug heran, um ihre Gespräche belauschen zu können.
Angewidert rümpfte er die Nase. Dieser verdammte Sumpf stank zum Himmel. Wie Menschen hier freiwillig leben konnten, war ihm ein Rätsel. Mit Pfahlbauhütten trotzten sie dem weichen Untergrund, stakten mit flachen Booten durch die endlosen Wasserläufe und hielten sich sogar Vieh. Rasgar hatte sich die Zeit genommen, eine der kleinen Siedlungen genauer zu inspizieren. Noxa allein wusste, wie lange sich diese Moorlandschaft noch hinzog und seine Vorräte wurden knapp. Er musste wissen, was das Land an Nahrung hergab. Schnell bemerkte er, dass vieles von dem, was er für willkürliches Gewucher gehalten hatte, tatsächlich so etwas wie Nutzpflanzen waren. Es gab großblättrige Büsche, aus deren Knollen die Leute Mehl herstellten und flaches Brot daraus backten. Manche Pflanzen schwammen direkt auf dem Wasser und wurden lediglich abgeschöpft. Wieder andere trugen feine braune Samen, die mit Wasser gekocht ein wenig aussahen wie ein grobkörniger Brei. Der fleischhaltige Teil des Speiseplans verzückte Rasgar weniger. Hier wurde schlicht alles gegessen. Er hatte dürre Vögel ebenso über dem Feuer schmoren sehen wie Schlangen oder Biber.
Bleibt zu hoffen, dass ich schnell hier raus bin, dachte er. Lustlos kaute er auf einer der Knollen herum, die einen einzigen Vorteil hatten: sie machten satt. Ein Stück entfernt sah er den schwachen Lichtschein des Feuers der Alben. Sie hatten es wirklich eilig, Liena und den Elfen einzuholen und brachten Rargar und Lorxas an ihre Grenzen. Immerhin hatten auch sie noch kein Lebenszeichen der Gejagten ausmachen können. Dies hatte Rasgar am Vorabend zweifelsohne aus Gesprächsfetzen heraushören können. Teuer erkaufte Information. Mit verzerrtem Gesicht legte er sein Bein frei. Der Biss sah nicht gut aus. "Hol mich das Licht!", fluchte er. Die Kräuter hatten nichts gebracht. Mittlerweile zog sich ein breiter roter Kreis um die Wunde. Wie sollte sie bei dieser andauernden Feuchtigkeit auch verschorfen? Falls die Schlange giftig gewesen war, so hoffte er alles heraus gesaugt zu haben, doch selbst darauf konnte er sich nicht verlassen. Mit dem Handrücken wischte sich Rasgar über die Stirn. Obwohl er ständig schwitzte, war ihm kalt. Er bekam Fieber. "Ich habe schon Schlimmeres überstanden", murmelte er. "Nicht wahr, mein Freund?" Lorxas hob den Kopf und schnaubte, wandte sich dann aber wieder dem feuchten Gras zu. "Hauptsache du kannst fressen."
Rasgar griff seinen Trinkbeutel und gab einen Großteil des Inhalts in seinen Topf, um es abzukochen. Überall um ihn herum wuchsen Kräuter. Bestimmt waren darunter auch welche, die seine Beschwerden lindern könnten. Wenn er sich doch nur ausgekannt hätte... So trank er das heiße Wasser blank und reinigte mit einem Teil davon erneut die Wunde. Der Schmerz ließ ihn aufkeuchen. Es war definitiv schlimmer als am Morgen. Rasgar ertappte sich bei dem Gedanken, in einem der Dörfer Zuflucht zu suchen. Wenn er Glück hatte, gab es einen Heiler oder aber die Menschen kannten sich allgemein gut genug mit Bissen dieser Art aus. "Sei kein Narr, Rasgar", presste er hervor. Er hatte keine Wahl. Es gab nur eines, das zählte. Er musste den Elfen als erster finden.

Erschrocken schlug Rasgar die Augen auf. Wieder war er eingenickt und in wirre Träume versunken. Ewig konnte er nicht geschlafen haben oder die sumpfige Landschaft zog sich länger hin, als er für möglich gehalten hatte. Eine dicke Wolkendecke drückte auf sie hinab, füllte die Luft mit Feuchtigkeit und erstickte jeden Windhauch im Keim. Es war unmöglich zu sagen, in welche Richtung er ritt oder wie lange er schon hier war. Die Führung hatte er komplett seinem Pferd überlassen, das den Spuren der anderen folgte. Schweiß rann Rasgar die Stirn hinab und in seinem Bein saß dumpf der Schmerz. Wie viele Tage hatte er schon nicht mehr nach der Wunde gesehen? Er fürchtete sich vor dem, was er finden würde. Wieder fielen ihm die Augen zu. Er dachte an die trockene Kälte eines lacharyschen Winters, an Wind und kalte Ohren. Überall lag der Geruch von Nadelwald in der Luft, über den sich stellenweise Schwaden verbrannten Holzes legten. Vor allem aber was es trocken. Frische Binsen bedeckten den Boden, Feuer knisterte im Kamin, die Luft war beinahe staubig. Vor allem aber war es trocken. Und kalt. Trotz des Feuers wurde es nie richtig warm. Dafür sorgte der scharfe Gewürzwein, von dem Rasgar stets einen Topf über dem Feuer hängen hatte. Wo er gerade daran dachte, er sollte ein wenig Gerstenschnaps nachgießen und umrühren. Er musste…
Rasgar hielt inne. Es gab etwas, das er tun musste. Etwas Wichtiges. Angestrengt kramte er in seiner Erinnerung, öffnete die Augen. Anstelle des Inneren seiner Hütte, ächzend unter der Last des Neuschnees, erblickte er dichte Schwaden über braun-grünem Untergrund. Wohin trug ihn dieses Pferd? Überhaupt ein Wunder, dass es den Weg durch dieses unmögliche Land fand.


15. Narmas Reich

Im Morgengrauen erreichten sie den Filthri. Die letzten Tage waren die Pausen immer kürzer geworden. Wenn sie sich niederließen, war es lange schon dunkel, wenn sie aufbrachen, zog sich gerade der erste Streifen Licht am Horizont entlang. Triborin sollte es Recht sein. In der Schwüle der Nacht schlief er ohnehin nicht sonderlich gut. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war es warm und die wahre Insektenflut erlaubte nicht, zu viel ungeschützte Haut zu präsentieren. Mit der Nähe zu fließendem Wasser kam ein Windhauch auf und Triborin reckte das Gesicht in den Luftzug. Der Strom war hier noch breiter als in Lacharys, wo Triborin ihn schon für riesig gehalten hatte. Land und Wasserspiegel lagen beinahe auf einer Ebene und es war absehbar, dass es im Frühjahr regelmäßig zu Überflutungen kam. Jenseits des Flusses lag Mildir im Mantel des Morgennebels verborgen.
Liena saß aufrecht auf dem Rücken ihrer Stute und starrte nachdenklich hinüber. „Ich glaube, wir sind zu weit nördlich.“
Die ganze Zeit über hatte Triborin sich schon gefragt, wie sie den großen Strom überqueren wollte, ohne eine der großen Brücken zu nutzen. Das Thema bei Liena anzubringen, hatte er tunlichst vermieden. Sie hatte sich als furchtbare Gesprächspartnerin erwiesen. Wann immer er versucht hatte, sie zum Reden zu bringen, war er kläglich gescheitert. Fürchtete sie wirklich in jedem Versuch, sei es über das Wetter, das Land oder die eigene Kindheit zu sprechen, eine List? Gerade glücklich wirkte die Albe nicht. Warum hatte sie sich dann in diese Situation gebracht? Sie hätte ihn einfach seinem Schicksal überlassen können.
„Es kann nicht weit sein.“ Ohne eine Antwort zu erwarten, ritt sie weiter. Sie folgten dem Ufer in sicherem Abstand. Dann und wann hatte der Fluss Kerben in sein Bett geschlagen und was von Weitem aussah wie fester Untergrund, entpuppte sich als gefährliche Falle für Pferd und Reiter.
„Sagt, ist Mildir in dieser Gegen ebenso sumpfig?“ Triborin war die Gegend leid.
Liena antwortete nicht gleich und er befürchtete schon, sie würde seinem Versuch erneut ausweichen. „Im südlichen Flussverlauf dominiert auch auf unserer Uferseite das Wasser, doch es ist nicht vergleichbar. Es ist lebendig. Narma hält ihre schützende Hand darüber.“
Sie führte ihn in eine kleine Baumgruppe hinein. Schlingpflanzen verbanden die Äste wie ein Netz und Triborin fluchte. Sowohl Liena als auch ihr Pferd waren deutlich kleiner als Triborin und sein Nachtschatten. Während sie unbehelligt zwischen den Stämmen hindurch glitt, musste er zusehen, dass er sich nicht verhedderte, oder irgendetwas in das Gesicht bekam, was dort nichts zu suchen hatte.
„Hier ist es.“ Mit einem schlanken Finger deutete Liena in Richtung des Flusses. Außer, dass der Boden vergleichsweise fest aussah, gab es nichts zu sehen. Triborin wollte sein Pferd zwischen zwei Bäumen hindurch neben sie führen, doch sie hob eine Hand.
„Halt.“
Verwirrt sah er erst sie an und inspizierte dann die Umgebung. Ein Schnürepaar war an dem Baum befestigt. Vor dem Hintergrund des Bodens waren sie so gut wie unsichtbar und der Nachtschatten wäre ohne Lienas Warnung darüber gestolpert. Angestrengt versuchte Triborin den Schnüren mit den Augen zu folgen, doch sie verloren sich im Schimmern des bewegten Wassers.
„Hier gibt es eine Fähre“, murmelte er.
"Richtig. Und kaum jemand weiß davon." Liena glitt von ihrer Stute und ging auf den Fluss zu. Auch Triborin saß ab. Es war eine weise gewählte Stelle. Die Baumgruppe schützte vor Blicken von allen Seiten und das dichte Schilf verbarg das Floß, das Liena eben herauszuziehen begann. "Wir müssen es erst positionieren. Es wäre sehr freundlich, wenn Ihr mir helfen könntet, Herr Gardist."
"Hm?" Triborins Blick war an etwas anderem hängen geblieben. Spuren im lehmigen Boden. Dieser Überweg war erst vor kurzem genutzt worden. Nur von wem? Und in welche Richtung? Liena räusperte sich und zerbrach die Starre seine Überlegungen.
"Oh, natürlich."
Das Gewicht des Floßes war erstaunlich und dass Liena es überhaupt alleine hatte bewegen können, ein Wunder. Anerkennend kräuselte Triborin die Lippen. Erst als sie das Gefährt komplett aus dem Schilf befreit hatten, offenbarte sich seine ganze Größe. Trotzdem machte er sich Sorgen wegen seines Pferds.
"Die Strömung ist sehr stark. Normalerweise sind zwei Leute zu wenig, um schnell hinüber zu kommen, doch wir müssen es versuchen. Was auch passiert, halt dein Pferd ruhig. Wenn die Fähre ins Schaukeln gerät rettet uns nichts mehr vor Nēns Fängen."
Offenbar war Nervosität das Mittel, um Liena zum Sprechen zu bewegen. Auch sie konnte sich der tief verwurzelten albischen Furcht vor dem Wasser nicht entziehen. Diese Erkenntnis konnte Triborin aber nur kurz erheitern, denn Liena hatte Recht. Obwohl das Floß in Ufernähe groß und stabil wirkte, würde es inmitten der Strömung nicht viel mehr als ein Spielball des Flusses sein.
Gemeinsam prüften sie die beiden Halteseile bug- und heckseitig und hakten sie zur Sicherheit von Neuem in das Zugseil ein.
"Wir stellen die Pferde in die Mitte. Ihr geht nach vorne, ich nach hinten." Nun war der Albe die Aufregung auch anzusehen. Auf ihren sonst ebenmäßigen Wangen zeichneten sich rötliche Flecken ab.
"Alles ist gut mein Junge. Du hast kurz Pause. Ruhe dich einfach aus. Halte mich immer im Blick." Im Flüsterton redete Triborin auf den Nachtschatten ein, während er ihn an Bord führte. Er merkte, dass Liena ihn beobachtete und fragte sich zum wiederholten Male, ob sie das dunkelelfische Zándan verstehen konnte. Beim Betreten schaukelte die Fähre leicht, fing sich aber recht schnell. Triborin nahm seinen Platz ein und wartete auf Lienas Zeichen. Dann zog er. Sie bewegten sich kaum. Er packte erneut zu. Wenn sie erst an Fahrt gewonnen hatten, dachte er, würde es leichter gehen. Tatsächlich beschleunigte das Floß. Sie verließen den geschützten Uferbereich und wurden sofort von der Strömung erfasst. Sie schossen in Fahrtrichtung zur Seite, bis die Schnur ihre maximale Spannung erreicht hatte. Durch den abrupten Stopp kam das Floß ins Wanken. Mit klopfendem Herzen sah Triborin zurück. Beide Pferde standen an Ort und Stelle, wenn ihre hervorgequollenen Augäpfel auch von ihrer Furcht zeugten.
"Los!", drängte Liena und sie stemmten sich gegen die Kraft des Wassers. Triborin hatte den ersten Zug für schwierig gehalten, doch er wurde eines Besseren belehrt. Neben ihrem Eigengewicht und dem Widerstand des Wassers, mussten sie nun gegen die Strömung und die Reibung des Seils an den Halteösen ankämpfen. Hinzu kam, wie Triborin nach einiger Zeit erkannte, das Gewicht des zweiten Floßes. Es hing an der anderen Schnur und bewegte sich durch ihre Bemühungen exakt gegengleich. Bald schnaufte Triborin schwer. Er hörte wie sein Hengst in regelmäßigen Abständen aufstampfte.
"Bald, Großer! Wir haben es bald geschafft."
Die Arme brannten Triborin, seine Handflächen waren wund. All diese Mühe, um in das Land zu gelangen, dass jeder Elf um jeden Preis mied. Noch immer lag es im Dunst verborgen, wenn das Ufer auch endlich in Sicht kam. Der Sog der Strömung ließ nach und sie trudelten die letzten Meter auf das Schilf zu. "Noxa sei Dank", flüsterte Triborin, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Er war drauf und dran sich an den Fuß eines Baumes zu setzen, da sprang Liena schon auf den Rücken ihres Pferdes.
"Wir dürfen hier nicht rasten. Wir müssen weiter."
Triborin seufzte und zog sich ebenfalls auf den Rücken seines Rosses.
„Das ist ein Nachtschatten, nicht wahr?“, sagte Liena ohne sich umzudrehen.
„Ja“, entgegnete Triborin knapp, überrascht, dass die Albe die Rasse und auch ihren Namen kannte. „Ich habe ihn selbst aufgezogen.“
„Hat er einen Namen?“
„Wir geben unseren Pferden keine Namen.“
Nun wandte Liena sich doch um. „Wieso? Fürchtet Ihr, Ihr könntet Gefühle entwickeln?“
Triborin antwortete nicht.
„Das ist Ilsara“, fuhr die Albe fort. „Sie ist…“ – „Ein Wildpferd“, beendete Triborin den Satz für sie. Als er die Stute in der Menschensiedlung das erste Mal gesehen hatte, hatte er es bereits vermutet und der gemeinsame Weg danach hatte ihm Gewissheit beschwert. Eine wilde Freiheit lag im Blick des Tieres und auch die Distanz, die sie zu seinem Hengst hielt, waren eindeutige Zeichen gewesen. „Reitet Ihr sie deshalb ohne Sattel?“
„Nein. So kann ich sie besser spüren.“
Der Nachtschatten schnaubte, als hätte er verstanden, um was es ging. Noch immer war er nervös, als traue er der Situation noch nicht ganz. Aufmunternd klopfte Triborin ihm den Hals und merkte dabei, wie erschöpft seine Arme waren. Ein Schwert, so viel stand fest, würde er in den nächsten Stunden nicht schwingen können.

Hartnäckig hielt sich der Nebel knapp über dem Boden. Die Hufe der Pferde verursachten schmatzende Geräusche auf dem morastigen Boden und von der Seite drang regelmäßig das Platschen von Wasser oder das Rascheln trockener Blätter zu ihnen herüber. Triborin hatte das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden. In eingeschränkten Sichtverhältnissen fühlte er sich nicht wohl. Zwar konnte er in der Dunkelheit recht gut sehen, dieser Nebel aber war beinahe undurchdringlich. Direkt vor ihnen ließ sich die Sonne im Dunst erahnen. Je höher sie stieg, desto dünner wurden die Schwaden und endlich, es durfte auf Mittag zugehen, gaben sie einen weiten Blick auf das Land frei. Triborin staunte nicht schlecht. So viele Bäume hatte er in dieser Gegend nicht erwartet. Ihre feingliedrigen Wurzeln erinnerten ihn an die Pfahlbauten der Westmenschen. Wie bei den Häusern, hoben die Bäume sich selbst dadurch ein wenig aus dem Wasser der unzähligen Bachläufe. Nun, da der Nebel auch die Geräusche nicht mehr dämpfte, vernahm Triborin deutlich mehr Kratzen und Rascheln aus dem Unterholz. Das hatte Liena wohl gemeint, als sie von lebendig gesprochen hatte.
„Willkommen in Narmas Reich“, sagte sie, als hätte sie Triborins Überraschung bemerkt.
„Was habt Ihr jetzt vor?“
Liena zögerte. „Zunächst bringen wir die westlichen Sumpfwälder hinter uns. Und dann müsst Ihr, wenn ich mich nicht irre, nach Süden.“
„Warum...?“, setzte Triborin an, doch Liena schüttelte bereits den Kopf.
„Gut, wenn Ihr mir nicht sagen wollt, warum Ihr mir helft, dann sagt mir dies: was hält mich davon ab, Euch niederzustrecken und alleine weiter zu reiten, jetzt, da Ihr mich in Euer Land gebracht habt?“
„Ich bezweifle, dass Ihr schnell genug seid. Es sei denn, Ihr feuert einen dieser feigen Giftpfeile auf mich ab. Davon würde ich aber abraten. Niemals kommt Ihr unbehelligt bis nach Solterra.“
„Ihr unterschätzt mich.“
„Ihr unterschätzt den Hass meines Volkes auf das Eure.“
„Niemand würde mich bemerken.“
Liena zog eine Augenbraue nach oben. „Schwarzer Hengst, schwarze Kleidung, blondes Haar? Und das im Land der Bäume, deren Augen besser sind, als die eines Alben oder eines Elfen es je sein könnten?“
„Dann werden sie auch sehen, dass Ihr einem Elfen helft. Wie wird Euer hasserfülltes Volk darauf reagieren?“ Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in Triborins Innern aus. Er war zu froh darüber gewesen, der Situation in dem Menschenort zu entkommen und diesen Sumpf hinter sich zu lassen, um zu merken, dass er sich nun möglicherweise in viel größerer Gefahr befand.
„Mir fällt schon etwas ein.“ Stolz ritt sie an Triborin vorbei und übernahm die Führung auf einem schmaleren Wegstück.
Du Narr! Triborin hätte sich ohrfeigen mögen. Aus freien Stücken war er einer Albe in deren eigenes Land gefolgt. Seinem Ziel war er dabei im Grunde kein Stück näher gekommen. Nirgends hatte es Anzeichen dieses Vogelvolkes gegeben, wenn das wirklich der wahre Grund war, aus dem Xyrius ihn losgeschickt hatte. Alben griffen in Belange Vesperions ein und genau zeitgleich schickte sein Lord einen der seinen aus Lacharys hinaus? Triborin wusste nicht mehr, was er glaube sollte. Der Aufbruch aus Xarchavas schien so fern, als sei er schon Jahre unterwegs, das Ziel unwirklicher denn je.
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

Laotse

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#12

Beitrag von Jaro Ballivòr » So 18. Nov 2018, 08:49

16. Von Bäumen und Türmen

Es war nicht leicht gewesen, Halldor von der Insel fort zu bewegen. Linu hatte ihm den Anhänger geben wollen, doch er hatte die Hände hoch gerissen, als hielte sie ihm etwas Giftiges entgegen.
„Nein! Das geht nicht!“
Erschrocken war Linu zurück gewichen und Halldor hatte sich zu beruhigen versucht.
„Behalte ihn, aber verlier ihn nicht. Unter keinen Umständen.“
Zu Hause versorgten sie den verstörten Fremden mit kräftiger Brühe und Fladenbrot. Sein Blick war leer und er bewegte sich kaum.
„Kannst... kannst du dich erinnern?“, fragte Linu irgendwann vorsichtig, ihren Vater dabei bange musternd. Doch Aalon nickte ihr knapp zu und auch Halldor hob den Kopf.
„Nein.“
„Der Anhänger...“
„Nein!“
Linu fuhr zusammen und verstummte.
„Ich denke, wir sollten zu Pater Ren gehen“, sagte Aalon nach einer kurzen Pause. „Wenn es Informationen gibt, die uns helfen, dann dort.“

Es war ein weiter Flug in den ersten Bezirk zu Osten. Erst ein einziges Mal war Linu in dem Ort gewesen, der so etwas wie ein Verwaltungszentrum des losen Dörferverbandes der Aviare darstellte. Auf den ersten Blick war es wie überall sonst. Einige Aviare arbeiteten auf den umliegenden Feldern, auf dem Marktplatz wurden Waren getauscht und kleine Kinder waren in ihre erste Wechsel- und Flugübungen im Außenbereich der Schulhütten vertieft. Lediglich die Freiluftkapelle von Ren deutete auf ein besonderes Zentrum hin. Die Anlage nahm ein recht großes Areal mit ordentlich geschnittenen Wiesen und kleinen Kieswegen ein, auf denen die Betenden entlang schreiten konnten. In der Mitte erhob sich eine Statue Ralons in den Himmel und überall gab es steinerne Bänke zum Verweilen. Der Gott der Lüfte war wie stets mit angelegten Flügeln und ehrfürchtig gesenktem Blick dargestellt, die Hände vor dem Körper gefaltet. Bestimme nicht, behüte, las die Inschrift auf dem Sockel.
Am hinteren Ende stand Pater Rens vergleichsweise bescheidenes Wohnhaus. Ren war ein ergrauter Aviare, doch seine hellbraunen Augen strahlten noch immer Schärfe aus.
„Aalon“, grüßte er und hielt ihm die Hand hin. „Und das ist deine... ?“
„Linu. Ralon grüße dich, Pater.“
„Und das hier ist der Grund für euren Besuch.“ Er musterte Halldor einige Augenblicke. Linu fand die Situation unangenehm und war froh, als der Geistliche schließlich auch dem Fremden die Hand hinstreckte. Halldor ergriff sie zögerlich.
„Halldor aus dem Hause Nimari.“
Ein überraschter Ausdruck huschte über des Paters Gesicht, wandelte sich aber schnell wieder in ein Lächeln. „Kommt herein.“
Noch nie zuvor war Linu im Wohnhaus des Paters gewesen. Seine Einrichtung war bescheiden und die geringe Anzahl Möbel verstärkte das Gefühl, das Haus sei zu groß für eine Person. Es wirkt einsam, dachte Linu, doch sie kannte die Antwort, die Ren ihr gäbe, würde sie ihn danach fragen. „Ich bin niemals alleine. Ralon ist stets bei mir, mein Kind.“
Er führte sie zu einem knorrigen, beinahe ebenerdigen Tisch und bot ihnen Kekse und Kräutertee an. Linu ließ sich auf eines der Sitzkissen fallen und griff nach dem hellen Gebäck. Aufregung ließ ihr Herz schneller schlagen und gleichzeitig fürchtete sie, wieder vor die Türe verbannt zu werden, sollte das Gespräch sich in eine Richtung bewegen, die nach Vaters Verständnis nicht für ihre jungen Ohren geeignet war.
„So. Wie kommt es zu dieser Bekanntschaft?“
Linu wollte antworten, doch Aalon kam ihr zuvor. Mit knappen Worten umriss er, wie Linu Halldor gefunden hatte und berichtete von den Trümmern des Schiffes. Die ganze Zeit über nickte Ren, doch es war unmöglich zu erkennen, ob er schlicht andeutete, dass er folgen konnte oder ob alles für ihn einen Sinn ergab.
„Es wundert mich nicht, dass Ihr keine Erinnerungen habt, Halldor aus dem Hause Nimari. Viele Heiler sind der Ansicht, das Nahtoderfahrungen zu Gedächtnisverlust führen können. Aber wenn sie Recht haben, kann man das Verlorene wieder zurückholen.“ Er lächelte. „Ich vermute, deshalb seid ihr hier.“
Aalon nickte. „Ich dachte, du könntest mit Halldor sprechen. Vielleicht erinnert er sich dadurch bereits. Möglicherweise können wir sogar alte Karten begutachten oder...“
„Aalon...“, unterbrach der Pater ihn. „Sei vorsichtig.“
„Ich weiß, du hütest alles wie deinen eigenen Augapfel, aber diese Sache ist anders. Das erste Mal überhaupt, taucht ein Vertreter einer fremden Spezies an unseren Küsten auf.“
„Es geht um unsere Sicherheit. Ich werde nicht leichtfertig geheimes Wissen an Kinder und Ausländer preisgeben. Außerdem gehört er mitnichten einer fremden Spezies an. Dir muss aufgefallen sein, dass er das Silmanat spricht. Er ist ein Hüter.“
Nun mischte sich Halldor das erste Mal ein. „Ein Hüter?“
„Aber ja. Ein Hüter Narmas.“ Falten der Verwirrung bildeten sich auf Rens Stirn.
„Ich bin ein Alb. Mildir ist meine Heimat und nicht ich spreche eure Sprache, ihr sprecht die meine.“
„Auch ich weiß nicht, was ein Hüter ist, Pater.“
„Das ist jetzt nicht von Belang. Wichtig ist, dass wir Eure Erinnerungen auffrischen, Halldor. Wir müssen wissen, wieso Ihr hierher gekommen seid.“
„Und das tun wir wie?“
Linu meinte eine leichte Abneigung in Halldors Gesichtszügen zu erkennen.
„Erzählt uns etwas. Von Eurer Heimat zum Beispiel.“
Halldor nahm sich einen Moment Zeit. „In Ordnung“, sagte er dann. „Liege ich richtig mit der Annahme, dass auch Ihr Salisir nicht kennt?“
Zu Linus Überraschung nickte Pater Ren.
Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, begann Halldor zu erzählen. „Ich habe nicht immer dort gelebt. Erst als junger Mann bin ich dorthin gezogen, denn ich wollte mich für eine Stellung bei seiner Lordschaft anbieten. Ich kam vom Land, wisst ihr? Wir hatten ein kleines, einfaches Haus, da war die Stadt natürlich eine Offenbarung für mich. Helles Gestein, kunstvoll verzierte Gebäude, überall Brunnen und trotzdem so natürlich, als gehöre alles zur Umgebung, wäre schon immer da gewesen. Die Lage alleine… eine Reise wert! Zu beiden Seiten der Mangalklamm wächst Salisir in die Höhe und streckt sich den Sonnenstrahlen entgegen.“ Er lächelte ob dieser Erinnerungen in sich hinein und Linu, die nichts als einfache Dorfhütten kannte, versuchte sich etwas Derartiges vorzustellen. „Ganz oben thront des Lords Palast. Säulengänge flankieren die Gebäude auf allen Seiten, es gibt Zimmer über Zimmer für die hohe Familie und ihre Gefolgschaft, und in der Mitte steht der Sansarbaum, der erste Baum der Welt, von Narma persönlich gesät. Bei schönem Wetter scheint die Sonne von früh bis spät auf das Anwesen und es erstrahlt so hell, dass man es auch den goldenen Palast nennt - mana milsara.“
„Die Stellung im Herrscherhaus, habt Ihr sie erhalten?“
Halldor nickte. „Ich wurde in die Palastwache rekrutiert.“
„Ist es also möglich, dass Euer Lord Euch den Auftrag für diese Reise gab?“
„Es nicht nur möglich. Ich bin mir dessen sicher.“
Während Linu dem Gespräch einfach fasziniert folgte, zog Ren bei diesen Worten erneut die Brauen zusammen. „Dies ist keine neue Erkenntnis für Euch.“
Halldor schüttelte den Kopf und deutete auf Linu. „Unter den Wrackteilen hat sie einen der goldenen Bäume gefunden. Ein Mitglied der Familie Sinklar war ebenfalls auf diesem Schiff.“ Er wandte den Blick ab. Diese Lords schienen ihm furchtbar viel zu bedeuten, dachte Linu.
„Das tut mir leid“, sagte Ren, kam aber direkt zurück zum Thema. „Fällt Euch nichts ein, das so wichtig sein könnte, dass eine Person von hohem Stand daran teilnimmt?“
Abermals schüttelte Halldor den Kopf. „Nie war ich in die Unterredungen und Pläne des Rates einbezogen. Nichts, woran ich mich erinnere, deutet auf eine Reise hin. Ich weiß nicht einmal von der Existenz dieser Inseln hier, deren Namen habe ich noch nie zuvor gehört. Ich muss also erst kurz vor dem Aufbruch davon erfahren haben, je nachdem, wie lange so eine Erinnerungslücke, wie Ihr sie beschreibt, zurückwirken kann. Offenbar sind wir in Vesperion zur See gestochen, das deutet zumindest das Segelwappen an. Allerdings kann ich mich auch nicht erinnern, je in diesem Land gewesen zu sein.“
„Wo liegt dieses Land?“
Obwohl Halldor immer wieder seufzte, beantwortete er alle Fragen geduldig. Ich wäre schon längst ungehalten geworden, dachte Linu.
„Ganz im Westen des Kontinents. Es grenzt an Mildir. Es gibt dort viel Küste und viele Häfen. Von dort aus gelangt man am besten hinüber auf den zweiten großen Kontinenten.“
„Sehr gut, berichtet weiter.“
„Der größte Hafen befindet sich am Fuß der Hauptstadt Vesport, wo die rote Festung steht, die dem Land sein Wappen gibt. Das gesamte Gemäuer besteht aus roten Backsteinen. Obwohl ich die Burganlage für klobig und unpraktisch halte, muss ich zugeben, dass der Anblick doch eine gewisse Anziehungskraft auch mich hatte. Erhaben thront sie über dem Meer und strahlt regelrecht vor der tristen Kulisse der Küstenlandschaft.“
Gebannt hing Linu ihm an den Lippen und bemerkte Rens zufriedenes Schmunzeln, wie Halldor selbst, erst spät.
„Ich habe mich erinnert...“ Ungläubig schüttelte Halldor den Kopf, nahm eine Hand an die Stirn und stieß Luft aus. „Ich bin in Vesport gewesen.“
„Wer war bei Euch?“
„Ich…“ Angestrengt kniff Halldor die Augen zusammen. „Wir waren viele… Ich erinnere mich, mit anderen Wächtern in einer Taverne zu sitzen. Aber da waren noch mehr. Gelehrte vielleicht.“
„Erinnert Ihr Euch an den Thronerben?“
Zögerlich schüttelte er den Kopf. „Nein.“
„Wäre er denn mit euch gereist?“
„Das glaube ich nicht. Er, oder sie, Sinklar hat auch eine Tochter, ist mit Sicherheit mit einer ausgewählten Garde der Milsari nach Vesport gekommen. Es ist sogar möglich, dass das Schiff seine Truppe ganz wo anders abgeholt hat. Selbst die Hauptstadt Vesperions ist zu wichtig, als dass nicht jedermann seine Späher dort postiert hätte.“
Dieses Mal brauchte Linu Pater Rens Gesichtsausdruck nicht, um zu merken, dass etwas an Halldors Aussage komisch war. Nur was?
„Erlaubt mir Euch eine Frage zu stellen, Pater. Wie kommt es, dass Ihr Karten von Orchaldor besitzt, wenn Ihr nichts davon zu kennen scheint?“
Dies, fand Linu, war er ein sehr guter Punkt. Tatsächlich antwortete Pater Ren auch nicht gleich.
„Der Ursprung dieser Dokumente ist unbekannt.“
„Woher habt Ihr sie dann?“
„Mein Vorgänger vererbte sie mir.“
Halldor grinste, als hätte er diese Reaktion erwartet. „Das war nicht meine Frage. Wie kamen sie in den Besitz dieser... Institution hier?“
Die Lippen fest aufeinander gepresst, sah Ren zum Fenster hinaus. „Sie wurden zufällig gefunden. Es hat Jahre gedauert, bis wir etwas davon verstanden haben. Die Schriften und Zeichnungen sind unfassbar alt. Zudem sind sie unvollständig. Nur eines ist sicher: sie wurden von unsereins erstellt.“
„Wieso haltet Ihr sie dann unter Verschluss?“
Des Paters Kopf fuhr herum zu Aalon, seine Augen funkelten.
„Er hat mir nichts dergleichen erzählt“, ergänzte Halldor schnell. „Doch ich kann eins und eins zusammen zählen.“
Schwer seufzend griff Ren nach seiner Tasse und trank. Er nahm sich Zeit, bevor er weiter sprach. „Noch lange ist nicht alles erforscht. Wenn ich selbst etwas nicht verstehe, werde ich nicht auch andere damit beunruhigen.“
Linus Drang, diese geheimnisvollen Aufzeichnungen zu sehen, wuchs ins Unermässliche. Sie verstand überhaupt nicht, warum alle so einen Wind darum machten.


17. Ein neuer Verbündeter


Der nächste Morgen begann für Rak mit schrecklichen Kopfschmerzen. Sein Gemach lag noch im Dunkeln, als ihn die Dienerin weckte, die ihn abends auch abgeholt hatte. Dankbar nahm er den Kelch mit Wasser entgegen, denn er war außerordentlich durstig. Bier, so stellte er fest, war ihm wesentlich lieber als Wein. Das Mädchen wartete während er trank und Rak hatte das Gefühl, dass etwas sie zu amüsieren schien. Wie war er eigentlich in sein Gemach gekommen? Seine letzte Erinnerung waren die Berge von Nachtisch, die plötzlich auf der Tafel erschienen waren. Ihm war übel geworden und er hatte nichts davon gegessen. Und dann? Der Rest fehlte vollkommen. Dafür fiel ihm etwas anderes ein und erneut fuhr ihm der Schock in die Glieder. Sir Kartoff. Einer von Klaras Rittern war auf der Burg und er hatte ihn gesehen.
„Mein Herr, Ihr findet Frühstück und Wasser hier drüben. Sobald Ihr fertig seid, wünscht der Lord Euch zu sehen.“
In seine Gedanken vertieft, hatte Rak gar nicht gemerkt, dass sie ein Feuer in Gang gebracht hatte. Auf einmal war ihm wieder übel. Ob dies vom Anblick von Brot, Milch und Ei herrührte oder von der Aussicht auf die Unterredung bei Lord Sarkis, vermochte Rak nicht zu unterscheiden.
„Ich lasse Euch allein.“ Sie verbeugte sich schnell, konnte dadurch aber nicht verhindern, dass Rak ihr Schmunzeln bemerkte.
„Danke“, stammelte er und stieg aus dem Bett. Erstaunt stellte er fest, dass er seine neuen Kleider noch trug. Nie wieder würde er von diesem Wein trinken! Jetzt musste er mit seinen alten Sachen zur Audienz bei dem Mann gehen, dem er dieses Gemach verdankte.
Das kühle Wasser klärte seinen Kopf und er wusch sich ausgiebig. Schließlich traute er sich sogar ein paar Bissen Brot zu nehmen und ging zur Truhe, um seine Kleider herauszuholen. Zu seiner Überraschung hatten sie sich vermehrt. Neben seinen groben Wollhosen lagen zwei weitere aus feinerem Stoff, eine schwarz und eine grau, darunter zwei blaue Hemden und ein zusätzliches Wams. Mit deutlich gehobener Stimmung kleidete Rak sich an. Als er aus der Türe trat, fand er Holon an der gegenüberliegenden Wand lehnend.
„Guten Morgen,“ grüßte er amüsiert.
„Morgen“, brummte Rak.
„Der Schneider hatte Recht. Blau steht dir noch besser. Jetzt komm, Sarkis wartet nicht gerne.“
Die Erwähnung des Namens brachte Raks Furcht zurück. Hatte Kartoff dem Lord schon alles erzählt? Während Rak noch überlegte, Holon darauf anzusprechen, blieb dieser schon wieder stehen.
„Hier sind wir.“
Rak konnte es kaum glauben. Er schlief auf der selben Etage wie der Hausherr.
Statt in einem Schlafraum, fanden sie sich allerdings in einem Studierzimmer wieder.
„Mylord, Herr Holon Brannes mit einem Jungen“, verkündete der Bedienstete, der sie hereingelassen hatte. Die große Tintenfeder in Sarkis' Hand verharrte und er sah auf. Er hatte ein leicht gerötetes Gesicht und trug einen kurzen Bart um den Mund herum, der in der Mitte des Kinns bereits ergraut war. Ansonsten war sein Haar blond mit einer Tendenz zum Rötlichen. Er trug ein dickes Hemd aus schwarzem Samt, das vorne durch Metallschnallen zusammen gehalten wurde. An Hals und Ärmeln spitzten weiße Rüschen hervor.
„Seid gegrüßt. Ich hoffe, Euer bisheriger Aufenthalt war Euren Ansprüchen entsprechend.“
„Habt Dank, Mylord“, antwortete Holon und verbeugte sich. Rak tat es ihm nach. Der Lord erhob sich von seinem Stuhl und ging um den großen polierten Holztisch herum. Er war ein großer Mann von muskulöser Statur. „Ist alles reibungslos verlaufen, Meister Brannes?“
„Ja, Mylord. Die Eltern des Jungen waren geehrt, dass ihr Junge für eine besondere Ausbildung erwählt wurde.“
Reflexartig sah Rak zu Holon. Was erzählte er da?
„Gut, gut“, sagte Sarkis, dem Raks Überraschung entgangen zu sein schien. „Wann wird er zu den anderen stoßen?“
„Noch heute.“
Sarkis nickte zufrieden. Dann wandte er sich Rak zu. „Dein Name ist Rak?“
„Ja, Mylord.“ Rak bemühte sich dem Blick des Mannes standzuhalten.
„Willkommen auf Grauenstein, Rak. Ich hoffe, du hast dich nach der langen Reise gut aufgehoben gefühlt.“
Unbeholfen räusperte sich Rak. „Ja, ich... vielen Dank für das tolle Zimmer und das alles.“ Hitze schoss ihm in den Kopf und er sah schnell zu Boden.
„Nichts zu danken, junger Mann. Allerdings muss ich dir sagen, dass die Zeit hier oben nun für dich vorbei ist. Du wirst zu den anderen hinunter ziehen.“
„In Ordnung, Mylord“, sagte Rak, obwohl er nicht wusste, wo „hinunter“ war.
„Gut, gut. In diesem Sinne, viel Erfolg.“
„Danke, Mylord.“
Sarkis drehte sich um und ging mit hinter dem Rücken gefalteten Händen auf die Fensterfront zu. „Rickard wird den Jungen nach unten bringen. Meister Brannes, Euch brauche ich noch einen Augenblick. Es gibt Wichtiges zu besprechen.“
„Mein Herr, wenn Ihr mir folgen mögt.“ Der Bedienstete verbeugte sich und öffnete die Türe. Unsicher blickte Rak zu Holon, der knapp nickte.
Wortlos führte Rickard ihn den Gang entlang. Raks Gedanken kreisten. Von was für einer besonderen Ausbildung hatte Holon da gesprochen? Hatte es etwas mit den Elementaren zu tun? Das konnte er sich nicht vorstellen. Wenn er Sarkis nichts von den Ereignissen aus Krinkgard erzählen durfte, damit dieser den Eid gegenüber Warkas nicht gefährdete, wie konnte er da eine Keimzelle eines strengstens verbotenen Kults in seiner Burg beherbergen? Rickard führte ihn eine der schmalen Wendeltreppen hinab. Bald wurde Rak schwindelig. Die Stufen nahmen kein Ende. In regelmäßigen Abständen erhellten Fackeln den Weg und das Gemäuer wurde zusehends grober. Auch die Luft änderte sich. Sie wurde kühler und feuchter.
„Bitte.“ Rickard hielt eine schwere Türe am Fuß der Treppe auf. Dahinter verbarg sich ein düsterer Gang.
„Kommst du... kommt Ihr nicht mit?“, fragte Rak und Rickard schüttelte den Kopf. „Geht einfach geradeaus. Man wird Euch empfangen.“
Als die Tür laut ins Schloss fiel, schluckte Rak schwer. Der Ort erinnerte ihn so sehr an die Verliese in Burg Kalkstein, dass es ihm eiskalt den Rücken hinab lief. Was, wenn sie ihn in eine Falle geführt hatten, wenn sie Holon ablenkten, um ihn wieder einzusperren? Rak probierte die Klinke. Die Türe war verschlossen. Obwohl er sich alles andere als wohl dabei fühlte, blieb ihm nichts übrig, als dem Gang zu folgen. In regelmäßigen Abständen gab es Türen zu beiden Seiten, doch nirgends drang ein Geräusch heraus. Ängstlich setzte Rak einen Fuß vor den anderen. Es wurde wärmer; und heller. Die nächste Tür war nicht verschlossen. Stimmen waren zu hören. Mit klopfendem Herzen spähte Rak hinein. Sechs Tische standen akkurat in zwei Reihen und waren zu einem großen Pult ausgerichtet. Alle Plätze bis auf einen waren belegt.
„Ah, sehr schön. Du musst Rak sein. Wir haben dich erwartet.“ Mit einer Handbewegung wies der Mann in Robe, der vor den anderen stand, Rak an, einzutreten. „Ich bin Meister Lanon.“
„Hallo“, sagte Rak leise und ging zu dem freien Tisch vorne rechts.
„Kinder, Rak ist unser neuer Mitschüler.“
Vewirrt starrte Rak auf seinen Tisch. Wieso hatte ihm Holon nichts davon gesagt? Was erwartete man nun von ihm?
„Nun gut, fangen wir direkt an. Ein jeder von euch findet ein Übungsstück auf seinem Tisch.“ Mit diesen Worten ließ er seinen eigenen Stein nach oben schweben, sodass er vor seiner Brust in der Luft ruhte. „Heute wollen wir das erste Mal wirklich mit Gestein arbeiten. Rak, es ist nicht schlimm, wenn du die letzten Wochen nicht hier warst. Meister Brannes hat dir bestimmt schon Einiges über die Theorie erzählt.“
Nein, dachte Rak bitter, hat er nicht. Er fühlte sich mehr und mehr unwohl in seiner Haut.
„Also, was seht ihr vor euch? Ja, Finni?“
„Ein Stück Stein.“
Lanon lächelte freundlich. „Genau und für die heutige Einheit ist er alles, was euch interessiert. Ich möchte, dass ihr ihn in die Hand nehmt. Versucht euch nur auf den Stein zu konzentrieren. Wie fühlt er sich an? Ist er rau oder glatt, kalt oder warm? Welche Form hat er? Ist er schwer oder leicht? All solche Dinge.“
Rak hob das Stück vom Tisch. „Nicht schauen!“, ermahnte der Meister. „Ihr müsst es fühlen.“
Merkwürdigerweise verspürte Erleichterung, nun, da er die Aufgabe kannte. Gehorsam schloss er die Augen. Der Klumpen war so groß, dass Rak die Finger nicht ganz schließen konnte und wog mehr als er erwartet hätte. Er war rau und unrund, es gab spitze Stellen und Vertiefungen und Rak ließ seine Finger darüber gleiten, in dem Versuch der Form ein Bild zuzuordnen. Schnell hatte das Material seine Körpertemperatur angenommen, doch ansonsten konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Ein Gedanke kam ihm. Ob die anderen noch ihre Augen geschlossen hatten? Ganz langsam, so als probiere er einfach etwas aus, führte Rak den Stein an sein Ohr. Dies war ein einzelnes Stück, nicht wie eine Mauer, die eine Verbindung zur Erde, zu anderen Steinen und Materialien hatten. Würde er trotzdem etwas hören können? Er erinnerte sich an Holons Worte. Alles ist lebendig, Rak. Man muss nur lernen zuzuhören. Angestrengt presste er sein Ohr gegen das Material, konzentrierte sich nur darauf, doch er konnte nichts hören, eher schmerzte ihn der Druck der spitzen Stellen. Enttäuscht atmete Rak aus und lockerte seinen Griff. Was hatte er erwartet? Andererseits... er hatte gestern schon solche Fortschritte gemacht! Die halbe Burg hatte er abgehört und auch, wenn er kein Muster hatte erkennen können, hatte er immer wieder etwas gefunden… Das Gefühl, dass es möglich war, auch in diesem kleinen Stück etwas zu erfühlen, ließ Rak nicht los. Da war ein ungewöhnlicher Drang, es weiter zu versuchen. Rak ging in sich. Was hatte er gestern anders gemacht? Er war voll der aufgeregten Freude gewesen... und er war ohne Erwartungen an die Sache heran gegangen. Ich war entspannt, schoss es ihm durch den Kopf. Das konnte des Rätsels Lösung sein; er durfte es nicht erzwingen. Rak lockerte seinen Griff um den Stein, legte sein Ohr ganz sanft auf und verlangsamte seinen Atem. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er seine Ungeduld ausschalten, aufhören konnte, sich selbst zu drängen, doch als es ihm schließlich gelang, spürte er, dass es richtig war. Die Zeit schien still zu stehen. Rak befand sich nicht länger in diesem Zimmer. Es gab nur noch ihn und den Stein. Und dann, schließlich, hörte er etwas. Dumpf klopfte ein Herzschlag in dem Klumpen, regelmäßig und leise, dann schneller. Hörte er den Puls seines eigenen Blutes? Andere Schläge mischten sich unter, jemand strich über die Oberfläche… aber niemand stand bei ihm, da war er sich sicher. Du nimmst die Steine der anderen wahr!, erkannte er und hatte Mühe, die Aufregung nieder zu kämpfen. Kommunizierten sie über die Luft miteinander oder waren sie gar aus ein und demselben Fels herausgebrochen worden? Eindeutig hörte er Geräusche, die woanders im Raum gemacht wurden. Er wollte mehr; mehr hören, mehr spüren… Wenn du gelernt hast, ihnen zuzuhören, wirst du lernen mit ihnen zu sprechen und wenn du geschafft hast, dass sie dir zuhören, wirst du lernen sie zu lenken und zu formen. Wieder kamen ihm Holons Worte in den Sinn. Das würde er probieren! Aber wie sollte er mit einem Stein sprechen und was sollte er sagen? Er nahm das erste, das ihm einfiel und wiederholte es in Gedanken wieder und wieder. Werde weich. Noch immer nahm er den Herzschlag war, vereinzelte kratzende Geräusche und ein sanftes Surren. Klappte es? Rak konnte es nicht sagen. Seine Finger waren schon etwas taub vom Druck der kleinen Unebenheiten.
„Wie lange sollen wir das machen?“ Finnis Stimme durchschnitt lauf seine Gedanken und Rak erschrak. Ließ sein Übungsstück sinken und öffnete hastig die Augen. Hatten sie ihn schon beobachtet? Finni blickte nach vorne zum Pult, Der Junge vor ihr inspizierte seinen Stein, doch ob die anderen hinter Rak ihn gesehen hatten, konnte er nicht sagen.
„Solange ihr wollt. Es ist eure Übungszeit.“
Rak legte den Stein vor sich ab. Ärger machte sich in ihm breit, dass Finni ihn jäh aus der Konzentration gerissen hatte. Nun war der Klumpen vor ihm wieder einfach nur ein Stück graues Material… er sah hinunter, das Wunder des Erlebten verblasste bereits. Dann sah er es und beinahe wäre er aufgesprungen. Ungläubig hielt er die Luft an, während sein Herz wild klopfte. Der Stein lag still vor ihm auf dem Pult, doch er hatte sich verändert. Ein deutlicher Handabdruck zierte eine Seite. Schnell drehte Rak ihn auf die Seite, um die Stelle zu verbergen und sah nach vorne. Der Meister blickte ihn direkt an, sein Ausdruck unleserlich.
Nervös faltete und löste Rak die Hände. Warum er seine Entdeckung so hektisch versteckt hatte, konnte er nicht sagen und schämte sich bereits dafür. Der Meister hatte es bemerkt. Er hatte gesehen, dass Rak etwas verbergen wollte. Wie dämlich! Mit Sicherheit hätte er die Steine aller Schüler ohnehin kontrolliert. Vorsichtig griff Rak sein Exemplar und hob es hoch. Er legte die Hand an die ursprüngliche Stelle. Sie passte exakt in die Vertiefung. Holon hatte ihm gesagt, dass man zur vollständigen Kontrolle ein ganzes Leben bräuchte. Hatte er übertrieben? Oder war es nur ein Glückstreffer?
„Nun“, sagte der Lehrmeister, „ich vermute, ihr seid fertig, da kaum einer mehr mit der Aufgabe beschäftigt ist.“
Der Junge links von Rak, der bis eben mit Finni gesprochen hatte, drehte sich nach vorne.
„Erzählt mir, wie ist euch mit der Aufgabe ergangen?“
Rak schluckte und überlegte, was er sagen sollte, wenn er dran kam.
„Ja, Stanna?“
„Ich fand die Übung sehr schwierig. Meine Augen waren geschlossen, ich habe mich an alles gehalten, doch ich konnte nichts Besonderes erkennen.“
„Es muss nichts Besonderes sein. Hast du den Stein erfühlen können?“
„Ähm, ja, natürlich. Ich fühlte Spitzen und Rundungen, kleine Kratzer und ganz glatte Stellen.“
Der Meister nickte aufmunternd. „Und mit Sicherheit hattest du schnell ein Bild von dem Felsstück im Kopf nicht wahr, ohne, dass du es vorher genau angesehen hättest?“
„Ja das schon, aber…“
„Nichts aber. Damit hast du den Sinn dieser Aufgabe schon erfüllt. Du hast dich auf den Gegenstand in deiner Hand eingelassen, hast dich darauf konzentriert und ihm all deine Aufmerksamkeit geschenkt. Das ist das Wichtigste, das ein Elementar beherrschen muss.“ Er stand auf und trat vor seinen Tisch. „Wer es nicht einmal schafft, sich in einem geschlossenen, ruhigen Raum auf ein Stück Gestein zu konzentrieren, der braucht an alles, was danach kommt, gar nicht denken.“ Er blickte in Finnis Richtung, die etwas auf ihrem Stuhl zusammensank und eine leichte Schmolllippe zog. „Gut, wer möchte uns noch von seinen Erfahrungen berichten?“
„Mir ging es ähnlich wie Stanna“, sagte ein Junge direkt hinter Rak.
„Ja, mir auch“, pflichtete ein weiterer bei.
„Mhm, mhm, sehr gut. Und bei euch? Timm, Finni, Rak? Wollt ihr etwas erzählen?“
Das Mädchen wurde rot und blickte nach unten. Stattdessen antwortete ihr Freund. „Mir ging es auch wie den anderen, nichts Spezielles, aber ein gutes Gefühl für den Stein.“ Timm nickte eifrig beim Sprechen, vielleicht um sich selbst von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen.
„Es ist nicht schlimm, wenn diese Übung schwierig für euch war oder ihr nicht das gemacht habt, was ihr solltet. Wenn man nicht weiß worauf man zu achten hat, sind Fehler nur natürlich. Beim nächsten Mal wisst ihr Bescheid und könnt es besser machen.“
„Rak hat auch nicht gemacht, was wir sollten“, sagte Timm plötzlich. „Ich habe gesehen wir er an dem Stein gehört hat.“
Wie Messerspitzen spürte Rak nun alle Blicke auf sich, bis der Lehrmeister das Wort ergriff und die unangenehme Stille auflöste.
„Es war nicht verboten, sein Gehör einzusetzen. Das war eine gute Idee. Hast du denn auch etwas gehört?“
Er schluckte. „Ja. Ich habe meinen eigenen Herzschlag gehört.“
„Und wie bist du darauf gekommen, an dem Stein zu lauschen? War es eine plötzliche Eingebung?“
Rak nickte zögerlich.
„Konntest du sonst noch etwas hören oder gar spüren?“
„Ich… ich meinte auch Geräusche der anderen zu hören.“
Aus dem Augenwinkel sah er, wie Finni und Timm einen Blick wechselten und abfällig Luft ausstießen.
„Das stimmt! Ich erfinde das nicht!“, sagte Rak und merkte, wie er wütend wurde. „Aber, aber“, beschwichtigte der Meister. „Natürlich erfindest du das nicht, es ist durchaus möglich, Derartiges wahrzunehmen… doch beim ersten Versuch…“ Eine Pause entstand. Dann lächelte Lanon. „Gut gemacht, Rak!“ Er klatschte in die Hände. „Ihr werdet dieses Mal eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde bekommen: ich möchte, dass ihr jedes Stück Gestein, an dem ihr vorbei kommt, untersucht, es ertastet und, auch, wenn ich das eigentlich erst später mit euch üben wollte, versucht zu daran zu lauschen. Wenn wir dieses Thema heute schon angesprochen haben, können wir es auch gleich drannehmen.“
Rak hielt noch immer seinen Übungsstein in der Hand. Vielleicht konnte er ihn mitnehmen und den Abdruck vertuschen. Die Art, wie der Meister reagiert hatte, sein Ton und sein Gesichtsausdruck, sagten ihm, dass derart schnelle Fortschritte nicht normal waren und dass Lanon nicht glücklich darüber war.
„Nun denn, ich entlasse euch in den Nachmittagsdienst, ihr könnt gehen.“ Stühle quietschten auf dem Boden, als die fünf sich auf den Weg nach außen machten. Auch cRak drehte sich in Richtung Türe, da hörte er noch einmal des Meisters Stimme, ganz leise und direkt hinter sich. „Du nicht, Rak. Du bleibst.“
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#13

Beitrag von Jaro Ballivòr » Mi 21. Nov 2018, 20:58

18. Bestimme nicht, behüte

Lange schon waren sie fort, da kniete Ren noch immer vor Ralons Schrein in seinem Gebetszimmer. Was er am meisten fürchtete, war Wirklichkeit geworden. Wenn einer den Weg hierher gefunden hatte, würden andere folgen. In seiner Aufruhr hatte er sich auch noch verplappert. Er hatte ihn einen Hüter genannt, dabei zählte Aalon bei Weitem nicht zu dem Kreis der Eingeweihten. Wie hatte er das nur vergessen können?
Unüberwindbar sei das Meer, so stand es nicht nur in den Schriften, nein, die Jahrhunderte, die sie unbehelligt hier gelebt hatten, schienen das bestätigt zu haben. Jetzt war all das hinfällig.
Was sollte er nur tun? Konnte er dem Hüter vertrauen? Sein Gefühl sagte Ren, dass dieser Mann log. Vielleicht hatte er sich zunächst wirklich an nichts erinnern können, jetzt aber tat er es, zumindest mehr, als er zugab. War es vielleicht an der Zeit, dem Ältestenrat von seinen neusten Entdeckungen zu berichten? Sollten sie nicht erfahren, dass er herausgefunden hatte, wie ihr Volk vor all den vielen Jahren über das Meer gekommen war? Er ersuchte Ralon um Rat, doch der Gott der Lüfte blieb stumm. Der Verfasser all der Schriften aber gab Hinweise. Dieses Wissen müsse unbedingt unter Verschluss gehalten werden, es sei denn, die Not der Lage rechtfertige eine Offenlegung. Ren dachte an die Neugierde im Gesicht der jungen Tochter Aalons. Allgemeinhin betrachtete man derartige Tendenzen bei den Jungen als Gefahr. Doch konnte sie nicht auch eine Chance sein? Hatte nicht Neugierde wie diese ihnen überhaupt die Aufzeichnungen in die Hände gespielt? Linu wusste es nicht, ja nicht einmal Aalon wusste, dass sein eigener Urgroßvater verantwortlich dafür war. Nach allem, was Ren bekannt war, war er ein starrköpfiger und exzentrischer Mann gewesen, der sich mit dem friedlichen, wenn auch zugegebenermaßen etwas eintönigen Leben nicht abfinden wollte. Als erster und einziger hatte er den sicheren Bereich der Inselebene verlassen und war in den Urwald und das Gebirge gezogen. Niemand hatte an seine Rückkehr geglaubt, doch beinahe ein Jahr später war er wieder da, schier endlose Aufzeichnungen im Gepäck. Er hatte es allen zugänglich machen wollen, doch der Rat hatte ihn überstimmt.
Ren seufzte. Mittlerweile kannte er das meiste auswendig. Trotzdem gab es so vieles, das er nicht verstand.
Ralon gab uns die Macht über die Winde, doch nur wer mit ihnen fließt, wird sie wirklich verstehen. Ich habe gesehen, was geschieht, wenn ein Sturm aufzieht, den man nicht zu kontrollieren vermag. In der Macht liegt große Gefahr und wenn sie mit mir verendet, so ist es vielleicht mehr Segen als Schaden. Wenn aber der Tag kommt, da die Vergangenheit uns einholt, kann es nötig sein, dass wir uns unserer alten Stärke erinnern und mögen wir hoffen, dass der Funke dann nicht erloschen ist und Ralon uns von Neuem beisteht.
Der Funke war nicht erloschen. Viele Kinder trugen ihn in sich. Und es wurde alles dafür getan, dass sie ihn niemals entdeckten.
Bestimme nicht, behüte. Nie war es Ren so schwer gefallen, den Willen Ralons zu deuten. Wenn er entschied, den Rat und das ganze Volk der Aviare einzuweihen, drängte er sie dann nicht, in eine vorgeschriebene Richtung zu handeln? Und wenn er beschloss, alles weiterhin unter Verschluss zu halten, besiegelte er damit nicht ihre Unwissenheit und verweigerte ihnen Kenntnis, die ihnen zustand? Wo war die Grenze zwischen behüten und bestimmen?
Wenn aber der Tag kommt, da die Vergangenheit uns einholt...
Seufzend erhob sich Ren. Die Rollen und gefalteten Papierstücke lagen ordentlich im Regal, auch, wenn sie einmal wieder abgestaubt gehört hätten. Im Raum war es kalt und trocken. Man sollte sich hier auch nicht wohlfühlen. Einzig das Überleben der kostbaren Erinnerungen war wichtig. Ren ging das Regal ab und zog eine Rolle heraus. Auf dem großen Tisch entrollte er sie und beschwerte die Ecken. Die Karte war nicht besonders gut. Es gab kaum Details, wie Berge oder Wälder, keine Orte und keine Grenzen. Trotzdem war klar, dass dies der Ort war, von dem sie stammten und von dem auch der Hüter kam. Wie weit Caertol tatsächlich davon entfernt war, wusste Ren nicht. Die Inselgruppe war nicht eingezeichnet. Mit dem Finger fuhr er über das Papier. Ungefähr in der Mitte standen zwei Worte geschrieben.

Heimat
Tod


Was konnte ein ganzes Volk aus seiner Heimat vertreiben, wenn nicht der Tod? Bei all seiner Grründlichkeit, ließ der Verfasser bei diesem Thema erstaunlich viel aus. Schnellen Schrittes eilte Ren zurück zu den Regal und fuhr die Reihen mit dem Finger ab, bis er gefunden hatte, wonach er suchte.
Die Szenen sind zu schrecklich, als dass ich sie niederschreiben könnte. Ich fürchte, die Geister dadurch aufs Neue zu wecken. Wir haben unser Vertrauen in die Falschen gesetzt. Die Hüter sind ebenso entzweit, wie wir es sind. Sie verraten ihre Götter ebenso wie wir es tun. Anstelle über das Gleichgewicht zu wachen, greifen sie nach der Macht. Ich spüre ganze deutlich, dass ich handeln muss. Denn wenn ich es nicht tue, fürchte ich um den Fortbestand unserer Art.

Die damalige Entscheidung war viel schwerwiegender gewesen, als die, die Ren zu treffen hatte und doch fühlte er sich mit dem Vorfahren verbunden. Auch er wusste, dass er handeln musste. Wenn er nur hätte herausfinden können, welcher Art von Hüter dieser Neuankömmling angehörte. Leider wusste er nicht, nach welchen Anzeichen er Ausschau halten musste. In all den Texten gab es keine Hinweise auf die Unterschiede. Außerdem konnte sich seither auch auf dem Kontinenten viel verändert haben. Möglicherweise gab es das Volk der Hüter gar nicht mehr. Hatte der Mann namens Halldor sich nicht als Alb bezeichnet? Wir haben unser Vertrauen in die Falschen gesetzt. Rens Augen verharrten auf diesem Satz. Nein. Er durfte dem Fremden nicht vertrauen. Jetzt, da er dies beschlossen hatte, erschien es ihm irrsinnig, es je in Erwägung gezogen zu haben. Diese Texte und Skizzen wurden einzig zu einem Zweck erstellt: das Volk der Aviare sollte in Frieden leben, ohne von dem Schatten der eigenen Vergangenheit verfolgt zu werden, doch gleichzeitig sollte es die Möglichkeit haben, an altes Wissen anzuknüpfen, sollte es nötig werden. Es ging um den Fortbestand ihrer Art. Wer war er, dass er all das vor seinen Brüdern und Schwestern geheim gehalten hatte und nun erwogen hatte, es mit einem Fremden zu teilen? Plötzlich wusste Ren, was er tun musste.



19. Magie der Elemente

„Zeig mir deinen Stein.“
Zögernd reichte Rak dem Meister sein Übungsstück.
„Wo hast du das gelernt?“ Er sah Rak in die Augen.
„Nirgendwo. Es ist einfach passiert.“
Der Meister schüttelte den Kopf. „So etwas passiert nicht einfach, Rak. Man braucht Jahre, bis man einen Stein verformen kann. Also beantworte meine Frage: wo hast du das gelernt?“
Schweiß bildete sich auf Raks Stirn. „Ich sage die Wahrheit. Als ich an dem Stein hörte, kam mir die Idee ihm zu befehlen, weich zu werden. Erst habe ich gar nicht gemerkt, dass es geklappt hat.“
Prüfend kniff Lanon die Augen zusammen. „Und wer hat dir gesagt, dass du an Steinen hören sollst?“
„Ich bin von ganz alleine darauf gekommen“, antwortete Rak und es stimmte. Immerhin war es seine Idee gewesen, es zu versuchen. Holon hatte ihm nur bestätigt, dass es funktionierte.
„Seit vielen Jahren bilde ich Jungen und Mädchen zu Elementaren aus und noch nie hat eines der Kinder von alleine an dem Übungsstück gehört. Und selbst wenn, dürfte es niemals funktionieren. Die Steine sind voneinander getrennt worden. Geräusche von anderen Teilen wahrnehmen zu können, ist eine hohe Kunst. Es braucht Zeit und viel Übung.“
Rak wusste nicht, was er sagen sollte, also blieb er still.
„Hast du zuvor schon versucht, etwas im Gestein zu hören?“
Langsam nickte er mit dem Kopf.
„Und ist es dir gelungen?“
Wieder nickte er.
„Was hast du gehört?“
„Verschiedenes. Das Zuschlagen von Türen, entfernte Hammerschläge, Schritte… solche Dinge.“ Weiterhin konnte Rak das Misstrauen im Gesicht des Meisters sehen.
„Auch Stimmen?“
Rak zögerte. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.
„Nun?“
„Nein, ich konnte keine Stimmen hören.“
„Hat Meister Brannes dir gesagt, du sollst an Gemäuer lauschen?“
Tapfer hielt Rak dem Blick stand. „Nein.“
„Hast du ihm erzählt, dass du es tust?“
Rak schluckte. Wie viel konnte er preisgeben? Worauf wollte der Lehrer hinaus? „Er hat mich bei einem Versuch erwischt und hat mir gesagt, dass es wirklich funktioniert.“
„Was hat er dir noch gesagt?“ Fragen über Fragen… Rak wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich gehen zu dürfen.
„Dass Geräusche im Gestein hören zu können, der erste Schritt bei der Ausbildung zum Elementar ist.“
Der Meister kräuselte die Lippen. „Und der zweite Schritt?“
Rak schüttelte langsam den Kopf. Mit einem Seufzen nahm sein Lehrer endlich den bohrenden Blick von ihm.
„Vorhin sagte ich, dass es nicht schlimm sei, dass du gut zwei Wochen Theorie verpasst hast. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Es ist wichtig, dass du die Gefahren kennst, die mit der Anwendung von Elementarmagie einhergehen. Und damit meine ich nicht nur die Verfolgung und Ächtung, unter der unser Orden leidet. Weit gefährlicher ist, was die Fähigkeiten aus uns als Mensch machen. Ich werde mich mit den anderen beraten, wie du die Stunden nachholen kannst.“
Sorgenfalten zogen sich über des Meisters Stirn und er seufzte. „Für jetzt kannst du gehen. Die anderen werden es nicht für gut heißen, wenn sie die ganze Arbeit alleine erledigen müssen. Trainiere weiterhin dein Gehör und versuche nicht, die Steine zu verformen. Die Zeit ist nicht reif. Ein unerfahrener Elementar kann schlimme Dinge anrichten, wenn er keine volle Kontrolle hat und wir haben Gründe dafür, dass wir euch langsam an die verborgenen Kräfte heranführen. Zumindest sehen das die meisten von uns so.“
„Welche Arbeit meint Ihr?“
Fragend drehte Lanon den Kopf ein wenig zur Seite. „Hat Meister Brannes dich nicht eingewiesen? Der Unterricht nimmt nur einen sehr kleinen Teil eurer Zeit in Anspruch. Daneben habt ihr Arbeitsdienste zu erfüllen, die eure Gemeinschaft und euren Charakter stärken sollen. Heute ist glaube ich... warte kurz.“ Mit langen Schritten ging er zu seinem Pult und sah Papierblätter durch. „Genau. Heute muss der Aufenthaltsraum gesäubert werden. Gleich hier hinten.“ Er wies mit dem Finger über seine Schulter.

Lustlos und auch ein wenig schüchtern trottete Rak tiefer den Gang hinab. Es war ein Leichtes den Raum zu finden, denn die Stimmen der anderen drangen laut heraus.
„Ich weiß nicht. Er ist doch irgendwie komisch.“ Das war diese Finni.
„Wir haben ihn noch nicht einmal kennengelernt. Warte doch erst mal ab.“ Den Namen des zweiten Mädchens hatte Rak vergessen.
„Finni hat schon Recht. Der denkt er ist etwas Besseres. Kommt ja auch aus der Hauptstadt.“
Rak biss die Zähne zusammen. Den Typen konnte er jetzt schon nicht ausstehen. Es ärgerte ihn, dass sie wussten, woher er kam, während er bis eben nicht einmal gewusst hatte, dass er mit anderen Jugendlichen eine Ausbildung absolvieren würde. Kurz überlegte er, noch ein wenig zu lauschen, trat dann aber doch direkt in den Raum. Sofort verstummten alle. Keiner arbeitete. Timm saß auf einem Tisch, vor ihm Finni, die ihren Kopf an seine Knie lehnte. Die übrigen beiden Jungen und das Mädchen saßen etwas entfernt.
„Ah, hallo Rak. Alles in Ordnung mit dem Alten?“
Er nickte bloß. Von den anderen sagte keiner etwas, doch sie starrten ihn alle an. „Super! Jetzt, wo wir vollzählig sind, können wir ja anfangen. Umso schneller sind wir fertig und haben Zeit für schönere Dinge.“
„Stress nicht so Stanna,“ stöhnte Finni. „Eigentlich kann er ja schon mal anfangen. Er hat was nachzuholen.“
„Du hast nicht verstanden, worum es bei der Arbeit hier geht.“
„Halt die Klappe, Argo!“
Stumm beobachtete Rak die Diskussion. Die Blonde, Stanna hieß sie, schien ganz nett zu sein. Trotzdem wusste Rak bereits in diesem Augenblick, dass er mit ihnen allen nichts zu tun haben wollte. Nicht mehr als nötig, zumindest.
Während der Putzarbeiten grübelte er über die Übungsstunde nach. Jetzt, da er die unangenehme Konfrontation mit dem Meister hinter sich hatte, keimte das erste Mal Freude und auch eine gehörige Portion Stolz in ihm auf. Von wegen, ein ganzes Leben. Er hatte bereits beim aller ersten Versuch geschafft, Gestein zu verformen. Auch, wenn Lanon es ihm untersagt hatte, wollte Rak dies direkt im Anschluss an den Arbeitsdienst weiter probieren. Außerdem hatte er sich fest vorgenommen, das Differenzieren von Stimmen aus den Geräuschen im Gemäuer in Angriff zu nehmen. Wenn er wirklich ganze Gespräche belauschen könnte... welche Welten täten sich da auf! Die positiven Gedanken machten das Schrubben erträglich, verhinderten jedoch auch das Aufkommen eines Gesprächs mit Stanna, die es mehrfach versuchte und schließlich aufgab.
Als sie fertig waren, kam sie aber doch noch einmal auf Rak zu. „Ich glaube du kennst dein Zimmer noch nicht. Lanon hat das angedeutet. Komm, ich zeige es dir.“
Im Vergleich zu seiner letzten Bleibe oben in der Burg, war dieser Raum eine Enttäuschung. Statt mit verziertem Holz verkleidet, waren die Wände aus blankem Stein, ebenso der Boden, dem nur ein rauer Teppich die Kälte nahm. Es gab eine einfache Pritsche, allerdings immerhin mit richtigen Decken, einen Tisch mit Stuhl und ein Wascheck mit einer großen Schüssel.
„Wir sind alle gleich nebeneinander den Gang runter. Wenn du bis zum Abendessen nichts vor hast, wir gehen ein bisschen raus in den Garten. Du kannst gern dazu kommen.“
„Danke“, murmelte Rak. „Ich überlege es mir.“

Nachdem Stanna gegangen war, stand Rak eine Weile unentschlossen in der Mitte seines neuen Zuhauses und versuchte zu verstehen, was seit jenem Tag am Fluss alles passiert war. Er war so schnell von einer Sache in die nächste geraten, dass er nicht mehr an Vater und Mutter gedacht hatte. Nun, in der kalten Stille seines Zimmers, kamen die Sorgen zurück. Rak tat, was er schon ewig nicht mehr getan hatte. Er betete zu Rarik. Wenn es den Gott der Erde wirklich gab, so würde er wissen, dass weder Rak noch seine Eltern ein Verbrechen begangen hatten. Beschütze sie, flehte er stumm, sag ihnen, es geht mir gut. Mit fest geschlossenen Augen wiederholte er die Worte immer und immer wieder im Geiste. Nach und nach entspannte er sich. Um ihn herum war ein monotones Gemisch von Hintergrundgeräuschen entstanden, das ihn beruhigte und schläfrig machte. Es war angenehm, sich davon aufnehmen zu lassen und doch regten sich Zweifel in Rak. Woher kamen diese Laute? Rak schlug die Augen auf. Sofort verschwand das Brummen. In dem kleinen Raum war es absolut still. Hatte er etwa aus dieser Entfernung Schwingungen aus den Wänden wahrgenommen? Aufgeregt trat Rak an die nächstliegende Zimmerseite heran und hielt sanft das Ohr dagegen. Er musste sich kaum noch konzentrieren, da waren all die Laute schon da. Tatsächlich. Es war genau dasselbe, das er eben in der Mitte des Raumes vernommen hatte, wenn auch mit anderer Intensität. Bislang hatte Rak überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass so etwas möglich war. Wenn er dazu in der Lage war, sollte es doch auch denkbar sein, Stimmen aus dem Gesamtklang herauszufiltern. Rak schloss die Augen. Er versuchte all seine Gedanken beiseite zu schieben und sich nur auf sein Gehör zu konzentrieren.
„... eben nicht alle gleich, Mikkon.“
Das war Holons Stimme! Versucht, die Aufregung zu dämmen, drückte sich Rak näher an die Wand heran. Beinahe im selben Augenblick merkte er aber, dass die Worte aus einer anderen Richtung kamen.
„So etwas ist nicht normal, Holon! Wir müssen sehr vorsichtig sein.“
Verwirrt schoss Raks Blick zur Zimmertüre. Stanna hatte sie nicht ganz geschlossen. Enttäuschung keimte so schnell in Rak auf, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Einen kurzen Moment lang hatte er geglaubt, es sei ihm gelungen, Worte im Gemäuer zu verstehen. Leise spähte er zur Türe hinaus. Holon und Meister Lanon gingen in Richtung des Unterrichtsraumes, ihre Unterhaltung war schon nicht mehr hörbar. Auch Rak hätte gerne ein paar Worte mit Holon gewechselt. Er hätte gerne gewusst, was ihn hier unten noch erwartete, wie lange er hier bleiben sollte oder musste, was er durfte und was nicht. Sein Gefühl sagte ihm, dass solche Fragen besser bei Holon als bei Meister Lanon aufgehoben waren. Wie es der Zufall wollte, trat dieser auch kurz darauf wieder auf den Gang hinaus. Rak passte ihn ab.
„Ah! Rak! Du bist hier unten? Warum gehst du nicht mit den anderen hinaus? Das Wetter ist schön und wer weiß, wie lange noch.“
„Ich wollte dich gerne etwas fragen.“
Holon verzog den Mund. „Tut mir leid, Junge, ich habe gerade keine Zeit. Wir sehen uns morgen.“
„Wann? Wo?“
„Ich werde dich schon finden.“
Die Antwort stellte Rak alles andere als zufrieden, doch ehe er protestieren konnte, kam Holon ihm zuvor. „Ich muss jetzt wirklich weiter. Ach und Rak,“ bereits halb im Gehen, wandte er sich noch einmal um, „gut gemacht.“ Grinsend zog er einen Steinklumpen unter seinem Mantel hervor. Selbst im schwachen Licht des Kellergewölbes war Raks Handabdruck deutlich zu erkennen.

Das Lob konnte Rak nur wenig darüber hinwegtrösten, dass er sich noch länger um Antworten gedulden musste. Weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, ging er den Gang entlang in Richtung des Treppenschachts. Dieses Mal war die schwere Türe unverschlossen. Obwohl er wusste, dass es noch nicht Abend sein konnte, überraschte Rak das Tageslicht nach der Zeit im Dunkeln. Ebenerdig gab es einen direkten Ausgang, während die Treppe sich weiter nach oben schlängelte. Rak trat ins Freie. Wie erwartet hatte er sich in einem der Türme befunden, allerdings war es einer auf der dem Gebirge zugewandten Seite der Burg. Nur wenige Meter von der Fassade entfernt erhob sich steil die Felswand. Rak ging den Spalt dazwischen entlang. Er entdeckte Arbeiter, die auf einem hölzernen Gerüst an der Burgmauer herum klopften. Genau so hatte das Geräusch geklungen, dass er am vorigen Tag auf der anderen Burgseite im Gestein wahrgenommen hatte. Konnte es wirklich über eine so weiter Distanz übertragen worden sein? Vermutlich schon. So langsam bekam Rak das Gefühl dass nichts unmöglich war. Erst vor wenigen Stunden hatte er in seinem Übungsstück Geräusche von anderen im Raum gehört. Er erinnerte sich an Lanons Ungläubigkeit und auch an sein Misstrauen. Während Holon stolz auf ihn war, schien der andere Elementar seine schnellen Fortschritte zu missbilligen. Rak verstand nicht warum. Wenn man junge Leute ausbildete, sollte dann nicht das Ziel sein, ihnen etwas beizubringen, je schneller desto besser?
Rak ließ seinen Blick die Felswand hinauf wandern. All das war Gestein. Ob ein einzelner jemals in der Lage sein könnte, ein ganzes Gebirge zu bewegen? Oder eine Festung? Wenn nicht, werde ich der erste sein, dachte Rak. Auf einmal durchströmte ihn eine wilde Entschlossenheit. Er grinste und legte eine Hand auf den Fels. Es fühlte sich einfach richtig an, als hätte sein Leben lang ein Teil von ihm gefehlt und nun hatte er ihn gefunden.

Rak erwachte, weil er Stimmen hörte. Sie waren so laut, als spräche jemand direkt neben ihm, doch als er die Augen aufschlug war sein Zimmer leer. Je klarer sein Verstand wurde, je mehr er sich aus den Schleiern des Schlafes löste, desto leiser wurden auch die Worte, die er vorher noch so klar hatte verstehen können. Hatte er geträumt? Die angekündigte Morgenglocke hatte noch nicht geläutet, also drehte Rak sich noch einmal auf die Seite und schloss die Augen. Da! Ganz deutlich hörte er es; jemand sprach. Er schälte sich aus seiner Decke und ging in die Richtung, aus der er das Geräusch vernommen hatte. Es kam aus der Wand. Aufregung befiel ihn und er legte sein Ohr auf das kalte Gemäuer, tastete sich an die Quelle der Laute an und versuchte alle anderen Empfindungen und Gedanken auszuschalten. Schnell baute sich die übliche Geräuschkulisse auf, eine stete Mischung aus Knacken und Knarzen, Rauschen, Klopfen und Scharren. Es musste da sein! Er hatte es so deutlich gehört, viel lauter als den Rest. Tief in Konzentration versunken, wäre Rak beinahe aufgesprungen, als erneut eine Stimme ertönte.
„Ich bin generell der Meinung, dass es nicht klug ist, die Jungen und Mädchen zu lange warten zu lassen.“
Rak riss die Augen auf. Das war Holon! Ein breites Grinsen wanderte auf sein Gesicht. Sofern Holon keine private Unterredung mit dem stillen Jungen im Zimmer nebenan hielt, hatte er es endlich geschafft. Er konnte Wörter durch das Gestein hindurch verstehen.
„Wenn es zu früh ist, können sie oft nicht mit damit umgehen.“
Diese Stimme war Rak unbekannt.
„Wir sind zu wenige, um uns diese Vorsicht erlauben zu können.“
Die Antwort ließ auf sich warten. Allmählich erkannte Rak, dass er gerade ein äußerst brisantes Gespräch belauschte.
„Ich weiß, Ihr seht das anders. Doch unser Zweck dient nicht der Expansion. Es geht nur um das Überleben und damit meine ich nicht einmal das unsere. Das Wissen ist es, das wir unbedingt...“
Laut und schallend ertönte die Morgenglocke. Rak fuhr zusammen und die Freude wich Ärger. Was hatte der zweite Mann noch sagen wollen? Die Idee, Holon danach zu fragen, verwarf er direkt wieder. Niemand wurde gerne belauscht und die Gefahr, dass Rak seinen scheinbar einzigen Verbündeten verlor, war zu groß. Widerwillig löste er sich von der Wand, wusch sich und ging in den Aufenthaltsraum zum Frühstück. Es gab denselben Getreidebrei, den er auch an seinem ersten Morgen gegessen hatte, wenn auch die Früchte fehlten. Dafür gab es Honig zum Süßen und heiße Milch zu trinken. Rak saß alleine, doch es wurde generell kaum gesprochen.
Im Unterrichtsraum wartete Meister Lanon bereits auf sie. Sein Gesicht verriet seine Anspannung und Rak wurde das Gefühl nicht los, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Nachdem er sie willkommen geheißen hatte, kam er direkt auf die Aufgabe zu sprechen, die er ihnen gestern mitgegeben hatte. „Wie ist es euch bei der Übung ergangen? Vielleicht du, Finni? Willst du etwas dazu sagen? In der Stunde hast du dich schwer getan, wie war es danach?“
„Also“, sie fuhr sich durch das Haar, „wir haben es gemeinsam ausprobiert, draußen im Steinbruch. Ich denke, wir haben ganz gute Fortschritte gemacht, oder?“
Timm und der andere Junge in Raks Blickfeld nickten.
„Was habt ihr bemerkt?“
Unsicher sah Finni die anderen an und da wusste Rak, dass sie es entweder gar nicht versucht oder nichts zustande gebracht hatten.
„Wir haben uns vorgestellt, dass nur noch die Steine existieren und alles andere ausgeblendet.“
Timm nickte wieder.
„Das ist eine gute Übung. Wie gesagt: ohne eine ruhige Geisteshaltung bringt man es in der Elementarmagie nicht weit. Wollen die anderen auch etwas sagen? Rak vielleicht?“
Sofort bekam Rak heiße Wangen und ärgerte sich, dass er es nicht verhindern konnte. Unmöglich konnte Lanon von seinem Erfolg heute Morgen wissen, oder? „Viel habe ich gar nicht mehr versucht. Ein, zwei Mal ein wenig an den Wänden gehorcht, das war es.“
Finni tuschelte irgendetwas zu Timm und Raks Wangen brannten stärker.
„Möchtest du beschreiben, was passiert, wenn du am Gemäuer lauschst?“
Nein, das wollte Rak nicht, doch gehorsam antwortete er. „Wenn ich mich konzentriere, entsteht ein brummendes Hintergrundgeräusch, aber es gibt auch dumpfe Schläge und solche Dinge.“
Lanon nickte. „Das ist sehr gut. Musst du dich anstrengen, um dies wahrzunehmen? Ihr beiden“, wandte er sich an Timm und Finni, „hört auf zu schwätzen. Jeder kann von den Erfahrungen anderer etwas lernen, also passt auf.“
Das ständige Getuschel der beiden irritierte Rak und er merkte, wie er wütend wurde. Es war ungerecht, dass Lanon ihn so ausfragte. Bei Finni hatte er sich viel schneller zufrieden gegeben, obwohl klar war, dass sie log.
„Ich muss mich konzentrieren“, antwortete er schlicht.
„Das wird sich auch kaum ändern. Die Arbeit eines Elementaren ist vor allem eine Sache des Geistes. Mit der Zeit sind wir nur besser in der Lage, uns zu fokussieren.“ Er ließ seine Worte einen Moment wirken. „Rak, wenn ich dich noch eines fragen darf, wie fühlt sich der Kontakt mit Gestein für dich an?“
„Wie meint Ihr das?“
„Kommst du dir komisch dabei vor? Bemerkst du in erster Linie seine physischen Eigenschaften, also ob er warm oder kalt, glatt oder rau ist? Oder fühlt es sich normal an, vielleicht gar vertraut?“
Rak schluckte schwer und dachte an das gute Gefühl beim Berühren der Felswand. Lanon testete ihn. Das war schon unangenehm genug, doch wieso musste er es vor den anderen machen? „Manchmal ist es merkwürdig, doch ich finde es interessant“, log er und endlich ließ Lanon von ihm ab.
Den Rest der Stunde widmete der Meister dem Thema der Verfolgung der Elementare durch die königlichen Ritter. Er berichtete von der drohenden Ausrottung vor langer Zeit und dem Rückzug der Verbliebenen in den Untergrund. Deshalb, betonte er, war es sehr wichtig, dass sie ihre Fähigkeiten kontrollieren konnten und sie nur einsetzten, wenn der Orden es erlaubte. Rak hatte das Gefühl, dass Lanon ihn häufiger ansah als die anderen. Der Vortrag erschien ihm zunehmend wie eine persönliche Belehrung, deshalb driftete er mit seinen Gedanken bald ab. Wie und wann würde Holon wohl auf ihn zukommen, falls überhaupt? Es gab mehr Fragen denn je, die er ihm gerne stellen wollte. Vielleicht konnte Holon ihm sogar weitere Übungen zeigen, damit er schneller voran kam. Unterdessen war Lanon dazu übergegangen, von den Hinrichtungsmethoden zu berichten, die den, der Magie Bezichtigten und ihren Verwandten bevor standen. Rak versteifte sich. „Die Verwandten?“, murmelte er.
„Wie bitte? Gibt es eine Frage?“ Lanon hielt inne und sah sich im Raum um, als wisse er nicht genau, woher die Worte gekommen waren. „Nicht? In Ordnung. Ihr seht, es ist nicht unbedingt ein Segen, die Gabe zu besitzen. Das liegt an den magischen Verbrechen der Vergangenheit. Damals trieb unsereins einen Keil zwischen die magische und nicht magische Gesellschaft. Und deshalb, ich kann es nicht oft genug betonen, müssen wir sehr vorsichtig sein.“
„Was ist damals geschehen?“, fragte ein Junge hinter Rak kleinlaut.
„Das, Marlo, werdet ihr zu einem späteren Zeitpunkt erfahren. Erst müsst ihr die Magie der Elemente besser verstehen.
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#14

Beitrag von Jaro Ballivòr » Fr 30. Nov 2018, 20:54

20. Mythos und Wirklichkeit

Der Besuch bei diesem Pater war sehr aufschlussreich gewesen. Für das Mädchen und ihren Vater mochte es wie ein vergeblicher Versuch wirken, für Halldor war nun vieles klarer. Seinen Auftrag machte es allerdings keinen Deut leichter. Es war natürlich ein Glücksfall, dass die absolute Mehrheit der Leute keinen blassen Schimmer von der eigenen Vergangenheit hatte, doch dieser Schatz an Wissen, den der Geistliche hütete, war eine große Gefahr. Bevor er nicht wusste, was dort alles vermerkt war, musste Halldor sehr vorsichtig sein. Er wünschte, er hätte jemanden, mit dem er sich beratschlagen konnte. Die Überfahrt war eine einzige Irrfahrt gewesen. Die See konnte endlos sein, wenn man sein Ziel nicht genau kannte. Tatsächlich konnte sich Halldor nicht erinnern, dass jemals Land in Sicht gekommen war, geschweige denn an den Schiffbruch. Ganz erfunden war sein Gedächtnisschwund nicht. Immerhin blieben ihm so die Bilder von Milgirs Tod erspart. Warum Sinklar das Risiko eingegangen war, seinen zweiten Sohn mitzuschicken, hatte Halldor von Anfang an nicht verstanden, doch wer war er, des Lords Entscheidungen zu bewerten. Nun war nur noch er übrig.
Die Aviare waren anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Er hatte ein stolzes, misstrauisches Volk erwartet, das ein gut bewachtes Territorium verwaltete. Stattdessen hatte er eine ländliche Dorfgemeinschaft gefunden, die ihre Werkzeuge aus Feuerstein herstellte. Und was am wichtigsten war: es gab keinerlei Anzeichen von Magie. Sinklar hatte sie vor Kräften in reinster Form gewarnt, nicht zu vergleichen mit dem kläglichen Rest, der unter den Menschenvölkern überlebt hatte. Bislang hatte Halldor nichts entdecken können. Zwar war ihre Fähigkeit, sich zu verwandeln beeindruckend und auch ein wenig furchteinflößend, doch waren sie im Grunde nichts anderes als übergroße Vögel. Ob der Lord seinem Plan treu bleiben würde, wenn er all dies wüsste? Halldor befürchtete sowieso, dass es schwer würde, dieses Volk davon zu überzeugen, ihm nach Mildir zu folgen. Andererseits war es ihm nicht möglich, ohne sie zurück zu kommen. Der Gedanke, den Rest seines Lebens auf diesen ausgestorbenen Inseln verbringen zu müssen, schauderte ihm. Er lehnte sich zurück an die Hauswand. Die kleine Familie ließ ihn bei sich wohnen und auch wenn Halldor ihr Heim für drei Personen bereits zu klein fand, nahm er das Angebot dankbar an. Bei ihnen würde er beginnen. Er konnte ihnen helfen, bei was auch immer sie den ganzen Tag taten. Stück für Stück würde er ihr Vertrauen gewinnen und dann und wann Geschichten aus seiner Heimat einstreuen. Vor allem dem Mädchen würde er viel erzählen. Sie war begierig mehr zu erfahren, das merkte er ganz deutlich. Bei ihr würde er den Samen zuerst sähen. Immer weiter würde er die Geschichten spinnen, ihre Fantasie anregen, bis sie sich gegenseitig davon erzählten und bis sie tatsächlich glaubten, das mysteriöse und unbekannte Volk der Dunkelelfen sei ihr Feind. Eine düstere Bedrohung, die zu Ende bringen wollte, was ihr vor all der langen Zeit nicht gelungen war. Es konnte Jahre dauern, das war Halldor bewusst, doch dies war sein Opfer für das edle Volk der Alben und für seinen hohen Lord. Er würde es schaffen. Er würde die Aviare überzeugen, dass es nur einen Ausweg für sie gab. Angriff.


21. Macht

Mit einer gehörigen Portion schlechter Laune ging Rak zur Nachmittagsarbeit. Nicht nur, dass er sich von Lanon vorgeführt fühlte, die Sorgen um seine Eltern waren wieder schmerzlich in den Vordergrund gerückt. Wenn es stimmte, was der Meister sagte, hatte Holon dann nicht auch gewusst, dass eine Eltern in Gefahr waren? Rak verfluchte sich, dass er ihn nicht noch in Krinkgard danach gefragt hatte. Niemals wäre er von dort geflohen, wenn er dies geahnt hätte. Stattdessen hätte er alles daran gesetzt, sie ebenfalls zu retten. Wenn er nur gewusst hätte, wie, wäre er auf der Stelle aufgebrochen, um dies nachzuholen. Trotz seiner Fortschritte fühlte Rak sich allmählich eingesperrt. Zwar konnte er die Burg verlassen und sich frei in ihr bewegen, doch dieses Privileg war leicht gewährt, wenn man sicher sein konnte, dass er nicht weglief. Er wusste ja nicht einmal, wo genau er sich in Norgond befand. Geld hatte er auch keines und selbst wenn er Vorräte aus der Küche stahl, hätte er sich vermutlich verirrt, bevor sie ihm ausgingen. Wenn die Lehrmeister ihn weiterhin so ausbremsten, würden auch seine Fähigkeiten irgendwann stagnieren, und das, nachdem er die Elementarmagie gerade erst für sich entdeckt hatte und neugierig auf mehr war. Einer düsteren Wolke gleich sammelten seine Gedanken sich um ihn herum.
Seine Stimmung erhellte sich nicht gerade, als er in der Waschküche eintraf und Timm dort vorfand.
„Da bist du ja endlich“, schnauzte dieser direkt los. „Ich dachte schon, ich muss die ganze Arbeit alleine machen, während dir noch der Hintern gepudert wird.“
Rak überging ihn und schnappte sich das erste Bettlaken aus dem Waschkessel.
„Sag schon, was wollte der Alte dieses Mal? Hat er dir geheime Tricks gezeigt? Dinge, die zu hoch sind für Trottel wie uns?“
„Überhaupt nichts. Ich habe den Raum hier nur nicht gleich gefunden.“
Timm prustete verächtlich. „Von wegen. Gestern hat er dich auch schon für zusätzliche Streicheleinheiten dabehalten.“
Mit großer Mühe schloss Rak die Augen und atmete tief durch. „Nein, Timm. Ich wurde dafür gescholten, dass ich mehr ausprobiert habe, als wir sollten.“
„Das glaubst du ja selber nicht! Ich habe doch genau gehört, wie er dich gelobt hat.“ Seine kleinen Augen fixierten Rak, während er immer und immer wieder dieselbe Stelle an seinem Laken schrubbte.
„Er wollte wissen, woher ich wusste, dass man etwas im Gestein hören kann.“ Rak merkte wie er wütend wurde und sich zugleich um jeden Preis verteidigen wollte. Immerhin war er es, dem niemand Informationen gab, der gestern in einem unangenehmen Kreuzverhör verhaftet gewesen war und nicht dieser dumme Junge.
„Du hast doch eh nur so getan! Wieso sollte man in so einem kleinen Brocken etwas hören können?“
„Hast du nicht gesehen, wie der Meister seinen kleinen Brocken hat schweben lassen?“, konterte Rak.
„Das ist ja wohl etwas anderes. Das ist Magie! Deshalb sind wir hier, um so etwas zu lernen.“ Timm begann sein Laken auszuwringen.
Rak konnte sich ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. „Du hast gehört, was der Meister gesagt hat: wer nicht sich einmal auf ein Stück Stein konzentrieren kann, der kann es gleich lassen. Vielleicht solltest du freiwillig gehen.“
Zornesröte trat in Timms Gesicht. „Und nur weil du dein Ohr an irgendeinen Klumpen hältst, denkst du, du bist schon ein großer Elementar?“
„Du kapierst es nicht, oder? Das hängt alles zusammen! Fühlen, hören, steuern.“ Er wusste, dass er prahlte und zu viel verriet, doch er konnte nicht anders. Der Drang, den älteren Jungen vorzuführen, war zu groß. Und tatsächlich zögerte Timm kurz bevor er etwas entgegensetzte.
„Das hat dir jemand verraten. Der Typ mit dem du hergekommen bist! Ein dummer Bäckersohn weiß so etwas nicht, auch nicht, wenn er aus der hohen Hauptstadt kommt.“
Der Kiefer zuckte Rak, als er die Zähne aufeinander biss. Woher wusste dieser Kerl, dass er in einer Backstube arbeitete? Wieso schien hier jeder alles zu wissen? Jeder außer er?
„Man sagt, ein Bäcker hat so viel Grips, wie die Brötchen, die er backt“, fuhr Timm fort, der offensichtlich gemerkt hatte, dass er Rak damit wütend machen konnte. „Ein Wunder, dass dein Vater überhaupt das richtige Loch in der Mutter gefunden hat, um dich zu zeugen.“
Eher er sich versah, hatte Rak die kurze Distanz zwischen ihnen überbrückt und den größeren Timm am Hals gepackt. „Spinnst du, oder was?“, presste Timm hervor, doch Rak drückte nur noch fester zu.
„Sprech – nie – wieder – von – meinen Eltern!“, sagte er zwar leise, doch mit bedrohlichem Unterton, bevor er von Timm abließ, der sofort seinen Hals abtastete. Wütend starrte er Rak an, dann ging er auf ihn los. Er versuchte ihm mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, doch verfehlte sein Ziel. Timm war größer und stärker als Rak und eben hatte bloß das Überraschungsmoment geholfen, das wussten sie beide.
„Ich werde dir die Fresse polieren!“, knurrte Timm. „Dann überlegst du dir das nächste Mal zwei Mal, ob du dir einen Gesteinsklumpen an die Backe pressen willst, um die Meister zu beeindrucken.“
„Versuchs doch!“, gab Rak zurück. Keinesfalls wollte er Schwäche zeigen. Ein Hieb Timms traf ihn im Bauch, doch konnte er seinerseits mit dem Fuß einen Treffer landen. Sie zerrten sich an den Kleidern und versuchten jeweils das Gesicht des anderen zu erwischen. Raks Hemd rutschte ihm beinahe schon über den Kopf. Er atmete schwer, doch immerhin war auch Timm die Anstrengung deutlich anzumerken.
„Ich soll nicht von deinen Eltern sprechen, ja?“, presste er im Gerangel hervor. „Warum nicht? Weil ich Recht habe und sie dumm wie Brot sind? Oder hast du vielleicht gar keine Eltern? Haben sie dich ausgesetzt wie einen räudigen Hund?“
„Halt den Mund!“, brüllte Rak. Die schrecklichen Szenen, die sich immer wieder in sein Bewusstsein gedrängt hatten, bauten sich vor seinem inneren Auge auf. Seine Mutter und sein Vater bloßgestellt und gefoltert. Er würde nicht erlauben, dass Timm so von ihnen sprach. Rak konnte sich keine besseren und gütigeren Menschen als seine Eltern vorstellen, auch wenn sie freilich einfache Leute waren. Noch nie da gewesener Zorn erfüllte ihn. „Du sollst nicht von ihnen sprechen, weil ich dich sonst umbringe.“ Rak hatte die Worte ganz leise gesprochen, doch sein Atem ging schnell und schwer. Er war so wütend, dass ihm schwindelig wurde und er wollte nur eines: dem anderen weh tun. Mit zusammengekniffenen Augen sah er Timm an, dessen Gesichtsausdruck sich plötzlich änderte. War das Furcht? Dann geschah alles sehr schnell. Von allen Seiten flogen Gesteinsbrocken herbei und schlugen hart auf Timms Körper auf. Einer davon traf ihn am Kopf, worauf er bewusstlos zu Boden ging. Raks Zorn war Entsetzen gewichen. Er blickte sich um. Sie waren noch immer alleine. Die Erkenntnis schoss mit Eiseskälte durch seine Adern und er schlug die Hand vor den Mund. Es gab nur eine Erklärung: er hatte die Steine beschworen.
Nervös raufte er sich die Haare. Was sollte er tun? Er ging zu Timm und beugte sich zu ihm hinab. Blut sickerte aus einer üblen Platzwunde auf den Boden, doch immerhin atmete er noch. Gerade wollte Rak zum Waschbecken eilen, um das Blut wegzuwaschen, da hörte er schon eilige Schritte auf dem Gang und kurz darauf Lanons Stimme. „Was ist hier los?“


Schon eine gefühlte Ewigkeit saß Rak in dem kleinen Raum auf einem der schweren Stühle, die den runden Tisch in seiner Mitte flankierten. Die Eichentüre war abgeschlossen, doch er wäre ohnehin nicht weggelaufen. Wo sollte er schon hin? Meister Lanon hatte Timm in sein Zimmer bringen lassen und alle möglichen Anweisungen gegeben, die Rak kaum wahrgenommen hatte. Wie paralysiert war er in der Waschküche gestanden, hatte die Blutlache und die Steinbrocken am Boden und die Löcher in der Wand angestarrt und versucht zu verstehen, was gerade passiert war. Dann war Holon aufgetaucht.
„Du wolltest mich sehen, Mikkon?“, dann: „Oh.“
Er hatte einen der Brocken aufgehoben und betrachtet, ebenso die Wände und dann hatte Rak seinen Blick auf sich gespürt und sich mühsam aus seiner Trance befreit. Das Gesicht des jungen Meisters war unleserlich gewesen, doch immerhin hatte er keine Wut darin erkennen können.
„Wir müssen reden“, war Lanons Stimmt ertönt und ehe Rak sich versah, war er in das kleine Ratszimmer gesperrt worden und die beiden Meister waren irgendwo anderes hingegangen, um zu reden. Die Mühe hätten sie sich auch sparen können, denn Rak hörte jedes Wort. Dabei war er sich gar nicht sicher, ob er das wirklich wollte. Es flog ihm einfach so zu, er musste sich nicht einmal mehr anstrengen, um die Geräusche aus der Wand wahrzunehmen.
„Der Junge ist eine Gefahr für sich und die anderen.“ Meister Lanons Stimme war fest und bestimmt. „Was habt du ihm alles gezeigt?“
„Gar nichts. Ich habe ihn nur ermutigt, weiter zu üben, als er nach einem gescheiterten Hörversuch aufgeben wollte – bei dem ich ihn im Übrigen zufällig erwischt habe.“ Holon hingegen klang fast ein wenig amüsiert oder sogar spöttisch.
„Das hat mir der Junge auch gesagt!“
„Hast du ihn ausgequetscht?“ Nun mischte sich Ärger mit hinein.
„Ich musste ihn fragen! Er hat seinen Übungsstein verformt!“
„Und?“ – „Holon! Das ist kein Spiel! Ich weiß nicht, ob wir ihn weiter ausbilden sollten.“ Etwas klatschte, als schlage jemand mit der Hand auf einen Tisch.
„Und was sonst? Wollt Ihr ihn etwa auf die Straße setzen und seinem Schicksal überlassen? Was glaubst du denn? Dass er dann keine Gefahr für sich und die Umwelt ist, wenn ihm keiner sagt, wie er es beherrschen kann?“ Holon war laut geworden.
„Aber noch nie… niemals hat jemand so schnell so viel beherrscht…“
„Das stimmt nicht. Es gab schon einmal jemanden.“ Kurz war es still, dann sprach wieder Holon. „Du weißt von wem ich spreche. Der Junge bleibt hier und wir werden ihn weiter ausbilden.“ Ruhe kehrte ein.
„Er muss eine Strafe erhalten; für das, was er dem anderen Jungen angetan hat.“
„Jungen prügeln sich nun einmal… Schon gut, schon gut! Dann soll er bestraft werden.“ Rak hörte, wie sie zur Tür gingen und die Klinke gedrückt wurde.
„Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen und dich ebenso wenig, Holon“, sagte Meister Lanon. „Großmeister Hangol hat mir von Eurer Unterredung heute Morgen berichtet.“ Mit einem Klicken fiel die Türe ins Schloss. „Wir werden nicht zulassen, dass du und die anderen diesen Ort als Rekrutenschule missbraucht.“

Zusammengesunken wartete Rak, wie die Schritte die beiden Stück für Stück näher brachten. Sein Kopf dröhnte, die allgegenwärtigen Geräusche vermischten sich mit seinen eigenen lauten Gedanken. Vielleicht hatte Meister Lanon Recht und er konnte all das, was aus ihm hinaus strömte, nicht kontrollieren. Weil er sich trotzdem zu weit hinausgewagt hatte, ergriff es nun Besitz von ihm. Rak versuchte sich dem Einfluss des Gemäuers zu entziehen, doch sein Wille war zu schwach. Die Klänge fanden weiterhin ihren Weg in sein Bewusstsein. Was geschah mit ihm? Holon schien alles nicht sonderlich tragisch zu sehen, doch Rak wusste nicht mehr, was er glauben sollte. Seine Gedanken wanderten zu Timm und er merkte, dass er es ihm nicht einmal leid tat. Der Junge hatte keine Ahnung, was Rak durchgemacht hatte und war schlicht und ergreifend neidisch. Niemals würde er zulassen, dass jemand schlecht über seine Eltern sprach, das war das Mindeste, das er ihnen schuldig war, wenn er schon die Schuld an ihrem Schicksal trug. Doch was machte das aus ihm, wenn es ihn kalt ließ, einen anderen Menschen böse verletzt zu haben? Ein wenig schämte sich Rak für seine Wut. War er vor nicht allzu langer Zeit nicht selbst neidisch auf andere gewesen, die bessere Voraussetzungen hatten, als er? „Nein!“, sagte er sich im Versuch den Kreisel der Gedanken zu unterbrechen. Das war etwas anderes gewesen. Er ließ den Blick über das Gemäuer schweifen. In dem Moment in der Waschküche hatte sich etwas in ihm verändert. Selbst jetzt aus der Ferne konnte er die Struktur der Steine auf seinen Händen spüren, ihren Kontakt zur Erde und eben auch all die Geräusche hören. Es war, als wäre die Verbindung zwischen ihm und dem Element in dem Augenblick eingerastet, in dem die Wandstücke seiner Wut gefolgt und auf Timm geflogen waren. Rak rieb die Finger aneinander. Schwach regte sich noch die Furcht in ihm, von dieser neuen Macht beherrscht zu werden, doch sie wurde bereits von etwas anderem verdrängt. Stolz.
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#15

Beitrag von Jaro Ballivòr » Di 4. Dez 2018, 18:53

22. Hinterhalt

Weiterhin prägte Nässe Triborins ersten Kontakt mit Mildir. Nachdem sie die Schwüle der Sümpfe verlassen hatten, kam der Regen. Endlos strömte es hinab und Wiesen und Wälder dampften, sodass es wirkte, als käme das Wasser auch aus dem Boden. Meist war es den ganzen Tag düster. Von der goldenen Sonne des Albenreichs war nichts zu sehen. Triborin hatte seinen Umhang zusammengerollt und am Sattel befestigt. Ohne den vollgesogenen Stoff auf den Schultern machte ihm die Nässe nichts aus. Das Leder hielt ihn trocken und warm und sein Haar war wie stets zu einem engen Zopf geflochten. Liena war dem Wetter wesentlich stärker ausgeliefert. Das Haar klebte ihr an den Wangen und ihre Kleider waren durchnässt. Trotzdem beschwerte sie sich nicht einmal und bestand nicht auf längere Pausen. Triborin versuchte schlau daraus zu werden. Wollte sie die Starke spielen oder hatte sie es eilig?
Gegen Abend nahm der Regen ab und ein heller Streifen kämpfte sich an den südwestlichen Horizont. Erst schüchtern und schmal, dann immer größer, zart golden-gelblich, später pastellblau, während alles darüber dicht und grau blieb.
„Morgen wird es besser werden“, sagte Liena leise, ohne den Blick vom Horizont zu nehmen, der wie ein dünnes Band der Hoffnung gegen die Düsternis ankämpfte. Sie sollte Recht behalten. Die erste Nacht seit Tagen verbrachten sie ohne das stetige Rauschen und Tropfen des Wassers, wenn sie zur Sicherheit auch trotzdem einen geschützten Rastplatz bezogen hatten. Die Bäume waren nicht sonderlich hoch, doch sie streckten ihre Äste weit zu den Seiten aus und bildeten ein dichtes Dach. Triborin prüfte die Verletzung seines Pferdes und seine eigene. Beide Wunden waren so gut wie verheilt, in erstaunlich kurzer Zeit.
Schweigsam aßen sie. Liena hatte festes Brot bei sich, von dem bereits kleine Mengen sättigten wie ein ganzes Mahl. Dankbar nahm Triborin es an, um seine eigenen Vorräte aufzusparen. Einmal hatte er der Albe in einem Anflug von schlechtem Gewissen etwas von seinem Dörrfleisch angeboten. Sie hatte abgelehnt. Erst hinterher war Triborin eingefallen, dass Alben kein Fleisch aßen und zu seinem eigenen Erstaunen hatte er sich unangenehm beschämt gefühlt und die Schinkenstreifen eilig wieder weggepackt.
Noch immer wusste Triborin nicht, was er von Lienas Handeln halten sollte. Seit ihrem Gespräch kurz hinter der Grenze, hatten sie kaum mehr über etwas anderes als alltägliche Dinge gesprochen. Allgemein waren selten Worte gefallen. Die meiste Zeit hatten sie stumm dem Regen und den Schritten der Pferde gelauscht, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Sie waren niemandem begegnet. Triborin war unentschlossen, ob ihn das beruhigen oder alarmieren sollte.
Die Bewaldung wurde nun dichter. Neben der eingeschlagenen Himmelsrichtung ein weiteres Indiz, dass sie sich in die richtige Richtung bewegten. Triborin kannte die Topographie gut genug, um nicht befürchten zu müssen, eines Tages unverhofft vor den Toren Salisirs zu stehen, wo ihn eine Horde von Sinklars Milsari bereits erwartete. Die Wolkendecke hatte sich über Nacht beinahe gänzlich aufgelöst und Sonnenstrahlen drangen zwischen den Blättern hindurch. Es war wahrlich ein schöner Anblick. Möglicherweise würde Triborin nun das Mildir zu Gesicht bekommen, von dem die Legenden erzählten. Ihr Weg führte sie einen schmalen Pfad entlang, der von Nadeln und Blättern bedeckt trotz der Regenfälle der vergangenen Tage beinahe trocken war. Als erwache das Leben durch die Wärme der Morgensonne von Neuem, zwitscherte, raschelte und scharte es ununterbrochen um sie herum. Ein klarer Bach suchte sich leise plätschernd einen Weg zwischen den Bäumen hindurch. Für Triborin, der die allgegenwärtige Stille von Lacharys' Norden gewohnt war, glich dies einer Geräuschexplosion. Mit gemischten Gefühlen untersuchte er die Umgebung. Was man in Lacharys über die Alben sagte, übertrug man auf ihr Land. Es war so schön wie gefährlich. Von lebendigen Bäumen war ebenso die Rede wie von alten Geschöpfen, von Narma selbst geboren, um ihre Welt zu schützen. Viel mehr als diese Fabelwesen fürchtete Triborin allerdings die mögliche Anwesenheit von anderen Alben, unsichtbar für seine Augen im Gewächs verborgen. Verschiedenste Bäume wuchsen hier direkt nebeneinander. Kleine, buckelige mit roten Blättern, etwas größere mit weißem Stamm und alles überragend die schnurgeraden Nadelbäume mit ihren weit entfernten Kronen. Ein paar Mal dachte Triborin es hatte wieder angefangen zu regnen, doch es war nur der Wind, der die trockenen Blätter von den Bäumen trieb.
Seine Gedanken wanderten zu seiner Mission. Bislang war es ihm erfolgreich gelungen, die genauere Planung aufzuschieben. Der Alben Blick richtet sich nach Süden. So waren die Worte von Solfor Sachrass gewesen. Wenn man ganz im Norden lebte, war dies nicht gerade ein definiertes Ziel. Erneut kam Triborin nicht umhin, an seinem Auftrag zu zweifeln. Warum sollte Xyrius das Risiko eingehen, einen einzelnen Dunkelelfen in fremdes Land zu schicken, ohne detaillierte Informationen zu kennen? Warum hatte er stattdessen keinen Schattengänger geschickt? Für eine geheime Mission war niemand besser geeignet, als die Spione, denen es auf unerklärliche Weise gelang, komplett mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Allerdings blieb Triborin nichts anderes übrig, als einfach weiter zu machen. Vesperion war ihm nach den jüngsten Ereignissen verschlossen und Mildir komplett zu durchqueren, erschien ihm wie ein Spaziergang zu dem, was ihn in der Heimat erwartete, wenn er unverrichteter Dinge dort auftauchte. Nein, es gab kein zurück. Er würde in den tiefsten Süden Solterras reisen. Limargres Kaiserreich galt als tolerant und gastfreundlich und die große Bibliothek in der Hauptstadt Duwalara stand denen Salisirs und Xarchavas' in nichts nach. Für ein Menschenvolk war dies ungewöhnlich, doch Triborin hatte schon häufig gehört, dass die Südmenschen ganz anderes waren, als ihre Artverwandten aus West und Ost.
Triborin betrachtete Liena, die vor ihm ritt. Sie würde ihn kaum zur Grenze geleiten, um ihn dort mit den besten Wünschen alleine auf die Weiterreise zu schicken. Irgendetwas musste sie doch bezwecken. Gedankenverloren strich er über sein Handgelenk. Es wäre so einfach. Und genau so etwas erwarteten die Alben doch von den Dunkelelfen, einen feigen Angriff im Rücken des Gegners. Bevor Liena merken würde, was geschah, hätte ihr Herz bereits aufgehört zu schlagen. Wie weit mochte es wohl noch nach Solterra sein? Lienas Gerede von sehenden Bäumen zum Trotz, war Triborin zuversichtlich, dass er es schaffen würde. Offenbar lebte in diesem Teil Mildirs niemand. Wieso sollte es dann jemanden geben, der ihn aufhielt? Sein Daumen schwebte über dem Abzug der kleinen Armbrust, doch er machte sich selbst etwas vor. Er wusste schon längst, dass er es nicht tun konnte. Leise seufzend senkte er den Arm. Er war eine Schande für seinen Stand und sein Volk.

Der Tag zog sich in die Länge und im Vergleich zum offenen Gelände, kamen sie nur langsam voran. Die fehlende Sicht begann an Triborin zu nagen, ebenso das stete Schweigen Lienas. Eigentlich war es sein Volk, das als wortkarg galt. Liena wäre diesbezüglich inmitten von Dunkelelfen nicht aufgefallen. Als sie schließlich sprach, zuckte Triborin beinahe zusammen und ihre Stimme wirkte fremd und fehl am Platz.
„Hier stimmt etwas nicht.“
„Was habt Ihr bemerkt?“
„Sch!“ Liena hielt ihr Pferd an. „Wir sind nicht allein.“
Argwöhnisch blickte Triborin sich um. In alle Richtungen sah er nichts als grün, durchzogen von den Stämmen und Ästen der Bäume und gebadet in dem goldenen Licht, das es hier tatsächlich im Überfluss zu geben schien. Unermüdlich zwitscherten die Vögel und der Wind strich sanft durch die Blätter, ansonsten war nichts zu hören. Es war nicht anders, als die ganze Zeit schon. Trotzdem packte Triborin die Zügel seines Nachtschattens fester. Anstelle weiter die Umgebung abzusuchen, musterte er Liena. Konzentriert starrte die Albe gerade aus, nur auf ihr Gehör fixiert, oder ihr Gefühl. Schon vorher war ihm aufgefallen, dass sie mit dem Land und der Natur verbunden zu sein schien. Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm, ins Unterholz zu folgen.
„Vor was verstecken wir uns?“, flüsterte Triborin ohne eine Antwort zu erhalten. Widerwillig heftete sein Nachtschatten sich an die Fersen des Wildpferdes. Je enger die Vegetation wurde, desto weniger behagte es dem großen Ross. Als es zu bocken drohte, stieg Triborin ab, tätschelte seine Flanke und ging neben ihm her. Angestrengt lauschte er in den Wald hinein. War dort ein Knacken gewesen? Raschelte hier das Laub? Das Gefühl des Ausgeliefertseins machte Triborin unruhig. Liena blieb stehen.
„Verhaltet Euch ganz ruhig.“ In einer fließenden Bewegung glitt der Bogen in ihre Hand und ein Pfeil auf die Sehne. Triborin hob die Hand an den Griff seines Krummschwertes.
„Nehmt den Bogen runter, werte Schwester.“
Liena zuckte zusammen, doch hielt den Bogen gespannt.
„Zeigt Euch!“
„Kommt schon. Als hättet Ihr meine liebliche Stimme nicht erkannt.“
Ein elegant gekleideter Alb schälte sich aus den Büschen unmittelbar neben Liena und trat nahe an die Pfeilspitze heran. Triborin kannte ihn.
„Ralir“, sagte Liena nur. Für Triborins Verhältnisse wirkte sie nicht gerade glücklich über die Begegnung.
„Ich hoffe für Euch, dass das Euer Gefangener ist.“ Angewidert sah er Liena an. „Oder seid Ihr die seine?“
Liena entgegnete nichts.
„Ergreift ihn.“
In Bruchteilen von Sekunden war Triborin umzingelt von Alben, ganz zu schweigen von der Menge Pfeile, die er verborgen im Gebüsch vermutete.
„Nicht töten. Der Lord wird seine Geschichte hören wollen.“
Triborin rührte sich nicht. Er spürte die Anspannung seines Pferdes, das auf eine Anweisung wartete. Schnell wog Triborin seine Chancen ab. Vorausgesetzt, dies war dieselbe Gruppe, die er in Vesperion gesehen hatte, konnten sich maximal zwei oder drei weitere im Unterholz verbergen. Sein Blick flog zu Liena, die wie gelähmt an Ort und Stelle stand. Bei Noxa, er hätte sie einfach beseitigen und einen anderen Weg einschlagen sollen. Ein bitteres Lachen kroch ihm die Kehle hinauf. Wie hatte er nur etwas anderes von ihr erwarten können? Langsam zog er seine Waffe.
Liena löste sich aus ihrer Starre. „Nein!“
Triborin hörte nicht auf sie. Der erste Alb sackte tot zu Boden, die Klinge des zweiten klirrte laut gegen die seine.
„Setzt ihn außer Gefecht!“, befahl der Anführer.
Triborin feuerte einen Giftpfeil auf ihn ab, doch Liena hatte irgendeinen Schild ergriffen und wehrte das Geschoss ab. Wütend biss Triborin die Zähne zusammen. Elendes Weib! Seinem Zorn fielen zwei weitere Alben zum Opfer, während er versuchte die anderen mit der Klinge in Schach zu halten. Sein Vorteil war, dass sie ihn am Leben lassen mussten. Trotzdem war er ihnen unterlegen und Alben waren ganz andere Gegner, als Menschen. Triborin schrie auf, als sich ein Pfeil in sein Bein bohrte. Sein Blickfeld flimmerte. Ein Wiehern drang laut in seine Ohren und aus dem Augenwinkel saß er, wie sein Nachtschatten ihm zur Hilfe eilte.
„Fällt das Ross!“
„Aber mein Herr, Narma...“
„Scheiß auf Narma! Tötet das verdammte Pferd!“
Schwer atmend rammte Triborin einem Alben das Krummschwert in den Hals. Brennender Schmerz flammte an seinem Oberarm auf, als ihn irgendetwas traf, doch er biss die Zähne zusammen. Er musste seinen Nachtschatten retten, solange noch Uneinigkeit unter den Alben herrschte. Sie töten keine Tiere, erinnerte er sich und humpelte auf sein Pferd zu.
„Haltet ihn auf!“ Die Stimme des Anführers war schrill, auch wenn er sich selbst nach wie vor komplett aus den Kämpfen heraushielt. Mit Mühe wehrte Triborin einen Angriff ab und wich einem Pfeil aus. Dann gelang es ihm, sich auf den Rücken des Nachtschattens zu schwingen. „Los!“
Seiner Furcht zum Trotz, stob das Ross in den Wald hinein. Zweige peitschten über sie hinweg und Triborin hörte das Surren mehrerer Pfeile, doch er war zu schnell, das Geäst zu dicht. Obwohl Triborin das Bein so nahe wie möglich an den Körper seines Pferdes drückte, wurde der Schaft des Pfeils immer wieder von Hindernissen getroffen und jedes Mal vernebelte heißer Schmerz Triborin die Sinne. An seinem linken Arm war das Leder aufgeschlitzt und dunkle Flüssigkeit quoll heraus. Eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Pfeilwunde. Triborin wusste, dass er das Bein dringend verarzten musste, doch er durfte nicht anhalten. Zwar hatte er keine Pferde gesehen, doch das hieß nicht, dass die Alben keine hatten. Er musste so schnell wie möglich und auf direktem Wege nach Solterra.



23. Der goldene Baum

Als Rasgar das nächste Mal aufwachte, war es, weil er hart auf dem Boden aufschlug. Schmerzen wie von Knüppelhieben dröhnten in seinem Kopf, sein Atem ging rasselnd und sein Herz schlug laut und unregelmäßig in seinen Ohren. So Noxa wolle, sollte ihn dieser vermaledeite Sumpf doch schlucken! Lieber wollte er in dem stinkenden Morast versinken, als noch einen Tag länger diese Kopfschmerzen ertragen zu müssen. Mit der Hand tastete er neben sich, doch der Boden war trocken. Hatte er jetzt auch noch das Pech, auf einer der wenigen festen Stellen gelandet zu sein? Rasgar kniff die Augen zusammen und mühte seine Sinne. Wenn er es sich recht überlegte, fehlte auch der faulige Gestank. Er atmete tief ein. Tatsächlich. Es roch nach Gras und Kräutern - es roch frisch. Vorsichtig und mit viel Willenskraft öffnete er die Augen. Grelles Sonnenlicht blendete ihn und entfachte das Pochen in seinem Kopf wie Wind das Feuer. Schwerfällig hob er eine Hand und schirmte die peinigende Helligkeit ab. Der Himmel war wolkenlos und lange Grashalme tanzten in seinem Blickfeld. Rasgar versuchte sich aufzusetzen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. So blieb ihm nichts, als den Kopf ein wenig zu drehen, um sein Blickfeld zu erweitern.
„Lorxas“, krächzte er. „Du bist auch hier, alter Knabe.“
Das kleine Packpferd quittierte dies mit einem Schnauben und widmete sich wieder dem Gras.
„Ich fürchte, du musst ohne mich heimkehren. Es sei denn, du kannst mich auf deinen Rücken heben.“ Schwindel überkam Rasgar und er schloss die Augen. Er musste schlafen. Vielleicht ging es ihm danach besser. „Geh besser, Junge. Es reicht, wenn dieses Land sich einen von uns holt.“
Dieses Mal folgte eine Antwort auf seine Worte und Rasgar horchte auf. Da waren Stimmen, doch er verstand nicht, was sie sagten. Die Sprache war ihm gänzlich fremd, sie glich weder den harten Lauten der Menschen, noch dem Silmanat der Alben und schon gar nicht der Handelssprache. Auch der Ton war ungewöhnlich, schrill und dünn, beinahe wie die Stimme eines Kindes, und doch ganz anders. Die Worte wurden lauter. Wer auch immer sprach, er kam näher. Sehen konnte Rasgar niemanden, doch eine Berührung an seinem verletzten Bein erinnerte ihn an die Wunde und den Schmerz, den er neben dem Dröhnen in seinem Kopf beinahe vergessen hatte. Er keuchte auf, versuchte sich auf den Ellenbogen zu stützen, um hinab sehen zu können, doch selbst dazu fehlte ihm die Kraft. Die Worte schienen schneller zu werden. Mehrere Leute sprachen wild durcheinander. Dann wieder ein Berührung. Heiß wie Feuer brannte sein Unterschenkel. Rasgar schrie. Das Geplapper verstummte. Etwas Kühles legte sich auf seine Stirn und wieder zwang er die Augen auf. Er blickte direkt in ein Paar leuchtend grüner Augen, das sich inmitten eines erdfarbenen, zerfurchten Gesichts befand. Das Wesen, was auch immer es sein mochte, konnte Rasgar kaum bis zum Knie reichen. Es öffnete den Mund und murmelte irgendetwas in der fremden Sprache. Wenn Rasgar auch die Worte nicht verstand, war er sich doch sicher, dass sie beruhigend sein sollten. Noch immer lag die Hand kühl auf seiner Stirn und Stück für Stück verebbte der Schmerz in Rasgars Kopf. Nie hatte er etwas Wohltuenderes verspürt. Seine Lider zitterten, als er sich zunehmend entspannte. Er öffnete den Mund, doch seine Zunge war taub und schwer und es gelang ihm nicht, Worte zu formen. Das Gesicht des kleinen Wesens verschwamm vor seinen Augen und Rasgar entglitt in einen sanften Schlummer.

Rasgar flog. Über ihm zogen dünne Wolkenschleier vorbei. Gras kitzelte ihn im Nacken. Er sah Bäume und Flüsse und allerlei Getier. Das Licht war warm und weich und ohne die schonungslose Tücke, die Rasgar so verabscheute. War er tot? Er war stets davon ausgegangen, dass ihn Noxa nach dem Ableben in ihren schützenden Mantel ewiger Dunkelheit aufnehmen würde, doch mit dem, was sich hier bot, konnte er sich ebenfalls anfreunden. Tag und Nacht vergingen wie ein Wimpernschlag. Die Welt starb und erwachte von Neuem, ganz im Sinne der Göttin. Fasziniert beobachtete Rasgar das Schauspiel. Doch andere Bilder mischten sich unter und störten seine Ruhe. Er sah Feuer und Blut, hörte Schreie. Ein gleißender Lichtkegel fraß die Dunkelheit und an ihrer Statt blieb ein goldener Baum im Zentrum zurück, selbst strahlend hell. Rasgar wollte, dass er verschwand, doch er blieb hartnäckig in seinem Blick hängen und verdeckte alles andere. Lichtstrahlen wanden sich aus ihm heraus, schlängelten sich um seinen Körper und krochen hinab zu seinem Bein. Rasgar schrie vor Schmerz, er schrie und schrie und plötzlich wusste er wieder alles. Vor einigen Tagen hatte ihn eine Schlange gebissen und er war nicht ohne Grund in diesem Sumpf unterwegs gewesen. Er folgte dem törichten Leibgardisten, oder um genau zu sein, folgte er eher der Gruppe Alben, die wiederum den Gardisten jagten. Entsetzen nahm Rasgar den Atem. Wie viel Zeit war vergangen? Kam er zu spät? Heiße Flüssigkeit füllte seinen Mund und er hustete. Die Welt war stehen geblieben. Rasgar öffnete die Augen. Es war dunkel. Er saß auf der Erde, lehnte an einem Baum. Um ihn herum schwirrten unzählige Leuchtkäfer, Grillen zirpten und kleine Wesen wuselten umher, wohin sein Blick auch viel. Zwei davon waren auf seine Brust geklettert und versuchten ihm laut diskutierend etwas einzuflößen. Rasgar wurde sich seines Durstes gewahr und öffneten den Mund. Es schmeckte süß und erdig. Sofort füllte Wärme und Kraft seinen Bauch.
„Wer seid ihr?“, presste er zwischen zwei Mundfüllungen hervor.
Sie redeten in ihrer fremden Sprache wild durcheinander und Rasgar wusste nicht einmal, ob sie ihn gehört hatten. Er betrachtete sie genauer. Ihre Haut glich rissiger Erde und sie trugen Blätter um die kleinen Leiber. Selbst im Dunkeln leuchteten ihre Augen hell. Rasgar erinnerte sich daran, dass eines dieser Wesen ihm die Kopfschmerzen genommen hatte.
„Ihr habt mich hierher gebracht“, murmelte er mehr zu sich. Neben ihm raschelte das Gebüsch und Rasgars Kopf fuhr herum.
„Lorxas! Mein tapferer Recke... du lebst.“
Das Pferd schnaubte. Ein Ziehen an seinem Ohr, brachte Rasgars Aufmerksamkeit zurück zu den Kreaturen auf seiner Brust. Sie wollten, dass er trank und er gehorchte. Unmöglich zu sagen, wie lange er nicht gegessen hatte. Er dachte an sein Bein und merkte, dass er gar keine Schmerzen mehr spürte. Ein dicker grüner Verband war um die Wunde gewickelt. Sie hatten ihn nicht nur weggebracht, sie hatten auch seine Verletzung umsorgt.
„Wer seid ihr?“, fragte er noch einmal, dieses Mal im Silmanat. „Warum helft ihr mir?“
Schlagartig verstummte das Gemurmel.
„Der Schatten bringt Gleichgewicht.“ Der Sprecher stand zwischen Rasgars Beinen und sah zu ihm auf. Die Worte klangen abgehackt, als fiel es ihm schwer, diese Sprache zu sprechen. „Die Narmii bringen den Schatten.“
Vor Erstaunen riss Rasgar die Augen auf. „Ihr seid Kreaturen Narmas... ich dachte immer...“ Ungläubig schüttelte Rasgar den Kopf. Bislang hatte er nicht an Märchen geglaubt. Aber jetzt? Erst die Symbole des Wassers an den Häusern der Menschen, nun der lebende Beweis für übernatürliche Geschöpfe... möglicherweise spielte ihm sein Hirn einen Streich oder das Schlangengift raubte ihm den Verstand. Er schüttelte leicht den Kopf. Warum fühlte sich dann alles so real an?
„Ausruhen.“ Ein knorriger Finger, kaum dicker als ein Zweig, zeigte auf Rasgar.
„Ich kann nicht, ich muss weiter. Es gibt jemanden, dem ich helfen muss.“
Der Gnom schüttelte den Kopf. „Nicht jemand. Allen.“
Rasgar versuchte aufzustehen, doch sofort sprangen unzählige der Wesen auf ihn, versuchten ihn niederzuhalten und, als das nicht gelang, kniffen und bissen sie ihn. „Au!“, rief Rasgar erstaunt, „hört auf damit!“
„Ausruhen“, beharrte der Sprecher. „Narmii müssen dem Schatten Dinge zeigen. Morgen. Jetzt, Ausruhen.“
Rasgar wollte erneut widersprechen, doch ehe er den Mund aufmachen konnte, legten sich kalte Hände auf seine Stirn und seine Wangen. Mattheit überrollte ihn so schnell, dass er sämtlichen Kampfgeist verlor und in sich zusammensackte.

Wieder fiel Rasgar in wirre Träume und jede Abfolge hektischer Bilder endete mit dem alles dominierenden goldenen Baum, dessen Licht die komplette Umgebung verschlang. Er schlug die Augen auf und erschrak. Nur wenige Finger breit von seinem Gesicht entfernt, ruhten grüne Kreise in der Luft. Sie starrten ihn an.
„Wir sind da.“
Rasgar blickte sich um und stellte fest, dass er sich ganz woanders befand, als wo er eingeschlafen war. Wie schafften es diese Kreaturen ihn zu transportieren? Statt an einem Baum, lehnte er dieses Mal an einer Felswand und das Spiegelbild des Mondes tanzte vor ihm auf einer Wasseroberfläche. Rasgar kniff die Augen zusammen.
„Das ist ein großer Strom“, murmelte er. Soweit Rasgar wusste, gab es nur einen Fluss in Mildir, der sein Bett so tief in die Erde gefressen hatte. Misstrauisch blickte er den Narmii an. „Ihr bringt mich nach Salisir.“
„Der Schatten muss sehen.“ Er drehte den Kopf flussaufwärts und Rasgar tat es ihm nach. Ein Stück weiter war der schwache Schein eines Feuers auszumachen. Die leise Hoffnung, dass dies die Albengruppe war, die den Gardisten verfolgt hatte, ließ Rasgar auf die Füße schnellen.
„Der Schatten muss alleine gehen. Nur der Schatten ist unsichtbar für sie.“
Misstrauisch spähte Rasgar in Richtung des Feuerscheins. Letztlich siegte die Neugierde. Er hüllte sich in die Düsternis und nachdem sie ihn komplett umgab, breitete sich ein wohliges Gefühl in ihm aus. Viel zu lange hatte er nicht von seiner Gabe Gebrauch gemacht. Im Schutz der Dunkelheit fühlte er sich sicher und geborgen. Unzählige grüne Augenpaare betrachteten ihn und auch, wenn ihre Mimik so schwer zu deuten war, meinte Rasgar Erstaunen in den Gesichtern der Narmii zu erkennen.
Lautlos schlich er die Felswand entlang. Hier war der Untergrund massiv, während sich zum Fluss hin ein Kiesbett ausbreitete, mal mehr, mal weniger breit. Im Frühjahr war die gesamte Schlucht mit Wasser ausgefüllt. Die Spuren und Konturen an der Steilwand waren ein eindeutiges Indiz dafür. Der Weg war weiter als vermutet, die Umgebung dafür besser als erwartet. Vorsprünge und Vertiefungen boten gleichermaßen ideale Bedingungen für Rasgar. Sofort erkannte er die Alben wieder, denen er in den Sumpf gefolgt war, wenngleich sie in der Anzahl deutlich reduziert waren. Der Dunkelelf war nicht zu sehen, auch sein Pferd befand sich nicht bei den anderen Tieren. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, vermochte Rasgar nicht zu entscheiden. Vorsichtshalber stellte er sich auf das schlimmste ein. Immerhin war diese Albe aus Kaachor zu der Gruppe gestoßen. Wie war noch gleich ihr Name? Rasgar erinnerte sich nicht, was äußerst ungewöhnlich für ihn war. Regungslos harrte er aus und beobachtete. Die Alben aßen stumm, die Stimmung schien angespannt. Immer wieder warf der Anführer der Frau Seitenblicke zu. Er saß mit dem Rücken zu Rasgar, sodass er sein Gesicht nicht sehen konnte, doch die gesamte Körperhaltung drückte Missfallen aus. Falls sie seine Blicke bemerkte, ignorierte sie sie. Sie aß nicht, hielt den Kopf gesenkt und starrte in die Flammen. Rasgar wurde ungeduldig. Was sollte er hier sehen? Der, den er finden wollte, war nicht da. Es wurde nicht gesprochen und er kannte die Personen bereits, die hier rasteten. Er wusste, dass Sinklars Sohn unter ihnen war und auch, dass sie aus Vesperion kamen und sich dort in Belange der Menschen eingemischt hatten. Außerdem hatten sie einen Elfen gejagt, den sie aber entweder nicht gekriegt oder beseitigt hatten. Letzteres konnte Rasgar sich nicht vorstellen, denn es wäre das Beste für alle gewesen. Tot war der Mann den Alben nichts wert. Fakt war jedenfalls, dass der Leibgardist nicht hier war. Möglicherweise riskierte Rasgar vollkommen umsonst, entdeckt zu werden. Warum aber hätten ihn die merkwürdigen Narmii retten und aufpäppeln sollen, ihn hierher bringen, wenn es nicht irgendetwas Lohnendes gäbe? Rasgar schloss einen Moment die Augen und beruhigte seinen Geist. Einst war Geduld seine große Stärke gewesen. Selten gaben sich Informationen beim ersten Hinsehen preis. Er hatte ein Gefühl dafür entwickelt, sie heraus zu kitzeln.
„Du kannst nicht ewig schweigen. Spätestens vor Vater nicht.“
Als hätten Rasgars Schwingungen die kurze Distanz überbrückt und den Sinklar-Spross aus seiner Starre geweckt, brach dieser plötzlich die Stille. „Was hattest du vor?“
Die Albe blieb stumm. Sie hob nicht einmal den Kopf.
„Liena! Dir muss doch klar sein, dass deine Strafe davon abhängt, wie ich Vater die Situation beschreibe. Zwischen der Gefangennahme und des heimlichen Durchschleusens eines Erzfeindes liegen ziemlich viele Schmerzen.“
Nun sah sie auf. „Wieso sollte er deine Einschätzung hören wollen?“
„Spar' dir den Hohn.“
„Was, wenn ich ihm meine Einschätzung gebe? Wenn ich ihm erzähle, dass der Elf wegen dir entkommen ist?“
„Ohne dich wäre der Elf längst in Gewahrsam der Westmenschen! Glaubst du ich weiß nicht, dass du ihm in Valgard geholfen hast?“
„Natürlich. Du sagst mir das ständig.“
Das hatte auch Rasgar bereits vermutet gehabt, auch wenn er nicht verstand, wieso. Ihm fiel auf, dass die übrigen Alben alle scheinbar teilnahmslos vor sich hin starrten. Das verwunderte ihn nicht. Um Angelegenheiten der Herrscherfamilie hatten sich normale Alben nicht zu scheren. Viel mehr überraschte ihn, dass diese Liena es sich herausnahm, dem Thronerben so schamlos die Stirn zu bieten. Dies war möglicherweise der dünne Faden, an den er sich klammern konnte.
„Ohne mich hättest du nicht einmal gewusst, dass ein Elf in Vesperion umherstreift. Wieso sollte ich dir den Triumph lassen, ihn nach Salisir zu schleppen?“, fuhr sie fort, offenbar in Kampfeslust geraten.
„Es war deine Pflicht mir von ihm zu erzählen. Stell es nicht als Wohltat dar. Bei diesem ganzen Unterfangen bist du mir unterstellt, vergiss das nicht.“
„Ist das mein Problem? Ich denke nicht, dass unser Lord mit deiner Arbeit sehr zufrieden ist. Willst du mich als Sündenbock, um in besserem Licht dazustehen?“
„Du führst dich auf wie ein Kind. Falls du es noch nicht gemerkt hast, dies hier ist kein Spiel.“
„Warum geht es dir dann so sehr ums Gewinnen, Ralir?“ Mit diesen Worten erhob sich Liena und kehrte der Gruppe den Rücken zu.
„Folgt ihr.“ Ralir nickte zwei seiner Leute zu und warf den Rest seiner Mahlzeit ins Feuer.
Seufzend strich er sich mit den Fingern über die Stirn. „Sie ist wie er!“ Er musterte die übrigen seiner Truppe. „Wir hätten den Elfen nicht entkommen lassen dürfen. Nun kehren wir mit leeren Händen zurück.“
„Eure Schwester hatte Recht, mein Herr. Wir hätten nur unsere Zeit vergeudet, wären wir ihm gefolgt.“
„Und weitere Albenleben“, knurrte Ralir.
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#16

Beitrag von Jaro Ballivòr » Fr 7. Dez 2018, 08:40

24. Strafe

Noch am selben Abend begann Raks Strafe. Eigentlich war er ganz froh darum. Er verpasste das gemeinsame Abendessen und konnte den Moment, in dem er den anderen gegenübertreten musste, hinauszögern. Selbst den bissigen Geruch des Pferdestalls, den er nun tagtäglich ausmisten musste, stellte er sich angenehmer vor, als die Blicke seiner Mitschüler und vor allem die Gegenwart von Timm. Vorausgesetzt dieser konnte sein Zimmer schon wieder verlassen. Rak hätte gerne noch mit Holon gesprochen, doch es hatte keine Möglichkeit gegeben und der Meister hatte ihn seither auch nicht aufgesucht. Das ärgerte Rak. Holon hatte versprochen, dass er zu ihm käme und gerade nach der Diskussion mit Lanon, hatte Rak erwartet, dass er es auch tat. Stattdessen überließ er ihn bei der Verarbeitung der jüngsten Ereignisse sich selbst. Rak hatte schließlich beschlossen, sich nicht länger zu grämen und die positiven Seiten daraus zu ziehen. Seine Fähigkeiten mit dem Gestein gingen ihm schneller in Fleisch und Blut über, als er je für möglich gehalten hatte. Selbst wenn er gewollte hätte, hätte er sich nicht dagegen verschließen können. Es war ein Teil von ihm. Nach dem Vorfall mit Timm war der Unterricht für ein paar Tage ausgesetzt worden, doch das hielt Rak nicht davon ab, auf eigene Faust zu üben. Trotzdem fühlten die Tage sich auf einmal viel länger an und die Abwechslung durch die Stallarbeit kam Rak gelegen. Zu viel Zeit zum Grübeln brachte ihm regelmäßig Zweifel zurück, ob die neue Macht nicht doch eine Gefahr sein konnte.
Ein weiterer Vorteil von Raks Strafe war, so stellte sich ein paar Tage später heraus, dass er einen guten Überblick hatte, wer in Grauenstein aus und ein ging. Die Pferde wechselten fast täglich. Es gab große, stolze Schlachtrösser und kleine rundliche Packtiere und jedes einzelne trug mit einer Ladung dampfender Äpfel dazu bei, dass er nicht arbeitslos wurde. Rak machte es sich zum Spiel zu raten, wie viele Boxen besetzt waren, bevor er den Stall betrat. Vor allem die mächtigen Tiere der Ritter hatten es ihm angetan, wenn er auch zugeben musste, dass er sich ein wenig vor ihnen fürchtete. Wenn er an ihnen vorbei ging, ließen sie ihn nie aus den Augen, scharrten teilweise unruhig mit den Hufen und Rak bezweifelte, dass das mickrige Gatter sie würde aufhalten können, wenn sie beschlossen, herauszustürmen. Nie wagte er sich in eine ihrer Boxen hinein. Da sie selten länger als eine Nacht verweilten, war es zum Glück auch nicht nötig und er konnte nachher alles säubern. Rak stellte sich vor, auch er sei ein Ritter, jeden Abend an der Tafel eines anderen wichtigen Mannes geladen und den ganzen Tag unterwegs durch die Welt. Immer schon war es sein Traum gewesen, ein Ritter zu werden. Und jetzt? War er nicht viel mehr, als ein Ritter je sein konnte? Nur würde ihn niemand mit offenen Armen empfangen. Wieso fürchteten die Leute die Magie so sehr? Neben all dem langweiligen Gefasel hatte Lanon ausgerechnet den interessanten Teil ausgespart.
Die Stalltür öffnete sich. Neugierig spitze Rak aus der Box heraus und erschrak. Seit dem Bankett hatte er den Ritter nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er drückte sich gegen die Bretter, während die schweren Schritte immer näher kamen. Sir Kartoff trug einen dicken Umhang über den Schultern, der das riesige Schwert an seiner Hüfte aber nicht komplett verdeckte. Er ging an Rak vorbei und steuerte eine der hinteren Boxen an. Rak wagte sich wieder ein Stück nach vorne, um hinaus zu spitzen. Also doch. Irgendwoher war Rak der graue Riese von einem Ross bekannt vorgekommen, er hatte es nur nicht einordnen können. Kartoff hievte den Sattel auf den Rücken des Tieres, wobei sein Kettenhemd klirrte. Zu gerne hätte Rak gewusst, wohin der Ritter so gerüstet unterwegs war oder woher er gekommen war. Gleichzeitig fürchtete er sich. Eilig huschte er von dem Gatter weg, doch wählte dummerweise dieselbe Stallseite wie zuvor. Idiot!, schalt er sich. Nun stand er dem Ritter genau gegenüber. Schau nicht zur Seite, schau nicht zur Seite, flehte Rak im Stillen und kniff die Augen zusammen. Das Klackern der Hufe verstummte und vorsichtig schielte Rak nach oben. Kartoff war direkt vor der Box stehen geblieben und sah ihn an. Von Furcht gelähmt konnte Rak nicht anders, als in das dunkle Gesicht starren. Auch Kartoff schien ihn unschlüssig zu mustern, als überlege er, was er sagen sollte oder ob dies wirklich der Junge war, den er erst kürzlich in den Kerker geworfen hatte. Die Spannung war greifbar und am liebsten wäre Rak weggelaufen oder hätte sich auf Knie geworfen und den Ritter angefleht, er möge Sarkis nichts erzählen. Kurz bevor er meinte, er könne es nicht länger aushalten, nickte Sir Kartoff ihm knapp zu und trieb sein Pferd vorwärts. Vor Erstaunen und Erleichterung blieb Rak der Mund offen stehen. War da ein Lächeln im Gesicht des Kriegers gewesen?
„Rak?“ Stannas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Ah, da bist du. Ist alles in Ordnung?“
Rak suchte nach Anzeichen von Abneigung oder gar Furcht in ihrem Blick, doch ihr Lächeln schien echt.
„Hast du deine Stimme verloren?“ Ohne den freundlichen Ausdruck zu verlieren, sah sie ihn prüfend an und wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht herum.
„Nein“, brachte Rak hervor und räusperte sich.
„Du warst seit Tagen nicht beim Essen und auch sonst nirgends zu sehen. Wir haben die Zeit genutzt und einen Ausflug ins Gebirge gemacht. Das war… naja, wie dem auch sei, morgen wird der Unterricht wieder aufgenommen.“
Mehr als zu nicken fiel Rak nicht ein. Ein komisches Schweigen entstand zwischen ihnen.
„So, hier arbeitest du nun… stinkt ganz schön.“
„Man gewöhnt sich daran.“ Mit dem Fuß stocherte Rak im Stroh herum. Er hatte das Gefühl, dass er etwas sagen sollte, doch sein Kopf glich einem abgeernteten Kornfeld.
„Naja. Eigentlich bin ich nur hergekommen, um dir das mit dem Unterricht zu sagen. Und dass Meister Brannes dich sehen möchte. Du sollst in sein Arbeitszimmer kommen.“
Sofort horchte Rak auf. „Wo ist das?“
„Zweiter Stock, nahe des Südostturms. Er sagt, du findest ihn schon.“
„Alles klar.“ Rak war schon einen Schritt aus der Box hinaus. „Und, äh danke.“
Stannas Lächeln verbreiterte sich wieder. „Schau mal wieder bei uns vorbei, Rak. So schlimm sind wir gar nicht.“
„Ja, bestimmt, mache ich.“
„Ach und… am besten du machst einen Umweg über die Waschstube, bevor du den Meister aufsuchst.“
Hitze schoss Rak in den Kopf. Stanna kicherte und er drehte sich schnell weg und eilte aus dem Stall.

Frisch gewachsen erschien Rak kurz darauf bei besagtem Raum und fand Holon am Schreibtisch sitzend. Als die Türe ins Schloss fiel, sah der Mann auf und lächelte. „Rak! Schön, dass du kommst. Wie geht es mit dem Üben voran?“
Rak öffnete den Mund, aber stockte dann.
„Komm schon, Rak“, sagte Holon. „Denkst du, du bist der einzige, dem unser liebes Gemäuer Informationen liefert?“
„Du kannst durch die Wände sehen?“, fragte Rak erstaunt.
Holon lachte. „Natürlich nicht, aber fühlen. Hast du im Unterricht etwa nicht aufgepasst? Die Grundlage der Elementarmagie ist doch, sich die Bilder zu erfühlen.“
Machte sich Holon lustig über ihn oder nahm er den Unterricht aufs Korn? Rak entschied sich, es nicht zu kommentieren. „Du wolltest mich sehen?“, fragte er stattdessen.
„Ja. Wie ergeht es dir mit deiner Strafe?“
„Ganz gut. Ich bin gern allein.“ Rak sah sich im Raum um. Bis auf den großen Holzschreibtisch gab es nur zwei kleine Regale mit in Leder gebundenen Büchern und Stapeln loser Zettel.
„Du kannst nicht auf ewig den Kontakt zu allen andern scheuen. Ein Einzelgänger hat es nicht leicht.“
„Aber ich mag die anderen nicht.“ Wieder brachte er Holon zum Lachen.
„Es wird der Tag kommen, da wirst du eine Freundschaft noch wertschätzen. Aber ich wollte dich nicht sehen, um über solche Dinge zu sprechen. Setz dich bitte.“ Er wies auf den Stuhl vor dem Tisch. „Ab morgen wirst du nicht mehr abends im Stall arbeiten. Stattdessen kommst du zu mir. Ich werde dich zusätzlich zu den normalen Stunden unterrichten.“
Ein Grinsen stahl sich auf Raks Gesicht, ohne, dass er es hätte verhindern können.
„Ich möchte nicht, dass du den anderen davon erzählst“, fuhr Holon fort.
„Weiß Meister Lanon davon?“
Wahrscheinlich das erste Mal überhaupt sah Rak Holon zögern. „Ja. In einer Burg aus Stein ist es schwierig Geheimnisse zu hüten.“
„Und er erlaubt es einfach so?“ Rak dachte auch an diesen Großmeister, wagte aber nicht, ihn zu erwähnen.
„Er muss. Es gibt immer eine Meinung, die sticht. Und jetzt genug davon. Morgen Abend fangen wir an.“
Hunderte weitere Fragen drängten sich in Raks Geist. Er konnte sie nicht einmal mehr alle aufzählen.
„Was gibt es noch?“
Sich ertappt fühlend blickte Rak auf. „Also… eben im Stall bin ich Sir Kartoff begegnet“, sprach er aus, was ihn gerade am meisten beschäftigte.
„Und?“
„Kurz hatte ich das Gefühl, dass er… nun ja, dass er mich angelächelt hat.“ Beschämt blickte Rak Holon an. Wieso wagte er nicht direkt zu fragen, was er wissen wollte?
„Das kann gut sein. Immerhin hat er dein ganzes Leben lang über dich gewacht. Selbst so ein schweigsamer und übelgelaunter Klotz wie er kann dabei Zuneigung entwickeln.“
„Er hat was?“ Ungläubig kniff Rak die Augen zusammen.
„Über dich gewacht“, wiederholte Holon, als sei Rak schwer von Begriff. „Seit der Signalstein in Krinkgard sich das erste Mal geregt hat, weilte er in der Hauptstadt.“
„Das ist gelogen. Er war einer von Prinzessin Klaras Leibwächtern.“
„Vielleicht in offizieller Stellung, ja. Sein Augenmerk galt aber immer dir.“
Vollkommen aufgewühlt versuchte Rak das Gehörte zu verarbeiten. Er wühlte in seinen Erinnerungen, wo und wann er Kartoff überall gesehen hatte, doch natürlich fand er nichts als ein wildes Durcheinander früherer Ereignisse.
„Warum habt ihr mich nicht früher geholt, wenn ihr schon so lange von meiner Begabung wisst?“
Holon seufzte. „Sagen wir, die Bedingungen waren nicht immer so gemütlich wie jetzt. Außerdem hast du nun das passende Alter, um mit der Ausbildung zu beginnen. Ich weiß, du hast viele Fragen“, erstickte er Raks weiteres Vorstoßen im Keim, „doch ich kann dir unmöglich alles auf einmal erklären. Du musst dich gedulden. Mit der Zeit wirst du vieles verstehen.“
Es gelang Rak kaum, seine Enttäuschung herunter zu schlucken. Er wollte sich nicht gedulden. Er wollte jetzt Antworten bekommen. Gleichzeitig wusste er, dass Holon keine Widerrede mehr duldete.
„Ich sehe dich morgen Abend hier.“ Bei diesen Worten sah Holon nicht einmal mehr auf und Rak verließ stumm den Raum. Trotz der Aussicht auf die zusätzlichen Übungsstunden war er unzufrieden. Er fühlte sich verloren und abhängig, wie ein Fisch an der Angel. Vor dem Besuch bei Holon hatte er wirklich überlegt, Stanna und die anderen aufzusuchen. Nun aber war ihm sämtliche Lust dazu vergangen und stattdessen zog er sich bis zum Schlafengehen auf einen der Türme zurück.

Der kommende Tag zog sich unendlich in die Länge. Rak war so gespannt auf den Unterricht mit Holon, dass ihm alles andere noch langweiliger und grauer erschien als sonst. Timm hatte offenbar beschlossen ihn zu ignorieren, was ihm sehr entgegen kam. Auch eine Konfrontation mit Lanon blieb Rak erspart, denn der Unterricht wurde von einem in die Jahre gekommenen Meister geleitet, den Rak noch nie zuvor gesehen hatte. Mit eintöniger Stimme leierte er Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Gesteinstypen herunter. Harter Basalt sei viel schwieriger zu kontrollieren als bröseliger Sandstein, dafür aber auch deutlich mächtiger. Er berichtete auch von den Verwandtschaften des Steins im Elementarkreis. Rak, der mit seiner Aufmerksamkeit rang, versuchte sich zu erinnern, was Holon ihm dazu bereits berichtet hatte. An das zugehörige Reinelement Erde konnte er sich noch erinnern, auch irgendetwas mit Luft und Metall, doch sicher war er sich nicht mehr. Luft war also das zweite dem Gestein zugeordnete Reinelement, was Rak ein bisschen komisch vorkam. Wo lag hier der Zusammenhang? Bei Metall, dem benachbarten Mischelement auf Erdbasis, konnte er sich die Verbindung eher vorstellen. Eigentlich war all das sehr interessant, doch die monotone Sprechweise von Meister Himal machte es unmöglich, ihm über längere Spannen zu folgen. Metall…, dachte Rak. Wie wäre das wohl, wenn man Metall kontrollieren konnte? Kein Kerker, kein Schwert, keine Rüstung könnte einen aufhalten. Rak verlor sich in Gedankenspielereien und hätte ihn das Scharren der Stühle nicht in die Realität zurückgeholt, hätte er gar nicht gemerkt, dass die Stunde vorüber war.
Als die Sonne endlich hinter den Gipfeln verschwand, eilte er sofort zum vereinbarten Treffpunkt. Die Türe war verschlossen und er begann unruhig davor auf und ab zu gehen. Hatte Holon ihn vergessen? Bei jedem Geräusch horchte er auf und spähte den Gang entlang, doch es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Meister schließlich auftauchte.
„Bitte entschuldige“, sagte er nur und ließ Rak hinein.
Im Gegensatz zum Vortag, war der Tisch frei von Papierkram. Stattdessen waren dort mehrere Gegenstände drapiert. Es gab verschiedene Gesteinsbrocken, eine Holzleiste, einen Tontopf mit Erde, dreierlei verschiedene Waffen aus Metall, eine Schale mit Wasser, eine verkorkte Flasche und eine brennende Kerze. Neugierig musterte Rak die Zusammenstellung.
„Schließ die Augen“, sagte Holon. „Und sag mir, was du siehst.“
Rak tat wie ihm geheißen und augenblicklich baute sie die Szene um ihn herum auf. Er fühlte die Konturen des Raumes, hörte das stete Brummen der belebten Burg. Ganz deutlich sah er die Schwingungen der Steinklumpen, die vor ihm in der Luft schwebten.
„Ich kann die Steine sehen. Sie sind unterschiedlich. Einen fühle ich sehr gut, doch die anderen beiden flackern ein wenig.“
„Was noch?“
Langsam tastete Rak sich weiter. Immer wieder drängten sich die Steine in sein Bewusstsein, doch er spürte ganz deutlich, dass da noch etwas war. War es vielleicht das Metall? Aufgeregt lenkte Rak seine Sinne in die Richtung, in der er die Waffen vermutete. Nichts. Das leise Pochen, das er im Hintergrund wahrgenommen hatte, wurde sogar schwächer. Aber da war noch etwas. Er war sich sicher. Die Berührung glich mehr einem Hauch und war ganz anders als die des Gesteins. Sie war sanft und warm… „Ich bin nicht sicher“, gab er schließlich zu. „Vielleicht spüre ich noch etwas, vielleicht auch nicht.“
„Öffne die Augen.“ Holon trat neben ihn. „Verstehst du, wozu diese Übung gut ist?“
Rak nickte. „Du wolltest testen, ob ich andere Elemente erspüren kann.“
Ein Lächeln huschte über Holons Gesicht. „Exakt.“
„Aber ich konnte es nicht.“ Grübelnd blickte Rak zu dem Tisch.
„Das hat erst einmal nichts zu sagen. Selbstverständlich brauchst du auch dafür Übung, wie beim Gestein.“
„Werden alle Schüler auf diese Wiese getestet?“, fragte Rak, obwohl er die Antwort schon kannte.
„Seit Hunderten von Jahren ist dieser Test nicht mehr durchgeführt worden. Er ist streng verboten.“
„Warum?“
„Aus Furcht.“ Holon ging zu dem Tisch hinüber und griff den Topf mit Erde. „Multielementarismus bedeutet vor allem Macht. Und wo Macht ist, da entstehen bald Konflikte. Sie ist wie eine bösartige Krankheit, die sich langsam durch den Körper frisst, bis von dem Menschen nichts mehr übrig ist. Große Anstrengungen waren nötig, die Multielementare zu vernichten. Niemand wollte ein erneutes Aufleben in Kauf nehmen.“
„Aber das ist doch nur ein Test.“
„Wärst du von alleine darauf gekommen, das Gestein zu kontrollieren?“ Sachte stellte Holon den Topf zurück und drehte sich um. „Magische Begabung bricht selten von selbst aus. Das macht die Signalsteine erst notwendig.“
Rak starrte auf die Ansammlung auf dem Tisch. „Und du denkst, dass ich mehr als ein Element beherrsche?“
Holon zuckte mit den Schultern. „Wer weiß? Ich will nichts unversucht lassen.“
„Kannst du denn einen der anderen Gegenstände erfühlen?“ Rak konnte nicht anders, als seinen Meister mit Fragen zu löchern. Wieso sollte ausgerechnet er, der gerade erste Gehversuche mit dem Gestein unternahm, solche Fähigkeiten besitzen?
„Ich kann nichts dergleichen und ich kenne auch niemanden, der es kann.“
„Woher weißt du dann so viel darüber?“
„Ich habe darüber gelesen und in der Schule aufgepasst.“ Holon zwinkerte.
„Warum hast du den Test mit mir gemacht, obwohl er verboten ist?“
Ein tiefes Seufzen entfuhr Holon. „Ich hatte befürchtet, dass du das fragst. Mit Sicherheit hast du schon gemerkt, dass nicht alle Meister der gleichen Meinung sind, wenn es um die Richtung und Geschwindigkeit der Ausbildung geht. Dieser Streit bezieht sich nicht natürlich nicht nur darauf, sondern auch auf die Stellung der Elementare in der Gesellschaft. Nun ja und ich gehöre jenen an, die der Meinung sind, wir sollten mutiger und präsenter sein, aufhören uns zu verstecken und uns den Stellenwert sichern, der uns zusteht. Dazu gehört auch, junge Talente zu finden und zu fördern.“
Alles, was Holon sagte, klang gut in Raks Ohren. Eine besondere Position inne zu haben, angesehen und gefürchtet zugleich, das stellte er sich auch geeigneter für Leute mit derartigen Fähigkeiten vor.
„In meinem Orden hat man nie daran gezweifelt, dass die alte Macht eines Tages zu uns zurückkehren wird“, fuhr Holon fort, seine Stimme gewichtig und entschlossen. „Und wenn es so weit ist, können wir die Spielregeln in Norgond endlich neu schreiben und unsere Brüder und Schwestern rächen. Viel zu lange warten wir bereits darauf.“
„Ich verstehe nicht so recht…“, gab Rak zu.
„Du wirst es. Und bis dahin, halte dir einfach Folgendes immer vor Augen: ist es gerecht, dass unsereins hier in dem Land, das auch wir unsere Heimat nennen, gejagt, geächtet und beim kleinsten Verdacht hingerichtet wird? Ist es gerecht, dass man in der Hauptstadt schon seit jeher lieber den fremden Alben glaubt, als uns, den eigenen Leuten? Ist es gerecht, dass Verräter auf dem Thron sitzen und ehrliche Leute mit Füßen getreten und für nichts und wieder nichts verurteilt werden? Denk daran, was sie mit dir tun wollten. Das ist nicht gerecht, ganz und gar nicht. Wenn du diese Überzeugung teilst, kannst du ein Mitglied unseres Ordens werden. Überleg es dir und bis dahin, übe fleißig. Fang gleich jetzt damit an.“
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Re: Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

#17

Beitrag von Jaro Ballivòr » Fr 7. Dez 2018, 12:19

25. Der Orden

Eine Zeit lang starrte Rak einfach nur gerade aus, ohne etwas anzusehen. Der Kopf schwirrte ihm. Mittlerweile war er alleine in Holons Arbeitszimmer, doch die Worte des Meisters schienen immer noch von den Wänden nachzuhallen. Rak brauchte nicht zwei Mal überlegen, ob er sich diesem Orden anschließen wollte, von dem Holon gesprochen hatte. Doch da war noch mehr. Von alter Macht war die Rede gewesen, von Multielementaren und nicht zu vergessen, Sir Kartoff, der angeblich Zeit seines Lebens über Rak gewacht hatte. Immer, wenn er hoffte, Antworten zu bekommen, taten sich nur neue Fragen auf. Gedankenverloren überbrückte Rak die kurze Distanz zum Tisch. Er ließ die Finger über die Gegenstände streifen, an der Kerze vorbei, über die Wasserschale bis zu den Dolchen. Die Griffe waren entfernt worden und wie bei den Steinen gab es auch hier deutliche Unterschiede zwischen den drei Exemplaren. Eine Klinge war prächtig und glänzend, eine rostig und abgestoßen und die dritte irgendetwas dazwischen. Rak fiel auf, dass nur von Metall und Stein je drei Teile auf dem Tisch lagen. Zwischen ihnen ruhte der Topf mit Erde, ihr gemeinsames Reinelement. Vermutete Holon eine Begabung für Metall? Oder wünschte Rak sich dies nur? Er hob die polierte Klinge hoch, wog sie in der Hand und strich vorsichtig über die Schneide.
„Ah!“ Schon bei der leichten Berührung hatte er sich geschnitten. Ein paar Tropfen Blut quollen hervor, doch tief war die Wunde nicht. Rak versuchte, das Messer mit seinen Sinnen abzutasten, doch außer der brennenden Stelle an seinem Zeigefinger spürte er nichts. Wo war das sanfte Pulsieren, das er zuvor wahrgenommen hatte? Er legte den Dolch zurück und betrachtete die anderen Dinge. Luft war das zweite dem Gestein verwandte Reinelement, das wusste er aus dem Vormittagsunterricht. Nichts als die verschlossene Flasche konnte symbolisch dafür stehen. Und sonst? Wasser und Feuer? Holz? Bevor er sich den übrigen Gegenständen zuwandte, fiel sein Blick zurück auf die Erde. Rarik war der Gott der Erde und er der Schirmherr Norgonds. Konnte das ein Zufall sein? Ohne groß darüber nachzudenken, steckte Rak seine Hand in den Topf hinein. Die Erde war warm und leicht feucht. Er schloss die Augen und da war es wieder. Sanft strich eine Empfindung seine Haut, die er nicht beschreiben konnte. Die Berührung war warm und zart, fühlte sich insgesamt fragiler und empfindlicher an, als er es vom Gestein kannte. Kam das aus dem Topf? Wenn Rak versuchte nach dem Ursprung zu greifen, zog es ihn immer wieder zu den Steinen, die direkt daneben lagen. Eine Idee kam ihm. Er zog seine Hand zurück und schob die Klumpen zur Seite. Dann fachte er erneut seine Sinne an, berührte die Erde und suchte.
Nichts.
Das schwache Signal war verschwunden. Wider seinen Willen keimte Enttäuschung in Rak auf. Was hatte er auch erwartet? Vage erinnerte er sich an Holons Worte in der dunklen Kerkerzelle. Reinelemente werden von den Göttern gesteuert. Abgesehen davon, dass es ihm ohnehin schwer fiel, an die Existenz der Götter zu glauben, kam ihm der Gedanken, er könne eine solche Macht besitzen, plötzlich ziemlich aberwitzig vor. Er seufzte und wollte sich wieder den Steinen zuwenden, um wenigstens mit einem Erfolgserlebnis zu Bett gehen zu können, da drangen unvermittelt laute Stimmen an sein Ohr.

„Wie konntest du es wagen ihm davon zu erzählen?“ Lanon…
„Es ist seine freie Entscheidung, welchen Weg er einschlagen möchte. Wie eines jeden anderen auch.“
„Es ist viel zu früh. Er kennt kaum die Grundzüge, geschweige denn die Gefahren und genau das willst du dir zunutze machen! Glaub nicht, ich durchschaue dich und dein falsches Spiel nicht. Ich habe dir gesagt, der Junge sei gefährlich, doch ich glaube es bist eher du, der ihn gefährlich macht.“
„Vielleicht solltest du nicht so schreien. Ich könnte mir vorstellen, dass er uns hört.“ Selbst durch das Gemäuer hindurch konnte Rak Holons Spott heraushören und musste unwillkürlich grinsen.
„Was hast du ihm noch alles beigebracht?“
„Gar nichts. Es kommt aus seinem Inneren. Weder du noch ich könnten es verhindern.“
„Wie auch immer!“ So aufgebracht hatte Rak Lanon noch nie erlebt. „Damit kommst du nicht durch. Ich werde zu Großmeister Hangol gehen.“
„Tu das. Er ist involviert.“
„Was?“
Keine Antwort.
„Was habt ihr mit ihm gemacht?“
Rak bemerkte, dass es in allen Gesprächen, die er mitgehört hatte, so klang, als wären ganze Gruppen von Elementaren in der Nähe. Bis auf die paar Schüler und die drei Meister hatte er aber noch keinen zu Gesicht bekommen.
„Das kannst du nicht machen. Siehst du denn nicht, in welche Situation du uns bringst? Ganz Norgond?“
Raks Herz beschleunigte. Was hatte Holon geantwortet? Hatte er etwas gezeigt? Bewusst leise gesprochen? Vor Anstrengung trat Rak Schweiß auf die Stirn, als er noch tiefer eintauchte.
„Es ist der einzige Weg. Vertrau mir.“
„Ich kann das nicht für gutheißen. Du bringst uns alle leichtfertig in Gefahr.“
„Nein, mein Lieber. Ich befreie uns.“
Gleißender Schmerz durchfuhr Raks Kopf, so urplötzlich, dass ihm die Luft weg blieb. Instinktiv nahm er die Hände an die Ohren, doch es half nicht. Rak schrie. Geräusche, so laut, dass er sie nicht identifizieren konnten, schlugen auf ihn ein und verebbten erst, als er die Verbindung zum Gestein löste. Keuchend sank er auf die Knie. Was war das denn gewesen? Noch immer nahm er ein Pfeifen war, Schweiß stand ihm auf der Stirn und seine Hände zitterten.
„Du musst lernen, unauffälliger zu sein.“
Erschrocken fuhr Rak herum. Holon schloss gerade die Türe.
„Jemand, der dir weniger wohlgesinnt ist, hätte weit größeren Schaden anrichten können. Mit ausreichend Macht hätte er dich sogar umbringen können.“
„Du warst das?“, stammelte Rak.
„Sieh es als Lektion. Wenn ich nicht möchte, dass man mich belauscht, weiß ich es durchaus zu vermeiden. Vorausgesetzt, ich merke es.“ Eine gewisse Spannung lag in Holons Stimme und Rak war unsicher, ob dies von dem Gespräch mit Lanon herrührte oder ob Holon wütend auf ihn war. Auf einmal fühlte er sich furchtbar erschöpft.
„Ich denke, das reicht für heute.“ Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen durchquerte Holon den Raum und begutachtete, die Elemente auf dem Tisch. „Ich erwarte von dir, dass du dich morgen in der Unterrichtsstunde normal verhältst. Und nimm dir Zeit über mein Angebot nachzudenken. Eine vorschnelle Entscheidung hilft uns nicht weiter.“

Noch immer zitterten Raks Knie, als er die Treppe hinabstieg. Schauder liefen ihm den Rücken hinab, wann immer er an Holons Rückstoß dachte. Die Druckwelle hatte ihn bis ins Mark erschüttert. Etwas Vergleichbares hatte Rak noch nie ertragen müssen und er hoffte, dass es nie wieder passierte.
Im Keller war es bereits still. Offenbar waren alle schon zu Bett gegangen und Rak hatte vor, es ihnen ohne Umschweife nachzutun. An Schlaf war allerdings nicht zu denken. Sein Körper sehnte sich nach Ruhe, doch sein Geist war viel zu aufgewühlt. Erneut ließ er alles Revue passieren, ohne schlauer daraus zu werden. Gedankenverloren rieb er seine Hände aneinander und bemerkte eine raue Stelle. Er erinnerte sich an den Schnitt, doch er verspürte keine Schmerzen mehr. Rak drehte sich auf die Seite und betrachtete den Finger im Lichtkegel der kleinen Kerze neben seinem Bett. Die Wunde war so gut wie verheilt. Merkwürdig. Zwar war es nur eine kleine Verletzung gewesen, doch gerade an den Händen schienen selbst kleinste Kratzer immer ewig zu währen. Energisch schüttelte er den Kopf. Nicht schon wieder zu viel hineininterpretieren! Wenn es so weiter ging, verlor er noch den Verstand.
Die halbe Nacht wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Von was für einem Orden hatte Holon gesprochen? Was brachte Lanon so aus der Fassung? Mittlerweile war Rak sich sicher, dass er nur hatte hören können, was Holon ihm gewährt hatte. Es gefiel ihm noch immer nicht, so hingehalten zu werden. Andererseits war alles, was Holon ihm bot unwahrscheinlich verlockend und tief in seinem Innern wusste Rak, dass er diesen Köder schlucken würde. Irgendwann musste er schließlich doch eingeschlafen sein, denn die Morgenglocke riss ihn schlagartig aus der matten Wolke des eigenen Bewusstseins. Kerzengerade saß Rak im Bett und wusste zunächst nicht, wo er war und was zuletzt geschehen war. Dann erinnerte er sich und fasste einen Entschluss: gleich heute Abend wollte er Holon mitteilen, dass er sein Angebot annahm.
Zuvor stand allerdings noch der Unterricht an. Stanna grüßte ihn lächelnd und auch Marlo nickte ihm knapp zu, was zweifelsohne auf ihrem Mist gewachsen sein musste. Meister Himal ordnete mit zittrigen Fingern Unterlagen und sah nicht auf, als sie eintraten.
„Da muss doch…“, murmelte er.
Stanna räusperte sich, worauf der Meister den Kopf hob.
„Oh, ihr seid schon da. Na dann… wo waren wir gestern stehen geb…“
Die Tür schwang auf und dieses Mal bemerkte dies sogar der alte Lehrer.
„Ich übernehme heute, Meister Himal“ Mit langen Schritten durchquerte Lanon den Raum.
„Ich… in Ordnung. Wie Ihr wünscht. Ich muss ohnehin diese Abschriften in Ordnung bringen.“ Umständlich schob er die Zettel zusammen, verstaute sie gemeinsam mit Tinte und Feder in seiner Tasche und wackelte an ihnen vorbei. „Seid schön brav und passt gut auf Kinder. Wir werden wann anders einmal wieder das Vergnügen haben.“
Rak spürte Lanons Blick auf sich und zwang sich, dem Meister in die Augen zu sehen. Anstelle von Misstrauen oder Abneigung fand er allerdings etwas Unerwartetes darin. Sorge.

„Ich möchte euch heute etwas über die Götter erzählen.“ Lanons Stimme war leise und belegt. „Heutzutage beten wir zu Rarik, er möge unsere Häuser stärken und unsere Ernte vergrößern. Die Zwerge bitten ihn um scharfe Schwerter und mächtige Hammer. Im Westen fleht man Nēn an, die See mäßig zu stimmen und reichlich Regen für die Felder zu bringen und die Alben huldigen ihrer Mutter für jedes Leben, das in ihrem Land entspringt. Ich könnte die Liste für alle Völker und alle Götter fortführen, das Ergebnis ist immer das gleiche.“
Rak merkte, dass er dem Meister gebannt an den Lippen hing. Die gespenstische Stille im Raum verriet ihm, dass er damit nicht der einzige war.
„Wir alle leben in losem Aberglauben und hoffen, dass uns die Gebete vor Leid bewahren und uns Erfolg bringen. In Wahrheit sind wir es aber selbst, die über unser Schicksal entscheiden.
Das ist nicht immer so gewesen. Natürlich können wir nur mutmaßen, wie die Welt vor langer Zeit ausgesehen hat, doch viele Gelehrte sind überzeugt davon, dass die Götter einst im Wettstreit miteinander lagen und uns und alle Völker auf dieser Erde nur geschaffen haben, damit wir das Gefecht für sie austragen.“
Aus dem Augenwinkel sah Rak, dass Finni unruhig auf ihrem Stuhl herumrutschte. Auch Meister Lanon hatte es bemerkt und nickte ihr zu.
„Meine Großmutter hat solche Geschichten immer als Humbuk bezeichnet. Sie hat gesagt, dass sind schöne Märchen und mehr nicht.“
„Das mag wohl sein“, entgegnete Lanon zu Raks Überraschung. „Möglicherweise hat sich irgendjemand diese Geschichte ausgedacht, um unser damaliges Handeln zu rechtfertigen. Wie gesagt, wir können es nicht wissen. Woher stammt aber der magische Funke in uns, wenn nicht von den Göttern? Lasst uns einen Augenblick annehmen, all dies sei wahr. Jahrelang bekriegten sich die magischen Völker. Allianzen wurden geschmiedet und gebrochen, bis die ganze Welt vor dem Zerfall stand. War ein Feind besiegt, war der nächste schnell gefunden, bis sich die Völker auch untereinander bekriegten. Wie endet man ein Fiasko wie dieses nun? Man nimmt den Kämpfern ihre Waffen. Und genau das taten die Götter. Wieso sonst sollten die meisten der Nordmänner heute ohne magische Begabung zur Welt kommen? Nicht nur hier, auch im Süden, überall auf der Welt? Doch die Legenden besagen, dass es bereits zu spät war. Der magische Funke hatte ein Eigenleben entwickelt, hatte sich ausgebreitet in Bereiche, die die Götter nicht mehr kontrollieren konnten. Und so ging der Krieg weiter, nur dass nun die Benachteiligung derer, die ihre Macht verloren hatten, die Konflikte weiter zuspitzte. Plötzlich war die Magie etwas Böses und leider gab es viel zu viele, die diesen Eindruck durch ihr Handeln verfestigten.“
Obwohl Lanons Blick nur kurz über Rak strich, verstand er, worauf der Meister hinauswollte.
„Anstatt sich auf das Gemeinsame zu besinnen, suchten wir nach den Unterschieden. Anstatt unserer eigenen Art zu vertrauen, fielen wir den Listen Fremder zum Opfer. Anstatt ein Gleichgewicht zu schaffen, versuchten wir den jeweils anderen niederzuringen. Am Ende haben wir alle verloren.“
Eine bedeutungsschwere Stille folgte seinen Worten. Finni mochte solche Geschichten aus Märchenerzählungen kennen, für Rak war all das Gerede von magischen Kriegen und Göttern etwas völlig Neues. Falls Lanon damit bezweckt hatte, seine Entscheidung zu beeinflussen, war der Schuss nach hinten los gegangen.



26. Wie der Vater…

Rasgar fiel es wie Schuppen von den Augen.
Liena.
Liena Emira Sinklar.
Warum hatte er dies nicht schon früher erwogen? Welche Chance hatte der Gardist sich entgehen lassen! Er musste Tage lang alleine mit Sinklars Tochter unterwegs gewesen sein, Zeit genug sie zu überwältigen und zu befragen, sie möglicherweise gar als Geisel in Richtung Lacharys zu schleppen. Nicht nur er, dachte Rasgar und verfluchte sich selbst. Sie hatten die Frau in Kaachor auf dem Präsentierteller gehabt, doch er war zu begierig darauf gewesen, den Gardisten bei einer unbedachten Handlung zu erwischen. Das war beinahe schon ironisch. Was er am meisten an den Gardisten verachtete, war ihm selbst zur Schwäche geworden. Er hatte sich von seinem Hochmut täuschen lassen. Dem früheren Rasgar wäre so etwas niemals entgangen. Nie hätte er auch nur einen Faden des Netzes unbeachtet belassen. Andererseits… Wer konnte auch vermuten, dass jemand wie sie alleine durch Lacharys wandelte?
Vor Ärger über sich selbst hätte Rasgar am liebsten los geschrien. Noch immer kauerte er im Schatten, auch wenn er nicht länger beobachtete, sondern viel mehr versuchte, das große Ganze zusammen zu bringen. Sie ist uneins mit ihrem Bruder… Rasgars Gefühl sagte ihm, dass Ralir nichts von Lienas Aufenthalt in Lacharys wusste. Sinklar hatte drei Kinder… buhlten sie in einer Art Wettstreit um seine Gunst? Beim verfluchten Sonnenschein, er musste ihnen nach Salisir folgen. Kein Weg führte daran vorbei. Der Leibgardist konnte ohnehin schon sonst wo sein und hier war etwas im Busch, dem er nachgehen musste. Die Narmii hatten es gewusst. Sie hatten gewollt, dass er etwas sah. Woher ihnen diese Eingebung gekommen war, wollte Rasgar lieber gar nicht fragen und bezweifelte auch, dass sie ihm eine verständliche Antwort geben würden. Ohne das geringste Geräusch zu verursachen, wandte Rasgar dem Rastplatz der Alben den Rücken zu.
Die Narmii erwarteten ihn bereits.
„Ihr hättet mir auch einfach sagen können, dass auch die Tochter des Albenlords in dieser Gruppe verweilt.“
„Der Schatten weiß selbst, dass das nicht stimmt. Er muss sehen, sonst kann er nie wissen.“
Rasgar konnte nicht umhin zu grinsen. Niemals vertraute ein Schattengänger auf etwas, das er nicht selbst gesehen oder gehört hatte. Egal, wie detailliert der Bericht eines Fremden auch sein mochte, niemals ersetzte er das Bild, das das eigene Bewusstsein aus den eigenen Sinneseindrücken zusammenfügte.
„Bestimmt wisst ihr dann auch schon, dass ich nach Salisir zu gehen gedenke.“
Andächtig senkte der Narmii den Kopf. „Gehofft haben wir, nicht gewusst.“
„Ihr werdet nicht mitkommen“, stellte Rasgar in einer plötzlichen Eingebung fest.
„Nein. Wir dürfen uns nicht einmischen.“
Irritiert runzelte Rasgar die Stirn. Wie würden sie es wohl bezeichnen, was sie bisher getan hatten? Er fragte sie nicht danach.

Bereits am späten Nachmittag des folgenden Tages kam Salisir in Sicht. Die Schlucht lag lange schon komplett im Schatten, doch die Stadt selbst strahlte im goldenen Licht der tiefstehenden Sonne. Mittlerweile reichte das Wasser beinahe bis an die Steilwände heran, die immer näher zusammen rückten, je weiter es auf Salisir zu ging. Schon aus der Ferne sah Rasgar, wie Gebäude, Treppen und Vorsprünge aus dem Fels wuchsen, mit etwas Abstand zum Fluss bis hinauf auf die Klippen. Brücken überspannten die Klamm, allesamt aus hellem Stein, auch wenn Rasgar nicht sagen konnten, wie sie gehalten wurden. Eher wirkte es, als schwebten sie. Gewächse schlängelten sich an ihren Geländern entlang und sie leuchteten ebenso strahlend wie der Palast, von dem sich bereits ein Teil erahnen ließ.
Rasgar seufzte. Niemals konnte er dort hinauf gelangen, ohne gesehen zu werden. Nicht einmal er konnte das. Hier unten in den wachsenden Schatten war er sicher vor den Blicken der Alben, doch sobald er eine dieser Treppen betrat, würde ihm auch die Düsternis nicht mehr helfen. Die neusten Anflüge von Unachtsamkeit begannen ihm ernsthaft Sorge zu bereiten. Wie hatte er sich denn vorgestellt, in den goldenen Palast zu gelangen? Denn wohin sonst würde die Gruppe um die Sinklarsprösse wohl gehen?
„Lorxas, alter Knabe“, flüsterte er seinem treuen Tier zu. „Geh zurück, immer den Fluss entlang. Such dir einen Platz mit ausreichend Futter und warte dort auf mich.“ Er klapste dem Pferd auf den Hintern und trieb ihn den Weg zurück. Dort, wohin Rasgar ging, war es viel zu gefährlich für seinen Freund.
Er seufzte. Es gab keinen anderen Weg. Die Narmii gestanden ihm eine wichtige Rolle im Weltgeschehen zu und sie hatten gewollt, dass er nach Salisir ging. Dass er dorthin unmöglich unerkannt gelangen konnte, war ihnen sicherlich ebenso klar gewesen. Warum sollten seine Chancen dann so schlecht stehen, auch wieder frei zu kommen? Den Gedanken, dass sein Überleben den merkwürdigen Gnomen vielleicht völlig egal war, versuchte er hartnäckig zu verdrängen.

Rasgar tat, was er selten tat. Er bewegte sich in vollkommener Sichtbarkeit. Festen Schrittes hielt er auf die Ausläufer der albischen Hauptstadt zu und versuchte die eigene Unsicherheit hinunter zu schlucken. Wie erwartet, dauerte es nicht lange, bis man ihn bemerkte. Irgendwo weit oben erklang der helle Ton eines Horns und nur wenige Augenblicke später marschierte ihm ein Trupp bewaffneter Alben entgegen.
„Guten Abend“, grüßte Rasgar sofort. „Ich komme in friedlichen Absichten.“
„Alleine, dass du hier gehst, straft deine Aussage Lügen, Elf. Du hast Glück, dass der Herr nach dir verlangt hat, sonst triebest du mit einem Pfeil im Herz bereits den Fluss hinab.“
Mühevoll schluckte Rasgar sowohl seinen Zorn als auch seine Überraschung hinunter. Unmöglich hatte ihn jemand sehen können…
Er ließ zu, dass man ihn durchsuchte, ihm den Beutel mit der Verpflegung und sein Messer abnahm. Nervös dachte er an seine übrigen Habe in Lorxas‘ Satteltasche und an das Tier selbst. Schau bloß, dass du weit kommst, Junge.
Mit gefesselten Händen stieg Rasgar Stufe um Stufe hinauf, umringt von Alben, was ihm wenigstens einen Großteil der neugierigen Blicke ersparte. Leider nahm es ihm auch die Möglichkeit, Salisir genauer zu inspizieren. Für den Augenblick beschränkte sich sein Bild der Hauptstadt auf glatt polierte steinerne Stufen. Die Krieger trugen keine Rüstung, sondern weiche Stoffe in Grün und Braun. Ein jeder hatte Pfeil und Bogen auf dem Rücken und ein kurzes Schwert an der Hüfte. Es musste sich um die herkömmliche Stadtwache handeln, schloss Rasgar. Den ganzen Weg über sprach niemand. Starr blickten die Alben geradeaus und obwohl Rasgar schnell außer Puste war, schien ihnen der Aufstieg keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten.
„Mein Herr Jondir, wie befohlen bringen wir den Gefangenen.“
„Gut. Abtreten.“
Ehe er sich versah, fand sich Rasgar vor einen neuen Gruppe Alben, dieses Mal mit Harnischen, auf denen der goldene Baum prangte. Plötzlich entsann sich Rasgar seiner wirren Fieberträume. Ein jeder hatte damit geendet, dass alles vom Licht des goldenen Baumes verschlungen wurde. Lief er seinem Tod gerade in die Arme?
„Ergreifen.“
Binnen Sekunden hatten sich zwei Krieger aus den Reihen gelöst und Rasgar an den fixierten Armen gepackt. Der Anführer namens Jondir wandte sich ab.
„Ich kann selbst gehen.“
Ohne ihm eine Antwort zu geben, folgten die Alben ihrem Hauptmann und schleiften Rasgar zwischen ihnen mit.
„Kein Elf geht auf Narmas geweihtem Boden.“
Rasgars Kopf fuhr herum und er erblickte Sinklars Ebenbild. Gemächlich schlenderte der Thronerbe neben ihnen her.
„Hallo Ralir“, grüßte Rasgar ihn mit einem bitteren Grinsen. „Den einen Elfen hast du versäumt, da bringst du wohl einfach einen anderen mit nach Hause.“
Ralir ging nicht darauf ein.
„Ich muss dich aber enttäuschen. Leider bin ich absolut wertlos.“
Ein leises Lachen erklang. „Guter Versuch, Schattengänger.“ Die grünen Augen bohrten sich in Rasgar hinein. „Ja… ich weiß, was du bist. Du bist ein noch viel größeres Geschenk für meinen Lord.“

Sie brachten Rasgar auf direktem Wege in den Thronsaal. Hohe Fenster aus Glas zierten die gesamte Westseite und mussten ein Vermögen wert sein. Das Licht der Abendsonne wurde durch rote Vorhänge gedämpft, jedoch nicht ausgesperrt und füllte den großen Saal mit warmem Licht. Unsanft drückten seine Bewacher Rasgar auf den Boden, ein gutes Stück von Sinklars Herrschersitz entfernt. So blieb Rasgar nichts, als das feine Bodenmosaik zu betrachten, das nahtlos ineinander überging und den ganzen Raum auszufüllen schien. Es war merkwürdig still, ganz als wäre sein Eintreffen unerwartet gekommen. Vorsichtig hob Rasgar den Blick. Er sah den Lord der Alben vor seinem Thron, zu beiden Seiten flankiert von fünf Kriegern. Etwas abseits entdeckte er Liena, die in seine Richtung blickte. Die Überraschung in ihrem Gesicht verriet Rasgar, dass Ralir auf eigene Faust gehandelt hatte. Möglicherweise konnte er sich diese Familienstreitigkeiten zunutze machen.
„Ich denke der Elf ist euch verloren gegangen, meine werten Kinder.“ Sinklar blickte auf Rasgar herab, ohne den Kopf zu senken. In seiner Stimme schwang dieselbe Arroganz mit, die auch Xyrius an sich hatte. Überhaupt waren die beiden Herrscher sich gar nicht so unähnlich, auch wenn beide das vermutlich vehement abgestritten hätten. Sinklars Haar und Augen mochten dunkler sein, drückten aber dieselbe Strenge und Berechnung aus wie bei Rasgars eigenem Lord. Auch seine Lippen waren kaum mehr als eine dünne Linie und obgleich er schon viele Jahre lebte, trotzte er dem Alter und wandelte es in eine gebieterische Aura um.
Beim Licht… es gibt also tatsächlich zwei von dieser Sorte.
„Wie es scheint, streift mehr als ein Elf durch unser Land, hoher Vater.“ Stolz lag in Ralirs Stimme, der Liena bei diesen Worten einen Seitenblick zuwarf.
In der direkten Gegenwart des albischen Herrscherhauses fiel Rasgar auf, wie sehr Liena sich optisch von ihrem Vater und Bruder unterschied. Ihrer Körperhaltung fehlte die Arroganz, ihrem Gesicht die Härte. Dass er ihr wahres Wesen nicht erkannt hatte, erschien ihm mehr und mehr nachvollziehbar.

„Und was von all diesen Nachrichten bereitet dir so viel Freude, Sohn?“
Ralirs Lächeln verblasste. „Mein Herr, noch nie ist es uns gelungen, einen Schattengänger zu erwischen. Und dies ist zweifelsohne…“
„Ich weiß selbst, was er ist. Und doch ist er der Falsche.“
Rasgar bemühte sich den Kopf unten zu halten, während er alles Erdenkliche aufzunehmen versuchte. Schon jetzt hatte er mehr Informationen über den Feind gesammelt, als insgesamt in Lacharys existierten.
„Nicht wahr? Liena?“ Unvermittelt wandte Sinklar den Blick seiner Tochter zu. Rasgar meinte aus dem Augenwinkel zu erkennen, wie sie zusammen zuckte.
„Oh, glaub nicht, ich wüsste nicht von deinem Verrat.“
Mit großer Willenskraft hielt Rasgar seine Aufregung im Zaum. Ralir hatte sich weniger gut im Griff.
„Verrat?“
Sinklar überging ihn einfach. „Ich hatte schon lange Sorge, dass du mir verkommst, mein Kind. Oder vielleicht bist du mir auch einfach zu ähnlich. Aber das – sei gewiss – habe ich selbst von dir nicht erwartet.“
Rasgar riskierte einen Blick. In Sinklars Augen lag pure Verachtung. Liena hingegen sagte weiterhin nicht ein Wort. Auch Ralir wagte keinen weiteren Vorstoß.
Sinklar begann auf und ab zu gehen. „Doch dein Verrat hat mir letztlich in die Hände gespielt. Ist das nicht schön? Xyrius ist nicht zu der von mir einberufenen Ratssitzung erschienen und sein Gardist wütet sich durch den ganzen Kontinenten… Meine Glaubwürdigkeit ist von jetzt auf gleich hundertfach gestiegen.“ Der Lord der Alben schenkte seiner Tochter ein boshaftes Grinsen. „Wieder hast du mir von allen am meisten gedient. Jetzt muss nur noch euer Bruder mit dem Vogelvolk zurückkehren und Orchaldor wird unser sein.“
Ratssitzung? Vogelvolk? Was hatte all das zu bedeuten? Wie konnte eine große Sitzung einberufen werden, ohne, dass die Schattengänger davon Wind bekamen? Xyrius… Von Anfang an hatte Rasgar gewusst, dass etwas im Busch war. Er merkte, wie sich das Rätsel langsam verdichtete, doch noch konnte er die Lösung nicht greifen.
„Hast du gut zugehört?“
Erst nach einigen Augenblicken bemerkte Rasgar, dass die Worte an ihn gerichtet waren.
„Natürlich hast du das, Spion. Ich bin noch nicht sicher, ob du mir lebend oder tot nützlicher bist. Präge dir alles gut ein, während ich darüber nachdenke. Vielleicht kannst du dieses Wissen noch gebrauchen. Und falls ich anders entscheide, stirbst du zumindest weise.
Sperrt ihn weg.“
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

Laotse

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