Der goldene Baum - Jaros NaNo 2018

  • Die Elemente tragen unsere Welt. Sie sind die Konstanten im Wechselspiel von Licht und Schatten, Geburt und Tod, Wachstum und Erneuerung. Sie stärken und kontrollieren sie sich gegenseitig in perfekter Balance.
    Oder im ewigen Wettstreit.


    Es ist eine Frage des Blickwinkels.




    Prolog


    Ein Ast knackte unter Raks Fuß. Sofort verharrte er und lauschte. Er zog seinen Schild näher zu sich heran, ging leicht in die Knie. Hatten sie ihn gehört? Der Wald wirkte verlassen, doch er wusste, dass sie da waren und ihn jagten.
    Er drehte den Kopf. Bis auf das Rascheln der trockenen Blätter war nichts zu hören, bis auf die Schattenspiele der späten Sonnenstrahlen nichts zu sehen. Sein selbst gezimmertes Holzschwert fest gepackt, setzte er sich wieder in Bewegung. Geduckt schlich er den engen Pfad entlang, der nach etlichen Biegungen zum Fluss führen würde.
    Mit Sicherheit würden sie das Ufer überwachen, doch dort konnte er sich schneller bewegen und war das unangenehme Gefühl los, jeden Moment aus dem Hinterhalt angegriffen zu werden. Er musste es nur bis zur Böschung schaffen, dann könnte er sich zwischen den moosigen Felsen und krummen Bäumen verstecken und seine Verfolger aus sicherer Entfernung beobachten.
    Ein Surren in der Luft schreckte Rak aus seinen Gedanken auf. Er zuckte zusammen und direkt neben ihm schlug ein Pfeil in den Stamm eines Baumes ein. Sofort drehte sich Rak um, riss den Schild hoch und duckte sich dahinter weg. Ein zweiter Pfeil prallte daran ab. Sie hatten ihn gefunden…


    Der Bogenschütze rief etwas. Langsam ging Rak rückwärts, ohne seine Deckung zu lichten. Wieder schlug ein Peil gegen einen Baum. Dann sah er die ersten Schemen seitlich im Unterholz. Sie kamen zu fünft auf ihn zu. Er war umzingelt und seine einzige Waffe war ein hölzernes Schwert. Trotzdem packte er es fest. Er war bereit, den Kampf aufzunehmen.


    „Dieses Mal bist du weit gekommen“, sagte Sara. „Wir waren uns sicher, dass du dich nicht an einen der Pfade hältst.“
    Sie legte sich ihr Kurzschwert über die Schulter und trat hinaus auf den Weg.
    „Ja… Wenn Matthes dich nicht gefunden hätte, wärst du bis zum Fluss gekommen.“ Jaspar grinste.
    „Es ist noch nicht vorbei! Ihr müsst mich angreifen!“, forderte Rak.
    Sara seufzte. „Und dann verpfeift uns dein Vater wieder, weil du so viele blaue Flecken hast. Nein danke.“
    Rak spürte, wie ihm das Blut in den Kopf schoss. „Ich werde sie ihm sicher nicht zeigen“, presste er hervor.
    „Wir haben sowieso gewonnen.“ Mit gespannter Sehne trat nun auch Matthes aus dem Gebüsch. „Lass gut sein für heute, Rak. Ich habe Bier am Fluss versteckt. Wir sollten es trinken, bevor die Strömung es sich holt.“
    Mit grimmiger Miene sah Rak den Knappen an. Es war fast immer er, der ihn aufspürte und mit seinen stumpfen Pfeilen beschoss. Aber kein Wunder: immerhin genoss er im Gegensatz zu den anderen die nötige Ausbildung.
    „Du schuldest mir noch einen Zweikampf… irgendwann… dann musst du diese feige Waffe ablegen und wie ein Mann kämpfen.“
    Matthes lachte und klopfte Rak auf die Schulter.
    „Wenn du das wirklich willst… und jetzt kommt.“


    Am Fluss wartete nicht nur gekühltes Bier auf sie, sondern, wie Rak erstaunt feststellte, die Prinzessin höchst selbst.
    „Was starrst du so?“, fuhr sie Rak an. „Im Gegensatz zu meinem hohen Bruder vermisst meine Anwesenheit bei so einem Schwachsinn wie diesen Turnieren niemand. Da kann ich genauso gut ein wenig Spaß haben.“
    Rak bezweifelte allerdings, dass sie alleine hier war. Er blickte sich um und lange suchen musste er nicht: am Waldrand waren drei Ritter der königlichen Garde postiert. Er fragte sich, ob es Fluch oder Segen war, immer von dieser schweigenden Horde flankiert zu werden.


    Sie saßen am Flussufer und tranken. Klara hatte ihren Kopf auf Jaspars Schoß gelegt, der seinem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck zum Trotz verkrampft und regungslos da saß. Rak verstand sich eigentlich gut mit dem Sohn des Waffenschmieds, doch es störte ihn, dass der Freund sich von der Prinzessin so manipulieren ließ. Ihm musste doch klar sein, dass für ihn nichts als Ärger aus so einer Verbindung herausspringen würde.
    „Hört ihr das auch?“, sagte Matthes plötzlich in die Stille. „Hier summt etwas.“
    „Du summst“, lachte Bastian. „Du hast wohl schon zu viel Bier getrunken.“
    „Eben, das kommt bestimmt nur aus der Imkerei“, ergänzte Sara.
    „Nein. Ich höre es auch. Das sind keine Bienen.“ Rak wusste genau, wie sich Bienen anhörten, da sich auch seine Eltern ein paar kleinere Stöcke hielten. Die Insekten summten auf eine gleichmäßige und sanfte Weise, doch dieses Geräusch war scharf wie eine Schneide und unstetig.
    „Es kommt von hier drüben“, sagte Matthes und ging in Richtung einer dichteren Böschung. „Hier ist es richtig laut.“
    Rak stand auf und folgte dem Knappen. Er hatte Recht: das Geräusch schwoll an und pochte in dröhnenden Wellen in seinem Kopf. Rak spürte ein Kribbeln in seinen Händen. Er konnte das Geräusch nicht länger nur hören, sondern auch fühlen. In Wellen strich es über seine Haut und pulsierte durch sein Blut. Instinktiv hielt er sich die Ohren zu.
    „Da ist etwas in dem Gebüsch“, sagte Matthes, dem das Summen offenbar weniger zusetzte. „Lass uns nachsehen, was es ist.“
    Rak wollte protestieren, doch er war wie betäubt und der Knappe griff bereits zum Heft seines Kurzschwerts und entfernte das Gebüsch.
    „Was ist das?“, raunte Bastian aus einiger Entfernung.
    „Ein Stein, was sonst“, warf Jaspar ein.
    „Das ist kein normaler Stein“, sagte Sara. „Seht doch wie die Luft um ihn herum vibriert und wie es summt.“
    Der Rest der Gruppe schloss zu Rak und Matthes auf. Jaspar streckte die Hand nach dem Pfeiler aus.
    „Vielleicht sollten wir es lieber nicht anfassen“, sagte Rak unsicher.
    Klara schnaubte. „Hast du Angst, Brötchen?“
    „Er hat Recht“, sagte Sara. „Wir wissen ja gar nicht, was das ist. Vielleicht sollten wir die Ritter rufen.“
    „Spinnst du? Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, sie davon zu überzeugen, dass sie nicht pausenlos direkt hinter mir stehen müssen? Lasst mich machen. Im Gegensatz zu euch bin ich nicht so ein Angsthase.“
    Klara streckte die Hand aus und legte sie auf den Pfeiler. Ihre Augen weiteten sich kurz, dann aber lächelte sie.
    „Seht ihr, ihr Feiglinge? Das ist nur ein Wegestein! Früher hat es solche Markierungen oft gegeben.“
    Zufrieden wollte sie ihre Hand wieder wegziehen, doch es ging nicht. Entsetzen machte sich in ihrem Gesicht breit und Rak folgte ihrem Blick bis zur Hand und sah den Grund dafür: der Stein bewegte sich. Es wirkte ein bisschen wie grauer Brötchenteig und langsam schloss sich die Masse um Klaras Hand.
    „Tut etwas, so tut doch etwas!“, rief die Prinzessin verzweifelt.
    Die merkwürdige Steinmasse hatte bereits ihr Handgelenk erreicht und es machte nicht den Anschein, als würde es dort stoppen. Hilflos stand die Gruppe Jugendliche um das Mädchen und starrte aus bleichen Gesichtern auf den verschwindenden Arm. Mittlerweile hatten die Ritter sie erreicht.
    „Euer Majestät, was habt ihr getan?“, rief einer aus, den Rak als Sir Wernett erkannte. Klara schrie wie am Spieß, doch auch die Ritter schienen unfähig etwas zu tun. Bevor er wusste was er tat, griff sich Rak Matthes‘ Schwert und trennte mit einer schnellen und gezielten Bewegung die Hand der Prinzessin ab.
    Klara verstummte kurz. Rak spürte alle Blicke auf sich. Dann begann die Prinzessin wieder zu schreien, dieses Mal vor Schmerz.
    Rak stand da wie erstarrt.
    Klara weinte und schrie und es war fast schon erlösend, als sie schließlich das Bewusstsein verlor.
    „Du hast die Prinzessin verletzt!“, rief Sir Wernett.
    „Ich… ich habe sie gerettet“, stammelte Rak.
    „Du hast die Klinge gegen Eure Majestät erhoben“, beharrte der große Mann. „Das wird mit dem Tode bestraft.“
    Rak wollte etwas erwidern, doch Jaspar erhob zitternd die Hand und zeigte auf die Prinzessin.
    „Klara! Was passiert mit ihr?“
    Die anderen folgten seinem Blick. Die Haut der Prinzessin verfärbte sich grau und schien brüchig zu werden.
    „Sie verwandelt sich in Stein“, flüsterte Rak eigentlich mehr zu sich selbst, doch Sir Wernett blickte ihn aus strengen blauen Augen an.
    „Du scheinst ja sehr genau Bescheid zu wissen. Das ist Hexerei, das ist…“
    Weiter kam er nicht. Klara öffnete die Augen und sah sich panisch um. Ihre Pupillen tanzten in den Höhlen, doch kein Laut kam aus ihrem Mund.
    „Sir, wir müssen sie ins Schloss bringen“, sagte einer der anderen Ritter und Sir Wernett nahm widerwillig seinen Blick von Rak. „Bringt sie zu meinem Pferd. Und danach legt diesen Bastard in Ketten und werft ihn in den Kerker.“
    Rak stand da, als wäre er ebenfalls versteinert. Er hatte doch nur helfen wollen!
    Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter.
    „Komm, Junge.“ Sir Kartoffs Stimme duldete keine Widerrede, doch Rak hatte sowieso nicht vor sich zu wehren. Was sollte er gegen den großen Ritter schon ausrichten?
    Er ließ sich an den anderen vorbei führen und sah nicht zu ihnen auf. Keiner hatte versucht, ein gutes Wort für ihn einzulegen. Stumm standen sie da, wie sie es schon getan hatten, als Klara angegriffen worden war. Sie waren allesamt Feiglinge!
    Kartoff hob ihn auf das Schlachtross und schwang sich hinter ihn in den Sattel.
    „Zur Burg“, knurrte Sir Penleff. Wernett war mit der Prinzessin bereits losgeritten.


    Rak kannte den Weg in und auswendig. Er musste nicht aufsehen, um zu wissen, dass sie erst die Obsthaine durchquerten, die ersten Ausläufer des Dorfes passierten und schließlich durch das Haupttor in den ersten und durch das Basalttor in den zweiten Mauerring gelangten. Immerhin fand gerade das Turnier statt und Marktplatz und Gassen waren verwaist.
    „Ich habe sie gerettet“, flüsterte Rak, doch falls Sir Kartoff ihn hören konnte, ignorierte er ihn.
    Wie um alles in der Welt sollte er sich verteidigen, vor allem, wenn die anderen den Mund nicht aufbrachten? Er verstand ja selbst nicht einmal, was dort passiert war. Seit wann wurde Stein lebendig? Hexerei… Sir Wernetts Worte fielen ihm wieder ein und seine Augen weiteten sich. Sie würden ihn steinigen, sie würden ihn hängen! Der Gedanke erschien so aberwitzig. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er derjenige war, dem die Leute Krinkgards demnächst üble Dinge zuriefen, den sie mit Steinen und Mist bewarfen und einen Hexer schimpften. Doch selbst wenn Matthes oder Jaspar ihn verteidigten, wer würde ihnen glauben? Selbst Saras Wort würde nicht genug Gewicht haben, obwohl sie die Cousine der Prinzessin war. Die Prinzessin… was würde mit ihr geschehen?
    „Was machen wir mit ihm?“, drang Sir Penleffs Stimme in Raks Bewusstsein.
    „Verlies“, brummte Sir Kartoff.
    „Ich habe sie gerettet.“ Dieses Mal sprach Rak lauter und versuchte die Angst in seiner Stimme zu verbergen.
    „Du hast den verdammten Stein auf sie gehetzt, Junge.“ Rak erwiderte Penleffs Blick und schüttelte energisch den Kopf. „Nein! Das stimmt nicht! Wie sollte ich so etwas tun?“
    „Schweig. Der König wird über dich entscheiden“, mischte Kartoff sich ein.
    „Er hat uns immer gewarnt“, Sir Penleff führte sein Pferd näher heran. „Wir haben ihn alle für verrückt erklärt, aber er hat uns gewarnt.“ Er flüsterte nun fast. „Die Magie kehrt zurück.“



    1. Die Nacht und das Feuer


    Die Schwärze der Nacht ging nahtlos in die Wände der Festung Xarchavas über. Das bleiche Licht des Mondes kämpfte allein gegen die Dunkelheit, doch schon bald würde es Beistand erhalten. Ein riesiger Scheiterhaufen wartete darauf, entzündet zu werden. Triborin rückte die enge Lederuniform am Hals zurecht und verlagerte das Gewicht.
    „Nervös?“, zischte Rachmar höhnisch von der Seite. „Lass das besser nicht den Lord sehen.“
    Triborin knirschte mit den Zähnen. „Ich bin nicht nervös“, log er.
    Es war seine erste große Hinrichtung, nun, da er die Akademie verlassen und als Leibgardist dem Ritual beizuwohnen hatte.
    „Ich rate dir, nicht das Gesicht zu verziehen, wenn sie schreien“, fuhr der ältere Krieger fort. „Er wird es merken.“
    Daran zweifelte Triborin nicht. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Lord Xyrius überhaupt etwas entging. Doch er hatte nicht vor, das Gesicht zu verziehen. Diese Leute hatten verdient den Feuertod zu sterben, denn sie hatten ihren Herrn betrogen und damit auch ihre Göttin.


    Der umliegende Platz war überfüllt. Die ganze Hauptstadt schien sich versammelt zu haben, voller Hass und Gier danach, die Verräter sterben zu sehen. Des Lords Platz war leer, gesäumt von Reihe um Reihe seiner Leibgarde, viele pechschwarze Treppenstufen über dem Scheiterhaufen und dem gemeinen Volk. Eine gespenstische Stille lag über der ganzen Szene. Dann klirrten die Ketten der Verurteilten hinter Triborin, als diese durch den schmalen Korridor zwischen den Reihen der Krieger und Stufe um Stufe hinab in Richtung Tod marschierten. Der junge Elf schielte zu ihnen hinüber. Die Männer und Frauen trugen helle Hemden, als Zeichen ihrer Schande. Ihr Haar war abrasiert worden und viele ließen Schultern und Köpfe hängen, zerstört und gebrochen von Folter und Verhör. Nur einige wenige hatten das Kinn stolz nach vorne gestreckt mit grimmigem Ausdruck und Trotz in den Augen. Als Triborin schon meinte, der Zug würde gar nicht mehr aufhören, kam das letzte Opfer an ihm vorbei und sein Herz setzte einen Moment aus. Es war ein Kind.
    „Was kann ein Kind…“, murmelte er fassungslos, da trat Rachmar ihm auf den Fuß. Lord Xyrius hatte das Podest betreten und seine purpurnen Augen streiften über all die Köpfe hinweg. Er trug das weißblonde Haar offen und streng nach hinten gekämmt. Seine Gewänder waren pechschwarz und aufwendig gearbeitet und die Halskrempe reichte ihm bis an die scharfe Linie seines Kiefers. Der Lord der Dunkelelfen nahm Platz und hob eine Hand und, wenn es denn überhaupt möglich war, wurde es noch stiller. Langsam trat ein Beamter neben dem Thron hervor und entrollte ein Stück Pergament.


    „Die hohe Rasse der Dunkelelfen, auserkoren von Noxa, der einzig wahren Göttin über Himmel und Erde, Leben und Tod, überdauert auf diesem Planeten schon seit je her… weil eines stets ihr Grundsatz war“, er hielt kurz inne, um dann noch lauter und schneidender fortzufahren. „Geboren von der Nacht, unserer Mutter, ist ein jeder Dunkelelf ihr zu Treue verpflichtet. Ihr, und ihrem Vertreter auf Erden, unserem Lord. Im Gegenzug erhält er Schutz und Sicherheit und kann darauf vertrauen, dass die Nacht jedes Mal wieder über das Licht des Tages siegen wird.
    All‘ jene, die dem zuwider handeln, sind eine Gefahr für das Überleben unseres Volkes! Sie sind eine Schande für unsereins und Noxa nicht würdig.“
    Die Gefangenen hatten mittlerweile den Scheiterhaufen erreicht und waren rundherum platziert und angekettet worden.
    „Zum Wohle und zur Sicherheit unseres Volkes werden sie brennen und den Zorn unserer hohen Göttin erfahren.“
    Erneut hob Lord Xyrius die Hand und dieses Mal schossen augenblicklich Flammen hinauf. Triborin lief es eiskalt den Rücken hinunter, doch er zwang sich, den Kopf gerade zu halten und hinzusehen. Die Flammen zischten und krochen immer näher an die Verurteilten heran. Ganz deutlich konnte Triborin den kleinen Körper des Kindes erkennen. Er schluckte schwer. Dann kamen die Schreie. Erst war es vereinzeltes Stöhnen, gefolgt von Gewimmer und schließlich kreischte und brüllte der ganze Feuerball vor Qual und Schmerz. Triborins Inneres zog sich zusammen. Vor seinem Geiste sah er den kleinen Körper des Jungen, seine vor Panik weit aufgerissenen Augen und den zu einem Schrei geöffneten Mund, ungehört inmitten der anderen, hilflos, zwecklos, atemlos, bis endlich der Tod Erbarmen zeigte und es wieder still wurde. Erst jetzt bemerkte Triborin, dass er aufgehört hatte zu atmen und wie ein halb ertrunkener sog er gierig Luft ein.
    Das Knistern und Knacken der Flammen waren die einzigen Geräusche auf dem großen Platz. Niemand rührte sich. Es stand Lord Xyrius zu, die Versammlung aufzulösen.
    Triborin drehte den Kopf ein wenig und sah zu seinem Oberhaupt hinüber. Vor Schreck zuckte er zusammen. Die kalten Augen des Lords waren direkt auf ihn gerichtet. Triborins Herz schlug ihm bis zum Hals. Hatte er seine Schwäche erkannt? Sein Mitleid, seine Zweifel? Sowohl Unterwürfigkeit als auch Stärke zeigend, hielt Triborin dem Blick stand, ohne seinem Lord direkt in die Augen zu sehen, was strengstens untersagt war. Die Anspannung zog sich durch seinen ganzen Körper, doch er versuchte jedwede Gefühlsregung aus seinem Gesicht zu verbannen.
    Endlich wandte Xyrius den Blick ab. Stumm erhob er sich, nickte knapp in Richtung der versammelten Elfen und setzte sich in Bewegung.
    Die Gardisten drehten ab, um ihren Herrscher in die Festung zu geleiten. Noch immer spürte Triborin den harten Blick der purpurnen Augen auf sich, merkte wie seine Hände zitterten. Mutter hatte ihn gewarnt. Xarchavas formte junge Männer wie ein Schmiedehammer. Entweder sie brachen oder sie verhärteten. Triborin verwarf den Gedanken und presste seine Lippen fest aufeinander. Er war nicht schwach. Er war der beste seines Jahrgangs. Bei Noxa, er musste sich zusammenreißen.


    Xarchavas gewaltige Fassade wuchs vor ihnen aus dem schwarzen Fels des Gebirges heraus und streckte ihre zackigen Glieder in den Nachthimmel. Das Portal stand offen und die Kaminfeuer dahinter ließen es wie einen feurigen Schlund erscheinen. Ihre Schritte hallten laut in der großen Obsidianhalle, an deren Ende Xyrius Thron platziert war und zu deren Seiten dunkle Gänge und Treppen tiefer in die Festung führten.
    Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, schritt Xyrius auf die breiteste der Treppen zu, die in seine privaten Gemächer führte. Mechanisch blieben die Gardisten am Rand des Durchgangs stehen, nahmen Haltung an und warteten, bis Xyrius‘ Schritte verhallten und die Türe seines Kartenzimmers laut ins Schloss fiel.


    Triborin hatte den Rest des Tages frei, deshalb machte er sich auf in Richtung der Gewölbegänge, die die Zellen der Gardisten beherbergten. Noch bevor er die Haupthalle verlassen hatte, fing ihn ein Schreiber ab.
    „Gardist Taachor?“, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten. „Seine Lordschaft will Euch sehen. Unverzüglich.“
    Das Herz sank Triborin in die Hose. Andere Gardisten warfen ihm Blicke zu, doch keiner sagte etwas. Es gab zu viele Ohren in dieser Halle. Nervös steuerte Triborin auf den Durchgang zu, in dem Xyrius verschwunden war. Zwei Gardisten hatten davor Stellung bezogen und nickten ihm knapp zu. Am Fuß der Treppe hielt er kurz inne. Er war noch nie in diesem Teil der Festung gewesen. Die wenigsten waren das.
    Die Stufen waren spiegelglatt und gleichmäßig. An den Wänden führte ein schwarzes Geländer nach oben, wo es sich im Dunkeln verlor. Ein Beamter mit der typischen von Silber durchwobenen Uniform empfing Triborin am oberen Treppenabsatz.
    „Gardist Taachor, wenn Ihr mit bitte folgen mögt.“
    Er führte Triborin einen breiten Gang entlang, der mit einem dunklen Teppich ausgelegt war und blieb vor einer schweren, schwarz getünchten Doppeltür stehen.
    „Bitte“, sagte er und öffnete einen Türflügel.
    Triborin nickte und trat mit klopfendem Herzen ein.
    Der Raum war leer.


    Zu beiden Seiten standen Stühle an der Wand und der hintere Bereich des Zimmers wurde von einem großen Tisch dominiert. Zögerlich blieb Triborin in der Mitte des Raumes stehen. Im Eck gab es keinen großen Ofen mit reichlich verzierten Kacheln, doch es war das Gemälde über dem Tisch, das Triborins Aufmerksamkeit auf sich zog.
    Zwei Meter mindestens mochte die Spannweite der Schwingen betragen und irgendetwas sagte Triborin, dass dieses Wesen keinesfalls vergrößert dargestellt war. Das Gefieder war braun und leuchtete an den Spitzen golden und um den kräftigen Leib trug die Kreatur einen hölzernen Harnisch. Obwohl Triborin wusste, dass es sich nur um ein Fabelwesen handeln konnte, verspürte er Ehrfurcht.
    „Faszinierend, nicht wahr?“
    Triborin zuckte zusammen. Xyrius hatte absolut lautlos den Raum betreten.
    „Mein Lord“, Triborin verbeugte sich.
    „Ich habe einen Auftrag für dich.“

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • Einen Augenblick stand Triborin wie vom Blitz getroffen da und wälzte die Worte, die er sich zuvor in aller Eile zurechtgelegt hatte, auf der Suche nach einer passenden Antwort. Es gab keine.
    „Ich erforsche sie schon lange“, fuhr Xyrius zu Triborins Glück unbeirrt fort, während er auf seinem schweren Stuhl Platz nahm. „Sie sind rein und anmutig.“
    Eine unangenehme Pause entstand. Triborin wusste nicht, ob eine Antwort von ihm erwartet wurde. Im Zweifelsfall, so lehrte man sie, war dem Lord gegenüber zu schweigen.
    „Weißt du was das ist?“ Xyrius wies in Richtung des Gemäldes.
    „Ein Fabelwesen, mein Lord.“ Die Unsicherheit war selbst für Triborin zu hören und er verfluchte sich innerlich dafür.
    Xyrius aber nickte. „Und was tun wir mit Leuten, die von Fabelwesen, von Hexerei und sonstigen Märchen schwadronieren?“
    „Wir opfern sie der Nacht, indem wir sie verbrennen, mein Lord.“
    „Richtig.“ Zu Triborins vollkommener Überraschung, lächelte Xyrius, auch wenn er keineswegs amüsiert schien. „Aus diesem Grund habe ich dich ausgewählt.“
    Dieses Mal war die Pause so lang, dass Triborin sprechen musste.
    „Ich fürchte, ich verstehe nicht, mein Lord.“
    „Bist du nicht der Beste deines Jahrgangs?“
    Stolz keimte in Triborin auf und er musste ein Grinsen unterdrücken.
    „Ja, mein Lord.“
    „Gut.“
    Wieder entstand eine Pause.
    „Es… es gibt sehr viel erfahrenere Leibgardisten, mein Lord. Ihr verfügt auch über die Schattengänger, die Gelehrten…“
    Mit einer Handbewegung brachte Xyrius Triborin zum Schweigen.
    „Was denkst du, ist das Besondere an diesem Auftrag?“
    „Niemand darf etwas davon erfahren.“
    Das böse Grinsen kehrte in Xyrius‘ Gesicht zurück.
    „Wem könnte ich mehr vertrauen, als einem jungen, aufgeschlossenen Elf, der noch etwas erreichen möchte? Und“, er beugte sich über den Tisch und durchbohrte Triborin regelrecht mit seinem Blick, „der eine Familie hat, um die er sich sorgt?“
    Eine Welle des Schwindels raste durch Triborins Geist und er widerstand dem Drang, sich abzustützen.
    „Ihr könnt Euch meiner Verschwiegenheit gewiss sein, mein Lord.“
    Xyrius lehnte sich wieder zurück und blickte zur Seite.
    „Du erhältst alle Information von Solfor Sachrass. Er wird auf dich zukommen. Geh jetzt.“
    Mit zitternden Knien verbeugte sich Triborin.
    „Es ist mir eine Ehre, mein Lord.“



    2. Unerwartete Begegnungen


    Triborin gab seinem Ross die Sporen. Er ritt seit fünf Tagen und machte nur Halt, damit sein Nachtschatten bei Kräften blieb und er ein wenig schlafen konnte.
    Die dichten Fichtenwälder am Westufer des Filthri flogen vorbei und das Land flachte zunehmend ab, je weiter er nach Süden kam. Er versuchte nicht an seine Eltern und Geschwister zu denken und widerstand dem Drang, eine Rast bei ihnen einzulegen. Stattdessen würde er sein heutiges Nachtlager in der Stadt Kaachor aufschlagen, die zwar klein, aber so alt wie die Hauptstadt selbst war.


    Triborin saß ab und führte sein Ross durch das Stadttor. Im Gegensatz zur Xarchavas war Kaachor hauptsächlich aus Holz gebaut. Die ausladenden Verandas im ersten Stockwerk der Häuser gaben ihm selbst auf der Hauptstraße das Gefühl, durch einen Tunnel zu laufen.
    Triborin ließ den Blick schweifen, auf der Suche nach einer Taverne mit Fremdenzimmern und einem sauberen Stall. Der Zustand Kaachors überraschte ihn. Eine Stadt, deren Minister vom Lord selbst bestimmt wurde, hatte er sich anders vorgestellt. Viele Häuser waren schäbig und krumm und das Kopfsteinpflaster hätte dringend eine Begradigung benötigt. Dies sollte der Sitz der Schattenakademie sein? Insgeheim hatte Triborin gehofft, dem Lehrinstitut der Meisterspione einen Besuch abstatten zu können, doch hätte er nicht gezielt danach Ausschau gehalten, wäre er daran vorbei gelaufen.
    Das Gebäude hob sich nicht nennenswert von den übrigen ab, es hatte denselben buckeligen Aufbau, dasselbe dunkle Fachwerk und dieselbe Größe wie alle anderen. Einzig ein kleines Schild an der Hauswand machte es als Akademie kenntlich. Nachdem er seinen Nachtschatten an einem niedrigen Zaun festgebunden hatte, spähte Triborin durch eines der Fenster im Erdgeschoss. Dort gab es eine Art Speise- oder Versammlungssaal mit u-förmig aufgestellten Holztischen, einen Kamin und einen Tresen, der wahrscheinlich die Verbindung zur Küche darstellte. Alles sah so… gewöhnlich aus.
    „Was das Auge sieht, ist niemals der Wahrheit letzter Schluss.“
    Triborin zuckte zusammen und folgte dem Klang der Stimme.
    „Und ich sag‘ dir, auf sein Ohr, verlässt sich nur ein armer Tor.“
    Ein Teil der schmutzigen Fassade bewegte sich und die Umrisse eines Mannes kamen zum Vorschein.
    „Mein Herr Gardist“, er verbeugte sich, „willkommen in der Schattenakademie.“
    Triborin erwiderte die Verbeugung wie es sich gehörte und schluckte seine Überraschung hinunter.
    „Was verschafft uns die Ehre Eures Besuchs? Gibt es Anweisungen aus Xarchavas, die meine Brüder und Schwestern nicht kennen?“
    Triborin schüttelte den Kopf. „Ich bin auf der Durchreise und kam nur her, um die legendäre Akademie zu sehen.“
    „Und Ihr habt etwas anderes erwartet“, vervollständigte der Schattengänger seinen Gedanken. Seine Kleidung war schäbig, doch Triborin wusste, dass dies einen Zweck erfüllte.
    „Mit der Festung und den Obsidianhallen von Xarchavas können wir selbstverständlich nicht mithalten. Doch es ist auch nicht unser Daseinszweck aufzufallen.“
    Triborin merkte, dass er den Mann nicht sonderlich leiden konnte. Er war überheblich und auf eine unangenehme Art gelangweilt. Sein Wunsch, die Akademie zu besichtigen, war verflogen.
    „Euer Pferd braucht Ruhe.“
    „Das weiß ich selbst. Ich bin auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht.“
    „Wenn dem so ist… empfehle ich den Dunklen Reiter. Gleich ums Eck und auch irgendwie passend, nicht wahr?“ Der Spion entblößte verfaulte Zähne.
    Triborin konnte den Mann von Minute zu Minute weniger leiden. Das unangenehme Gefühl, dass der Schattengänger alles über ihn wusste, trug nicht gerade zu einer Verbesserung bei.
    „Ich danke Euch für Eure Hilfe.“ Mit einer knappen Verbeugung tat Triborin der Höflichkeit genüge und löste die Zügel des Pferds.
    „Stets zu Diensten. Weiterhin viel Erfolg auf Eurer Reise und hütet Euch vor der Albe. Sie beobachtet Euch schon seit Ihr einen Fuß in diese Stadt gesetzt habt und das ist nur, was ich gesehen habe. Noxa allein weiß, wie lange sie Euch schon folgt.“
    Triborin konnte seine Überraschung nicht verheimlichen und dass dies den Spion zu amüsieren schien, ärgerte ihn. Umso mehr kämpfte er den Drang nieder, sich umzusehen.


    Triborin musste zugeben, dass der Dunkle Reiter tatsächlich einen ordentlichen Eindruck machte. Widerwillig, weil er der Empfehlung des Schattengängers folgte, aber zu erschöpft, um weiterzusuchen, stieß Triborin das Tor neben dem Gasthaus auf. Er überließ sein Ross dem Stallburschen nicht ohne sich selbst ein Bild der Boxen zu machen. Mit ernstem Blick ermahnte er den Jungen, dem Tier ausreichend Futter zu geben, bevor er selbst in den Gastraum eintrat.
    Beim Vorbeigehen warf Triborin dem Wirt zwei Silbermünzen auf die Theke, auch wenn dieser verpflichtet war, ihm als höhergestelltem Elfen Gastfreundschaft zu gewähren.
    Der Hausherr brachte ihm ein dunkles Gewürzbier und einen Eintopf, dessen Duft Triborin daran erinnerte, wie hungrig er war. Mit dem Brot saugte er die letzten Reste der Sauce aus der Tonschüssel und ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Vergeblich versuchte er sich einzureden, dass er dabei nicht nach einer mysteriösen Albe Ausschau hielt. Noch immer ärgerte ihn das Gespräch mit dem Schattengänger. Vielleicht wollte er ihn nur zum Narren halten. Gerüchte über die Spielereien der Spionengilde gab es zu Hauf. Es würde Triborin nicht einmal verwundern, wenn sie diese selbst in die Welt gesetzt hätten.


    In der Taverne gab es die üblichen Gäste: Männer, die zusammengesunken an der Theke hingen und sich an einem Krug festhielten, Spieler, die Karten und Münzen über den Tisch schoben und jene, die wie Triborin alleine da saßen und zusahen. Obwohl zunächst nichts Ungewöhnliches zu erkennen war, bemerkte Triborin auch hier die Unterschiede zu Xarchavas hoch im Norden. Die Elfen trugen einfach, teils schmutzige Kleidung, ihre Gesichter waren düster und belegt. Selbst in der ländlichen Gegend seiner Heimat hatte es keine so armseligen Kreaturen gegeben. Lord Xyrius hätte die meisten von ihnen wohl ohne Zögern zur Zwangsarbeit in die Salzminen geschickt. Sie gaben ein schlechtes Bild des stolzen Volkes der Dunkelelfen ab und das so nahe an Mildir und den Alben. Missbilligend schüttelte Triborin den Kopf und trank. Als er aufblickte, zuckte er unwillkürlich zusammen.
    „Ich dachte, ihr Leibgardisten fürchtet euch nicht.“
    Die Stimme klang warm und melodisch. Es war die Stimme einer Frau.
    „Ich fürchte mich nicht. Ich hatte Euch nur nicht kommen sehen und war überrascht, das ist alles.“
    „Das meine ich nicht. Ihr habt dem Wirt Geld gegeben, als Ihr eintratet.“
    Sie lachte. „Schon wieder überrascht?“
    „Ein wenig.“ Wenn sie ein Spiel spielen wollte, dann sollte es so sein. „Aber ich muss Euch enttäuschen. Ich habe keine Angst. Ich verstehe es nur, Ärger aus dem Weg zu gehen. Anders als Ihr, nicht wahr?“ Er trank einen Schluck, während sie ihn weiter aus dem Schatten ihrer Kapuze musterte.
    „Wieso solltet Ihr euch sonst unter einer Kapuze verstecken? Ich wüsste nicht, dass Frauen in den Tavernen Kaachors verboten wären. Also: woran kann es liegen?“
    Er tat so, als grüble er, tippte sich mit dem Finger ans Kinn und sah sie dann wieder direkt an. „Ha, ich habe es: Ihr seid eine Albe.“
    Sie lächelte und Triborin meinte, das Schimmern grüner Augen zu erkennen.
    „Also gut, Herr Soldat, ich werte das als Unentschieden.“
    Sie winkte dem Wirt, der ihr wortlos einen Becher Honigwein servierte.
    „Ich bin Liena.“ Sie streckte Triborin eine schlanke Hand entgegen. Nach kurzem Zögern nahm er sie und deutete einen Handkuss an.
    „Was bringt Euch nach Kaachor?“
    Auf Triborins mangelhafte Vorstellung schnalzte sie leise mit der Zunge, antwortete ihm aber trotzdem.
    „Geschäfte. Und Euch? So weit von Xarchavas entfernt trifft man selten einen der Euren.“
    „Geschäfte.“
    „Natürlich“, antwortete Liena und lächelte verschmitzt. „Auf jeden Fall Geschäfte des Herrn Xyrius, so viel ist sicher, oder werdet Ihr gar ein Abtrünniger sein?“
    „Wie kommt es, dass Ihr so viel über uns wisst, frage ich mich.“
    „Ich verbringe viel Zeit in Lacharys.“ Liena zuckte mit den Schultern. „Heutzutage kann sich auch mein Volk wieder frei in Eurem Land bewegen.“
    „Oder zumindest unter einer großen Kapuze.“ Ein breites Grinsen zierte sein Gesicht, das nicht zu seiner Gefühlsregung passte. Woher wusste sie, dass er hier war? Warum verfolgte sie ihn? Sie konnte wohl kaum in Xarchavas gewesen sein. Was auch immer sie behaupten mochte, Xyrius würde keinem Alben dulden, unbehelligt durch sein Reich zu wandeln.
    „Nun dann. Es hat mich gefreut. Endlich einmal ein junges, frisches Gesicht in dieser Einöde. Ich hatte schon an der Verfassung Eures Volkes gezweifelt.“ Sie erhob sich. Der Umhang reichte ihr bis zu den Knöcheln.
    „Wohin geht Ihr?“, fragte Triborin, bevor er es sich anders überlegen konnte.
    „In meinen Gasthof, natürlich. Ich habe nicht vor, die halbe Nacht in einem stickigen Schankraum zu verbringen. Gute Nacht.“
    Ehe Triborin reagieren konnte, hatte sie sich umgewandt und schlängelte sich zwischen den Tischen durch. Mit so viel Eile, wie er sich zutraute, ohne zum Blickpunkt des Lokals zu werden, schob sich Triborin hinter dem Tisch hervor und ging ihr nach. Als er auf die Straße trat, umfing ihn sofort die kalte Nachtluft. Von Liena war nichts zu sehen.


    3. Der Schatten im Nebel


    In den bewaldeten Hügeln nördlich der Stadt hing schwer der Morgennebel. Noch waren die Erhebungen kaum vom blassen Himmel zu unterscheiden, doch mit dem Licht kam der Kontrast. Rasgar stand an der Außenmauer des Stadtwalls und wartete. Ein Bein über das andere geschlagen, rollte er Tabak zwischen zwei Artamblättern, befeuchtete deren Enden mit der Zunge und schlug einen Funken mit zwei kleinen Feuersteinen. Er nahm einen tiefen Zug und blies den Rauch in die feuchte Morgenluft. Selbst ein aufmerksamer Beobachter hätte nicht mehr als die Tabakwolke gesehen. Rasgars Erscheinung wurde gänzlich vom Halbdunkel geschluckt.
    Er gab dem jungen Gardisten noch fünf oder acht Züge. Fünf, wenn er sicher gehen wollte, acht, wenn ihn der Reiz packte. Nach dem sechsten trat er die Rauchstange aus. Das Klappern der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster war näher gekommen und am Tor von Kaachor löste sich die Nachtwache aus ihrer Starre. Rasgar stieß sich von der Mauer ab. Er ging ein paar Schritte durch das taunasse Gras und ließ sich lautlos in die Hocke gleiten. Unweit von ihm entfernt, führte der junge Leibgardist sein Pferd durch das Tor. Es war ein prächtiges Exemplar der seltenen Rasse, die nur den Gardisten vorbehalten war. Der Junge hatte bei der Aufzucht gute Arbeit geleistet, was die Verfolgung beinahe zu einem Ding der Unmöglichkeit machte. Trotzdem. Er musste es versuchen. Rasgar konnte Dummheiten wittern wie Fliegen den Mist und diese Aktion stank bis zum Himmel. Lorxas hatte ihn schon weit getragen, er würde ihn auch dieses Mal nicht enttäuschen.


    Die Albe ließ länger auf sich warten, als gedacht und Rasgar ärgerte sich, dass er die Rauchstange ausgemacht hatte. Bei so viel Vorsicht musste sie dem Gardisten mehr zutrauen, als ratsam gewesen wäre.
    Rasgar war drauf und dran, neue Blätter mit Tabak zu füllen, da passierte sie endlich das Tor. Auch ihr Pferd hatte er schon zuvor begutachtet. Nicht nur, um seine Chancen abzuschätzen und den bestmöglichen Weg zu wählen, ein Wildpferd sah man immerhin nicht alle Tage. Soweit Rasgar wusste, war es selbst bei den Alben eine Seltenheit. Stolz und makellos wie seine Reiterin, dachte er und klopfte zwei Mal mit der Hand auf den Boden. Wenige Augenblicke später trottete sein eigenes Tragtier heran, ein zotteliges Lastenpferd, das schon sein ganzes Leben in Diensten der Akademie stand.
    „Lorxas, mein Junge“, begrüßte er ihn und schwang sich in den Sattel. „Wieder einmal müssen wir es mit Leuten aufnehmen, die schneller und stärker sind als wir. Doch irgendjemand muss sich ja um die Sicherheit dieses Landes kümmern.“ Er verfiel in einen leichten Trab und folgte den beiden anderen Reitern die Straße hinab, die von Kaachors Haupttor wegführte. Am Fuße des Hügels angekommen, sah er gerade noch die Albe im Horizont verschwinden.
    „Wir aber haben einen entscheidenden Vorteil“, fuhr er fort, während er Lorxas, anstatt weiter der Straße zu folgen, in die von Moos und Heidekraut dominierte Weite des südlichen Lacharys lenkte.
    „Wir sind um Einiges schlauer.“



    4. Spuren


    Es tat gut, unterwegs zu sein. Lienas unerwartetes Auftauchen und ebenso schnelles Verschwinden hatte Triborin die halbe Nacht beschäftigt. Auf dem Weg zum Stadttor war er nicht umhin gekommen, sich immer wieder zu allen Seiten umzusehen, obwohl ihm klar war, dass er sie nicht entdecken würde. Er konnte nicht verhindern, dass sie ihm folgte. Aber er konnte sie abhängen. Wie auch immer sie unterwegs sein mochte, er bezweifelte, dass sie es mit seinem Nachtschatten aufnehmen konnte.


    Am Ende des zweiten Tages, seit er Kaachor verlassen hatte, kam der Grenzwald in Sicht. Die Straße teilte sich hier und Triborin würde sich westlich halten und nach Vesperion reiten. Es war ein Wagnis der Straße zu folgen. Sie führte nahe an der Nordgrenze des Waldes vorbei, vom dem man sagte, er beherberge ebenso viele Späher wie Bäume. Trotzdem hatte Triborin diesen Weg gewählt. Er war der schnellste.
    Von der Albe gab es noch immer keine Spur, doch Triborin bezweifelte, dass er sie gänzlich abgehängt hatte. Er musste weiter wachsam sein, zumal der einfachste Teil seiner Reise sich nun dem Ende neigte. Bald betrat er fremdes Land.
    Sein Plan stand. Er war ein Gesandter aus Xarchavas‘ Bibliothek, der nach Solterra reisen sollte, um Schriften über die Entwicklung der Gesteinsschichten abzugleichen. Xyrius‘ erster Beamter Solfor Sachrass hatte ihm erstaunlich wenig Informationen gegeben, um Hinweise auf dieses Vogelvolk zu finden. Immerhin war eine grobe Himmelsrichtung darunter: Süden.
    Mit dem Vorwand der Wissenschaft hoffte Triborin, sich frei und ohne Misstrauen zu erregen, durch das benachbarte Menschenreich bewegen zu können.


    Die Straße führte Triborin so weit nach Westen, dass er das Meer sehen konnte. Erst dann bog sie nach Süden. Wo das Gebiet um die Grenze zu Mildir üppig und grün gewesen war, zeichneten den Übergang nach Vesperion graue Geröllfelder und Felsformationen. Fast strohfarbene Gräser bevölkerten die Steine und die der Jahreszeit geschuldete dichte Blütenpracht des Heidekrauts, in lila und rosa, war ebenso schön wie sie fehl am Platz wirkte.
    Von weitem sah Triborin die Grenzbauten, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Dem hellen, klobigen Gemäuer der Menschen stand die filigrane Arbeit Dunkelelfischer Steinmetze entgegen. Den Gang seines Pferdes verlangsamend, ging Triborin die Worte durch, die er sich zurechtgelegt hatte. Diese Mühe hätte er sich sparen können. Während auf dunkelelfischer Seite eine Handvoll Krieger auf dem Posten war, schien die Grenzbastion Vesperions verwaist.
    Triborin saß ab.
    „Noxa grüße Euch“, empfing ihn einer der Elfen.
    „Und Euch. Was ist dort los? Wo sind die Wachen?“ Er wies auf den Turm und den Wehrgang, der die Lücke zwischen zwei natürlichen Felserhebungen schloss.
    „Weg, mein Herr. Sie sind vor ein paar Tagen abgezogen. Noxa allein weiß, warum.“
    „Ich muss hindurch.“
    „Das Tor ist verschlossen, tut mir leid. Filgar hat es kürzlich getestet.“
    Triborin kräuselte genervt die Lippen. „Gibt es einen anderen Weg?“
    „Zum Meer hin flacht das Land ab. Dort müsstet Ihr eine Lücke finden, um hinüber zu reiten.“
    „Habt Dank.“ Triborin saß wieder auf. Wenn er diesen Umweg in Kauf nehme musste, so wollte er möglichst wenig Zeit verlieren. Wenn Liena nicht sah, welchen Weg er nahm, konnte sie ihm vielleicht nicht folgen. Die Krieger am Tor würden ihr wohl kaum ebenso bereitwillig Auskunft geben, wie ihm.
    „Seid vorsichtig, mein Herr Gardist. Bei den Menschen da unten stimmt etwas nicht.“ Er nickte ihm ernst zu. „Möge Noxa Euch behüten.“


    Ohne die Warnung des Grenzsoldaten hätte Triborin vermutet, dass das Land der Westmenschen in diesem Teil schlicht dünn besiedelt war. An den ersten beiden Tagen begegnete er niemandem. Bis auf die Möwen über den Klippen stieß er nicht einmal auf Tiere, obwohl deren Hinterlassenschaften auf den weiten Grasflächen eine frühere Anwesenheit belegten. Spätestens, als er den zweiten oder dritten verlassenen Hof passierte, wäre dann aber er so oder so misstrauisch geworden. Alles deutete auf eine kontrollierte Abreise hin. Es gab keine Spuren von Kämpfen und Zerstörung, die Ställe waren leer und alles, was Räder hatte, war fort, durch die Spuren im lehmigen Boden eindeutig erkennbar.
    In der Hoffnung, zurück auf die Straße zu gelangen, folgte Triborin der Furche eines besonders schweren Wagens. Das letzte, was er brauchen konnte, war sich in einem Landstrich zu verirren, aus dem die Menschen aus unerklärlichen Gründen flohen.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • Je weiter südlich die Straße ihn trug, desto größer wurden die Gehöfte, bis sie zu ersten Ortschaften heranwuchsen. Das änderte nichts daran, dass auch sie in der Mehrzahl verlassen waren. Wo Triborin Menschen sah, spähten sie misstrauisch hinter halb zugezogenen Vorhängen hervor oder blieben auf dem Weg in ein Nachbargebäude abrupt stehen, bis er vorbei geritten war. Die Menschen hatten Angst. Doch wovor? Was trieb sie zur Flucht? Nichts deutete auf eine äußere Gefahr hin. Es gab auch keine Spuren vergangener Ereignisse, keine Unwetterschäden, keine Anzeichen einer Seuche. Überhaupt, selten hatte Triborin so eine stille Gegend gesehen. Unter anderen Umständen hätte er sie als friedlich bezeichnet, doch im Augenblick erschien ihm gespenstisch passender.
    In zügigem aber schonendem Tempo für sein Pferd, folgte er der Straße immer tiefer in das Königreich Vesperion. All seiner Grübeleien zum Trotz, war das Schicksal dieser Leute nicht seine Angelegenheit. Er hatte eine eigene Zukunft, um die er sich sorgen musste.


    Nach einer knappen Woche im Land der Westmenschen, entdeckte Triborin die ersten Anzeichen von Zerstörung. Hinter einer Hügelkuppe stieg eine Rauchsäule auf und schon von weiter Ferne hörte er das laute Blöken panischer Schafe. Von der Erhebung aus bot sich Triborin ein guter Blick auf die Reste des Gehöfts. Ein großes Haus war nur mehr ein schwarzes Gerippe, doch das Feuer war schon erloschen. Stattdessen musste es auf den benachbarten Stall übergesprungen sein, in dem Schafe eingesperrt waren. Keine Menschenseele war zu sehen. Triborin stieß einen Fluch aus. All dies ging ihn nichts an! Doch die Tiere waren hilflos. Sie hatten nichts mit dem zu tun, was hier vor sich ging, trugen aber die Konsequenzen, ohne vor die Wahl gestellt zu werden. Er trieb sein Pferd den Hügel hinunter und blickte sich dabei nach allen Seiten um. Es war niemand hier. Wenn er den Schafen nicht half, tat es keiner. Erneut fluchte er und schwang sich aus dem Sattel. Aufmerksam und bereit, sein Krummschwert zu ziehen, ging er auf den brennenden Stall zu. Zum Glück für die Tiere gab es nur einen kleinen Brandherd, der sich aber mit Sicherheit schnell ausbreiten würde, vor allem, wenn sich ein Heuspeicher im Gebäude befand. Das Stalltor wurde nur durch einen hölzernen Riegel gehalten, den Triborin löste und die Flügel weit auf zog. Die Tiere drängten sich in den hinteren Teil, stampften und schrieen mit vor Panik hervorgequollenen Augen.
    „Raus mit euch!“ Triborin pfiff und klatschte in die Hände, doch die Tiere verstanden nicht, dass sich eine Fluchtmöglichkeit aufgetan hatte.
    „Bei Noxa!“ Schnellen Schrittes ging Triborin auf die Herde zu. Er wusste, dass er ihnen für den Moment noch größere Angst machte, dafür würden sie gleich frei sein. Endlich rannten die ersten Tiere auf das Portal zu und alle anderen folgten ihnen blind. Als Triborin wieder an die frische Luft trat, trotteten sie bereits hinaus in die Hügel.
    Er konnte nicht umhin, zu lächeln. Die unschuldigen Wesen hatten es nicht verdient, auf diese Weise zu sterben. Gleichzeitig wusste er, dass eine Handlung wie diese in seiner Heimat bereits als Zeichen von Schwäche galt.
    „Ich bin aber nicht in Lacharys“, murmelte er sich selbst zu und machte sich auf den Weg zurück zu seinem Pferd.
    Er hätte die Klinge in dem tiefen Boden gar nicht bemerkt, wäre er nicht direkt darauf getreten. Sie maß kaum Armlänge, doch sie war gut ausbalanciert und scharf, keine Waffe, die ein Bauer besaß. Das Schwert in der Hand bewegend, sah sich Triborin noch einmal mit zusammen gekniffenen Augen um. Vielleicht war das nicht die Klinge eines Ritters, wohl aber eines niederen Soldaten oder Landknechts. Das könnte auch das Werk von Banditen sein, sagte er sich. Sie haben die Waffe ebenso erbeutet, wie das Hab und Gut dieses Hofs. Es gelang ihm nicht, sich selbst zu überzeugen und so fand er sich entgegen aller Vernunft auf dem Weg in Richtung des zerstörten Wohnhauses wieder.
    Er fand keine weiteren Waffen oder sonstige Rüstungsteile, dafür aber Hufabdrücke. Sofern der Bauer keine Pferde besessen hatte, was Triborin aufgrund der Stallgröße bezweifelte, hatte er berittenen Besuch gehabt. Doch war das vor oder nach der Zerstörung gewesen?
    Die Reste von Tür und Türrahmen waren von kreisförmigen Schnitzereien verziert, ansonsten musste dies ein einfaches Bauernhaus gewesen sein. Triborin stieg über die Trümmer und fand sich in einer großen Stube wieder. Vom Feuer einigermaßen verschonte Hocker und Schemel lagen auf dem Boden. Ein Tisch war umgestürzt. Der Geruch verbrannten Holzes lag schwer in der Luft, obwohl es nicht stickig war. Das Dach war dem Feuer vollständig zum Opfer gefallen und erlaubte einen Durchzug. Von dem Bauern und seiner Familie fehlte jede Spur. Triborin spähte hinter den Tisch, doch der Anblick eines Toten blieb ihm erspart. Stattdessen entdeckte er Kerben im Holz, frische Kerben. Er hielt kurz inne. Dann hieb er mit dem Kurzschwert auf das Möbelstück. Es bestand kein Zweifel, wie diese Spuren entstanden waren.


    Tief in Gedanken versunken saß Triborin im Sattel. Konnten plündernde Banden ganze Landstriche derart in Aufruhr versetzen, dass Menschen ihre Heime zurück ließen? Und warum war die Grenze unbemannt? Der dunkelelfische Grenzer hatte Recht: in Vesperion stimmte etwas ganz und gar nicht.
    Das geht mich nichts an, schalt sich Triborin immer wieder, allerdings war er sich dessen gar nicht mehr so sicher. Xyrius würde wissen wollen, wenn eines seiner Nachbarländer im Chaos versank. Die Elfen an der Grenze gaben mit Sicherheit regelmäßig einen Bericht ab, doch sie kannten nicht das ganze Ausmaß. Triborin fasste einen Entschluss. Sobald er mehr über die Hintergründe wusste, zumindest, wer die Angriffe auf das gemeine Volk führte, würde er versuchen, eine Nachricht nach Xarchavas zu senden; vorausgesetzt, die Taubenschläge, waren nicht ebenso verlassen wie die Höfe und Ortschaften. Und selbst wenn er eine bemannte Station fand, musste er hoffen, dass es Tiere für Botschaften nach Lacharys gab.
    Eigentlich hätte Triborin guter Dinge sein sollen. Er kam gut voran. Er war schon tief in das Landesinnere vorgedrungen, ohne dass er aufgehalten und überprüft worden wäre, was er sich nur durch die gegebenen Umstände erklären konnte. Wahrscheinlich hatte er mittlerweile sogar die Albe abgehängt, wenn sie ihm überhaupt noch folgte. Trotzdem spürte er, dass Unheil bevorstand. Er war stets wachsam, die kleine Armbrust an seinem Handgelenk war mit Giftpfeilen geladen, sein Krummschwert steckte griffbereit im Geschirr auf dem Rücken, anstelle wie es angenehmer war, am Sattel verschnürt zu sein. Diesen Platz hatte nun das Schwert eingenommen, das er auf dem Hof gefunden hatte.
    Wenn Triborin seinen Standort richtig einschätzte, näherte er sich dem Abzweig nach Valgard, Vesperions Hauptsatz und Sitz von König Krinkar. Gleichzeitig schien er sich auch auf das Zentrum der Zerstörung zu zu bewegen. Die Dichte der Ortschaften wurde größer und auch, wenn bei weitem nicht alle betroffen waren, stieß Triborin vermehrt auf niedergebrannte oder zumindest arg beschädigte Gebäude. Endlich traf er auch auf Menschen, deren Zustand ihn allerdings erschreckte. Viele saßen und knieten am Straßenrand, kleine Schälchen oder die bloßen Hände von sich gestreckt. Die Straße wurde zusehends breiter und führte immer öfter direkt durch Ortschaften hindurch, sodass die Zahl der Bettler rapide zunahm.
    Triborin schluckte schwer bei deren Anblick. Er wusste, er sollte kein Mitleid mit ihnen empfinden und doch zog sich sein Inneres krampfhaft zusammen. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit dachte er an seine Mutter. Entgegen der Gesellschaftnormen hatte sie ihren Kindern stets Hilfsbereitschaft und Mitgefühl vorgelebt. Was hatte es sie geschmerzt, als ihr jüngster Sohn dem Ruf aus der Hauptstadt gefolgt war, dem Ruf der Institution, die alles verkörperte, was sie verachtete.
    Triborin zwang sich gerade auszusehen. Hart wie Obsidian, kalt wie Eis… Ein Leibgardist ließ sich nicht durch Gefühle schwächen. Er erfüllte bedingungslos den Willen seines Herrn und seines Volkes.


    Wieder stieg Rauch am Horizont auf. Dieses Mal wurde er jedoch von Waffengeklirr begleitet. Schnell führte Triborin sein Pferd von der Straße. In leichtem Trab lenkte er es zwischen Hügeln hindurch, die in diesem Teil des Landes zunehmend abflachten. Er umrundete einen kleinen Tümpel, folgte einem Bachlauf und erreichte schließlich den Rand einer Senke. In deren Mitte befand sich eine Ortschaft und in ihr regierte das Chaos. Häuser brannten, Menschen und Tiere rannten wild und schreiend durcheinander und hier und da gab es Gefechte zwischen einfachen Leuten mit Knüppeln und Mistgabeln gegen gerüstete Krieger. Das Wappen auf ihren Schildern war unverkennbar und sein Anblick ließ Triborin irritiert die Augen zusammen kneifen. Der rote Turm des Königshauses. Was bei Noxa hatte das zu bedeuten?
    Vereinzelt gab es Schwertkämpfer auf den Seiten der Dorfbewohner, doch es waren viel zu wenige. Die anderen Männer waren vermutlich Bauern, Waffenschmiede und was das Dorf sonst noch hergab. Es war eine furchtbar einseitige Angelegenheit. Viele Männer starben, andere wurden in Gewahrsam genommen und fortgeschleppt und viele, vor allem Frauen und Kinder, versuchten zu fliehen. Voller Entsetzen sah Triborin allerdings auch viele kleine Körper regungslos auf der Erde liegen.
    Des Königs Männer griffen das eigene Volk an, leerten ein Dorf nach dem nächsten. Warum? Ein Teil von Triborin wollte hinunter eilen, sich einen der feigen Kerle schnappen und ihn zum Reden bringen. Aber wollte er das wirklich, um herauszufinden, was hier vor sich ging? Oder ging es ihm um die Menschen in dem Dorf? Mit sich ringend schloss Triborin die Augen.
    Hart wie Obsidian, kalt wie Eis…
    Innerlich in Zwietracht rieb er sich mit den Händen über das Gesicht. Er nahm einen tiefen Atemzug. Dann kehrte er der Straße und dem Dorf den Rücken und lenkte seinen Nachtschatten tiefer in die Hügellandschaft hinein.


    5. Denn auf dein Herz vertraue


    Schweißgebadet schreckte Triborin auf. Sein Herz klopfte und er atmete schwer. Er brauchte einen Moment, bis er realisierte, dass er geschlafen hatte, zog die Knie an und legte die Stirn in die Hände. Es war stockfinstere Nacht, sein Nachtschatten war kaum zu erkennen, obwohl er in nächster Nähe angebunden war und ruhte.
    Mühevoll beruhigte Triborin seinen Atem, doch die Bilder seines Traumes wollten nicht verschwinden. Männer mit nicht mehr als rauen Wollhemden gekleidet wurden von Schwertern zerteilt, Frauen weinten leise, während sie verschleppt wurden oder schrien in Qual, als man ihnen ihre Kinder wegnahm. Und immer wieder erschienen die leblosen kleinen Körper in seinem Geist, halb im Schlamm versunken, der sich mit ihrem eigenen Blut mischte.
    Kyra war kaum größer, als ich sie verlassen habe…


    Schlaf gut, kleine Schwester.
    Du gehst fort.
    Ich werde wieder kommen. Ich besuche euch.
    Versprichst du es?
    Ich verspreche es.


    Er hatte sie viel zu selten besucht. Kyra hatte gespürt, dass sich alles ändern würde. Sie hatte Mutters Trauer erkannt, wenn auch nicht verstanden. Ihre kindliche Furcht vor etwas Unbekanntem hatte Triborin am meisten zugesetzt, doch seine Entscheidung hatte gestanden. Er hatte die Chance zum Gardisten ausgebildet zu werden und einen Stand zu erreichen, der ihm als Drittgeborener zu Hause nie möglich war.
    Triborin seufzte. An Schlaf war nicht mehr zu denken, doch zur Weiterreise war es noch zu früh. Er musste seinem Ross genug Ruhe gönnen. Leise stand er auf und streckte sich. Warum erinnerte er sich gerade jetzt an den Abschied von zu Hause? Warum nahmen ihn die Angriffe auf die Orte so mit? Noch immer haftete ihm der Schrecken des Traums an und er versuchte vergeblich, die Bilder loszuwerden.
    Sein Blick fiel auf das neue Schwert. Er kniete ab und befreite es aus der Halterung am Sattel. Es war leicht und sicher nicht so praktisch wie sein eigenes, doch es konnte kaum schaden, wenn er damit umgehen konnte. Zögerlich schwang er es, ließ es vorsichtig um das Handgelenk kreisen. Dann stach er zu. Er fuhr hinab in die Knie, zog die Klinge nahe an sich heran und probierte ein weiteres Manöver. Ehe er sich versah, fand er sich mitten in einer ausgiebigen Trainingseinheit wieder und was konnte den Geist besser befreien, als körperliche Anstrengung?


    Fortan hielt sich Triborin von der Straße fern, auch wenn er sich gelegentlich in Sichtweite begab, um seine Richtung zu korrigieren. Zwar sah er trotzdem immer wieder Rauch in der Ferne, bekam das Gemetzel aber nicht aus nächster Nähe mit. Sein innerer Kampf beruhigte sich langsam. Nicht mehr lange und Vesperion läge hinter ihm. Den Abzweig in die Hauptstadt hatte er noch immer nicht passiert, doch es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein.
    Die Sonne stand schon recht tief, da tauchten die Umrisse eines Ortes am Horizont auf, ein eindeutiges Indiz für den Straßenarm nach Westen. Anstelle von Freude verursachte der Anblick allerdings ein unangenehmes Gefühl in Triborin. Er wollte schon einen weiteren Bogen in Kauf nehmen, um die Konfrontation zu umgehen, doch sogleich rügte er sich für diese feige Erwägung.
    Es war nur ein kleiner Ort, vielleicht zehn oder fünfzehn Häuser, von denen zwei in Flammen standen. Schreie erfüllten die Luft. Es war dasselbe Bild wie im letzten Ort, auch wenn es sehr viel weniger Gefechte gab. Triborin hielt ein Stück entfernt an. Vor einem der Häuser gingen zwei gepanzerte Krieger brutal gegen die Männer zu, die es zu schützen versuchten. Eine Frau schrie ihre Qualen heraus, während ein anderer sie fort zerrte. Triborin schluckte. Die Bilder des Traumes kamen zurück, vermischten sich mit der Erinnerung an Kyra. Er hörte die Worte seiner Mutter. Du hast ein großes Herz, Tin. Bitte vergiss das niemals. Energisch schüttelte er den Kopf und versuchte sie zu vertreiben. Nichts hinderte ihn daran, einfach an dem Ort vorbei zu reiten. Dies war nicht sein Kampf. Entschlossen öffnete er die Augen.
    Sein Blick fiel auf ein kleines Kind, das weinend im Matsch saß und nach seiner Mutter rief. Einer der Angreifer hatte es entdeckt und ging mit erhobenem Schwert in seine Richtung.
    Vergiss das niemals.
    Triborin rang mit sich. Was dort vor sich ging, war nicht rechtens. Doch sollte er dafür alles zunichtemachen, was er sich jahrelang erarbeitet hatte?
    Der Krieger baute sich vor dem Kind auf und schrie irgendetwas, das Triborin nicht verstand.
    Vergiss das niemals.
    Vor Anstrengung ob des inneren Kampfes, knurrte Triborin. Er war weit weg von Xarchavas und seinen Prinzipien. Aber dieses Kind war hier. Und es würde sterben, wenn er nichts unternahm.
    Bevor ihm Zweifel kamen, trieb Triborin sein Pferd in den Ort hinein. Er war bereit zu kämpfen, sollte es nötig sein.


    „Haltet ein!“, rief er und nutzte die allgemeine Handelssprache. Der Mann fuhr herum und starrte ihn an.
    „Welch Verbrechen haben diese Leute begangen, dass Ihr sie ihrer Heimat beraubt?“
    Der Krieger spuckte aus. „Das geht dich nichts an, Elf. Schau, dass du verschwindest.“
    „Dies sind einfache Menschen. Wie könnt Ihr es über Eure Ehre bringen, sie abzuschlachten wie Vieh?“ Triborin wusste, dass er sich auf dünnes Eis begab, doch nun, da er das ganze Ausmaß des Gemetzels sehen konnte, siegte der Zorn über die Vernunft.
    „Das ist nicht dein Land, nicht dein König und nicht dein Volk. Du hast hier nichts zu suchen.“
    Mittlerweile hatte Triborins Auftauchen die Aufmerksamkeit weiterer Männer erregt.
    „Verschwinde hier“, presste der Mann hervor und fügte etwas in der Sprache der Menschen an, was Triborin nicht verstand.
    Ein anderer sagte etwas und Triborin fuhr herum. Er verstand die Worte nicht, doch er sah, worauf der Soldat zeigte.
    „Wo hast du das her?“, fragte der erste.
    „Ich habe es gefunden.“
    „Lügner! Schwerter wie dieses liegen nicht einfach herum.“
    Sie griffen an. Unbemerkt für alle, feuerte Triborin seine Armbrust und der Mann vor ihm sank zu Boden. Triborin riss die Zügel herum und wandte sich den übrigen zu. Er lächelte kalt. Drei Mann? Vielleicht noch eine Hand voll weitere im Dorf, mit schlechten Rüstungen und ohne Pferde? Es war fast schon ungerecht.
    In einer fließenden Bewegung zog er das Krummschwert, ließ sein Ross auf die Hinterbeine gehen und befreite ein Dorf, dessen Namen er nicht einmal kannte.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 6. Mondklinge


    Triborin wusch sich in einem kleinen Flusslauf. Er ließ sich Zeit dabei. Kälte machte ihm nicht viel aus und das Wasser war klar und weich. Es kühlte die Prellung am Oberschenkel, die als einziges davon zeugte, dass er einen Kampf geschlagen hatte. Gleichzeitig reinigte der Fluss seinen Geist, wusch die Gedanken fort, die ihn plagten und nahm ihm die Last, die das Töten unwillkürlich in der Seele eines Mannes hervor rief. So zumindest lehrten es die Priester Noxas.
    Als Triborin aus dem Wasser stieg, war es bereits dunkel. Mehr tastend als sehend, prüfte er seine Vorräte. Sie wurden knapp. Das Land bot ihm hier wenig Möglichkeit sie aufzufrischen. Es war nicht länger nur größtenteils kahl, südlich von Vesport wurde es zudem sumpfiger. Die verlassenen Höfe hatten Triborin zuvor immer wieder als gute Nahrungsquelle gedient, doch auch das hatte sich mit Überqueren der Königsstraße geändert. Flucht und Zerstörung hatten die Häuser und Orte, die er seither passiert hatte, bislang verschont.
    Bevor er dort um Verpflegung bat, wollte Triborin noch etwas Abstand zu dem Dorf bringen, in dem er sich eingemischt hatte. Des Königs Männer waren alle tot und verbrannt, doch die Bewohner hatten gesehen, was passiert war. Zwar bezweifelte er, dass sich die Neuigkeit so schnell verbreiten würde, wollte aber doch sichergehen. Auf keinen Fall wollte er Aufmerksamkeit erregen. Er war ein Risiko eingegangen, die Klinge gegen die Männer zu erheben. Vermutlich war es sogar eine große Dummheit gewesen. Aber er war einer spontanen Regung gefolgt. Rückgängig machen ließ es sich nicht mehr und Triborin versuchte, nicht so viel über das für und wieder nachzudenken. Er war froh, dass der Kampf in seinem Kopf endlich verstummt war und hatte nicht vor, ihn zu wecken.


    Gegen Ende des darauffolgenden Tages tauchte eine größere Ortschaft in Triborins Blickfeld auf. Je näher er kam, desto mehr Häuser schälten sich aus dem Dämmerlicht, bis Triborin zu der Überzeugung kam, dass es sich um eine Stadt handeln musste. Aus der Studie der Karten konnte er sich nicht recht entsinnen, welcher Ort das war. Sicher war, dass er der Grenze schon sehr nahe sein musste. Triborin wog seine Möglichkeiten ab. Eine Stadt bot immer ein gewisses Maß an Anonymität. So nah an Solterra gelegen, könnte dieser Ort sogar schon ein wenig durchmischt oder zumindest Fremden gegenüber aufgeschlossen sein. Abgesehen von der Sicherheit, bot sie natürlich beste Möglichkeiten sich neu einzudecken. Und bequeme Betten, dachte Triborin. Wenn man ihn fragte, sollte selbst ein Leibgardist dann und wann den Luxus einer richtigen Schlafunterlage genießen dürfen.
    Trotzdem zögerte er. Konnte Kunde der jüngsten Ereignisse schon bis hierher gelangt sein? Nach außen sah es so aus, als wäre der Ort zumindest von den Überfällen der königlichen Truppen verschont geblieben, doch auch das konnte Triborin nicht mit Sicherheit sagen. Er beschloss sich einen Tag für Beobachtungen herauszunehmen.
    Außer Sichtweite der städtischen Ausläufer, suchte er sich einen Unterschlupf, wo er zumindest für kurze Zeitspannen sein Pferd zurücklassen konnte. Er aß die kargen Reste aus einem der Bauernhäuser. Trockenes Brot, etwas harter Käse und weich gewordene Rüben, von denen er einige auch seinem Nachtschatten gab.
    „Wenn alles glatt geht, kriegst du morgen eine richtige Mahlzeit.“ Er tätschelte dem Tier den Hals und nahm ihm die Last des Sattels.
    Wenig später schlich Triborin zwischen den ersten Häusern hindurch. In den meisten brannte Licht, sogar die Straßen waren beleuchtet. Aus Tavernen drang Gelächter und Gläsergeklirr. Triborins Stiefel verursachten auf dem Kopfsteinpflaster keinen Laut. Schnell war er sich sicher. Hier hatte es keine Angriffe gegeben. Schwere Schritte kündigten eine Patrouille zweier Wächter an und vorsorglich drückte sich Triborin in den Schatten einer Seitengasse. Sie trugen einfache Lederharnische mit einem eingebrannten Wappen, dessen Abbild Triborin zwar nicht genau erkennen konnte, doch in jedem Fall war es nicht der rote Turm. Stadtwache, dachte er. Das war ein gutes Zeichen. Bevor er sein Nachtlager aufsuchte, dehnte er seine Erkundung weiter in den Stadtkern aus. Wenn er morgen hier einritt, wollte er schnell ans Ziel kommen und nicht suchend herumirren. Gasthäuser gab es zu Hauf. Triborin spähte durch die Fenster der Schankräume und prüfte die Ställe. Er wählte den Vagabund, einen der größeren Höfe, aus dem Musik drang. Unterhaltung bedeutete Ablenkung. Wenn man die Leute bespaßte, kamen sie nicht auf dumme Gedanken.


    Früh schon war Triborin in seinem Zimmer. Er hatte seine Mahlzeit eingenommen, bevor der Großteil der Gäste seinen Weg in das Wirtshaus fand. Das fette Fleisch war ihm nach den spärlichen Rationen der letzten Tage wie ein Geschenk von Noxa persönlich erschienen und obwohl die Sauce etwas mehr Gewürz vertragen hätte, hatte er noch weiter gegessen, als er lange schon satt gewesen war. Das Starkbier der Menschen machte seinem Namen alle Ehre und verstärkte die Mattheit, die ihn in Beschlag nahm. Trotzdem hatte er sich Zeit genommen, die Unterbringung und Verpflegung seines Pferds zu kontrollieren. Er ließ ihn generell ungern in fremder Hand, noch dazu in einer engen Box, in der sich das Tier bei einem möglichen Angriff bei weitem nicht so gut wehren konnte, wie in freiem Geläuf. Allerdings konnte er es nicht ertragen, sich selbst den Bauch voll zu schlagen und bequem zu schlafen, während er seinen Freund in der Schwärze der Nacht zurückließ.
    Mit dem Schlaf kämpfend wachste Triborin gewissenhaft seine Uniform. Eine gute Pflege konnte ihm das Leben retten. Sie schaffte Beweglichkeit und machte das Leder zäher, dass es nicht gleich aufplatzte oder riss. Mehr aus Gewohnheit als einer düsteren Vorahnung, platzierte er all seine Habseligkeiten und den Sattel so, dass er binnen Minuten fort sein konnte. Die Taschen waren wieder reichlich gefüllt und würden ihn einige Zeit über die Runden bringen, sollte er in Solterra nicht sofort auf Siedlungen stoßen. Das Kurzschwert hatte er mit einem Umhang umwickelt, den er in den südlichen Landen ohnehin nicht brauchen würde. Fortan war es vor unerwünschten Blicken geschützt. Zufrieden beendete Triborin die Arbeit und verstaute das Wachs. Dann, endlich, erlaubte er sich, sich in das üppig gepolsterte Bett sinken zu lassen.


    Das Klirren von Schwertern und Geschrei auf der Straße weckte ihn. Triborin warf die Decke zurück und ging zu dem kleinen, offenen Fenster seines Zimmers. Nach der Wärme der Decken fröstelte ihn. Es musste mitten in der Nacht sein. Die Seite an Seite gebauten Häuser waren dunkel bis auf eines direkt gegenüber, das die benachbarten Gebäude auch in der Höhe überragte. In seinen bespannten Fenstern schimmerte Licht und auf der Straße davor herrschte Aufruhr. Gerüstete Krieger, hoch zu Pferd, warteten mit Fackeln in der Hand an der Türe, während Fußsoldaten einige wütende Bürger in Schach hielten. Die berittenen Männer, da war er sich nach dem ersten Blick sicher, waren erfahrene Ritter. Mit etwas Anstrengung gelang es Triborin, ein paar der Wortfetzen über den Lärm hinweg einzufangen, die einer der Reiter an die Bewohner des Hauses richtete.
    Er verstand die Sprache der Menschen nicht, doch mehrfach fiel der Name der Hauptstadt. Die Dringlichkeit in den Worten des Mannes war nicht zu überhören. An wen auch immer diese Ansprache gerichtet war, er war dem Gebäude nach sicher nicht mittellos oder zumindest bei wohlhabenden Leuten untergekommen.
    Die Ritter versuchten nun, sich gewaltsam Eintritt zu verschaffen, ließen ihre Pferde gegen das reich verzierte Portal des Hauses ausschlagen, versuchten sogar, es mit einer Fackel zu entzünden. Vergeblich. Das Holz blieb auf unerklärliche Weise unversehrt.
    Die Fußsoldaten hatten immer größere Schwierigkeiten die wachsende Menge tobender Bürger, Männer wie Frauen, in Schach zu halten, von denen einige mit Schwertern bewaffnet waren. Noch haben sie niemanden getötet, stellte Triborin fest. Wieso? Fürchteten sie sich vor der Masse? Die anderen überfallenen Orte waren viel kleiner, die Leute ärmer gewesen. Er zweifelte nicht einen Moment, dass die Vorfälle miteinander zu tun hatten. Gebannt beobachtete er die Szene, hielt Ausschau nach möglichen Hinweisen und lauschte nach Worten, die er verstehen konnte, Ortsnamen oder allgemeingültige Begriffe. Doch die wütenden und verzweifelten Ausrufe aus dem Pulk blieben ein Rätsel für ihn. Sie riefen durcheinander und das in einer fremden Sprache. Da! Hatte er es sich nur eingebildet? Triborin konzentrierte sich vollends auf die Rufe. Er war sich beinahe sicher, ein Wort verstanden zu haben. Das Geschrei vereinheitlichte sich. Es wuchs aus dem Gemurmel heraus, als stimmten immer mehr Leute ein, wurde deutlicher und deutlicher, bis er nicht länger leugnen konnte, was er hörte. Worte, in der Handelssprache Orchaldors: „Der schwarze Reiter wird euch holen.“


    Triborins Herzschlag setzte einen Moment aus. Das konnte kein Zufall sein. Wie hatte die Kunde so schnell hierher gelangen können? Mittlerweile schien es, als sänge die ganze Stadt im Chor, während die Ritter noch immer auf die Tür einschlugen, noch immer ohne Erfolg. Wer hatte ihn alles gesehen? Der Wirt, die anderen aus dem Schankraum und davor… Er gab auf. Jeder konnte ihn gesehen haben, als er die mit Kopfsteinpflaster ausgelegte Hauptstraße entlang geritten war. Sie wissen, dass ich hier bin. Die Erkenntnis löste ihn aus seiner Starre. Er musste weg, musste sein Pferd holen, bevor es jemand anderes tat. Der Stall führte zur anderen Seite des Gasthofes hinaus. Solange der Tumult tobte, konnte er unbemerkt davon reiten und nach Solterra fliehen.
    Gerade als er zum Bett eilen, sich ankleiden und den Sattel greifen wollte, ertönte der Klang eines Horns. Triborin schloss in bitterer Erkenntnis die Augen. Er kannte diesen Klang. Unzählige Male hatte er in der Akademie die Merkmale des rivalisierenden Volkes herunterbeten müssen. Triborin hätte es selbst in nahender Ohnmacht noch zuordnen können: Das war ein Albenhorn… Schnell legte er seine Lederuniform an, befestigte die Armbrust und das Schwert und warf den Sattel aufs Bett. Auf der Straße war es ruhig geworden. Was hatte das zu bedeuten? Vorsichtig näherte er sich dem Fenster und blickte hinaus. Die Augen aller Menschen waren in eine Richtung gerichtet, ihre Münder standen teilweise offen. Zwölf Alben bewegten sich mit langsamen Schritten auf die Gruppe zu. Sie gingen jeweils zu dritt nebeneinander und die äußeren trugen grüne Laternen, die viel mehr Licht verbreiteten, als die lodernden Fackeln der Ritter. Sie waren allesamt in dunkelgrüne Umhänge gehüllt, die bis zum Boden reichten und trugen goldene Helme. Hellbraunes bis rotes Haar floss wie dunkler Honig über ihre Schultern und den Rücken hinab. Beim Gehen verursachten sie nicht den geringsten Laut und blieben mit mechanischer Gleichzeitigkeit unweit der Menschentraube stehen.
    „Haltet ein mit diesem Unsinn!“, durchbrach ein Alb schließlich die Stille. Er trat vor und zog ein langes, silbrig leuchtendes Schwert unter dem Umhang hervor. Triborin kniff die Augen zusammen. Alle Beschreibungen trafen zu, doch das konnte nicht sein. Es gab nur eine Hand voll Mondklingen auf der Welt und die wenigen, die das Zwergenreich Grakia verlassen hatten, waren in Besitz des albischen Herrscherhauses.
    Ängstlich wichen die Menschen zur Seite, stolperten dabei übereinander wie zusammengetriebene Ratten, den Blick nicht einen Moment von dem Fremden lösend. Auch die Krieger und die Reiter machten ohne ein einziges Wort Platz.
    „Auf diese Weise werdet ihr die Türe niemals öffnen.“ Der Alb ging nahe an das Haus heran. Alle Vorsicht beiseite schiebend, rückte Triborin wieder näher an das Fenster, um im flackernden Licht der Fackeln zu sehen, was geschah. Die Flammen spiegelten sich in dem hellen Schwert, als der Alb es erhob. Eine ungeheure Anziehungskraft ging von der Waffe aus und Triborin konnte kaum den Blick abwenden. Mit einer gleichmäßigen Bewegung senkte der Alb die Arme und schob die Klinge in den Spalt zwischen den Türflügeln. In demselben Moment, in dem das Schwert wieder zum Vorschein kam, schwang das Portal wie von Geisterhand nach außen auf. In dem Licht, das aus dem Gebäude strömte, konnte Triborin die schweren Riegel sehen, sauber durchtrennt mit einer einzigen, flüssigen Bewegung des Schwertes. Also stimmten die Legenden über die Mondklingen. Wer bei Noxa war dieser Mann?
    „Stürmen“, sagte er emotionslos und nach kurzem Zögern drangen die Krieger Vesperions in das Gebäude ein. Die Alben aber blieben davor stehen, ebenso die vor Furcht gelähmten Menschen.
    Endlich besann sich Triborin. Das war seine Chance. Solange der Überfall auf das Haus im Fokus lag, konnte er fliehen. Er warf einen letzten Blick auf die Gruppe Alben, die alle stur geradeaus blickten. Gerade, als er sich endgültig abwenden wollte, drehte einer von ihnen den Kopf und sah ihn direkt an. Vor Schreck zuckte Triborin zusammen.
    Augen wie Smaragde, das Haar der Farbe von Kastanien gleich und hohe Wangen, die von den Wangenleisten des Helms nur ungenügend verdeckt wurden. Als Triborin diese Konturen zuletzt gesehen hatten, waren sie im Schatten einer Kapuze halb verborgen gewesen. Dieser Alb war eine Frau. Es war Liena.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 7. Der schwarze Reiter


    Dass Vesperion so etwas wie den Vorgarten von Mildir darstellte, war überall bekannt, auch, wenn es kaum jemand laut aussprach. König Krinkar fraß dem Albenlord Sinklar aus der Hand. Dass albische Truppen in Vesperion stationiert waren und in Belange der Westmänner eingriffen, waren allerdings Neuigkeiten für Triborin und es gab mit Sicherheit einige Personen auf diesem Kontinent, die diese Information nicht stillschweigend aufnehmen würden.
    „Ruhig“, flüsterte er seinem Pferd zu, dass er, Noxa sei Dank, unversehrt an Ort und Stelle vorgefunden hatte. An den Zügeln führte er es nach hinten aus dem Stall hinaus, in der Hoffnung, er wurde nicht bereits erwartet. Liena hatte ihn gesehen. Hatte sie gewusst, dass er da war? Hatte sie ihn wirklich seit Kaachor verfolgt? Unmöglich hätte sie mit ihm mithalten können, ohne aufzufallen. Er war lange Strecken geritten und in hohem Tempo.
    Sanft lenkte er sein treues Ross in eine kleine Seitengasse, in deren Richtung er den schnellsten Weg aus der Ortschaft vermutete.
    „Sobald wir auf dem Hauptweg sind, reiten wir“, sagte er halb zu dem Tier, halb zu sich selbst.
    „Nicht diesen Weg, schwarzer Reiter“, ertönte eine Stimme von hinten.
    Triborin erstarrte. Liena…
    „Auf dieser Seite ist die Siedlung umstellt. Besser Ihr kommt mit mir.“
    „Wieso sollte ich Euch vertrauen?“, sagte er und drehte sich um.
    Sie zuckte mit den Schultern. „Mir fällt kein Grund ein. Ihr könntet nachsehen, ob ich Recht habe, doch dann ist es vielleicht zu spät. Eure Entscheidung.“
    „Schön, dann anders gefragt: Warum helft Ihr mir?“
    „Das ist jetzt nicht von Belang. Folgt mir oder folgt mir nicht.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Gasse.
    Was nun? Triborin wägte im Eiltempo seine Optionen ab. Wenn sie ihn in eine Falle führte? Immerhin hatte er sie gerade noch in einer Gruppe anderer Alben gesehen. Lüge ist des Alben Sprache, Verrat liegt ihm im Blut. Ein jeder Elf lernte das von Kindesbeinen an. Vertraue keinem Alben.
    Sein Blick flog zwischen den beiden Gassenenden hin und her. Liena war außer Sichtweite. Will sie mein Vertrauen erwecken oder wartet sie, bis ich in die Falle tappe?
    Mit erzwungener Entschlossenheit folgte Triborin weiter seinem ursprünglichen Plan. Vielleicht hatte Liena Recht und eine Horde Ritter erwartete ihn vor dem Ort. Das wäre immer noch besser, als sich freiwillig in das listige Netz der Alben zu begeben. Sich auszumalen, welcher Status ihm verliehen würde, wenn diese Nachricht in seine Heimat gelangte… Die Mission des Leibgardisten Triborin Tochar endete in albischer Gefangenschaft. In Lacharys brauchte er sich dann nicht mehr blicken zu lassen.


    Die Gasse mündete wie erwartet auf eine etwas größere Straße und Triborin hielt kurz inne und spähte vorsichtig um das Eck. Nichts; die Luft war rein. Er führte sein Pferd hinaus, bereit aufzusitzen. Es war äußerst still, selbst von dem Tumult auf der anderen Seite des Gasthofes drangen kaum Geräusche herüber. Ob diese Ruhe ein gutes oder schlechtes Zeichen war, vermochte Triborin nicht zu sagen und es würde das Beste sein, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Die Straße entpuppte sich nicht als die beste Wahl. Zwar war sie der direkteste Weg hinaus, doch es gab unzählige Abzweigungen, die aufgrund ihrer Enge teilweise nicht einsehbar waren, während man von dort wahrscheinlich einen guten Blick hinaus hatte. Triborin verstand nicht, warum man derart breite Straßen baute. In den Gassen zwischen den eng stehenden, finsteren Bauten der Dunkelelfen fühlte er sich sicher, so als würde ein Stück steingewordene Nacht schützend über ihn wachen. Hier war er wie auf dem Präsentierteller, angestrahlt von künstlichem Licht. Als teilte es Triborins Sorge, schnaubte sein Pferd leise und drehte die Ohren nach außen. Es hatte etwas gehört. Triborin schärfte alle Sinne auf das Höchste.
    Ja.
    Er war nicht allein. Hinter ihm war ein Mann aus dem Schatten geschlichen. Ruhig wartete Triborin ab, ließ ihn in dem Glauben, er sei unbemerkt. Noch ein wenig näher… jetzt! In einer schnellen Bewegung fuhr Triborin herum, zog sein Schwert und schlug dem Mann den Dolch aus der Hand. Dann durchbohrte er seine Brust und sah sich um. Vereinzelt krochen dunkle Schemen aus ihren Verstecken. Ein Hinterhalt. Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Das Krummschwert in der Hand, schwang er sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen. Weitere Männer drangen aus den Seitengassen und Triborin feuerte mehrmals lautlos seine Armbrust, darauf bedacht, vor allem die Speerträger auszuschalten, bevor ihm eines der Wurfgeschosse im Rücken steckte. Mit den Vorderhufen streckte sein Pferd zwei Soldaten nieder, die mutig genug gewesen waren, in seinen Weg zu laufen. Er ritt nun fast im Galopp durch die enge Straße. Auf keinen Fall durfte er zulassen, dass sie sein Pferd erwischten. Es war nicht nur seine Lebensversicherung, es war ihm auch ein treuer Freund. Mit wehendem Haar stob er an den heraneilenden Männern vorbei, bis er einen Bereich erreichte, in dem die Straße weniger Zuwege hatte und eine scharfe Kurve nahm. Die Angreifer hatte er ein gutes Stück abgehängt. In hohem Tempo fegte er um die Kurve und riss die Zügel hart nach hinten. Hinter der Biegung konnte er den Ortsausgang sehen. Und auch all die kleinen Lichtpunkte, die jenseits davon in der Luft tanzten. Fackeln… Das war nicht bloß eine Horde Ritter, hier wartete ein ganzes Heer. Das Pferd trippelte auf der Stelle, während Triborin weiter die Zügel fest gepackt hatte und in die Nacht spähte, auf das, was ihn vor den Toren der Siedlung erwartete. Sie würden ihn töten oder gefangen nehmen und beides würde reichen, Lacharys den Krieg zu erklären. Vor allem, da die Alben ihre Finger im Spiel hatten. Ein mordender Irrer aus Xyrius‘ persönlicher Leibgarde war genug für Lord Sinklar, die anderen Herrscher von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegen die Dunkelelfen vorzugehen. Das durfte auf keinen Fall passieren. Mit einem letzten Blick auf den Ortsausgang, drehte Triborin ab. Er würde ein paar weitere Tote in Kauf nehmen müssen, doch er konnte es schaffen. Im Trab bog er um die Kurve, um anschließend wieder in den Galopp zu beschleunigen, doch dazu kam er nicht. Die Männer hatten sich formiert und erwarteten ihn in einem Halbkreis, geschützt mit Schildern, auf denen groß und mächtig der blutrote Turm ihres Königshauses prangte. Speere wie Schwerter waren bereit zum Angriff erhoben.
    Schnell analysierte Triborin die Situation. Es gab keine Schützen auf den Dächern, doch ihre Formation war strategisch klug gewählt. Einfach durchzubrechen war kaum möglich und doch musste er es versuchen. Seitlich, in der Nähe der Häuser, waren sie schwächer besetzt. Dort würde er hineinreiten. Mit einer Hand packte er die Zügel neu, mit der anderen hob er das Krummschwert.
    „Lauf mein Freund, so schnell du kannst“, murmelte er und trieb das Ross an. Die Menschen reagierten sofort. Triborin wich einem Speer von links aus, während der zweite Werfer mit seiner Waffe in der Hand und einem kleinen Pfeil im Hals zu Boden ging. Mit dem Fuß trat Triborin gegen die Schilder, um die Männer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sein Schwert klirrte gegen gegnerische Waffen und fügte, wann immer er eine Lücke in der Deckung erwischte, vielen Männern tödliche Wunden zu. Im Augenwinkel sah Triborin, wie sie versuchten den Kreis zu schließen, um ihn von beiden Seiten gleichzeitig attackieren zu können. Er musste durchbrechen, bevor es dazu kam und seine überlegene Position auf dem Rücken eines riesigen Schlachtrosses zunichtemachte.
    „Lauf Junge, lauf!“, flehte er mit zusammengebissenen Zähnen.
    Das Ende der Reihen schien in immer weitere Ferne zu rücken, sein linkes Bein schmerzte, wo ein feindliches Schwert das Leder durchdrungen hatte und ein Wiehern verriet ihm, das auch sein Ross bereits getroffen worden war. Wie zeitverzögert sah er, dass ein Krieger weiter rechts einen Speer anhob und mit einem kraftvollen Schwung in seine Richtung schleuderte. Er würde genau die Brust seines Pferds treffen und es zu Fall bringen. In Gedanken schon bei seinem harten Aufprall auf dem Boden, nahm Triborin nur undeutlich war, wie zwei Pfeile einschlugen; einer durchbohrte den Hals des Speerwerfers und einer den Schaft seines Geschosses. Das Pferd fiel nicht, Triborin ritt weiter. Neue Pfeile flogen in die Menge und lichteten seinen Weg, sodass er die Barrikade der Menschen überwinden konnte. Befreit von dem Druck der Männer, preschte sein Pferd nach vorne, bevor Triborin die Zügel enger nahm und es kontrollierte. Kaum merklich landete jemand hinter ihm.
    „Törichter Elf! Ihr seid wahrlich so dumm und arrogant wie Euer Ruf verspricht!“, zischte ihm Liena ins Ohr. „Hier entlang!“
    Sie führte ihn wieder tiefer in den Ortskern und Triborin gehorchte stillschweigend, zu aufgewühlt, um zu antworten, geschweige denn, zu widersprechen.
    Die Albe stieß ein trillerndes Pfeifen aus und eine cremefarbene Stute erschien zwischen zwei Häusern. Elegant sprang Liena auf ihren Rücken. Selbst in der grauen Düsternis der unbeleuchteten Gasse strahlten ihre Augen hell, als sie Triborin wütend ansah. Dann flüsterte sie ihrem Pferd etwas zu, worauf es in einen schnellen Trab verfiel. Vereinzelt drangen noch Geräusche des Tumults aus der Ortschaft, doch je weiter sie sich entfernten, desto leiser wurden sie und bald beschleunigte die Albe ihre Stute. Niemand schien ihnen zu folgen. Der Häuserbestand wurde dünner und schließlich fanden sie sich auf Feldern und Heuwiesen wieder, ohne einer einzigen weiteren Menschenseele begegnet zu sein.
    Triborins Kopf rauschte. Liena hatte ihm die Wahrheit gesagt. Der Ort war im Süden umstellt. Wie hatten sie so schnell herausfinden können, dass er für die Morde vor ein paar Tagen verantwortlich war? Wie hatte die Mobilmachung so zügig von Statten gehen können? Konnte er der Albe wirklich vertrauen? Fragen über Fragen prasselten auf seinen Kopf ein und er fühlte sich ausgezehrt und schmutzig. Der Hauch des Todes haftete ihm an, das Blut unzähliger Menschen klebte an seinem Schwert, das er noch immer verkrampft in der Hand hielt und sein Bein pochte in dumpfem Schmerz.
    Triborin kontrollierte die Position des Mondes. Sie bewegten sich nach Osten. Nach einer Weile des stillen Trabens schloss er zu Liena auf.
    „Wohin reiten wir?“, fragte er leise. „Ich muss nach Süden.“
    „Das geht nicht“, antwortete sie knapp. „Wir reiten nach Mildir.“
    „Was?“, entfuhr es Triborin und Liena blickte ihn ernst an.
    „Ihr habt gesehen, was vor dem Ort los war! Könnt Ihr Euch vorstellen, wie die Grenze aussieht?“
    „Und die Grenze zu Mildir wird besser sein?“, entgegnete Triborin.
    „Wir werden nicht die Straße nehmen.“
    „Ihr werdet mich in Euer eigenes Land schmuggeln?“
    Sie antwortete nicht und sah wieder starr noch vorne.
    „Wieso?“, bohrte Triborin weiter, da fiel ihm plötzlich etwas anderes ein. „Woher wisst Ihr, dass ich die Grenze überqueren möchte?“
    „Das ist nicht wichtig.“
    „Für mich ist es wichtig!“, drängte er. „Woher wisst Ihr das alles? Warum wart Ihr in Kaachor? Für wen arbeitet Ihr?“
    „Ich sagte, das ist nicht wichtig!“
    Wut mischte sich in Lienas Ton. „Ohne mich wärt Ihr jetzt vielleicht schon tot oder schlimmer, ein Gefangener der Westmänner. Was würde Euer Lord mit Euch anstellen, frage ich mich, wenn sie Euch irgendwann auslieferten? Wäre es da nicht besser, sie töteten Euch gleich?“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Spart Euch den Atem und behaltet Eure Fragen. Ich bin Euch nichts schuldig.“
    Triborin wollte zu einer Antwort ansetzen, überlegte sich es aber anders. Sie würde ihm keine seiner Fragen beantworten und so sehr es sich einzugestehen auch schmerzte und an seinem Stolz nagte, er schuldete ihr mindestens seine Freiheit.
    „Wenn Ihr alleine losziehen wollt, bitte. Reitet nach Süden und Ihr werdet erneut sehen, dass ich Recht habe. Dieses Mal werde ich aber nicht zu Eurer Rettung eilen.“
    „Schon gut!“, sagt Triborin genervt. „Ich habe verstanden.“
    „Das ging ja schnell“, stichelte Liena weiter, doch Triborin war schlau genug, nicht mehr zu reagieren.


    „Wir rasten hier.“ Liena hielt in einer kleinen Senke, in der es einen Bach und ein paar krumme Laubbäume gab. Die Dämmerung kroch bereits über das Land.
    „Wir müssen Euer Pferd versorgen.“ Mit wenigen Handgriffen löste sie eine lederne Tasche vom Rücken ihres eigenen Reittiers und warf sie unter die Bäume, deren dichtes Blätterdach trotz ihrer geringen Höhe großflächig Schutz bot.
    Auch Triborin saß ab. Liena hatte Recht. Von Meile zu Meile war der Nachtschatten unrunder gelaufen und Triborin hatte immer wieder beruhigend dessen Hals getätschelt und ihm gut zu gesprochen.
    „He, mein Junge! Ruhig!“
    Bei Triborins Versuch, den verletzten Vorderlauf zu berühren, wieherte das Tier auf und humpelte zur Seite. Jedes schmerzerfüllte Schnauben verwandelte sich in der kalten Nachtluft zu Dampf. Triborin stand auf und legte ihm die flache Hand auf den Nasenrücken.
    „Halt still. Ich will dir helfen.“
    Nachdem er das Tier einigermaßen beruhigt hatte, ließ es ihn an das Bein fassen, auch wenn es immer wieder zurückzuckte. Mit einem angefeuchteten Lappen begann Triborin die Wunde zu säubern. Es war ein großer, dafür zum Glück nicht sehr tiefer Schnitt oberhalb des Sprunggelenks.
    Liena trat neben ihn. „Darf ich?“ Sie hielt ein Bündel Kräuter in der Hand, das einen beißenden Geruch verströmte. Zögerlich nickte Triborin.
    „Vorsichtig“, mahnte er sie, doch sein Pferd machte keinen Mucks, als die fremde Frau sein Bein berührte. Mit einer Mischung aus Überraschung und Empörung sah Triborin dabei zu, wie Liena die Kräuter brach, aneinander rieb und in die Wunde gab.
    „Verräter“, zischte er dem Tier zu.
    „Die Vladisir werden das Fleisch reinigen und Entzündungen vorbeugen“, erklärte Liena. „Die Wunde wird sich in wenigen Stunden schließen.“
    Triborin nickte stumm.
    „Jetzt Ihr.“
    „Was?“ Triborin verstand nicht.
    „Euer Bein; es ist ebenfalls verletzt. Setzt Euch.“
    Fast hätte er den Schnitt vergessen, doch als sie es aussprach, setzte der Schmerz wieder ein.
    „Das ist nichts.“
    „Sicher seid Ihr mit der Entwicklung unbehandelter Wunden vertraut. Wir nähern uns sumpfigem Gebiet und werden es so schnell nicht mehr verlassen. Wollt Ihr euch eine Blutvergiftung holen?“
    Wieder willig legte Triborin die Wunde frei und setzte sich. Er sah zu, wie Liena das Blut abwusch, die Stelle vom Schmutz befreite und schließlich auch seine Wunde mit den geheimnisvollen Kräutern behandelte. Er erwartete ein Brennen, doch stattdessen breitete sich eine eisige Kälte auf seinem Bein aus. Lienas Haar fiel ihr halb vor das Gesicht, während sie sich über ihn beugte. Ihre Handgriffe waren geschickt und sanft. Selbst für eine Albe war sie klein und Triborin überragte sie um zwei Köpfe. Man sagte, Alben waren ebenso schön wie gefährlich. Triborin musste sich eingestehen, dass es stimmte.

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    Laotse

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  • 8. Die Kinder Nēns


    Ralir genoss die Stille. Die Augen geschlossen, konzentrierte er sich ganz auf ihre weiche Substanz und auf jene Geräusche, die nur durch sie wahrnehmbar waren. Natürlich bot eine Stadt weit weniger davon als die Natur, doch sie waren dennoch vorhanden. In der Ferne tropfte Wasser auf Stein, ein loser Fensterladen klapperte im lauen Wind. Wenn er sich besonders anstrengte, meinte er sogar das Holz ächzen zu hören, unter der Last der Häuser gefangen, trocken aber keinesfalls tot. Es gab nichts Schöneres als Ruhe. Endlich waren die Menschen fort, stets lärmend, schreiend und stampfend, schnaubend und schniefend. Ihre Rüstung klapperten, ihre Stimmen dröhnten und sogar ihre Pferde standen nie still.
    "Mein Herr?"
    Ralir hörte die Unsicherheit in Milnirs Stimme. Wenigstens war dem jungen Alb bewusst, dass er die heilige Stille zerstörte.
    "Sprecht."
    "Das Haus ist leer. Die Menschen haben nichts gefunden."
    "Das heißt nicht, dass es nichts gibt." Ralir öffnete die Augen und sah in das Gesicht des jungen Kriegers mit dem auffallend hellen Haar und den blassen Augen. Wäre er nicht so klein gewesen, hätte man ihn in der passenden Gewandung beinahe für einen Dunkelelfen halten können. Der Junge hatte es unter Gleichaltrigen mit Sicherheit nicht leicht gehabt.
    "Ich werde selbst nachsehen. Olriel, Gondal, ihr kommt mit mir."
    Zwei seiner Leute lösten sich aus den Reihen und postierten sich schweigend hinter ihm.
    "Haltet die Stellung", befahl er den Übrigen, bevor er sich noch einmal an Milnir wandte. "Und du mein Junge: such Liena."
    Trotz seines verwirrten Gesichtsausdrucks war der Zögling schlau genug, nicht nachzufragen. Stattdessen verbeugte er sich leicht und verschwand mit wehendem Umhang und, zu Ralirs Zufriedenheit, absolut lautlos in den stinkenden Gassen dieses Ortes.
    Natürlich war Ralir Lienas Verschwinden sofort aufgefallen. Niemand entfernte sich aus seiner Einheit, ohne dass er es merkte. Vor allem nicht sie. Wenn sie nur endlich eine Dummheit beginge, die bedeutend genug war, damit er gegen sie vorgehen konnte. Er wusste, wohin sie wollte. Doch der Dunkelelf war nicht ihre Aufgabe. Die Menschen sollten ihn fangen und das würden selbst sie in so großer Überzahl irgendwie fertigbringen. Niemand musste wissen, dass Ralirs Vater die Finger im Spiel hatte. Lord Sinklar hatte Vesperions Abhängigkeit nicht über Jahre hinweg mühevoll aufgebaut, um dann selbst den entscheidenden Kampf zu schlagen. Blieb nur zu hoffen, dass Liena nicht alles vermasselte, indem sie versuchte, den Elfen selbst gefangen zu nehmen. Wobei Ralir, wenn er ganz ehrlich war, selbst davon nicht abgeneigt war. Das Bild, wie Liena vor seinem Vater kniete und auf eine Belohnung hoffte, stattdessen aber seine Wut zu spüren bekam, erfüllte ihn bei der bloßen Vorstellung schon mit tiefer Genugtuung.


    Gefolgt von Gondal und Olriel schritt Ralir durch das Portal. Dies war zweifelsohne ein Ordenshaus des Wassergottes. Auch ohne die Symbole an Tür und Türrahmen hätte er dies erkannt. Eine Aura umgab es, ein sanftes Pulsieren, das er weder sehen noch hören, wohl aber fühlen konnte. Er hatte die Menschen vorgeschickt, obwohl er nie wirklich daran geglaubt hatte, dass sie finden würden, wonach er suchte. Einen Versuch war es trotzdem wert gewesen. Ralir schauderte beim Passieren des Portals. Wenn es sich vermeiden ließ, ein Haus der Elemente zu betreten, ergriff er diese Chance nur zu gerne.
    Mit einem Wink bedeutete er seinen Begleitern ihm zu folgen. Lautlos setzte er einen Fuß vor den anderen, leicht in den Knien, die Klinge gezogen. Der Boden war mit groben Holzplanken ausgelegt, die wie das Portal mit den konzentrischen Kreisen des Wassers versiegelt waren. An der Rückwand führte eine hölzerne Treppe in den Keller und nach oben. Ansonsten war der Raum leer. Die Wände waren ebenfalls mit Holz verkleidet. Sie waren in gleichförmige Rechtecke gegliedert, in denen mannshohe Gemälde hingen. Alle zeigten sie das Wasser in seinen verschiedensten Ausprägungen und waren aufwendig koloriert. Normalerweise wäre Ralir erstaunt gewesen, dass Menschen zu solch feiner Arbeit in der Lage waren, doch er wusste, dass er es hier nicht mit normalen Menschen zu tun hatte. Ebendas machte sie gefährlich.
    Vorsichtig durchquerte er den Raum und spähte die Treppe hinauf. Obwohl oben Licht brannte, vermochte es den Aufgang kaum zu erhellen. Die enge und düstere Bauweise der Menschen hatte Ralir schon häufig den Kopf schütteln lassen.
    Sie hatte allerdings Vorteile. Zumindest, wenn man etwas verstecken wollte. Wo bei Narma waren sie hin? Wo lagerten sie die Schriften, die Lügen in der Welt verbeiteten, wie Gift, das langsam durch den Körper fließt und mehr und mehr davon befällt?
    Ralir stieg die Treppe hinauf. Im Eiltempo durchsuchte er mehrere schlicht eingerichtete Zellen, ein Art Aufenthaltsraum und ein Kaminzimmer - ohne Erfolg.
    "Hier ist nichts", murmelte er und Zorn kochte in ihm hoch. Es musste etwas geben! Wenn er nicht bald einen Beweis fand, stand das ganze Unterfangen vor dem Scheitern.
    "Prüft den Keller", befahl er und ging selbst zurück in die Eingangshalle. Grübelnd schritt er auf und ab. Sie hatten das Haus beobachtet, hatten Menschen kommen und gehen sehen, Bettler meist, die Nahrung oder Kleidung erbaten, doch auch die Priester in ihren blauen Roben. Kinder Nēns... so nannten sie sich, doch für Ralir waren sie nichts als Abschaum, die die Menschheit gegen die bestehende Ordnung aufwiegeln wollten. Er hatte die dunkle Magie gespürt, die das Portal verschlossen hielt, er sah die Spuren ihrer schandhaften Machenschaften, die sie unter dem Schleier einer gemeinnützigen Religion verbargen. Wie hatten sie verschwinden können? Sein Blick schweifte über die Gemälde. Wasser. Überall Wasser. Am liebsten hätte er alle Bilder heruntergerissen.
    "Herr?"
    Ralir fuhr herum und Milnir sank unter seinem Blick in sich zusammen.
    "Es ist... Liena."
    "Was ist mir ihr? Hast du sie gefunden oder nicht?"
    Der Junge räusperte sich. "Sie ist weg, mein Herr. Man hat sie in Begleitung des schwarzen Reiters aus dem Dorf reiten sehen."
    "Schwarzer Reiter..." Spott lag in Ralirs Stimme. "In welche Richtung?"
    "Nach... nach Osten, mein Herr."
    Ralir schloss die Augen. Manchmal hasste er es, wenn er Recht hatte. Er sollte sie einfach ins offene Messer laufen lassen. Leider würde Vaters Zorn ihn dann nicht minder treffen und das konnte er sich in der aktuellen Situation keineswegs erlauben. "Verdammte sollst du sein, Liena", flüsterte er. Wie hatte er sie je lieben können? Er ließ das Schwert in die Scheide gleiten und schritt ins Freie.
    "Wir brechen auf."



    9. Enthüllungen


    Der Schatten um die Hauswand regte sich und glitt ein Stück zur Seite, obwohl das Licht der Öllampe sich nicht bewegt hatte. Da waren sie wieder, die Symbole, dieses Mal zahlreicher, akkurater. Rasgar brauchte den kleinen Zettel nicht herauszuholen, um zu wissen, dass es exakt dasselbe Zeichen war, das er bereits an diversen Türen zerstörter Häuser entdeckt hatte.

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    Es hatte gedauert, bis er herausgefunden hatte, wofür es stand. Jetzt war er sich sicher. Es war das Symbol des Wassers und seiner Gottheit Nēn. Nachdenklich zog Rasgar die Stirn kraus. Die Religion der Elemente war schon lange ausgestorben und doch fand er sich direkt vor einem Glaubenshaus wieder. Es sah bewohnt aus, ob es aber tatsächlich in Gebrauch war, konnte Rasgar von seiner Position aus nicht deuten. Was ihn ohnehin viel mehr beunruhigte, war die Anwesenheit der Alben. Tumulte hatten Rasgar direkt nach seiner Ankunft hierhergeführt. Er hatte gehofft, die Quelle dafür sei der elende Leibgardist. Stattdessen war er auf diese merkwürdige Versammlung gestoßen. Während er im Stillen beobachtete, drangen von anderer Stelle Kampfgeräusche hinüber. Rasgar betete zur Noxa, dass dies nichts mit dem Elfen zu tun hatte. Sein Gefühl sagte ihm gleichzeitig, dass genau das der Fall war. Auf Dauer konnte der eigene Pessimismus zermürben. Trotzdem blieb er an Ort und Stelle. Zum einen aus Neugierde, zum anderen fürchtete er die wachsamen Augen der Alben, wenn er sein Versteck aufgab. Es schien ihm ohnehin nicht vergönnt, den Gardisten einzuholen. Wohlwissend, dass die Grenze verschlossen war, war Rasgar auf direktem Wege an der Grenze von Mildir und Vesperion nach Süden geritten und hatte unweit der Straße gewartet. Kurz darauf war die Albe vorbeigekommen und dann lange nichts. Also hatte er vermutet, dass auch der Elf schon weiter sein musste, hatte aus Ärger wegen der verlorenen Zeit in Kürze beinahe seinen ganzen Tabak weggeraucht und sich daraufhin noch mehr geärgert. Auf dem ganzen Weg waren seine Fähigkeiten nutzlos gewesen. Leute, die nicht sprachen, lohnte es nicht zu belauschen. Wo nichts geschah, gab es nichts zu beobachten. Das erste Lebenszeichen des Elfs war, wie Rasgar dem ganzen Schlamassel zum Trotz amüsiert bemerkte, der Tod. Die Folgen davon waren weit weniger komisch. Von Anfang an hatte Rasgar gewusst, dass bei dieser Mission, welchen Zweck sie auch immer haben mochte, nichts Gutes herauskommen würde. Nun war der Gardist auf dem besten Wege, sich ein ganzes Land zum Feind zu machen, zumindest den Teil des Landes, der das Sagen hatte. Leider war es nicht nur irgendein Land. Es war das Land mit dem größten albischen Einfluss. Und es stand am Rande eines Bürgerkrieges. Hungersnöte und Krankheit würden folgen. Was käme da besser gelegen, als ein fremder Sündenbock?


    Stocksteif standen die übrigen Alben auf der Straße. Auf ihren filigran gearbeiteten Brustharnischen prangte der goldene Baum Mildirs. Sie trugen Schwerter an der Hüfte und Bogen und Pfeile auf dem Rücken. Rasgar hatte von Anfang an bezweifelt, dass Krinkar aus freien Stücken das eigene Volk angriff. Hier hatte er den Beweis. Die Alben und ihre Panik vor dem Wasser… Selbst ein harmloser Volksglaube raubte ihnen derart die Fassung, dass sie das willkürliche Abschlachten einfacher Leute veranlassten. Sie versteckten sich hinter ihrer Sauberkeit und ihren Tugenden, propagierten von Licht und Reinheit und in Wahrheit waren sie die selbstsüchtigsten Kreaturen auf diesem Planeten. Es war ein Leichtes die Dunkelheit zu verdammen und andere von deren Bosheit zu überzeugen, wohingegen ein jeder automatisch der Ansicht war, dass Licht das Gute verkörperte. Dass es auch blenden konnte, daran dachte kaum einer.
    Langsam wurde Rasgar nervös. Er bekam nicht mit, was in dem Gebäude geschah. Er wusste nicht wo der Gardist sich herumtrieb. Bei der Wahl seines Verstecks hatte er seinen Fokus auf die Alben auf der Straße gelegt, die, wie sich herausstellte, bloß regungslos da standen. Dafür hatte er den Nachteil des fehlenden, sicheren Fluchtweges in Kauf genommen. Ein grober Fehler. Du wirst nachlässig, alter Knabe. Jeden Schüler hätte er für solch eine Dummheit mit einer Tracht Prügel gestraft.
    Ein Jüngling eilte heran. Endlich geschah etwas. Rasgar spitzte Augen und Ohren. Er sprach das Silmanat beinahe so gut wie seine eigene Muttersprache. Es überraschte ihn nicht, als der Name der Albe aus Kaachor fiel. Er hatte erwartet, dass sie hier war. Eigentlich verwunderte ihn nicht einmal, was er dann hörte. Viel mehr bescherte es ihm eine tiefe Resignation. Warum musste er verdammt nochmal immer Recht haben? Dieser junge Gardist war eine Schande für Lacharys. Wieso hatte Xyrius diesen Tölpel in fremdes Land geschickt? Man konnte von seiner Lordschaft halten, was man wollte, aber dumm war er gewiss nicht. Alles, was er tat hatte einen Grund. Ich hätte ihn früher finden müssen…
    Ein Alb verließ das Gebäude und nun wurde Rasgar doch noch überrascht. Vor ihm stand ein jüngeres Abbild von Alsar Sinklar. Das feine braune Haar fiel ihm locker auf die Schultern, seine Augen strahlten in einem hellen Grün und in seinen Gesichtszügen lag derselbe Zorn, den Sinklar in sich trug und der ihn so sehr von den meisten Alben unterschied. Die goldenen Fibeln an dem Umhang bestätigten Rasgars Verdacht. Nur einem Mitglied der Herrscherfamilie war es gestattet, den heiligen goldenen Baum als Schmuckstück zu tragen. Ziemlich hoher Besuch für ein einfaches Glaubenshaus in einer namenlosen Kleinstadt. Rasgar kniff die Augen zusammen. In dieser Rechnung gab es entschieden zu viele Unbekannte für seinen Geschmack.
    „Wir brauchen den Elfen lebend.“
    Die Alben setzten sich in Bewegung. Rasgar wartete ungeduldig, bis sie weit genug fort waren, dann schälte er sich aus dem Mantel des Zwielichts und ging in die andere Richtung, um Lorxas zu holen. Zu gerne hätte er nachgesehen, was auch immer die Alben in diesem Haus gesucht hatten. Doch ebenso wie sie, hatte er weit dringlichere Dinge zu erledigen. Er musste den Elfen finden, bevor sie es taten. Im schlimmsten Fall musste er ihn beseitigen.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 10. Der Fremde


    Linu saß am Klippenrand und starrte in die Ferne. Die Sonne war bereits auf dem Weg Richtung Meer, in das sie in einigen Stunden eintauchen würde, um am nächsten Morgen anderswo wieder herauszukriechen, gefesselt an diesen Ablauf, an das immer gleiche Muster. Linu fühlte sich ebenso gefesselt. Jeder Tag war wie der vorherige. Vom Tageslicht geweckt, half sie im Haushalt bis die Schule losging. Dort verbrachte sie den halben Tag und lernte eigentlich nur, was ihre Eltern ihr sowieso beibrachten. Das Bestellen von Feldern, Saat-, Wachstums- und Erntezyklus, Pflanzenkunde, Hauswirtschaft und Holzbearbeitung. Zugegeben, sie mochte die Flugstunden und die Jagdausflüge, doch auch dafür hätte sie die Lehrer nicht gebraucht. Außerdem wogen sie in keinster Weise die ewig langweiligen Monologe über die unzähligen Gefahren auf den Inseln auf. Haltet euch fern von den Stränden, ihr wisst nie wann die Flut kommt. Klettert nicht an den Steilwänden herum, ihr beherrscht die Verwandlung noch nicht zur Gänze und könntet fallen. Und schließlich das Lieblingsthema der Erwachsenen: meidet unter allen Umständen das Gebirge und den umliegenden Wald. Er ist Revier der Menschenaffen und sie dulden uns nicht in ihrer Mitte. Dringt ihr zu tief hinein, kommt ihr nie wieder heraus.
    Linu konnte es nicht mehr hören. Manchmal fragte sie sich, warum die Leute überhaupt noch wagten die eigene Hütte zu verlassen, wo doch an jeder Ecke eine tödliche Gefahr lauerte. Sollte das so weiter gehen, bis sie alt war und zu Ralon in die ewigen Himmel aufstieg? Schon mehrfach hatte sie ihren Vater drauf angesprochen und stets hatte er freundlich gelächelt und ihr gesagt, dass das natürlich Quatsch war. Eines Tages würde sie einen Mann finden und Kinder haben und dann würde alles ganz anders werden. Dann kämen Enkelkinder und wenn sie Glück hatte auch Urenkel. Sie brauchte ihm nicht zu sagen, dass sie diese Art von Veränderung nicht gemeint hatte. Er wusste es, doch er missbilligte ihren Wunsch nach Abenteuer und Veränderung.
    Eine Weile vertrieb sich Linu die Zeit damit, kleine Steine über den Rand zu werfen, hinterher zu springen und sie aufzufangen, bevor sie auf den schmalen Streifen Sand fielen, der die Hauptinsel Caeron umrahmte und bei Flut fast vollständig vom Meer geschluckt wurde. Bald aber wurde sie dessen überdrüssig und setzte sich seufzend wieder an den Rand. Soweit sie blicken konnte, erstreckte sich das blaue Meer. Angeblich hatte es schon Erkundungsflüge gegeben. Gruppen von Aviaren waren hinaus auf das Meer geflogen, auf der Suche nach anderen Inseln. Doch wenn man dem, was man ihnen in der Schule berichtete, Glauben schenken durfte, waren sie alle der totalen Erschöpfung nahe zurückgekehrt, ohne etwas anderes als Wasser gesehen zu haben.
    Ein spontaner Impuls ließ Linu auf die Beine schnellen und bevor sie es sich anders überlegen konnte, stieß sie sich ab, nahm ihre Vogelgestalt an und flog hinaus auf das offene Meer. Sicher schadete es nicht, sich selbst zu überzeugen und wenn sie bis zum Abendessen zurück war, würde Vater keinen Verdacht schöpfen. Sie flog und flog, zunächst spielerisch, mit Bögen und Schleifen, doch bald schon begannen ihre Flügel zu schmerzen. Das Wasser unter ihr hatte sich verändert. In der Nähe der Inseln war es meist türkisblau und ruhig, doch hier war es dunkel und wild, wie sie es nur bei Stürmen kannte. Ihr Herz klopfte schneller und auch wenn sie es sich nicht so recht eingestehen wollte, bekam sie es mit der Angst zu tun. Linu verharrte in der Luft und drehte sich um. Die Inseln waren zu dunklen Flecken geschrumpft und das riesige Attalongebirge wirkte wie eine kleine Hütte darauf. Sie schluckte. In alle anderen Richtungen war nichts als Wasser zu sehen. Sollte sie etwa schon aufgeben? Nein. Entschlossen presste Linu den Schnabel fest zusammen und flog weiter. Ihre Flügel brannten, die Augen tränten ihr von der kalten Luft und das Meer wollte und wollte nicht aufhören. Furcht hatte ihr Herz mittlerweile mit eisigem Griff umschlossen. Sie musste umkehren. Wenn sie nicht auf halbem Wege erschöpft in die Fluten stürzen wollte, musste sie zurück. Verbittert und enttäuscht wendete sie. Der Rückflug war ein einziger Kampf. Offensichtlich war sie ein wenig zur Seite abgekommen, denn die Inseln waren auf einmal links von ihr. Vor Anstrengung zitterten die Muskeln und immer wieder sackte Linu ein Stück ab, während das rettende Land nicht näher zu kommen schien. Nein! Sie musste es schaffen. Tränen schossen ihr in die Augen. Das Meer machte ihr Angst. Keinesfalls durfte sie abstürzen. Mit all ihrer Willenskraft kämpfte Linu gegen die Erschöpfung an und erreichte endlich die erste Felsnadel. Es war ihr egal, wo sie war. Sie hatte nicht einmal mehr die Kraft, nach oben zu fliegen und fiel mehr als dass sie landete. Ihr Körper wechselte wie von selbst in ihre menschliche Gestalt und eine Weile blieb sie einfach auf dem warmen Sand liegen. Schweiß bildete sich auf ihrer Haut. Ihr Brustkorb hob und senkte sich, während sie versuchte, zu Atem zu kommen. Sie hatte es geschafft. Ralon sei Dank. Nie wieder würde sie hinaus fliegen. Sie hatten alle recht. Dort gab es nichts. Nichts als den Tod.


    Langsam beruhigte sich ihr Atem und Linu setzte sich auf. Sie war auf einer Insel ganz im Westen von Caertol gelandet, ein gutes Stück von der Hauptinsel entfernt. Obwohl sie nicht zu den nadelförmigsten der Inseln gehörte, war Linu doch in kurzer Zeit auf die andere Seite gelaufen. Erstaunt blieb sie stehen. Die Furcht von vorher war vergessen und wurde durch Neugierde ersetzt. Der Strand war über und über mit Treibgut übersät. Das meiste schien Holz zu sein. Viel Holz. Linu zog die dichten Augenbrauen zusammen. Es kam schon vor, dass Stürme den Bäumen aus dem Urwald Zweige und Äste abrissen und diese in das Meer schleuderten. Nach einiger Zeit bracht das Wasser sie dann wieder zurück an Land. Solch eine Menge hatte Linu aber noch nie gesehen. Auch ähnelte das Holz keinem Baum, den Linu kannte. Konnte es irgendwo ein Dach abgedeckt haben? Viele der Holzstücke erinnerten an die Balken und Latten, mit denen die Aviare ihre Hütten deckten. Es musste allerdings weit mehr als ein Haus getroffen haben. Außerdem: der letzte Sturm lag schon ewig zurück. Linu schüttelte den Kopf. Dies stammte nicht aus den Dörfern. Mit weit aufgerissenen Augen bahnte sie sich einen Weg durch die Trümmerlandschaft. Neben Holzplanken fand sie auch merkwürdige Teile, die von der Farbe an Gestein erinnerten und ebenso hart waren. Sie entdeckte buntes Geschirr aus glänzendem Material und Kleidungsstücke, die ihr reichlich unpraktisch erschienen. Wie sollte man sich verwandeln, wenn einem die Ärmel bis zu den Händen reichten? Schließlich blieb sie vor einem riesigen Holzstamm stehen. Die Oberfläche war perfekt eben und glänzte im rötlichen Licht der Abendsonne. Fasziniert ging sie den Riesen entlang, der zusehends dünner wurde. Was sich dann vor ihr ausbreitete, verschlug ihr den Atem. Noch nie hatte sie solch ein großes Stück Stoff gesehen. Es war löchrig und zusammen gerafft, doch sie erkannte rote Farbe darauf. Aufgeregt zog sie es Stück für Stück auseinander. In die Mitte war ein riesiger Fels mit Zacken gemalt, dessen Struktur aber zu regelmäßig für eine Klippe war. Stattdessen ähnelte es eher den Gemäuern der Hütten. Was hatte sie hier nur gefunden? Ein Grinsen stahl sich auf Linus Gesicht. Der Tag war doch noch aufregend geworden. Fortan sollte dies ihr persönlicher Schatz sein. Taal würde sie vielleicht davon erzählen, aber ansonsten würde es ihr Geheimnis bleiben. Sie hätte noch Stunden damit zugringen können, den Strand abzusuchen, doch sie hatte noch ein Stück zu fliegen und die Sonne kroch unweigerlich auf den Horizont zu. Wenn sie nicht pünktlich zum Abendessen erschien, würden Vater und Mutter wieder in Sorge zerfließen. Schweren Herzens wandte Linu sich vom Fundort ab. Doch gerade, als sie sich verwandeln und vom Boden abstoßen wollte, erregte ein Funkeln ihre Aufmerksamkeit. Sie beugte sich hinab. Es handelte sich um eine Art Schmuck, allerdings hatte sie noch nie etwas Vergleichbares gesehen. Es schimmerte in der Farbe der aufgehenden Sonne, war glatt und hart und hatte die Form eines Baumes. Linu hob die Kette auf und betrachtete sie fasziniert. Ein Schatz, wahrlich. Hin und weg streifte sie das dünne Band über ihren Kopf. Mein persönliches Geheimnis, dachte sie und wollte sich erneut aufmachen, als ihre Augen wieder etwas Merkwürdiges entdeckten. Da waren Fußabtritte im Sand. Sie führten weg vom Wasser und in Richtung der Steilwand und, so viel war sicher, es waren nicht ihre eigenen.


    Linu rang mit sich. Neugierde mischte sich mit Aufregung und sogar ein wenig Furcht und hielt sie an Ort und Stelle, obwohl sie wusste, dass sie gehen musste. Vater wäre außer sich, wenn sie erneut zu spät kam. Im schlimmsten Fall würde er ihr Stubenarrest auferlegen. Voller Graus erinnerte Linu sich an den letzten. Noch nie war eine Woche derart langsam vergangen. Irgendwann hatte sie vor lauter Wut ihr halbes Zimmer zerlegt und sich abends still in den Schlaf geweint. Angeschrien zu werden, eine Tracht Prügel zu kassieren… alles war besser, als eingesperrt zu sein. Sie konnte einfach morgen wieder kommen. Unsicher kaute sie auf ihrer Unterlippe herum. Was, wenn die Abdrücke dann fortgespült waren? Und derjenige, dem sie gehörten, verschwunden? Außerdem, vielleicht brauchte dieser Jemand Hilfe? Wäre er sonst nicht einfach weggeflogen, anstatt auf den Fels zuzugehen? Wider aller Vernunft kehrte Linu dem Meer den Rücken. Den Anhänger schob sie vorsorglich unter ihr Hemd.
    Am Fuß der Steilwand angekommen, folgten die Abdrücke ihr ein Stück. Die Spur verlief alles andere als gerade. Allem Anschein nach war die Person unrund gelaufen und hin und wieder auf die Knie gefallen. Hinter einem kleinen Felsvorsprung verschwand die Fährte im Dunkel einer Höhle. Linu stoppte. Trotz ihrer scharfen Augen konnte sie nichts erkennen, keine Umrisse, keine Schemen. Sie holte tief Luft und ging hinein. Es dauerte einen Moment, bis sie sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Die Höhle war nicht groß und sehr flach, sodass sie gebeugt gehen musste. Eine Gestalt lag zusammengerollt auf den Boden. Sie rührte sich nicht und ähnelte eher einem Haufen Stoff als einem Aviaren. Linu nahm all ihren Mut zusammen und überbrückte die letzten Meter. Alles an der Person war fremd. Sie trug Kleidung, wie Linu sie noch nie gesehen hatte und zwischen den langen Haaren lugten spitze Ohren hervor. Der Sand um den Körper herum war dunkler als der Rest. Vorsichtig streckte Linu eine Hand aus und berührte den Rücken der leblosen Person. Sie war nass und kalt.
    So eine Aviare habe ich noch nie gesehen, dachte Linu und tastete sich aufgeregt weiter vor. Aus dem Mund strömte Luft – immerhin lebte sie noch. Vorsichtig drehte Linu den Körper auf den Rücken und runzelte die Stirn. Aufgrund der langen Haare hatte sie gedacht es sei eine Frau, doch beim Anblick von Gesicht und Brust war sie sich nicht mehr so sicher. Zwar waren die Augenbrauen kaum mehr als feine Linien und nirgends gab es Zeichen von Bartwuchs, doch der Kiefer war scharf geschnitten, das Kinn markant und die Brust breit und eben. Um die Hüfte herum war eine Art Band geschnürt, das ein kunstvoll verziertes Messer hielt. Es war aus demselben gräulichen Material wie einige der Teile am Strand, auch wenn es irgendwie reiner wirkte. Selbst im Zwielicht der Höhle schien ein leichter Schimmer davon auszugehen. Linu sprang vor Schreck auf, als das Husten einsetzte. Der Fremde krümmte sich und keuchte, dann sah er sie mit großen Augen an.
    „Wo bin ich?“
    Obwohl er ihre Sprache sprach, war Linu zu perplex, um zu antworten. Ihr Gegenüber geriet unterdessen in Panik. Er setzte sich auf, begann sich wild umzublicken und versuchte auf die Beine zu kommen, was ihm nicht gelang. Linu löste sich aus ihrer Starre.
    „Schon gut! Alles gut. Wir sind auf einer Insel ganz im Westen. Ehrlich gesagt weiß ich selbst nicht genau wo.“
    „Insel im Westen?“ Verwirrung lag in seinem Blick.
    „Naja… von Caeron aus gesehen“, setzte Linu an, wusste aber nicht, wie sie es erklären sollte, da der Mann so gar nicht zu verstehen schien, von was sie sprach. Sie verstummte wieder. Mittlerweile hatte der Fremde zu zittern begonnen.
    „Mir ist so kalt.“
    Hektisch sah Linu sich um, doch natürlich gab es nichts, das sie ihm hätte geben können. Selbst trug sie nur das lose Hemd aus Leinen und eine passende Hose. Die Kleidungsstücke aus dem Treibgut fielen ihr ein.
    "Warte hier. Ich hole dir trockene Kleider."
    Er reagierte nicht. Sich mit den Armen umschlingend wippte er vor und zurück.
    "Ich bin gleich zurück." Linu flitzte aus der Höhle hinaus und rannte zu der Fundstelle. In aller Eile las sie ein paar Stofffetzen auf, aber auch einige, die noch als Kleidungsstücke zu erkennen waren.
    Als sie zurück war, hatte der Fremde wieder das Bewusstsein verloren. Linu prüfte seinen Atem und versuchte ihn zu wecken. Ohne Erfolg. Was sollte sie nur tun? Sie konnte ihn nicht tragen, doch genauso wenig konnte sie ihn hier einfach sterben lassen. Es gab nur einen Ausweg... Vater.
    "Ich komme wieder", flüsterte sie dem regungslosen Mann zu und verließ erneut das Dunkel. Den ganzen Flug nach Hause versuchte sie sich einzureden, dass Vater es verstehen würde. Immerhin war es doch eine Notsituation. Er hatte ihr gesagt, sie solle immer helfen, wenn jemand in Not war und genau das tat sie jetzt. Trotzdem klopfte ihr Herz laut, als sie die Hütte betrat. Vater und Mutter saßen zu Tisch und aßen schweigend Salzfische mit Brot. Linus Teller stand unberührt an ihrem Platz. Aalon sah nicht auf, als sie den Raum betrat.
    "Papa?", Linu räusperte sich.
    Keine Reaktion.
    "Ich brauche deine Hilfe."
    Nun hob er den Kopf und anstelle von Zorn sah sie die tiefe Sorge in seinen gelben Augen, die ihr jedes Mal das Herz brach. Auch Mutter hatte den Blick auf sie gerichtet.
    "Du bist eine ganze Sonnenlänge zu spät."
    "Ich weiß, Papa. Es tut mir leid! Aber ich konnte nicht eher kommen! Du musst mir glauben."
    "Das sagst du mir jedes Mal", unterbrach er sie.
    "Aber dieses Mal stimmt es wirklich! Ich habe einen Mann gefunden und er braucht dringend Hilfe."
    Endlich hatte sie seine volle Aufmerksamkeit.
    "Wo hast du einen Mann gefunden?"
    Linu zögerte. Wenn sie erwähnte, wo er sich befand, musste sie auch erklären, warum sie so weit von der Hauptinsel entfernt gewesen war. Allerdings hatte sie keine Wahl. Nicht, wenn sie dem Mann helfen wollte.
    "Auf einer der kleineren Inseln ganz im Westen."
    Aalons Gesicht war eine Maske, doch überraschender Weise sagte er nichts dazu.
    "Und was ist mit diesem Mann?"
    "Ich weiß es nicht. Er muss im Wasser gewesen sein, denn er ist ganz nass und friert. Bevor ich fort bin, hat er das Bewusstsein verloren."
    "Führ mich hin." Er schob seinen Stuhl zurück und stand auf. "Tut mir leid, Schatz, wir essen später."
    "Schon gut, Aalon. Aber nehmt euch Lampen mit und seid vorsichtig!"


    Mit umgebundenen Talglichtern flogen sie in die immer dunkler werdene Nacht hinein. Überall auf der riesigen Ebene Caerons sammelten sich die Lichtpunkte der kleinen Ortschaften, während der Urwald und das Gebirge im Zentrum beinahe schwarz wirkten. Linu flog voraus, doch sie hörte das kräftige Schlagen ihres Vaters Flügel direkt hinter sich. Zielstrebig steuerte sie einen Punkt an, der weit genug von dem Treibgut entfernt war, als dass Vater es in diesen Lichtverhältnissen hätte erkennen können. Es sollte ihr Geheimnis bleiben, zumindest noch ein wenig. Schweigend folgte Aalon ihr in die kleine Höhle, die sie ohne das Licht vermutlich gar nicht mehr gefunden hätte. Auch als er den Bewusstlosen hoch hob und hinaus trug, als er sich verwandelte und mit Linus Hilfe, den Mann mit Schnüren an seinem Rücken befestigte, sagte ihr Vater nicht ein Wort. Die Stille war so nervenzehrend, dass Linu ihm beinahe alles erzählt hätte. Von ihrem Erkundungsflug, der Rettung auf die Insel, dem Fund am Strand und der Kette. Doch sie biss sich auf die Zunge. Auf dem Heimweg übernahm Vater die Führung. Mutter hatte unterdessen die Bank in der Stube mit Decken ausgelegt. Als sie den Mann sah, keuchte sie auf und nahm eine Hand vor den Mund. Hilfesuchend blickte sie zu Aalon, doch der schüttelte bloß den Kopf.
    "Mach ihm Wickel und packe ihn warm ein. Ich sehe zu, dass wir warmes Wasser haben. Falls er aufwacht, soll er Brühe trinken. Ansonsten ist Schlaf die beste Medizin."
    Sinja nickte und deckte den Fremden mit allem zu, was in Griffweite war. Dann ging sie, um die Wickel zu bereiten.
    Aalons Blick fiel auf Linu. "Du, mein Fräulein kommst mit mir. Wir brauchen Holz für das Feuer."
    Gehorsam folgte sie ihm aus der Hütte und nach hinten zum Holzspeicher.
    "Und jetzt sagst du mir, was du so weit draußen zu suchen hattest."

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 11. Im Dunkel der Nacht spricht er zu mir


    Licht fiel matt durch die Hornfenster in König Warkas‘ persönlicher Kemenate und färbte die Holzverkleidung des Raumes in warme Brauntöne. Der mächtige Kachelofen verströmte den Duft getrockneter Kräuter und gerösteter Nüsse und sorgte für eine angenehme Temperatur. Raks Stimmung stand in krassem Gegensatz zu der Atmosphäre des Raumes. Nach den unzähligen Nächten in der Düsternis des Verlieses, in denen die klamme Kälte ihm bis in die Knochen gekrochen war, gelangte weder Wärme noch Helligkeit in sein Bewusstsein. Mit dumpfem Blick starrte er auf den Teppich zu seinen Füßen und wartete. Niemand hatte ihn besucht. Die einzigen Unterbrechungen der ewigen Leere waren die Mahlzeiten gewesen, falls der kalte Getreideschleim diesen Namen überhaupt verdiente. Die ganze Zeit über war es Rak unmöglich gewesen zu erkennen, ob Tag oder Nacht war, ob die Sonne schien oder es regnete. Die einzigen Geräusche waren das leise Jammern anderer Gefangener, das metallische Klirren der Wächter und das dumpfe Pochen im Gestein gewesen, dem einzigen Zeugnis des Lebens über der Erde.
    „Seid Ihr sicher, dass er kommt?“
    „Man hat mir gesagt, heute wäre er sein Verstand einigermaßen klar.“
    Die Ritter hinter ihm flüsterten sich leise zu, doch Raks Gehör war geschärft. Immerhin war es die ganze Zeit über beinahe der einzige nützliche Sinn gewesen.
    „Wir bleiben hier, bis wir andere Anweisungen erhalten.“
    „Warum nimmt sich der Prinz nicht der Sache an?“
    „Angeblich hat Warkas darauf bestanden.“
    Hätte Rak vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass er den König persönlich treffen würde, hätte er ihn ausgelacht. So lange er lebte, hatte er das Oberhaupt Norgonds nicht ein einziges Mal zu Gesicht bekommen. Bei allen öffentlichen Ereignissen wurde er von seinem 17-jährigen Sohn vertreten. Nun kam Rak zu dieser Ehre, doch er hätte unter den gegebenen Umständen lieber verzichtet. Unglücklicherweise hatte er keine Wahl.
    Nach einer gefühlten Ewigkeit knarrte endlich die Türe am hinteren Ende des Raumes.
    „Das ist der Junge, Euer Majestät“, sagte eine Stimme sanft und langsam, als spräche sie mit einem kleinen Kind oder einem schwerhörigen Alten.
    Vorsichtig hob Rak den Kopf und erschrak. Warkas sah furchtbar aus. Er war dürr und bleich. Dunkle Augenringe dominierten sein Gesicht und sein Haar war verfilzt und ungewaschen. Meister Wilbert führte den Monarchen zu seinem Sessel. Der weißhaarige Gelehrte wirkte neben Warkas wie das blühende Leben.
    „Er hat sie getötet?“, krächzte der König seinem Arzt und Berater entgegen.
    „Nun, Euer Majestät, wie es scheint, lebt sie noch. Wenn ich sie mit dem Hörrohr untersuche, kann ich einen Herzschlag erahnen und ihre Pupillen reagieren auf Licht.“
    „Ich rede nicht von Klara! Hat er meine Lisandra getötet?“ Speichel spritze auf sein Wams und er krallte sich in die Armlehnen.
    Das allgemeine Erstaunen war beinahe greifbar. Es war schon Jahre her, dass die Königin sich vom höchsten Turm der Burg gestürzt hatte.
    „Sprecht! Ich befehle es!“
    „Majestät“, begann Wilbert vorsichtig, „als die Königin verschied, kann dieser Bursche nicht mehr als ein kleines Kind gewesen sein.“
    Warkas schüttelte monoton den Kopf von Seite zu Seite. „Er unterliegt nicht den Gesetzen der Zeit. Er ist weder alt noch jung. Im Dunkel der Nacht spricht er zu mir.“
    Rak bemerkte, wie Wilbert den Rittern einen alarmierten Blick zuwarf.
    „Mit Verlaub, dies ist ein Bäckerjunge, Euer Majestät.“
    „Du darfst ihm nicht glauben! Er will, dass du das denkst.“ Warkas packte Wilbert am Ärmel und zog ihn dicht zu sich heran. „Sie hat gewusst, dass er kommt, immer schon. Doch ich habe nicht auf sie gehört. Wie konnte ich? Und dann…“ Der König schluchzte auf, „dann hat er sie geholt. Damit sie ihn nicht verrät! Aber jetzt ist er entlarvt.“ Plötzlich zierten Zornfalten wieder sein Gesicht und sein Finger zeigte zitternd auf Rak. „Er versucht meine ganze Familie auszulöschen! Er will die Herrschaft an sich reißen!“
    „Sch.“ Mit Nachdruck schob Wilbert den König zurück in den Sessel. Wie ein reuevolles Kind kauerte dieser sich darin zusammen.
    „Was damals geschah, können wir nicht wissen, doch es ist unweigerlich klar, dass er die Prinzessin verwundet hat. Die Ritter berichten gar davon, dass er einen… Stein zum Leben erweckt und auf Klara gehetzt hat.“
    „Das ist nicht wahr!“, platzte Rak wider Willen heraus. „Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht hinfassen, doch sie wollte nicht hören und dann habe ich nur versucht sie zu retten.“
    „Gedroht hast du ihr also auch noch?“
    Fassungslos klappte Rak der Mund auf. Das war doch nicht gerecht! Jeder hier wusste, dass der König irre war und trotzdem spielten sie diesen Unfug mit.
    „Du weißt, was mit Leuten passiert, die sich der Hexerei beschuldigen?“
    "Aber Ihr kennt mich doch! Ich habe bei Euch gelernt."
    "Bei so vielen Schülern ist es unmöglich, alle genau zu kennen. Der Makel der Magie ist unauffällig und tückisch."
    "Aber es gibt doch überhaupt keine Magie! Das habt Ihr selbst hundert Mal betont." Verzweiflung ließ Raks Stimme zittern. Warkas hatte begonnen, sich vor und zurück zu wiegen.
    "Das behaupten sie alle, sobald sie überführt sind." Des Meisters Blick war eiskalt. "Doch die Beweislage könnte nicht eindeutiger sein."
    "Es war ein Unfall. Es war ein dummer Zufall", murmelte Rak fast zu sich selbst.
    "Mein König, sprecht Ihr diesen Jungen für schuldig, ein Mitglied des Königshauses angegriffen zu haben? Sprecht Ihr ihn für schuldig, sich den verbotenen Kräften der Elementarmagie bedient zu haben?" Wilbert hob die Stimme. Es war augenscheinlich, dass er Rak nicht mehr zu Wort kommen lassen wollte.
    "Schuldig!", spuckte Warkas aus.
    "Dann ist es beschlossen. Ritter, bringt den Abschaum in seine Zelle zurück und lasst die Herolde verkünden, dass es am morgigen Tage eine Steinigung geben wird."
    Raks Herz raste wie wild. "Aber Meister! Das könnt ihr nicht tun! Ich habe nichts getan!"
    Doch Wilbert hatte sich bereits abgewandt, um dem König aus dem Sessel zu helfen.
    "Nein!", schrie Rak und das erste Mal seit er vom Fluss abgeführt wurde, wehrte er sich nach Kräften. Wild schlug er um sich, wand sich und versuchte sich zu befreien, doch der Griff der Ritter war eisern.
    "Halt still Junge!", presste einer hervor.
    Rak dachte gar nicht daran. Er intensivierte seine Anstrengungen, bekam den Oberlippenbart eines Ritters zu fassen und riss kräftig daran. Der Mann schrie auf und versetzte Rak eine schallende Ohrfeige. Dazu hatte er allerdings eine Hand gelöst, sodass Rak sich kurz aus seinem Griff entwinden konnte und nur noch von einem gepackt wurde. Ein dumpfes Geräusch ertönte, dann folgte Schmerz an Raks Hinterkopf. Mama... Papa... stumm rief Rak nach seinen Eltern, dann wurde es schwarz um ihn.


    Mühevoll öffnete Rak die Augen. Düsternis umgab ihn und verwandelte seine Umgebung in unscharfe Schemen. Sein Kopf hämmerte. Stöhnend tastete er an seinen Hinterkopf. Um die schmerzende Beule herum war sein Haar verklebt. Trotz des Schlages erinnerte er sich an alles und wünschte, es wäre anders, wünschte, es wäre nur ein böser Traum gewesen. Voller Graus dachte er an die letzte Steinigung, der er beigewohnt hatte. Die Verurteilten hatten nicht einmal die halbe Strecke vom Stadttor zum Bergfried geschafft. Mit einem bitteren Geschmack im Mund dachte Rak daran, wie stolz er auf seinen eigenen Treffer gewesen war. Was, wenn die junge Frau damals ebenso unschuldig gewesen war, wie er selbst? Auf einmal schämte er sich furchtbar. Tränen füllten seine Augen und nachdem er sich kurz dagegen gewehrt hatte, ließ er sie zu. Er flehte, seine Eltern mögen ihn besuchen. Er musste ihnen erklären, dass alles ein großer Irrtum war, dass er nicht das war, was alle behaupteten. Doch vermutlich war es selbst dafür schon zu spät. Hätten sie nicht versucht, ihn zu sehen, wenn sie ihn nicht für Abschaum hielten?
    "Ich bin unschuldig", flüsterte er. "Ich bin unschuldig. Ich bin unschuldig."
    "Wieso fliehst du nicht?"
    Rak fuhr vor Schreck zusammen. Noch leicht benommen sah er sich um. Es dauerte einen Augenblick, bis er die Umrisse des Sprechers an der gegenüberligenden Zellenwand erkannte. Die Hände in den Taschen eines langen Umhanges, stieß er sich von der Wand ab und schlenderte auf Rak zu.
    "Was willst du hier?", fragte Rak. Er hatte den Kerl noch nie zuvor gesehen, doch es konnte sich nur um eine weitere Peinigung für ihn handeln.
    "Ich sehe nach, warum du nicht fliehst."
    "Lass den Blödsinn." Die Augenbrauen zusammen gezogen, umfasste Rak seine Knie und legte den Kopf auf die Seite. "Was willst du?"
    "Ich möchte wissen, warum du in dieser Zelle hockst und darauf wartest, dass sie dich in aller Öffentlichkeit hinrichten."
    Die Stimme war ganz nah und als Rak zur Seite schielte, sah er ein Paar lederner Stiefel direkt vor sich.
    "Weißt du, warum sie die Leute steinigen, die sie der Hexerei bezichtigen?" Der Fremde begann auf und ab zu gehen.
    Rak antwortete nicht.
    "Es ist ein Test."
    "Blödsinn."
    "Was weißt du über die Elementarmagie?"
    Vewirrt runzelte Rak die Stirn. Das gleiche Wort hatte Meister Wilbert verwendet. "Es gibt keine Magie."
    "Wenn es keine gibt, warum haben dann alle so große Furcht davor? Jedenfalls, wo war ich? Ah ja, die Elementarmagie. Lass mich ein wenig ausholen." Mit dem Fuß zog er den kleinen Schemel neben der Pritsche zu sich heran und setzte sich. "Unsere ganze Welt wird von den Elementen getragen. Wasser, Erde, Luft und Feuer sind die Reinelemente. Sie waren zuerst da und werden von den Göttern selbst gesteuert. Rarik zum Beispiel, ist der Gott der Erde. Ihn kennst du, hoffe ich."
    "Was du erzählst, ist Hochverrat. Rarik ist der Herr des Königshauses."
    "Das mag die verblendete Ansicht der Herrscherfamilien sein, doch es ist eine Lüge." Ganz deutlich konnte Rak die Wut des Mannes hören.
    "Lass sie das hören und du wirst ebenfalls gesteinigt."
    Jetzt lachte er. "Keine Sorge. Ich habe Mittel und Wege mir etwas Privatssphäre zu schaffen. Und jetzt hör mir zu: Neben den Reinelementen gibt es Mischelemente. Metall für Wasser und Erde, Holz für Wasser und Feuer, Licht für Feuer und Luft und Gestein für Luft und Erde. Diese Mischelemente entstanden unabhängig vom Handeln der Götter hier auf dieser Welt. Aus diesem Grund kann man sie leichter kontrollieren, wenn man die Gabe dazu hat."
    "Willst du mir sagen, mit dieser Elementarmagie kann man Steine verzaubern?"
    "So würde ich es nicht ausdrücken, aber ja. Man kann sich ihrer bedienen. Hier im Nordosten des Kontinents war Gestein schon immer das vorherrschende Element. Leider ist es den Menschen vor langer Zeit beinahe gelungen, uns auszulöschen. Sie haben uns in den Untergrund gedrängt und zu Geächteten gemacht."
    "Wer ist uns?" Rak musste zugeben, dass ihn neugierig machte, was der Mann erzählte.
    "Die Elementare natürlich. Gesteinselementare, um genau zu sein."
    "Aber wenn die Strafe Steinigung ist..."
    "... könnten sie einen wahrem Elementaren damit nichts anhaben, richtig. Deshalb ist es, wie ich sagte, ein Test. Sie wollen sehen, ob der Verurteilte nachgibt und vor aller Welt seine Fähigkeiten zur Schau stellt. Wenn er das tut, können sie ihn erst recht anprangern und anschließend hängen oder ertränken oder was ihnen noch alles einfällt. Tut er es nicht... ein Problem weniger."
    "Aber das ist doch Unsinn. Die meisten Leute haben bestimmt gar keine magischen Fähigkeiten." Unwillkürlich nahm Rak die Hand vor den Mund, als er merkte, was er gerade gesagt hatte. Glaubte er wirklich daran, dass so etwas wie Magie existierte? Nur weil ein Fremder in seiner Zelle auftauchte und von Elementen faselte?
    Sein Gegenüber schien die Reaktion bemerkt zu haben, denn Rak sah sein Grinsen im Halbdunkel.
    "Danach fragt nachher keiner mehr, mein Junge. So ist das. Du hingegen... hast zweifellos magische Fähigkeiten. Deshalb frage ich dich noch einmal: warum fliehst du nicht?"

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • "Ich weiß nicht wie das gehen sollte."
    Mit langen Schritten ging der Fremde auf die Zellenwand zu und klopfte gegen die Mauer. "Was ist das?"
    "Stein."
    Er ging weiter zu der Seite, in der sich die Türe befand. "Und das?"
    "Stein", murrte Rak wieder.
    "Wo liegt dann das Problem?"
    "Ich kann es nicht. Habe es nie gekonnt. Ich bin ein lausiger Bäcker, mehr nicht."
    Wieder erschien das Grinsen im Gesicht des Mannes. "Und was war mit dem Pfeiler am Fluss?"
    "Das war ich nicht. Es hat die Prinzessin von ganz alleine angegriffen."
    "Du hast ihn geweckt."
    "So ein Blödsinn. Ich habe noch nicht einmal gewusst, dass es dort ist."
    Seufzend setzte er sich wieder. "Das mag sein. Der Signalstein hat allerdings sehr genau gewusst, das du da bist."
    "Signalstein?"
    "Ganz genau. Sie sehen aus wie herkömmliche Wegesteine, doch sie sind in der Lage magische Schwingungen zu erkennen und sie reagieren darauf. Seit jeher werden sie genutzt, um Begabte aufzuspüren. Ich schwöre dir bei Rariks Festung, einen solch heftigen Ausschlag wie bei dir, hat es schon seit Ewigkeiten nicht mehr gegeben."
    Misstrauisch zog Rak die Stirn kraus. "Das glaube ich dir nicht. Mein ganzes Leben habe ich nie etwas von besonderen Fähigkeiten gemerkt. Das ergibt doch keinen Sinn."
    "Du hast eben nicht genau hingehört. Aber wer kann es dir verdenken? Wie solltest du es wissen?"
    "Und warum hat dieses Ding Klara angegriffen?"
    Der Mann seufzte. "Das ist leider ein großer Nachteil der Signalsteine. Sobald sie geweckt wurden, ist es ihre Aufgabe den aufgespürten Elementaren zu beschützen. Die Tatsache, dass die Prinzessin ihn berührt hat, muss er als Gefahr bewertet haben. Das rührt aus früheren Zeiten - sehr viel früheren Zeiten - als wir noch zahlreicher waren und spezielle Einheiten von Rittern uns offen gejagt haben."
    Einen Augenblick dachte Rak über das Gesagte nach. Noch nie hatte er von solchen Rittern gehört. Allerdings hatte er auch von den Elementaren bis heute nichts gewusst; wenn sie denn wirklich existierten. Plötzlich fiel ihm etwas anderes auf, so als hätten die Worte erst zeitversetzt sein Bewusstsein erreicht. "Woher weißt du, dass Klara den Stein berührt hat?"
    "Weil ich es gesehen habe, natürlich."
    "Was?"
    "Ich beobachte dich schon eine ganze Weile, Rak Brichor, Sohn von Brigg und Lydia."
    Nun blieb Rak der Mund offen stehen. "A-aber wieso? Der Stein... das war doch alles erst vor ein paar Tagen."
    "Nein. Zugegeben, dies war bei weitem der heftigste Ausschlag, aber der erste war es nicht."
    Raks Kopf dröhnte. Seine Gedanken kreisten wirr umher und die Verletzung pochte stetig und dumpf. All das wirkte wie ein schlechter Scherz. Andererseits ertappte er sich dabei, wie er glauben wollte, was dieser Fremde erzählte. Konnte er wirklich etwas Besonderes sein? Die Vorstellung gefiel ihm.
    "So, genug geplaudert. Langsam wird es anstrengend die Blase der Stille um uns aufrecht zu halten." Er klopfte sich auf die Oberschenkel und stand auf. "Wenn du uns keinen Fluchtweg verschaffen willst, mache ich es eben."
    Fasziniert sah Rak zu, wie er auf eine der Seitenwände zu ging und die Hände auflegte. Nichts geschah. Rak hatte erwartet, dass er geheimnisvolle Worte murmeln würde oder magisches Licht an seinen Händen erschien, doch der Elementar stand stumm da und starrte auf die Wand. Dann, Stück für Stück, schien das Gestein sich zu bewegen. Neugierig stand Rak auf und ging näher heran. Tatsächlich. Das eigentlich feste Material begann Wellen zu schlagen, wie ein Teich, in den man einen Gegenstand geworfen hatte. Der bewegliche Bereich breitete sich aus, bis schließlich in der Mitte eine Loch entstand. Rasch wuchs die Öffnung auf doppelte Armlänge.
    "Hinein mit dir." Die Stimme klang angestrengt und Rak bemerkte, dass die Arme des Mannes zitterten. Rak schluckte schwer, dann kroch er in das Loch. Sofort umschlang ihn die Dunkelheit. Seine Hände ertasteten feuchte Erde und als er aufstehen wollte, stieß er sich den Kopf an. Er fluchte, als der Schmerz aufloderte. Er befand sich in einem Tunnel. Hinter ihm erklang ein dumpfes Geräusch.
    "Wir haben ein Stück Krabbelei vor uns. Es ist vielleicht nicht der heroischste Weg, bei dem wir uns durch eine Masse Ritter kämpfen, während die Burgfräulein fasziniert zusehen, aber im Gegensatz dazu funktioniert diese Variante."
    Ohne zu antworten kroch Rak weiter. Nach einiger Zeit merkte er, dass es leicht bergan ging. Er versuchte die Distanz abzuschätzen, doch er verlor schnell jegliches Gefühl dafür. Die Enge wurde zunehmend beklemmender. Erleichterung machte sich in Rak breit, als die Luft langsam auffrischte. Wie von selbst beschleunigte er sein Tempo. Das letzte Stück verlief steiler und schließlich erreichte Rak das Ende des Tunnels. Gierig darauf, an die frische Luft zu kommen, wäre er beinahe den Abhang hinunter gerutscht, in dessen Mitte sich das Loch befand. Es war tiefste Nacht.
    "Vorsicht, Junge", flüsterte der Fremde hinter ihm. "Wir sind an der Westseite des Burgberges."
    Rak nickte und presste die Fersen fest in den Boden. Hier war das Gefälle am größten. Eine gute Wahl für einen geheimen Gang. Die Westflanke Burg Kalksteins war kaum zu bezwingen, weshalb sie auch am wenigsten bewacht wurde. Ein Tunneleingang musste auf der schrägen Fläche von oben zudem kaum zu sehen sein, nicht einmal, wenn man gezielt danach suchte.
    "Dort unten warten Pferde auf uns."
    Vorsichtig machten sie sich an den Abstieg. Rak warf immer wieder unruhige Blick nach oben zur Mauer, doch die Lichtpunkte der Fackeln konzentrierten sich eher auf die Nord- und Südwand, wo der Berg weitaus flacher verlief. Wie Rak wusste, waren die meisten Posten ohnehin an den Toren auf der gegenüberliegenden Seite besetzt, wo sich der einzige befahrbare Zugang zur Burg- und Stadtanlage befand. In der Senke des fast kreisrunden Tals erstreckten sich zunächst die Obsthaine der Bauern. Rak konnte auch das Plätschern des Dimmort hören. Er fragte sich, wie sie die Straße aus dem Tal ungesehen passieren sollten. Es gab nur einen einzigen Zugang zu jeder Seite und diese wurden rund um die Uhr bewacht. Als hätte sein Retter die Frage erahnt, winkte er ihn in Richtung des bewaldeten Hügels, weg von der Straße. In zügigem Tempo durchquerten sie einen Apfelhain. An dieser Stelle lag Krinkgard nahe am Wald. Kurz nachdem sie die ersten Bäume erreicht hatten, entdeckte Rak zwei Ponys im Zwielicht des Mondes.
    "Das sind geschickte Kletterer. Sie werden uns hinauf bringen."
    Rak spähte nach oben. In der Schwärze der Nacht war nicht viel zu erkennen, doch er war oft genug hier herum gestreunert, um zu wissen, dass es steil bergauf ging und keine Wege gab. Lärchen trotzten der Steigung und krallten sich förmlich in den teilweise von Geröll durchzogenen Boden.
    "Er heißt Willi", sagte der Mann und deutete auf das hellere der beiden Tiere. Selbst saß er bereits im Sattel. Zögerlich griff Rak nach dem Aufstiegriemen. Noch nie hatte er auf einem Pferd gesessen. Zum Glück blieb Willi vollkommen ruhig stehen, während Rak sich etwas unbeholfen nach oben zog und auf seinem Rücken Platz nahm.
    "Wie heißt du eigentlich?" Jetzt, da der Name des Ponys gefallen war, bemerkte Rak, dass er den Mann bislang nicht gefragt hatte.
    "Ich bin Holon. Zeit zu gehen."
    Wie von selbst setzten die Tiere sich in Bewegung und trugen Rak und Holon den Hang hinauf. Der Weg nach oben stellte sich selbst auf dem Rücken eines Ponys als furchtbar anstrengend heraus. Wegen der Schaukelei presste Rak die Beine fest an Willis Körper, sodass seine Leisten und Oberschenkel bald brannten. Durch die permanente Schräglage musste er sich außerdem nach vorne lehnen und den Bauch anspannen. Erleichtert stieß er Luft aus, als sie endlich den Kamm erreichten. Vor ihnen fiel das Land wieder ab, wenn auch nicht so steil. Obwohl der Mond hell schien, lag das Land im Dunkeln. Sofern es hier Ortschaften gab, brannte kein Licht in ihnen. Rak war noch nie von Krinkgard fortgewesen. Er wusste gar nicht, wie es in anderen Regionen Norgonds aussah. Ein letztes Mal drehte Rak sich um und sah hinab auf die vereinzelten Lichter von Burg Kalkstein. Fünfzehn Jahre lang war sie sein zu Hause gewesen. Ob er jemals würde zurückkehren können?



    Eine Reise ohne Anfang


    Am nächsten Morgen war Linu früh auf den Beinen. Normalerweise wäre dies der denkbar schlechteste Beginn für einen Stubenarrest gewesen, bei dem sich die Tage auch so schon endlos hinzogen. Heute störte es sie nicht im Geringsten. Auf leisen Sohlen flitzte sie die schmale Holztreppe hinunter, die ihre Schlafkammer unter dem Dach mit dem Rest der Hütte verband. Sowohl ihre Eltern als auch der Fremde schliefen noch. Sie schlich an seine Bettstatt und betrachtete ihn fasziniert im Licht des anbrechenden Tages. Er war schön. Makellos spannte sich die helle Haut über sein Gesicht, in dem alles exakt am richtigen Platz zu sein schien. Sein Haar war von einem warmen Braun, ihrem eigenen gar nicht so unähnlich, wenn es auch viel feiner war. Die scharfen Konturen von Wangen und Kiefer erinnerten sie dagegen an Vater. Linu war sich nicht sicher, ob er wirklich ein Aviare war. Aber was sollte er sonst sein? Die gemusterten Wolldecken reichten ihm bis zum Kinn. Ob er das komische Messer noch trug? Vorsichtig griff Linu an den Überwurf und schrak auf. Schlanke Finger umfassten ihr Handgelenk mit eisernem Griff. Mit pochendem Herzen drehte sie den Kopf und blickte direkt in ein paar grasgrüne Augen.
    „Linu!“ Vaters Stimme war vorwurfsvoll.
    „Wo bin ich?“, drängte gleichzeitig der Fremde.
    Stille folgte. Noch immer war Linus Handgelenk fest im Griff des Mannes.
    „Du bist in meinem Haus im dritten Bezirk zu Westen. Ich bin Aalon und das ist meine Tochter Linu. Sie fand dich gestern auf der Insel Giruon.“
    Der Kopf des Fremden fuhr herum.
    „Ich kenne keine Insel, die so heißt… Aalon. Doch offenbar sind wir in Vesperion.“
    „Dieser Ort ist mir wiederum unbekannt.“ Langsam ging Linus Vater ein paar Schritte auf sie zu. Der Griff um Linus Hand lockerte sich, sie zog sie schnell zurück und rieb das schmerzende Gelenk.
    „Aber sag, wie ist dein Name?“
    „Ich bin Halldor aus dem Hause Nimari und ich stamme aus Salisir, der strahlenden Hauptstadt.“ Er sprach die Worte gewichtig, so als wäre er stolz darauf. Als keine Reaktion kam, wechselte sein Blick schnell zwischen Linu und ihrem Vater. „Wie? Wollt ihr mir sagen, dass Ihr auch Salisir nicht kennt? Einem jeden ist die Hauptstadt bekannt. Sie ist ein Ort reiner Schönheit, wo das Licht wie flüssiges Gold über die Gebäude fließt und der Wind ein süßes Lied auf ihnen spielt. Mit Sicherheit habt Ihr davon gehört, auch wenn der Name Euch vielleicht entfallen ist.“
    Weder Linu noch Aalon entgegneten etwas darauf.
    "Nun gut. Dies scheint mir ein recht entlegener Ort zu sein. Vielleicht habt ihr tatsächlich noch nie von Salisir gehört. Wissen verbreitet sich unter Menschen recht langsam. Ein Wunder, dass Ihr überhaupt das Silmanat sprecht."
    "Was sind Menschen?", platzte Linu heraus.
    Dieses Mal stand Halldor offene Verwirrung ins Gesicht geschrieben.
    "Linu, geh bitte in dein Zimmer." Plötzlich klang Aalons Stimme alarmiert.
    "Aber Vater..."
    "Geh. Sonst überdenke ich die Dauer deiner Strafe noch einmal."
    Widerwillig wandte sich Linu von Halldor ab und stampfte mit geballten Fäusten in Richtung Treppe. Jede Stufe hallte laut durch das Haus. Die letzten fünf Tritte machte sie auf der Stelle.
    "Ganz hoch", rief Aalon, der ihr Vorhaben durchschaut hatte, von unten.
    "Das ist ungerecht!" Wütend warf sich Linu auf ihr Bett und rammte den Hinterkopf mehrmals in das Kissen. Wieso durfte sie nicht weiter zuhören? Sie sprang auf und öffnete das runde Fenster im Giebel über ihrem Bett. Unten war alles geschlossen und kein Geräusch drang zu ihr nach oben. "Ich habe ihn gefunden! Ich alleine! Das ist so ungerecht!"
    "Schatz?" Mutter erschien in der Tür. "Was tobst du so am frühen Morgen?"
    "Vater unterhält sich mit dem Fremden und ich darf nicht dabei sein."
    "Linu... alles was Aalon tut ist allein zu deinem Schutz."
    "Ich brauche aber keinen Schutz!"
    Mit einfühlsamem Blick durchquerte Sinja den Raum und setzte sich an Linus Bettkante. "Wir haben keine Ahnung, wer dieser Mann ist. Er könnte gefährlich sein. Wir nahmen ihm gestern eine Waffe ab, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe, schärfer als alles, was wir kennen."
    "Er ist nicht von hier, habe ich Recht?"
    "Liebling..."
    "Nein, hör mir zu. Es gibt noch andere Inseln auf der Welt und Vater weiß das. Du weißt das."
    Sinja seufzte. "Du bist klüger, als gut für dich ist."
    "Was nutzt mir das, wenn mir nie jemand die Wahrheit sagt? Vater, du, die Lehrer, der Pater... alle!"
    "Das liegt daran, dass wir auch nichts Genaues wissen. Zum Schutz unserer Kinder wurde beschlossen, dass dieses Thema erst später zur Sprache kommt. Es wurden Erkundungsflüge gemacht, in alle Himmelsrichtungen, von starken, ausdauernden Männern. Und keiner ist auf Land gestoßen. Manche sind nicht einmal zurückgekehrt. Kaum auszumalen, dass nicht ausgewachsene Mädchen und Jungen in kindlichem Eifer beschließen auf die Suche zu gehen..."
    Linu sah betreten auf ihre Füße. Diesen Teil der Geschichte hatte sie Vater verschwiegen. "Woher wollt ihr dann überhaupt wissen, dass es noch andere Inseln gibt?"
    "Es existieren alte Aufzeichnungen und darunter gibt es scheinbar Abbildungen von Land, das auf keinen Fall Caeron sein kann. Es muss sehr viel größer sein. Ich habe es selbst nie gesehen."
    "Wo?"
    "Linu..."
    "Mama, bitte! Wo gibt es diese Aufzeichnungen?"
    "Kannst du dir das nicht denken?"
    "Im ersten Bezirk zu Osten. Bei Pater Ren."
    Sinja lächelte, auch wenn ihre Augen traurig wirkten.
    "Linu?" Aalon trat in den Türrahmen. "Komm."
    Erstaunt starrte sie ihren Vater an.
    "Halldor will dich etwas fragen." Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht glücklich mit dieser Begebenheit war.
    In der Stube angekommen, fand sie die Bank verwaist vor, die Decken sauber zusammen gelegt. Stattdessen saß Halldor am Küchentisch. Er trug seine ursprünglichen Klamotten, ein dunkelgrünes Wams mit aufgeschnittenem Ärmelansatz, darunter ein helles Hemd. Um die Hüfte schlang sich wieder das braune Band, jedoch ohne das Messer. Er sah aus dem Fenster und drehte sich um, als Linu und Aalon den Raum betraten.
    "Ah, sehr gut", begrüßte er Linu. "Dein Vater und ich sprachen gerade darüber, wie ich hierher gekommen bin. Der einzige mir bekannte Weg über das Meer ist die Schifffahrt. Allerdings kann ich mich nicht erinnern, eines dieser Gefährte betreten zu haben. Niemals würde ich mich freiwillig in Nēns Fänge begeben."
    "Bitte stell deine Frage." Ganz deutlich hörte Linu die Nervosität in ihres Vaters Stimme. Halldor warf ihm einen irritierten Blick zu, gehorchte aber.
    "Hast du, als du mich fandest, ein Schiff gesehen?"
    "Ich weiß nicht, was das ist."
    "Es ist ein Gefährt aus Holz, mit dem man, wenn man töricht genug ist, auf dem Wasser fahren kann."
    Holz... Linu dachte an die Trümmerwüste auf der Insel.
    "Hast du oder hast du nicht? Es müsste ein Stück vom Land entfernt vor Anker gelegen haben."
    "Da war nichts auf dem Wasser", sagte Linu kleinlaut.
    "Siehst du?", wandte er sich an Aalon. "Es gibt kein Schiff. Ich würde niemals eines betreten."
    "Aber du musst irgendwie über das Meer gekommen sein. Caeron ist umringt davon. Und dass du nicht geflogen bist, haben wir ja schon geklärt."
    "Seid ihr sicher, dass wir uns auf einer Insel befinden und nicht auf dem Festland?"
    Die Frage erschien Linu reichlich merkwürdig, doch Aalon nickte ruhig.
    „Dann müsste es auf jeden Fall ein Meeresschiff gewesen sein. Mindestens dreißig Mann sind nötig, um ein mittelgroßes Frachtschiff auf einer längeren Fahrt zu handhaben. Die müssten sich ja irgendwo verstecken.“
    "Ich habe nur eine Spur im Sand entdeckt." Wieder dachte Linu an die Holzteile. Sie musste es ihnen sagen, auch wenn das bedeutete, ihr Geheimnis preis zu geben.
    "Sie könnten dich einfach hier abgesetzt haben. Aber aus welchem Grund?" Aalon stützte sich auf den groben Holztisch ab.
    "Ich weiß es nicht. Mir fehlt jegliche Erinnerung."
    "Vielleicht habe ich das Schiff doch gesehen." Linus Stimme zitterte ein wenig und ihr Herzschlag beschleunigte, als beide Köpfe zu ihr herumfuhren.
    "Wo?"
    "Auf... auf dem Strand lagen Holzteile. Sehr viele sogar. Aber es gab auch Stoffe und..."
    Halldor unterbrach sie. "Bringt mich hin, sofort." Schneller als Linu blinzeln konnte, war er auf die Beine gesprungen und in seinem Blick lag ein beunruhigendes Funkeln.


    Wie erstarrt stand Halldor vor dem Treibgut und murmelte vor sich hin. Linu und Aalon warteten mit höflichem Abstand abseits. Einem Speer gleich bohrte sich Aalons Blick in Linu, das spürte sie ganz deutlich. Wieso hast du mir das gestern nicht gezeigt, fragte er. Unwillkürlich griff sich Linu an die Brust, wo der goldenen Anhänger unter ihrem Hemd ruhte. Halldor drehte sich um.
    "Da haben wir das Schiff... Und noch immer kann ich mich nicht erinnern, eines betreten zu haben. Es gibt schlicht keine Schiffe in Mildir." Seufzend fuhr er sich mit der Hand durch das Haar. "Ich verstehe das nicht. Wieso erinnere ich mich an nichts? Und wo sind die anderen?"
    "Bei allem Respekt, ich glaube nicht, dass sonst jemand überlebt hat." Bedauern lag in Aalons Augen und auch Linu schnürte es die Brust zusammen.
    "Hast du denn überall gesucht?"
    "Ich... ja." Wie von selbst trat Linu einen Schritt näher an ihren Vater heran. "Da waren viele Trümmer und Geschirr und Laken und - "
    "Segel!", rief Halldor aus. "Jedes Schiff hat ein Segel, das sein Wappen führt. Hast du eines gefunden?" Seine zunehmend drängende Art machte Linu Angst. "Es muss ein riesiges Stück Stoff gewesen sein. Irgendetwas?"
    Zögerlich nickte sie.
    "Zeig es mir!"
    Linu war heilfroh, dass die Flut nicht weit genug hinauf gekrochen war, um es zu holen. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Halldor nicht gerne enttäuscht wurde. Als er das Segel, wie er es nannte, erblickte, sog er hörbar Luft ein und nahm eine Hand vor den Mund. "Der rote Turm Vesperions...", flüsterte er.
    "Kannst du dich erinnern?" Noch immer hielt sich Aalon ein paar Schritte entfernt.
    "Nein, das heißt, kurz meinte ich Bilder einer Hafenstadt zu erkennen, doch sie waren sofort wieder weg." Angestrengt blinzelte er. "Das passt alles nicht zusammen. Ich bin noch nie im Land des Westmenschen gewesen."
    "Du erinnerst dich vielleicht bloß nicht mehr daran. Möglicherweise kommen noch mehr Fragmente zurück, wenn wir die Gegenstände untersuchen."
    "Aber das müsste ja schon Wochen her sein. Wie weit sind diese Inseln vom Festland entfernt?" Halldor schien tief in Grübeleien versunken.
    Linu entging der eilige Seitenblick ihres Vaters in ihre Richtung nicht. Also hatten sie über das fremde Land gesprochen, nachdem er sie in ihr Zimmer geschickt hatte.
    "Das weiß ich nicht. Weiter, als ich fliegen kann."
    "Wie dem auch sei... Ich weiß wie ich heiße, wie alt ich bin und woher ich komme. Nur alles, was mit dieser Reise zu tun hat, scheine ich vergessen zu haben. Was bedeutet", er hob einen schlanken Zeigefinger, "dass ich erst kurz davor von diesem Unterfangen erfahren habe." Nickend wandte er sich um und bahnte sich einen Weg zwischen den Bruchstücken hindurch. "Lasst uns nach beschrifteten Gegenständen suchen."
    Mit gesenktem Blick durchquerte auch Linu das Schwemmgut. Hie und da kniete sie ab und drehte eine Schale um, oder ein glattes Stück Holz. Sie verdrehte den Kopf, um in das Loch einer Truhe spähen zu können und zog einige Stofffetzen von einem ringförmigen Teil, das bis auf die Zacken Ähnlichkeit mit einem Karrenrad hatte. Urplötzlich stand Halldor neben ihr. Seine Art, sich so schnell und lautlos zu bewegen, war ihr nicht weniger unheimlich als seine Augen.
    "Das da an deinem Hals. Was ist das?"
    Automatisch fasste Linu hin und spürte, dass der Anhänger herausgerutscht war.
    "Zeig es mir. Sofort."
    "Was ist denn los?" Aalon eilte herbei.
    "Das habe ich gestern hier am Strand gefunden." Mit zitternden Händen nahm sie die Kette ab und hielt sie Halldor hin. Der goldene Baum schaukelte leicht hin und her und schien dabei das Sonnenlicht einzufangen.
    "Nein...", hauchte Halldor und fasste sich an die Stirn. "Das kann nicht, das darf nicht..." Er fiel auf die Knie und reckte das Gesicht in den Himmel. Der folgende Klageschrei ging Linu bis ins Mark.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 13. Unverhofftes Wiedersehen


    Sie ritten den ganzen Tag. Die Ponys trotteten langsam vor sich hin, schienen dafür aber eine unerschöpfliche Ausdauer zu haben.
    „Ich möchte so viele Meilen wie möglich zwischen uns und die Hauptstadt bringen,“ erklärte Holon, nachdem Rak um eine Pause gebeten hatte. Sie hielten sich von Straßen und Wegen fern und nahmen stattdessen einen Pfad quer durch das Land. Rak war erstaunt, wie menschenleer es war. Hin und wieder sah er kleinere Häuseransammlungen in der Ferne, ab und zu Felder oder Tierherden, doch die meiste Zeit umgab sie nichts als karge grüne Hügel, regelmäßig unterbrochen durch blanken Fels und Geröll. Unzählige Bachläufe bahnten sich ihren Weg dazwischen hindurch. Noch bevor das Tageslicht sich komplett gegen die Nacht behauptet hatte, hatten sie den Wald hinter sich gelassen. Seither eröffneten sich in alle Richtungen die endlosen Weiden, die bis auf vereinzelte krumme Sträucher und Hecken kahl waren. Für das Nachtlager wählte Holon einen Platz unter einem Felsvorsprung. Der zugige Ostwind konnte sie dort nicht erreichen und sollte jemand vorbeikommen, waren sie kaum zu sehen. Die Ponys begannen sofort zu grasen. Holon nahm ihnen die Sättel ab und leerte die Taschen.
    „Nimm immer genug Feuerholz mit, wenn du Mittenland durchqueren willst.“ Er wirkte zufrieden mit sich. Seine ungewöhnlichen blauen Augen blitzten heiter und als er lächelte, bildeten sich Fältchen um sie herum. Überhaupt hatte Rak nun das erste Mal Gelegenheit, seinen Retter genauer zu betrachten. Alles war ein bisschen anders, als bei den Leuten, mit denen Rak in Krinkgard Tag ein Tag aus zu tun gehabt hatte. Sein Haar war heller, seine Haut dafür deutlich dunkler, er trug keinen Bart und es gab auch keine Stoppeln, die auf einen solchen hingedeutet hätten. Dazu die hellen Augen…
    „Bist du aus Norgond?“
    Holon unterbrach seine Bemühungen, ein Feuer in Gang zu bringen.
    „Ich bin in Seegard geboren, ja. Das liegt an der südöstlichen Spitze“, ergänzte er, bevor Rak nachfragen konnte. In seinem Ton schwang deutlich mit, dass dies bei weitem nicht alles war, was es zu erzählen gab. Weiter nachzubohren traute Rak sich aber nicht.
    „Sei so gut und hol den schwarzen Beutel dort.“ Ohne hinzusehen, gestikulierte Holon in Richtung der Ponys. Willi sah kurz vom Grasen auf und schnaubte, als Rak sich näherte.
    „Guter Junge.“ Unbeholfen tätschelte er dem Tier den Hals und bückte sich nach der Tasche. Sie enthielt nicht nur einen Topf und tönernes Geschirr, sondern auch Kartoffeln, Rüben und einen frischen Laib Roggenbrot. Rak starrte auf das Gebäck. Es gab nur eine einzige Backstube, die diese Art von Brot herstellte.
    „Wenn du ausgeräumt hast, besorg uns bitte etwas Wasser zum Kochen.“ Mittlerweile knisterten erste Flammen vor sich hin und Holon suchte im Geröll herum. Er zog einen größeren Brocken heraus, der sich in seinem Griff zu verändern begann. Aus dem eiförmigen Klotz formte sich nach und nach eine flache, dünne Platte.
    „Junge? Was ist los? Wir brauchen Wasser, bevor das ganze Holz verschwendet ist.“
    Zögerlich legte Rak das Brot ab und schnappte sich den Topf. Geplätscher verriet die Nähe eines Baches. Er schämte sich ein bisschen, dass er gerade das erste Mal seit er frei war, an seine Eltern gedacht hatte. Nicht einmal verabschiedet hatte er sich von ihnen. Was würde man ihnen erzählen? Dass er tot war? Dass er mit Hilfe seiner Abart geflohen war? Würden sie vor dem Mob zur Schau gestellt, der sich auf eine Steinigung gefreut hatte? Oder, und diese Vorstellung ließ sein Blut endgültig in den Adern gefrieren, würden sie an seiner statt gerichtet werden? In diesem Moment hasste er sich für die unzähligen Male, die er Vater und Mutter verflucht hatte. Sein damaliger Groll erschien ihm plötzlich lächerlich. Nur, weil er arbeiten musste, während andere in der Burg herumtollen konnten, hatte er ihnen sonst etwas an den Hals gewünscht. Tief in Gedanken versunken, bekam er nur vage mit, wie Holon ihm den Topf abnahm, Gemüse hineinschnitt und auf die Steinplatte stellte. Nicht einmal das Erstaunen über diese Platte schaffte es den Nebel in Raks Kopf zu lichten.
    „Es geht ihnen gut, Rak. Dieses Brot habe ich erst gestern Abend geholt.“
    „Waren sie… ich meine, wie haben sie ausgesehen?“
    „Sie wirkten sehr reserviert, das heißt… sie waren still, zurückhaltend, aber sonst habe ich nichts Ungewöhnliches bemerkt.“
    Das half Rak nicht weiter. Er wusste noch immer nicht, ob sie ihn verabscheuten oder um ihn trauerten und auch nicht, was nun mit ihnen geschehen würde.
    Widerwillig aß er von dem recht dünnen Eintopf und rang sich sogar durch, von dem Brot zu nehmen. Es schmeckte besser, als je zuvor.
    Seine Eltern begleiteten ihn fortan rund um die Uhr. Er hatte wechselnde Albträume, in denen sie entweder hingerichtet wurden oder ihn gemeinsam mit den anderen Bewohnern Krinkgards mit Mistgabeln und Knüppeln jagten. Den halben Tag kämpfte er mit den Bildern aus der Nacht, den Rest verbrachte er in tiefer Sorge, was wirklich mit Vater und Mutter geschah. Für das Land hatte er unterdessen kaum mehr einen Blick übrig, bemerkte nur, dass es insgesamt felsiger wurde, dazwischen jedoch auch immer wieder kleinere Wälder auftauchten. Im Gegensatz zu seiner Heimat, trugen diese keine grünen Nadeln sondern Blätter in Gelb, Braun und Rot. Sie erinnerten ihn an die Obstbäume, nur dass sie sehr viel größer waren. Nach ein paar Tagen schlugen sie eine neue Richtung ein. Bislang war die Sonne stets zu ihrer Linken aufgegangen, nun tat sie dies im Rücken.
    „Wir reiten jetzt nach Westen“, beantworte Holon Raks Frage danach. „Wir sind bald da.“
    „Wo eigentlich?“
    „Ich habe mich schon gewundert, wann du wohl fragst. Wir reiten nach Grauenstein, Sitz von Lord Sarkis.“
    „Davon habe ich noch nie gehört.
    „Er ist ein Gönner unseres… Ordens“, sagte Holon mit einem leichten Zögern, als suche er nach dem passenden Wort. „Du wirst alles, was du wissen musst noch früh genug erfahren. Ach ja… Den Zwischenfall mit der Prinzessin erwähnst du lieber nicht vor dem Lord. Wir wollen ja nicht, dass er seinen Eid brechen und lügen muss, wenn die Häscher des Königs ihre Finger so weit in den Süden ausstrecken sollten.“
    „Was?“
    „Der Lord muss nicht wissen, dass du gesucht wirst.“


    Sie erreichten Grauenstein mit der Abenddämmerung. Die Festung schien mit dem Gebirge zu verschmelzen, wären da nicht die vier quadratischen Ecktürme gewesen, die sich majestätisch gen Himmel reckten. Obwohl die Anlage viel kleiner war als Burg Kalkstein, wirkte sie wuchtiger, da ihr die Eleganz und die filigranen Elemente fehlten. Auch die Umgebung unterschied sich deutlich. Krinkgard lag im Grünen, Grauenstein hingegen machte seinem Namen alle Ehre.
    Sie ritten durch das dem Gut zugehörige Dorf, vorbei an einer kleinen Kapelle und wurden schließlich am Tor der Burg von einem beleibten Mann in teurer Kleidung empfangen.
    „Willkommen zurück“, sagte er mit auffallend hoher Stimme.
    „Hofmeister Vresus“
    Holon stieg von seinem Pferd und verneigte sich, also tat Rak es ihm nach.
    „Lord Sarkis ist außer Haus, doch Eure Räume sind vorbereitet, ebenso ein kleines Nachtmahl. Heja, Ben!“ rief er plötzlich in Richtung der Stallungen. „Bring die Pferde unserer Gäste in freie Boxen und gib ihnen Heu.“
    Ein Junge kaum älter als Rak, aber deutlich größer und schlaksiger, kam angelaufen, verbeugte sich wortlos und nahm die Zügel der beiden Tiere.
    „Unser Stallbursche“, erklärte Vresus unnötigerweise; „ein guter Junge, wenn auch nicht die hellste Leuchte.“ Er lachte hoch und schneidend.
    „Wann wird seine Lordschaft zurückerwartet?“, fragte Holon den Beamten, als sie zur Burg schritten.
    „Gleich morgen früh, pünktlich zum großen Herbstfest am Abend. Aktuell weilt er bei einem Vasallen an der Grenze zu Mildir.“
    „Hat er Anweisungen hinterlassen?“
    „Nur eine, mein Herr: fühlt Euch wie zu Hause.“


    Als Rak sein Zimmer betrat, kam er aus dem Staunen nicht mehr heraus. Nach dem düsteren Erscheinungsbild von Burg Grauenstein hatte Rak nackte Steinwände, Dunkelheit und Kälte erwartet, doch überall loderten Fackeln, die zwar stanken und qualmten, die Gänge jedoch in warmes Licht tauchten. Sein Zimmer roch angenehm nach verbranntem Holz, das in einem offenen Kamin knisterte und knackte. An Wänden und Decken warfen aufwendige Schnitzereien Schatten, der Boden hingegen war glatt poliert und schmiegte sich weich an Raks nackte Füße. In der Mitte des Raumes thronte ein Himmelbett und Rak warf sich in die weichen Kissen. Staunend blickte er nach oben, wo der Stoff des Überhangs in regelmäßige Wellen floss. Der würzige Duft von Kräutern stieg ihm in die Nase und er entdeckte ein kleines Bündel am Kopfende, achtsam mit einer Schleife verschnürt. So musste ein König hausen, dachte er und nahm sich vor, dem Lord von Grauenstein bei der morgigen Audienz ausgiebig zu danken. Auf einer Truhe entdeckte Rak das versprochene Nachtmahl, doch noch während er überlegte aufzustehen, fielen ihm die Lider zu.
    Am nächsten Morgen wurde er vom Plätschern von Wasser geweckt, das ihn an seine volle Blase erinnerte. Etwas beschämt fragte er die beiden Mädchen, die eine aus dem Nichts erschienene Kupferwanne mit Wasser füllten, nach den Örtlichkeiten. Wenigstens konnte er sie anschließend überzeugen, dass er sich alleine waschen würde. Er blieb so lange in der Wanne sitzen, bis das Wasser kalt war. Noch nie in seinem Leben hatte er ein Bad genossen. Es war wundervoll. Danach fühlte sich Rak wie neu geboren. Es klopfte an der Tür und Rak hatte den unangenehmen Verdacht, dass die Dienerin die ganze Zeit davor gewartet hatte.
    "Mein Herr, Meister Holon wünscht Euch auf dem Nordturm zum Frühstück zu sehen, wenn Ihr so weit seid."
    "Also... danke." Vollkommen verdattert starrte Rak sie an. Mein Herr... "Warte!", rief er, als sie gehen wollte. "Der Nordtum ist...?"
    Sie lächelte. "Gleich hier rechts die Treppe hoch. Bis ganz nach oben." Mit einer Verbeugung ließ sie ihn alleine. Rak grinste. Mein Herr... Daran konnte er sich gewöhnen. Nachdem er sich angezogen hatte, folgte er einer engen Wendeltreppe nach oben. Von Holon war nichts zu sehen, dafür bot sich ihm ein herrlicher Ausblick. Die Luft war kühl und frisch, roch aber zugleich nach den Feuern unzähliger Kamine und war erfüllt von dem steten Rauschen einer betriebsamen Menschenmenge. Wind zerzauste Rak das noch feuchte Haar, als er hinab in das Dorf blickte. Menschen wuselten wie kleine Käfer durch die erdigen Straßen des Dorfes, Kamine rauchten und Kutschen und Karren wirbelten Staubwolken auf. Er sah den Weg, den sie gekommen waren, wie er sich an den Nutzfeldern der Bauern vorbeischlängelte und schließlich im Horizont verschwand. Gedankenverloren legte Rak den Kopf auf seinen Armen in einer Zinnlücke ab und beobachtete eine Weile einen Vogel seine Kreise ziehen. Der Himmel war von einem hellen Blau, vereinzelt mit ein paar Schleierwolken belegt und die Sonne bewegte sich bereits auf den höchsten Punkt zu. Rak musste sich eingestehen, dass er angesichts des Zusammentreffens mit Lord Sarkis weiche Knie hatte. Würde er nicht sofort als Niederer erkannt werden? Und überhaupt, was, wenn er gar keine dieser Fähigkeiten besaß, die Holon ihm attestierte, weswegen er ihn überhaupt hergebracht hatte? Unsicher strich er mit den Händen über die Mauer. Verstohlen blickte er sich um. Dann legte er ein Ohr auf die Wand. Er schloss die Augen und wartete. Schnell kam er sich reichlich dämlich vor und wollte sich von dem Stein lösen, da hörte er etwas. Die Wand pochte. Oder pulsierte. Das Geräusch erinnerte Rak an das leichte Hämmern der großen Mahlsteine in der Backstube und war doch ganz anders. Es war, als käme es direkt aus dem Inneren der Mauer. Der Wind wehte ihm das dunkle Haar ins Gesicht und das ungewöhnlich laute Rauschen, das ihn begleitete, überlagerte die Geräusche, die Rak zu hören glaubte. Als die Böe nachließ, konnte er auch das dumpfe Klopfen nicht mehr finden. Hatte er es sich nur eingebildet? Verwirrt wandte sich Rak von der Mauer ab und fuhr zusammen. Holon stand direkt neben ihm.
    „Und, was hast du gehört?“, fragte er gerade heraus.
    "Ich... nichts."
    "Schade. Ich habe uns Frühstück mitgebracht." Hinter Holon erschienen zwei Bedienstete, die einen kleinen Holztisch und ein Tablett in den Händen hielten. Wortlos stellten sie beides ab und verschwanden. Der Getreidebrei duftete bis zu Rak hinüber nach einem Gewürz, das er noch nie zuvor gerochen hatte. Daneben stand eine Schale mit Obst, auch wenn Rak nur die Äpfel erkannte.
    "Bedien dich."
    Rak griff nach einer Schüssel und nahm sich von all den bunten Früchten, die bereits mundgerecht geschnitten waren. Den Löffel halb zum Mund geführt, hielt er inne und sah auf. Holon lächelte. "Frag ruhig."
    "Kann man denn etwas hören? Im Gestein meine ich?"
    "Aber natürlich. Wenn man die nötigen Fähigkeiten hat."
    "Und was kann man hören?"
    "Einfach alles, je nachdem wie fein das eigene Gehör entwickelt ist. Der Stein unterscheidet nicht. Er nimmt alles auf und gibt es weiter."
    "Du klingst, als sei eine Mauer wie diese hier lebendig."
    "Alles ist lebendig, Rak“, antwortete Holon. „Man muss nur lernen zuzuhören.“
    „Ist es das, was ein Gesteinselementar macht? Den Steinen zuhören? Lauschen und Spionieren?“ Vor seinem geistigen Auge sah er, wie Holon eine Öffnung in der massiven Kerkerwand schuf, wie er einen unförmigen Klumpen Stein in eine ebenmäßige Kochplatte verwandelte. So etwas wollte er auch können.
    Holon lachte leise. „Das, mein Junge, ist nur der Anfang. Wenn du gelernt hast, ihnen zuzuhören, wirst du lernen mit ihnen zu sprechen und wenn du geschafft hast, dass sie dir zuhören, wirst du lernen sie zu lenken und zu formen. Sie werden deine treuen Verbündeten, deine Waffe und dein Schutz.“
    Aufmerksam hörte Rak zu. „Und wie lange dauert es, bis man das schafft?“
    Holon blickte in die Ferne. „Dein ganzes Leben.“


    Am liebsten hätte Rak den Rest des Tages damit zugebracht, sein neu erworbenes Wissen auszutesten. Doch anstelle durch die Gänge Grauensteins zu streunern und die Wände abzuhören, fand er sich in einem großen Gemach wieder und wurde von oben bis unten vermessen.
    "Du brauchst angemessene Kleider für das Bankett", erklärte Holon, der auf einem Polsterstuhl herum kippelte. Raks offensichtliche Ungeduld schien ihn zu amüsieren. Der Schneider, ein kleiner Mann mit einer langen Nase, ließ sein Maßband so schnell um Rak herum sausen, dass dieser den Eindruck gewann, der Mann habe mehr als zwei Hände. Dazwischen hielt er immer wieder Zuschnitte vor Raks Gesicht und murmelte Dinge wie: "Passt nicht zum Haar.", "Viel, viel zu blass." Nach einer gefühlten Ewigkeit waren endlich die passenden Farben und Webmuster gefunden und letzte Anpassungen festgesteckt. Holon erklärte Rak in aller Eile, wie er was anzuziehen hatte, dann entließ er ihn. Breit grinsend wuselte er ihm durch das lockige Haar. „Kurz bevor die Sonne untergeht, wirst du angekleidet sein und in deinem Gemach abgeholt. Sei pünktlich!" Am Ende musste er seine Stimme erheben, denn Rak flitzte schon durch die Tür. Willkürlich bog er mal links, mal rechts ab, folgte einer Treppe nach oben und dann wieder zweien nach unten. Der Weg war ihm egal, er hatte kein Ziel. Alles, was ihn interessierte war das Gestein. Wann immer die Luft rein war, lauschte Ral an Wänden, Fußböden, Säulen und Skulpturen. Die meiste Zeit über war nichts zu erkennen, doch jedes kleine Klopfen, Summen, Kratzen oder Knacken war dadurch umso mehr ein ganz besonderes Erfolgserlebnis. Es war wie eine Schatzsuche. Fast ein wenig widerwillig kehrte er schließlich in sein Gemach zurück, wo seine neuen Kleider bereits auf ihn warteten. Sie passten perfekt und schmiegten sich angenehm an die Haut. Er sah damit beinahe aus, wie die feinen Töchter und Söhne aus König Warkas‘ Hof, die er sein Leben lang beneidet hatte. Das Hemd war aus deutlich feinerem Stoff gewebt als seines und das erste Mal trug er andere Farben als grau, beige oder braun. Das Dunkelgrün der Hose fand sich in den Knöpfen seines Wamses wieder und passte überraschend gut zu dem hellen Gelb des Hemdes. Die Schnürung der Ärmel hatte zum Glück schon jemand für ihn übernommen.
    Eine Dienerin brachte ihn zum Saal. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er niemals geglaubt, sich noch im Innern der Burg zu befinden. Der Raum war riesig und mindestens drei Mal so hoch wie sein Schlafgemach. Er musste sich über mehrere Stockwerke erstrecken. Überall brannten Fackeln und in der Mitte hing ein gigantischer metallener Kronleuchter, bestückt mit einer Armee von Kerzen. Mehrere Reihen von Bänken standen senkrecht zu einem erhöhten Tisch an der Stirnseite, der des Lords Tafel sein musste und alles war feierlich eingedeckt.
    Sein Platz befand sich an einer der äußeren Reihen, etwa im vorderen Drittel. Nach und nach füllte sich der Saal und Holon setzte sich neben ihn.
    „Sie erlauben, mein Herr“, sagte er zwinkernd, bevor er sich hinsetzte und Rak merkte, wie er rot wurde. Das Gemurmel wurde stetig lauter und mit einer Mischung aus Neugierde und Schüchternheit sah Rak sich im Saal um. Es war eine bunte Zusammenstellung aus Mann und Frau, Jung und Alt und er war sehr froh, dass man ihm neue Kleidung organisiert hatte. Einer war hier edler gekleidet als der nächste. Schließlich betrat auch Lord Sarkis den Raum und augenblicklich nahm der Geräuschpegel ab. Begleitet von einem Ritter schritt er zu seinem Platz ganz in der Mitte und hob seinen Kelch zum Gruß, bevor er sich setzte. Mit lauter Stimme richtete er Worte des Willkommens an seine Gäste, aber Rak hörte nicht einen Ton von dem, was er sagte. Er hatte nur Augen für den Ritter, der sich schräg hinter dem großen Stuhl des Lords postiert hatte und ernst den Blick über die Menge schweifen ließ. Bei Rak angekommen, hielt er kurz inne. Das Herz des Jungen schlug wie wild und er begann zu schwitzen. Er konnte nicht aufhören wie versteinert in das dunkle Gesicht von Sir Kartoff zu starren.


    Das Herz klopfte so wild, dass Rak meinte, es müsste ihm jeden Augenblick aus der Brust springen. Er sah zu Holon, der dies zu bemerken schien und den Kopf drehte. Sein Ausdruck deutete die Frage an, ob alles in Ordnung sei. Entweder hatte er den Ritter nicht bemerkt oder nicht erkannt. Konnte Lord Sarkis schon wissen, dass er einen verurteilten Verbrecher in seiner Burg beherbergte? Unruhig rutschte Rak auf seinem Stuhl hin und her und Holon legte ihm eine Hand auf die Schulter. Vermutlich dachte er, seine Nervosität wäre des Banketts wegen. Rufe hallten durch den Saal, so laut und plötzlich, dass Rak zusammenzuckte. Der Lord hatte seine Rede beendet und die Gäste hoben ihrerseits die Kelche zum Gruß.
    „Rak, was ist?“, fragte Holon im Schutz der Geräuschkulisse. „Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen.“
    Der Junge schluckte. „Siehst du den Ritter hinter Lord Sarkis? Ich kenne ihn. Er ist aus Krinkgard und einer der Leibwächter der Prinzessin.“
    Holon kniff die Augen zusammen. „Sir Kartoff?“ Der Ausdruck des Begreifens erfüllte sein Gesicht und er lachte. „Nein, nein! Sir Kartoff ist ein treuer Ritter unseres Lords.“
    „Das kann nicht sein!“, entgegnete Rak. „Seit ich denken kann, ist er der Begleiter von Klara!“
    „Du musst lernen, dass nicht immer alles ist, wie es scheint.“ Rak wartete auf mehr, doch Holon blieb still. Fragen brannten Rak auf der Seele, doch Holon schüttelte den Kopf. Die gute Laune des Nachmittags verflog. Wieso sagte ihm eigentlich nie jemand, was Sache war?
    Diener beluden die Tische mit Speisen, bis sie ächzten. Brotkränze umrahmten Schüsseln voller dampfendem Gemüse, Kartoffeln und Linsen, Fett tropfte von den Platten im Ganzen gebratener Vögel und gegrilltem Fisch. Rak erspähte sogar ein goldbraunes Ferkel mit Apfel im Mund. Ein jeder begann sich eifrig zu bedienen, nachdem der Lord das Mahl für eröffnet erklärt hatte, nur Rak blickte misstrauisch zu Sir Kartoff, der wie eine Statue hinter der hohen Tafel stand. Der Hunger war ihm vergangen. An seiner statt hatte sich ein Knoten des Unbehagens in seinem Magen breit gemacht und widerwillig musste er sich eingestehen, dass er sich fürchtete. Halbherzig nahm er ein paar Bissen Brot, dass er in einen Topf mit dunkler Sauce tunkte und ließ sich stattdessen zum zweiten Mal nachschenken. Zu dem feinen Anlass wurde nicht das dickflüssige Bier gereicht, dass er zu Hause ab und zu bekam, sondern feiner, süßlicher Wein, etwas, wovon er noch nie in seinem Leben hatte kosten können. Schnell wurde ihm schwummrig, aber das war ihm egal. Immerhin konnte dies sein letzter freier Abend sein, wenn Kartoff Lord Sarkis die Wahrheit erzählte.
    Das Bankett zog sich in die Länge. Mehrfach nahm man sich Nachschlag, es wurde viel gesprochen, getrunken und gelacht und auch Holon war in eine Unterhaltung vertieft, sodass Rak nicht viel übrigblieb, als sich im Saal umzusehen und mit seinem Messer zu spielen. Der Wein machte ihn müde, ebenso die Wärme und die schweren Düfte des Raumes. Das Gemurmel stieg zu einem allumgebenden Brummen an und Rak wurden die Lider schwer. Vereinzelt drangen Gesprächsfetzen in sein umnebeltes Bewusstsein vor und er konnte kaum entscheiden, ob er die Wörter wirklich hörte oder ob er bereits träumte.
    Südgrenze überwacht… Nein, nein, der König… Noch Wein?... Schon immer… die Alben… Seine Lordschaft?... Gelächter schwoll an und verebbte… auch im Westen… nichts anderes verdient! … wissen wir nicht… „Rak?“ Von weiter Ferne erreichte Holons Stimme sein Bewusstsein. Er stupste ihn an. „Hey! Bist du eingeschlafen? Der Wein bekommt dir wohl nicht gut.“
    Müde sah Rak den Mann an, dessen Gesicht verschwommen neben ihm wankte. Ihm war sehr schwindelig. „Der Nachtisch kommt gleich und danach kannst du zu Bett, wenn du möchtest.“
    Schwach nickte Rak und setzte sich aufrechter auf seinen Stuhl. Er erinnerte sich an Sir Kartoff und sah schnell hoch zu Tafel. Der Platz hinter dem Lord war leer. Hektisch blickte sich Rak in alle Richtungen um, aber er konnte den Mann nirgends sehen. Mach dich nicht verrückt, vielleicht hat er sich irgendwo zu einem Gespräch niedergelassen, versuchte er sich selbst zu beruhigen.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 14. Fieberwahn


    Rasgars schlimmste Befürchtungen bestätigten sich. Sie ritten nach Mildir. So gut es ging, versuchte er die Alben im Blick zu behalten, doch häufig bedeutete dies, dass er bis tief in die Nacht hinein reiten musste, um den Vorsprung aufzuholen, den sie sich tagsüber erarbeitet hatten. Zu allem Überfluss kam er dann selten nah genug heran, um ihre Gespräche belauschen zu können.
    Angewidert rümpfte er die Nase. Dieser verdammte Sumpf stank zum Himmel. Wie Menschen hier freiwillig leben konnten, war ihm ein Rätsel. Mit Pfahlbauhütten trotzten sie dem weichen Untergrund, stakten mit flachen Booten durch die endlosen Wasserläufe und hielten sich sogar Vieh. Rasgar hatte sich die Zeit genommen, eine der kleinen Siedlungen genauer zu inspizieren. Noxa allein wusste, wie lange sich diese Moorlandschaft noch hinzog und seine Vorräte wurden knapp. Er musste wissen, was das Land an Nahrung hergab. Schnell bemerkte er, dass vieles von dem, was er für willkürliches Gewucher gehalten hatte, tatsächlich so etwas wie Nutzpflanzen waren. Es gab großblättrige Büsche, aus deren Knollen die Leute Mehl herstellten und flaches Brot daraus backten. Manche Pflanzen schwammen direkt auf dem Wasser und wurden lediglich abgeschöpft. Wieder andere trugen feine braune Samen, die mit Wasser gekocht ein wenig aussahen wie ein grobkörniger Brei. Der fleischhaltige Teil des Speiseplans verzückte Rasgar weniger. Hier wurde schlicht alles gegessen. Er hatte dürre Vögel ebenso über dem Feuer schmoren sehen wie Schlangen oder Biber.
    Bleibt zu hoffen, dass ich schnell hier raus bin, dachte er. Lustlos kaute er auf einer der Knollen herum, die einen einzigen Vorteil hatten: sie machten satt. Ein Stück entfernt sah er den schwachen Lichtschein des Feuers der Alben. Sie hatten es wirklich eilig, Liena und den Elfen einzuholen und brachten Rargar und Lorxas an ihre Grenzen. Immerhin hatten auch sie noch kein Lebenszeichen der Gejagten ausmachen können. Dies hatte Rasgar am Vorabend zweifelsohne aus Gesprächsfetzen heraushören können. Teuer erkaufte Information. Mit verzerrtem Gesicht legte er sein Bein frei. Der Biss sah nicht gut aus. "Hol mich das Licht!", fluchte er. Die Kräuter hatten nichts gebracht. Mittlerweile zog sich ein breiter roter Kreis um die Wunde. Wie sollte sie bei dieser andauernden Feuchtigkeit auch verschorfen? Falls die Schlange giftig gewesen war, so hoffte er alles heraus gesaugt zu haben, doch selbst darauf konnte er sich nicht verlassen. Mit dem Handrücken wischte sich Rasgar über die Stirn. Obwohl er ständig schwitzte, war ihm kalt. Er bekam Fieber. "Ich habe schon Schlimmeres überstanden", murmelte er. "Nicht wahr, mein Freund?" Lorxas hob den Kopf und schnaubte, wandte sich dann aber wieder dem feuchten Gras zu. "Hauptsache du kannst fressen."
    Rasgar griff seinen Trinkbeutel und gab einen Großteil des Inhalts in seinen Topf, um es abzukochen. Überall um ihn herum wuchsen Kräuter. Bestimmt waren darunter auch welche, die seine Beschwerden lindern könnten. Wenn er sich doch nur ausgekannt hätte... So trank er das heiße Wasser blank und reinigte mit einem Teil davon erneut die Wunde. Der Schmerz ließ ihn aufkeuchen. Es war definitiv schlimmer als am Morgen. Rasgar ertappte sich bei dem Gedanken, in einem der Dörfer Zuflucht zu suchen. Wenn er Glück hatte, gab es einen Heiler oder aber die Menschen kannten sich allgemein gut genug mit Bissen dieser Art aus. "Sei kein Narr, Rasgar", presste er hervor. Er hatte keine Wahl. Es gab nur eines, das zählte. Er musste den Elfen als erster finden.


    Erschrocken schlug Rasgar die Augen auf. Wieder war er eingenickt und in wirre Träume versunken. Ewig konnte er nicht geschlafen haben oder die sumpfige Landschaft zog sich länger hin, als er für möglich gehalten hatte. Eine dicke Wolkendecke drückte auf sie hinab, füllte die Luft mit Feuchtigkeit und erstickte jeden Windhauch im Keim. Es war unmöglich zu sagen, in welche Richtung er ritt oder wie lange er schon hier war. Die Führung hatte er komplett seinem Pferd überlassen, das den Spuren der anderen folgte. Schweiß rann Rasgar die Stirn hinab und in seinem Bein saß dumpf der Schmerz. Wie viele Tage hatte er schon nicht mehr nach der Wunde gesehen? Er fürchtete sich vor dem, was er finden würde. Wieder fielen ihm die Augen zu. Er dachte an die trockene Kälte eines lacharyschen Winters, an Wind und kalte Ohren. Überall lag der Geruch von Nadelwald in der Luft, über den sich stellenweise Schwaden verbrannten Holzes legten. Vor allem aber was es trocken. Frische Binsen bedeckten den Boden, Feuer knisterte im Kamin, die Luft war beinahe staubig. Vor allem aber war es trocken. Und kalt. Trotz des Feuers wurde es nie richtig warm. Dafür sorgte der scharfe Gewürzwein, von dem Rasgar stets einen Topf über dem Feuer hängen hatte. Wo er gerade daran dachte, er sollte ein wenig Gerstenschnaps nachgießen und umrühren. Er musste…
    Rasgar hielt inne. Es gab etwas, das er tun musste. Etwas Wichtiges. Angestrengt kramte er in seiner Erinnerung, öffnete die Augen. Anstelle des Inneren seiner Hütte, ächzend unter der Last des Neuschnees, erblickte er dichte Schwaden über braun-grünem Untergrund. Wohin trug ihn dieses Pferd? Überhaupt ein Wunder, dass es den Weg durch dieses unmögliche Land fand.



    15. Narmas Reich


    Im Morgengrauen erreichten sie den Filthri. Die letzten Tage waren die Pausen immer kürzer geworden. Wenn sie sich niederließen, war es lange schon dunkel, wenn sie aufbrachen, zog sich gerade der erste Streifen Licht am Horizont entlang. Triborin sollte es Recht sein. In der Schwüle der Nacht schlief er ohnehin nicht sonderlich gut. Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit war es warm und die wahre Insektenflut erlaubte nicht, zu viel ungeschützte Haut zu präsentieren. Mit der Nähe zu fließendem Wasser kam ein Windhauch auf und Triborin reckte das Gesicht in den Luftzug. Der Strom war hier noch breiter als in Lacharys, wo Triborin ihn schon für riesig gehalten hatte. Land und Wasserspiegel lagen beinahe auf einer Ebene und es war absehbar, dass es im Frühjahr regelmäßig zu Überflutungen kam. Jenseits des Flusses lag Mildir im Mantel des Morgennebels verborgen.
    Liena saß aufrecht auf dem Rücken ihrer Stute und starrte nachdenklich hinüber. „Ich glaube, wir sind zu weit nördlich.“
    Die ganze Zeit über hatte Triborin sich schon gefragt, wie sie den großen Strom überqueren wollte, ohne eine der großen Brücken zu nutzen. Das Thema bei Liena anzubringen, hatte er tunlichst vermieden. Sie hatte sich als furchtbare Gesprächspartnerin erwiesen. Wann immer er versucht hatte, sie zum Reden zu bringen, war er kläglich gescheitert. Fürchtete sie wirklich in jedem Versuch, sei es über das Wetter, das Land oder die eigene Kindheit zu sprechen, eine List? Gerade glücklich wirkte die Albe nicht. Warum hatte sie sich dann in diese Situation gebracht? Sie hätte ihn einfach seinem Schicksal überlassen können.
    „Es kann nicht weit sein.“ Ohne eine Antwort zu erwarten, ritt sie weiter. Sie folgten dem Ufer in sicherem Abstand. Dann und wann hatte der Fluss Kerben in sein Bett geschlagen und was von Weitem aussah wie fester Untergrund, entpuppte sich als gefährliche Falle für Pferd und Reiter.
    „Sagt, ist Mildir in dieser Gegen ebenso sumpfig?“ Triborin war die Gegend leid.
    Liena antwortete nicht gleich und er befürchtete schon, sie würde seinem Versuch erneut ausweichen. „Im südlichen Flussverlauf dominiert auch auf unserer Uferseite das Wasser, doch es ist nicht vergleichbar. Es ist lebendig. Narma hält ihre schützende Hand darüber.“
    Sie führte ihn in eine kleine Baumgruppe hinein. Schlingpflanzen verbanden die Äste wie ein Netz und Triborin fluchte. Sowohl Liena als auch ihr Pferd waren deutlich kleiner als Triborin und sein Nachtschatten. Während sie unbehelligt zwischen den Stämmen hindurch glitt, musste er zusehen, dass er sich nicht verhedderte, oder irgendetwas in das Gesicht bekam, was dort nichts zu suchen hatte.
    „Hier ist es.“ Mit einem schlanken Finger deutete Liena in Richtung des Flusses. Außer, dass der Boden vergleichsweise fest aussah, gab es nichts zu sehen. Triborin wollte sein Pferd zwischen zwei Bäumen hindurch neben sie führen, doch sie hob eine Hand.
    „Halt.“
    Verwirrt sah er erst sie an und inspizierte dann die Umgebung. Ein Schnürepaar war an dem Baum befestigt. Vor dem Hintergrund des Bodens waren sie so gut wie unsichtbar und der Nachtschatten wäre ohne Lienas Warnung darüber gestolpert. Angestrengt versuchte Triborin den Schnüren mit den Augen zu folgen, doch sie verloren sich im Schimmern des bewegten Wassers.
    „Hier gibt es eine Fähre“, murmelte er.
    "Richtig. Und kaum jemand weiß davon." Liena glitt von ihrer Stute und ging auf den Fluss zu. Auch Triborin saß ab. Es war eine weise gewählte Stelle. Die Baumgruppe schützte vor Blicken von allen Seiten und das dichte Schilf verbarg das Floß, das Liena eben herauszuziehen begann. "Wir müssen es erst positionieren. Es wäre sehr freundlich, wenn Ihr mir helfen könntet, Herr Gardist."
    "Hm?" Triborins Blick war an etwas anderem hängen geblieben. Spuren im lehmigen Boden. Dieser Überweg war erst vor kurzem genutzt worden. Nur von wem? Und in welche Richtung? Liena räusperte sich und zerbrach die Starre seine Überlegungen.
    "Oh, natürlich."
    Das Gewicht des Floßes war erstaunlich und dass Liena es überhaupt alleine hatte bewegen können, ein Wunder. Anerkennend kräuselte Triborin die Lippen. Erst als sie das Gefährt komplett aus dem Schilf befreit hatten, offenbarte sich seine ganze Größe. Trotzdem machte er sich Sorgen wegen seines Pferds.
    "Die Strömung ist sehr stark. Normalerweise sind zwei Leute zu wenig, um schnell hinüber zu kommen, doch wir müssen es versuchen. Was auch passiert, halt dein Pferd ruhig. Wenn die Fähre ins Schaukeln gerät rettet uns nichts mehr vor Nēns Fängen."
    Offenbar war Nervosität das Mittel, um Liena zum Sprechen zu bewegen. Auch sie konnte sich der tief verwurzelten albischen Furcht vor dem Wasser nicht entziehen. Diese Erkenntnis konnte Triborin aber nur kurz erheitern, denn Liena hatte Recht. Obwohl das Floß in Ufernähe groß und stabil wirkte, würde es inmitten der Strömung nicht viel mehr als ein Spielball des Flusses sein.
    Gemeinsam prüften sie die beiden Halteseile bug- und heckseitig und hakten sie zur Sicherheit von Neuem in das Zugseil ein.
    "Wir stellen die Pferde in die Mitte. Ihr geht nach vorne, ich nach hinten." Nun war der Albe die Aufregung auch anzusehen. Auf ihren sonst ebenmäßigen Wangen zeichneten sich rötliche Flecken ab.
    "Alles ist gut mein Junge. Du hast kurz Pause. Ruhe dich einfach aus. Halte mich immer im Blick." Im Flüsterton redete Triborin auf den Nachtschatten ein, während er ihn an Bord führte. Er merkte, dass Liena ihn beobachtete und fragte sich zum wiederholten Male, ob sie das dunkelelfische Zándan verstehen konnte. Beim Betreten schaukelte die Fähre leicht, fing sich aber recht schnell. Triborin nahm seinen Platz ein und wartete auf Lienas Zeichen. Dann zog er. Sie bewegten sich kaum. Er packte erneut zu. Wenn sie erst an Fahrt gewonnen hatten, dachte er, würde es leichter gehen. Tatsächlich beschleunigte das Floß. Sie verließen den geschützten Uferbereich und wurden sofort von der Strömung erfasst. Sie schossen in Fahrtrichtung zur Seite, bis die Schnur ihre maximale Spannung erreicht hatte. Durch den abrupten Stopp kam das Floß ins Wanken. Mit klopfendem Herzen sah Triborin zurück. Beide Pferde standen an Ort und Stelle, wenn ihre hervorgequollenen Augäpfel auch von ihrer Furcht zeugten.
    "Los!", drängte Liena und sie stemmten sich gegen die Kraft des Wassers. Triborin hatte den ersten Zug für schwierig gehalten, doch er wurde eines Besseren belehrt. Neben ihrem Eigengewicht und dem Widerstand des Wassers, mussten sie nun gegen die Strömung und die Reibung des Seils an den Halteösen ankämpfen. Hinzu kam, wie Triborin nach einiger Zeit erkannte, das Gewicht des zweiten Floßes. Es hing an der anderen Schnur und bewegte sich durch ihre Bemühungen exakt gegengleich. Bald schnaufte Triborin schwer. Er hörte wie sein Hengst in regelmäßigen Abständen aufstampfte.
    "Bald, Großer! Wir haben es bald geschafft."
    Die Arme brannten Triborin, seine Handflächen waren wund. All diese Mühe, um in das Land zu gelangen, dass jeder Elf um jeden Preis mied. Noch immer lag es im Dunst verborgen, wenn das Ufer auch endlich in Sicht kam. Der Sog der Strömung ließ nach und sie trudelten die letzten Meter auf das Schilf zu. "Noxa sei Dank", flüsterte Triborin, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Er war drauf und dran sich an den Fuß eines Baumes zu setzen, da sprang Liena schon auf den Rücken ihres Pferdes.
    "Wir dürfen hier nicht rasten. Wir müssen weiter."
    Triborin seufzte und zog sich ebenfalls auf den Rücken seines Rosses.
    „Das ist ein Nachtschatten, nicht wahr?“, sagte Liena ohne sich umzudrehen.
    „Ja“, entgegnete Triborin knapp, überrascht, dass die Albe die Rasse und auch ihren Namen kannte. „Ich habe ihn selbst aufgezogen.“
    „Hat er einen Namen?“
    „Wir geben unseren Pferden keine Namen.“
    Nun wandte Liena sich doch um. „Wieso? Fürchtet Ihr, Ihr könntet Gefühle entwickeln?“
    Triborin antwortete nicht.
    „Das ist Ilsara“, fuhr die Albe fort. „Sie ist…“ – „Ein Wildpferd“, beendete Triborin den Satz für sie. Als er die Stute in der Menschensiedlung das erste Mal gesehen hatte, hatte er es bereits vermutet und der gemeinsame Weg danach hatte ihm Gewissheit beschwert. Eine wilde Freiheit lag im Blick des Tieres und auch die Distanz, die sie zu seinem Hengst hielt, waren eindeutige Zeichen gewesen. „Reitet Ihr sie deshalb ohne Sattel?“
    „Nein. So kann ich sie besser spüren.“
    Der Nachtschatten schnaubte, als hätte er verstanden, um was es ging. Noch immer war er nervös, als traue er der Situation noch nicht ganz. Aufmunternd klopfte Triborin ihm den Hals und merkte dabei, wie erschöpft seine Arme waren. Ein Schwert, so viel stand fest, würde er in den nächsten Stunden nicht schwingen können.


    Hartnäckig hielt sich der Nebel knapp über dem Boden. Die Hufe der Pferde verursachten schmatzende Geräusche auf dem morastigen Boden und von der Seite drang regelmäßig das Platschen von Wasser oder das Rascheln trockener Blätter zu ihnen herüber. Triborin hatte das unangenehme Gefühl beobachtet zu werden. In eingeschränkten Sichtverhältnissen fühlte er sich nicht wohl. Zwar konnte er in der Dunkelheit recht gut sehen, dieser Nebel aber war beinahe undurchdringlich. Direkt vor ihnen ließ sich die Sonne im Dunst erahnen. Je höher sie stieg, desto dünner wurden die Schwaden und endlich, es durfte auf Mittag zugehen, gaben sie einen weiten Blick auf das Land frei. Triborin staunte nicht schlecht. So viele Bäume hatte er in dieser Gegend nicht erwartet. Ihre feingliedrigen Wurzeln erinnerten ihn an die Pfahlbauten der Westmenschen. Wie bei den Häusern, hoben die Bäume sich selbst dadurch ein wenig aus dem Wasser der unzähligen Bachläufe. Nun, da der Nebel auch die Geräusche nicht mehr dämpfte, vernahm Triborin deutlich mehr Kratzen und Rascheln aus dem Unterholz. Das hatte Liena wohl gemeint, als sie von lebendig gesprochen hatte.
    „Willkommen in Narmas Reich“, sagte sie, als hätte sie Triborins Überraschung bemerkt.
    „Was habt Ihr jetzt vor?“
    Liena zögerte. „Zunächst bringen wir die westlichen Sumpfwälder hinter uns. Und dann müsst Ihr, wenn ich mich nicht irre, nach Süden.“
    „Warum...?“, setzte Triborin an, doch Liena schüttelte bereits den Kopf.
    „Gut, wenn Ihr mir nicht sagen wollt, warum Ihr mir helft, dann sagt mir dies: was hält mich davon ab, Euch niederzustrecken und alleine weiter zu reiten, jetzt, da Ihr mich in Euer Land gebracht habt?“
    „Ich bezweifle, dass Ihr schnell genug seid. Es sei denn, Ihr feuert einen dieser feigen Giftpfeile auf mich ab. Davon würde ich aber abraten. Niemals kommt Ihr unbehelligt bis nach Solterra.“
    „Ihr unterschätzt mich.“
    „Ihr unterschätzt den Hass meines Volkes auf das Eure.“
    „Niemand würde mich bemerken.“
    Liena zog eine Augenbraue nach oben. „Schwarzer Hengst, schwarze Kleidung, blondes Haar? Und das im Land der Bäume, deren Augen besser sind, als die eines Alben oder eines Elfen es je sein könnten?“
    „Dann werden sie auch sehen, dass Ihr einem Elfen helft. Wie wird Euer hasserfülltes Volk darauf reagieren?“ Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in Triborins Innern aus. Er war zu froh darüber gewesen, der Situation in dem Menschenort zu entkommen und diesen Sumpf hinter sich zu lassen, um zu merken, dass er sich nun möglicherweise in viel größerer Gefahr befand.
    „Mir fällt schon etwas ein.“ Stolz ritt sie an Triborin vorbei und übernahm die Führung auf einem schmaleren Wegstück.
    Du Narr! Triborin hätte sich ohrfeigen mögen. Aus freien Stücken war er einer Albe in deren eigenes Land gefolgt. Seinem Ziel war er dabei im Grunde kein Stück näher gekommen. Nirgends hatte es Anzeichen dieses Vogelvolkes gegeben, wenn das wirklich der wahre Grund war, aus dem Xyrius ihn losgeschickt hatte. Alben griffen in Belange Vesperions ein und genau zeitgleich schickte sein Lord einen der seinen aus Lacharys hinaus? Triborin wusste nicht mehr, was er glaube sollte. Der Aufbruch aus Xarchavas schien so fern, als sei er schon Jahre unterwegs, das Ziel unwirklicher denn je.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 16. Von Bäumen und Türmen


    Es war nicht leicht gewesen, Halldor von der Insel fort zu bewegen. Linu hatte ihm den Anhänger geben wollen, doch er hatte die Hände hoch gerissen, als hielte sie ihm etwas Giftiges entgegen.
    „Nein! Das geht nicht!“
    Erschrocken war Linu zurück gewichen und Halldor hatte sich zu beruhigen versucht.
    „Behalte ihn, aber verlier ihn nicht. Unter keinen Umständen.“
    Zu Hause versorgten sie den verstörten Fremden mit kräftiger Brühe und Fladenbrot. Sein Blick war leer und er bewegte sich kaum.
    „Kannst... kannst du dich erinnern?“, fragte Linu irgendwann vorsichtig, ihren Vater dabei bange musternd. Doch Aalon nickte ihr knapp zu und auch Halldor hob den Kopf.
    „Nein.“
    „Der Anhänger...“
    „Nein!“
    Linu fuhr zusammen und verstummte.
    „Ich denke, wir sollten zu Pater Ren gehen“, sagte Aalon nach einer kurzen Pause. „Wenn es Informationen gibt, die uns helfen, dann dort.“


    Es war ein weiter Flug in den ersten Bezirk zu Osten. Erst ein einziges Mal war Linu in dem Ort gewesen, der so etwas wie ein Verwaltungszentrum des losen Dörferverbandes der Aviare darstellte. Auf den ersten Blick war es wie überall sonst. Einige Aviare arbeiteten auf den umliegenden Feldern, auf dem Marktplatz wurden Waren getauscht und kleine Kinder waren in ihre erste Wechsel- und Flugübungen im Außenbereich der Schulhütten vertieft. Lediglich die Freiluftkapelle von Ren deutete auf ein besonderes Zentrum hin. Die Anlage nahm ein recht großes Areal mit ordentlich geschnittenen Wiesen und kleinen Kieswegen ein, auf denen die Betenden entlang schreiten konnten. In der Mitte erhob sich eine Statue Ralons in den Himmel und überall gab es steinerne Bänke zum Verweilen. Der Gott der Lüfte war wie stets mit angelegten Flügeln und ehrfürchtig gesenktem Blick dargestellt, die Hände vor dem Körper gefaltet. Bestimme nicht, behüte, las die Inschrift auf dem Sockel.
    Am hinteren Ende stand Pater Rens vergleichsweise bescheidenes Wohnhaus. Ren war ein ergrauter Aviare, doch seine hellbraunen Augen strahlten noch immer Schärfe aus.
    „Aalon“, grüßte er und hielt ihm die Hand hin. „Und das ist deine... ?“
    „Linu. Ralon grüße dich, Pater.“
    „Und das hier ist der Grund für euren Besuch.“ Er musterte Halldor einige Augenblicke. Linu fand die Situation unangenehm und war froh, als der Geistliche schließlich auch dem Fremden die Hand hinstreckte. Halldor ergriff sie zögerlich.
    „Halldor aus dem Hause Nimari.“
    Ein überraschter Ausdruck huschte über des Paters Gesicht, wandelte sich aber schnell wieder in ein Lächeln. „Kommt herein.“
    Noch nie zuvor war Linu im Wohnhaus des Paters gewesen. Seine Einrichtung war bescheiden und die geringe Anzahl Möbel verstärkte das Gefühl, das Haus sei zu groß für eine Person. Es wirkt einsam, dachte Linu, doch sie kannte die Antwort, die Ren ihr gäbe, würde sie ihn danach fragen. „Ich bin niemals alleine. Ralon ist stets bei mir, mein Kind.“
    Er führte sie zu einem knorrigen, beinahe ebenerdigen Tisch und bot ihnen Kekse und Kräutertee an. Linu ließ sich auf eines der Sitzkissen fallen und griff nach dem hellen Gebäck. Aufregung ließ ihr Herz schneller schlagen und gleichzeitig fürchtete sie, wieder vor die Türe verbannt zu werden, sollte das Gespräch sich in eine Richtung bewegen, die nach Vaters Verständnis nicht für ihre jungen Ohren geeignet war.
    „So. Wie kommt es zu dieser Bekanntschaft?“
    Linu wollte antworten, doch Aalon kam ihr zuvor. Mit knappen Worten umriss er, wie Linu Halldor gefunden hatte und berichtete von den Trümmern des Schiffes. Die ganze Zeit über nickte Ren, doch es war unmöglich zu erkennen, ob er schlicht andeutete, dass er folgen konnte oder ob alles für ihn einen Sinn ergab.
    „Es wundert mich nicht, dass Ihr keine Erinnerungen habt, Halldor aus dem Hause Nimari. Viele Heiler sind der Ansicht, das Nahtoderfahrungen zu Gedächtnisverlust führen können. Aber wenn sie Recht haben, kann man das Verlorene wieder zurückholen.“ Er lächelte. „Ich vermute, deshalb seid ihr hier.“
    Aalon nickte. „Ich dachte, du könntest mit Halldor sprechen. Vielleicht erinnert er sich dadurch bereits. Möglicherweise können wir sogar alte Karten begutachten oder...“
    „Aalon...“, unterbrach der Pater ihn. „Sei vorsichtig.“
    „Ich weiß, du hütest alles wie deinen eigenen Augapfel, aber diese Sache ist anders. Das erste Mal überhaupt, taucht ein Vertreter einer fremden Spezies an unseren Küsten auf.“
    „Es geht um unsere Sicherheit. Ich werde nicht leichtfertig geheimes Wissen an Kinder und Ausländer preisgeben. Außerdem gehört er mitnichten einer fremden Spezies an. Dir muss aufgefallen sein, dass er das Silmanat spricht. Er ist ein Hüter.“
    Nun mischte sich Halldor das erste Mal ein. „Ein Hüter?“
    „Aber ja. Ein Hüter Narmas.“ Falten der Verwirrung bildeten sich auf Rens Stirn.
    „Ich bin ein Alb. Mildir ist meine Heimat und nicht ich spreche eure Sprache, ihr sprecht die meine.“
    „Auch ich weiß nicht, was ein Hüter ist, Pater.“
    „Das ist jetzt nicht von Belang. Wichtig ist, dass wir Eure Erinnerungen auffrischen, Halldor. Wir müssen wissen, wieso Ihr hierher gekommen seid.“
    „Und das tun wir wie?“
    Linu meinte eine leichte Abneigung in Halldors Gesichtszügen zu erkennen.
    „Erzählt uns etwas. Von Eurer Heimat zum Beispiel.“
    Halldor nahm sich einen Moment Zeit. „In Ordnung“, sagte er dann. „Liege ich richtig mit der Annahme, dass auch Ihr Salisir nicht kennt?“
    Zu Linus Überraschung nickte Pater Ren.
    Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, begann Halldor zu erzählen. „Ich habe nicht immer dort gelebt. Erst als junger Mann bin ich dorthin gezogen, denn ich wollte mich für eine Stellung bei seiner Lordschaft anbieten. Ich kam vom Land, wisst ihr? Wir hatten ein kleines, einfaches Haus, da war die Stadt natürlich eine Offenbarung für mich. Helles Gestein, kunstvoll verzierte Gebäude, überall Brunnen und trotzdem so natürlich, als gehöre alles zur Umgebung, wäre schon immer da gewesen. Die Lage alleine… eine Reise wert! Zu beiden Seiten der Mangalklamm wächst Salisir in die Höhe und streckt sich den Sonnenstrahlen entgegen.“ Er lächelte ob dieser Erinnerungen in sich hinein und Linu, die nichts als einfache Dorfhütten kannte, versuchte sich etwas Derartiges vorzustellen. „Ganz oben thront des Lords Palast. Säulengänge flankieren die Gebäude auf allen Seiten, es gibt Zimmer über Zimmer für die hohe Familie und ihre Gefolgschaft, und in der Mitte steht der Sansarbaum, der erste Baum der Welt, von Narma persönlich gesät. Bei schönem Wetter scheint die Sonne von früh bis spät auf das Anwesen und es erstrahlt so hell, dass man es auch den goldenen Palast nennt - mana milsara.“
    „Die Stellung im Herrscherhaus, habt Ihr sie erhalten?“
    Halldor nickte. „Ich wurde in die Palastwache rekrutiert.“
    „Ist es also möglich, dass Euer Lord Euch den Auftrag für diese Reise gab?“
    „Es nicht nur möglich. Ich bin mir dessen sicher.“
    Während Linu dem Gespräch einfach fasziniert folgte, zog Ren bei diesen Worten erneut die Brauen zusammen. „Dies ist keine neue Erkenntnis für Euch.“
    Halldor schüttelte den Kopf und deutete auf Linu. „Unter den Wrackteilen hat sie einen der goldenen Bäume gefunden. Ein Mitglied der Familie Sinklar war ebenfalls auf diesem Schiff.“ Er wandte den Blick ab. Diese Lords schienen ihm furchtbar viel zu bedeuten, dachte Linu.
    „Das tut mir leid“, sagte Ren, kam aber direkt zurück zum Thema. „Fällt Euch nichts ein, das so wichtig sein könnte, dass eine Person von hohem Stand daran teilnimmt?“
    Abermals schüttelte Halldor den Kopf. „Nie war ich in die Unterredungen und Pläne des Rates einbezogen. Nichts, woran ich mich erinnere, deutet auf eine Reise hin. Ich weiß nicht einmal von der Existenz dieser Inseln hier, deren Namen habe ich noch nie zuvor gehört. Ich muss also erst kurz vor dem Aufbruch davon erfahren haben, je nachdem, wie lange so eine Erinnerungslücke, wie Ihr sie beschreibt, zurückwirken kann. Offenbar sind wir in Vesperion zur See gestochen, das deutet zumindest das Segelwappen an. Allerdings kann ich mich auch nicht erinnern, je in diesem Land gewesen zu sein.“
    „Wo liegt dieses Land?“
    Obwohl Halldor immer wieder seufzte, beantwortete er alle Fragen geduldig. Ich wäre schon längst ungehalten geworden, dachte Linu.
    „Ganz im Westen des Kontinents. Es grenzt an Mildir. Es gibt dort viel Küste und viele Häfen. Von dort aus gelangt man am besten hinüber auf den zweiten großen Kontinenten.“
    „Sehr gut, berichtet weiter.“
    „Der größte Hafen befindet sich am Fuß der Hauptstadt Vesport, wo die rote Festung steht, die dem Land sein Wappen gibt. Das gesamte Gemäuer besteht aus roten Backsteinen. Obwohl ich die Burganlage für klobig und unpraktisch halte, muss ich zugeben, dass der Anblick doch eine gewisse Anziehungskraft auch mich hatte. Erhaben thront sie über dem Meer und strahlt regelrecht vor der tristen Kulisse der Küstenlandschaft.“
    Gebannt hing Linu ihm an den Lippen und bemerkte Rens zufriedenes Schmunzeln, wie Halldor selbst, erst spät.
    „Ich habe mich erinnert...“ Ungläubig schüttelte Halldor den Kopf, nahm eine Hand an die Stirn und stieß Luft aus. „Ich bin in Vesport gewesen.“
    „Wer war bei Euch?“
    „Ich…“ Angestrengt kniff Halldor die Augen zusammen. „Wir waren viele… Ich erinnere mich, mit anderen Wächtern in einer Taverne zu sitzen. Aber da waren noch mehr. Gelehrte vielleicht.“
    „Erinnert Ihr Euch an den Thronerben?“
    Zögerlich schüttelte er den Kopf. „Nein.“
    „Wäre er denn mit euch gereist?“
    „Das glaube ich nicht. Er, oder sie, Sinklar hat auch eine Tochter, ist mit Sicherheit mit einer ausgewählten Garde der Milsari nach Vesport gekommen. Es ist sogar möglich, dass das Schiff seine Truppe ganz wo anders abgeholt hat. Selbst die Hauptstadt Vesperions ist zu wichtig, als dass nicht jedermann seine Späher dort postiert hätte.“
    Dieses Mal brauchte Linu Pater Rens Gesichtsausdruck nicht, um zu merken, dass etwas an Halldors Aussage komisch war. Nur was?
    „Erlaubt mir Euch eine Frage zu stellen, Pater. Wie kommt es, dass Ihr Karten von Orchaldor besitzt, wenn Ihr nichts davon zu kennen scheint?“
    Dies, fand Linu, war er ein sehr guter Punkt. Tatsächlich antwortete Pater Ren auch nicht gleich.
    „Der Ursprung dieser Dokumente ist unbekannt.“
    „Woher habt Ihr sie dann?“
    „Mein Vorgänger vererbte sie mir.“
    Halldor grinste, als hätte er diese Reaktion erwartet. „Das war nicht meine Frage. Wie kamen sie in den Besitz dieser... Institution hier?“
    Die Lippen fest aufeinander gepresst, sah Ren zum Fenster hinaus. „Sie wurden zufällig gefunden. Es hat Jahre gedauert, bis wir etwas davon verstanden haben. Die Schriften und Zeichnungen sind unfassbar alt. Zudem sind sie unvollständig. Nur eines ist sicher: sie wurden von unsereins erstellt.“
    „Wieso haltet Ihr sie dann unter Verschluss?“
    Des Paters Kopf fuhr herum zu Aalon, seine Augen funkelten.
    „Er hat mir nichts dergleichen erzählt“, ergänzte Halldor schnell. „Doch ich kann eins und eins zusammen zählen.“
    Schwer seufzend griff Ren nach seiner Tasse und trank. Er nahm sich Zeit, bevor er weiter sprach. „Noch lange ist nicht alles erforscht. Wenn ich selbst etwas nicht verstehe, werde ich nicht auch andere damit beunruhigen.“
    Linus Drang, diese geheimnisvollen Aufzeichnungen zu sehen, wuchs ins Unermässliche. Sie verstand überhaupt nicht, warum alle so einen Wind darum machten.



    17. Ein neuer Verbündeter


    Der nächste Morgen begann für Rak mit schrecklichen Kopfschmerzen. Sein Gemach lag noch im Dunkeln, als ihn die Dienerin weckte, die ihn abends auch abgeholt hatte. Dankbar nahm er den Kelch mit Wasser entgegen, denn er war außerordentlich durstig. Bier, so stellte er fest, war ihm wesentlich lieber als Wein. Das Mädchen wartete während er trank und Rak hatte das Gefühl, dass etwas sie zu amüsieren schien. Wie war er eigentlich in sein Gemach gekommen? Seine letzte Erinnerung waren die Berge von Nachtisch, die plötzlich auf der Tafel erschienen waren. Ihm war übel geworden und er hatte nichts davon gegessen. Und dann? Der Rest fehlte vollkommen. Dafür fiel ihm etwas anderes ein und erneut fuhr ihm der Schock in die Glieder. Sir Kartoff. Einer von Klaras Rittern war auf der Burg und er hatte ihn gesehen.
    „Mein Herr, Ihr findet Frühstück und Wasser hier drüben. Sobald Ihr fertig seid, wünscht der Lord Euch zu sehen.“
    In seine Gedanken vertieft, hatte Rak gar nicht gemerkt, dass sie ein Feuer in Gang gebracht hatte. Auf einmal war ihm wieder übel. Ob dies vom Anblick von Brot, Milch und Ei herrührte oder von der Aussicht auf die Unterredung bei Lord Sarkis, vermochte Rak nicht zu unterscheiden.
    „Ich lasse Euch allein.“ Sie verbeugte sich schnell, konnte dadurch aber nicht verhindern, dass Rak ihr Schmunzeln bemerkte.
    „Danke“, stammelte er und stieg aus dem Bett. Erstaunt stellte er fest, dass er seine neuen Kleider noch trug. Nie wieder würde er von diesem Wein trinken! Jetzt musste er mit seinen alten Sachen zur Audienz bei dem Mann gehen, dem er dieses Gemach verdankte.
    Das kühle Wasser klärte seinen Kopf und er wusch sich ausgiebig. Schließlich traute er sich sogar ein paar Bissen Brot zu nehmen und ging zur Truhe, um seine Kleider herauszuholen. Zu seiner Überraschung hatten sie sich vermehrt. Neben seinen groben Wollhosen lagen zwei weitere aus feinerem Stoff, eine schwarz und eine grau, darunter zwei blaue Hemden und ein zusätzliches Wams. Mit deutlich gehobener Stimmung kleidete Rak sich an. Als er aus der Türe trat, fand er Holon an der gegenüberliegenden Wand lehnend.
    „Guten Morgen,“ grüßte er amüsiert.
    „Morgen“, brummte Rak.
    „Der Schneider hatte Recht. Blau steht dir noch besser. Jetzt komm, Sarkis wartet nicht gerne.“
    Die Erwähnung des Namens brachte Raks Furcht zurück. Hatte Kartoff dem Lord schon alles erzählt? Während Rak noch überlegte, Holon darauf anzusprechen, blieb dieser schon wieder stehen.
    „Hier sind wir.“
    Rak konnte es kaum glauben. Er schlief auf der selben Etage wie der Hausherr.
    Statt in einem Schlafraum, fanden sie sich allerdings in einem Studierzimmer wieder.
    „Mylord, Herr Holon Brannes mit einem Jungen“, verkündete der Bedienstete, der sie hereingelassen hatte. Die große Tintenfeder in Sarkis' Hand verharrte und er sah auf. Er hatte ein leicht gerötetes Gesicht und trug einen kurzen Bart um den Mund herum, der in der Mitte des Kinns bereits ergraut war. Ansonsten war sein Haar blond mit einer Tendenz zum Rötlichen. Er trug ein dickes Hemd aus schwarzem Samt, das vorne durch Metallschnallen zusammen gehalten wurde. An Hals und Ärmeln spitzten weiße Rüschen hervor.
    „Seid gegrüßt. Ich hoffe, Euer bisheriger Aufenthalt war Euren Ansprüchen entsprechend.“
    „Habt Dank, Mylord“, antwortete Holon und verbeugte sich. Rak tat es ihm nach. Der Lord erhob sich von seinem Stuhl und ging um den großen polierten Holztisch herum. Er war ein großer Mann von muskulöser Statur. „Ist alles reibungslos verlaufen, Meister Brannes?“
    „Ja, Mylord. Die Eltern des Jungen waren geehrt, dass ihr Junge für eine besondere Ausbildung erwählt wurde.“
    Reflexartig sah Rak zu Holon. Was erzählte er da?
    „Gut, gut“, sagte Sarkis, dem Raks Überraschung entgangen zu sein schien. „Wann wird er zu den anderen stoßen?“
    „Noch heute.“
    Sarkis nickte zufrieden. Dann wandte er sich Rak zu. „Dein Name ist Rak?“
    „Ja, Mylord.“ Rak bemühte sich dem Blick des Mannes standzuhalten.
    „Willkommen auf Grauenstein, Rak. Ich hoffe, du hast dich nach der langen Reise gut aufgehoben gefühlt.“
    Unbeholfen räusperte sich Rak. „Ja, ich... vielen Dank für das tolle Zimmer und das alles.“ Hitze schoss ihm in den Kopf und er sah schnell zu Boden.
    „Nichts zu danken, junger Mann. Allerdings muss ich dir sagen, dass die Zeit hier oben nun für dich vorbei ist. Du wirst zu den anderen hinunter ziehen.“
    „In Ordnung, Mylord“, sagte Rak, obwohl er nicht wusste, wo „hinunter“ war.
    „Gut, gut. In diesem Sinne, viel Erfolg.“
    „Danke, Mylord.“
    Sarkis drehte sich um und ging mit hinter dem Rücken gefalteten Händen auf die Fensterfront zu. „Rickard wird den Jungen nach unten bringen. Meister Brannes, Euch brauche ich noch einen Augenblick. Es gibt Wichtiges zu besprechen.“
    „Mein Herr, wenn Ihr mir folgen mögt.“ Der Bedienstete verbeugte sich und öffnete die Türe. Unsicher blickte Rak zu Holon, der knapp nickte.
    Wortlos führte Rickard ihn den Gang entlang. Raks Gedanken kreisten. Von was für einer besonderen Ausbildung hatte Holon da gesprochen? Hatte es etwas mit den Elementaren zu tun? Das konnte er sich nicht vorstellen. Wenn er Sarkis nichts von den Ereignissen aus Krinkgard erzählen durfte, damit dieser den Eid gegenüber Warkas nicht gefährdete, wie konnte er da eine Keimzelle eines strengstens verbotenen Kults in seiner Burg beherbergen? Rickard führte ihn eine der schmalen Wendeltreppen hinab. Bald wurde Rak schwindelig. Die Stufen nahmen kein Ende. In regelmäßigen Abständen erhellten Fackeln den Weg und das Gemäuer wurde zusehends grober. Auch die Luft änderte sich. Sie wurde kühler und feuchter.
    „Bitte.“ Rickard hielt eine schwere Türe am Fuß der Treppe auf. Dahinter verbarg sich ein düsterer Gang.
    „Kommst du... kommt Ihr nicht mit?“, fragte Rak und Rickard schüttelte den Kopf. „Geht einfach geradeaus. Man wird Euch empfangen.“
    Als die Tür laut ins Schloss fiel, schluckte Rak schwer. Der Ort erinnerte ihn so sehr an die Verliese in Burg Kalkstein, dass es ihm eiskalt den Rücken hinab lief. Was, wenn sie ihn in eine Falle geführt hatten, wenn sie Holon ablenkten, um ihn wieder einzusperren? Rak probierte die Klinke. Die Türe war verschlossen. Obwohl er sich alles andere als wohl dabei fühlte, blieb ihm nichts übrig, als dem Gang zu folgen. In regelmäßigen Abständen gab es Türen zu beiden Seiten, doch nirgends drang ein Geräusch heraus. Ängstlich setzte Rak einen Fuß vor den anderen. Es wurde wärmer; und heller. Die nächste Tür war nicht verschlossen. Stimmen waren zu hören. Mit klopfendem Herzen spähte Rak hinein. Sechs Tische standen akkurat in zwei Reihen und waren zu einem großen Pult ausgerichtet. Alle Plätze bis auf einen waren belegt.
    „Ah, sehr schön. Du musst Rak sein. Wir haben dich erwartet.“ Mit einer Handbewegung wies der Mann in Robe, der vor den anderen stand, Rak an, einzutreten. „Ich bin Meister Lanon.“
    „Hallo“, sagte Rak leise und ging zu dem freien Tisch vorne rechts.
    „Kinder, Rak ist unser neuer Mitschüler.“
    Vewirrt starrte Rak auf seinen Tisch. Wieso hatte ihm Holon nichts davon gesagt? Was erwartete man nun von ihm?
    „Nun gut, fangen wir direkt an. Ein jeder von euch findet ein Übungsstück auf seinem Tisch.“ Mit diesen Worten ließ er seinen eigenen Stein nach oben schweben, sodass er vor seiner Brust in der Luft ruhte. „Heute wollen wir das erste Mal wirklich mit Gestein arbeiten. Rak, es ist nicht schlimm, wenn du die letzten Wochen nicht hier warst. Meister Brannes hat dir bestimmt schon Einiges über die Theorie erzählt.“
    Nein, dachte Rak bitter, hat er nicht. Er fühlte sich mehr und mehr unwohl in seiner Haut.
    „Also, was seht ihr vor euch? Ja, Finni?“
    „Ein Stück Stein.“
    Lanon lächelte freundlich. „Genau und für die heutige Einheit ist er alles, was euch interessiert. Ich möchte, dass ihr ihn in die Hand nehmt. Versucht euch nur auf den Stein zu konzentrieren. Wie fühlt er sich an? Ist er rau oder glatt, kalt oder warm? Welche Form hat er? Ist er schwer oder leicht? All solche Dinge.“
    Rak hob das Stück vom Tisch. „Nicht schauen!“, ermahnte der Meister. „Ihr müsst es fühlen.“
    Merkwürdigerweise verspürte Erleichterung, nun, da er die Aufgabe kannte. Gehorsam schloss er die Augen. Der Klumpen war so groß, dass Rak die Finger nicht ganz schließen konnte und wog mehr als er erwartet hätte. Er war rau und unrund, es gab spitze Stellen und Vertiefungen und Rak ließ seine Finger darüber gleiten, in dem Versuch der Form ein Bild zuzuordnen. Schnell hatte das Material seine Körpertemperatur angenommen, doch ansonsten konnte er nichts Ungewöhnliches entdecken. Ein Gedanke kam ihm. Ob die anderen noch ihre Augen geschlossen hatten? Ganz langsam, so als probiere er einfach etwas aus, führte Rak den Stein an sein Ohr. Dies war ein einzelnes Stück, nicht wie eine Mauer, die eine Verbindung zur Erde, zu anderen Steinen und Materialien hatten. Würde er trotzdem etwas hören können? Er erinnerte sich an Holons Worte. Alles ist lebendig, Rak. Man muss nur lernen zuzuhören. Angestrengt presste er sein Ohr gegen das Material, konzentrierte sich nur darauf, doch er konnte nichts hören, eher schmerzte ihn der Druck der spitzen Stellen. Enttäuscht atmete Rak aus und lockerte seinen Griff. Was hatte er erwartet? Andererseits... er hatte gestern schon solche Fortschritte gemacht! Die halbe Burg hatte er abgehört und auch, wenn er kein Muster hatte erkennen können, hatte er immer wieder etwas gefunden… Das Gefühl, dass es möglich war, auch in diesem kleinen Stück etwas zu erfühlen, ließ Rak nicht los. Da war ein ungewöhnlicher Drang, es weiter zu versuchen. Rak ging in sich. Was hatte er gestern anders gemacht? Er war voll der aufgeregten Freude gewesen... und er war ohne Erwartungen an die Sache heran gegangen. Ich war entspannt, schoss es ihm durch den Kopf. Das konnte des Rätsels Lösung sein; er durfte es nicht erzwingen. Rak lockerte seinen Griff um den Stein, legte sein Ohr ganz sanft auf und verlangsamte seinen Atem. Es dauerte eine ganze Zeit, bis er seine Ungeduld ausschalten, aufhören konnte, sich selbst zu drängen, doch als es ihm schließlich gelang, spürte er, dass es richtig war. Die Zeit schien still zu stehen. Rak befand sich nicht länger in diesem Zimmer. Es gab nur noch ihn und den Stein. Und dann, schließlich, hörte er etwas. Dumpf klopfte ein Herzschlag in dem Klumpen, regelmäßig und leise, dann schneller. Hörte er den Puls seines eigenen Blutes? Andere Schläge mischten sich unter, jemand strich über die Oberfläche… aber niemand stand bei ihm, da war er sich sicher. Du nimmst die Steine der anderen wahr!, erkannte er und hatte Mühe, die Aufregung nieder zu kämpfen. Kommunizierten sie über die Luft miteinander oder waren sie gar aus ein und demselben Fels herausgebrochen worden? Eindeutig hörte er Geräusche, die woanders im Raum gemacht wurden. Er wollte mehr; mehr hören, mehr spüren… Wenn du gelernt hast, ihnen zuzuhören, wirst du lernen mit ihnen zu sprechen und wenn du geschafft hast, dass sie dir zuhören, wirst du lernen sie zu lenken und zu formen. Wieder kamen ihm Holons Worte in den Sinn. Das würde er probieren! Aber wie sollte er mit einem Stein sprechen und was sollte er sagen? Er nahm das erste, das ihm einfiel und wiederholte es in Gedanken wieder und wieder. Werde weich. Noch immer nahm er den Herzschlag war, vereinzelte kratzende Geräusche und ein sanftes Surren. Klappte es? Rak konnte es nicht sagen. Seine Finger waren schon etwas taub vom Druck der kleinen Unebenheiten.
    „Wie lange sollen wir das machen?“ Finnis Stimme durchschnitt lauf seine Gedanken und Rak erschrak. Ließ sein Übungsstück sinken und öffnete hastig die Augen. Hatten sie ihn schon beobachtet? Finni blickte nach vorne zum Pult, Der Junge vor ihr inspizierte seinen Stein, doch ob die anderen hinter Rak ihn gesehen hatten, konnte er nicht sagen.
    „Solange ihr wollt. Es ist eure Übungszeit.“
    Rak legte den Stein vor sich ab. Ärger machte sich in ihm breit, dass Finni ihn jäh aus der Konzentration gerissen hatte. Nun war der Klumpen vor ihm wieder einfach nur ein Stück graues Material… er sah hinunter, das Wunder des Erlebten verblasste bereits. Dann sah er es und beinahe wäre er aufgesprungen. Ungläubig hielt er die Luft an, während sein Herz wild klopfte. Der Stein lag still vor ihm auf dem Pult, doch er hatte sich verändert. Ein deutlicher Handabdruck zierte eine Seite. Schnell drehte Rak ihn auf die Seite, um die Stelle zu verbergen und sah nach vorne. Der Meister blickte ihn direkt an, sein Ausdruck unleserlich.
    Nervös faltete und löste Rak die Hände. Warum er seine Entdeckung so hektisch versteckt hatte, konnte er nicht sagen und schämte sich bereits dafür. Der Meister hatte es bemerkt. Er hatte gesehen, dass Rak etwas verbergen wollte. Wie dämlich! Mit Sicherheit hätte er die Steine aller Schüler ohnehin kontrolliert. Vorsichtig griff Rak sein Exemplar und hob es hoch. Er legte die Hand an die ursprüngliche Stelle. Sie passte exakt in die Vertiefung. Holon hatte ihm gesagt, dass man zur vollständigen Kontrolle ein ganzes Leben bräuchte. Hatte er übertrieben? Oder war es nur ein Glückstreffer?
    „Nun“, sagte der Lehrmeister, „ich vermute, ihr seid fertig, da kaum einer mehr mit der Aufgabe beschäftigt ist.“
    Der Junge links von Rak, der bis eben mit Finni gesprochen hatte, drehte sich nach vorne.
    „Erzählt mir, wie ist euch mit der Aufgabe ergangen?“
    Rak schluckte und überlegte, was er sagen sollte, wenn er dran kam.
    „Ja, Stanna?“
    „Ich fand die Übung sehr schwierig. Meine Augen waren geschlossen, ich habe mich an alles gehalten, doch ich konnte nichts Besonderes erkennen.“
    „Es muss nichts Besonderes sein. Hast du den Stein erfühlen können?“
    „Ähm, ja, natürlich. Ich fühlte Spitzen und Rundungen, kleine Kratzer und ganz glatte Stellen.“
    Der Meister nickte aufmunternd. „Und mit Sicherheit hattest du schnell ein Bild von dem Felsstück im Kopf nicht wahr, ohne, dass du es vorher genau angesehen hättest?“
    „Ja das schon, aber…“
    „Nichts aber. Damit hast du den Sinn dieser Aufgabe schon erfüllt. Du hast dich auf den Gegenstand in deiner Hand eingelassen, hast dich darauf konzentriert und ihm all deine Aufmerksamkeit geschenkt. Das ist das Wichtigste, das ein Elementar beherrschen muss.“ Er stand auf und trat vor seinen Tisch. „Wer es nicht einmal schafft, sich in einem geschlossenen, ruhigen Raum auf ein Stück Gestein zu konzentrieren, der braucht an alles, was danach kommt, gar nicht denken.“ Er blickte in Finnis Richtung, die etwas auf ihrem Stuhl zusammensank und eine leichte Schmolllippe zog. „Gut, wer möchte uns noch von seinen Erfahrungen berichten?“
    „Mir ging es ähnlich wie Stanna“, sagte ein Junge direkt hinter Rak.
    „Ja, mir auch“, pflichtete ein weiterer bei.
    „Mhm, mhm, sehr gut. Und bei euch? Timm, Finni, Rak? Wollt ihr etwas erzählen?“
    Das Mädchen wurde rot und blickte nach unten. Stattdessen antwortete ihr Freund. „Mir ging es auch wie den anderen, nichts Spezielles, aber ein gutes Gefühl für den Stein.“ Timm nickte eifrig beim Sprechen, vielleicht um sich selbst von der Wahrheit seiner Worte zu überzeugen.
    „Es ist nicht schlimm, wenn diese Übung schwierig für euch war oder ihr nicht das gemacht habt, was ihr solltet. Wenn man nicht weiß worauf man zu achten hat, sind Fehler nur natürlich. Beim nächsten Mal wisst ihr Bescheid und könnt es besser machen.“
    „Rak hat auch nicht gemacht, was wir sollten“, sagte Timm plötzlich. „Ich habe gesehen wir er an dem Stein gehört hat.“
    Wie Messerspitzen spürte Rak nun alle Blicke auf sich, bis der Lehrmeister das Wort ergriff und die unangenehme Stille auflöste.
    „Es war nicht verboten, sein Gehör einzusetzen. Das war eine gute Idee. Hast du denn auch etwas gehört?“
    Er schluckte. „Ja. Ich habe meinen eigenen Herzschlag gehört.“
    „Und wie bist du darauf gekommen, an dem Stein zu lauschen? War es eine plötzliche Eingebung?“
    Rak nickte zögerlich.
    „Konntest du sonst noch etwas hören oder gar spüren?“
    „Ich… ich meinte auch Geräusche der anderen zu hören.“
    Aus dem Augenwinkel sah er, wie Finni und Timm einen Blick wechselten und abfällig Luft ausstießen.
    „Das stimmt! Ich erfinde das nicht!“, sagte Rak und merkte, wie er wütend wurde. „Aber, aber“, beschwichtigte der Meister. „Natürlich erfindest du das nicht, es ist durchaus möglich, Derartiges wahrzunehmen… doch beim ersten Versuch…“ Eine Pause entstand. Dann lächelte Lanon. „Gut gemacht, Rak!“ Er klatschte in die Hände. „Ihr werdet dieses Mal eine Aufgabe bis zur nächsten Stunde bekommen: ich möchte, dass ihr jedes Stück Gestein, an dem ihr vorbei kommt, untersucht, es ertastet und, auch, wenn ich das eigentlich erst später mit euch üben wollte, versucht zu daran zu lauschen. Wenn wir dieses Thema heute schon angesprochen haben, können wir es auch gleich drannehmen.“
    Rak hielt noch immer seinen Übungsstein in der Hand. Vielleicht konnte er ihn mitnehmen und den Abdruck vertuschen. Die Art, wie der Meister reagiert hatte, sein Ton und sein Gesichtsausdruck, sagten ihm, dass derart schnelle Fortschritte nicht normal waren und dass Lanon nicht glücklich darüber war.
    „Nun denn, ich entlasse euch in den Nachmittagsdienst, ihr könnt gehen.“ Stühle quietschten auf dem Boden, als die fünf sich auf den Weg nach außen machten. Auch cRak drehte sich in Richtung Türe, da hörte er noch einmal des Meisters Stimme, ganz leise und direkt hinter sich. „Du nicht, Rak. Du bleibst.“

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 18. Bestimme nicht, behüte


    Lange schon waren sie fort, da kniete Ren noch immer vor Ralons Schrein in seinem Gebetszimmer. Was er am meisten fürchtete, war Wirklichkeit geworden. Wenn einer den Weg hierher gefunden hatte, würden andere folgen. In seiner Aufruhr hatte er sich auch noch verplappert. Er hatte ihn einen Hüter genannt, dabei zählte Aalon bei Weitem nicht zu dem Kreis der Eingeweihten. Wie hatte er das nur vergessen können?
    Unüberwindbar sei das Meer, so stand es nicht nur in den Schriften, nein, die Jahrhunderte, die sie unbehelligt hier gelebt hatten, schienen das bestätigt zu haben. Jetzt war all das hinfällig.
    Was sollte er nur tun? Konnte er dem Hüter vertrauen? Sein Gefühl sagte Ren, dass dieser Mann log. Vielleicht hatte er sich zunächst wirklich an nichts erinnern können, jetzt aber tat er es, zumindest mehr, als er zugab. War es vielleicht an der Zeit, dem Ältestenrat von seinen neusten Entdeckungen zu berichten? Sollten sie nicht erfahren, dass er herausgefunden hatte, wie ihr Volk vor all den vielen Jahren über das Meer gekommen war? Er ersuchte Ralon um Rat, doch der Gott der Lüfte blieb stumm. Der Verfasser all der Schriften aber gab Hinweise. Dieses Wissen müsse unbedingt unter Verschluss gehalten werden, es sei denn, die Not der Lage rechtfertige eine Offenlegung. Ren dachte an die Neugierde im Gesicht der jungen Tochter Aalons. Allgemeinhin betrachtete man derartige Tendenzen bei den Jungen als Gefahr. Doch konnte sie nicht auch eine Chance sein? Hatte nicht Neugierde wie diese ihnen überhaupt die Aufzeichnungen in die Hände gespielt? Linu wusste es nicht, ja nicht einmal Aalon wusste, dass sein eigener Urgroßvater verantwortlich dafür war. Nach allem, was Ren bekannt war, war er ein starrköpfiger und exzentrischer Mann gewesen, der sich mit dem friedlichen, wenn auch zugegebenermaßen etwas eintönigen Leben nicht abfinden wollte. Als erster und einziger hatte er den sicheren Bereich der Inselebene verlassen und war in den Urwald und das Gebirge gezogen. Niemand hatte an seine Rückkehr geglaubt, doch beinahe ein Jahr später war er wieder da, schier endlose Aufzeichnungen im Gepäck. Er hatte es allen zugänglich machen wollen, doch der Rat hatte ihn überstimmt.
    Ren seufzte. Mittlerweile kannte er das meiste auswendig. Trotzdem gab es so vieles, das er nicht verstand.
    Ralon gab uns die Macht über die Winde, doch nur wer mit ihnen fließt, wird sie wirklich verstehen. Ich habe gesehen, was geschieht, wenn ein Sturm aufzieht, den man nicht zu kontrollieren vermag. In der Macht liegt große Gefahr und wenn sie mit mir verendet, so ist es vielleicht mehr Segen als Schaden. Wenn aber der Tag kommt, da die Vergangenheit uns einholt, kann es nötig sein, dass wir uns unserer alten Stärke erinnern und mögen wir hoffen, dass der Funke dann nicht erloschen ist und Ralon uns von Neuem beisteht.
    Der Funke war nicht erloschen. Viele Kinder trugen ihn in sich. Und es wurde alles dafür getan, dass sie ihn niemals entdeckten.
    Bestimme nicht, behüte. Nie war es Ren so schwer gefallen, den Willen Ralons zu deuten. Wenn er entschied, den Rat und das ganze Volk der Aviare einzuweihen, drängte er sie dann nicht, in eine vorgeschriebene Richtung zu handeln? Und wenn er beschloss, alles weiterhin unter Verschluss zu halten, besiegelte er damit nicht ihre Unwissenheit und verweigerte ihnen Kenntnis, die ihnen zustand? Wo war die Grenze zwischen behüten und bestimmen?
    Wenn aber der Tag kommt, da die Vergangenheit uns einholt...
    Seufzend erhob sich Ren. Die Rollen und gefalteten Papierstücke lagen ordentlich im Regal, auch, wenn sie einmal wieder abgestaubt gehört hätten. Im Raum war es kalt und trocken. Man sollte sich hier auch nicht wohlfühlen. Einzig das Überleben der kostbaren Erinnerungen war wichtig. Ren ging das Regal ab und zog eine Rolle heraus. Auf dem großen Tisch entrollte er sie und beschwerte die Ecken. Die Karte war nicht besonders gut. Es gab kaum Details, wie Berge oder Wälder, keine Orte und keine Grenzen. Trotzdem war klar, dass dies der Ort war, von dem sie stammten und von dem auch der Hüter kam. Wie weit Caertol tatsächlich davon entfernt war, wusste Ren nicht. Die Inselgruppe war nicht eingezeichnet. Mit dem Finger fuhr er über das Papier. Ungefähr in der Mitte standen zwei Worte geschrieben.


    Heimat
    Tod


    Was konnte ein ganzes Volk aus seiner Heimat vertreiben, wenn nicht der Tod? Bei all seiner Grründlichkeit, ließ der Verfasser bei diesem Thema erstaunlich viel aus. Schnellen Schrittes eilte Ren zurück zu den Regal und fuhr die Reihen mit dem Finger ab, bis er gefunden hatte, wonach er suchte.
    Die Szenen sind zu schrecklich, als dass ich sie niederschreiben könnte. Ich fürchte, die Geister dadurch aufs Neue zu wecken. Wir haben unser Vertrauen in die Falschen gesetzt. Die Hüter sind ebenso entzweit, wie wir es sind. Sie verraten ihre Götter ebenso wie wir es tun. Anstelle über das Gleichgewicht zu wachen, greifen sie nach der Macht. Ich spüre ganze deutlich, dass ich handeln muss. Denn wenn ich es nicht tue, fürchte ich um den Fortbestand unserer Art.


    Die damalige Entscheidung war viel schwerwiegender gewesen, als die, die Ren zu treffen hatte und doch fühlte er sich mit dem Vorfahren verbunden. Auch er wusste, dass er handeln musste. Wenn er nur hätte herausfinden können, welcher Art von Hüter dieser Neuankömmling angehörte. Leider wusste er nicht, nach welchen Anzeichen er Ausschau halten musste. In all den Texten gab es keine Hinweise auf die Unterschiede. Außerdem konnte sich seither auch auf dem Kontinenten viel verändert haben. Möglicherweise gab es das Volk der Hüter gar nicht mehr. Hatte der Mann namens Halldor sich nicht als Alb bezeichnet? Wir haben unser Vertrauen in die Falschen gesetzt. Rens Augen verharrten auf diesem Satz. Nein. Er durfte dem Fremden nicht vertrauen. Jetzt, da er dies beschlossen hatte, erschien es ihm irrsinnig, es je in Erwägung gezogen zu haben. Diese Texte und Skizzen wurden einzig zu einem Zweck erstellt: das Volk der Aviare sollte in Frieden leben, ohne von dem Schatten der eigenen Vergangenheit verfolgt zu werden, doch gleichzeitig sollte es die Möglichkeit haben, an altes Wissen anzuknüpfen, sollte es nötig werden. Es ging um den Fortbestand ihrer Art. Wer war er, dass er all das vor seinen Brüdern und Schwestern geheim gehalten hatte und nun erwogen hatte, es mit einem Fremden zu teilen? Plötzlich wusste Ren, was er tun musste.




    19. Magie der Elemente


    „Zeig mir deinen Stein.“
    Zögernd reichte Rak dem Meister sein Übungsstück.
    „Wo hast du das gelernt?“ Er sah Rak in die Augen.
    „Nirgendwo. Es ist einfach passiert.“
    Der Meister schüttelte den Kopf. „So etwas passiert nicht einfach, Rak. Man braucht Jahre, bis man einen Stein verformen kann. Also beantworte meine Frage: wo hast du das gelernt?“
    Schweiß bildete sich auf Raks Stirn. „Ich sage die Wahrheit. Als ich an dem Stein hörte, kam mir die Idee ihm zu befehlen, weich zu werden. Erst habe ich gar nicht gemerkt, dass es geklappt hat.“
    Prüfend kniff Lanon die Augen zusammen. „Und wer hat dir gesagt, dass du an Steinen hören sollst?“
    „Ich bin von ganz alleine darauf gekommen“, antwortete Rak und es stimmte. Immerhin war es seine Idee gewesen, es zu versuchen. Holon hatte ihm nur bestätigt, dass es funktionierte.
    „Seit vielen Jahren bilde ich Jungen und Mädchen zu Elementaren aus und noch nie hat eines der Kinder von alleine an dem Übungsstück gehört. Und selbst wenn, dürfte es niemals funktionieren. Die Steine sind voneinander getrennt worden. Geräusche von anderen Teilen wahrnehmen zu können, ist eine hohe Kunst. Es braucht Zeit und viel Übung.“
    Rak wusste nicht, was er sagen sollte, also blieb er still.
    „Hast du zuvor schon versucht, etwas im Gestein zu hören?“
    Langsam nickte er mit dem Kopf.
    „Und ist es dir gelungen?“
    Wieder nickte er.
    „Was hast du gehört?“
    „Verschiedenes. Das Zuschlagen von Türen, entfernte Hammerschläge, Schritte… solche Dinge.“ Weiterhin konnte Rak das Misstrauen im Gesicht des Meisters sehen.
    „Auch Stimmen?“
    Rak zögerte. Daran hatte er noch gar nicht gedacht.
    „Nun?“
    „Nein, ich konnte keine Stimmen hören.“
    „Hat Meister Brannes dir gesagt, du sollst an Gemäuer lauschen?“
    Tapfer hielt Rak dem Blick stand. „Nein.“
    „Hast du ihm erzählt, dass du es tust?“
    Rak schluckte. Wie viel konnte er preisgeben? Worauf wollte der Lehrer hinaus? „Er hat mich bei einem Versuch erwischt und hat mir gesagt, dass es wirklich funktioniert.“
    „Was hat er dir noch gesagt?“ Fragen über Fragen… Rak wünschte sich nichts sehnlicher, als endlich gehen zu dürfen.
    „Dass Geräusche im Gestein hören zu können, der erste Schritt bei der Ausbildung zum Elementar ist.“
    Der Meister kräuselte die Lippen. „Und der zweite Schritt?“
    Rak schüttelte langsam den Kopf. Mit einem Seufzen nahm sein Lehrer endlich den bohrenden Blick von ihm.
    „Vorhin sagte ich, dass es nicht schlimm sei, dass du gut zwei Wochen Theorie verpasst hast. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher. Es ist wichtig, dass du die Gefahren kennst, die mit der Anwendung von Elementarmagie einhergehen. Und damit meine ich nicht nur die Verfolgung und Ächtung, unter der unser Orden leidet. Weit gefährlicher ist, was die Fähigkeiten aus uns als Mensch machen. Ich werde mich mit den anderen beraten, wie du die Stunden nachholen kannst.“
    Sorgenfalten zogen sich über des Meisters Stirn und er seufzte. „Für jetzt kannst du gehen. Die anderen werden es nicht für gut heißen, wenn sie die ganze Arbeit alleine erledigen müssen. Trainiere weiterhin dein Gehör und versuche nicht, die Steine zu verformen. Die Zeit ist nicht reif. Ein unerfahrener Elementar kann schlimme Dinge anrichten, wenn er keine volle Kontrolle hat und wir haben Gründe dafür, dass wir euch langsam an die verborgenen Kräfte heranführen. Zumindest sehen das die meisten von uns so.“
    „Welche Arbeit meint Ihr?“
    Fragend drehte Lanon den Kopf ein wenig zur Seite. „Hat Meister Brannes dich nicht eingewiesen? Der Unterricht nimmt nur einen sehr kleinen Teil eurer Zeit in Anspruch. Daneben habt ihr Arbeitsdienste zu erfüllen, die eure Gemeinschaft und euren Charakter stärken sollen. Heute ist glaube ich... warte kurz.“ Mit langen Schritten ging er zu seinem Pult und sah Papierblätter durch. „Genau. Heute muss der Aufenthaltsraum gesäubert werden. Gleich hier hinten.“ Er wies mit dem Finger über seine Schulter.


    Lustlos und auch ein wenig schüchtern trottete Rak tiefer den Gang hinab. Es war ein Leichtes den Raum zu finden, denn die Stimmen der anderen drangen laut heraus.
    „Ich weiß nicht. Er ist doch irgendwie komisch.“ Das war diese Finni.
    „Wir haben ihn noch nicht einmal kennengelernt. Warte doch erst mal ab.“ Den Namen des zweiten Mädchens hatte Rak vergessen.
    „Finni hat schon Recht. Der denkt er ist etwas Besseres. Kommt ja auch aus der Hauptstadt.“
    Rak biss die Zähne zusammen. Den Typen konnte er jetzt schon nicht ausstehen. Es ärgerte ihn, dass sie wussten, woher er kam, während er bis eben nicht einmal gewusst hatte, dass er mit anderen Jugendlichen eine Ausbildung absolvieren würde. Kurz überlegte er, noch ein wenig zu lauschen, trat dann aber doch direkt in den Raum. Sofort verstummten alle. Keiner arbeitete. Timm saß auf einem Tisch, vor ihm Finni, die ihren Kopf an seine Knie lehnte. Die übrigen beiden Jungen und das Mädchen saßen etwas entfernt.
    „Ah, hallo Rak. Alles in Ordnung mit dem Alten?“
    Er nickte bloß. Von den anderen sagte keiner etwas, doch sie starrten ihn alle an. „Super! Jetzt, wo wir vollzählig sind, können wir ja anfangen. Umso schneller sind wir fertig und haben Zeit für schönere Dinge.“
    „Stress nicht so Stanna,“ stöhnte Finni. „Eigentlich kann er ja schon mal anfangen. Er hat was nachzuholen.“
    „Du hast nicht verstanden, worum es bei der Arbeit hier geht.“
    „Halt die Klappe, Argo!“
    Stumm beobachtete Rak die Diskussion. Die Blonde, Stanna hieß sie, schien ganz nett zu sein. Trotzdem wusste Rak bereits in diesem Augenblick, dass er mit ihnen allen nichts zu tun haben wollte. Nicht mehr als nötig, zumindest.
    Während der Putzarbeiten grübelte er über die Übungsstunde nach. Jetzt, da er die unangenehme Konfrontation mit dem Meister hinter sich hatte, keimte das erste Mal Freude und auch eine gehörige Portion Stolz in ihm auf. Von wegen, ein ganzes Leben. Er hatte bereits beim aller ersten Versuch geschafft, Gestein zu verformen. Auch, wenn Lanon es ihm untersagt hatte, wollte Rak dies direkt im Anschluss an den Arbeitsdienst weiter probieren. Außerdem hatte er sich fest vorgenommen, das Differenzieren von Stimmen aus den Geräuschen im Gemäuer in Angriff zu nehmen. Wenn er wirklich ganze Gespräche belauschen könnte... welche Welten täten sich da auf! Die positiven Gedanken machten das Schrubben erträglich, verhinderten jedoch auch das Aufkommen eines Gesprächs mit Stanna, die es mehrfach versuchte und schließlich aufgab.
    Als sie fertig waren, kam sie aber doch noch einmal auf Rak zu. „Ich glaube du kennst dein Zimmer noch nicht. Lanon hat das angedeutet. Komm, ich zeige es dir.“
    Im Vergleich zu seiner letzten Bleibe oben in der Burg, war dieser Raum eine Enttäuschung. Statt mit verziertem Holz verkleidet, waren die Wände aus blankem Stein, ebenso der Boden, dem nur ein rauer Teppich die Kälte nahm. Es gab eine einfache Pritsche, allerdings immerhin mit richtigen Decken, einen Tisch mit Stuhl und ein Wascheck mit einer großen Schüssel.
    „Wir sind alle gleich nebeneinander den Gang runter. Wenn du bis zum Abendessen nichts vor hast, wir gehen ein bisschen raus in den Garten. Du kannst gern dazu kommen.“
    „Danke“, murmelte Rak. „Ich überlege es mir.“


    Nachdem Stanna gegangen war, stand Rak eine Weile unentschlossen in der Mitte seines neuen Zuhauses und versuchte zu verstehen, was seit jenem Tag am Fluss alles passiert war. Er war so schnell von einer Sache in die nächste geraten, dass er nicht mehr an Vater und Mutter gedacht hatte. Nun, in der kalten Stille seines Zimmers, kamen die Sorgen zurück. Rak tat, was er schon ewig nicht mehr getan hatte. Er betete zu Rarik. Wenn es den Gott der Erde wirklich gab, so würde er wissen, dass weder Rak noch seine Eltern ein Verbrechen begangen hatten. Beschütze sie, flehte er stumm, sag ihnen, es geht mir gut. Mit fest geschlossenen Augen wiederholte er die Worte immer und immer wieder im Geiste. Nach und nach entspannte er sich. Um ihn herum war ein monotones Gemisch von Hintergrundgeräuschen entstanden, das ihn beruhigte und schläfrig machte. Es war angenehm, sich davon aufnehmen zu lassen und doch regten sich Zweifel in Rak. Woher kamen diese Laute? Rak schlug die Augen auf. Sofort verschwand das Brummen. In dem kleinen Raum war es absolut still. Hatte er etwa aus dieser Entfernung Schwingungen aus den Wänden wahrgenommen? Aufgeregt trat Rak an die nächstliegende Zimmerseite heran und hielt sanft das Ohr dagegen. Er musste sich kaum noch konzentrieren, da waren all die Laute schon da. Tatsächlich. Es war genau dasselbe, das er eben in der Mitte des Raumes vernommen hatte, wenn auch mit anderer Intensität. Bislang hatte Rak überhaupt nicht in Erwägung gezogen, dass so etwas möglich war. Wenn er dazu in der Lage war, sollte es doch auch denkbar sein, Stimmen aus dem Gesamtklang herauszufiltern. Rak schloss die Augen. Er versuchte all seine Gedanken beiseite zu schieben und sich nur auf sein Gehör zu konzentrieren.
    „... eben nicht alle gleich, Mikkon.“
    Das war Holons Stimme! Versucht, die Aufregung zu dämmen, drückte sich Rak näher an die Wand heran. Beinahe im selben Augenblick merkte er aber, dass die Worte aus einer anderen Richtung kamen.
    „So etwas ist nicht normal, Holon! Wir müssen sehr vorsichtig sein.“
    Verwirrt schoss Raks Blick zur Zimmertüre. Stanna hatte sie nicht ganz geschlossen. Enttäuschung keimte so schnell in Rak auf, dass er sich ihr nicht entziehen konnte. Einen kurzen Moment lang hatte er geglaubt, es sei ihm gelungen, Worte im Gemäuer zu verstehen. Leise spähte er zur Türe hinaus. Holon und Meister Lanon gingen in Richtung des Unterrichtsraumes, ihre Unterhaltung war schon nicht mehr hörbar. Auch Rak hätte gerne ein paar Worte mit Holon gewechselt. Er hätte gerne gewusst, was ihn hier unten noch erwartete, wie lange er hier bleiben sollte oder musste, was er durfte und was nicht. Sein Gefühl sagte ihm, dass solche Fragen besser bei Holon als bei Meister Lanon aufgehoben waren. Wie es der Zufall wollte, trat dieser auch kurz darauf wieder auf den Gang hinaus. Rak passte ihn ab.
    „Ah! Rak! Du bist hier unten? Warum gehst du nicht mit den anderen hinaus? Das Wetter ist schön und wer weiß, wie lange noch.“
    „Ich wollte dich gerne etwas fragen.“
    Holon verzog den Mund. „Tut mir leid, Junge, ich habe gerade keine Zeit. Wir sehen uns morgen.“
    „Wann? Wo?“
    „Ich werde dich schon finden.“
    Die Antwort stellte Rak alles andere als zufrieden, doch ehe er protestieren konnte, kam Holon ihm zuvor. „Ich muss jetzt wirklich weiter. Ach und Rak,“ bereits halb im Gehen, wandte er sich noch einmal um, „gut gemacht.“ Grinsend zog er einen Steinklumpen unter seinem Mantel hervor. Selbst im schwachen Licht des Kellergewölbes war Raks Handabdruck deutlich zu erkennen.


    Das Lob konnte Rak nur wenig darüber hinwegtrösten, dass er sich noch länger um Antworten gedulden musste. Weil er nicht wusste, was er sonst tun sollte, ging er den Gang entlang in Richtung des Treppenschachts. Dieses Mal war die schwere Türe unverschlossen. Obwohl er wusste, dass es noch nicht Abend sein konnte, überraschte Rak das Tageslicht nach der Zeit im Dunkeln. Ebenerdig gab es einen direkten Ausgang, während die Treppe sich weiter nach oben schlängelte. Rak trat ins Freie. Wie erwartet hatte er sich in einem der Türme befunden, allerdings war es einer auf der dem Gebirge zugewandten Seite der Burg. Nur wenige Meter von der Fassade entfernt erhob sich steil die Felswand. Rak ging den Spalt dazwischen entlang. Er entdeckte Arbeiter, die auf einem hölzernen Gerüst an der Burgmauer herum klopften. Genau so hatte das Geräusch geklungen, dass er am vorigen Tag auf der anderen Burgseite im Gestein wahrgenommen hatte. Konnte es wirklich über eine so weiter Distanz übertragen worden sein? Vermutlich schon. So langsam bekam Rak das Gefühl dass nichts unmöglich war. Erst vor wenigen Stunden hatte er in seinem Übungsstück Geräusche von anderen im Raum gehört. Er erinnerte sich an Lanons Ungläubigkeit und auch an sein Misstrauen. Während Holon stolz auf ihn war, schien der andere Elementar seine schnellen Fortschritte zu missbilligen. Rak verstand nicht warum. Wenn man junge Leute ausbildete, sollte dann nicht das Ziel sein, ihnen etwas beizubringen, je schneller desto besser?
    Rak ließ seinen Blick die Felswand hinauf wandern. All das war Gestein. Ob ein einzelner jemals in der Lage sein könnte, ein ganzes Gebirge zu bewegen? Oder eine Festung? Wenn nicht, werde ich der erste sein, dachte Rak. Auf einmal durchströmte ihn eine wilde Entschlossenheit. Er grinste und legte eine Hand auf den Fels. Es fühlte sich einfach richtig an, als hätte sein Leben lang ein Teil von ihm gefehlt und nun hatte er ihn gefunden.


    Rak erwachte, weil er Stimmen hörte. Sie waren so laut, als spräche jemand direkt neben ihm, doch als er die Augen aufschlug war sein Zimmer leer. Je klarer sein Verstand wurde, je mehr er sich aus den Schleiern des Schlafes löste, desto leiser wurden auch die Worte, die er vorher noch so klar hatte verstehen können. Hatte er geträumt? Die angekündigte Morgenglocke hatte noch nicht geläutet, also drehte Rak sich noch einmal auf die Seite und schloss die Augen. Da! Ganz deutlich hörte er es; jemand sprach. Er schälte sich aus seiner Decke und ging in die Richtung, aus der er das Geräusch vernommen hatte. Es kam aus der Wand. Aufregung befiel ihn und er legte sein Ohr auf das kalte Gemäuer, tastete sich an die Quelle der Laute an und versuchte alle anderen Empfindungen und Gedanken auszuschalten. Schnell baute sich die übliche Geräuschkulisse auf, eine stete Mischung aus Knacken und Knarzen, Rauschen, Klopfen und Scharren. Es musste da sein! Er hatte es so deutlich gehört, viel lauter als den Rest. Tief in Konzentration versunken, wäre Rak beinahe aufgesprungen, als erneut eine Stimme ertönte.
    „Ich bin generell der Meinung, dass es nicht klug ist, die Jungen und Mädchen zu lange warten zu lassen.“
    Rak riss die Augen auf. Das war Holon! Ein breites Grinsen wanderte auf sein Gesicht. Sofern Holon keine private Unterredung mit dem stillen Jungen im Zimmer nebenan hielt, hatte er es endlich geschafft. Er konnte Wörter durch das Gestein hindurch verstehen.
    „Wenn es zu früh ist, können sie oft nicht mit damit umgehen.“
    Diese Stimme war Rak unbekannt.
    „Wir sind zu wenige, um uns diese Vorsicht erlauben zu können.“
    Die Antwort ließ auf sich warten. Allmählich erkannte Rak, dass er gerade ein äußerst brisantes Gespräch belauschte.
    „Ich weiß, Ihr seht das anders. Doch unser Zweck dient nicht der Expansion. Es geht nur um das Überleben und damit meine ich nicht einmal das unsere. Das Wissen ist es, das wir unbedingt...“
    Laut und schallend ertönte die Morgenglocke. Rak fuhr zusammen und die Freude wich Ärger. Was hatte der zweite Mann noch sagen wollen? Die Idee, Holon danach zu fragen, verwarf er direkt wieder. Niemand wurde gerne belauscht und die Gefahr, dass Rak seinen scheinbar einzigen Verbündeten verlor, war zu groß. Widerwillig löste er sich von der Wand, wusch sich und ging in den Aufenthaltsraum zum Frühstück. Es gab denselben Getreidebrei, den er auch an seinem ersten Morgen gegessen hatte, wenn auch die Früchte fehlten. Dafür gab es Honig zum Süßen und heiße Milch zu trinken. Rak saß alleine, doch es wurde generell kaum gesprochen.
    Im Unterrichtsraum wartete Meister Lanon bereits auf sie. Sein Gesicht verriet seine Anspannung und Rak wurde das Gefühl nicht los, dass es etwas mit ihm zu tun hatte. Nachdem er sie willkommen geheißen hatte, kam er direkt auf die Aufgabe zu sprechen, die er ihnen gestern mitgegeben hatte. „Wie ist es euch bei der Übung ergangen? Vielleicht du, Finni? Willst du etwas dazu sagen? In der Stunde hast du dich schwer getan, wie war es danach?“
    „Also“, sie fuhr sich durch das Haar, „wir haben es gemeinsam ausprobiert, draußen im Steinbruch. Ich denke, wir haben ganz gute Fortschritte gemacht, oder?“
    Timm und der andere Junge in Raks Blickfeld nickten.
    „Was habt ihr bemerkt?“
    Unsicher sah Finni die anderen an und da wusste Rak, dass sie es entweder gar nicht versucht oder nichts zustande gebracht hatten.
    „Wir haben uns vorgestellt, dass nur noch die Steine existieren und alles andere ausgeblendet.“
    Timm nickte wieder.
    „Das ist eine gute Übung. Wie gesagt: ohne eine ruhige Geisteshaltung bringt man es in der Elementarmagie nicht weit. Wollen die anderen auch etwas sagen? Rak vielleicht?“
    Sofort bekam Rak heiße Wangen und ärgerte sich, dass er es nicht verhindern konnte. Unmöglich konnte Lanon von seinem Erfolg heute Morgen wissen, oder? „Viel habe ich gar nicht mehr versucht. Ein, zwei Mal ein wenig an den Wänden gehorcht, das war es.“
    Finni tuschelte irgendetwas zu Timm und Raks Wangen brannten stärker.
    „Möchtest du beschreiben, was passiert, wenn du am Gemäuer lauschst?“
    Nein, das wollte Rak nicht, doch gehorsam antwortete er. „Wenn ich mich konzentriere, entsteht ein brummendes Hintergrundgeräusch, aber es gibt auch dumpfe Schläge und solche Dinge.“
    Lanon nickte. „Das ist sehr gut. Musst du dich anstrengen, um dies wahrzunehmen? Ihr beiden“, wandte er sich an Timm und Finni, „hört auf zu schwätzen. Jeder kann von den Erfahrungen anderer etwas lernen, also passt auf.“
    Das ständige Getuschel der beiden irritierte Rak und er merkte, wie er wütend wurde. Es war ungerecht, dass Lanon ihn so ausfragte. Bei Finni hatte er sich viel schneller zufrieden gegeben, obwohl klar war, dass sie log.
    „Ich muss mich konzentrieren“, antwortete er schlicht.
    „Das wird sich auch kaum ändern. Die Arbeit eines Elementaren ist vor allem eine Sache des Geistes. Mit der Zeit sind wir nur besser in der Lage, uns zu fokussieren.“ Er ließ seine Worte einen Moment wirken. „Rak, wenn ich dich noch eines fragen darf, wie fühlt sich der Kontakt mit Gestein für dich an?“
    „Wie meint Ihr das?“
    „Kommst du dir komisch dabei vor? Bemerkst du in erster Linie seine physischen Eigenschaften, also ob er warm oder kalt, glatt oder rau ist? Oder fühlt es sich normal an, vielleicht gar vertraut?“
    Rak schluckte schwer und dachte an das gute Gefühl beim Berühren der Felswand. Lanon testete ihn. Das war schon unangenehm genug, doch wieso musste er es vor den anderen machen? „Manchmal ist es merkwürdig, doch ich finde es interessant“, log er und endlich ließ Lanon von ihm ab.
    Den Rest der Stunde widmete der Meister dem Thema der Verfolgung der Elementare durch die königlichen Ritter. Er berichtete von der drohenden Ausrottung vor langer Zeit und dem Rückzug der Verbliebenen in den Untergrund. Deshalb, betonte er, war es sehr wichtig, dass sie ihre Fähigkeiten kontrollieren konnten und sie nur einsetzten, wenn der Orden es erlaubte. Rak hatte das Gefühl, dass Lanon ihn häufiger ansah als die anderen. Der Vortrag erschien ihm zunehmend wie eine persönliche Belehrung, deshalb driftete er mit seinen Gedanken bald ab. Wie und wann würde Holon wohl auf ihn zukommen, falls überhaupt? Es gab mehr Fragen denn je, die er ihm gerne stellen wollte. Vielleicht konnte Holon ihm sogar weitere Übungen zeigen, damit er schneller voran kam. Unterdessen war Lanon dazu übergegangen, von den Hinrichtungsmethoden zu berichten, die den, der Magie Bezichtigten und ihren Verwandten bevor standen. Rak versteifte sich. „Die Verwandten?“, murmelte er.
    „Wie bitte? Gibt es eine Frage?“ Lanon hielt inne und sah sich im Raum um, als wisse er nicht genau, woher die Worte gekommen waren. „Nicht? In Ordnung. Ihr seht, es ist nicht unbedingt ein Segen, die Gabe zu besitzen. Das liegt an den magischen Verbrechen der Vergangenheit. Damals trieb unsereins einen Keil zwischen die magische und nicht magische Gesellschaft. Und deshalb, ich kann es nicht oft genug betonen, müssen wir sehr vorsichtig sein.“
    „Was ist damals geschehen?“, fragte ein Junge hinter Rak kleinlaut.
    „Das, Marlo, werdet ihr zu einem späteren Zeitpunkt erfahren. Erst müsst ihr die Magie der Elemente besser verstehen.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 20. Mythos und Wirklichkeit


    Der Besuch bei diesem Pater war sehr aufschlussreich gewesen. Für das Mädchen und ihren Vater mochte es wie ein vergeblicher Versuch wirken, für Halldor war nun vieles klarer. Seinen Auftrag machte es allerdings keinen Deut leichter. Es war natürlich ein Glücksfall, dass die absolute Mehrheit der Leute keinen blassen Schimmer von der eigenen Vergangenheit hatte, doch dieser Schatz an Wissen, den der Geistliche hütete, war eine große Gefahr. Bevor er nicht wusste, was dort alles vermerkt war, musste Halldor sehr vorsichtig sein. Er wünschte, er hätte jemanden, mit dem er sich beratschlagen konnte. Die Überfahrt war eine einzige Irrfahrt gewesen. Die See konnte endlos sein, wenn man sein Ziel nicht genau kannte. Tatsächlich konnte sich Halldor nicht erinnern, dass jemals Land in Sicht gekommen war, geschweige denn an den Schiffbruch. Ganz erfunden war sein Gedächtnisschwund nicht. Immerhin blieben ihm so die Bilder von Milgirs Tod erspart. Warum Sinklar das Risiko eingegangen war, seinen zweiten Sohn mitzuschicken, hatte Halldor von Anfang an nicht verstanden, doch wer war er, des Lords Entscheidungen zu bewerten. Nun war nur noch er übrig.
    Die Aviare waren anders, als er sie sich vorgestellt hatte. Er hatte ein stolzes, misstrauisches Volk erwartet, das ein gut bewachtes Territorium verwaltete. Stattdessen hatte er eine ländliche Dorfgemeinschaft gefunden, die ihre Werkzeuge aus Feuerstein herstellte. Und was am wichtigsten war: es gab keinerlei Anzeichen von Magie. Sinklar hatte sie vor Kräften in reinster Form gewarnt, nicht zu vergleichen mit dem kläglichen Rest, der unter den Menschenvölkern überlebt hatte. Bislang hatte Halldor nichts entdecken können. Zwar war ihre Fähigkeit, sich zu verwandeln beeindruckend und auch ein wenig furchteinflößend, doch waren sie im Grunde nichts anderes als übergroße Vögel. Ob der Lord seinem Plan treu bleiben würde, wenn er all dies wüsste? Halldor befürchtete sowieso, dass es schwer würde, dieses Volk davon zu überzeugen, ihm nach Mildir zu folgen. Andererseits war es ihm nicht möglich, ohne sie zurück zu kommen. Der Gedanke, den Rest seines Lebens auf diesen ausgestorbenen Inseln verbringen zu müssen, schauderte ihm. Er lehnte sich zurück an die Hauswand. Die kleine Familie ließ ihn bei sich wohnen und auch wenn Halldor ihr Heim für drei Personen bereits zu klein fand, nahm er das Angebot dankbar an. Bei ihnen würde er beginnen. Er konnte ihnen helfen, bei was auch immer sie den ganzen Tag taten. Stück für Stück würde er ihr Vertrauen gewinnen und dann und wann Geschichten aus seiner Heimat einstreuen. Vor allem dem Mädchen würde er viel erzählen. Sie war begierig mehr zu erfahren, das merkte er ganz deutlich. Bei ihr würde er den Samen zuerst sähen. Immer weiter würde er die Geschichten spinnen, ihre Fantasie anregen, bis sie sich gegenseitig davon erzählten und bis sie tatsächlich glaubten, das mysteriöse und unbekannte Volk der Dunkelelfen sei ihr Feind. Eine düstere Bedrohung, die zu Ende bringen wollte, was ihr vor all der langen Zeit nicht gelungen war. Es konnte Jahre dauern, das war Halldor bewusst, doch dies war sein Opfer für das edle Volk der Alben und für seinen hohen Lord. Er würde es schaffen. Er würde die Aviare überzeugen, dass es nur einen Ausweg für sie gab. Angriff.



    21. Macht


    Mit einer gehörigen Portion schlechter Laune ging Rak zur Nachmittagsarbeit. Nicht nur, dass er sich von Lanon vorgeführt fühlte, die Sorgen um seine Eltern waren wieder schmerzlich in den Vordergrund gerückt. Wenn es stimmte, was der Meister sagte, hatte Holon dann nicht auch gewusst, dass eine Eltern in Gefahr waren? Rak verfluchte sich, dass er ihn nicht noch in Krinkgard danach gefragt hatte. Niemals wäre er von dort geflohen, wenn er dies geahnt hätte. Stattdessen hätte er alles daran gesetzt, sie ebenfalls zu retten. Wenn er nur gewusst hätte, wie, wäre er auf der Stelle aufgebrochen, um dies nachzuholen. Trotz seiner Fortschritte fühlte Rak sich allmählich eingesperrt. Zwar konnte er die Burg verlassen und sich frei in ihr bewegen, doch dieses Privileg war leicht gewährt, wenn man sicher sein konnte, dass er nicht weglief. Er wusste ja nicht einmal, wo genau er sich in Norgond befand. Geld hatte er auch keines und selbst wenn er Vorräte aus der Küche stahl, hätte er sich vermutlich verirrt, bevor sie ihm ausgingen. Wenn die Lehrmeister ihn weiterhin so ausbremsten, würden auch seine Fähigkeiten irgendwann stagnieren, und das, nachdem er die Elementarmagie gerade erst für sich entdeckt hatte und neugierig auf mehr war. Einer düsteren Wolke gleich sammelten seine Gedanken sich um ihn herum.
    Seine Stimmung erhellte sich nicht gerade, als er in der Waschküche eintraf und Timm dort vorfand.
    „Da bist du ja endlich“, schnauzte dieser direkt los. „Ich dachte schon, ich muss die ganze Arbeit alleine machen, während dir noch der Hintern gepudert wird.“
    Rak überging ihn und schnappte sich das erste Bettlaken aus dem Waschkessel.
    „Sag schon, was wollte der Alte dieses Mal? Hat er dir geheime Tricks gezeigt? Dinge, die zu hoch sind für Trottel wie uns?“
    „Überhaupt nichts. Ich habe den Raum hier nur nicht gleich gefunden.“
    Timm prustete verächtlich. „Von wegen. Gestern hat er dich auch schon für zusätzliche Streicheleinheiten dabehalten.“
    Mit großer Mühe schloss Rak die Augen und atmete tief durch. „Nein, Timm. Ich wurde dafür gescholten, dass ich mehr ausprobiert habe, als wir sollten.“
    „Das glaubst du ja selber nicht! Ich habe doch genau gehört, wie er dich gelobt hat.“ Seine kleinen Augen fixierten Rak, während er immer und immer wieder dieselbe Stelle an seinem Laken schrubbte.
    „Er wollte wissen, woher ich wusste, dass man etwas im Gestein hören kann.“ Rak merkte wie er wütend wurde und sich zugleich um jeden Preis verteidigen wollte. Immerhin war er es, dem niemand Informationen gab, der gestern in einem unangenehmen Kreuzverhör verhaftet gewesen war und nicht dieser dumme Junge.
    „Du hast doch eh nur so getan! Wieso sollte man in so einem kleinen Brocken etwas hören können?“
    „Hast du nicht gesehen, wie der Meister seinen kleinen Brocken hat schweben lassen?“, konterte Rak.
    „Das ist ja wohl etwas anderes. Das ist Magie! Deshalb sind wir hier, um so etwas zu lernen.“ Timm begann sein Laken auszuwringen.
    Rak konnte sich ein ironisches Grinsen nicht verkneifen. „Du hast gehört, was der Meister gesagt hat: wer nicht sich einmal auf ein Stück Stein konzentrieren kann, der kann es gleich lassen. Vielleicht solltest du freiwillig gehen.“
    Zornesröte trat in Timms Gesicht. „Und nur weil du dein Ohr an irgendeinen Klumpen hältst, denkst du, du bist schon ein großer Elementar?“
    „Du kapierst es nicht, oder? Das hängt alles zusammen! Fühlen, hören, steuern.“ Er wusste, dass er prahlte und zu viel verriet, doch er konnte nicht anders. Der Drang, den älteren Jungen vorzuführen, war zu groß. Und tatsächlich zögerte Timm kurz bevor er etwas entgegensetzte.
    „Das hat dir jemand verraten. Der Typ mit dem du hergekommen bist! Ein dummer Bäckersohn weiß so etwas nicht, auch nicht, wenn er aus der hohen Hauptstadt kommt.“
    Der Kiefer zuckte Rak, als er die Zähne aufeinander biss. Woher wusste dieser Kerl, dass er in einer Backstube arbeitete? Wieso schien hier jeder alles zu wissen? Jeder außer er?
    „Man sagt, ein Bäcker hat so viel Grips, wie die Brötchen, die er backt“, fuhr Timm fort, der offensichtlich gemerkt hatte, dass er Rak damit wütend machen konnte. „Ein Wunder, dass dein Vater überhaupt das richtige Loch in der Mutter gefunden hat, um dich zu zeugen.“
    Eher er sich versah, hatte Rak die kurze Distanz zwischen ihnen überbrückt und den größeren Timm am Hals gepackt. „Spinnst du, oder was?“, presste Timm hervor, doch Rak drückte nur noch fester zu.
    „Sprech – nie – wieder – von – meinen Eltern!“, sagte er zwar leise, doch mit bedrohlichem Unterton, bevor er von Timm abließ, der sofort seinen Hals abtastete. Wütend starrte er Rak an, dann ging er auf ihn los. Er versuchte ihm mit der Faust ins Gesicht zu schlagen, doch verfehlte sein Ziel. Timm war größer und stärker als Rak und eben hatte bloß das Überraschungsmoment geholfen, das wussten sie beide.
    „Ich werde dir die Fresse polieren!“, knurrte Timm. „Dann überlegst du dir das nächste Mal zwei Mal, ob du dir einen Gesteinsklumpen an die Backe pressen willst, um die Meister zu beeindrucken.“
    „Versuchs doch!“, gab Rak zurück. Keinesfalls wollte er Schwäche zeigen. Ein Hieb Timms traf ihn im Bauch, doch konnte er seinerseits mit dem Fuß einen Treffer landen. Sie zerrten sich an den Kleidern und versuchten jeweils das Gesicht des anderen zu erwischen. Raks Hemd rutschte ihm beinahe schon über den Kopf. Er atmete schwer, doch immerhin war auch Timm die Anstrengung deutlich anzumerken.
    „Ich soll nicht von deinen Eltern sprechen, ja?“, presste er im Gerangel hervor. „Warum nicht? Weil ich Recht habe und sie dumm wie Brot sind? Oder hast du vielleicht gar keine Eltern? Haben sie dich ausgesetzt wie einen räudigen Hund?“
    „Halt den Mund!“, brüllte Rak. Die schrecklichen Szenen, die sich immer wieder in sein Bewusstsein gedrängt hatten, bauten sich vor seinem inneren Auge auf. Seine Mutter und sein Vater bloßgestellt und gefoltert. Er würde nicht erlauben, dass Timm so von ihnen sprach. Rak konnte sich keine besseren und gütigeren Menschen als seine Eltern vorstellen, auch wenn sie freilich einfache Leute waren. Noch nie da gewesener Zorn erfüllte ihn. „Du sollst nicht von ihnen sprechen, weil ich dich sonst umbringe.“ Rak hatte die Worte ganz leise gesprochen, doch sein Atem ging schnell und schwer. Er war so wütend, dass ihm schwindelig wurde und er wollte nur eines: dem anderen weh tun. Mit zusammengekniffenen Augen sah er Timm an, dessen Gesichtsausdruck sich plötzlich änderte. War das Furcht? Dann geschah alles sehr schnell. Von allen Seiten flogen Gesteinsbrocken herbei und schlugen hart auf Timms Körper auf. Einer davon traf ihn am Kopf, worauf er bewusstlos zu Boden ging. Raks Zorn war Entsetzen gewichen. Er blickte sich um. Sie waren noch immer alleine. Die Erkenntnis schoss mit Eiseskälte durch seine Adern und er schlug die Hand vor den Mund. Es gab nur eine Erklärung: er hatte die Steine beschworen.
    Nervös raufte er sich die Haare. Was sollte er tun? Er ging zu Timm und beugte sich zu ihm hinab. Blut sickerte aus einer üblen Platzwunde auf den Boden, doch immerhin atmete er noch. Gerade wollte Rak zum Waschbecken eilen, um das Blut wegzuwaschen, da hörte er schon eilige Schritte auf dem Gang und kurz darauf Lanons Stimme. „Was ist hier los?“



    Schon eine gefühlte Ewigkeit saß Rak in dem kleinen Raum auf einem der schweren Stühle, die den runden Tisch in seiner Mitte flankierten. Die Eichentüre war abgeschlossen, doch er wäre ohnehin nicht weggelaufen. Wo sollte er schon hin? Meister Lanon hatte Timm in sein Zimmer bringen lassen und alle möglichen Anweisungen gegeben, die Rak kaum wahrgenommen hatte. Wie paralysiert war er in der Waschküche gestanden, hatte die Blutlache und die Steinbrocken am Boden und die Löcher in der Wand angestarrt und versucht zu verstehen, was gerade passiert war. Dann war Holon aufgetaucht.
    „Du wolltest mich sehen, Mikkon?“, dann: „Oh.“
    Er hatte einen der Brocken aufgehoben und betrachtet, ebenso die Wände und dann hatte Rak seinen Blick auf sich gespürt und sich mühsam aus seiner Trance befreit. Das Gesicht des jungen Meisters war unleserlich gewesen, doch immerhin hatte er keine Wut darin erkennen können.
    „Wir müssen reden“, war Lanons Stimmt ertönt und ehe Rak sich versah, war er in das kleine Ratszimmer gesperrt worden und die beiden Meister waren irgendwo anderes hingegangen, um zu reden. Die Mühe hätten sie sich auch sparen können, denn Rak hörte jedes Wort. Dabei war er sich gar nicht sicher, ob er das wirklich wollte. Es flog ihm einfach so zu, er musste sich nicht einmal mehr anstrengen, um die Geräusche aus der Wand wahrzunehmen.
    „Der Junge ist eine Gefahr für sich und die anderen.“ Meister Lanons Stimme war fest und bestimmt. „Was habt du ihm alles gezeigt?“
    „Gar nichts. Ich habe ihn nur ermutigt, weiter zu üben, als er nach einem gescheiterten Hörversuch aufgeben wollte – bei dem ich ihn im Übrigen zufällig erwischt habe.“ Holon hingegen klang fast ein wenig amüsiert oder sogar spöttisch.
    „Das hat mir der Junge auch gesagt!“
    „Hast du ihn ausgequetscht?“ Nun mischte sich Ärger mit hinein.
    „Ich musste ihn fragen! Er hat seinen Übungsstein verformt!“
    „Und?“ – „Holon! Das ist kein Spiel! Ich weiß nicht, ob wir ihn weiter ausbilden sollten.“ Etwas klatschte, als schlage jemand mit der Hand auf einen Tisch.
    „Und was sonst? Wollt Ihr ihn etwa auf die Straße setzen und seinem Schicksal überlassen? Was glaubst du denn? Dass er dann keine Gefahr für sich und die Umwelt ist, wenn ihm keiner sagt, wie er es beherrschen kann?“ Holon war laut geworden.
    „Aber noch nie… niemals hat jemand so schnell so viel beherrscht…“
    „Das stimmt nicht. Es gab schon einmal jemanden.“ Kurz war es still, dann sprach wieder Holon. „Du weißt von wem ich spreche. Der Junge bleibt hier und wir werden ihn weiter ausbilden.“ Ruhe kehrte ein.
    „Er muss eine Strafe erhalten; für das, was er dem anderen Jungen angetan hat.“
    „Jungen prügeln sich nun einmal… Schon gut, schon gut! Dann soll er bestraft werden.“ Rak hörte, wie sie zur Tür gingen und die Klinke gedrückt wurde.
    „Ich werde ihn nicht aus den Augen lassen und dich ebenso wenig, Holon“, sagte Meister Lanon. „Großmeister Hangol hat mir von Eurer Unterredung heute Morgen berichtet.“ Mit einem Klicken fiel die Türe ins Schloss. „Wir werden nicht zulassen, dass du und die anderen diesen Ort als Rekrutenschule missbraucht.“


    Zusammengesunken wartete Rak, wie die Schritte die beiden Stück für Stück näher brachten. Sein Kopf dröhnte, die allgegenwärtigen Geräusche vermischten sich mit seinen eigenen lauten Gedanken. Vielleicht hatte Meister Lanon Recht und er konnte all das, was aus ihm hinaus strömte, nicht kontrollieren. Weil er sich trotzdem zu weit hinausgewagt hatte, ergriff es nun Besitz von ihm. Rak versuchte sich dem Einfluss des Gemäuers zu entziehen, doch sein Wille war zu schwach. Die Klänge fanden weiterhin ihren Weg in sein Bewusstsein. Was geschah mit ihm? Holon schien alles nicht sonderlich tragisch zu sehen, doch Rak wusste nicht mehr, was er glauben sollte. Seine Gedanken wanderten zu Timm und er merkte, dass er es ihm nicht einmal leid tat. Der Junge hatte keine Ahnung, was Rak durchgemacht hatte und war schlicht und ergreifend neidisch. Niemals würde er zulassen, dass jemand schlecht über seine Eltern sprach, das war das Mindeste, das er ihnen schuldig war, wenn er schon die Schuld an ihrem Schicksal trug. Doch was machte das aus ihm, wenn es ihn kalt ließ, einen anderen Menschen böse verletzt zu haben? Ein wenig schämte sich Rak für seine Wut. War er vor nicht allzu langer Zeit nicht selbst neidisch auf andere gewesen, die bessere Voraussetzungen hatten, als er? „Nein!“, sagte er sich im Versuch den Kreisel der Gedanken zu unterbrechen. Das war etwas anderes gewesen. Er ließ den Blick über das Gemäuer schweifen. In dem Moment in der Waschküche hatte sich etwas in ihm verändert. Selbst jetzt aus der Ferne konnte er die Struktur der Steine auf seinen Händen spüren, ihren Kontakt zur Erde und eben auch all die Geräusche hören. Es war, als wäre die Verbindung zwischen ihm und dem Element in dem Augenblick eingerastet, in dem die Wandstücke seiner Wut gefolgt und auf Timm geflogen waren. Rak rieb die Finger aneinander. Schwach regte sich noch die Furcht in ihm, von dieser neuen Macht beherrscht zu werden, doch sie wurde bereits von etwas anderem verdrängt. Stolz.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 22. Hinterhalt


    Weiterhin prägte Nässe Triborins ersten Kontakt mit Mildir. Nachdem sie die Schwüle der Sümpfe verlassen hatten, kam der Regen. Endlos strömte es hinab und Wiesen und Wälder dampften, sodass es wirkte, als käme das Wasser auch aus dem Boden. Meist war es den ganzen Tag düster. Von der goldenen Sonne des Albenreichs war nichts zu sehen. Triborin hatte seinen Umhang zusammengerollt und am Sattel befestigt. Ohne den vollgesogenen Stoff auf den Schultern machte ihm die Nässe nichts aus. Das Leder hielt ihn trocken und warm und sein Haar war wie stets zu einem engen Zopf geflochten. Liena war dem Wetter wesentlich stärker ausgeliefert. Das Haar klebte ihr an den Wangen und ihre Kleider waren durchnässt. Trotzdem beschwerte sie sich nicht einmal und bestand nicht auf längere Pausen. Triborin versuchte schlau daraus zu werden. Wollte sie die Starke spielen oder hatte sie es eilig?
    Gegen Abend nahm der Regen ab und ein heller Streifen kämpfte sich an den südwestlichen Horizont. Erst schüchtern und schmal, dann immer größer, zart golden-gelblich, später pastellblau, während alles darüber dicht und grau blieb.
    „Morgen wird es besser werden“, sagte Liena leise, ohne den Blick vom Horizont zu nehmen, der wie ein dünnes Band der Hoffnung gegen die Düsternis ankämpfte. Sie sollte Recht behalten. Die erste Nacht seit Tagen verbrachten sie ohne das stetige Rauschen und Tropfen des Wassers, wenn sie zur Sicherheit auch trotzdem einen geschützten Rastplatz bezogen hatten. Die Bäume waren nicht sonderlich hoch, doch sie streckten ihre Äste weit zu den Seiten aus und bildeten ein dichtes Dach. Triborin prüfte die Verletzung seines Pferdes und seine eigene. Beide Wunden waren so gut wie verheilt, in erstaunlich kurzer Zeit.
    Schweigsam aßen sie. Liena hatte festes Brot bei sich, von dem bereits kleine Mengen sättigten wie ein ganzes Mahl. Dankbar nahm Triborin es an, um seine eigenen Vorräte aufzusparen. Einmal hatte er der Albe in einem Anflug von schlechtem Gewissen etwas von seinem Dörrfleisch angeboten. Sie hatte abgelehnt. Erst hinterher war Triborin eingefallen, dass Alben kein Fleisch aßen und zu seinem eigenen Erstaunen hatte er sich unangenehm beschämt gefühlt und die Schinkenstreifen eilig wieder weggepackt.
    Noch immer wusste Triborin nicht, was er von Lienas Handeln halten sollte. Seit ihrem Gespräch kurz hinter der Grenze, hatten sie kaum mehr über etwas anderes als alltägliche Dinge gesprochen. Allgemein waren selten Worte gefallen. Die meiste Zeit hatten sie stumm dem Regen und den Schritten der Pferde gelauscht, jeder in seine eigenen Gedanken versunken. Sie waren niemandem begegnet. Triborin war unentschlossen, ob ihn das beruhigen oder alarmieren sollte.
    Die Bewaldung wurde nun dichter. Neben der eingeschlagenen Himmelsrichtung ein weiteres Indiz, dass sie sich in die richtige Richtung bewegten. Triborin kannte die Topographie gut genug, um nicht befürchten zu müssen, eines Tages unverhofft vor den Toren Salisirs zu stehen, wo ihn eine Horde von Sinklars Milsari bereits erwartete. Die Wolkendecke hatte sich über Nacht beinahe gänzlich aufgelöst und Sonnenstrahlen drangen zwischen den Blättern hindurch. Es war wahrlich ein schöner Anblick. Möglicherweise würde Triborin nun das Mildir zu Gesicht bekommen, von dem die Legenden erzählten. Ihr Weg führte sie einen schmalen Pfad entlang, der von Nadeln und Blättern bedeckt trotz der Regenfälle der vergangenen Tage beinahe trocken war. Als erwache das Leben durch die Wärme der Morgensonne von Neuem, zwitscherte, raschelte und scharte es ununterbrochen um sie herum. Ein klarer Bach suchte sich leise plätschernd einen Weg zwischen den Bäumen hindurch. Für Triborin, der die allgegenwärtige Stille von Lacharys' Norden gewohnt war, glich dies einer Geräuschexplosion. Mit gemischten Gefühlen untersuchte er die Umgebung. Was man in Lacharys über die Alben sagte, übertrug man auf ihr Land. Es war so schön wie gefährlich. Von lebendigen Bäumen war ebenso die Rede wie von alten Geschöpfen, von Narma selbst geboren, um ihre Welt zu schützen. Viel mehr als diese Fabelwesen fürchtete Triborin allerdings die mögliche Anwesenheit von anderen Alben, unsichtbar für seine Augen im Gewächs verborgen. Verschiedenste Bäume wuchsen hier direkt nebeneinander. Kleine, buckelige mit roten Blättern, etwas größere mit weißem Stamm und alles überragend die schnurgeraden Nadelbäume mit ihren weit entfernten Kronen. Ein paar Mal dachte Triborin es hatte wieder angefangen zu regnen, doch es war nur der Wind, der die trockenen Blätter von den Bäumen trieb.
    Seine Gedanken wanderten zu seiner Mission. Bislang war es ihm erfolgreich gelungen, die genauere Planung aufzuschieben. Der Alben Blick richtet sich nach Süden. So waren die Worte von Solfor Sachrass gewesen. Wenn man ganz im Norden lebte, war dies nicht gerade ein definiertes Ziel. Erneut kam Triborin nicht umhin, an seinem Auftrag zu zweifeln. Warum sollte Xyrius das Risiko eingehen, einen einzelnen Dunkelelfen in fremdes Land zu schicken, ohne detaillierte Informationen zu kennen? Warum hatte er stattdessen keinen Schattengänger geschickt? Für eine geheime Mission war niemand besser geeignet, als die Spione, denen es auf unerklärliche Weise gelang, komplett mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Allerdings blieb Triborin nichts anderes übrig, als einfach weiter zu machen. Vesperion war ihm nach den jüngsten Ereignissen verschlossen und Mildir komplett zu durchqueren, erschien ihm wie ein Spaziergang zu dem, was ihn in der Heimat erwartete, wenn er unverrichteter Dinge dort auftauchte. Nein, es gab kein zurück. Er würde in den tiefsten Süden Solterras reisen. Limargres Kaiserreich galt als tolerant und gastfreundlich und die große Bibliothek in der Hauptstadt Duwalara stand denen Salisirs und Xarchavas' in nichts nach. Für ein Menschenvolk war dies ungewöhnlich, doch Triborin hatte schon häufig gehört, dass die Südmenschen ganz anderes waren, als ihre Artverwandten aus West und Ost.
    Triborin betrachtete Liena, die vor ihm ritt. Sie würde ihn kaum zur Grenze geleiten, um ihn dort mit den besten Wünschen alleine auf die Weiterreise zu schicken. Irgendetwas musste sie doch bezwecken. Gedankenverloren strich er über sein Handgelenk. Es wäre so einfach. Und genau so etwas erwarteten die Alben doch von den Dunkelelfen, einen feigen Angriff im Rücken des Gegners. Bevor Liena merken würde, was geschah, hätte ihr Herz bereits aufgehört zu schlagen. Wie weit mochte es wohl noch nach Solterra sein? Lienas Gerede von sehenden Bäumen zum Trotz, war Triborin zuversichtlich, dass er es schaffen würde. Offenbar lebte in diesem Teil Mildirs niemand. Wieso sollte es dann jemanden geben, der ihn aufhielt? Sein Daumen schwebte über dem Abzug der kleinen Armbrust, doch er machte sich selbst etwas vor. Er wusste schon längst, dass er es nicht tun konnte. Leise seufzend senkte er den Arm. Er war eine Schande für seinen Stand und sein Volk.


    Der Tag zog sich in die Länge und im Vergleich zum offenen Gelände, kamen sie nur langsam voran. Die fehlende Sicht begann an Triborin zu nagen, ebenso das stete Schweigen Lienas. Eigentlich war es sein Volk, das als wortkarg galt. Liena wäre diesbezüglich inmitten von Dunkelelfen nicht aufgefallen. Als sie schließlich sprach, zuckte Triborin beinahe zusammen und ihre Stimme wirkte fremd und fehl am Platz.
    „Hier stimmt etwas nicht.“
    „Was habt Ihr bemerkt?“
    „Sch!“ Liena hielt ihr Pferd an. „Wir sind nicht allein.“
    Argwöhnisch blickte Triborin sich um. In alle Richtungen sah er nichts als grün, durchzogen von den Stämmen und Ästen der Bäume und gebadet in dem goldenen Licht, das es hier tatsächlich im Überfluss zu geben schien. Unermüdlich zwitscherten die Vögel und der Wind strich sanft durch die Blätter, ansonsten war nichts zu hören. Es war nicht anders, als die ganze Zeit schon. Trotzdem packte Triborin die Zügel seines Nachtschattens fester. Anstelle weiter die Umgebung abzusuchen, musterte er Liena. Konzentriert starrte die Albe gerade aus, nur auf ihr Gehör fixiert, oder ihr Gefühl. Schon vorher war ihm aufgefallen, dass sie mit dem Land und der Natur verbunden zu sein schien. Mit einer Handbewegung bedeutete sie ihm, ins Unterholz zu folgen.
    „Vor was verstecken wir uns?“, flüsterte Triborin ohne eine Antwort zu erhalten. Widerwillig heftete sein Nachtschatten sich an die Fersen des Wildpferdes. Je enger die Vegetation wurde, desto weniger behagte es dem großen Ross. Als es zu bocken drohte, stieg Triborin ab, tätschelte seine Flanke und ging neben ihm her. Angestrengt lauschte er in den Wald hinein. War dort ein Knacken gewesen? Raschelte hier das Laub? Das Gefühl des Ausgeliefertseins machte Triborin unruhig. Liena blieb stehen.
    „Verhaltet Euch ganz ruhig.“ In einer fließenden Bewegung glitt der Bogen in ihre Hand und ein Pfeil auf die Sehne. Triborin hob die Hand an den Griff seines Krummschwertes.
    „Nehmt den Bogen runter, werte Schwester.“
    Liena zuckte zusammen, doch hielt den Bogen gespannt.
    „Zeigt Euch!“
    „Kommt schon. Als hättet Ihr meine liebliche Stimme nicht erkannt.“
    Ein elegant gekleideter Alb schälte sich aus den Büschen unmittelbar neben Liena und trat nahe an die Pfeilspitze heran. Triborin kannte ihn.
    „Ralir“, sagte Liena nur. Für Triborins Verhältnisse wirkte sie nicht gerade glücklich über die Begegnung.
    „Ich hoffe für Euch, dass das Euer Gefangener ist.“ Angewidert sah er Liena an. „Oder seid Ihr die seine?“
    Liena entgegnete nichts.
    „Ergreift ihn.“
    In Bruchteilen von Sekunden war Triborin umzingelt von Alben, ganz zu schweigen von der Menge Pfeile, die er verborgen im Gebüsch vermutete.
    „Nicht töten. Der Lord wird seine Geschichte hören wollen.“
    Triborin rührte sich nicht. Er spürte die Anspannung seines Pferdes, das auf eine Anweisung wartete. Schnell wog Triborin seine Chancen ab. Vorausgesetzt, dies war dieselbe Gruppe, die er in Vesperion gesehen hatte, konnten sich maximal zwei oder drei weitere im Unterholz verbergen. Sein Blick flog zu Liena, die wie gelähmt an Ort und Stelle stand. Bei Noxa, er hätte sie einfach beseitigen und einen anderen Weg einschlagen sollen. Ein bitteres Lachen kroch ihm die Kehle hinauf. Wie hatte er nur etwas anderes von ihr erwarten können? Langsam zog er seine Waffe.
    Liena löste sich aus ihrer Starre. „Nein!“
    Triborin hörte nicht auf sie. Der erste Alb sackte tot zu Boden, die Klinge des zweiten klirrte laut gegen die seine.
    „Setzt ihn außer Gefecht!“, befahl der Anführer.
    Triborin feuerte einen Giftpfeil auf ihn ab, doch Liena hatte irgendeinen Schild ergriffen und wehrte das Geschoss ab. Wütend biss Triborin die Zähne zusammen. Elendes Weib! Seinem Zorn fielen zwei weitere Alben zum Opfer, während er versuchte die anderen mit der Klinge in Schach zu halten. Sein Vorteil war, dass sie ihn am Leben lassen mussten. Trotzdem war er ihnen unterlegen und Alben waren ganz andere Gegner, als Menschen. Triborin schrie auf, als sich ein Pfeil in sein Bein bohrte. Sein Blickfeld flimmerte. Ein Wiehern drang laut in seine Ohren und aus dem Augenwinkel saß er, wie sein Nachtschatten ihm zur Hilfe eilte.
    „Fällt das Ross!“
    „Aber mein Herr, Narma...“
    „Scheiß auf Narma! Tötet das verdammte Pferd!“
    Schwer atmend rammte Triborin einem Alben das Krummschwert in den Hals. Brennender Schmerz flammte an seinem Oberarm auf, als ihn irgendetwas traf, doch er biss die Zähne zusammen. Er musste seinen Nachtschatten retten, solange noch Uneinigkeit unter den Alben herrschte. Sie töten keine Tiere, erinnerte er sich und humpelte auf sein Pferd zu.
    „Haltet ihn auf!“ Die Stimme des Anführers war schrill, auch wenn er sich selbst nach wie vor komplett aus den Kämpfen heraushielt. Mit Mühe wehrte Triborin einen Angriff ab und wich einem Pfeil aus. Dann gelang es ihm, sich auf den Rücken des Nachtschattens zu schwingen. „Los!“
    Seiner Furcht zum Trotz, stob das Ross in den Wald hinein. Zweige peitschten über sie hinweg und Triborin hörte das Surren mehrerer Pfeile, doch er war zu schnell, das Geäst zu dicht. Obwohl Triborin das Bein so nahe wie möglich an den Körper seines Pferdes drückte, wurde der Schaft des Pfeils immer wieder von Hindernissen getroffen und jedes Mal vernebelte heißer Schmerz Triborin die Sinne. An seinem linken Arm war das Leder aufgeschlitzt und dunkle Flüssigkeit quoll heraus. Eine Kleinigkeit im Vergleich zu der Pfeilwunde. Triborin wusste, dass er das Bein dringend verarzten musste, doch er durfte nicht anhalten. Zwar hatte er keine Pferde gesehen, doch das hieß nicht, dass die Alben keine hatten. Er musste so schnell wie möglich und auf direktem Wege nach Solterra.




    23. Der goldene Baum


    Als Rasgar das nächste Mal aufwachte, war es, weil er hart auf dem Boden aufschlug. Schmerzen wie von Knüppelhieben dröhnten in seinem Kopf, sein Atem ging rasselnd und sein Herz schlug laut und unregelmäßig in seinen Ohren. So Noxa wolle, sollte ihn dieser vermaledeite Sumpf doch schlucken! Lieber wollte er in dem stinkenden Morast versinken, als noch einen Tag länger diese Kopfschmerzen ertragen zu müssen. Mit der Hand tastete er neben sich, doch der Boden war trocken. Hatte er jetzt auch noch das Pech, auf einer der wenigen festen Stellen gelandet zu sein? Rasgar kniff die Augen zusammen und mühte seine Sinne. Wenn er es sich recht überlegte, fehlte auch der faulige Gestank. Er atmete tief ein. Tatsächlich. Es roch nach Gras und Kräutern - es roch frisch. Vorsichtig und mit viel Willenskraft öffnete er die Augen. Grelles Sonnenlicht blendete ihn und entfachte das Pochen in seinem Kopf wie Wind das Feuer. Schwerfällig hob er eine Hand und schirmte die peinigende Helligkeit ab. Der Himmel war wolkenlos und lange Grashalme tanzten in seinem Blickfeld. Rasgar versuchte sich aufzusetzen, doch sein Körper gehorchte ihm nicht. So blieb ihm nichts, als den Kopf ein wenig zu drehen, um sein Blickfeld zu erweitern.
    „Lorxas“, krächzte er. „Du bist auch hier, alter Knabe.“
    Das kleine Packpferd quittierte dies mit einem Schnauben und widmete sich wieder dem Gras.
    „Ich fürchte, du musst ohne mich heimkehren. Es sei denn, du kannst mich auf deinen Rücken heben.“ Schwindel überkam Rasgar und er schloss die Augen. Er musste schlafen. Vielleicht ging es ihm danach besser. „Geh besser, Junge. Es reicht, wenn dieses Land sich einen von uns holt.“
    Dieses Mal folgte eine Antwort auf seine Worte und Rasgar horchte auf. Da waren Stimmen, doch er verstand nicht, was sie sagten. Die Sprache war ihm gänzlich fremd, sie glich weder den harten Lauten der Menschen, noch dem Silmanat der Alben und schon gar nicht der Handelssprache. Auch der Ton war ungewöhnlich, schrill und dünn, beinahe wie die Stimme eines Kindes, und doch ganz anders. Die Worte wurden lauter. Wer auch immer sprach, er kam näher. Sehen konnte Rasgar niemanden, doch eine Berührung an seinem verletzten Bein erinnerte ihn an die Wunde und den Schmerz, den er neben dem Dröhnen in seinem Kopf beinahe vergessen hatte. Er keuchte auf, versuchte sich auf den Ellenbogen zu stützen, um hinab sehen zu können, doch selbst dazu fehlte ihm die Kraft. Die Worte schienen schneller zu werden. Mehrere Leute sprachen wild durcheinander. Dann wieder ein Berührung. Heiß wie Feuer brannte sein Unterschenkel. Rasgar schrie. Das Geplapper verstummte. Etwas Kühles legte sich auf seine Stirn und wieder zwang er die Augen auf. Er blickte direkt in ein Paar leuchtend grüner Augen, das sich inmitten eines erdfarbenen, zerfurchten Gesichts befand. Das Wesen, was auch immer es sein mochte, konnte Rasgar kaum bis zum Knie reichen. Es öffnete den Mund und murmelte irgendetwas in der fremden Sprache. Wenn Rasgar auch die Worte nicht verstand, war er sich doch sicher, dass sie beruhigend sein sollten. Noch immer lag die Hand kühl auf seiner Stirn und Stück für Stück verebbte der Schmerz in Rasgars Kopf. Nie hatte er etwas Wohltuenderes verspürt. Seine Lider zitterten, als er sich zunehmend entspannte. Er öffnete den Mund, doch seine Zunge war taub und schwer und es gelang ihm nicht, Worte zu formen. Das Gesicht des kleinen Wesens verschwamm vor seinen Augen und Rasgar entglitt in einen sanften Schlummer.


    Rasgar flog. Über ihm zogen dünne Wolkenschleier vorbei. Gras kitzelte ihn im Nacken. Er sah Bäume und Flüsse und allerlei Getier. Das Licht war warm und weich und ohne die schonungslose Tücke, die Rasgar so verabscheute. War er tot? Er war stets davon ausgegangen, dass ihn Noxa nach dem Ableben in ihren schützenden Mantel ewiger Dunkelheit aufnehmen würde, doch mit dem, was sich hier bot, konnte er sich ebenfalls anfreunden. Tag und Nacht vergingen wie ein Wimpernschlag. die Welt starb und erwachte von Neuem, ganz im Sinne der Göttin. Fasziniert beobachtete Rasgar das Schauspiel. Doch andere Bilder mischten sich unter und störten seine Ruhe. Er sah Feuer und Blut, hörte Schreie. Ein gleißender Lichtkegel fraß die Dunkelheit und an ihrer Statt blieb ein goldener Baum im Zentrum zurück, selbst strahlend hell. Rasgar wollte, dass er verschwand, doch er blieb hartnäckig in seinem Blick hängen und verdeckte alles andere. Lichtstrahlen wanden sich aus ihm heraus, schlängelten sich um seinen Körper und krochen hinab zu seinem Bein. Rasgar schrie vor Schmerz, er schrie und schrie und plötzlich wusste er wieder alles. Vor einigen Tagen hatte ihn eine Schlange gebissen und er war nicht ohne Grund in diesem Sumpf unterwegs gewesen. Er folgte dem törichten Leibgardisten, oder um genau zu sein, folgte er eher der Gruppe Alben, die wiederum den Gardisten jagten. Entsetzen nahm Rasgar den Atem. Wie viel Zeit war vergangen? Kam er zu spät? Heiße Flüssigkeit füllte seinen Mund und er hustete. die Welt war stehen geblieben. Rasgar öffnete die Augen. Es war dunkel. Er saß auf der Erde, lehnte an einem Baum. Um ihn herum schwirrten unzählige Leuchtkäfer, Grillen zirpten und kleine Wesen wuselten umher, wohin sein Blick auch viel. Zwei davon waren auf seine Brust geklettert und versuchten ihm laut diskutierend etwas einzuflößen. Rasgar wurde sich seines Durstes gewahr und öffneten den Mund. Es schmeckte süß und erdig. Sofort füllte Wärme und Kraft seinen Bauch.
    „Wer seid ihr?“, presste er zwischen zwei Mundfüllungen hervor.
    Sie redeten in ihrer fremden Sprache wild durcheinander und Rasgar wusste nicht einmal, ob sie ihn gehört hatten. Er betrachtete sie genauer. Ihre Haut glich rissiger Erde und sie trugen Blätter um die kleinen Leiber. Selbst im Dunkeln leuchteten ihre Augen hell. Rasgar erinnerte sich daran, dass eines dieser Wesen ihm die Kopfschmerzen genommen hatte.
    „Ihr habt mich hierher gebracht“, murmelte er mehr zu sich. Neben ihm raschelte das Gebüsch und Rasgars Kopf fuhr herum.
    „Lorxas! Mein tapferer Recke... du lebst.“
    Das Pferd schnaubte. Ein Ziehen an seinem Ohr, brachte Rasgars Aufmerksamkeit zurück zu den Kreaturen auf seiner Brust. Sie wollten, dass er trank und er gehorchte. Unmöglich zu sagen, wie lange er nicht gegessen hatte. Er dachte an sein Bein und merkte, dass er gar keine Schmerzen mehr spürte. Ein dicker grüner Verband war um die Wunde gewickelt. Sie hatten ihn nicht nur weggebracht, sie hatten auch seine Verletzung umsorgt.
    „Wer seid ihr?“, fragte er noch einmal, dieses Mal im Silmanat. „Warum helft ihr mir?“
    Schlagartig verstummte das Gemurmel.
    „Der Schatten bringt Gleichgewicht.“ Der Sprecher stand zwischen Rasgars Beinen und sah zu ihm auf. Die Worte klangen abgehackt, als fiel es ihm schwer, diese Sprache zu sprechen. „Die Narmii bringen den Schatten.“
    Vor Erstaunen riss Rasgar die Augen auf. „Ihr seid Kreaturen Narmas... ich dachte immer...“ Ungläubig schüttelte Rasgar den Kopf. Bislang hatte er nicht an Märchen geglaubt. Aber jetzt? Erst die Symbole des Wassers an den Häusern der Menschen, nun der lebende Beweis für übernatürliche Geschöpfe... möglicherweise spielte ihm sein Hirn einen Streich oder das Schlangengift raubte ihm den Verstand. Er schüttelte leicht den Kopf. Warum fühlte sich dann alles so real an?
    „Ausruhen.“ Ein knorriger Finger, kaum dicker als ein Zweig, zeigte auf Rasgar.
    „Ich kann nicht, ich muss weiter. Es gibt jemanden, dem ich helfen muss.“
    Der Gnom schüttelte den Kopf. „Nicht jemand. Allen.“
    Rasgar versuchte aufzustehen, doch sofort sprangen unzählige der Wesen auf ihn, versuchten ihn niederzuhalten und, als das nicht gelang, kniffen und bissen sie ihn. „Au!“, rief Rasgar erstaunt, „hört auf damit!“
    „Ausruhen“, beharrte der Sprecher. „Narmii müssen dem Schatten Dinge zeigen. Morgen. Jetzt, Ausruhen.“
    Rasgar wollte erneut widersprechen, doch ehe er den Mund aufmachen konnte, legten sich kalte Hände auf seine Stirn und seine Wangen. Mattheit überrollte ihn so schnell, dass er sämtlichen Kampfgeist verlor und in sich zusammensackte.


    Wieder fiel Rasgar in wirre Träume und jede Abfolge hektischer Bilder endete mit dem alles dominierenden goldenen Baum, dessen Licht die komplette Umgebung verschlang. Er schlug die Augen auf und erschrak. Nur wenige Finger breit von seinem Gesicht entfernt, ruhten grüne Kreise in der Luft. Sie starrten ihn an.
    „Wir sind da.“
    Rasgar blickte sich um und stellte fest, dass er sich ganz woanders befand, als wo er eingeschlafen war. Wie schafften es diese Kreaturen ihn zu transportieren? Statt an einem Baum, lehnte er dieses Mal an einer Felswand und das Spiegelbild des Mondes tanzte vor ihm auf einer Wasseroberfläche. Rasgar kniff die Augen zusammen.
    „Das ist ein großer Strom“, murmelte er. Soweit Rasgar wusste, gab es nur einen Fluss in Mildir, der sein Bett so tief in die Erde gefressen hatte. Misstrauisch blickte er den Narmii an. „Ihr bringt mich nach Salisir.“
    „Der Schatten muss sehen.“ Er drehte den Kopf flussaufwärts und Rasgar tat es ihm nach. Ein Stück weiter war der schwache Schein eines Feuers auszumachen. Die leise Hoffnung, dass dies die Albengruppe war, die den Gardisten verfolgt hatte, ließ Rasgar auf die Füße schnellen.
    „Der Schatten muss alleine gehen. Nur der Schatten ist unsichtbar für sie.“
    Misstrauisch spähte Rasgar in Richtung des Feuerscheins. Letztlich siegte die Neugierde. Er hüllte sich in die Düsternis und nachdem sie ihn komplett umgab, breitete sich ein wohliges Gefühl in ihm aus. Viel zu lange hatte er nicht von seiner Gabe Gebrauch gemacht. Im Schutz der Dunkelheit fühlte er sich sicher und geborgen. Unzählige grüne Augenpaare betrachteten ihn und auch, wenn ihre Mimik so schwer zu deuten war, meinte Rasgar Erstaunen in den Gesichtern der Narmii zu erkennen.
    Lautlos schlich er die Felswand entlang. Hier war der Untergrund massiv, während sich zum Fluss hin ein Kiesbett ausbreitete, mal mehr, mal weniger breit. Im Frühjahr war die gesamte Schlucht mit Wasser ausgefüllt. Die Spuren und Konturen an der Steilwand waren ein eindeutiges Indiz dafür. Der Weg war weiter als vermutet, die Umgebung dafür besser als erwartet. Vorsprünge und Vertiefungen boten gleichermaßen ideale Bedingungen für Rasgar. Sofort erkannte er die Alben wieder, denen er in den Sumpf gefolgt war, wenngleich sie in der Anzahl deutlich reduziert waren. Der Dunkelelf war nicht zu sehen, auch sein Pferd befand sich nicht bei den anderen Tieren. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war, vermochte Rasgar nicht zu entscheiden. Vorsichtshalber stellte er sich auf das schlimmste ein. Immerhin war diese Albe aus Kaachor zu der Gruppe gestoßen. Wie war noch gleich ihr Name? Rasgar erinnerte sich nicht, was äußerst ungewöhnlich für ihn war. Regungslos harrte er aus und beobachtete. Die Alben aßen stumm, die Stimmung schien angespannt. Immer wieder warf der Anführer der Frau Seitenblicke zu. Er saß mit dem Rücken zu Rasgar, sodass er sein Gesicht nicht sehen konnte, doch die gesamte Körperhaltung drückte Missfallen aus. Falls sie seine Blicke bemerkte, ignorierte sie sie. Sie aß nicht, hielt den Kopf gesenkt und starrte in die Flammen. Rasgar wurde ungeduldig. Was sollte er hier sehen? Der, den er finden wollte, war nicht da. Es wurde nicht gesprochen und er kannte die Personen bereits, die hier rasteten. Er wusste, dass Sinklars Sohn unter ihnen war und auch, dass sie aus Vesperion kamen und sich dort in Belange der Menschen eingemischt hatten. Außerdem hatten sie einen Elfen gejagt, den sie aber entweder nicht gekriegt oder beseitigt hatten. Letzteres konnte Rasgar sich nicht vorstellen, denn es wäre das Beste für alle gewesen. Tot war der Mann den Alben nichts wert. Fakt war jedenfalls, dass der Leibgardist nicht hier war. Möglicherweise riskierte Rasgar vollkommen umsonst, entdeckt zu werden. Warum aber hätten ihn die merkwürdigen Narmii retten und aufpäppeln sollen, ihn hierher bringen, wenn es nicht irgendetwas Lohnendes gäbe? Rasgar schloss einen Moment die Augen und beruhigte seinen Geist. Einst war Geduld seine große Stärke gewesen. Selten gaben sich Informationen beim ersten Hinsehen preis. Er hatte ein Gefühl dafür entwickelt, sie heraus zu kitzeln.
    „Du kannst nicht ewig schweigen. Spätestens vor Vater nicht.“
    Als hätten Rasgars Schwingungen die kurze Distanz überbrückt und den Sinklar-Spross aus seiner Starre geweckt, brach dieser plötzlich die Stille. „Was hattest du vor?“
    Die Albe blieb stumm. Sie hob nicht einmal den Kopf.
    „Liena! Dir muss doch klar sein, dass deine Strafe davon abhängt, wie ich Vater die Situation beschreibe. Zwischen der Gefangennahme und des heimlichen Durchschleusens eines Erzfeindes liegen ziemlich viele Schmerzen.“
    Nun sah sie auf. „Wieso sollte er deine Einschätzung hören wollen?“
    „Spar' dir den Hohn.“
    „Was, wenn ich ihm meine Einschätzung gebe? Wenn ich ihm erzähle, dass der Elf wegen dir entkommen ist?“
    „Ohne dich wäre der Elf längst in Gewahrsam der Westmenschen! Glaubst du ich weiß nicht, dass du ihm in Valgard geholfen hast?“
    „Natürlich. Du sagst mir das ständig.“
    Das hatte auch Rasgar bereits vermutet gehabt, auch wenn er nicht verstand, wieso. Ihm fiel auf, dass die übrigen Alben alle scheinbar teilnahmslos vor sich hin starrten. Das verwunderte ihn nicht. Um Angelegenheiten der Herrscherfamilie hatten sich normale Alben nicht zu scheren. Viel mehr überraschte ihn, dass diese Liena es sich herausnahm, dem Thronerben so schamlos die Stirn zu bieten. Dies war möglicherweise der dünne Faden, an den er sich klammern konnte.
    „Ohne mich hättest du nicht einmal gewusst, dass ein Elf in Vesperion umherstreift. Wieso sollte ich dir den Triumph lassen, ihn nach Salisir zu schleppen?“, fuhr sie fort, offenbar in Kampfeslust geraten.
    „Es war deine Pflicht mir von ihm zu erzählen. Stell es nicht als Wohltat dar. Bei diesem ganzen Unterfangen bist du mir unterstellt, vergiss das nicht.“
    „Ist das mein Problem? Ich denke nicht, dass unser Lord mit deiner Arbeit sehr zufrieden ist. Willst du mich als Sündenbock, um in besserem Licht dazustehen?“
    „Du führst dich auf wie ein Kind. Falls du es noch nicht gemerkt hast, dies hier ist kein Spiel.“
    „Warum geht es dir dann so sehr ums Gewinnen, Ralir?“ Mit diesen Worten erhob sich Liena und kehrte der Gruppe den Rücken zu.
    „Folgt ihr.“ Ralir nickte zwei seiner Leute zu und warf den Rest seiner Mahlzeit ins Feuer.
    Seufzend strich er sich mit den Fingern über die Stirn. „Sie ist wie er!“ Er musterte die übrigen seiner Truppe. „Wir hätten den Elfen nicht entkommen lassen dürfen. Nun kehren wir mit leeren Händen zurück.“
    „Eure Schwester hatte Recht, mein Herr. Wir hätten nur unsere Zeit vergeudet, wären wir ihm gefolgt.“
    „Und weitere Albenleben“, knurrte Ralir.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 24. Strafe


    Noch am selben Abend begann Raks Strafe. Eigentlich war er ganz froh darum. Er verpasste das gemeinsame Abendessen und konnte den Moment, in dem er den anderen gegenübertreten musste, hinauszögern. Selbst den bissigen Geruch des Pferdestalls, den er nun tagtäglich ausmisten musste, stellte er sich angenehmer vor, als die Blicke seiner Mitschüler und vor allem die Gegenwart von Timm. Vorausgesetzt dieser konnte sein Zimmer schon wieder verlassen. Rak hätte gerne noch mit Holon gesprochen, doch es hatte keine Möglichkeit gegeben und der Meister hatte ihn seither auch nicht aufgesucht. Das ärgerte Rak. Holon hatte versprochen, dass er zu ihm käme und gerade nach der Diskussion mit Lanon, hatte Rak erwartet, dass er es auch tat. Stattdessen überließ er ihn bei der Verarbeitung der jüngsten Ereignisse sich selbst. Rak hatte schließlich beschlossen, sich nicht länger zu grämen und die positiven Seiten daraus zu ziehen. Seine Fähigkeiten mit dem Gestein gingen ihm schneller in Fleisch und Blut über, als er je für möglich gehalten hatte. Selbst wenn er gewollte hätte, hätte er sich nicht dagegen verschließen können. Es war ein Teil von ihm. Nach dem Vorfall mit Timm war der Unterricht für ein paar Tage ausgesetzt worden, doch das hielt Rak nicht davon ab, auf eigene Faust zu üben. Trotzdem fühlten die Tage sich auf einmal viel länger an und die Abwechslung durch die Stallarbeit kam Rak gelegen. Zu viel Zeit zum Grübeln brachte ihm regelmäßig Zweifel zurück, ob die neue Macht nicht doch eine Gefahr sein konnte.
    Ein weiterer Vorteil von Raks Strafe war, so stellte sich ein paar Tage später heraus, dass er einen guten Überblick hatte, wer in Grauenstein aus und ein ging. Die Pferde wechselten fast täglich. Es gab große, stolze Schlachtrösser und kleine rundliche Packtiere und jedes einzelne trug mit einer Ladung dampfender Äpfel dazu bei, dass er nicht arbeitslos wurde. Rak machte es sich zum Spiel zu raten, wie viele Boxen besetzt waren, bevor er den Stall betrat. Vor allem die mächtigen Tiere der Ritter hatten es ihm angetan, wenn er auch zugeben musste, dass er sich ein wenig vor ihnen fürchtete. Wenn er an ihnen vorbei ging, ließen sie ihn nie aus den Augen, scharrten teilweise unruhig mit den Hufen und Rak bezweifelte, dass das mickrige Gatter sie würde aufhalten können, wenn sie beschlossen, herauszustürmen. Nie wagte er sich in eine ihrer Boxen hinein. Da sie selten länger als eine Nacht verweilten, war es zum Glück auch nicht nötig und er konnte nachher alles säubern. Rak stellte sich vor, auch er sei ein Ritter, jeden Abend an der Tafel eines anderen wichtigen Mannes geladen und den ganzen Tag unterwegs durch die Welt. Immer schon war es sein Traum gewesen, ein Ritter zu werden. Und jetzt? War er nicht viel mehr, als ein Ritter je sein konnte? Nur würde ihn niemand mit offenen Armen empfangen. Wieso fürchteten die Leute die Magie so sehr? Neben all dem langweiligen Gefasel hatte Lanon ausgerechnet den interessanten Teil ausgespart.
    Die Stalltür öffnete sich. Neugierig spitze Rak aus der Box heraus und erschrak. Seit dem Bankett hatte er den Ritter nicht mehr zu Gesicht bekommen. Er drückte sich gegen die Bretter, während die schweren Schritte immer näher kamen. Sir Kartoff trug einen dicken Umhang über den Schultern, der das riesige Schwert an seiner Hüfte aber nicht komplett verdeckte. Er ging an Rak vorbei und steuerte eine der hinteren Boxen an. Rak wagte sich wieder ein Stück nach vorne, um hinaus zu spitzen. Also doch. Irgendwoher war Rak der graue Riese von einem Ross bekannt vorgekommen, er hatte es nur nicht einordnen können. Kartoff hievte den Sattel auf den Rücken des Tieres, wobei sein Kettenhemd klirrte. Zu gerne hätte Rak gewusst, wohin der Ritter so gerüstet unterwegs war oder woher er gekommen war. Gleichzeitig fürchtete er sich. Eilig huschte er von dem Gatter weg, doch wählte dummerweise dieselbe Stallseite wie zuvor. Idiot!, schalt er sich. Nun stand er dem Ritter genau gegenüber. Schau nicht zur Seite, schau nicht zur Seite, flehte Rak im Stillen und kniff die Augen zusammen. Das Klackern der Hufe verstummte und vorsichtig schielte Rak nach oben. Kartoff war direkt vor der Box stehen geblieben und sah ihn an. Von Furcht gelähmt konnte Rak nicht anders, als in das dunkle Gesicht starren. Auch Kartoff schien ihn unschlüssig zu mustern, als überlege er, was er sagen sollte oder ob dies wirklich der Junge war, den er erst kürzlich in den Kerker geworfen hatte. Die Spannung war greifbar und am liebsten wäre Rak weggelaufen oder hätte sich auf Knie geworfen und den Ritter angefleht, er möge Sarkis nichts erzählen. Kurz bevor er meinte, er könne es nicht länger aushalten, nickte Sir Kartoff ihm knapp zu und trieb sein Pferd vorwärts. Vor Erstaunen und Erleichterung blieb Rak der Mund offen stehen. War da ein Lächeln im Gesicht des Kriegers gewesen?
    „Rak?“ Stannas Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Ah, da bist du. Ist alles in Ordnung?“
    Rak suchte nach Anzeichen von Abneigung oder gar Furcht in ihrem Blick, doch ihr Lächeln schien echt.
    „Hast du deine Stimme verloren?“ Ohne den freundlichen Ausdruck zu verlieren, sah sie ihn prüfend an und wedelte mit einer Hand vor seinem Gesicht herum.
    „Nein“, brachte Rak hervor und räusperte sich.
    „Du warst seit Tagen nicht beim Essen und auch sonst nirgends zu sehen. Wir haben die Zeit genutzt und einen Ausflug ins Gebirge gemacht. Das war… naja, wie dem auch sei, morgen wird der Unterricht wieder aufgenommen.“
    Mehr als zu nicken fiel Rak nicht ein. Ein komisches Schweigen entstand zwischen ihnen.
    „So, hier arbeitest du nun… stinkt ganz schön.“
    „Man gewöhnt sich daran.“ Mit dem Fuß stocherte Rak im Stroh herum. Er hatte das Gefühl, dass er etwas sagen sollte, doch sein Kopf glich einem abgeernteten Kornfeld.
    „Naja. Eigentlich bin ich nur hergekommen, um dir das mit dem Unterricht zu sagen. Und dass Meister Brannes dich sehen möchte. Du sollst in sein Arbeitszimmer kommen.“
    Sofort horchte Rak auf. „Wo ist das?“
    „Zweiter Stock, nahe des Südostturms. Er sagt, du findest ihn schon.“
    „Alles klar.“ Rak war schon einen Schritt aus der Box hinaus. „Und, äh danke.“
    Stannas Lächeln verbreiterte sich wieder. „Schau mal wieder bei uns vorbei, Rak. So schlimm sind wir gar nicht.“
    „Ja, bestimmt, mache ich.“
    „Ach und… am besten du machst einen Umweg über die Waschstube, bevor du den Meister aufsuchst.“
    Hitze schoss Rak in den Kopf. Stanna kicherte und er drehte sich schnell weg und eilte aus dem Stall.


    Frisch gewachsen erschien Rak kurz darauf bei besagtem Raum und fand Holon am Schreibtisch sitzend. Als die Türe ins Schloss fiel, sah der Mann auf und lächelte. „Rak! Schön, dass du kommst. Wie geht es mit dem Üben voran?“
    Rak öffnete den Mund, aber stockte dann.
    „Komm schon, Rak“, sagte Holon. „Denkst du, du bist der einzige, dem unser liebes Gemäuer Informationen liefert?“
    „Du kannst durch die Wände sehen?“, fragte Rak erstaunt.
    Holon lachte. „Natürlich nicht, aber fühlen. Hast du im Unterricht etwa nicht aufgepasst? Die Grundlage der Elementarmagie ist doch, sich die Bilder zu erfühlen.“
    Machte sich Holon lustig über ihn oder nahm er den Unterricht aufs Korn? Rak entschied sich, es nicht zu kommentieren. „Du wolltest mich sehen?“, fragte er stattdessen.
    „Ja. Wie ergeht es dir mit deiner Strafe?“
    „Ganz gut. Ich bin gern allein.“ Rak sah sich im Raum um. Bis auf den großen Holzschreibtisch gab es nur zwei kleine Regale mit in Leder gebundenen Büchern und Stapeln loser Zettel.
    „Du kannst nicht auf ewig den Kontakt zu allen andern scheuen. Ein Einzelgänger hat es nicht leicht.“
    „Aber ich mag die anderen nicht.“ Wieder brachte er Holon zum Lachen.
    „Es wird der Tag kommen, da wirst du eine Freundschaft noch wertschätzen. Aber ich wollte dich nicht sehen, um über solche Dinge zu sprechen. Setz dich bitte.“ Er wies auf den Stuhl vor dem Tisch. „Ab morgen wirst du nicht mehr abends im Stall arbeiten. Stattdessen kommst du zu mir. Ich werde dich zusätzlich zu den normalen Stunden unterrichten.“
    Ein Grinsen stahl sich auf Raks Gesicht, ohne, dass er es hätte verhindern können.
    „Ich möchte nicht, dass du den anderen davon erzählst“, fuhr Holon fort.
    „Weiß Meister Lanon davon?“
    Wahrscheinlich das erste Mal überhaupt sah Rak Holon zögern. „Ja. In einer Burg aus Stein ist es schwierig Geheimnisse zu hüten.“
    „Und er erlaubt es einfach so?“ Rak dachte auch an diesen Großmeister, wagte aber nicht, ihn zu erwähnen.
    „Er muss. Es gibt immer eine Meinung, die sticht. Und jetzt genug davon. Morgen Abend fangen wir an.“
    Hunderte weitere Fragen drängten sich in Raks Geist. Er konnte sie nicht einmal mehr alle aufzählen.
    „Was gibt es noch?“
    Sich ertappt fühlend blickte Rak auf. „Also… eben im Stall bin ich Sir Kartoff begegnet“, sprach er aus, was ihn gerade am meisten beschäftigte.
    „Und?“
    „Kurz hatte ich das Gefühl, dass er… nun ja, dass er mich angelächelt hat.“ Beschämt blickte Rak Holon an. Wieso wagte er nicht direkt zu fragen, was er wissen wollte?
    „Das kann gut sein. Immerhin hat er dein ganzes Leben lang über dich gewacht. Selbst so ein schweigsamer und übelgelaunter Klotz wie er kann dabei Zuneigung entwickeln.“
    „Er hat was?“ Ungläubig kniff Rak die Augen zusammen.
    „Über dich gewacht“, wiederholte Holon, als sei Rak schwer von Begriff. „Seit der Signalstein in Krinkgard sich das erste Mal geregt hat, weilte er in der Hauptstadt.“
    „Das ist gelogen. Er war einer von Prinzessin Klaras Leibwächtern.“
    „Vielleicht in offizieller Stellung, ja. Sein Augenmerk galt aber immer dir.“
    Vollkommen aufgewühlt versuchte Rak das Gehörte zu verarbeiten. Er wühlte in seinen Erinnerungen, wo und wann er Kartoff überall gesehen hatte, doch natürlich fand er nichts als ein wildes Durcheinander früherer Ereignisse.
    „Warum habt ihr mich nicht früher geholt, wenn ihr schon so lange von meiner Begabung wisst?“
    Holon seufzte. „Sagen wir, die Bedingungen waren nicht immer so gemütlich wie jetzt. Außerdem hast du nun das passende Alter, um mit der Ausbildung zu beginnen. Ich weiß, du hast viele Fragen“, erstickte er Raks weiteres Vorstoßen im Keim, „doch ich kann dir unmöglich alles auf einmal erklären. Du musst dich gedulden. Mit der Zeit wirst du vieles verstehen.“
    Es gelang Rak kaum, seine Enttäuschung herunter zu schlucken. Er wollte sich nicht gedulden. Er wollte jetzt Antworten bekommen. Gleichzeitig wusste er, dass Holon keine Widerrede mehr duldete.
    „Ich sehe dich morgen Abend hier.“ Bei diesen Worten sah Holon nicht einmal mehr auf und Rak verließ stumm den Raum. Trotz der Aussicht auf die zusätzlichen Übungsstunden war er unzufrieden. Er fühlte sich verloren und abhängig, wie ein Fisch an der Angel. Vor dem Besuch bei Holon hatte er wirklich überlegt, Stanna und die anderen aufzusuchen. Nun aber war ihm sämtliche Lust dazu vergangen und stattdessen zog er sich bis zum Schlafengehen auf einen der Türme zurück.


    Der kommende Tag zog sich unendlich in die Länge. Rak war so gespannt auf den Unterricht mit Holon, dass ihm alles andere noch langweiliger und grauer erschien als sonst. Timm hatte offenbar beschlossen ihn zu ignorieren, was ihm sehr entgegen kam. Auch eine Konfrontation mit Lanon blieb Rak erspart, denn der Unterricht wurde von einem in die Jahre gekommenen Meister geleitet, den Rak noch nie zuvor gesehen hatte. Mit eintöniger Stimme leierte er Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Gesteinstypen herunter. Harter Basalt sei viel schwieriger zu kontrollieren als bröseliger Sandstein, dafür aber auch deutlich mächtiger. Er berichtete auch von den Verwandtschaften des Steins im Elementarkreis. Rak, der mit seiner Aufmerksamkeit rang, versuchte sich zu erinnern, was Holon ihm dazu bereits berichtet hatte. An das zugehörige Reinelement Erde konnte er sich noch erinnern, auch irgendetwas mit Luft und Metall, doch sicher war er sich nicht mehr. Luft war also das zweite dem Gestein zugeordnete Reinelement, was Rak ein bisschen komisch vorkam. Wo lag hier der Zusammenhang? Bei Metall, dem benachbarten Mischelement auf Erdbasis, konnte er sich die Verbindung eher vorstellen. Eigentlich war all das sehr interessant, doch die monotone Sprechweise von Meister Himal machte es unmöglich, ihm über längere Spannen zu folgen. Metall…, dachte Rak. Wie wäre das wohl, wenn man Metall kontrollieren konnte? Kein Kerker, kein Schwert, keine Rüstung könnte einen aufhalten. Rak verlor sich in Gedankenspielereien und hätte ihn das Scharren der Stühle nicht in die Realität zurückgeholt, hätte er gar nicht gemerkt, dass die Stunde vorüber war.
    Als die Sonne endlich hinter den Gipfeln verschwand, eilte er sofort zum vereinbarten Treffpunkt. Die Türe war verschlossen und er begann unruhig davor auf und ab zu gehen. Hatte Holon ihn vergessen? Bei jedem Geräusch horchte er auf und spähte den Gang entlang, doch es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Meister schließlich auftauchte.
    „Bitte entschuldige“, sagte er nur und ließ Rak hinein.
    Im Gegensatz zum Vortag, war der Tisch frei von Papierkram. Stattdessen waren dort mehrere Gegenstände drapiert. Es gab verschiedene Gesteinsbrocken, eine Holzleiste, einen Tontopf mit Erde, dreierlei verschiedene Waffen aus Metall, eine Schale mit Wasser, eine verkorkte Flasche und eine brennende Kerze. Neugierig musterte Rak die Zusammenstellung.
    „Schließ die Augen“, sagte Holon. „Und sag mir, was du siehst.“
    Rak tat wie ihm geheißen und augenblicklich baute sie die Szene um ihn herum auf. Er fühlte die Konturen des Raumes, hörte das stete Brummen der belebten Burg. Ganz deutlich sah er die Schwingungen der Steinklumpen, die vor ihm in der Luft schwebten.
    „Ich kann die Steine sehen. Sie sind unterschiedlich. Einen fühle ich sehr gut, doch die anderen beiden flackern ein wenig.“
    „Was noch?“
    Langsam tastete Rak sich weiter. Immer wieder drängten sich die Steine in sein Bewusstsein, doch er spürte ganz deutlich, dass da noch etwas war. War es vielleicht das Metall? Aufgeregt lenkte Rak seine Sinne in die Richtung, in der er die Waffen vermutete. Nichts. Das leise Pochen, das er im Hintergrund wahrgenommen hatte, wurde sogar schwächer. Aber da war noch etwas. Er war sich sicher. Die Berührung glich mehr einem Hauch und war ganz anders als die des Gesteins. Sie war sanft und warm… „Ich bin nicht sicher“, gab er schließlich zu. „Vielleicht spüre ich noch etwas, vielleicht auch nicht.“
    „Öffne die Augen.“ Holon trat neben ihn. „Verstehst du, wozu diese Übung gut ist?“
    Rak nickte. „Du wolltest testen, ob ich andere Elemente erspüren kann.“
    Ein Lächeln huschte über Holons Gesicht. „Exakt.“
    „Aber ich konnte es nicht.“ Grübelnd blickte Rak zu dem Tisch.
    „Das hat erst einmal nichts zu sagen. Selbstverständlich brauchst du auch dafür Übung, wie beim Gestein.“
    „Werden alle Schüler auf diese Wiese getestet?“, fragte Rak, obwohl er die Antwort schon kannte.
    „Seit Hunderten von Jahren ist dieser Test nicht mehr durchgeführt worden. Er ist streng verboten.“
    „Warum?“
    „Aus Furcht.“ Holon ging zu dem Tisch hinüber und griff den Topf mit Erde. „Multielementarismus bedeutet vor allem Macht. Und wo Macht ist, da entstehen bald Konflikte. Sie ist wie eine bösartige Krankheit, die sich langsam durch den Körper frisst, bis von dem Menschen nichts mehr übrig ist. Große Anstrengungen waren nötig, die Multielementare zu vernichten. Niemand wollte ein erneutes Aufleben in Kauf nehmen.“
    „Aber das ist doch nur ein Test.“
    „Wärst du von alleine darauf gekommen, das Gestein zu kontrollieren?“ Sachte stellte Holon den Topf zurück und drehte sich um. „Magische Begabung bricht selten von selbst aus. Das macht die Signalsteine erst notwendig.“
    Rak starrte auf die Ansammlung auf dem Tisch. „Und du denkst, dass ich mehr als ein Element beherrsche?“
    Holon zuckte mit den Schultern. „Wer weiß? Ich will nichts unversucht lassen.“
    „Kannst du denn einen der anderen Gegenstände erfühlen?“ Rak konnte nicht anders, als seinen Meister mit Fragen zu löchern. Wieso sollte ausgerechnet er, der gerade erste Gehversuche mit dem Gestein unternahm, solche Fähigkeiten besitzen?
    „Ich kann nichts dergleichen und ich kenne auch niemanden, der es kann.“
    „Woher weißt du dann so viel darüber?“
    „Ich habe darüber gelesen und in der Schule aufgepasst.“ Holon zwinkerte.
    „Warum hast du den Test mit mir gemacht, obwohl er verboten ist?“
    Ein tiefes Seufzen entfuhr Holon. „Ich hatte befürchtet, dass du das fragst. Mit Sicherheit hast du schon gemerkt, dass nicht alle Meister der gleichen Meinung sind, wenn es um die Richtung und Geschwindigkeit der Ausbildung geht. Dieser Streit bezieht sich nicht natürlich nicht nur darauf, sondern auch auf die Stellung der Elementare in der Gesellschaft. Nun ja und ich gehöre jenen an, die der Meinung sind, wir sollten mutiger und präsenter sein, aufhören uns zu verstecken und uns den Stellenwert sichern, der uns zusteht. Dazu gehört auch, junge Talente zu finden und zu fördern.“
    Alles, was Holon sagte, klang gut in Raks Ohren. Eine besondere Position inne zu haben, angesehen und gefürchtet zugleich, das stellte er sich auch geeigneter für Leute mit derartigen Fähigkeiten vor.
    „In meinem Orden hat man nie daran gezweifelt, dass die alte Macht eines Tages zu uns zurückkehren wird“, fuhr Holon fort, seine Stimme gewichtig und entschlossen. „Und wenn es so weit ist, können wir die Spielregeln in Norgond endlich neu schreiben und unsere Brüder und Schwestern rächen. Viel zu lange warten wir bereits darauf.“
    „Ich verstehe nicht so recht…“, gab Rak zu.
    „Du wirst es. Und bis dahin, halte dir einfach Folgendes immer vor Augen: ist es gerecht, dass unsereins hier in dem Land, das auch wir unsere Heimat nennen, gejagt, geächtet und beim kleinsten Verdacht hingerichtet wird? Ist es gerecht, dass man in der Hauptstadt schon seit jeher lieber den fremden Alben glaubt, als uns, den eigenen Leuten? Ist es gerecht, dass Verräter auf dem Thron sitzen und ehrliche Leute mit Füßen getreten und für nichts und wieder nichts verurteilt werden? Denk daran, was sie mit dir tun wollten. Das ist nicht gerecht, ganz und gar nicht. Wenn du diese Überzeugung teilst, kannst du ein Mitglied unseres Ordens werden. Überleg es dir und bis dahin, übe fleißig. Fang gleich jetzt damit an.“

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • 25. Der Orden


    Eine Zeit lang starrte Rak einfach nur gerade aus, ohne etwas anzusehen. Der Kopf schwirrte ihm. Mittlerweile war er alleine in Holons Arbeitszimmer, doch die Worte des Meisters schienen immer noch von den Wänden nachzuhallen. Rak brauchte nicht zwei Mal überlegen, ob er sich diesem Orden anschließen wollte, von dem Holon gesprochen hatte. Doch da war noch mehr. Von alter Macht war die Rede gewesen, von Multielementaren und nicht zu vergessen, Sir Kartoff, der angeblich Zeit seines Lebens über Rak gewacht hatte. Immer, wenn er hoffte, Antworten zu bekommen, taten sich nur neue Fragen auf. Gedankenverloren überbrückte Rak die kurze Distanz zum Tisch. Er ließ die Finger über die Gegenstände streifen, an der Kerze vorbei, über die Wasserschale bis zu den Dolchen. Die Griffe waren entfernt worden und wie bei den Steinen gab es auch hier deutliche Unterschiede zwischen den drei Exemplaren. Eine Klinge war prächtig und glänzend, eine rostig und abgestoßen und die dritte irgendetwas dazwischen. Rak fiel auf, dass nur von Metall und Stein je drei Teile auf dem Tisch lagen. Zwischen ihnen ruhte der Topf mit Erde, ihr gemeinsames Reinelement. Vermutete Holon eine Begabung für Metall? Oder wünschte Rak sich dies nur? Er hob die polierte Klinge hoch, wog sie in der Hand und strich vorsichtig über die Schneide.
    „Ah!“ Schon bei der leichten Berührung hatte er sich geschnitten. Ein paar Tropfen Blut quollen hervor, doch tief war die Wunde nicht. Rak versuchte, das Messer mit seinen Sinnen abzutasten, doch außer der brennenden Stelle an seinem Zeigefinger spürte er nichts. Wo war das sanfte Pulsieren, das er zuvor wahrgenommen hatte? Er legte den Dolch zurück und betrachtete die anderen Dinge. Luft war das zweite dem Gestein verwandte Reinelement, das wusste er aus dem Vormittagsunterricht. Nichts als die verschlossene Flasche konnte symbolisch dafür stehen. Und sonst? Wasser und Feuer? Holz? Bevor er sich den übrigen Gegenständen zuwandte, fiel sein Blick zurück auf die Erde. Rarik war der Gott der Erde und er der Schirmherr Norgonds. Konnte das ein Zufall sein? Ohne groß darüber nachzudenken, steckte Rak seine Hand in den Topf hinein. Die Erde war warm und leicht feucht. Er schloss die Augen und da war es wieder. Sanft strich eine Empfindung seine Haut, die er nicht beschreiben konnte. Die Berührung war warm und zart, fühlte sich insgesamt fragiler und empfindlicher an, als er es vom Gestein kannte. Kam das aus dem Topf? Wenn Rak versuchte nach dem Ursprung zu greifen, zog es ihn immer wieder zu den Steinen, die direkt daneben lagen. Eine Idee kam ihm. Er zog seine Hand zurück und schob die Klumpen zur Seite. Dann fachte er erneut seine Sinne an, berührte die Erde und suchte.
    Nichts.
    Das schwache Signal war verschwunden. Wider seinen Willen keimte Enttäuschung in Rak auf. Was hatte er auch erwartet? Vage erinnerte er sich an Holons Worte in der dunklen Kerkerzelle. Reinelemente werden von den Göttern gesteuert. Abgesehen davon, dass es ihm ohnehin schwer fiel, an die Existenz der Götter zu glauben, kam ihm der Gedanken, er könne eine solche Macht besitzen, plötzlich ziemlich aberwitzig vor. Er seufzte und wollte sich wieder den Steinen zuwenden, um wenigstens mit einem Erfolgserlebnis zu Bett gehen zu können, da drangen unvermittelt laute Stimmen an sein Ohr.


    „Wie konntest du es wagen ihm davon zu erzählen?“ Lanon…
    „Es ist seine freie Entscheidung, welchen Weg er einschlagen möchte. Wie eines jeden anderen auch.“
    „Es ist viel zu früh. Er kennt kaum die Grundzüge, geschweige denn die Gefahren und genau das willst du dir zunutze machen! Glaub nicht, ich durchschaue dich und dein falsches Spiel nicht. Ich habe dir gesagt, der Junge sei gefährlich, doch ich glaube es bist eher du, der ihn gefährlich macht.“
    „Vielleicht solltest du nicht so schreien. Ich könnte mir vorstellen, dass er uns hört.“ Selbst durch das Gemäuer hindurch konnte Rak Holons Spott heraushören und musste unwillkürlich grinsen.
    „Was hast du ihm noch alles beigebracht?“
    „Gar nichts. Es kommt aus seinem Inneren. Weder du noch ich könnten es verhindern.“
    „Wie auch immer!“ So aufgebracht hatte Rak Lanon noch nie erlebt. „Damit kommst du nicht durch. Ich werde zu Großmeister Hangol gehen.“
    „Tu das. Er ist involviert.“
    „Was?“
    Keine Antwort.
    „Was habt ihr mit ihm gemacht?“
    Rak bemerkte, dass es in allen Gesprächen, die er mitgehört hatte, so klang, als wären ganze Gruppen von Elementaren in der Nähe. Bis auf die paar Schüler und die drei Meister hatte er aber noch keinen zu Gesicht bekommen.
    „Das kannst du nicht machen. Siehst du denn nicht, in welche Situation du uns bringst? Ganz Norgond?“
    Raks Herz beschleunigte. Was hatte Holon geantwortet? Hatte er etwas gezeigt? Bewusst leise gesprochen? Vor Anstrengung trat Rak Schweiß auf die Stirn, als er noch tiefer eintauchte.
    „Es ist der einzige Weg. Vertrau mir.“
    „Ich kann das nicht für gutheißen. Du bringst uns alle leichtfertig in Gefahr.“
    „Nein, mein Lieber. Ich befreie uns.“
    Gleißender Schmerz durchfuhr Raks Kopf, so urplötzlich, dass ihm die Luft weg blieb. Instinktiv nahm er die Hände an die Ohren, doch es half nicht. Rak schrie. Geräusche, so laut, dass er sie nicht identifizieren konnten, schlugen auf ihn ein und verebbten erst, als er die Verbindung zum Gestein löste. Keuchend sank er auf die Knie. Was war das denn gewesen? Noch immer nahm er ein Pfeifen war, Schweiß stand ihm auf der Stirn und seine Hände zitterten.
    „Du musst lernen, unauffälliger zu sein.“
    Erschrocken fuhr Rak herum. Holon schloss gerade die Türe.
    „Jemand, der dir weniger wohlgesinnt ist, hätte weit größeren Schaden anrichten können. Mit ausreichend Macht hätte er dich sogar umbringen können.“
    „Du warst das?“, stammelte Rak.
    „Sieh es als Lektion. Wenn ich nicht möchte, dass man mich belauscht, weiß ich es durchaus zu vermeiden. Vorausgesetzt, ich merke es.“ Eine gewisse Spannung lag in Holons Stimme und Rak war unsicher, ob dies von dem Gespräch mit Lanon herrührte oder ob Holon wütend auf ihn war. Auf einmal fühlte er sich furchtbar erschöpft.
    „Ich denke, das reicht für heute.“ Mit hinter dem Rücken verschränkten Händen durchquerte Holon den Raum und begutachtete, die Elemente auf dem Tisch. „Ich erwarte von dir, dass du dich morgen in der Unterrichtsstunde normal verhältst. Und nimm dir Zeit über mein Angebot nachzudenken. Eine vorschnelle Entscheidung hilft uns nicht weiter.“


    Noch immer zitterten Raks Knie, als er die Treppe hinabstieg. Schauder liefen ihm den Rücken hinab, wann immer er an Holons Rückstoß dachte. Die Druckwelle hatte ihn bis ins Mark erschüttert. Etwas Vergleichbares hatte Rak noch nie ertragen müssen und er hoffte, dass es nie wieder passierte.
    Im Keller war es bereits still. Offenbar waren alle schon zu Bett gegangen und Rak hatte vor, es ihnen ohne Umschweife nachzutun. An Schlaf war allerdings nicht zu denken. Sein Körper sehnte sich nach Ruhe, doch sein Geist war viel zu aufgewühlt. Erneut ließ er alles Revue passieren, ohne schlauer daraus zu werden. Gedankenverloren rieb er seine Hände aneinander und bemerkte eine raue Stelle. Er erinnerte sich an den Schnitt, doch er verspürte keine Schmerzen mehr. Rak drehte sich auf die Seite und betrachtete den Finger im Lichtkegel der kleinen Kerze neben seinem Bett. Die Wunde war so gut wie verheilt. Merkwürdig. Zwar war es nur eine kleine Verletzung gewesen, doch gerade an den Händen schienen selbst kleinste Kratzer immer ewig zu währen. Energisch schüttelte er den Kopf. Nicht schon wieder zu viel hineininterpretieren! Wenn es so weiter ging, verlor er noch den Verstand.
    Die halbe Nacht wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Von was für einem Orden hatte Holon gesprochen? Was brachte Lanon so aus der Fassung? Mittlerweile war Rak sich sicher, dass er nur hatte hören können, was Holon ihm gewährt hatte. Es gefiel ihm noch immer nicht, so hingehalten zu werden. Andererseits war alles, was Holon ihm bot unwahrscheinlich verlockend und tief in seinem Innern wusste Rak, dass er diesen Köder schlucken würde. Irgendwann musste er schließlich doch eingeschlafen sein, denn die Morgenglocke riss ihn schlagartig aus der matten Wolke des eigenen Bewusstseins. Kerzengerade saß Rak im Bett und wusste zunächst nicht, wo er war und was zuletzt geschehen war. Dann erinnerte er sich und fasste einen Entschluss: gleich heute Abend wollte er Holon mitteilen, dass er sein Angebot annahm.
    Zuvor stand allerdings noch der Unterricht an. Stanna grüßte ihn lächelnd und auch Marlo nickte ihm knapp zu, was zweifelsohne auf ihrem Mist gewachsen sein musste. Meister Himal ordnete mit zittrigen Fingern Unterlagen und sah nicht auf, als sie eintraten.
    „Da muss doch…“, murmelte er.
    Stanna räusperte sich, worauf der Meister den Kopf hob.
    „Oh, ihr seid schon da. Na dann… wo waren wir gestern stehen geb…“
    Die Tür schwang auf und dieses Mal bemerkte dies sogar der alte Lehrer.
    „Ich übernehme heute, Meister Himal“ Mit langen Schritten durchquerte Lanon den Raum.
    „Ich… in Ordnung. Wie Ihr wünscht. Ich muss ohnehin diese Abschriften in Ordnung bringen.“ Umständlich schob er die Zettel zusammen, verstaute sie gemeinsam mit Tinte und Feder in seiner Tasche und wackelte an ihnen vorbei. „Seid schön brav und passt gut auf Kinder. Wir werden wann anders einmal wieder das Vergnügen haben.“
    Rak spürte Lanons Blick auf sich und zwang sich, dem Meister in die Augen zu sehen. Anstelle von Misstrauen oder Abneigung fand er allerdings etwas Unerwartetes darin. Sorge.


    „Ich möchte euch heute etwas über die Götter erzählen.“ Lanons Stimme war leise und belegt. „Heutzutage beten wir zu Rarik, er möge unsere Häuser stärken und unsere Ernte vergrößern. Die Zwerge bitten ihn um scharfe Schwerter und mächtige Hammer. Im Westen fleht man Nēn an, die See mäßig zu stimmen und reichlich Regen für die Felder zu bringen und die Alben huldigen ihrer Mutter für jedes Leben, das in ihrem Land entspringt. Ich könnte die Liste für alle Völker und alle Götter fortführen, das Ergebnis ist immer das gleiche.“
    Rak merkte, dass er dem Meister gebannt an den Lippen hing. Die gespenstische Stille im Raum verriet ihm, dass er damit nicht der einzige war.
    „Wir alle leben in losem Aberglauben und hoffen, dass uns die Gebete vor Leid bewahren und uns Erfolg bringen. In Wahrheit sind wir es aber selbst, die über unser Schicksal entscheiden.
    Das ist nicht immer so gewesen. Natürlich können wir nur mutmaßen, wie die Welt vor langer Zeit ausgesehen hat, doch viele Gelehrte sind überzeugt davon, dass die Götter einst im Wettstreit miteinander lagen und uns und alle Völker auf dieser Erde nur geschaffen haben, damit wir das Gefecht für sie austragen.“
    Aus dem Augenwinkel sah Rak, dass Finni unruhig auf ihrem Stuhl herumrutschte. Auch Meister Lanon hatte es bemerkt und nickte ihr zu.
    „Meine Großmutter hat solche Geschichten immer als Humbuk bezeichnet. Sie hat gesagt, dass sind schöne Märchen und mehr nicht.“
    „Das mag wohl sein“, entgegnete Lanon zu Raks Überraschung. „Möglicherweise hat sich irgendjemand diese Geschichte ausgedacht, um unser damaliges Handeln zu rechtfertigen. Wie gesagt, wir können es nicht wissen. Woher stammt aber der magische Funke in uns, wenn nicht von den Göttern? Lasst uns einen Augenblick annehmen, all dies sei wahr. Jahrelang bekriegten sich die magischen Völker. Allianzen wurden geschmiedet und gebrochen, bis die ganze Welt vor dem Zerfall stand. War ein Feind besiegt, war der nächste schnell gefunden, bis sich die Völker auch untereinander bekriegten. Wie endet man ein Fiasko wie dieses nun? Man nimmt den Kämpfern ihre Waffen. Und genau das taten die Götter. Wieso sonst sollten die meisten der Nordmänner heute ohne magische Begabung zur Welt kommen? Nicht nur hier, auch im Süden, überall auf der Welt? Doch die Legenden besagen, dass es bereits zu spät war. Der magische Funke hatte ein Eigenleben entwickelt, hatte sich ausgebreitet in Bereiche, die die Götter nicht mehr kontrollieren konnten. Und so ging der Krieg weiter, nur dass nun die Benachteiligung derer, die ihre Macht verloren hatten, die Konflikte weiter zuspitzte. Plötzlich war die Magie etwas Böses und leider gab es viel zu viele, die diesen Eindruck durch ihr Handeln verfestigten.“
    Obwohl Lanons Blick nur kurz über Rak strich, verstand er, worauf der Meister hinauswollte.
    „Anstatt sich auf das Gemeinsame zu besinnen, suchten wir nach den Unterschieden. Anstatt unserer eigenen Art zu vertrauen, fielen wir den Listen Fremder zum Opfer. Anstatt ein Gleichgewicht zu schaffen, versuchten wir den jeweils anderen niederzuringen. Am Ende haben wir alle verloren.“
    Eine bedeutungsschwere Stille folgte seinen Worten. Finni mochte solche Geschichten aus Märchenerzählungen kennen, für Rak war all das Gerede von magischen Kriegen und Göttern etwas völlig Neues. Falls Lanon damit bezweckt hatte, seine Entscheidung zu beeinflussen, war der Schuss nach hinten los gegangen.



    26. Wie der Vater…


    Rasgar fiel es wie Schuppen von den Augen.
    Liena.
    Liena Emira Sinklar.
    Warum hatte er dies nicht schon früher erwogen? Welche Chance hatte der Gardist sich entgehen lassen! Er musste Tage lang alleine mit Sinklars Tochter unterwegs gewesen sein, Zeit genug sie zu überwältigen und zu befragen, sie möglicherweise gar als Geisel in Richtung Lacharys zu schleppen. Nicht nur er, dachte Rasgar und verfluchte sich selbst. Sie hatten die Frau in Kaachor auf dem Präsentierteller gehabt, doch er war zu begierig darauf gewesen, den Gardisten bei einer unbedachten Handlung zu erwischen. Das war beinahe schon ironisch. Was er am meisten an den Gardisten verachtete, war ihm selbst zur Schwäche geworden. Er hatte sich von seinem Hochmut täuschen lassen. Dem früheren Rasgar wäre so etwas niemals entgangen. Nie hätte er auch nur einen Faden des Netzes unbeachtet belassen. Andererseits… Wer konnte auch vermuten, dass jemand wie sie alleine durch Lacharys wandelte?
    Vor Ärger über sich selbst hätte Rasgar am liebsten los geschrien. Noch immer kauerte er im Schatten, auch wenn er nicht länger beobachtete, sondern viel mehr versuchte, das große Ganze zusammen zu bringen. Sie ist uneins mit ihrem Bruder… Rasgars Gefühl sagte ihm, dass Ralir nichts von Lienas Aufenthalt in Lacharys wusste. Sinklar hatte drei Kinder… buhlten sie in einer Art Wettstreit um seine Gunst? Beim verfluchten Sonnenschein, er musste ihnen nach Salisir folgen. Kein Weg führte daran vorbei. Der Leibgardist konnte ohnehin schon sonst wo sein und hier war etwas im Busch, dem er nachgehen musste. Die Narmii hatten es gewusst. Sie hatten gewollt, dass er etwas sah. Woher ihnen diese Eingebung gekommen war, wollte Rasgar lieber gar nicht fragen und bezweifelte auch, dass sie ihm eine verständliche Antwort geben würden. Ohne das geringste Geräusch zu verursachen, wandte Rasgar dem Rastplatz der Alben den Rücken zu.
    Die Narmii erwarteten ihn bereits.
    „Ihr hättet mir auch einfach sagen können, dass auch die Tochter des Albenlords in dieser Gruppe verweilt.“
    „Der Schatten weiß selbst, dass das nicht stimmt. Er muss sehen, sonst kann er nie wissen.“
    Rasgar konnte nicht umhin zu grinsen. Niemals vertraute ein Schattengänger auf etwas, das er nicht selbst gesehen oder gehört hatte. Egal, wie detailliert der Bericht eines Fremden auch sein mochte, niemals ersetzte er das Bild, das das eigene Bewusstsein aus den eigenen Sinneseindrücken zusammenfügte.
    „Bestimmt wisst ihr dann auch schon, dass ich nach Salisir zu gehen gedenke.“
    Andächtig senkte der Narmii den Kopf. „Gehofft haben wir, nicht gewusst.“
    „Ihr werdet nicht mitkommen“, stellte Rasgar in einer plötzlichen Eingebung fest.
    „Nein. Wir dürfen uns nicht einmischen.“
    Irritiert runzelte Rasgar die Stirn. Wie würden sie es wohl bezeichnen, was sie bisher getan hatten? Er fragte sie nicht danach.


    Bereits am späten Nachmittag des folgenden Tages kam Salisir in Sicht. Die Schlucht lag lange schon komplett im Schatten, doch die Stadt selbst strahlte im goldenen Licht der tiefstehenden Sonne. Mittlerweile reichte das Wasser beinahe bis an die Steilwände heran, die immer näher zusammen rückten, je weiter es auf Salisir zu ging. Schon aus der Ferne sah Rasgar, wie Gebäude, Treppen und Vorsprünge aus dem Fels wuchsen, mit etwas Abstand zum Fluss bis hinauf auf die Klippen. Brücken überspannten die Klamm, allesamt aus hellem Stein, auch wenn Rasgar nicht sagen konnten, wie sie gehalten wurden. Eher wirkte es, als schwebten sie. Gewächse schlängelten sich an ihren Geländern entlang und sie leuchteten ebenso strahlend wie der Palast, von dem sich bereits ein Teil erahnen ließ.
    Rasgar seufzte. Niemals konnte er dort hinauf gelangen, ohne gesehen zu werden. Nicht einmal er konnte das. Hier unten in den wachsenden Schatten war er sicher vor den Blicken der Alben, doch sobald er eine dieser Treppen betrat, würde ihm auch die Düsternis nicht mehr helfen. Die neusten Anflüge von Unachtsamkeit begannen ihm ernsthaft Sorge zu bereiten. Wie hatte er sich denn vorgestellt, in den goldenen Palast zu gelangen? Denn wohin sonst würde die Gruppe um die Sinklarsprösse wohl gehen?
    „Lorxas, alter Knabe“, flüsterte er seinem treuen Tier zu. „Geh zurück, immer den Fluss entlang. Such dir einen Platz mit ausreichend Futter und warte dort auf mich.“ Er klapste dem Pferd auf den Hintern und trieb ihn den Weg zurück. Dort, wohin Rasgar ging, war es viel zu gefährlich für seinen Freund.
    Er seufzte. Es gab keinen anderen Weg. Die Narmii gestanden ihm eine wichtige Rolle im Weltgeschehen zu und sie hatten gewollt, dass er nach Salisir ging. Dass er dorthin unmöglich unerkannt gelangen konnte, war ihnen sicherlich ebenso klar gewesen. Warum sollten seine Chancen dann so schlecht stehen, auch wieder frei zu kommen? Den Gedanken, dass sein Überleben den merkwürdigen Gnomen vielleicht völlig egal war, versuchte er hartnäckig zu verdrängen.


    Rasgar tat, was er selten tat. Er bewegte sich in vollkommener Sichtbarkeit. Festen Schrittes hielt er auf die Ausläufer der albischen Hauptstadt zu und versuchte die eigene Unsicherheit hinunter zu schlucken. Wie erwartet, dauerte es nicht lange, bis man ihn bemerkte. Irgendwo weit oben erklang der helle Ton eines Horns und nur wenige Augenblicke später marschierte ihm ein Trupp bewaffneter Alben entgegen.
    „Guten Abend“, grüßte Rasgar sofort. „Ich komme in friedlichen Absichten.“
    „Alleine, dass du hier gehst, straft deine Aussage Lügen, Elf. Du hast Glück, dass der Herr nach dir verlangt hat, sonst triebest du mit einem Pfeil im Herz bereits den Fluss hinab.“
    Mühevoll schluckte Rasgar sowohl seinen Zorn als auch seine Überraschung hinunter. Unmöglich hatte ihn jemand sehen können…
    Er ließ zu, dass man ihn durchsuchte, ihm den Beutel mit der Verpflegung und sein Messer abnahm. Nervös dachte er an seine übrigen Habe in Lorxas‘ Satteltasche und an das Tier selbst. Schau bloß, dass du weit kommst, Junge.
    Mit gefesselten Händen stieg Rasgar Stufe um Stufe hinauf, umringt von Alben, was ihm wenigstens einen Großteil der neugierigen Blicke ersparte. Leider nahm es ihm auch die Möglichkeit, Salisir genauer zu inspizieren. Für den Augenblick beschränkte sich sein Bild der Hauptstadt auf glatt polierte steinerne Stufen. Die Krieger trugen keine Rüstung, sondern weiche Stoffe in Grün und Braun. Ein jeder hatte Pfeil und Bogen auf dem Rücken und ein kurzes Schwert an der Hüfte. Es musste sich um die herkömmliche Stadtwache handeln, schloss Rasgar. Den ganzen Weg über sprach niemand. Starr blickten die Alben geradeaus und obwohl Rasgar schnell außer Puste war, schien ihnen der Aufstieg keinerlei Schwierigkeiten zu bereiten.
    „Mein Herr Jondir, wie befohlen bringen wir den Gefangenen.“
    „Gut. Abtreten.“
    Ehe er sich versah, fand sich Rasgar vor einen neuen Gruppe Alben, dieses Mal mit Harnischen, auf denen der goldene Baum prangte. Plötzlich entsann sich Rasgar seiner wirren Fieberträume. Ein jeder hatte damit geendet, dass alles vom Licht des goldenen Baumes verschlungen wurde. Lief er seinem Tod gerade in die Arme?
    „Ergreifen.“
    Binnen Sekunden hatten sich zwei Krieger aus den Reihen gelöst und Rasgar an den fixierten Armen gepackt. Der Anführer namens Jondir wandte sich ab.
    „Ich kann selbst gehen.“
    Ohne ihm eine Antwort zu geben, folgten die Alben ihrem Hauptmann und schleiften Rasgar zwischen ihnen mit.
    „Kein Elf geht auf Narmas geweihtem Boden.“
    Rasgars Kopf fuhr herum und er erblickte Sinklars Ebenbild. Gemächlich schlenderte der Thronerbe neben ihnen her.
    „Hallo Ralir“, grüßte Rasgar ihn mit einem bitteren Grinsen. „Den einen Elfen hast du versäumt, da bringst du wohl einfach einen anderen mit nach Hause.“
    Ralir ging nicht darauf ein.
    „Ich muss dich aber enttäuschen. Leider bin ich absolut wertlos.“
    Ein leises Lachen erklang. „Guter Versuch, Schattengänger.“ Die grünen Augen bohrten sich in Rasgar hinein. „Ja… ich weiß, was du bist. Du bist ein noch viel größeres Geschenk für meinen Lord.“


    Sie brachten Rasgar auf direktem Wege in den Thronsaal. Hohe Fenster aus Glas zierten die gesamte Westseite und mussten ein Vermögen wert sein. Das Licht der Abendsonne wurde durch rote Vorhänge gedämpft, jedoch nicht ausgesperrt und füllte den großen Saal mit warmem Licht. Unsanft drückten seine Bewacher Rasgar auf den Boden, ein gutes Stück von Sinklars Herrschersitz entfernt. So blieb Rasgar nichts, als das feine Bodenmosaik zu betrachten, das nahtlos ineinander überging und den ganzen Raum auszufüllen schien. Es war merkwürdig still, ganz als wäre sein Eintreffen unerwartet gekommen. Vorsichtig hob Rasgar den Blick. Er sah den Lord der Alben vor seinem Thron, zu beiden Seiten flankiert von fünf Kriegern. Etwas abseits entdeckte er Liena, die in seine Richtung blickte. Die Überraschung in ihrem Gesicht verriet Rasgar, dass Ralir auf eigene Faust gehandelt hatte. Möglicherweise konnte er sich diese Familienstreitigkeiten zunutze machen.
    „Ich denke der Elf ist euch verloren gegangen, meine werten Kinder.“ Sinklar blickte auf Rasgar herab, ohne den Kopf zu senken. In seiner Stimme schwang dieselbe Arroganz mit, die auch Xyrius an sich hatte. Überhaupt waren die beiden Herrscher sich gar nicht so unähnlich, auch wenn beide das vermutlich vehement abgestritten hätten. Sinklars Haar und Augen mochten dunkler sein, drückten aber dieselbe Strenge und Berechnung aus wie bei Rasgars eigenem Lord. Auch seine Lippen waren kaum mehr als eine dünne Linie und obgleich er schon viele Jahre lebte, trotzte er dem Alter und wandelte es in eine gebieterische Aura um.
    Beim Licht… es gibt also tatsächlich zwei von dieser Sorte.
    „Wie es scheint, streift mehr als ein Elf durch unser Land, hoher Vater.“ Stolz lag in Ralirs Stimme, der Liena bei diesen Worten einen Seitenblick zuwarf.
    In der direkten Gegenwart des albischen Herrscherhauses fiel Rasgar auf, wie sehr Liena sich optisch von ihrem Vater und Bruder unterschied. Ihrer Körperhaltung fehlte die Arroganz, ihrem Gesicht die Härte. Dass er ihr wahres Wesen nicht erkannt hatte, erschien ihm mehr und mehr nachvollziehbar.


    „Und was von all diesen Nachrichten bereitet dir so viel Freude, Sohn?“
    Ralirs Lächeln verblasste. „Mein Herr, noch nie ist es uns gelungen, einen Schattengänger zu erwischen. Und dies ist zweifelsohne…“
    „Ich weiß selbst, was er ist. Und doch ist er der Falsche.“
    Rasgar bemühte sich den Kopf unten zu halten, während er alles Erdenkliche aufzunehmen versuchte. Schon jetzt hatte er mehr Informationen über den Feind gesammelt, als insgesamt in Lacharys existierten.
    „Nicht wahr? Liena?“ Unvermittelt wandte Sinklar den Blick seiner Tochter zu. Rasgar meinte aus dem Augenwinkel zu erkennen, wie sie zusammen zuckte.
    „Oh, glaub nicht, ich wüsste nicht von deinem Verrat.“
    Mit großer Willenskraft hielt Rasgar seine Aufregung im Zaum. Ralir hatte sich weniger gut im Griff.
    „Verrat?“
    Sinklar überging ihn einfach. „Ich hatte schon lange Sorge, dass du mir verkommst, mein Kind. Oder vielleicht bist du mir auch einfach zu ähnlich. Aber das – sei gewiss – habe ich selbst von dir nicht erwartet.“
    Rasgar riskierte einen Blick. In Sinklars Augen lag pure Verachtung. Liena hingegen sagte weiterhin nicht ein Wort. Auch Ralir wagte keinen weiteren Vorstoß.
    Sinklar begann auf und ab zu gehen. „Doch dein Verrat hat mir letztlich in die Hände gespielt. Ist das nicht schön? Xyrius ist nicht zu der von mir einberufenen Ratssitzung erschienen und sein Gardist wütet sich durch den ganzen Kontinenten… Meine Glaubwürdigkeit ist von jetzt auf gleich hundertfach gestiegen.“ Der Lord der Alben schenkte seiner Tochter ein boshaftes Grinsen. „Wieder hast du mir von allen am meisten gedient. Jetzt muss nur noch euer Bruder mit dem Vogelvolk zurückkehren und Orchaldor wird unser sein.“
    Ratssitzung? Vogelvolk? Was hatte all das zu bedeuten? Wie konnte eine große Sitzung einberufen werden, ohne, dass die Schattengänger davon Wind bekamen? Xyrius… Von Anfang an hatte Rasgar gewusst, dass etwas im Busch war. Er merkte, wie sich das Rätsel langsam verdichtete, doch noch konnte er die Lösung nicht greifen.
    „Hast du gut zugehört?“
    Erst nach einigen Augenblicken bemerkte Rasgar, dass die Worte an ihn gerichtet waren.
    „Natürlich hast du das, Spion. Ich bin noch nicht sicher, ob du mir lebend oder tot nützlicher bist. Präge dir alles gut ein, während ich darüber nachdenke. Vielleicht kannst du dieses Wissen noch gebrauchen. Und falls ich anders entscheide, stirbst du zumindest weise.
    Sperrt ihn weg.“

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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  • Zweiter Teil


    Information: Lienas großer Bruder, vormals Ralir getauft, heißt nun Mandir. Mandir, Liena und Milgir sind (in dieser Reihenfolge) die Kinder von Misrir Sinklar, dem Lord der Alben



    27. Verschwendete Mühe


    Liena erwachte von der Kälte. Es war eine Kälte, die bis ins Mark kroch, die ihr den Atem nahm und Hände und Füße verbrannte. Zusammengerollt kauerte sie in der Mitte des Raumes, möglichst weit weg von den Wänden, die sie für schwarzes Eis gehalten hätte, hätte sie es nicht besser gewusst. Sie zog die dünne Decke noch höher, doch bereute es sogleich, da ihre Füße hinaus ragten. Eine Welle nach der anderen erschütterte ihren Körper. Zeitgefühl hatte sie längst nicht mehr. Die Dunkelheit war allgegenwärtig und immerdar und den einzigen Rhythmus, das einzige Indiz dafür, dass ein Tag vergangen war, boten die Mahlzeiten. Warme Suppe. Liena wusste, dass sie gerade das Nötigsten taten, damit sie nicht erfror. Noch nicht.
    Eine Träne floss ihr die Wange hinab und noch bevor sie auf den Boden tropfte, war sie ebenso eisig wie ihre Haut. „Warum?“ Ihre Gedanken kreisten um diese Frage, unermüdlich, in dem verzweifelten Glauben, die Antwort wäre da, doch sie fand keine.
    Metall kratzte über Stein und Wind fegte über ihren Körper, als jemand den Raum betrat. Das Pochen schwerer Stiefel näherte sich, gefolgt vom Scheppern einer Schüssel auf dem Boden. Flüssigkeit schwappte hinaus. Liena zwang ihre Augen auf und sah gerade noch, wie sich der Schemen einer hellen Hand aus dem Blickfeld entfernte. „Bitte“, krächzte sie.
    „Iss.“ Die Stimme zerschnitt die Luft wie Stahl. „Er kommt bald und dann musst du kräftig sein. Du willst ihn doch nicht verärgern, oder, Albenweib?“
    „Bitte“, flehte Liena, doch die Schritte entfernten sich und die Tür zitterte im Schloss, signalisierte ihr, dass sie unwiderruflich verschlossen war und es kein Entrinnen gab. Die Verzweiflung wuchs und Lienas Körper zuckte nicht länger nur vor Kälteschauern, sondern auch von tiefen Schluchzern, die ihr beinahe die letzte Kraft entzogen. Es brauchte all ihren Willen, sie zu stoppen, und sie kämpfte sich in eine sitzende Position, tastete nach der Schale. Sie musste die Suppe essen, solange sie warm war. Mit jedem Schluck wurde Lienas Geist klarer und schließlich wurde sie sich den Worten des Dunkelelfen und deren Bedeutung bewusst. Er kommt bald. Eigentlich hätte sie sich fürchten müssen, doch überrascht stellte sie fest, dass sie erleichtert war. Endlich geschah etwas, durchbrach die qualvolle Monotonie und schürte einen Funken Hoffnung, dass ihre Gefangenschaft ein Ende nahm. Gierig leerte sie die Schale bis auf den letzten Tropfen. Sie hatte sich kaum wieder abgelegt, da öffnete sich die Türe erneut. Dieses Mal kam außer dem Luftzug auch Licht hinein. Von ihrer Position aus konnte Liena gerade bis zu den Knien des Mannes schielen, der ein Stück vor ihr stehen geblieben war, und sie wagte nicht, den Kopf zu heben.
    „So, Prinzessin... ich habe über Euren Vorschlag nachgedacht und bin zu einer Entscheidung gekommen.“ Seine Stimme leierte auf dieselbe unangenehme und gelangweilte Art und Weise wie bei ihrem ersten Gespräch und war übersättigt von Abscheu. „Lasst uns allein.“
    Liena schluckte, doch rührte sich nicht.
    „Wo bleiben Eure Manieren, Hoheit? Missfällt Euch meine Gastfreundschaft?“ Seine Gelenke knackten, dann erschien das Gesicht in ihrem Blickfeld.
    „Xyrius“, presste sie hervor und nahm ihren ganzen Mut zusammen, gestärkt von der Mahlzeit, die noch warm in ihrem Bauch lag. „Kaum zu glauben, dass Ihr persönlich hier erscheint. Ich fühle mich geehrt.“
    Ein Lächeln offenbarte weiße Zähne, doch die Augen blieben kalt. „Ihr braucht nicht die Starke zu spielen, Prinzessin. Ich rieche Eure Furcht. Ein widerwärtiger Gestank. Eine Schande für meine edlen Hallen.“
    „Was wollt Ihr?“, unterbrach sie ihn, alle Vorsicht beiseite schiebend. Wenn er sie tot sehen wollte, würde es ohnehin geschehen. In dem schummrigen Licht sah sie ein Zucken in seinem Mundwinkel. Wie bei einem wilden Tier, kurz vor dem Angriff, dachte sie. Dann aber kämpfte sich das freudlose Lächeln zurück in sein bleiches Gesicht. „Ich lehne Euren Vorschlag ab.“
    Obwohl sie nach der Gefangennahme schon damit gerechnet hatte, breitete sich Enttäuschung und Resignation in Liena aus. Alles war umsonst gewesen.
    „Aber vielleicht könnt Ihr etwas für mich tun. Ich möchte, dass Ihr mir helft, den Frieden zu wahren.“
    Für einen Augenblick vergaß Liena die Kälte. Sie vergaß die unfreundlichen Obsidianwände um sich herum. Sie vergaß ihre steifen Glieder. Sie vergaß ihre Müdigkeit und ihre Sehnsucht nach Sonne und Heimat. Was blieb, war Hass, roher, blanker, wilder Hass. „Wie könnt Ihr es wagen, dieses Wort in den Mund zu nehmen?“, knurrte sie und stemmte sich nach oben, bis sie saß und noch weiter, Stück für Stück, bis sie das erste Mal seit Tagen auf ihren Füßen stand, gestärkt von der Kraft des Zorns. Die lumpige Decke rutschte ihr von den Schultern und mit allem Stolz, den sie aufbringen konnte, hob sie die Stimme an. „Eher sterbe ich, als Teil Eures Plans zu werden.“
    Auch Xyrius erhob sich. Er überragte sie um zwei Köpfe oder mehr und blickte aus seinen purpurnen Augen auf sie herab. Dünne Finger packten ihr Kinn. Liena spannte alles in sich an, zwang sich den Blick zu erwidern, während dahinter so verlockend das helle Viereck der geöffneten Tür aufwartete. Der Griff wurde fester und entlockte Liena ein Stöhnen.
    „Was plant Euer Vater wirklich?“ Die Augenbrauen des Dunkelelfen hatten sich zu einer Linie zusammen gezogen, seine Nasenflügel bebten und seine Worte waren hart. „Was plant er?“
    Liena wimmerte. Sie fürchtete, jeden Augenblick würde ihr Kiefer brechen und doch antwortete sie nicht.
    „SAGT ES MIR!“, brüllte Xyrius.
    Der Schmerz war überwältigend. Tränen füllten ihre Augen und begannen langsam die Wange hinab zu rollen. Verzweifelt sah sie, wie die Augen des Elfen den Tropfen folgten. Ärger über sich selbst brannte in Liena auf. Sie durfte keine Schwäche zeigen. Nicht hier. Nicht vor ihm.
    „Ich habe Euch schon alles gesagt!“, presste sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor.
    „Ihr werdet reden“, flüsterte Xyrius. Kaum spürbar glitt eine Klinge über die kalte Haut ihres Halses. „Ich werde Euch nach und nach Teile Eures schönen Albenkörpers abschneiden, so lange bis Ihr mir meine Frage beantwortet, oder bis nichts mehr übrig ist. Mit den Ohren fangen wir an.“
    „Nein“, keuchte Liena unwillkürlich. Die weit ausgeformten Spitzen ihrer Ohren waren den Alben ebenso heilig wie den Dunkelelfen. Ohne dieses Merkmal waren sie kaum mehr wert als ein Mensch.
    „Mein Herr.“ Eine andere Stimme drang herein und das Gesicht eines Jünglings erschien in der Türöffnung. „Ihr werdet im großen Saal erwartet.“
    Xyrius knurrte. Er öffnete die Hand und Liena fiel zu Boden.
    „Verschließ die Tür bis ich wieder komme“, befahl er dem Gardisten barsch und stürmte hinaus. Das letzte, das Liena sah, war Xyrius‘ wehender Umhang. Dann umhüllte sie wieder die eisige Finsternis.


    Keuchend fuhr Liena hoch. Sie japste nach Luft. Schweiß bedeckte ihren Körper. Anstelle einer dunklen Zelle, fand sie sich in ihrem eigenen Gemach wieder.
    Ich bin in Salisir. Es war nur ein Traum, sagte sie sich im Geiste. In der Aufregung der vergangenen Wochen hatte sie die Qualen der Gefangenschaft in der Festung Xarchavas beinahe verdrängt gehabt, doch dieser Traum hatte gezeigt, dass sie noch da waren, so klar, als wäre sie wieder dort gewesen. Bis heute wusste sie nicht, warum man sie letztlich freigelassen hatte. Dass alles ein riesen Fehler gewesen war, stand indes außer Frage. Seit sie dem Verließ entkommen war, versuchte sie wieder gut zu machen, was sie angerichtet hatte, doch es schien, dass jede Tat nur noch größeres Unglück brachte. Sie war losgezogen, um einen Krieg zu verhindern, doch mehr und mehr wurde deutlich, dass sie die Steine erst so richtig ins Rollen gebracht hatte. Die Wut auf den eigenen Vater, ihre Brüder und all die untätigen Speichellecker hatte sie blind gemacht. Wie hatte sie nur glauben können, das Oberhaupt der Dunkelelfen überzeugen zu können? Allesamt waren sie machthungrige Tyrannen, nur auf den eigenen Vorteil bedacht, ohne an die Konsequenzen zu denken. Vielleicht lag es viel weniger an ihrer Rasse, als mehr an ihrem Geschlecht. Sie hätte sich direkt an Limargre wenden sollen! Die Kaiserin galt als überaus weise, auch wenn Liena sie noch nie getroffen hatte. Doch sie hatte gefürchtet, dass Limargre untätig bleiben würde. Der Süden hielt sich immer schon aus allem heraus. Sogar in den großen magischen Kriegen hatten sie erst eingegriffen, als die Welt kurz vor dem Untergang stand.
    Nun, im Nachhinein betrachtet, wäre Untätigkeit jedoch um einiges besser gewesen, als was Xyrius tat.
    „Denkt nicht, ich sei nicht vorbereitet“, hatte er zu ihr gesagt. „Ich rechne jeden Tag damit, dass Ihr mir in den Rücken fallt, obwohl wir es sind, die noch eine Rechnung offen haben.“
    Natürlich spielte er auf die verlorenen Ländereien im Grenzgebiet an, die seit dem Friedensvertrag von Duwalara zu Mildir gehörten.
    Xyrius war nicht zur großen Ratssitzung erschienen und hatte auch keine Delegation geschickt. Kein Wunder, dass ihr Vater sich darüber freute. Derartige Versammlungen waren ebenfalls im Friedensvertrag festgesetzt worden. Wenn ein Herrscher um das Gleichgewicht auf Orchaldor bangte, stand es ihm zu, alle Oberhäupter einzuberufen. Wer nicht kam, verstieß gegen den Vertrag und erlaubte den anderen dadurch, Maßnahmen einzuleiten, bis hin zum Entsenden von Truppen.
    Eigentlich hatte Liena gehofft, zur Ratssitzung zurück in Salisir zu sein. Möglicherweise hätte sie dort mit Bromir, dem Zwerg oder Limargre sprechen und sie auf die Lügen ihres Vaters aufmerksam machen können. Stattdessen war ihr dieser Idiot von einem Leibgardisten in die Quere gekommen. Unmöglich hatte sie ihn unbeachtet lassen können und damit in Kauf nehmen, dass ihrem Vater der letzte fehlende Trumpf in die Hände fiel und er den Kontinenten nach Jahrhunderten des Friedens in einen neuen großen Krieg stürzte.
    Liena stieg aus dem Bett und sah aus dem Fenster. Der Morgentau glitzerte auf den Wiesen, die Bäume dampften im zarten Licht. Selbst hier oben und durch die Scheiben hindurch hörte sie das stete Rauschen des Mangal. Alles war so friedlich. die Welt ahnte nicht, was auf sie zukam.


    Wo der Leibgardist gerade war? Beim Gedanken an ihn, verhärtete sich Lienas Blick. Gute Männer und Frauen waren durch seine Hand gestorben. Manche von ihnen hatte sie seit Kindesbeinen gekannt und keiner von ihnen hatte es verdient gehabt, den Tod zu finden. Warum mussten alle immer direkt zu den Waffen greifen, anstatt erst einmal mit einander zu sprechen? Sogar Mandir wäre dem Elfen zum Opfer gefallen, hätte sie nicht eingegriffen. Er mochte ein hohler Ochse sein, trotzdem war er ihr Bruder. Und am Ende war er womöglich ihre einzige Chance, das Ruder noch herum zu reißen und gegen ihren Vater vorzugehen.
    Liena seufzte. Zwar befand sie sich in ihren eigenen Räumlichkeiten, hatte in einem warmen Bett geschlafen und würde im Vorzimmer ein üppiges Frühstück finden, trotzdem wusste sie, dass sie eine Gefangene war. Die Wachen vor der Türe waren nicht zu ihrem Schutz aufgestellt worden, so viel war sicher.


    Die Situation war aussichtslos. Wie auch immer ihr Vater von ihrem Verrat erfahren hatte, war ihr ein Rätsel. Möglicherweise wusste er auch bei Weitem nicht so viel, wie er behauptete. Das änderte alles nichts an der Tatsache, dass sie ihr Vertrauen verspielt hatte. Weder würde er ihr zuhören, noch erlauben, dass sie diesem Spion einen Besuch abstattete. Aus seiner Rolle in diesem elenden Spiel wurde sie nicht schlau. Wie hatte Mandir ihn entdecken können und sie nicht? Es war nicht das erste Mal, dass sie ihren Bruder unterschätzt hatte. Er war jetzt ihre einzige Chance, zumindest so lange, bis Milgir zurückkam. Vorausgesetzt, er kam überhaupt zurück.

    ~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~


    Laotse

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