Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den AnfĂ€ngen liegt. Die ĂŒberlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der SchlĂŒssel zur Herrschaft ĂŒber Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. WĂ€hrend die Almanen auf AltbewĂ€hrtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die GeheimbĂŒnde der Schatten sehen in der Magie die mĂ€chtigste Waffe und fĂŒr die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Die Wölfe Saurons (Silmarillion Fanfiction)

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Die Wölfe Saurons (Silmarillion Fanfiction)

#1

Beitrag von Baxeda » Fr 28. Aug 2015, 15:11

Die Passagen des Silmarillions, die das Leben der beiden großen Wölfe Draugluin und Carcharoth zum Inhalt haben, werden im Original in nur wenigen SĂ€tzen abgehandelt. Hier prĂ€sentiere ich, wie die lange Version aussehen könnte. Die Handlung hĂ€lt sich so eng wie möglich am Original, wurde aber aus erzĂ€hlerischen GrĂŒnden um einige Inhalte erweitert, um eine angenehme Lesbarkeit zu gewĂ€hrleisten.

Die Wölfe Saurons
- von Draugluin und Carcharoth -


Schwarz mit blauem Schimmer

Klein war der Welpe und so gewaltig die Ausmaße von Melkors Thronsaal. Saurons HĂ€nde umschlossen den schmalen Körper vollstĂ€ndig, in dem das Herz flatterte. Das Leben, das er selbst ihm geschenkt hatte, pulsierte warm unter dem blauschwarzen Fell. Sauron konnte zwar kein neues Leben aus dem Nichts erschaffen wie die Valar, aber er hatte sich etwas anderes einfallen lassen, um die Natur fĂŒr sich zu nutzen.
„Meister, ich habe ein Geschenk fĂŒr euch“, sagte er feierlich, ging hinab auf ein Knie und hielt den jungen Wolf vor sich, so das Melkor ihn betrachten konnte. „Ich gebe euch Draugluin.“
„Erhebe dich“, sprach der Dunkle mit tiefer Stimme. Die Erlaubnis war gleichzeitig ein Befehl. Sauron kam auf die FĂŒĂŸe. Er war der Einzige, der das Privileg genoss, stehend vor dem Thron Melkors sprechen zu dĂŒrfen, seit Gothmog nicht mehr war.
„Bring ihn her zu mir.“
Das Gesicht Melkors blieb ausduckslos, als er den Welpen musterte. Das blasse Licht der Silmaril in seiner Eisenkrone malte tiefe Schatten in sein Gesicht. Draugluin winselte, aber wehrte sich nicht gegen den festen Griff von Saurons HĂ€nden, die ihm zu einer Gestalt aus Fleisch und Blut verholfen hatten. War seine Erinnerung an die Zeit davor auch verschwunden, so spĂŒrte er dennoch, das diese harten HĂ€nde sein einziger Ersatz fĂŒr eine Mutter waren.
„Ich fĂŒhle ein Feuer in seinem Inneren, das dem deinen Ă€hnelt“, bemerkte Melkor. „Dies ist kein gewöhnlicher Wolf, nicht wahr?“
Sauron schĂŒttelte den Kopf. „Äußerlich mag Draugluin erscheinen wie ein ordinĂ€res Raubtier, doch er ist weitaus mehr: ein machtvoller Geist, dem ich die HĂŒlle des Fleisches schenkte. Wenn er heranwĂ€chst, wird er intelligent sein wie ein Maia und fast ebenso mĂ€chtig! Er wird jedes einzelne unserer Worte verstehen und uns von allem berichten können, was er sieht, hört und riecht. Und er wird fĂŒr uns kĂ€mpfen. Ich habe dieses Werk euch gewidmet, mein finsterer Herr. Draugluin wird euch zuverlĂ€ssig dienen und die Hunde der Elben werden in ihm ihren Meister finden. Sie werden nicht lĂ€nger Freude daran haben, ihre ZĂ€hne in unsere Orks zu schlagen.“
Nun erhob Melkor sich. Seine schwarze RĂŒstung blieb dabei vollkommen lautlos, weder quietschte noch rasselte sie oder schlug irgendwo ein Teil auf ein anderes. NatĂŒrlich nicht, Sauron selbst hatte sie geschmiedet. Diese RĂŒstung saß wie eine zweite Haut.
„Setz den Wolf ab, ich will sehen, wie er sich bewegt.“
Sauron tat, wie geheißen und Draugluin begann unbeholfen auf den Kacheln aus schwarzem Basalt herumzutapsen. Wo der Bodengrund schwarz und glanzlos war wie die Ă€ußere Leere selbst, ĂŒberzog Draugluins Pelz ein blauer Schimmer. Ihm verdankte Draugluin seinen Namen, der in der gemeinen Sprache blauer Wolf bedeutete. Der Welpe winselte, weil seine Pfoten wegrutschten und er suchte sogleich wieder Saurons NĂ€he. Der aber widerstand der Versuchung, sich zu seiner Schöpfung hinabzubeugen. Er hatte Draugluin erschaffen, doch nun war er das Eigentum Melkors.
„Draugluin wird Stammvater eines ganzen Geschlechts werden, dass ich die Werwölfe nenne“, erklĂ€rte Sauron feierlich. „Er ist der erste seiner Art, aber wird nicht lange der einzige bleiben und bald werden die Werwölfe sich ohne mein Zutun mehren.“
Melkors schwarze Augen ruhten auf seinem Untertan, wĂ€hrend er sprach, hart und kalt wie Obsidian. Sauron spĂŒrte, wie sein Willen unter ihnen schwach wurde. Das erging jedem so im Angesicht des Finsteren, seit Melkor nicht mehr fĂ€hig war, eine dem Auge gefĂ€llige Gestalt anzunehmen und er seine Bosheit unverhĂŒllt zur Schau tragen musste. Der einstige Schönheit des Obsidians war fort, geblieben waren seine KĂ€lte, seine Kanten und seine SchĂ€rfe.
Sauron zwang sich, fortzufahren.
„Die Valar haben ihre Eldar – wir haben unsere Orks. Hunde wachen ĂŒber die Wege der Elben – die Pfade unserer Truppen werden fortan geschĂŒtzt sein von Wölfen. Draugluin ist die Antwort auf Huan, der uns viel zu lange schon das Leben schwer macht. Ihr kennt ja die Weissagung, dass ein Wolf Huans Ende besiegeln wird. Ein gewöhnlicher Wolf wĂŒrde das niemals bewerkstelligen können – aber Draugluin wird es.“ In Saurons Stimme schwang Stolz mit.
Doch Melkor war schwer zu beeindrucken.
„Wir werden sehen. Komm nun, Draugluin Blaupelz“, sprach Melkor mit tiefer Stimme. Ihr Bass vibrierte tief in Mark und Bein. Ihr Klang allein genĂŒgte, dass der Wolf unterwĂŒrfig seine Ohren zurĂŒcklegte und Melkor hinterherschlich, ohne sich noch einmal nach seinem Erschaffer umzusehen. Gut so. FĂŒr Zuneigung war im Leben eines Werwolfes kein Platz und je zeitiger Draugluin das lernte, umso besser. Melkor schritt aus dem Saal, hochgewachsen und finster. Der Welpe war nicht viel grĂ¶ĂŸer als einer seiner eisenbeschlagenen Stiefeln, die schwer auf dem Basalt widerhallten. Das leise Kratzen von Draugluins Krallen ging vollkommen unter in ihrem harten Klang.
Sauron folgte den beiden in einigem Abstand. Wenn Melkor den Thronsaal verließ, hatten ihn auch alle anderen zu verlassen. Und auf Sauron warteten andere GeschĂ€fte, fern von Angband. Im gehen klopfte er sich die letzten blauschwarzen Haare von seinen HĂ€nden, die auf den steinernen Boden fielen.
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Re: Die Wölfe Saurons (Silmarillion Fanfiction)

#2

Beitrag von Baxeda » Mi 2. Sep 2015, 17:19

Wie Eisen, das Funken schlÀgt

Melkor war zufrieden, doch Draugluin war es nicht.
Der junge Wolf hatte alles, was er zum Leben benötigte, doch war er niemals wirklich froh. Nicht, wenn Melkor ihm Elbenfleisch zum Fraße reichte, lebend oder tot, nicht, wenn Draugluin mit den Orks wilde Zerrspiele veranstaltete oder sie ihn im Spaß durch die endlosen TreppengĂ€nge jagten, von den feurigen Schmieden in den Eingeweiden Angbands bis hinaus aus dem schwer bewachten Schlund und hinein in den frostklirrenden Tannenwald. Auch nicht, wenn sie fĂŒr ihn einen abgeschlagenen Kopf den Hang hinunter rollten, wo die Steine vom Raureif glitzerten, damit Draugluin ihn fangen konnte wie einen blutigen Ball, ehe Melkor dahinterkam und den Orks das Spielen mit dem Jungwolf verbot, damit er hart wĂŒrde wie das schwarze Eisen, dass neben dem Basalt die Inneneinrichtung der Festung bestimmte.
Es war die drĂŒckende Allgegenwart Melkors, die in der Luft schwebte und durch alle Ritzen kroch, selbst wenn der Herr gar nicht anwesend war. Draugluin mochte ihn nicht mit seinen ganzen Übertreibungen, alles war zu viel an ihm: Melkor sprach zu laut, machte zu raumgreifende Bewegungen. Wenn er wĂŒtend war, dann war er so wĂŒtend, dass er alles kurz und klein schlug, ob es lebte oder nicht, wenn er traurig war, dröhnte sein schauerliches Geheul aus den Tiefen Angbands empor wie das Heulen einer Armee von gepeinigten Totengeistern, so dass selbst die abgebrĂŒhtesten Orks die knöchernen GlĂŒcksbringer an ihren Halsketten mit den FĂ€usten umklammerten. Sogar wenn Melkor gut gestimmt war, war er furchteinflĂ¶ĂŸend: Sein LĂ€cheln glich einem Grinsen, sein Grinsen einem ZĂ€hnefletschen. Melkor war immer schrecklich, egal, was er tat, selbst wenn er es gar nicht darauf anlegte, schrecklich zu sein.
Der Wolf hatte nie verstanden, warum Sauron dem gefallenen Vala mit solch einem Eifer diente, mit solch einer Hingabe. Doch niemand fragte Draugluin nach seiner Meinung und so behielt er sie fĂŒr sich. Dass der Jungwolf Melkor folgte und seinen Weisungen gehorchte, lag allein daran, dass Sauron es ihm aufgetragen hatte. Und vielleicht war er darin, diesen Befehl zu befolgen, der ihn innerlich zu zerfressen begann, nicht besser als sein Erschaffer, dessen Selbst im Schatten Melkors nach und nach verblasste.
Draugluin wurde groß im Laufe der Jahre, grĂ¶ĂŸer, als ein Wolf eigentlich sein sollte. Schließlich erreichte er die Ausmaße eines Pferdes und die Kraft von zehn Stieren. Kein Ork wollte mehr mit ihm spielen, auch jene nicht, die es manchmal noch heimlich getan hatten.
„Tsaarg?“, fragte Draugluin so sanft, wie er es mit seiner Wolfsstimme vermochte und legte das das Zerrleder erwartungsvoll vor sich auf die schwarzen Kacheln. Sein Schweif wedelte sacht.
Tsaarg hatte ihm den RĂŒcken zugewandt. Wie bei den meisten jungen Orks war seine graue Haut noch fast narbenlos – bis auf einen neuen Schmiss, der sich ĂŒber dem GĂŒrtel einmal quer um seine HĂŒfte zog und nach frischem Fleisch roch.
Draugluin sah genau, dass Tsaarg ihn gehört hatte. Die Ohren des Orks zuckten kurz nach hinten, wĂ€hrend er ein paar große GerĂ€tschaften mithilfe von Sand und einem Lederlappen von verkrustetem Blut reinigte. Ohne sich nach seinem einstigen SpielgefĂ€hrten umzudrehen, stopfte er sich den Lappen in den Hosenbund, nahm den Sandeimer und ging davon.
Das war der Augenblick, als Draugluin beschloss, nicht lĂ€nger zu sein wie Eisen, welches langsam vom Rost der Zeit zerfressen wurde. Wenn er schon ein Werkzeug war, dann wollte er sein wie das Eisen in in den Schmieden, welches im Feuer erglĂŒhte und lodernde Funken schlug!
Draugluin ließ das Zerrleder liegen und rannte davon. Es war das letzte Mal, dass er die endlosen Tunnel entlangstĂŒrmte, vorbei an den Schwarzen Kaskaden mit ihren gusseisernen Feuerschalen, die mehr Qualm als Licht verbreiteten und die Konturen der Orks verschluckten, so dass sie aussahen wie Schattengeister. Es war das letzte Mal in Draugluins Leben, dass seine Pfoten die Basaltkacheln Angbands betraten.
In der Nacht, als Melkor ihn zur Jagd entließ, damit Draugluin sich von Elbenfleisch nĂ€hren konnte, kehrte der Blaupelz nicht mehr zurĂŒck.
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Re: Die Wölfe Saurons (Silmarillion Fanfiction)

#3

Beitrag von Baxeda » So 27. Sep 2015, 20:28

Dem Feuer nach

Tsaarg saß plötzlich auf der Lichtung, wo Draugluin ĂŒblicher Weise die Opfer seiner Jagd verzehrte, gar nicht weit von Angband entfernt. „Keine Beute in dieser Nacht?“, fragte er und grinste mit seinem hoffnungslos gelben Gebiss. In seinen HĂ€nden hielt er das Zerrleder. Er war weder besonders groß, noch besonders klein, sondern einfach ein durchschnittlicher junger Ork mit Glatze. Wie die meisten seiner Art trug er trotz der KĂ€lte so wenig Kleidung wie möglich, um zu zeigen, dass ihm die Widrigkeiten des Nordens nichts ausmachten: nur eine schief sitzende Hose und einen Ă€rmellosen Pelzpullover, der viel zu kurz war, so dass man den frischen Schmiss um seine HĂŒfte sah. Nicht einmal Schuhe. SchwĂ€che zu zeigen kam unter Orks einer Einladung gleich, sich nieder machen zu lassen.
„Nein, keine Beute“, bestĂ€tigte Draugluin mit seiner tiefen, immer grollenden Stimme. Er sagte dies ohne sich niederzulegen, wie er es sonst bei GesprĂ€chen tat, um weniger furchteinflĂ¶ĂŸend zu wirken. Sein Aussehen war seine Gabe und sein Fluch. Es gab niemanden, den er fĂŒrchten musste, denn alle Welt fĂŒrchtete sich vor ihm. „Ich bin heute nicht auf der Jagd“, fĂŒgte er hinzu. Er ĂŒberlegte, ob er weiter sprechen sollte. Tsaarg hatte als einer der wenigen trotz des Verbotes von Melkor mit ihm gespielt und ihn an guten Tagen sogar mit seinen groben Fingern gekrault. Seine BerĂŒhrung war nicht angenehm, mehr ein derbes Kratzen, manchmal bis hin zum Schmerz, aber immerhin hatte er sich bemĂŒht. Draugluin senkte die Stimme zu einem kaum hörbaren Raunen. „Ich will mir ein neues Revier suchen.“
Wie wĂŒrden diese Worte ankommen? WĂŒrde er Tsaarg zerreißen mĂŒssen, wie einen seiner Futterelben, weil er ihn sonst verriet? Draugluins Ohren richteten sich auf, als er den Ork musterte, damit ihm keine Feinheit seiner Reaktion entging.
„Ach!“, sagte Tsaarg nur. Er wirkte zunĂ€chst recht teilnahmslos, dann begannen seine Finger mit dem Zerrleder zu spielen. So etwas tat er meist, wenn er nachdachte. Draugluin wartete, lauernd. Er wollte ihm nichts tun, aber wenn er das GefĂŒhl hatte, dass er es musste, wĂŒrde er nicht zögern. Entschlossenheit beim Töten, das hatte Melkor ihn von klein auf gelehrt. Das Schweigen lag auf ihnen wie der Schnee, der eine weiße Decke ĂŒber das verdorbene Land gelegt hatte. Der froststarrende Tannenwald war Draugluin noch nie so lautlos erschienen. Es war nichts weiter zu hören als ihrer beider Atem, der als weißer Dampf aus ihren MĂŒndern stieg. Dicke Schneeflocken sanken lautlos auf sie hinab und schmolzen auf Tsaargs Armen und seiner Glatze, so dass er sich das hinabtropfende Wasser schließlich aus dem Gesicht wischen musste. „Es ist ja nicht so, dass ich deine 
 Reise nicht nachvollziehen könnte“, fuhr der Ork schließlich fort. Seine Finger betasteten die Wunde, die wie ein halber GĂŒrtel um seine HĂŒfte verlief. Vermutlich war das der Hieb einer rostigen Kettenpeitsche gewesen, solche Wunden waren dazu gedacht, sich zu entzĂŒnden und ihren TrĂ€ger ĂŒber einen sehr langen Zeitraum zu quĂ€len. Draugluin verstand nun, warum Tsaarg einen so kurzen Pullover trug, er wollte nicht, dass die Kleidung sich mit seiner nĂ€ssenden Wunde verklebte.
„Wirst du mich ihnen verraten?“, fragte der Wolf.
Tsaarg grinste noch schiefer als zuvor. „Ich habe dich durch halb Angband gejagt und mit dir Kopfball gespielt, obwohl jeder von dem Verbot Melkors wusste. Und da stellst du mir eine so dĂ€mliche Frage?“
Draugluin legte beschĂ€mt die Ohren zurĂŒck. Allein der Gedanke, dass er erwogen hatte, Tsaarg zu töten, bereitete ihm mit einem Mal ein tiefes Unwohlsein, dem er keinen Namen geben konnte. Es wĂ€re doch richtig gewesen, weil sein Herr es ihm befohlen hatte, oder nicht?
Drauglin trat an ihn heran, schob mit seiner Schnauze die Hand beiseite. Der Ork ließ es widerwillig geschehen. Die Wunde roch nach Krankheit, gelber Schleim mit toten Fliegen klebte darin. FĂŒr die niederen Orks gab es keine Heiler, nur Schadenfreude. Wer schwach war, hatte sich sein Leiden selbst zuzuschreiben, ebenso wie die Ungehorsamen. Jeder der litt, hatte es verdient.
Draugluin fuhr mit der Zunge ĂŒber die Wunde, so wie er es bei seinen eigenen Wunden immer tat. Sie war heiß und glĂŒhte. Sanft schabte er den Schleim heraus, bis nur noch rosiges Fleisch zurĂŒckblieb. Tsaarg gab dabei nicht einen Mucks von sich.
„War das dein Vorgesetzter?“, fragte Draugluin. „Weil du mit mir gespielt hast?“
„Halt einfach das Maul“, entgegnete Tsaarg schroff. Sein Gesicht wirkte teilnahmslos, doch sein Hals glĂ€nzte vor kaltem Schweiß und er zitterte kaum merklich. „Dann erzĂ€hl mal“, sprach er. „Wo soll es hin gehen?“
Wenig spĂ€ter saß Tsaarg auf Draugluins RĂŒcken, das Zerrleder als Haltegriff um den Rumpf des Wolfes geschlungen. Sie flogen dahin, als sei es schon immer so gewesen und es war einer der wenigen Momente seines Lebens, in denen Draugluin bis in den tiefsten Winkel seines Herzens hinein glĂŒcklich war. Angbands herber Gestank nach ewig brennenden Schmiedefeuern wurde dĂŒnner, bis er gĂ€nzlich verblasste und bald fanden sie keine orkischen Fußspuren mehr im Schnee. Als sie den kleinen Grenzfluss ĂŒberquerten, unter dessen Eise es leise gluckerte, setzte Tsaarg zu einem lautstarken Freudengeheul an und Draugluin fiel jaulend ein. Die Schneehasen duckten sich vor Angst auf den Boden, als sie das misstönende Duett vernahmen und die Eishirsche sprangen so schnell sie konnten davon. Doch weder der Wolf noch der Ork interessierten sich heute fĂŒr die Beute. FĂŒr sie gab es nur den Weg der sie fort fĂŒhrte, fern von Angband.
Anfangs war es der Schnee, der sie umstob wie eisige Wolken, ein paar Tage spÀter braune Tannennadeln. Nachtfalter stiegen auf. Spinnweben verfingen sich in den Tasthaaren an Draugluins Schnauze. Der Wald erwachte zum Leben und sie versanken darin.
Sie reisten viele Wochen, denn der Weg war weit. Immer hĂ€ufiger wurde der Tannenwald nun aufgelockert von LaubbĂ€umen. Es wurde wĂ€rmer und der Wald lichter und freundlicher. Das Mondlicht fiel zwischen den Kronen hinab auf saftiges Gras, das wie Fell den Grund bedeckte, dazwischen sprossen Blumen und Pilze. Leben, alles hier lebte und immer hĂ€ufiger mussten sie bald den Jagdtrupps von Elben ausweichen. Langsam, aber sicher nĂ€herten sie sich ihrem Ziel, das konnte Draugluin spĂŒren.
Das Feuer, das in seinem Inneren brannte, wies ihm den Weg.
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Re: Die Wölfe Saurons (Silmarillion Fanfiction)

#4

Beitrag von Baxeda » So 18. Okt 2015, 19:19

Die Inselfestung

Die BĂ€ume waren plötzlich fort. Vollkommen unerwartet endete der Wald und vor Draugluin eröffnete sich die Welt. Seine Pfoten standen am Rande eines langgestreckten Tals, das aussah als sei das Gebirge dort auseinandergerĂŒckt. Zwischen den Bergen von Mithrim, aus denen sie kamen und den Echoriath lag langgestreckt ein nahezu ebener Landstrich. Wie eine Grenze schlĂ€ngelte sich ein Fluss von Horizont zu Horizont, zu beiden Ufern gesĂ€umt von flachen Auen. Der Sternenhimel wölbte sich ĂŒber dem Land. Wie ein FĂ€cher breitete der Vollmond sein Licht aus und so schien das Tal wie aus Silber gegossen, der breite Fluss wie ein Strom glitzernden Sternenstaubes, der in schwungvollen Kurven in die Ferne floss, bis er sich wieder mit der Nacht vereinigte. Nie hatte Draugluin ein schöneres Land gesehen.
„Hier ließe es sich leben“, kommentierte Tsaarg von seinem RĂŒcken aus und seine raue Stimme war wie ein Misston, ein Kontrast zu all der Schönheit. Er hatte viel geschlafen wĂ€hrend des Rittes auf Draugluins RĂŒcken und sich bisweilen unnatĂŒrlich heiß angefĂŒhlt, doch inzwischen war seine Wunde gut verheilt und er wirkte munterer. „Zumindest wĂ€re das ein ganz brauchbarer Landstrich, wenn auf der großen Insel da im Fluss nicht diese hĂ€ssliche Festung stehen wĂŒrde! Sie sieht nach Elbendreck aus und ist auch bewohnt, wie du an den Lichtern siehst. Los, komm schon. Lass uns wieder in den Wald zurĂŒckkehren, ehe sie uns bemerken.“
„Vor Elben brauchst du dich hier nicht zu fĂŒrchten. Diese Festung dort ist unser neues Heim. Und die Auen und Berge fortan unser Jagdrevier.“
„Ich höre wohl nicht richtig! Neues Heim? Davon hast du nichts erzĂ€hlt! Ich dachte, wir leben frei!“
HĂ€tte Draugluin ihm sagen sollen, dass er ihn absichtlich in Unwissenheit belassen hatte? Weil er Angst gehabt hatte, Tsaarg wĂŒrde nicht mit ihm kommen, wenn er das Ziel kannte? „SpĂŒrst du es, wer da wohnt?“, fragte er, um den Ork davon abzulenken.
„Nein.“
Sie blickten schweigend auf das Tal, von der Festung auf der Flussinsel aus ertönte Wolfsgesang. Ein Klang, der Draugluin vor Sehnsucht das Herz zerriss.
„Doch!“, rief Tsaarg. „Meine Narbe sticht. Und wie! Irgendeiner von seinen Lakaien, nicht wahr?“
„Möchtest du trotzdem mit mir kommen?“
Tsaarg knurrte. „Muss ich ja wohl, jetzt, wo du mich so weit von Angband fort geschleppt hast. Soll ich den ganzen Weg zu Fuß zurĂŒckkehren, allein und unbewaffnet? Zwischen all dem Bleichhautgesocks? Da könnte ich mich auch gleich von der nĂ€chsten Klippe stĂŒrzen. Was soll`s. Beweg dich schon. Vielleicht gibt es ja was zu Essen.“

Tol-in-Gaurhoth war ihr Name, die Insel der Werwölfe. Das wusste Draugluin von Melkor, der mit seinen Beratern oft ĂŒber sie gesprochen hatte, genau wie er alles andere ĂŒber dieses Land wusste, weil er wĂ€hrend der Beratungen zu seinen FĂŒĂŸen gelegen und gelauscht hatte. SchlĂŒssel zum SĂŒden, hatte der Herr der Dunkelheit die Inselfestung genannt, weil das lange Tal der einzige leicht begehbare Weg zwischen den beiden Gebirgsmassiven war, ein Pass, der von Norden nach SĂŒden fĂŒhrte. Er hatte die Festung haben wollen wegen ihrer strategischen Bedeutung. Sie sah elbisch aus mit ihrem hellen Stein, der im Mondlicht leuchtete und ihren schwungvollen Bögen. Doch bestimmte Dinge ließen keinen Zweifel daran, wer hier inzwischen hauste. Am Fuße ihrer Mauern wuchsen DornengestrĂŒpp und Giftpflanzen, ganz im Unterschied zu dem sonst ĂŒblichen weichen Pflanzenwuchs der hiesigen Lande. Dunkles, feuchtes Moos kroch langsam den Stein hinauf, als wĂŒrde die Festung von unten her verfaulen. UnnatĂŒrlich riesige FledermĂ€use umschwirrten die schlanken TĂŒrme, sie sahen so Ă€hnlich aus wie Orks mit schwarzem Pelz, nur mit FlĂŒgeln statt Armen.
Tsaarg duckte sich vor ihnen auf Draugluins RĂŒcken hinab, wĂ€hrend sie sich der Festung nĂ€herten. Die beiden Neuankömmlinge waren lĂ€ngst bemerkt worden, die FledermĂ€use kreisten ĂŒber ihnen und quiekten. In ihrem Gekreisch waren Worte der Schwarzen Sprache zu vernehmen.
Draugluin blieb am Flussufer stehen, wo der Weg zur Festung endete, so dass sie nicht hinĂŒber zum Tor gelangen konnten. Er ließ ein langes Heulen verlauten und es dauerte nicht lange, da erhielt er Antwort. Ein vielstimmiges Konzert drang durch die Mauern. Die ZugbrĂŒcke wurde mit rasselnden Ketten hinabgelassen, hart schlug sie auf die vom Unkraut ĂŒberwucherte, steinerne Straße.
Wölfe kamen aus dem Eisentor, etwas kleiner und schlanker als Draugluin. Sie begrĂŒĂŸten ihn nach Wolfsart mit freudigem Lefzenlecken. Es wurden immer mehr, hunderte mochten hier wohnen. Mit ihren schwarzen Nasen schnĂŒffelten sie zu dem Ork hinauf und rochen an seinen FĂŒĂŸen, doch die meiste Aufmerksamkeit galt Draugluin, den sie winselnd und wedelnd willkommen hießen. Schließlich fĂŒhrten ihn hinein in die Festung. Sie hatten ihn erkannt, obwohl sie ihm noch nie begegnet waren, denn in ihnen brannte das selbe Feuer, dass auch Draugluin zu einem Leben in fleischlicher Gestalt verholfen hatte. Der Wolf spĂŒrte, wie sich Tsaargs Beine fester um seine Flanken schlossen. Und als die ZugbrĂŒcke von magischer Hand wieder hochzogen wurde und das schwere Eisentor sich hinter ihnen schloss, zuckte der Ork heftig zusammen.
„Keine Sorge“, raunte Draugluin, wĂ€hrend er durch den Festungshof auf das HauptgebĂ€ude zuging. „Er ist anders als Melkor, du wirst sehen.“
„Es sind beides Dreckskerle“, zwischte Tsaarg, „jeder auf seine Art. Du bist es, der sehen wird! Wenn da draußen nicht alles voller Elben wĂ€re, wĂŒrde ich keinen einzigen Schritt in dieses Loch hier setzen. Du bist ein Drecksköter, nur, dass du es weißt!“
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Re: Die Wölfe Saurons (Silmarillion Fanfiction)

#5

Beitrag von Baxeda » Fr 26. Feb 2016, 07:12

Schwarz, kalt und deformiert

Kein Thronsaal war der Raum, in welchem Sauron sich die meiste Zeit des Tages aufhielt, sondern eine Schmiede. Eigens fĂŒr ihn errichtet im ehemaligen Glockenturm Tol Sirions, durch bunte Bleiglasfenster getrennt von dem Land, das besiegt zu seinen FĂŒĂŸen lag. Die Funken stoben, als der Hammer auf das glĂŒhende Eisen traf, wieder und wieder, Kaskaden von feurigen Sternschnuppen im beißenden Rauch des Kohlebeckens. Bewusst hatte er keines der Fenster geöffnet. Atemluft brauchte er nicht, wenn er es nicht wollte, was er jetzt brauchte, war schwarzer Qualm, der ihn an Angband erinnerte, erstickende, beißende Dunkelheit.
Im harten Klang des Hammers waren die GerĂ€usche der TĂŒr kaum zu hören. Erbost ĂŒber die Störung, obgleich er sie erwartet hatte, drehte er sich um. Die geschwungene Klinke bewegte sich, als wĂŒrde jemand sie unbeholfen zu drĂŒcken versuchen und natĂŒrlich wusste er genau, wer sich da mĂŒhte, zu ihm zu gelangen, denn seine Sinne gingen weit ĂŒber die eines Sterblichen hinaus. Als der Wolf die TĂŒr mit dem Kopf aufschob und hereintrottete, groß und breit wie ein schwarzer Stier, zog Sauron die Brauen zusammen.
„Weiß Melkor, dass du hier bist, Draugluin?“
Es war viele, sehr viele Jahre her doch Sauron hatte sein Geschöpf sofort erkannt. Wie könnte er je vergessen, was seine eigenen HÀnde erschaffen hatten?
Draugluin blieb vor ihm stehen. Ein großes, starkes Raubtier und die Glut spiegelte sich in seinen Augen. Nicht lodernd und feurig, sondern warm und bestĂ€ndig, wie die glĂŒhenden Kohlen des Schmiedeofens. „Melkor kann es sich denken“, antwortete er mit einer Stimme wie Donnergrollen, die nicht zu der Sanftheit passte, um die er sich mĂŒhte. Ein Hund in Wolfsgestalt, dem ergeben, den er zum Herrn auserkor. Und egal, wie sehr Sauron sich gemĂŒht hatte - es war nicht Melkor, dem Draugluin folgen wollte. „Seine Sinne sind so gut wie die deinen“, fuhr der Wolf fort. „Mindestens und seine Macht ist unermesslich. HĂ€tte er gewollt, dass ich umkehre, hĂ€tte er Mittel und Wege gefunden.“
Sauron drehte sich um und ergriff wieder Zange und Hammer. Geschmeichelt fĂŒhlte er sich nicht. Wenn Melkor in ungnĂ€diger Stimmung war, mochte er Draugluins Verweilen in Tol-in-Gaurhoth als Diebstahl empfinden, auch wenn er selbst die Flucht zugelassen hatte. Warum er sie nicht vereitelt hatte, konnte Sauron nur mutmaßen. Vielleicht war er Draugluins ĂŒberdrĂŒssig geworden. Vielleicht hatte er sehen wollen, wohin es den Wolf trieb, wenn er ihm freie Hand ließ. Aber möglicher Weise – und dies war nicht unwahrscheinlich – war dies auch eine Botschaft an Sauron, wie unzufrieden Melkor mit seinem Geschenk war und dass er es nicht brauchte. Ein Fingerzeig, wie entbehrlich Sauron war und seine Werke.
Saurons presste die Lippen aufeinander, die Funken flogen in doppelter StĂ€rke und der begonnene Teil des eisernen Kronleuchters, der mit hundert Kerzen seine PrivatgemĂ€cher hatte zieren sollen, wurde zu einem formlosen Klumpen. Fortan wĂŒrde er seine Zeit nicht mehr fĂŒr dergleichen vergeuden. Irgendwann wĂŒrde auch der Herr der Dunkelheit erkennen mĂŒssen, dass nichts, aber auch gar nichts in der Lage war, Sauron zu ersetzen! Seine Kunst musste doch auch als effektives Werkzeug einsetzbar sein. Vielleicht wĂŒrde er seine Magie einfließen lassen können, das, was seine HĂ€nde geformt hatten, mit seiner magischen Macht versehen. Eine Waffe 
 kein Schwert, sondern eine magische Waffe 
 in seinem Kopf nahm der Gedanke noch keine konkrete Gestalt an. Aber Sauron behielt ihn im Hinterkopf.
Mit der Zange warf er den glĂŒhenden Klumpen, der ein Lichtspender hatte werden sollen, ins Wasser. Zischend sank er auf den Grund, wo das Eisen erkaltete, schwarz wurde und erstarrte, zur Unkenntlichkeit deformiert, um spĂ€ter entsorgt zu werden.
"Die Menschen bauen zu viele BrĂŒcken und zu wenige Mauern."
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