Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den AnfĂ€ngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. WĂ€hrend die Urvölker auf AltbewĂ€hrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. GeheimbĂŒnde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

NaNoWriMo 2015

Kreativbereich fĂŒr eigene Schriften und Bilder
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NaNoWriMo 2015

#1

Beitrag von Baxeda » So 1. Nov 2015, 08:23

Es ist NaNo-Zeit!!!


NaNoWriMo ist die AbkĂŒrzung fĂŒr National Novel Writing Month, was so viel bedeutet wie Internationaler Romanschreibmonat. Der NaNo, wie er auch liebevoll genannt wird, ist ein weltweites Ereignis, bei dem sich jedes Jahr zehntausende Autoren und Hobbyautoren weltweit beteiligen.


50 000 Wörter in 30 Tagen heißt das Ziel!



... und auch Baxi stellt sich erneut der Herausforderung, einen ganzen Roman in nur einem Monat zu schreiben.

Das Besondere diesmal: Ich werde das, was ich geschrieben habe, ohne weitere Überarbeitung in Echtzeit hochladen, so dass es fast tĂ€glich etwas zu lesen gibt. Ich werde immer vollstĂ€ndige Kapitel posten, so dass ein lĂ€ngeres Kapitel auch mal zwei Tage dauern kann. Meist dĂŒrfte aber tĂ€glich ein neuer Textabschnitt zu lesen sein.

Ich habe mir dieses Jahr fĂŒr den NaNo ein Projekt herausgesucht, was ich schon lĂ€nger mit mir herumtrage und das nun endlich auf Papier soll: Den zweiten Teil meiner im Internet bereits veröffentlichten Geschichte JĂ€ger aus der Tiefe. Den ersten Teil zu kennen ist empfehlenswert, aber kein Muss.

Bei beiden Geschichten handelt es sich um eine Zamonien-Fanfiction. Sie sind jedoch so geschrieben, dass eine Kenntnis der OriginallektĂŒre nicht erforderlich ist und man muss auch kein Hardcore-Zamonien-Fan sein, um daran Freude zu haben. Es entgehen nur ein paar subtile Andeutungen und Doppeldeutigkeiten.

Wer Lust hat, das Projekt zu verfolgen, ist herzlich eingeladen, das zu tun:
Das Schloss in der Tiefe

Hier in Asamura werde ich heute Abend das Vorwort und das erste Kapitel posten. Der Rest kann auf meinem Fanfiktion-Account gelesen werden.

EDIT: Da JĂ€ger aus der Tiefe ein P18-AVL-Rating hat, ist es nicht ohne weiteres lesbar. Irgendwann nachts werden solche Geschichten auch fĂŒr nichtregistrierte User automatisch freigeschalten, ich glaub ab 22 Uhr. Wer es lesen mag, dem kann ich es auch als PDF per Mail schicken. Den zweiten Teil habe ich erstmal auf P16 gesetzt (weiß noch nicht, wie "hart" der wird), der ist also ohne Probleme lesbar fĂŒr euch.
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Re: NaNoWriMo 2015

#2

Beitrag von Meister Dozzy » So 1. Nov 2015, 11:58

Juhu! JĂ€ger aus der Tiefe geht weiter! :) :ausflippen:
[ externes Bild ]

Vielen Dank an Novec Sarili Gojim fĂŒr die Signatur und ein Danke an Minaya von der Avatarschmiede fĂŒr das tolle Avatarbild!

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Re: NaNoWriMo 2015

#3

Beitrag von Baxeda » So 1. Nov 2015, 14:42

http://orig12.deviantart.net/24ac/f/2013/042/9/7/kobro_by_wolkenleopard-d5ula87.jpg


Ein Vorwort oder: Unkraut vergeht nicht


Ja, lieber Weichling, der du dieses Buch in den HĂ€nden hĂ€ltst, ich bin es, Sodo Mio, Halbork, ehemaliger BĂŒcherjĂ€ger und heutiger Kneipenbesitzer. Es gibt mich noch immer, auch wenn mich einige lieber in einer Kiste unter der Erde sehen wĂŒrden.

Zweihundert Jahre sind vergangen seit dem großen Brand, der fast gesamt Buchhaim vernichtete. Die Stadt hat sich verĂ€ndert. Alles ist neu, alles ist anders als zuvor und mitten darin stehe ich, ein Relikt aus der Zeit. Ich habe noch die selbe Frisur, wenn auch mit ein paar silbernen Haaren, die ich gekonnt mit Walnussextrakt kaschiere und trage wĂ€hrend der Arbeitszeit noch immer meine alte BĂŒcherjĂ€gerrĂŒstung. Doch die Zeit lĂ€sst sich nicht aufhalten. Wie sehr ich mich auch dagegen strĂ€ube, sie schreitet fort.
Buchhaim ist nicht mehr die Stadt der TrĂ€umenden BĂŒcher, sondern die Stadt der TrĂ€umenden Puppen. Der Puppetismus verseucht sie von allen Ecken und Enden. Ich fĂŒr meinen Teil hasse Puppen genauso wie BĂŒcher, vielleicht sogar noch mehr, weil mich ihre toten Gesichter abstoßen. Doch was die Puppenspieler in letzter Zeit daraus machen, grenzt an ein wahres SchauermĂ€rchen. Nie zuvor war es möglich, dass mechanische Puppen sich derart natĂŒrlich wie von Geisterhand bewegen und auch ihre sonst so starren Gesichter wirken dank hochprĂ€ziser Feinmechanik, als seien sie lebendig. Sind das wirklich noch normale Puppen oder steckt mehr dahinter? Haben vielleicht sogar die seit dem Brand verschollenen Buchimisten etwas damit zu tun? Wenn du gewillt bist, mich bei diesem Abenteuer zu begleiten, wirst du es erfahren.
Doch leicht wird die Reise nicht. Wir mĂŒssen ohne Geleitschutz zu Fuß durch die Giftige Zone. In den Katakomben gibt es seit dem Brand wandernde Feuer, die niemals erlöschen und ganze Areale sind einsturzgefĂ€hrdet. Und als ob das nicht reichen wĂŒrde, munkelt man hier und da, dass der Schattenkönig zurĂŒckgekehrt sei. Auch manch andere Dinge sind nicht so tot, wie man zunĂ€chst glauben mag.
Bevor es zum großen Finale kommt, bei dem das Schicksal von Buchhaim erneut auf dem Spiel steht (von meinem eigenen ganz zu schweigen!) und du erlebst, was es heißt, wenn sich Kunst und Wissenschaft gegen das Leben selbst verbĂŒnden, wenn KrĂ€fte, die grĂ¶ĂŸer sind als wir selbst ihre geballte Macht entfalten und das Ende sich darbietet in der funkelnden Macht des schrecklichsten aller AlptrĂ€ume, habe ich zunĂ€chst eine ganz gewöhnliche Verabredung. Na ja, fast.

Genug geredet, schnapp dir deine AusrĂŒstung und komm, ich habe es eilig. Aber zieh dir nicht deine besten Sachen an, denn nicht immer sind die Dinge das, was sie zu sein scheinen. Ich hoffe, du hast noch nichts gegessen.

Sodo Mio
Ex-BĂŒcherjĂ€ger
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Re: NaNoWriMo 2015

#4

Beitrag von Baxeda » So 1. Nov 2015, 14:44

Der falsche Held



Buchhaim hatte sich verĂ€ndert. Ob zum Guten oder zum Schlechten, das muss jeder fĂŒr sich entscheiden. Ich gehöre zu jenen, welche all die Neuerungen mit einer gehörigen Portion Skepsis betrachteten. Und wie damals, als ich Buchhaim das erste Mal betreten hatte, fĂŒhlte ich mich wie ein Fremdkörper in dieser Stadt, die einfach nicht die meine werden wollte, wĂ€hrend ich durch die Straßen in Richtung Slengvort streifte. Es war, als ob die Welt sich schneller drehte als ich. Immer, wenn ich mich an etwas gewöhnt hatte, gab es irgendeine Neuerung, eine Modernisierung und plötzlich war ich der Zeit wieder hinterher, ein ewiger Wettlauf, den ich nicht gewinnen konnte. Aber irgendwann gewöhnt man sich vermutlich daran, altmodisch zu sein.
Heute allerdings war keiner dieser Tage, an denen ich in Nostalgie schwelgte und der glorreichen Zeit der alten BĂŒcherjĂ€ger nachtrauterte. Das Heute galt allein der Zukunft. Zu diesem Zwecke hatte ich mich besonders schick gemacht. Ich trug die einzige dunkle Hose und den einzigen grauen Pullover, die keine Löcher hatten gleichzeitig. Mein Gesicht war frisch rasiert und ich hatte meine Haare kunstvoll mit KĂŒstenschneckenschleim aufgestellt.
Die Sonne war gerade untergegangen und als ob das Versiegen des Lichtes eine magische Wirkung hĂ€tte, fĂŒllten sich die Straßen der Stadt mit Leben und mit etwas, das ich in dieser Form verabscheute – Kultur. Hinter den Kellerfenstern gingen die Lichter an und die TĂŒren öffneten sich, um GĂ€ste in die zahllosen unterirdischen Tavernen und Puppentheater einzulassen. Der Geruch von heißem Essen stieg aus den Fenstern. Mein Magen knurrte, aber ich verzichtete darauf, mir etwas zu kaufen. Heute griff ich ohnehin schon viel tiefer in die Tasche, als ich es mir eigentlich leisten konnte, also sparte ich beim Abendbrot. Ich erreichte den Nocturnen Markt, einen der grĂ¶ĂŸten und bekanntesten PlĂ€tze. FrĂŒher hatte man ihn Friedhof der Vergessenen Dichter genannt, er war das Ende aller geplatzten TrĂ€ume gewesen. Doch die Erdlöcher, in denen die verarmten Dichter einst gehaust hatten, um auf Zuruf gegen ein paar Pyras Stehgreifgedichte zu verfassen, gab es nicht mehr. Sie waren, bis auf ein einziges, das man umzĂ€unt und mit einem Schild zur ErklĂ€rung versehen hatte, zugeschĂŒttet. MarktstĂ€nde und mobile Puppentheater standen auf dem darĂŒber verlegten bunten Pflaster. Abgesehen von dem als SehenswĂŒrdigkeit umfunktionierten Erdloch gab es nichts mehr, was an die Trostlosigkeit des damaligen Platzes erinnerte. Der ganze Markt flimmerte vor nĂ€chtlichem Treiben wie ein Ameisenhaufen, in den man ein StĂŒck Kuchen geworfen hatte, aller paar Schritte wurde ich von Handtaschen und Armen gestreift.
Und dort, neben dem letzten Erdloch, stand sie.
Mit ihrem aufrecht stehenden Krokodilskörper ĂŒberragte sie alle der hier anwesenden mindestens um HaupteslĂ€nge, mich eingeschlossen. An den beiden großen Hauern, die wie die eines Warzenschweines zu beiden Seiten aus ihrer Schnauze ragten, hingen goldene Ketten mit Glöckchen herab, die leise klingelten, wĂ€hrend sie sich suchend umschaute. Als ob sie wĂŒsste, wie sehr ich dieses Gewand an ihr mochte, trug sie ihr quietschgelbes RĂŒschenkleid und dazu passenden Lippenstift. Sogar ihre weichen, absatzlosen Stiefel waren gelb. Sie sah einfach umwerfend aus.
Als sie mich sah, spannten sich ihre mÀchtigen Kiefermuskeln und zogen ihre Schnauze zu einem LÀcheln auseinander.
„Kobro, mein Guter!“
„Rucola.“ Ich machte einen Armschwung und eine galante Verbeugung, die ich lange mit meinem Kumpel Cherax geĂŒbt hatte. Dann bot ich ihr meinen Arm an. Sie zögerte kurz, henkelte sich dann aber ein. Der Abend begann gut! An den RatschlĂ€gen des alten Schwerenöters schien etwas dran zu sein. Mit stolzgeschwellter Brust fĂŒhrte ich Rucola durch die belebten Gassen.
„Freust du dich schon?“, fragte ich.
„Das kann ich nicht sagen, ich weiß ja noch nicht, was du dir ausgedacht hast. Ich gebe aber zu, dass ich ein wenig skeptisch bin. Normaler Weise gehe ich nicht mit meinen Patienten aus.“
„Ich kann dich ja nebenbei mit meinen Wehwehchen volljammern, wenn dir das lieber ist.“
Sie lachte. Es klang freundlich und offenherzig. Es war ein hartes StĂŒck gewesen, die Schreckse dazu zu ĂŒberreden, sich heute von mir ausfĂŒhren zu lassen. Allein der Umstand, dass es genau der Tag im Jahr war, an dem ich vor langer Zeit halbtot aus den Katakomben an die OberflĂ€che gekrochen war und sie mir das Leben gerettet hatte, war ein ausreichender Grund gewesen, ihr Herz zu erweichen. Ich hatte behauptet, mich mit der Einladung bei ihr bedanken zu wollen, um mich um die Last der Schuld zu erleichtern, in der ich bei ihr stand, aber das war natĂŒrlich gelogen. Der Grund fĂŒr die Einladung war rein egoistischer Natur.
„Und jetzt schließ die Augen, Rucola.“
Sie tat mir den Gefallen. Ich fĂŒhrte sie durch ein paar verwinkelte Hintergassen, in die sich nur selten einer der Touristen verirrte. Diese Wege hier kannten nur Einheimische. Wir kamen nun besser voran, weil in diesem Teil der Stadt weniger Betrieb war. Der Ort, zu dem wir nun gingen, war zwar schon lĂ€ngst kein Geheimtipp mehr, aber dafĂŒr etwas, zu dem nur ein bestimmter Kreis von AuserwĂ€hlten Zutritt hatte. Ohne mich als Begleitung wĂŒrde man Rucola da niemals hineinlassen. Nur vereinzelte Straßenlaternen spendeten noch etwas Licht. Die Gassen wurden schmaler, dunkler und schĂ€biger. Der Hinterhof, in den wir schließlich traten, lag vollstĂ€ndig im Schatten und der Putz bröckelte von den WĂ€nden. Es gab nur einen einzigen Eingang und der war vollstĂ€ndig vergittert. Es roch nach Urin und in den Ecken stapelten sich leere Kisten und Ballen fauligen Stoffs.
„Kobro? Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“, fragte Rucola, ohne die Augen zu öffnen. Der Geruch war ziemlich penetrant.
„Es ist etwas ganz Besonderes. Ein GlanzstĂŒck des Puppetismus, das nur wenigen AuserwĂ€hlten vorbehalten ist. Bist du bereit, dafĂŒr ein paar Unannehmlichkeiten auf dich zu nehmen?“
„Nur sehr wenige, damit du es weißt. Wenn wir nicht bald ankommen, mache ich meine Augen wieder auf.“
„Keine Sorge, wir stehen schon vor der TĂŒr. Aber bitte halte deine Augen noch geschlossen, bis wir drin sind, sonst siehst du den Namen des StĂŒcks und dann ist die ganze Überraschung hinĂŒber.“
Ich zog an der herabhÀngenden Kette, es bimmelte. Hinter dem rostigen Gitter, welches den Eingang verschloss wie das Falltor einer Burganlage, tauchte ein Hundling auf.
„Ja?“, fragte er, ohne Anstalten zu machen, uns hineinzulassen.
„Kobro. FrĂŒher bei euch bekannt als Sodo Mio“, antwortete ich.
Er betrachtete mich eingehend. „Du scheinst es wirklich zu sein.“ Er machte sich an dem rostigen Schloss zu schaffen.
Ich senkte die Stimme.
„Tu mir den Gefallen und behalte fĂŒr dich, wer ich bin. Sprich mich nur mit Kobro an.“ Durch das Gitter steckte ich ihm ein paar Pyras zu und drĂŒckte dann seine Schulter, fest und starrte ihn drohend an.
„Wir von der Arena haben uns die Wahrung der Diskretion unserer GĂ€ste auf die Flagge geschrieben. Niemand wird Dinge erfahren, die er nicht erfahren soll, weder in die eine, noch in die andere Richtung.“
Das musste vorerst genĂŒgen. Die Unternehmung war ein wenig riskant, was die Wahrung meiner IdentitĂ€t als frĂŒherer BĂŒcherjĂ€ger anbelangte, aber wenn ich mit Rucola dort hinein wollte, blieb mir keine andere Wahl, als das Risiko in Kauf zu nehmen. Ich ließ ihn los. Die GittertĂŒr knarrte in den Scharnieren, als er uns einließ. Dahinter erwartete uns ein dunkler Gang mit einer steilen Wendeltreppe.
„Du kannst nun die Augen wieder öffnen“, sagte ich zu Rucola, nachdem wir ein paar Schritte in das verfallene Haus eingetreten waren. Wir mussten hintereinander hinab steigen, anders ging es nicht. Ich ging voran, damit sie auf mich drauf fallen wĂŒrde, falls sie stĂŒrzte und ich so den Helden spielen konnte, aber den Gefallen tat sie mir nicht. Sie erwies sich als Ă€ußerst trittsicher, was unter anderem daran lag, dass grundsĂ€tzlich auf Absatzschuhe verzichtete und dank ihrer vielen SpaziergĂ€nge gut zu Fuß untewegs war.
„Arena hat er gesagt“, hörte ich sie hinter mir sinnieren. „Was fĂŒr ein eigenwilliger Name fĂŒr ein Theater. Aber es klingt aufregend! Ich hoffe nur, dass ich mich nicht zu unangemessen aufgedonnert habe.“
„Du siehst bezaubernd aus!“, erwiderte ich wahrheitsgemĂ€ĂŸ.
Wir erreichten das Kellergeschoss. Die Garderobe beherbergte keine Waffen mehr, sondern MĂ€ntel und HĂŒte. Irritiert betrachtete ich die Kleiderstangen und dann die Halterungen an den WĂ€nden. Dort wo frĂŒher Äxte, Speere und Schwerter ihren Platz gefunden hatten, prangten nun zusammengeklappte Regenschirme aus Leder oder buntem Leinen. Lange war es her, das ich das letzte Mal hier gewesen war. Der Hundling ließ uns kommentarlos in die Garderobe hinein. Das verunsicherte mich nun doch.
„Kein 'Die Waffen, bitte'?“
Er lĂ€chelte. „Wie du weißt, sind RĂŒstungstrĂ€ger aller Art in unserer LokalitĂ€t nicht mehr gestattet - sonst wĂ€rst du sicher nicht ungepanzert an einem Ort aufgekreuzt, der von deinen frĂŒheren Feinden nur so wimmeln könnte.“
„Wie? Was soll das heißen?“
„Diskretion“, erwiderte er. „Das gilt nicht nur fĂŒr deine Angelegenheiten, sondern auch fĂŒr die der anderen GĂ€ste.“
Ich beschloss, mir von der Aussicht, anderen ehemaligen BĂŒcherjĂ€gern begegnen zu können, nicht den Abend verderben zu lassen. Sie wĂŒrden mich ohne meine RĂŒstung genauso wenig erkennen wie ich sie. Wir waren Zuschauer unter Zuschauern, sonst nichts. Rucola gab ihre – natĂŒrlich gelbe – Handtasche ab, an der ein kleiner Schrumpfkopf baumelte, der ein Eigenleben zu besitzen schien. Dann traten wir in den Saal.
Die WĂ€nde waren nichts weiter als blanker Backstein. Der Boden der gesamten Kelleranlage mit weichem Sand bedeckt, wenigstens etwas, das sich nicht verĂ€ndert hatte. Phogarrenstummeln und zerknĂŒllte PapierstĂŒcken lagen herum, zwischendurch abgenagte Rippchen oder diese neumodischen Pappbecher. Rucola betrachtete alles mit Erstaunen. Sie war die einzige Frau, die ich weit und breit entdecken konnte. Einige der herumstehenden Haudegen warfen ihr neugierige Blicke zu. Sie alle waren von schĂ€big bis einfach gekleidet, Rucola wirkte mit ihrem Kleid und den Glockenkettchen wie eine Perle inmitten dieses Sumpfes. Es war gut, dass hier alles voller Grobklötze war, sie sollte ruhig sehen, was sie an mir hatte. Ich war zwar auch ein Grobklotz, aber mit all den Benimmregeln, die ich heute peinlich genau einhielt, wĂŒrde sie zu der Überzeugung kommen, dass ich endlich Manieren gelernt hatte. Ich geleitete sie so galant, wie Cherax es mir gezeigt hatte, zu unseren SitzplĂ€tzen – erste Reihe. Loge war mir zu teuer und außerdem wollte ich von der Darbietung mehr haben als nur die Ansicht durch ein VergrĂ¶ĂŸerungsglas. Die Sitzgelegenheiten waren hölzerne StĂŒhle mit Armlehnen, lackiert, damit man sie bei Verschmutzung einfach nur abzuspĂŒlen brauchte. Ein Puppentheater, das auf so was achtete, konnte so schlecht nicht sein. Es war das erste Mal, dass ich mich in so eine AuffĂŒhrung begab und war selber gespannt. Auf den Plakaten hatte sich das alles zumindest ganz lustig angehört und das will was heißen aus dem Munde eines notorischen Puppenhassers.
„Darf ich nun erfahren, in was fĂŒr eine AuffĂŒhrung du mich eingeladen hast?“, fragte Rucola, nachdem wir platzgenommen hatten. Ihre Stimme klang nun nicht mehr ganz so abenteuerlustig. Ich stellte nebenbei fest, dass sie sogar gelben Nagellack auf ihren Klauen trug. Hatte sie sich extra fĂŒr mich so schick gemacht oder fĂŒr das Theater? Nun, ich wĂŒrde es sicher bald herausfinden.
„Lass dich ĂŒberraschen. Die Vorstellung mĂŒsste gleich beginnen.“
Wir blĂ€tterten, bis es soweit war, gemeinsam in einer Speisekarte, die sehr wiederverwendet aussah. Darin standen die heutigen GetrĂ€nke, die es an der Bar gab. Essen und trinken war wĂ€hrend der Vorstellung ausdrĂŒcklich erlaubt, aber ich war vorerst pleite und so konnte ich sie nicht einladen. Als wir beide ĂŒber dem Wisch unsere Köpfe zusammenstecken, fand ich, dass fast so etwas wie romantische Stimmung aufkam. Doch gerade, als ich zu diesem Schluss gekommen war, ließ sich jemand auf den Stuhl neben mir fallen, der unter dem Aufprall erbĂ€rmlich knarzte. Ich wollte eigentlich nur mal kurz hinsehen, wen ich die nĂ€chste Stunden auf meiner anderen Seite ertragen musste, aber es wurde dann doch ein verdammt langer Blick. Unsere Augen trafen sich. Ich sah ihn an und er sah mich an. Und obwohl wir uns noch niemals unmaskiert begegnet waren, erkannten wir uns gegenseitig sofort. Nach so vielen Jahren, in denen wir uns tĂ€glich miteinander abgeben mussten, eigentlich nicht ĂŒberraschend.
Ich herrschte ihn an: „Wieso bist du nicht im Gulli? Wer soll sich jetzt bitteschön um die GĂ€ste kĂŒmmern, hm?“
„Ich habe meine GrĂŒnde. Und du – wieso liegst du nicht krank im Bett?“
Wir musterten uns gegenseitig von Kopf bis Fuß. Dantai war ein StĂŒck kleiner als ich, aber genauso krĂ€ftig. Seine Haut war, wie ich das frĂŒher schon durch die Augenlöcher seiner Maske erspĂ€ht hatte, weiß wie Quark. Auf dem Kopf trug er zwei Hörner, die ungefĂ€hr eine Handbreit lang waren und arg zurechtgeschnitzt aussahen. Aha, darum hatte er die dĂ€mlichen Hasenohren auf seinem Helm, er brachte darin diese Dinger unter. Sein Gesicht war nichtssagend und durchschnittlich, wenn man von der weißen Haut und den eisblauen Augen einmal absah, die darin leuchteten. Seine Nase war stumpf, als sei sie schon mehrere Male gebrochen gewesen. Haupthaar und Bart hatte er komplett abrasiert, beim genauen Hinsehen erkannte ich jedoch, dass er weiße Augenbrauen und fast unsichtbare Wimpern hatte.
„Also doch ein Helling“, bemerkte ich geistreich.
„Halt einfach die Klappe, ja? Wir kennen uns nicht und gut ist.“ Er drehte sich wieder weg.
„Das könnte dir so passen“, rief ich. „Es ist Holzzeit, uns erwartet ein Ansturm von GĂ€sten und du machst ausgerechnet jetzt unsere Kneipe zu – und erwartest, dass ich dir das durchgehen lasse?“
„Pscht“, beschwichtigte Rucola mich von der anderen Seite. „Die Vorstellung beginnt.“
Murrend lehnte ich mich wieder zurĂŒck in meinen Stuhl. Auch Dantai starrte schweigend nach vorn auf das Podest aus gestampftem Lehm, das zu einer BĂŒhne umfunktioniert worden war. Zum GlĂŒck hatte jeder Stuhl eigene Armlehnen, so dass Dantai und ich nicht auch noch einen Machtkampf mit unseren Ellebogen ausfechten mussten. FrĂŒher hatten dort die beliebten ZweikĂ€mpfe verfeindeter BĂŒcherjĂ€ger stattgefunden. Die Fackeln in Höhe der Zuschauerreihen wurden eine nach der anderen gelöscht. Schatten senkten sich auf uns herab, nur die BĂŒhne blieb in flackernden Lichtschein getaucht. Es roch beißend nach Qualm.
„Willkommen in der Arena!“, dröhnte eine Stimme. Sie hallte von allen Seiten gleichzeitig wieder und schepperte, als wĂŒrde jemand durch ein blechernes Sprachrohr brĂŒllen. „Ich hoffe, ihr wart alle nochmal auf dem Klo, denn die AuffĂŒhrung, die euch heute hier erwartet, ist nichts fĂŒr schwache Nerven!“
Rucola lachte verlegen. „Kobro? Ist das hier etwa ...“
Der Sprecher brĂŒllte sich die Seele aus dem Leib: „BĂŒhne frei fĂŒr das heutige Bluttheater!Vorhang auf fĂŒr DIE SCHLACHT AM WOLPERSTRAND!“
Das Publikum tobte, hunderte von FĂŒĂŸen trampelten, dass der Sand nur so stiebte. Wir verschwanden bis zur HĂŒfte in den Staubschwaden.
„Da hab ich mitgekĂ€mpft, damals!“, schrie ich der Schreckse ins Ohr, damit sie mich bei all dem LĂ€rm verstehen konnte. „Ich bin aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als die anderen Kerle hier, das sag ich dir! Wir waren Helden! Du wirst es sehen!“
Von der anderen Seite stieß mich Dantai mit dem Ellebogen an. „War das die Schlacht, wo du Cherax verletzt zurĂŒckgelassen hast, um deinen eigenen Arsch zu retten?“
„Halt`s Maul!“, brĂŒllte ihn ĂŒber die Schulter hinweg an. „Ich dachte, wir kennen uns nicht?!“
Rucola wurde still.
Der blutrote Vorhang zog sich wie von Geisterhand langsam zur Seite. Zwei Heerscharen kamen zum Vorschein. Sie standen sich gegenĂŒber und starrten sich an, mannsgroße Puppen in KriegskostĂŒmen. Auf der einen Seite die Wolpertinger, auf der andere Seite die Söldnerarmee, deren Teil ich einst gewesen war.
Ich legte meinen Arm um die Schreckse. Sie hatte ein breiteres Kreuz als ich und einen Bizeps, der jeden Mann vor Neid erblassen ließ, außer mir natĂŒrlich. Sie reagierte nicht und so zog ich sie ein wenig nĂ€her an mich heran. Was fĂŒr ein Abend! Endlich wĂŒrde sie erfahren, dass ich kein Mörder, sondern ein Held war! Mit strahlenden Augen betrachtete ich die lebensgetreuen Puppen. Wenn ich nicht von den Plakaten wĂŒsste, dass es sich hier wirklich um riesige Marionetten handelte und nicht um verkleidete Darsteller, wĂŒrde ich denken, die Kerle da seien echt. So sehr ich den Puppetismus verabscheute, der sich seit einigen Jahren in unserer Stadt verbreitete wie ein fauliger Fleck auf einem Apfel – das hier war eine seiner wenigen Abarten, die ganz nach meinem Geschmack waren.
Die KĂ€mpfer starrten sich noch immer an, ohne sich zu rĂŒhren. Ein Schatten trat von hinten auf die BĂŒhne, ein Schemen nur im Staub, der sich langsam senkte. WĂŒrdevoll kam er zwischen den Reihen entlang nach vorn, jeder seiner Schritte wirkte flĂŒssig. Da hakte und schlenkerte nichts, wie man es bisweilen bei Marionetten oder bei Aufziehpuppen sah. Er hatte einen gehörnten Hundekopf und trug die Kleidung eines Generals der Wolpertingerarmee, wenn auch nicht ganz historisch korrekt. Trompötenmusik erhob sich, erst leise und entfaltete sich dann zu bombastischer LautstĂ€rke, als er nĂ€her er die Mitte der BĂŒhne erreichte.
Ich bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Dantai seine Finger in die Armlehnen krallte, kaum, dass der Wolpertinger im Staub als solcher erkennbar wurde.
„Damals auch dort gedient?“, brĂŒllte ich ihm zu.
„Nein“, brĂŒllte er zurĂŒck. „Scheiß Drecksköter!“
„Ja! Ich hasse die auch!“
Er warf mir einen kurzen Blick zu. Er wirkte ĂŒberrascht. Das Geschehen auf der BĂŒhne lenkte uns wieder ab. Der General öffnete die mechanische Schnauze und begann eine Arie zu singen. Sogar die Bewegungen der Zunge und der Lippen wirkten realistisch!

SchĂŒtzet das Wolperland,
wo fest die Treue stand
In Sturm und Nacht!
Ew’ge Gerechtigkeit,
Hoch ĂŒberm Meer der Zeit,
Die jedem Sturm gebeut,
SchĂŒtzt uns mit Macht!

Ein GefĂŒhl der Wehmut ergriff mich. Jetzt hĂ€tte ich gern Cherax an meiner Seite gehabt. Oder nein, lieber doch nicht, das wĂŒrde ihn bloß wieder an gewisse Dinge erinnern, die er mir noch immer krumm nahm. Der Chor der Wolpertinger fiel in die Arie ein, wĂ€hrend die Söldner nur im Takt mit den Waffen auf ihre Schilde trommelten:

Was treue Herzen flehn
steigt zu des Himmels Höh’n
Aus Nacht zum Licht.
Der unsre Liebe sah,
Der unsre TrÀnen sah,
Er ist uns huldreich nah,
VerlĂ€ĂŸt uns nicht.

„Das waren noch Zeiten!“ Ich schnaufte zufrieden. Da Rucola nicht antwortete, drehte ich mich zu Dantai um (oder wie auch immer er sich ohne RĂŒstung nennen mochte). „Nicht wahr?“, fragte ich, als ob ich die ganze Zeit mit ihm geredet hĂ€tte.
„Du sagst es! Damals hatten die Jungs noch Schneid!“
Der Chor wiederholte die letzten Verse noch einmal in doppelter LautstĂ€rke und mit etlichen Stimmlagen mehr. Das Lied endete in einem Trommelgewitter auf den Schilden, das mir fast den SchĂ€del sprengte. Herrlich! Mein ganzer Körper bebte von all dem LĂ€rm! Ohne Überleitung stĂŒrzten die Puppen aufeinander los, die Musik entfaltete sich zu einem wahren Inferno. Die Trommeln ĂŒbernahmen nun Pauken des versteckten Orchesters. Unter bombastischen Trompöten- und TrompaunenklĂ€ngen erfolgte ein regelrechtes Puppenmassaker, bei dem das Kunstblut bis ĂŒber die ersten Reihen spritzte. Wenn ich bisweilen noch vermutet hatte, dass sich unter den KostĂŒmen nur verkleidete Schauspieler verbargen, weil die Akrobatik so kompliziert war, dass Puppen so was eigentlich gar nicht können dĂŒrften, ĂŒberzeugten mich die herumfliegenden Körperteile nun vom Gegenteil. Was fĂŒr ein Erlebnis! Ich hatte doch gewusst, warum ich in der ersten Reihe sitzen wollte! Meine Klamotten waren von oben bis unten rot besprenkelt. Ich lachte, als ein Wolpertinger in zwei perfekte HĂ€lften gespalten wurde, die noch eine Weile auf einem Bein herumhĂŒpften und vor den Söldnern zu fliehen versuchten, riss die Arme in die Luft und johlte, ebenso wie der Rest der Zuschauer. Nur Rucola starrte schweigend nach vorn, ohne sich zu rĂŒhren. Die Flecken auf ihrem RĂŒschenkleid beachtete sie nicht. Jetzt war es an der Zeit fĂŒr ein weiteres Detail des Plans, den ich mit Cherax zusammen ausgeheckt hatte. Ich reichte ihr ein nagelneues, sorgfĂ€ltig zusammengelegtes Spitzentaschentuch, das ich nur zu diesem Zwecke bei mir trug.
„Bitte, meine Teuerste.“
„Danke.“ Ohne mich anzusehen nahm sie es entgegen und tupfte ihre Schnauze ab. Aber 
 waren das TrĂ€nen? War sie so gerĂŒhrt? Mann, ich schuldete dem alten Troll mehr, als ich geahnt hatte! Wenn einer wusste, wie man die Damenwelt verfĂŒhrt, dann er! GlĂŒckselig genoss ich die warme BerĂŒhrung der Schreckse an meiner Körperseite, wĂ€hrend wir zusammen das Gemetzel betrachteten. Vor unseren Schuhen kroch ein abgeschlagener Arm ĂŒber den Sand, der eine Blutspur hinter sich her zog. Der Wolpertingergeneral kĂ€mpfte sich derweile in akrobatischen Manövern durch die Formation der feindlichen Söldner, schlug Saltos und drehte Pirouetten. Mir gefiel nicht, wie gut er dabei wegkam. Wir waren die Guten gewesen, das konnte jeder in den GeschichtsbĂŒchern nachlesen, der Kerl da war der AnfĂŒhrer des Feindes!
„War das damals wirklich so ein Massaker gewesen?“, rief Dantai.
„Die Dreckskerle haben uns abgeschlachtet wie Vieh! Wenn es Helden gab, dann auf unserer Seite! Unsere Jungs haben tapfer gekĂ€mpft, das waren nicht solche Versager, wie sie dort oben dargestellt werden! Die ziehen hier alles in den Dreck! Guck dir das an!“
Der Kontrast zwischen dem Können des Haupthelden und der LĂ€cherlichkeit seiner Gegner wurde immer grĂ¶ĂŸer. Die Söldner wurden zu blanken Witzfiguren, so dass ich richtig schlechte Laune bekam. Was fĂŒr eine Geldverschwendung!
„Buuuuh!“, rief ich so laut ich konnte. Warum hatte ich mir bloß aus Geiz nichts zu Essen gekauft, damit ich jetzt irgendwas zum Werfen hatte? Der Rest des Publikums johlte. Außer Dantai, der ebenfalls buhte, weil er Wolpertinger hasste und Rucola, die noch immer vor lauter RĂŒhrung schwieg und sich anfĂŒhlte, als sei sie versteinert. Ich streichelte ihre Schulter. Mir wurde klar, dass sie so bewegt war, weil sie mich in diesen brutal ermordeten Puppen da vorn sah 
 sie wusste, fĂŒr mich war all das RealitĂ€t gewesen. Und nun stand sie kurz davor, sich mir um den Hals zu werfen und mir unter TrĂ€nen zu erklĂ€ren, wie froh sie sei, dass ich mich damals hatte retten können. Ich setzte mich ein wenig aufrechter hin, um ihr die nötige FlĂ€che anzubieten.
Nur noch ein Söldner war ĂŒbrig. Der General schlug ihm mit einem Hieb den Kopf ab und zerteilte den noch stehenden Körper mit flinken Fechtbewegungen in fingerdĂŒnne Scheiben, die einzeln davonrollten. Der Kopf drehte sich im Flug, der Helm flog davon und der Kopf blieb schließlich mit aufgerissenen Augen liegen und glotzte dumm. Seine Pupillen bewegten sich hin und her und er zwinkerte sogar verdutzt. Die Leute lachten sich kaputt.
Die Fackeln wurden nach und nach wieder entzĂŒndet Sehr gut, eine Pause. Die konnte ich gut gebrauchen. Um uns erhob sich lebhaftes GeschwĂ€tz.
„So ein Scheiß“, meinte ich zu Dantai. Da die ohrenbetĂ€ubende Musik verstummt war, brauchten wir uns nicht mehr anzubrĂŒllen.
„Du sagst es“, antwortete er. „Als ob Wolperköter es dermaßen drauf hĂ€tten! Das ist immer so, die kommen viel zu gut weg, egal, worum es geht. Wenn jetzt nicht noch die Nacktpuppenszene mit dem Gerneral und den befreiten Jungfrauen kommen wĂŒrden, wĂŒrde ich jetzt gehen.“
„Nacktpuppen?“, fragte Rucola. Ihr Kopf drehte sich mechanisch in meine Richtung.
„Na ja.“ Ich zuckte mit den Schultern und grinste entschuldigend. „Das gehört nun mal dazu.“
Sie erhob sich. „Entschuldige mich bitte, ich möchte zur Garderobe.“
„Was? Aber ich habe ein Vermögen bezahlt, damit wir in der ersten Reihe sitzen können!“
„Es tut mir Leid, aber ich werde mir keine AuffĂŒhrung mit irgendwelchen Nacktpuppen ansehen. Guten Tag.“
Sie drÀngelte sich mit klingelnden Glöckchen an mir vorbei. Ich blieb noch einen Moment sprachlos sitzen, dann eilte ich ihr hinterher. Erst in der Garderobe holte ich sie ein. Sie nahm gerade hastig ihre Tasche vom Haken, der Schrumpfkopf quiekte erfreut.
„Warte einen Moment! GefĂ€llt es dir denn gar nicht? Wenigstens ein bisschen?“
Sie drehte sich langsam zu mir. Im Angsicht ihrer großen Krokodilsaugen mit den langen Wimpern fĂŒhlte ich mich seltsam entwaffnet und hilflos. Ich ließ die Schultern sinken.
Ihr Blick wurde etwas sanfter.
„Du wolltest mir einen Antrag machen, Kobro. Schon wieder.“
Ich schwieg.
Sie ergriff meine Hand. „Ich habe es dir schon so oft gesagt 
 wir beide sind nicht fĂŒreinander bestimmt. Du weißt, dass wir Schrecksen in die Zukunft blicken können und unsere Zukunft sieht nicht so aus, wie du sie dir vorstellst. Ich bin Ärztin. Ich heile. Und rette damit Leben. Und du ...“
„Ich weiß was du sagen willst, aber hör mich an! Ich habe seit Jahren nicht getötet. Ich bin kein BĂŒcherjĂ€ger mehr, auch kein Söldner, sondern Inhaber einer gut laufenden Kneipe. Ich trinke keinen Alkohol mehr,ich habe dich in ein viel zu teures Theater ausgefĂŒhrt, nur um dir zu beweisen, dass ich ein ganz normales bĂŒrgerliches Leben fĂŒhren kann. Was muss ich denn noch tun, damit du mir glaubst, dass ich mich geĂ€ndert habe?“
Jetzt schwiegen wir beide.
Sie betrachtete meine Hand, als ob sie versuchte sich vorzustellen, wie ich damit ein Leben auslöschte. „Du wĂŒrdest es wieder tun.“
„Glaubst du, ich habe damals aus Spaß getötet? NatĂŒrlich wĂŒrde ich es wieder tun! Ich 
 he! Warte!“
Sie schluchzte auf, riss sich los und rannte davon. Ihr gelbes RĂŒschenkleid wehte hinter ihr her. Ich blieb allein in der Garderobe stehen, umgeben von MĂ€nteln, albernen HĂŒten und Regenschirmen.
„Sodo?“ Dantai erschien im Eingang. Er trug zwei große KrĂŒge mit heißem Bier in den HĂ€nden. Es dampfte und duftete verfĂŒhrerisch. „Ich weiß, du trinkst eigentlich nichts mehr, aber ich dachte, jetzt ist eine Limo vielleicht nicht unbedingt das Richtige.“
Ich hĂ€tte ihn am liebsten umarmt. Wenigstens einer, der mich verstand! „Du bist der Beste, ehrlich!“
Ich nahm ihm eines der gigantischen heißen Biere ab und wir gingen zurĂŒck zu unseren PlĂ€tzen, wo wir uns den zweiten Teil der Vorstellung ansahen. Der leere Stuhl zu meiner Seite hatte etwas derart Trostloses, dass ich keinerlei Freude an der Darbietung hatte, die ich sonst sicher witzig gefunden hĂ€tte und nur gedankenverloren mein Bier schlĂŒrfte. Zuletzt war die BĂŒhne leer. Der Wolpertingergeneral und die ehemaligen Jungfrauen waren fort. Allein der abgeschlagene Kopf des Söldners lag noch herum, der zum Ausklang meine Lieblingsballade sang, wĂ€hrend der Vorhang sich langsam schloss:

Ich hatt’ einen Kameraden,
Einen bessern findst du nit.
Die Trommel schlug zum Streite,
Er ging an meiner Seite
In gleichem Schritt und Tritt.

Oh, Mann, durch das Bier wurde ich noch wehmĂŒtiger, als ich ohnehin schon war! Ich trank betont langsam einen weiteren Schluck, um den Kloß in meinem Hals fortzuspĂŒlen.

Ein Pfeil kam angeflogen,
Gilt er mir oder gilt er dir?
Ihn hat er weggerissen,
Er liegt mir vor den FĂŒĂŸen,
Als wĂ€r`s ein StĂŒck von mir.

„Der hat ja eh keine FĂŒĂŸe mehr“, bemerkte Dantai trocken, wĂ€hrend ich noch um meine Fassung rang. Der Kopf schloss die Augen und starb. Als der Vorhang sich vor ihm schloss, fiel das Publikum in einen tosenden Applaus. Ich hingegen fĂŒhlte mich verhöhnt und in meiner Ehre bespuckt. Ich stand als einer der ersten auf und verließ die Arena. Dantai folgte mir. Wir stellten uns in den sonst so toten Hinterhof, aus dem nun die GĂ€ste strömten, um noch unser Bier zu Ende zu trinken. Ich war nichts mehr gewohnt und nach dem Krug merkte ich es bereits ordentlich im Kopf. Es tat gut. Auch darum, weil Rucola mir als Ärztin verboten hatte, jemals wieder auch nur einen einzigen Schluck zu trinken, weil meine Leber schon arg hinĂŒber war. Ich genoss den bitteren Geschmack. Dantai holte sich noch einen zweiten Krug, doch ich brauchte nichts mehr. SpĂ€ter wankten wir Arm in Arm zu Flues Gulli. Wir waren angetrunken und nicht mehr ganz sicher auf den Beinen, aber nicht sturzbesoffen. Nein, diese Zeiten hatte ich nun doch hinter mir gelassen. Ich jammerte Dantai allerdings die Ohren voll wie beschissen alles war – die AuffĂŒhrung, die Frauen, die Gesellschaft – und er konnte mir jedes einzelne Wort bestĂ€tigen. Ein ungeahntes GefĂŒhl von Verbundenheit ĂŒberkam mich, als wir gemeinsam vor uns hinhassten. Ich hatte gar nicht gewusst, dass Dantai so ein guter Kumpel sein konnte!
„Cherax ist Schuld“, plĂ€rrte ich schließlich irgendwann. „Der hat mir gesagt, ich soll sie ins Theater ausfĂŒhren!“
„Ach was. Der ist einfach bloß ein blöder Troll.“
„Und was ist mit dir? Wie wĂŒrdest du das Herz einer Frau gewinnen?“
Er nahm den Arm von mir herunter und blieb stehen. Er nahm sich eine Rauchstange, entzĂŒndete sie und ging qualmend ein paar Schritte beiseite. „Es gibt keine Hellingfrauen mehr“, erwiderte er. „Und eine andere kommt fĂŒr mich nicht in Frage.“ Seine FĂ€uste ballten sich, die Rauchstange wurde krumm. „Diese zwölfmal verfluchten Wolpertinger ...“
„Eh, guck mal da drĂŒben! Wir haben GĂ€ste“, rief ich, um ihn abzulenken. Er konnte ungemĂŒtlich werden im Zorn, so wie jeder ehemalige BĂŒcherjĂ€ger. Verdammt ungemĂŒtlich.
Wir waren fast an unserer Kneipe angelangt und konnten den Eingang schon sehen. Vor dem geschlossenen Gullideckel drĂ€ngte sich eine Traube von Leuten. Sie versuchten, Dantais Sauklaue zu entziffern, mit der er vermutlich 'Wegen Krankheit geschlossen' oder etwas derartiges darauf geschrieben hatte. Ich klopfte ihm auf die Schulter. „Komm schon, wir machen den Laden fĂŒr den Rest der Nacht noch auf. Ein wenig Ablenkung kann uns nicht schaden. Und ein paar Pyras auch nicht. Es war schade um das Geld heute.“
Er nickte und trat die Rauchstange aus. Dann gingen wir noch einmal getrennte Wege, bevor wir zum Gulli zurĂŒckkehrten. Ich nahm einen geheimen Zweiteingang in die Kanalisation und Dantai ging zu sich nach Hause in seine ebenso geheime Wohnung, die er irgendwo in der Stadt gemietet hatte. Als wir uns spĂ€ter im Schankraum trafen, trugen wir beide unsere BĂŒcherjĂ€gerrĂŒstung.
„Sodo“, grĂŒĂŸte er mich mit einem Kopfnicken, als ob wir uns das erste Mal heute sehen wĂŒrden.
„Dantai.“
Wir gaben uns nicht einmal die Hand.

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Re: NaNoWriMo 2015

#5

Beitrag von Baxeda » Mo 30. Nov 2015, 23:32

Auf dem Zahnfleisch kriechend kurz vor Torschluss noch geschafft! :grosseslaecheln:

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