Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den AnfĂ€ngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. WĂ€hrend die Urvölker auf AltbewĂ€hrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. GeheimbĂŒnde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Dimicus SchreiberstĂŒbchen

Kreativbereich fĂŒr eigene Schriften und Bilder
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Dimicus
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#11

Beitrag von Dimicus » Do 9. MĂ€r 2017, 12:39

Heyho,

und meine zweite Einsendeaufgabe, die mich doch sehr geĂ€rgert hat, um es einzugestehen. Ich mochte den Plot gar nicht und konnte nicht viel damit anfangen. Ich bitte einmal um eine RĂŒckmeldung wie es gefĂ€llt und ob ich lieber etwas komplett ĂŒberarbeiten sollte.

Bin fĂŒr euer Feedback sehr dankbar. :)

__________________________________________________________________

Ein Besuch mit Hindernissen

Mit einem langgezogenen GĂ€hnen offenbarte Ben seinen Rachen der Straße. Genau in diesem Moment wurde er von der Seite mit einem Ellenbogen angestupst. Als er sich umdrehte, schaute er in das grinsende Gesicht Ayas. „Hey du SchlafmĂŒtze! Was hast du denn bitte letzte Nacht gemacht, dass du so mĂŒde bist?“, sagte sie mit einem belustigten Ton. „An dich gedacht.“ Die Antwort war keck, kam wie aus der Pistole geschossen. Es war mittlerweile 12:14 Uhr und Ben hatte sich schon sehr auf seine Freundin gefreut.
Er spĂŒrte, wie sich der zarter Kopf der jungen Frau an ihn anlehnte und mit nach vorn auf die Straße schaute. „Es ist nicht mehr weit.“, sagte er, womöglich war sie genau so mĂŒde wie er. Nur ein trĂ€ges Nicken war an seiner Schulter zu verspĂŒren, wĂ€hrend er sich weiter auf die Straße konzentrierte. Der Verkehr war am Samstag recht ruhig und so wurde es ihm ermöglicht, sich und seine mittlerweile dösende GefĂ€hrtin ohne große UmstĂ€nde zu seinem Zuhause zu bringen. Innerlich wurde der junge Mann schon etwas unruhig, auch wenn er es sich nicht wirklich anmerken ließ. Wie seine Eltern wohl reagieren werden?
Schon fuhr der Wagen in die Einfahrt und die GerĂ€usche des Motors erstarben, als Ben den ZĂŒndschlĂŒssel an sich nahm. Mit einem sanften Ruck seiner Schulter weckte er wĂ€hrenddessen Aya, die ihn etwas verwirrt anschaute, aus ihrer Schlaftrance aber schnell wieder zurĂŒckfand. Beide stiegen darauf aus, wobei sich Aya zuerst ihrer neuen Umgebung widmete, Ben wiederum dem GepĂ€ck im Kofferraum.
Mit den Koffern in beiden HĂ€nden und Aya rechts bei ihm eingehakt, schritten sie von der Einfahrt, den Weg des Hauses hinauf und schließlich vor die HaustĂŒr. Kaum merklich sog Ben scharf die Luft ein, seine Unruhe wuchs. Noch wussten seine Eltern nichts von seiner neuen Freundin, geschweige denn dass sie bei ihm wohnen sollte. Er rechnete aber damit, dass sie sich einsichtig zeigten. Schließlich war es die erste Freundin die er mit nach Hause brachte. Auch wenn diese davon ausging, dass seine Eltern bereits Bescheid wĂŒssten.
Leider war es nicht so einfach, wie er es sich zuerst vorgestellt hatte. Kaum hatte er die HaustĂŒr betreten, stand seine Mutter schon vor ihm und blickte anfangs verwirrt drein. Man konnte in ihrem Gesicht förmlich ablesen, in welchem GefĂŒhlszwiespalt sie dort war. Einerseits freute sie sich ĂŒber seine erste Liebschaft, doch als er ihr gestand, Aya solle fĂŒr die drei Wochen dort wohnen, schien sie außer sich.
„Wo sollen wir sie denn unterbringen?“, war die erste Frage, der er natĂŒrlich mit seinem eigenen Zimmer entgegenwirken konnte. „Auf keinen Fall! Zumal wir nicht einmal genug an Essen hier haben, um sie aufzunehmen! Du hĂ€ttest uns ja frĂŒher Bescheid geben können. Oder ĂŒberhaupt.“ In diesem Moment vergrub Aya sich an seinem Arm. Ihr war es sichtlich unangenehm, was, wenn es Ben so bedachte, wohl nicht wirklich unverstĂ€ndlich war.
Der junge Mann baute sich auf und trotzte seiner Mutter. „Mama! Sie ist extra hierher angereist, um mit mir Zeit zu verbringen und uns kennenzulernen! Zudem kann ich fĂŒr sie sorgen!“ Doch schon allein an dem funkelnden Blick Ericas konnte der junge Mann erkennen, dass er mit seinen Argumenten nicht sonderlich weit kam. „Keine Chance! Sie bleibt nicht hier. Du bist selbst Schuld.“ WĂŒtend schnaubte Ben nur auf, als er seine Mutter böse anblickte. Wutentbrannt machte er mit Aya im Schlepptau einfach kehrt, schnappte sich die Koffer und verschwand wieder zur HaustĂŒr hinaus.
„Warum hast du mir erzĂ€hlt, dass sie von mir wĂŒssten?“, bekam er direkt vor der HaustĂŒr noch von Aya zu hören, die sich von ihm losgelöst hatte. „Ich wollte sie eigentlich ĂŒberraschen. Konnte ja nicht ahnen, dass sie so reagieren wĂŒrde. Sorry.“, antwortete er darauf nur trocken. Packte die Koffer wieder in den Wagen und stieg ein. Aya seufzte nur, blickte ihrem Freund enttĂ€uscht hinterher, stieg letztendlich aber wieder zu ihm in das Auto.
Mit röhrendem Motor fuhr er von der Einfahrt, er musste sich etwas ĂŒberlegen. Aya schwieg. Er wollte dass sie bei ihm blieb und sie die Zeit gut nutzen wĂŒrden, doch er wusste nicht wohin. Völlig genervt irrte er ziellos durch die Straßen der Stadt und dachte angestrengt nach, wo sie jetzt unterkommen könnten. Da das Haus wegfiel und die meisten Sachen zu weit entfernt waren, kam ihm nur eine Idee. „Wir werden fĂŒr die Zeit uns einfach ein Zimmer im Hotel nehmen. Das sollte schon passen.“ Einen fragenden Blick bekam er zugeworfen, als die dazugehörige Frage ertönte: „Kannst du dir das denn leisten?“ Er nickte nur. Dann musste seine eigene Wohnung ein wenig lĂ€nger warten.
Schon in den nĂ€chsten Augenblicken war er in eine Einfahrt eines Hotels eingefahren, hatte das GepĂ€ck entladen und kurze Zeit spĂ€ter auch ein Zimmer in einem recht angenehmen Hotel gemietet. Er wusste, dass es sein Erspartes auffressen wĂŒrde, doch zumindest ermöglichte Aya und sich selbst die Möglichkeit, die drei Wochen gemeinsam zu verbringen.
Die anfĂ€ngliche EnttĂ€uschung und der Ärger verflogen doch recht schnell, als sie am Ende eines gerade noch geretteten Tages gemeinsam in dem Doppelbett ihres gemieteten Zimmers lagen. Fest umschlungen genossen sie die NĂ€he zueinander, die sie sich dennoch hatten schaffen können. Zwar fragte sich Ben, was ihn wohl erwartete, wenn er in das Elternhaus zurĂŒckkehrte, spĂ€testens wenn er neue Kleidung brauchte, aber in diesem Moment schlief er aber einfach friedlich mit Aya ein, alles andere konnte spĂ€ter folgen.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#12

Beitrag von Dimicus » Do 18. Mai 2017, 21:26

Die wilde Jagd


Dimicus warf sich einen hecktischen Blick ĂŒber die Schulter, als ihn seine FĂŒĂŸe weiter ĂŒber den großen Platz trugen. Emilia war dicht hinter ihm her, er konnte ihr wĂŒtendes Gesicht unter ihrer Kapuze nur vermuten. Von ihrer sonstigen Unschuld war in diesem Augenblick nichts mehr zu sehen. Zu spĂ€t blickte er schließlich wieder nach vorn und stieß sogleich mit einem aufgeschreckten BĂŒrger zusammen, der seine TonkrĂŒge in Sicherheit bringen wollte. Offensichtlich vergebens, als die Luft Dimicus' aus seinen Lungen gepresst wurde, so krĂ€ftig wie er gegen den KrĂ€mer stieß. Nur eine rettende Rolle schaffte es, dass er das wilde Fluchen des Mannes in seiner HandwerksschĂŒrze entgehen und weiterlaufen konnte.
Emilia hingegen schaffte es ohne Probleme, an seinen Fersen zu bleiben. Gab sie denn nie auf? Schwer atmete Dimicus, als er eine scharfe Kurve nach links abbog, direkt in einer der dunkleren Gassen Drakensteins. Hoffentlich wĂŒrden sich im Gestank der Gosse die Katzensinne Emilias ablenken lassen. Sie als Gestaltwandlerin war ihm in der menschlichen Gestalt einfach weit ĂŒberlegen. Vorbei an Menschen niederen Standes, sprintete Dimicus weiter, doch das Platschen, welches durch die Gasse hallte, stammte nicht nur von seinen FĂŒĂŸen. Ein weiteres Mal blickte er sich nach hinten um und da erblickte er sie: seine vom Jagdtrieb gepackte Freundin.
Dabei hatte der Morgen wesentlich harmonischer angefangen, als man es der Situation hĂ€tte zutrauen können. Noch immer waren die beiden in der unterirdischen Kaschemme gefangen. Stadtweit gesucht, sie als eine Vermisste und er als der berĂŒhmt-berĂŒchtigte Auftragsmörder. Dennoch ihr alltĂ€gliches Leben im Untergrund noch viel nĂ€her. Trotz dessen blieb Emilia von seiner tĂ€glichen Arbeit nur wenig begeistert. So hatte Dimicus die feine Kleidung fĂŒr seine Arbeit angezogen, wollte einfach nur gehen, ohne dass Emilia davon etwas mitbekam. Er bekam hĂ€ufig Ärger, wenn er seine PlĂ€ne fĂŒr die Arbeit schmiedete oder gar umsetzen wollte. Er war der KĂŒnstler der Dolche – ein Meister der seine Bilder mit Blut vervollstĂ€ndigte! Wie konnte man das nicht sehen? Einige Male schon hatten sie sich darĂŒber gestritten, Emilia hatte geschworen sie wĂŒrde ihn aufhalten, bekĂ€me sie die Möglichkeit dazu.
So kam es, dass sie ihn bei seinem heimlichen Verschwinden erwischte. Doch trug Dimicus weder seine Dolche noch die RĂŒstung, war gar festlich gekleidet, allerdings gut versteckt unter seinem Mantel. Emilia fragte ihn, wohin er noch so spĂ€t wolle, schließlich schliefe er um diese Zeit doch schon. Dimicus jedoch antwortete, dass er seiner Arbeit nachkĂ€me. In diesem Moment konnte er genaustens beobachten, wie die Gelassenheit Emilias abfiel und ihr junges Gesicht sich in tiefe Furchen legte. Er war ihr wichtig, dass wusste er. So zog sie nur einen Zettel samt Kohlestift hervor, nachdem seine Lippen die Worte beendet hatten. Ihre FĂ€higkeit Lippen zu lesen und Worte zu erkennen, die sie vermutlich nie richtig gehört hatte, erstaunte Dimicus immer wieder. Hastig kritzelte sie etwas auf den Zettel hielt sie ihm direkt vor die Augen. „Wirst du wieder töten?“, stand darauf.
Das Funkeln in ihren Augen war Warnung genug, doch er ignorierte sie. „Ich muss nun einmal arbeiten, genau so wie du hier als Schankmaid arbeitest.“, formte er mit seinen Lippen. Das Funkeln in ihren Augen wurde zu einem Feuer, er hatte wohl die Grenze ĂŒberschritten. Jedoch drehte er sich ruhig um und ging, zuckte gar nur mit den Schultern. Er war das Genie seiner Werke, wann wĂŒrde sie es endlich begreifen? Ohne seine Kunst wĂ€re Dimicus nichts!
Kaum hatte er ihr Zuhause im Untergrund verlassen und war in den Straßen der Stadt, hörte er das Trappeln von FĂŒĂŸen hinter sich und erkannte Emilia, wie sie hinter ihm herlief. Sie wollte es wirklich versuchen, so wie er es geplant hatte.
Seit mehr als fĂŒnfzehn Minuten lieferte er sich mit ihr ein Duell durch die Stadt, dass es wohl kaum so gegeben hatte. Nicht einmal dem fĂ€higsten Dieb wĂ€re es möglich gewesen, der Nase Emilias zu entkommen. So auch nicht Dimicus, der mittlerweile schwer keuchte und dennoch seine grĂ¶ĂŸte Kraft zusammen nahm, um seiner Freundin zu entkommen. Mittlerweile hatten sie die Gasse hinter sich gelassen und waren auf dem weitlĂ€ufigen Marktplatz angekommen. Die Menschen packten ihre Sachen und schaute neugierig drein, als Dimicus wie ein VerrĂŒckter sich ĂŒberall hindurch zu zwĂ€ngen versuchte. Die musternden Blicke waren ihm nicht ganz fremd, doch machten es ihm die Gaffer nur noch schwerer, durch das GetĂŒmmel des Platzes zu kommen.
Genau in diesem Moment merkte Dimicus auch, dass es Emilia durch ihre Wendigkeit schaffte, sich viel geschickter durch die Menge zu bewegen. Dabei ragten ihr wĂŒste, braune HaarstrĂ€hnen aus der Kapuze heraus und tanzten mit dem Fluss ihrer Bewegungen. Eins musste Dimicus ihr lassen: sie hatte eine Eleganz in ihrem Tanz durch die Menschen inne, wie man sie nur bei Akrobaten zu sehen bekam. Genau diese filigranen Bewegungen wurden ihm aber zum VerhĂ€ngnis, so kam sie ihn mit diesen nĂ€her, StĂŒck fĂŒr StĂŒck. Trotz der Menschen, die sie beiseite stießen und aufscheuchten. Damit kam auch die Bedrohung fĂŒr ihn immer nĂ€her, welche sich vermutlich schon ausmalte, wie sie ihn festsetzen konnte. Das durfte nicht geschehen!
Mit einem weiteren Kraftschub machte sich Dimicus auf, sprintete weiter und verließ nach den MĂŒhe endlich den Marktplatz, dicht gefolgt von Emilia. Sie ließ einfach nicht locker, egal wie viel Kraft er investierte! Seine FĂŒĂŸen trafen immer schwerer auf den Stein der Straße und das laute Klopfen seiner Stiefel, dicht gefolgt von einem weiteren Schuhwerk, zeugte von ihrer Verfolgungsjagd. Es war das Ende, wenn er nichts unternahm!
Doch wohin sollte er? NatĂŒrlich kannte er sein Ziel. Bis zu diesem Zeitpunkt war er aber damit beschĂ€ftigt gewesen, Emilia abzuhĂ€ngen oder besser gesagt, beschĂ€ftigt zu halten. Es konnte nicht mehr lang dauern, doch blieb ihm keine große Wahl mehr. Er hoffte, dass alles bereit war. Seine Glieder schmerzten bereits und kleine Blitze durchzuckten seinen Leib. Damit war auch schon sein Urteil besiegelt, er wusste was es nun zu tun galt. Das Katz-und-Maus-Spiel war vorbei, jetzt musste es ernst werden, bevor sie ihn an das Erreichen seiner Reise hinderte!
Zu seinem GlĂŒck hatte Emilia nicht mitbekommen, wie er sie die gesamte Zeit im Kreis gefĂŒhrt hatte. Allerdings war sie nicht einmal mehr einen Meter von ihm entfernt. Abrupt schlug er einen Haken, direkt in eine Gasse hinein, mit dem Emilia scheinbar nicht gerechnet hatte. Hinter sich hörte Dimicus nur noch ein Schaben von Leder auf dem Boden, doch bestĂ€tigte ein Blick nach hinten, dass er Emilia hatte einen Streich spielen können. Wobei er bei genauerer Betrachtung nur ein paar Meter Abstand gewonnen hatte. Ihre FĂŒĂŸe, getragen von ihrer inneren Löwin, hatten schnell wieder zu ihm aufgeschlossen. „Verdammt!“, presste er unter einem Keuchen hervor. Sie ließ ihm wahrlich keinen Spielraum!
Dimicus' Ziel lag jedoch nicht mehr weit entfernt! Die Gasse wieder verlassen, erkannte er schon jenes Haus, welches das Ende ihrer Reise darstellen sollte. Zwar schaffte es Emilia immer nÀher zu kommen, doch nur noch zwanzig Schritt. Ein LÀcheln umspielte Dimicus Lippen.
FĂŒnfzehn Meter.
Er spĂŒrte plötzlich eine BerĂŒhrung an der Schulter, die Spitze eines Fingers.
Nur noch fĂŒnf Meter! Die TĂŒr schwang wie geplant auf, ein Grollen hinter ihm ertönte als sie die Stufen zur Veranda des Herrenhauses erklommen. Gerade noch trugen ihn seine FĂŒĂŸe ĂŒber die TĂŒrschwelle, als ein krĂ€ftiger Schlag ihn zu Boden riss. Die Luft entwich seinem Körper, er spĂŒrte einen leichten, aber dennoch krĂ€ftigen Leib auf sich. Sein Herz schlug wild, als er sich in der Umklammerung auf den RĂŒcken drehte und der animalischen Seite Emilias in die Augen blickte.
Ihre ZĂ€hne waren zu FĂ€ngen gewachsen und die Augen glĂ€nzten wie die eines Raubtieres, dass seine Beute gefangen hatte. Bedrohlich grollte sie ĂŒber ihn, doch statt sich seiner Angst hinzugeben, atmete Dimicus tief durch und schaute Emilia fest in die Augen. Ein verschmitztes Grinsen zeichnete sich auf seinem Gesicht ab, als er mit seinem Mund die Worte formte: „Alles ist gut Emilia. Wir sind an unserem Ziel angekommen. Beruhige dich.“ Sanft griff er mit einer Hand ihre Kapuze und schob sie zurĂŒck. Mutig legte er die Hand schließlich auf ihre Wange und ließ den Daumen darĂŒber streicheln, wĂ€hrend im Hintergrund die TĂŒr geschlossen wurde.
Schritte waren auf dem hölzernen Boden zu spĂŒren und unverkennbar zu hören. Aus Dimicus' Blickwinkel erkannte er fein herausgeputzte Stiefel, die zu der DoppeltĂŒr direkt rechts neben ihm liefen. Emilia lag noch immer auf ihm, ihr Grollen hatte sich gelegt, ihre ZĂ€hne waren wieder menschlicher Natur. Doch noch immer starrte Misstrauen Dimicus entgegen. Genau in diesem Moment erfasste die beiden Licht, aus dem Raum der gerade eben noch verschlossen war. Beide blinzelten sie, so war der Flur doch recht dunkel, und konnten einen weitlĂ€ufigen Salon erkennen, in dem sich einige Menschen versammelt hatten. Erst einige Augenblicke spĂ€ter waren eine kleine Musikkapelle zu erkennen. Darunter Shazeem der die Beiden breit grinsend betrachtete und darauf wartete, dass sie sich erhoben.
Mit einem zustimmenden Nicken deutete Dimicus an, dass Emilia sich erheben solle. „Dich erwartet etwas.“, versprach er, als sie sich schließlich zögerlich von ihm erhob. Sogleich verschwand der Druck von seinem Körper und Emilia thronte wie eine Löwin ĂŒber ihm, sich an ihrer erfolgreichen Jagd ergötzend. FĂŒr einen Moment genoss er den Anblick, auch wenn sie im Anschluss sichtlich verwirrt schien, was um sie herum geschah. Auch er verblieb nicht mehr lĂ€nger auf dem Boden. Er konnte sich spĂ€ter noch ausruhen.
Somit erhob er sich wieder und stand ihr gegenĂŒber, verbeugte sich leicht vor ihr. Dabei schmerzten seine Glieder, die Verfolgungsjagd war doch zu lang gewesen. Es wĂ€re alles sinnlos, wenn er sich dem Schmerz hingab. Seinem Körper zum Trotz reichte er Emilia die Hand, umschloss diese sanft. Sogleich fĂŒhlte er sich besser, so vernahm er die zarte WĂ€rme ihres Körpers an seiner Seite und schritt fĂŒhrend voran, in den vor ihnen liegenden Salon.
Reich geschmĂŒckte WĂ€nde, an denen nicht nur edelste TĂ€felung angebracht, sondern auch zahlreiche Kunstwerke ihren Platz fanden. Ein Buffet dass seines Gleichen suchte und dazu der freizĂŒgige Platz in der Mitte des Raumes. Hier wurde eine Festlichkeit gefeiert, dessen Bedeutung nur Dimicus kennen konnte. Also ließ er sich keinerlei Zeit, die junge Frau in die Mitte des Raumes zu geleiten. Tief sah er ihr dort in die Augen, als er ein sanftes LĂ€cheln auflegte. „Du hast lang im Untergrund gehaust, obwohl du aus gutem Hause stammst. Also habe ich fĂŒr dich diese Festlichkeit herrichten lassen, damit du aus dem tristen Alltag unseres verborgenen Lebens ausbrechen kannst. So möchte ich dich fragen: Darf ich dich um diesen Tanz bitten?“
Gebannt hatte sie auf seine Lippen geschaut und offenbar jedes einzelne Wort darin gelesen. Sie wirkte verunsichert, doch brachte es Dimicus nicht umher, dennoch sich von ihr zu lösen und tief zu verbeugen. Im selben Moment setzte die Symphonie von Instrumenten ein, ein Takt der in den höchsten Adelskreisen beliebt war und zu dessen klassischen Tanz Dimicus Emilia nun einlud. Mit einer schwungvollen Bewegung warf er seinen Mantel beiseite, schritt an die junge Frau heran und ergriff mit der Linken ihre rechte Hand, wĂ€hrend sich seine Rechte auf ihre Taille legte. Schnell wandelte sich ihre fragenden Falten, in ein breites Grinsen. Ihre Augen funkelten, so wie es Dimicus am liebsten hatte. Schon begannen sie ihren Tanz, der den Raum in Freude hĂŒllte und sie in die malerische Umarmung ihres einzigartigen Bundes brachte.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#13

Beitrag von Dimicus » So 25. Jun 2017, 12:39

Rache


Schwere Schritte hallten durch das einst belebte Hotel. Staub und Ratten waren die einzigen Bewohner dieser RĂ€umlichkeiten, aufgescheucht durch ihren Besucher. Alexandro betrachtete den Boden zu seinen FĂŒĂŸen, auf dem nicht nur seine FußabdrĂŒcke im Staub zu sehen waren. Er war also ganz in der NĂ€he, der junge Mann spĂŒrte es. Lang genug hatte es gedauert diesen Mann ausfindig zu machen. Die Pistole im Anschlag schritt er voran, das Atmen durch seine Gasmaske war flach und ruhig.

Der lange Gang vor ihm erstreckte sich gute 30 Meter, links und rechts TĂŒren von Hotelzimmern. Die meisten aufgebrochen. Jedes Mal, wenn er in eines der Zimmer schaute, war es geplĂŒndert und nur noch nackte Möbel fanden ihren Platz in den kahlen Zimmern. Verblichen durch die Zeit, gezeichnet durch den Untergang. Fahles Licht schien durch das Fenster am Ende des Ganges, das gesprungene und schmutzige Glas ließ kaum Licht hindurch. Allerdings war eine freie Stelle zu sehen, die offensichtlich sauber gewischt worden war. Alexandro kam seiner Spur also nĂ€her.

Die Uhr an seinem Handgelenk begann zu piepen, der Timer darauf lief unbarmherzig ab. Nur noch eine Minute, er spĂŒrte auch schon, dass es immer schwieriger wurde zu atmen. Abrupt hielt er inne, schaute nach links in den Raum und huschte schnell in das von Dunkelheit gefĂŒllte Zimmer. Mit einer Handbewegung schaltete er die Taschenlampe an seiner Pistole ein. Nichts war zu sehen. Der Raum war sauber.

Tief sog Alexandro die Luft ein, als er seine Uhr hervornahm und den Modus von Timer auf Messung stellte. Die Uhr erfasste die Luft. FĂŒr einen Moment analysierte sie, spuckte dann aber das Ergebnis aus. Mit einem zufriedenen Nicken schaltete er zurĂŒck auf den Timer, stoppte diesen. Seine Pistole fand den Weg in ihren Halfter zurĂŒck, ehe er mit beiden HĂ€nden die Gasmaske griff und vom seinem Kopf entfernte.

Die Luft roch fĂŒrchterlich modrig, war laut der Messung aber völlig unbedenklich. Plötzlich schĂŒttelte es Alexandro, ein Husteanfall ĂŒberfiel ihn. Mit aller Kraft dĂ€mpfte er ihn. Es war einfach zu viel Zeit vergangen, seit er seine Gasmaske das letzte Mal abgesetzt hatte. "Verdammt.", presste er leiste unter dem Husten hervor. Seine Lunge brauchte einige Zeit, bis sie sich fing.

Samft schĂŒttelte er den Kopf, beruhigte sich und seine Nerven. Alexandro war nun so nah dran, er durfte seine Chance an diesem Ort nicht vertun. Die Gasmaske fand ihren Weg an seinen Rucksack, wonach er wieder die Pistole zog. Es konnte weitergehen.

Langsam und ruhig trat er wieder aus dem Raum heraus, ĂŒberprĂŒfte den Gang und das Zimmer vor sich. Doch noch immer war niemand da, der sich an ihn heranschleichen wollte. Also ging es weiter nach links, auf das Ende des Ganges zu, dort wo die Spur an einer verschlossenen TĂŒr endete. Der einzige Raum, der verschlossen war.

"Was liegt dir an dieser Schlampe so sehr, dass du sie so verteidigst?", hallte es in seinem Kopf. Erinnerungen wiegelten sich auf, als er immer nĂ€her kam. "Denkst du wirklich, du kannst sie beschĂŒtzen? Vor mir? Wir wissen beide, wie das enden wird. Lass los Junge. Sie ist es nicht wert, sie ist nicht gut fĂŒr dich!" Unbewusst schĂŒttelte Alexandro mit dem Kopf, wollte diese Worte nicht wahr haben. Doch hatte er Alexandro gewarnt. Warum war er so naiv, hatte nichts unternommen?

Mittlerweile ruhte die linke Hand auf der TĂŒrklinke, wĂ€hrend die Rechte die Pistole fest im Griff hielt. Es war soweit. Mit einem krĂ€ftigen Ruck öffnete er die TĂŒr. Dahinter offenbarte sich ihm ein von Kerzenschein beleuchtetes Zimmer - und ein Pistolenlauf in seinem Gesicht. Seine Augen weiteten sich.

Doch der SchĂŒtze war nicht ansatzweise schnell genug. Nein, Alexandro war wesentlich schneller. Wie es ihm gelehrt worden war griff er mit der Linken die Waffenhand des Ă€lteren Mannes vor ihm, lenkte die Waffe ab. Ein Schuss ertönte. Er schlug in den Boden ein. Der eigene Pistolengriff landete am Kopf des SchĂŒtzen. Benommen ließ dieser seine Waffe fallen, Alexandro setzte nach, stieß ihn von sich. Der Alte fiel mit lautem Poltern zu Boden.

Vorsichtshalber hob Alexandro die fallen gelassene Pistole auf, entlud sie und warf das Magazin in die eine Ecke, die Waffe an sich in die andere. Vor ihm kroch der alte Mann. Schwer keuchend blickte dieser zu ihm auf. Ein schmieriges und dennoch zufriedenes LĂ€cheln legte sich auf dessen Lippen. "Du hast neue Tricks gelernt, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben.", merkte der alte Mann an. "Darf ich zumindest aufstehen?"

Alexandro nickte nur, deutete mit der Pistole auf einen Sessel der im Raum stand. Dabei ließ er den Mann zu keiner Sekunde aus den Augen, jederzeit bereit zu schießen. Aufmerksam beobachtete Alexandro jede Bewegung, die der alte Mann zum Sessel machte. Dieser wusste aber scheinbar, dass er verloren hatte. Dennoch gab er sich mit einer Ruhe, die nur einem Todgeweihten zuteil wurde, der mit seinem Schicksal abgeschlossen hatte.

Langsam und mit gewissem Abstand folgte Alexandro dem Mann, nahm auf dem gegenĂŒberliegenden Sessel Platz. Nur ein Couchtisch trennte die Beiden. Der Alte lehnte sich tief in den Sessel zurĂŒck, verschrĂ€nkte die Arme hinter dem Kopf, wĂ€hrend Alexandro aufgerichtet saß. Angespannt umklammerte er seine Pistole. Es war endlich soweit. Der Lauf zielte weiterhin auf den Mann vor ihm.

Alexandros Blick schweifte durch den Raum, dabei immer wieder zu dem Alten schauend. "Du hast es dir hier nett eingerichtet.", merkte Alexandro an, sein Blick fiel vor allem auf das restaurierte Bett und das Vorratsregal, dass vor selbstkonservierten VorrĂ€ten strotzte. "Bei deinem Alter wĂŒrde ich dir das nicht zutrauen." Alexandros Blick richtete sich wieder nach vorn, dem alten Mann entgegen. Breitbeinig und entspannt saß er da, als ob die Welt in Ordnung sei.

"Du bist grĂ¶ĂŸer und reifer geworden.", ertönte es plötzlich aus der Kehle des Alten. Seine Augen wirkten im Schein der Kerzen mĂŒde, umrandet von schwarzen Ringen. "Sag mir, wie hast du da draußen so lang ĂŒberlebt?" Er wirkte nachdenklich.

FĂŒr einen Moment zögerte Alexandro mit der Antwort. Wollte er wirklich mit ihm reden? So? Ja. Denn er war kein Monster, im Gegensatz zu seinem GegenĂŒber. "Mit der Faust im Mund und dem Willen zu Ende zu bringen, was ich angefangen habe. Ist es gut verheilt?"

Ein schmutziges Lachen erfĂŒllte den Raum. "Zumindest in diesem Punkt hast du dich nicht verĂ€ndert." Mit einer Hand zog der Alte sein schmutziges T-Shirt herunter und offenbarte eine linineförmige Narbe knapp ĂŒber der Brust. "Es hat lang genug gedauert." Seine Falten vertieften sich, als er Alexandro anblickte und wohl ĂŒber etwas nachdachte. "Wie geht es dir Junge?"

Die komplette Körperhaltung Alexandros verkrampfte sich, als er diese Frage hörte. Zorn durchflutete seine Adern, sein rechter Zeigefinger zuckte. Im Geiste zĂ€hlte er bis zehn, ließ die Ruhe fĂŒr sich sprechen. "Offensichtlich ĂŒberlebe ich."

Der Alte nickte. "Offensichtlich. Sehr zu meinem Leidwesen, nicht wahr? Was wirst du tun?"

"Wie ich bereits sagte: Das zu Ende bringen, was ich einst angefangen hatte. Niemand hat mehr den Tod verdient, als du. Wie fĂŒhlt es sich an, am anderen Ende des Laufes zu stehen und zusehen zu mĂŒssen, dass man keinerlei Macht hat?" Alexandros Stimme war von Bitterkeit durchzogen, aber auch Wut spielte mit ein.

"Hmpf.", machte der Alte vor ihm. "Dass ist schon hĂ€ufig der Fall gewesen. Jemand stand vor mir, bedrohte mich und meinte, er könne ĂŒber Leben und Tod entscheiden. Die Frage ist eher, ob er es wirklich kann oder nur herumposaunt, er könne es." Sein Gesicht verzog keine Miene.

"Verarsch mich nicht. Du weißt, dass ich es kann und ich habe auch einen guten Grund dazu." Alexandro spannte sich weiter an.

"Du rennst noch immer deinem Gedanken nach, sie zu rĂ€chen, oder? Warum bist du so naiv?", ertönte es spöttisch von einem Todgeweihten. Es konnte doch nicht sein Ernst sein. Der Wunsch, einfach den Abzug zu drĂŒcken und es ein fĂŒr alle Mal zu beenden, wuchs immer weiter in Alexandro heran.

Alexandros Miene verfinsterte sich augenblicklich. "Warum?", fragte er mit brĂŒchiger Stimme, dennoch war seine Körperhaltung stark angespannt. "Warum hast du das damals getan?"

"Dieses MĂ€dchen. Wie hieß sie noch gleich? Vanessa, richtig?" Alexandro nickte. So gleichgĂŒltig wie der Alte ihren Namen aussprach, tat es es ihm innerlich weh, das zu hören. Erneut drang sich die Wut gegen seine Impulskontrolle. "Sie war nicht gut fĂŒr dich. Sie hat dir den Kopf verdreht. Du konntest nicht mehr geradeaus denken."

"Das kann doch nicht dein Ernst sein, dass das der Grund dafĂŒr war! Du hĂ€ttest mich einfach mit ihr ziehen lassen können! Doch stattdessen schlachtest du sie vor meinen Augen ab!", brĂŒllte Alexandro dem alten Mann entgegen. "Du weißt doch gar nicht, was es bedeutet jemanden zu lieben!"

Der alte Mann seufzte. "Doch. Doch das tue ich." Seine HĂ€nden falteten sich im Schoß zusammen. "Sie aber, sie hatte uns verraten. VorrĂ€te gestohlen und zu anderen gebracht. Du hast nichts davon gemerkt, weil du blind warst."

"LÜGNER!", schallte es laut durch den Raum. "Du hast sie getötet, weil es dir nicht passte, dass sie bei uns war! Du hast sie einfach nur aus purer Abneigung getötet!"

"Wenn ich es doch sage, ich-"

"Hör auf mit deinen dreckigen LĂŒgen!" TrĂ€nen drangen in die Augen Alexandros. "Ich liebte sie! Du hast sie mir einfach genommen, als ob du ein Gott wĂ€rst!" Seine Stimme erfĂŒllte sich von Wut und Hass. "Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich in dieser gottverdammten Welt heimisch gefĂŒhlt! Sie verstand mich, ihr habt es nie getan!"

"Du bist noch so verdammt jung und grĂŒn hinter den Ohren. Du magst da draußen ĂŒberleben können, doch du hast noch so viel zu lernen. Es gibt PrioritĂ€ten, weißt du?" Die Miene des Alten verzog sich kein StĂŒck.

"Verdammtes Arschloch!" Heiße TrĂ€nen bildeten FlĂŒsse auf Alexandros Wangen. "Wenn du nur wĂŒsstest, durch welche Höllen ich durch dich gehen musste!"

"Ich weiß. Es tut mir leid. Doch die Welt ist nicht mehr wie frĂŒher, wir mĂŒssen hĂ€rter-"

Ein Schuss ertönte.

Schnaufend stand Alexandro vor dem Couchtisch. Seine Pistole rauchte und neben ihn schlug die PatronenhĂŒlse auf dem Boden auf. Eine Weile rollte sie, dann war Stille.

Der leblose Körper des alten Mannes war im Sessel zusammengesackt, die Wand hinter ihm zeichnete ein Muster aus Blut. Ein Schuss genau zwischen seinen Augen.

Es war vorbei, oder? Nach so langer Zeit der Jagd, war Alexandros Aufgabe erfĂŒllt. Doch was blieb? Voller Zorn und Hass blickte er auf die Leiche herab, atmete schwer und biss die ZĂ€hne zusammen. Sein Blick war rot, seine HĂ€nde zitterten.

Alexandro ließ die Pistole zurĂŒck in den Halfter gleiten. Er selbst ließ sich in den Sessel fallen, dabei hatter er die gesamte Zeit den leblosen Körper des Mannes vor ihm im Auge. Warum musste es soweit kommen? Dieser Akt. Den alten Mann stellen und Antworten bekommen, ihn zu töten um Gerechtigkeit herrschen zu lassen. Der Weg zu diesen Punkt war lang und schwer gewesen, sein Ziel erfĂŒllt.

War es das wert? Alexandro wusste es nicht. Augenblicklich wichen Trauer, Zorn und Hass GleichgĂŒltigkeit. Der Blick wurde kalt, ein Blick, wie ihn nur das Ödland hatte formen können. BedĂ€chtig erhob sich Alexandro wieder, schritt zu der Leiche herĂŒber und schloss ihre Augen. "Es tut mir leid. Ich wĂŒnschte, es hĂ€tte nicht so weit kommen mĂŒssen."

Die VorrĂ€te und die Munition brauchte der alte Mann nun nicht mehr. Es wanderte alles in Alexandros Rucksack, ehe er in der TĂŒr stand und einen letzten Blick auf die Leiche zurĂŒckwarf. "Ruhe in Frieden, Vater." Damit verschwand er wieder in der Dunkelheit des GebĂ€udes.



Wer auf Rache aus ist, der Grabe zwei GrÀber.
- Konfuzius
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#14

Beitrag von Dimicus » Fr 4. Aug 2017, 23:54

Einsamkeit


"Hast du auch nur ansatzweise eine Ahnung, wie sich dieses GefĂŒhl anfĂŒhlt? Wie es sich entwickelt?"

"Nein, das habe ich nicht. Es ist doch aber ganz einfach. Jeder weiß, was das ist. Jeder weiß, wie man es wegbekommt."

"Soso, jeder weiß es also, ja? Dann erzĂ€hle mal. Wie fĂŒhlt es sich an. Beschreibe es mir."

"Du spĂŒrst es, wenn du lang nicht mehr mit Menschen zu tun hattest. Ein Verlangen, wieder etwas mit anderen menschen zu tun. Der Familie beiwohnen, Freunde besuchen oder die Liebsten in die Arme nehmen. Das macht man doch auch entsprechend. Daher besteht kein großes Problem. Es ist leicht wegzubekommen."

"Es ist einfach wegzubekommen. Was macht dich so sicher?"

"Nunja, es funktioniert doch immer. So erlebe ich es. Die Menschen funktionieren doch so."

"Alle Menschen funktionieren so? Bist du dir dessen sicher?"

"Ja, natĂŒrlich. Wir sind doch soziale Wesen."

"Okay, ich verstehe. Ich möchte jedoch, dass du dir einmal etwas vorstellst. Ein Gedankenspiel. Stelle dich in einer Situation vor. Du stehst mitten im Leben. Ein Leben, welches von vorn bis hinten bereits schief gelaufen ist. Nur selten hast du erfahren, was es bedeutet, wertvoll zu sein. Die meiste Zeit hast du dich um Andere gekĂŒmmert. Der einzige Zweck in deinem Leben. Andere glĂŒcklich machen, sie lachen zu sehen, damit du am Ende in den Hintergrund verschwinden kannst. Stelle dir vor, du wĂ€rst der Mensch."

"Das klingt schwierig. Sind wir nicht aber alle bestrebt, anderen zu helfen und sie glĂŒcklich zu sehen? Das macht uns doch auch glĂŒcklich."

"Falsch. Es hinterlĂ€sst Krater. Wenn du erfĂ€hrst, dass du ihnen geholfen hast, wirst du lĂ€cheln. Doch was dann? Du hilfst ihnen, sie kommen voran und wachsen ĂŒber sich hinaus. Was ist jedoch mit dir?"

"Ich weiß es nicht. Sollte ich dann nicht entsprechend wachsen?"

"Wenn dein einziger Inhalt war, anderen Menschen zu helfen? Nicht auf dich selbst zu achten?"

"Dann kann man doch gar nicht wachsen! Man muss schon auf sich selbst aufpassen."

"NatĂŒrlich. Doch wenn man sein gesamtes Leben Verantwortung fĂŒr andere ĂŒbernimmt, sich selbst aber nur fĂŒr das Nötigste versorgt, wie soll man dann lernen, auf sich selbst zu achten?"

"Aber ... das ergibt keinen Sinn ... wir schauen doch immer, dass es uns gut geht."

"Das ist richtig, danach streben wir alle. Und doch gibt es Menschen, die das nicht geschafft haben. Sie blieben im Sog stecken. Sie halfen anderen Menschen nach gutem Gewissen und Herzen. Doch haben sie sich selbst verloren. Bis es vorbei ist. Der andere Mensch braucht dich nicht mehr. Er geht. Widmet sich anderen, weil du dich nicht um dich selbst kĂŒmmern kannst. Du wĂŒrdest sie nur herunterziehen, sie nur traurig stimmen, da du nicht auf dich selbst achtest. Dann stehst du allein da."

"..."

"Es hinterbleiben TrĂŒmmer. Scherben, die nicht mehr zu retten sind. Sie werden unter den Teppich gekehrt, als ob sie nie da waren. Man beginnt, es zu verleugnen. Will sich die SchwĂ€che nicht eingestehen und macht weiter. Niemand hilft einem heraus. Wer soll es auch tun, wenn man niemanden hat?"

"..."

"Dieses GefĂŒhl – es frisst sich von innen nach außen. Zuerst hast du nur dieses GefĂŒhl, diese Hilflosigkeit. Du blickst ihr Tag von Tag entgegen, machst dir nichts aus ihr. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie dich immer mehr zu lĂ€hmen beginnt. Hattest du vorher schon Krankheiten, wird es nicht fĂŒr dich einfacher."

"..."

"Du hast das GefĂŒhl, du seist nichts wert. Niemand rettet dich aus dem Loch, welches du dir immer tiefer grĂ€bst. Warum den Menschen vertrauen? Sie bringen dir doch keine Achtung entgegen. FĂŒr sie bist du nur ein Spielzeug. Nichts, was es wert wĂ€re, behalten zu werden. Du wirst ausgetauscht werden. Immer wieder. Daran hast du dich gewöhnt. Du versuchst es trotzdem. FĂ€llst trotzdem hin. Warum denn noch versuchen, wenn du sowieso scheiterst? Dein Leben zeigt es dir immer wieder."

"..."

"In die entseht ein Paradoxon. Du sehnst dich nach menschlicher NĂ€he, nach WĂ€rme und Zuneigung. Kannst sie aber nicht mehr zulassen. Die Menschen zeigten dir, dass du es nicht wert bist, genommen zu werden. Niemand wĂ€hlt dich. Wenn, dann bist du das Backup. Oder die Schulter zum Weinen. Niemand aber betrachtet dich als mehr. Nicht aber, weil du es willst, sondern weil man es in dir sieht. Wenn ĂŒberhaupt. Wenn sie dich ĂŒberhuapt sehen."

"..."

"Dein Interesse an Menschen verliert sich. Du stumpst ab, schĂŒtzt dich. Die Flucht in andere Welten. Alkohol. Du lĂ€ufst weg. Besser, als dich dem zu stellen. Es ist zwecklos. Du gewinnst nie. Weder das Herz eines anderen Menschen – noch dein Leben. Die Leute haben Recht. Das Leben ist ein Spiel. Und du bist ein typischer Verlierer."

"..."

"Man kann nicht sagen, man hĂ€tte es nicht versucht. Alle weiteren Versuche jedoch, sie schlagen fehl. Du stehst dir selbst im Weg. So weit entfernt vom Menschen hast du aufgehört, dich fĂŒr sie zu interessieren. Siehst Bekannte und Freunde, drĂŒckst sie weg, weil sie fĂŒr dich eine Belastung geworden sind. Und doch brauchst du sie. Dennoch willst du sie aber nicht. Sie sagen dir, dass sie dich mögen, repsektieren, ja gar lieben. Doch bist du taub geworden. Empathie? Das GefĂŒhl hat sie dir genommen."

"Einsamkeit."

"Richtig. Sie zerfrisst dich. Tötet dich langsam aber sicher. Der Tod ist jedoch qualvoll und langsam. Dein Ă€ußeres ist bald nur noch eine HĂŒlle. Dein Sein verschiebt sich in eine bloße Existenz. Das Leben aus deinen Augen verschwunden. Dein Schlaf verwahrlost. Dein Körper zerstört."

"..."

"Du versuchst es auszudrĂŒcken, schaffst es aber nicht mehr. Du hast es verlernt. Genau so, wie du es verlernt hast, in andere Menschen hinein zu fĂŒhlen. Du willst sie wieder spĂŒren, erleben, fĂŒhlen. Deine Mauer ist jedoch zu dick, als dass du sie durchbrechen könntest. Weder von außen, noch von innen weist sie einen Kratzer auf. Du hĂ€lst dich gefangen und die Menschen draußen. Du sehnst dich nach ihnen. Doch dein Kopf sorgt schon dafĂŒr, dass du einsam bleibst."

Der junge Mann blickte hinauf, in das Lagerfeuer. Die Welt um ihn herum zerstört. Seine Augen vernahmen nur noch das Grau seiner Umwelt. Seine Sicht auf die Dinge. Er blickte die leeren Sessel rund um das Lagerfeuer an.

"Einsamkeit."

Eine bitter-sĂŒĂŸe Melodie begann, als er auf seiner Gitarre zu spielen begann.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#15

Beitrag von Dimicus » So 27. Aug 2017, 18:20

Meine aktuelle Einsedeaufgabe, fĂŒr die ich euch um Zeitungsartikel und dergleichen gefragt habe. Mittlerweile habe ich einen kleinen Artikel gefunden und natĂŒrlich mag ich meine Arbeit mit euch hier teilen :)

Viel Spaß!


Geld mit Reue


Das Schnurren des Motors erstarb, als Tom den ZĂŒndschlĂŒssel aus der ZĂŒndung des Wagens nahm. Das Radio zeigte neunzehn Uhr und dreiundfĂŒnfzig Minuten. Es war kaum noch jemand auf den Straßen zu sehen. Toms HĂ€nde zitterten. War es wirklich das Richtige? Sein Blick glitt auf seinen Beifahrer. Joachim schien ruhig. Er dachte wohl gar nicht daran, ihr Ziel aus den Augen zu lassen. Was hatte Tom nur dazu getrieben, sich auf diese Sache einzulassen? Geldnot und Probleme in der Familie schienen in diesem Moment extrem fern. Es ging ausschließlich um diesen Augenblick und dem, was darauf folgen sollte.

„Du wirkst nervös. Du wirst mir doch nicht klein beigeben, oder? Das letzte was ich brauche, ist ein Schisser der mir die Gelegenheit versaut.“ Tom hatte gar nicht bemerkt, wie sein Komplize den Blick auf ihn gerichtet hatte. Ein bedrohlicher Blick, der sich in Toms Augen bohrte. Es war falsch was sie taten. Doch ein ZurĂŒck gab es nicht mehr.

„Nein. Ist schon okay. Ich schaffe das. Versprochen.“ Die beiden MĂ€nner nickte sich zu. Tom zitterte nun am ganzen Leib.

Einige weitere qualvolle Minuten vergingen. Die Digitaluhr zeigte nun die zwanzigste Stunde an. Vor dreißig Minuten hatten die letzten Kunden und Mitarbeiter den Supermarkt verlassen, so dass nur der Marktleiter blieb. Sie mussten nur absolut sichergehen, dass auch wirklich nur der Leiter geblieben war.
Genau dieser beendete auch das Warten, als sich die automatischen TĂŒren des Supermarktes öffneten. Ein junger Mann trat heraus, das Symbol der Ladenkette prangte auf seiner Brust. Das Licht wurde gelöscht, die Alarmanlage aktiviert. Wie vorhergesehen. Jetzt musste es schnell gehen.

Tom und Joachim zogen sich Skimasken ĂŒber. Toms Herz raste. Die gesamte Situation wurde nicht leichter, als Joachim ein Messer aus dem Handschuhfach des Wagens nahm. „Schnell und prĂ€zise. Umso lĂ€nger wir brauchen, desto gefĂ€hrlicher wird es. Ich rede und schĂŒchtere ihn ein. Du trĂ€gst die Beute. Kapiert?“ Tom nickte.

Ohne ein weiteres Wort stiegen beide aus. Sie checkten links und rechts, ob nicht doch jemand alles hatte beobachten können. Doch niemand war zu sehen. So beschleunigten sie ihre Schritte auf den jungen Mann zu. Dieser war noch mit den RĂŒcken zu ihnen gekehrt, widmete sich den letzten Punkten seiner Kontrolle.
Als Tom und Joachim schließlich nah genug waren, drehte sich der Marktleiter um. Auf seinem Namensschild war unter dem dĂ€mmrigen Licht der Ladenfront der Name Robert Schön zu lesen. Seine Augen weiteten sich augenblicklich, als er Joachim und Tim erblickte. Augenblicklich ließ er alles fallen und hob die HĂ€nde.

Tom stand hinter Joachim, beobachtete was vor ihm geschah. Sein Komplize hatte das Messer gehoben und bedrohte den jungen Mann vor ihnen. Tom bekam von den GesprĂ€ch nicht viel mit, seine Gedanken rasten zu schnell und seine Wahrnehmung war verschwommen. Joachim gestikulierte, schien zu sprechen. Robert nickte und hob seinen SchlĂŒssel auf. Tom musste sich zusammenreißen. Er durfte nicht schwach werden.

„- du dich langsam durch die TĂŒr und keine schnellen Bewegungen.“ Die Worte rissen Tom aus seinen Gedanken. Der Marktleiter Robert schritt in die Dunkelheit des Supermarktes hinein. Nur das Sonnenlicht, welches durch die großen Schaufenster schien, spendete dem Innenraum noch ein wenig Helligkeit. Joachim folgte Robert dicht, aber auch Tom setzte sich in Bewegung. Das Geld war zum Greifen nah, er mĂŒsste sich nur noch zusammenreißen, die Beute schnappen und danach alles vergessen.

Tief atmete er durch. „Nicht durchdrehen“, dachte er. Stumm und folgsam folgte er den beiden Gestalten, die kaum mehr als Schatten zwischen den Regalen waren. Der Markt war gespenstisch, sofern kein einziges Licht brannte. Die Regale ragten wie die Mauern eines Labyrinths empor, in dem man sich ohne MĂŒhe verirrte. Lediglich die Notausgangsschilder gaben ein schummriges Licht von sich, zeichneten sich wie Leuchtfeuer im hinteren Teil des Supermarktes aus. Robert diente als FĂŒhrer durch diese bedrohlichen Gefilde. Der einzige Mann, der wusste wie man diese GĂ€nge sicher durchquerte.

Die Anspannung in der Luft war derweilen greifbar geworden. Es fiel kein einziges Wort. Nur die Schritte der drei Personen hallten durch die GĂ€nge, bis sie schließlich vor der hinteren Seite des Supermarktes Halt machten. Die Augen Toms hatten sich bereits an die Dunkelheit gewohnt. Auf der TĂŒr vor ihnen stand das ĂŒbliche „Nur fĂŒr Mitarbeiter“. Sie waren also fast da.

Joachim drehte sich fĂŒr einen Moment um, schaute Tom direkt in die Augen. Erneut war sein Blick bohrend. Er stach förmlich in Toms RĂŒcken und rĂŒckte diesen gerade. Tom nickte als Antwort. Er wusste, was der Blick zu bedeuten hatte.

Im selben Moment hörten Tom vor sich das Klirren eines SchlĂŒsselbundes, gefolgt von dem Einrasten eines SchlĂŒssels in einem Schloss. „Hier entlang, die Herren.“ Robert wirkte extrem angespannt, seine Stimme zitterte. Sicherlich hatte er sich seinen wohlverdienten Feierabend anders vorgestellt. Stattdessen musste er Tom und Joachim nun durch die RĂ€umlichkeiten der Mitarbeiter fĂŒhren, vorbei an Personaltoilette und Pausenraum zum BĂŒro des leitenden Angestellten. Hier schaltete er auf Aufforderung Joachims die Lichter ein. Man wĂŒrde es nicht sehen.

Einen Gang und eine durchschrittene TĂŒr spĂ€ter standen sie nun da. Robert gab mit zitternde HĂ€nden den Code fĂŒr den Tresor im BĂŒro ein. Sein Atem war durchweg hörbar, Angst verließ bei jedem seiner AtemzĂŒge seine Lungen. Das war jedoch eine Sache, die es Tom nicht unbedingt leichter machte. Er wollte einfach nur noch weg. Sein Gewicht verlagerte er stĂ€ndig von einem Fuß auf den anderen. Mittlerweile war er sich sicher, dass die Zeit fĂŒr ihn noch nie langsamer vergangen war.

Letztendlich öffnete Robert den Tresor, trat zur Seite und nahm die HĂ€nde nach oben, als Joachim ihn mit dem Messer vom Panzerschrank wegdrĂ€ngte. „Los, mach den Sack voll und wir hauen ab“, forderte er Tom auf. Dieser nickte nur, blieb stumm und nahm sich den einfachen Leinensack zur Hand. GeldbĂŒndel fĂŒr GeldbĂŒndel wanderte hinein, es waren vielleicht ein paar Tausender. Etwas, womit sich bestimmt gut leben ließ. Doch es wog schwer in seinen HĂ€nden. Jede Faser seines Körpers schrie danach, einfach wegzurennen. Dennoch bleib er stehen und ging seiner Aufgabe nach.

„Fertig“, kommentierte er zum Abschluss. Trat einige Schritte zurĂŒck und blickte Robert an. In seinen Augen standen TrĂ€nen, bleich war seine Gesichtsfarbe. Sofort wandte sich Tom ab. Von Joachim kam nur ein „Okay“, als er einige Schritte rĂŒckwĂ€rts in Richtung der TĂŒr lief. Das Messer hatte er fest in der Hand und stets auf den Marktleiter gerichtet. Tom ging voran, seine FĂŒĂŸen drĂ€ngten immer weiter nach vorn. Er achtete nicht mehr darauf, was hinter ihm geschah. Sein Gehen wurde zu einem Laufen, welches ihn schließlich zum Rennen antrieb. Gleich war alles vorbei. Endlich vorbei. Den Weg durch das Labyrinth hatte er sich gemerkt. Da war die TĂŒr. Nur noch wenige Schritte. Die TĂŒr ging automatisch auf. Hinter ihm waren laute Schritte zu hören. Er rannte zum Wagen. Keuchend öffnete er ihn, warf den Sack auf die RĂŒckbank. Auf der Beifahrerseite stieg Joachim ein. Tom startete den Motor, welcher nach einem kurzen Aufmucken dann doch aufheulte. Die Anspannung verflĂŒchtigte sich, als er eilig ausparkte und mit Vollgas in die nĂ€chste Seitenstraße verschwand.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#16

Beitrag von Dimicus » Sa 16. Sep 2017, 17:04

Erinnerung

Es war ein wahrlich schöner Tag. Die Sonne scheint auf meine Haut und unsere schöne Stadt ist inmitten der sommerlichen GefĂŒhle gefangen. Überall konnte ich Menschen beobachten. Kinder tummelten sich auf dem Spielplatz vor mir. Kreischen und freudiges Toben trug sich vor mir aus, darunter auch Jonas und Emilia. Meine Beiden, sie waren wirklich schön und meine grĂ¶ĂŸten SchĂ€tze. Es machte Spaß sie zu beobachten, zu schauen was sie taten. Kindern sollte man möglichst nur wenige Grenzen sind, so sind ihre Möglichkeiten immer unbegrenzt.

"Hey, du nachdenklicher Kerl", ertönte es plötzlich unter mir. Meine Lippen formten sich zu einem LĂ€cheln, als ich nach unten schaute. Nicole, du wunderschöne Frau. Sie hatte sich quer auf die Bank und auch ĂŒber meinen Schoß gelegt, um ihr Buch zu genießen. Ihre grĂŒnen Augen blickten mir keck entgegen. "WorĂŒber denkst du schon wieder nach, hm?", hakte sie nach. Einer ihrer HĂ€nde legte sich auf meine Wange. Die WĂ€rme die von ihr ausging, ĂŒbertraf die des Sommers bei Weitem.

Ich schĂŒttelte meinen Kopf, sie kannte die Gedanken in meinem Kopf. Sie brauchte mir nur in die Augen zu schauen und ich war fĂŒr sie wie ein offenes Buch. Dennoch antwortete ich. Immer. "Manchmal kann ich mein GlĂŒck einfach nicht fassen, weißt du?" Meine Hand fand ihren Weg zu ihr Hand. Sie umschloss sie. "Wir sitzen hier, haben uns viel aufgebaut. Unsere Kinder sind gesund, toben sich aus. Wir haben unser Haus. Keine Schulden. Und natĂŒrlich du. Wer weiß, wo ich ohne dich stĂŒnde?"

Ein leises Kichern kam von ihren Lippen. Sanft umspielten ihre Finger meine Wangen. Kitzelten und streichelten zugleich. "Du hast viel dazu beigetragen", antwortete sie. "Das war kein GlĂŒck, sondern Können. Und dein Charme." Blitzartig sah ich eine breites Grinsen vor mir, was sich jedoch schnell in ein Ausdruck des Genusses wandelte. Ihre Lippen legten sich auf meine. Wir machten keinen Hehl aus dem, was wir empfanden.

Der zweisame Moment wurde jedoch schnell unterbrochen, als wir aus der Entfernung ein Weinen hörten. Wir wussten von wem es kam, ohne auch nur hinzublicken. "Du bist dran. Ich habe das Letzte mal schlichten mĂŒssen." Nicole zwinkerte mir zu und erhob sich. In der Entfernung konnte ich Jonas ausmachen, wie er vor seiner Ă€lteren Schwester weinte. Mal wieder. Manchmal konnten die Beiden nichts anderes, als einfach nur zu streiten.

Mit einem Seufzen erhob ich mich von der Bank und schlenderte zum Sandkasten. Emilia schĂŒrzte ihre Lippen und hatte die Arme vor der Brust verschrĂ€nkt. In ihrer Hand das Schaufelchen Jonas. Meine Kinder waren so stur wie ich. Sturheit hilft aber nicht immer weiter. Kaum nĂ€herte ich mich, schrie mir schon Jonas entgegen: "Papa! Emilia hat mich gehauen!" Ich zog einen meiner Augenbrauen hoch und schaute zwei Mal hin.

"Das stimmt gar nicht Papa!", ertönte es von der Gegenseite. "Jonas hat angefangen! Ich wollte nur seine Schaufel! Er wollte sie nicht geben!" Jonas begann noch fĂŒrchterlicher zu weinen.

Mein Blick richtete sich auf meinen Sohn. "Was sagst du dazu?"

Sein verheultes Gesicht schaute mir entgegen und zeigte mehr als einer seiner ZahnlĂŒcken. Jonas zog seine Nase hoch, ehe er wimmernd zu erzĂ€hlen begann: "Das ... das ist aber meine Schaufel, Papa! Sie hat doch auch eine!"

Ich nickte zustimmend und schaute zu seiner Schwester. "Warum nimmst du denn nicht deine Schaufel? Dein Bruder hat Recht." Augenblicklich verhÀrtete sich die Miene Emilias. Das hatte sie eindeutig von ihrer Mutter.

"Ich will aber seine haben!", protestierte Emilia. Ich seufzte. Sie hatten wirklich noch viel zu lernen.

"Wie wÀre es, wenn ihr einfach eure Schaufeln tauscht?" Sofort blickten mich zwei Augenpaare an, als ob ich ein Schreckgespenst wÀre. WÀhrend um uns herum getobt wurde und die Kinder weiterspielten, verging zwischen uns Stille. Jonas hatte sogar aufgehört zu weinen.

Das ging fĂŒr einen Moment so weiter, bevor ich einfach die Initiative ergriff. Ich nahm Emilias Schaufelchen und gab sie an Jonas weiter. Noch immer schauten mich beide erstaunt an. Wie war das Nicole? Du wolltest ihnen teilen erklĂ€ren. Ein Grinsen schlich sich auf meine Lippen.

"Also, ich will weder Hauen noch Streit sind, sonst gehen wir sofort nach Hause. Verstanden?", sagte ich mit einem bedrohlichen Unterton. Ich wollte den Nachmittag genießen. Beide nickten auch sofort und als ob nichts gewesen wĂ€re, fingen sie wieder an im Sand zu buddeln. "Geht doch." Ich zwinkerte beiden zu und ging zurĂŒck zur Bank. Nicole saß wie die Ruhe selbst dort und las. Ich setzte mich neben sie und augenblicklich spĂŒrte ich wieder ihren warmen Körper, der meinen Schoß als Liege missbrauchte.

FĂŒr einen Moment schloss ich die Augen, konzentrierte mich auf die GerĂ€usche um mich herum. Einige Spatzen sangen von den Ästen herunter. Die Kinder lachten wieder. Das Rascheln von BlĂ€ttern und Buchseiten umspielte meine Ohren. Es war ein wahrlich schöner Tag. Nichts konnte ihn ruinieren. Selbst wenn die Kinder zickten. So sind sie eben. Er spĂŒrte, wie sich seine Mundwinkel wie von allein anhoben.

Doch dann, eine Stimme.

Eindeutig mÀnnlich.

Sie klang rau.

"Jonathan?", fragte die Stimme nach mir.

Meine Augen öffneten sich und begann sofort zu brennen. Der Staub war wirklich furchtbar an diesem Ort. Mein Blick richtete sich nach vorn und besah den Spielplatz, von dem nicht mehr als rostige EisenstĂŒcken ĂŒbrig waren. Sogar die Luft schmeckte nach Eisen. Die StahltrĂ€ger der umliegenden GebĂ€ude schrien unter der Last des Rostes und der Witterung.

"Ist alles in Ordnung?", wurde ich wieder gefragt, wĂ€hrend sich Emanuel in mein Blickfeld schob. Der hagere Mann, dessen AusrĂŒstung mehr aus einem Flickenteppich bestand, blickte mir direkt in die Augen.

Ich rollte mit den Augen und winkte dem Kerl ab. "Jaja, passt schon", erwiderte ich. Meine Kalaschnikov lehnte an der Parkbank. Vor fĂŒnfzehn Jahren saßen Nicole und ich noch hier. Es wirkte wie ein Traum, eine Hoffnung der man hinterherjagte. Dort wo meine Frau einst gesessen hatte, war nur noch Leere. Eine Stelle der Parkbank, deren grĂŒne Farbe sich abschĂ€lte.

Meine Finger umschlossen den Stahl meines Sturmgewehres, als ich es wieder schulterte. Emanuel und ich hatten einen Auftrag zu erledigen. Ich hatte zu viel Zeit verschwendet. Ich stand auf und folgte meinem Begleiter wortlos. FĂŒr einen Moment hielt ich dennoch inne, drehte mich um und sah vor meinem inneren Auge den Spielplatz von damals aufkommen. Dennoch sollte es nie wieder so sein, wie es einst war.

Nichts sollte das. Die Welt war am Arsch.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#17

Beitrag von Dimicus » Di 24. Okt 2017, 15:19

Der RosendÀmon


Das sanfte Summen Torbens hallte durch den Flur des GebĂ€udes. Mit aller Ruhe schlenderte er durch die GĂ€nge des alten Werkshauses, nachdem er alle Ein- und AusgĂ€nge ĂŒberprĂŒft und verschlossen hatte. Dieser Ort war perfekt fĂŒr seine Arbeit und sein nĂ€chstes Werk wartete sogar schon! Wer hĂ€tte jemals gedacht, dass diese Ermittlerin tatsĂ€chlich so laienhaft zu ihm stolpern wĂŒrde? NatĂŒrlich Torben selbst! Bei diesem Gedanken stahl sich ein LĂ€cheln auf seine Lippen.

Torben war in einem Teil des GebĂ€udes angekommen, in dem frĂŒher BĂŒrorĂ€ume untergebracht waren. Zumindest wirkten die RĂ€ume nicht wie LagerrĂ€ume. Fenster, die viel Licht in die RĂ€ume ließen. Reste von Teppich auf dem Boden, sich auftĂŒrmender Staub und an den WĂ€nden abgerissene Poster. Die Meisten war zur Unkenntlichkeit vergilbt. Um in aller Ruhe arbeiten zu können, gab es keinen besseren Ort als diesen.

Seine Schritte fĂŒhrten Torben an ein Fenster des GroßraumbĂŒros. Das sterbende Licht des Sonnenuntergangs untermalte jede Stimmung und war fĂŒr ihn reine Inspiration. Der Tod. In jeder Hinsicht ein schöner Akt. Doch genau wie jeden Tag das Licht der Sonne durch den Horizont geschluckt wurde, so gebar jeder Sonnenaufgang die Schönheit eines neuen Tages. Torben schaute auf seine Armbanduhr. Es war fĂŒnf Minuten vor Acht. Die KĂ€lte kroch durch jede Ritze des GebĂ€udes. Es wĂŒrde auf diese Art nicht leicht werden, doch das war es noch nie. Es wurde Zeit.
Schließlich wandte er sich von dem Anblick ab und ging weiter durch die GĂ€nge. Der Anblick verĂ€nderte sich kaum, das GebĂ€ude blieb das Selbe. Eine Ausnahme gab es dennoch: ein TĂŒrrahmen hatte noch immer eine TĂŒr. Sie war geschlossen und dahinter verbarg sich das Material, der ungeschliffene Diamant, welchen er in ein wahres Meisterwerk verwandeln wĂŒrde. Seine Finger zuckten bereits gierig danach, mit seinem Handwerk beginnen zu können.

Seine rechte Hand legte sich auf die TĂŒrklinke, wĂ€hrend er die Zeit ĂŒberprĂŒfte. Eine Minute noch. Gleich war es Acht. Er atmete tief durch. Seine Augen fixierten den Sekundenzeiger, der sich quĂ€lend langsam auf die Zwölf zubewegte.

Tick, tack, tick, tack.

Es schlug Acht.

Torben streifte sich die chirurgischen Handschuhe ĂŒber.

„Lasst die Show beginnen.“, dröhnte es aus Torbens Mund, als er die TĂŒr aufwarf.

Dort saß sie. Noch immer bewusstlos. Bald wĂŒrde es soweit sein. Sie wĂŒrde erwachen und er endlich mit dem Akt beginnen, den er schon Monate geplant hatte. An dieses Material fĂŒr seine Arbeit zu gelangen, war eine Herausforderung fĂŒr sich gewesen.

Im Kopf begann Torben die Sekunden zu zĂ€hlen, die ihm noch blieben. Wenn er es richtig dosiert hatte, wĂŒrde das Mittel in spĂ€testen fĂŒnfzehn Minuten nachlassen. Doch bis dahin musste alles vorbereitet sein. Nichts durfte fehlen. Jede Requisite auf seinen Platz. Jedes Werkzeug griffbereit.

Mit lauernden Schritten umkreiste Torben die Ermittlerin. Auf einem Abstellschrank neben dem Stuhl lag ein Etui. GrĂŒn in der Farbe und gepflegt. Es passte gar nicht in den Raum.

Der Atem der Frau war durch die sonstige Stille des Raumes hörbar. Er war ruhig, nicht hektisch und zeigte keinerlei Anzeichen, dass sie schon aufwachte. Torben hockte sich neben sie, streichelte ihr sanft ĂŒber das Gesicht und fĂŒhrte lose StrĂ€hnen zurĂŒck hinter ihre Ohren. Sie war eine wahre Schönheit. Perfekt um ein aussagekrĂ€ftiges Denkmal zu setzen, welches nur er zu schaffen vermochte.

Darauf erhob er sich wieder, seine Gedanken kreisten weiterhin um das Werk welches an diesem Ort entstehen sollte. Was wohl die Menschen der Stadt denken wĂŒrden, wenn sie sie finden? Seine Mundwinkel zuckten nach oben. Eine Botschaft setzen, an alle Menschen dieser Stadt. Der RosendĂ€mon ist lebendiger und göttlicher als je zuvor.

Doch auch ein Genie brauchte seine Vorbereitung, mit der er in diesem Augenblick begann. Sorgsam öffnete er den Knoten an dem Etui und rollte dieses ĂŒber dem SchrĂ€nkchen auf. Auf der rechten Seite strahlten ihn seine Pinsel an. Feinstes Pferdehaar, verbunden mit kunstvoll verzierten Stielen. Schnörkel, die mit höchster PrĂ€zision in den Pinsel eingeschnitzt worden waren. Sie waren gesĂ€ubert und gepflegt. Kein Tropfen an Farbreste, Blut oder ein Korn Staub waren zu finden.

Auf der anderen Seite seines Arsenals fanden sich die Werkzeuge, die er gezwungen war einzusetzen. Ohne sie, konnte er nicht malen. Skalpell, ein Messer und Tupfer. Sie brachten Blut hervor, töteten und kontrollierten. Mehr brauchte es nicht.

Plötzlich eine Regung neben Torben. Ein gedrĂŒcktes Stöhnen folgte und das Rascheln von Kleidung. Sie erwachte. Sein Blick wandte sich fĂŒr den Augenblick jedoch nicht von seinen Werkzeugen ab. Diese einzigartige Sammlung, die die Welt bisher maßgeblich verschönert hatte. Sie verdiente auch ihre Aufmerksamkeit.

Doch das Rascheln und Schnauben neben ihm wurde lauter. Torbens Grundlage erwachte und wĂŒrde bald bei vollem Bewusstsein sein. Er musste sie gebĂŒhrend begrĂŒĂŸen!

Ruhig schritt Torben vor den Stuhl. Die Frau wand sich. Die zuvor hinter die Ohren gebrachten StrÀhnen lösten sich wieder. Dummes Weib. Sie zerstörte ihre eigene Perfektion. Selbst diese eine StrÀhne störte das Antlitz dieses sonst guten Materials. Ob er sie einfach abschneiden sollte? Nein. Das wÀre eine Verunglimpfung seines Werkes. Sein Genie musste mit allem arbeiten können, was sich ihm vorwarf.

Die Stimme unter dem Stöhnen wurde lauter. Langsam kehrte das Bewusstsein in die Leinwand zurĂŒck. Torben hatte sich bereits vor dem Stuhl aufgebaut. Niemand durfte seine PrĂ€senz ĂŒbersehen, die wie ein Schatten ĂŒber eines jeden Leben hing. Nur noch einige Augenblicke, dann war sie vollkommen da. Torben legte seinen Kopf schief und betrachtete das Gezappel vor ihm.

Dann ertönte ein Schrei, unterdrĂŒckt durch den Knebel in ihrem Mund. Das Herz Torbens ging in diesem Moment auf, als er in die weit aufgerissenen Augen der Ermittlerin schaute. Nichts war schöner, als die reine Angst in den Augen seines Materials zu sehen. Wild versuchte sie sich gegen ihre Fesselungen zu stemmen, doch jeder Versuch blieb vergebens. Sie zehrte sich selbst aus. Ihr geschwĂ€chter Körper tat sein Übriges, als ihre Bewegungen in einem kraftlosen Kampf untergingen. Ihr Körper war schwach, doch in ihren Augen konnte er das Feuer entdecken. Sie wollte kĂ€mpfen und wĂŒrde er sie lassen, tĂ€te sie das vermutlich auch. Doch es war vergebens. Ihr Schicksal war schon besiegelt gewesen, als sie in seine Falle getappt war.

„Haben Sie sich endlich beruhigt?“, fragte Torben mit einem LĂ€cheln auf den Lippen. Seine HĂ€nde hatte er hinter dem RĂŒcken verschrĂ€nkt. Torbens Herz schlug wild, seine NervositĂ€t ließ seinen Körper etwas zittern. Doch das war es was er brauchte. Was er stets genoss. Dieses GefĂŒhl des Neuen. Jeder Akt stellte ein neues, aufregendes Kapitel dar.

Die Augen der Frau funkelten kampfeslustig, wollten es dem RosendÀmonen zeigen. Doch Torben war sich sicher, dass Johanna nicht im Ansatz wusste, wer er wirklich war. Das sollte lang nicht so bleiben.

Langsam begann Torben Johanna zu umrunden. Ihr Kopf folgte ihm dabei. „Johanna Frank.“, sagte er, kostete dabei jede Silbe des Namens aus. „Geboren am einundzwanzigsten April 1986. Hier in Hamburg, wie ich weiß.“ Ein erfolgloses Ziehen an den Fesseln. „Aufgewachsen in einer der Brennpunkte der Stadt. Sie haben sich dennoch durchgebissen und zu etwas gebracht. Mittlerweile sind Sie Kriminaloberkommissarin bei der Kripo hier in Hamburg. Es ist eine schöne Stadt, nicht?“

Ein gedrungenes Murmeln versuchte seinen Weg aus Johanna zu finden, doch durch den Knebel weiterhin vergebens. Ihr Augen starrten Torben an, man konnte meinen, sie wĂŒrde ihn zu durchbohren versuchen. Ein naiver Versuch.

Ohne ein weiteres Wort schloss Torben seine Runde um die junge Frau herum. Jeden Zentimeter ihres Körpers hatte er dabei begutachtet. Von seinen Projekten und Materialien konnte er nie genug bekommen. Jeder Makel war eine Gelegenheit fĂŒr ihn, seiner Kunst freien Lauf zu lassen. Die Fehler der Natur mit der Farbe des Blutes in ihrer letzten Form korrigieren.

„Sagen Sie mir Johanna, wie fĂŒhlte es sich an, meine Taten zu bewundern? Sie zu sehen und zu erleben? Ich denke Sie können es mir am besten sagen, so wie Sie an jedem der LeinwĂ€nde waren, auf denen ich meine Werke prĂ€sentierte.“ Der Blick Torbens ließ nicht von Johanna ab. Er ging zu dem Abstellschrank und zog etwas aus einer Ablage unter der OberflĂ€che. Eine Mappe. Groß, grĂŒn und ebenso verziert wie seine Werkzeuge. Als er sie aufschlug, zeigten sich ihm die Bilder seiner frĂŒheren Kunstwerke und in ihnen – dort stand Johanna.

Er nahm eines der Bilder heraus, zeigte es Johanna. Ihre Augen weiteten sich. Noch gut erinnerte er sich daran, wie er diese Fotos geschossen hatte. Weit weg, von einem Punkt aus, von dem Torben sie ruhig hatte beobachten können und dennoch ein gutes Bild bekam. „Sind Sie nicht wunderschön? Mitten in meiner Meisterwerke und dann prĂ€sentieren Sie sich mir auch noch so fabelhaft. Sie schreien auf den Fotos gerade zu, dass Sie meine nĂ€chste Farbe werden wollen. Nachdenklich. Fokussiert. Engagiert. Ehrgeizig. Die Welt wird sich sicher an Sie erinnern.“

Torben ignorierte das Grunzen und Stemmen gegen die Fesseln. Seelenruhig steckte er das Foto wieder weg und offenbarte das nĂ€chste. Dieses Mal zeigte es das Haus Johannas. Ein beinahe klischeehaftes Vorstadthaus. Zwei Stockwerke. Weiße Fassade. Ein großzĂŒgiger Vorgarten und eine Einfahrt fĂŒr die Garage, die mehr als genug Platz fĂŒr zwei Wagen bot.

Ein Schmunzeln konnte sich Torben nicht verkneifen, als der Atem Johannas und wohl auch ihr Herzschlag sich rasant steigerten. Er liebte dieses GefĂŒhl, welches er in ihr auslösen konnte. „Sie sehen richtig. Es war einfach Sie zu beobachten, zu sehen wer Sie sind. Vorbereitung gehört zu jedem guten Repertoire eines KĂŒnstlers. Genau so, wie er versucht seinen Werken Bedeutung zu verleihen. Und andere Menschen daran teilhaben lĂ€sst.“

Das Foto verschwand wieder in der Mappe, worauf Torben diese schloss. „Doch ich denke, Sie kennen meine Werke gut genug um zu wissen, wie sie aussehen. Ihr Privatleben kennen Sie dann entsprechend wohl auch sehr gut. Doch ist es nicht schön, dem Genie hinter allem zu begegnen? Dem KĂŒnstler, der seine Kunst auf ein göttliches Niveau erhebt und jedem Menschen wie Ihnen einen Schritt voraus ist?“

Sorgsam legte Torben die Mappe beiseite und trat vor Johanna. Er hockte sich vor ihr, brachte seine Augen auf ihre Höhe. Dennoch war sie nur Farbe fĂŒr ihn. Doch ohne Kenntnis von der Farbe, konnte das Werk zu dem sie verarbeitet werden wĂŒrde, nur ein schlechtes werden.

Torben streckte seine HÀnde nach dem Kopf Johannas aus, sie versuchte sich jedoch vehement dagegen zu wehren. Nicht, dass es ihr etwas gebracht hÀtte, allerdings gefiel das Torben. Es machte sie so einzigartig. Noch niemand hatte den Kampfgeist gezeigt, wie sie es tat.

Doch was genug war, war genug. Torben brachte sich wieder in den Stand und packte ihren Kopf mit seinen HĂ€nden. GequĂ€ltes Stöhnen und Wimmern drang aus der Kehle Johannas. „Einen Moment Liebes.“, redete Torben auf sie ein. Entgegen ihrer Bewegungen knotete er den Knebel auf und zog ihn ihr aus dem Mund. Sie versuchte zu keuchen und nach seiner Hand zu schnappen, doch vergebens. „So viel Kampfgeist.“, stellte er abermals lĂ€chelnd fest. Nun war Keuchen zu einem Schnaufen geworden.

Der Blick Johannas richtete sich auf Torben, ihre Kiefermuskeln traten etwas hervor, als sie die ZĂ€hne aufeinander presste. Sie schwieg. Wollte sie ihn mit Stille strafen? Torben legte seinen Kopf schief und betrachtete argwöhnisch die Ermittlerin. Geduld und Zeit standen auf seiner Seite, sie konnte ihm nichts entgegensetzen. Zwar wĂŒrde es nicht lang dauern, bis man Johanna suchen wĂŒrde und VerstĂ€rkung anrĂŒckte, doch es war genug Zeit um seinem Werk ausreichend Aufmerksamkeit zu schenken.

Plötzlich brach es aus Johanna hervor: „Du krankes Schwein!“ WĂŒtend spuckte sie diese Worte vor Torbens FĂŒĂŸe und zerrte an ihren Fesseln. Noch immer hatte sie nicht die Ausweglosigkeit ihrer Situation begriffen.

„Wie kannst du es wagen mich und meine Familie zu beobachten? Was fĂ€llt dir perverses StĂŒck Scheiße denn bitte ein?“ Die SchlĂ€fen an ihrer Stirn pochten sichtlich und das Gesicht war puterrot.

Diese Worte verlangten von Torben nicht mehr als ein mĂŒdes LĂ€cheln ab. „Wirklich? Wollen Sie mich wirklich so begrĂŒĂŸen Johanna?“ Johanna stierte. Torben blieb unbeeindruckt.

Einige Momente der Stille, in dem Blicke ausgetauscht wurden.

„Wie soll ich dich denn bitte sonst begrĂŒĂŸen? Einem Menschen wie dir spuckt man ins Gesicht. Du hast es nicht verdient anders behandelt zu werden.“ Johannas Unterton war interessant bedrohlich. Eines der Dinge, die Torben ihr lassen musste. Sogar er bekam Respekt vor dem, was sie damit ausdrĂŒckte.

Tief seufzte Torben. Seine Antwort auf diese Worte blieb ein KopfschĂŒtteln, als er sich von Johanna abwandte. „Wieso können Menschen wie Sie nicht verstehen, was meine Werke so einzigartig und schön macht?“, fragte er in den Raum hinein.

„Schön? Einzigartig?“ Johannas Stimme konnte man einem verĂ€chtlichen Grinsen anhören. „Das was du machst ist einfach nur krank. Jedweder Natur oder Kunst. Einfach nur krank.“

Torbens Blick richtete sich fĂŒr einen Moment auf den Boden. Seine Gedanken kreisten. War es das, was diese arme Person in seinen Werken sah? Nicht mehr als ein kranker Akt?

„Meinen Sie nicht, dass NatĂŒrlichkeit auch den Tod beinhaltet? Der Tod als Akt der Schönheit an sich? Stellen Sie sich vor, man... -“

„Ich will davon nichts hören!“, schallte es durch den Raum. Sie wagte es ihn zu unterbrechen. Torben ballte seine HĂ€nde zu FĂ€usten. Er richtete seinen Körper wieder zu Johanna. Seine Muskeln angespannt, hatte er sich vor ihr aufgebaut. Hatte sie das wirklich getan?

„Wie ich sehe erkennen Sie nicht die Ausweglosigkeit Ihrer Situation. Das ist wirklich schade, sonst wĂŒrden Sie mich kaum so behandeln. Dabei habe ich gehofft, wir könnten einem friedlichen Ende entgegenstreben. Ohne Streit und mit Harmonie.“ In Torbens Bauch kribbelte es.

„Mit Jemanden wie dir werde ich keinen Frieden schließen.“

„Das ist wahrlich bedauerlich. Vermutlich hĂ€tte ich mich sogar darauf eingelassen. Naja, das ist dann wohl zu schade“, spottete Torben. Diese Frau mochte einen Kampfgeist haben, doch nichts war leichter als ihn zu brechen.

„Als ob sich jemand wie du wirklich dazu hinreißen lĂ€sst, Vernunft und Gerechtigkeit walten zu lassen.“

„Achso? Und mein Genie ist nicht die Vernunft selbst? Eine Vernunft die die natĂŒrlichsten Dinge als Schönheit sehen kann, so wie Sie es nicht können? Zu schade. Doch frage ich mich eine Sache.“ Ein LĂ€cheln legte sich auf die Lippen Torbens, als er erneut zur Mappe griff und ein Foto herauszog. „Ob Ihre Kinder mehr Talent haben, wahre Schönheit zu erkennen?“ Der RosendĂ€mon hielt Johanna ein Foto von ihren Kindern vor, welche fröhlich im Vorgarten des Hauses spielten. Die Augen der Ermittlerin weiteten sich augenblicklich, ihr Kehlkopf sprang auf und ab.

„Lass' sie da raus!“, versuchte Johanna bedrohlich zu sagen, doch ihre Stimme war plötzlich von jedem Kampfgeist befreit.

„Oh, die GefĂŒhle einer Mutter, welche sich vor ihre Kinder wie eine Löwin werfen will. Schade nur, dass diese kleinen KĂ€lber ihre Mutter nie wieder zu Gesicht bekommen werden.“ Torben warf das Bild vor die FĂŒĂŸe Johannas. Ihre Augen waren bereits feucht geworden, doch nun entsprang der erste Glanz der TrĂ€nen ihren Augen. „Was sie wohl davon halten werden, wenn sie die Schönheit im Tode ihrer Mutter sehen werden?“

Ein Schluchzen. „Du verdammter Bastard!“ Sie riss an den Fesseln. Der Stuhl drohte umzukippen. Torben liebte das. Dieses GefĂŒhl, wenn sein Material es mit der Angst bekam. Sein Herz ging auf, als Johanna zu weinen begann. Ihr gequĂ€ltes Schluchzen getragen von ihrer zitternden Stimme war Musik in seinen Ohren. Das war wahre Poesie.

Einige weitere Momente vergingen, ehe das Zerren erstarb und Resignation bei Johanna einsetzte. Ihr Körper erschlaffte und der Kopf hing. Hatte sie es endlich erkannt?

Torben hockte sich vor Johanna und blickte ihr in die Augen. Jegliches Feuer war aus ihnen gewichen. Die wichtige Erkenntnis, der Verlust ihrer Familie und die gleichzeitige Bedrohung dieser, hatten sie ganz offensichtlich still werden lassen.

Plötzlich durchbrach aber eine klĂ€gliche Stimme die Stille: „Bitte nicht. Lass mich gehen.“ Torben wurde warm ums Herz. Schweigende TrĂ€nen rannen an ihren Wangen hinab. Die RealitĂ€t schien sie eingeholt zu haben. Doch das reichte ihm nicht. Was war das fĂŒr ein klĂ€gliches Flehen?

„Es tut mir leid, aber ich habe Sie nicht ganz verstehen können. Sie mĂŒssen schon lauter werden.“

„Bitte tue meiner Familie nichts. Nicht meinen Kindern. Lass' sie bitte in Ruhe. Wenn du mich gehen lĂ€sst 
 es wird niemand etwas erfahren. Versprochen.“

„Oh, das ist wirklich herzzerreißend.“ Das war es wirklich. Menschen konnten plötzlich ganz anders sein, wenn man nur den richtigen Punkt berĂŒhrte. Das war besser gelaufen, als es Torben sich hatte wĂŒnschen können.

Mit einem gekĂŒnstelten Ausdruck des Mitleids erhob sich der RosendĂ€mon, schritt an Johanna vorbei und griff ganz nebensĂ€chlich zu seinem Werkzeug. „Wissen Sie Johanna, das Leben ist schön. Doch manchmal mĂŒssen wir loslassen. Niemand wird ewig leben und erst recht nicht in ihrem Beruf. So wĂ€re es doch besser, ihren Kindern ein Denkmal zu hinterlassen, welches weit ĂŒber das Leben hinausgeht. Meinen Sie nicht auch?“

Ihr Kopf erhob sich, sie wollte ihn wohl anblicken, doch er hatte sich bereits hinter sie platziert. Ein fester Griff in die Haare und der Skalpell mit PrĂ€zision und Geschicklichkeit wurde von Torben durch ihre Kehle gefĂŒhrt. Behutsam ließ er das Haar wieder los. Johanna röchelte, wĂ€hrend sie an ihrem eigenen Blut erstickte und zugleich verblutete.

„Danke, dass Sie mein Gast und mein Teilnehmer in dieser wundervollen Vorstellung sind, Johanna Frank.“

Torben legte das Skalpell zur Seite, trat vor Johanna und schaute ihr tief in die Augen. WĂ€hrend ihres Todeskampfes rannen ihr weiter die TrĂ€nen an den Wangen hinab, vermischten sich mit dem Blut des Schnittes. AllmĂ€hlich verschwand der Glanz aus ihren Augen, bis der Körper nur noch die leblose HĂŒlle der einstigen Johanna Frank war.

Ab diesem Zeitpunkt war es an Torben mehr aus ihr zu machen. Sie ĂŒber sich selbst zu erheben und einem perfekten Kunstwerk zu erschaffen, welches die Welt erblicken sollte. Dabei durfte er nicht langsam oder schlampig arbeiten. Blut trocknete schnell, seine HĂ€nde mussten die Pinsel schnell fĂŒhren.

Tief verbeugte sich Torben vor dem Leichnam, als er die Fesseln löste und den Körper zu Boden legte. Die HĂ€nde faltete er auf dem Bauch zusammen, die Augen schloss er. Dann griff er zu seinem groben Pinsel. Die StĂ€mme und Zweige mussten gemalt werden! Die Spitze des Pinsels wurde in das frische Blut getaucht, und flog ĂŒber den kalten Steinboden. So wuchsen aus dem Körper der Toten Dornenranken, die schon bald den gesamten Boden des Raumes bedecken sollten.

Stuhl und Beistelltisch wichen aus dem Raum, damit sich die Kunst entfalten konnte. GĂ€be es Blut nur in mehr Farben, das wĂŒrde dieses Bild wahrlich perfekt abrunden. Doch ein guter KĂŒnstler wusste mit allem etwas anzufangen! Pinselstrich um Pinselstrich ergĂ€nzten sich die Ranken.

Dann folgte das Detail. Hier und dort passte es nicht, so half er mit einer einzelnen Dorne nach. Doch das reichte natĂŒrlich nicht. Darauf folgte ein Rosenblatt nach dem anderen. Aus dem Tod entstand bildhaftes Leben! Gemalt mit Blut, gezeichnet von EndgĂŒltigkeit!

Dann kehrte Ruhe ein.

Sein Werk war vollbracht. Die Gedanken beruhigten sich. Seine Muskeln entspannten. In der TĂŒr stand Torben, blickte auf sein Werk, welches von Johannas totem Körper zu erblĂŒhen begann. Friedlich schlummerte sie im Rosenbett.

Ihren Körper hatte er im Akt gesĂ€ubert, seine Utensilien eingesammelt und verstaut. Nun blieb nur noch eines, was einen KĂŒnstler erst berĂŒhmt machte. Sein Werk musste publik werden!

Torben zog Johannas Telefon aus seiner Hosentasche und legte den Akku wieder ein. Zuerst schoss er einige Fotos, lud sie auf die Speicherkarte und entnahm diese dem Telefon. Schließlich öffnete er das Nummernfeld und wĂ€hlte die Eins-Eins-Null.

„Polizeinotruf, was ist ihr Notfall?“

„Die Stunde der Rosen hat geschlagen und ein weiteres Meisterwerk geschaffen. Finden Sie mich und Sie werden Antwort erhalten.“

„Wie bitte?“

Torben legte das Telefon vor die TĂŒr seines Kunstwerkes.

„Hören Sie mich? Hallo?“

Langsam entfernte sich der RosendĂ€mon vom Schauplatz. Sein Genie hatte gesprochen, nun ließ er die Stille verweilen.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#18

Beitrag von Dimicus » Di 24. Okt 2017, 22:58

Blut und Asche


Der heiße Wind der WĂŒste fegte ĂŒber den Kamm hinweg, welcher sich aus der Ebene schĂ€lte. Weit und breit war nichts anderes als Sand zu sehen. Die einzige Abwechslung die dieses Land bot, war das trockene Gras, was hier und dort am Boden zu finden war. FĂŒrchterlich depremierend manchmal. Wenn es nicht der Wille zu ĂŒberleben wĂ€re, oder der Wunsch etwas aufzubauen, so wĂŒrde jeder Mensch sicherlich auf dieser neuen Welt verenden. Fraglich blieb nur zu jeder Zeit, ob nicht der Überlebenswille eines Anderen stĂ€rker war und das eigene Leben ausknipste. Seltsam, wie sich die Welt verĂ€ndert hatte. Die BĂŒcher hatten von lebendigen StĂ€dten an der OberflĂ€che gesprochen. WĂ€lder, die grĂŒner nicht hĂ€tten sein können. Weite Wiesen und Felder. Nun war alles zunichte.

Schlagartig regte sich etwas am Fuße des Kamms. Ein Zucken. Staub wirbelte auf. FĂŒr einen kurzen Moment war der Körper eines schlaksigen Mannes durch das Fernglas zu sehen. Dieser zupfte schnell den Tarnmantel unter dem er lag zurecht und er verschmolz gerade zu wieder mit der Umgebung. Nur ein kleines HĂ€ufchen erkannte man, wenn man nicht ganz genau hinsah.

Es knisterte im Funk. "Sorry Boss. Der verdammte Staub."

Wolf musste geahnt haben, wie die Augen Daniels auf seiner Position ruhten und ihn strafend anblickten. "Ist gut. Reiß' dich weiter zusammen. Es sollte nicht mehr lang dauern", antwortete Daniel, als er mit dem Fernglas wieder in die Ferne blickte. Neben ihm presste sich ein Körper an seine Seite, ein leiser Atem war zu hören. Er konnte nicht anders, als fĂŒr einen Moment seinen Blick zur Seite weichen zu lassen. Tamira hatte sich eng an ihn geschmiegt und kuschelte gleichzeitig mit ihrem getreuen Remington ScharfschĂŒtzengewehr. Diese Frau manchmal wirklich anhĂ€nglich.

"Du weißt, dass so nahe an mir zu liegen deinen Schuss verwackeln könnte?", hakte Daniel nach, als er wieder durch das Fernglas blickte. Den Funk ließ er bewusst aus. Der Rest seines Squads stand an vorderster Front, wĂ€hrend er Beobachter und Taktiker zugleich war. Das er auch nur mit Tamira so nah beieinander lag musste wirklich nicht jemand mitbekommen.

"Ach, halt die Klappe. Ich weiß schon wie ich schießen muss. Obendrein bist du eh zu schwĂ€chlich, um mich wirklich wegzureißen." Sie zuckte mit keinem Muskel wĂ€hrend sie sprach und ihrem ruhigen Atem tat es auch keinen Abbruch. "Außerdem bin ich direkt neben dir am ruhigsten. Das weißt du. Jetzt konzentriere dich."

Ein weiterer Beweis fĂŒr ihre gespielte HĂ€rte. Wie dem auch sei. Es gab Wichtigeres zu tun. Sein Blick schaute weiter gen Horizont. Dort erblickte er ihr Ziel. Wie geplant rollte der Konvoi der neuen Ordnung an. Der Typ den sie verhört hatten, schien doch die Wahrheit gesagt zu haben. Zu schade, dass er den Verhör nicht ĂŒberlebt hatte.

"Okay, Konvoi rollt an. Zwölf Uhr. Alle bereit machen. Rex, du greifst erst unter dem Feuerschutz von den anderen an. Wolf, Doc. Auf die beiden RĂ€der des Trucks schießen. Tamira, du schaltest den Fahrer des Buggys davor aus. SekundĂ€res Ziel ist der SchĂŒtze an dessen MG. Vergiss nicht, es muss schnell gehen. Habt ihr alle verstanden?"

"Verstanden", ertönte es in vier verschiedene Stimmen.

"Rex, wirf die Granate, wenn die ersten SchĂŒsse ertönen. Der Buggy ist dein Ziel. Der muss um jeden Preis weg."

"Alles klar."

"Dann Funkstille. Ich gebe das Kommando zum Schießen."

Nun galt es Geduld zu bewahren. Das war stets das Schlimmste an diese Art von Hinterhalt. Daniel musste nun ganz prĂ€zise abschĂ€tzen, wenn der Konvoi nah genug fĂŒr ihr Feuer war, aber weit weg genug um sie nicht direkt auf's Korn nehmen zu können. Behutsam und ohne sich zu viel zu bewegen nahm er das Fernglas beiseite und sein Sturmgewehr zur Hand. Er legte es auf den Boden vor sich auf, legte die Wange auf die SchulstĂŒtzte und presste diese gegen seine Schulter. Die ersten SchĂŒsse mussten sitzen.

In der Entfernung waren bereits die ersten MotorengerĂ€usche zu hören. Der Konvoi mittlerweile mit bloßem Auge erkennbar. Es sollte die Hölle losbrechen, besonders fĂŒr die Typen der neuen Ordnung. Wie Daniel es immer genoss, wenn er ein paar von ihnen erschießen konnte. Sie machten es ja nicht anders bei denen, die sie "unreine Wesen" nannten.

Daniel kniff seine Augen zusammen und schĂ€tzte die Entfernung. Als der Konvoi eine bestimmte Stelle erreichte, schaltete er den Funk ein und begann zu zĂ€hlen: "FĂŒnf, vier, drei, zwei, eins ... Feuer!"

Sofort knallte es gewaltig um ihn herum, sein rechtes Ohr klingelte vom Schuss Tamiras. Aus dem Buggy stob eine gewaltiger Blutspritzer und augenblicklich veriss das Fahrzeug und geriet ins Schleudern. Der SchĂŒtze am Maschinengewehr hatte keien Chance auf StabilitĂ€t. Im nĂ€chsten Moment schallten schon die nĂ€chsten Salven durch die Luft. Der Truck wackelte wild umher und schlingerte, dank seines Gewichts blieb doch auf allen RĂ€dern. Der Fahrer hatte aber sichtlich MĂŒhe das Fahrzeug zu kontrollieren.

"Rex, Granate!"

Der Buggy war zum Stehen gekommen, der SchĂŒtze richtete sich und schwenkte auf die Richtung aus der die SchĂŒsse kamen. Im selben Augenblick flog ein kleines Ei in Richtung des Fahrzeugs. Eine laute Salve ertönte als das MĂŒndungsfeuer des schweren Maschinengewehrs aufbitzte. SchĂŒsse zersiebten den Kamm und flogen wild umher. Ein lauter Knall zu Daniels seiner Rechten beendete allerdings das Feuer, ehe die Granate explodierte. Eine Druckwelle erfasste den Kamm, riss die Tarnnetze von den Leibern an der Front. Schrapnelle surrten durch die Luft.

Der Truck kam zum stehen, die Insassen fingen sich und stiegen aus. Sowohl Fahrer als auch Beifahrer schmissen sich auf den Boden und eröffneten das Feuer auf Rex, Wolf und Doc. Tamira schoss ein drittes Mal. Eine weitere BlutfontĂ€ne stob in die Luft. Daniel selbst visierte auf den Beifahrer an. Er drĂŒckte ohne zu Zögern seinen Finger durch und entließ eine Salve in Richtung des SchĂŒtzen. Sie schlugen knapp neben ihm ein. Wirbelten Staub auf. Er schoss weiter zurĂŒck. Im Funk hörte Daniel einen Schmerzensschrei.

Rex sprang auf und spurtete mit lautem GebrĂŒll auf den Truck zu. Doc erwiderte das Feuer, gab ihm RĂŒckendeckung. Plötzlich kamen hinter dem Fahrzeug mehrere Gestalten hervor. Sie mussten dort gesessen haben. Sie suchten Deckung hinter dem Truck. Automatisches Waffen spcukten ihnen ihr Blei entgegen. Tamira schaltete den Beifahrer aus.

"Rex, weiter vorrĂŒcken. Wir geben Sperrfeuer. Doc, linke Seite."

Todesmutig rĂŒckte Rex vor. Doc hielt die MĂ€nner links hinter dem Truck in Schach. Daniel gab Salve fĂŒr Salve auf die rechte Seite. So schaffte es Rex vor den Truck in Sicherheit.

"Nachladen!", ertönte es im Funk. Doc lud nach. "Wolf ist schwer verletzt. Wir mĂŒssen des hinter uns bringen."

"Gib mir Deckung", wies Daniel Tamira neben sich an und sprang selbst aus der Deckung hinaus. Im Lauf schoss er auf die rechte Flanke seine letzten Kugeln. WĂ€hrend des Laufs ließ er das leere Magazin fallen, lud nach. Rex kletterte auf die Fahrerekabine. Einer von den Soldaten steckte den Kopf aus der Deckung. Ein lauter Schuss hinter Daniel ertönte und er konnte im Nahen erkennen, wie das große Kaliber Tamiras ScharfschĂŒtzengewehrs den Kopf vom Körper trennte. Wobei das noch schöngeredet war, so wie dieser abgerissen wurde.

FĂŒr einen Moment war plötzlich Stille, nur die Schreie von Wolf drangen hindurch. Daniel blickte Doc an, nickte bestimmt zu Wolf. Dieser nickte nur zurĂŒck und kĂŒmmerte sich augenblicklich. Wolf verlor viel Blut. Wo er getroffen wurde, erkannte Daniel nicht. Rex schritt mittlerweile auf dem Truck und war fast hinten angekommen. Trotz seiner GrĂ¶ĂŸe versuchte er zu schleichen. Das sah unterhaltsam aus.

Immer noch Stille. Dann kam Rex ans Ende des Trucks an. Sehr zum Leidweisen der armen Soldaten. Ein spitzer Schrei ertönte, als Rex sich fallen ließ. Was sich hinter dem Truck abspielte, ĂŒberließ man der Fantasie. Schreie und SchĂŒsse ertönten. Ein Soldat dem ein Arm fehlte stolperte hinter dem Truck hervor, schrie wie am Spieß und ging zu Boden. Ein Oberkörper, getrennt von seinen Beinen, fiel von der anderen Seite hervor. Blut war massig vorhanden. Wieso durfte nur Rex seinen Spaß haben?

Zu guter Letzt stolperte ein tatsĂ€chlich noch heiler Soldat hinter dem Truck hervor, allerdings ohne Waffe und mit erhobenen HĂ€nden. Sein Gesicht war kreidebleich. Hinter ihm stand Rex. Zwei EinschĂŒsse. Einer unter Brust, ein anderer an der HĂŒfte. Ihn kĂŒmmerte es nicht. Er humpelte nicht einmal. Seine Machete war bedrohlich in das Kreuz des blonden Soldaten gedrĂŒckt. Daniel winkte die Beiden zu sich. Wolfs Schreien war mittlerweile verstummt. Nur das Schreien des einarmigen Banditen war noch zu vernehmen. Daniels Blick ging zur Seite. Doc hockte ĂŒber Wolf und gab sein Bestes. Das wusste Daniel.

Der AnfĂŒhrer stand auf, seine ZĂ€hne knirschten und er spĂŒrte, wie sein Puls stieg. Daniel stapfte auf den Gefangenen zu und rammte ihn augenblicklich den Gewehkolben in die Magengrube. "Du verdammtes Arschloch und deine verdammte Truppe an Hurensöhnen!" Der blonde Kerl mit markanten GesichtszĂŒgen und blauen Augen sackte in sich zusammen, ging auf die Knie. Im Hintergrund schrie noch immer der Einarmige. "Rex, kĂŒmmere dich um den Schreihals", meinte Daniel nur trocken und trat den Gefangenen zu Boden. Rex schritt von dannen und keine Minute spĂ€ter waren die Schreie erstickt. Daniel schaute gar nicht nach, was Rex getan hatte.

Mit der Waffe im Anschlag brĂŒllte Daniel drauf los: "Auf den Bauch legen und HĂ€nde hinter den Kopf Arschloch, sofort!" Der Soldat der neuen Ordnung gehorchte wortlos. Daniel stellte seinen Stiefel in dessen Kreuz und presste fest zu. "Ihr habt einen meiner MĂ€nner schwer verwundet. Was denkst du wie du da rauskommen willst, hm?" Weiterhing keine Regung von dem jungen Mann unter seinem Stiefel. "Wie ist dein Name?"

"Lando", ertönte es trocken. Keine einzige Regung am Körper des Gefangenen.

Wissend nickte Daniel. Was fĂŒr ein hĂ€sslicher Name. "So nennt man sich also in eurer großartigen, reinen Rasse? LĂ€cherlich. Ich habe mir etwas Heroischeres vorgestellt." Daniel blickte sich um. Rex ĂŒberprĂŒfte die anderen Körper. Doc versorgte noch immer Wolf. Tamira saß am vereinbarten Punkt. "Pass auf du kleiner Wichser. Du wirst dich jetzt erheben und in Richtung deines Paradieses aufmachen. Dann erzĂ€hlst du hiervon und wie viel Gnade wir dir zu Teil kommen ließen. Hast du verstanden?"

Ein Nicken unter Daniels Stiefel.

"Dann kannst du deiner Obrigkeit berichten, dass sie einen Scheiß können und wir hier draußen die Kontrolle haben. Noch einmal werdet ihr so schnell kein unschuldiges Dorf ĂŒberfallen. Jetzt steh auf, langsam. Eine falsche Bewegung und dein Kopf ist weg. Laufe in die Richtung deiner Stadt. Solltest du Haken schlagen oder auch nur einen Moment an etwas Dummes denken, bist du einen Kopf kĂŒrzer. Verstanden?"

Ein erneutes Nicken.

"Gut. Hoch mit dir und schön langsam." Damit schritt Daniel einen Schritt zurĂŒck und richtete den Lauf seiner Waffe auf Lando. Dieser erhob sich langsam, wie ihm befohlen und beließ die HĂ€nde hinter dem Kopf. Mit grĂ¶ĂŸter Vorsicht schritt der junge Soldat am Truck vorbei und in die Richtung davon, die ihm aufgetragen wurde. Auf ihn gerichtet waren zwei WaffenlĂ€ufe.

Daniel senkte die Waffe und schaltete den Funk ein: "Tamira, behalte den Kerl im Auge. Eine falsche Bewegung die nicht nach Dresden fĂŒhrt und er braucht keinen Kopf mehr."

"Verstanden."

"Doc, kĂŒmmere du dich um Wolf. Mache ihn reisefertig. Rex, du durchsuchst mit mir die Beute. Alles was tragbar ist, wird mitgenommen. Der Rest wird mit deiner letzten Granate vernichtet. Wir rĂ€umen hier auf und hauen ab."

"Verstanden", ertönte im Chor.

Die schlechte Laune legte sich ĂŒber das gesamte Team. Wolf wĂŒrde sehr lang brauchen, um sich zu erholen. Doch das Opfer war es wert und die Beute reichlich. Wasser,Nahrung, Munition, neue Waffen. Sprengstoffe, die fĂŒr die Zerstörung des Trucks und zukĂŒnftige Operationen verwendet werden konnten. Jeder kam seiner Aufgabe nach. Niemand ahnte, dass dies der Anfang von etwas Großem war.
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#19

Beitrag von Dimicus » Di 20. MĂ€r 2018, 19:19

Die Jagd


Die Sonne brannte auf das Maisfeld, dessen Pflanzen selbst den grĂ¶ĂŸten Mann ĂŒberragen konnten. DarĂŒber zogen die KrĂ€hen bereits ihre Kreise, beobachteten das Geschehen unter sich. Sicherlich warteten sie bereits auf ihre nĂ€chste Mahlzeit. Es war nicht selten, das an diesem Ort ein weiterer JĂ€ger sein Leben verlor. Viele waren an diesen Ort gekommen, doch niemand war zurĂŒckgekehrt. In deren Fußstapfen wollte James aber nicht treten.

Die Schrotflinte fest in der rechten Hand umklammert, kĂ€mpfte er sich durch die hohen GewĂ€chse. Seine Sicht war eingeschrĂ€nkt. Er war gewachsen, doch es reichte nicht, um ĂŒber die Spitzen hinausragen zu können. Aus diesem Umstand heraus galt es, besonders vorsichtig zu sein. Die Vögel ĂŒber ihm kreisten. FĂŒr einen Moment hatte er gehofft, dass einer von ihnen auf seinen Hut scheißen wĂŒrde. Zumindest etwas GlĂŒck fĂŒr die bevorstehende Jagd. Doch in diesem Feld brachte GlĂŒck niemanden weiter.

Plötzlich schreckten Vögel auf. Links von ihm. James sah nicht mehr, als die Biester gen Himmel empor aufsteigen. Augenblicklich stoppte er. Sein Blick ging nach links. Schließlich nach rechts. Es war nichts zu hören. Und auch nichts zu sehen. Sein Zeigefinger legte sich auf den Abzug. Ein Windstoß zog durch das Feld, welcher die BlĂ€tter rascheln ließ. Doch weder Schritte, noch umknickende Halme waren zu hören. „Nur der Wind“, sprach sich James beruhigend zu. Niemand wĂ€re verrĂŒckt genug, an diesen Ort zu kommen. Abgesehen von ihm.

Nachdem wieder Ruhe eingekehrt war, setzte James seinen Weg fort. Sein Ziel war klar. Der Auftrag auch. Er musste nur noch finden, wonach er suchte. GefĂŒhlt war er bereits eine Stunde gelaufen. Sein Schweiß lief ihm bereits an der SchlĂ€fe hinab, bahnte sich seinen Weg ĂŒber die Wange, um am Ende von seinem Kinn zu tropfen. Umso eher fertig wurde, desto schneller konnte er von diesem Ort verschwinden. Nicht, dass er die Möglichkeit zum Umkehren gehabt hĂ€tte. Dieses Feld verschluckte die Menschen.

Dann dort, in der Entfernung sich ĂŒber den Wipfeln des Maises abhebend, die Spitze eines Daches. Schwarzer Schiefer, der auf rotem Holz thronte. Klischeehaft fĂŒr einige. Das Tor zur Hölle fĂŒr andere. Tief atmete James durch. Das Herz – es war extrem nah. Sorgen krochen durch seinen Kopf. Was, wenn er sich ĂŒbernahm? Wenn er es wie die unzĂ€hligen Menschen ebenfalls nicht schaffte? Nicht, dass es noch eine Rolle spielen wĂŒrde. Das Beste, worauf er im schlimmsten Fall hoffen konnte, war ein schneller Tod. Doch wem wurde diese Ehre schon zuteil?

Überraschend durchbrach James den Mais und stand inmitten einer Schneise, die in das Feld geschlagen wurde. Sein Blick eilte zu allen Seiten. Der Lauf seiner Flinte folgte. Doch es war nicht zu sehen. In die eine Richtung eine Sackgasse, ein Weg zurĂŒck ins Feld. Die andere Richtung jedoch, sie wollte ihn seinem Ziel nĂ€her bringen. Sein Blick fiel auf das Ende des Weges, wo sie stand. Unschuldig und den Ahnungslosen in den Tod lockend.

Die Tore der Scheune waren weit geöffnet. Dem Betrachter zeigte sich ein schwarzes Maul ohne ZĂ€hne. Über ihm zwei kleine Fenster, die wie kĂŒmmerliche Augen in einem deformierten Gesicht wirkten. Aus dieser Entfernung konnte er etwas blitzen sehen. James kniff seine Augen zusammen, doch konnte nicht mehr erkennen, als das es aus einem der Fenster gekommen sein musste. Was war es gewesen? Er richtete seine Waffe auf das Tor und schritt voran. Es gab keinen Grund mehr zu zögern. Angst wollte sich in ihm einnisten, doch war sie sein grĂ¶ĂŸter Feind.

Unter seinen Stiefeln knirschte die trockene Erde, etwas unter ihm gab plötzlich nach. James schaute nach unten hob den Fuß an, die Waffe weiterhin nach vorn gerichtet. Er war auf einen TeddybĂ€ren getreten? UnglĂ€ubig schaute er auf das Stofftier hinab, welchem bereits ein Auge fehlte. Neben ihm kleine SchuhabdrĂŒcke. FĂŒr einen Moment ließ James seine Flinte sinken und kniete sich nieder. Er fĂŒhrte seine Finger vorsichtig an der trockenen Spur entlang. Die GrĂ¶ĂŸe war nichts im Vergleich zu seinen Stiefeln. Und doch erinnerte er sich.

Zu oft war er diesen Pfad entlanggelaufen. Zuvor noch hatte er ziellos in diesem Feld umhergeirrt. Die qualvolle Suche nach seiner Mutter. Nach Geborgenheit und Sicherheit. Stets hatte er diesen Pfad gefunden, beobachtete wie andere Kinder ihm folgten und in die SchwĂ€rze der Scheune verschwanden. Doch jedes Mal wenn er sich genĂ€hert hatte, nur ein Funkeln, ein Klacken und schließlich Dunkelheit. Dann begann alles von vorn.

Sein Blick richtet sich wieder auf. James war zurĂŒckgekehrt. Doch er war kein Kind mehr – und doch spĂŒrte er, wie ihn die SchwĂ€rze zu sich rief. Ein weiteres Mal wollte er folgen. Ein letztes Mal wollte er folgen.

Augenblicklich setzte sich James in Bewegung. Ein Fuß vor den anderen, seine Waffe fest in der Hand und entschlossen es zu Ende zu bringen. Durch die Fenster sah er es wieder. Das Blitzen, welches jedoch nicht verschwand. Es beobachtete ihn. Und umso nĂ€her er kam, desto deutlich wurde die Reflexion. Rot in ihrer Farbe, bedrohlich und dennoch anziehend. Die Rechte fest an der Waffe, die Linke kramte aus seinem Mantel eine Leuchtfackel hervor. Es musste schnell gehen. Er durfte ihr keine Chance geben.

Nur noch wenige Schritte vor dem Maul der Scheune entfernt. Er hockte sich hin, legte seine Waffe auf den Boden und öffnete den Verschluss der Fackel. Zischend entbrannte ihr Feuer. Im hohen Bogen warf er das Licht in den Innenraum und zum Vorschein kam das Innere einer normalen Scheune. Doch er konnte sie hören. Er wusste, dass sie da war. Das Klacken, welches er auf dem Holz hörte. Er war gekommen um sie zu holen.

Er schnappte sich seine Flinte und sprang auf. Jetzt oder nie. Sofort stĂŒrmte er hinein, die Flinte im Anschlag und sein erster Blick ging nach oben. Ihre Blicke trafen sich. Das erste Mal, dass er sie sehen konnte. Sie konnte sich nicht mehr verstecken. Ihre Zeit war abgelaufen. Der gewaltige Körper einer Spinne sprang von dem DachgebĂ€lk ab und landete vor James. Sofort legte er an und drĂŒckte den Abzug durch.

Der Knall hallte laut durch die Scheune. Ein fĂŒrchterliches Kreischen. Die Arachnida bĂ€umte sich auf und setzte völlig unbeeindruckt von seiner Verletzung zum Sprung an. James lud durch. Doch zu einem Schuss kam es nicht. Sie sprang los, James wich mit einer Hechtrolle aus. Ihr gewaltiger Körper kam auf dem Boden auf und erschĂŒtterte ihn. Ungelenk schoss James noch einmal und traf das Vieh in die Seite. Ein erneutes Kreischen. Doch die Verletzung schien nicht weitreichend genug.

Zu James Entsetzen musste er feststellen, dass sie sofort umschwenkte und wieder zum Sprung ansetzte. Er lud durch. Doch sie sprang und fixierte ihn unter sich. Ihre Zangen waren seinem Gesicht nah. Er stemmte den Fuß gegen ihr MittelstĂŒck, riss die Flinte hoch und entließ eine weitere Ladung in den Bauch des Monster. Sie schreckte zurĂŒck, in ihren Bewegungen konnte man ein Taumeln erkennen.

Augenblicklich erhob sich James, lud durch und legte erneut an. Doch sie war verschwunden. Er ließ blitzartige seinen Blick in alle Richtungen gleiten. Er suchte die Decke ab. Nichts. Die WĂ€nde. Dann das widerliche Klacken. Es huschte in seinem Augenwinkel. Dann eine schnelle, gradlinige Bewegung. James riss herum und drĂŒckte ab. Erneut ein Knall. Die Wucht riss die Spinne aus der Luft und ließ sie auf ihren RĂŒcken landen. Ihre acht Beine zappelten in der Luft herum. In ihrer Unterseite war der Schaden mehr als deutlich. Doch so konnte James es nicht stehen lassen.

Er nutzte die Gelegenheit und lud seine Schrotflinte nach. Die drei geschossenen Schrotpatronen wurden ersetzt. Er lud eine in den Lauf. Schob noch eine nach. Die Spinne stellte sich wieder auf. Doch ohne Gnade ging James auf sie zu. Ein Schuss jagte den nĂ€chsten. Die Ohren James klingelten. Die lauten SchĂŒsse gepaart mit dem entsetzlichen Schreien des Monsters mussten durch das gesamte Feld hallen.

Dann kehrte Ruhe ein. Das Zappeln der Spinne hatte aufgehört. Vor James lag ein durchlöcherter Leib eines Wesens, welches diese Erde niemals hĂ€tte betreten dĂŒrfen. Seine Flinte war leer. Die HĂ€nde zitterten und sein Herz klopfte wild. Der Atem ging schwer und James schaffte es kaum, sein Gewehr zu halten. Der Lauf zitterte umher. Hatte er es geschafft? War es wirklich vorbei? Der tote Körper vor ihm sprach eindeutig von seinem Sieg. Er konnte es kaum glauben. Das, ohne eine einzige Verletzung. Was unterschied ihn von den anderen JĂ€gern? Doch auf all diese Fragen konnte er keine Antwort finden. Er konnte nur sicher gehen und es ganz beenden.

James warf sich seine Waffe ĂŒber die Schulter und zog eine zweite Leuchtfackel aus seinem Mantel hervor. Sein Blick suchte den Raum ab und fand einige Ballen an getrockneten GrĂ€sern. Seine Aufgabe und was er nun zu tun hatte, war klar. James zĂŒndete die Fackel und warf sie in die GrĂ€ser, die augenblicklich Feuer fingen. Die Flammen explodierten in die Höhe und lösten eine Kettenreaktion aus. In nur wenigen Sekunden sammelte sich der Rauch in der Scheune.

Dies war kein Ort, an dem er weiter verweilen sollte. Sein Ziel war erreicht. Mit Abstand umrundete er den Leichnam der Spinne, schaute ihr ein letztes Mal in die toten Augen. Auch wenn er sich sicher war, dass das Leben aus ihr verflossen sein musste, so erkannte er noch die Seele in diesem Wesen. Die Trauer, mit dem ihn die acht Augen der Spinne anblickten, obwohl sie das gar nicht mehr tun konnten. Doch es war getan. FĂŒr Reue war es zu spĂ€t. James hatte sich gerĂ€cht.

Er trat vor die TĂŒr der Scheune. Die Spuren in der Erde waren verschwunden. Der TeddybĂ€r ebenso. Ein letzter Blick zurĂŒck. Das GemĂ€uer stand in Flammen und inmitten der TĂŒr der Körper der Spinne, die ihm mit gebrochenen Blick anschaute. Als ob er sich schlecht dafĂŒr fĂŒhlen musste, was er getan hatte.

Um ihn herum begann sich das Feld zu verfĂ€rben. Wo der Mais bei seiner Ankunft noch grĂŒn war und FrĂŒchte trug, verfaulte er binnen Sekunden zu unwirtlichem Kompost. Die Spitzen neigten sich in Richtung des Bodens. Die Kolben wurden ungenießbar. James trat in die GewĂ€chse ein und entfernte sich auf direktem Wege von der Scheune, deren Struktur in sich zusammenfiel. Nach nicht einmal fĂŒnf Minuten fand er sich auf der Straße vor dem Feld wieder, ĂŒber der er zum Anfang seiner Jagd gekommen war. Doch hinter ihm lag statt des Feldes Brachland, in dessen Mitte das korrupte Leben verbrannte.

James lebte, um an einem anderen Tag zu sterben.
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Dimicus
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Re: Dimicus SchreiberstĂŒbchen

#20

Beitrag von Dimicus » Sa 26. Mai 2018, 21:05

Die Höhle der Löwen


Es war einmal wieder einer dieser Tage, welche nur vor Ruhe und Langeweile strotzten. Im Lager „Sonnenschein“ brannte die Hitze wie jeden gottverdammten Tag im Ödland. Die Gefangenen wurden ĂŒber den Hof gerieben, gequĂ€lt und zu den widrigsten Arbeiten eingesetzt. Eigene, wertvolle MĂ€nner- und Frauenleben auf das Spiel zu setzen, um Materialien aus Ruinen zu fördern oder aber neue Granaten zu bauen, kam niemanden in den Sinn. Letzten Endes hatte es das Dreckspack nicht anders verdient. Eine allgemeingĂŒltige Meinung, die sich bei der Neuen Ordnung durchgesetzt hat. Eine Philosophie, die das Recht des stĂ€rkeren und reinen Blutes bewahrte.

Mitten in einem BĂŒro, zwischen den geschundenen Seelen die in diesem Lager auf ihren Tod warteten, saß Oberst Alexander Reitzik. Höchster Befehlshaber des Lagers und fĂŒr alle Belange zustĂ€ndig. Das bedeutete meist viel bĂŒrokratische Scheiße, kaum Entspannung und unzĂ€hlige Überstunden. Sein Leben war das Lager. Das Lager war sein Leben. Kaum zu denken, dass er noch vor zwei Jahren ein normaler Soldat der AufklĂ€rungseinheit war. Seine Frau war zwar kaum begeistert von seiner Versetzung, aber er hatte keine andere Wahl gehabt. Wenn die Ordnung rief, beugte man sich ihr oder trug die Konsequenzen davon.

So saß Alexander mal wieder sinnlos hinter seinem Schreibtisch und fĂŒllte den Papierkram aus. Neben ihm eine Flasche Schnaps, die einem der Gefangenen abgenommen und eigentlich vernichtet werden sollte. „Scheiß auf das Alkoholverbot“, hatte er zu sich gemurmelt, als er die Flasche von den Listen verschwinden und in seine Tasche hat gleiten lassen. Die Ordnung konnte einem nicht alles verbieten. Auch wenn Alexander ihnen treu war, Gesetze und Regeln waren durchaus sehr dehnbar.

Plötzlich durchbrach ein verheißungsvolles Klopfen an seiner TĂŒr die Stille seines Raumes. Schnell verstaute er den Schnaps und dazugehörige Glas in einer seiner Schublade. „Herein!“, befahl er, blickte auf und schaute, wie sich einer der Gefreiten zum Vorschein trat. Der Bube war sicherlich nicht Ă€lter als 25, stellte aber das perfekte Ideal eines Soldaten der neuen Ordnung dar. Groß, muskulös und athletisch. Obendrein ordentlich.

„Oberst! Ich bitte zum Vortreten und Abgeben eines außerplanmĂ€ĂŸigen Berichtes!“ Der junge Kerl hatte Feuer und Disziplin in sich. Alexander musterte ihn von Kopf bis Fuß, ehe er mit einer kreisenden Handbewegung den Soldaten zum Sprechen aufrief. „Soeben ist ein Transporter mit drei Gefangenen an den Toren erschienen. Sie erwarten auf Ihren Befehl zum Einlass und der Inspektion der Gefangenen.“ Ein Gefangenentransporter, zu diesem Tag? Es war nichts vorgesehen gewesen. Kurz blickte Alexander die Dokumente durch und sah keinen Termin fĂŒr die Überlieferungen von Gefangenen. So viel zur Ruhe.

Alexander nickte nur, worauf der Gefreite salutierte und wegtrat. Schnell die MĂŒtze und Pistole gegriffen, rĂŒckte Alexander ebenso aus, um diesen unerwarteten Besuch in Augenschein zu nehmen. Entlang durch kalte BetongĂ€nge, vorbei an schweren StahltĂŒren, zur großen TĂŒr ĂŒber der „Ausgang“ in roten Lettern prangte. Direkt hinaus in die Stahlröhre, welche aus einem Stahlgeflecht bestand. Rechts und links beobachtete Alexander Gefangene durch das Stahlgeflecht, wie sie sich sammelten oder arbeiteten. Die meisten von ihnen waren schmutzige ÖdlĂ€nder, die es gewagt hatten, sich der neuen Ordnung zu widersetzen. Wenn sie an diesen Ort kamen, bedeutete das immer ihr Tod. DafĂŒr sorgte Alexander höchstpersönlich. Zumindest hatten sie aber vor ihrem Ableben einen Nutzen.

Schon aus der Entfernung erblickte Alexander den geparkten Lastwagen am Torhaus des Lagers. Umringt von ein paar Soldaten der Ordnung, wurden drei Gefangene von der LadeflĂ€che des Trucks gestoßen und auf ihre Knie gezwungen. Man bereitete sie fĂŒr Alexanders Ankunft vor. Dieser hatte die Röhre durchquert und die GittertĂŒr zum Torabschnitt des Lagers ĂŒberwunden. Bewusst ließ er seine Schritte streng auf den Boden knallen, prĂ€sentierte sich von seiner strengsten Seite. RĂŒcken gerade, Brust heraus, die HĂ€nde hinter dem RĂŒcken verschrĂ€nkt. Das ĂŒbliche Prozedere. Den Meisten machte es Angst, doch die drei Gefangenen wirkten völlig desinteressiert. Sie blickten ihn nicht an, sondern starrten in der Umgebung umher, als ob dieser Ort einen Freizeitpark darstellte.

Augenblicklich trat einer der Soldaten an ihn heran, salutierte und erstattete Bericht: „Wir haben diese drei ÖdlĂ€nder in der NĂ€he aufgegriffen und gefangen genommen. Ihre Gegenwehr erfolgte durch Beschuss. Wurde erfolgreich und ohne Verluste niedergeschlagen. Keine Verletzten.“ Keine Verletzten? Das schien ungewöhnlich. Offenbar hatten diese MĂ€nner nicht getroffen, weshalb die Soldaten der Ordnung die Gefangenen einfach im Nahkampf ĂŒberrumpeln konnte. Doch einer von denen war ein Riese! Wie hatten seine MĂ€nner das geschafft?

„Oberst Reitzik?“, sprach einer der jĂŒngeren Soldaten, der an Alexander herantrat. Einen Moment musste dieser ĂŒberlegen, wer der Soldat war, doch die Erinnerung kehrte sofort wieder zurĂŒck. Landolf war sein Name. Vor ein paar Wochen hatte man ihn in der NĂ€he des Lagers aufgegriffen, ohne Wasser, Bewaffnung oder seiner Gruppe. Er hatte von einem Angriff berichtet, bei dem diese getötet worden war. Knapp nickte Alexander auf die Anwesenheit Landolfs und erlaubte ihm das sprechen. „Diese MĂ€nner sind fĂŒr den Tod von guten Soldaten verantwortlich, ebenso wie fĂŒr den Verlust wertvoller AusrĂŒstung. Sie waren diejenigen, die meine Gruppe ausgelöscht hatten.“ Plötzlich ging ein Raunen durch die Reihen der Soldaten. Die MĂ€nner vor ihnen auf dem Boden grinsten, wurden aber im nĂ€chsten Moment auf den Boden geprĂŒgelt.

Deren Anwesenheit und einfache Gefangennahme stellten ein Paradoxon dar. Wie waren diese MĂ€nner in der Lage, einen Transporter voll mit trainierten und ausgebildeten MĂ€nnern zu ĂŒberfallen, wenn sie nicht einmal richtig treffen konnten? „Holt sie auf die Knie hoch“, befahl Alexander schließlich, worauf die Gefangenen im Nacken gepackt und ihr Blick auf Alexander forciert wurde. „Wie sind eure Namen?“, fragte er fordernd. Seine Stimme bebte. Im Hintergrund zuckte einer seiner MĂ€nner zusammen. Darauf folgte Stille. Alle Anwesenden verharrten am Fleck, niemand wagte es die Ruhe zu brechen, die unregelmĂ€ĂŸig von BrĂŒllen und SchĂŒssen im Hintergrund untermalt wurde.

Alexander hob seinen Kopf leicht, ohne jedoch den Blick von den Gefangenen abzuwenden. Seine HĂ€nde ballten sich zu FĂ€uste. Diese Art von Abschaum, welche nicht sprechen wollte. Das Warten hatte Alexander schnell satt. Mit geballter Faust verpasste er aus dem Nichts dem schlaksigen Typen einen Haken. Unter seiner Kraft hörte Alexander etwas Knacken. Blut spritzte. Es folgte ein schmerzerfĂŒlltes Stöhnen. Sofort sackte der Körper regungslos zusammen. Bewusstlos. Auch das noch. „Landolf?“, fragte Alexander, jedoch ohne seinen Blick von den Gefangenen abzuwenden.

„Ja Oberst?“, ertönte es von seiner linken Seite.

„Kannst du dich an den Kerl erinnern, der die Truppe anfĂŒhrte, welche du beschrieben hast?“ Nun blickte Alexander dem jungen und treuen Mann entgegen. Dessen Fokus legte sich auf die Gefangenen, welche alle nun wesentlich finsterer dreinblickten. Nach nur wenigen Sekunden zeigte er auf den eher durchschnittlichen Kerl von den Dreien.

„Der da, Oberst Reitzik“, ertönte es schließlich aus Landolfs Mund. Darauf musterte Reitzik den Mann von Kopf bis Fuß. Seine AusrĂŒstung war nicht auf einen offenen Kampf ausgelegt. Offensichtlich jemand, der sich zurĂŒckhielt. Im Gegensatz zum Bullen zu seiner Rechten trug er ausschließlich eine leichte Schutzweste. Der Bewusstlose hatte viele Taschen an seiner Weste, einige davon trugen das Zeichen eines roten Kreuzes. Offenbar der SanitĂ€ter.

Nachdem Alexander seine Musterung abgeschlossen hatte, blickte er zu seinen Soldaten auf. Ein Nicken genĂŒgte um zu signalisieren, dass sie die Gefangenen auf ihre Beine heben und abfĂŒhren sollten. Den bewusstlosen SanitĂ€ter nahmen zwei Soldaten an jeweils Kopf und FĂŒĂŸe. „Gut. Den da“, Reitzik deutete auf den Mann in leichter Schutzweste, „bringt jemand in den Verhörraum. Der Rest kommt in die vorĂŒbergehende Gewahrsam, bis wir mehr wissen. Landolf, du kommst mit.“ Ohne ein weiteres Wort setzte sich Alexander in Bewegung, dicht gefolgt von Landolf, dem Gefangenen der verhört werden sollte und der Soldat der Ordnung, der diesen begleitete. Den Rest brachte man auf direktem Wege ins Lager. Sie wurden gesondert von allen anderen Gefangenen in eine Baracke gebracht, um dort spĂ€ter untersucht und auf ihre Tauglichkeit untersucht werden. Besonders aus dem HĂŒnen konnte man sicherlich eine gute Arbeitskraft machen.

Eisiges Schweigen herrschte zwischen den Vieren, wÀhrend sie nun durch die kalten GÀnge des VerwaltungsgebÀudes schritten. Zu gut erinnerte sich Alexander noch daran, wie diese Anlage einst ein MilitÀrlager war, welches als Umschlagpunkt genutzt wurde. Kurz bevor alles kollabierte und die Hölle losbrach.

„Oberst?“, riss ihn eine Frage aus seinen Gedanken. Landolf, der Gefangene und Soldat blickten ihn irritiert an. Er war wohl ganz automatisch vor ihrem Ziel zum Stillstand gekommen, hatte sich aber nicht mehr geregt.

FĂŒr einen Moment kreiste Alexander mit seinen Schultern und rĂ€usperte sich. Mal wieder waren die Erinnerungen von frĂŒher hochgekommen. Schließlich kramte Reitzik einen SchlĂŒsselbund aus seiner Tasche, ehe er den richtigen SchlĂŒssel zu suchen begann. „Wird's mal“, ertönte es plötzlich in einer fremden Stimme. Alexander blickte den Gefangenen an, der schon im nĂ€chsten Moment einen schlag mit dem Gewehrkolben von in die Magengruben von Landolf kassierte. Unter Stöhnen sackte er zusammen, wurde jedoch von dem Soldaten hinter ihm aufrecht gehalten.

„Es kann ja doch sprechen“, lĂ€chelte Alexander, wĂ€hrend er die TĂŒr zum Raum aufstieß. Seine Hand griff links an einen Lichtschalter, welcher nach sanftem Druck nachgab. Die Leuchtstoffröhren erwachten mit einem Schluckauf zum Leben und tauchten den Raum vor ihnen in ein kaltes Weiß. „Landolf, du ĂŒbernimmst. Du, wegtreten.“ Augenblicklich wechselten der Soldat und Landolf die Position, ehe der Soldat salutierte und sich von ihnen entfernte. Nun zu dritt betraten sie den Raum, in dem Alexander bereits einige MĂ€nner sitzen und beobachtet hatte. Ganz zu schweigen von der schmutzigen Arbeit, die er jedoch zu gern verdrĂ€ngte.

Spartanisch eingerichtet wĂ€re fĂŒr diesen Raum ein Kompliment gewesen. Kalte, graue WĂ€nde wie der Komplex auch. Ein zentraler Stahltisch, auf dem Handfesseln angebracht waren. StĂŒhle standen um diesen. Trockene Blutflecken auf Boden und Tisch zeugten von den Dingen, die in diesem Raum geschahen. Was dort passierte, blieb auch dort. Doch die Menschen die hinein und wieder heraustraten, waren stets eine andere Person. „Mach ihn fest. Löse seine Arme und fessle sie auf dem Tisch.“

„Jawohl Oberst!“ Sofort ging Landolf ans Werk. Alexander hielt sich ein StĂŒck zurĂŒck, sah dem jungen Soldaten bei seiner Aufgabe zu. Der Gefangene leistete keinerlei Widerstand. Brav ließ er sich fesseln. Kein Zeichen von Beißen, Schlagen, Treten, Kratzen. Irgendwas schien faul. Selbst Landolf machte den Eindruck, dass die Ruhe, welche dieser Gefangene ausstrahlte, ihn selbst verunsicherte.

Kaum war der Gefangene gefesselt, trat Landolf von seinem Werk zurĂŒck und schaute zu Alexander. Dieser nickte zur BestĂ€tigung. Der Kerl konnte nun weder Aufstehen, seine Gliedmaßen bewegen noch sich in irgend einer Art und Weise wehren. Und doch strahlte er so eine Entspannung aus, wĂ€hrend jeder Andere vor ihm mit Flehen, Jammern und Panik geantwortet hatte. Auch Alexander wurde diese Situation unangenehm, auch wenn er es besser zu verbergen wusste als Landolf. Diesem hingegen wies er mit einem Deut an, auf einem der gegenĂŒberliegenden StĂŒhle vom Gefangenen Platz zu nehmen, worauf er selbst folgte. Sie konnten nun Beide in die stahlgrauen Augen des Gefangenen blicken. Dieser erwiderte ihre Blicke mit ausgewachsener Ruhe. Hatte er sich mit seinem Schicksal abgefunden?

Neben ihm spĂŒrte er, wie Landolf mit seinen Fingern spielte. Er schien nervös. Ein Gedanke hatte ihm heimgesucht. Man konnte ihm ansehen, dass er am gesamten Leib zitterte. Doch bevor Alexander nur ein Wort sagen könnte, schmiss Landolf seinen Stuhl nach hinten und brĂŒllte: „Du elendes StĂŒck Scheiße aus dem Ödland! Was du und dein Zirkus mit meinen MĂ€nnern gemacht haben ist eine GrĂ€ueltat! Und jetzt sitzt du hier und schaust uns mit aller Seelenruhe an?!“ Gerade noch erkannte Alexander ein Blitzen aus seinem Augenwinkel, da schossen seine Arme aus Reflex nach vorn. Im letzten Moment hielt er Landolfs Klinge auf, die nur wenige Millimeter vom Arm des Gefangenen entfernt war.

„Soldat! Reiß dich zusammen und setze dich!“, befahl Alexander. Dabei ließ er seine Stimme ruhig und dennoch bedrohend klingen. Sein Blick traf sich mit Landolfs, dessen Augen Hass und Wut ausdrĂŒckten. Ein Mundwinkel des Gefangenen zog sich nach oben.

„Warum? Damit ich diesem Hurensohn in die Augen sehen muss? Jenes Arschloch, dass meine MĂ€nner auf dem Gewissen hat?!“ Der Druck unter Alexanders Hand wurde stĂ€rker, doch hielt er diesem mit Leichtigkeit stand. Dennoch erhob auch er sich und kam in Augenhöhe mit Landolf.

Langsam schĂŒttelte Alexander mit dem Kopf. „Dieser Mann wird fĂŒr seine Verbrechen bezahlen. Jetzt setze dich und halte deine Klappe.“

Augenblicklich verzog sich die Miene Landolfs. Er presste seine ZĂ€hne zusammen. Seine Kiefermuskulatur trat hervor, jedoch wurde der Druck unter Alexanders HĂ€nden schwĂ€cher. Schließlich ließ Landolf davon ab und steckte sein Messer weg. Doch war es nicht seine Stimme, die die Stille brach. „Verbrechen die ich begangen haben soll? Habt ihr euch einmal umgeschaut?“ Ein angedeutetes, sarkastisches Lachen kam von der gegenĂŒberliegenden Seite des Tisches.

Sowohl Alexander als auch Landolf richtete ihren Blick auf den Mann vor sich. „Du hĂ€ltst dein Maul. Du hast nur auf meine Fragen zu antworten. Und du Landolf setzt dich auf deinen Arsch.“ Zumindest waren sie einer Meinung und setzten sich. Der Gefangene gab kein weiteres Wort von sich. Stattdessen durchbohrte sein Blick die Beiden erneut.

„Wie heißt du?“, fragte Alexander letztlich, als die Situation abgekĂŒhlt war.

Der Gefangene schien einen Moment zu zögern. „Daniel“, ertönte es aber dann. Ein klassischer Name.

„Nun Daniel, du bist in Konflikt mit einer unseren Patrouillen geraten und wurdest gefangen genommen. Doch mich stört da ein kleines Detail an der Geschichte.“ Alexanders Blick richtete sich auf Landolf, der auf seinem Stuhl herumrutschte. FĂŒr einen Moment ĂŒberlegte er, ihn herauszuschicken, doch er war zu wichtig fĂŒr das Verhör.

Mit einem Schulterzucken kommentierte Daniel die Aussage. Sicherlich wartete er auf dessen FortfĂŒhrung. „Wie kommt es, dass jemand wie deine Gruppe einen schwer bewachten Transport von GĂŒtern knacken kann, sicher aber von unserer leichten Patrouille fassen lĂ€sst?“ Alexander konnte sehen, wie das Feuer in Daniels Augen entfacht wurde. Seine Lippen verzogen sich zu einem gehĂ€ssigem Grinsen. Doch nicht einmal eine Sekunde spĂ€ter verhĂ€rtete sich sein Gesicht wieder.

„Ich schĂ€tze, da hatten meine Jungs und ich schlichtweg Pech. Passiert.“ Sofort meldete sich Alexanders BauchgefĂŒhl, dass etwas mit dieser Aussage nicht stimmte.

„Ihr wart zu fĂŒnft. Wo sind die anderen Beiden?“, fragte wie aus dem Nichts Landolf, der ohne Alexanders Erlaubnis gesprochen hatte. Doch die Dynamik zwischen den MĂ€nnern war seltsam zu beobachten. Landolf war aufgebracht ĂŒber den Verlust seiner MĂ€nner, wĂ€hrend Daniel seine Tat mit Richtigkeit rechtfertigte. So ließ Reitzik Landolf gewĂ€hren.

Doch die Antwort Daniels blieb unbefriedigend: „Welche anderen Beiden? Keine Ahnung wovon du redest. Wir mĂŒssen dir wohl ziemlich eins ĂŒber den SchĂ€del gezogen haben.“ Instinktiv legte Alexander eine Hand auf Landolfs Schulter. Darunter spĂŒrte er große Anspannung der Muskeln, die sich unter seiner BerĂŒhrung jedoch auflöste. Aber auch Alexander merkte, dass Daniel offensichtlich log. Allerdings war diese LĂŒge so salopp formuliert, dass sie gar kein Versuch war, die wahre Information zu verschleiern. Sie diente einem anderen Grund.

„Ihr werdet wohl kaum zu dritt einen schwer bewachten Transport erfolgreich ĂŒberfallen und nur Landolf als Nachricht am Leben gelassen haben. Wir können gern der Wahrheit nachhelfen, wenn dir das lieber ist“, entgegnete Alexander, zog dabei sein Messer aus der Scheide und legte dieses auf den Tisch. Landolf tat es ihm gleich, auch wenn er den Griff seiner Klinge umklammert hielt. Doch davon ließ sich Daniel offensichtlich nicht beirren. Wie ein vergnĂŒgtes SchulmĂ€dchen kicherte er Alexander und Landolf entgegen.

Langsam beugte sich Daniel nach vorn, zumindest so weit es ging und drehte den Kopf etwas zur Seite. Dabei funkelte er Alexander direkt an. „Die Wahrheit? Keine Sorge, die werdet ihr kleinen Schweinchen von der neuen Ordnung noch frĂŒh genug erfahren. Ich bin mir sicher, dass sie sehr bald an eurer TĂŒr klopfen wird.“

Irritiert blickten sich Landolf und Alexander an. Das schwummrige BauchgefĂŒhl in Reitziks Magen breitete sich ĂŒber seinen gesamten Körper aus. Die Wahrheit, welche an der TĂŒr klopfen sollte.

Plötzlich riss Alexander die Augen weit auf. Er hatte verstanden was Daniel vor hatte. Die gesamte Zeit! Dieser verdammte Hurensohn! „Landolf, laufe schnell zu-“

Ein plötzliches Beben erschĂŒtterte den Boden, als gedĂ€mpft der Knall einer Explosion zu hören war, welche gigantisch sein musste. Das Licht flackerte ĂŒber ihren Köpfen. Die GerĂ€usche von SchĂŒssen drangen schlagartig im Sekundentakt durch die WĂ€nde des VerwaltungsgebĂ€udes.

Dieser clevere Mistkerl. Daniel setzte ein breites Grinsen auf, offensichtlich wissend, dass Alexander es verstanden hatte. Der ÖdlĂ€nder hatte mit seinen Freunden Zeit geschunden. Eine Spur gelegt. Direkt zum Lager. Und niemand hatte darauf geachtet. Eine weitere Explosion dröhnte durch die WĂ€nde. Der Putz fiel von der Decke. Was fĂŒr ein hirnrissiger Bastard. In diesem Moment hatte Alexander Respekt vor Daniel.

„Landolf, nimm den nĂ€chsten Buggy und fahre zur Hauptstadt. Drehe nicht um und gehe jedem Feind aus dem Weg. Verstanden?“ Alexander blickte nach oben zu Landolf, der bereits aufgesprungen und sich seine Waffe geschnappt hatte. Knapp nickte dieser nur, warf Daniel einen letzten Blick des Hasses zu, wĂ€hrend er durch die TĂŒr verschwand.

Eine dritte Explosion erschĂŒtterte das Lager. Es hatte exakt drei Funkmasten, um mit der Außenwelt zu kommunizieren. Was fĂŒr ein schlauer Bastard.
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