Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

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Jaro Ballivòr
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Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#1

Beitragvon Jaro Ballivòr » Mi 1. Nov 2017, 11:00

Anmerkung: rot markierter Text bestand schon vor dem NaNo

Prolog

Linu nahm Anlauf und rannte auf das Ende der Klippe zu, die 100 m senkrecht nach unten bis zum Meer reichte. Das Gras war weich und grün und umschmeichelte ihre nackten Füße. Am Abgrund angekommen sprang sie ab und schneller als man Blinzeln konnte, hatte sie sich verwandelt. Elegant schwebte sie mit weit ausgespannten Schwingen in den blauen Himmel und stieß dabei ein Jubelkreischen aus.

Zwei Meter mindestens mochte die Spannweite der Schwingen auf dem Gemälde hinter Lord Xyrius Tisch betragen. Triborin betrachtete das Bild, während er wartete. Noch nie hatte er einen derart großen Vogel gesehen. Das Gefieder war braun, doch an den Spitzen leuchtete es golden und um den kräftigen Leib trug das Wesen einen hölzernen Harnisch.
„Hallo Triborin.“ Er zuckte zusammen. Xyrius hatte absolut lautlos den Raum betreten.
„Lord Xyrius“, Triborin verbeugte sich.
„Du musst etwas für mich tun.“

Rak packte sich mürrisch eine Armladung Holzscheite und ging zum großen Ofen der Bäckerei. Wie ihm geheißen, warf er eins nach dem anderen in die knisternden Flammen.
„Rak mach dies, Rak mach das“, grummelte er vor sich hin. „Dabei sollte ich ein Krieger sein! Ja ein Krieger, wie zu Zeiten der großen Schlacht!“
Er schwang eines der Holzscheite wie ein Schwert zur Seite.
„Sterbt, ihr Ratten!“

„Sonst, verehrte Dame, verehrte Herren, werden wir alle sterben“, beendete der Lord der Alben unterdessen in der Kühle seines Ratsaales eine lang geplante Rede.
Sinklar beobachtete die Wirkung seiner Worte im großen Saal. Oh ja, er war ein guter Redner, schon immer. Diese Eigenschaft war nicht unentscheidend gewesen bei seinem Aufstieg auf den Thron von Mildir. Da saßen sie nun, die Herrscher und Berater der umliegenden Reiche, träge und eingerostet durch den langen Frieden und lauschten seinen Worten. Hatten die Alben nicht schon lange davor gewarnt, dass Rebellionen entstehen würden? Das hatten sie, mehrfach. Doch Menschen- und Zwergenohren konnten so fürchterlich taub sein, wenn sie von Wein und Wohlstand umgeben waren. Dass die Stühle von Lord Xyrius und seinem Gefolge ebenso leer geblieben waren, wie die von König Warkas, musste nun aber wirklich jedem aufgefallen sein und machte die Lage in Orchaldor nicht besser.
Kaiserin Limargre erhob sich anmutig von ihrem Platz.
„Ihr sprecht sehr schwarz, Euer Ehren. Wo sind die Beweise für den aufziehenden Sturm?“
Menschliche Skepsis, dachte Sinklar. Die dunkle Schönheit aus dem Süden sprach an, was vermutlich alle dachten.
„Wir sehen seit einiger Zeit Veränderungen in der Natur, die Bäume wissen es, Mylady. Außerdem erreicht uns zunehmend die Kunde über Raubzüge; auch jenseits der Grenzen Mildirs“, fügte er an. „Ich denke, dass die Wilden sich scharen. Doch wer führt sie?“ Er ließ seinen Blick bedeutend über die leeren Plätze schweifen.
„Ihr glaubt, dass Xyrius und Warkas gemeinsame Sache machen?“
Bromir, der Zwerg blickte ihn fordernd an. „Die beiden können sich nicht ausstehen.“
„Nein, mein lieber Bromir, das glaube ich nicht. Ich denke, dass einer von beiden etwas im Schilde führt und der andere aus anderen Gründen fehlt. Ich habe beiden nie vertraut.“
Die Herrscher sahen sich unter einander an. Jeder wusste um der Alben Rivalität mit den Dunkelelfen und ebenso deren Ablehnung gegen das raue Menschenvolk aus Nordost.
„Verzeiht mein Bedenken, aber zieht Ihr womöglich voreilige Schlüsse, was die Abwesenheit der beiden betrifft? Xyrius hat schon immer gerne sein eigenes Süppchen gekocht und lässt jeden gerne spüren, dass er nur das tut, was er will und wann er es will. Und Warkas… es gibt Gerüchte, dass er nicht mehr bei Sinnen ist.“
„Und widerspricht eines von beiden meinen Befürchtungen?“
Er wandte sich wieder der ganzen Runde zu.
„Wie ich zu Beginn bereits sagte, liebe Freunde, es ist im Augenblick unerheblich, wer unser Feind ist. Wir müssen uns nur einig sein, dass es einen Feind gibt. Seid wachsam, schickt Späher und Spione aus, sammelt und formiert Eure Truppen und überprüft Eure Verteidigungsanlagen. Macht Euch bereit, anderen zur Hilfe zu eilen.“
Nachdem er seine Stimme stetig hatte anschwellen lassen, pausierte er kurz, bevor er gewichtig anfügte: „Ich werde unterdessen nach den Aviaren schicken.“
Sofort setzte Gemurmel ein am Tisch. Bromir erhob als erster die Stimme. „Bei allem Respekt, Lord Sinklar, die Aviaren sind seit der großen Schlacht Malgors ausgestorben.“
„Das weiß niemand“, warf Limargre ein. „Legenden besagen, dass sie geflohen sind.“
„Das Vogelvolk ist selbst nur mehr eine Legende“, beharrte Bromir. „Niemand weiß, was mit ihnen geschah. Heutzutage weiß kaum jemand mehr, dass sie überhaupt je existiert haben. Sogar die Relikte und Erinnerungen an sie sind komplett in Vergessenheit geraten. Wie kommt Ihr darauf, dass diese Suche lohnt? Was wisst Ihr, was wir nicht wissen, Lord Sinklar?“
„Ich glaube daran, mein lieber Bromir. Und lasst dieses Unternehmen ganz meine Sorge sein. Ich denke, Ihr habt genug Dinge, um die Ihr Euch selbst kümmern müsst.“
Bromir schnalzte mit der Zunge. „Ich habe mein Reich durchaus besser im Griff als Ihr vielleicht meint. Und auf gar keinen Fall, werde ich das Volk unnötig in Aufruhr bringen, indem ich überall Truppen stationiere. Meine Burgen sind intakt, meine Männer tapfer und stark.“
„Das könnt Ihr gewiss besser beurteilen als ich, mein Freund. Alles was ich kann, ist euch zu warnen. Ein Sturm zieht auf.“


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Linu

Was für ein wundervoller Tag! Linu war mit ihrem Freund Taal so lange auf den umliegenden Wiesen unterwegs gewesen, bis die eigene Hand vor Augen kaum mehr zu erkennen war, so stark hatte die Dämmerung bereits eingesetzt. Natürlich war Aalon nicht glücklich darüber. Ihr strenger Vater hatte die junge Aviare schon an der Tür ihrer kleinen Hütte mit einer Standpauke erwartet. Dabei war es momentan so mild, die Wiesen so grün und üppig und überall duftete es lieblich. Auch die Ernte war großzügiger ausgefallen als je zuvor, zumindest so lange Linu sich erinnern konnte. Großmutter Sonila hatte ganze Regale mit wunderbaren süßen Cremes, Säften und Trockenfrüchten gefüllt, um die Gaben der Natur verarbeiten zu können. Und trotzdem rügte Aalon seine Tochter, die seine Strenge nicht verstehen konnte. Die Füchse und Baumkatzen kamen nie so weit in die Ebene hinaus und sie wusste nicht, was ihr sonst hätte gefährlich werden können. Im Gegenteil: am liebsten hätte Linu die ganze Insel erkundet, den großen Wald und das Gebirge und anschließend auch all die anderen Inseln von Caertol. Großvater Min erzählte von mehr als zwanzig größeren und kleineren Inseln, die sich teilweise so steil und schlank in den Himmel streckten, dass man oben gerade einmal Platz zum stehen hatte. Nicht wenige Male hatte sie den Wunsch bereits geäußert, doch Aalon erlaubte es ihr nicht.
„Du bist zu jung“, sagte er stets. „Du könntest dich verirren, deine Kraft überschätzen oder angegriffen werden.“
Eines Tages würden sie einen Schulausflug machen, versicherte er ihr, doch Linu wollte ihre Umgebung jetzt erkunden. Sie war 13 und sehnte sich nach einem Abenteuer.
Der Alltag in dem kleinen Dorf war zäh wie Sirup, jeder Tag wieder der andere. Früh morgens half sie Mutter und Vater dabei, die Hühner zu füttern oder deren Gehege zu reinigen und anschließend war Schule. Immerhin konnte sie dort ihre Freunde sehen, Taal und Flinn, die beiden Jungen mit denen sie so gerne spielte. Am schulfreien Ralonstag stand stets der Hausputz an. Die großen, von vielen Füßen glatt polierten Steinfliesen wurden gekehrt und gewischt, die Kochstelle und der Kamin vom Ruß und die Hauswand so gut es ging vom Salz befreit, dass der Wind konTriborinuierlich über die Ebenen von Caeron blies, der Insel, auf der sie lebten. Aber nie geschah etwas Besonderes, nichts, dass nur annähernd so interessant und magisch gewesen wäre, wie Großvater Mins Geschichten.
Min war nicht Linus echter Großvater. Ein jeder nannte ihn so, da er mit Abstand der älteste Aviare im Ort war und auch in allen Nachbarorten, soweit Linu wusste. Er hatte immer eine Geschichte für die jungen Aviarenkinder parat, die ihm neugierig an den Lippen hingen. Es gab Unterwasserwelten versunkener Städte und ferne KonTriborinente mit magischen Feen und tapferen Helden. Doch auch von Caertol erzählte der alte Mann; von mystischen Geheimnissen in den Tiefen des Attalongebirges und des umliegenden Waldes, von Begegnungen mit den dort lebenden Menschenaffen, von Exkursionen auf andere Teile der Inselgruppe und von mutigen Aviaren, die Abenteuer suchten und siegreich nach Hause kehrten. Konnte das Leben in Wirklichkeit nur aus Hausarbeit und der Dorfgemeinschaft bestehen?

Tags darauf kamen Linu und Taal vom Reisig Sammeln zurück ins Dorf, als sie eine große Menschentraube vor einer der Hütten bemerkten. Die ganze Gemeinde schien sich dort aufzuhalten, denn sowohl der kleine Marktplatz als auch die Freiluftkapelle – Orte, an denen tagsüber stets ein reges Treiben herrschte – waren wie leergefegt. Es war Großvater Mins Hütte. Linu schmiss ihre Zweige in den Speicher und rannte auf die Gruppe zu.
„Was ist los?“
„Großvater Min liegt im Sterben. Er wird bald übertreten und er richtet gerade seine letzten Worte an einige aus dem Clan“, flüsterte ihr Flinn zu. Linus Augen weiteten sich. Natürlich hatte sie damit gerechnet. Es war nur eine Frage der Zeit gewesen und trotzdem fühlte sie sich in diesem Augenblick gänzlich unvorbereitet und hilflos.
„Darf ich zu ihm?“, fragte sie Pater Ren mit einem Zittern in der Stimme.
Der Geistliche nickte und schwer schluckend trat die junge Aviare in Großvater Mins Hütte ein. Er war dunkel und stickig und die Luft war übersättigt vom Geruch verschiedenster Heilkräuter und von Schnaps.
„Ah, Linu mein Kind“, sagte Min mit brüchiger Stimme und hob dabei kaum den Kopf. „Komm her zu mir, damit ich nicht so schreien muss.“
Linu trat ans Bett und legte ihre Hände auf den Matratzenrand. „Du stirbst?“
„Nein meine Kleine, ich sterbe nicht. Ich bin jetzt bereit, um weiter zu ziehen. Der Pater hat Ralon befragt; er nimmt mich auf in die ewigen Himmel.“
„Aber du bist dann nicht mehr hier.“
„Mein Körper nicht, nein, aber mein Geist wird immer über euch wachen und wenn ihr zu Ralon betet, werde ich es auch hören.“
Er hustete und trank einen Schluck.
„Erinnerst du dich an meine Geschichten?“
„Aber ja! An jede einzelne“, rief Linu aus und Min lächelte schwach.
„Ich habe dir viel erzählt, seit du noch ganz klein warst und ich habe das nicht nur getan, weil ich ein guter Erzähler bin. Es gibt Dinge, die verloren gegangen sind, Wissen und Fertigkeit und mein ganzes Leben habe ich daran geforscht. Du musst wissen, dass Caertol nicht das einzige Stückchen Land auf diesem Planeten ist. Es ist sogar nur ein winzig kleiner Teil. Und ich habe Grund zu der Annahme, dass wir nicht von hier stammen.“
„Was?“ platzte Linu heraus. „Davon hast du mir noch nie erzählt!“
„Doch mein Kind, das habe ich. Versuche dich an meine Geschichten zu erinnern. Alles was ich weiß, habe ich dort verarbeitet, denn es gibt Aviaren unter uns, die meinen Forschungen schon immer kritisch entgegen standen. Dabei ist es so wichtig. Es wird …“ Er hustete erneut, dieses Mal kräftiger. „Es wird eine Zeit geben, in der man sich auch anderorts wieder an uns erinnert und dann müssen wir bereit sein.“
„Ich verstehe gar nichts“, seufzte Linu.
„Das wirst du! Auch wenn die Zeit jetzt knapp ist und ich dir nicht so viel erzählen kann, wie ich mir gewünscht hätte. Ich dachte immer, du bist noch zu jung, doch jetzt stellt sich heraus, dass ich zu alt bin.“ Er lächelte. „Denk an meine Geschichten, wenn dir wirklich etwas daran liegt, meine Forschungen weiterzutreiben. Ich glaube, du bist dazu bestimmt. Und jetzt geh, mein Kind, ich muss noch mit Maad sprechen.“
Linu wusste, dass er ihr keine weiteren Fragen beantworten würde, dafür kannte sie den alten Mann zu gut. In Gedanken versunken verließ sie die dunkle Hütte und ging zurück zu Taal und Flinn.
„Was wollte er?“
„Ich bin nicht sicher. Er hat irgendetwas von anderen Ländern erzählt und dass irgendwer sich an uns erinnern wird.“ Sie blickte ihre beiden Freunde an und seufzte. „Ich kann nicht glauben, dass er bald nicht mehr da ist.“
Welche Informationen sollten die Geschichten enthalten? Großvater Min hatte schon immer gerne in Rätseln gesprochen. Ihre Mutter meinte, dass liege an seinem Alter. Er war der beste Geschichtenerzähler gewesen, doch in diesem Augenblick war die junge Aviare sich nicht mehr sicher, ob es wirklich Geschichten waren. Sie spürte Wut und Trauer, dass sie ihn das alles jetzt nicht mehr würde fragen können.

Später am Abend saß sie bei Tisch mit ihren Eltern.
„Papa“, setzte sie schließlich an, nachdem sie seit einiger Zeit schon unentschlossen in ihrem Essen herumgestochert hatte. „Min hat mir heute gesagt, dass Caertol nicht der einzige Ort auf dieser Welt ist.“
Ihr Vater sah sie mit seinen strengen gelblich-braunen Augen eindringlich an. Dann antwortete er.
„Den Legenden zufolge – und niemand weiß, ob es reine Märchengeschichten sind – gibt es im Norden einen großen KonTriborinent, der unsere Heimat wie winzige Kleckse im Meer erscheinen lässt.“
„Wieso hast du mit nie davon erzählt?“
„Weil es Legenden sind, Linu. Was nutzt dir dieses Wissen?“
Linu sagte nichts. Vater hatte natürlich recht, es hätte ihr nichts genutzt, bis jetzt zumindest. Jetzt war sie gezwungen darüber nachzudenken, wenn die Worte Mins nicht nur das wirre Gerede eines sterbenden Mannes gewesen waren.
„Und was weißt du von diesem KonTriborinent?“
„Nicht viel.“ Aalon seufzte. „Den Legenden nach gibt es dort viele verschiedene Völker, ganz anders als wir und anderes Wetter und anderes Land.“
„Und kommen wir von dort?“
„Was?“ Ihr Vater stoppte den Löffel auf halben Weg zum Mund.
„Min hat gesagt, wir sind nicht von hier. Kommen wir dann von dort?“
„Min hat wahrlich schon wieder zu viele Geschichten erzählt. Ich weiß von keinem Aviaren, der nicht auf Caertol geboren wurde und jetzt iss deine Suppe!“
Linu schlief in dieser Nacht lange nicht ein und als sie es tat, träumte sie von angreifenden Menschenaffen und vom hustenden Min.

Am nächsten Tag beschloss sie, auf Erkundungsflug zu gehen. Sie sprang von der Klippe und flog in eleganten Pirouetten in den Himmel hinauf. Dann steuerte sie mit kräftigen Flügelschlägen hinaus auf das Meer. Es veränderte sich. An den Klippen und Stränden von Caertol war es hell und blau, doch schon nach wenigen Minuten wurde es dunkel und sah kalt aus. Es war unruhig und wild, nicht so stetig und vorhersehbar wie sie es kannte. Sie blickte zurück. Die einzelnen Inseln Caertols waren nur noch dunkle Flecken inmitten des endlosen Blaus. In allen anderen Richtungen gab es nichts bis auf den Horizont. Linu flog weiter. Nach einer halben Stunde konnte sie Caertol nicht mehr sehen und ihre Flügel schmerzten. Das Mädchen begann sich zu fürchten. Sie verharrte kurz in der Luft, dann drehte sie um. Sie musste sich ausruhen.
Es war gerade rechtzeitig gewesen: mit letzter Kraft erreichte sie die erste Insel, landete am Strand und sank erschöpft zu Boden. Sie nahm ihre Menschengestalt an und lehnte sich rücklings an die steil aufsteigende Felswand. Sie atmete schwer.
„Wo soll es hier Land geben?“ dachte sie. Vielleicht war Min doch nur ein alter verwirrter Mann gewesen.



Rak

Rak war früh morgens auf den Beinen, lange bevor die feinen Leute im Palas der Festungsanlage von ihren Dienern geweckt, mit einem Bad und Frühstück versorgt und frisch eingekleidet würden. Noch bevor es richtig hell war, holte er die Leiber aus dem Ofen, die die ganze Backstube mit dem Duft von warmem Roggenbrot erfüllten. Er legte sie einzeln zum Abkühlen auf den Holzrost und bestäubte sie mit etwas Mehl. Dann, mit Anbruch des Tages, kamen die Mägde und Köche der verschiedenen Höfe und aus der Burg, um das frische Brot abzuholen. Rak nahm die Münzen entgegen und brachte sie seinem Vater.
„Alle verkauft“, sagte er.
„Gut“, antwortete Brigg. „Geh zur Mühle, ich komme gleich nach.“
Rak tat wie ihm geheißen. Unterwegs schnappte er sich eine Flasche Dinkelbier, öffnete sie mit den Zähnen und trank einen großen Schluck. Er stellte die Flasche in eines der Regale und warf sich einen Sack Roggenkörner über die Schulter. Fünf Säcke brachte er zur Mühle und begann, den Trichter zu füllen. Dann kam Brigg dazu und setzte die großen Mahlsteine in Gang. Rak nahm oben auf dem Holzgerüst Platz und trank nach und nach das Bier, darauf bedacht, dass sein Vater ihn von unten nicht dabei sah. Von Zeit zu Zeit füllte er Körner nach, bis Brigg ihm signalisierte, dass es genug sei.
Rak brachte die Flasche zurück und ging zum Holzschuppen. Eine seiner Aufgaben war sicherzustellen, dass jederzeit genug gehacktes Holz aufgestapelt war, um nicht nur die Öfen der Backstube sondern auch den großen Kamin im Wohnhaus befeuern zu können. Es war noch genug vorhanden, also kehrte er zurück zur Backstube.
„Vater“, setzte er an, „darf ich zum Ritterturnier gehen?“
Brigg sah vom Teigkneten auf. Das Mehl ließ sein Haar noch grauer aussehen, als es eh schon wurde und unter den kastanienbraunen Augen, die er auch seinem Sohn vererbt hatte, bildeten sich deutliche Falten.
„Ist genug Holz im Speicher?“
„Ja, Vater, es ist bis zur zweiten Ebene gefüllt. Ich habe gerade nachgesehen.“
„Und Lise und Nele, haben sie noch Heu?“
„Ich bringe ihnen etwas! Darf ich dann gehen?“
„Einverstanden, Rak. Aber komm nicht zu spät heim und lass dir nichts von Fremden aufschwatzen.“
„Danke, Vater! Ich werde auf jeden Fall vorsichtig sein!“, rief er aus und rannte aus der Bäckerei.
Als Rak an der Turnierwiese ankam, war der Wettkampf bereits im Gange und er drängelte sich durch die Menge, um etwas sehen zu können. Mittlerweile war Rak schon 15, doch er hatte nichts von seiner Faszination für Ritter verloren. Die Schlachtrosse, die Rüstungen und vor allem die Schwerter brachten sein Gesicht zum Strahlen. Für den jungen Bäckersohn verkörperte ein Ritter Edelmut und Stärke, ein Leben für den Kampf, für einen hohen Herren oder mit etwas Glück vielleicht auch eine hohe Lady, die man bedingungslos beschützte. Die Männer mussten Nerven wie Drahtseile haben und Muskeln wie Stein, dachte Rak Gebannt beobachtete er, wie sich zwei Ritter auf den gegenüberliegenden Seiten des Feldes postierten, um sogleich aufeinander zu zu galoppieren und sich die Lanzen gegen die Brust zu hämmern. Er selber war auch schon stark. Er konnte bereits alleine einen ganzen Sack Körner zur Mühle hieven und die Schubkarre machte er schon so voll mit Mist wie sein Vater. Unter dem rhythmischen und dumpfen Takt der Pferdehufe stellte sich der Junge vor, er säße auf einem der Rösser und ganz unwillkürlich spannte er seine Schulter an, um zum Stoß anzusetzen … Es schepperte laut und einer der Männer fiel zu Boden. Die Menge jubelte und unter ihnen Rak, als hätte er selbst den Kampf gewonnen.
„Sieh an, da ist ja das Brötchen“, ertönte eine Stimme von rechts.
Rak stoppte seinen Jubel und blickte in das Gesicht der rothaarigen Cousine des Prinzen. „Wie kommt es, dass du heute hier bist? Backt sich das Brot von alleine?“
„Ich bin heute schon fertig mit der Arbeit“, sagte Rak.
„Und da verschwendest du deine Zeit auf dem langweiligen Ritterturnier? Matthes hat Bier geklaut. Du könntest mit uns zum Fluss kommen.“
„Ich schaue mir gerne Ritterturniere an“, erwiderte der Bäckerjunge.
„Klar machst du das. Es ist sicher nicht so langweilig wie Brötchen backen.“
„Wenigstens arbeite ich.“
„Hüte deine Zunge! Ich könnte dich mit einem Wink meiner Hand auspeitschen lassen.“
Rak folgte ihrem Kopfnicken und erblickte in nicht allzu großer Entfernung Sir Kartoff, der ihr Gespräch ohne auch nur zu Blinzeln verfolgte.
„Traust du dich auch ohne ihn auf die Straße?“
Sara seufzte. „Meine Mutter lässt mich nicht ohne ihn auf die Straße. Was ist nun, kommst du mit?“
Rak blickte zur Arena. Eigentlich wollte er lieber hier bleiben. Doch wie wirkte das vor den anderen Jugendlichen, wenn er sich wie ein kleiner Junge lieber ein Ritterturnier ansah?

Er folgte Sara durch die Menge in Richtung des Flusses. Der Dimmort war kein großer Strom, führte aber doch genug Wasser, um die Zisternen der Burganlage zu speisen, die sich erhaben und mächtig in Mitten der Senke auf einem zu drei Seiten steil abfallenden Hügel erhob. Das kreisrunde Tal wurde von dichten Nadelwäldern gesäumt und bot nur je einen ebenen Zugang zu beiden Seiten, die auch der Fluss nahm.
In Zeiten von Krieg und Belagerungen war Burg Kalkstein der sichere Zufluchtsort für die Menschen aus dem Umland. Natürlich hatte es schon lange keine Schlacht mehr gegeben, doch Rak hatte davon gehört und auch von den tapferen Rittern des Königs, die stolz zu Pferd ihren Herren und ihr Land verteidigten.
Die Bäckerei und das Wohnhaus seiner Eltern lagen innerhalb des ersten Mauerringes und häufig erklomm er die Wehrgänge und blickte in die Ferne, sah die Herden der Viehhirten und die Felder der Bauern. Er würde keiner der ihren werden, kein Hirte, kein Bauer und auch kein Bäcker, das schwor sich Rak jede Nacht vor dem Einschlafen. Er würde sein Schicksal selbst in die Hand nehmen und etwas aus seinem Leben machen. Wie beneidete er die jungen Leute aus dem Palas. Der einzige Unterschied zwischen ihnen war die Familie, in der sie geboren waren und während er Tag für Tag schuftete, genossen sie jeden erdenklichen Luxus mit eigenen Dienern, die ihnen jeden Wunsch von den Lippen ablasen.

Am Fluss war nicht nur Matthes, der Knappe, sondern auch drei andere Jungen aus dem Dorf und, wie Rak erstaunt feststellte, die Prinzessin höchst selbst.
„Was starrst du so?“, fuhr sie Rak an. „Im Gegensatz zu meinem hohen Bruder vermisst meine Anwesenheit bei so einem Schwachsinn wie diesen Turnieren niemand. Da kann ich genauso gut ein wenig Spaß haben.“
Rak blickte sich um und lange suchen musste er nicht: am Rande der Böschung waren drei Ritter der königlichen Garde postiert. Er fragte sich, ob es Fluch oder Segen war, immer von einer schweigenden Horde Ritter flankiert zu werden.
„Warum hast du ihn mitgebracht?“ Prinzessin Karla gab sich nicht einmal Mühe leise zu sprechen.
„Wieso nicht?“, antwortete Sara. „Desto mehr Jungs aus dem Dorf, desto besser oder nicht? So können wir uns den besten aussuchen und wenn sie uns erwischen, haben wir genug Schuldige für den Bierdiebstahl.“ Sie zwinkerte Rak zu.
Rak mochte Sara. Sie war eigentlich immer nett zu ihm gewesen, auf ihre eigene, stichelnde Art und Weise. Klara hingegen war hochnäsig und gebieterisch. Raks Vater sagte immer, sie komme nach der Königin, denn König Warkas war eigentlich immer schon ein ruhiger, gerechter Herrscher gewesen. Zumindest bis seine Frau sich vom höchsten Turm seiner Burg gestürzt hatte. Seither ließ Warkas hauptsächlich seinen Rat regieren und verschanzte sich fast rund um die Uhr in seiner privaten Kemenate. „Es ist der junge Prinz, in den das Dorf sein Vertrauen legt“, sagte Brigg immer. „Und mit ihm wahrscheinlich ganz Norgond.“
Wenn sie nicht so eine unangenehme Art gehabt hätte, hätte Klara Rak wahrscheinlich sogar leidgetan. Mit ziemlicher Sicherheit würde sie strategisch klug verheiratet werden. Wäre die Königin noch am Leben, wäre dies bestimmt schon gesehen. Mit 14 war eine Prinzessin selten noch ledig.
Die Gruppe saß am Flussufer und trank Bier. Klara hatte ihren Kopf auf Jaspers Schoß gelegt, der seinem selbstzufriedenen Gesichtsausdruck zum Trotz verkrampft und regungslos da saß. Rak verstand sich eigentlich gut mit dem Sohn des Waffenschmieds, doch es störte ihn, dass der Freund sich von der Prinzessin so manipulieren ließ. Ihm musste doch klar sein, dass für ihn nichts als Ärger aus so einer Verbindung herausspringen würde.
„Hört ihr das auch?“, sagte Matthes plötzlich in die Stille. „Hier summt etwas.“
„Du summst“, lachte Bastian. „Du hast wohl schon zu viel Bier getrunken.“
„Eben, das kommt bestimmt nur aus der Imkerei“, ergänzte Sara.
„Nein. Ich höre es auch. Das sind keine Bienen.“ Rak wusste genau, wie sich Bienen anhörten, da sich auch seine Eltern ein paar kleinere Stöcke hielten. Sie brauchten den Honig zum Süßen und das Wachs für Kerzen zu feierlichen Anlässen. Die kleinen Insekten summten auf eine stetige und sanfte Weise, doch dieses Geräusch war scharf wie eine Schneide und unstetig.
„Es kommt von hier drüben“, sagte Matthes und ging in Richtung einer dichteren Böschung. „Hier ist es richtig laut.“
Rak stand auf und folgte dem Knappen. Er hatte Recht: das Geräusch schwoll an und pochte in dröhnenden Wellen in seinem Kopf. Rak spürte ein Kribbeln in seinen Händen. Er konnte das Geräusch nicht länger nur hören, sondern auch fühlen. In Wellen strich es über seine Haut und pulsierte durch sein Blut. InsTriborinktiv hielt er sich die Ohren zu.
„Da ist etwas in dem Gebüsch“, sagte Matthes, dem das Summen offenbar weniger zusetzte. „Lass uns nachsehen, was es ist.“
Rak wollte protestieren, doch er war wie betäubt und Matthes griff bereits zum Griff seines Kurzschwerts.


Triborin

Triborin gab seinem schwarzen Ross die Sporen. Lord Xyrius hatte ihn auserwählt diese wichtige Aufgabe zu erfüllen und er würde ihn nicht enttäuschen. Er ritt bereits seit zwei Tagen und machte nur zum Schlafen Halt. Er nutzte dabei wann immer möglich die Pflicht der Bürger, einem höher gestellten Dunkelelfen Gastfreundschaft zu gewähren. Unter freiem Himmel würde er noch früh genug schlafen müssen, wenn er Lacharys verließ. Er schoss vorbei an den dichten Fichtenwäldern, in denen er als Kind so oft gespielt hatte, entlang des Filthri, der sein Bett über all die Jahre nach Belieben geformt hatte, immer in Richtung Süden. Sein blonder Zopf wehte hinter ihm im Wind und hob sich deutlich vom restlichen Erscheinungsbild ab: gemäß seines Standes war er komplett in schwarzes Leder gekleidet. Das Krummschwert steckte griffbereit im Geschirr auf seinem Rücken und an seinem Handgelenk war kaum sichtbar die kleine Armbrust mit einem Speicher voller tödlicher Giftpfeile befestigt. Triborin war weitaus gefährlicher als sein schönes Gesicht verriet.
Lord Xyrius hatte ihn auserwählt. Von all den jungen Männern aus der Akademie. Die Jahre des Schuftens hatten sich gelohnt, die Trennung von der Familie und der Verzicht auf seine Jugend. Nun, mit 20, war er ein fertig ausgebildeter Soldat der Leibgarde des Hauses Xyrius in der Festung Xarchavas und führte seinen ersten großen Auftrag aus.
Bis zur Grenze waren es zehn Tagesritte, dann würde er sich westlich halten, um Lord Xyrius‘ Wunsch nachzukommen, Mildir zu umgehen. In Vesperion musste er aber ebenso achtsam sein: König Krinkar war wie ein Schoßhündchen von Lord Sinklar. Triborin schätzte, dass er Vesperion in zwei Wochen durchquert haben würde, wenn er sich sputete. Und sobald er dann im südlichen Kaiserreich war, würde es wieder einfacher werden. Dort könnte er wieder mit einem festen Dach über dem Kopf schlafen und man sagte, dass es nirgends so gute Tavernen gab, wie in Solterra. Das Klima schenkte ihnen Weine mit voluminösen Körpern und Frauen mit kupferfarbener warmer Haut, die nach Gewürzen und Honig roch. Andererseits durfte er sich auch nicht zu sehr ablenken lassen. Xyrius hatte ihm wie immer nur das nötigste an Information für den Auftrag gegeben, aber eines hatte er mehrfach wiederholt und betont: Zeit. Je schneller Triborin seine Aufgabe erfüllte, desto besser.
Er hatte geplant sein heutiges Nachtlager in der kleinen Stadt Kaachor an der Südgrenze des Fichtenwaldes aufzuschlagen und er wusste, dass sie mit Einbruch der Dunkelheit die Tore schließen würden. Deshalb beschleunigte er sein Pferd nochmals und donnerte an zwei Getreidewägen vorbei.

Kaachor war zwar klein, dafür aber ein bedeutender Stützpunkt in Lacharys und so alt wie die Hauptstadt selbst. Der Minister von Kaachor, so sagte man, wurde immer direkt vom Lord bestimmt und nicht wie in den anderen Städten vom jeweiligen Stadtrat gewählt. Im Gegensatz zu Xarchavas war Kaachor hauptsächlich aus Holz gebaut. Das Gebirge mit seinen dunklen Steinen lag in zu großer Ferne, um das schwere Baumaterial heranzuschaffen. Triborin war noch nie zuvor dort gewesen. Er saß ab und führte sein Ross durch die recht engen Straßen der Kleinstadt. Die ausladenden Verandas im ersten Stockwerk der Häuser ließen alles noch dunkler erscheinen und gaben einem das Gefühl, durch einen Tunnel zu laufen. In einigen Wohnungen brannte Licht, doch nirgends im Erdgeschoss, wo sich wahrscheinlich, so dachte Triborin, die Nutzflächen befanden. Neugierig sog der junge Elf alles in sich auf. Er hatte schon lange darauf gebrannt, Kaachor zu besuchen. Die Stadt war nicht nur die südlichste Stadt Lacharys‘ und damit die nächste Anlaufstelle für Kunde aus dem Süden, vor allem aus Mildir, sie war auch Heimat der Schattenakademie. Nach der Leibgarde des Lords, war diese Institution das zweite Juwel der Dunkelelfischen Gesellschaft. In den verschachtelten Räumen der Akademie wurden die Meisterspione ausgebildet, die Schattengänger. Triborin hatte noch nie einen der ihren getroffen, auch wenn er bestimmt schon öfter in der Nähe gewesen war. Wenn ein Schattengänger nicht gesehen werden wollte, wurde er nicht gesehen. Und mit Sicherheit hatte Lord Xyrius eine ganze Horde des Geheimdienstes in seiner Festung stationiert. Vorfreude paarte sich mit dem kleinen Funken Hoffnung in Triborin, in ihrer Heimatstadt endlich einmal einen Spion zu Gesicht zu bekommen, und wenn auch nur in zivil.
Er suchte sich eine Taverne, die Fremdenzimmer anbot und warf dem Wirt zwei Silbermünzen auf die Theke. Ein Gardist seiner Lordschaft musste für Kost und Logis dem Gesetz nach nicht aufkommen, doch Triborin hatte ein Gefühl dafür, wann und wo es wichtig war, einen Verbündeten zu haben. Eine Taverne gehörte, selbst im Heimatland, zweifelsohne zu diesen Orten.

Triborin setzte sich an einen kleinen Tisch im Eck. Der Wirt hatte ihm ein dunkles Gewürzbier und einen Bohnen-Kartoffeleintopf an den Tisch gebracht und der junge Dunkelelf hatte erst, als ihm der Duft der warmen Mahlzeit in die Nase stieg, gemerkt, wie hungrig er war. Er saugte mit dem trockenen Brot die letzten Reste der köstlichen Sauce aus der Tonschüssel. Angenehm gesättigt ließ er seinen Blick durch das Lokal schweifen. Es gab die üblichen Gäste: Männer, die zusammengesunken an der Theke hingen und sich an einem Krug festhielten, Gruppen von Leuten, die Karten spielten und Münzen über den Tisch schoben und jene, die wie Triborin einfach nur alleine da saßen und zusahen. Sein Blick traf den des Mannes genau gegenüber, dessen Gesicht im Schatten der Kapuze seines dunkelgrünen Umhangs lag. Triborin konnte das Schimmern zweier grüner Augen ausmachen. Er ließ seinen Blick weiter wandern und orderte ein neues Bier. Dann sah er wieder hinüber, doch der Mann war fort. Er schaute zur Tür, zur Theke und in das andere Eck des Schankraumes, doch keine Spur von dem Fremden. Als er das nächste Mal wieder geradeaus blickte, hätte er vor Schreck beinahe seinen Krug umgestoßen.
„Ich dachte, ihr Leibgardisten fürchtet euch nicht.“
Die Stimme klang warm und melodisch. Es war die Stimme einer Frau.
„Ich fürchte mich nicht. Ich hatte Euch nur nicht kommen sehen und war überrascht, das ist alles.“
„Das meine ich nicht. Ihr habt dem Wirt Geld gegeben, als Ihr eintratet.“
Sie lachte. „Schon wieder überrascht?“
„Ein wenig“, er lächelte. Wenn sie ein Spiel spielen wollte, dann sollte es so sein. „Aber ich muss Euch enttäuschen. Soldaten des Lords haben keine Angst. Wir verstehen es nur, uns das Leben einfach zu machen und gehen Ärger aus dem Weg. Anders als ihr, nicht wahr?“ Er trank einen Schluck, während sie ihn weiter aus dem Schatten ihrer Kapuze musterte.
„Wieso solltet Ihr euch sonst unter einer Kapuze verstecken? Ich wüsste nicht, dass Frauen in den Tavernen Kaachors verboten wären. Also: woran kann es liegen?“
Er tat so, als grüble er, tippte sich mit dem Finger ans Kinn und sah sie dann wieder direkt an: „Ha, ich habe es: Ihr seid eine Albe.“
Triborin meinte ein Lächeln unter der Kapuze zu erkennen.
„Also gut, Herr Soldat, ich werte das als Unentschieden.“
Sie winkte dem Wirt, der ihr wortlos einen Becher Honigwein servierte. Sie trank und schob die Kapuze gerade so weit zurück, dass Triborin ihr Gesicht erkennen konnte. Er hatte sich nicht getäuscht: ihre Augen leuchteten grün wie ein strahlender Smaragd und wurden durch das rotbraune Haar nur umso mehr hervor gehoben, das sich zu beiden Seiten sanft an ihr ebenmäßiges Gesicht mit den auffallend hohen Wangenknochen anschmiegte. Nie zuvor hatte Triborin eine Albe gesehen. Es stimmte, was man über ihre Schönheit sagte.
„Ich bin Liena“, sagte sie und streckte Triborin eine schlanke Hand entgegen. Er nahm sie und deutete einen Handkuss an.
„Ich heiße Triborin, sehr erfreut. Was bringt euch nach Kaachor?“
„Geschäfte. Und Euch? So weit von Xarchavas entfernt trifft man selten einen der Euren.“
„Geschäfte“, Triborin zwinkerte.
„Natürlich“, antwortete Liena und lächelte verschmitzt. „Auf jeden Fall Geschäfte von Herrn Xyrius, so viel ist sicher oder wirst du gar ein Abtrünniger sein?“
„Wie kommt es, dass du so viel über uns weißt, frage ich mich.“
„Ich verbringe viel Zeit in Lacharys“, antwortete Liena. „Heutzutage kann man sich auch mein Volk wieder frei in eurem Land bewegen.“
„Oder zumindest unter einer großen Kapuze“, zwinkerte Tin.


Linu

Am nächsten Tag war Schule. Linu saß in der kleinen Hütte und sollte eigentlich die Namen der Pflanzen aufschreiben, die vor ihr auf dem Pult lagen, doch sie starrte gedankenverloren vor sich hin. Draußen lernten die Kleinsten gerade den kontrollierten Wechsel ihrer Wesensform. Aviarenkinder wechselten unbewusst und nach Gefühlslage ständig ihren Körper, was durchaus gefährlich sein konnte. Zwar gab sich das von alleine, doch teilweise erst, wenn die Kinder zehn Jahre alt waren. Deshalb hatten die meisten Dorfverbände vor einiger Zeit Frühklassen für die vier bis sechs Jährigen eingeführt, die sie mit einem Wechselführerschein abschlossen.
Eigentlich war die ganze Grübelei hinfällig. Linu hatte sich längst entschieden, dass sie sich auf die Suche machen würde. Wieder und wieder hatte sie die Geschichten durchgekaut und war zu dem Schluss gekommen, dass sie handeln musste, um weiter zu kommen. Der einzige ihr bekannte Anhaltspunkt aus Mins Erzählungen waren die Menschenaffen im Attalongebirge. „Da weiß ich zumindest, dass es sie gibt“, hatte sie gedacht und versucht zu verdrängen, was sie noch wusste. Das Affenvolk duldete die ihren nicht in ihrer Mitte, das lernten die Schüler schon früh. Trotzdem musste sie es versuchen. Die Neugierde und die Qual der Unwissenheit nagten zu stark an ihr.
Zu Hause würde sie erzählen, dass sie sich in der Schule freiwillig für eine Exkursion gemeldet hatte. Natürlich würde das auffliegen, doch sie hoffte dann bereits weit genug entfernt zu sein, um eingeholt werden zu können. Sie brauchte nur einen Tag Vorsprung, vielleicht zwei. Ihr Rucksack lag bereits gepackt unter ihrem Bett: Wechselkleidung, eine Trinkflasche, etwas Trockenbrot und ihr kleines Taschenmesser. Sonstige Nahrung konnte sie in Vogelgestalt ohne Probleme beschaffen. Sie wusste nicht genau, wo sie hingehen musste, um die Menschenaffen zu finden, doch das Attalongebirge war kaum zu übersehen und so würde sie erst einmal direkt auf dessen Zentrum zusteuern.
In der großen Pause kam Taal auf sie zu.
„Was ist los, Linu? Dich beschäftigt etwas.“
Ihr bester Freund sah sie mit seinen grau-blauen Augen an. Er durchschaute sie immer, lügen war zwecklos.
„Ich gehe fort, Taal; zu den Menschenaffen.“
„Ich weiß“, antwortete der Junge nur und wuselte sich durch das kurze blonde Haar. „Und ich komme mit.“
Linu wollte widersprechen, doch Taal kam ihr zuvor.
„Du brauchst es gar nicht versuchen. Ich werde dich auf jeden Fall begleiten. Selbst, wenn du meine Hilfe nicht brauchst – und das bezweifle ich – wirst du dich zumindest über etwas Gesellschaft freuen.“
Linu sah ihren Freund eine Zeit lang an. Dann fiel sie ihm um den Hals.
Linu war nicht sonderlich überrascht, dass Taal ebenfalls bereits gepackt hatte. Unmittelbar nach dem Mittagessen verließen die beiden heimlich das Dorf und marschierten in Richtung des Attalon-Gebirges. Ihre Heimat lag ganz im Osten der Hauptinsel Caeron, sodass sie bereits drei Tage bräuchten, um nur die Grasebenen hinter sich zu lassen. Linu hatte eine grob skizzierte Karte ihres Vaters mitgehen lassen. Auf dem Weg in den Wald und ins Gebirge würden sie mehrere andere Dörfer passieren. Linu wollte die Orte unbedingt umgehen. Die Gefahr, dass sie aufgehalten und zurück nach Hause gebracht würden, war zu groß. Auf Caeron kannte fast jeder jeden.
„Morgen Nachmittag werden sie es wissen“, sagte Taal. „Wir sollten heute Nacht durchmarschieren.“
Linu nickte. „Wenn wir Glück haben finden wir morgen ein paar Felder durch die wir gehen können. Vater ist ein schneller Flieger. Er wird uns eingeholt haben und Kreis um Kreis über den Himmel ziehen.“
„Mach dir keine Sorgen. Die Insel ist so breit, es wäre ein Wunder, wenn sie uns fänden.“
Die beiden Kinder lächelten sich an und trotz der Aufregung über das begonnene Abenteuer fragte sich Linu, ob gefunden zu werden ihre größte Sorge war.

Sie kamen gut voran. Als die Sonne hinter den gewaltigen Gipfeln des Gebirges verschwand, hatten sie bereits die Rauchschwaden von zwei anderen Dörfern passiert, die sie mit ihren Eltern des Öfteren besuchte. Mit der Dunkelheit kamen die Insekten und als sie es nicht mehr aushielten, beschlossen Linu und Taal ein Stück zu fliegen, in der Hoffnung, ihre Eltern suchten nicht bereits nach ihnen.
Als sie hinauf in den Himmel gestiegen waren, bot sich ihnen ein Anblick, der sie in Staunen versetzte. Durch die Höhe kam der goldene Rand der Sonne wieder in Sicht, vor dem die zerklüfteten Gipfel zu schwarzen Silhouetten mutierten und der die Spitzen der am höchsten gelegenen Riesenmammutbäume in warmes Licht tauchte.

[Platzhalter 1: Kapitel ist noch fertigzustellen]


Rak

Matthes entfernte das Gebüsch mit seinem kurzen Schwert.
„Was ist das?“, raunte Bastian, der Metzgerjunge aus einiger Entfernung.
„Ein Stein, was sonst“, warf Jasper ein.
„Das ist kein normaler Stein“, sagte Sara. „Seht doch wie die Luft um ihn herum vibriert und wie es summt.“
Der Rest der Gruppe schloss auf zu Rak und Matthes.
Jasper streckte die Hand nach dem kleinen Pfeiler aus.
„Vielleicht sollten wir es lieber nicht anfassen“, sagte Rak unsicher.
Klara schnaubte. „Hast du Angst, Brötchen?“
„Er hat Recht“, sagte Sara. „Wir wissen ja gar nicht, was das ist. Vielleicht sollten wir die Ritter rufen.“
„Spinnst du? Weißt du, wie lange ich gebraucht habe, bis ich sie davon überzeugen konnte, dass sie nicht pausenlos direkt hinter mir stehen müssen? Lasst mich machen, immerhin bin ich die Tochter der Königs. Im Gegensatz zu euch bin ich nicht so ein Angsthase.“
Klara streckte die Hand aus und legte sie auf den Pfeiler. Ihre Augen weiteten sich kurz, dann aber lächelte sie.
„Seht ihr, ihr Feiglinge? Das ist nur ein Wegestein! Früher hat es solche Markierungen oft gegeben, bevor gute Landkarten entstanden.“
Zufrieden wollte sie ihre Hand wieder wegziehen, doch es ging nicht. Entsetzen machte sich in ihrem Gesicht breit und Rak folgte ihrem Blick bis zur Hand und sah den Grund dafür: der Stein bewegte sich. Es sah ein bisschen aus wie grauer Brötchenteig und langsam schloss sich die Masse um Klaras Hand.
„Tut etwas, so tut doch etwas!“, rief die Prinzessin verzweifelt.
Die merkwürdige Steinmasse hatte bereits ihr Handgelenk erreicht und es wirkte nicht so, als würde er dort stoppen. Hilflos stand die Gruppe Jugendliche um das Mädchen und starrte aus bleichen Gesichtern auf den verschwindenden Arm. Mittlerweile hatten die Ritter die Gruppe erreicht.
„Euer Majestät, was habt ihr getan?“, rief einer aus, den Rak als Sir Wernett erkannte. Klara schrie wie am Spieß, doch auch die Ritter schienen unfähig etwas zu tun. Bevor er wusste was er tat, griff sich Rak Matthes‘ Schwert und trennte mit einer schnellen und gezielten Bewegung die Hand der Prinzessin ab.
Klara verstummte kurz. Rak spürte alle Blicke auf sich. Dann begann die Prinzessin wieder zu schreien, dieses Mal vor Schmerz.
Rak stand da wie erstarrt. Was hatte er getan?
Klara weinte und schrie und es war fast schon erlösend, als sie schließlich das Bewusstsein verlor.
„Du hast die Prinzessin verletzt!“, rief Sir Wernett.
„Ich… ich habe sie gerettet“, stammelte Rak.
„Du hast die Klinge gegen Eure Majestät erhoben“, beharrte der große Mann. „Das wird mit dem Tode bestraft.“
Rak wollte etwas erwidern, doch Jasper erhob zitternd die Hand und zeigte auf die Prinzessin.
„Klara! Was passiert mit ihr?“
Die anderen folgten seinem Blick. Die Haut der Prinzessin verfärbte sich grau und schien brüchig zu werden.
„Sie verwandelt sich in Stein“, flüsterte Rak eigentlich mehr zu sich selbst, doch Sir Wernett blickte ihn aus strengen blauen Augen an.
„Du scheinst ja sehr genau Bescheid zu wissen…“
Weiter kam er nicht. Klara öffnete die Augen und sah sich panisch um. Ihre Pupillen tanzten in den Höhlen, doch kein Laut kam aus ihrem Mund.
„Sir, wir müssen sie ins Schloss bringen“, sagte einer der anderen Ritter und Sir Wernett nahm widerwillig seinen Blick von Rak. „Bringt sie zu meinem Pferd, Sir Merin, Sir Penleff und danach legt diesen Bastard in Ketten und werft ihn in den Kerker.“
Rak stand wie erstarrt da, als wäre er ebenfalls versteinert. Er hatte doch nur helfen wollen! Während die anderen nur zugeschaut hatten, hatte er instinktiv gehandelt. Er spürte eine Hand an seiner Schulter. Scheinbar waren die Ritter schon zurück, um ihn abzuführen.
„Folg mir, Junge. Schnell. SCHNELL!“, sagte eine fremde Stimme.
Im Nachhinein erinnerte Rak sich nur noch, dass er sich hatte wegziehen lassen, dass er in den Umhang des Fremden gehüllt und in den Wald geführt worden war. Er hatte zurück geblickt, doch seine Freunde starrten alle gebannt auf den Pfeiler.
„Hier hinauf“, drang die fremde Stimme in sein Bewusstsein und wie ferngesteuert machte sich Rak daran, auf den Baum zu klettern. Der Fremde hatte einen guten Baum gewählt. Sein Blattwerk war dicht und die Äste stark. Als Rak nach unten blickte, konnte er den Boden nicht mehr sehen. Mit einer Geste bedeutete der Mann Rak still zu sein und das erste Mal sah er dessen Gesicht: er hatte dunkelblondes Haar und gebräunte Haut und seine Augen waren ebenso tief braun wie seine eigenen.
„Wo ist er?“
Das war Sir Wernetts Stimme.
„Er kann doch nicht einfach verschwunden sein. Ihr standet alle direkt neben ihm!“
„Ich schwöre, er war plötzlich weg“, sagte Matthes.
„Lüg nicht!“
„Es ist die Wahrheit“, sagte Sara. „Ihr könnt Sir Kartoff fragen.“
Dann war Stille. Rak vermutete, dass Sir Wernett zu Saras Ritter gegangen war, der mit Sicherheit wie immer in einigem Abstand seinen Schützling beobachtet hatte.
„Sie werden das Ufer und das Waldstück durchsuchen. Wir müssen uns noch etwas gedulden.“
Rak wollte den Fremden so viel fragen. Wer war er? Wieso hatte er ihn fortgebracht und wie hatte er ihn fortgebracht? Doch alles was er herausbrachte was: „Sie werden uns finden! Sie werden auch auf den Bäumen nachschauen.“
„Hab Vertrauen.“ Der Mann entblößte perfekte Zähne. Seine Stimme war wie Honig.
„Ich muss nach Hause! Ich muss meine Eltern warnen.“ Die Erkenntnis traf Rak wie ein Schlag ins Gesicht: wenn sie ihn nicht finden konnten, würden sie seinen Vater zur Rechenschaft ziehen.
Seinen guten, fleißigen Vater, der unermüdlich arbeitete und schuftete und dafür sorgte, dass es ihrer Familie gut ging, es an nichts mangelte, wo andere mit Hunger und Kälte zu kämpfen hatten. Auf einmal schämte sich Rak für seine kindischen Fantasien und für seinen Egoismus, der ihn so unzufrieden gemacht hatte, während seine Eltern ihr ganzes Leben dafür opferten, dass er behütet und gesund aufwuchs. „Ich muss!“, drängte er. „Sie werden sie holen.“ Heiße Tränen flossen ihm die Wangen hinab.
„Das geht nicht, mein Junge. Es ist zu spät.“
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#2

Beitragvon Jaro Ballivòr » Do 2. Nov 2017, 10:55

Nachtrag Platzhalter 1

Selbst aus der Ferne konnte Linu erkennen, wie der auffrischende Wind die Bäume wiegte wie eine lebendige Masse, begierig darauf sie zu verschlingen.
Der Wald war unsagbar alt. Großvater Min hatte erzählt, dass manche der Bäume schon über ein Tausend Jahren lang lebten und mehr gesehen hatten, als man sich vorstellen konnte. Es gab Bäume so hoch wie Berge, mit Stämmen so dick wie eine Aviarenhütte und solche, die eher in die Breite wuchsen, ihre Äste seitlich in alle Richtungen ausstreckten, zwischen den geraden Stämmen der anderen hindurch und manchmal auch kreuz und quer ineinander. An einigen Stellen, hatte Min berichtet, war der Wald so dicht, dass kaum ein Lichtstrahl den Weg hinunter zum Boden fand und es immer düster war. So lange schon brannte Linu darauf, dorthin zu gehen, doch nun, da es so weit war, war ihr etwas mulmig zumute. Sie war sehr froh, dass Taal bei ihr war.
„Was meinst du, wie lange brauchen wir, bis wir die Ausläufer des Waldes erreicht haben?“ fragte ihr Freund.
„Morgen Abend werden wir da sein. Ich habe die Entfernung anhand Vaters Karte grob abgeschätzt“, antwortete Linu.
„Und du willst wirklich kein Nachtlager machen?“
„Nur, wenn es nicht anders geht. Lass uns noch fliegen, bis die Sonne ganz untergegangen ist und dann wieder ein Stück laufen.“

Sie überflogen Meile um Meile der großen Grasebene, die sich um das Gebirge und den Wald herum auf ganz Caeron bis zum Rand der steilen Klippen erstreckte. Vereinzelt gab es landwirtschaftlich genutzte Flächen und kleine Siedlungen wie die ihre, doch in der eingetretenen Dunkelheit konnten sie das trotz ihrer scharfen Augen nicht mehr erkennen. Auch die Flügel begannen mittlerweile zu schmerzen und sie landeten sanft auf dem taunassen Boden.
Nachdem sie einige Zeit schweigend nebeneinander her getrottet waren, ergriff Taal das Wort.
„Hast du dir schon Gedanken über die Menschenaffen gemacht? Was machen wir, wenn wir sie gefunden haben?“
Linu antwortete nicht gleich.
„Erinnerst du dich an Großvaters Geschichte von Gemby?“
„Ja, der junge Affe, der die Welt erkunden wollte. Er hat den ganzen Wald durchstreift und bat um Erlaubnis auch die Ebenen besuchen zu dürfen, doch es wurde verboten.“
Linu nickte eifrig. „Genau und er hat sich trotzdem hinaus gewagt und hat einen Jungen getroffen, der Holz sammelte. Die beiden haben sich vorsichtig angenähert und sind gute Freunde geworden.“
„Hm“, machte Taal. „und du denkst, diese Geschichte ist wirklich passiert?“
„Ich muss es hoffen. Wenn wir die Affen finden oder sie uns, werde ich nach Gemby fragen.“
„Das ist dein Plan?“ Taal lachte. „Typisch Linu!“ Er boxte sie an die Schulter.
„Hast du eine bessere Idee?“
„Min hat erzählt, dass sie die Schätze des Meeres lieben und das Wasser aber so sehr fürchten, dass sie sich nicht nahe genug hin trauen. Wir könnten einen Umweg zur Nord- oder Südküste machen und ein paar Perlen und Muscheln suchen.
„Ein Geschenk? Warum nicht“, überlegte Linu.
„Ich weiß, auch da verlassen wir uns auf eine Geschichte von Min, aber etwas anderes haben wir nicht.“
„Weil sie uns nichts erzählen!“, schimpfte Linu. „In der Schule lernt man nur, was für Gefahren überall lauern und nicht, wie man sich ihnen stellt.“
„Eines kann uns vielleicht helfen“, entgegnete Taal. „Wir dürfen vor den Augen der Affen auf keinen Fall Vogelgestalt annehmen.“
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#3

Beitragvon Jaro Ballivòr » Do 2. Nov 2017, 12:10

Arbeitsstand der Karte:

Bild
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#4

Beitragvon Jaro Ballivòr » Do 2. Nov 2017, 16:41

Triborin

Triborin erwachte früh. Gut erholt streckte er die Glieder und schlüpfte in seine Uniform. Nach dem allmorgendlichen Gebet zu Noxa, der Göttin der Nacht, stieg der Dunkelelf die Treppe hinab, um ein schnelles Frühstück einzunehmen. Er hatte geplant, sich die Schattenakademie anzusehen, was ihn schon genug Zeit kosten würde, als dass er lange schlafen oder speisen konnte. Der grimmigen Miene des Wirtes zufolge, war dieser alles andere begeistert von Triborins Frühstückszeit, doch er wagte nicht, dies kundzutun.
Eilig aß Tin das dunkle Brot mit dem dargebotenen Käse und trank eine Tasse Ziegenmilch dazu. Er blickte zu dem Tisch, an dem er abends mit der Albe gesessen hatte und dachte an ihr Gespräch zurück. Sie hatten sich noch einige Zeit unterhalten und doch stellte Triborin fest, dass er eigentlich nichts über die Frau wusste.
Selbst in den moderneren Zeiten kam ein Alb nicht ohne wichtigen Grund nach Lacharys, auch nicht in den Süden, der durch die Nähe und den notgedrungenen Handel aufgeschlossener war als der hohe Norden um die Hauptstadt. Warum war Liena hergekommen? Er hatte es nicht herausfinden können, bevor sie schließlich aufgestanden war, um zu gehen. Wohin, wusste Triborin ebenso wenig. Die Stadttore Kaachors waren lange schon geschlossen gewesen, also musste sie eine andere Unterkunft bewohnen. Triborin bezweifelte, dass er sie wiedersehen würde, obwohl er sich wunderte, dass sie ausgerechnet ihn angesprochen hatte. „Sie wusste, was ich bin und wollte mit mir spielen“, dachte er und musste sich eingestehen, dass es ihm Freude bereitet hatte, mit ihr zu reden, zu testen, ob er Anzeichen von dem finden konnte, was man jedem Dunkelelf von frühester Kindheit an einbläute: Lüge ist des Alben Sprache, Verrat liegt ihm im Blut.
Sie hatte sich zumindest in keine Ecke drängen lassen.

Nach dem Mahl verabschiedete sich Triborin vom Wirt, holte sein Pferd aus dem Stall und führte es durch die langsam erwachenden Gassen. Die Akademie war nicht weit und beinahe wäre er daran vorbei gelaufen. Das Gebäude hob sich nicht nennenswert von den übrigen ab, es hatte denselben krummen Aufbau, dasselbe dunkle Fachwerk und dieselbe Größe wie alle anderen Gebäude Kaachors. Einzig ein kleines Schild an der Hauswand machte es als Lehrinstitution der Meisterspione kenntlich. Nachdem er das Ross an einem niedrigen Zaun festgebunden hatte, spähte Triborin durch eines der Fenster im Erdgeschoss. Dort gab es eine Art Speise- oder Versammlungssaal mit u-förmig aufgestellten Holztischen, einen Kamin und einen Tresen, der wahrscheinlich die Verbindung zur Küche darstellte. Dies sollte die legendäre Schattenakademie sein?
„Was das Auge sieht, ist niemals der Wahrheit letzter Schluss.“
Triborin zuckte zusammen und folgte dem Klang der Stimme.
„Und ich sag‘ dir, auf sein Ohr, verlässt sich nur ein armer Tor.“
Ein Teil der schmutzigen Fassade bewegte sich und die Umrisse eines Mannes kamen zum Vorschein.
„Mein Herr Gardist“, er verbeugte sich, „willkommen in der Schattenakademie.“
Triborin erwiderte die Verbeugung wie es sich gehörte und schluckte die Frage, wie er ihn hatte täuschen können hinunter. Immerhin war dieser Mann ein Schattengänger.
„Zu welchem Zweck kommt Ihr hier her? Gibt es Anweisungen aus Xarchavas, die meine Brüder und Schwestern nicht kennen?“
„Nein, tut mir leid“, gab Tin zurück. „Ich kam nur her, um die legendäre Akademie zu sehen.“
„Und Ihr habt etwas anderes erwartet“, vervollständigte der Schattengänger seinen Gedanken. Seine Kleidung wirkte schäbig, doch Triborin wusste, dass dies einen Zweck erfüllte.
„Mit der Festung und den Obsidianhallen von Xarchavas können wir selbstverständlich nicht mithalten. Doch es ist auch nicht unser Daseinszweck aufzufallen.“ Triborin merkte, dass er den Mann nicht sonderlich leiden konnte. Er war überheblich und auf eine unangenehme Art gelangweilt.
„Wollt ihr euch die Akademie ansehen?“
„Ich fürchte dafür habe ich keine Zeit. Ein anderes Mal vielleicht.“
Der Schattengänger verbeugte sich. „Wie Ihr wünscht. Dann weiterhin viel Erfolg auf Eurer Reise und hütet Euch vor der Albe. Sie beobachtet Euch schon den ganzen Morgen.“
Triborin konnte seine Überraschung nicht verheimlichen und dass dies den Spion zu amüsieren schien, ärgerte ihn. Er hielt dem Drang stand, sich umzusehen.
„Ich danke Euch für Eure Hilfe“, sagte er stattdessen und tat mit einer knappen Verbeugung der Höflichkeit genüge.
Auf dem Weg zum Stadttor blickte Triborin immer wieder zur Seite und tat so, als mustere er das ein oder andere Haus, ein Schaufenster voller dunkler Artefakte, die Noxas Wohlwollen beschwören sollten, und die Arbeiten eines Tischlers, der das hölzerne Gerüst einer Veranda bearbeitete. Am Straßenverkauf einer kleinen Bäckerei blieb er stehen und kaufte etwas Brot und knusprige Dinkelstangen für die weitere Reise. Verstohlen sah er sich dabei nach hinten um, doch außer einiger dunkelelfischer Frühaufsteher war die Straße leer; kein Anzeichen von Liena. Es war sinnlos. Selbst wenn sie noch irgendwo lauerte, er würde sie nicht finden, zumindest nicht, ohne offensichtlich nach ihr zu suchen. Sobald er wieder im Galopp die Straße entlang donnerte, würde sie ihm sowieso nicht mehr folgen können, es sei denn, auch sie besaß ein großes Streitross und dann wäre es wohl kaum eine heimliche Angelegenheit mehr.
Als Triborin das Stadttor erreichte, hatten die Wächter es gerade erst geöffnet und der Dunkelelf freute sich innerlich über seine akkurate Planung. Er saß auf, nickte den Wachen zu und nachdem er die Schlange der wartenden Händler mit ihren Holzkarren und Rückentragen hinter sich gelassen hatte, gab er seinem Pferd die Sporen und raste der Südgrenze Lacharys‘ entgegen.

Am nächsten Tag sah er schon von Weitem den Grenzwald, an dessen Nordgrenze er gen Westen reiten würde. Im Wald selber, so sagte man, gab es ebenso viele Späher wie Bäume, denn sowohl Dunkelelfen als auch Alben bewachten den Übergang ihrer beiden Länder akribisch. Im Gegensatz zu den reinen Nadelwäldern weiter nördlich, mischten sich hier erste Laubbäume in den Bestand, die typisch für die Vegetation Mildirs, dem Reich der Alben, waren. Triborin war selbst natürlich noch nicht dort gewesen, doch in der Akademie der Leibgarde erhielten die Rekruten unter anderem auch umfangreichen geographischen Unterricht.
Seine Vorräte hatte der Dunkelelf in einem kleinen Ort aufgefüllt. Er wusste nicht, was ihn jenseits der Grenze in Vesperion erwarten würde und wollte für alles gerüstet sein. Von der Albe Liena war noch immer keine Spur und Triborin zweifelte daran, dass sie ihn wirklich verfolgte oder zumindest nicht mehr. Er konnte sich schwerlich vorstellen, dass es viele Pferde auf der Welt gab, die es mit der Schnelligkeit und Ausdauer der schwarzen Streitrösser aus Lacharys‘ Ebenen aufnehmen konnten. Mit der Zeit verschwendete er immer weniger Gedanken an die Frau und fokussierte sich wieder stärker auf seinen Auftrag. Der einfachste Teil lag nun hinter ihm. Er erreichte jetzt nicht nur ein fremdes Land, er näherte sich zudem auch dem Zeitpunkt, an dem er selbst Entscheidungen treffen musste. Es war nämlich so, dass Lord Xyrius den genauen Aufenthaltsort dieses Vogelvolkes, das Triborin unbedingt für ihn finden sollte, gar nicht kannte. Sicher war er hingegen, dass die Alben es taten und dass deren Blick nach Süden gerichtet war. Deshalb sollte auch Triborin dorthin reisen und mehr in Erfahrung bringen. Der junge Gardist wusste zu gut, warum Xyrius ihn alleine geschickt hatte, auch wenn der Lord ihm wie gewöhnlich keine Einsicht in seine Pläne gewährt hatte. Sein Fernbleiben bei der letzten großen Ratsversammlung würde das Verhältnis zu den Alben kaum verbessert haben und jede größere Truppenbewegung oder sonstige Anzeichen kriegerischer Absichten konnten einen Konflikt vom Zaun brechen, der Lord Sinklar in die Karten spielen würde. Seit vielen Jahren, es mochte schon in die Tausende gehen, herrschte ein striktes Friedensabkommen zwischen allen Völkern Orchaldors und dem, der es brach, drohte die geballte Macht aller übrigen Völker und ewige Unterjochung und Enteignung zum Schutze der Welt. Triborin hatte die Aufzeichnung aus Xarchavas‘ heiliger Bibliothek studiert. Damals, nach Jahre langen Kämpfen, hatten die großen Herrscher sich unter der Führung der Alben zusammengefunden, um dem Leid und Elend der Bevölkerung ein Ende zu machen. Auch der damalige dunkelelfische Lord hatte den Pakt unterzeichnet, dem Misstrauen, dass er dem Handeln seines albischen Rivalen entgegen brachte, zum Trotz. Triborin vermutete, dass es weiterführende Niederschriften gab, diese jedoch seiner Lordschaft alleine vorbehalten waren. Wie hätte Lord Xyrius sonst von dem Vogelvolk erfahren können? In keinem Buch, keiner Karte hatte Triborin je von den Aviaren gelesen.


Linu

Nach zwei Nächten und zwei Tagen, wobei sie sich doch in beiden Nächten ein wenig hingelegt hatten, erreichten Linu und Taal die nördliche Küste von Caeron, auf Höhe einer der etwas größeren Nachbarinseln, die auf Aalons Karte als Vogelinsel gekennzeichnet war. Der Name war Programm: die rauen Felswände waren über und über von weißen Vögeln besetzt, deren Kreischen die Luft erfüllte. Die Sonne ging bereits unter und Linu und Taal hatten vor, sich einen Unterschlupf in der zerklüfteten Wand von Caerons Klippen zu suchen. Solange es noch Tageslicht gab, wollten sie aber schon einmal nach einigen schönen Exemplaren von Muscheln und vielleicht sogar Perlen umsehen. Sie schwebten hinab auf den kleinen Strand, wo glücklicherweise gerade Ebbe war.
„Hast du dich schon einmal gefragt, ob es dort draußen wirklich noch Land gibt?“, fragte Linu ihren Freund während sie den Boden absuchten.
„Schon oft“, entgegnete Taal. „Meine Eltern waren schon immer der Meinung, dass es noch andere Länder auf unserer Welt gibt. Vielleicht gibt es sogar noch andere Welten oben im Himmel.“
Linu sah ihren Freund vorwurfsvoll an. „Was? Wieso hast du mir dann noch nie davon erzählt?“
„Ich habe nicht gedacht, dass es etwas Ungewöhnliches ist. Ich meine, könnte die Welt wirklich so klein sein wie unsere Insel?“
„Das will uns doch immerhin jeder weiß machen“, sagte Linu ein wenig beschämt, dass sie genau das immer gedacht hatte.
„Naja… sie lehren uns nur Dinge über Caertol, weil wir nur das kennen und weil das wichtig für unser Überleben ist, oder nicht? Die fremden Länder könnten doch so weit weg sein, dass man niemals dorthin gelangen kann.“
Linu erzählte Taal von ihrem Streifzug hinaus ins offene Meer und dass sie nichts gefunden hatte.
„Woher weißt du, dass es die richtige Richtung war?“
Eine Hand voll Sand traf den Jungen am Kopf. „Hey! Wofür war das?“
„Dafür, dass du so ein elendiger Klugscheißer bist!“, entgegnete Linu, doch lächelte dabei. Taal hatte natürlich wie immer Recht und bevor sie nun das ganze Meer abflog, wollte sie erst einmal sehen, ob an Großvater Mins Geschichten überhaupt etwas dran war.

Sie hatten die Nacht in einer gut geschützten kleinen Höhle auf halber Höhe der Klippen verbracht und zogen früh morgens mit ein paar wunderschönen milchig-blau schimmernden Perlen und großen rotmelierten Jakobsmuscheln im Gepäck los.
Von hier aus war der Wald nicht weit, den Caertol erstreckte sich von Nord nach Süd nicht annähernd so weit wie von Ost nach West. Linu war ganz froh, dass sie die Ausläufer der Bäume bei Tageslicht erreichten, immerhin betraten sie nun vollkommen fremdes Gebiet. Vor dem Einschlafen hatten die beiden noch lange über fremde Länder gesprochen, versucht sich auszumalen, wie es dort wohl aussähe und was für Tiere dort lebten. Sie stellten sich andere Aviare vor, ganz kleine und riesengroße und dachten sich große Städte aus. Linu erzählte Taal, wie gereizt ihr Vater reagiert hatte, als sie ihn nach anderen Ländern befragt hatte.
„Ich denke Aalon hat nur Angst, dass du eines Tages von einem Erkundungsflug nicht mehr heimkehrst“, hatte Taal zwinkernd gesagt. „Er kennt seine Tochter eben. Aber von den Legenden hat er ja scheinbar auch gehört, Linu. Ich bin mir sicher, dass viele der Erwachsenen wissen, dass es jenseits von Caertol noch mehr gibt, es interessiert sie nur nicht. Wir haben hier ja alles, was wir brauchen.“
„Bis irgendwann jemand uns findet und dann stehen wir unvorbereitet und schutzlos da“, hatte Linu entgegnet und an Mins Worte gedacht.

Die Sonne stand noch tief, als sie den Wald erreichten und strahlte wunderbar zwischen die Bäume hinein, die am Rand noch relativ klein waren. Sie hatten eine glatte, grünliche Rinde und trugen ein dichtes Blätterwerk. Je tiefer Taal und Linu in den Wald vordrangen, desto vielfältiger wurde die Vegetation. Es gab dicke und dürre Bäume, welche mit rissiger und dunkler Borke und wieder andere, die komplett mit Moos oder Kletterpflanzen bewachsen waren. Gestrüpp und Farne wucherten stellenweise dazwischen, weshalb die beiden Jugendlichen im Zickzack gehen mussten. An sonnigeren Lichtungen wuchsen bunte Blumen und dort, wo der Boden komplett mit Moos bedeckt war, reihten sich Pilze in allen Farben und Formen. Wirkliche Pfade gab es nicht, die Pflanzen bestimmten ihren Weg und einige Male musste sie sich durch eine Ansammlung an Büschen kämpfen. Der Wald wurde immer dichter und bald kamen sie an ersten Gesteinsformationen vorbei. Linu kam aus dem Staunen nicht heraus. Es war wunderschön. Bis auf ein paar kleinere Nagetiere und Kolibris waren sie noch auf keine Lebewesen gestoßen und Linus Vorsicht schwand. Sie roch an Blumen, hob kleine Steine an, spähte in Höhlen hinein und pfiff vergnügt ein Lied.
„Spätestens, wenn die Dämmerung einsetzt, solltest du damit aufhören“, riet ihr Taal, der stumm und wachsam neben ihr herging. „Du wirst Füchse und Baumkatzen anlocken und wer weiß, was es hier noch alles gibt.“
„Verderb‘ mir doch nicht den Spaß, Taal. Es ist so ein wundervolles Abenteuer.“
„Du hast mir besser gefallen, als du noch etwas ängstlich warst.“
Linu zog die Augenbrauen hoch. „Ich war noch nie ängstlich.“
Taal lächelte bloß.

Abends gelang es ihnen ein paar Mäuse zu fangen, die sie in Vogelgestalt verspeisten, um kein Feuer machen zu müssen. Linu hatte es ein, zwei Mal probiert, doch ihr menschlicher Körper vertrug kein rohes Fleisch. Taal suchte einen Baum aus, der einen hohen Stamm und eine dichte Krone hatte und sie flogen hinauf, um oben zu nächtigen. Am Waldboden fühlten sie sich nicht sicher genug.
„Wir sollten trotzdem abwechselnd Wache halten“, sagte der Junge. „Nicht nur Baumkatzen können klettern. Ich weiß nicht, wie weit die Menschenaffen vorstoßen. Vielleicht haben sie uns schon bemerkt.“
„Meinst du?“, fragte Linu. „Die Holzfäller gehen doch auch in den Wald, um Baumaterial und Feuerholz zu holen.“
„Ich denke, dass wir schon wesentlich weiter in den Wald vorgedrungen sind, als sie es je tun. Ich übernehme die erste Schicht. Schlaf ein wenig, ich wecke dich dann.“

Als Taal sie weckte, war es dunkel und frisch. Schläfrig öffnete Linu die Augen und staunte. Durch das Blätterwerk des Baumes drang das bleiche Mondlicht und erzeugte einen leicht bläulichen Schimmer, während weiter unten tausende grün-gelbe Lichter durch den Wald schwebten. Vereinzelt ließ ein Lufthauch die Blätter rascheln, hin und wieder schrie eine Eule und unter all dem lag das unterschwellige Summen, das auch in den Wiesen nachts vorherrschte.
„Schön, nicht?“, flüsterte Taal. „Ich werde jetzt ein wenig schlafen. Weck mich, wenn du wieder müde bist.“
Das Mädchen nickte und zog die Beine an, um sich gegen die typische Kälte der Müdigkeit zu schützen. Einmal zuckte sie zusammen, als ein kleiner Vogel sich von einem nahen Ast abstieß und einmal sah sie ein Wesen weit unten über den Waldboden schleichen, wahrscheinlich ein Fuchs. Mit der Zeit ließ ihre Anspannung nach und nachdem sie sich gewärmt hatte, begann sie ihre Wache richtig zu genießen. Selbst wenn sie von einer Baumkatze oder sonst einem Angreifer entdeckt würden, könnten sie einfach hinauf in den Himmel fliegen.


Rak

Rak verlor jegliches Zeitgefühl, während sie nach ihm suchten.
Die Ereignisse des Tages prasselten auf seinen Geist ein wie Hagelkörner auf kalte Haut. Wäre er doch nur bei dem Ritterturnier geblieben! Er hatte seinen Vater enttäuscht, sein zu Hause in Gefahr gebracht und sich zum meist gesuchten Mann Krinkgards gemacht. Nun war er in den Händen eines Fremden von dem er gar nichts wusste und dem er doch sein Leben anvertrauen musste.
Er saß auf dem Ast und umschlang die Knie mit seinem Armen. Sein Blick lag ohne Fokus im Blattwerk.
Irgendwann in stockfinsterer Nacht, als Rak schon glaubte, er würde hier oben festwachsen, war die Suche scheinbar beendet, denn sein Erretter geleitete ihn vom Baum herab.
„Komm“, flüsterte er und führte ihn durch das Waldstück hindurch. Schweigend gingen sie hintereinander her. Der Mann verursachte nicht das geringste Geräusch auf dem Waldboden und ging doch so zügig, dass Rak Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen. Sie überquerten den kleinen Bach, in dem Rak als Kind oft gebadet hatte und die Weide des Ziegenhirten. Auf der anderen Seite waren zwei Pferde angebunden. Sein Begleiter schwang sich auf einen großen braunen Hengst, dessen Fell teilweise golden schimmerte und unter dessen Haut sich starke Muskelstränge abzeichneten. Er deutete auf das beige, etwas kleinere Tier daneben.
„Er heißt Willi“, sagte der Mann. „Steig schon auf.“
„Ich bin noch nie auf einem Pferd gesessen.“
„Das macht nichts. Solange du sitzen kannst, wird er den Rest für dich erledigen.“

Zögerlich griff Rak den Aufstiegriemen des Sattels und zog sich nach oben. Das kleine Pferd blieb ruhig stehen und ließ ihn auf seinem Rücken Platz nehmen.
„Zeit zu gehen“, sagte der Mann und beide Pferde setzten sich in Bewegung. Sie gingen eine Weile in langsamem Schritttempo, ehe sie wie von Geisterhand in einen flotten Trab wechselten und in die Nacht hinaus ritten.
Rak wagte einen letzten Blick zurück und sah die vereinzelten und kleiner werdenden Lichter von Burg Kalkstein, die fünfzehn Jahre sein zu Hause gewesen war. Ob er jemals dorthin würde zurückkehren können?
Bald verlor der Bäckersohn jegliches Zeitgefühl, während sie sich abseits der Straße Meile um Meile fortbewegten. Kleine Waldstücke lösten Ackerland ab, von Zeit zu Zeit war das Plätschern von Gewässer zu hören und sofern sie Dörfer passierten, lagen diese in vollkommener Dunkelheit und waren nicht zu sehen. Kerzen und Lampen waren ein teures Gut, das man nicht verschwendete.
Noch nie zuvor hatte Rak Krinkgard verlassen, er wusste gar nicht, wie es in anderen Regionen oder Städten Norgonds aussah, geschweige denn, in welche Richtung sie sich bewegten.
Mit der Zeit zog sich Müdigkeit wie ein milchiger Schleier über seinen Geist und löste endlich die grausamen Schuldgefühle und die Furcht vor dem, was seinen Eltern angetan wurde, ab. Erschöpft sank der Junge auf seinem Sattel zusammen und Willi schnaubte, als er das erste Mal einnickte.
„Ich denke, wir sollten unser Nachtlager aufschlagen.“
Sein Begleiter hatte das Pferd an Raks Seite geführt. „Dort vorne gibt es einen alten Steinkreis. Dort bleiben wir bis morgen früh.“

Rak nahm das Bündel von Willis Rücken und entrollte eine geflochtene Strohmatte und eine gesteppte Decke, während der geheimnisvolle Fremde ein Feuer entfachte.
„Du wirst Hunger haben“, stellte er fest ohne eine Antwort zu erwarten und Rak hörte das Klimpern von metallenem Kochgeschirr. „Morgen haben wir noch ein gutes Stück vor uns.“
„Wohin reiten wir eigentlich?“, schaffte Rak endlich zu fragen. „Und wer seid Ihr überhaupt?“
Der Mann lachte. „Ich bin Holon und wir reiten zum Gut von Lord Sarkis ganz im Süden Norgonds.“
„Noch nie gehört“, sagte Rak, wohl in dem Wissen, dass das nichts hieß. Bildung dieser Art war auch etwas, das nur den adeligen Kindern und Jugendlichen vorbehalten war.
„Er ist ein Gönner unseres… Ordens“, sagte Holon mit einem leichten Zögern, als suche er nach dem passenden Wort. „Du wirst alles, was du wissen musst noch früh genug erfahren. Hier, iss.“
Er drückte Rak eine Schüssel mit Eintopf in die Hand.
„Den Zwischenfall mit der Prinzessin erwähnst du lieber nicht vor dem Lord. Wir wollen ja nicht, dass er seinen Eid brechen und lügen muss, wenn die Häscher des Königs ihre Finger so weit in den Süden ausstrecken sollten.“
Rak sah von seiner Schüssel auf und wischt eilig ein wenig Sauce von seinem Kinn. „Waf?“
„Der Lord muss nicht wissen, dass du im Land gesucht wirst“, erklärte Holon und schob sich auch einen Löffel in den Mund.
„Die Prinzessin… was ist überhaupt mit ihr geschehen? Was war das für ein Ding? Es sah aus, als würde sie in Stein verwandelt“, murmelte Rak, als erinnere er sich gerade erst wieder an die Ereignisse.
„Das war ein Signalstein. In ganz Norgond sind Pfeiler wie dieser postiert, in Vesperion auch und vielleicht sogar auf der ganzen Welt.“
„Signal wofür?“
„Ich hätte all das lieber erst in Lord Sarkis‘ Hof besprochen gemeinsam mit den Ältesten“, sagte Holon ernst.
„Bitte. Ich muss es wissen. Was ist mit der Prinzessin passiert?“
Holon seufzte.
„Signalsteine erkennen magische Fähigkeiten. Ich weiß, ich weiß“, fügte er an, noch bevor Rak seinen Protest Kund tun konnte, „alle sind der Meinung, es gäbe keine Magie und jeder, der darauf beharrt, ist ein Verräter und ein Irrer. Aber doch gibt es sie. Du hast heute Nachmittag den Beweis gesehen.“
„Heißt das, dieser… Stein hat Prinzessin Klara erkannt? Es hat sie angegriffen!“
Holon schüttelte den Kopf. „Nein, mein Junge. Der Stein hat Klara angegriffen, weil sie, ein Mädchen ohne magische Fähigkeiten, ihn berührt hat und er zuvor aktiviert wurde.“
„Aktiviert?“
„Es ist die eigentliche Funktion der Signalsteine. Wenn ein Magier in seine Nähe tritt, erwacht er zum Leben, beginnt zu schwingen und mit ihm alle Signalsteine in einer Umgebung von vielen hundert Meilen. In diesem Zustand kann nur ein Magier den Stein berühren.“
In Raks Kopf drehte sich alles. Was, wenn dieser Mann, Holon, ihm irgendeine Geschichte auftischte? Er kannte ihn gar nicht und er war weit weg von zu Hause, wo er das Missverständnis vielleicht auflösen und seine Eltern befreien könnte. Andererseits… er hatte genau gesehen, wie der Pfeiler sich bewegt hatte, wie er an Klaras Arm hinauf gewandert und die Prinzessin schließlich selbst zu Stein erstarrt war.
„Mein Orden hat Grund zur Annahme, dass du ein Gesteinselementar bist, Rak“, bestätigte Holon schließlich Raks Befürchtung, wohin das Gespräch führte.
„Willst du sagen, ich bin ein Hexer?“
Rak wusste zu gut, was mit Leuten passierte, die mit Hexerei in Verbindung gebracht wurden. Mit eigenen Augen hatte er gesehen, wie man den jungen Maat, den Lehrling des Apothekers, gesteinigt hatte, weil er für den Feuertod seines Meisters verantwortlich gemacht wurde. Angeblich hatte er die Flammen allein durch die Kraft seiner Worte beschworen, so berichtete die Witwe des Verstorbenen.
„Nenn es wie du willst“, sagte Holon. „Freunde wirst du damit nirgends finden, außer dort, wo ich dich hinbringe.“
„Ich glaube dir nicht“, Rak spürte Wut im Bauch.
„Du wirst es noch früh genug sehen. Der Signalstein hat so stark ausgeschlagen wie schon ewig nicht mehr. Meine Ältesten erwarten dich sehnsüchtig. Und jetzt solltest du ruhen. Wir werden morgen den ganzen Tag reiten, ehe wir Grauenstein erreichen.“
Rak schwieg. Müde war er tatsächlich, aber an Schlaf war nicht zu denken. Wo war er hier hineingeraten? Gesteinselementar… was sollte das sein? Bis zum heutigen Tag hatte er noch nie etwas Außergewöhnliches erlebt, im Gegenteil, er war im Gegensatz zu den Jungen und Mädchen von hohem Stand immer unbedeutend gewesen. Wenn er wirklich so besondere Fähigkeiten hatte, warum hatte er es dann nie bemerkt?
Der Junge grübelte noch einige Zeit darüber nach, versuchte sich an das Geräusch und das Gefühl erinnern, das von diesem merkwürdigen Steinpfeiler ausgegangen war, doch es fiel ihm schon jetzt schwer, es zu rekonstruieren. Irgendwann umfing ihn schließlich doch der Schlaf und mit ihm kamen wirre Träume.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#5

Beitragvon Jaro Ballivòr » Sa 4. Nov 2017, 08:54

Kleine Ergänzung zu Linus letztem Kapitel:

Genau das mussten sie am darauffolgenden Tag öfter tun, obwohl sie wussten, dass es zusehends gefährlicher wurde, desto tiefer sie in den Wald gelangten. Ohne die regelmäßigen Orientierungsflüge hätten sie sich aber bald verirrt, denn im dichten Grün des Waldes war es kaum möglich gerade aus zu gehen, geschweige denn eine Himmelsrichtung zu bestimmen.
„Wir sind ein ganzes Stück zurück nach Osten gegangen“, stellte Taal fest. „Besser, wir hätten früher einmal unsere Lage korrigiert.“
„Aber wir sind auch schon viel näher an der Mitte“, fügte Linu hinzu, die den Blick nicht von den schroffen Steilwänden des Attalongebirges abwenden konnte, dem sie noch nie so nahe gewesen war. Stolz erhoben sich die Gipfel aus dem grünen Meer des Waldes. „Es ist irgendwie gruselig.“
„Was meinst du?“, fragte Taal.
„Das Gebirge. Es wirkt, als wäre es lebendig, wie ein Riese mit grünen Hosen.“
„Früher war es wirklich lebendig. Mein Vater hat mir einmal erzählt, dass der höchste Gipfel früher Feuer und flüssiges Gestein gespuckt hat.“
Flüssig?“, fragte Linu ungläubig. „Dein Vater erzählt fast so tolle Sachen wir der alte Min.“
Sie landeten. „Was hat dir dein Vater denn noch über das Gebirge erzählt?“
„Dass es Ralons Heimat ist.“
„Was?“ Linu starrte ihren Freund an. „Aber Ralon lebt in den ewigen Himmeln und hütet unsere Seelen, wenn wir übergegangen sind.“
„Das stimmt. Vater meinte, der Berg sei sein irdisches Zuhause. Auf der Erde“, fügte er hinzu, als Linu ihn fragend anblickte. „Vor vielen Jahren hat Ralon die Feuer des Berges gelöscht und sich dort niedergelassen und auf der fruchtbaren Asche sind der große Wald und die Wiesen gewachsen.“
„Das hast du mir noch nie erzählt.“
„Du hast mich ja nie gefragt. Ich habe gar nicht darüber nachgedacht.“
„Aber eines verstehe ich nicht. Wenn Ralon angeblich dort oben lebt, warum hat dann noch kein Aviare versucht, hinauf zu fliegen und ihn zu finden?“
„Wer weiß. Vielleicht haben es schon welche getan.“
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#6

Beitragvon Jaro Ballivòr » Sa 4. Nov 2017, 09:06

Triborin

Die Straße führte Triborin so weit nach Westen, dass er das Meer sehen konnte. Erst dann machte sie eine Biegung nach Süden. Wo das Gebiet um die Grenze zu Mildir üppig und grün gewesen war, zeichneten den Übergang nach Vesperion graue Geröllfelder und Felsformationen. Fast strohfarbene Gräser bevölkerten die Steine und die der Jahreszeit geschuldete dichte Blütenpracht des Heidekrauts, in lila und rosa, war ebenso schön wie sie fehl am Platz wirkte.
Der Grenzübergang war bemannt. In Schritttempo ritt Triborin an der Hütte des dunkelelfischen Wächters vorbei und nickte zum Gruß. „Möge Noxa mit Euch sein“, rief dieser bloß, denn einem Leibgardisten wurden keine Fragen gestellt. Er war ein recht kleiner Elf, doch wahrscheinlich immer noch größer als die meisten Menschen. Triborin dankte ihm, indem er leicht den Kopf senkte und näherte sich dem Wachhaus der Westmenschen. Triborin hatte willentlich die Straße genommen, anstelle die Grenze an einer beliebigen Stelle zu überqueren. Wenn es während seines Aufenthaltes in Vesperion Probleme gäbe, war es wesentlich besser, wenn er kein unangemeldeter Gast war.
„Guten Tag, Elf“, brummte einer der Wachleute. Sie waren zu zweit auf die Straße gelaufen, mit Speeren bewaffnet. Der eine war bereits ergraut und trug einen dichten Bart, während der andere sehr jung wirkte und dichtes braunes Haar hatte. Ihre Steppwämser waren stellenweise mit Leder verstärkt, doch sie trugen weder Helme noch Schilder. Binnen Sekunden hätte Triborin sie niederstrecken können, aber dafür war er nicht hier. Aus Höflichkeit stieg er von seinem Pferd.
„Seid gegrüßt“, antwortete er, so förmlich wie möglich. „Ich begehre durch das Land Eures hohen Königs zu reisen.“
„Aus welchem Grund?“ brummte der Alte.
So viel zum Thema Höflichkeit, dachte Triborin.
„Mein Ziel ist Solterra. Ich habe dort Besorgungen zu machen.“
„Besorgungen… Ich frage mich, Elf, warum schickt Euer Lord einen seiner edlen Leibgardisten zum Einkaufen?“
„Diplomatisches Geschick ist von Nöten. Es soll nicht Eure Sorge sein, welche Aufgaben den unseren zugeteilt werden, vor allem in Zeiten des Friedens, in denen wir uns unweigerlich befinden, sofern Ihr nicht widersprechen wollt.“ Also konnten auch die Westmenschen einen Leibgardisten erkennen, wenn sie einen sahen. Ihr Bildungsstand schien besser, als man in Lacharys dachte.
„Gut gesprochen, Elf.“ Der Alte grinste und entblößte braune Zähne. „Dann sagt mir, weshalb den Umweg nach Westen nehmen, wo es doch auch einen direkten Weg nach Süden gibt.“
Triborin musste lächeln. Ein cleverer Kerl war das, auf Mildir anzuspielen. „Mein Ziel ist Jum Al Dahab.“ Die Stadt der goldenen Sonne lag ganz im Westen Solterras, was der Dunkelelf bewusst unerwähnt ließ. Entweder der Mann kannte die Stadt oder seine geographischen Kenntnisse reichten nicht aus, so oder so würde er sich damit zufrieden geben, um sich nicht bloßstellen zu müssen.
„Wenn das so ist“, antwortete er, „dann wählt man natürlich den angenehmeren Weg… Ihr dürft passieren.“
Triborin saß wieder auf. „Mögen die Götter Euch beschützen.“
„Folgt einfach dieser Straße und Ihr werdet auf direktem Wege in die südlichen Lande kommen. Doch seid auf der Hut: nicht jeder Westmann ist erfreut über den Anblick der Euren in unserem Land. Hier gilt des Königs Gesetz, dem Ihr ausnahmslos unterworfen seid, so lange ihr Vesperions Boden unter Euren Füßen und seine Luft in Eurer Lunge habt. Besser Ihr haltet Euch daran.“
Triborin verbeugte sich noch einmal. Mehr als die Westmenschen sorgte ihn Sinklars langer Arm.

Vesperion war in einem schlechten Zustand. Schon am ersten Tag hatte Triborin die Ruinen zweier Gutshöfe passiert, mehrere Bauernhöfe mit eingefallenen Dächern und unzählige Bettler, oft auch Kinder, am Straßenrand. Die Kooperation mit den Alben schien für das gemeine Volk nichts abzuwerfen.
Die Straße hielt sich zunächst nahe an der Küste. Wie überall im Norden fiel das Land steil ab und das Wasser sprang und stürmte wütend dagegen. Weiter im Süden würde sich das ändern, immerhin verfügte Vesperion über eine Hafenstadt, deren Zugänglichkeit zum Wasser deutlich einfacher sein musste. In ganz Orchaldor waren es nur die Menschen aus Ost und West, die gelernt hatten, die See zu nutzen, um Fisch zu fangen oder Güter zu transportieren. Mittlerweile gab es selbst in Solterra einige Warenhäfen, auch wenn das Volk des Südens sich selbst vor dem Wasser scheute. Der Handel mit den rauen Seeleuten hatte die Landstriche reich gemacht, weshalb sie sich damit begnügten, für den Anlegeplatz zu sorgen, anstelle sich selbst in der Kunst der Schifffahrt zu üben. Triborin wusste, dass auch die Flussboote, die in Lacharys Ketten von Baumstämmen durch den Filthri zogen, ihren Ursprung in Vesperion hatten. Erstaunlich, dass das Land im Westen und, soweit er wusste, auch Norgond selbst so unbedeutend und schmutzig waren, wo sie über solch ein Alleinstellungsmerkmal verfügten. „Menschen…“, dachte er. Dieses Machtwerkzeug in der Hand von Dunkelelfen, oder im schlimmsten Fall von Alben… Leider bot Lacharys‘ Küste keine Möglichkeit und die Alben fürchteten Nēn, den Gott des Wassers, zu sehr.

Es dauerte nicht lange, da stieß Triborin auf eine mögliche Ursache für Vesperions miserablen Zustand. Er erreichte eine Ortschaft, in der das Chaos ausgebrochen war. Häuser brannten, Menschen und Tiere rannten wild und schreiend durcheinander und hier und da gab es Kämpfe zwischen einfachen Leuten in groben Wollstoffen und Knüppeln und Mistgabeln in der Hand gegen gerüstete Krieger, auf deren Schildern das Wappen des Königs prangte. Gesalbte Ritter waren dies nicht, doch ihre Gegner waren Bauern, Waffenschmiede und was das Dorf sonst noch hergab, sodass es eine ziemlich einseitige Angelegenheit war. Viele Männer starben, andere wurden in Gewahrsam genommen und fortgeschleppt und viele, vor allem Frauen und Kinder, versuchten zu fliehen. Triborin hielt auf einer kleinen Hügelkuppe unweit des Geschehens. Einfach vorbeizureiten… das wäre das Richtige. Was auch immer die Westmänner dazu brachte, das eigene Volk abzuschlachten, war nichts, was ihn anging. Er war ein dunkelelfischer Leibgardist auf wichtiger Mission!

Hart wie Obsidian, kalt wie Eis,
ein Leben für Land und Lord.
Kraft und Blut und Schmerz und Fleiß
Auf ewig dien‘ ich, bis zum Tod.

Der Schwur eines Leibgardisten war ein Eid für das Leben. Weder in der Ausbildung noch danach war Platz für Mitgefühl und Güte, für Freundschaft und Wärme. Er musste weiter und doch konnte er den Blick nicht abwenden. Frauen weinten und schrien vor Qual, ein kleines Kind saß weinend im Matsch und rief nach seiner Mutter, während die Krieger weiter brutal gegen die Männer vorgingen, die ihr Dorf und ihre Familien beschützen wollten. Wieso taten sie das? Was hatten diese armen wehrlosen Menschen getan? Von einem Augenblick auf den anderen musste er an seine Mutter denken. „Du hast ein großes Herz, Tin, du bist ein guter Junge. Vergiss das nie.“ Das hatte sie ihm gesagt, als er nach den ersten Ausbildungsjahren zu Hause zu Besuch gewesen war und sie hatte ihn in ihre Arme geschlossen wie früher, wenn er der alten Krycha beim Tragen ihres schweren Korbs geholfen oder kleine Tiere zur Pflege aus dem Wald mitgebracht hatte, die verwundet oder krank waren. Aber das war er nicht, nicht mehr. Es war seine Entscheidung gewesen, zur Leibgarde zu gehen, anstelle gemeinsam mit seinen Geschwistern später einmal Vaters Holzbetrieb zu übernehmen und zu dieser Entscheidung gehörte auch alle Elemente der Ausbildung auf sich zu nehmen. Fortan gab es nur noch einen Lebenszweck für einen jeden Gardisten: Dienst und Treue dem Lord, bis zum Tod, gewaltsam oder friedlich. Es hatte Mutter geschmerzt und doch war es notwendig und früher oder später würden sie stolz auf ihn sein und verstehen, dass er ein wichtiger Bestandteil ihrer Gesellschaft war. Jetzt aber, auf dieser Anhöhe in einem fremden Land erinnerte er sich an ihre Worte und spürte wie sein Herz brannte, als wand es sich in den kalten Ketten mit denen er es vor vielen Jahren eingesperrt hatte. Was dort vor sich ging, war nicht rechtens.
Bevor ihm doch noch Zweifel kamen, trieb Triborin sein Pferd an und ritt auf die brennende Siedlung zu, bereit zu kämpfen, sollte es nötig sein.

„Haltet ein!“, rief Triborin, als er den Rand des Dorfes erreichte. Die Kämpfenden fuhren herum und starrten ihn an.
„Welch Verbrechen haben diese Leute begangen, dass Ihr sie ihrer Heimat beraubt?“
Einer der Krieger spuckte aus. „Das geht dich nichts an, Elf. Schau, dass du verschwindest.“
„Dies sind einfache Menschen. Wie könnt Ihr es über Eure Ehre bringen, sie abzuschlachten wie Vieh?“ Triborin wusste, dass er sich auf dünnes Eis begab, doch nun, da er das ganze Ausmaß des Gemetzels sehen konnte, siegte der Zorn über die Vernunft.
„Das ist nicht dein Land, nicht dein König und nicht dein Volk. Du hast hier nichts zu melden und allein, dass du hier auftauchst, rechtfertigt uns, dir den Kopf abzuschlagen… so wie ihm.“
Er holte mit dem Schwert aus. Sein Gegenüber war ein Junge, der kaum älter als fünfzehn sein konnte. Mitten in der Bewegung stockte er jedoch und fiel zu Boden. Aus seinem Hals ragte kaum sichtbar ein winziger Pfeil aus Triborins kleiner Armbrust.
„Du! Was hast du gemacht? Bist du etwa auch ein Hexer?“ knurrte ein anderer Mann und zu dritt richteten sie ihre Waffen nun auf den Dunkelelf. Triborin lächelte kalt. Drei Mann? Vielleicht noch eine Hand voll weitere im Dorf, mit schlechten Rüstungen und ohne Pferde? Es war fast schon ungerecht. In einer fließenden Bewegung zog er das Krummschwert, ließ sein Ross auf die Hinterbeine gehen und befreite ein Dorf, dessen Namen er nicht einmal kannte.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#7

Beitragvon Jaro Ballivòr » So 5. Nov 2017, 19:18

Linu

Je näher sie dem Gebirge kamen, desto unebener wurde der Grund. Es gab Gruben, Hügel, kleine Schluchten und vereinzelte Wasserläufe und überall, selbst in unmöglichster Position, stemmten sich Bäume in die Höhe. Erst merkten sie es nicht, doch das Gelände fiel zusehends ab.
„Es ist, als liefen wir in einen Kessel“, sagte Linu. „Wenn das so weiter geht, muss um die Berge herum eine richtige Schlucht sein.“
„Die Bäume werden dafür immer höher“, entgegnete Taal und blickte nach oben, die mächtigen rotbraunen Stämme entlang bis zum fernen Blätterdach. Er blieb stehen. „Was ist das?“
Linu folgte seinem Blick. „Wo?“
„Dort, ein Stück links.“
Linu kniff die Augen zusammen und tatsächlich: der Stamm des einen Baumes schien oben breiter zu werden. Sie suchten benachbarte Stämme ab und fanden noch viele weitere der Gebilde. „Sollen wir hochfliegen und schauen?“, fragte Linu.
Taal schüttelte den Kopf. „Lieber nicht. Ich glaube, wir haben das Gebiet der Affen erreicht.“
„Du meinst, das sind…“
„Ja, das müssen Häuser sein – Baumhäuser.“
„Und was machen wir jetzt?“ Linu sah ihren Freund an.
„Wir gehen vorsichtig weiter und lassen sie auf uns zukommen. Sie werden uns bestimmt bald bemerken, wenn sie es nicht schon haben.“
Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch gingen sie weiter. Auf einmal hatte jeder Busch Augen, jedes Rascheln verriet einen Angreifer und jedes Flüstern des Windes war eine Stimme im Dickicht. „Was, wenn sie uns einfach aufspießen und fressen?“, flüsterte Linu.
„Sich darüber Gedanken zu machen ist jetzt zu spät. Wir müssen hoffen, dass sie wissen wollen, was uns herbringt.“
„Das möchten wir auf jeden Fall“, sagte eine Stimme mit starkem Akzent und einer seltsamen gurrenden Aussprache. „Ihr habt hier nichts verloren, Schrecken der Lüfte, Ebenenbewohner.“
Langsam drehten sich die beiden Aviare um. Der Affe stand direkt hinter ihnen, aufrecht auf zwei Beinen mit einem Lendenschurz aus Moos bekleidet und einem polierten Stab in der Hand. Seine Augen waren gelb, seine Lefzen blutrot und um den Kopf trug er einen Kranz von federartigem Fell, das viel heller war, als das dunkelbraune Haar, das seinen Körper überzog. Von links und rechts traten weitere Affen aus dem Gebüsch und ergriffen Linu und Taal.
„Ihr werdet uns folgen. Wenn ihr euch verwandelt, werden wir euch vom Himmel schießen und ihr werdet tot sein, lange bevor ihr aufschlagt.“
Linu schluckte. Der Griff des Affen schnürte ihr den Arm ab. Das Tier roch erdig, aber nicht unangenehm. Vorsichtig schielte sie zur Seite, als die Gruppe sie in dichteres Unterholz führte. Er trug ebenfalls einen Lendenschurz, hatte aber zusätzlich einen Köcher mit Pfeilen auf den Rücken geschnallt und sich spiralförmige Muster ins Fell rasiert. „Hier hinauf“, sagte er mit demselben kehligen Gurren, das auch in der Stimme des anderen Affen geklungen hatte.
Sie fanden sich am Fuße eines der hohen Riesenmammutbäume wieder und Linu entdeckte kleine Stufen, die sich spiralförmig nach oben schlängelten. „Das ist ein Weg für Alte, Kranke und Kinder“, sagte der Affe mit Spott in der Stimme und während er gemeinsam mit den Aviaren und Taals Wächter ebenfalls den Stufen folgte, sah Linu wie alle anderen Affen blitzschnell und spinnenartig die Stämme der umliegenden Bäume erklommen, an denen es keine Treppen gab. „Ich könnte einfach hinauffliegen, wenn ihr nicht so Angst davor hättet“, dachte sie sich gereizt, doch sie biss sich auf die Zunge. Linu war Höhe gewöhnt und trotzdem wurde ihr mit jedem Schritt mulmiger zumute. Normalerweise verfügte sie über ein Paar sehr zuverlässiger Flügel, wenn sie sich soweit vom Erdboden entfernte und ging nicht auf winzigen Stufen an einem Baumstamm entlang. Als wäre das nicht genug, waren die Spiralen um den Stamm so eng, dass ihr bald recht schwindelig war. Der Baumstamm schien kein Ende zu nehmen. Nach ewigem Treppensteigen erreichten sie endlich die ersten Äste, an denen man sich zumindest ein wenig mit den Händen abstützen konnte. Linu sah nach unten. Der Boden war in weite Ferne gerückt, es mochten gut und gerne 50 Meter sein, wenn nicht mehr.
„Hier entlang.“ Der Affe wies auf einen etwas breiteren Ast. Gerade als Linu meinte, der Ast werde zu dünn für ihr Gewicht, entdeckte sie die Brücke. Es war eine Hängebrücke, die den Baum mit dem nächsten verband und als sie den Blick hob, erkannte sie, dass fast alle Bäume im Umkreis spinnennetzartig miteinander verbunden waren. Ein guter Teil dessen, was vom Boden aussah wie Äste, mussten Brücken und Stege sein. Ihre Begleiter führten sie von Baum zu Baum, über Podeste, an Hütten vorbei und bald hatte Linu jede Orientierung verloren. Erst, als sie sicher war, dass sie im Kreis herum gingen, hielten sie an. Die Plattform, die sie nun betraten, war riesig. Sie umschlang unzählige Bäume, bot Platz für ganze Reihen von Hütten und verfügte über einen künstliche angelegten Wasserlauf, der überall mithilfe der hölzernen Bahnen in Hütten abzweigte, kleine Schaufelräder antrieb und schließlich in die Tiefe hinab stürzte. Sie gingen an Verkaufsständen vorbei, an Werkstätten und blieben schließlich auf einem freien Platz stehen, der einem Viertelkreis entsprach und dessen Spitze von einem kunstvoll verzierten Unterstand mit einem großen Stuhl eingenommen wurde. „Das ist nicht einfach ein Stuhl“, dachte Linu. „Das ist ein Thron.“
„Hinknien und warten“, befahl der Affe und Linu und Taal taten wie ihnen geheißen. Sie wechselten kurz einen ängstlichen Blick, ehe der Affe Linu mit dem Fuß anstieß und sie eilig nach unten auf die Holzplanken sah.
Die Zeit zog sich unbarmherzig. Linu hörte allerlei Geräusche, Füße trappelten über den Boden, Stimmen hoben und senkten sich in einer fremden Sprache und in der Ferne klapperte und knackte es.
Dann wurde es plötzlich still. Was passierte um sie herum? Linu zwang sich, den Blick unten zu halten und erschrak, als eine Stimme ertönte, so laut, als spräche ihr jemand direkt ins Ohr.
„Vor langer Zeit haben die Simearu dem Vogelvolk Zuflucht in ihrer Heimat gewährt. Wir haben es geduldet, ihnen Land überlassen, ihnen das Leben geschenkt und es gab nur eine einzige Bedingung, nur eine!“ Die Stimme pausierte und fuhr dann wesentlich leiser fort, dafür mit einem bedrohlicheren Ton.
„Niemals dürfen sie in den Wald vordringen, niemals dürfen sie die heiligen Gipfel besteigen, niemals dürfen sie in den Himmel steigen und die Sonne verdunkeln, unsere Mutter. Und doch versuchen sie es wieder und wieder. Wir erlauben ihnen Holz zu nehmen, Kräuter und Pilze zu sammeln, doch sie kriegen nicht genug. Sie wollen unsere Heimat.“
Linus Kopf wurde nach oben gezogen. Der Thron war nicht länger leer. Ein großer Affe mit einem langen Bart saß dort, in eine prächtige mit Blüten verzierten Tunika gehüllt und einer Krone auf dem Kopf. Zu beiden Seiten postierten bewaffnete Wächter und auf den Mund des Herrschers war das kleine Ende eines geschwungenen Holzrohres gerichtet, dass seine Stimme verstärkte. Links und rechts standen Schalen, in denen Feuer tanzte.
„Ihr da“, wandte er sich direkt an Linu und Taal. „Seid ihr nicht gekommen, um unser Land zu nehmen, uns auszuspionieren, unsere Reichtümer zu stehlen und die heiligen Berge in eure Gewalt zu bringen? Sprecht rasch!“
„Aber nein, großer… Herrscher“, sagte Linu schnell und verbeugte sich leicht. „Wir möchten nichts davon. Wir sind auf der Suche nach der Wahrheit und man sagt, niemand sei weiser als Ihr.“ Woher das gekommen war, konnte Linu nicht sagen. Sie hatte vollkommen instinktiv gehandelt.
„Wahrheit, hm? Also möchtet ihr uns ausspionieren!“ Das Gesicht des Oberhaupts war wütend, doch seine Stimme verriet ihn. Linus Worte hatten dem Affen geschmeichelt. „Wieso sollten wir unser Wissen mit euch teilen?“
„Wir werden dafür bezahlen“, sagte nun Taal.
„Bezahlen, ja?“ Er lachte schallend. Taal griff zu seiner Tasche, um die Schätze vom Strand hervor zu holen, da legte ihm ein Affe den Speer an den Hals.
„Lasst ihn“, befahl der Herrscher. „Ich habe überall Scharfschützen postiert.“
Linu beobachtete den Affen, als Taal die Perlen und Muscheln vor sich auf dem Boden ausbreitete. Seine Augen wurden einen Moment groß, dann verengten sie sich zu Schlitzen.
„Was soll ich damit? Um die ganze Insel herum kann ich diesen Krempel sammeln.“
Taal öffnete den Mund, doch ihm fehlten die Worte, etwas, dass Linu selten erlebt hatte. „Und doch tut ihr es nicht“, sagte sie stattdessen. „Denn ich sehe nichts davon. Ihr fürchtet euch vor dem Meer, ist es nicht so?“
„Ich habe Hallen voller Schätzen wie diesen.“
„Nein habt Ihr nicht“, beharrte Linu, doch ihre Unsicherheit wuchs. Konnte sie sich getäuscht haben?
„Lasst es mich aus der Nähe sehen.“ Mit einem Wink schickte er einen der Leibwächter zu Taal. Der Affe sammelte alles ein und brachte es seinem Herrscher, der begann die Schätze eingehend zu studieren.
„Gut… gut“, sagte er schließlich. „Und welches Wissen begehrt ihr hierfür?“
„Wir wüssten gerne, was ihr über unser Volk wisst.“
Der Affe begann laut los zu lachen. Er lachte und lachte und schien gar nicht mehr aufhören zu können.
„Ihr… ihr fragt uns nach eurem eigenen Volk?“ Das Lachen ging in Husten über und versiegte schließlich. „Also gut, ich werde euch geben, was ihr wünscht: ihr habt zwei Gestalten, könnt sowohl Mensch als auch Vogel sein und ihr bewohnt die Ebenen Caerons, weil wir es euch erlauben. Ihr betet zu Ralon, dem Gott des Himmels und Bruder von Mana, Göttin von Sonne, Licht und Feuer. Ihr seid arrogant und besitzergreifend und doch so dumm, dass ihr selbst nicht wisst, wer ihr seid.“ Er grinste bösartig. „Und nun, da wir Quitt sein, sperrt sie weg!“
„Was?“ Linu war fassungslos. „Ihr habt bloß irgendwelche allgemein bekannten Fakten aufgezählt!“
„Ich habe deine Frage beantwortet, ungezogenes Gör. Ich habe euch gesagt, was ich weiß. Wegsperren!“, brüllte er. Mehrere Wächter ergriffen die beiden Aviare hart und zerrten sie vom Platz, vorbei an Massen von Affen, die sich hinter ihnen versammelt hatten, um dem Schauspiel beizuwohnen.


Rak

Sie erreichten Grauenstein mit der Abenddämmerung. Die Burg war ganz anders als Kalkstein. Sie war grau wie der Fels, mit dem sie zu verschmelzen schien, ihr Querschnitt war viereckig und das Gemäuer gleichmäßig bis auf die Unterbrechungen der in regelmäßigen Abständen platzierten Fensterlöcher. Weiter unten gab es kaum Öffnungen und wenn, waren diese deutlich kleiner als in den höheren Ebenen. Es gab vier Ecktürme mit klobigen Zinnen, die auch die Wehrgänge dazwischen zierten. Obwohl die Anlage viel kleiner war als Burg Kalkstein, wirkte sie wuchtiger, da ihr die Eleganz und die filigranen Elemente fehlten. Auch die Umgebung unterschied sich deutlich. Krinkgard lag im Grünen, Grauenstein hingegen machte seinem Namen alle Ehre.
Sie ritten durch das dem Gut zugehörige Dorf, vorbei an einer kleinen Kapelle und wurden schließlich am Tor der Burg von einem beleibten Mann in teurer Kleidung empfangen.
„Willkommen zurück“, sagte er mit auffallend hoher Stimme.
„Hofmeister Vresus“
Holon stieg von seinem Pferd und verneigte sich, also tat Rak es ihm nach.
„Lord Sarkis ist außer Haus, doch Eure Räume sind vorbereitet, ebenso ein kleines Nachtmahl. Heja, Ben!“ rief er plötzlich in Richtung der Stallungen. „Bring die Pferde unserer Gäste in freie Boxen und gib ihnen Heu.“
Ein Junge kaum älter als Rak, aber deutlich größer und schlaksiger, kam angelaufen, verbeugte sich wortlos und nahm die Zügel der beiden Tiere.
„Unser Stallbursche“, erklärte Vresus unnötigerweise; „ein guter Junge, wenn auch nicht die hellste Leuchte.“ Er lachte hoch und schneidend.
„Wann wird seine Lordschaft zurück erwartet?“, fragte Holon den Beamten, als sie zur Burg schritten.
„Gleich morgen früh. Er weilt bei einem Vasall an der Grenze zu Mildir.“
„Hat er Anweisungen hinterlassen?“
„Nur eine, mein Herr: fühlt Euch wie zu Hause.“

Rak hatte noch nie so ein prächtiges Zimmer gesehen. Boden, Wände und Decke waren mit verziertem Holz verkleidet, in einem Eck loderte ein Kamin und in der Mitte stand ein riesiges Bett mit Türmen von Kissen und Vorhängen auf allen Seiten. Nach dem rustikalen Aussehen von Burg Grauenstein, hatte er nackte Steinwände, Dunkelheit und Kälte erwartet, doch man hatte überall Fackeln entzündet, die zwar stanken und qualmten, doch ein warmes Licht in die Gänge und Zimmer warfen und das Feuer in seinem Gemach strahlte eine angenehme Wärme aus. Sahen so die Räumlichkeiten der Königsfamilie aus oder waren sie gar noch atemberaubender? Rak konnte sich kaum vorstellen, was diesen Raum noch übertreffen konnte und nahm sich fest vor, dem Lord ausgiebig zu danken. Sein Gemach hatte sogar ein kleines Fenster, das mit Scheiben aus poliertem Horn bespannt war. Hinausblicken konnte er leider nicht, wurde dafür aber vom gröbsten Zug geschützt. Der Junge ließ sich auf das Bett plumpsen, das angenehm weich war. Auf den Kissen waren Bündel duftender Kräuter platziert, die er nicht kannte. Am liebsten hätte Rak jedes kleine Eck untersucht, doch eine Dienerin klopfte und trat ein.
„Mein Herr“, sagte sie schüchtern mit einem Knicks, „Meister Holon bittet Euch mit ihm zu speisen. Wenn Ihr mir bitte folgen mögt?“
Mein Herr… Rak konnte sich ein kleines Grinsen nicht verkneifen und folgte dem Mädchen die enge Wendeltreppe ein Stockwerk nach unten. Holon saß schon bei Tisch und wies mit der Hand auf den einzigen anderen eingedeckten Platz an der großen Tafel. Vorsichtig nahm Rak Platz und zuckte zusammen, als der schwere Holzstuhl laut über die Steinfliesen kratzte.
„Bist du mit Tischmanieren vertraut, Junge?“, fragte Holon.
Rak nickte. „Mein Vater legt viel Wert darauf.“
Sein Gegenüber zog die Augenbrauen hoch. Ob aus Anerkennung oder Zweifel, vermochte Rak nicht zu deuten. „Zeig es mir. Dann werden wir sehen, ob es für ein Mahl mit seiner Lordschaft genügt.“
Das Gedeck bestand aus einem kleinen Tablett wie Rak es noch nie gesehen hatte, einem Löffel und einem Trinkgefäß aus Horn.
„Du hast kein Messer“, stellte Holon fest und reichte ihm eines. „Achte gut darauf. Es wird erwartet, dass du eines mit an die Tafel bringst.“
Der blonde Mann läutete eine kleine Glocke und kurz darauf traten zwei Diener ein und brachten mehrere Schalen mit dampfenden Speisen. Rak hatte Hunger wie ein Berglöwe und der Geruch von gekochtem Fleisch und Gemüse ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Trotzdem wartete er geduldig, bis er an der Reihe war. Unterdessen füllte einer der Diener sein Gefäß mit dickflüssigem Bier und zog sich zurück.
Holon griff sich eine Scheibe flachen Brotes und schaufelte Eintopf aus einer der Holzschalen darauf. Erst als er begann, Stücke von dem Brot abzureißen und zu essen, griff Rak ebenfalls nach den Speisen.
„Mhm“, schüttelte Holon den Kopf, schluckte hinunter und bat Rak ihm seine Hände zu zeigen. „In Zukunft wirst du deine Hände reinigen, bevor du an die Tafel trittst.“ Ärgerlich schloss Rak die Augen. Wie oft hatte Vater ihm genau dasselbe gesagt? „Für heute soll es genügen, greif zu.“
Es war köstlich. Das Fleisch war zart, nicht so sehnig wie zu Hause, wenn Mutter sich mit den Resten begnügen musste, die nicht an die königliche Küche gegangen waren, und die Sauce war bereichert mit fremden Gewürzen. Rak bemühte sich nicht allzu sehr zu schlingen und saugte anschließend jedes Bisschen Flüssigkeit vom Tablett. Instinktiv wollte er nach dem Tischtuch greifen, um seine Finger abzuwischen, doch Holons Blick ließ in innehalten. Der zweite Gang bestand aus wunderbar gebratenen Wildtauben und zum Abschluss folgten süße Früchte. Als schließlich die Diener mit Waschschalen für die Hände an den Tisch traten, meinte Rak, er müsste jeden Augenblick platzen. „Nicht schlecht. Du weißt mit Messer und Löffel umzugehen. Dein Vater scheint mir ein außergewöhnlicher Mann zu sein, wenn er in seinem Stand“ – „Wir sind keine Bettler!“, unterbrach ihn Rak wütend. „Meine Eltern sing gute und ehrliche Leute. Dass sie Bäcker sind, macht sie nicht zu niedrigen Menschen.“ Heiße Tränen stiegen ihm in die Augen, als er wieder an Vater und Mutter dachte, doch er wollte nicht weinen, auf keinen Fall wollte er jetzt weinen.
„Das sage ich auch nicht. Es ist eben nur… besonders.“ Rak biss sich auf die Lippe. „Es ist mir egal, woher ein Mann oder eine Frau stammt, Junge. Du wirst noch merken, dass in unserem Orden nicht die Geburt entscheidet, ob jemand wichtig ist oder nicht. Die Fähigkeiten sind es, die eine Person aus der Masse hervorheben und das Benehmen.“ Er sah Rak durchdringend an, um seine Botschaft zu verstärken und entließ den Jungen dann in die Nachtruhe.

Am nächsten Morgen empfing Lord Sarkis sie direkt nach dem Frühstück, das im Bett eingenommen wurde, in seinem Studierzimmer. Als sie eintraten, kratzte seine große Tintenfeder noch über ein Stück Pergament. „Mylord, Herr Holon Brannes mit einem Jungen“, verkündete ein Bediensteter.
Sarkis sah auf und bedeutete ihnen mit einer Handbewegung sich aufzurichten. Er hatte ein leicht gerötetes Gesicht und trug einen kurzen Bart um den Mund herum, der in der Mitte des Kinns bereits ergraut war. Ansonsten war sein Haar blond mit einer Tendenz zum Rötlichen. Er trug ein dickes Hemd aus schwarzem Samt, das vorne durch Metallschnallen zusammen gehalten wurde. An Hals und Ärmeln spitzten weiße Rüschen hervor.
„Seid gegrüßt. Ich hoffe, Euer bisheriger Aufenthalt war Euren Ansprüchen entsprechend.“
„Habt Dank, Mylord“, antwortete Holon.
Der Lord erhob sich von seinem Stuhl und ging um den großen polierten Holzschreibtisch herum. Er war ein großer Mann mit muskulöser Statur. „Ist alles reibungslos verlaufen, Meister Brannes?“
„Ja, Mylord. Die Eltern des Jungen waren geehrt, dass ihr Junge für eine besondere Ausbildung erwählt wurde.“
Reflexartig sah Rak zu Holon. Was erzählte er da?
„Gut, gut“, sagte Sarkis, dem Raks Überraschung entgangen zu sein schien. „Sagt, wann erwägt ihr zur Akademie zu reisen?“
„Ich plante morgen aufzubrechen.“
Auch dies waren Neuigkeiten für Rak, der gedacht hatte, sie hätten ihr Ziel bereits erreicht.
„Vortrefflich!“, rief Sarkis und klatschte in die Hände. „In diesem Fall würde ich mich freuen, Euch heute Abend bei meinem Bankett begrüßen zu dürfen. Und nun entschuldigt mich bitte, ich habe zu tun.“

„Was“, setzte Rak an, als sie aus dem Raum waren und die Treppe hinabstiegen, doch Holon unterbrach ihn.
„Erinnerst du dich, was ich dir unterwegs gesagt habe? Die genauen Umstände unserer Begegnung sind unerheblich.“
„Und was, wenn nun jemand meine Eltern auf diese Ehre“, er betonte das Wort ironisch, „anspricht? Du hättest dir schon etwas Besseres ausdenken können.“
Holon atmete tief ein. „Rak“, begann er. „Niemand wird deine Eltern ansprechen. Ich denke nicht, dass… ich meine…“
„Du willst sagen, sie sind tot.“ Schon zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit kämpfte Rak mit den Tränen, als Holon mit traurigem Blick nickte. Es war ein kleiner Faden der Hoffnung, an den er sich geklammert hatte und nun war er ihm durch die Finger geglitten. Mit größter Anstrengung schaffte Rak es in sein Gemach, ehe die angestaute Trauer aus ihm heraus brach und er weinte und schluchzte wie er es noch nie zuvor in seinem Leben getan hatte. Schuld und Wut mischten sich unter den Schmerz des Verlustes und der Junge schwor alles dafür zu tun, dass es nicht umsonst gewesen war, dass seine Eltern von oben mit Stolz auf ihn herabsehen würden.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#8

Beitragvon Jaro Ballivòr » Di 7. Nov 2017, 18:31

Triborin

Trotz der Gefahr, entdeckt zu werden, ritt Triborin weiter auf der Straße. Es war der schnellste Weg und er hatte es eiliger denn je. Sich abseits der Hauptroute zu verirren war um Einiges riskanter. Und überhaupt, woher sollten die Westmänner wissen, dass er derjenige war, der ihre Männer getötet hatte? Von den Kriegern war keiner übrig, der Bericht hätte erstatten können und falls sie die flüchtigen Dörfler zu fassen kriegten, um sie zu verhören, würde Triborin bis dahin schon jenseits der südlichen Grenze sein. Er musste hoffen, dass die Informationen, die er vor seiner Reise erhalten hatte, stimmten und diese Grenze unbewacht war. Noch immer grübelte er über die Beweggründe des Königs Männer nach, eigene Leute in deren Dorf, weit entfernt vom Hof, niederzumetzeln. Stand Vesperion am Rande eines Bürgerkrieges? War das der Grund, warum es zuletzt nach langer Zeit wieder eine große Ratssitzung gegeben hatte? Nach allem, was Triborin über König Krinkar wusste, entsprach solch ein Vorgehen nicht seiner Art. Er war als sanftmütiger und gerechter Herrscher bekannt, der genau aus diesem Grund natürlich auch Feinde hatte. Es war durchaus denkbar, dass hier Verrat und Intrige am Werk war. Das Verhältnis zu Vesperion war für seine Heimat nicht unbedeutend. Die Westmänner waren nicht nur wichtige Handelspartner sondern auch Lacharys‘ Verbindung in den Süden. Bräche in Vesperion Krieg aus oder schottete sich das Land ab, waren die Dunkelelfen nahezu isoliert. Die Grenze zu Grakia, dem Zwergenland, war so gut wie unpassierbar und auch das Verhältnis zu dem kleinen Volk war mäßig, wurde nur noch von dem zu den Alben unterboten. Der Verlust von Vesperion als Verbündeten bedeutete vollkommene Abgeschnittenheit oder Abhängigkeit von Mildir, beides Zustände, die inakzeptabel waren.
Es war fern seines Auftrages, doch Triborin sah es in seiner Pflicht, mehr über die aktuellen Ereignisse in Vesperion zu erfahren und nach seiner Rückkehr seinem Lord zu berichten. Noch ein Grund, sich an die Straße zu halten und zu sehen, wer sonst noch unterwegs war und über was man sprach.

Eines Abends beschloss der Dunkelelf ein noch größeres Wagnis einzugehen und in einem Ort zu rasten. Die letzten Nächte hatte er stets unter freiem Himmel geschlafen und er sehnte ihn nach warmen Speisen, einem Bier und einem weichen Bett. Von weit hatte er den Rauch der Schornsteine erspähen können und als er näher kam, erkannte er, dass es sich um eine größere Siedlung handelte. Zufrieden lächelte er. Je größer ein Ort, desto höher die Anonymität. Kurz überlegte er dennoch, sein Pferd in einem kleinen, an die Straße angrenzenden Waldstück zu lassen. Sollte er in einen Hinterhalt geraten, würden sie mit Sicherheit zuerst versuchen, ihm sein Reittier zu nehmen und in der freien Wildbahn konnte es sich besser wehren oder notfalls davon laufen, als in einer kleinen Box irgendeines Stalls. Schließlich nahm er seinen Hengst doch mit, zu groß war sein Vertrauen, dass sie nichts über ihn wussten und ein wenig gehaltvolleres Futter würde dem schwarzen Knaben ohnehin gut tun.
Der kleine Gasthof war dunkel und stickig, Boden und Tische klebten von Speiseresten und verschütteten Getränken und die Decke war so niedrig, dass Triborin sich ducken musste. Die Mahlzeit hingegen war vorzüglich und auch das Starkbier, für das die Menschen bekannt waren, fand Triborins Zuspruch. Es waren kaum Leute im Schankraum. Im Eck saß eine alte Frau, tief über eine dampfende Tasse gebeugt, am Tresen saßen zwei stämmige Burschen und ansonsten war nur der bucklige Wirt zugegen, der nicht ein Wort verloren hatte, seit Triborin eingetreten war und schließlich schon früh die wenigen Lichter löschte, die den Raum mäßig erhellt hatten. Triborin sollte es recht sein. Die angenehme Schläfrigkeit eines vollen Bauches hatte ihn in Beschlag genommen und da auch die anderen Gäste gegangen waren, würde er hier keine Informationen sammeln können.

Das Klirren von Schwertern und Geschrei auf der Straße weckte ihn. Triborin warf die Decke zurück und ging zu dem kleinen, offenen Fenster seines Zimmers. Nach der Wärme der Decken fröstelte ihn. Es musste mitten in der Nacht sein. Die Seite an Seite gebauten Häuser waren dunkel bis auf eines, das die benachbarten Gebäude auch in der Höhe überragte. In seinen bespannten Fenstern schimmerte Licht und auf der Straße davor herrschte Aufruhr. Gerüstete Krieger, hoch zu Pferd, warteten mit Fackeln in der Hand an der Türe, während Fußsoldaten einige wütende Bürger in Schach hielten. Die berittenen Männer, da war er sich sicher, waren erfahrene Ritter. Mit etwas Anstrengung gelang es Triborin, ein paar der Wortfetzen über den Lärm hinweg einzufangen, die einer der Reiter an die Bewohner des Hauses richtete.
„… wiederhole… im Namen des Königs … Sicherheit. Verlasst dieses Haus… Vesport. Oder“, dieses Wort schrie er förmlich und wurde danach so leise, dass der Dunkelelf nichts weiter verstehen konnte. Vesport war die Hauptstadt und Sitz von König Krinkar und jemand sollte dort hingebracht werden; jemand, der dem Gebäude nach offensichtlich nicht mittellos, oder zumindest bei wohlhabenden Leuten untergekommen war.
Die Ritter versuchten nun, sich gewaltsam Eintritt zu verschaffen, ließen ihre Pferde gegen die Türe ausschlagen, versuchten sogar sie mit einer Fackel zu entzünden, doch sie hielt stand. Die Fußsoldaten hatten immer größere Schwierigkeiten die wachsende Menge tobender Bürger, Männer wie Frauen, in Schach zu halten, von denen einige mit Schwertern bewaffnet waren. „Noch haben sie niemanden getötet“, stellte Triborin fest. Wieso? Fürchteten sie sich vor der Masse? Das andere überfallene Dorf war viel kleiner, die Leute ärmer gewesen. Der Dunkelelf zweifelte nicht einen Moment, dass die Vorfälle miteinander zu tun hatten. Gebannt beobachtete er die Szene, hielt Ausschau nach möglichen Hinweisen und versuchte verkrampft, die Worte zu verstehen, die gesprochen wurden. Alles was er verstehen konnte, waren die wütenden und verzweifelten Ausrufe aus dem Pulk, wie „Mörder“, „Tod“ oder „nicht mein Sohn!“… und noch etwas anderes. Es wuchs aus dem Gemurmel heraus, als stimmten immer mehr Leute ein, wurde deutlicher und deutlicher, bis er nicht länger leugnen konnte, was er verstand. „Der schwarze Reiter wird euch holen.“

Triborins Herzschlag setzte einen Moment aus. Wie hatte die Kunde so schnell hierher gelangen können? Mittlerweile schien es, als sänge die ganze Stadt im Chor, während die Ritter noch immer auf die Tür einschlugen, noch immer ohne Erfolg. Wer hatte ihn alles gesehen? Der Wirt, die anderen aus dem Schankraum und davor… Er gab auf. Jeder konnte ihn gesehen haben, als er die mit Kopfsteinpflaster ausgelegte Hauptstraße entlang geritten war. „Sie wissen, dass ich hier bin.“ Die Erkenntnis löste ihn aus seiner Starre. Er musste weg, musste sein Pferd hohlen, bevor es jemand anderes tat. Der Stall führte zur anderen Seite des Gasthofes hinaus. Solange der Tumult tobte, könnte er unbemerkt davon reiten und so schnell es ging nach Solterra fliehen.
Gerade als er zum Bett eilen, sich ankleiden und seine wenigen Sachen packen wollte, ertönte der Klang eines Horns. Triborin schloss in bitterer Erkenntnis die Augen. Er kannte diesen Klang. Unzählige Male hatte er in der Akademie die Merkmale des rivalisierenden Volkes herunterbeten müssen. Triborin hätte es selbst in nahender Ohnmacht noch zuordnen können: Das war ein Albenhorn… Schnell legte er seine Lederuniform an, befestigte die Armbrust und das Schwert, warf sich den Mantel über die Schultern und stopfte den Rest seiner Habe hektisch in die Satteltasche. Auf der Straße war es ruhig geworden und er konnte der Neugierde nicht widerstehen. Außerdem… wüssten sie wo er sich aufhielt, hätten sie dann nicht schon jemanden nach ihm geschickt? Vorsichtig näherte er sich dem Fenster und blickte hinaus. Die Augen aller Menschen waren in eine Richtung gerichtet, ihre Münder standen teilweise offen. Zwölf Alben bewegten sich mit langsamen Schritten auf die Gruppe zu. Sie gingen jeweils zu dritt nebeneinander und die äußeren trugen grüne Laternen, die viel mehr Licht verbreiteten, als die lodernden Fackeln der Ritter. Sie waren allesamt in dunkelgrüne Umhänge gehüllt, die bis zum Boden reichten und trugen goldene Helme. Hellbraunes bis rotes Haar floss wie dunkler Honig über ihre Schultern und den Rücken hinab. Beim Gehen verursachten sie nicht den geringsten Laut und blieben mit mechanischer Gleichzeitigkeit unweit der Menschentraube stehen.
„Haltet ein mit diesem Unsinn!“, durchbrach ein Alb schließlich die Stille. Er trat vor und zog ein langes, silbrig leuchtendes Schwert unter dem Umhang hervor. „Eine Mondklinge“, flüsterte Triborin. Ängstlich wichen die Menschen zur Seite, stolperten dabei übereinander wie zusammengetriebene Ratten, den Blick nicht einen Moment von dem Fremden lösend. Auch die Krieger und die Reiter machten ohne ein einziges Wort Platz. „Auf diese Weise werdet ihr die Türe niemals öffnen. Sie ist… geschützt.“ Der Alb ging nahe an das Haus heran. Triborin kniff die Augen zusammen, rückte, alle Vorsicht beiseite schiebend, wieder näher an das Fenster, um im flackernden Licht der Fackeln zu sehen, was geschah. Die Flammen spiegelten sich in dem hellen Schwert, hoch über den Kopf erhoben, dann war es verschwunden. Mit einer gleichmäßigen Bewegung senkte der Alb die Arme und im selben Moment, in dem das Schwert wieder zum Vorschein kam, schwangen die Flügel der Tür wie von Geisterhand nach außen auf. In dem Licht, das aus dem Gebäude strömte, konnte Triborin die schweren Riegel sehen, sauber durchtrennt mit einer einzigen, flüssigen Bewegung des Schwertes. Also stimmten die Legenden über die Mondklingen. Nur Zwerge vermochten sie zu schmieden und selten verließ eine solche Waffe seine Geburtsstätte in Grakia. Wer war dieser Mann?
„Stürmen“, sagte er emotionslos und nach einem kurzen Zögern drangen die Krieger Vesperions in das Gebäude ein. Die Alben aber blieben davor stehen, ebenso die vor Furcht gelähmten Menschen. Das war seine Chance. Solange der Überfall auf das Haus im Fokus lag, konnte er fliehen. Er warf einen letzten Blick auf die Gruppe Alben, die alle stur geradeaus blickten. Alle außer einer. Vor Schreck zuckte Triborin zusammen. Wie lange beobachtete er ihn schon? „Sieh genau hin“, sagte er sich. Augen wie Smaragde, das Haar der Farbe von Kastanien gleich und hohe Wangen, die von den Wangenleisten des Helms nur ungenügend verdeckt wurden. Dieser Alb war eine Frau. Es war Liena.


Linu

Die große Baumsiedlung hatte mehrere Ebenen und die Zellen von Linu und Taal befanden sich in keiner davon. Sie wurden in eckige Käfige gesperrt, deren Wände und Decke gitterartiger Struktur waren und mit kräftigen Seilen ein paar Meter hinab gelassen. Linu war froh, dass die böigen Küstenwinde ihren Weg nicht bis in den Wald fanden. Das leichte Schaukeln durch die hiesigen Luftzüge reichte vollkommen, um ihr ein immer währendes mulmiges Gefühl in der Magengegend zu bereiten. Zudem hatten sie Hunger. Taal hatte ihr den Rücken zugewandt und schien zu schlafen. Im Gegensatz zu ihr, die von Fassungslosigkeit und Panik befallen worden war, hatte ihr Freund weiterhin Ruhe ausgestrahlt.
„Noch ist nichts geschehen“, hatte er ihr zugeflüstert, während die Käfige vorbereitet wurden. „Hast du mit einem Ehrenempfang gerechnet? Wenn sie nicht interessiert an uns wären, hätten sie uns umgebracht, oder nicht?“ Es hatte sie ein wenig beruhigt, doch nun begann das Unbehagen wieder zu wachsen. Was, wenn die Affen sie einfach in diesen Käfigen würden verrotten lassen? Gerne hätte Linu noch mehr mit Taal besprochen, doch sein Käfig hing so weit entfernt, dass sie sich nicht leise unterhalten konnten und man auf der Plattform darüber jedes Wort würde verstehen können. Sie griff das Gitter des Käfigs. Die verflochtenen Äste waren so dick wie ihr kleiner Finger, starr und unbeweglich. „Und wenn du ein Loch hineinarbeiten könntest“, dachte Linu, „was dann? Du hast sie gehört. Wenn du dich verwandelst, wirst du sofort vom Himmel geschossen.“ Trotz dieser Bedenken, begann Linu zu zweifeln, dass die Affen sie so einfach abschießen könnten. Die Käfige waren eine Vorsichtsmaßnahme. Ihr war nicht entgangen, dass es auf der untersten Ebene viele Hängegefängnisse ohne seitliches Gerüst gegeben hatte. Flugunfähige Feinde wurden zur zusätzlichen Folter mit Sicherheit darauf hinabgelassen, ständig in der Furcht, im Schlaf über den Rand zu rollen und in die Tiefe zu stürzen.
Das Mädchen blickte in die Ferne soweit es der Wald zuließ. Obwohl sie dem Gebirge sehr nahe sein mussten, konnte sie nichts ausmachen als das allgegenwärtige Grün getragen von braunen und roten Säulen. Eigentlich, so kam ihr plötzlich in den Sinn, waren sie schon viel weiter gekommen, als man ihnen im Dorf zugetraut hätte, zwei Kindern, die ohne besondere Ausrüstung, ohne tiefere Kenntnisse einfach los gezogen waren. Sie hatten es tief in den Wald geschafft, hatten die Affen gefunden und sogar mit ihnen gesprochen. Und es gab noch etwas, was sie durch die bisherige Reise gewonnen hatten. Linu dachte an den gierigen Blick des Oberhaupts, als sie die Schätze des Meeres ausgepackt hatten, an die Art und Weise, mit der er sie studiert und begutachtet hatte. Eines hatten sie bereits herausgefunden: Großvater Mins Geschichten waren nicht bloß Hirngespinste und das bedeutete, dass auch der neugierige Abenteurer Gemby wirklich existieren konnte; oder zumindest einmal existiert hatte.

Linu musste in einen unruhigen Schlaf gefallen sein, denn als sie die Augen aufschlug, war es bereits dunkel. Ihr Magen knurrte fürchterlich. Der Duft von gebratenem Fleisch lag in der Luft, von Gewürzen und anderen Köstlichkeiten und verstärkte ihren Hunger ins Unermessliche. Taal war ebenfalls wach. Er saß in seinem Käfig und winkte ihr, deutete nach oben und schaukelte den Körper hin und her, als wollte er ihr etwas sagen. Nach oben zu sehen war zwecklos, es gab nichts zu sehen, als die starken Balken und Planken mit den kleinen, allesamt geschlossenen Luken, durch die die Käfige abgelassen worden waren. Allerdings konnte sie etwas hören. Rhythmische Geräusche, Trommeln, vielleicht das Stampfen von Füßen und Rasseln mischten sich mit einer Melodie, deren Klang Linu fremd war. Das wollte Taal ihr sagen: dort oben war eine Art Fest. Hoffnung keimte in ihr auf. Wo gefeiert wurde, gab es viel zu Essen. Vielleicht würde man ihnen von den Resten geben. Das Mädchen atmete tief und blickte hinunter auf ihren Schatten. Sie hielt inne. Wieso warf sie einen Schatten? Schnell hob sie den Kopf, und tatsächlich: die Luke war geöffnet und gelb-rotes Licht fiel auf sie herab. Es ruckelte kurz, dann bewegte sich ihr Käfig nach oben. Die Seilwinde wurde von einem Affen bedient, den Linu noch nicht gesehen hatte. Er war wesentlich kleiner und schmächtiger, als die Wächter, die sie hierhin eskortiert hatten und tat sich trotz des Flaschenzuges sichtlich schwer damit, sie hochzuziehen. Linus Gefängnis kam Geräuschvoll auf dem Boden auf. „Psst, psst, zu laut, zu laut“, drängte der Affe, obwohl Linu gar nichts hätte tun können. Er wartete nicht auf eine Antwort sondern flitzte in kleinen Trippelschritten zu Taals Luke und holte auch ihren Freund hinauf, bevor er beide Käfige öffnete.
„Fliegen! Ihr müsste jetzt fliegen“, sagte er hektisch. „Schnell, keine Zeit, keine Zeit. Ich reite.“ Mit einem Satz sprang er dem verdutzten Taal auf den Rücken und klammerte sich um dessen Hals.
„Na los, LOS!“
Linu und Taal sahen sich kurz an, dann sprangen sie von der Gefängnisebene, fielen ein Stück in die Tiefe und segelten auf breiten Schwingen in den Wald, einen wimmernden Affen im Gepäck.

Jenseits der Siedlung war es deutlich dunkler, doch die Augen der Aviare sahen auch bei Nacht gut und scharf. Anfangs rechnete Linu damit, jeden Augenblick, von einem Pfeil oder sonst einem Geschoß getroffen zu werden, doch nichts geschah. Es schien, als bliebe ihre Flucht unbemerkt. „Oder sie lassen uns absichtlich entkommen“, fuhr es dem Mädchen durch den Kopf, doch sie verdrängte den Gedanken und konzentrierte sich darauf, Taal und seinem Reiter im Zickzack zwischen den Bäumen hindurch zu folgen. Es war unmöglich auszumachen, in welche Richtung sie flogen, bis die Steilwände des Gebirges plötzlich neben ihn auftauchten. Dunkel und bedrohlich führten sie in die Höhe und die Bäume standen teilweise so dicht am Fels, dass sie kaum zu zweit durch fliegen konnten. Nach unten tat sich ein schwarzes Nichts auf. Die Kronen der Bäume schmiegten sich an den Fels, manche Äste schienen fast hinein zu wachsen und Kletterpflanzen schlängelten sich aus dem Grün heraus auf die Felswand. Der Affe führte sie höher hinauf und sie durchbrachen das Dach aus Blättern und Zweigen und fanden sich vom einen auf den anderen Moment unter einem klaren Sternenhimmel wieder. Die Baumwipfel ähnelten im sanften Licht des Mondes einem grünen, aufgewühlten Meer, ein Eindruck, der durch die vereinzelten, weißen Nebelschwaden nur noch verstärkt wurde. Zu allen Seiten breitete es sich aus und in der Mitte brandete es an die imposanten Schultern des Attalongebirges. Der Fels leuchtete in einem gespenstischen Licht und Linu stellte fest, dass, die Berge sich, aus der Nähe betrachtet, kaum von den Klippen der Inseln unterschieden.
Taal verlangsamte seinen Flug und Linu hielt sich dicht hinter ihm. Eine Weile folgten sie dicht der Kontur der Berge, flogen mal höher, mal tiefer und schließlich landeten sie auf einem kleinen Vorsprung, der neben den sonstigen Rissen und Kratern kaum auszumachen gewesen war. Der Affe sprang von Taals Rücken und die beiden Aviare nahmen menschliche Gestalt an.
„Gleich da“, versicherte ihr Begleiter und führte sie in einen Spalt im Fels, der sich schnell zu einer Höhle verbreiterte. Er nahm etwas von der Wand, kratzte damit über den Stein und das warme Licht einer Fackel erhellte ihnen den Weg. Die Höhle war größer und vor allem höher als gedacht. Neugierig sah Linu sich um. Im flackernden Licht meinte sie allerhand Zeichen und Bilder an den Wänden zu erkennen. Ihre Körper warfen große Schatten auf den Boden und die Seiten und jeder Schritt klang dumpf nach. Ein engerer Gang verband den ersten Raum mit einem zweiten und dieser war nicht nur hell erleuchtet, sondern auch häuslich eingerichtet. Es gab Sitzgelegenheiten, einen krummen Tisch, ein Bett, sogar eine kleine Feuerstelle über der ein verbeulter Topf an einem Dreibein hing.
„Du… du wohnst hier“, stellte Linu fest.
„Ich? Nein, nein, ich nicht“, sagte der Affe mit seinem nervösen Unterton. Linu sah ihn das erste Mal bei vollem Licht. Er war tatsächlich sehr schmächtig, sein Fell war an einigen Stellen leicht verfilzt und er verfügte nicht über den prächtigen Kranz um den Hals, wie es die anderen Affen taten. Seine Bewegungen passten zu seiner Art zu sprechen. Er sah ständig von Seite zu Seite und machte schnelle kleine Schritte.
„Wer dann?“, fragte Linu.
„Der Meister, oh ja. Er hat mich geschickt.“ Er grinste breit. Linu grübelte und suchte Taals Blick. Konnte dies eine Falle sein?
„Der Meister bittet mich und ich führe aus, jawohl“, plapperte er munter weiter.
„Was für ein Meister ist das?“, fragte Taal.
Mein Meister, ja? Der hier natürlich.“ Er zeigte mit einem ledrigen Zeigefinger auf einen großen Korbstuhl und tatsächlich; in mitten von Bergen an Decken, Kissen und Kleidung konnte Linu ein Affengesicht erkennen. Das Fell um den Kopf herum war komplett ergraut und als er schließlich begann sich zu bewegen und die ersten Stoffballen auf den Boden kullerten, kam ein langer weißer Bart zum Vorschein.
„Meister Gemby!“
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#9

Beitragvon Jaro Ballivòr » Mi 8. Nov 2017, 18:50

Anmerkung: ich habe beim letzten Kapitel noch die Worte frohlockte der Affe hinten angefügt, dass man nicht denken könnte, Linu oder Taal sprechen die Worte "Meister Gemby!"


Rak

Hoch oben auf einem der Ecktürme ließ Rak den Blick schweifen. Unter ihm herrschte reges Treiben. Menschen wuselten wie kleine Käfer durch die erdigen Straßen des Dorfes, Kamine rauchten und all die Geräusche mischten sich zu einem leisen, stetigen Brummen. Er sah den Weg, den sie gekommen waren, wie er sich an den Nutzfeldern der Bauern vorbeischlängelte und schließlich im Horizont verschwand. Zu beiden Seiten und hinter der Burg umrahmten Berge den Ort. Ob sie noch weit gehen mussten, bis zu dieser Akademie? Rak war wütend auf Holon, dass er ihm nur so wenige Informationen gab. Auch deshalb hatte er die Einsamkeit gesucht, nachdem er sich beruhigt hatte. Die Wendeltreppe hatte ihn so weit nach oben geführt wie es ging und die Türe zum Turm war offen gewesen. Nach einiger Zeit war ein Ritter vorbei gekommen, der die Wehrgänge patrouillierte, doch er hatte den Jungen keines Blickes gewürdigt und war einfach weiter gegangen.
Rak seufzte, legte den Kopf auf seinen Armen in einer Zinnlücke ab und beobachtete eine Weile einen Vogel seine Kreise ziehen. Der Himmel war von einem hellen Blau, vereinzelt mit ein paar Schleierwolken belegt und die Sonne hatte ihren höchsten Punkt bereits passiert. Rak wusste nicht so recht, ob er sich auf das Bankett am Abend freuen sollte. Er war gespannt auf die Speisen, das schon, doch er war nervös wegen der anderen Gäste, mit Sicherheit alle adlige, wohlhabende und wichtige Leute. Was, wenn jemand ein Gespräch mit ihm begann? Würde er nicht sofort als Niederer erkannt werden? Normalerweise hätte er Holon gefragt, wie er in solch einem Fall reagieren sollte, doch er wollte den Mann gerade nicht sehen. Meister… so hatte der Lord ihn genannt. „Meister der Geheimnisse“, dachte Rak. Einerseits war er sehr gespannt, was ihn in diesem Orden, den Holon erwähnt hatte, erwartete, andererseits regte sich ein zorniger Trotz in ihm, ihnen die Tour zu versauen und einfach abzuhauen. Offensichtlich brachten sie ziemliche Mühen für ihn auf und dafür, dass alles genau so ablief, wie sie es sich wünschten.
Ein neuer Gedanke kam ihm und er grinste bitter. Was, wenn sich herausstellte, dass er gar keine dieser besonderen Fähigkeiten hätte? Würde Holon ihn dann zurückschicken, ihm seinem Schicksal überlassen? Gesteinselementar… was sollte er sich darunter vorstellen? Er richtete sich auf und strich mit den Händen über die Mauer. Kalter, rauer Stein; nichts Ungewöhnliches. Verstohlen blickte er sich um, ob er auch wirklich alleine war, ging mit dem Kopf näher an die Wand heran und lauschte. Nichts… oder? Er schloss die Augen und versuchte ganz angestrengt zu hören. War da etwas wie ein Pochen, ein sanftes Pulsieren? Es klang wie Hammerschläge, doch weit entfernt und gedämpft. Ihm wehte das dunkle Haar ins Gesicht und das ungewöhnlich laute Rauschen des Windes überlagerte die Geräusche, die er zu hören glaubte. Als die Böe nachließ, konnte er auch das dumpfe Klopfen nicht mehr finden. Hatte er es sich nur eingebildet? Verwirrt wandte sich Rak von der Mauer ab und fuhr zusammen. Holon stand direkt neben ihm.
„Und, was hast du gehört?“, fragte er gerade heraus.
„Ich… nichts“, antwortete Rak, dessen Herz von dem Schreck laut in seinen Ohren klopfte. „Wie das Geräusch im Stein, der Herzschlag des Gemäuers“, dachte er halb im Spott.
„Schade“, entgegnete Holon und durchbohrte ihn mit seinen blauen Augen. „Aber ich wollte dich sowieso wegen etwas anderem sehen. Es geht um deine Abendgarderobe.“
Mit einer Handbewegung bedeutete er Rak, ihm zu folgen und drehte ab. Anstelle die Wendeltreppe hinunter zu nehmen, schritt er den Wehrgang entlang in Richtung eines der anderen Türme. Mürrisch ging Rak hinterher. Auch beim nächsten Turm stiegen sich nicht hinab, sondern bogen auf die andere Burgseite, bis Holon etwa in der Mitte stehen blieb. „Sieh hinunter.“
Immer so geheimnisvoll…, dachte Rak und blickte ihn etwas trotzig an, bevor er zum Rand ging und hinab lugte. In Bodennähe war ein Holzgerüst aufgebaut, auf dem Arbeiter standen und an der Burgfassade werkelten. Ansonsten gab es nichts zu sehen. „Was soll hier sein?“, fragte Rak.
„Eine Erklärung… oder nichts. Je nachdem, ob du meine erste Frage richtig beantwortet hast.“ Holon sah ihn ernst an. „Du musst an deinem Ton arbeiten, Junge. Nicht jeder ist so nachsichtig und offen wie ich.“ Während Holon langsam weiter den Gang entlang schritt, die Hände hinter dem Rücken überkreuzt, sah Rak noch einmal die steile Wand der Festung hinab. Ärgerlich darüber, dass Holon ihm dumme Rätsel stellte und er nicht verstand, worauf der Mann hinaus wollte, kniff er die Augen zusammen. „Was zum Teufel soll hier…“, er hielt inne und sah genauer hin. Einer der Arbeiter schwang in langsamem Tempo immer wieder etwas Großes gegen die Mauer. Klopfen, wie von einem Hammer, erinnerte sich Rak an seine eigenen Gedanken. Der leise Ton, der über die Luft zu ihm nach oben drang, klang aber anders. Er war viel leiser und ohne diese Intensität, das Vibrierende und Pulsierende, das er vorher gemeint hatte, wahrzunehmen. Er sah zu Holon, der ihm weiter den Rücken zu gedreht hatte und sich mit langsamen Schritten entfernte. Eilig legte Rak sein Ohr auf den kalten Stein. Dieses Mal brauchte er nicht zu suchen. Sofort erfüllte ihn der dumpfe Klang und die Vibration kitzelte ihn im Gehörgang. Erstaunt wich er zurück und sah instinktiv zu Holon. Die Geräusche waren echt, nicht bloß eine Einbildung. Natürlich wusste er, dass man durch Wände hindurch hören konnte. Immerhin hatte er unzählige Male gelauscht, wenn seine Eltern geheime Dinge besprachen oder die anderen Jugendlichen heimlich etwas ausheckten, doch das hier war anders. Er konnte Laute im Gemäuer hören und das sogar auf der ganz anderen Seite der Burg. Holon war stehen geblieben und blickte Rak mit einem kleinen Lächeln auf dem Gesicht an. Dann legte er den Kopf schief und öffnete die Handflächen in Raks Richtung als wollte er sagen: „Siehst du?“
Sie gingen ein Stück schweigend nebeneinander her. „Frag ruhig“, sagte Holon schließlich. In der Tat hatte Rak schon einige Momente an der Formulierung, wie er die Frage stellen sollte, gefeilt. „Die Steine“, setzte er an, „sind sie lebendig?“
„Alles ist lebendig, Rak“, antwortete Holon. „Man muss nur lernen zuzuhören.“
„Ist das, was ein Gesteinselementar macht? Den Steinen zuhören? Lauschen und Spionieren?“
Holon lachte leise. „Das, mein Junge, ist nur der Anfang. Wenn du gelernt hast, ihnen zuzuhören, wirst du lernen mit ihnen zu sprechen und wenn du geschafft hast, dass sie dir zuhören, wirst du lernen sie zu lenken und zu formen. Sie werden deine treuen Verbündeten, deine Waffe und dein Schutz.“
Aufmerksam hörte Rak zu. Endlich erfuhr er etwas! „Und wie lange dauert es, bis man das schafft?“
Holon lächelte matt. „Dein ganzes Leben.“

Als die Zeit für das Bankett gekommen war, war Raks Laune deutlich besser. Holon hatte ihm ein wenig preisgegeben und er hatte endlich etwas gefunden, das bewies, dass er hier nicht nur in einen schlechten Scherz hinein geraten war. Während ihm seine neuen Kleider präsentiert wurden, war er zusehends unruhig geworden, denn zu gern wollte er durch die Burg streifen und das frisch erworbene Wissen testen. Holon hatte seine Ungeduld mit einem amüsierten Schmunzeln kommentiert und nachdem man dem Jungen gezeigt hatte, wie er was anzuziehen hatte und die letzten Anpassungen festgesteckt worden waren, entließ er ihn auf Erkundungstour.
„Kurz bevor die Sonne untergeht, wirst du angekleidet sein und in deinem Gemach abgeholt“, hatte Holon nur noch angemerkt und schon war Rak durch die Gänge geflitzt und hatte mal hier, mal dort an Wänden, Fußböden, Säulen und Skulpturen gelauscht. Nicht immer hatte er etwas hören können, doch jedes kleine Klopfen, Summen, Kratzen oder Knacken war dadurch umso mehr ein ganz besonderes Erfolgserlebnis. Es war wie eine Schatzsuche. Fast ein wenig widerwillig war er schließlich in sein Gemach zurück gekehrt und hatte die teure Kleidung angelegt. Damit sah er beinahe aus, wie die feinen Töchter und Söhne aus König Warkas‘ Hof, die er sein Leben lang beneidet hatte. Das Hemd war aus viel feinerem Stoff gewebt als seines und das erste Mal trug er andere Farben als grau, beige oder braun. Abgeholt hatte ihn die Dienerin, die ihn auch schon zum Abendmahl mit Holon geleitet hatte, doch sie führte ihn nicht in denselben Saal, sondern ein wenig weiter ins Burginnere und Rak spürte, wie sein Mund aufklappte. Wenn er es nicht besser gewusst hätte, hätte er niemals geglaubt, sich noch im Innern der Burg zu befinden. Der Saal war riesig und mindestens drei Mal so hoch wie sein Schlafgemach. Er musste sich über mehrere Stockwerke erstrecken. Überall brannten Fackeln und in der Mitte hing ein gigantischer metallener Kronleuchter, bestückt mit einer Armee von Kerzen. Mehrere Reihen von Bänken standen senkrecht zu einem erhöhtem Tisch an der Stirnseite, der des Lords Tafel sein musste und alles war feierlich eingedeckt. Panisch griff Rak an seine Hüfte, doch er hatte das Messer, das Holon ihm geschenkt hatte, zum Glück mitgenommen.
Sein Platz befand sich an einer der äußeren Reihen, etwa im vorderen Drittel. Nach und nach füllte sich der Saal und Holon setzte sich neben ihn. „Sie erlauben, mein Herr“, sagte er zwinkernd, bevor er sich hinsetzte und Rak merkte, wie er rot wurde. Das Gemurmel wurde stetig lauter und mit einer Mischung aus Neugierde und Schüchternheit sah Rak sich im Saal um. Es war eine bunte Zusammenstellung aus Mann und Frau, jung und alt und er war sehr froh, dass man ihm neue Kleidung organisiert hatte. Einer war hier edler gekleidet als der nächste. Schließlich betrat auch Lord Sarkis den Raum und augenblicklich nahm der Geräuschpegel ab. Begleitet von einem Ritter schritt er zu seinem Platz ganz in der Mitte und hob seinen Kelch zum Gruß, bevor er sich setzte. Mit lauter Stimme richtete er Worte des Willkommens an seine Gäste, aber Rak hörte nicht einen Ton von dem, was er sagte. Er hatte nur Augen für den Ritter, der sich schräg hinter dem großen Stuhl des Lords postiert hatte und ernst den Blick über die Menge schweifen ließ. Bei Rak angekommen, hielt er kurz inne. Das Herz des Jungen schlug wie wild und er begann zu schwitzen. Er konnte nicht aufhören wie versteinert in das dunkle Gesicht von Sir Kartoff zu starren.
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#10

Beitragvon Jaro Ballivòr » Fr 10. Nov 2017, 17:07

Triborin

Dass Vesperion so etwas wie den Vorgarten von Mildir darstellte, war überall bekannt, auch, wenn es kaum jemand laut aussprach. König Krinkar fraß Sinklar aus der Hand. Aber dass albische Truppen in Vesperion stationiert waren und in Belange der Westmänner eingriffen, waren Neuigkeiten für Triborin und es gab mit Sicherheit einige Personen auf diesem Kontinent, die diese Information nicht stillschweigend aufnehmen würden. „Und scheinbar versuchen sie sogar, Lacharys zu infiltrieren“, dachte er. Konnte es ein Zufall sein, dass er in so kurzer Zeit ein und dieselbe Albe in zwei unterschiedlichen Ländern traf?
„Ruhig“, flüsterte er seinem Pferd zu, dass er Gott sei Dank unversehrt an Ort und Stelle vorgefunden hatte. Er führte es an den Zügeln nach hinten hinaus, in der Hoffnung, er würde nicht bereits erwartet. Liena hatte ihn gesehen. Hatte sie gewusst, dass er da war? Hatte sie ihn vielleicht wirklich seit Kaachor verfolgt? Unmöglich hätte sie mit ihm mithalten können, ohne aufzufallen. Er war lange Strecken geritten und in hohem Tempo. Andererseits war er stets der großen Straße gefolgt. Es wäre nicht nötig gewesen, dass sie ihn die ganze Zeit im Blick hatte.
Sanft lenkte er sein treues Ross in eine kleine Seitengasse, in deren Richtung er den schnellsten Weg aus der Ortschaft vermutete. „Sobald wir fern der Siedlungsstraßen sind, reiten wir“, sagte er halb zu dem Tier, halb zu sich selbst. Das Kopfsteinpflaster zwischen den engstehenden Häusern würde zu viel Lärm verursachen.
„Nicht diesen Weg, schwarzer Reiter“, ertönte eine Stimme von hinten.
Triborin erstarrte. Liena…
„Auf dieser Seite ist die Siedlung umstellt. Besser Ihr kommt mit mir.“
„Wieso sollte ich Euch vertrauen?“, sagte er und drehte sich um.
„Hm“, sie zuckte mit den Schultern. „Mir fällt kein Grund ein. Ihr könntet nachsehen, ob ich Recht habe, doch dann braucht Ihr keine Hilfe mehr. Eure Entscheidung.“
„Warum helft Ihr mir?“
„Unerheblich. Folgt mir oder folgt mir nicht.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Gasse.
Was nun? Triborin wägte im Eiltempo seine Optionen ab. Wenn sie ihn in eine Falle führte? Immerhin hatte er sie gerade noch in einer Gruppe anderer Alben gesehen. Lüge ist des Alben Sprache, Verrat liegt ihm im Blut.
Mit erzwungener Entschlossenheit folgte er weiter der Gasse, in die er eingebogen war. Vielleicht hatte sie Recht und eine Horde Ritter erwartete ihn vor dem Ort. Das wäre immer noch besser, als sich freiwillig in das listige Netz der Alben zu begeben. Sich auszumalen, welcher Status ihm verliehen würde, wenn diese Nachricht in seine Heimat gelangte… Die Mission des Leibgardisten Triborin Tochar endete in albischer Gefangenschaft. In Xarchavas bräuchte er sich in diesem Fall nie wieder blicken lassen.
Die Gasse mündete auf eine etwas größere Straße und Triborin hielt kurz inne und spähte vorsichtig um das Eck. Nichts; die Luft war rein, also führte er sein Pferd hinaus. Es war äußerst still, selbst von dem Tumult auf der anderen Seite des Gasthofes drangen kaum Geräusche herüber. Ob diese Ruhe ein gutes oder schlechtes Zeichen war, vermochte er nicht zu sagen und es würde das Beste sein, diesen Ort so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Ein wenig ärgerte er sich über die Wahl der Straße. Es gab unzählige Abzweigungen, die aufgrund ihrer Enge teilweise nicht einsehbar waren, während man von dort wahrscheinlich einen guten Blick hinaus hatte. Sein Pferd schnaubte leise und drehte die Ohren leicht nach außen. Es hatte etwas gehört. Triborin schärfte alle Sinne auf das Höchste. Ja, er nahm etwas wahr und spürte ein Kribbeln, das ihm die Nackenhaare aufstellte; hinter ihm war ein Mann aus dem Schatten geschlichen. Ruhig wartete er ab, ließ ihn in dem Glauben, er sei unbemerkt. Noch ein wenig näher… jetzt! In einer Bewegung fuhr Triborin herum, zog sein Schwert und schnitt dem Mann die Kehle auf. Er schwang sich auf sein Ross und gab ihm die Sporen. Das war ein Hinterhalt. Weitere Männer drangen aus den Seitengassen und Triborin feuerte mehrmals lautlos seine Armbrust, darauf bedacht, vor allem die Speerträger auszuschalten, bevor ihm eines der Wurfgeschosse im Rücken steckte. Mit den Vorderhufen streckte sein Pferd zwei Soldaten nieder, die mutig genug gewesen waren, in seinen Weg zu laufen. Er ritt nun fast im Galopp durch die enge Straße. Auf keinen Fall durfte er zulassen, dass sie sein Pferd erwischten. Es war nicht nur seine Lebensversicherung, es war ihm auch ein treuer Freund geworden, also stob er an den heraneilenden Männern vorbei, bis er einen Bereich erreichte, in dem die Straße weniger Zuwege hatte und eine scharfe Kurve nahm. Die Angreifer hatte er ein gutes Stück abgehängt. In hohem Tempo fegte er um die Kurve und riss die Zügel hart nach hinten. Hinter der Biegung konnte er den Ortsausgang sehen. Und auch all die kleinen Lichtpunkte, die jenseits davon in der Luft tanzten. Fackeln… Das war nicht bloß eine Horde Ritter, hier wartete ein ganzes Heer. Das Pferd trippelte auf der Stelle, während Triborin weiter die Zügel fest gepackt hatte und in die Nacht spähte, auf das, was ihn vor den Toren der Siedlung erwarten würde. Sie würden ihn töten oder gefangen nehmen und beides würde reichen, Lacharys den Krieg zu erklären, zumal die Alben ihre Finger im Spiel hatten. Lord Xyrius‘ Abwesenheit bei der großen Ratssitzung und ein mordender Irrer aus seiner persönlichen Leibgarde wären genug für Lord Sinklar, die anderen Herrscher von der Notwendigkeit zu überzeugen, gegen die Dunkelelfen vorzugehen. Und lauerten sie nicht schon lange darauf, ihre nördlichen Nachbarn dran zu kriegen? Das durfte auf keinen Fall passieren. Mit einem letzten Blick auf den Ortsausgang, drehte er ab, um den Weg zurück zu nehmen. Er würde ein paar weitere Tote in Kauf nehmen müssen, doch er konnte es schaffen. Im Trab bog er um die Kurve, um anschließend wieder in den Galopp zu beschleunigen, doch dazu kam er nicht. Die Männer hatten sich formiert und erwarteten ihn in einem Halbkreis, geschützt mit Schildern und Speere wie Schwerter bereit zum Angriff. Schnell analysierte Triborin die Situation. Es gab keine Schützen auf den Dächern, doch ihre Formation war strategisch klug gewählt. Einfach durchzubrechen war kaum möglich und doch musste er es versuchen. Seitlich, in der Nähe der Häuser, waren sie schwächer besetzt, dort würde er hineinreiten. Mit einer Hand packte er die Zügel neu, mit der anderen hob er das Krummschwert an. „Lauf mein Freund, so schnell du kannst“, murmelte er und trieb das Ross an. Die Menschen reagierten sofort. Triborin wich einem Speer von links aus, während der zweite Werfer mit seiner Waffe in der Hand und einem kleinen Pfeil im Hals zu Boden ging. Mit dem Fuß trat er gegen einzelne Schilder, um die Männer aus dem Gleichgewicht zu bringen und sein Schwert klirrte gegen gegnerische Waffen und glitt dann und wann ohne großen Wiederstand durch eine Kehle. Im Augenwinkel sah Triborin, wie sie versuchten den Kreis zu schließen, um ihn von beiden Seiten gleichzeitig attackieren zu können. Er musste durchbrechen, bevor es dazu kam. „Lauf Junge, lauf!“, flehte er. Das Ende der Reihen schien in immer weitere Ferne zu rücken, sein linkes Bein schmerzte, wo ein feindliches Schwerter das Leder durchdrungen hatte und ein Wiehern verriet ihm, das auch sein Ross bereits getroffen worden war. Wie in Zeitlupe sah er, dass ein Krieger weiter rechts einen Speer anhob und mit einem kraftvollen Schwung in seine Richtung schleuderte. Er würde genau die Brust seines Pferds treffen und es zu Fall bringen. In Gedanken schon bei seinem harten Aufprall auf dem Boden, nahm Triborin nur undeutlich war, wie zwei Pfeile einschlugen; einer durchbohrte den Hals des Speerwerfers und einer den Schaft seines Geschosses. Das Pferd fiel nicht, Triborin ritt weiter. Neue Pfeile flogen in die Menge und lichteten seinen Weg, sodass der Dunkelelf die Barrikade der Menschen überwinden konnte. Kaum merklich landete jemand hinter ihm auf dem Pferd.
„Törichter Elf! Ihr seid wahrlich so dumm und arrogant wie Euer Ruf verspricht!“, zischte ihm Liena ins Ohr. „Hier entlang!“
Sie führte ihn wieder tiefer in den Ortskern und Triborin gehorchte stillschweigend, noch zu aufgewühlt, um zu antworten, geschweige denn, zu widersprechen.
Die Albe stieß ein trillerndes Pfeifen aus und eine cremefarbene Stute erschien zwischen zwei Häusern. Liena sprang elegant auf ihren Rücken. Selbst in der grauen Düsternis der unbeleuchteten Gasse strahlten ihre Augen hell. Kurz sah sie Triborin wütend an, dann flüsterte sie ihrem Pferd etwas zu, worauf es in einen schnellen Trab verfiel. Vereinzelt drangen noch Geräusche des Tumults aus der Ortschaft, doch je weiter sie sich entfernten, desto leiser wurden sie und bald beschleunigte die Albe ihre Stute. Niemand schien ihnen zu folgen. Der Häuserbestand wurde dünner und schließlich fanden sie sich auf Feldern und Heuwiesen wieder, ohne einer einzigen weiteren Menschenseele begegnet zu sein.
Triborins Kopf rauschte. Liena hatte ihm die Wahrheit gesagt gehabt. Der Ort war im Süden umstellt. Wie hatten sie so schnell herausfinden können, dass er für die Morde vor ein paar Tagen verantwortlich war? Wie hatte die Mobilmachung so zügig von Statten gehen können? Konnte er der Albe wirklich vertrauen? Fragen über Fragen prasselten auf seinen Kopf ein und er fühlte sich ausgezehrt und schmutzig. Der Hauch des Todes haftete ihm noch an, das Blut unzähliger Menschen klebte an seinem Schwert, das er noch immer verkrampft in der Hand hielt und sein Bein pochte in dumpfem Schmerz.
Triborin kontrollierte die Position des Mondes. Sie bewegten sich nach Westen. Nach einer Weile des stillen Trabens schloss er zu Liena auf.
„Wohin reiten wir?“, fragte er leise. „Ich muss nach Süden.“
„Das geht nicht“, antwortete sie knapp. „Wir reiten nach Mildir.“
„Was?“, entfuhr es dem Dunkelelfen und Liena blickte ihn ernst an.
„Ihr habt gesehen, was vor dem Ort los war! Könnt Ihr Euch vorstellen, wie die Grenze aussieht?“
„Und die Grenze zu Mildir wird besser sein?“, entgegnete Triborin.
„Wir werden nicht die Straße nehmen.“
„Ihr werdet mich in Euer eigenes Land schmuggeln?“
Sie antwortete nicht darauf und sah wieder starr noch vorne.
„Wieso?“, bohrte Triborin weiter, da fiel ihm plötzlich etwas anderes ein. „Woher wisst Ihr, dass ich die Grenze überqueren möchte?“
„Das ist nicht wichtig.“
„Für mich ist es wichtig!“, drängte er. „Woher wisst Ihr das alles? Warum wart Ihr in Kaachor? Für wen arbeitet Ihr?“
„Ich sagte, das ist nicht wichtig!“
Wut mischte sich in Lienas Ton. „Ohne mich wärt Ihr jetzt vielleicht schon tot oder schlimmer, ein Gefangener der Westmänner. Was würde Euer Lord mit Euch anstellen, frage ich mich, wenn sie Euch irgendwann auslieferten? Wäre es da nicht besser, sie töteten Euch gleich?“ Herausfordernd sah sie ihn an. „Spart Euch den Atem und behaltet Eure Fragen. Ich bin Euch nichts schuldig.“
Triborin wollte zu einer Antwort ansetzen, überlegte sich es aber anders. Sie würde ihm keine seiner Fragen beantworten und so sehr es sich einzugestehen auch schmerzte und an seinem Stolz nagte, er schuldete ihr mindestens seine Freiheit.
„Wenn Ihr alleine losziehen wollt, bitte. Reitet nach Süden und Ihr werdet erneut sehen, dass ich Recht habe. Dieses Mal werde ich aber nicht zu Eurer Rettung eilen.“
„Schon gut!“, sagt Triborin genervt. „Ich habe verstanden.“
„Das ging ja schnell“, stichelte Liena weiter, doch der Elf war schlau genug, nicht mehr zu reagieren.

„Wir rasten hier.“ Liena hielt in einer kleinen Senke, in der es einen Bach und ein paar krumme Laubbäumchen gab. Die Dämmerung kroch bereits über das Land. „Wir müssen das Bein Eures Pferdes versorgen.“
Sie hatte Recht. Von Meile zu Meile war sein Ross unrunder gelaufen und er hatte immer wieder beruhigend dessen Hals getätschelt. Mit einem angefeuchteten Lappen reinigte der Elf die Wunde. Es war ein großer, dafür zum Glück nicht sehr tiefer Schnitt im Unterschenkel, oberhalb des Sprunggelenks. Liena trat neben ihn. „Darf ich?“, fragte sie und er nickte, sah dabei zu, wie sie Kräuter, die er noch nie zuvor gesehen hatte, auf die Wunde gab.
„Die Vladisir werden das Fleisch reinigen und Entzündungen vorbeugen“, erklärte sie. „Und jetzt Ihr.“
„Was?“, Triborin verstand nicht.
„Euer Bein; es ist ebenfalls verletzt. Setzt Euch.“
Fast hätte er den Schnitt vergessen, doch als sie es aussprach, setzte der Schmerz wieder ein und so ließ er die Albe nachsehen.
Er sah zu, wie sie das Blut abwusch, die ganze Stelle vom Schmutz befreite und schließlich auch seine Wunde mit den geheimnisvollen Kräutern behandelte, die noch nicht einmal brannten. Ihr Haar fiel ihr halb vor das Gesicht, als sie sich über das Bein beugte und ihre Handgriffe waren geschickt und sanft. Urplötzlich wurde ihm bewusst, dass er die Frau regelrecht anstarrte und schnell sah er weg. Ihr Abbild aber verblieb vor seinem inneren Auge.
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