Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

The origin of Mard - Das Ding aus dem Dung

Kreativbereich für eigene Schriften und Bilder
Antworten
Benutzeravatar
Baxeda

Die Freien Völker Weltenbastler in Gold Die fleißige Feder in Bronze Die fleißige Feder in Silber
Graue Eminenz
Beiträge: 2404
Registriert: Sa 14. Mär 2015, 16:58
Volk: Gargoyle
Steckbrief: Baxeda
Kontaktdaten:

The origin of Mard - Das Ding aus dem Dung

#1

Beitrag von Baxeda » Do 2. Feb 2017, 21:10

Am 12. August 2014 wurde Mard geboren. Dies ist die Geschichte, in welcher er das Licht der Welt erblickte. Im November darauf wurde diese kleine Story zu einem Roman erweitert. Da der aber wirklich schlecht ist und darum im Giftschrank liegt, möchte ich euch hier nur das halbwegs gelungene erste Kapitel vorstellen. Ich habe einige Eigennamen nachträglich modifiziert, so dass die Geschichte besser nach Asamura passt. Ursprünglich spielte sie in Prä-Asamura, einer damals noch namenlosen Welt, in der es aber bereits viele Dinge gab, die es später hierher geschafft haben. Also nicht wundern, falls ich vergessen habe, irgendwelche Eigennamen abzuändern. Die Geschichte ist nicht gerade mein bestes Werk, aber für Mard-Fans vielleicht ganz interessant. Ich wünsche euch viel Freude beim Lesen. :-)


Das Ding aus dem Dung


Mard war ein guter Sklave gewesen, bis zum heutigen Tag. Ein Sklave war er immer noch, aber kein guter mehr. Er presste das Diebesgut gegen den nackten Bauch und legte schützend die Finger darüber. In der Faust konnte er es nicht tragen, dafür war es etwas zu groß und der Lendenschurz war zu knapp geschnitten, doch unter seiner Hand mochte es vor Blicken sicher sein. Die Oberfläche fühlte sich glatt und hart an wie die eines Kieselsteines, gleichzeitig verströmte sie eine unnatürliche Wärme. Mard atmete tief durch, um sich zu beruhigen, dann trat er durch den Zelteingang ins Freie. Kalte Nachtluft empfing ihn, doch machte die Kälte ihm wenig aus. Er bekam lediglich eine Gänsehaut auf seinen schwarzen Armen, während die Herren sich bereits um die Lagerfeuer drängten und heißen Tee tranken. Die Angst verdichtete sich zu einem Kloß im Hals, der ihm das Atmen schwer machte. Seine Taktik war, gar nicht erst zu versuchen, sich vor den Blicken seiner Meister zu verbergen, dafür war das Feldlager nachts zu belebt. Hier wohnten und arbeiteten nur Wesen, welche die Dunkelheit liebten: Rakshaner, ein Menschenvolk aus dem Südosten, das sich mit Tüchern verhüllte, die Zhencrail, ein Stamm grauhäutiger Tieflinge mit roten Augen, und die kleinen, obsidianschwarzen Düsterlinge, so wie er einer war. Verstecken war um diese Zeit sinnlos. Anstatt herumzuschleichen, tat Mard so, als wäre es völlig normal, dass er gerade aus dem Zelt des Kampfmagiers Xolo kam. Er drückte die Finger fester auf den gestohlenen Gegenstand, während er den Ort des Diebstahls hinter sich ließ. Ihm war, als könne er ein sanftes Pulsieren spüren wie den Schlag eines Herzens. Das war ein vielversprechendes Zeichen, so viel hatte er in Erfahrung bringen können. Mard konnte zwar nicht lesen, aber er konnte lauschen. Allzu oft unterschätzten die Herren das feine Gehör der Düsterlinge, wenn sie sich unter vier Augen unterhielten. Dass es aber sechs Ohren sein könnten, die an dem Gespräch teilhatten, kam ihnen nicht in den Sinn. Und so wusste Mard viele Dinge, die er eigentlich gar nicht wissen dürfte, Verbotenes Wissen, wie das über die magische Nuss unter seiner Hand.
Mard ging in respektvollem Abstand an den Rakshanern vorbei, die um das Lagerfeuer saßen. Die Flammen knisterten und wenn der Wind hineinfuhr, spien sie Funken hinauf in die Dunkelheit. Die Herren unterhielten sich und lachten. Aus der Ferne klangen Trommelschläge und das dissonante Tröten rakshanischer Volksmusik. Feldherr Dschan war seit dem Antritt seines Dienstes darum bemüht, die Schrecken des Krieges mit übertrieben heiterer Feierabendstimmung zu überdecken. Manchmal fühlte Mard sich mehr wie auf einem Jahrmarkt als in einem Feldlager, wenn er die fröhliche Musik hörte oder die Tänzerinnen und Akrobaten sah. Die Lazarette hingegen hatte Dschan in den äußersten Winkel der Zeltstadt verbannt, damit der Anblick der Schwerverwundeten und Sterbenden nicht die Kampfmoral senkte. Mard ließ im Vorbeigehen den Blick unauffällig über die sitzenden Rakshaner schweifen, von denen ihn jedoch keiner beachtete. Sie interessierten sich nur für das Aroma ihres Kaffees, dessen geröstete Bohnen sie in einer Dose herumreichten, damit jeder daran riechen konnte. Bis jetzt lief alles gut. Niemand schien zu bemerken, dass er sich unbefugt in diesem Teil des Feldlagers aufhielt. Wie auch? Die Düsterlinge und auch die Tieflinge arbeiteten seit Generationen für die Streitmacht Rakshanistans. Sie alle waren es von klein auf gewohnt zu gehorchen, darum folgten sie meist zuverlässig und durften sie sich in der Zeltstadt und deren Umkreis frei bewegen. Es gab ohnehin keinen Ort, an den sie fliehen konnten. Außerhalb der mit Zelten besetzten Ruinenstadt warteten nur der Feind, die Wildnis, der Hunger und der Tod. Wer gehorchte, dem ging es hingegen recht gut, offiziell gab es die Sklaverei hier nicht einmal. Man hatte zu Essen, ein Dach über dem Kopf und durfte sogar eine Familie haben. Kaum einem Sklaven, wie Mard die Untergebenen der Rakshaner trotzig nannte, kam es daher in den Sinn, etwas an seinem Leben ändern zu wollen. Er verachtete jeden einzelnen von ihnen. Er versuchte, sich die Anspannung nicht anmerken zu lassen und zwang sich, langsam zu gehen, auch wenn alles in ihm danach schrie zu rennen. Eine Truppe gerüsteter Tieflinge, deren Augen im Dunkeln glühten wie rote Kohlen, trampelte so dicht an ihm vorbei, dass sie ihm mit ihren Panzerstiefeln fast auf die nackten Füße traten. Mard machte einen Schritt zur Seite, um die Kolonne weitermarschieren zu lassen. Sie würdigten ihn keines Blickes. Seine Finger zitterten. Wenn sein Vorhaben vorzeitig aufflog, würde man ihn auf einen Pfahl spießen und neben dem Empfangszelt des Feldherren zur Schau stellen! Wenn jedoch alles gut lief, dann ...
„Mard!“
Er fuhr zusammen, als wäre er barfuß auf ein Nagelbrett getreten. „Mard! Ich bin hier vorne!“ Mit aufgerissenen Augen starrte er in die Richtung, aus der die Rufe kamen. Verdammt, das hatte noch gefehlt! Lani, mit der er vor ein paar Tagen Holz für die Feldküche geschichtet hatte, kam ihm entgegen und grinste breit. Sie war ebenfalls ein Düsterling, klein, schwarzhäutig, vollständig haarlos und mit großen spitzen Ohren, die sich unabhängig voneinander bewegten. Sie trug zwei Holzeimer voller Butter. Notgedrungen hielt Mard einen Moment inne, um ein kurzes Höflichkeitsgespräch zu führen. Sofern die Sklaven nicht allzu offensichtlich faulenzten, störte das niemanden – die Herren hatten Besseres zu tun, als jede Bewegung ihrer Untergebenen zu überwachen oder gar peitschenschwingende Aufseher zu beschäftigen. Die Rakshaner kannten andere Mittel und Wege, ihre Untergebenen gefügig zu halten. Mard hoffte, dass Lani seine Anspannung nicht bemerkte. Sie war als Plappermaul bekannt und würde mit Sicherheit nicht dicht halten. „Schön dich zu sehen“, log er und zwang sich zu einem Grinsen.
„Wohin bist du unterwegs?“, fragte sie unbeschwert und stellte die Eimer ab. „Hast du nicht gesagt, du bist die nächsten Tage bei der Kleiderei eingeteilt?“ Sein Atem beschleunigte sich. Ruhig bleiben, ganz ruhig!
„Ich will neue Seife holen zum filzen“, antwortete er fast wahrheitsgemäß. Mit der gleichen Ausrede hatte er sich vorhin vom Arbeitsplatz entfernt. Bis vor einer Stunde noch war er mit der Herstellung von Filzkappen beschäftigt gewesen, welche die Tieflinge als Polster unter ihren Helmen trugen. Lanis Blick fiel auf seine auf den Bauch gepressten Finger. „Hast du Magenschmerzen?“
Mard perlte kalter Schweiß von der Stirn. Konnte sie ihn nicht einfach seines Weges gehen lassen? Warum mussten Frauen immer dann reden wollen, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte? Mard drückte das Diebesgut noch fester an seinen Leib. Das Pulsieren darin schien sich verstärkt zu haben. „Es gibt hier einiges, das mir Magenschmerzen bereitet“, antwortete er. „Aber mach dir keine Sorgen! Das geht bald vorüber! Sehr bald!“

* * *



Die Dunkelheit wich dem Tage. Schmutziges Grau eroberte den Horizont, ein Grau, das die Sterne fraß. Obwohl noch keine Wolken zu sehen waren, trug der Wind den feuchten Geruch von Regen mit sich. Vor dem Audienzzelt des Feldherren Dschan stand eine Reihe von wartenden Bittstellern, die um alles Mögliche ersuchen wollten, um ein paar Tage Dienstfrei, um soundsoviel Sonderrationen Fleisch wegen einer Feier, um die Erlaubnis, mit dem Wohnzelt an einen anderen Platz umziehen zu dürfen, weil die Nachbarn zu laut waren und viele andere Dinge, die ein Tiefling nicht selbst entscheiden durfte. Zoldak hingegen war hier, um den Feldherren um den zweiten Teil seiner Bestrafung zu bitten. Der erste war ihm stellvertretend von dem Tarrik der Leibgarde erteilt worden, bis Dschan die Zeit erübrigen konnte, sich mit seinem Vergehen persönlich zu befassen. Der Tiefling war müde, hungrig und spürte, dass sein Fieber wieder stieg. Die letzten Momente, bevor er dem Feldherrn Auge in Auge gegenübertreten würde, verbrachte er damit, die schwindenden Sterne zu betrachten, um sich von der wachsenden Nervosität abzulenken. Still und kalt sahen sie hinab auf das von Ruinen umsäumte Feldlager, wo die Hauptstreitmacht von Rakshanistan auf ihren nächsten Kampf wartete. Für Zoldak jedoch war der Feldzug erst einmal vorbei. Seine Rüstung und seinen Säbel hatte er zusammen mit seiner Würde ablegen müssen. Stattdessen trug er nun einen Gerstensack, oben mit Löchern für Kopf und Arme versehen, unten offen wie ein Kleid, was nicht nur demütigend war, sondern auch unpraktisch und wenig Schutz gegen die Kälte bot. Er verschränkte die grauen Arme, seine Zähne klapperten. Nichts wünschte er sich sehnlicher, als im Bett zu liegen, zwischen den Leibern seiner beiden Frauen. Der neue Tag würde für ihn wohl ebenso schlaflos enden, wie er begonnen hatte, denn Dschan war nicht für seine Milde gegenüber Eidbrechern bekannt.
Zoldak war bis vor kurzem ein ganz gewöhnlicher Krieger gewesen, einer der zehntausend Tieflinge seines Schlags, bei denen das Menschenblut im Laufe der Generationen das dämonische verdrängt und die Oberhand gewonnen hatte und in deren Stammbaum zusätzlich irgendwann auch noch Orks mitgemischt hatten und die man heute Zhencrail nannte. Sie erinnerten an grauhäutige Menschen mit roten Augen und leicht spitzen Ohren, waren weder mit Hörnern noch mit sonstigen dämonischen Attributen gesegnet, mit Ausnahme ihrer klauenartigen Nägel. Von den Orks hatten sie noch weniger geeerbt, eigentlich nur das kämferische Talent - und ihre magische Unbegabung. In den meisten Belangen waren sie äußert menschlich, besonders von ihrem Naturell her und waren daher für die Rakshaner gut zu händeln und berechenbar. Die Zhencrail stellten im Zeltlager Eyshamary den Großteil des rakshanischen Heeres. Zoldak wurde von seinen Anführern einstimmig als durchschnittlich in allen Belangen beurteilt: Durchschnittlich groß, durchschnittlich kräftig, durchschnittlich intelligent und offenbar mit einem durchschnittlichen Gesicht, das man schnell wieder vergaß, denn sie verwechselten ständig seinen Namen. Bis vor zwei Wochen war er durch nichts aufgefallen. Doch jetzt trug er die Zeichen der Schande für jedermann weithin sichtbar, nicht nur den entwürdigenden Gerstensack, man hatte ihm auch die Krallen an Händen und Füßen gestutzt und sein schwarzes Haar bis zur Kopfhaut abgeschoren. Zoldak musste husten und wurde davon aus den Gedanken gerissen. Er war inzwischen fast am vordersten Ende der Warteschlange angelangt, nur noch zwei andere Tieflinge waren vor ihm an der Reihe. Einer war schon im Zelt bei Dschan, der andere starrte wie gebannt auf den mit Tüchern verhangenen Eingang. Es handelte sich um den Kampfmagier Xolo, den jedes Kind an seinen im Dunkeln leuchtenden Augenbrauen erkannte, die er sich angeblich durch ein fehlgeschlagenes Experiment zugezogen hatte. Zwei hünenhafte Rakshaner hielten neben dem Zelteingang Wacht. Sie waren vollständig in wehenden braunen Stoff gehüllt, so dass sie wie Gespenster wirkten, die sich eine unappetitliche Knochenrüstung übergestülpt hatten. Nur einen Spalt für die Augen ließen sie frei in ihren verhüllten Gesichtern. Die Stoffbahnen teilten sich und ein Bittsteller trottete aus dem Zelt. Seine Mundwinkel hingen hinab. „Der Nächste“, dröhnte Dschans Stimme. Xolo, ein Tiefling, der aus dem fernen Alkena stammte, wie man an seinen Flügeln erkannte, atmete noch einmal tief durch und ging dann hinein.
Ein Zhencrail ist treu, von der Geburt bis zum Tode. Mein Leben und mein Sterben lege ich in Eure Hände, Feldherr Dschan und mein ganzes Dasein Euch zu Füßen! Mein Leben und mein Sterben schenke ich dem Wohle Rakshanistans!
Das waren die Worte gewesen, mit denen Zoldak sich damals als Krieger vereidigt hatte. Er war mit ganzem Herzen dabei gewesen und er war es noch heute. Seine Treue war unumstößlich, egal, was ihn erwartete. Er würde das Urteil des Feldherren empfangen, ohne zu klagen. Die Stimmen im Zelt erhoben sich.
„Gestohlen, wenn ich es doch sage“, beteuerte der Bittsteller. „Ich verwahre sonst alle magischen Gegenstände in meiner Truhe. So oft ich die Nuss auch suche, sie bleibt verschwunden! Sie muss einfach entwendet worden sein, solch ein gefährliches Utensil hätte ich niemals einfach ...“
„Genug davon, dein Anliegen ist fern jeder Verhältnismäßigkeit. Ich kann niemanden entbehren, der das ganze Lager nach so einem winzigen Objekt durchkämmt. Dafür müsste ich eine ganze Hundertschaft einsetzen, bloß, weil du deinen Krempel nicht beisammen halten kannst, alter Mann!“ „Herr, ich flehe euch an! Die Silbernuss habe ich erst kürzlich fertig gestellt, sie ist das Resultat jahrelanger Forschung im Bereich der Astromagie. Komprimiertes Sternenlicht! Man hat mir den Auftrag erteilt, eine Waffe zu erschaffen, die ...“
„Warum belästigst du mich mit den Details? Das alles ändert nichts daran, dass ich dir nicht helfen kann. Selbst wenn die Nuss gestohlen wäre – was glaubst du denn, was ich tun könnte? Sie ist deiner Beschreibung nach so klein, dass ein Dieb sie notfalls im Arsch eines Esels verstecken könnte.“
„Aber Herr...“
„Unterbrich mich nicht! Dies ist nicht das erste Mal, dass du mich wegen irgendwelcher angeblich gestohlener magischer Utensilien behelligst. Das letzte Mal war es ein Stempel für Tarnkappensiegel, davor eine Phiole mit Antimagicum. Beides hast du kurze Zeit später in diesem Ramschladen, den du dein Wohnzelt nennst, wieder gefunden und Entwarnung geben lassen. Dass Leute im Alter vergesslich werden, ist normal. Finde dich damit ab, dass du alt wirst und hör auf, mich mit Dieben zu belästigen, die nicht existieren.“
„Herr, diesmal bin ich mir ganz sicher! Ich ...“
„Genug davon. Meine Entscheidung steht. Jetzt verschwinde! Und wenn du noch einmal wegen so einer Sache meine Zeit stiehlst, erwartet dich Schlimmeres als ein bloßer Rausschmiss.“
„Herr Dschan, bitte! Niemals hätte ich ein ...“
„Der Nächste.“
„Feldherr, ihr müsst etwas tun! Wie könnt ihr riskieren, dass ...“
Geschrei und Gepolter drang aus dem Inneren des Zeltes. Zoldak zog den Kopf zwischen die Schultern. Der Stoff wurde beiseite gefegt, zwei Wachen der Leibgarde marschierten nach draußen, den Alten in ihrer Mitte. Sie zerrten ihn vor die Reihe der Wartenden, damit ein jeder sehen konnte, was nun geschah. „Nein, nicht! Nicht!“, schrie er, als einer der Gardisten eine Krallenknipse aus seinem Gürtel zog. Die Krallen gestutzt zu bekommen entsprach unter Zhencrail eine symbolischen Kastration. Die Nägel ihrer Frauen waren von Natur aus kurz und stumpf. Je länger jemand seine Krallen trug, als umso männlicher wurde es empfunden. Das Gleiche galt für das Haar: Frauen schoren ihr Haupt komplett kahl, Männer ließen es sich so lang wachsen, wie es nur ging. Auch Zoldak hatte bis vor zwei Wochen einen armlangen Zopf getragen. Jetzt war er kahl wie ein Neugeborenes.
Xolo schrie, als würde man ihm statt der Krallen die Finger abzwicken. Dabei hatte er mit dieser Behandlung noch Glück. Dschan war streng, aber nicht dumm und er wusste genau um den Wert einer jeden einzelnen Arbeitskraft. Wo die Feldherren anderer Zeltlager ihre Untergebenen auch bei kleinsten Fehltritten äußerst brutal behandelten, um die Disziplin zu wahren, setzte Dschan auf die Wirkung von Ehrenstrafen. Körperliche Züchtigungen, welche den Verurteilten dauerhaft in seiner Arbeitskraft beeinträchtigten, kamen unter seinem Befehl nur äußerst selten zum Einsatz. Ein kurzes Klacken, mehrmals hintereinander, dann war der Alte entkrallt. Er war zwar nicht von hier, doch er würde wissen, was die Geste bedeutete. So etwas sprach sich rasch herum.
Auch Zoldak würde wahrscheinlich irgendeine weitere öffentliche Demütigung ertragen müssen. Allein bei dem Gedanken daran wurde ihm übel. Schon jetzt wurde er wegen seines kahlen Kopfes behandelt wie ein Aussätziger, denn niemand wollte in den Verdacht geraten, mit einem Eidbrecher zu sympathisieren. Die Krallen einzubüßen, war das eine, diese Strafe kam recht schnell zum Einsatz – kahlgeschoren zu werden aber war etwas ganz anderes. Es dauerte Jahre, bis die Haarpracht ausreichend nachgewachsen war. Nicht einmal Zoldaks Familie oder seine Freunde redeten noch vernünftig mit ihm. Obwohl er weiterhin mitten unter ihnen lebte, blieb er völlig isoliert, war Inhalt ständiger Witzeleien und durfte sich, so lange er den Gerstensack trug, nicht einmal dagegen wehren.
„Ich habe gesagt, der Nächste!“, brüllte es aus dem Zelt. Zoldak beeilte sich, einzutreten. Die beiden Wachen ließen den Alten sitzen und begleiteten ihn hinein. Die zwei anderen Gardisten blieben wie Statuen vor dem Eingang stehen. Kerzenschein und Wärme erfüllten das kleine Zelt, die Luft war stickig. Eine Mischung aus Kaffeegeruch und dem Qualm von Räucherstäbchen machte dem Tiefling das Atmen schwer. Bunt gemusterte Stoffe verzierten die Wände, Beutegut aus dem Kampf gegen die Tamjid, so wie die sanft dampfende Wasserpfeife aus Messing. Schwere Teppiche bedeckten den Boden. Nichts davon konnten die für Menschenverhältnisse unzivilisierten Rakshaner selbst herstellen, das ganze Zelt war eine einzige Trophäensammlung. Sogar der bemalte Schädel eines feindlichen Feldherren grinste ihm aus einem Berg von Luxusgütern heraus entgegen, die achtlos in die Ecke geworfen waren und keinem anderen Zweck als der Zurschaustellung des Sieges diente. Hinter Dschan prangte das Banner Rakshanistans, die scharze Chaosspirale auf sandfarbenem Grund. Darunter wirkte das der Zhencrail wie ein kleiner schwarzer Lappen, ausgefranst und schief aufgehängt, mit einer stilisierten Sternschnuppe darauf, die Manifestation des Gluhschwanzes, ihres Wappentieres, der weiß leuchtend über den Nachthimmel flog.
In Zoldaks Hals kratzte es. Der Wechsel von kalter zu warmer Luft reizte das Übel, das sich in seiner Lunge eingenistet hatte. Er räusperte sich leise, doch es wurde nicht besser. Hoffentlich würde er vor dem Feldherrn nicht husten müssen!
Dschan saß auf einem dick gepolsterten farbenfrohen Kissen und sortierte gerade Pergamente auf einem flachen Tisch. Die beiden Gardisten, die Zoldak hinein begleitet hatten, postierten sich zu beiden Seiten Dschans, der die Pergamente nun beiseite legte. Der Feldherr trug im Gegensatz zu den anderen Rakshanern leuchtend blauen Stoff und darüber eine versilberte Eisenrüstung statt Knochen. Zoldak senkte das Haupt, um seine Unterwürfigkeit zu bekunden. Das erste und gleichzeitig letzte Mal, als er mit Dschan persönlich gesprochen hatte, war zu seiner Vereidigung gewesen. Nun stand er erneut vor ihm, vor dem Herrn seiner Herren, von Angesicht zu Angesicht. Und es war nicht, um eine Auszeichnung zu empfangen, wie er es sich immer gewünscht hatte. Zoldak fiel auf die Knie. Der Bereich, wo die Bittsteller sich niederlassen sollten, war vom Teppich ausgespart, so dass er die fest getrampelte Erde zu spüren bekam. Dabei wurde ihm schwindelig, sein Kopf schien so schwer, als würde er einen Eisenhelm tragen – ein untrügliches Zeichen, dass das Fieber weiter stieg. Er öffnete den Mund, um sich vorzustellen, doch das Kratzen im Hals schwoll mit einem Male an und heftiges Husten entfuhr ihm. Er hielt sich mit der Hand den Mund zu, aber konnte es nicht mehr aufhalten. „Der ist das!“, rief Feldherr Dschan angewidert und rutschte auf seinem Kissen ein Stück nach hinten. „Warum habt ihr den hier rein gelassen, soll ich mich anstecken? Habt ihr zwei Idioten nicht bemerkt, dass er rumbellt?“
Kleinlautes Gemurmel war von den Wachen zu hören. Zoldak gelang es, seinen Körper wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er spürte noch immer einen Widerstand bei jedem Atemzug, er hatte noch längst nicht alles abgehustet. Bei der gottlosen Leere, er kniete vor dem Feldherren, er musste sich zusammenreißen! Seine Augen tränten. „Und du“, fauchte Dschan ihn an, „scherst dich raus hier!“
„Aber Herr“, krächzte Zoldak fast ohne Stimme, „ich soll mir meine Strafe abholen! Ich kann doch nicht ohne Strafe wieder gehen.“
„Du hast für einen Eidbruch dieser Schwere natürlich Grubendienst bei den Düsterlingen. Und zwar ab jetzt!“ „Gru...“, japste Zoldak, „Grubendienst? Herr, ich bin Krieger!“
Er hatte nicht klagen wollen, aber dieses Urteil traf ihn – Grubendienst war die erniedrigendste Strafe, die es im Feldlager gab. Sie war die letzte Stufe, bevor die Leibesstrafen zum Einsatz kamen. Waren der Gerstensack, den er seit dem Vorfall tragen musste, seine kurzen Krallen und sein kahl geschorener Kopf denn nicht schlimm genug? „Ein Krieger warst du“, entgegnete Dschan, „mit allen Annehmlichkeiten. Jetzt ist dein Platz noch unter dem Dreck, den du schaufeln wirst! Sich bewusst mit irgendwelchen Krankheiten zu infizieren, um sich vor einer Schlacht zu drücken, ist ganz sicher nicht das Verhalten eines Kriegers. Wer sich nicht wie ein Krieger benimmt, wird auch nicht wie ein Krieger behandelt, so einfach ist das. Du wirst so lange im Gerstensack herum laufen und niedere Arbeiten verrichten, bis du gelernt hast, dich deines Standes entsprechend zu verhalten! Und dazu gehört in erster Linie, die Anweisungen seines Herrn zu befolgen, also scher dich vom Acker und tritt deine Strafe an. Der Nächste!“
Auf diese unmissverständliche Aufforderung hin rappelte Zoldak sich auf. Er stolperte in Richtung Ausgang, presste die Lippen zusammen, hinter denen sich die Wangen blähten und hielt die Luft an. Es fühlte sich an, als hätte sich ein ganzer Bienenstaat in seinem Brustkorb eingenistet und brummte darin herum. Es gelang ihm noch mit Mühe und Not, sich einige Schritte vom Empfangszelt zu entfernen, ehe der Anfall wie ein Gewitter aus ihm herausbrach. Hustend und würgend brach Zoldak zusammen, jedes Aufbäumen seiner Lunge war wie ein Dolchstoß. Dass Husten derart schmerzen konnte, hatte er nicht geahnt, sonst hätte er es sich vor zwei Wochen vielleicht anders überlegt, als er sich in voller Absicht mit einer Lungenentzündung infiziert hatte. Zähes, blutiges Sekret quoll aus seinem Rachen und jedes Mal, wenn er mit weit aufgerissenem Mund nach Luft schnappen wollte, atmete er stattdessen diesen Schleim wieder ein, bis er fast das Bewusstsein verlor. Irgendwann war die Attacke vorbei. Zoldak lag erschöpft im Dreck, seine Lungen pumpten mit lautem Rasseln die kalte Luft des anbrechenden Tages. Eine Lache aus weißem Schleim, durchsetzt mit roten Adern und Erbrochenem, hatte sich unter ihm ausgebreitet, sein Gerstensack war völlig besudelt. Die Warteschlange glotzte mit hundert Augen in seine Richtung, ohne dass jemand sich um den Kranken kümmern würde. Warum auch? Sein kahles Haupt wies ihn als Treulosen aus. Ihm beizustehen hieße, sich auf seine Seite zu stellen. Irgendwie schaffte Zoldak es, sich wieder auf die Füße zu quälen. Der Wille, den erteilten Auftrag zu erledigen, gab ihm die Kraft. Dschan hatte Recht, die Strafe war verdient und er musste sich wieder gut stellen mit ihm – auch wenn der Auftrag entwürdigend und gefährlich war, schließlich warteten daheim sieben hungrige Mäuler.
Xolo saß mit hängenden Schultern auf einem Strohballen. „Meine Nuss“, jammerte er leise und wiegte rhythmisch den Oberkörper. „Meine Sternenlichtnuss!“
Zoldak hätte ihn gern gefragt, was denn an der blöden Nuss so besonders war, dass er damit sogar freiwillig den launischen Feldherren belästigte, doch er hatte seine Pflicht zu erfüllen und durfte nicht unnötig trödeln. Er hatte schon genug Zeit mit dem Husten vergeudet.
Schritt für Schritt wankte er zu einem der Lagerzelte, wo er sich eine Schubkarre voller Sägespäne und eine Schaufel holte. Niemand überwachte, ob er seinen Befehl auch tatsächlich befolgte – er war als sehr folgsam klassifiziert und so lange er keine Tätowierung im Gesicht trug, die anderes aussagte, würde man ihn in allein seine Aufträge erledigen lassen. Zoldak war schwindlig vom Fieber, er stank erbärmlich nach seinem eigenen Auswurf und nach Schweiß. Dass er so schwitzte, lag nicht nur an seiner Krankheit sondern auch an der Angst vor dem, was ihn nun bei der Dunggrube erwartete. Düsterlinge waren klein und feige, für die Tieflinge waren sie das, was diese für die Rakshaner waren – Sklaven. Doch der Mond allein wusste, wie sie auf Zoldak in seinem erbärmlichen Zustand reagieren mochten. Ihr Dörfchen war der einzige Platz, wo sie nach eigenem Ermessen handeln konnten, der Ort, wohin sie sich nach Arbeitsende zurückzogen, wo sie schliefen und nisteten. Verständlich, dass sie dort keine Tieflinge haben wollten. Sie konnten gefährlich werden, wenn man nicht richtig mit ihnen umging. Aber Zoldak blieb keine Wahl, er musste sich zu ihnen begeben, ob er sich nun fürchtete oder nicht.

* * *



Umständlich manövrierte er den schweren hölzernen Schubkarren zwischen den Bäumen entlang, die zwischen der Zeltstadt und dem Lager der kleinen Kreaturen wuchsen und wohl mal ein Lustgarten gewesen waren. Die Stämme glänzten vom Morgentau, Schneekehlchen zwitscherten und flatterten um zerschlagene Statuen. Das erste goldene Licht kroch hinter dem Horizont hervor und das Laub raschelte unter seinen Füßen. Schön wäre der Morgen gewesen ohne seine Krankheit und ohne seine Strafe. Die Abstände der Bäume wurden bald wieder größer und die Strahlen der Morgensonne fluteten das frisch eroberte Land. Rakshanistan wuchs mitsamt seiner Herrlichkeit, nur Zoldak hatte daran keinen Anteil mehr. Er konnte von Glück reden, wenn er den Tag überlebte und die Sterne in der folgenden Nacht nicht auf seinen Kadaver herab schienen.
Er erreichte die andere Seite des geschändeten Gartens. Vor ihm lag ein Sumpf winziger, unsäglich schmutziger Zelte. Wenn man nicht wusste, dass es sich hier um Behausungen handelte, konnte man das Ganze leicht mit einer Ansammlung von Schlammhügeln verwechseln. Ein paar Wäschestangen und Kochstellen waren die einzigen Anzeichen von so etwas wie Zivilisation. Die Bewohner, die gerade nicht für die Tieflinge arbeiteten, schliefen um diese Tageszeit fast alle. Nur ein paar Grüppchen von Trunkenbolden konnte Zoldak noch vereinzelt lärmen hören.
Er straffte die Haltung und versuchte so selbstbewusst aus zu sehen, wie es mit hohem Fieber und einem vollgekotztem Sackkleid nur möglich war. Dann marschierte er in die Richtung, aus der ein besonders scharfer Geruch wehte. Er wählte einen Umweg, um sich möglichst weit am Rande des Zeltdorfes zu halten. Der nasse, nach Fäulnis stinkende Schlamm umschloss seine nackten Füße bis zum Knöchel und verklumpte am Rad des Karrens, so dass er nur langsam und mit großer Kraftanstrengung vorwärtskam. Er keuchte und sein Herz raste, der Sack klebten wie ein durchweichter Lappen auf seiner verschwitzten Haut. Gleichzeitig kroch der kühle Nebel des Morgens vom Waldsaum hinab. Zwar war Zoldak der Schlacht entkommen, indem man ihn wegen der Krankheit für kampfuntauglich erklärt hatte, doch anstelle eines Speeres brachte ihm nun die Witterung den Tod – wenn es nicht die vermaledeiten Mistkerle taten, die eigentlich seine Sklaven waren und für die er nun schuften musste! Als er um einen Hügel bog, den er nicht hatte einsehen können stockte er. Ein Grüppchen der kleinen Kreaturen trank gerade vergorene Milch, wovon sie lallten und torkelten. Sie gingen Zoldak nur bis zur Brust und trugen nichts weiter als einen Lendenschurz, die Frauen noch ein Band um den Oberkörper. Die Kälte schien ihnen nichts auszumachen, zumindest weniger als ihm. Aber dafür waren sie ja bekannt ... unter anderem dafür. Ein paar nackte Kinder bauten einen Turm aus Kochgeschirr und warfen ihn unter lautem Gejohle wieder um. Die Haut der Düsterlinge war, sofern unter dem Dreck sichtbar, schwarz wie Kohle und überall haarlos. Aus dem Steiß wuchs ihnen ein sehr beweglicher Schweif, mit dem sie ihre Becher hielten oder sich an den Stangen der Vorzelte fest wickelten, um im Suff nicht umzufallen. In ihren Gesichtern blitzten Reißzähne, wenn sie lachten, Zähne, die Zoldak Angst machten. Lachten sie über ihn oder über einen ihrer flachen Witze? Sie sahen ihm nach. Er machte, dass er weiter kam.
Der zunehmend üblere Gestank verriet ihm, dass er sich auf dem richtigen Weg befand. Die Kälte des Morgens begann der Schwüle des Tages zu weichen und die letzten Düsterlinge zogen sich zum Schlafen in ihre dauerhaft kühlen, verkrusteten Zelte zurück. Hier und da kicherte es noch, irgendwo weinte ein Kind. Obwohl die Sonne schien, grummelte es leise in der Ferne, die Wolken hatten sich weiter ausgebreitet. Bald würde es regnen, wie fast jeden Tag in diesem Landstrich, aber wenn Zoldak sich beeilte, würde er vielleicht noch vorher fertig werden.
Da war sie, die berüchtigte Dunggrube, ein stinkendes Loch, über dem der Länge nach ein braun beschmierter Baumstamm lag. Zum Glück benutzte ihn gerade niemand und Zoldak konnte ungestört den Weg dorthin mit frischen Sägespänen bestreuen, die alte Grube zuschütten und daneben eine neue ausheben. Das Fieber zollte bei der schweren Arbeit seinen Tribut, ihm war schwindelig und er strauchelte immer wieder, während er den verunreinigten Schlamm schaufelte. Zwischendurch zwangen ihn mehrere Hustenanfälle in die Knie, so dass er bald nicht nur mit Schleim, sondern auch bis zu den Knien und Ellbogen mit Unrat beschmutzt war. Heute war er am absoluten Tiefpunkt seines Lebens angelangt! Noch tiefer konnte man nicht sinken. Ihm graute vor dem Gespött, wenn er vollgeschmiert nach Hause kam, den Hänseleien seiner beiden Frauen, die ihm ohnehin schon genug auf der Nase herumtanzten. Seit er den Sack trug, nannten sie ihn bloß noch Zolda, was die weibliche Form seines Namens war. Zwei garstige Damen hatte er da geehelicht, das war ihm schon kurz nach der Vermählung bewusst geworden. Seit Beginn der Bestrafung wurden sie nicht müde, aller Welt auch öffentlich zu zeigen, was sie von ihrem Mann hielten. Vielleicht hofften sie, dass die Schmach auf diese Weise nicht auf sie über ging. Und seine Kampfgefährten, seine sogenannten Freunde, standen ihnen dabei in nichts nach. Der Verlust aller Zuneigung, der mit seiner Bestrafung einher ging, war die schlimmste Strafe überhaupt. Er musste zusehen, dass er Dschan schnellstmöglich wieder gnädig stimmte!
„Dort sollst du nicht graben!“, krähte es plötzlich unweit von ihm. Müde hob er seinen Kopf und blickte mit glasigem Blick in die schwarze Fratze eines Düsterlings, der sich mit verschränkten Armen vor ihm aufgebaut hatte. Seine großen spitzen Ohren sahen aus wie die einer Fledermaus.
„Ich sagte, du sollst dort nicht graben!“, wiederholte er, als Zoldak ihn verständnislos anstarrte. Dem Tiefling schlotterten die Knie. Es war vom Schüttelfrost, doch auf den kleinen Kerl machte es wohl keinen sehr herrischen Eindruck, sicher der Grund, warum er sich so frech verhielt. Immerhin war er – allein? Zoldak runzelte verwundert die Stirn. „Wo sind deine Freunde?“
„Meine was?“
„Andere Düsterlinge. Ihr seid doch sonst nie allein unterwegs?“
„Ach, du meinst meine Rudelmitglieder!“
„Genau. Warum sind sie nicht mit dir gekommen?“
Der Kleine warf einen schwer zu deutenden Blick zu den schlammigen Hügeln, die seine Heimat bildeten. „Wir wollten dich nicht erschrecken, indem wir gleich im Pulk anrücken!“, behauptete er und stemmte die Hände in die Hüften. „Trotzdem sollst du woanders eine neue Scheißgrube bauen! Nicht hier!“
„Ich grabe dort, wo ich will“, entgegnete Zoldak. „Ich habe keine Lust, die Erde von sonst wo hier her zu schleppen, um die alte Grube zu verschließen.“ In seiner Lunge kratzte es. Mit größter Willensanstrengung unterdrückte er ein erneutes Husten. Der Düsterling blickte sich ein weiteres Mal in Richtung der Zelte um. „Du darfst auf der anderen Seite der alten Grube schaufeln!“, schlug er vor. „Dann musst du den Schlamm auch nicht weiter schleppen als jetzt!“
„Aber dann müsste ich trotzdem mit der neuen Grube von vorn anfangen. Ich werde einfach hier weiter arbeiten damit ich rasch fertig werde und … und...“ Sein Brustkorb bebte. Zoldak hielt sich die Faust vor die Lippen, seine Wangen blähten sich auf. Der Düsterling legte den Kopf schräg. „Und?“
Zoldak war nicht imstande zu antworten. Seine Augen tränten, die Welt begann sich zu drehen und sein Brustkorb krampfte, bis der Husten endgültig aus ihm herausbrach. Diesmal war es schlimmer als je zuvor. Als er sich endlich mühsam wieder aus dem Schlamm schälte, wo ein lebensgroßer Abdruck von ihm zurückblieb, stand das widerwärtige kleine Geschöpf immer noch da. Ein schadenfrohes Grinsen entstellte sein ohnehin schon nicht sehr ansehnliches Gesicht. Nun konnte man sehen, dass ihm die vier großen Fangzähne gezogen worden waren. Entzündete Wunden klafften dort, das Zahnfleisch war rot und geschwollen. „Du bist krank!“, frohlockte es.
„Eine kleine Erkältung und ein fürchterlicher Kater vom Vortag. Sieht schlimmer aus, als es ist.“ Zoldak begann zu schaufeln, als würde sein Leben davon abhängen. Bloß keine Schwäche zeigen! Nicht hier, inmitten der Brutstätte dieser bissigen Landplagen! Sie mochten folgsam sein, wenn er eine Rüstung trug, ihm sein Essen kochen und seine Wäsche waschen – doch heute war er ein Bestrafter und das wussten sie. Heute hatte er ihnen nichts zu befehlen. Der Schlamm flog nur so, als er seine letzten Kräfte mobilisierte. „Nein, nein, nein!“, kreischte der Düsterling, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und tanzte auf der Stelle. „Hör auf! Ich habe da etwas angepflanzt!“
Zoldak hielt inne und rang nach Luft. Seine Lungen schmerzten. Keuchend ließ er den Blick über das Krustendorf schweifen. Schlamm, nichts als Unmengen von Schlamm und Unrat waren zu sehen. Weder Felder noch Nutzvieh, denn die Düsterlinge wurden gefügig gehalten, indem man sie fütterte. Schon vor Generationen hatten sie verlernt, sich selbst mit Nahrung zu versorgen, von Ackerbau ganz zu schweigen. „Was hast du denn angepflanzt?“ Zoldak betrachtete zweifelnd das nervöse Kerlchen. „Etwas Großes! Etwas Wichtiges! Wenn du es nicht schon kaputtgemacht hast!“
Der Düsterling starrte auf die Grube, in der Zoldak stand. Der zuckte mit den Schultern. „Hier wächst doch sowieso nichts, hier würde bloß alles verfaulen. Außerdem musst du einen Zaun drumherum ziehen, sonst trampelt doch jeder darüber.“
„Das, was ich angebaut habe, braucht keine Trockenheit und keinen Zaun! Es wächst auch so! Jetzt mach dich da weg!“
Der Düsterling schlich um die Grube herum, als würde er Zoldak am liebsten persönlich herausjagen, sich aber nicht trauen. Ein ausgewachsener Zhencrail war auch nicht unbedingt jemand, mit dem man sich bei seiner Körpergröße anlegen sollte. „Hör mal“, sagte Zoldak in versöhnlichem Ton. „Ich habe hier schon ein Loch ausgehoben, was mir bis über die Knie geht. Selbst wenn du hier etwas ausgesät hast, ist es jetzt kaputt.“
„Ist es nicht! Es ist ganz tief im Schlamm, weit unten, viel weiter! Ich habe mit einem Pfahl ein Loch rein gerammt, ihn wieder raus gezogen und es dann da reingetan! Wenn du es getroffen hättest, würdest du es schon merken!“ Er schlug sich rasch beide Hände vor den Mund. Als Zoldak jedoch nur irritiert die Brauen verzog, schien er sich wieder zu beruhigen. Er versuchte, mit seinem verstümmelten Gebiss ein Lächeln aufzusetzen. „Tiefling! Heute ist dein Glückstag! Denn ich habe zufällig noch ein paar Hustenkräuter zu viel! Aus denen kannst du dir einen herrlichen Tee bereiten, der dich ganz fix wieder gesund macht!“ Er ging ein paar Schritte rückwärts und machte eine einladende Geste in Richtung des hässlichen Dorfes. „Komm mit, sie sind in meinem Zelt!“ Ein wenig Speichel tropfte aus seinem starren Grinsen. Zoldak reckte interessiert den Hals. Der Nebel zog in weißen Bahnen zwischen den Schlammdächern entlang. Es herrschte vollkommene Stille. Nur das Rasseln seines Atems und die schmatzenden Geräusche von den Füßen des Düsterlings waren zu hören. Seine Brust schmerzte, als würden die Bienen darin ihn gemeinschaftlich stechen. Er legte die Finger auf die Kehle. Etwas warmer Tee würde ihm gut tun, wenn er hier fertig war … „In Ordnung, bring die Kräuter her. Sobald du wieder da bist, höre ich auf zu schaufeln.“
Das Gesicht des Düsterlings war zu einer sabbernden Fratze gefroren, er zwinkerte nicht einmal mehr. Nur die Lippen bewegten sich beim Reden. „Nein! Du darfst nicht einen einzigen Spatenstich mehr machen! Sonst könnte es zu spät sein!“ Offenbar war er es nicht gewohnt, zu lächeln, seine Wangen zitterten schon vor Anspannung. „Komm mit, dann wirst du wieder gesund!“
„Hol den Tee her“, beharrte Zoldak. „Ich werde derweil hier warten und verspreche dir, in der Zwischenzeit auch nicht weiter zu graben.“
„Versprochen und gebrochen!“, zischte der Kleine, ohne seine Mimik zu verändern. Er fuhr mit der Zunge über seine verstümmelten Zähne. „Hör auf zu diskutieren! Komm einfach mit! Dann bekommst du Tee, der dich gesund macht! Oder bleib hier und stirb, Bestrafter!“
Das zur Maske erstarrte Gesicht wurde Zoldak langsam unheimlich. Er betrachtete die Zahnlücken. „Was ist mit deinen Beißern passiert, hat man dich etwa auch bestraft?“
Für einen Augenblick erlosch das Grinsen. Zoldak setzte sofort nach. Vielleicht konnte er die Sympathie des Kerlchens gewinnen, wenn er ein wenig vertraulich plauderte. „Ich habe mich zum Schlafen in die Decke eines Kampfgefährten gewickelt“, beichtete er. „Eines Gefährten, der Lungenentzündung hat. Ich wollte mich anstecken, um das kommende Gefecht bequem im Lazarett zu verschlafen.“
Etwas im Gesicht des Düsterlings änderte sich. „Sieh an!“, sagte er. „Ich dachte, ein Zhencrail ist treu, von der Geburt bis zum Tod? Was ist mit deinem Eid? Leben und Sterben für Rakshanistan und so?“
„Ich will den Herren ja auch gern folgen, aber weißt du, es ist die Angst. Seit dem letzten Kampf, wo mein Onkel neben mir einen Speer in den Hals bekam, versagen mir jedes Mal die Beine, wenn ich meinen Säbel auch nur zur Hand nehme. Kurz bevor wir losziehen, breche ich bewusstlos zusammen. Einfach so, zack und weg. Meine Kampfgefährten haben mir angedroht, mich das nächste Mal trotzdem mit zu nehmen, in dem sie mich auf ein Pferd binden und es dann einfach übers Schlachtfeld laufen lassen. Darum habe ich mir die Sache mit der Decke ausgedacht. Ein Krieger sollte den Tod nicht fürchten, der Tod ist seine Arbeit. Ich habe die Strafe mehr als verdient.“
Der Düsterling lachte freudlos. „Ha! Und ich dachte schon, du hättest so etwas wie Verstand!“
„Was möchtest du damit andeuten?“ Misstrauisch kniff Zoldak die Augen zusammen. War der Kleine etwa ein Aufwiegler?
„Ist doch egal! Komm mit und lebe!“ Der Düsterling wies mit dem Kopf zu den Zelten, doch Zoldak blieb stur. Das Letzte, was er wollte, war diesem Kerlchen in das Herz seiner Brutstätte zu folgen. Besonders nicht nach seiner seltsamen Äußerung. „Weißt du was, wir machen es umgekehrt, Kleiner.“
Kleiner? Für dich immer noch Mard, Bestrafter! Ich bin nicht klein für einen Düsterling! Es steht dir nicht zu, so mit mir zu reden, du jämmerlicher Kastrat! Das passende Kleidchen hast du ja schon an!“
„Bring mir die Kräuter, Kleiner.“ Zoldak starrte ihn drohend an, um ihn daran zu erinnern, dass er nicht ewig seinen gegenwärtigen Status innehaben würde. „Bring sie hier her, oder ich werde genau an dieser Stelle die tiefste Dunggrube ausheben, die du je gesehen hast!“ Er rammte den Spaten bis zum Stiel in die nasse Erde hinein. Ein kaum merkliches Zittern ging durch den Schlamm – oder war er das selber gewesen? Das Grinsen des Düsterlings erstarb. Eine Schweißperle lief seine Schläfe hinab.
Er sprang hinab vom Rand der Grube und warf sich vor Zoldak der Länge nach in den Dreck. „Bitte!“, heulte er. „Hör endlich auf, hier herumzustochern! Es hat viel Arbeit gemacht, viel Risiko bedeutet! Und du machst alles kaputt! Ich höre ja schon auf, dich zu ärgern!“
Zoldak wich einen Schritt zurück, doch Mard kroch ihm auf dem Bauch hinterher.
„Bitte! Ich flehe dich an! Sei nicht so gemein!“ Der Düsterling greinte jämmerlich. Zoldak stemmte beide Beine fest in den Boden. Wenn er noch weiter zurückwich, würde er aus der Grube heraus gedrängt werden. Irgendetwas an der Situation war ihm unheimlich. Er hatte viele Schlachten geschlagen und im Laufe der Jahre ein gutes Bauchgefühl entwickelt. Hier war mehr faul als nur der Schlamm.
„Nein“, sagte er entschlossen. „Ich habe einen eindeutigen Befehl und den werde ich bis zu Ende ausführen! Ich habe mich bei unseren Herren schon unbeliebt genug gemacht. Sie sollen nicht noch mehr enttäuscht werden.“
Der Düsterling wand sich winselnd und umklammerte seine Fußgelenke. Doch Zoldak stand stur wie ein Fels, die Hand auf den im Schlamm steckenden Spaten gestützt. Wieder vibrierte der Boden, diesmal war es eindeutig. Etwas stimmte hier nicht. Er musste zusehen, dass er hier schleunigst fertig wurde!
„Lass los, ich muss arbeiten.“
Er zog seine Füße weg und wollte bedrohlich knurren, doch er bereute es sofort. Seine Lungen rebellierten, er japste, taumelte, die Augen weit aufgerissen und stieß beim Versuch, das Gleichgewicht wieder zu erlangen, den Spaten um. Eines seiner Beine knickte weg und er fiel auf das Knie.
Der Ausdruck im Gesicht des Düsterlings änderte sich. Seine Augen wurden schmal, der Blick stechend. Mit einem Mal sprang er Zoldak an, so dass der Tiefling rücklings umgestoßen wurde und vollständig im Schlamm versank. Mard setzte nach und hieb mit Klauen und Fäusten auf sein Gesicht ein. Die nasse Erde schloss sich wie ein flüssiger Sarg um Zoldaks Körper. Er schlug mit Armen und Beinen um sich und versuchte, seinen Kopf nach oben zu bekommen, doch der Düsterling stieß ihn sofort mit der Pranke zurück in die nasse Dunkelheit. Verunreinigter Schlamm drang in seine Augen und in den Mund, in seine Ohren und Nasenlöcher, es wurde dunkel. Immer tiefer sank er, als würde er sich nicht mehr in einem Schlammloch, sondern einem Sumpf befinden, seine verzweifelt ausgestreckten Hände erreichten die Oberfläche nicht mehr. Es wurde unnatürlich warm um ihn. Auch die Bewegungen des kleinen Angreifers, der auf seiner Brust gesessen hatte, um ihn zu ersticken, veränderten sich. Er hörte auf, Zoldaks Kopf mit beiden Händen hinab zu drücken und stieß sich von ihm ab. Es wurde immer heißer und das ständige Vibrieren verstärkte sich zu einem Wogen und Walken, einem Kneten und Schieben wie ein riesiger verfaulter Teig. Zoldak wurde herumgewirbelt, er bekam einen Fuß ins Gesicht, dann spürte er die Zähne des Düsterlings am Ellebogen, musste einen Schlag in die Leber einstecken, ehe Mard plötzlich ganz fort war. Und dann spuckte der Schlamm den Tiefling mit einem unanständigen Geräusch aus, Zoldak flog hoch in die Luft, zusammen mit einem Regen von Millionen Klümpchen. Er überschlug sich, sah das leuchtende Morgenrot, die schlammverschmierten Zelte, Mard, der kopfüber neben ihm flog, das Wäldchen, durch das er zuvor mit dem Karren gegangen war und auch die halb zugeschaufelte Dungrube. Der Schlamm türmte sich derweil immer weiter empor, bis Zoldak mit den Füßen zuerst wieder bei ihm ankam – er landete rittlings auf dem sich aufbäumenden Unrat wie auf einem Pferd, nur dass der das Ausmaß einer Karawane hatte. Diesmal versank er nicht. Er war zu sehr mit Luftholen beschäftigt, um sich darüber zu wundern, dass das Dung-Schlamm-Gemisch nun eine feste Form angenommen hatte und sich bewegte. Breitbeinig saß Zoldak auf dem riesigen Wurm, der mit ihm herumzukriechen begann. Hinter sich hörte er ein hässliches Flatsch und dann spürte er Mard, der ihn mit beiden Armen umklammerte und kreischte.
Der Wurm hob die vordere Hälfte mit den beiden Reitern an, bis sie so weit vom Grund entfernt waren, als würden sie auf einem Wachturm sitzen. Dann begann er sich vorwärts zu bewegen, indem er mit dem hinteren Ende schlängelte, zunächst langsam, dann schneller.
„Es funktioniert!“, quiekte Mard völlig aus dem Häuschen. „Es lebt! Es kriecht!“ „Ist dies hier etwa das, was du angepflanzt hast, du Irrer?“, brüllte Zoldak und umklammerte mit den Beinen fest das Monstrum. Er konnte zwar einigermaßen reiten, aber nur auf Kamelen, nicht auf so was! Mühsam hielt er das Gleichgewicht auf dem glitschigen, runden Rumpf. „Was hast du hier bloß erschaffen?“
Der Düsterling krallte sich von hinten an seinem verschlammten Gerstensack fest und quiekte abwechselnd vor Freude und Angst. „Das solltest du erkennen! Einen Gluhschwanz! Nur etwas verkrüppelt ist er geraten und braun! Und er hört auf mich! Auf mich allein! Los, mein matschiger Freund, wir beginnen im Norden!“
Der Wurm drehte den Klumpen, der seinen Kopf darstellen sollte, in die Richtung des schmutzigen Zeltdorfes. Dort, wo er aus der Dunggrube entsprossen war, ließ er einen Krater zurück, in den ein ganzer Tempel hinein gepasst hätte. Wenigstens konnte man Zoldak nicht vorwerfen, dass er seine Arbeit nicht erledigt hätte. Dies war mit Sicherheit die größte Dunggrube, die jemals ausgehoben worden war!
Das Ungeheuer wälzte sich vorwärts wie eine Lawine, brauch Bäume und Sträucher, Büsche und Ruinen. Ohne Unterschied überwalzte es jeden, der sich nicht rechtzeitig in Sicherheit brachte. Zu Zoldaks Entsetzen hetzte Mard das Ungetüm nun auf seine eigenen Leute, das gesamte schlammige Zeltdorf der Düsterlinge wurde mit Mann und Maus, mit Kind und Kegel eingeebnet, wobei Mard hysterisch lachte und kreischte wie ein Äffchen.
„Du Dreckskerl“, rief Zoldak. „Wie kannst du so etwas nur tun? Hast du denn gar kein Gewissen?“
„Ich hatte mal eins, vor langer Zeit! Wenn ich mich recht entsinne! Ich glaube, das habe ich damals mit meinen Zähnen verloren! Vielleicht erinnere ich mich aber auch falsch und es war nie da! Es könnte auch nur ein Traum gewesen sein! Es gab so vieles, wovon ich geträumt habe!“
Er ließ den Wurm noch ein zweites Mal über das Dorf hinwegwalzen, als ob er fürchtete, es könnte nicht genug zerstört worden sein. Zoldak war zutiefst schockiert. „Wie kannst du nur, warum bringst du dein eigenes Rudel um?“
„Weil sie es verdient haben! Weil sie kriechen und ducken, genau wie du! Sie sind schuldig, allesamt!“
Nichts als eine stinkende, flache Ebene blieb von dem Lager übrig, ein Totenfeld, das im Morgenlicht glänzte. Reglose schwarze Körper lagen darin wie Insekten in flüssigem Kerzenwachs. Die Wolken verdeckten inzwischen fast den gesamten Himmel, die gerade erst aufgegangene Sonne verschwand immer weiter.
„Nach Norden, sage ich, nach Norden!“, quiekte Mard und zappelte vor Aufregung. Und weiter ging die Fahrt des Grauens. Vertraute Gerüche stiegen in Zoldaks Nase, der Geruch von Lagerfeuern und Ausdünstungen von Körpern. Mit Schrecken erkannte er, worauf der Düsterling hinaus wollte.
„Du Wahnsinniger! Im Norden ist das Feldlager der Rakshaner! Meiner und deiner Herren!“
Entsetzt riss er die Augen auf, der Kleine lachte. „Sehr richtig! Und es ist lange genug dort gewesen! Vorwärts, Würmchen!“
So erbarmungslos und allesvernichtend wie eine Naturgewalt brach das Monster über die Zelte herein, über die Gatter mit den Nutztieren und die Lazarette, die Feldküchen und Materiallager. Holz brach, Reithyänen flüchteten oder wurden versenkt, Rakshaner liefen mit wehenden Gesichtsschleiern durcheinander. In ihrer Panik versuchten sie, sich zu formieren, schossen mit verschiedensten Waffen auf das Monster, vom Reiterbogen bis zur erbeuteten Balliste, doch jedes Mal, wenn sie es beschädigt hatten, formte es sich einfach um, so dass die Lücke sich wieder schloss. Es schien, als wäre die Kreatur unverwundbar.
Der Düsterling jubelte und feuerte den Wurm immer weiter an und Zoldak hatte den Eindruck, als höre das Monster ihm aufs Wort. Der Tiefling musste hilflos mit ansehen, wie das komplette Feldlager seiner Gebieter zu einer schlammverschmierten Trümmerlandschaft verarbeitet wurde. Wie ein durchgewalkter Brotteig, in dem tausende Zahnstocher, Taschentücher und Püppchen eingeknetet waren sah es nun von hier oben aus. Mard verschonte keinen und das Ungetüm schien unaufhaltsam zu sein. Dennoch – Zoldak hatte das Gefühl, der Wurm reagiere auf seinen Schenkeldruck. Er wurde tatsächlich langsamer, oder täuschte das? Zoldak kam nicht dazu, es auszuprobieren. Kaum war das Feldlager der Rakshaner dem Erdboden gleichgemacht, ohne dass auch nur ein einziges Zelt verschont geblieben wäre, riss der Düsterling das Monster erneut herum.
„Es ist vollbracht! Und jetzt nach Westen!“
„Nach Westen? Aber da liegt das Lager der Tieflinge! Mein Lager!“
„Du hast es erfasst! Wenn schon, denn schon!“
„Was soll das, wir sind doch auch nur Sklaven der Rakshaner! Wir können doch gar nichts für den ganzen Feldzug!“
„Ja, ihr seid Sklaven, die sich selber Sklaven halten! Ihr seid keinen Deut besser! Lange genug habe ich für deinesgleichen Unterhosen geschrubbt und Suppe gekocht, während ich selber bei jedem Wetter nur diesen Lappen trage und mir der Magen knurrt! Und wofür? Dafür, dass die Rakshaner ihr Gebiet ausdehnen und sich noch mehr Tieflinge halten! Noch mehr Tieflinge, die von noch mehr Düsterlingen bedient werden! Hinfort mit euch, weg mit euch allen! Ich reinige die Welt mit Dung, so wie sie es verdient!“
Der Wurm war immer schneller geworden, umso größer der Rachedurst des kleinen Unholds angewachsen war. Inzwischen raste das Monster mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes über die Lande, während der Schlamm zu allen Seiten spritzte. Bald würde es an seinem Ziel sein. Zoldak konnte schon die Dornenbüsche sehen, die das Lager wie eine Hecke umgaben und gerade in voller Blüte standen.
„Du bist wahnsinnig, Mard, vollkommen irre!“
„Nicht irrer als du und alle anderen!“ Zoldak spürte, wie Mard sich hinter ihm zur Seite lehnte und an seiner Schulter vorbei glotzte. „Ah, da sind sie ja schon, eure schwarzen Zelte! Mit hübschen Blumen drumherum! Und an den Kochstellen werkeln Düsterlinge! Aber gleich nicht mehr, gleich nicht mehr!“
„Nein!“, brüllte Zoldak, griff in den Nacken des Monsters und zerrte an einem Schlammwulst wie an einem Zügel. Gleichzeitig presste er den Hintern in den Rücken des Wesens – und mit einem Mal stoppte es. Er hatte nicht damit gerechnet, dass es auf ihn hören würde und starrte verblüfft die braune Masse an.
Auch der Düsterling hörte für einen Augenblick auf, mit den Fersen auf seine Schöpfung einzutrommeln. Dann fuhr er in doppelter Geschwindigkeit damit fort und krähte noch lauter als zuvor: „Vorwärts! Vernichte das Tieflings-Lager! Dein Meister Mard befielt es! Ich habe die Saat gestohlen, die magische Nuss, in der du geschlafen hast! Ich habe sie gepflanzt in die fruchtbarste Erde, die ich finden konnte, ich habe die Sprüche aufgesagt bei Sternenschein! Also bin ich es auch, dem du nun folgen musst! Tu es gefälligst!“
Das Monster setzte sich für einen Moment in Bewegung, doch als Zoldak erneut an dem Wulst zog und sich darauf konzentrierte, es zu stoppen, hielt es wieder inne.
„Verflucht noch eins! Wieso hört es auf dich? Es sollte nicht auf dich hören!“
Mard tobte hinter ihm, während der Tiefling versuchte, so ruhig wie möglich zu bleiben und gedanklich auf das Wesen einzuwirken. Es klappte! Sein Willen war stärker als der Rachedurst des Düsterlings.
Der Wurm begann sich rückwärts zu wälzen, fort vom Lager, fort von seiner Familie, seinen Freunden und Kampfgefährten. Zwar schien das Monster mitunter unsicher und versuchte, wieder in die andere Richtung zu drängen, doch Zoldak gelang es, seine gesamte Konzentration darauf zu richten, seine Leute zu retten. Alles, was er liebte, befand sich auf diesem kleinen Fleckchen Erde. Er würde nicht zulassen, dass das Ungetüm sie alle umbrachte!
„Irgendetwas ist schief gelaufen“, wetterte Mard. „Aber das kriege ich wieder hin!“
Er stieß dem Tiefling einmal mit der Faust zwischen die Schulterblätter, es tat nicht sonderlich weh, war mehr ein wohl platziertes Knuffen - doch dann spürte Zoldak wieder die Bienen in seiner Lunge, die krabbelten und brummten, pieksten und stachen. Verdammt, nicht jetzt! Er musste die Zhencrail retten, der Großteil des Stammes befand sich dort! Er krümmte sich vor Schmerzen zusammen und hielt die Luft an. Bloß nicht husten! Wenn seine Konzentration jetzt nachließ, waren sie alle todgeweiht.
Das Ungeheuer kroch immer langsamer rückwärts. Schließlich stoppte es und reckte den langen Hals mit dem Klumpenkopf zögerlich in Richtung des Lagers. Zoldak gelang es nicht länger, den Husten zu unterdrücken.
Mard stieß einen schrillen Siegesruf aus und stieß ihm brutal in die Nieren, so dass Zoldak aufjaulte, dann packte der Düsterling ihn bei seinem Lumpen, zerrte ihn aus der Sitzfurche und versuchte, ihn herunterzureißen, doch Zoldak drehte den Oberkörper und griff nach dem Erstbesten, was er zu fassen bekam und das war Mards Ohr. Er zerrte den schwarzen Kerl daran zu sichm um ihn auch mit der anderen Hand packen zu können und versuchte nun seinerseit,s den Düsterling hinabzustoßen. Der jedoch hielt sich mit aller Kraft an Zoldaks Kleidung dest. Der Stoff war stabil und so gelang es Zoldak nicht, ihn zum Reißen zu bringen. Mard hing an ihm wie eine bissige Katze, er schrie und biss um sich, während der Tiefling ihn an seinem Ohr nach hinten zerrte, um die Zähne von sich fernzuhalten.
Der Wurm raste während ihres Kampfes unkontrolliert im Kreise, buckelte und zuckte, so dass Zoldak alle Mühe hatte, das Gleichgewicht zu halten. Im gleichen Moment klatschte Mards Schweif ihm einen Batzen Dreck ins Gesicht, genau, als er gerade einatmete, so dass ein guter Teil des Unrats in seiner Lunge landete. Seine Hand ließ das Ohr los, während er sich zusammenkrümmte. Der Düsterling reagierte schnell, er fasste erneut Zoldaks provisorische Bekleidung und als der Wurm wieder zuckte, nutzte er den Schwung aus, um den Tiefling endgültig aus dem Gleichgewicht zu bringen. Zoldak schlitterte und rollte die Dungwand hinab und blieb japsend im Dreck liegen, die Augen und den Mund weit aufgerissen, den fauligen Geschmack des Schlammes auf der Zunge, gemischt mit dem von Blut.
„Ha!“, triumphierte Mard hoch über ihm und setzte sich schmatzend in Zoldaks Sitz, ergriff den Zügelwulst und hämmerte dem Wurm die Fersen in die Flanken. „Los jetzt, wir haben genug Zeit verschwendet! Vernichte diese verfluchten Grauhäute, damit wir endlich von hier fort können!“ Doch das Monster blieb an Ort und Stelle, verharrte so unbeweglich wie eine Statue aus Dung, errichtet zu Ehren einer gigantischen Wurmgottheit. „Was soll das!“, heulte Mard. „Alles geht schief!“ Dann richtete er die Augen auf Zoldak. „Ah, so ist das!“, sagte er nachdenklich. „Es braucht aus irgendeinem Grunde uns beide! Los, Tiefling, steig wieder auf!“
„Ich denke ja gar nicht daran“, protestierte der und kämpfte sich auf die Füße. „Soll das Monster doch hier bleiben und versteinern, irgendwann erlischt der Zauber. Und dann wirst du für alles zur Verantwortung gezogen!“
Die männlichen Tieflinge, die sich auf die Schnelle Waffen besorgen konnten, bildeten eine Linie und kamen näher, die meisten noch in Schlafkleidung. Säbel und Speere blitzten im Morgenlicht. Viele hatten nur Zeltstangen, Schaufeln und ähnliches in den Händen, manch einer war bloß mit seinen geballten Fäusten angerückt, um das Lager zu verteidigen. Gut so!
„Auf dich wartet Silber“, säuselte der Düsterling. „Was du dir davon alles kaufen kannst!“
Doch Zoldak blieb, wo er war, ermutigt durch die Anwesenheit der anderen Krieger. „Du hast unsere Herren auf dem Gewissen, du Mörder! Was soll jetzt aus meinem Stamm werden?“
„Du bist ein blöder, dummer Sklave!“, schrie der Düsterling. „Du könntest frei sein! Stattdessen jammerst du um den Verlust deiner Ketten!“
„Warum sollte ich frei sein wollen, es ging mir gut! Ich brauche dein Silber nicht, ich besaß alles, was ich wollte! Eine Unterkunft, jeden Tag zu essen, eine Familie! Mein Leben hatte einen Sinn, verdammt, ich war ein Krieger Rakshanistans! Und jetzt? Ich habe sieben hungrige Mäuler zu stopfen!“
„Gut, wenn du es so haben willst – ich stelle euch an! Ich bin euer neuer Herr! Eine eigene Armee von Grauhäuten wäre gar nicht mal schlecht! Mit eurer Unterstützung könnte ich als nächstes diese hässliche rakshanische Hauptstadt einebnen!“
Zoldak legte den Kopf in den Nacken, um den Düsterling besser sehen zu können. „ Du?“, fragte er zweifelnd.
„Ja ich!“
„Und wie willst du uns bezahlen?“
„Du Einfaltspinsel! Mit dem Silberschatz natürlich, den ich schon erwähnte! Jetzt schwing endlich dein verschissenes Heck hier hinauf!“
Immer mehr Tieflinge umschlossen Zoldak, Mard und das Ungetüm. Sie blickten alles andere als freundlich drein. Auch ein paar Düsterlinge huschten zwischen ihnen herum.
„Ein Golem“, keuchte jemand entsetzt. „Ein Golem aus Schlamm!“
„Aus Dung bitte sehr“, keifte Mard und schüttelte die Faust. „Ich habe fruchtbares Material genommen, damit die Saat gut gedeiht! Das ist echte Handwerkskunst, auch wenn es eigentlich ein Gluhschwanz werden sollte! Erzittert vor meiner Magie!“
„Magie?“, wunderte jemand sich.
„Da sitzt ja ein Düsterling oben drauf“, sagte ein anderer und schirmte die Hand gegen die verbliebenen Sonnenstrahlen ab. Zoldak kannte ihn. Es war Fango, derjeinige, der ihn im Lazarett verpfiffen hatte. Und zufällig auch der geschiedene erste Mann seiner Hauptfrau. Fango hielt einen Spaten. „Seit wann beherrschen die Unreinen Magie?“, frage Fango und starrte Mard an. „Oder gibt es Ausnahmen?“
„Nein, gibt es nicht!“, erwiderte der Tiefling neben ihm. „Keiner von denen kann das, sie haben keine Magie im Blut! Wir Zhencrail haben einfach kein Talen, doch Düsterlinge haben überhaupt nichts mit Magie zu tun. Kein einziges Rudel.“
Zoldak zog nachdenklich eine Augenbraue nach oben. Wenn Düsterlinge keine Zauber wirken konnten, was hatte es dann mit dem Ungetüm auf sich, das er beschworen hatte? Wie kam es zustande?
Das Dungmonster neigte seinen Klumpen zu Zoldak herab und verharrte damit genau vor seiner Nase. Es stank bestialisch. Es glotzte ihn augenlos an, als ob es auf sein Kommando wartete.
„Du“, rief Fango und zeigte mit seinem Spaten auf ihn. „Der Golem folgt dir! Du hast diesem kleinen Scheusal da oben geholfen, nicht wahr?“
Bei Rakshor, der Krieger hatte Recht! Plötzlich ergab alles einen Sinn. Zoldak hatte durch seinen blutigen Hustenauswurf sein magisches Blut in den Dung gegeben – jenen Dung, den Mard schon zuvor erfolglos mit Zauberei bearbeitet hatte. Das Blut hatte den schlummernden Zauber aktiviert! Erst durch die Kombination von Mards Sprüchen und Zoldaks Blut war der Golem ins Leben getreten - und darum war er auch nur kontrollierbar, wenn sie beide auf ihn einwirkten.
Die Menge schloss den Kreis dichter. Klingen und Speerspitzen funkelten. Der Himmel war inzwischen finster geworden und die Luft schien drückend schwer.
„Du Verräter“, zischte Fango. „Erst drückst du dich vor der Schlacht und nun lehnst du dich erneut gegen unsere Herren auf? Was ist mit dem Eid, den du geschworen hast?“
Zoldak hob abwehrend die Hände und wich zurück.
Mard lachte. „Die Rakshaner sind tot!“, posaunte er. „Allesamt, wenn ich keinen übersehen habe! Euer alberner Eid ist zusammen mit eurem Feldherrn vergangen!“
„Was? Was sagst du da? Herr Dschan ist tot?“
Fassungslos starrte die Menge hinauf zu dem Düsterling, hoch zu Wurme, und dann zu Zoldak, der bis zu den Knien im Unrat steckte. „Bei der gottlosen Leere, was habt ihr getan! Wenn das wahr ist, dann sollt ihr büßen!“ Fango hob seinen Spaten und machte einen Schritt nach vorn. Seinen Augen loderten vor Hass. „Hängt sie! Hängt den Eidbrecher und den Mörder!“
„Hängt sie!“, echote die Menge im Chor.
So fühlte man sich also, wenn tausende Tieflinge auf einen zu marschierten, die Zähne gefletscht, die grauen Gesichter verzerrt zu Fratzen des Zorns. Selbst in Schlafgewändern wirkten sie angsteinflößend. Ein Blitz spaltete den Himmel und kurz darauf donnerte es. Das alltägliche Unwetter brach über sie herein. Zoldak begann zu zittern, doch er versuchte, Haltung zu bewahren, wie es seine Pflicht war. Heute, an diesem Tage, würde er den Tod eines Verräters sterben. Den Tod, den alle Zhencrail am meisten fürchteten, denn wer am Strick hing, dessen Seele konnte nicht durch den Mund in die Freiheit entweichen und würde zusammen mit dem Körper vergehen. Es war der Tod, den ein Tiefling bei schwerem Eidbruch zu erwarten hatte.
„Worauf wartest du noch!“, kreischte Mard. „Die bringen uns um!“
Endlich riss Zoldak sich aus seiner Starre. Auf diese Weise zu sterben war das Letzte, was er wollte! Er schwang sich auf den hinabgeneigten Hals des Dunggolems, krallte sich fest und konzentrierte all seine Gedanken, all seine Wünsche, Ängste und Hoffnungen in diesen einen Augenblick. Rakshaner hin oder her, er konnte nichts dafür, was passiert war! Diese Strafe wäre nicht gerecht!
Der Wurm schien nur auf ihn gewartet zu haben. Wie ein übermütiges Pferd stieg er mit der vorderen Hälfte empor, kaum, das Zoldak auf ihm saß, schraubte sich hundert Schritt weit hinauf in den Himmel, wurde immer länger. Schmatzend sog sein Körper den Schlamm der Umgebung auf, während er wuchs. Entsetztes Aufschreien und wüste Flüche gingen durch die Menge, Fangos Gesicht war wutverzerrt. Er schleuderte seinen Spaten, der in dem Monster stecken blieb, ohne eine Wirkung zu erzielen.
„Du Scheißkehrl!“, brüllte er zu Zoldak hinauf. „Was anderes, als dich schon wieder aus dem Staub zu machen, fällt dir auch nicht ein! Du Feigling, du bekommst deine Strafe noch!“
Zoldak hielt sich so fest, wie er konnte, so dass er leider keine Hand frei hatte, um ihm den Mittelfinger zu zeigen.
Der Wurm streckte sich weiter. Die zornigen Tieflinge schrumpften unter ihm zu Ameisen zusammen, das Zeltlager zu einem verschmierten Karomuster. Höher, immer höher reckte sich das Wesen, bis es sich mit seinem Schwanz vom Boden abstieß - und flog. Wie ein Aal im Wasser schlängelte es sich durch die Luft.
Das jüngste Areal von Rakshanistan blieb unter ihnen zurück, mit all seinen Tragödien, vergangenen Hoffnungen und geplatzten Träumen, als sei es nur ein Spielfeld. Und mit ihm die Zhencrail, die herrenlos herumstanden und nichts anderes mit ihrer Freiheit anzufangen wussten, als dem Kerl hinterherzufluchen, den sie dafür am liebsten gehängt hätten.
Mard lachte mit weit aufgerissenem Mund, kreischte und zappelte, während er sich an Zoldaks Gerstensack festklammerte. „Wir fliegen! Grauhaut, wir fliegen!“
Und das taten sie, mitten in den dunkel verhangenen Himmel hinein. Rakshanistan lag bald so klein wie eine Landkarte unter ihnen. Die Sicht hinab schwand, als sie die finstere Wolkendecke durchstießen. Unter Zoldak begann wieder das Kneten und Walken, der Golem wurde erneut heiß, wie vorhin, als er seine Gestalt angenommen hatte. Seine äußerste Kruste erhärtete und bekam Risse wie ein trockenes Bachbett. Für einen Augenblick erstarrte das gesamte Wesen in der Luft, einen Moment stand die Zeit still. Dann streckte es sich wie ein losgelassener Bogen und sprengte die harte Schicht von seinem Leib. Die Krümel und Splitter stoben nach allen Seiten. Und unter der früheren Haut – darunter lag der Schatz. Silber. Pures Sternenlicht. Zoldak traute seinen Augen kaum. Anstelle der stinkenden Schlammwurst wand sich nun ein Reptilienhals mit silbernen Schuppen zwischen seinen Beinen, glänzend wie eine frisch geölte Rüstung. Mit jeder Bewegung wurde das weißliche Glimmen sichtbar, das an Sternenlicht erinnerte und das sich zum Ende des Tieres zu einem intensiven Leuchten hin verstärkte. Jetzt bei Sonnenschein fiel es kaum auf, doch bei Nacht würde das Tier im Fluge leuchtende Streifen an den Himmel malen. Das Wappentier lebte!
„Jetzt ist es wirklich ein Gluhschwanz“, rief Mard. „Ich sag`s ja, echte Handwerkskunst! Warte nur, bis er sich häutet! Das gibt einen Silberhaufen, in dem wir baden können! Davon kannst du ins nächste Freudenhaus gehen und dir neue Frauen kaufen! Oder zum Sklavenhändler, wenn dir das lieber ist!“
Die Regenwolken blieben unter ihnen zurück. Das Tier flog so ruhig und gleichmäßig, dass es nicht anstrengender war, als ein im Schritt gehendes Kamel zu reiten. Angst zu stürzen hatte Zoldak keine – und auch Mard schien mit einem Male völlig sicher zu sitzen. Es war, als ob der Körper des Drachen sich ihren Bewegungen anpasste und jedes Straucheln sofort durch eine Gegenbewegung ausglich. Die Sonne glitt in Wellen über das glänzende Schuppenkleid, während der Körper sanft im Rhythmus der Flügelschläge wiegte. Warm fühlte sich der Gluhschwanz an, er atmete und Zoldak glaubte sogar, seinen Herzschlag zu spüren.
Er hatte nicht geglaubt gehabt, den Tag zu überleben. Er dachte an die entwürdigende Strafe zurück, an die Kälte, die seinen kranken Körper gequält hatte, an die unheimlichen Düsterlinge und an die blanken Waffen seines eigenen Stammes. Ihm standen die Stoppeln seiner Nackenhaare zu Berge. Heute war er ein zweites Mal geboren worden, eigentlich hätte er nach so einem Tage tot sein müssen. Er hatte alles verloren, seine Herren, seine Arbeit, seine Familie, seine Heimat, seinen Sinn. Aber er lebte. Er war noch nicht sicher, ob er sich darüber freuen sollte.
Unsagbar müde sank er nach vorn und legte die Arme um den Gluhschwanz. Die Wärme tat seiner Lunge gut. Mard ließ endlich seine Kleidung los, die er bis dahin umklammert hatte. Unter ihnen zogen die Wolken dahin, mit der Zeit ließen sie die Gewitterfront hinter sich zurück und das Land tauchte wieder unter ihnen auf. Unendlich weit dehnte Rakshanistan sich aus, von Horizont zu Horizont. Das alles hatte er geholfen zu erobern. Die Sonne erreichte den Zenit und als sie hinter den Bergen versank, flogen sie immer noch. Doch nun war es nicht mehr ihre Heimat, die unter ihnen lag, sondern die Fremde, mit anderen Feldherren und anderen Sklaven. Vielleicht auch ohne all dies.
Zoldak fielen trotz der heftigen Gefühle bald die Augen zu. Er schlief völlig erschöpft bis in den Abend hinein, während Mard, sobald der Tiefling zwischendurch einmal die Augen öffnete, losquatschte und ihn mit seinen Zukunftsplänen überhäufte, bis dieser wieder einschlief. Als die Dämmerung begann, wurde Zoldak für längere Zeit munter. Es wurde dunkel, das weiße Leuchten des Gluhschwanzes wurde sichtbar. Von Asamura aus würde man ihn nun als Sternschnuppe sehen – die Tieflinge würden ihren Kindern erklären, das bringe Glück und jeder überlebende Düsterling, der das Leuchten gesehen hatte, würde für die nächsten vier Tage keine vergorene Milch trinken, weil das angeblich sonst unfruchtbar machte. Je nachdem, woran man glaubte. Nur den Rakshanern wäre es egal, denn sie glaubten an gar nichts, außer an ihren Sieg.
Zoldak fragte sich, ob der Anblick des Gluhschwanzes ihm auch dann noch Glück brachte, wenn er ein Eidbrecher war, der mit seinem Blute dazu beigetragen hat, seinem Volk sowohl die Herren als auch die Sklaven zu nehmen. Ein wenig Glück könnte er gut gebrauchen.
Die Sterne wurden sichtbar. Auch Mard hielt endlich den Mund und nahm sich die Zeit, sie zu betrachten. Kalt und still schienen sie auf sie herab, das Einzige, was sich niemals änderte.
"Die Menschen bauen zu viele Brücken und zu wenige Mauern."
Avatar mit freundlicher Genehmigung von: http://direwrath.deviantart.com/

Benutzeravatar
JEELEN

Das Kaisho Abkommen Die fleißige Feder in Bronze Rote Laterne Quasselstrippe
Zweitcharakter
Beiträge: 530
Registriert: Mi 23. Nov 2016, 11:10
Volk: Goblin
Steckbrief: [ externes Bild ]

Re: The origin of Mard - Das Ding aus dem Dung

#2

Beitrag von JEELEN » Fr 3. Feb 2017, 10:45

„Ja, ihr seid Sklaven, die sich selber Sklaven halten! Ihr seid keinen Deut besser! Lange genug habe ich für deinesgleichen Unterhosen geschrubbt und Suppe gekocht, während ich selber bei jedem Wetter nur diesen Lappen trage und mir der Magen knurrt! Und wofür? Dafür, dass die Rakshaner ihr Gebiet ausdehnen und sich noch mehr Tieflinge halten! Noch mehr Tieflinge, die von noch mehr Düsterlingen bedient werden! Hinfort mit euch, weg mit euch allen! Ich reinige die Welt mit Dung, so wie sie es verdient!“

- MARD

Recht so! Wahre Worte ausgesprochen.
Im Unrecht gibt es keine Gleichheit.
Er hat ihnen gut eingeheizt gg

:) :) :) Erstklassige Geschichte :) :) :)
Golems aus Lehm und Stein waren mit bekannt, aus Dung noch nicht gg

Benutzeravatar
Knozzy

Das Kaisho Abkommen Weltenbastler in Gold Die fleißige Feder in Bronze Die fleißige Feder in Gold
Böser Endgegner
Beiträge: 584
Registriert: Mo 16. Mär 2015, 16:31
Volk: Goblin
Steckbrief: [ externes Bild ]
Kontaktdaten:

Re: The origin of Mard - Das Ding aus dem Dung

#3

Beitrag von Knozzy » Mi 8. Feb 2017, 13:04

Gelesen, genossen und für gut befunden!

Meine drei Lieblingsstellen
1) "Seine Finger zitterten. Wenn sein Vorhaben vorzeitig aufflog, würde man ihn auf einen Pfahl spießen und neben dem Empfangszelt des Feldherren zur Schau stellen! Wenn jedoch alles gut lief, dann ...
„Mard!“"

2) Konnte sie ihn nicht einfach seines Weges gehen lassen? Warum mussten Frauen immer dann reden wollen, wenn man es am wenigsten gebrauchen konnte?

3) „Weißt du was, wir machen es umgekehrt, Kleiner.“
„Kleiner? Für dich immer noch Mard, Bestrafter!"
In weiten Teilen am Anfang wirklich erstklassig. Zum Schluss hin lässt du nach. Besonders als der Golem-Drachen-Wurm-Dung-Gezücht-was auch immer, die Basis der Rakshaner und Düsterlinge angreift und zerstört. Das geschieht innerhalb von wenigen Sätzen, sodass jegliche Atmosphäre verloren geht. Auch kann ich mir das Dung-Ding nicht wirklich vorstellen, da müsste man sich an die Beschreibung auch nochmal dran wagen, wenn du es optimieren möchtest.
Das Innenleben des Zoldaks bei Zerstörung des Rakshaners Lagers wird nach meiner Meinung zudem auch nicht genug beleuchtet. Sodass ich das Gefühl habe, ihm wäre die Vernichtung seiner Kriegskameraden komplett egal. Immerhin hatte er früher Seite an Seite mit den Rakshanern gekämpft. Im Kampf muss man sich vertrauen und baut eine Art tiefen Respekt auf. Nur Söldner sind derart herzlos und empfinden nichts dabei, wenn sie ehemalige Freunde töten.
Letzter Kritikpunkt und was mir auch zu kurz kam, war, warum Zoldak sich absichtlich mit der Lungenentzündung ansteckte. Du erwähnst kurz seine Angst vor der Schlacht. Das kann ich persönlich aber so nicht nachvollziehen.

Gelungen hingegen ist dir die Ausarbeitung des Settings. Auch die Herrschaftsstrukturen innerhalb des Rakshanerslagers sind sehr authentisch. Auch die Ausarbeitung des Zoldaks ist, bis auf den oberen Kritikpunkt, sehr gut gelungen. Man spürt förmlich die Angst die Zoldak vor dem Herrn Dschan hat, als er das Lager betritt. Sein Siechtum ist außerdem exzellent dargestellt.
Mard ist sowieso cool, da gibts nix zu meckern, nur Eines: MEHR MARD!

Der Schluss ist sehr offen gehalten und lässt auf eine Fortsetzung hoffen!
"Geld ist geprägte Freiheit".

Vielen Dank an Baxeda für das charmante Avatarbild!

Benutzeravatar
Baxeda

Die Freien Völker Weltenbastler in Gold Die fleißige Feder in Bronze Die fleißige Feder in Silber
Graue Eminenz
Beiträge: 2404
Registriert: Sa 14. Mär 2015, 16:58
Volk: Gargoyle
Steckbrief: Baxeda
Kontaktdaten:

Re: The origin of Mard - Das Ding aus dem Dung

#4

Beitrag von Baxeda » Do 9. Feb 2017, 06:12

@ Jeelen: Danke für die lieben Worte, freut mich, wenn das Geschichtlein dich gut zu unterhalten vermochte!


@ Knozzy: Auch dir besten Tag, sowohl Lob als auch Kritikpunkte sind für mich gut nachvollziehbar. Damit kann ich als Autor was anfangen und damit arbeiten. Insbesondere, dass ich vergessen habe, Zoldaks kameradschaftliche Gefühle für seine Kampfgefährten zu erwähnen. Da greif ich mir im Nachhinein selber an die Stirn, vermutlich zu lange aus Söldnersicht geschrieben und nicht aus der eines Soldaten.

Die Sache, warum Zoldak sich absichtlich ansteckt, wird einige Kapitel später ausführlich erklärt:

Er hat eine posttraumatische Belastungsstörung(?), er kann trotz seiner guten Veranlagungen mit manchen Aspekten des Krieges nicht umgehen. Sein Onkel ist direkt vor seinen Augen unschön getötet worden (Speer durch den Hals) und seither wird er beim Anblick von Speeren bewusstlos. Sein Körper macht einfach dicht. Da es seine Kampfgefährten ankotzt, dass er sich so neuerdings erfolgreich vor jeder Schlacht drückt, anstatt ihm beizustehen, wollten sie ihn auf einem Kamel festbinden und ihn so in die Schlacht mitnehmen, damit er gezwungen ist, zu kämpfen. Da das sein sicherer Tod gewesen wäre, hat er die Infektion mit einer Lungenentzündung vorgezogen, um im Lazarett verbleiben zu können. Leider ist aufgeflogen, dass es Absicht war.

Wenn die Fortsetzung gewünscht ist, obwohl sie schlecht ist, kann ich sie gern hier posten. *g* Dafür muss ich sie aber erstmal überarbeiten und die alten Begrifflichkeiten ausmerzen. Es dauert also ein bisschen. :-)
"Die Menschen bauen zu viele Brücken und zu wenige Mauern."
Avatar mit freundlicher Genehmigung von: http://direwrath.deviantart.com/

Benutzeravatar
Baxeda

Die Freien Völker Weltenbastler in Gold Die fleißige Feder in Bronze Die fleißige Feder in Silber
Graue Eminenz
Beiträge: 2404
Registriert: Sa 14. Mär 2015, 16:58
Volk: Gargoyle
Steckbrief: Baxeda
Kontaktdaten:

Re: The origin of Mard - Das Ding aus dem Dung

#5

Beitrag von Baxeda » Mi 1. Nov 2017, 22:04

Ein Traum von Blut und Hoffnung


Am Rande der Zerstörung, an der Grenze zwischen Leben und Tod, saß Cey auf einem Klappstuhl und trank heißen Tee. Hinter ihr befanden sich die schwarzen Zelte ihres Stammes, von der Sonne wohlig erwärmt, ideal für die erschöpften Krieger, um sich vom Wachdienst oder Drill während der kalten Nächte zu erholen. Doch kaum ein Tiefling hatte in den letzten Stunden die Erlaubnis erhalten, nach Hause zu gehen.
Auf Cey lag nicht wie sonst bei ihrem Mann im Bett. Sie saß allein auf dem getrockneten Platz vor dem Zelt ihrer Familie, neben ihr glomm eine fast erloschene Feuerstelle, über der ein Dreibein stand. Der Topf fing von der Kette hinab, in welchem der Tee verlockend dampfte. Den faulen Gestank des Schlammes konnte der Duft der Kräuter jedoch nicht vertreiben.
Von Ceys Körper hing der schwarze Leinenpullover wie ein Zelt hinab und ließ keinerlei Rückschlüsse auf ihre Weiblichkeit zu, ebenso wenig wie sonst etwas an ihr. Bar jeglicher weiblicher Formen sah sie aus wie ein junger Bursche, dem man die Haare geschoren hatte, obwohl sie schon über 30 war.
Die Männer gruben vor ihren Augen die Ebene, in welcher einst das Viertel gestanden hatte, Schritt für Schritt vollständig um. Gemeinsam entknoteten sie riesige Knäuel von Stoff, die einmal Zelte gewesen waren, schlugen sie auseinander und suchten darin nach Überlebenden. Jeder verfügbare Mann war für diese Aufgabe geteilt worden, egal ob Tiefling oder Düsterling, auch kräftige Jünglinge halfen mit. Da es nicht genügend Schaufeln gab, gruben viele mit Brettern, Schüsseln, Tellern oder mit ihren bloßen Fingern. Sie schichtet die durchsuchten Zeltplanen auf Haufen, die immer größer wurden. Bei vielen waren die Augen die einzige Stelle, die nicht von Schmutz überzogen war. Die lichtempfindlichen Düsterlinge schmiert in ihrer Haut noch zusätzlich mit weiterem Schlamm ein, um nicht von der Mittagssonne verbrannt zu werden. Haut, Stoff und Untergrund, alles war braun, feucht und stank. Ceys Augen brannten und tränten von der Sonne, obwohl sie im Schatten einer aufgespannt Stoffplane saß. Die Zhencrail ertrugen die Lichtverhältnisse bei Tage zwar deutlich besser als die Düsterlinge, doch auch sie waren Wesen, welche die Nacht bevorzugten. Morgen würden Ceys Augen rot und entzündet sein, doch es war ihr egal, sie würde weder jammern noch klagen. Auch sie als Frau hatte ihren Anteil an der Rettung der Herren zu leisten und wenn es sich nur um das Ausschenken von aufputschendem Tee handelte. Die von der Arbeit schwitzenden Männer mussten ausreichend trinken, um die Herren retten zu können und das Wasser kocht es sich nicht von alleine ab
Cey wischte sich die Tränen fort.
„Hier!“, rief ein Krieger.
Sie nahm die Hand aus Gesicht und beobachtete sein Treiben. Das Loch, in dem er stand, war nicht sehr tief. Die Männer hielten die Gruben flach, um möglichst schnell eine große Fläche freilegen zu können. Erst danach würden sie in die Tiefe gehen. Mehrere Tieflinge warfen ihre Schaufeln beiseite, um beim Bergen der gefundenen Person helfen zu können. Es schmatzte, als sie das Kerlchen herauszogen. Innerhalb weniger Augenblicke brachten sie den kleinen, verschmierten Körper ans Licht.
„Verdammt, schon wieder ein Düsterling“, fluchte der diensthabende Tarrik, der in der Befehlskette zwischen dem Feldherren und dem gewöhnlichen Soldaten, dem Assek, stand. Man erkannte seinen Rang an dem auffälligen Schmuck an seinem Turban, Federn und Knochenstifte, die wie ein Strahlenkranz aus seinem Haar herausragten und heute ziemlich unordentlich bei ihm saßen. Es gab mehrere Tarrikes hier und alle, bis auf einen, waren Rakshaner. Cey glaubte, es waren noch fünf, die lebten. Er raunzte den Krieger an, der den schlaffen Düsterling entdeckt hatte und diesen nun in den Armen hielt: „Du hast bis jetzt nicht einen einzigen Rakshaner gefunden! Wirf den hier auf den Karren und dann gräbst du dort drüben weiter. Die anderen, zurück an die Arbeit! Jeder Augenblick zählt!“
„Soll sich jemand um den Düsterling kümmern?“
„Wir brauchen jeden Mann zum Schaufeln und Sklaven sind leicht zu ersetzen. Es sind die Herren, denen deine Sorge gelten muss! Erinnere dich daran, dass die Einheit, die Dschan findet, zur Palastwache in die Hauptstadt versetzt wird. Samt ihrer Familien! Bist du nicht erst Vater geworden? Soll dein Kind hier an der Westfront aufwachsen? Auf uns wartet ein Leben, das ein reines Zuckerschlecken wird, verglichen mit dem, was hier noch auf uns zukommt. Also nimm deine Schaufel und grabe weiter!“
Der Krieger verneigte sich und watete durch den Matsch, um den reglosen Düsterling fortzubringen.
Dschan war also noch immer nicht gefunden worden. Cey biss sich auf die Unterlippe. Auf einem Karren wurden jene Rakshaner gestapelt, für die alle Hilfe zu spät kam, während die Übrigen ins überfüllte Lazarett gebracht wurden. Auch Zhencrail und Düsterlinge waren unter den Opfern, doch ihre Toten lagen auf eigenen Karren etwas weiter abseits, während die Überlebenden unter freiem Himmel darauf warteten, versorgt zu werden, was selbstverständlich erst nach den Herren der Fall sein würde.
Der Anblick der schlaff herabhängenden Arme, Beine und Köpfe ließ Cey frösteln. Sie schloss die Finger fester um den heißen Kelch in ihren Händen und nippte. Der Duft der Kräuter überdeckte einen Moment den allgegenwärtigen Gestank von Schlamm und Dung. Cey hatte hier mehr Zeit, als ihr lieb war, doch war es den Frauen nicht gestattet, körperlich schwere Arbeiten zu verrichten, weil man nie wissen konnte, ob sie vielleicht einen ungeborenen Krieger in ihrem Leib trugen.
Das nördliche Drittel des Lagers war nicht mehr und mit ihm fehlte die komplette Verwaltung. Düsterlinge und Zhencrail waren auf sich allein gestellt zurückgeblieben.Viele Stunden waren seit dem Unglück vergangen, doch noch immer wurden Überlebende geborgen, die in Luftkammern unter Zeltplanen oder Karren überlebt hatten. Nur Serask Dschan selbst blieb wie vom Erdboden verschluckt und das im wörtlichen Sinne. Mit ihm hatte Rakshanistan seinen fähigsten Feldherren verloren, dem man nachsagte, er sei die Inkarnation des Chaosgottes Rakshor selbst gewesen. Bei dem Gedanken an seinen Verlust wurde Cey unwohl. Die Westgrenze war seit jeher die gefährlichste Region des südlichen Rakshanistan und erst, nachdem Dschan hierher versetzt worden war, hatte sich der Feind zurückgezogen, lauernd, doch geschlafen hatte er nie. Das Schicksal des herrenlosen Lagers würde nicht lange unbemerkt bleiben.
Im Eilschritt marschierte Tarrik Javesto an Cey vorbei, ohne ihr Beachtung zu schenken. Nach dem verschollenen Dschan war er der einflussreichste Mann des Feldlagers und sein Stellvertreter, obwohl er nur ein Zhencrail war. Er war der einzige von ihnen im Zeltlager, der es je geschafft hatte, diesen Rang zu erarbeiten. Rote und blaue Markierung an seinen Knochenstiften und die bunten Federn verrieten, dass er schon zahllose Auszeichnungen erhalten hatte, etwas, womit Dschan üblicherweise furchtbar gereizte. Javestos athletische Statur und sein geschmeidiger Gang straften sein fortgeschrittenes Alter lügen. Man merkte ihm kaum an, was er in den letzten Stunden durchgemacht haben musste, nur die tiefen Falten unter seinen Augen verrieten, wie erschöpft er wirklich war.
„Darf ich euch einen Tee anbieten, Tarrik?“, Fragte Cey laut, doch Javesto schritt weiter, ohne auch nur in ihre Richtung zu blicken. Bestimmt schon das zwanzigste Mal heute. Resigniert zuckte sie mit den knochigen Schultern. Ihm folgte ein Trupp erschöpfter Krieger in schmutzigen Schlafgewändern, von denen jeder eine Schaufel mit sich trug. Sehnsüchtig blickten die Männer auf den dampfenden Topf und die einladend bereit gelegten Trinkbecher. Einer wagte es stehenzubleiben, sich einen Becher zu nehmen und ihn Cey hinzuhalten, die ihm eine Kelle voll einschenkte. Sein Blick huschte immer wieder zu dem voran marschierenden Javesto.
„Bitteschön“, sagte Cey.
Das Wort war gerade über ihre Lippen gekommen, da brüllte es: „Halt!“
Der Trupp erstarrte fast augenblicklich in perfekt geordneter Formation. Nur ein Platz war leer. Der Krieger mit dem Tee zog den Kopf zwischen die Schultern. Cey wurde bewusst, dass sie ihn mit dem Wort gerade vergriffen hatte. Javesto kam herangepoltert, während die Männer wie ein Feld von Statuen verharrten. Seine verantwortungsvolle Position hatte er sich nicht durch Nachsicht und Sanftmut erarbeitet, das war sicher. Der Tarrik war der einzige des Trupps, der Arbeitskleidung trug. Wahrscheinlich schlief er sogar darin, um immer einsatzbereit zu sein, falls er überhaupt jemals schlief.
„Hier seht ihr ein Beispiel für zwei der schlimmsten Untugenden: Disziplinlosigkeit und Faulheit!“, donnerte er und trat an den Teetrinker heran. Der umklammerte seinen Becher. „Ich sage das, um euch alle daran zu erinnern, dass jetzt, in diesem Augenblick, noch hunderte Rakshaner im Schlamm liegen. Solange nicht jeder Einzelne von Ihnen geborgen wurde, ob tot oder lebend, und Serask Dschan gefunden worden ist, werdet ihr weder ruhen, noch Pause machen! Pause ist, wenn die Pflicht erledigt ist und das ist erst dann der Fall, wenn ich oder ein anderer Vorgesetzter es euch sagen!“ Er nahm den heißen Tee aus den Händen des Mannes und schüttelte ihn über dessen Kopf.
Der Krieger schrie, trampelte auf der Stelle und schlug um sich.
„Haltung, Assek!“, polterte Javesto.
Der Gepeinigten versuchte, seine Schmerzen herunter zu schlucken und das Zappeln einzustellen. Er gab sich alle Mühe, so ausdruckslos dreinzublicken wie seine versteinerten Gefährten. Javesto starrte ihn so lange an, bis es dem Krieger gelungen war, bis auf den letzten Finger korrekt dazustehen. Sein Gesicht war gerötet, vor allem an der Stirn, der Tee war heiß gewesen. Doch Cey machte sich wenig Sorgen. Sie hatte die Flamme zur Glut werden lassen, nachdem das Wasser aufgekocht gewesen war, und den Tee danach lediglich warm gehalten, damit die Krieger ihn sofort trinken konnten. Der Mann würde keine Brandblasen oder gar Narben davon tragen.
Javesto musterte ihn verächtlich. Der Tarrik war dafür bekannt, dass er, solange er sich selbst noch auf den Beinen halten und arbeiten konnte, auch von allen anderen dieses Durchhaltevermögen erwartete, jetzt noch mehr als vor der Katastrophe. Er und die anderen Tarrikes versuchten, so gut es ging, das Fehlen der verschollenen raskshanischen Befehlshaber zu kompensieren und waren entsprechend übermüdet und gereizt. Die Krieger eilten, seit das Ungetüm verschwunden war, hin und her, schleppten Schaufeln, Eimer und Tragen mit Verwundeten und das alles wollte irgendwie organisiert und überwacht werden. Gleichzeitig musste auch der alltägliche Ablauf gewahrt bleiben, das Waschen und hygienische Auskochen von Kleidung, was momentan auf Hochtouren lief, das Zubereiten und verteilen der Nahrungsrationen, die Wartung der Arbeitsgeräte und all die anderen Arbeiten.
„Zurück ins Glied“, bellte Javesto, als er den Teetrinker lange genug aus seinen blassroten Augen angestarrt hatte. Fast rosa wirkten sie, wie blankliegendes Fleisch und ließen sein Gesicht noch härter aussehen. Der gescholtene trat gehorsam an den freien Platz der Formation und der Tarrik gab den Befehl zum Weitermarschieren. Rasch verschwanden die Männer zwischen aufgetürmten Zeltplanen, den Karren und den Bergen von Unrat.
Cey blieb allein an der Feuerstelle zurück. Sie war müde, doch sie verspürte nicht das geringste Bedürfnis, sich ins Bett zu legen und sich ihren Albträumen zu stellen, auch wenn die Krieger sich den Tee ohne weiteres selbst einschenken könnten. Schweigend saß sie auf ihrem Klappstuhl und nippte.
„An den Eiern sollte man ihn aufhängen für das hier, wenn die Dinger nicht zu erbärmlich klein wären, dass nicht einmal ein Faden dazu taugen würde!“
Der Eingang ihres Zeltes wurde aufgerissen und Tah stürmte hinaus, gefolgt von zwei kleinen Mädchen. Cey war alles andere als böse darüber, von ihren trüben Gedanken abgelenkt zu werden und wenn es einer der Tobsuchtsanfällen ihrer Freundin war. Die kleine dicke Tieflingsfrau schnaubte wie ein Dampfkochtopf. Cey stellte den leeren Becher neben sich auf die Erde und wandte sich ihr zu. Es erstaunte sie immer wieder aufs Neue, welch derbe Worte aus Tahs hübschem Mund sprudeln konnten
Tat trug schmutziges es Besteck in der Faust mit nach draußen, nur um es aus mehreren Schritten Entfernung zurück ins Zelt schleudern zu können, wo es klappernd mit irgendetwas kollidierte. Eines der beiden Mädchen, sie begleiteten, lachte. Aus der Tragetasche am Zelteingang begann es zu brüllen. Tah bedachte die Tasche und das Mädchen abwechselnd mit funkensprühenden Blicken. Ihre prallen grauen Wangen waren von einem rosigen Schimmer überzogen und glänzten feucht. Schweißperlen glitzerten in ihrem kurzen Haar.
Cey bemühte sich um ein Lächeln. „Tah, du bist jetzt schon viel zu lange wütend. Das tut dir nicht gut, du siehst völlig erschöpft aus. Beruhige dich doch mal wieder! Er ist es nicht wert das du so viele Gedanken an ihn verschwendet.“
„Nicht wert?“ Tah watschelte zu der Tragetasche, in der das weinende Baby sich wand. „Er hat jeden Fluch und jeden einzelnen schlechten Gedanken verdient! Auch tausend mal denselben! Vielleicht erhört Rakshor mich dann endlich und verpasst ihm das, was er verdient, anstatt ihm ständig seinen haarigen Arsch zu retten!“ Während Tah das brüllende Baby aus der Tasche nahm, umklammerte die fünfjährige Lon, die kichert hatte, ihren dicken Oberschenkel. Tah schubste sie weg, sodass sie auf die getrampelte Erde stürzte. „Lass mich in Frieden! Du hörst doch, dass ich mich um deinen Bruder kümmern muss!“
Lon rappelte sich auf, betrachtete ihre aufgeschürften Handflächen und fing an zu schluchzen. Cey nahm sie auf ihren Schoß.
Das zweite Mädchen, die neunjährige Fin, mühte sich mit einem zweiten Stuhl ab, um ihn neben Cey aufzubauen, der jedoch viel zu schwer für sie war. Es handelte sich um Standardanfertigungen, die einen gepanzerten Krieger aushalten mussten und entsprechend wuchtig gebaut waren. Die drei Kinder hielten Tah tüchtig auf Trab, ebenso wie Cey, die sie unterstützte, wann immer sie konnte. Zum Glück waren nicht auch noch die beiden Ältesten zugegen, sondern halfen bei den Rettungsarbeiten! Tah ging noch einmal ins Zelt, während sie das brüllende Baby auf der Hüfte trug. Als sie wieder herauskam, hatte sie einen weiteren Klappstuhl in der Hand und baute ihn einhändig auf der anderen Seite von Cey auf. Ihre Tochter fuhrwerkte noch immer mit dem Sitzmöbel. Das Baby hatte vom Schreien bereits einen dunkelgrauen Kopf. Tah setzte sich und öffnete das viel zu eng sitzende schwarze Wickelkleid. Befreit quollen ihre riesigen Brüste daraus hervor. Gierig grabschte das Baby nach einer und stopfte sich die schwarze Brustwarze in den Mund. Das Brüllen ging ohne Überleitung in wohliges Schmatzen über.
Lon schluchzte noch immer auf Ceys Schoß. Cey redete ihr leise zu, damit sie sich beruhigte, doch Tah sah dazu keinen Anlass, so wenig wie dazu, Fin mit dem unhandlichen Stuhl zu helfen.
„Ja, heute nur so laut ihr könnt“, keifte sie. „Damit der Irre, der sich euer Vater nennt, bis auf den Rücken des Untiers hört! Er soll merken, was er hier angerichtet hat!“
Sie brüllte die Worte in den Himmel. In ihren geschwungenen dunklen Brauen sammelten sich Schweißperlen, ebenso in den langen Wimpern, die ihre großen roten Augen umrahmten. Selbst im Zorn war Tah eine Schönheit, fand Cey. Und selbst jetzt, wenige Stunden nach der Katastrophe, war es einigen Männern nicht zu dumm, der stillenden Mutter im vorbeigehen auf die Brüste zu glotzen. Wobei Tah nicht zu den Frauen gehörte, die das störte. Im Gegenteil, sie provozierte die Blicke der Krieger gern, besonders, wenn sie wütend auf Zoldak war, so wie jetzt. Es war eine der wenigen Möglichkeiten, ihren stoischen Mann außer Fassung zu bringen. Dass sie sich zum Stillen vor den Eingang ihres gemeinsamen Wohnzeltes gesetzt hatte und nicht hinein, war garantiert kein Zufall. Sie schenkte einem jungen Gaffer, der ein Bündel Schaufeln trug und sich im Vorbeigehen fast den Hals verrenkte, ein zuckersüßes Lächeln.
Cey verdrehte die Augen.
Aus der Richtung des Rakshanerviertels kam gerade ein Karren, der mit schlammverschmierten Gestalten beladen war, die sich schwach bewegten. Als sie an ihnen vorbeifuhren, hörte Cey sie stöhnen. Zum Glück waren die Lazarette im Tieflingsviertel gelegen, weil keiner der Herren sich unnötig mit dem Anblick von Krankheit und Tod belasten wollte, sodass sie von der Zerstörung verschont geblieben waren. Hinter dem Wagen her stopfte ein Trupp Assekes, die zu zweit jeweils einen Rakshaner trugen. Die Gewänder der Herren klebten wie nasse Lappen auf ihren Körpern. Hinter den Kriegern schlurften ein paar Rakshaner, die noch allein gehen konnten.
Und ganz zum Schluss folgte, wieder einmal, Javesto. Tah schmachtete sichtlich. Er blieb einen Moment stehen, doch der Mutter schenkte er keine Beachtung. Stattdessen durchbohrte er Cey mit seinem kalten Blick. Das erste Mal überhaupt.
„Es gibt genug zu tun, an die Arbeit! Das Ausschenken von Tee kannst du den Frauen überlassen.“
Natürlich, er hatte vorhin nur Augen für seinen ungehorsamen Gefolgsmann gehabt und sie gar nicht wahrgenommen. Ceys hagerer Leib sagt ein Stück in sich zusammen, nicht, weil er sie übersehen hatte, sondern wegen seiner Worte. Es war nicht das erste Mal, dass sie jemand für einen faul herumsitzenden Krieger in Alltagskleidung hielt.
„Aber Tarrik“, antwortete Tah an ihrer Stelle und klimperte mit den Wimpern. „Das ist meine Freundin Cey.“
Javestos Blick zuckte kurz zu ihr hinüber, dann wieder zu Cey. Er musterte sie zentimeterweise, seine Augen verharrten auf den Stoppeln ihres Damenbartes. Sie rasierte sich täglich, dennoch sah man deutlich die schwarzen Borsten in ihrem groben Gesicht.
„Tah hat fünf Kinder und somit Anspruch auf Hilfe bei der Aufsicht, wenn euch das Ausschenken von Tee nicht genügen sollte“, erklärte sie. „Ich bin für Tah als Kinderhüterin zugeteilt. Das könnt ihr nachprüfen, wenn ihr mir nicht glaubt.“
Erst jetzt, wo er ihre weibliche Stimme hörte, löste sich der verbissene Ausdruck um Javestos Mund. „Alles in Ordnung“, sagte er etwas weniger streng und beeilte sich, zu dem Trupp aufzuschließen, den er begleitet hatte.
Tah sei ihm sehnsüchtig nach. Dass er vom Alter her ihr Vater sein könnte, schien sie nicht zu stören. Vielleicht gefiel es ihr sogar. 2Diese Stimme ... Ich könnte Javesto den ganzen Tag reden und Kommandos geben hören! Ob er verheiratet ist?“ Ihr Zorn war verflogen, ein seliges Lächeln spielte um ihren kleinen Mund.
Cey zuckte mit den Schultern. Ihr war schleierhaft, wie man in solch einer Situation Gedanken an den Beziehungsstatus irgendwelcher Leute verschwenden konnte. „Keine Ahnung. Zumindest habe ich noch nie etwas davon gehört. Vielleicht ist er noch zu haben.“ Abgesehen davon, wie unangebracht solche Themen momentan waren, war es für sie ohnehin müßig, sich Gedanken über Männer zu machen, sodass sie es schon vor langer Zeit aufgegeben hatte. Optisch war sie das ganze Gegenteil von Tag. Wo Tag klein war und von üppiger Weiblichkeit derart überquoll, dass sie in keines der standardisierten Arbeitskleider hineinpasste, war Cey groß und drahtig, mit Schultern, die breiter waren als ihre Hüften, einem kantigen Gesicht und einem Damenbart, der dem eines Mannes nur wenig nach stand. Ihre Augen waren klein mit fast unsichtbaren Wimpern, die Brauen dicht und die Lippen schmal. So wurde sie, wenn sie ihre Freizeitkleidung anstelle des Arbeitskleid trug, nicht nur von Javesto regelmäßig mit einem Krieger verwechselt, dem die Haare geschoren worden waren. Doch trotz ihrer äußerlichen Unterschiede hatten die beiden Frauen eines gemeinsamen: Sie hatten denselben Mann.
Verträumt legte Tah den Kopf schief, noch immer sah sie Javesto nach, der gerade einen strauchelnden Rakshaner an der Kleidung packte und wieder auf die Füße stellte bevor der Herr in den Dreck fiel. „Sag mal, Cey, da Zoldak nun als Verräter gilt, zählen wir nun wieder als unverheiratet?“ Tah befeuchtete ihre Lippen mit der Zungenspitze.
„Nein“, entgegnete Cey. „Eine Frau ist das dann wieder ledig, wenn ihr Mann tot ist.“
„Wie ungerecht. Wir zwei sind doch noch so jung! Es wäre Verschwendung! Wie sehr wünsche ich mir einen Neuanfang mit einem Mann, der diese Bezeichnung auch verdient! Schau dir nur Javesto an, sein wunderschönes Kreuz und erst dieser Blick! Wo er aufkreuzt senkt man das Haupt, als sei er ein Rakshaner. Wenn ich mir dagegen unsere Zolda vorstelle…“ Tah rümpfte die kleine Nase. „Der ist sogar zu blöd, einem Düsterling mit dem Holzlöffel auf die Finger zu hauen, wenn er vom Essen nascht.“ Sie lachte spöttisch und man sah ihre perlweißen Zähne. Dem Baby rutschte die Brust aus dem Mund, es brüllte einen Moment, ehe Tah ihm die Brustwarze erneut in den Mund stopfte. „Gegenüber den Kindern kann er sich auch nicht durchsetzen“, fuhr sie fort. „Wenn er mal auf sie aufpassen soll, zerlegen sie das ganze Zelt und hüpfen auf den Betten herum. Sogar die Düsterlinge lachen über ihn. Wenn er ihnen den Rücken zurückkehrt, ziehen sie Grimassen! Das ist einfach nur peinlich, zum Schluss musste ich gar nicht mehr mit ihm gesehen werden.“
Cey nickte und grinste ein wenig. Das Lästern über ihren Mann schuf eine Atmosphäre des vertrauten, der Gewohnheit und tat gut nach dem Unglück und der Angst vor dem, was noch kommen mochte. Und es schweißte sie zusammen.
„Was mich vor allem stört, ist, dass er sich nie Zeit für uns nahm. Befehl hier, Auftrag da, ich muss noch dies machen und danach noch jenes, was sollen die Herren denken… Eid hin oder her, aber man kann es auch übertreiben! Ich hätte mir immer gewünscht, dass er sich mehr um uns kümmert, dass er uns zuhört oder sich beim Morgenbrot an unseren Gesprächen beteiligt. Ich habe immer das Gefühl, er interessiert sich gar nicht für unsere Probleme, dafür umso mehr die der Rakshaner. Er hätte Dschan heiraten sollen.“
„Ja, ein guter Ehemann ist was anderes.“
„Oder überhaupt ein Ehemann“, sinnierte Cey. „Er benimmt, oder benahm, sich mehr wie irgendein Bekannter. Unter einem Gatten habe ich mir immer jemanden vorgestellt, zu dem ich aufsehen und an dessen starker Schulter ich lehnen kann. Einen, der mir zuhört und der mir zeigt, dass er mich liebt. Zoldak wohnte mit uns im selben Zelt, teilte mit uns das Bett und das war's auch schon.“
Tah spitzte missbilligend die Lippen. „Tja, ich sage nicht umsonst schon seit langem, dass ich nicht böse wäre, wenn er auf dem Schlachtfeld liegen bliebe. Ihn zu heiraten war ein Griff in die Latrine! Ich hätte mich nicht von meiner Mutter bequatschen lassen sollen, sie meinte er wäre ein Vorzeigemann. Wenn man ihn nicht näher kennt, dann erscheint es vielleicht so, aber wenn man mit ihm unter einem Dach lebt, ist er eine einzige Enttäuschung und das in jeglicher Hinsicht. Und wie es mit ihm geendet ist, haben wir ja leider gesehen, ein Feigling, ein Einbrecher und ein Verräter ist aus ihm geworden.“ Sie schüttelte den Kopf, ein paar Schweißtröpfchen trafen Ceys Oberarm. Dann lehnte Tah sich zu ihr herüber und legte das Kinn auf ihre Schulter. „Wenn er tot wäre, dann dürften wir wieder heiraten“, fuhr sie ganz leise fort. „Seit Jahren hoffe ich ein wenig darauf. Jetzt hat er zwar endlich eine schöne Lungenentzündung, doch wenn er irgendwo in der Wildnis krepiert, dann nützt uns das nichts. Ein Tarrik muss seinen Tod offiziell bestätigen. Aber dafür braucht er entweder die Leiche oder die Aussage von mindestens zwei Zeugen aus seiner Einheit. Bis dahin gilt Zoldak nur als verschollen.“ Sie schnaubte. „Verräter hin oder her, er bleibt unser Mann, so sind leider die Gesetze. Wie sollen wir je beweisen, dass er da draußen wirklich gestorben ist? Es sei denn ...“
Sie ließ eine bedeutungsschwere Pause.
Cey seufzte. Das Mädchen auf ihrem Schoß hatte sich beruhigt und lehnte den Kopf an ihre flache Brust, während es am Zeigefinger nuckelte. Von der Seite lehnte sich Tahs andere Tochter gegen ihren Rücken. Zum Glück hatte Tah so leise gesprochen, die Mädchen nichts von alldem verstehen konnten. „Ich ahne worauf du hinaus willst, Tah. Aber selbst wenn uns jemand seinen Kopf bringt, du würdest schnell einen neuen Mann finden. Aber ich? Abgesehen von Zoldak hat sich bisher nie jemand für mich interessiert. Das ist vielleicht die einzige Eigenschaft von ihm, er hat immer so getan, als fände er mich genauso hübsch wie dich, und als würde es ihm nichts ausmachen, dass ich ihm auch nach zehn Jahren Ehe noch kein Kind geschenkt habe.“
„Weil er weiß, dass es nicht deine Schuld ist, sondern seine!“, zischte Tah in ihr Ohr.“ Glaubst du allen Ernstes, meine fünf sind von ihm? Wenn ich ihm immer treu geblieben wäre, dann wäre ich jetzt keine Mutter.“
„Aber du weißt es nicht sicher, vielleicht sind sie doch von ihm.“
Tah schmunzelte süffisant. „Der beste Beweis bist doch du. Obwohl er abends meistens erschöpft einschlief und keine Kraft mehr für uns hatte - er musste ja all seine Energie in den Dienst stecken - bist du ihm all die Jahre treu geblien und das hast du nun davon! Du wirst auch nicht jünger und irgendwann ist es zu spät. Dann wirst kinderlos alt werden und ohne Enkelchen sterben. Aber das muss nicht sein. Weißt du was, Cey, ich schlage dir einen Handel vor. Wenn mich jemand heiraten möchte, dann muss er auch dich heiraten. Entweder er nimmt uns beide, oder gar keine.“
Tah legte ihre fleischige, kleine Hand in Ceys langfingrige Pranke. Sie drückte die Finger fest zusammen und streichelte Cey mit dem Daumen. „Sobald Zoldaks Kopf auf Javestos Tisch liegt, wäre der Weg frei für eine neue Hochzeit. Und mit einem neuen Mann wirst auch du endlich Mutter sein.“
die Worte erschienen Cey so hell und hoffnungsvoll wie der Vollmond, der erstrahlte, wenn die Wolken wichen. Mutter. Das hörte sich gut an. Und welche Wahl hatte sie, um eine zu werden, außer, sich auf Tahs Verführungskünste zu verlassen? Kein Mann würde freiwillig mit Cey schlafen, nicht einmal Betrunkene fanden sie reizvoll. Sie konnte sich nicht einfach von jemandem schwängern lassen. Aber Tah würde schon dafür sorgen, dass jemand mit ihrer Freundin schlief, wenn sie das wollte. Sie kannte Mittel und Wege, um ihren Willen durchzusetzen.
„Ich kann mir dich als eine tolle Mutter vorstellen“, sagte Tah. „Meine Kinder lieben dich. Immer, wenn du arbeiten bist, fragen Sie, wann endlich wieder kommst. Stimmt's, Lon?“
Die Kleine auf Ceys Schoß nickte. Cey strich ihr über das kurze Haar. „Ich liebe deine Kinder auch, Tah, alle fünf. Die bringen so viel Leben so viel Freude!“
„Jetzt stell dir vor, noch ein sechstens, kleines, knautschiges Baby in deinen Armen! Ich würde dir die Sachen schenken, aus denen meine rausgewachsen sind. Und dir zur Geburt eine Tragetasche nähen und den Namen drauf sticken.“ Eine Pause entstand. Dann schickte Tah rasch die beiden Mädchen fort. „Das alles müssen keine Träume bleiben, Cey. Alles, was wir dafür brauchen, ist Zoldaks Kopf. Meinst du, dass du das hinbekommst?“
„Sicher. Du weißt doch, dass ich fast immer zur Schlachterei eingeteilt werden. Ob es nun ein Kamelkopf ist oder Zoldaks Kopf, macht keinen Unterschied.“
Beide lachten. Es tat gut nach der Angst der vergangenen Stunden. Cey war froh, dass Tah und die Kinder alles unbeschadet überstanden hatten. Doch dann wurde sie nachdenklich. „Aber was ist, wenn ich Zoldak tatsächlich finde - und er noch lebt?“
„Die Wildnis wird ihn umbringen, davon bin ich überzeugt. Als er floh, war er sehr krank und trug nichts weiter als sein Kleidchen. Er hatte weder etwas zu Essen bei sich, noch Geld, noch irgendwelche Werkzeuge oder Waffen. Das einzige, was du tun musst, ist seine tote Rübe abzuschneiden, sie hierher zu bringen und unserem hüschen Javesto vorzulegen, damit er uns wieder als ledig erklärt. Das ist alles. Bestimmt eklig, aber machbar für eine Frau, die täglich Tiere tötet und zerteilt.“
„Das geht sicher irgendwie, wenn ich nicht richtig hinsehen. Aber falls er doch noch lebt?“
„Das wird er nicht. Und selbst wenn…“ Sie streichelte weiter mit dem Daumen ihre Hand. „Ich bin sicher, dass du die richtige Entscheidung treffen wirst.“
"Die Menschen bauen zu viele Brücken und zu wenige Mauern."
Avatar mit freundlicher Genehmigung von: http://direwrath.deviantart.com/

Antworten

Zurück zu „Werkstatt“