Komm, sĂŒsser Tod

Das gemĂ€ĂŸigte Klima bietet beste Bedingungen, aber ist es auch wert, umkĂ€mpft zu werden. Das Herzland ist die Heimat der Urvölker Asamuras, wĂ€hrend die Invasoren des Chaos sich von der Steppe aus verbreiteten und die alten Kulturen bedrohen.

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Dimicus
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#41

Beitragvon Dimicus » So 15. Jan 2017, 16:32

Ein letzter Blick ruhte auf Emilia, als Dimicus voll gerĂŒstete in der TĂŒr stand, die Kiste unter dem Arm. Die Katze schlief ruhig und fest auf dem Kissen, welches sie sich zuvor unter der Staffelei platziert hatte, auch wenn er sich fragte, warum sie sich das so aussuchte, woe sie doch viel bequemer im Bett hĂ€tte schlafen können. Doch war es nicht seine Gewalt, ihre Motivation dahinter zu hinterfragen, so schien dieser Akt an sich schon bedeutungslos. Leicht legte er den Kopf schief und schaute sie noch einmal eindringlicher an, fragend was sie sich dabei gedacht hatte, in seine NĂ€he zu treten. So soll er ihr Leben zerstört haben, obwohl dies gar nicht stimmte, so hatte er sie befreit! Ihr innerstes und ihren Willen! Törichtes MĂ€dchen, eines Tages wĂŒrde sie das erkennen und bis dahin blieb ihm nichts anderes ĂŒbrig, sie als solches zu akzeptieren.

Tief atmete er noch einmal ein und schließlich wieder aus, als er die TĂŒr öffnete und hinaus in den schummrigen Flur trat, der nicht so belebt wirkte, wie es die GerĂ€usche die von unten kamen eigentlich hĂ€tten anmuten können. Die TĂŒr schloss er natĂŒrlich hinter sich, als seine FĂŒĂŸe ihn in Richtung der Treppe trugen, hinein in den Dunst von Alkohol, Schweiß und ĂŒberschwĂ€nglichem Testosteron. Immer noch eine Schande, dass er dort untergebracht war, doch seiner Sklavenhalterin wĂŒrde er schon bald entkommen. Nur mehr Zeit brauchte er und genau mit diesem Wissen, schritt er mit verdecktem Haupt durch den Schankraum, schlĂ€ngelte sich durch den Betrieb hindurch, in dem er fast gar nicht mehr auffiel.

Es brauchte auch nicht lang, da durfte seine Nase den frischen Duft der Nacht erhaschen, wĂ€hrend der kĂŒhle Wind seinen Körper umschmiegte. Umso weiter er sich von solchen gesellschaftlichen GebĂ€uden entfernte, desto ruhiger wurde es und immer mehr, begann er diese Ruhe zu genießen. Ein LĂ€cheln zeichnete sich auf seinen Lippen ab, welches, hĂ€tte es jemand gesehen, wohl nicht hĂ€tte unheimlicher wirken können. Seine AtemzĂŒge waren tief und gleichmĂ€ĂŸig, als seine FĂŒĂŸe auf dem Stein der Straßen ihren Weg gingen, hindurch durch die kaum durchbrochene Finsternes von Gassen. Mit dem Mond und der Dunkelheit als seine Begleiter, suchte sein Geist sein Ziel. Es war bereits klar, welches es wahr, wie er zu ihm gelangte und was er tun wĂŒrde. Es fehlte nur noch ... die richtige Aufmachung.

All zu viel Zeit nahm dies auch nicht mehr in Anspruch, als er das stattliche Anwesen der Familie Kreuzenstein erkennen konnte. Es thronte beinahe ĂŒberheblich zwischen den NachbargebĂ€uden, gezeugt von Reichtum und Macht. Etwas was sich Frederick damals aufgebaut und vor seiner Tochter gut dargstellt hatte. WĂŒrde Emilia nur wissen, mit wieviel Blut diese Mauern getrĂ€nkt waren. Doch das spielte nun keine Rolle mehr. Denn seine Vorstellung musste beginnen. Jedes Mal wurde er unheimlich nervös, doch genau dieses GefĂŒhl brauchte er. Ein durchzog seinen Körper mit einem Kribbeln, der Euphorie des Bevorstehenden.

Gut durchdacht suchte er sich eine nahgelegene Gasse, in der er sich in seine Gewandung werfen konnte. Kaum gefunden, begann seine Verwandlung als er den Koffer auf den Boden legte, die VerschlĂŒsse öffnete und der Inhalt zum Vorschein kam. Eine lederne Haube, pechschwarz wie die Nacht, die nur Öffnungen fĂŒr Augen, Nase und Mund hatte. Daneben lag ein Umhang, schneeweiß, auf dessen gesamten Gewand sich Rosen rankten. Ihre Dornen gut sichtbar, die BlĂŒten wunderschön. Dann war da noch das eigentliche Meisterwerk, eine Maske, so weiß wie der Umhang selbst. Neben zwei offenen Stellen fĂŒr die Augen, verdeckte sie das gesamte Gesicht. Ein LĂ€cheln, breit und seiner wĂŒrdig, bedeckte die Maske, die ZĂŒge wurden kĂŒnstlerisch mit Gravuren nachgestellt und so bildete diese Maske ein zweites Gesicht.

Zu aller erst fand die schwarze Lederhaub ihren Platz auf seinen Kopf, sie bewahrte ihn davor, von hinten erkannt zu werden und bot zudem noch einen minimalen Schutz, fĂŒr den Ă€rgsten Notfall. Schließlich nahm er seinen regulĂ€ren Mantel ab, brachte den Umhang des weißen Gewandes an seinen Schultern an, ehe es an seinem Körper hinabfiel und sĂ€mtliche ZĂŒge zu verdecken wusste. Seine Arme konnte er dennoch ohne große Probleme zu den Seiten hin hervorholen und frei benutzen. Zu guter letzt griffen seine HĂ€nde zu der Maske. Sie fĂŒhlte sich schwer an, sie war aus seinem harten Stoff gefertigt, den er nicht zu bennen wusste. In seinen HĂ€nden fĂŒhlte er sie pulsieren und er wusste, dass sein Tun dieses Maske ihrer Bedeutung zufĂŒhren wĂŒrde. Mit den daran angebrachten Riemen zog er sie sich diese ĂŒber den Kopf, legte sie auf sein Gesicht und machte sie fest. Damit erhob er sich, streckte seinen RĂŒcken durch und sein Blick wirkte erhaben. Die Kiste mit seinem regulĂ€ren Mantel hatte er in der Gasse versteckt. Somit war sein Erscheinungsbild komplett.

"Lasset die Darbietung beginnen.", ertönte es, doch seine Stimme glich kaum der, die er sonst im normalen Fall hatte. Die magische Eigenschaft dieser Maske verĂ€nderte seine Stimme, machte sie melodischer und tiefer. Es gefiel ihm, so war sichergestellt, man wĂŒrde ihn niemals anhand seiner Stimme erkennen und zudem war diese Stimme einfach wahrhafte Musik in seinen Ohren, die nur von der grĂ¶ĂŸten Muße selbst stammen konnte – seiner Kunst. Mit einem nicht sichtbaren LĂ€cheln schritt er voran, auf das Anwesen zu und rief sich ein letztes Mal den Plan ab, ehe er erneut zum Schauplatz seiner Kunst zurĂŒckkehrte.

Somit war es fĂŒr den jungen KĂŒnstler ein leichtes, dieses Haus zu betreten, das rechtmĂ€ĂŸig Emilia gehörte, der Erbin Fredericks. Sein Weg fĂŒhrte ihn ĂŒber den Zaun, vorbei an einigen Hecken und BĂŒschen und zum Fenster der KĂŒche, welcher er natĂŒrlich zuvor auf Spuren absuchte, ob sich jemand dahinter befand. Doch als dies negativ ausfiel, nahm er seinen Dolch und hebelte es auf, es war ein leichtes dies zu erreichen. Die Familie schien nicht viel gemacht zu haben, nachdem sie das Kunstwerk seines Genies gefunden hatten. Warum hĂ€tte er auch wiederkehren sollen? Trotzdem schlich er auf leisen Sohlen und mit grĂ¶ĂŸer Vorsicht durch die GĂ€nge, wie einst auf dem Wege zu Frederick. Das gesamte Haus schlief und außer dem Wind, sowie die knarrenden Dielen des Hauses, war nichts zu hören. Kinderspiel.

Schließlich gelang er an eine TĂŒr zu einem Zimmer, welches er noch nie betreten hatte. Noch nie hatte er den Drang danach verspĂŒrt, diesen Raum zu betreten, zumal der darin schlafende Mann nie eine Bedeutung fĂŒr ihn hatte. Nun schon. Leise öffnete er, beinahe wie ein Geist, die TĂŒr zum Schlafgemach Wilfrieds, als er in den Raum eintrat und das stattlich eingerichtete Zimmer betrachten konnte. Ein gerĂ€umiges Doppelbett, reichlich verziert, in dem auch der zukĂŒnftige Mann Emilias schlief. Dazu einen großen Schreibtisch mit zahlreichen Dokumenten, Briefen und Schreibutensilien. Hier und da eine Kommode und ein großer Kleiderschrank, doch eines musste man diesem StĂŒmper lassen: er hatte Stil was seine Einrichtung betraf.

Mit galanten Schritten nĂ€herte sich Dimicus dem schlafenden Manne und betrachtete ihn genau, kaum merklich hob sich dessen Brust unter seiner Atmung und es wĂ€re nur ein leichtes gewesen, ihn in diesem Moment in ein wundervolles Kunstwerk zu verwandeln. Doch dazu war Dimicus nicht dort, nein, er hatte einen Auftrag. Bevor er nur eine Handlung vollzog, zog er den Brief Emilias hervor und platzierte ihn prĂ€sent auf einer der Kommoden. Die Familie wusste genau, wozu die Katze in der Lage war und so wĂŒrde es kein Problem fĂŒr sie sein, wenn der Brief plötzlich auftauchte.

Doch das Werk Dimicus wĂŒrde weitreichender sein. Vorsichtig nĂ€herte er sich dem schlafenden Wilfried und holte ein FlĂ€schchen unter seinem Gewand hervor, in dem eine grĂŒnliche FlĂŒssigkeit waberte. Ohne viel Aufwand entkorkte er es und trĂ€ufelte dem schlafenden einige Tropfen des LĂ€hmungsgiftes auf die Lippen. Sofort wurde dieser wach, riss seine Augen auf und erst recht, als er die Maske des RosendĂ€mons erblickte. Sein Mund wollte sich öffnen und er lautstark schreien, doch das LĂ€hmungsgift wirkte unglaublich schnell, so dass der erste Schrei in der Kehle des Mannes stecken blieb. Nach und nach versagten im Sekundentakt die Muskeln des Mannes, als seine panischen Bewegungen schließlich erstarben und er nicht weiter mehr konnte, als dem RosendĂ€monen zuzuschauen.

Dieses GefĂŒhl der Macht und Angst das Dimicus verbreiten konnte, es war wunderschön. So wirksam und doch sogleich wunderschön. Die pure Angst in den Augen Wilfrieds und konnte er da etwas glitzerndes an seiner Wange sehen? Einfach nur herrlich. In aller Ruhe holte der KĂŒnstler eine Phiole mit Blut hervor, dazu einen Pinsel, eher begann die beiden Bettpfosten am Ende es Bettes, mit Rosen aus Blut zu bedecken. Es ging ihm schnell von der Hand, wĂ€hrend sein Summen den Raum leise zu erhellen begann. Die Angst stand Wilfried im Gesichte geschrieben, wĂ€hrend seine Haut kreidebleich war.

Jedoch dauerte dieses Spiel nicht an, als Dimicus schließlich mit seinem Werk fertig wurde und seine Utensilien wieder wegstecken konnte. Darauf schritt er wieder neben Wilfried, beugte sich ĂŒber sein Gesicht und schaute ihm direkt in die Augen. Panik und unkontrollierbare Angst durchzuckten seine Fesnter zur Seele, als Dimicus zu sprechen begann: "Ihr habt den RosendĂ€mon gerufen, so erschien ich. Einen Tod fordert Ihr, doch habt Ihr Angst diesem ins Gesicht zu schauen. Euer Wille geschehe und es wird bald ein weiteres Kunstwerk die Stadt Drakenstein zieren, dessen könnte Ihr Euch absolut gewiss sein, Wilfried. Schlaft gut." Somit holte er ein weiteres FlĂ€schen hervor, in dem ein starkes BetĂ€ubungsmittel war und trĂ€ufelte etwas von dessem Inhalt in den Rachen des Mannes, dessen letzte Erinnerung der Nacht, die Maske bleiben wĂŒrde.

Kaum war der Ă€ngstliche Mann wieder in das Land der TrĂ€ume gegangen, machte sich Dimicus ans Werk, etwas anderes zu finden. Eifrig schritt er hinĂŒber zu dem Tisch, aus dem die zahlreichen Dokumente und Schreibutensilien fanden. Aufmerksam prĂ€gte er sich genaue Lage und Position ein, eher er sie zu durchsuchen begann. Vieles waren nur GeschĂ€ftsbriefe, Finanzen, Angebote und unwichtige Kleinigkeiten. Doch eines fiel dem KĂŒnstler heraus. Der Schriftverkehr zwischen Lucinda und Wilfried. Offenbar war dieser auf einer GeschĂ€fstreise zu diesem Zeitpunkt und Lucinda berichtete ihm von den Vorkommnissen in Drakenstein, aber auch um Emilia. Doch wie Emilia beschrieben wurde ... wie ein Gegenstand. HĂ€ufig war die Rede, dass sie der einzige Weg war, um an den Reichtum der Kreuzensteins heranzukommen und er sich auf seiner GeschĂ€ftsreise beeilen sollte.

Genau diesen Briefverkehr steckte sich Dimicus ein, bevor er den Schreibtisch wieder so ordnete, wie er ihn vorgefunden hatte. Alles kam wieder an seinen Platz und es war kaum auffĂ€llig, dass sich ĂŒberhaupt jemand an den Dokumenten bedient hatte. Mit einem wissenden Nicken machte er wieder einen Schritt zurĂŒck und betrachtete den Tisch, verglich ihn mit seinem gemerkten Bilde von vorher. Als er sich absolut sicher war, dass alles wieder auf seinem Ursprungszustand zurĂŒckgelegt wurde, verließ er wieder den Raum und auf dem schnellsten Wege das Anwesen. Seine Nachricht war angekommen, Emilias Brief abgeliefert und zusĂ€tzlich noch einen wichtigen Hinweis fĂŒr Emilia gefunden. Es hĂ€tte nicht besser laufen können.

Draußen wieder angekommen, zu offensichtlich frĂŒher Stunde und die Anspannung von ihm weichend, mekrte der junge Mann wie das Ganze seinen Tribut forderte und sich augenblicklich MĂŒdigkeit ĂŒber ihn legte. Wissen, dass er etwas geschafft hatte, schritt er zurĂŒck in die Gasse, zog sich wieder um und machte sich zurĂŒck auf dem Weg zum Bordell. Am Horizont waren schon die ersten Strahlen der Sonne zu erkennen, die Straßen wurden wieder belebter. Er war also die gesamte Nacht unterwegs gewesen.

An Maliks Etablissement angekommen, war auch dort der Verkehr schon wesentlich ruhiger geworden und nur noch die letzten Trunkenbolde waren dort. Doch dieses Schauspiel kĂŒmmerte ihn nicht weiter, als er auf direktem Wege nach oben ging und sein Zimmer betrat. Emilia schien noch immer zu schlummern, zumindest machte sie keinen wachen Eindruck. Mit einem leisen Seufzen legte Dimicus seinen Mantel ab, versteckte die Kiste schließlich wieder unter dem Bett und begann, sich zu entkleiden. Die Briefe landeten auf der Kommode, neben Emilias Sachen. Die RĂŒstung wich, genau so wie die Kleidung die er wĂ€hrend seiner AuffĂŒhrung trug. Nur mit einer leichten Leinenhose bekleidet, schlich er sich unter die Decke seines Bettes. Beinahe augenblicklich schlief er ein, ruhig und gelassen, beinahe unschuldig nachdem, was er in dieser Nacht getan hatte.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#42

Beitragvon Emilia » So 15. Jan 2017, 20:08

Emilia hatte nicht viel von Valerius nĂ€chtlichem Ausflug mitbekommen. Einmal meinte sie gegen den frĂŒhen Morgen realisiert zu haben, wie er zur TĂŒr hereinhuschte, doch sie hatte sich nichts anmerken lassen und war auch gleich wieder eingenickt.
Nun öffnete sie ihre Augen und blinzelte mĂŒde. Ein ausgiebiges GĂ€hnen folgte, dann rĂ€kelte sie sich auf ihrem Kissen, das eigentlich Valerius gehörte. Beziehungsweise gehört hatte.

Na nu, war er noch gar nicht wach?
Vorsichtig tapste sie aus ihrem Bett heraus, schĂŒttelte kurz das Fell durch und starrte dann aufmerksam zu ihm hoch. Wie er so schlief, wirkte er wie ein gewöhnlicher Mann.
Ein Arm hing lose von der Bettkannte, sein Gesicht war ihr abgewandt. Neugierig trippelte sie etwas nÀher, doch dann zuckte ihre Nase auffÀllig.
Oh nein, dieser Geruch!
Ihre Augen verengten sich, als sie das Blut an seinen Fingern roch.
Hatte er etwa gemordet, wÀhrend sie seelenruhig hier geschlafen hatte?
Eine GĂ€nsehaut lief ihr ĂŒber den RĂŒcken und augenblicklich spĂŒrte sie das bekannte Kribbeln an ihrem Körper.
Nein, beruhige Dich. Er schlĂ€ft, er stellt jetzt keine Gefahr fĂŒr Dich dar.
Nur allzu gerne hĂ€tte sie ihn einmal krĂ€ftig gebissen, doch dann hĂ€tte er ihr vermutlich instinktiv den Hals umgedreht, wĂŒrde sie es wagen, ihn im Schlaf anzugreifen.
Stattdessen versuchte sie sich einzureden, dass sie hierbleiben musste und dass sie ihn noch brauchte. Sie wĂŒrde ihn spĂ€ter immernoch an die Wachen verraten können. Doch zuerst musste sie lernen, in genau solchen Situationen die Ruhe zu bewahren.

Trotzdem liess das unbehagliche GefĂŒhl nicht nach und sie tigerte unzufrieden im Zimmer umher, auf der Suche nach einer Ablenkung. Schliesslich blieb ihr Blick an der Staffelei hĂ€ngen

Zehn Minuten spÀter hatte sie sich angezogen, und hoffte dabei so leise wie nur möglich vorgegangen zu sein.
Immer wieder warf sie einen vorsichtigen Blick zu dem SchlĂ€fer hinĂŒber, doch sein Körper hob und senkte sich noch immer regelmĂ€ssig unter der Decke.
Emilia betrachtete mit aufrichtiger Bewunderung sein GemÀlde mit der Löwin, bevor sie es behutsam hochhob und zu den anderen an die Wand stellte.
Dann entdeckte sie die leeren LeinwĂ€nde und platzierte eine davon auf der Staffelei. Valerius lag noch immer gleich dort wie zuvor. Emilia schritt barfuss ĂŒber die vollgekleckerte Decke zu dem kleinen NachtkĂ€stchen. Der Boden unter ihren nackten Zehen fĂŒhlte sich weich an.
Dann kniete sie sich hin und öffnete langsam die Schublade. Sie hoffte, dass sie kein Quietschen von sich gab, doch dann war es ihr auch egal.

Vor ihr prĂ€sentierten sich je nach Konsistenz in unterschiedlichen GlĂ€schen, Phiolen, Döschen, FlĂ€schchen und anderen BehĂ€ltern seine Farben. Alle waren sie sorgfĂ€ltig verschlossen, um nicht auszutrocknen. Vorsichtig nahm sie eine Glasphiole heraus und hielt sie gegen das Licht. Die blauviolette FlĂŒssigkeit wabberte leicht herum, als sie es emporhob. Vorsichtig zog sie den Verschluss weg und schnupperte daran, neugierig wie sie war.
Eindeutig stieg ihr eine sanfte Geruchnote von Veilchen in die Nase, vermischt mit jeglichen anderen Substanzen.
Interessiert beschnupperte sie weitere Döschen und es kam ihr vor wie eine kleine Parfumsammlung.
Ob ihm dies auch bewusst war, oder ob fĂŒr ihn alle Farben denselben Geruch aufwiesen?
Emilia hatte frĂŒh gelernt, dass ihre Nase empfindlicher war als andere.

Schliesslich öffnete sie eine weitere Schublade, diese war gefĂŒllt mit jeglichen Pinseln und auch eine Farbpalette, so wie kleine SchwĂ€mme, Spachtel und anderes Werkzeug entdeckte sie. Ein prĂŒfender Blick zu Valerius, er schien in einer Totenstarre gefangen zu sein.
Ohne gross auf die Zusammenstellung zu achten, schnappte sie sich fĂŒnf Farben und zwei unterschiedliche Pinsel und begab sich mit einem erwartungsvollen LĂ€cheln zu der Staffelei, wo sie die FlĂ€schchen vorsichtig daneben auf den Boden stellte.
Dann starrte sie auf die leere Leinwand und wusste plötzlich nicht, wie sie anfangen sollte.
Vorher hÀtte sie am liebsten gleich losgemalt, doch jetzt, wo das reine Weiss sich vor ihr darstellte, konnte sie es nicht mit ein paar Farbklecksen durchbrechen.
Sie zögerte, dann kehrte sie zu dem Tischchen zurĂŒck und schnappte sich einen dĂŒnnen Kohlestift.
Damit und mit der Leinwand auf den Knien setzte sie sich mit dem RĂŒcken an die TĂŒr und begann zu zeichnen.

Es war bei weitem kein Kunstwerk, sondern erinnerte eher an naive Zeichenkunst. Sie hatte eine Maus gezeichnet, welche gerade ein StĂŒck KĂ€se verputzte und dabei ĂŒber beide Ohren strahlte. Etwas weiter hinten sah man in geduckter Haltung eine Katze, welche sich an ihre Beute heranpirschte und sich das Maul leckte. Und noch ein StĂŒck weiter zeichnete sich der Umriss eines schwarzen Wolfes ab, mitten im Sprung auf die Katze, die FĂ€nge weit aufgerissen.
Nachdenklich betrachtete sie das Bild. Ein weiterer Blick zu Valerius, wie konnte der denn so lange schlafen?
Dann stand sie auf und legte das Bild auf die Staffelei. Wahllos griff sie nach einer der Farben, es war Gelb.
Wie passend, dachte sie, tunkte vorsichtig den Pinsel hinein und begann liebevoll den KĂ€se mit sanften Strichen auszumalen. Die zweite Farbe war GrĂŒn und roch nach Pfefferminze. Sie dachte an ihre eigene Augenfarbe und malte kurzerhand die Katze auf der Lauer grasfarben an. Der Wolf erschien in einem dunklen violetten Ton und roch wiederum nach Veilchen. Sie lĂ€chelte bei dem Gedanken. Inzwischen hatte sie fĂŒr jedes FlĂ€schchen einen neuen Pinsel hervorgezaubert.

Schliesslich griff sie nach der letzten Phiole. Das BehĂ€ltnis war dunkelgrĂŒn, so dass sie die Farbe darin nicht erkennen konnte.
Gespannt schloss sie die Augen, hob die Farbe an ihre Nase – und schmetterte sie dann mit einem zornigen Aufschrei an die Wand, so dass das Glas in tausend Scherben zerbrach.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#43

Beitragvon Dimicus » Mo 16. Jan 2017, 16:10

Dimicus' TrĂ€umen waren durchzogen von seinen Taten die er noch in der selbigen Nacht vollbracht hatte. Immer wieder sah er den Ă€ngstlichen und flehenden Blick, den Wilfried von sich gegeben hatte, als er die Maske des RosendĂ€mon erblickt hatte. Dieses genĂŒssliche GefĂŒhl, die Macht ĂŒber ihn zu haben und zu bestimmen, ob sein nutzloses Leben enden sollte oder er vorerst von der Kunst des Toder verschont blieb. In seinem Traum wanderte Dimicus um ihn umher, betrachtet ihn aus allen Winkeln, schĂ€tzte ab was es brauchen wĂŒrde. "Dein Leben hatte keine Bedeutung, doch dein Tod wird eine haben.", flĂŒsterte er ihm Traume zu. Tief atmete er ein und aus, um den Geruch der Panik wahrnehmen zu können.

Doch lang wĂ€hrte dies nicht, als er plötzlich aus seinen TrĂ€umen gerissen wurde. Ein lauter Aufschrei klingelte in seinen Ohren, etwas feuchtes war ĂŒber seinem Gesicht gesprenkelt, als er unter sein Kissen griff, einen Doclh hervorzog und sich aus dem Bett rollte. In Kampfeshaltung hockte er daneben, auf der anderen Seite als es die junge Frau war. Nicht sie sah er als Bedrohung, sondern hatte er im ersten Moment mit einem Angreifer oder einem Eindringling gerechnet. Doch war von beidem nichts zu sehen. Nur der erboste und entsetzte Blick Emilias, der auf ihn gerichtet war.

Sein Herz beruhigte sich, als er den Dolch auf die Kommode legte und jetzt erst merkte, dass seine Fußsohlen schmerzten. Auf dem Boden waren Glassplitter? Wie kamen sie- ...? Er drehte sich um und erkannte, was Emilia getan hatte. Hinter ihm war ein riesiger Blutfleck an der Wand, die Scherben stammten von einem seiner Phiolen. Er legte den Kopf, als er dieses Chaos betrachtete, fĂŒr nur einen Moment betrachtete er regungslos die Szene, Emilia vollkommen ignorierend. Dann blickte er zu ihr, fragend und in seinem Blick lag die Frage, warum sie das getan hatte.

Zu einer Antwort oder einem großartigen GesprĂ€ch sollte es gar nicht kommen, denn schon in dem Moment wurde die TĂŒr aufgerissen und Mirabella stand in der TĂŒr. Sie wirkte gehetzt und hatte sich vermutlich aufgrund des Schreis bestimmt beeilt, um nach dem Rechten zu sehen. Sie blickte nur fassunglos drein, schĂŒttelte mit dem Kopf und eilte zu der jungen Frau. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren und mit einem vernichtenden Blick kombiniert, legte sie ihre Arme um Emilia und begleitete sie hinaus aus dem Zimmer. "Macht sauber.", rief sie nur noch in den Raum hinein, als sich die TĂŒr wieder schloss.

Was war gerade passiert? Erst jetzt durchzuckte ihn der Schmerz, die seine Fußsohlen plagten. Leise seufzte er darunter auf und setzte sich auf das Bett, als er seine FĂŒĂŸe auf das Bett hob und begutachtete. Mehrere Scherben hatten sich darin gebohrt. Sie wĂŒrde ihn noch umbringen, dass wusste er. Er griff zur Kommode und nahm sich einige Utensilien zur Behandlung von Wunden heraus, ehe er sich der schmerzhaften Prozedur des Entfernens der Scherben machte. Mehrere Male musste er einen Schrei unterdrĂŒcken und eine hohe Menge der KrĂ€uter zur SchmerzunterdrĂŒckung einnehmen.

Ein paar Minuten spĂ€ter, nachdem seine Wunden verbunden waren, musste er aufrĂ€umen. Die Scherben verschwanden vom Boden doch das Blut an der Wand, dass mittlerweile zerlaufen war. Es hĂ€tte so schön eine Grundlage zum bemalen der Wand gegeben, so war es aber inzwischen unbrauchbar. Mit einem leisen aber genervten Seufzen machte er sich darin, sich zumindest im Groben zu bekleiden und entsprechende Dinge zum SĂ€ubern dieser Unordnung zu besorgen. Zum GlĂŒck hatten seine GemĂ€lde nichts abbekommen, zumindest nicht, dass er etwas erkennen konnte.

Dabei entdeckte er die begonnene Zeichnung Emilias und er musste sich gestehen, so laienhaft sie auch war, so faszinierte sie ihn auf eine gewisse Art. Anfangs wirkte es unschuldig, doch das Motiv zeugte auch sehr gut von den Jagdinstinkten der Löwin. Er fragte sich, ob er auf diesem Bild eine Bedeutung spiele, vielleicht sogar die Maus fĂŒr sie war. Sie war die Katze und doch war da noch der Wolf. Etwas, wovor sie weglief? Es blieb fraglich, ob das Bild wirklich so gemeint war, doch hob er es auf und legte es weg, um weiter die Unordnung beseitigen zu können.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#44

Beitragvon Emilia » Mo 16. Jan 2017, 17:59

„Liebes, was ist denn passiert? Hat dieser Kerl Dir weh getan? Ich werde ihm dafĂŒr eigenhĂ€ndig den Hals umdrehen wie frĂŒher den Kochhennen!“, entrĂŒstete Mirabella sich und schob ihre neue Freundin auf das ovale Bett, wo diese sich willenlos hinfallen liess.
„Ach, ich Dummerchen, warte ich hole Dir was zum Schreiben“, sie sprang auf und suchte in ihrer Kommode Stift und Pergament.
„Hier, eigentlich wollte ich damit einen Brief an meine Mutter schreiben, doch Du bist jetzt wichtiger!“, es waren wohl die ersten Worte die Emilia mitbekam und augenblicklich brach sie völlig aufgelöst in TrĂ€nen aus.
„Oh neiin, das wollte ich nicht. Ach komm her, SĂŒsse“, mit einer festen Umarmung drĂŒckte sie Emilia an ihre Brust und liess sie weinen.
„Alles wird gut. MĂ€nner sind manchmal so. Rohlinge. Eine Frau muss sie erst richtig bearbeiten, erziehen, zurechtstutzen, bevor sie gesellschaftsfĂ€hig sind. Und Deiner scheint ein ausserordentlich harter Brocken zu sein.“

Eine Weile sassen sie schweigend nebeneinander, bis Emilias TrĂ€nen schliesslich versiegten und sie einen lautlosen Dank sprach. Ihr ganzer Schmerz war plötzlich wie eine Flut ĂŒber sie hereingebrochen. Sie vermisste ihr zu Hause, ihren Herrn Papa, ja sogar ihre Zofe und den mĂŒrrischen Wilfried.

„Und nun erzĂ€hl mir Mal in aller Ruhe, was passiert ist.“
Emilia zögerte, was sollte sie Mirabella erzÀhlen? Dass er Blut in seiner Schublade aufbewahrte? Dass er sich nachts davonschlich, um Menschen zu ermorden? Dass seine Rosen den Tod bedeuteten?
Weisst Du, er tut immer so freundlich. Beim Einkauf war er sogar ganz grosszĂŒgig. Er benimmt sich galant und höflich. Doch so ist er gar nicht! Er ist heute erst am frĂŒhen Morgen heimgekommen, ich habe es bemerkt. Und er hat sich ins Bett gelegt, als wĂ€re nichts gewesen, dabei habe ich es genau gerochen und und
Die Worte brachen ab und im nÀchsten Moment weinte sie bereits wieder in Mirabellas rote HaarmÀhne hinein, was diese ihr mit einem bedauernswerten Blick auf die Buchstaben verzieh.
„Oh Liebes, jetzt verstehe ich. Er ist wohl doch nicht so ein Schlappschwanz wie wir alle dachten“, tröstend streichelte sie ihr durch die Haare.
„Weisst du denn, wer die andere ist? Eine aus dem Haus vielleicht? Obwohl das glaube ich kaum, dann hĂ€tten wir bestimmt lĂ€ngst davon erfahren
 nun, das ist jetzt ja auch nicht so wichtig.“

„Aber sag mal SĂŒsse, hast du dich etwa in den Kerl verliebt?“, jetzt war ihr Blick plötzlich eine Mischung aus Mitleid und Tadel geworden.
Emilia blickte sie einen Augenblick verdattert an, dann hÀtte sie beinahe losgelacht. Mirabella hatte ihre Situation völlig missverstanden. Plötzlicher Schluckauf rettete sie davor, loszukichern.
Stattdessen fuhr sie sich mit dem Ärmel des Leinenhemdes ĂŒbers Gesicht und trocknete ihre TrĂ€nen.
Ich wollte Dich etwas fragen, was ich nicht verstehe, Mirabella. Aber du darfst mich nicht auslachen. Valerius hat mich schon so seltsam angeguckt, ihr war in den Sinn gekommen, wonach sie ihre Freundin fragen wollte und dies schien ein guter Moment zu sein, um Mirabella von dem Geschehen und ihren Fantasien eben abzulenken.
Als ich Valerius auf seine MĂ€nnlichkeit angesprochen habe, meinte er, dass er nicht krank sei. Doch was hat es dann mit den GerĂŒchten auf sich, von denen Du mir erzĂ€hlt hast?
Nun war es Mirabella, die denselben seltsamen Blick hatte wie damals Valerius, bevor sie in schallendes GelÀchter ausbrach.
„SĂŒsse, ist das etwa dein ernst? Und ich dachte bis vor Kurzem noch, Du wĂ€rst eine wie Wir. Da muss ich mich wohl getĂ€uscht haben. Aber ist ja auch etwas seltsam, dass Du gleich bei ihm wohnst, da konnte ich alles so schlecht einschĂ€tzen.“
Eine wie Ihr?

Und jetzt endlich erfuhr auch Emilia, wo sie sich befand, welchen Beruf die Frauen ausĂŒbten – und was mit Valerius MĂ€nnlichkeit gemeint war!
Danach sassen sich die beiden Frauen kichernd auf dem Bett gegenĂŒber, Mirabella mit einem belustigten Glitzern in den Augen und Emilia mit hochrotem Kopf, doch nicht weniger amĂŒsiert als sie die Ironie hinter ihrer Frage verstanden hatte.
„Nun sag aber, dann habt ihr die letzten NĂ€chte im selben Bett geschlafen, und er hat kein Interesse an Dir gezeigt? Ist der Kerl denn blind?“
Ich habe auf dem Boden geschlafen, gab Emilia zu und blickte ihre Freundin unschuldig an.
„Aber Liebes, vielleicht ist das ja der Grund, warum er sich seine Freuden bei einer anderen einholt! Glaub mir, MĂ€nner mögen es nicht, wenn Du sie nur immer von Dir wegstösst. Du musst es wie mit den Fischen am Angelhaken hallten. Nicht zu locker, aber auch nicht in einem Schwung einziehen, sonst reisst das Seil!“, sie grinste ihre Freundin an und half ihr dann auf die Beine.
„So, ich werde Dir schon helfen, dass Dein Valerius Dir aus der Hand frisst. Es gibt doch keinen Kerl, der einer so hĂŒbschen Frau wie Dir nicht verfallen könnte. Er wird Dir schnell verzeihen, dass Du ihn mit Farbe beworfen hast. Vielleicht erkennt er dadurch ja sogar, dass Du seinen Fehltritt nicht noch einmal tolerieren wirst. Und wenn nicht, dann hat er Dich wirklich nicht verdient. Es gibt noch andere MĂ€nner auf dieser Welt
 auch wenn er ganz knackig ist. Hast Du vorhin seine Muskeln bemerkt?“, sie zwinkerte Emilia zu und diese lĂ€chelte vorsichtig zurĂŒck, konnte sich aber beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, wie Valerius ausgesehen haben sollte.

Als Emilia schliesslich ins Zimmer zurĂŒckkehrte, war sie um einige Erkenntnisse reicher geworden. Mirabella hatte es ausserdem ohne eine weitere Frage hingenommen, das ihre Freundin nicht darĂŒber reden wollte, warum sie bei dem jungen Mann wohnte. Sie hatte aber plötzlich einen wissenden Ausdruck in den Augen gehabt und erwĂ€hnt, dass Emilia sich besser nicht allzu oft ohne Verkleidung blicken lassen sollte, weder auf der Strasse noch im Bordell.
Ausserdem hatte Mirabella ihre Haare zu einem dicken Zopf frisiert, der bis zur Mitte ihres RĂŒckens fiel. Die junge Frau hatte es genossen, von ihrer Freundin gekĂ€mmt zu werden, so wie frĂŒher ihre Zofe es gemacht hatte. Sie hatte das GefĂŒhl einer tiefen Verbundenheit empfunden.
Ihre Augen waren immernoch gerötet, doch sie hatte sich beruhigt und war darauf vorbereitet, Valerius gegenĂŒberzutreten.

Zuerst fiel ihr Blick auf die Wand, doch der Fleck war verschwunden und keine Scherben bedeckten mehr den Boden. Dann betrachtete sie den jungen Mann. Er sass am Tisch und hob den Blick, als sie eintrat. Sie konnte seine unterdrĂŒckte Wut spĂŒren, so als wĂŒrde sie sich wie eine Schlinge um ihren Körper wickeln. Sogleich musste sie den löwischen BeschĂŒtzer unterdrĂŒcken. Stattdessen ging sie zielstrebig auf ihn zu und liess sich auf den zweiten Stuhl sinken.
Ohne ihn anzusehen begann sie in das Notizbuch zu schreiben.
Ich wĂŒrde lĂŒgen, wenn ich behaupten wĂŒrde nicht wissen zu wollen, wo du die Nacht warst. Hast Du wieder jemanden getötet? Ich kann das Blut an deinen HĂ€nden riechen.
Sie blickte ihm jetzt direkt in die blauen Augen, was sie sonst immer vermied. Sie versuchte sich vorzustellen, wie sie der letzte Anblick waren, die ein Mensch in seinem Leben zu sehen bekam, was eine GÀnsehaut auf ihrem Körper auslöste.
Warum tust Du das? Warum bist Du ein solches Monster, das wie ein Albtraum ĂŒber unsere Stadt hereinbricht? Und warum um Himmelswillen bunkerst du Blut in deinen Schubladen? Bist du etwa auch noch ein Vampir?
Sie liess ihm das Notizbuch und stand auf, trat langsam zur Staffelei heran. Heute Morgen hatte sie in ihm noch den Wolf gesehen. Doch vielleicht musste es nicht so bleiben.
Emilia hatte einen Entschluss gefasst. Er verlieh ihr Mut und löste eine angenehme Ruhe in ihr aus.

Nach einer halben Ewigkeit trat sie wieder an den Tisch heran, in den HĂ€nden die Phiolen, welche sie neben seiner Staffelei stehen gelassen hatte. Dabei fielen ihr seine FĂŒsse auf, welche noch immer ohne seine Stiefel waren, was ihr seltsam anmutete. Doch dann bemerkte sie die feinen blutigen Striemen.
Tut mir Leid, dass Du Dich dabei verletzt hast. Das war nicht meine Absicht. Zumindest nicht in jenem Moment. Es war eine Kurzschlussreaktion auf...nun du weisst schon...den Geruch.
Sie lÀchelte ihn etwas schief an.
Jede deiner Farben riecht anders, wusstest Du das? Veilchen, Erde, Russ, Safran, Holunder...
Sie bedeutete ihm die Augen zu schliessen, dann hielt sie ihm eine Phiole zur Probe unter die Nase und beobachtete ihn aufmerksam dabei.

Erst jetzt, wo er so vor ihr sass, betrachtete sie ihn eingehender, um Mirabellas SchwĂ€rmerei zu ĂŒberprĂŒfen. Im Gegensatz zu dieser fiel ihr Augenmerk jedoch nicht auf seinen Körperbau, sondern auf die Narben, die ihn verunzierten.
Erschrocken tastete sich ihr Blick seinen Bauch entlang. Hatte ihn etwa ein Tier angefallen?
Und es blieb nicht die einzige vernarbte Stelle an seinem Körper. Als er wieder aufblickte konnte er erkennen, wie sie auf seine Brust starrte, wo sie selbst ihre Spuren hinterlassen hatte.
In diesem Moment verstand sie ihn noch weniger als sie bisher annahm.
Wie konnte er Freude dafĂŒr empfinden, einem Menschen das Leben zu nehmen, wenn sie selbst schon Reue verspĂŒrte ab einiger Narben?
Dann entdeckte sie die Schnitte an seinem Arm. Emilia verstand die Symbolik dahinter nicht, oder wollte sie vielleicht auch nicht verstehen. Zögerlich streckte sie ihre Finger danach aus, zog sie dann jedoch wieder zurĂŒck, ohne ihn zu berĂŒhren. Wer war dazu etwas fĂ€hig?
Du hast schon viel erlebt., schrieb sie in das Notizbuch und obwohl es als Feststellung geschrieben stand, war es doch auch als eine Frage gemeint.

Erst danach widmete sie sich seinen Antworten.
Emilia hatte sich vorgenommen, bei ihm zu bleiben und zu lernen, ihre GefĂŒhle zu kontrollieren. Doch nun hatte sie sich noch ein neues Ziel gesetzt und um dieses umzusetzen, konnte sie es sich nicht leisten, von ihm weggestossen zu werden. Sie musste in seiner NĂ€he bleiben, immer.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#45

Beitragvon Dimicus » Di 17. Jan 2017, 22:45

Dimicus


Seine Emotionen hielt er kĂŒhl, zumindest so weit es Dimicus konnte. Es war nicht leicht Emilia dafĂŒr anzugreifen, was sie getan hatte. Letztendlich hĂ€tte sie mehr beschĂ€digen und anstellen können, als es ihr vermutlich bewusst war. Der KĂŒnstler seufzte. Noch nie hatte ihn jemand so nahe an die Wut gebracht, die beinahe an das Maß herankam, als er die Mörder seiner Eltern fĂŒr ihre Taten bĂŒĂŸen ließ. Seine Eltern ... wieder setzte er einen sehr kurzen und beinahe apathischen Blick auf. Warum erinnerte Emilia, als verlorenes Kind der Familie, ihn nur so sehr an sich?
Schließlich wurde er wieder aus seinen Gedanken gerissen, als Emilia ihm das Notizbuch hingeschoben hatte. Aufmerksam las er sich die Fragen und Aussagen Emilias durch, wĂ€hrend sie sich erhob und zur Staffelei ging, auf dem der junge Mann ihre Zeichnung zuvor aufgehangen hatte. FĂŒr nur einen kurzen Moment beobachtete er sie, doch dann nahm auch er Feder und Tinte, begann zu schreiben: "Weniger bin ich ein Monster, als ein Werkzeug meiner Zunft. Nur ein bescheidener KĂŒnstler der den Menschen etwas bringt, was sie wĂŒnschen. Was denkst du, warum dein geliebter Verlobter Valerius Feldweber als ein wunderschönes Kunstwerk sehen will? Neid, Eifersucht, Hass, Gier. Jeder von uns ist diesen primitiven GefĂŒhlen unterlegen, auch meine Wenigkeit ist davon nicht unbetroffen. Was ist es, wenn nicht meine Kunst, die uns auf tragische Art und Weise zeigt, dass alles ein Ende haben muss? Zu deiner Beruhigung kann ich sagen, dass ich niemanden etwas in dieser Nacht angetan habe. Wie du es vermutlich formulieren wĂŒrdest. Genau so wenig, wie ich eine untote Kreatur bin die das Blut braucht, um sich daran zu laben. Blut ist einfach nur das ehrlichste Rot, dass man im Diesseits finden kann. Es eignet sich perfekt als Farbe."
Kaum war er mit diesen Worten fertig, trat auch Emilia wieder an den Tisch. Ihre Augen drĂŒckten etwas wie Reue aus, ihre nĂ€chsten Worte bestĂ€tigten dies, so ließ sie ihm aber keine Zeit zum Antworten. Stattdessen las er diese und auch ihre nĂ€chste Frage, wobei ihm dann plötzlich ein FlĂ€schchen mit seiner Farbe unter seine Nase gehalten wurde. Emilia zur Liebe roch er daran, doch sein Gesicht bleib unbeeindruckt. Vermutlich war ihre Nase einfach wesentlich feiner als die seine, denn fĂŒr ihn roch alles gleich. Ehe er aber antworten konnte, war sie mit etwas anderem beschĂ€ftigt. Betrachtete sie ihn etwa?
Genau spĂŒrte er ihre Blicke auf seinem Oberkörper, die an seinen Narben hĂ€ngen blieben. Sie waren fragend, genau so, als sie ihre Hand nach seinem Arm austreckte und doch wieder zurĂŒckzog. Er selbst schaute eher gespannt, was sie da genau tat und was sie wissen wollte, ehe sie ihre Frage auf das Papier brachte. Nur eine knappe Antwort schrieb er darunter: Es ist nichts, was es sich zu erzĂ€hlen lohnt.

Emilia


Etwas enttÀuscht registrierte sie, dass Valerius keine Miene verzog, als sie ihm die Phiole unter die Nase hielt. Er roch also tatsÀchlich nichts. Emilia wollte sich gar nicht vorstellen wie langweilig die Welt sein musste, wenn alles gleich roch. Und wie hÀtte sie ihn dann jemals erkennen sollen, wenn nicht an seinem Geruch, damals in der Gasse?
Es ist nichts, was es sich zu erzÀhlen lohnt.
Emilia blickte ihn unschlĂŒssig an. Im Grunde war sie schon neugierig, was hinter seiner Fassade steckte. Und all diese Narben hatten bestimmt ihre Geschichten. Andererseits war es fĂŒr sie womöglich besser, gar nicht so viel ĂŒber diesen Mann zu erfahren. Schliesslich mochte sie ihn ja nicht einmal.
Ohne darauf einzugehen, las sie also seine nÀchsten Worte.
Ich denke nicht, dass die KĂŒnstler dieser Stadt gerne auf eine Stufe mit einem Mörder gestellt werden. Und ich habe mir niemals gewĂŒnscht, dass mein Vater so enden sollte!
Sie blickte ihn wĂŒtend an. Wie konnte dieser Kerl so verquer denken? Sah er denn selbst nicht, wie viel Leid er ĂŒber die Familien brachte? Welche Angst er in der Stadt schĂŒrte?
Seine nÀchsten Worte liessen sich stocken und sie starrte wie hypnotisiert darauf.
Am liebsten hÀtte sie das Blatt zerrissen.
Seine LĂŒgen wurden immer dreister, immer fantasievoller.
Ihr Verlobter Wilfried wollte einen Menschen ermorden lassen? Valerius Feldweber?
Einen Moment blickte sie ihn verwirrt an.
Wusste Wilfried vielleicht, dass Valerius der RosendÀmon war? Nein, das ergab keinen Sinn.
Aber womöglich hatte er herausgefunden, dass Emilia bei Valerius war und wollte sie auf diese Weise retten? Aber dann könnte er ja einfach die Stadtwachen bei ihnen vorbeischicken? Oder etwa nicht?
WĂŒtend schnaubte sie, wie konnte sie ĂŒberhaupt erst darĂŒber nachdenken?!
Alles nur LĂŒgen!
Und wo bist du dann gewesen?

Plötzlich kam ihr etwas in den Sinn. Der Brief.
Du warst bei mir zu Hause, oder?
Es war mehr eine Feststellung denn eine Frage.
Und sie hatte das Blut gerochen, sie hatte sich nicht getÀuscht. Doch wessen Blut?
Sie spĂŒrte das Kribbeln unter der Haut und hatte MĂŒhe ihre Instinkte zu kontrollieren.
Hatte er vielleicht ihre Tante oder Alfonso getötet? Oder vielleicht sogar ihren Verlobten Wilfried?
Warum hast du nach Blut gerochen?

Dimicus


Mit großer, tatsĂ€chlicher Neugierde betrachtete der KĂŒnstler die Worte der jungen Frau, die die Antwort auf die seine war. NatĂŒrlich war ihm bewusst, dass all diese Dinge fĂŒr sie unwirklich sein mĂŒssen, wer konnte ihr das auch verdenken? Darauf antwortete er schließlich: Es war auch nicht mein Wunsch, dass dein Vater sterben wĂŒrde, so gingen mich seine GeschĂ€fte nichts an. Doch war es der Wunsch eines anderen, dass Frederick sein Ende fand. FĂŒr einen Moment hielt er inne, betrachtete das Papier vor ihm. FĂŒr nur einen Moment kam etwas in ihm auf und er fragte sich, ob er es tatsĂ€chlich niederschreiben sollte.
Nachdem er einmal tief durchatmetet, fuhr er fort. Ich kann dich nur um Verzeihung bitten, Emilia. So stellte ich nur das Werkzeug fĂŒr all dessen dar und ich werde es womöglich auch immer sein. Er blickte zu ihr auf und schaute ihr in die Augen, ruhig blieb er, zeigte keinerlei Regung. Man nennt mich verrĂŒckt, wahnsinnig. Doch alle KĂŒnstler sind dies auf ihre eigene Weise. Nehmen wir einmal Wilfried, der letzte Nacht einen Besuch der sagenumwobenen Figur des RosendĂ€monen erhielt, mit diesem eine Botschaft seiner Verlobten und die BestĂ€tigung zur Annahme eines Auftrages. Seine Bettpfosten zieren nun einige blutige Rosen, doch er selbst ist wohlauf. Das verspreche ich dir.
Erneut blickte er sie an, etwas belustigt sogar. Kannst du dir vorstellen, dass Wilfried auch verrĂŒckt ist? So blickte er Valerius Feldweber, als ob dieser dich ihm stehlen wĂŒrde. Eifersucht und Angst um sein Vermögen. Der Grund, warum ich schließlich einen Auftrag erhielt, meine eigene, gespielte Figur zu töten. Interessant, oder? Wenn du diesen Mann wirklich liebst, was ich in diesem Moment stark bezweifle, so solltest du ihm einmal tief und fest in die Augen schauen. Du wirst erkennen, wer er wirklich ist.
Damit erhob sich Dimicus und schritt zu der Kommode herĂŒber, nahm sich die Briefe die aus dem Schriftverkehr zwischen Lucinda und Wilfried hervorgegangen waren. Mit ruhiger Mimik legte er diese vor Emilia, deutete darauf, dass sie lesen sollte, was ihr Verlobter ĂŒber sie dachte. Was der Plan der Familie war.

Emilia


Du hast meinen Vater fĂŒr Geld getötet?
Sie war so sprachlos, dass der Stift auf dem Tisch liegen blieb und sie ihn nur unglĂ€ubig anstarren konnte. Die Worte formten sich in ihrem Kopf, schafften es jedoch auch nicht ĂŒber ihre Lippen.
Sie hĂ€tte ihm ihr ganzes Vermögen angeschmissen, wenn sie dafĂŒr nur ihren Herrn Papa noch gehabt hĂ€tte. FĂŒr einige dumme MĂŒnzen

Ich kann dich nur um Verzeihung bitten, Emilia. So stellte ich nur das Werkzeug fĂŒr all dessen dar und ich werde es womöglich auch immer sein.
Seine Worte waren blosse Heuchelei in ihren Augen, er verhöhnte sie mit seiner Entschuldigung und der Rechtfertigung seiner Taten.
„Warum?“, es war bloss gehaucht, mehr ein FlĂŒstern, und doch schwebte es wie eine Wand zwischen ihnen beiden. Emilia wusste nicht, ob sie es ausgesprochen oder bloss gedachte hatte, doch ihr Blick sagte genug.

Unterdessen hatte er weitere seiner doppelzĂŒngigen Worte aufs Blatt gebracht und die Gestaltwandlerin musste sich zusammenreissen, weiterzulesen.
Und woher soll ich wissen, dass deine Versprechen mehr wert sind, als eine Handvoll LĂŒgen?

Es geht hier doch gar nicht um Liebe. Es geht um die Ehre der Familie, um meinen Stolz. Ausserdem ist es beschlossene Sache, dass ich ihn heirate. Und ausgerechnet Du wirst mich nicht davon abhalten.
Ich brauche Jemanden, der fĂŒr mich sorgt und der mein Anwesen verwaltet, wĂ€hrend ich einmal die Kinder zu guten Menschen erziehen werde. Das ist meine Aufgabe und allein diese.

Als sie aufblickte, erkannte sie einen Moment der Belustigung in seinen Augen aufblitzen. Dieses Mal war es eine Art Knurren, das sich den Weg nach Draussen bahnte.
Ruckartig wandte sie sich von ihm ab und ging zu der Staffelei hinĂŒber. Sie stellte sie vor die Mondlandschaft und schloss die Augen, stellte sich vor, irgendwo dort draussen sein, mitten in diesem Bild. Ihre HĂ€nde waren zu FĂ€usten geballt und ihre FingernĂ€gel bohrten sich schmerzhaft in die HandflĂ€chen. Doch dieser Schmerz war es auch, der sie erdete und sie wieder auf den Boden zurĂŒckholte.

Als sie an den Tisch zurĂŒckkehrte, lagen dort einige Briefe. Valerius hatte sich zurĂŒckgelehnt und gab ihr somit den Freiraum, den sie dringend nötig hatte, wie sie bei sich dachte.
Sie erkannte beider Handschrift sofort und zögerte merklich, nach den SchriftstĂŒcken zu fassen. Schliesslich jedoch las sie genug, um den Inhalt grob zu verstehen.
Und dann
 begann sie plötzlich zu weinen.

Dimicus


Genau wusste der junge Mann, was er mit seinen Worten in ihr auslösen wĂŒrde, so stellten sie aber die einzige Wahrheit dar, die Emilia jemals erfahren wĂŒrde. Ihre darauffolgenden Blicke machten ihm mehr als deutlich klar, dass sie an der Grenze stand, auf ihn loszugehen. Sie riss sich offenbar zusammen und als sich ihre Lippen zu einem „Warum?“ formten. Sie schrieb und ihre Hand zitterte leicht, als sie ihre Worte zu Papier brachte. In diesem Moment wusste Dimicus sogar, dass sie etwas niederschrieb, was die Prinzipien ihrer Familie ihr eingeflĂ¶ĂŸt hatten.
Kaum fertig blickte sie wieder auf, schaute ihn an und erhob sich, nur um scheinbar zu einem seiner GemĂ€lde zu gehen, es eindringlich zu betrachten. Offenbar, um sich zu beruhigen, so angespannt und vor allem verkrampft sie dort stand. Sein Blick ging auf ihre Worte nieder, las und analysierte sie, nur um seine vorherige Vermutung zu bestĂ€tigen. Ich denke, dass du in den HĂ€nden dieser Leute nur eine Marionette bist, die sich niemals entfalten und ihr eigenes Potential ausschöpfen kann. In deinen Adern fließt Blut, dass nicht auf eine Leinwand gehört, nicht verschwendet unter dem korrupten Einfluss eines einzelnen Mannes, der dies nicht zu schĂ€tzen weiß. Sich sicher seiend, dass er die richtigen Worte gefunden hatte, legte er das Buch wieder weg.
Denn in diesem Moment las sie die Briefe und offensichtlich traf sie die Wahrheit wie ein Schlag, den sie nicht verdient hatte. SpĂŒrte er etwa 
 Mitleid? Ihr Welt brach StĂŒck fĂŒr StĂŒck zusammen, all das war zum Teil seine Schuld. Dessen war er sich bewusst, doch wĂŒrde sie nicht aufwachen, gĂ€be es keine Zukunft fĂŒr sie. Eine Zukunft, die er sich hatte mit Blut, Schweiß und seiner Kunst hatte erarbeiten mĂŒssen. Was kĂŒmmerte es ihn eigentlich?
Zugegeben, viel. Denn als er die junge Frau vor sich in TrĂ€nen zerfließen sah, es löste etwas in ihm aus. Ihre Visionen und TrĂ€ume der friedlichen Welt wurden ihr immer mehr geraubt. Von der stolzen Löwin war nicht mehr viel ĂŒbrig, so wie sie jetzt vor ihm saß, bitterlich weinend ĂŒber die trĂŒbe Wahrheit, die ihr Leben darstellte. Ein weiteres Mal schrieb er in das Buch: Es liegt nicht an dir oder dieser Welt, dass dies dir widerfĂ€hrt. Du fragst dich bestimmt nach dem Warum. Du versuchst zu verstehen, doch kannst es nicht. Abermals weiß ich, wie du dich fĂŒhlst. Valerius Feldweber könnte es nicht verstehen, seine Vergangenheit war doch friedlich und behĂŒtet, doch ich verstehe dich. Die Person die dich lehren kann, mit diesen UmstĂ€nden fertig zu werden. Eine selbststĂ€ndige Frau zu werden, die ich in dir zu sehen vermöge. Etwas unbeholfen war Dimicus schon, als er die junge Frau so vollkommen hilflos unter der Last ihres Lebens zusammenbrechen sah. Kurz ĂŒberlegte er, bevor er sich erhob und neben die stellte, seine filigrane Hand ihr entgegenstreckte. Ein Zeichen der Hilfe. In diesem Moment war jeder Groll schlagartig verschwunden, zu sehr erinnerte er sich, was ihm widerfahren war, als seine Augen zu seiner Verwunderung sich etwas wĂ€ssrig anfĂŒhlten...


Emilia


Eine Weile sass sie nur da und weinte vor sich hin. Weder nahm sie wahr, wie er in das Notizbuch schrieb, noch dass er ihr seine Hand anbot.
Wenigstens von ihrer Tante hatte sie geglaubt dass diese sie gern hatte. Und Wilfried. Nun im Grunde hatte sie bereits gewusst, dass er sie nicht liebte. Auch sie selbst empfand keine Liebe fĂŒr ihr, doch eine Verbundenheit durch das Familienband, das sie miteinander verknĂŒpfte. Sie hatte immer loyal sein wollen, so wie sie es von ihrem Herrn Papa gelehrt bekam. Doch dafĂŒr konnte sie doch auch erwarten, dass man sich ihr gegenĂŒber ebenso loyal verhielt?
Stattdessen wurde sie wie eine Ware gehandelt, wie eine Kuh, welche es zu melken galt.
Irgendwann blieben ihre Augen gerötet, doch keine TrĂ€ne kullerte mehr ĂŒber ihr Gesicht. Emilia fĂŒhlte sich öde und leer wie eine WĂŒste.

Sie suchte nach einem Halt und blieb an dem Notizbuch hÀngen. WÀhrend ihre Schrift krakelig war, blieb Valerius ruhig und geschmeidig.
Eine Marionette
 er selbst war doch auch nicht mehr als eine Marionette. Eine Marionette seiner Geldgeber und nicht zuletzt eine Marionette seiner eigenen Kunst, das begann Emilia langsam zu begreifen.
Doch hatte er vielleicht Recht? Wurde sie nicht auch von den Prinzipien geknechtet, mit welchen sie erzogen wurde? Hielten diese sie davor ab, ihr Leben wirklich zu leben?
Welch ordinĂ€re Gedanken. Was dabei rauskam, wenn man nach seinen eigenen Regeln lebte, konnte sie am Beispiel von Valerius erkennen. Doch war das ĂŒberhaupt sein Name?
Valerius Feldweber könnte es nicht verstehen, seine Vergangenheit war doch friedlich und behĂŒtet, doch ich verstehe dich.
Und wer bist Du, als dass Du Dich fĂŒr jemand Besseren hĂ€ltst als Valerius Feldweber oder als meine Familie? Woher willst Du wissen, was das Beste fĂŒr mich ist? Damit bist Du doch auch nicht besser als diejenigen, welche mich zu dem erzogen, was ich heute bin.
Seine HandflĂ€che bot er ihr noch immer an und beinahe wie eine SalzsĂ€ule stand er einfach neben ihr. Wie magisch wurden ihre Augen stattdessen jedoch zu dem Narbengeflecht hingezogen. Sie schaute ihm nicht ins Gesicht, als ihre Fingerkuppen hauchzart seinen Unterarm berĂŒhrten. Trotz dem sanften Kontakt erspĂŒrte sie die Erhebungen der Narben unter ihrer Haut.
Zögerlich nahm sie den Stift zur Hand.
ErzÀhl mir von deinen Narben. Ich will verstehen, warum Du Menschen das Leben nimmst. Bist du vielleicht die Marionette deiner Vergangenheit?

Dimicus


Keine Reaktion. Dies war interessant und zeitgleich beunruhigend wahrzunehmen. Was sollte es auch, was hatte er erwartet? FĂŒr sie war er nur das, was sie zuvor geschrieben hatte. Doch er konnte ihrem nachdenklichem Tun ansehen, dass sie mehr als grĂŒndlich ĂŒber das nachdachte, was er zu ihr gesagt hatte. Ein wenig ĂŒberraschend war es zudem fĂŒr ihn, so hatte er zunĂ€chst damit gerechnet, dass sie weiterhin an den ihr gelehrten Prinzipien festhalten wĂŒrde.
Dimicus verharrte in seiner Position und Emilia wusste es offensichtlich doch einzuschĂ€tzen, was er andeuten wollte. Allerdings ignorierte sie nach ihrem Schreiben seine Hand, sondern konzentrierte sich völlig auf seinen Arm. Um genauer zu sein, die Narben die auf seinem Unterarm rankten. Jene Wunden, die er sich selbst zugefĂŒgt hatte, um mit seinem eigenen Blut seine ersten Kunstwerke zu erschaffen. Ihre feine BerĂŒhrung – sie fĂŒhlte sich eigenartig an und hinterließ bei dem leichten Hauch ihrer Fingerkuppe ein Kribbeln. Er konnte die WĂ€rme spĂŒren, die von ihrer Hand ausging und beinahe fasziniert folgte er ihren Fingern.
Schnell wurde er allerdings ein weiteres Mal aus dieser Faszination gerissen, als sie es sofort unterband und wieder zu Schreiben begann. Inzwischen durchzogen Fragen das Notizbuch, die fĂŒr Dimicus alles andere einfach zu lesen und noch schwerer zu beantworten waren. Er schluckte. Wollte sie das erreichen? Ihn empfindlich machen? Schwach werden lassen, nur um so viel möglich aus ihm heraus zu kitzeln? Fragend blickte er sie auf ihre Worte hin an, zum GlĂŒck hatte sie ĂŒbersehen, dass er ebenfalls den TrĂ€nen nahe war, so hatten sich seine Augen auf ihre normale KĂŒhle zurĂŒckgefunden.
Sein Atem ging minimal schneller, genau so wie sein Herz etwas schneller zu schlagen begann. Seine Vergangenheit. Er hatte lang nicht mehr darĂŒber nachgedacht. Sollte er es wirklich fĂŒr diese junge Frau tun, die immerhin im Grunde keine Bedeutung fĂŒr ihn haben sollte? Doch wieso schaffte sie es dann, ihn in solche Lagen zu versetzen, ohne das er sein KalkĂŒl davor schieben konnte? Um sich zu beruhigen atmete er ein weiteres Mal tief durch, ehe er wieder zur Feder griff. Ich weiß nicht, was fĂŒr dich das Beste ist. Das kann dir niemand sagen. Keine Prinzipien, nicht die LoyalitĂ€t zu jemanden oder die Lehren die du erhalten hast. Nur du kannst es wissen, wohin du wirklich gehörst. Niemand kann es dir sagen. Ich? Ich weise dich nur darauf hin, dass ich zu verspĂŒren weiß. Wenn ich dir in deine Augen blicke, sehe ich wie du dich nach einem anderen Leben sehnst. Korrigiere mich, wenn ich falsch liege.
Getrennt davon schrieb er weiter. Wer ich wirklich bin, willst du das wirklich wissen? Mein Name ist Dimicus. Ich trage keinen Nachnamen, nur einen weiteren Namen den mir das Volk Drakensteins gegeben hat. Am liebsten möchte ich dir sagen, dass du nicht verstehen solltest, warum ich Personen ihrem Ende in einer wundervollen Symphonie des Blutes zufĂŒhre. Es ist nicht das, nicht die Welt die fĂŒr dich bestimmt ist. Meine Narben erzĂ€hlen eine gĂ€nzlich andere Geschichte als die deine.
Ungeachtet dessen, wie Emilia darauf reagieren wĂŒrde, griff er zaghaft ihre Hand und fĂŒhrte sie zuerst auf die Narbe an seinem RĂŒcken. "Ein Wolf, als ich ihn in den WĂ€ldern erlegte, auf einen Todeskampf hinaus." Schließlich fĂŒhrte er sie auf seinen Bauch, die wohl tiefste und schrecklichste Narbe. "Ein weiterer Wolf, die Narbe die eigentlich mein Schicksal hĂ€tte besiegeln sollen, wĂ€re ich nicht durch eine FĂŒgung gerettet worden." Die Narben auf seinem Unterarm. "Die Konsequenz meiner Kunst. Mein Blut stellte die Grundlage fĂŒr meine ersten Werke da, ich war der Erste, der den sĂŒĂŸlichen Geschmack zu spĂŒren bekam." Zu guter Letzt fĂŒhrte seine Hand die ihre auf seine Brust, die frischen Narben ihrer Löwenklauen. "Du. Verewigt als stĂ€rkerer Gegner, dem ich den grĂ¶ĂŸten Respekt zollte, seit ich dem Tode entgangen bin." Damit ließ er sie wieder los, nickte ihr nur zu.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#46

Beitragvon Emilia » Fr 20. Jan 2017, 13:56

Dann habe ich nichts mehr, woran ich mich festhalten kann. Welchen Sinn hat das Leben dann noch, wenn ich nicht einmal mehr an meine Prinzipien glauben kann?
Emilia liess die Schultern hÀngen, und ihr Mut verliess sie.
Du sprichst von einem anderen Leben. Doch wie soll ich das fĂŒhren, wo Du mir doch meine Familie genommen hast?
Entweder werde ich nach Hause zurĂŒckkehren und alles vergessen, was Du mir gezeigt hast. Oder ich mĂŒsste mittellos auf der Strasse leben. Solange ich nicht verheiratet bin, verwaltet Onkel Alfonso das Vermögen. Ich bin kein Strassenstreuner, ich wĂŒrde es nicht ĂŒberleben.

Sie wusste, dass das stimmte. Sie hatte ihr bisheriges Leben in der Sicherheit ihres Hauses verbracht. Sie kannte die Welt hier Draussen kaum, was ihr erst gerade Mirabella vor Augen gefĂŒhrt hatte. Und obwohl sie noch so gerne die Landschaften durchquert hĂ€tte, welche auf Valerius Bildern festgehalten wurden, so war sie doch eine Gefangene.

Sie betrachtete ihn nachdenklich und ihre Blicke trafen sich. Plötzlich verÀnderte sich sein Ausdruck und er zog sie auf die Beine.
„Ein Wolf, als ich ihn in den WĂ€ldern erlegte, auf einen Todeskampf hinaus“, kaum gesprochen, drehte er ihr den RĂŒcken zu, wo eine lĂ€ngliche Narbe verlief, die sie bisher noch nicht gesehen hatte. Wie zuvor bei den Schnittwunden am Unterarm starrte sie gebannt auf die Haut, welche an der Narbe heller gefĂ€rbt war. Sie erzĂ€hlte von einem Kampf, den er offensichtlich gewonnen hatte. Wie auch die nĂ€chste Wunde, welche er ihr zeigte.
„Ein weiterer Wolf“, erklĂ€rte er ihr und fĂŒhrte ihre Hand zu seinem Bauch. Emilia liess es geschehen und fuhr achtsam mit den Fingerspitzen dem vernarbten Hautgewebe entlang, welches sich deutlich abhob. Ein Tier hĂ€tte also beinahe ĂŒber sein Schicksal entschieden, doch er war ihm entkommen. Daraufhin mussten viele Menschen den Tod erleiden. Emilia starrte einen Augenblick gedankenverloren vor sich hin. Vielleicht war sie dazu bestimmt, sein Schicksal zu besiegeln?
Die Narben am Unterarm kannte sie bereits, doch sie blickte ihn erschrocken an, als er behauptete, dass er sie sich freiwillig zugefĂŒgt hatte. Als er vom sĂŒsslichen Geschmack sprach, zuckte sie zusammen. UnwillkĂŒrlich meinte sie wieder das Blut des Bettlers in ihrem Mund zu schmecken und den Geruch der Phiole in der Nase zu haben. Er behauptete zwar, kein Wesen der Nacht zu sein, doch wie ein solches labte er sich an der roten LebensflĂŒssigkeit.
„Du. Verewigt als stĂ€rkerer Gegner, dem ich den grössten Respekt zollte, seit ich dem Tode entgangen bin.“
Emilia legte ihre Hand exakt auf die frischen Narben, wie auch die Pranke dort gelegen hatte. Noch nie hatte sie einen Mann auf diese Weise berĂŒhrt. Sie nahm das Klopfen seines Herzens wahr und die WĂ€rme der Haut. Dann schoss ihr wieder der Schicksalsgedanke durch den Kopf und instinktiv verkrampfte sie ihre Finger wie Klauen. Augenblicklich trat sie einen Schritt zurĂŒck und wandte ihren Blick von seinen Augen ab, die ihr viel zu ehrlich erschienen in diesem Moment.
Sie wandte sich zum Notizbuch um, in Gedanken noch bei seiner Vergangenheit.
Du hast nicht immer in der Stadt gelebt. Wo bist Du aufgewachsen? Wo ist Deine Familie?

Dimicus also. Emilia seufzte. Inzwischen schien es keine Rolle mehr zu spielen, ob ein blosser Name der Wahrheit entsprach oder eine weitere LĂŒge war, hinter welcher er seine wahre Gestalt verbarg. Doch mehr als seine erfundenen Geschichten ĂŒber Valerius Feldweber verĂ€rgerte sie hingegen seine Wortwahl. Am liebsten hĂ€tte sie ihn einmal krĂ€ftig durchgeschĂŒttelt. Eine Symphonie des Blutes

Er wollte einfach nicht einsehen, dass seine Taten nichts mit Kunst oder gar Schönheit zu tun hatten!
Stattdessen rechtfertigte er damit die Morde
 die Auftragsmorde!
Sie erstarrte im selben Moment, als sie die Bedeutung dessen erkannte.
Die Kleider, welche sie am Leibe trug, waren von seinem Blutgeld gekauft.
Sie fĂŒhlte sich plötzlich unglaublich hilflos. Da sie einfach abgehauen war, hatte sie nicht einmal die Möglichkeit, eigene Kleidung zu kaufen, sondern war auf ihn angewiesen, wenn sie nicht zur Diebin werden wollte.
Ich werde mein eigenes Geld verdienen. Vielleicht kann mir ja Mirabella eine Arbeit besorgen.
Dann zögerte sie einen Augenblick. Sie hatte eine Bitte, doch wusste nicht, ob sie diese stellen konnte. Er hatte wieder ihre Sehnsucht geweckt.
Gehst Du mit mir einmal aus der Stadt raus, in den Wald? Zu einem See? Über die Felder?
Sie nahm sich vor, sich den Wunsch auch ohne ihn zu erfĂŒllen. Doch trotzdem fĂŒrchtete sie sich davor, alleine die Sicherheit der Stadtmauern zu verlassen, wo sie doch erst gerade dabei war, Drakenstein kennenzulernen. Vielleicht konnte sie dann auch einen dieser gefĂ€hrlichen Wölfe mit eigenen Augen erblicken

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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#47

Beitragvon Dimicus » Fr 20. Jan 2017, 20:10

Ihre Hand 
 sie löste ein seltsames GefĂŒhl in dem KĂŒnstler aus. So mag ihn noch nie jemand ĂŒberhaupt so nahe gekommen sein, zudem war es in der Verbindung mit der Geschichten seiner Narben erst recht noch nie geschehen. Dimicus wurde verunsichert, auf eine sehr befremdliche Art fĂŒhlte sich diese BerĂŒhrung erlösend an. Beinahe gut und sĂŒĂŸlich. Erst als sie ihre Hand verkrampfte und zu Klauen aufrichtete, endete das GefĂŒhl fĂŒr ihn und seine Sinne stellten sich auf sein normales Wesen ein. Was hatte sie nur mit ihm gemacht, dass sie solch seltsamen Dinge ihn ihm auszulösen vermochte?

Nachdenklich blickte er ihr hinterher, als sie sich wieder abwandte und wieder dem Notizbuch widmete. Jene Zeit nutzte er, um seine nackten FĂŒĂŸe in die Stiefel zu stecken und sich sein Hemd ĂŒberzuziehen. Als er schließlich wieder zurĂŒckkehrte, schrieb sie noch immer und scheinbar jagte ein Gedanke den NĂ€chsten, als sie die unterschiedlichsten Dinge niederschrieb. Ein weiteres Mal wĂŒnschte sich der junge Mann genau wissen zu können, was in ihrem Kopf gerade vorging. Warum befasste sie sich nun eigentlich mit ihm? Sie wollte lernen zu ĂŒberleben, doch dann könnte er sie genau so gut zur Diebesgilde ĂŒbergeben und die dortigen Meister wĂŒrden sich ihrer annehmen. Doch zeitgleich wĂŒrde dieses gierige Pack sicherlich das Geld fĂŒr sich einsacken wollen.

Ein anderes Leben – ja. Doch dein Leben wird nicht von anderen bestimmt, weder deiner Familie, noch deinen Freunden, noch deinen Geliebten oder von einem Fremden. Du trĂ€gst die eigene Verantwortung, wie dein Leben auszusehen hat. NatĂŒrlich können andere dir Dinge nehmen oder geben, es ist aber die Sache, was du daraus zu machen vermagst. Auf mehr kommt es am Ende nicht an, Emilia. Zögerlich blickte er darauf ihre erste Frage an und erstarrte. Du hast nicht immer in der Stadt gelebt. Wo bist Du aufgewachsen? Wo ist Deine Familie? Seine Augen wurden glasig und seine Hand begann zu zittern. Nur fĂŒr einen Moment war eine monumentale SchwĂ€che bei ihm zu sehen.

Doch dann schĂŒttelte er nur mit dem Kopf und fasste sich wieder, ehe er darauf antwortete. Ich habe keine Familie, sie sind tot. Sein Gesicht wirkte plötzlich vollkommen gleichgĂŒltig und ernst, als ob es ihn kaum berĂŒhrte, was er da schrieb. Doch es stimmt, ich war nicht immer hier in der Stadt. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Im Wald, letztendlich. Dort erhielt ich die Lektionen meines heutigen Lebens. Zufrieden und seine Antwort fĂŒr ausreichend befindend, ließ er es als solches dort im Buche stehen und widmete sich schließlich den nĂ€chsten Worten.

Dein eigenes Geld verdienen? NatĂŒrlich ist es momentan in der Hand deines Onkels, was deinen eigenen Wohlstand anbelangt. Eines Tages solltest du dir diesen aber aneignen und selbst nutzen. Doch wenn du das möchtest, kannst du auch gern fĂŒr mich Besorgungen machen und dir etwas verdienen. Nachdenklich blickte er drein. In ihr keimten die ersten Gedanken der UnabhĂ€ngigkeit auf. Das war mehr als gut und hoffentlich wĂŒrde dies auch bald noch weiter reifen. Denn ihre NaivitĂ€t und Angst davor, sich die eigenen HĂ€nde schmutzig zu machen, wĂŒrden ihr nur im Weg stehen. TatsĂ€chlich erfĂŒllte es ihn etwas mit Stolz, als er zu verstehen begann, dass Emilia anfing zu lernen.

Der Blick Dimicus' wanderte schließlich fĂŒr einen Moment nach draußen und er erkannte die Sonne, wie sie sich langsam der Mittagsstunde nĂ€hern wollte. Wissend was zu tun war, nickte er und sein Vorhaben fĂŒr den Tag stand fest. Noch einmal griff er zur Feder und schrieb. Die Kleidung die du hast, sollte ausreichen. Mache dich fertig, wir werden dann heute einmal außerhalb der Stadtmauern gehen. Du hast es verdient. Damit wandte er sich auch schon ab und begann, sich seine RĂŒstung anzulegen und die Bewaffnung an ihre angestammten PlĂ€tze zu bringen.

Dabei dachte er nach. Emilia, Emilia von Kreuzenstein, ihr Vater war nicht mehr als vor 2 Monaten verstorben, durch die Hand seines Genies. Sein Blick wandte sich auf seine HĂ€nde, die er vor seinen Augen ausbreitete und er schien sich darin zu verlieren. Die Taten eines Genies. Warum bist Du ein solches Monster?, ertönte es mit einer weiblichen Stimme in seinem Kopf, obwohl er Emilias Stimme, abgesehen von dem Schrei, noch nie gehört hatte. Ein kaum merkliches Seufzen durchzuckte ihn. Die Frage hatte sich bei ihm eingebrannt. NatĂŒrlich hatte er nicht erwartet, dass die Menschen Drakensteins seine Werke wertschĂ€tzen oder gar bewundern wĂŒrden. Doch jemanden vor sich zu haben, die eine Konsequenz aus seiner Kunst war und auch noch bei ihm bleiben wollte 
 es war eine gĂ€nzlich andere Geschichte.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#48

Beitragvon Emilia » Mi 25. Jan 2017, 15:38

Seine Worte trugen einen wahren Kern in sich und doch war es nicht gar so einfach, wie er es darstellte. Verantwortung ĂŒbernehmen

Noch niemals zuvor hatte jemand Emilia Verantwortung ĂŒbertragen. Und jetzt kam dieser junge Mann und behauptete, sie könne ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Sie fĂŒhlte sich durch die Aussage ĂŒberrumpelt und ĂŒberfordert zugleich. Sie begriff, dass es um Vieles einfacher war, unbedarft in den Tag hineinzuleben, ohne sich um wichtige Dinge zu sorgen.

Sie blickte zu ihm auf, wollte etwas darauf erwidern, doch dann sah sie seine Miene und erstarrte in der Bewegung.
Eine schreckliche Leere erfĂŒllte fĂŒr einen Moment seine Augen, gleichzeitig war darin aber auch eine Trauer zu erkennen. Dann war es bereits wieder vorbei, er schĂŒttelte den Kopf und schrieb zwei Zeilen in das Notizbuch hinein.
Nachdenklich las Emilia die Worte. Gerne hĂ€tte sie nachgefragt, weshalb seine Familie starb und wie er im Wald ĂŒberleben konnte. Doch sein Gesichtsausdruck hielt sie davon ab, weitere Fragen zu stellen und sie verschob es auf einen spĂ€teren Zeitpunkt, wenn ĂŒberhaupt.

Dass er keine Vorbehalte gegen ihren Tatendrang einzuwenden hatte, stimmte sie selbstzufrieden. Vielleicht war das ein erster Schritt in die Richtung Verantwortung zu ĂŒbernehmen?
Statt ihr jedoch zuzustimmen, bei Mirabella nach Arbeit zu fragen, sollte sie fĂŒr ihn Besorgungen erledigen. Emilia freute sich ĂŒber sein Angebot, doch gĂ€nzlich glĂŒcklich war sie darĂŒber nicht. Dann wĂŒrde sie das Geld trotzdem von ihm bekommen, und das wollte sie nicht.
Danke, ich gehe fĂŒr Dich einkaufen, wenn Du das möchtest. Doch trotzdem werde ich mich erkundigen, ob ich in der KĂŒche oder im Haushalt mithelfen kann. Ich möchte unabhĂ€ngig von Dir sein.

Die nÀchsten Worte waren jedoch die schönsten, die Emilia seit langem gelesen hatte.
Ausserhalb der Stadtmauern!
Obwohl sie versuchte ruhig zu bleiben, war das Leuchten in ihren Augen deutlich zu erkennen und ein freudiges LĂ€cheln breitete sich warm ĂŒber ihr Gesicht aus.
Kurz darauf trug sie bereits ihre weichen Lederstiefel und hatte sich den warmen Mantel ĂŒber die Schultern geworfen.
Sie schnappte sich den Schlapphut, den Dimicus ihr auf ihr DrÀngeln hin gekauft hatte. Suchend blickte sie sich um, entdeckte ihre improvisierten Haarnadeln und steckte sich den dicken Zopf als Dutt auf den Kopf, um ihn dann unter dem Hut verschwinden zu lassen.
TatsĂ€chlich wirkte sie nun beinahe wie ein JĂŒngling, wenn man von ihren weiblichen Rundungen absah. Dann zog sie sich jedoch den Mantel vorne enger zu und war nun wirklich nicht mehr so einfach zu erkennen.
Mit Emilia schien eine Verwandlung vor sich gegangen zu sein. Wo sie vorhin noch misstrauisch, wĂŒtend oder gar traurig war, spiegelte sich nun die Freude in ihrem Verhalten wieder.

Draussen auf der Gasse konnte es ihr nicht schnell genug vorangehen. Dieses Mal war sie es, die immer wieder ungeduldig an Dimicus Ärmel zupfte, wenn er sich vorsichtig nach Verfolgern oder anderen seltsamen Gestalten umschaute.
In ihrer Hosentasche hatte Emilia das Notizbuch und einen Stift verstaut, doch sie hatte gar keine Zeit, sich mit dem jungen Mann an ihrer Seite zu unterhalten.
Sie bemerkte dieses Mal weder die spielenden Kinder, noch die Katze auf MÀusejagd, noch die Schaufenster der GeschÀfte.

Endlich kam das Stadttor in Sicht. Beinahe ehrfĂŒrchtig verlangsamte sie plötzlich ihren Schritt. Zum ersten Mal sollte sie nun Drakenstein verlassen. Ihre Augen waren fest auf das steinerne Tor gerichtet, wo emsig die Leute ein und aus gingen und dabei von zwei WĂ€chtern aufmerksam beĂ€ugt wurden.
Das Tor ragte mĂ€chtig vor ihr auf, ĂŒber sich sah sie das Fallgitter, das schnell heruntergelassen werden konnte, wenn es nötig wurde.
Emilia trödelte so sehr, dass sie von hinten angerempelt wurde und beinahe zu Boden gefallen wÀre. Schnell beeilte sie sich, aus dem Weg zu gehen, blieb aber nur einige Schritte weiter wie angewurzelt stehen und starrte auf das Bild vor sich.

Sanft geschwungene grĂŒne HĂŒgel breiteten sich vor ihr aus und ein langer Weg schlĂ€ngelte sich von der Stadt fort, zu den HĂ€usersiedlungen hin, welche die Stadt umgaben und vom einfacheren Bauernvolk bewohnt wurden. Etwas seitlich entfĂ€cherten sich die ersten AuslĂ€ufer eines grĂŒnen Waldes. Keine HĂ€userfassaden oder Mauern versperrten ihr die Sicht. So stand sie einfach nur da und staunte, wĂ€hrend die Leute sich murrend an ihr vorbeidrĂ€ngelten.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#49

Beitragvon Dimicus » Do 26. Jan 2017, 17:53

Aus ihm nicht ganz bekannten GrĂŒnden, freute es den jungen Mann, dass Emilia diese Vorfreude auf die Welt außerhalb der Stadt hatte. Nicht zuletzt hatte er sich schon lang wieder vorgenommen, einmal wieder selbst nach draußen zu gehen. Die frische Luft als Abwechslung zu dem Gestank der Stadt erleben zu können. Umso gelegener kam ihm ihr Wunsch, einmal rauszugehen. Wer weiß, vielleicht konnte er ihr dort noch besser und grundlegender zeigen was es bedeutete, frei und sein eigener Herr, oder ihrem Fall Frau, zu sein. Zudem wollte sie sich noch etwas dazu verdienen, durch Besorgungen fĂŒr ihn. Vielleicht brachte es etwas, wenn er sich mehr auf seine Arbeit konzentrieren konnte, ohne die Besorgungen erledigen zu mĂŒssen.

Doch war er sehr erstaunt, wie verwandelt die junge Frau plötzlich vor ihm stand. Sogar er hatte beinahe Schwierigkeiten, sie richtig wiederzuerkennen und man musste ihr lassen, dass sie trotz ihrer NaivitĂ€t Ă€ußert kreativ war, wenn nicht sogar gerissen. Fast freudig hĂŒpfte sie plötzlich umher und wirkte tatsĂ€chlich glĂŒcklich. Offensichtlich war es genau das, was sie wirklich gebraucht hatte. Wie es ihr wohl ergangen wĂ€re, hĂ€tte Wilfried nicht sein frĂŒhes Ende und dessen endliche Bedeutung gefunden? Vermutlich hĂ€tte sie hierzu nie die Chance bekommen. Zumindest nicht auf die Art, wie sie es immer gewollt hatte. Es wĂŒrde wohl die Zeit fĂŒr ein neues Abenteuer fĂŒr sie und eine Probe der Geduld fĂŒr ihn werden. Das wusste er schon vorher und sein BauchgefĂŒhl sprach keine anderen BĂ€nde.

Es ging ja schon in der Stadt los, als sie mit einer Mischung aus Ungeduld und Vorfreude die gesamte Zeit vorging. Es war ein wahrer Kampf, so auf sie und sein eigenes Wohl zu achten, so hingen noch immer Plakate mit ihrem Gesicht an jeder erdenklichen Ecke. Wahrhaft kein Spaß, bei diesem UmstĂ€nden mit ihr zusammen zu reisen, doch auffĂ€llig war die niedrigere Anzahl an Wachen. Das plötzliche Fehlen der zusĂ€tzlichen WachverstĂ€rkung stimmte den jungen KĂŒnstler schon sehr misstrauisch. Doch es war etwas, was er nicht sofort beachtete. Ob es ein Fehler war?

Diese Gedanken waren allerdings sehr schnell vergessen und schon bald standen die beiden vor den Stadttoren, Emilia wie angewurzelt, Dimicus vollkommen blank mit den Nerven. Es wĂ€re einfacher gewesen, auf einen Floh im dicht bewachsenen Felles eines Hundes aufzupassen, als auf die Neugierde einer jungen Katze, die Emilia definitiv an den Tag legte. Zu ihrem GlĂŒcke hatte er sie einigermaßen gedeckt und auch fĂŒr seine eigene Sicherheit gesorgt, so einige Blicke waren auf die beiden gerichtet gewesen.

Dieser Wechsel zwischen Aufpassen und Vorankommen wurde jedoch in dem Augenblick aufgelöst, nachdem sie endlich mehr Luft und Raum zum atmen hatten. Der Duft der GrĂ€ser die schon seine Nase in einem gewissen Ansatz umspielten, dazu die fehlenden StadtgerĂ€usche, die noch höchstens dumpf an seine Ohren drangen. Es war herrlich, einmal wieder heraus zu kommen und fĂŒr Emilia musste die gesamte Erfahrung noch viel intensiver sein. Wie es wohl genau fĂŒr sie war, so wie sie noch nie die Außenwelt gesehen hatte, wie sie sich jetzt vor ihr erstreckten.

Sanft zog er die junge Frau an sich, als sich mehrere Menschen an ihre vorbei drĂ€ngten und sie mal wieder umstoßen wollten. Genau so warm wie sein LĂ€cheln zu ihr war, so war die Freude in ihren Augen enorm. Noch fĂŒr einen Moment nahm er sie an die Hand, um sie vorbei an den Menschen zu lotsen, unter seinem direkten Schutze. Dabei war er gar nicht darauf aus, sie in Beschlag zu nehmen oder festzuhalten, sondern schlichtweg sie weg von den potentiellen Taschendieben zu ziehen, die besonders in solchen Gemengen ihrer Arbeit nachgingen.

Einige Minuten spĂ€ter schließlich, die er sie ĂŒber die Straße begleitet hatte, ließ er sie wieder los und weiste ihr mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. Sie konnte schon von der Straße aus, die riesige, grĂŒne Weide sehen, deren Gras sanft im Winde wog. Dahinter schlĂ€ngelte sich ein kleinere Fluss, der dieses GrĂŒn von dem ĂŒppigen Wald trennte, der fĂŒr viele JĂ€ger und Alchemisten ein beliebtes Ziel war. Die Sonne war zur ihrer vollen Schönheit am Himmelszelt aufgerichtet, ihre WĂ€rmen traf die beiden mit voller Kraft. Es war etwas völlig anderes, als die kĂŒnstliche und teilweise stickige WĂ€rme der Stadt, wo die Menschen und Feuer die eigentliche Quelle von WĂ€rme darstellten.

FĂŒr nur einen kurzen Moment schloss der junge Mann seine Augen und atmete tief ein. So fĂŒhlte es sich an, dieses GefĂŒhl der Freiheit und Beweglichkeit. Einfach dort nur zu stehen, den Duft der GrĂ€ser zu genießen und den Vögeln zu lauschen, die in der Ferne auf ihre natĂŒrliche Art sangen. Dieses GefĂŒhl ließ er fĂŒr diesen einen Moment einfach ĂŒber sich fließen, vollkommen ungeachtet dessen, ob Emilia ihn dabei beobachten konnte oder mit anderen Dinge beschĂ€ftigt war. Denn sein warmes LĂ€cheln, dass von einer gewissen Zufriedenheit gezeichnet war, widmete sich schließlich der jungen Frau, als er das Notizbuch nahm und hineinschrieb: Ist es nicht schön? Strecke deine Nase in die Luft, rieche den Duft der Natur. Die Welt liegt dir hier draußen zu FĂŒĂŸen. Du bist hier die KĂŒnstlerin deines eigenen Lebens, jeder Schritt den du hier gehst, ist der Pinselstrich in deinem eigenen Leben.
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Re: Komm, sĂŒsser Tod

#50

Beitragvon Emilia » Fr 27. Jan 2017, 20:32

Gierig atmete Emilia die frische Luft bis in die hintersten Ecken ihrer LungenflĂŒgel ein. Ihre Augen huschten ĂŒber die Landschaft und sie konnte sich kaum sattsehen an den schaukelnden GrĂ€sern und den sich wiegenden Baumwipfeln. In einer nahe gelegenen Krone entdeckte sie ein Vogelnest und eifrige Eltern, die ihre KĂŒken mit WĂŒrmern und Insekten fleissig fĂŒtterten.
Der Weg fĂŒhrte leicht bergab. Gelegentlich kamen ihnen Menschen mit Körben oder Karren entgegen, welche den Marktplatz der Stadt anstrebten.
Als Dimicus innehielt, bemerkte die junge Frau zu ihrem Erstaunen eine Zufriedenheit in seinem Gesicht, welche ihr bis jetzt kaum bei ihm aufgefallen war.
TatsĂ€chlich war auch an seinen Worten zu erkennen, dass er die Natur genoss. Seine poetische Ausdrucksweise brachte sie schliesslich aber doch zum LĂ€cheln. FĂŒr ihn schien die Welt aus einer einzigen Leinwand zu bestehen, welche jedes Lebewesen mit seinen Taten vollkritzeln konnte.
Anstatt zu antworten, nickte sie bloss.
Dann trat ein schelmisches Funkeln in ihre Augen und im nĂ€chsten Moment rannte sie los. Ohne auf ihren Begleiter zu achten, bog sie vom Weg ab und rannte quer ĂŒber die leicht abfallende Wiese hinab in Richtung des im Sonnenlicht aufreizend funkelnden Flusses und des fĂŒr sie so geheimnisvollen Waldes, der sich dahinter wie ein Teppich erstreckte.
Erst als der Hang in die Ebene ĂŒberging kam sie lachend zum Stehen und blickte sich nach Dimicus um. Gedanklich nannte sie ihn manchmal noch immer Valerius. Irgendwie passten beide Namen ganz gut zu ihm, befand sie. WĂ€hrend Valerius nach einem Luftibus klang, hatte Dimicus etwas BodenstĂ€ndiges.

WĂ€hrend er neben ihr zum Stehen kam, schlĂŒpfte sie bereits umstĂ€ndlich aus ihren Stiefeln. Trotz der wĂ€rmenden Strahlen wehte noch ein frischer FrĂŒhlingswind, doch das bemerkte Emilia gar nicht, als sie ihre nackten FĂŒsse auf die weiche Erde setzte. Sie konnte die GrĂ€ser fĂŒhlen und einen Stein, der in ihre Ferse piekste.
Mit ihren Stiefeln im HandgepĂ€ck hĂŒpfte sie dann weiter und Dimicus blieb nicht viel Anderes ĂŒbrig, als ihr zu folgen.
Immer wieder blieb sie stehen, schnupperte an einer Blume oder beobachtete fasziniert einen neuen gelben oder rötlichen Schmetterling.
Einmal zuckte sie erschrocken zusammen, als eine Heuschrecke vor ihr mit einem riesigen Satz floh. Sogleich musste sie das seltsame Insekt jedoch genau beÀugen und war begeistert von der Sprungkraft der langen Hinterbeine. Immer wieder entdeckte sie neue Lebewesen und so musste Dimicus an ihrer Seite Raupen, Spinnen, Libellen und Vögel bestaunen.
Ausnahmsweise vergass sie ganz, wer er eigentlich war.
An diesem friedlichen Ort waren sie einfach zwei junge Menschen, welche die Freiheit genossen.
Schliesslich kamen sie nach einer gefĂŒhlten Ewigkeit fĂŒr Dimicus und einem Sekundenbruchteil fĂŒr Emilia beim Flussufer an. Eine mĂ€chtige Trauerweide wurzelte dort und Emilia verliebte sich sogleich in diesen eleganten Baum. Die Äste hingen so tief hinunter, dass die BlĂ€tter an ihren Enden sanft in der Strömung hin und her trieben.
Plötzlich empfand sie das unendliche BedĂŒrfnis diesen alten Riesen zu berĂŒhren. Es war, als wĂŒrde sie einen Vorhang durchqueren, als die BlĂ€tter sanft ĂŒber ihr Gesicht strichen, wĂ€hrend sie auf den Stamm zuschritt.
Emilia liess die Stiefel neben sich zu Boden gleiten. Dann legte sie beide HĂ€nde an die rissige Borke und blickte nach oben in das grĂŒne BlĂ€tterdach hinein, wo sanft der blaue Himmel hindurchschimmerte. Die Rinde fĂŒhlte sich rau an, doch auch voller Leben.
Konnte es etwas Schöneres geben? Warum bloss hatte ihr Herr Papa ihr diese Welt vorenthalten?
Suchend strebte ihr Blick zu Dimicus, der etwas entfernt stand.
Beobachtete er sie oder die Umgebung?

Schliesslich winkte sie ihn zu sich heran, griff nach seiner Hand und legte sie ebenfalls an den Baum. So verharrten sie einen Moment. Mit einem Fingerzeig deutete sie mit funkelnden Augen auf eine Ameisenstrasse, die sich zielstrebig in die Höhe schlÀngelte.
Einen Augenblick lang wĂŒnschte sich die junge Frau plötzlich, auch die Stimme der Natur hören zu können. Bestimmt hatte sie ihren ganz eigenen wunderbar gefĂ€rbten Klang. Dann jedoch sog sie tief den Geruch ein und das GlĂŒcksgefĂŒhl verdrĂ€ngte ihre Sehnsucht. Sie konnte die feuchte Erde riechen, es musste vor nicht allzu langer Zeit geregnet haben. Vom anderen Ufer her roch sie das Harz der Tannen und das Laub der BĂ€ume.
Wieder war sie es, die Dimicus an der Hand fasste, und mit ihm zum Flussufer hinĂŒberging. Sie fĂŒhlte sich beschwingt und ihre Schritte federten sanft auf dem weichen Untergrund. Es war so anders ĂŒber eine Wiese zu gehen, als ĂŒber einen pflastersteinbesetzten Platz.
An einer Stelle, wo das Gras direkt zum Wasser abfiel, setzte sie sich hin, stellte die Stiefel ordentlich neben sich und bewegte ihre Zehen vorsichtig auf das kĂŒhle Nass zu.
Kurz zuckte sie zurĂŒck, denn es war Schmelzwasser von den nahen Bergen, doch dann siegte der Drang, und sie tunkte ihre nackten FĂŒsse ins kalte Wasser.
Einen Moment beobachtete sie, wie das Wasser fröhlich ĂŒber die Steine hĂŒpfte, an manchen Stellen herumgewirbelt oder hoch gespritzt wurde. Der Fluss war jedoch nicht allzu tief und auch nicht gefĂ€hrlich.
Hier möchte ich fĂŒr immer bleiben, schrieb sie ins Notizbuch und liess sich rĂŒckwĂ€rts ins Gras fallen.
Einige kleine Wölkchen schoben sich ĂŒber ihr Gesichtsfeld, doch sie trĂŒbten nicht die Schönheit des Himmels, nein, sie verstĂ€rkten sie eher noch.
Emilia lÀchelte. Dimicus steckte sie ja bereits mit seinen malerischen Gedanken an.
Dann schloss sie die Augen und döste tatsĂ€chlich fĂŒr einige Zeit ein.

Als sie wiedererwachte, blinzelte sie zuerst etwas verwirrt, bis sie sich erinnerte, wo sie sich befand.
Die junge Frau setzte sich behĂ€big auf und beobachtete Dimicus, der neben ihr lag und die Wolken beobachtete. Eine hatte die Form einer Kuh und Emilia formte unwillkĂŒrlich ein „Muuh“ mit ihren Lippen. Als Kind hatte sie ein Buch besessen mit Tierbildern drin, das ihr Vater extra fĂŒr sie hatte anfertigen lassen. Sie meinte sich noch an den Klang seiner Stimme zu erinnern, als er ihr das GerĂ€usch des Viehs vorgemacht hatte.
Dimicus hatte ihr den Blick zugewandt und sie war sich plötzlich nicht mehr sicher, ob sie vielleicht selbst einen Ton von sich gegeben hatte. Zu ihrer eigenen Überraschung schenkte sie ihm ein LĂ€cheln, dann griff sie nach dem Notizbuch und dem Stift.
Als Kind konnte ich hören. Erst mit der Zeit ist es weniger geworden und dann ganz verschwunden. Ich glaube, es hat mit meinen Verwandlungen zu tun. Manchmal erinnere ich mich an Stimmen oder GerÀusche.
Sie hatte noch mit niemandem darĂŒber gesprochen, denn fĂŒr ihren Vater war es eine Tragödie oder gar ein Ärgernis, dass sie das Gehör und die Sprache verlor und dafĂŒr zu einer Gestaltwandlerin wurde. Sie hatte instinktiv vermieden, ihm dieses Thema bewusst zu machen.
Manchmal wĂŒnschte ich mir, es wĂ€re anders. Ich wĂ€re ein gewöhnlicher Mensch.
Warum erzÀhlte sie ihm das?
Vielleicht waren es der Zauber des Ortes und des Moments, welche sie sich öffnen liessen, vielleicht war es aber auch die Andersartigkeit dieses Menschen, der neben ihr sass.
Er unterschied sich so sehr von den MĂ€nnern und Frauen, die sie bis jetzt kennengelernt hatte, dass sie sich mit ihm auf eine besondere Art und Weise verbunden fĂŒhlte.
NatĂŒrlich hasste sie ihn dafĂŒr, dass er tötete und sie verstand nicht und wollte auch nicht verstehen, wie er darin eine Kunst sehen konnte. Doch ihre Verbundenheit war anderer Natur. Sie wurden beide von dieser Welt abgeschottet und womöglich gar verachtet, durch ihr Wesen.
Warum bist du in die Stadt gezogen, wo du doch die Möglichkeit hattest in dieser so viel wundervolleren Welt zu leben?
TatsĂ€chlich wĂ€re sie am liebsten in eines der BauernhĂ€user gezogen, die sie in einiger Entfernung der Stadt verstreut entdeckt hatte, so als wĂ€re ein Riese ĂŒbers Land gelaufen und hĂ€tte sie dabei aus einem Beutel ausgeschĂŒttelt.
Sie konnte nicht begreifen, warum es Dimicus nach Drakenstein gezogen hatte.
Er hatte Recht gehabt, hier Draussen fĂŒhlte sie sich frei. Sie konnte sich bewegen und frei atmen, wie schon lange nicht mehr.
Weshalb hatte er das freiwillig gegen Mauern eingetauscht?
Und du lebst in diesem „Bordell“. Warum hast du kein eigenes Haus?

WĂ€hrend sie ihm Gelegenheit zum Antworten gab, schweifte ihr Blick ĂŒber das gegenĂŒberliegende Ufer. Es war ein Mischwald, Tannen und LaubbĂ€ume wechselten sich miteinander ab und das Ufer war gesĂ€umt von StrĂ€uchern. Wie friedlich es hier war. Plötzlich bemerkte sie eine Bewegung und ihre Augen erfassten einen Schatten zwischen dem Dickicht.
Sie stubste Dimicus an und zeigte in die Richtung des Tieres.
Es war ein Reh, feingliedrig und grazil stand es da, scheu beobachtete es seine Umgebung, bevor es an einem GebĂŒsch knabberte. Die beiden Menschen bemerkte es nicht, so still wie sie sich verhielten. Nach einigen Minuten verschwand es wieder und Emilia bemerkte, dass sie beinahe schon die Luft angehalten hatte, um bloss kein GerĂ€usch zu verursachen.
Dann sprang sie unmittelbar auf. SehnsĂŒchtig schaute sie ans gegenĂŒberliegende Ufer hinĂŒber. Sie musste diesen fĂŒr sie so geheimnisvollen Wald erkunden.
Einen Moment hielt sie Ausschau nach einer BrĂŒcke, doch dann entdeckte sie etwas anderes.
Komm, formten ihre Lippen lautlos und sie winkte Dimicus zu, bevor sie etwas weiter flussaufwÀrts lief, die Stiefel wieder in den HÀnden.
Dann erreichte sie die Stelle. Auch ihr Begleiter konnte wohl sofort erahnen, was sie vorhatte, als er die Steine erspÀhte, die hier etwas grösser waren und stellenweise ganz aus dem Wasser hervorragten, so dass man gut einen Fuss daraufstellen konnte.
Emilia hatte der Ehrgeiz gepackt. Bevor Dimicus sie davon abhalten konnte, sprang sie bereits mit dem rechten Fuss zuerst. Auf einem Bein wankte sie kurz, und setzte dann den nĂ€chsten Schritt. Ihre FĂŒsse wurden rasch nass, da nicht alle Steine genug hervorragten. So gelangte sie bis etwa in die Mitte des kleinen Flusses. Umzudrehen und nach dem jungen Mann Ausschau zu halten, wagte sie sich nicht. Je einen Stiefel in der Hand hĂŒpfte sie weiter – und mit einem lauten Platschen landete die Gestaltwandlerin im Wasser!
Sie hatte einen glitschigen Stein erwischt und war abgerutscht. Prustend und lachend tauchte sie aus den kalten Fluten hervor, völlig durchnÀsst. Der Schlapphut hatte sich von ihrem Kopf gelöst und trieb wie ein Schiffchen auf den Wellen davon, wobei Emilia ihm versuchte hinterherzueilen, mit mÀssigem Erfolg.
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