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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: So 26. Feb 2017, 17:29 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Durch sein doch relativ frühes Zubettgehen wachte Dimicus, eigentlich unüblich für ihn, eher auf als gewohnt. Natürlich konnte er nicht exakt sagen, wie spät es war, so war es im Untergrund doch schwieriger die genaue Uhrzeit auszumachen. Doch seine innere Uhr verriet ihm, dass es nicht später als Sonnenaufgang war. Das erste was ihm aber wiederum auffiel, war das doch sehr auffällige Fehlen Emilias. Mit noch müden Augen setzte er sich auf und blickte sich um, nur ihre Kleidung war zu sehen, genau so wie die Tür einen Spalt geöffnet war. Vermutlich streunte sie in diesem Moment als Katze durch die unterirdischen Gänge. Umtriebig, wie sie war, aber sie war noch so jung, genau wie er. Wirklich verwunderlich war es also nicht.

Schließlich erhob er sich auch gänzlich und streckte sich vorsichtig, wobei er schon bemerkte, dass die Schmerzen seiner Wunde allmählich nachließen. Dennoch verspürte er eine gewisse Schwäche und aber auch Vorsicht, mit der er den Arm bewegte. Eine natürliche Barriere, damit er sich nicht zu überanstrengen vermochte. Langsam krabbelte er über das Bett auf die Bettkante zu, um sich schließlich auf diese zu setzen. Mit einem schnellen Griff zu seiner Tasche, zog er nun auch noch einige neue Verbände hervor, inklusive der Salbe und ein sauberes Tuch. Genau in diesem Augenblick fiel ihm auch ein angenehmer Duft im Raume auf, besonders auf der Seite Emilias, auf der er nun saß. Natürlich hatte die junge Frau schon ein paar Tage nicht mehr gebadet, doch ihr eigener Duft lag noch immer im Raume. Unbewusst schnupperte er kurz und etwas in ihm sagte, dass es ihm gefiel. Doch nur am Rande und ohne seine wirkliche Kenntnisnahme.

Nachdem er alle Materialien bereit gelegt hatte, so entkleidete er seinen Oberkörper und nahm sich einmal mehr den Verband ab. Vorsichtig entfernte er die Reste der alten Salbe von der Wunde, nur um sie ein weiteres Mal zu betrachten. Zu seiner Überraschung, begann sie schon gut abzuheilen und die sonstige Schwellung der Wundränder waren mittlerweile zurückgegangen. Die Salbe vollbrachte also ohne Probleme ihre Arbeit und half wirklich gut, um zu seinem Wohl beizutragen. Zufriedenen nickte er darauf, nahm sich zwei Fingerkuppen von der Salbe und verteilte sie gründlich auf der Wunde. Dabei kam er aber nicht umhin, einen Schatten vor dem Türspalt zu bemerken. Zu klein für einen Menschen und es war eindeutig, wer es war, was ihm auch schon im nächsten Moment bestätigt wurde.

Emilia schaute ihn mit ihren grünen und zugleich interessanten Augen an, was ihm ein sanftes Lächeln abverlangte. Anfangs beachtete er sie aber schließlich nicht weiter, so kümmerte er sich weiter um seine Wunde, ehe die junge Katze neben ihm auf das Bett sprang, ihn anfauchte. Zugegeben, der Künstler kam nicht umher die Augen zu verdrehen, natürlich außerhalb des Sichtfeldes der jungen Frau. Sehr schnell wurde auch das Bett auf dem er saß deutlich beschwert, als sich die Matratze deutlicher nach unten zog. Ganz einfach kümmerte er sich nur um die Versorgung seiner Wunde, als er nach dem Verband griff und ihn sich einmal mehr um den Oberarm zu legen versuchte. Seiner sonstigen Eleganz und Geschicklichkeit aber zum Trotz, entglitt ihm dabei die Rolle und fiel zu Boden. Er seufzte. Der Morgen ist wirklich nicht mein Freund.

Gerade als seine Hand aber nach dem Knäuel greifen wollte, kam ihm eine schnelle und zierliche Hand zuvor. Mit doch etwas verwunderten Blick sah er nur noch, wie Emilia plötzlich mit neben ihm stand, den Verband in der Hand und ihn auffordern anblickend. Sein Blick war beinahe bubenhaft, vollkommen überrascht. Sehr selbstsicher sogar wies sie ihn an, in dem sie seinen Arm führte und in die Position zurechtrückte, wie sie ihn brauchte. Ein weiterer Fakt, der den jungen Mann einerseits etwas verunsicherte, aber aus ihm nicht ganz verständlichen Gründen auch gefiel. Es hatte eine seltsame Anziehung auf ihn, dass sie sich scheinbar um ihn kümmerte und sorgte. Sein Kopf legte sich schief, als er ihr Werk betrachtete, wie sie souverän ihm beim Versorgen seiner Wunde half. Ziemlich beeindruckt schaute er sie an, offenbar konnte sie schnell lernen und verstand schnell. Wie er es sich beinahe gedacht hatte. Sie mag zwar naiv sein, aber dennoch besaß sie eine sehr gute Intelligenz und Auffassungsgabe.

So schnell und bestimmt wie dieser Moment gekommen war, so war er auch schon wieder verschwunden. Schon stand sie wieder im Raume und blickte auf die Geschenke und das Notizbuch. Zuerst fragend, doch nach seiner zunickenden Geste stürzte sie sich beinahe darauf und war vollkommen vertieft in seine Worte, während sie ganz nebenbei an den Kakaobohnen naschte. Besser sagte er ihr nicht, dass er Kakaobohnen lieber verarbeitet und in einer richtigen Tafel Schokolade verarbeitet zu sich nahm. Vermutlich würde sich das Zimmer bis unter das Dach mit den Tafeln stapeln, wenn er ihr das verraten würde. Vollkommen unschuldig kleidete er sich nebenbei an, schlüpfte in sein Hemd und in die Stiefel.

Jedoch wurde er direkt danach von einem wahren Ausdruck von Freude empfangen, als er ihr wieder seinen Blick zuwandte. Sie hatte das Lederband entdeckt und auch wenn es ihn überraschte, dass es sie so sehr erfreute, so stahl sich nur ein warmes und zufriedenes Lächeln auf seine Lippen. Doch die Überraschung war anfangs groß, als sie plötzlich an ihn herantrat, ihm ihren von den Haaren freigelegten Nacken anbot, genau so wie das Band den Weg in seine Hände gefunden hatte. Ungläubig blinzelte er, wusste gar nicht was er tun sollte und irgendwie war es auch ihm absolut ungewohnt. All seine Sinne nahmen sie in diesem Moment wahr. Seine Augen ihren Körper, seine Ohren ihren ruhigen und dennoch hörbaren Atem, die Nase ihren außergewöhnlichen, anhaftenden Duft, so nah wie sie ihm nun war. Er schüttelte nur mit dem Kopf, als er sanft das Band nahm, mit seinen Fingern vorsichtig das Band um ihren Hals legend. Letzten Endes verschloss er es ihm ihren Hals und strich dabei unbewusst über ihren Nacken.

Diese Sinne, dieses Interesse an ihr … wie sie sich ihm gegenüber gab. Die Zuneigung und das Vertrauen. Es ließ ihm Röte in das Gesicht steigen, zwar nur leicht, aber dennoch sichtbar. Sein Lächeln war schüchtern, die Augen suchten aktiv die ihren, als sie ihn vollkommen freudig anblickte. Erschrocken war er aber plötzlich schon, als sie sich an ihn schmiegte und ihn aus heiterem Himmel umarmte! Sie Augen wurden groß und der Atem beschleunigte sich. Die Röte war nun mehr als deutlich zu sehen, doch schaltete er schnell und erwiderte ihre Umarmung. Sie hatte sicherlich spüren könne, dass er sich darunter entspannte und die Berührung zu seiner Überraschung genoss. Es weckte etwas in ihm, etwas was er zuvor nicht kannte und doch war es nicht lang genug, um wirklich genau zu sagen was es war. Schon darauf war sie auch zur Tür heraus und verschwunden, dass letzte Mal in den kommenden Tage, dass er sie wirklich so lang zu Gesicht bekommen und mit ihr etwas machen konnte...

Sein neuster Auftrag kostete ihm fast die kompletten folgenden sieben Tage. Vollkommen unverständlich war es anfangs, wieso er einen einfach Bettler zu seinem endgültigen Schicksal fühlen und auch noch seinem edlen Portfolio hinzufügen sollte. Natürlich wusste er, dass er in Fällen wie diesem nicht die Absichten seines Auftragsgebers zu hinterfragen hatte, allerdings sah es Shazeem nicht ähnlich, jemanden tot sehen zu wollen, es aber nicht selbst zu tun. Zumal er ein Dieb und kein Mörder war. Oder? Letztendlich kam er nicht umhin den Auftrag auszuführen, um mehr Informationen aus dem Tamjid zu bekommen. Von welcher Organisation er sprach, warum ausgerechnet ein Bettler dieser ein Dorn im Auge war und wieso er so bedeckt gesprochen hatte.

Der erste Tag bestand daraus, überhaupt erst einmal den Bettler in der Stadt ausfindig zu machen und ihn einmal genauer zu beobachten. Dies war für den jungen Künstler natürlich eine Leichtigkeit, so war der Bettler in der vermuteten Gegend schnell auszumachen, auch wenn es etwas ungewöhnlich war, wo er sich befand. Letztendlich war es nicht ganz üblich, dass ein Bettler durch die Straßen des gehobenen Viertels lief, ohne von der Wache verwiesen worden zu sein. Oder Schlimmeres, was Dimicus Werk hätte vereitelt hätte. Diese Duldung des Mannes in dem Distrikt war schon eine Ungereimtheit, auch wenn sie nicht ganz auffällig war. Doch verdächtiger wurde es, als dieser des Abends in Richtung der Burg wanderte, dabei sich sehr misstrauisch umschaute, weswegen sich Dimicus hatte zurückfallen und verstecken müssen. Als er ihm wieder nachgehen wollte, war er verschwunden. Sehr seltsam.

Am zweiten Tage bestätigte der junge Mann seine Theorie, wonach sein Ziel offenbar in dem Viertel der Reichen heimisch war und umherlief. Allerdings nahm er nicht einfach einen beliebigen Weg, sondern schien eine feste Route zu besitzen, die er ablief. Zumindest glich sich der Weg exakt mit dem, den er zuvor gewählt hatte. Eine weitere Anomalie in der Geschichte des Bettlers und dessen Verhalten. Aufmerksam notierte sich Dimicus die Gedanken und Theorien, genau so wie das Verhaltensmuster des Bettlers in dem Buch. Nach Erkundigungen bei der Diebesgilde und der allgemeinen Unterwelt konnte ihm niemand etwas dazu sagen, geschweige denn kannte jemand den Obdachlosen, der dort umherirrte. Oder patrouillierte?

Sein Buch versteckte er gut vor Emilia und er war sich absolut sicher, dass sie keinerlei Möglichkeit hatte, es einzusehen oder es bemerkte. Wo er an sie dachte, was jeden Tag immer öfters geschah, so fiel ihm auch bei ihr eine Änderung des Verhaltens auf. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt war, zu arbeiten oder sich ihrer Pflege widmete, war sie spurlos verschwunden. Des Nachts blieb sie meist ihren Zimmer fern und war sonderbarerer Weise vollkommen woanders. Hin und wieder sahen sie sich nur, die Begegnungen blieben aber flüchtig und ließen kaum eine Zeit, um etwas zusammen zu unternehmen oder sich gar auszutauschen. So ungern er es auch sich eingestand, aber er vermisste sie und ihre Art in seiner Nähe. Umso länger sie in diesem Sein waren und er keinerlei Ahnung hatte, was sie wirklich trieb, desto öfters erwischte er sich an sie denkend. Eine … Sehnsucht nach ihr, ließ ihn sie vermissen. Dennoch aber entschied er sich dagegen, ihr nachzuspionieren oder nachzuforschen, was sie trieb. Sie brauchte ihren Freiraum und die eigene Gestaltung ihrer Zeit.

Drei weitere Tage vergingen in diesem Muster, wobei aber Dimicus seine Herangehensweise änderte. Er war sich mittlerweile sicher, dass er dem Bettler nicht auf herkömmliche Art und Weise folgen konnte, ohne dass dieser ihn auf Dauer bemerken und sehen würde. Vor allem stets am Ende des Rundganges des Mannes, wurde dieser besonders achtsam und dem Künstler blieb nie etwas anderes übrig, als sich einfach wieder von ihm zu entfernen. Er hatte etwas an sich, was sehr suspekt und gar geheimnisvoll schien. Zuerst musste er dahinter kommen, bevor er sich ihm nähern konnte. Zum Glück war sein Arm dank der guten Pflege mittlerweile wieder gut benutzbar, was ihm den Zugang zu den Dächern ermöglichte und somit eine vollkommen andere Perspektive auf sein Ziel offenbarte. Es war nun ein leichtes, herauszufinden was es mit ihm und seinem abendlichen Verschwinden zu tun hatte. Umso überraschender war das, was er herausfand.

Nachdem er nun auch die nächsten beiden Tage damit verbrachte, seinen Verdacht zu bestätigen, war er sich absolut sicher, unter welchen Fall dieses Ziel einzuordnen war. Der Bettler war nicht weniger als ein Spitzel der höchsten Garde Drakensteins! Diese gut ausgebildete Garde war darauf aus, das Innere der Burg, die Adligen und vor allem auch die Großherzöge zu beschützen. Der vermeintliche Bettler sammelte also Informationen, die er jeden Abend unter größer Vorsicht seinem Vorgesetzten berichtete. Vorkommnisse, verdächtige Personen und auch sein Verdacht, verfolgt zu werden. Er hatte Dimicus also bemerkt, aber nicht auf den Dächern, was ein großer Vorteil war. Doch im Umkehrschluss – welche Organisation hatte Dimicus angeheuert, um an diesem Spitzel ein Exempel zu statuieren? So viel wie er mutmaßen konnte, ging es sicherlich um eine politische Angelegenheit. Etwas, woraus sich der junge Mann bisher herausgehalten hatte, doch er wusste, dass etwas Großes auf Drakenstein zukam und er sich mit seiner Kunst daran beteiligen würde.

Zwar missfiel es dem Künstler, dass seine einzigartigen Kunstwerke mit politischem Interesse verbunden wird, doch so gelangte sie auch größere Berühmtheit. Noch während er auf dem Dach saß und seine beiden Dolche zog, die Sonne bereits niedrig stand und der Spitzel in eine kaum bis gar nicht einsehbare Gasse einbog, schmiegte sich ein wahnsinniges Lächelns auf seine Lippen. Seine Kunst würde noch weiter über Drakenstein hinaus bekannt werden! Politik hin oder her, es würde ein Genuss werden, seine Botschaften hinaus in die Welt zusenden. Ohne länger groß darüber nachzudenken ließ er sich vom Dach aus auf den nichtsahnenden Spitzel fallen und begann sein Werk, welches wohl der erste Schritt zu etwas Größerem werden würde.

Später nachts in dem unterirdischen Gasthaus...

Müde und dennoch zufrieden betrat Dimicus die weitreichenden Hallen der Unterkunft für Diebe. Es war mittlerweile ruhig geworden und die meisten wohl auf ihren Streifzügen. Auch Shazeem war nicht zu sehen, nur einzelne Gestalten waren noch da und tranken meist allein ihre Bestellung auf. Auch seine Freundin Emilia war nicht irgendwo zu sehen und sie schien mal wieder zu streunen. Das gab ihm die Möglichkeit, sich von seinem Auftrag zu erholen und den Geruch des Blutes sowie seine Sachen zu säubern. Auch auf den Fluren und auf ihrem gemeinsamen Zimmer war sie nicht vorzufinden. War sie etwa draußen? Oder gar in einem anderen Zimmer? Sie hatte während der gesamten Zeit kein Wort in das Notizbuch geschrieben. Zumindest nichts neues. Es stimmte Dimicus etwas nachdenklich. Vielleicht bekam er bald wieder Gelegenheit, mit ihr in Ruhe zu reden. Insgeheim sehnte und erhoffte er es sich sogar, er vermisste sie sehr.

Also letztendlich im Bad angekommen, säuberte er fein und gründlich seinen Körper, seine Rüstung sowie Kleidung. Wirklich baden konnte er in diesem unterirdischen Gasthaus nicht, die Mittel waren nicht so einfach gegeben und ihm blieb mehr als eine gründliche Katzenwäsche mit Seife nicht viel übrig, auch wenn er es sich gewünscht hatte. Jedoch erstrahlte seine Rüstung, sein Körper und seine Kleidung wieder in der ursprünglichen Farbe und Reinlichkeit, so wie es für seinen Standes angemessen war. Auf einen Duft verzichtete er jedoch und kümmerte sich eher darum, einfach nur vollkommen sauber zu sein. Mit einem großem Gähnen kleidete er sich schließlich grundlegend wieder ein, schnappte sich den Rest seiner Ausrüstung und kehrte ins Zimmer zurück, welches noch immer leer war. Bewusst ließ er die Tür einen minimalen Spalt offen, damit Emilia im gegebenen Fall hinein konnte. Kaum hatte er also alles verstaut, fiel er müde ins Bett und fand fast augenblicklich in den Schlaf...

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Di 7. Mär 2017, 22:47 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Für Emilia verging die Woche wie im Fluge.
Nachdem sie sich an den ersten zwei Tagen einigermassen gut geschlagen hatte, stellte Tobaios sie nun regelmässig in der Gaststube ein. Er liess sie täglich einige Stunden arbeiten, und die junge Frau fühlte sich dadurch gebraucht und konnte stolz auf sich sein. Zudem erhielt sie gar einen kleinen Lohn.
Dimicus sah sie hingegen wenig. Entweder war er unterwegs, oder sie selbst war beschäftigt.

Stattdessen lernte sie die Männer, welche öfters ihre Mahlzeiten in der Taverne einnahmen immer besser kennen, und wo sie anfangs noch verspannt wirkte, wurde sie mit der Zeit lockerer. Sie zuckte nicht mehr jedes Mal zusammen, wenn jemand sie versehentlich anstiess und es war ihr nicht mehr peinlich, dass sie die Menschen nicht hören konnte.
Sie hatte einfach immer einen Zettel und einen angenagten Stift bei sich, oder bestritt Gespräche mit Händen und Füssen.

Und dann waren da ja auch noch Mirco und Baldwin, welche ihr mit Rat und Tat zur Seite standen. Emilia verstand sich mit den beiden Kerlen so gut, dass sie nach getaner Arbeit mit ihnen an einem Tisch hockte und ihren Blödeleien beiwohnte. Oftmals gesellte sich später auch noch Enrico dazu, welcher es sich nicht nehmen liess, ihr jedes Mal ein Küsschen auf die Wange zu geben.
Baldwin grinste dann immer, während Mirco einen zerknirschten Eindruck machte.

Tatsächlich war Enrico aber einfach der Weiberheld der Bude, und blickte jedem rundlichen Hintern wohlwollend hinterher.
Jedoch intensivierte Emilia nicht nur ihre Freundschaft zu den Zweibeinern, sondern auch der schwarze Kater Gregorius schien einen Narren an der jungen Frau gefasst zu haben. Er musste schnell begriffen haben, dass die hübsche Katzenlady und das Fräulein ein und dieselbe Gestalt waren, denn sobald er sie entdeckte, liess er sie nicht mehr aus den Augen.
Und so war es auch der schwarze Streuner, mit dem des Nachts oft durch das Gemäuer wuselte. Er kannte jeden Geheimgang, jede Nische und jedes Mauseloch. Bald wusste die junge Frau über die ganzen Abkürzungen Bescheid. Sie genoss es mit ihm Ratten zu jagen, beim Koch Leckerbissen zu ergaunern oder Verstecken und Fangen zu spielen.
So kehrte sie oft bis frühmorgens nicht in das Zimmer zurück, und manchmal schlief sie auch eingekuschelt neben Gregorius in einer seiner etlichen Nischen ein.

Der Morgen, als sie neben Dimicus erwacht war, hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Da sie es als Unrecht empfand hinsichtlich ihrer andauernden Verlobung, richtete sie eine der Schubladen der Kommode so ein, dass sie in Katzengestalt bequem darin auf einem Kissen schlafen konnte.
Anfangs hatte der junge Mann es immer wieder geschafft, wenn er müde nach Hause kehrte, sein Knie an der herausgezogenen Kante anzuhauen. Inzwischen war er jedoch darauf vorbereitet und gelangte in sein Bett ohne weitere Unfälle.
Bevor Emilia sich verwandelte, legte sie sein ledernes Halsband immer beiseite, um es nicht zu verlieren. Dabei betrachtete sie manchmal nachdenklich das kleine Amulett mit der Katze drauf und fragte sich dann, wo ihr Mitbewohner wohl gerade steckte. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, dass er etwas ausbrütete, konnte jedoch nicht mit Bestimmtheit sagen, worum es sich handelte. Ausserdem war er gut darin unsichtbar zu werden und einfach zu verschwinden. Leider hatte Emilia auch kaum die Zeit und die Kraft, ihn zu suchen, denn die Arbeit ermüdete sie doch mehr als sie gedacht hätte.
Trotzdem beäugte sie ihn immer unauffällig und schnupperte unwillkürlich in der Luft, wenn er in ihrer Nähe war…

Zugleich mischte sich etwas wie Routine in ihre Begegnungen. Sie grüssten sich mit einem Lächeln und einem Nicken, und dann wandte sich jeder wieder seinem Kram zu. Irgendwie hatte es jedoch auch etwas Beruhigendes an sich, diese scheinbare Alltäglichkeit.
Manchmal erschrak Emilia jedoch auch über sich selbst. Noch vor kurzem hatte sie in einer Villa gelebt mit ihrer eigenen Zofe, und nun arbeitete sie im Untergrund, umgeben von lauter Kriminellen. Das behütete Leben war vorbei, die Sicherheit trügerisch…

Dies wurde ihr erst wieder so richtig bewusst, nachdem eine anstrengende Schicht zu Ende ging. Sie hatte sich erschöpft, doch mit einem Lächeln, von Tobaios verabschiedet, nachdem sie ihm dabei geholfen hatte, die sauberen Gläser zu verräumen.
Inzwischen hatte sie auch das Geheimnis von Mirco herausgefunden, er war ein Wassermagier. Seine Zauberfertigkeit bestand darin, das Wasser entweder von den Gläsern abperlen zu lassen, oder er liess die Tröpfchen einfach verdampfen.
Emilia bewunderte ihn für seine Fähigkeit, doch der junge Mann winkte bloss ab. Er konnte nicht viel mehr damit bewerkstelligen, da er niemals eine richtige Ausbildung genossen hatte.

Die Füsse schmerzten sie, als die Gestaltwandlerin müde durch die Gänge schritt. Heute war viel los gewesen. Eine ganze Bande hatte für einige Nächte hier Quartier bezogen und sie hatten fleissig getrunken. Nachdem sie selbst feststellen musste, dass der Alkohol ihr nicht sonderlich gut bekam, hatte sie sich damit zurückgehalten. Stattdessen konnte sie nur den Kopf schütteln über das Gehabe der Kerle, das sie wenigstens nicht auch noch anhören musste.
Sie erinnerte sich amüsiert daran, dass auch Dimicus bereits einmal nach Bier gerochen hatte.
Ob er sich auch so gehen liess, wie diese Männer in der Gaststube?
Irgendwie konnte sie sich ihn nicht auf diese Weise vorstellen, es passte nicht zu seinem ansonsten meist anstandslosen Auftreten.

Im nächsten Moment bog sie um eine Ecke und prallte hart gegen einen Körper.
Der Atem wurde ihr aus der Lunge gepresst und sie japste erschrocken auf. Ihr Gegenüber starrte sie grinsend an und schien überhaupt nicht überrascht zu sein. Vermutlich hatte er ihre Schritte bereits von Weitem vernommen. Oder er war zu besoffen, um überhaupt noch einen Schrecken zu verspüren, korrigierte sich Emilia, als ihr seine Alkoholfahne entgegenwehte.
Schnell trat sie einen Schritt zurück und wollte an ihm vorbeigehen, doch da packte seine Hand sie grob am Arm.

Emilia erstarrte in der Bewegung zur Salzsäule. Mit einem Ruck zog der Kerl sie zu sich heran und die junge Frau fand sich in seiner Umarmung wieder. Jetzt begannen ihre Instinkte zu reagieren und sie stemmte abwehrend ihre Hände gegen seine Brust. Doch trotz seines Alkoholpegels hatte der Kerl einen eisernen Griff. Während er sie um die Taille herum an sich gezogen hatte, fuhr seine zweite Hand durch ihr weiches Haar. Emilia hämmerte mit ihren Fäusten gegen seinen Körper und versuchte ihm voller Kraft auf die Zehen zu treten. Anstatt dabei Schmerzen zu empfinden, lachte er sie jedoch bloss an und versuchte der widerspenstigen Frau seine Lippen an den Hals zu pressen.

Augenblicklich erinnerte sich das Mädchen daran zurück, wie sie in einer dunklen Gasse ebenfalls von solchen Kerlen angegriffen worden war. Damals hatte ihr Dimicus geholfen, doch dieses Mal war er nicht hier.
Als sie die feuchte Zunge an ihrer Kehle spürte, reagierte sie. Mit der ganzen Kraft, die sie aufzubringen vermochte, rammte sie ihr Knie zwischen die Schenkel des Hünen.
Im selben Moment biss sich der Angreifer vor Schreck selbst auf die Zunge und stiess die junge Frau von sich.

Einen Augenblick starrte sie ihn ängstlich an, dann setzten ihre Reflexe ein und sie rannte los. Der übertölpelte Mann fluchte und jammerte gleichermassen, doch seine Beute war ihm in den Gängen entkommen.
Glücklicherweise war das Gemach nicht weit entfernt, und als Emilia schliesslich das Zimmer betrat, rannen ihr Tränen über die Wangen. Eindeutig war dies nicht das Leben, welches sie gewohnt war. Überall lauerten Gefahren und mochte sie sich noch so sicher fühlen.

Mit einem Schluchzen setzte sie sich an das Fussende des Bettes und zog die Knie schützend an ihren Körper heran. Die Haare fielen ihr ins Gesicht und blieben an ihren nassen Wangen kleben. Sie war froh um die Dunkelheit, welche in dem Raum vorherrschte, so dass Dimicus sie kaum sehen konnte, selbst wenn er von ihrem Erscheinen erwacht sein sollte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Di 7. Mär 2017, 22:48 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Pinselstrich für Pinselstrich ergab sich nach und nach das Bild des Künstlers, welches er so lang nicht einmal mehr gemalt hatte. Der starre Körper unter ihm regte sich schon seit einer Stunde nicht mehr, doch der Spitzel der Garde war dennoch ein willkommenes Geschenk an ihn. Kaum hatte er Widerstand geleistet, so war die Überraschung des Todes von oben wohl jene, mit der am wenigsten gerechnet hatte. Mit einem selbstgefälligem Grinsen betrachtete Dimicus das Werk, welches er ein weiteres Mal der Öffentlichkeit präsentierte.

Die Menge um ihn herum, welche gebannt darauf schaute und sein Werk begutachtete war still, gespannt und lechzte nach dem Ergebnis seiner Arbeit. Hunderte Augenpaare blickten dem Künstler über die geübte Schulter und mit größtem Hochgefühl verarbeitete er das Ende des Spitzel in ein wundervolles Kunstwerk, das ein weiteres Mal die Stadt Drakenstein inspirieren würde. Diese Stille war perfekt, die Ruhe und Konzentration die in der Luft schwebte. Doch jäh wurde er aus seinem Tun herausgerissen und abrupt endete der Traum, als er an seinen Füßen eine Bewegung verspürte.

Müde und verwirrt blickte er in die Dunkelheit der Kammer, herausgerissen aus diesem wunderschönen Traum. Wer hatte es gewagt, ihn so aus diesem wundervollen Gefühl zu reißen? Zuerst wollte er aufbegehren und der dort am Bett sitzenden Positionen etwas an den Kopf werfen, sein Plan wurde jedoch sehr schnell verworfen, als ein zierliches Wimmern durch den Raum hallte. War das … „Emilia?“ Es kam keine Antwort. Natürlich nicht. Sie war ja auch taub. Seine Müdigkeit nahm ihn so einige Fertigkeit zu denken.

Allerdings fuhr seine Konzentration schon bald hoch, als er das leise Wimmern als ein Weinen identifizierte. Am Ende des Bettes saß die junge Frau, er spürte es, auch wenn er sie nicht wirklich sehen konnte. Augenblicklich also erhob er sich vorsichtig, schälte sich aus der Decke und tastet sich zu der Kommode vor, auf der eine Kerze und Zunder stand. Mit etwas ungeschickten Handgriffen entzündete er die Flamme, welche durch ihr tänzelndes Licht den Raum zumindest in ein schummriges Licht tauchte. Da drehte er sich auch um und schaute zu der jungen Frau, die ihren Kopf schützend und versteckt hinter ihren Knien hielt.

Sie war vollkommen aufgelöst und wirkte überfordert. Was war denn passiert? Vollkommen ungläubig näherte er sich der jungen Frau vorsichtig, ging vor dem Bett und vor ihr in die Hocke. Ihre Kleider wirkten durchwühlt, etwas Blut war an ihrem Hals zu sehen. Doch sie war nicht verletzt. Es war das Blut eines anderen.

Plötzlich überkam ihm ein ungeheures Gefühl der Trauer, als er sie so erblickte. Er verspürte … Mitgefühl. Er wusste nicht einmal, was geschehen war! Doch sie weinte und es löste in ihm etwas aus, was ihn beinahe Zwang sich ihr zu nähern. Sie zu begutachten und sich um sie zu kümmern. Dieses seltsame Gefühl, diese Benommenheit der Situation sie dort so sitzen zu sehen. Es war nur schwer zu ertragen, doch was sollte er tun.

„Emilia?“, fragte er sanft, während er vor ihr hockte. Sein Verstand schien nicht mehr richtig zu funktionieren, doch etwas anderes schaltete sich ein, was er sonst nur als Instinkt kennt, wenn Gefahr droht. Sein Bauchgefühl sagte ihm, was zu tun war. Er konnte es nicht genau lesen oder deuten, aber sein Körper begann einfach zu handeln. Genau so wie es die Taten im folgenden beschrieben. Intensiv nahm er war, als er vorsichtig nach ihren Händen griff.

Sie war eiskalt. Sanft umschlossen seine Hände die ihren, ohne sie gewaltsam auseinander zu ziehen und ihre Hände an sich zu ziehen. Er begann sie einfach nur zu wärmen, als er sich aufrichtete und schließlich neben sie setzte. Behutsam legte er seinen rechten Arm um sie, doch nicht zu hastig oder sich etwas anmaßend wollen. Fast wie versteinert war ihre Reaktion, außer ihr leises Wimmern einer so zarten Stimme war keine Reaktion. Mit der Linken griff er etwas ungelenk schließlich in seine nahestehende Tasche und griff ein sauberes Tuch.

Sein Verstand schrie ihn nur innerlich an, als er seinen Körper einfach gewähren ließ. Mit großer Sorgfalt schob er die Haare beiseite und erkannte jetzt erst, dass neben dem Blut noch etwas anderes an ihrer Haut haftete. Es roch nicht angenehm, es gelang ihm schnell es als Speichel zu erkennen. Jemand ist ihr wohl zu nahe gekommen. Viel zu nahe. Sie schien sich aufgrund der Flecken an den Händen wohl gewehrt zu haben.

Wut keimte in ihm auf, sie kam schnell, wurde aber gezügelt. Beinahe wäre er aufgestanden, hätte sich einen Dolch geschnappt und den Kerl ausfindig gemacht, der ihr das angetan hatte. Doch es brachte nichts. Stattdessen säuberte er einfach nur behutsam ihren Hals, wischte die Überbleibsel des Geschehenen einfach weg, ehe er das Tuch achtlos in die Ecke warf. Als das getan war, wollte er sie vorsichtig an sich ziehen und sie umarmen. Genau so, wie er es einst suchend bei ihr getan hatte. Augenblicklich spannte sie sich an und er wusste nicht, ob er zurückschrecken sollte oder nicht.

Doch letzten Endes kam sie ihm mit dieser Entscheidung zuvor.. Ehe er sich versehen konnte, spürte er plötzlich zwei Arme die sich um ihn schlangen, ihr Kopf legte sich an seine Brust und beinahe augenblicklich wurde das anfangs noch leise Wimmern zu einem wahren Weinen. Warme Nässe breitete sich an seiner Brust auf, als er auf ihren Schopf hinabschaute und ebenso betrübt dreinblickte. Sanft begann seine Arme sie zu umschließen, sie schützend zu tragen und zu wärmen. Seinen Kopf legte er auf den ihren, streichelte vorsichtig ihren Rücken entlang. Die Augen schloss er und gab dieser jungen Frau, was er zuvor jedem seit Jahren verwehrt hatte: Nähe und Zuneigung. So wie sie dort war, konnte sie einen ruhigen Atem und Herzschlag vernehmen. So verharrte er einfach mit ihr, bis sie sich beruhigen würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: So 12. Mär 2017, 17:44 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Das Gefühl der Geborgenheit löste ihre Tränen und wie gläserne Perlen kullerten sie über ihre Wange und tränkten sein Hemd mit ihrer salzigen Nässe.
Emilia war völlig aufgelöst, und es fühlte sich gut an, sich einfach gehen lassen zu können.
Würde ihr Leben jetzt immer so ablaufen? Könnte sie niemals mehr ein richtiges Bad nehmen und von ihrer Zofe liebevoll die Haare hochgesteckt bekommen? Würde ihr Heim immer bei Dieben und Räubern sein? Müsste sie immer mit der Angst umhergehen, von Männern bedroht und unsittlich angefasst zu werden entgegen ihrem eigenen Willen?
Ihr Schluchzen erfüllte den Raum und durchbrach die Stille, welche für sie selbst eine enge Vertraute war.
Erst als ihre Augen sich röteten und unangenehm brannten, verebbten die Laute langsam.

Dies war auch der Moment, wo Emilia sich der Nähe zu Dimicus richtig bewusst wurde. Sie mochte seinen Geruch und das Gefühl seiner warmen Hand, die beruhigend über ihren Rücken streichelte.
Für kurze Zeit genoss sie einfach die Vertrautheit, bevor sie sich vorsichtig von ihm löste, sich übers Gesicht rieb und ihn offen anblickte.
Im Kerzenschein wirkten seine Augen so viel wärmer und lebendiger als tagsüber. Sie verloren etwas von dem eisigen Blau und schimmerten in unterschiedlichen Farbtönungen.
Oder war ihr dies bis anhin einfach entgangen?
Heute wandte sie nicht schnell wieder den Blick ab, sondern tauchte darin ein und versuchte seine Stimmung zu ergründen, wie sie es auch bei der Ratte oder Gregorius geschehen war.
Doch obwohl es nicht so klappte wie bei den Tieren, konnte sie trotzdem Sorge und Zuneigung darin erkennen.

Ihr eigener Ausdruck gab Verunsicherung, doch auch noch etwas anderes Preis.
„Ich mag Dich“, formten ihre Lippen lautlos. Der flackernde Kerzenschein und die tonlose Sprache konnten ihn jedoch nicht sicher sein lassen, ob er ihre Worte richtig verstanden hatte.
Obwohl Emilia wusste, dass dies die abstruse Wahrheit war, spürte sie die Röte in ihr Gesicht steigen.
Hatte sie das wirklich gesagt?
Sie wollte nicht, dass die Alte Recht behielt, welche behauptet hatte, dass sie sich in den Kerl verliebt hätte. Schliesslich war er damals einfach fortgegangen. Und es war nicht das Einzige, was er getan hatte, um sie zu verletzen…

Um seinem Blick zu entkommen, erhob sie sich und ging zur Kommode hinüber, wo Notizbuch und Stift lagen.
Damit bewaffnet, kehrte sie aufs Bett zurück und setzte sich direkt neben Dimicus hin, so dass sich ihre Beine leicht berührten.
Ich kann nicht für immer hierbleiben. Du kannst mich nicht ständig beschützen und ich möchte nicht von der Welt verborgen dahinvegetieren.

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BeitragVerfasst: Di 14. Mär 2017, 20:38 
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Sein ruhiger Atem glitt zwischen den Beiden hindurch, während Dimicus die junge Frau einfach nur fest in den Armen hielt. Emilia bekam die Chance, ihren Frust und die Trauer die sie empfinden musste, einfach hinauszulassen. Umso befremdlicher allerdings war es für den Künstler, dass er in diesem Moment dort saß und seine Arme um die Gestaltwandlerin schloss. Natürlich hatte sie zu dieser Zeit niemandem außer ihm, doch es bestärkte dieses seltsame Gefühl seiner Zuneigung zu ihr. Wie sonst hätte er es nennen sollen? Wie sonst sollte er im Worte seines eigenen Kopfes diese Beziehung nennen?

Zuneigung? Mögen? Lieben? Seine Gedanken hielten nicht an, während sie weinte und ihren verlorenen Gefühlen Ausdruck verlieh. Er war traurig, nachdenklich und dennoch froh zugleich. Welch' abstruse Mischung, so vermochte er zu sagen, hatte sich in ihm gebildet. Seine Trauer und sein Frohsinn gaben sich einen Schlagabtausch, so stimmte ihn die Laune Emilias traurig, er kannte ihr Schicksal und ihre Hilflosigkeit. Immer mehr wusste er sich mit ihr zu identifizieren und doch war er auch genau darüber froh. Sie sahen sich seit nun mehr als einer Woche erst wieder, doch er hatte sie vermisst und sie bei sich zu wissen, stimmte ihn froh. Ein mächtiges Gefühl welches er nicht einzuordnen wusste.

Erst recht als er in einem weiteren Augenblick später ihr in die verweinten Augen blicke und sich ihre Blicke trafen, wusste er mehr als genau, dass es ihm dieses Mädchen angetan hatte. Genau darüber nachgedacht ergab es Sinn und erschien im logisch. Den Drang sie zu beschützen, sie zu lehren und dieses lästige Gefühl er Zuneigung. Zumindest empfand er es bei anderen als lästig, doch bei ihr stellte es ihn vor gänzlich unbekannten Tatsachen und Gefühlen. Aus Reflex ließ er sie augenblicklich los und ertappte sich aber dabei, wie er sich in ihren Blick verlor. Kaum bekam er es mit, dass sie etwas zu sagen versuchte. Genaustens achtete er auf ihre Lippen, doch er verstand nicht, was sie ihm sagen wollte.

Sich wundernd legte er den Kopf schief und betrachtete sie, er hatte nicht einmal ansatzweise die Fertigkeit, Lippen lesen zu können. Umso kurioser empfand er die Situation, in der krampfhaft versuchte ihre Worte zu interpretieren. Sie errötete danach. Schämte sie sich nach diesen Worten? Hatte sie etwas peinliches gesagt, ein Geheimnis erzählt, dass ihr über die stummen Lippen geglitten ist? Oder doch eher etwas, wofür sie sich ihm gegenüber schämte und nur nicht zutraute auszusprechen?

Jedoch kamen seine Gedanken nicht länger wirklich weit, als sie sich seinem Blick zu entziehen begann und plötzlich diese hübschen Augen sein Sichtfeld verließen, so dass eine Kälte in seinen entstand. Seine Empfindung schrie ihn an, dass er sich sich dieses Gefühl zurückholen solle, doch sein Geist beschwichtigte, unterdrückte es gar wieder. Es war kein Platz für solche Belanglosigkeiten. Mit einem kaum merklichen Kopfschütteln warf er die Gefühle über Bord und konzentrierte sich augenblicklich zurück auf das Wesentliche. Dennoch klopfte es in seinem Hinterkopf, es wollte heraus und genossen werden. Allerdings ließ er das nicht zu.

Wenige Augenblicke später hatte sie sich erhoben, sich Notizbuch samt Stift geschnappt und sich wieder neben ihm gesetzt. Mit größerer Achtsamkeit bekam er mit, wie Emilia die gewisse Nähe zu ihm beibehielt und ertappte sich dabei, es zu genießen. Nicht alles konnte sein verrohter Verstand nun mehr aussperren. Doch sein Fokus lag weiterhin auf ihre Hand, welche mit eleganten Bewegungen den Stift führten, welcher wiederum die Worte auf das Papier brachte. Es war nicht viel und ihre ersten Gedanken vollkommen klar, jedoch schaute er die Gestaltwandlerin nachdenklich an.

Er verstand ihre Situation und ihre Wünsche nur zu gut, sie waren seinen Zielen und Wünschen nicht gänzlich unüblich. Umso mehr erinnerte sie ihn an sein jüngeres Selbst, dass dort den Gesetzen der Natur ausgeliefert war und lernen musste, wie es in dieser Welt überleben konnte. Sanft nahm er ihr das Notizbuch samt Stift aus der Hand und begann zu schreiben. Ich weiß Emilia und deine Herzenswünsche, ich kann sie verstehen. Drum weiß ich, wie ich dir helfen möchte. Es ist mein Ziel die zu zeigen wie du überlebst und vor allem, dass es dir gut geht. Kurz strich sein Blick durch ihre Züge, zeigte selbst Vertrauen und Zuneigung in seinen Zügen. Es gibt noch so vieles was ich dir zeigen möchte, was bedeutsam für dich ist. Doch das muss ab sofort warten. Wir werden dir deine Freiheit zurückholen, dich aus diesem Ort befreien und dir deine Besitztümer zurückholen. Doch dazu brauche ich zwei Dinge von dir. Er atmete tief durch. Dich selbst und dein Vertrauen.

Auffordernd blickte er sie an und nickte ihr zusichernd zu, ehe er fortfuhr. Was heute passierte, wird nicht ohne Konsequenzen bleiben. Ich werde dich lehren, wie man in der menschlichen Gestalt kämpft. Zumindest, um dich selbst zu verteidigen. Darauf dachte er ein weiteres Mal nach und für ihn gab es nur eine Lösung, wie er den gesamten Spuk um sie und ihrer Scheinfamilie beenden konnte. Diese Idee war eine Mischung aus seinem Bauchgefühl, seinem im Hinterkopf weggesperrten Gefühlen und seinem logischen Verstand. Da ich weiß, dass die Situation um dich und deine Familie zu verzwickt ist, habe ich etwas erdacht, was uns beiden sehr helfen wird. Ich werde Wilfried zu einem Duell um deine Hand herausfordern. Habe ich das erst einmal gewonnen, wirst du frei sein. Zugegeben, bei diesem Gedanken stieg auch ihm Röte ins Gesicht, doch etwas in ihm sagte, dass es das einzige Richtige war, was es zu tun galt. Kein Adliger würde ein Duell ablehnen, wenn seine Ehre dadurch Schaden nehmen würde.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Sa 18. Mär 2017, 20:43 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Emilia konnte nicht anders, als zuerst das Notizheft und schliesslich ihn ungläubig anzustarren.
Er wollte ein Duell um ihre Hand ausfechten? Hatte er sich gerade verschrieben?
Doch er wirkte verlegen und die Röte, welche immer mehr ins Purpurne überging, je länger sie ihn musterte, bestätigte seine Worte.
Warum sollte er das tun? Was versprach er sich davon?
was uns beiden sehr helfen wird.

Forschend blickte sie in sein Gesicht. War er an ihrem Reichtum interessiert? Oder an dem Ruf ihrer Familie?
Sie war unwillkürlich etwas von ihm weggerutscht und zupfte nun ebenfalls unsicher an einem Zipfel der Decke herum.

Es wäre so schön, die Stadt erkunden zu können, ohne von Wachen gesucht zu werden. Sie könnte sich frei bewegen und hätte wieder ein richtiges zu Hause. Doch um welchen Preis?
Zu viele Gründe sprachen dagegen. Ihr Vater würde sich im Grabe umdrehen. Und Wilfried?
Er würde niemals zulassen, dass ein anderer sie besass.
Und wenn es den Tod für einen der Männer bedeutet? Wollte sie mit dieser Schuld leben? Und überhaupt. War sie gewillt diesen jungen Mann zu ehelichen, der ein Mörder und Dieb war?
Er war einer der gesuchtesten Menschen der Umgebung!
Wäre es nicht Dummheit sich ausgerechnet an ihn zu binden?


Mein Reichtum ist mir nicht wichtig, schrieb sie sogleich etwas trotzig auf die Seite hin. Wenn sie genauer darüber nachgedacht hätte, hätte Emilia sich aber doch eingestehen müssen, dass dem nicht so war. Wenn man sich einmal den ganzen Luxus gewohnt war, war es einfacher gesagt als getan, auch ohne auszukommen. In ihrem ganzen Leben musste sie niemals kochen, niemals ein Haus putzen, keinen Beruf ausüben oder dergleichen.
Trotzdem hatte sie eine Traumvorstellung davon, in einem kleinen Häuschen zu leben wie sie es bei Gunhilde gesehen hatte. Dort war ihr das Leben so einfach und friedlich erschienen!
Ich will die Stadt verlassen. Niemand muss meinetwegen sterben und wenn ich verschwinde, muss mich auch niemand heiraten. Dann sind alle glücklich. Wilfried bekommt sein Haus, ich habe meine Freiheit und Du… hast wieder Deine Ruhe.
Umso mehr sie darüber nachdachte, desto besser erschien Emilia ihr Plan und ihre eigene rosige Zukunft auf dem Lande malte sie sich bereits in buntesten Farben aus.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: So 19. Mär 2017, 16:31 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Genaustens beobachtete Dimicus die Reaktionen Emilias auf seine Worte. Schon allein ihr ungläubiger Blick zeugte von der Abscheu dieser Idee. Aus einem ihm nicht näher bekannten Grund verletzte ihn diese Antwort in ihren Zügen schon allein. Die plötzliche Distanz zwischen den beiden war greifbar und umso mehr verlorener fühlte sich der Künstler plötzlich wieder. Gerade noch saßen sie gemeinsam zusammen, schon zog sie sich wieder zurück. Wieso achtetest du Idiot so darauf, ob sie dir nah ist und was sie von dir hält? Du bist ein Genie!

Die Stimme in seinem Kopf fand beinahe augenblicklich Zuspruch, doch wurde von etwas viel Mächtigerem wieder klein gemacht, beinahe eliminiert. Diese Zuneigung die er spürte … sie verhinderte es, dass er sich über Emilia stellen konnte. Diese junge Frau vor ihm hatte es nicht verdient, von ihm als ein schwächeres Wesen dargestellt zu werden. Auch wenn ihm der Großteil seiner Vernunft dazu riet, so ließ seine Emotionalität keinerlei dieser Dinge zu. Schwacher Narr! Es hallte in seinem Kopf und er kam nicht umhin, einfach nur den Kopf zu schütteln. Hätte Emilia ihn beobachtet, so hätte sie einen inneren Kampf beobachten können.

Doch stattdessen war sie bereits damit beschäftigt, ihre Antwort auf das Papier zu bringen, wobei Dimicus ein weites Gähnen über das Gesicht wanderte. Er war müde und eigentlich zu kaum etwas zu gebrauchen, mal ganz von der aktuellen Tageszeit abzusehen, die er zu diesem Zeitpunkt einschätzte. Allerdings wurden seine Gedanken diesbezüglich schnell über Bord geworfen, als er den verträumten Blick Emilias neben sich bemerkte. Sie schien in Gedanken bei etwas zu sein, obwohl sie nur geschrieben hatte, dass ihr ihr eigener Reichtum nicht wichtig sei. Wo sie wohl in Gedanken war?

Seine Frage wurde jedoch aber sehr schnell beantwortet und bekam sehr schnell zu lesen, worum es ihr wirklich ging. Diese Naivität und die Vorstellung, dass alles so einfach sei, überraschte ihn immer wieder. Doch diese Naivität mochte er, es machte sie zu einem unschuldigen Wesen das der Vollkommenheit näher war, als alles was du die Straßen der Stadt zu laufen vermochte. Selbst er … natürlich war er ein Meister seines Fachs, dennoch ist er nicht vollkommen und wird es nie sein, dass wusste er.

Mit einem wissenden und bestätigenden Nicken vernahm er ihre Worte. Dimicus wollte die junge Frau nicht entmutigen und erst recht nicht von ihren Plänen abhalten, so war es nach dem großen Crescendo seiner eigenen Karriere auch eine Option für ihn. Sanft nahm er ihr wieder das Notizbuch und den Stift aus den Händen, lächelte ihr warm zu und zu schreiben. Emilia, verstehe mich bitte nicht falsch. Ein Duell unter Adligen geht meist nicht tödlich aus. Zudem möchte ich nicht deine Hand gewinnen um dich zu heiraten, sondern um dir die Freiheit zu ermöglichen, dir auszusuchen wen du heiratest. Wohin du gehst. Was du tust. Außerdem- Erneut wurde er rot und ließ seinen unsicheren Blick zwischen ihr und dem Notizbuch umher gleiten. Ich habe mich an dich gewöhnt und genieße deine Gesellschaft. Endlich einmal jemand, der mich nicht nur als Dieb oder Mörder sieht. Sondern als Menschen.

Seine Schrift wurde etwas krakelig und man merkte, wie er unsicherer wurde. Diese Worte zu schreiben fiel ihm schwer, auch wenn in ihnen die Wahrheit steckte. Alle Menschen die mit ihm zu tun hatten, sahen ihn nur als einen Kriminellen. Ich wäre nicht glücklich, wenn du einfach fortgingst. Mein Sein würde dich vermissen. Eine erneute Pause, sein Herz klopfte wie wild und sein Atem war unkontrolliert. Diese Gefühle kannte er einfach nicht, so an einen Menschen zu hängen. Wie lang war es her? Mehr als zehn Jahre, dass er seine Eltern geliebt hatte, wahre Zuneigung zeigen konnte.

Er wand sich in einem Zustand der Unsicherheit, als ihm dieses Verlangen immer bewusster wurde. So hatte erst Emilia ihm gezeigt, was es bedeutete zu mögen und Zuneigung zu empfinden. Etwas, was sehr lange Zeit in ihm verloren gegangen war. Weder will ich deinen Reichtum, deine Ehre, noch eine erzwungene Liebe. Ich will nur allein deine Freiheit. Darauf hast du mein Wort. Schlagartig fiel ihm aber auch auf, dass durch ihre Naivität ihr einige wichtige Dinge entgangen waren. Zumal ich sagen muss, dass du das Geld brauchen wirst, um dir etwas auf dem Land aufbauen zu können. Geschweige denn, dass du immer eine Flüchtige sein wirst, wenn diese Sache nicht beendet wird. Du darfst nicht davor weglaufen. Mit mittlerweile wieder gefasstem Blick schaute er die junge Frau an. Die Unsicherheit war gewichen, Zuneigung und Sorge füllten ein weiteres Mal seinen Blick.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Do 23. Mär 2017, 18:47 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Während Dimicus seine Gedanken aufs Papier brachte, beobachtete Emilia die Regungen in seinem Gesicht. Wo seine undurchdringliche Miene vor zwei Wochen noch ein Buch mit sieben Siegeln für sie war, bemerkte sie inzwischen das kleine Zucken seiner Mundwinkel, wenn er ein Lächeln verbarg, konnte am Heben seiner Brauen Verwunderung genauso ablesen wie Geringschätzung oder erkannte die unbewusste Geste der Anspannung, wenn er den Kopf leicht zur Seite neigte, um auf seine Umgebung zu achten. Bloss seine Augen waren ihr noch immer fremd, denn es grauste sie vor dunklen Erinnerungen, wenn sie sich darin verlöre. Als ob er ihren Blick spürte, hob er den Kopf, errötete und lächelte sie vorsichtig an, bevor er sich auf seine Antworten konzentrierte.
Noch immer fragte sie sich, weshalb er ein Duell um ihretwillen ausfechten wollte. Obwohl sie in der kurzen Zeit, welche der jungen Frau inzwischen wie eine kleine Ewigkeit vorkam, bereits viel gemeinsam erlebt hatten, wusste sie doch nur über einen Bruchteil seines Lebens Bescheid.

Inzwischen hatte sie sich wieder gefasst, doch noch immer liess der Gedanke an die Begegnung mit dem Mann in den Gängen sie frösteln und sie schlang ihre Arme wärmend um den Oberkörper. Mit einem Lächeln realisierte sie plötzlich, wie zerknittert selbst Dimicus aussah. Verständlich, nachdem sie ihn so jäh aus dem Schlaf gerissen hatte.
Erst als er in seiner Schreibbewegung innehielt, holte er damit die Gestaltwandlerin in die Gegenwart zurück. Offensichtlich befand er sich ebenfalls in Gedanken, denn seine Stirn war leicht gerunzelt und er schien Emilia nicht wahrzunehmen.
Neugierig huschte ihr Blick über die Zeilen, welche eine Mischung von verschiedenen Gefühlen in ihr auslösten.
Zum einen verspürte sie Erleichterung darüber, dass bei dem Duell niemand den Tod finden sollte. Niemals hätte sie eine solche Last auf ihren Schultern tragen mögen. Gleichzeitig fürchtete sie aber dennoch, dass einer der Männer Schaden nehmen würde. Vor ihrem inneren Auge spielten sich unterschiedliche blutige Szenen ab und abwehrend schüttelte sie den Kopf.
Sie musste Dimicus mitteilen, dass dies trotzdem keine gute Lösung war!

Und das nicht nur aus diesem Grunde.
Das Gelesene löste Unsicherheit in ihr aus und gar ein Gefühl der Kränkung. Sie starrte beklommen auf ihren Schoss, so dass ihr die schokoladenbraunen Haare ins Gesicht fielen.
Was mochte es bedeuten, wenn er sich um ihre Hand duellierte, eine Ehe jedoch ablehnte? Gefiel sie ihm womöglich nicht?
Mit einer solchen Idee war Emilia bislang nicht konfrontiert worden, denn ihr Herr Papa hatte immer nur bewundernde Kommentare für ihre Schönheit erübrigt und auch ihre Verwandten bemühten sich darum, sie mit Schmeicheleien zu überhäufen, solange sie noch nicht mit Wilfried verheiratet war.
Ihr Papa hätte sich bestimmt in seinem Stolz verletzt gefühlt, würde ein Freier plötzlich einen Rückzieher machen.
Welches Licht würde dabei auf sie fallen? Würde ein solches Verhalten nicht den Ruf ihrer Familie schädigen?
Andererseits hätte ihr Vater wohl kaum zu einer solchen Heirat eingewilligt. Wilfried war eine anständige Partie, welche Frederick gut geheissen hätte.
Doch ob ihr Verlobter auch so besorgt um ihre Freiheit war? Immerhin hatte er nicht ihren liebsten Menschen getötet…

Als sie darauf die nächsten Worte erhaschte, errötete sie sogleich und verspürte einen Moment lang Scham in sich aufsteigen. Er hatte Unrecht!
Auch sie sah immer wieder den Mörder in ihm, der er war. Diese eine Tat, welche er begangen und die ihr Leben veränderte hatte, würde immer zwischen ihnen stehen.
Er konnte noch so freundlich und zuvorkommend sein, ihr Geschenke machen und sich für sie duellieren… ein derber Nachgeschmack bliebe immer an ihm haften.
Unwillkürlich fragte Emilia sich, ob er wieder einem Menschen das Leben genommen hatte, seit sie bei ihm weilte. Gelegenheit hatte er genügend, als sie die Woche über fleissig arbeitete und nachts mit dem Kater Gregorius durch die Gänge streifte. Irgendwann würde sie ihn danach fragen, doch nicht heute. Viel zu froh war sie um seine blosse Gegenwart nach dem beängstigenden Geschehen zuvor. Während sie Dimicus musterte, fiel ihr seine ungewohnte Unruhe auf.

Erst jetzt bemerkte sie auch, dass er sein Schreiben beendet hatte. Die junge Frau nahm das Notizbuch entgegen und setzte ihr Lesen fort.
Die folgenden Worte waren nicht weniger ehrlich und direkt als seine letzten Sätze und überraschten sie umso mehr. Er würde sie vermissen – also hatte er sie womöglich sogar gern?!
Es war ihr anzusehen, dass seine Aussage sie erfreute und verblüffte zugleich. Emilia schaute fragend zu Dimicus hinüber, so als wolle sie sich davon überzeugen, dass er auch so meinte, was er da geschrieben hatte. Die Gestaltwandlerin nahm den Geruch wahr, der von ihm ausging und beobachtete den sich hebenden Brustkorb. Beide deuteten auf seine Unsicherheit und Nervosität hin.
Es ist so schwierig, seine Lebensweise mit der Person hier vor mir in Einklang zu bringen!
Vielleicht hatte er doch Recht, und sie sah inzwischen nicht nur ein Monster in ihm, sondern ebenso einen wertvollen Menschen. Nein, nicht nur vielleicht – ganz bestimmt war dem so…
Emilia hatte plötzlich das Bedürfnis ihn von seiner Unsicherheit zu befreien und fasste nach der Hand, mit der er offensichtlich nichts anzufangen wusste. Sie verschränkte ihre Finger mit den seinen und drückte sie ermutigend.

Während sie auch noch die letzten Zeilen überflog, bekam er Gelegenheit, sich wieder zu fassen. Als sie das nächste Mal ihren Blick hob, war die Unsicherheit aus seinen Zügen gewichen.
Mit der freien Hand nahm sie den Stift und begann auf seine Worte zu antworten. Angefangen mit denen, die sie am meisten gefangen genommen hatten.
Es ist lange her, dass jemand sich ehrlich glücklich schätzte mich bei sich zu haben – oder zumindest hat es niemand ausgesprochen. Ich habe oft das Gefühl bloss eine Bürde zu sein. Doch bei Dir fühle ich mich anders, so als könnte ich auch etwas erreichen.
Ernsthaftigkeit sprach aus ihren Worten, doch dann erhellte sich ihr Gesicht und sie fügte mit einem entschuldigenden Lächeln hinzu: Obwohl ich weiss, dass meine Gesellschaft Dir nicht immer zum Vorteil gereicht hat.
Schuldbewusst wanderte ihr Blick durch den winzigen Raum, und ihre Hand löste sich von seiner und legte sich kurz auf seine Brust, wo unter dem Gewand die Narben einer Löwenpranke zurückgeblieben waren, um zu verdeutlichen, dass sie sich ihrer Unzulänglichkeiten durchaus bewusst war.
Du lässt mich oftmals verdrängen, was Du bist. Doch vergessen werde ich es niemals können. Wenn ich das Blut an Deinen Händen rieche, würde ich am liebsten Dinge tun, die
Sie unterbrach sich selbst und blickte ihn an. Er würde bestimmt verstehen. Vielleicht besser sogar, als sie selbst es verstand. Den Drang, sich auf ihn zu stürzen; Einerseits, weil ihr menschliches Sein verabscheute, was er tat, andererseits aus einem animalischen Jagdtrieb heraus, der durch den Blutgeruch angeregt wurde.
Ich fürchte mich vor meiner dunklen Seite, die Du zum Vorschein bringst. Weisst Du, anfangs wollte ich nur bei Dir bleiben, um meine Grenzen auszutesten und zu lernen mich zu beherrschen. Doch inzwischen, kurz hielt sie inne, dachte über die Bedeutung der Aussage nach, habe ich begriffen, dass ein Teil von mir Dich mag.

Deshalb möchte ich auch kein Duell zwischen Dir und Wilfried sehen!, fuhr sie abrupt fort, um die peinliche Atmosphäre schnellstmöglich zu durchbrechen.
Einen Moment liess sie betrübt den Kopf hängen, als sie sich seiner Warnung erinnerte, dass ein Leben ohne Geld kaum möglich wäre.
Warum kommst Du nicht einfach mit mir weg aus Drakenstein? Wir könnten durch die Welt reisen. Ein richtiges Abenteuer! Wir übernachten in alten Scheunen oder auf dem weichen Waldboden. Die Jagd auf Kaninchen kann bestimmt nicht viel schwerer sein, als das Erbeuten von Ratten.
Ihre Augen strahlten vor Begeisterung und neu erwachtem Tatendrang.
Die Löwin schnurrte bei dem Gedanken an ein Leben ausserhalb der Stadt behaglich.
Wilfried würde mich bald vergessen. Er wird nicht nach mir suchen, wenn er den Besitz behalten kann, versicherte ihm Emilia voller Überzeugung.
Dimicus Miene war allzu skeptisch bei ihren Worten. Eindeutig dachte er pragmatischer als die junge Frau, welche eine plötzliche Euphorie verspürte.
Neckisch fügte sie deshalb ohne gross zu überlegen hinzu: Wir könnten ihn einfach glauben lassen, der Rosendämon hätte seine Verlobte zu seinem Kunstwerk auserkoren.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Do 23. Mär 2017, 22:08 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1)
Die gesamte Situation war Dimicus mehr als peinlich, so stellte er sich vor, wie er in seinem Sein in diesem Moment wohl wirken musste. Der große Rosendämon, gefürchtet in der gesamten Bevölkerung Drakensteins, saß in einer Unterkunft der Diebesgilde und musste sich seine Nervosität von einer Frau nehmen lassen. Jener Künstler, der mittlerweile 32 Menschen das Leben genommen und in ein Meisterwerk seines Genies verwandelt hatte. So saß er aber nun da und spürte bewusst die Wärme der Hand jener jungen Frau, die ihn eigentlich für das hassen musste, was er ihr einst antat.

Dennoch schaffte sie es, seine Unsicherheit mit nur diesen einen Berührung vollkommen zu nehmen, noch mehr bekam er das Bedürfnis dieses Gefühl zu erwidern, so dass er nicht umhin kam, ihren Griff ebenso zart zu beantworten. Ein schwaches Lächeln glitt in diesem Moment über seine Lippen und wüsste er es nicht besser, bekam sie ihn immer besser in den Griff und schaffte es, sein Sein ins Reine zu tragen. Ein beängstigendes Gefühl, welches ein anderer Mensch bei ihm auslösen konnte. Noch immer tat er sich allerdings schwer, damit etwas anzufangen, eher das Gefühl seines Körpers zeigte ihm, dass es etwas Schönes war, was ihn dort berührte und in emotionale Unsicherheit brachte.

Ihre Augen strahlten etwas aus, was für Dimicus mittlerweile ein Leuchtfeuer der Ruhe und Geborgenheit geworden war, auch wenn ihm seine Sentimentalität diesbezüglich noch sehr entfernt vorkam. In seinem Gesicht waren aber Entspannung und Freude abzulesen, umso mehr stimmte es ihn mutiger, dass sich Emilia um ihn bemühte und es auch offen zeigte. Etwas, was kaum eine andere Person in seinem Leben getan hatte, eine lang verschollenes Gefühl. Damit wuchs aber auch seine Vorfreude auf die von ihr geschriebenen Worte, auch wenn er es kaum schon glauben konnte, so las er über ihre Schulter mit was sie schrieb und nahm es dankbar auf.

Sie empfand offensichtlich genau so für ihn, wie er für sie. Etwas, womit er gar nicht rechnete und auch sich identifizieren konnte. Die Zuneigung zu ihr war einzigartig und eigentlich gar nicht zur Entstehung gedacht, aber dennoch saßen sie dort und tauschten diese Worte. Umso mehr musste er auflachen, als sie ihm schrieb, dass sie für ihn nicht immer zum Vorteil gewesen sei. Anfangs hatte er es auch so empfunden, doch mit ihrer gemeinsamen Zeit hatte sich das gelegt. Schließlich hatte es sich in etwas verwandelt, was er nicht wirklich definieren konnte. Noch immer schloss er auf ihre Gemeinsamkeiten in der Geschichte, dass die geschehen sein musste.

Kurz darauf spürte er ihre Hand an seiner Brust, jene Stelle an der sie ihn einst verletzt hatte, worauf ein Kribbeln durch seinen Rücken glitt. Die Erinnerung an diese beängstigende Begegnung war noch immer hautnah spürbar, wenn er auch nur ansatzweise daran dachte. Was jedoch auch noch an diesem Abend geschah, durfte auch nicht vergessen werden. Was sie mit ihren Worten tat, es war ihm aber klar, dass er es nie tun würde. Dimicus empfand großen Respekt vor ihr und sah in ihr mehr als ein wilder Tier.

Für ihn tat sich nunmehr ein noch größeres Ziel auf, auch kurz auf dem ihm wohl bedeutendste Aussage ihrerseits: sie mochte ihn. Natürlich war es nur ein Teil ihres Selbst, doch war er schon sehr froh darüber, dass sie ihn respektierte und schätzte. Dann jedoch herrschte plötzlich Stille, als er ob er seine Gedanken laut ausgesprochen hätte, war diese nur noch mehr unangenehm. Sie schrieb nicht mehr und dachte offensichtlich nach. Einmal mehr fragte er sich, was in ihrem Kopf vorgehen musste, dass geschah, was in diesem Moment geschah.

Umso mehr verstand er nun auch, warum Emilia handelte wie sie es tat. Sie sorgte sich um ihn. So musste es sich zumindest anfühlen, ihre nächsten Worten wiesen aber darauf hin, auch wenn er Wilfried so oder so noch etwas schuldete. Er seufzte. Wie sollten sie denn sonst dieses Problem beseitigen und endlich in Frieden leben können? Die Stadt wäre befreit von einem weiteren korrupten Mann, Emilia hätte ihre Besitztümer und der Rosendämon erfüllte seinen Auftrag. Allerdings sprachen ihre nächsten Worte von genau dem, was sie unter dem Lösen des Problems verstand.

Abermals seufzte Dimicus und stand in einem Zwiespalt. So wie ihre Augen bei diesen Vorstellungen leuchteten, ihre gesamte Haltung plötzlich freudiger und zuversichtlicher wurde, kam er um seine Skepsis nicht herum. Zwar war ihre endgültige Idee eine sehr gute, aber wollte sie das wirklich? Sie verstand offensichtlich nicht, worum es in seinem Tun gibt. Es gab kein auserkoren, bedroht oder ins Visier genommen. Es musste eine Tat folgen, einer Tat der sie niemals zustimmen würde.

Somit nahm er ihr das Buch wieder ab, nahm ebenso den Stift entgegen und schaute ihr direkt in die Augen. Sie leuchteten, vollkommen froh über ihre Idee und es tat ihm fürchterlich weh, ihre Vorstellungen zerschlagen zu müssen. Vollkommen betrübt machte er sich an das Schreiben, er wollte sie nicht belügen. Deine Ideen sind wundervoll Emilia, doch sie sind nicht so einfach wie du sie dir vorstellst. Beinahe augenblicklich konnte er beobachten, wie das Leuchten und die Freude aus ihren Augen erlöschte, ihr Gesicht formte die einzige Frage die sie wohl in diesem Moment hatte: Warum?

Ein trauriges Lächeln umspielte seine Lippen und es war ihm mehr als deutlich anzusehen, dass er sehr darunter litt, die Worte schreiben zu müssen. Noch ist mein Platz hier, in Drakenstein. Ich kann noch nicht fortgehen, es gibt noch viele unerledigte Dinge. Wilfried heuerte den Rosendämon an, um Valerius zu töten. Er will dich und den Reichtum deiner Familie, um seine korrupten Machenschaften in Drakenstein verfestigen zu können. Zudem ihm glauben zu lassen, dass du ein Opfer des Rosendämons geworden bist, erfordert den Tod einer Frau die dir ähnlich sieht. Seine Schultern hingen trostlos, seine Hand war lahm im Schreiben. Je weiter er die Vorstellungen der jungen Frau bremsen musste, desto mehr schmerzte es ihn.

Er hasste sich dafür, was er in diesem Moment tat, ihm war vollkommen schlecht. Schwache Stimmen in seinem Kopf sagten ihm, dass er sich nicht dieser Schwäche hingeben solle, doch waren sie extrem leise. Unruhig erhob er sich, sein Körper zitterte etwas. War das der Preis den er bezahlen musste, dass er diese Frau mochte? Fühlte sich so Zuneigung an, Sorge und Reue? Nie hatte er ein Kunstwerk bereut, doch bereute er es dieser Frau ihre Träume zu nehmen? Seine Hände ballten sich zu Fäusten, als er zu ihr mit den Rücken stand. Ratlos starrte er auf den Boden, er wusste nicht was er zu tun hatte.

Doch augenblicklich geschah etwas in seinem Kopf, etwas was durch seinen gesamten Körper zu zucken drohte. „Du Idiot magst sie nicht nur, dass weißt du. Sie ist das, was du zu deiner Erlösung brauchst.“, flüsterte er vor sich her, nicht sichtbar für Emilia. Kaum waren Dimicus diese Worte über die Lippen gekommen, entspannte sich sein kompletter Körper. Seine Miene wurde wieder gelassener, gar kam ihm eine Idee, die ihm ein hoffnungsvolles Lächeln auf die Lippen legte. Zum ersten Mal seit langem war etwas passiert, was zuvor unmöglich war. Bewusst hatte er seine inneren Stimmen besiegt und bemerkte, wie sehr es ihn befreite.

Wenn er ihr nicht zu diesem Zeitpunkt schon Gutes tun konnte, so wollte er es zumindest in der Zukunft schaffen. Tief atmete er aber ein, drehte sich um und blickte der sichtlich verwirrten Emilia entgegen. Ohne weiter zu zögern, hockte er sich vor sie und nahm sanft einer ihrer Hände, drückte sie. Statt zu schreiben, sprach er mit einem zuversichtlichen Lächeln: „Ich möchte dir jedoch mein Wort geben, wenn all dies vorbei ist und ich meine Geschäfte erledigt habe, dass wir gemeinsam losziehen werden. Wir müssen noch geduldig sein, doch es wird sich auszahlen. Was hältst du davon, dass wir nicht nur gemeinsam ein Abenteuer außerhalb Drakensteins beginnen, sondern uns auch von meinem verdienten Geld ein Haus kaufen werden. Es war so oder so mein Plan, dies als meinen Ruhestand zu sehen. Doch würde ich mir wünschen, wenn es soweit kommt, dass du an meiner Seite bist. Genau so wie ich dich bitten möchte, mir zu vertrauen.“ Jeder seiner Züge sprach mit einer undurchdringlichen Ehrlichkeit und Zuversicht, er meinte diese Worte so ernst wie sie waren.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: So 26. Mär 2017, 13:01 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Wie Dimicus es vorhergesehen hatte, verdüsterte sich Emilias Miene bei seinen Worten. Der Schalk war aus ihrem Gesicht gewichen und sie liess entmutigt die Schultern hängen. Schlagartig kehrte auch die Müdigkeit in ihre Glieder zurück, die bis eben von anderen Gefühlen in den Hintergrund gedrängt worden war. Am liebsten hätte sie sich in ihrer Schublade mit dem weichen Kissen verkrochen und eingekringelt.
Doch die Bedeutung von dem eben Geschriebenen liess sie nicht los. Von welchen unerledigten Dingen sprach er wohl? Gerne hätte sie ihn gefragt, doch sie scheute vor der Antwort zurück. Es war vermutlich einfacher ihn zu mögen, wenn sie nicht über Alles Bescheid wüsste.
Andererseits war sie doch geblieben, um ihn von eben jenen Handlungen abzuhalten?!

Und Wilfried…
Emilia realisierte plötzlich, dass dieser Mann sie kaum noch interessierte. In der kurzen Zeit, die sie mit Dimicus verbracht hatte, entfernte sie sich zunehmend von ihren Verwandten, und dies nicht nur auf einer physischen Ebene. Obwohl diese Welt gefährlich war und ihr nicht immer behagte, wollte sie zwar einerseits Schutz und Geborgenheit, andererseits jedoch auch nicht mehr dazu gezwungen sein, ihr Dasein in dem Herrenhaus zu fristen. Unmerklich löste sich die junge Frau von ihrer Vergangenheit und beschritt zögerlich ihren eigenen Weg.
Umso merkwürdiger empfand sie es, dass der Rosendämon solch ein Interesse für ihren Verlobten entwickelte.

Dass Wilfried einen Mörder beauftragte, einen Menschen zu töten, rückte ihn in ein schlechtes Licht. Emilia war sich trotzdem unsicher darüber, ob gleiches mit gleichem vergolten werden sollte. Über solche Dinge hatte ihr Herr Papa nicht mit ihr gesprochen. Die junge Frau wusste hingegen, dass Dieben, Mördern und anderen Verbrechern der Strick oder das Henkersbeil drohen konnten, was wohl demnach auch eine ausgleichende Gerechtigkeit darstellte.
Ihre grünen Augen schimmerten im Kerzenlicht, als sie Dimicus anblickte. Sie dachte daran, wie er ihren Händedruck sanft erwidert hatte und die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf, als sie überlegte, dass er ebenfalls auf diese Weise sein Ende finden könnte.

Gerade als sie den Stift ansetzte und zu schreiben begann, sprang er beinahe wie von der Tarantel gestochen auf die Beine. Seine Spannung war schon fast körperlich spürbar und sie bemerkte erschrocken seine geballten Fäuste, konnte jedoch seinen Gesichtsausdruck nicht erkennen, da er ihr den Rücken zuwandte.
Sie verstand seine Reaktion nicht, doch noch als sie überlegte, wie sie darauf reagieren sollte, entspannte sich sein Körper, die Schultern fielen locker herab und die Finger lösten sich aus ihrer verkrampften Haltung.
Sichtlich verwirrt und besorgt zugleich betrachtete Emilia ihn eingehend, als er sich zu der jungen Frau umwandte. Es war, als stünde da ein neuer Dimicus vor ihr. Zu ihrer Verwunderung wirkte er besänftigt und gelassen.
Inzwischen hatte sie sich daran gewöhnt, dass er es vermochte, seine Gefühle innert einer Sekunde hinter einer undurchschaubaren Maske zu verbergen. Doch dies war etwas Anderes.

„Ich möchte dir jedoch mein Wort geben, wenn all dies vorbei ist und ich meine Geschäfte erledigt habe, dass wir gemeinsam losziehen werden. Wir müssen noch geduldig sein, doch es wird sich auszahlen. Was hältst du davon, dass wir nicht nur gemeinsam ein Abenteuer außerhalb Drakensteins beginnen, sondern uns auch von meinem verdienten Geld ein Haus kaufen werden. Es war so oder so mein Plan, dies als meinen Ruhestand zu sehen. Doch würde ich mir wünschen, wenn es soweit kommt, dass du an meiner Seite bist. Genauso wie ich dich bitten möchte, mir zu vertrauen.“

Dimicus war vor ihr in die Hocke gegangen und hatte ihre Hand ergriffen, als er sprach. Die Kerze erleuchtete sein Gesicht schwach und Emilias Augen waren konzentriert auf seine Lippen gerichtet. Er sprach deutlich und ohne Hast, so dass sie ihm folgen konnte. Als er endete, war sein Blick erwartungsvoll auf sie gerichtet und sie konnte die Berührung seiner Hand noch deutlicher wahrnehmen, gerade so als ob sie einer Aufforderung gleichkäme.
Die junge Frau konnte erkennen, wie ehrlich er das Gesagte meinte und wie bedeutungsvoll seine Worte für ihn selbst waren. Doch glaubte sie, dass ausnahmsweise einmal nicht sie vor Naivität strotzte.
So löste sie ihre Hand aus seiner, griff, leicht verärgert darüber, dass sie ihm nicht ebenfalls im Gespräch antworten konnte, nach dem Stift und begann zu schreiben, wobei sie ihre Worte mit Bedacht wählte.
Es ehrt mich, dass Du Dir eine Zukunft mit mir an Deiner Seite vorstellen kannst und es freut mich zu lesen, dass Du gewillt bist, deine Machenschaften hinter Dir zu lassen.

Dann jedoch huschte ein belustigtes, sarkastisch anmutendes, Lächeln über ihre Lippen.
Doch wie stellst Du Dir das vor?
Eine gemeinsame Ehe ist keine Option, da wir nicht vom selben Stande sind. Und ich bin bereits mit einem anderen Mann verlobt. Und zusammen in ein Haus zu ziehen, das Du aus dem Geld deiner zwielichtigen Aufträge erworben hast… Was würden die Bürger von mir denken? Es gehört sich nicht, dass zwei unverheiratete Leute offiziell zusammenziehen. Im Grunde ist auch unser jetziges Arrangement bereits frevelhaft.

Noch während sie dies aufs Papier brachte, konnte sie erkennen, wie er sich versteifte. Emilia begann sich über sein Unverständnis zu empören.
Wie konnte er so etwas auch nur vorschlagen? Er wusste doch, wie es um ihre Situation stand!
Gerade eben hast Du mir noch vorgehalten, dass ich zu wenig weit denken würde. Doch Du selbst hängst ebenfalls der Träumerei nach.
Je mehr sie darüber nachdachte, desto abwegiger wurde ihr der Gedanke. Sogar ihre eigenen Vorschläge empfand sie plötzlich als abstrus und bloss so dahingesagt.

Nur weil ich Dich nicht von ganzem Herzen hasse, heisst das noch lange nicht, dass ich gewillt bin, mit einem Mörder in seinem Haus den Rest meines Lebens zu verbringen!
Die herablassenden Worte waren raus, bevor Emilia genauer darüber nachdenken konnte. Doch in ihrem Innern brodelte es und sie fühlte sich mit der Situation überfordert.
Noch bis vor Kurzem war die Beziehung zwischen ihr und Dimicus so einfach. Es war wie eine stumme Vereinbarung gewesen, dass sie weder über die Vergangenheit noch über die Zukunft allzu viele Worte verloren. Doch nun wurde es kompliziert. Ihre Gespräche wurden tiefsinniger, die kleinen Berührungen und lieben Gesten häufiger. Emilia fühlte sich überrumpelt durch seinen anmassenden Vorschlag und es machte ihr Angst und verunsicherte sie, dass er auf einmal so ehrlich und emotional geladen wirkte.
Gleichzeitig begann sie sich schuldig zu fühlen, weil es gutgetan hatte, sich an eine starke Schulter zu lehnen und die Verantwortung über ihr Leben ein Stück weit abgeben zu können.

Um sich davon abzulenken, schleuderte sie ihm eine weitere Aussage vor die Nase.
Und was meinst Du mit „deine Geschäfte erledigen“? Wenn Du glaubst, dass ich es einfach hinnehme, dass der Rosendämon weiterhin Menschen umbringt, täuschst Du Dich in mir. Vorher werde ich Dich an die Wachen verraten, als mich durch mein Wissen mitschuldig zu machen!
Ihr Atem ging rascher vor Aufregung und die Empörung hatte ihre Wangen rot gefärbt. Erst jetzt hob sie den Blick und wurde sich im selben Moment in einer Mischung aus Scham und vorgeschobenem Trotz bewusst, dass die Aussagen ihr Ziel nicht verfehlt hatten.

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