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 Betreff des Beitrags: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: Do 1. Jun 2017, 20:01 
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Sasuke klopfte sich den Schnee vom Mantel und schlich durch die dunklen Gassen My‘shus. Zum Glück hatte es nicht lange geschneit und auf dem Kopfsteinpflaster war nichts liegengeblieben, das seine Schritte dokumentieren konnte. Seine Lederstiefel verursachten keinen Laut, doch er hielt sich im Schatten der Häuser. Der Mond strahlte heute hell und die Augen der Frostalben waren scharf. Sein Ziel war ein Etablissement mit dem Namen Kashmir. Seit Wochen beobachtete er den Kommandanten, wusste wann er aufstand, wann er aß und wann er sich mit den jungen Arashimädchen vergnügte, die mangels Zukunftsaussichten im Kashmir angeheuert hatten. Heute Abend war einer dieser Tage.
Er näherte sich dem Gebäude von hinten. Seinesgleichen war hier nicht länger willkommen. Die nobleren Bordelle waren ausschließlich für frostalbische Kundschaft reserviert. Wie geplant entledigte er sich seines Mantels und seiner Stiefel, versteckte sie in einer Nische und schlich durch den Kücheneingang, vorbei an den Türmen leerer Kisten und Fässer direkt zum Lastenaufzug, der die Servierwägen in die einzelnen Suiten brachte. Der Aufzug war nicht da, doch Sasuke wollte ihn ohnehin nicht benutzen. Er kletterte parallel an der Wand entlang auf die andere Seite. Dort befand sich eine kleine Vertiefung, in die er sich pressen konnte, sollte der Aufzug plötzlich vorbei fahren. Dann begann der Arashi zu klettern. Kraftvoll und in gleichbleibendem, kontrolliertem Tempo zog er sich Meter um Meter nach oben.

Sasuke schlüpfte aus dem Aufzugschacht. Direkt daneben befand sich der Eisspender dieser Etage und Sasuke füllte einen Eimer, bevor er sich zur Kaisersuite aufmachte.
Vor der Tür standen zwei Leibwächter des Kommandanten und unterhielten sich leise. Sasuke trat vor, verbeugte sich und hielt den Eimer hoch.
„Der Kommandant hat heute keine Männer bestellt“, sagte einer der Soldaten.
„Geschenk des Hauses“, erwiderte Sasuke.
Die beiden Forstalben sahen sich kurz an, dann öffneten sie die Türe und schoben Sasuke in den Raum. Der Wohnraum der Suite war leer, doch aus dem Schlafzimmer drangen die Töne des Liebesspiels, die je stoppten, als die Tür mit einem Klicken ins Schloss fiel.
„Was ist?“, knurrte der Kommandant.
„Entschuldigung für die Störung“
, rief einer der Soldaten ohne in das Zimmer zu sehen. „Hier ist ein Freier, der sagt, er sei ein Geschenk des Hauses.“ Er zögerte kurz, doch fügte dann an: „Das letzte Mal, als wir solch ein Angebot abwiesen, da wart ihr außer euch –“
„Schickt ihn rein und verschwindet!“, unterbrach ihn der Kommandant.
Die Männer gaben Sasuke einen Stoß in Richtung Türe und gingen wieder nach außen. Der junge Arashi betrat langsam den Raum und fand den Kommandanten dort nackt zwischen zwei jungen Mädchen mit einem lüsternen Grinsen im Gesicht. Das große zweiflügliche Fenster stand offen und die weißen Vorhänge wurden vom eisigen Wind hineingeblasen.
„Ausziehen“, befahl der Kommandant und Sasuke folgte seinem Wunsch ohne eine Miene zu verziehen.
„Nicht schlecht“, pfiff der Frostalb und musterte Sasuke. „Einen derart trainierten Freier hatte ich noch nie. Reib dich mit dem Eis ein und dann komm her! Ich kann nicht ausstehen, wenn eure Körper vor Hitze dampfen.“
Sasuke bezweifelte, dass hier irgendwer dampfte. Im Raum war es eiskalt und die Mädchen schienen zu frieren. Der Kommandant bemerkte seinen Blick. „Oh ja“, grinster er, „ich mag es, wenn ihr friert und zittert wie hilflose kleine Ratten.“
Sasuke nahm eine Hand voll Eis aus dem Eimer und rieb es sich über den Oberkörper, die Arme und Beine. Eine Gänsehaut breitete sich auf seiner Haut aus. Dann ging er langsam auf das Bett zu und stieg auf Knien hinein. Sofort packte ihn der Kommandant im Schritt, doch der Arashi ließ es geschehen und nahm den Kopf des Frostalben in beide Hände. Während sich auf dessen Gesicht noch ein wildes Grinsen ausbreitete, packte Sasuke zu und mit einer einzigen schnellen Bewegung war das Genick des Mannes gebrochen.
Eines der Mädchen schrie auf, doch Sasuke beachtete sie nicht weiter. In diesen Räumlichkeiten schrien die Frauen und Mädchen oft.
„Sobald ich diesen Raum verlassen habe, werdet ihr die Leibwächter holen und ihnen sagen, dass der Freier den Kommandanten umgebracht hat und durch das Fenster geflohen ist. Ihr werdet ihnen weiterhin sagen, dass, sollten Unschuldige dieses Etablissements zu Schaden kommen, weitere Morde folgen werden.“
Sasuke hatte den Mädchen den Rücken zugewandt. Sie durften sich sein Gesicht nicht einprägen. Er zog seine Kleider wieder an und ging ein paar Schritte auf das geöffnete Fenster zu. „Und gebt ihnen dies.“
Er warf eine gelbe Blüte nach hinten auf das Bett. Dann stieg er aus dem Fenster, balancierte das kleine Fenstersims entlang und griff mit beiden Händen die Regenrinne. Binnen Sekunden war er nach unten gerutscht, landete lautlos und eilte zu Mantel und Stiefeln. Als er aus dem Hinterhof schlüpfte, konnte er die ersten Rufe aus dem Gebäude hören. Sie würden ihn niemals finden.

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 Betreff des Beitrags: Re: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: Fr 18. Aug 2017, 21:43 
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Als Sasuke nach Hause kam, entfachte er als erstes ein Feuer in dem kleinen offenen Kamin. Er hatte dort grundsätzlich ein Gittertürmchen aus Holzscheiten vorbereitet, in dessen Mitte etwas Reisig nur darauf wartete entfacht zu werden. So konnte er jederzeit für Wärme sorgen. Als das Feuer kurz darauf fröhlich in seiner steinernen Höhle tanzte, schmolz Sasuke einen der großen Eiszapfen, die trotz der zuletzt etwas wärmeren Tage noch immer den Giebel vor dem Fenster zierten. Er füllte das Wasser in eine Waschschüssel und wusch sich ausführlich. Anschließend vollendete er den Reinigungsprozess mit einem Gebet und einer mehrminütigen Meditation, indem er sich kreuzbeinig auf den kleinen handgewebten Teppich vor seinen Schrein setzte. Auf dem schemelartigen Tisch lagen ein golden eingefärbtes Holzmodell zweier gekreuzter Schwerter und ein glatt polierter Kieselstein, zur Hälfte weiß, zur Hälfte schwarz bemalt, von zwei Kerzen flankiert und von den seichten Schwaden eines Patchouli-Räucherstäbchens verschleiert. Sasuke bat Segira um Bestätigung, dass sein Mord ehrenhafter Natur gewesen war und um die Freigabe seiner Seele. Zu Malgorion-Oril sprach er mit der Bitte, ihm trotz der Tat weiter innere Balance zu schenken und gelobte auch zukünftig stets auf ein ausgeglichenes Verhältnis heller und dunkler Handlungen zu achten, weiter den Weg der Mitte zu verfolgen. Schließlich senkte er ehrfürchtig das Haupt, legte die Stirn auf dem Boden ab und befreite sich von allen Gedanken. Sasuke dankte beiden Göttern und richtete sich wieder auf, die Augen nun geschlossen, um seinen Geist für einige Augenblicke aus dem Strudel der Gedanken und Entscheidungen zu ziehen und ihm Ruhe zu gewähren.

Nach der Reinigung setzte sich der Arashi mit einer Tasse honiggesüßten Kräutertees neben seine Bettstatt und holte das Notizheft aus dem Nachttisch. Er schlug die nächste freie Seite auf und begann seinen Auftrag aus dem Kashmir bis in kleinste Detail aufzuschreiben. Welchen Weg er gegangen war, wie viele Leute er passiert hatte und welche; er notierte sich haargenau, wie die beiden Leibwächter ausgesehen hatten, und wie die beiden Prostituierten, beschrieb den Klang ihrer Stimmen und ihren Geruch. Dann holte er aus dem Einband ein zusammengefaltetes Stück Papier und breitete es auf dem Boden vor sich aus. Es zeigte ein spinnennetzartiges Schaubild aus akkurat gezogenen Linien mit winzigen handschriftlichen Ergänzung und den Namen verschiedenster Personen. Sasuke nahm einen roten Wachsstift aus der Schublade seines Nachttisches und markierte den Namen des Kommandanten mit einem roten Kreuz. Es war bereits das fünfte auf dem Schaubild. Die Augen des Arashi folgten den Linien, die vom Kommandanten abgingen. Zwei führten direkt zu seinen Kompanien – eine in der Stadt und eine davor stationiert. Die anderen Linien bewegten sich ins Zentrum des Gebildes, zum Regierungsrat der Besatzer und zu wichtigen Zentren der Mitläuferparteien der My’shuer. Hier lag Sasukes nächste Aufgabe: beobachten, belauschen, manipulieren. Der Mord würde sie alle in irgendeiner Form zum Handeln zwingen. Er würde auch Emotionen wecken; Zorn, Furcht, es war einerlei. Im Bann des vorherrschenden Gefühls würden die hohen Herren Sasuke mehr preisgeben, als sie wünschten. Vor allem, weil sie nicht ahnten, was er bereits alles wusste. Vier, fünf weitere Linien des Schaubilds führten direkt vor ihre Haustüre.
Das Geräusch von Schritten auf der Treppe riss Sasuke aus seinen Gedanken. Eilig faltete er den Plan zusammen und packte das Buch zurück. Da klopfte es auch schon an seiner Türe und die Stimme der Haushälterin ertönte. Es war bereits Morgen.
„Hier ist Post für Sie, Herr Mokiri.“
„Kommen Sie herein, die Türe ist offen“, antwortete Sasuke und stand auf.
Die Haushälterin war eine alte Arashi-Dame, der die Jahre deutlich ins Gesicht geschrieben standen. Sie war eine gute Frau, wenn auch von schlichtem Gemüt.
„Ich habe Haferschleim gekocht. Wenn Sie bereit für ein Frühstück sind, können Sie nach unten in die Küche kommen“, sagte sie und reichte Sasuke den Brief. „Und“, sie war auf halbem Wege aus dem Zimmer noch einmal stehen geblieben, „wenn Sie später vom Hafen kommen, dürfte ich Sie bitten, sich das Dach einmal anzusehen? Ich habe die Befürchtung, ein paar Ziegel sind gebrochen. Bei diesen Temperaturschwankungen wäre das kein Wunder.“
„Natürlich“, antwortete Sasuke und lächelte sie freundlich an. „Das Abflussrohr hält nun?“
„Oh ja, besser als je zuvor!“, rief sie freudig aus. „Wenn ich Sie nicht hätte, Herr Mokiri, die alten Knochen lassen mich doch langsam im Stich.“
„Ich helfe gern, immerhin geben Sie mir ein Zuhause.“
„Für das Sie sehr gewissenhaft bezahlen“, sie lächelte zurück. „Nun lasse ich Sie aber alleine. Ich muss sowieso nach dem Essen sehen, bevor es anbrennt.“
Sasuke schloss die Türe hinter ihr und öffnete den Brief. Er war von Aisika, seiner Frau. Sasuke las ihn mehrmals. Schließlich war er sich sicher, dass keine verschlüsselten Informationen der Partei enthalten waren, Aisika ihm lediglich ein wenig von zu Hause erzählen wollte. Er drehte den Brief um und betrachtete den Handabdruck, mit dem die kleine Konika jeden Brief stempelte. Mit dem Zettel in der Hand ging er zu dem losen Dielenbrett, hebelte es vorsichtig aus und fischte den letzten Brief heraus. Sollte je sein Zimmer durchsucht werden, so sollten sie zumindest nicht erfahren, dass er eine Familie hatte. Er legte die Briefe nebeneinander. Sie war schon wieder gewachsen. Sasuke seufzte. Gefühle stiegen in ihm auf, heiß wie Wasserdampf über dem Herd; Sehnsucht, Freude und Trauer: er benötigte Abdrücke der Hände, um zu sehen, wie sie aufwuchs. Er schloss einige Minuten die Augen, um die Flut der Emotionen greifen und kontrollieren zu können. Es war in Ordnung, dass sie kamen. Gefühle wie diese unterschieden ihn von den kaltblütigen Mördern auf der Welt, doch niemals durfte er sich von ihnen beherrschen lassen. „Beschütze meine kleine Kriegerin“, sagte er sanft mit Blick zu Segiras Schrein. Es musste so sein. Er musste ihre Sicherheit in die Hände seiner Göttin geben; und in Aisikas. <Du wirst mit Einigem fertig>, dachte er und strich mit dem Finger über ihre Unterschrift. Sein Platz war nun hier. Er musste dazu beitragen, dass seine Tochter und die folgenden Generationen in einer besseren Welt leben konnten, als er.

Später schnappte Sasuke schon auf dem Weg zu den Docks die ersten Gerüchte auf. Ein hohes Tier seitens der Besatzer sei umgekommen. „Vergiftet“, versicherte eine Verkäuferin ihren Kunden, während sie Getreidesäcke abwog. Zwei Straßenkehrer waren hingegen der Meinung, es habe einen Attentäter in den eigenen Reihen gegeben und so häuften und überschlugen sich die Neuigkeiten. Auch in den Patrouillen der Frostalben gab es Gemurmel, das jedoch immer sofort eingestellt wurde, wenn sie in die Nähe von Passanten kamen.
Am Hafen angekommen wurde Sasuke sofort von Nikuro empfangen. „Hast du schon gehört?“ rief er aus. „Einer der Kommandanten ist tot.“
Sasuke winkte ab. „Die Leute reden von nichts anderem“, antwortete er. „Ich habe unterwegs schon ein Dutzend unterschiedlicher Todesursachen gehört.“
„Haltet die Klappe!“, mischte sich Saeko ein. „Der Aufseher hat ein Sprechverbot verhängt.“
„Oh“, grinste Nikuro. „Dann halten wir uns lieber daran. Mir schmerzt noch der Rücken von der letzten Strafe.“
Sasuke sah seinen Kollegen mitleidig an. Nikuro war ein guter Mann, aber er war langsam und ungeschickt und es kam nicht selten vor, dass er eine Kiste voller Güter im Meer versenkte. <Ganz zu schweigen von den Unmengen an Fisch, die er im Jahr heimlich an die streunenden Hafenkatzen verteilt>, dachte Sasuke.
Die drei Männer meldeten sich bei ihrem Vorarbeiter an und ließen sich einweisen. Dann verbrachten sie den Tag damit, Schiffe zu be- und entladen, die Waren zu sortieren und auf die Wagen der wartenden Kaufleute zu verteilen. Die höhere Präsenz der frostalbischen Aufseher war nicht zu übersehen. <Sie lauschen und beobachten>, dachte Sasuke. Der Hafen war voller junger Arashi mit kräftigen Händen; Hände, mit denen man ohne weiteres einem Mann das Genick brechen konnte. Mit Sicherheit rechneten sie zudem mit der Flucht des Mörders und die war in My’shu per Schiff nun doch am realistischsten. Sasuke war, obwohl er seine Arbeit wie gewöhnlich verrichtete, immer mit einem Auge und Ohr bei den Soldaten. Geduldig studierte er ihre Körpersprache und fing den ein oder anderen Gesprächsfetzen auf. Schnell kam er zu dem Schluss, dass die einfachen Krieger nicht in die Details des Mordes involviert worden waren. Ein gutes Zeichen; die Obrigkeiten wollten die eigene Verwundbarkeit vertuschen. <Wie erwartet>, dachte Sasuke. Alles verlief wie geplant. Die Unwissenheit würde nicht nur die Suche nach dem Mörder erschweren, sie würde auch nach und nach für Unmut in den Reihen der Soldaten sorgen und sich wie eine Zündschnur einen Weg durch die Truppen und Institutionen brennen, der von überall angezapft werden konnte, um Gerüchte zu sähen und Verwirrung zu stiften.

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 Betreff des Beitrags: Re: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: Di 22. Aug 2017, 11:55 
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Kiste um Kiste schleppte Sasuke von A nach B und pausierte nur, um gelegentlich einen Schluck Wasser zu nehmen. Dann blickte er meist gen Norden, wo sich die kargen Gipfel des nahen Gebirges erhoben und ihn an zu Hause erinnerten. Dort würden die braun-grauen Felswände um diese Uhrzeit wahrscheinlich schon derart von der Sonne vergoldet, dass das warme sirupartige Licht bis in den Garten ihres kleinen Reichs zurückstrahlte. Sashime würde vielleicht die letzten Schüsseln, Vasen und Karaffen zum Ruhen in ihre Gitterregale einräumen und dabei ihr von den zunehmenden Falten nur noch freundlicher gestaltetes Gesicht immer wieder in den warmen Schein halten. Aisika würde an den Gemüsebeeten zugange sein oder die Schafe füttern, während die kleine Konika auf einer der bunten Wolldecken herumkroch und mit ihrer Stoffpuppe spielte. Er schloss die Augen und konnte fast das Klimpern der Perlenvorhänge hören, mit denen der stetige Wind seine Melodie spielte, bevor sie von den schweren Woll- und Lederteppichen zugehängt würden, um die nächtliche Kälte auszusperren.
In einem dieser kurzen Momente der Ruhe vernahm er eine bekannte Stimme.
„Keine Auffälligkeiten?“, fragte einer der Leibwächter.
„Nein, mein Herr“, antwortete ein Aufseher. „Wir lassen niemanden unbefugt an Bord der Schiffe und jedes einzelne vor dem Ablegen Durchsuchen.“
„Und die Arbeiter? Sind heute Morgen alle erschienen?“
„Jawohl. Wir haben alle Vorarbeiter befragt und die Listen geprüft.“
„Hm“, machte der Leibwächter und Sasuke, der halb verdeckt und mit dem Rücken zu ihnen stand, spürte seine Enttäuschung. Gerne hätten sie über den einen berichtet, der nicht zur Arbeit erschienen war. Die beiden entfernten sich langsam, bis das Gespräch nicht mehr zu hören war.
Sasuke stellte die Flasche weg und schulterte den nächsten Sack Mehl. Er war zu abgeklärt, um sich wegen der Anwesenheit des Leibwächters Gedanken zu machen. Selbst wenn sie den Aufsehern und den Vorarbeitern eine Beschreibung seines Aussehens gegeben hätten, und nach seinen neusten Erkenntnissen war er sich sicher, das hatten sie nicht, hätte sie nie genau genug sein können, um ihn von den anderen rauen Burschen der Arbeiter unterscheiden zu können. Er musste lediglich vermeiden, dass die beiden ihn direkt zu Gesicht bekamen. Sie würden alle Hände voll zu tun haben, wenn sie die vielen möglichen Aufenthaltsorte des Mörders abklappern wollten, ohne die einfachen Soldaten in die Details einzubeziehen. Für Sasuke würde es so ein Leichtes sein, sich verborgen zu halten. Höher gestellte und dadurch vielleicht eingeweihte Krieger waren auffällig wie ein buntes Yak.
Nach Schichtende ging Sasuke die Route über den Marktplatz zurück. Er wollte noch Honig, Obst und Hirsefladen kaufen und ging zügig, da er fürchtete, die Kleinhändlerinnen würden ihre Marktstände bereits schließen. Er hatte Glück: seine Stammhändlerin war noch da. Bei ihr wusste er, dass der Honig ausschließlich aus den Hochebenen stammte und Sasuke liebte den würzig-blumigen Geschmack, den es sonst nirgends gab. Zudem galten die Hochlagen und Gipfel bei vielen Arashi als heilig und Lebensmitteln aus diesen Regionen wurden besondere Kräfte beim Vertreiben böser Geister nachgesagt. Sasuke gab den Honig vor allem für seinen morgendlichen Entgiftungsprozess in eine Tasse warmes Wasser und achtete daher er besonders auf dessen Herkunft. Nachdem er bezahlt hatte, überquerte Sasuke den Rest des Marktplatzes und passierte die Ruinen eines zerstörten Gebetsladens im Zeichen Malgorion-Orils. Hier hatte man Talismans, Gebetsteppiche und heilige Alltagsgegenstände wie Waagen und Sanduhren kaufen können, bevor die Besatzer alle Einrichtungen mit Bezug zum gespaltenen Gott überfallen und heruntergerichtet hatten. Viele Gläubige waren geflohen und andere verleugneten fortan ihren Glauben, da die Frostalben ihn als Gotteslästerung betrachteten und mit Folter und Tod bestraften. Sasuke gedachte all jenen, die dieses Schicksal ereilt hatte und murmelte ein kurzes Stoßgebet, als er in eine kleinere Gasse einbog, die ihn am schnellsten zu seiner Wohnung bringen würde.

Beinahe wäre er mit ihr zusammengestoßen. Ihr Gesicht war seltsam leer, doch dann breitete sich der Ausdruck des Wiedererkennens auf ihm aus.
„Du!“, stieß das Mädchen aus dem Kashmir hervor. „Ich erkenne dich wieder.“
Einen Moment lang war Sasuke versucht zu lügen, ihre Bekanntschaft zu verleugnen, doch sein Ehrgefühl war zu stark.
„Guten Abend“, sagte er höflich mit einer angedeuteten Verbeugung. „Ich hoffe es geht Euch gut?“
Ihr Gesicht veränderte sich und Falten der Wut nahmen ihm seine zierliche Schönheit. „Was für eine Frage!“, sagte sie empört. „Leute wie ihr denkt ihr tut Gutes, rettet die Welt, nicht wahr?“ Sie lachte verächtlich. „Ihr strebt nach dem Palast auf dem höchsten Gipfel und achtet dabei nicht auf die mühevoll aufgebauten Lehmhütten, die ihr unterwegs zertrampelt.“
„Hat man Euch etwas angetan?“
Wieder lachte sie trocken. „Weißt du, bis du kamst, war mein Leben nicht gut, jetzt aber ist es die Hölle.“
„Keine Sorge, liebe Frau“, sagte Sasuke mit fester Stimme. „Das werde ich ihnen nicht durchgehen lassen. Ich habe ihnen befohlen, die Unschuldigen des Kashmir außenvor zu lassen und ich werde dafür sorgen, dass es Euch besser geht.“
„Lass uns einfach in Ruhe. Du hast schon genug angerichtet.“ Sie drückte sich an ihm vorbei.
„Ich könnte dich verraten, weißt du?“ Sie hatte sich noch einmal nach ihm umgedreht. „Aber ich habe keine Lust auf weitere Verhöre, auf Durchsuchungen und Quälerei. Im Gegensatz zu Leuten wie dir, mische ich mich nicht in das Leben anderer ein, sondern verlange nur mein eigenes leben zu können – und ist es auch noch so kümmerlich.“ Sie ging weiter.
„Wartet!“, rief Sasuke. „Ich kann wirklich helfen. Ich hole Euch da raus und ich kenne Leute, die Eure Wunden heilen können.“
Ein letztes Mal drehte sie sich um. „Es gibt Wunden, die heilen nicht.“

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 Betreff des Beitrags: Re: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: Fr 1. Sep 2017, 11:56 
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Tief in Gedanken versunken ging Sasuke weiter. Zu Hause sah er sich wie versprochen das Dach an, doch weder dabei, noch bei einer ausführlichen Trainingseinheit und nicht einmal bei der anschließenden Meditation konnte er die junge Frau aus seinen Gedanken verbannen. Wie sollte er nun handeln? Nach langer Grübelei beschloss er etwas zu tun, das er nur in Notfällen tun sollte: die Verbindungsperson der Partei in My’shu aufsuchen. Sein Auftrag war eindeutig und geklärt und auch deshalb würde sein Besuch Unmut erregen. Er konnte die wütende Stimme von Shakuro Aisako fast schon hören: „Du gehst das Risiko ein, dass wir auffliegen, nur, um dein Gewissen zu beruhigen?“ Und doch wollte er sich Rat holen und gegebenenfalls die Erlaubnis vom Plan abzuweichen. <Dazu musst du zuerst beichten, dass du bereits abgewichen bist>, dachte er bei sich. <Du solltest kein Pläuschchen führen, sondern lediglich die Blume ablegen.> Er seufzte; es würde auf jeden Fall Ärger geben.

Shakuro wohnte unweit des Stadtzentrums und betrieb dort einen Gemischtwarenladen. Die Verkaufsräume waren im Erdgeschoss, seine Wohnräume im ersten Stock des kleinen Gebäudes. Sasuke war erst einmal dort gewesen, kurz nachdem er in My’shu angekommen war und er wusste zu gut, dass unangekündigte Besuche nicht erwünscht waren. So überraschte ihn Shakuros Gesichtsausdruck nicht im Geringsten, als er in den Laden trat und das Klingeln der kleinen Messingglöckchen den anderen Arashi aufblicken ließen.
Der Laden war leer und so kam Sasuke direkt zur Sache. „Entschuldige mein Erscheinen, Shakuro. Könnten wir kurz sprechen?“
Shakuro zögerte und musterte Sasuke ernst. „Fünf Minuten“, knurrte er und ging zur Türe, um das Schild auf „Geschlossen“ zu drehen. Dann führte er Sasuke nach oben in den kleinen Empfangsraum, in dem er auch beim letzten Besuch empfangen worden war und bot ihm Tee an. Selbst im größten Unmut wurde auf die Gastfreundlichkeit geachtet. „Was gibt es?“ fragte Shakuro, als sie sich beide gesetzt hatten. „Dein Einsatz im Kashmir ist doch wie geplant verlaufen, warum kommst du her?“
„Ich möchte um deinen Rat bitten“, antwortete Sasuke und trank von seinem Tee.
„Was ist passiert?“
„Die Prostituierten aus dem Kashmir haben aufgrund der Tat zu leiden und ich habe die Befürchtung, das ist meine Schuld.“
„Wir können nie wissen, welche Wellen ein Mord in seinem Umfeld schlägt, Sasuke. Damit ist immer zu rechnen und das solltest du wissen.“
„Es gibt etwas, dass ich dazu beichten muss.“ Er schluckte und legte sich die Worte noch einmal zurecht. „Ich habe womöglich einen Fehler gemacht, denn ich habe mich nicht komplett an den Plan gehalten.“
Shakuro kräuselte die Lippen. „Sondern?“
„Ich habe mit den Prostituierten gesprochen. Ich sagte, sie sollen den Hergang des Mordes beschreiben, um ihre eigene Unschuld zu beweisen… und sie sollten eine Drohung weitergeben.“ Shakuro schüttelte den Kopf, sagte aber nichts sondern bedeutete Sasuke weiter zu sprechen. „Ich sagte, sollten Unschuldige zu Schaden kommen, würden weitere Morde folgen.“
Einen Moment sahen sich die Männer an und dann, als er merkte, dass Shakuro eine Erklärung verlangte, sprach Sasuke weiter. „Es war ein spontaner Einfall. Ich sah die beiden verschüchterten Mädchen und ich hatte den Drang irgendetwas zu tun, um ihre Sicherheit zu gewährleisten. Und jetzt habe ich die Befürchtung, genau das Gegenteil bewirkt zu haben.“
„Hm“, Shakuro fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über die Stirn. „Du hast auf jeden Fall eine Angriffsfläche geschaffen, sollten die Mädchen deine Worte weitergegeben zu haben. Du hast den Frostalben etwas in die Hand gegeben, womit sie dich ködern können. Das war dumm, Sasuke.“ Er sah ihn eindringlich an und Sasuke nickte und blickte zu Boden. „Trotzdem: gesehen ist geschehen, was soll ich dich jetzt schelten? Es ist gut, dass du gekommen bist.“
Erstaunt sah Sasuke auf.
„Ja, ganz richtig. Ich muss alle Details kennen, um unseren Einsatz hier exakt bewerten und planen zu können. Wenn ich weitere Schritte auf falschen Tatsachen entwickle, ist unser Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Also: wozu möchtest du nun meinen Rat?“
Einen Moment war Sasuke zu erstaunt, um antworten zu können. „Ich, also… ich kann nicht aufhören an das Leid der Mädchen zu denken“, sagte er dann. „Ich habe gestern eine von ihnen getroffen und ihr ging es nicht gut." Er räusperte sich. „Aber ich weiß, dass ein Vergeltungsschlag noch weitere Abweichungen von unserem Plan nach sich ziehen würde. Hinzu kommt, dass dieses Mädchen meine angebotene Hilfe abschlug. Und doch kann ich nicht umhin zu denken, dass ich ihnen helfen könnte. Ich könnte sie hier raus holen, vielleicht in unbesetztes Gebiet schleusen und ihnen ein neues Leben ermöglichen.“
„Du bist in der Tat in einer schwierigen Situation. Übst du einen Vergeltungsschlag, wirst du einen weiteren Stein lostreten, der wiederum einen anderen ins Rollen bringt und so weiter, bis das Morden und das Leid einer Lawine gleich immer mehr unschuldige wie schuldige mit sich reißt. Tust du es nicht, so hast du eine leere Drohung ausgesprochen... was uns in die Karten spielen könnte. Allerdings wird es einen Kratzer in deiner Ehre hinterlassen.“ Er pausierte kurz zum Nachdenken. „Was die Mädchen betrifft, so denke ich nicht, dass du ihnen helfen kannst, solange sie die Hilfe nicht wollen. Sie jetzt gegen ihren Willen von hier fort zu bringen, käme einer Entführung gleich und die Gefahr in all dem Tumult zu viel Aufsehen zu erregen ist zu groß, als dass ich es dir erlauben könnte.“
Sasuke ließ die Worte Shakuros auf sich wirken.
„Soll ich also einfach nichts tun?“
„Im Grunde wäre das das Beste. Bitte Segira um Vergebung für deine leere Drohung und lerne dein schlechtes Gewissen als ehrliches Gefühl deines Unterbewusstseins zu schätzen, denn es wird dir helfen, das nächste Mal besser zu handeln.“
Sasuke nickte. „Dann behalten wir den bisherigen Plan bei?“
„Ja“, antwortete Shakuro. „Versuche noch ein paar Tage so viel herauszubekommen wie möglich und dann fang an, Gerüchte zu streuen.“

Sasukes Gedanken waren ruhiger, als er nach Hause ging, wenn noch immer nicht befreit von seinen Schuldgefühlen. Er besann sich auf Shakuros Worte und seine Ausbildung. Das schlechte Gewissen, das er verspürte, wollte ihn keinesfalls strafen, noch war es eine schlechte Eigenschaft oder eine Schwäche. Es war seine Chance zu lernen. Er würde es akzeptieren und zähmen und so auch seine Gefühle in den Griff kriegen.
Zu Hause angekommen betete er zu Segira. Er bat um Vergebung für seine leere Drohung und er flehte sie an, die beiden Mädchen vor weiteren Qualen zu schützen. Schließlich ging er zeitig zu Bett und schlief auch erstaunlich ruhig. Seine Zuversicht, dass sein Fehler keinen größeren Schaden nach sich ziehen würde, war deutlich gewachsen. Doch es sollte anders kommen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: Mo 4. Sep 2017, 22:11 
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Die darauffolgenden Tage waren zunächst ruhig verlaufen. Hier und da hatte der Arashi Gespräche belauscht und Leute verfolgt, doch es deutete alles darauf hin, dass sie den ungelösten Mordfall eher in die Vergessenheit abschieben wollten. Es wurde ruhiger, gab weniger Sitzungen zwischen den Besatzern und den Vorstehern der Stadt, in denen letztere erst noch zu drastischen Kontroll- und Einschüchterungsmaßnahmen dem gemeinen Volk gegenüber gedrängt worden waren. Schließlich kehrte langsam wieder der normale, wenn auch düstere Alltag ein in My’shu und Sasuke zog in Erwägung, den nächsten Schritt des Plans zu ergreifen.
Dann aber, am sechsten Tag nach seinem Besuch bei Shakuro, geschah es.

Eigentlich war Sasuke nur zufällig am Kashmir vorbeigegangen, denn normalerweise nahm er einen anderen Weg vom Gerber nach Hause, wenn er diesem ab und zu die Wagenladung vom Hafen selbst lieferte. Als er die große Ansammlung von Menschen sah, dachte er zuerst, es seien einmal wieder fahrende Händler in der Stadt, da diese momentan die einzigen waren, die es schafften so viele Arashi gleichzeitig auf die unsicheren Straßen My’shus zu locken. Dann bemerkte er, dass die Blicke der Leute allesamt auf die Fassade des Kashmir gerichtet waren und ein nervöses Gemurmel die Straße füllte. Böses ahnend folgte Sasuke dem Starren der Leute und japste nach Luft. Ein Mädchen hing dort, an beiden Handgelenken von Seilen gehalten, etwa in der Mitte des Gebäudes. Sie war nackt und Sasuke konnte selbst aus der Entfernung die vielen Blessuren auf ihrem Körper erkennen. Ihr Kopf hing nach vorne, doch Sasuke musste ihr Gesicht nicht sehen, um zu wissen wer sie war. Er hielt sich die Hand vor den Mund als fürchte er sein wild klopfendes Herz könnte jeden Moment hinaus springen. Über dem Mädchen war ein Banner befestigt, auf dem in großen Buchstaben stand:

Tod den Rebellen! Unschuldige sterben ihretwegen!


Sie hatten die Taktik gewechselt. Sie wollten ihre Zeit nicht länger mit den fruchtlosen Ermittlungen vergeuden, sie bestimmten die Täter einfach und verdrehten deren Absicht ins Gegenteil. Sie machten sie zum Feind des Volkes, statt zu deren Verfechtern. Sasuke wusste, dass dieser Plan aufgehen würde. Nicht wenige Arashi hatten sich mit der Besatzung der Frostalben abgefunden und lebten lieber ein unterdrücktes Leben, als in ewigem Krieg für eine Befreiung, an die sie nicht mehr glaubten. Doch das war unerheblich für Sasukes Mission. Er brauchte das Volk nicht zum Freund, noch nicht.
Etwas anderes wurmte ihn mehr: er musste wissen, wer dem Mädchen das angetan hatte und die zweite wahrscheinlich noch gefangen hielt.

Sasuke lauerte dem Leibwächter des Kommandanten in einer kleinen Seitengasse unweit des Kashmir auf. Es war so leicht gewesen, seine Vermutungen bezüglich des Strippenziehers hinter Folter der Prostituierten bestätigt zu kriegen. Sasuke hatte das zur Schenke umfunktionierte Lokal noch nicht einmal betreten müssen, um sein Geprale zu hören und mit jedem selbstgefälligen Wort des Alben hatte das Vorhaben in Sasukes Kopf weiter Form angenommen.
Er spürte die Kälte der Dolchklinge an seinem Bein, doch er hoffte ihn nicht benutzen zu müssen. Waffen gaben zu viele Anhaltspukte. Der Leibwächter betrat die Gasse und Sasuke wollte gerade ansetzen, sich aus dem Schatten des Mauervorsprungs zu schälen, als eine zweite Person dem Frostalben ums Eck folgte. Der Arashi zögerte. Er könnte mit zweien fertig werden, doch es würde schwer sein, es unauffällig und leise zu erledigen. Er blickte in der Gasse umher. Es gab keine Flucht- oder gute Versteckmöglichkeit – immerhin hatte er sie deshalb ausgewählt; er saß in der Falle.
Stück für Stück kamen die beiden näher und Sasuke bereitete sich auf den Angriff vor. Er würde warten, bis sie auf seiner Höhe waren und den zweiten Mann, einen Arashi, anspringen und bewusstlos schlagen. Ein gezielter Hieb mit der Handkante hinter die Ohren sollte ausreichen. Dann musste er hoffen, dass der Leibwächter nicht zu schnell reagierte, denn er plante zu ihm aufgeschlossen zu haben und ihm das Genick zu brechen, noch bevor sein Komplize scheppernd auf dem Boden aufschlug. Die Männer erreichten ihn. Lautlos trat Sasuke vor und überwältigte den Arashi wie geplant. Sofort sprang er nach vorne, doch der Leibwächter hatte sich bereits umgedreht. Gerade rechtzeitig brach Sasuke den Sprung ab und rollte sich am Boden ab. Das Eisschwert des Alben sauste über ihn hinweg.
„Du!“, knurrte er. „Wir wussten, du würdest kommen. Sei froh, dass sie dich lebend wollen, sonst würde ich dich hier und jetzt einen Kopf kürzer machen.“
Er griff zum Gürtel und Sasuke schnellte nach vorne. Mit einem kraftvollen Fußtritt schlug er dem Frostalben das Horn aus der Hand, das einige Meter weiter hinten auf dem Boden landete.
„Na gut, dann keine Verstärkung“, sagte dieser mit gefletschten Zähnen und nahm das Schwert wieder in beide Hände. Sasuke nahm die nach vorne gerichtete Tatsi Kum Fußstellung ein, die Hände hatte er vor dem Körper erhoben. Der Leibwächter machte zwei schnelle Schritte und stach mit dem Schwert zu. Geduldig wartete Sasuke bis er zum Schwerthieb ansetzte und wich erst dann zur Seite aus. Er leitete mit seinem rechten Arme den Schwertarm des Frostalben an sich vorbei, packte zu und rammte ihm den linken Ellenbogen zwischen Brust- und Rückenpanzer in die Rippen. Der Alb setzte zu einem wütenden Schwinger an, doch stand zu nahe an Sasuke und so konnte dieser den Arm problemlos abblocken. Nur Millisekunden nach dem Block schlug seine zweite Faust am Ellenbogen des Frostalben ein...

„Noch einmal.“
Sein Meister griff erneut an. Sasuke wartete ab und kurz vor dem Einschlag der Faust vollführte er seinen Block und setzte zur Konterbewegung an… da stachen die Fingerspitzen seines Lehrers schon in seinen Solarplexus und er japste nach Luft.
„Noch einmal.“
Sasuke nahm Aufstellung, rief sich die einzelnen Schritte ins Gedächtnis, doch das Ergebnis war dasselbe.
„Noch einmal.“
Er hatte schon lange aufgehört, die Runden zu zählen, als er schließlich auf den Boden sank und nicht mehr aufstand.
„Ich schaffe es nicht“, schluchzte er. „Ich mache schon so schnell ich kann.“
„Du bist auch nicht zu langsam“, antwortete Hishoko. „Du machst es falsch.“
Der Junge sah fragend zu seinem Meister auf. „Warten – Blocken – Kontern, das tue ich doch.“
„Lass mir dir eine Geschichte erzählen“, setzte Hishoko an. „Es waren einmal zwei Brüder, die sich alles teilten. Das Haus, die Frau, die Nahrung und auch das Geld. Eines Tages bat der eine Bruder den anderen einen Geldkoffer von ihm zu übernehmen. Er würde ihn vor die Türe stellen und dort sollte der andere ihn abholen. Also ging er hinaus auf die Straße, stellte den Koffer dort ab und ging zurück ins Haus. Der andere Bruder ging hinaus, doch der Koffer war schon längst nicht mehr dort.“ Er sah seinen Schüler eindringlich an.
„Diese beiden Brüder sind deine Hände, Sasuke. Der Wechsel muss vor der Türe erfolgen, hier vorne.“ Er nahm beide Hände nach vorne und vollführte ganz langsam einen Faustwechsel. „Der Moment, in dem du die Technik wechselst, zum Beispiel von der Abwehr zum Angriff, muss in einem winzigen, nicht wahrzunehmenden Zeitfenster erfolgen. Und zwar hier vorne.“ Er hielt beide Fäuste vor den Körper. „Wenn du das nicht begreifst, passt immer ein Angriff dazwischen. Und dort draußen in der Welt bohren sich dann keine Fingerspitzen in deinen Leib, sondern ein Messer oder schlimmer.“
Er vollführte mehrere Wechsel verschiedener Handtechniken. „Du musst diesen Wechsel üben. Immer und immer wieder, erst ganz langsam, dann immer schneller, bis er dir komplett ins Blut übergegangen ist. Denk immer daran, mein junger Schüler: mit Waffen zu kämpfen, muss man können, ohne Waffen zu kämpfen, muss man beherrschen.“


Tausende Stunden Training hatten Sasukes Bewegungen optimiert. Er erinnerte sich ganz genau an jede einzelne und sein Körper auch.
So hatte sein Gegner nicht einmal Zeit zu blinzeln, bevor die Faust ihr Ziel erreichte. Es knackte; der Arm des Leibwächters war gebrochen. Der Alb schrie auf und ließ das Schwert fallen, doch Sasuke machte sich nicht einmal die Mühe es wegzutreten. Er griff sofort nach dem verwundeten Arm, um jegliche Konterversuche des Gegners bereits im Keim ersticken zu können. Der Leibwächter schrie auf und wand sich vor Schmerzen, als Sasuke die verletzte Stelle taxierte. Der Arashi trat nach vorne. „Das ist für die Mädchen“, sagte er ruhig, ließ von dem Arm ab und drehte seinem Gegenüber den Hals um.

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 Betreff des Beitrags: Re: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: Di 5. Sep 2017, 12:23 
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Der Frostalb sank reglos zu Boden und Sasuke drehte sich um, um sich auf den Rückweg zu machen. Mitten in der Drehung hielt er inne. Er hatte etwas gehört. Vorsichtig ging er rückwärts auf die Wand der Gasse zu und senkte seinen Körperschwerpunkt soweit ab, dass er sofort würde reagieren können. Seine Hand glitt in die Nähe des Dolchgriffs und er wartete.
Sie waren zu fünft. Drei traten von der einen, zwei von der anderen Seite in die Gasse. Sie hatten alle ihre Waffen gezückt. <Das sind zu viele>, dachte Sasuke. Sein Vorteil war die Enge der Gasse, sodass sie ihn zumindest nicht zu fünft würden angreifen können und die Tatsache, dass sie ihn lebend brauchten. Trotzdem waren sie ihm zahlenmäßig weit überlegen und er hatte nur den Dolch als Waffe bei sich. Mit seinem Schwert hätte es ganz anders ausgesehen.
Hatten sie wissen können, dass er hier war? Vieleicht hatte der Leibwächter seit dem Mord an dem Mädchen immer ein kleine Einheit im Schlepptau gehabt… aber wie hätte Sasuke das entgehen können? <Ich war geblendet von meinem Wunsch nach Vergeltung!> schalt er sich. Oder waren sie zufällig hier? Es war egal. Er brauchte einen Plan.
Die Frostalben gingen nur langsam auf ihn zu. Sasuke hoffte, dass sie dies aus arroganter Selbstsicherheit taten, weil sie ihn in der Falle wussten und nicht aus Respekt vor seinen Fähigkeiten. Er musste die Liste seiner Vorteile unbedingt erweitern.
„Wir verhaften dich, Mörder“, sagte einer von ihnen schließlich. „Du wirst verhört und dein Urteil entscheidet sich je nach Kooperationsbereitschaft.“
Sasuke dachte erneut über seine Chancen nach. Wenn er sowieso verlieren würde, könnte er sich freiwillig abführen lassen. Unverletzt würde sich die Flucht leichter gestalten. Andererseits… die minimalste Hoffnung zu entkommen, wäre einen Angriff bereits wert. Er würde in einem Verhör nichts preisgeben und sie würden ihn mit Sicherheit foltern und verstümmeln.
„Gib auf, du hast keine Chance! Oder sollen wir dich in Einzelteilen hier wegschaffen?“ Er ging noch ein Stück auf Sasuke zu und richtete seinen Eisspeer auf dessen Brust. Ein großer Fehler. Sasuke packte die Waffe am oberen Ende des Schaftes und nutzte die Hebelwirkung, verstärkt durch den natürlichen Reflex des Alben, die Waffe zurück zu ziehen, um sich herum zu schwingen. Der Halbkreistritt traf den Mann an der Schläfe und er stürzte bewusstlos zu Boden. Sasuke landete mit erhobenem Speer zwischen den beiden Gruppen und mit der Häuserwand zum Schutz im Rücken. Seine Gegner knurrten wütend und zwei setzten zum Angriff an. Sasuke konnte einen Schwerthieb mit dem Speer abwehren, doch der zweite setzte ihm einen Schnitt an der Wade zu. Er knickte leicht mit dem Bein ein, kam aber schnell genug wieder nach oben, um den nächsten Hieb zu parieren. Heiß floss das Blut sein Bein hinab, doch er ignorierte den Schmerz so gut es ging. Wenn er nur an eines der Schwerter heran käme… mit einem Speer war er nicht sehr vertraut. Er änderte seine Taktik, drehte sich seitlich, sodass er die einen direkt fixieren konnte und den anderen scheinbar leichtsinnig den Rücken kehrte. Der Vorteil des Speeres war seine Länge. Er musste sie nutzen. Und er musste darauf vertrauen, dass sie ihn wieder zeitgleich angriffen. Der Mann gegenüber machte sich bereit. „Du brauchst weder Arme noch Beine zum Sprechen“, grinste er. Dann griff er an. Sasuke ging ein hohes Risiko ein, den Angriff mit der freien Hand abzuwehren, doch er musste es versuchen. Während er behände die Fußstellung wechselte und seinen Arm angewinkelt von innen nach außen schnellen ließ, um den Schwertarm entscheidend abzulenken, stieß er mit der anderen Hand den Speer zwischen Körper und Arm blindlings nach hinten. Beides geschah absolut zeitgleich und der Arashi legte die Kraft seines ganzen Körpers von den fest aufstellten Beinen an hinein, verstärkt durch Joi, den Kampfschrei des Jiu Jitsu.
Er verwandelte sich in einen Schmerzensschrei, als sich eine Klinge in Sasukes Schulter bohrte. Der Widerstand hatte ihm verraten, dass der Speer sein Ziel getroffen hatte, doch sie hatten ihn zu zweit von hinten attackiert. Er wollte herum fahren, um wieder seitlich zu seinen Gegnern zu stehen, doch da verpasste ihm der erste Alb, dessen Schwerthieb er eben noch erfolgreich abgewehrt hatte, einen saftigen Haken und er ging zu Boden. Sein rechter Arm war kaum mehr zu gebrauchen, die Wunde an der Schulter machte jede Bewegung zu einer Qual. Sasukes Blick war verschwommen von dem Schlag und er schob sich zurück an die Wand. Der Speer streckte tief im Leib des einen Frostalben, der zwar noch röchelte, doch bereits im Sterben lag. Trotzdem waren sie immer noch zu dritt und der Anführer konnte jeden Augenblick wieder erwachen. Es sah nicht gut aus für Sasuke.

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BeitragVerfasst: Mi 6. Sep 2017, 21:39 
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Sie kamen zu dritt auf ihn zu, hämisch grinsend. „So, du dreckiger Rebell… ich würde sagen, wir machen dich ein Stück leichter. Lasst uns ein bisschen was abschneiden, Kollegen.“
Sasuke schaute zu den Alben auf. Sein Blick hatte sich geklärt, doch seine sitzende Position machte eine Verteidigung fast unmöglich… fast… Er hatte einen Einfall. Vorsichtig führte er die gesunde Hand in Richtung des Dolches, der sich Gott sei Dank auf der richtigen Seite befand und wartete. Als die drei Soldaten nahe genug bei ihm angekommen waren, setzte Sasuke zu seinem Angriff an. Mit vor Schmerz zusammengebissenen Zähnen drückte er sich auf die Hände und drehte seinen Körper in Bodennähe schnell im Kreis, sodass er zwei der Männer auf Knöchelhöhe treffen und niedertreten konnte. Er sprang auf und stieß dem am nächsten liegenden Alb den Dolch in die Kehle, fuhr herum und wich dem wütenden und deshalb unplatzierten Schwerthieb des einen aus und trat dem anderen, der gerade aufgestanden war, mit einem vorwärts gerichteten Schnapptritt so gegen die Brust, dass dieser direkt wieder zu Boden ging.
Der nächste Angriff folgte mit einem Wutschrei und Sasuke konnte dem Schwert nur durch eine Seitwärtsrolle ausweichen. Er kam schnell wieder auf die Füße, doch die Wunde an der Schulter begann Tribut zu zollen. Er spürte, wie seine Bewegungen langsamer wurden.
„Ich sage scheiß auf die Befehle“, sagte der eine zum anderen. „Machen wir den Penner kalt.“
„Bist du wahnsinnig? Dumolon Eisträumer lässt uns die Köpfe abschlagen!“
„Wir sagen es war Notw- …“
Ein Geräusch hinter der Gruppe ließ ihn verstummen. Der Arashi, der den Leibwächter begleitet hatte, kam stöhnend auf die Füße. Die beiden Frostalben sahen sich an, dann Sasuke.
„Den zu töten warst du dir zu schade, was?“ Er lachte hohl. „Dann sollst du dafür büßen. He, Shukero! Ich habe einen Auftrag für dich.“
Der Arashi sah noch etwas durcheinander aus, doch dann erblickte er erst den reglosen Leibwächter, dann Sasuke und sein Blick verhärtete sich.
„Geh Verstärkung holen“, fuhr der Soldat fort. „Na los, schnell!“
Shukero nickte. „Rebellenpack!“ spuckte er aus und eilte aus der Gasse.
„So und nun zu dir. Die Sache hat jetzt ein Ende.“
Beide stürzten auf Sasuke zu, der die Hand mit dem Dolch schützend vor sich, die andere eng am Körper hielt, um die Schulter möglichst zu entlasten. Kurz bevor sie ihn erreichten, stürzte er sich im Hechtsprung nach vorne zwischen den Beinen der beiden hindurch und rollte sich schwer atmend ab.
„Das gibt es doch nicht!“ brüllte der eine. Genervt drehten sie sich wieder zu Sasuke um. Hinter ihnen kam der Anführer zu Bewusstsein und Sasuke kämpfte gegen den Schwindel an, der ihn mit immer drängenderer Kraft zu übermannen drohte. Seine Augenlieder wurden bereits schwer und er wusste, dass er einem weiteren Angriff nicht würde standhalten können… und auch die Verstärkung konnte jeden Moment eintreffen. Er meinte gar schon am Eingang der Gasse einen Schatten zu sehen.

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 Betreff des Beitrags: Re: Mission in My'shu
BeitragVerfasst: So 1. Okt 2017, 00:15 
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Ein Kampf dieses Ausmaßes war genau nach Segiras Geschmack. Ein tapferer Krieger, der sich ehrenvoll verhielt und ihre Hilfe brauchte… Eine ausweglose Situation… Ein übermächtiger Feind ... Ein Kampf, der viel Blut und Action versprach!

Segira hatte in einer Häuserspalte die Auseinandersetzung beobachtet. Es war nicht so, dass sie so herzlos war und kein Mitleid mit dem jungen Arashi hatte. Seine Verwundung trug er aber mit Stolz. Würdevoll erledigte er einen Frostalb. Jetzt wo er in die Ecke gedrängt wurde, schien sein Schicksal beendet. Doch dann richtete er sich erneut auf, konnte die beiden Männer niedertreten und den nächstliegenden Alb mit einem Sprung nach oben in der Kehle treffen.

Segira war stets dort, wo ein Kampf spannend war und auch für sie eine Herausforderung darstellte. Von ihrer Position aus, wo sie stand, entsandte sie ihren Geist in die Lüfte, kurz nachdem der Arashi an ihr vorbeilief und nach der Verstärkung rief. Dieser Arashi und auch die Frostalben konnte sie gar nicht sehen, da sie einen astralen Schirm um sich herumgebildet hatte. Nur wenn man wusste, dass sie dort war, konnte man sie sehen. Aber da man es nicht wusste, ging der Blick automatisch an ihr vorbei, denn nur ein konzentrierter Blick vermochte es den astralen Schirm zu durchbrechen. Ein Blick aus der seitlichen Peripherie des Auges reichte dafür nicht.
Der Blick in die Lüfte gab der Göttin die Informationen, die sie brauchte. Eine Truppe mit 30 Mann, aus Frostalben und Arashi bestehend samt ihren Oberfeldwebel, waren auf dem Weg nach hier. Verfluchte Schwächlinge! Segira spuckte aus Abscheu aus.

So etwas Unehrenhaftes hatte sie bei Frostalben noch nie gesehen. Dieser Pimpf musste wohl ein wichtiger Arashi sein und für die Rebellion der gelben Blüte eine tragende Rolle spielen. Wie wichtig, das konnte nur Ainuwar beantworten. Es ging Segira hier aber nicht um die Unterstützung ihres Lieblingsvolkes. Nein, die Arashi hatten sich durch eigene Dummheit in diese Situation gebracht. Kein Gott sollte einen derart politischen Einfluss auf die Sterbliche ausüben. Anders als Dal, Infiniatus oder Rakshor verachtete die Göttin des Krieges derlei Eingreifen.
Die Völker Asamuras können nur durch Lektionen zur Ehre erzogen werden. Und nicht durch politisches Winkeladvokatenspiel, wie Dal es machte.

Diese Frostalben verhielten sich unehrenhaft. Es war an der Zeit ihnen beizubringen, welchen Namen sie im Kampf da immer huldigten. Denn die Frostalben beteten auch zu Segira. Im Moment verrieten sie aber alle Ideale, die die Göttin vertrat. Es wurde Zeit für eine Lektion.
Mit diesen Gedanken trat die Göttin aus ihrem Astralschirm. Sie kam nur wenige Sekunden später in das Blickfeld des jungen Arashi, als dieser bereits auf dem Boden lag und mit der Bewusstseinslosigkeit kämpfte.

„Ihr habt Unehre über eure Familien gebracht. Ihr werdet euren Kindern noch lange von diesem Tag berichten, an dem euch beibgeracht wurde, was Ehre heißt“, sprach Segira voller Stolz und Würde. Sie hatte die Gestalt eines alten Arashi Lehrmeisters angenommen. Es war keine lebende Person, sondern rein nach ihrem Vorstellungsempfinden nachempfunden. Auf einem Stock gestützt, schritt sie gebrechlich auf die Frostalben zu. Das weiße Haar des Arashi Lehrmeisters war zu einem Zopf zusammengebunden. Sie hatte einen Spitzbart, und alte knochige Gesichtszüge, die von einem langen Leben berichteten. Unter dem Gewand (Kimono) hatte sie ein Katana, und ein Wakizashi verborgen. Es war eine ganz einfache Kampfausrüstung. Zusätzlich zur kargen Kampfausstattung hatte Segira ihre Fähigkeiten auf ein absolutes Minium zurückgeschraubt, nämlich auf die tatsächliche Fähigkeiten, wie ein alter Mann in dem Alter noch kämpfen konnte. Sie wollte es heute auch für sich besonders spannend machen.

Als die drei verbliebenden Frostalben ihre Stimme vernahmen, drehten sie sich um, und ließen den Arashi am Boden in Ruhe. Man sah wie die Frostalben schweiglos ihre Blicke kreuzten. Sie brauchten nicht vieler Worte, doch ihre Blicke verrieten Verachtung und Überheblichkeit.
Zu dritt kamen sie auf Segira zu und umkreisten die Göttin, wie ein Jäger seine Beute. Ehe überhaupt etwas passierte holte Segira mit einem Ausfallschritt bereits zum Kampf aus und es gelang ihr mit der Spitze des Katanas den Frostalben direkt gegenüber von ihr am Handrücken zu treffen, der daraufhin aus Reflex seine Waffe fallen ließ und entwaffnet war. Die Reaktionen der beiden Frostalben ließen nicht auf sich warten. Nur durch seitliches Drehen zu den beiden Gegnern hin konnte sie mit ihrer Klinge direkt beide Schwerthiebe der Frostalben abblocken. Nun stand sie aber mit dem Rücken direkt zum Frostalben, den sie zu Beginn entwaffnet hatte. Natürlich wusste das Segira. Sie dachte nicht lange nach und hatte sofort eine Idee. Dank der Enge der Gasse konnte sie in einem galanten Sprung gegen die Wand springen. Von dort aus landete sie direkt auf den Frostalben, der inzwischen seine Waffe wieder gefunden hatte…aber nun auch die Spitze von Segiras Waffe in seiner Brust stecken hatte.

Da ein Herausziehen der Waffe aus dem leblosen Körper des Frostalben zu lange dauern würde, musste sich die Kriegsgöttin zur Seite, über seine Leiche hinweg, abrollen und den kommenden Schwertschlag des Frostalben mit ihrem Wakizashi abblocken. Sie bemerkte aber, dass sie bereits außer Puste war und dieser Körper bereits jetzt weniger hergab, als sie gewohnt war.
Aber das genau gefiel ihr und voller Stolz verkündete sie die erste Lektion, die sie den Frostalben heute mitgeben wollte:
„Vermeide es gegen Gegner zu kämpfen, die dir unterlegen sind. Suche dir stets einen gleichstarken Gegner, der die gleichen Chancen zu gewinnen hat.“
Die Frostalben schwiegen weiterhin, denn es waren keinerlei Worte notwendig in dieser Situation. Ein zu hektisches Vorgehen des zweiten Frostalben, während sich Segira gerade nach hinten bewegte, bewirkte dass Segira seinen Schlag abwehren konnte und seinen Hieb umlenken konnte, sodass sein Schwertarm zum Boden hin zeigte. Wenig später erreichte das Wakizashi von Segira seine Kehle und schlitzte diese auf.
„Willst du nicht weglaufen und wieder nach Unterstützung suchen? Oder schaffst du es alleine, wie jeder Krieger kämpfen sollte?“, fragte Segira den letzten Krieger vorwurfsvoll.
„Maul halten, Arashi Abschaum. Malgorion hat uns als höchste Rasse auserkoren.“, antwortete er bloß.

Der Gegner war aber zu weit weg, sodass Segira die Klinge des letzten Frostalbs aufheben konnte, und nun wieder eine funktionsfähige Waffe hatte. Das Eisschwert war zwar nicht ihre Lieblingsklinge, doch die Göttin beherrschte den Umgang mit jeder Waffe.
„Kannst du kämpfen?“, rief sie Sasuke zu, als sie mit dem Eisschwert bewaffnet nach hinten schritt. Sie unterhielt sich mit Sasuke, während der Frostalb auf sie einschlug. Ohne Probleme konnte sie dessen nächsten Kampfschritt voraussehen. Ihre viele geschlagenen Schlachten und gefallenen Gegner hatte ihr inzwischen eine Intuition gegeben, gegnerische Züge voraussehen zu können.

Und es passierte genau, wie sie gedacht hatte. Der Schlag ging in Richtung ihres Kopfes. Segira duckte sich bereits unter ihm hinweg, während der Gegner diesen Angriff vollzog. Sie stand plötzlich neben ihm, schaute ihn emotionslos an und sagte eiskalt: „Grüß deine toten Freunde von mir. Du hast unehrenhaft gekämpft. Du wirst es bald verstehen.“
Mit diesen Worten durchbohrte sie sein Herz.
Dem Arashi auf dem Boden half sie auf und stützte ihn so gut wie möglich ab. „Wir müssen uns beeilen. Ich zählte 30 weitere Frostalben auf dem Weg nach hier. Sie dürften gleich hier sein. Es sei denn du willst kämpfen...ehrlich gesagt hätte ich auch nichts dagegen“, sagte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen. Ein Lächeln wie es ungewöhnlich war für Segira - die Eiserne. Heute war ein guter Tag!
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