Zum Henker und zum Heiler


Das Geisterhaus
Die Geister sind eine erfolgreiche und wohlhabende Gilde von Auftragsm├Ârdern. Jedoch bietet das Leben im Geisterhaus mehr als nur ein gesichertes Einkommen, sondern auch ein zu Hause f├╝r Verlorene. Wichtigste Aufnahmebedingungen sind absolute Loyalit├Ąt und Verschwiegenheit - sonst endet man rasch selbst auf der Todesliste.
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Pavo
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Zum Henker und zum Heiler

#1

Beitragvon Pavo » Sa 28. Jan 2017, 19:28

Der Heiler brachte den ehemaligen Henker in seine Heimat - die Handelsallianz. Nur hier konnte Pavo ungest├Ârt seiner Arbeit nachgehen.

Eigentlich ging er jederzeit offen wie auch heimlich zugleich seiner Arbeit nach. Denn selbst wenn er einfache Krankheiten gegen bare M├╝nze heilte, konnte er daraus immer noch neue Einsichten gewinnen.

Letztendlich war das gro├če Endziel des alten Goblins schlie├člich nichts anderes als eine ultimative Heilung. Er wollte den Tod besiegen.

Den Feind jeden Arztes und Heilers. Auch wenn er Ainuwar verehrte, sah er den Tod als st├Ąrksten und h├Ąrtesten Gegner des Lebens an sich. Und Ainuwar hatte mit der kurzen Lebensspanne der Goblins sie besonders herausgefordert. Wenn sich kein Heiler dieser Sache annahm, w├╝rde sich daran niemals etwas ├Ąndern.

Wieso sollte man einfach sein Schicksal ertragen? Selbst als Priester des Ainuwar konnte Pavo nicht einfach diesen Umstand hinnehmen. Nat├╝rlich konnte man den Umstand von Werden, Leben und Vergehen begr├╝nden.

Wissenschaftlich wie auch Philosophisch. Dennoch, n├╝tzte alles Wissen nichts, wenn einem die Zeit davon lief. Wenn man seine Freunde ansah und wusste, sie waren teilweise gleichaltrig oder sogar ├Ąlter, aber sie w├╝rden einen mindestens mit einer doppelten Zahl an Jahre ├╝berleben.

Ainuwar war ein Gott. Wenn Gott die Goblins mit einer kurzen Lebensspanne erschaffen hatte, ihnen aber zeitgleich den sch├Ąrfsten Verstand von allen V├Âlkern schenkte und dass Wissen um die Heilkunst, dann musste man an dem Umstand etwas ├Ąndern k├Ânnen.

Gut im schlimmsten Fall konnte man dies sogar auf magische Weise, durch Nekromantie. Aber das war kein Leben sondern ein Un-leben als Untoter.

Pavo hing einen langen Moment seinen Gedanken nach und musterte dann seinen verbrannten Begleiter.

Den Tiefling hatte es ganz sch├Ân hart erwischt. Ein brennendes Luftschiff war auf ihn gest├╝rzt, oder zumindest Teile davon und nun sah der arme Kerl aus wie ein geplatztes Br├╝hw├╝rstchen. Die Verbrennungen waren schlimm, aber nichts was nicht wieder in den Griff zu bekommen w├Ąre, urteilte der geschulte Blick des alten Heilers.

Er hatte mit dem Burschen einen Pakt geschlossen, Heilung gegen Abarbeitung der Schulden. Nun Pavo hoffte, dass Urako genauso unempfindlich war wie er selbst. ├ťberhaupt, generell, k├Ârperlich wie geistig gesehen.

Er konnte keinen Gehilfen brauchen, der beim kleinsten Schmerzenssschrei eines Patienten zusammenzuckte oder schlimmer noch in sein Labor kotzte, nur weil er eine Person eine Gliedma├če amputieren musste. Dar├╝ber musste Urako stehen.

Nun es w├╝rde schon werden, dachte Pavo vergn├╝gt w├Ąhrend Urako brav hinter ihm her trottete.

Ob der Tiefling immer noch unter Drogen stand, oder einfach nur seinem Versprechen nachkam wusste Pavo nicht. Solange er gehorsam folgte, hinterfragte der alte Goblin den Umstand nicht.

Ihre Reise hatte einige Zeit in Anspruch genommen, aber endlich waren sie wieder auf dem Gebiet der Handelsallianz.

Ein bunter Mischmasch an V├Âlkern und Mischlingen bev├Âlkerte die Stra├čen. An dem Tiefling st├Ârte sich ebenfalls niemand. Ob freier Mann oder Eigentum von Pavo, den Leuten war es gleich. Der ehemalige Priester freute sich zur├╝ck in seiner Stadt zu sein und f├╝hrte Urako durch die Stra├čen der Stadt.

Sie liefen durch breite Stra├čen, vorbei an Verkaufsst├Ąnden, dann durch schmale Gassen. Pavo f├╝hrte Urako immer weiter, bis sie etwas au├čerhalb vor einem alten Fachwerkhaus standen.

Das Haus machte einen gem├╝tlichen und einladenden Eindruck. Das spitz-zulaufende Dach, die Bleiglasfenster, die dicken dunklen Balken die sich kontrastreich von hellen Putz der Fassade abhoben. Auf der linken Seite ragte ein steinerner Kamin empor aus dem sich Rauschwaden in den Himmel kringelten. Das Haus war eingefasst von einem Garten wie von einer steinernen Mauer.

Pavo ging die Stufen zur T├╝r hinauf und h├Ąmmerte dagegen. Ein lautes, tiefes Bellen erscholl. Dann dauerte es noch eine Weile und ihnen wurde von einem D├╝sterling die T├╝r ge├Âffnet.

"Pavo!", freute sich der D├╝sterling und dr├╝ckte den alten Goblin.

Dann wandte sich der Blick des Burschen Urako zu. Er musterte den Tiefling von oben bis unten, von links nach rechts und schien sich jede Schuppe von ihm einpr├Ągen zu wollen.

"Wer ist das? Der sieht ja schlimm aus. Vielleicht sollte ich mir mal seine Wunden genau angucken?", schlug Gasmi vor und schn├╝ffelte nach Urako.

"Das ist mein neuer Assistent Urako. Ich werde seine Verletzungen heilen. Da der Gute leider kein Geld zur Bezahlung hat, haben wir uns darauf geeinigt, dass er seine Schulden abarbeiten wird. Pass bitte auf, das er nicht versehentlich in den dritten Keller stolpert. Er ist nicht ganz auf der H├Âhe", sagte der alte Mann liebensw├╝rdig.

"Na klar! Das w├Ąre es noch, erst verbrannt und dann zu Tode gest├╝rzt. Kommt rein!", grinste Gasmi breit und gab die T├╝r frei.

"Danke. Folge mir Urako", sagte der alte Heiler und gab den Weg vor in seine Heilst├Ątte.

Gasmi schloss hinter Urako die T├╝r und verriegelte sie. Dann folgte er Pavo wie auch Urako auf dem Fu├če.
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#2

Beitragvon Urako » Sa 28. Jan 2017, 20:59

Urako trottete halb im Trance dem Greis hinterher. Die Schmerzen sp├╝rte er momentan nicht, aber auch seine ├╝brigen Sinnesleistungen waren stark eingeschr├Ąnkt. Wie es aussah, befanden sie sich in einer Stadt. Aber was f├╝r eine? Die Leute glotzten auf seine Wunden, lie├čen ihn aber ansonsten in Ruhe. Urako spuckte ihnen vor die F├╝├če, auch wenn er kaum Speichel hatte. Er war froh, als sie das Haus erreichten, das dem Heiler geh├Ârte. Als hinter der T├╝r ein Bellen erklang, ballte Urako die F├Ąuste und stellte sich so hin, dass er dem vermeintlichen K├Âter ordentlich in die Visage treten konnte, kaum, dass er herauskam - doch stattdessen kam ein kleiner schwarzer Kerl hervorgewuselt. Er knuddelte den Opa, woraufhin Urako die verschmorte Stirn runzelte. Aber seine Nase witterte. Er konnte momentan nicht gut riechen, aber dennoch stieg der unverkennbare Geruch eines D├Ąmons in seine Nase.

"Eh, Kollege", gr├Âlte Urako mit schwerer Zunge und klang entsetzlich unfreundlich bei diesem Gru├č. Er dr├Ąngelte sich an dem Zwergend├Ąmon und dem Opa vorbei und begann, in dem Haus herumzustiefeln, bis er ein Bett fand, in das er sich kurzerhand hineinlegte, um sich verarzten und bedauern zu lassen. Es war ihm herzlich egal, dass das Kissen bereits nach irgendwem anderen roch. Jetzt war er hier und er war krank!
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#3

Beitragvon Gasmi » Mo 30. Jan 2017, 22:10

Gasmi hockte sich umgehend zu Urako aufs Bett als dieser lag.

"Es hat etwas l├Ąnger gedauert die T├╝r aufzumachen. Ich musste noch Daves Kamel einfangen und zur├╝ck in seine Schreibstube bringen. Wird der Tiefling ein neuer Mitbewohner von uns? Schlie├čt sich Urako unserer Hausgemeinschaft an? Falls ja k├Ânnte ich seine Ausbildung ├╝bernehmen. Mache ich gerne.

Ich werde bei dem Tiefling bleiben, nicht dass Seddik w├╝tend wird sobald er nach Hause kommt. Das ist der Heilung nicht f├Ârderlich, wenn ein Ork auf ihn einpr├╝gelt", lachte Gasmi.

"Vielleicht solltest Du seine Medizin holen Pavo, damit Du ihn versorgen kannst. Ich meine guck Dir den Tiefling nur an. Er sieht aus wie ein Grillteller. Oder eher wie ein Flammkuchen. Ich glaube doch eher wie ein Flammkuchen mit viel gebratenem Speck.

Jedenfalls werde ich die Stellung halten, solange Du unten in Deinem Labor bist und holst was Du ben├Âtigst.

Ehrlich unter uns beiden, wenn die Patienten sterben, weil es das "Schicksal" verlangt - dann ist das so. Aber wenn Du Brandopfer durch die ganze Stadt jagst, hilft denen das nicht Pavo. Ich will Dich nicht kritisieren, Du hast uns allen schon oft genug das Leben gerettet.

Aber Du h├Ąttest ihn ruhig einreiben k├Ânnen. Wenn seine verbrannte Haut trocken wird, wird sie ├╝berall einrei├čen. Er wird sich sch├Ąlen wie eine vertrocknete Dattel. Dagegen m├╝ssen wir was tun", erkl├Ąrte der D├╝sterling und f├╝hlte Urakos Stirn.

Danach bef├╝hlte er von dem Tiefling ausgiebig die Haare und roch daran, bef├╝hlte die H├Ârner und die Ohren, w├Ąhrend ihm Pavo dabei nur am├╝siert zuschaute.

"Ich bin gleich zur├╝ck", verabschiedete sich Pavo und verschwand aus dem Zimmer.

Gasmi schaute dem alten Goblin noch einen Moment nach, ehe er seine volle Aufmerksamkeit auf den Tiefling richtete.

"So dann wollen wir mal. Du bist ganz sch├Ân verbrutzelt und verkokelt. Was ist mit Dir passiert?
Bist Du in einen Kamin oder in eine offene Feuerstelle gest├╝rzt?

Du scheinst ziemlich besoffen zu sein oder hast Du etwa Drogen genommen?
Du lallst und redest mit schwerer Zunge. Mach sowas nicht h├Ârst Du? Das Zeug bringt die Leute um. Der Alk und die Drogen. Egal wie Du Dich am Anfang f├╝hlst und was Dir die Verk├Ąufer versprechen. Ich habe gesehen, was dieser Dreck anrichten kann. Du siehst ja wie Du aussiehst. Gut eigentlich siehst Du nichts, ist auch besser so - glaub mir.

Pavo hat nicht gesagt, ob Du ein Teil des Rudels wirst. Aber falls doch, werde ich Deine Ausbildung ├╝bernehmen. Dann wird Dir sowas nicht mehr passieren. Ich werde Dir beibringen auf Dich selbst aufzupassen. Ich hatte schon mal einen Sch├╝ler wei├čt Du?", erkl├Ąrte Gasmi Urako freundlich und strich ihm mit den Krallen behutsam die Haare aus dem Gesicht.

"Bei Dir wei├č man gar nicht wo man zuerst anfangen soll. Ich vermute Dein Gesicht ist Dir am wichtigsten. Drum werde ich es zuerst versorgen", sagte Gasmi freundlich und strich dem Tiefling beruhigend ├╝ber den Sch├Ądel.

Der D├╝sterling sagte einen Moment lang nichts, denn er war damit besch├Ąftigt ausreichend Spucke im Mund zu sammeln um seinen "Sch├╝tzling" verarzten zu k├Ânnen. Als Gas der Auffassung war, Urako verarzten zu k├Ânnen, leckte er ihm die Wunden mit nasser Zunge sauber, damit sie gut verheilten.

Nachdem er Urako behandelt hatte, schaute er sich die anderen Verbrennungen an und testete mit den Krallen, wie weit die Wunden bereits verschorft waren. Gasmi tastete hier ab und dr├╝ckte dort, kratze hier und puhlte dort und schien den Tiefling aufs genaueste zu untersuchen.

Nur Urakos Schwanzquaste schaute der D├╝sterling lediglich mit den Augen an, ohne die Krallen zur Hilfe zu nehmen. Den Schweif zu ber├╝hren k├Ąme einer Aufforderung nach Vereinigung gleich, drum lie├č Gasmi die Finger davon. F├╝r so eine Aufforderung kannte er Urako nicht gut genug und der Tiefling war mehr Brikett als Mann.

"Sogar Deine Schwanzquaste ist in Flammen aufgegangen", fl├╝sterte Gasmi ungl├Ąubig und kratzte sich am Kopf.

"Das wird schon wieder Urako", sagte Gas aufmunternd und setzte sich wieder neben ihn.
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#4

Beitragvon Urako » Di 31. Jan 2017, 09:48

Urako lag schweigend da und lauschte dem Redeschwall des kleinen Mannes.

... musste noch Daves Kamel einfangen und zur├╝ck in seine Schreibstube bringen ... ein Flammkuchen mit viel gebratenem Speck ... vertrocknete Dattel ...

Er stand wirklich unter Drogen, er verstand nur Gr├╝tze. Gr├╝tze ... Urako feixte und ein schmerzhafter Stich durch seine Wangen strafte ihn sogleich daf├╝r. "Auuuuu", jammerte er. Der D├Ąmon fragte, was ihm am wichtigsten sei und mutma├čte, es sei sein Gesicht. "Die Fl├╝gel", protestierte er und hob schwach die Schwingen mit den verschmorten Membranen. "Meine Visage n├╝tzt mir auch nichts, wenn ich nicht mehr fliegen kann!"

Daraufhin begann der kleine D├Ąmon ihn abzuschlabbern. Ich muss tot sein, dachte Urako. Oder das Zeug vom Opa war wirklich heftig. Muss ihn fragen, ob ich noch mehr kriege, das ist ja das reinste Paradies! Ohne auch nur die winzigste Gegenwehr zu zeigen, selbst wenn es manchmal trotz der Dorgen zwackte, lie├č er die Behandlung ├╝ber sich ergehen und bem├╝hte sich, nicht ├╝ber beide Ohren zu grinsen.

"Und du willst mich also zum Sch├╝ler nehmen?", fragte er, w├Ąhrend das Kerlchen gerade seinen Ellebogen verarztete. "Du?" Er verkniff sich den Hinweis, wie mickerlich er ihn trotz seiner eigenen nicht gerade ├╝berragenden K├Ârpergr├Â├če fand und das er den Kerl herzlich auslachen w├╝rde, wenn er mit dem Rohrstock drohen w├Âllte, so wie sein erster Meister, der Urako f├╝r jeden Fehler brutal gez├╝chtigt hatte. "Was kannst du denn ├╝berhaupt, das du mir beibringen willst? Was ist dein Handwerk? Und wie hei├čt du eigentlich?"
Bello, dachte Urako sich gedanklich und musste ├╝ber seinen eigenen Witz grinsen, was ihm das Gef├╝hl bescherte, sein Gesicht w├╝rde mitten entzwei rei├čen. Er b├Ąumte sich ├Ąchzend auf. Dort, wo es noch ging, brach ihm kalter Schwei├č aus.

"Dein Alterchen k├Ânnte ruhig noch eine weitere Portion von dem Pieksding da rausr├╝cken", japste er und blickte zur T├╝r, wo sich aber noch niemand zeigte.

"Sogar Deine Schwanzquaste ist in Flammen aufgegangen", stellte das Kerlchen bedauernd fest.
"Schlimm, oder?", best├Ątigte Urako, erfreut ├╝ber die Anteilnahme. "In Rantamar hab ich ein Luftschiff abgeschossen und hab was von den Flammen abbekommen. Schau!" Die Spitze fuhr in Richtung des schwarzen Gesichts. "Da hatte ich blo├č ein kleines B├╝schel Fell dran am Ende - und das schei├č Ding muss mir nat├╝rlich auch noch abfackeln! Schau dir das an, sieht aus wie bei `ner Ratte." Er wedelte schwach mit dem kahlen rosa Schwanz. Dann klatschte er dem Kerlchen das h├Ąssliche Ding auf den Scho├č, denn ganz offensichtlich hatte er dieses K├Ârperteil noch nicht verarztet.

Die Wirkung der Droge lie├č langsam immer weiter nach und die Schmerzen wurden st├Ąrker. Auch das Bewusstsein, dass er f├╝r immer entstellt sein w├╝rde, dass er T├Âli und seinen zweiten Lehrmeister, den g├╝tigen Selan, verloren hatte, dr├Ąngte st├Ąrker in sein Bewusstsein und begann ihn zu qu├Ąlen. Verzweiflung huschte ├╝ber sein Gesicht. "Wo bleibt der alte Sack blo├č", knurrte er leise. "Ich verrecke hier und der geht spazieren!"
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#5

Beitragvon Gasmi » Di 31. Jan 2017, 11:01

Dem D├╝sterling kam es so vor, als w├╝rde der Tiefling bei jeder seiner Bewegung wie altes Pergament rascheln.

Bis er erkannte, dass er verschmorten Fl├╝gel bewegte. Wobei Fl├╝gel, es waren noch von Lappen. Hautlappen die arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Urako erkl├Ąrte ihm, dass seine Fl├╝gel ihm wichtiger waren als das Gesicht.

ÔÇ×Fakt Fl├╝gel sind wichtiger zum Fliegen als ein sch├Ânes Gesicht, jedenfalls wenn Du den Luftflug meinst und nicht den anderenÔÇť, lachte Gasmi.

Er freute sich dar├╝ber, dass der Tiefling seine Bem├╝hungen zu sch├Ątzen wusste und im Gegensatz zum restlichen Rudel nicht st├Ąndig herumzappelte und sich mit H├Ąnden und F├╝├čen wehrte, nur weil man ihm helfen wollte.

Oh ja, dieser Urako war ein ├Ąu├čerst dankbarer Patient. Wo Pavo blieb, war Gasmi im Moment v├Âllig gleichg├╝ltig. Vermutlich r├╝hrte er eine Paste an um dem Tiefling zu helfen.

Dabei wusste jeder, jedenfalls jeder Düsterling, dass Spucke das beste Heilmittel war, um Wunden zu versorgen. Selbst die Tiere in der Wildnis leckten ihre Wunden, weil sie seit Äonen von Jahren wussten, dass so die Heilung viel schneller einsetzte.

Eigentlich sollte Pavo das als Heiler wissen, dachte Gasmi kurz nach und schlussfolgerte, dass Pavo andere Leute vermutlich nicht gerne ableckte.

Es musste an seinem Glauben liegen. Der Glaube verbot viele Dinge, die ganz nat├╝rlich und vern├╝nftig waren. Denn ansonsten, so war sich Gasmi sicher, h├Ątte Pavo Urako doch schon vorher ordentlich abgeleckt und nicht den ganzen Heimweg leiden lassen!

Zumindest h├Ątte er ihn etwas einspeicheln k├Ânnen, es war schlie├člich kein Priesterkollege mit von der Partie. Pavo war manchmal wirklich kauzig, fand Gas.

Gasmi wurde von Urako aus seinen Gedanken gerissen, als dieser fragte was der D├╝sterling denn k├Ânnen w├╝rde und was er ihm beizubringen hatte. Gasmi schmunzelte innerlich.

Ja das war der Vorteil von D├╝sterlingen und Goblins. Je kleiner man war, je mehr wurde man untersch├Ątzt. Man wurde nicht wahrgenommen. Man war unsichtbar f├╝r die anderen, fast so wie eine Topfpflanze die im Zimmer stand. Das war auch ein Lebewesen, aber niemand schenkte ihr gro├č Beachtung. So war es bei ihm und seinen noch kleineren Kollegen auch.

Man sah sie nicht kommen, und wenn man sie sah, sah man danach nichts mehr. Schw├Ąrze, dass Nichts ÔÇô was gab es passenderes f├╝r einen D├╝sterling, als andere Leute in die Dunkelheit zu sto├čen?

Dar├╝ber durfte er allerdings nicht sprechen, denn weder Aino noch Dave hatten ihm die Erlaubnis erteilt und Urako war kein Rudelmitglied. Er konnte ihm nur ausweichend antworten. Wobei er konnte ihm von seinem Tarnjob erz├Ąhlen.

Kurier. Kuriere ├╝berbrachten Nachrichten und das tat er im Grunde ja sonst auch. Er teilte gewissen Personen mit, dass sie sehr unbeliebt waren und einer daf├╝r bezahlt hatte, dass sie anst├Ąndigen Leuten nicht mehr die Luft wegatmeten.

ÔÇ×Mein Beruf ist Kurier und ich kann Dir vieles beibringen. Muss ja nicht nur beruflich seinÔÇť, lachte Gasmi und t├Ątschelte Urako aufmunternd.

Das der Tiefling ├╝ber seinen verletzten Schweif so traurig war, konnte Gasmi nachvollziehen. Ein sch├Âner Schweif war wichtig. Zwar hatte der Schweif von dem Tiefling eigentlich nur optischen Nutzen und war nicht so ein wundervolles Allzweckwerkzeug wie sein Greifschwanz, aber trotzdem oder gerade deshalb verstand Gasmi das volle Ausma├č der Katastrophe f├╝r Urako.

ÔÇ×In Rantamar habe ich ein Luftschiff abgeschossen und hab was von den Flammen abbekommen. Schau!ÔÇť, sagte der Tiefling und deutete dann auf sein Gesicht.

ÔÇ×Nat├╝rlich hast Du das. Schrecklich, sei froh dass Dir dabei nicht mehr passiert ist. Deinen Schweif bekommen wir wieder hin. Vielleicht k├Ânnen wir einige Haare von Daves Kamel als Ersatz f├╝r Deine eigenen Haare anbringenÔÇť, antwortete Gasmi freundlich.

`Ein Luftschiff aufs Gesicht bekommen! Dann w├Ąr Dein Antlitz nur noch eine breiartige Masse. Vermutlich der Rest auch. Garantiert.

Dann h├Ąttest Du die Optik von Erdbeermouse und nicht mehr von einer knusprigen Dattel mein Freund. Meine Fresse, was zur H├Âlle hast Du eingeworfen??? Ein Luftschiff abgeschossen und abbekommen!

H├Ątte ja nie geglaubt dass mal zu denken, aber Du bist schlimmer als Jozo. Man was vermisse ich Jo ÔÇô meinen Butterkeks.

Stimmt, Du bist ein bisschen wie Jozo. Und Du hast auch eine tolle, au├čergew├Âhnliche Farbe. Aber auf Dich werde ich besser aufpassen und Dich werde ich retten.

Retten! Meine Spucke reicht doch niemals f├╝r die Fl├╝gel! Das ist hier aber auch ein Saftladen wenn man mal Hilfe braucht! Wir brauchen mehr D├╝sterlinge in unserer Gruppe, wenn schon keiner sonst bereit ist Spucke zu spenden!┬┤, dachte Gasmi grimmig.

Der D├╝sterling musterte Urako aus schmalen Augen, als er mit seinem Schweif vor dessen Gesicht rumwedelte.

Als er ihm das Ding in den Scho├č klatschte grinste Gasmi von einem Ohr zum anderen und hoffte Pavo w├Ąre wirklich spazieren gegangen.

Eingeschlafen h├Ątte ihm auch gefallen. Oder in Rente gegangen. Genau Rente w├Ąre gut, dass w├╝rde ihnen ein bisschen mehr Zeit verschaffen, dachte Gas vergn├╝gt.

ÔÇ×Gasmi. Gasmi von den GeisternÔÇť, gurrte der D├╝sterling liebensw├╝rdig und grabschte den Schweif von Urako. Er zwirbelte ihn zwischen den Krallen und schaute Urako an.

ÔÇ×Pavo kommt gleich wieder. Keine Angst, Du hast doch mich - ich bin f├╝r Dich daÔÇť, sagte Gas und streichelte Urako beruhigend.
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#6

Beitragvon Urako » Mi 1. Feb 2017, 15:59

"Kurier, pft", machte Urako ver├Ąchtlich, w├Ąhrend er sich von Gasmi bet├╝deln lie├č. "Was willst du mir da beibringen? `nen bl├Âden Brief irgendwo abliefern kriege ich gerade so noch hin oder `ne d├Ąmliche Botschaft stammeln - und wenn meine Fl├╝gel wieder fit sind, geht das sogar ziemlich fix. Aber meinetwegen. Warum auch nicht? So lange die Bezahlung stimmt ..." Er stemmte sich kurz auf die Unterarme und legte sich etwas bequemer hin. Eine Arbeit in Aussicht zu haben, die ausnahmsweise einmal nicht auf dem Exekutieren unliebsamer Mitb├╝rger basierte, das gefiel ihm. Pavo hatte zwar zun├Ąchst etwas davon gebrabbelt gehabt, dass Urako ihn bei seinen dubiosen Experimenten unterst├╝tzen sollte, aber wenn er sich die Sache so ├╝berlegte, erschien ihm eine Zusammenarbeit mit Gasmi eindeutig erstrebenswerter. Dessen Finger huschten flink ├╝ber seine Verletzungen und betasteten sie, fast als w├Ąre er ein Blinder, dabei schien er gut sehen zu k├Ânnen. Der Tastsinn war vielleicht bei diesen schwarzen Kerlchen wichtiger als der Sehsinn. Urako schloss die Augen und r├Ąkelte sich, doch fuhr sogleich zischend zusammen, weil schon wieder irgendwo seine Haut einriss. "Verdammte Kacke", fauchte er in Richtung der T├╝r und betastete die schlimme Stelle. "Wo bleibt dieser faule Tattergreis?! Mann sollte ..." In diesem Moment begann Gasmi, Urakos Schweif zu zwirbeln. Der Tiefling schloss den Mund, verleierte gen├╝sslich die Augen und floss entspannt breit. "Was bist du eigentlich f├╝r ein Gesch├Âpf, hm?", schnurrte Urako, der sich pl├Âtzlich f├╝r die Belange seines Gastgebers zu interessieren begann, der ihm vorher herzlich egal gewesen war. "Du riechst nach den Pforten der Unterwelt. Tiefling - oder noch was anderes? Und ist es bei euch ├╝blich, G├Ąste nur in Unterhose zu empfangen - oder hast du dich extra f├╝r mich in Schale geworfen?" Er grinste etwas und offenbarte sein zahnloses Zahnfleisch. Immerhin konnte er schon wieder anz├╝gliche Kommentare machen. Vielleicht ging es doch noch nicht zu Ende mit ihm.
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#7

Beitragvon Gasmi » Mi 1. Feb 2017, 18:19

"Eins nach dem anderen. Kurier wirst Du nur, wenn Du in die Familie aufgenommen wirst. Von daher es ist gar nicht so leicht wie es klingt, Botschaften zuzustellen. Nicht dass ob, sondern das wie z├Ąhlt. Aber das ist im Moment v├Âllig unwichtig.

Vorher... geh├Ârst Du Pavo... jedenfalls als Arbeitskraft.
Auch wenn Du vermutlich die attraktivste "Brieftaube" w├Ąrst die wir je im Dienst hatten", gurrte Gasmi.

"Was ich bin? Ich bin D├╝sterling, drum rieche ich nach Unterwelt. Einst Gasmi von den Nebelkatzen. Jetzt Gasmi von den Geistern - aber das spielt im Moment auch keine Rolle.

Genauso wenig wo sich Pavo rumtreibt. Oder vermisst Du ihn so sehr? Glaube kaum, dass er versteht was es mit Deinem Schweif auf sich hat oder welche N├Âte Du gerade durchleidest", erkl├Ąrte Gas fl├╝sternd, w├Ąhrend der Urakos Schweif z├Ąrtlich streichelte.

Mit der freien Hand fuhr er ├╝ber die Konturen von Urakos Gesicht, zeichnete den Verlauf der Nase des Tieflings nach.

"Wer hat es gewagt Deine Nase zu brechen? Nun h├Ątt ich Dich heut erwartet... h├Ątte ich vielleicht keinen Kuchen gemacht, aber den Lendenschurz weggelassen - so als Ehrengast", fl├╝sterte Gasmi kichernd Urako ins Ohr.
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#8

Beitragvon Pavo » Mi 1. Feb 2017, 18:32

Pavo hatte die Brandsalbe anger├╝hrt und machte sich wieder auf den Weg nach oben. Er wusste schlie├člich, dass Gasmi gerne die Patienten auf seine Art verarztete. Der alte Goblin betrat das "Krankenzimmer" und starrte Gasmi und Urako an.

Das Gas den Patienten auf die Art verarzten wollte, damit hatte Pavo nun nicht gerechnet.

"Vielleicht solltet Ihr damit warten, bis ich fertig bin und er etwas weniger verbrannt ist. Einen Gefallen tust Du ihm damit nicht", sagte Pavo ernst. Er zerrte den D├╝sterling kurzerhand von Urako weg und fing an seinen Patienten mit der Brandsalbe einzureiben.

"Das Du ihn vollgesabbert hast, habe ich mir irgendwie denken k├Ânnen. Das andere heb Dir f├╝r sp├Ąter auf", sagte Pavo und arbeitete weiter, damit Urako nicht zu lange leiden musste. Der alte Goblin sch├╝ttelte gedanklich nur den Kopf. Scheinbar konnte es Gasmi nicht bunt und exotisch genug sein. Zuerst ein wahnsinniger, sonnengelber Psychopath, nun ein rosa-bonbon-farbener Tiefling.

Pavo schmierte Urako von oben bis unten ein und murmelte sich etwas in den Bart.
Gasmi nahm sich ebenfalls aus dem Salbentopf und schmierte Urako mit ein.

"Ich helfe Dir, dann musst Du nicht so viel schmieren", grinste der D├╝sterling.
"Ist klar, nur zu", gab Pavo zur├╝ck.

Ein grosser Hund steckte seinen Kopf ins Krankenzimmer und witterte nach Urako. Einen Augenblick sp├Ąter wurde das riesige Tier sanft weggezogen und ein Mann in Robe stand in der T├╝r. Schweigend musterte er Pavo und Gasmi bei ihrer Arbeit.

"Wir haben einen neuen Gast. Er hat schwerste Verbrennungen erlitten, als ein Luftschiff brennend vom Himmel st├╝rzte.

├ťberall Flammen, Panik brach aus und der Tiefling stand mittendrin und hat alles abbekommen. B├Ąume gingen in Feuers├Ąulen auf, der Stra├čendreck schwelte, die Luft koche - es war ein Inferno.

In seinem Leid hatte er sich auf dem Boden gew├Ąlzt, mitleiderregend geschrien, wer kann es ihm verdenken. Ein grauenerregender Laut. Dann st├╝rzte er sich mit letzter Kraft in einen nahegelegenen Brunnen um das Schlimmste zu verhindern. Das hat ihm vermutlich das Leben gerettet, sonst w├Ąre er bei lebendigem Leib verbrannt oder seine Lungen w├Ąren irreparabel besch├Ądigt worden und kollabiert. Zusammengefallen wie nasse S├Ącke, das ist schon vorgekommen.

Drum bot ich ihm meine Hilfe an. Leider hat er kein Geld, so einigten wir uns darauf, dass er seine Schulden abarbeitet. Sollte er tauglich sein, k├Ânnte wir uns seine Aufnahme in die Familie ├╝berlegen. Er kann fliegen, das w├Ąre doch n├╝tzlich.

Nur vorher muss ich testen, ob er ├╝berhaupt Blut sehen kann. Der Beruf eines Heilers kann sehr blutig werden", erkl├Ąrte Pavo Dave.

"Ein Tiefling", sagte der Mann in Robe nur. Seiner Stimme war keine Wertung zu entnehmen.
"Wie ich bereits sagte, richtig ein Tiefling", stimmte Pavo zu.
"Du wei├čt wie Tieflinge sind?", fragte der Mann.
"Wie sind sie denn?", fragte Pavo und musterte Dave.
"So wie Goblins", gab Dave schmunzelnd zur├╝ck.

"Ich schlag Dich sp├Ąter. Wolltest Du was bestimmtes? Hast Du Dich bei Deiner gef├Ąhrlichen Arbeit verletzt? Vielleicht am Papier geschnitten, dann ziehe ich Deine Not-Behandlung vor", murrte Pavo.

"Autsch ", gab Dave s├╝ffisant zur├╝ck.

"Was war hier los w├Ąhrend meiner Abwesenheit?", grinste Pavo.
"Nichts. War super", grinste Dave.

"Ich liebe die Unterhaltungen mit Dir. Du bist immer so ausf├╝hrlich. Keine neuen Auftr├Ąge? Boteng├Ąnge? Oder was mit den Bilanzen?", fragte Pavo und rieb Urako vorsichtig weiter mit der Salbe ein.

"Reib eine Runde schneller. Wenn Du unten ankommst, ist der oben schon trocken", warf Dave ein, was Gasmi loswiehern lie├č vor Lachen.

"Ich bin alt!", beschwerte sich Pavo, musste dann aber selber lachen.

"Sed ist unterwegs - Botengang. Aino ist au├čer Haus, Familienbesuch. Lydia hat mich gebeten ihren Eltern eine Botschaft zu schicken - erledigt. Bilanzen f├╝r diesen Monat - super. Die Nachbestellung f├╝r Deine fehlenden Utensilien - erledigt.

Alles l├Ąuft rund. Sch├Ân dass Du wieder da bist Pavo. Komm nachher mal auf einen Tee vorbei, dann erz├Ąhl wie es wirklich abgelaufen ist", sagte Dave freundlich und lie├č die drei wieder alleine.

"So war es doch!", rief Pavo dem Naridier hinterher.
"Uns scheint niemand zu glauben!", sagte der alte Goblin zu dem Tiefling.

Pavo schmierte Urakos Fl├╝gel gro├čz├╝gig ein und betrachtete dann sein Werk zufrieden. Er zog eine gro├če Spritze auf und verpasste sie Urako ins Hinterteil. Gasmi schaute genau hin, damit nichts schief lief.

"Gegen die Schmerzen. Ruh Dich aus und erhole Dich gut. Ich schaue sp├Ąter nochmal nach Dir. Gasmi bringt Dir etwas Tee, f├╝r sp├Ąter", sagte Pavo freundlich.

Der alte Heiler packte seine Sachen zusammen und lie├č den Tiefling mit dem D├╝sterling allein. Pavo wusste Gas w├╝rde gut auf den Patienten aufpassen.
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#9

Beitragvon Urako » Do 2. Feb 2017, 07:44

"In die Familie aufgenommen werden? Was f├╝r eine Familie? Eigentlich wollte ich hier arbeiten. Malochen. Kohle scheffeln. Hast du irgendeine Schwester mit hundert B├Ąlgern, der der Kerl durchgebrannt ist und ich soll die jetzt durchf├╝ttern? Das kannst du aber mal sch├Ân vergessen. Familie braucht keine Sau. Und eine, die ich nicht selber in die Welt gesetzt habe, noch weniger."

Gasmi zeigte sich von Urakos derber Art reichlich unbeeindruckt und fuhr fort, ihn zu verarzten. Das letzte Mal hatte der Henker sich unter den Fittichen von Selan so gut aufgehoben gef├╝hlt, aber der hatte leider nur ein v├Ąterliches Interesse an ihm ge├Ąu├čert. Gasmi hingegen schien durchaus auch andere Interessen zu hegen und Urako war der Letzte, solche Anwandlungen abzuweisen, so lange auch nur ein Mindestma├č an Sympathie herrschte. Und Gasmi war ihm sogar ziemlich sympathisch. "Ein D├╝sterling", murmelte Urako. "Nie geh├Ârt." Und nie gehabt. Fehlt mir noch in der Sammlung.

Das Kerlchen widmete sich z├Ąrtlich seinem Gesicht, w├Ąhrend es sich erkundigte, wer ihm die Nase gebrochen hatte. Wenn das nicht so verdammt weh tun w├╝rde, w├Ąre das sicher angenehm.
"Die war mehrmals gebrochen", antwortete Urako. "Keine gro├če Sache, so was passiert. Die fehlenden Bei├čer sind ├Ątzender. Aber ich habs ihm besser gegeben als er mir, darauf kannst du Gift nehmen!" Er grinste und sein Grinsen wurde noch breiter, als Gasmi auf seinen anz├╝glichen Kommentar einging und dabei z├Ąrtlich seinen Schweif massierte. Die Wirkung konnte nur jemand kennen, der selber ├╝ber solch ein K├Ârperteil verf├╝gte. Urako lief ein wohliger Schauer ├╝ber den R├╝cken und die verbliebenen Stoppeln in seinem Nacken stellten sich auf. Ein Argument mehr, sich bevorzugt mit seinesgleichen abzugeben. Gedanklich verfluchte Urako seinen miesen Zustand. Er stand zwar unter Drogen, doch er sp├╝rte, dass sein K├Ârper nicht so reagierte, wie er es in solch einer Situation von ihm erwartete. Aber ein wenig kuscheln war ja auch nicht verkehrt, selbst wenn es kaum noch irgendwelche Regionen an ihm gab, die dazu geeignet erschienen. Einer seiner Fl├╝gel war zumindest teilweise noch intakt und so legte Urako die Schwinge um Gasmis R├╝cken, um ihn ein wenig mehr in seine Richtung zu dr├╝cken.

Just in diesem Moment platzte der alte Sack ins Zimmer. Nat├╝rlich, was auch sonst.

Urako schnaufte genervt. Andererseits hatte Pavo Recht mit seiner nun folgenden Moralpredigt. Die Drogen t├Ąuschten ├╝ber vieles hinweg, ohne ihren Einfluss w├╝rde Urako nun heulend und zitternd unter einem Bett liegen und vor Schmerzen und Todesangst wimmern.

Die zwei schmierten ihn gemeinsam mit der lindernden Salbe ein, die der Alte inzwischen anger├╝hrt hatte. Gar nicht mal so schlecht, die knorrigen, harten H├Ąnde. Urako versuchte, sich einen Dreier vorzustellen. Die zwei waren kleiner als er, aber nicht viel, er war ja selber nicht gerade ein H├╝ne, das lie├č ihnen viele M├Âglichkeiten offen. Man k├Ânnte einiges ausprobieren und interessante Utensilien gab es hier auch genug. Aber ob bei Pavo ├╝berhaupt noch was lief? Er schien wirklich alt zu sein. Andererseits sah er ja ganz r├╝stig aus ...

Ein Hundekopf, gefolgt von einem Menschen, schob sich zur T├╝r hinein und unterbrach seine Gedanken. Der Kerl saftete sie mit Generve voll.
"Siehst du nicht, dass du st├Ârst?", grollte Urako. Doch der Bl├Âdmann redete unbeirrt weiter. "Wichser", fl├╝sterte Urako, als der Kerl nicht ging. Was hatte er von einem Menschen auch erwartet.

Als der Saftsack endlich wieder weg war, schnaufte Urako erleichtert und genoss den Rest der Prozedur. Zu guter Letzt zog Pavo ihm den angeschmorten Lendenschurz ein St├╝ck herunter und verpasste ihm einen erneuten Pikser in den Hintern. Urako hatte keine Lust einzuschlafen, jetzt nicht! Ihm gefiel die Situation ausgesprochen gut. Au├čerdem kannte er die ganzen Leute hier nicht, es schien ein regelrechtes Wespennest zu sein, das sich in dem unscheinbaren H├Ąuslein verbarg, nicht nur aus Gasmi und Pavo bestehend, sondern noch aus dubiosen anderen Gestalten, denen Urako nicht ├╝ber den Weg traute, wie dem scheu├člichen Menschentyp mit seinem K├Âter. Der Hund selber war am Ende ein verfluchter Gestaltwandler, wie die verr├Ąterische T├Âli. Die zwei geh├Ârten aus dem Haus gejagt und mit ihnen der ganze Rest, der sich in diesen vier W├Ąnden noch verborgen hielt!

Einen Moment gelang es Urako, trotz der Droge die Augen offenzuhalten, indem er die Brauen hochzog, dann war sein Widerstand dahin. Er glitt, in einer ziemlichen Verrenkung daliegend und mit halb heruntergezogenem Lendenschurz, hin├╝ber ins Land der Tr├Ąume. Der Fl├╝gel rutschte an Gasmis R├╝cken herab und blieb schlaff liegen.
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"Wenn Kaiser, K├Ânige und Diktatoren ruhig schlafen,
warum soll`s nicht auch der Henker k├Ânnen?"
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Re: Zum Henker und zum Heiler

#10

Beitragvon Gasmi » Do 2. Feb 2017, 09:30

Der D├╝sterling musterte Urako schmunzelnd.

`In einer Tour nur am Schnattern oder am Motzen, man was hab ich das vermisst. Motz Du nur Urako. Ist Dein gutes Recht, wo Du aussiehst wie ein St├╝ck Brennkohle. Irgendwann geht Dir eh daf├╝r die Laune und die Luft aus und Du begreifst, dass Du Deinen Atem viel angenehmer vergeuden kannst. Bisschen scheinst Du es ja schon kapiert zu haben┬┤, dachte Gasmi gut gelaunt und warf einen Blick auf den Schweif des Tieflings.

ÔÇ×Von so einer Art Familie spreche ich auch nicht. Meine urspr├╝ngliches Rudel, also meine Familie ist tot. Was soll ich da gro├č zu sagen? Tragisch, traurig, aber nicht zu ├Ąndern. Verwandte kann man sich nicht aussuchen Urako. Unsere Form von Familie schon. Davon sp├Ąter, wenns soweit ist.

Du hast noch nie von D├╝sterlingen geh├Ârt? Wir sind die besten Heiler auf Asamura. Gibt nur keiner zu.

Du hast bestimmt schon mal einen von uns gesehen, dass f├Ąllt Dir wieder ein wenn sich der Nebel in Deinem Kopf lichtet. Ich erinnere mich an Tieflinge aus den S├╝mpfen. Viele Formen und Farben. Deine Farbe ist h├╝bsch, hat Dir das mal wer gesagt? Ich mag h├╝bsche Farben.

So ist es Recht. Wenn man einmal geschlagen wird, muss man mindestens zweimal zur├╝ckbei├čen. Gut sage ich besser schlagen oder w├╝rgen. Wie ist das mit Deinen Z├Ąhnen passiert?ÔÇť, fragte Gasmi und untersuchte kurzerhand von Urako den Mund. Er zog ihm vorsichtig die Lippen auseinander und schaute sich die Kauleiste von dem Tiefling an.

ÔÇ×Tja weg ist weg, Z├Ąhne wachsen nicht nach. Aber die Zahnl├╝cke kannst Du auch ganz praktisch nutzenÔÇť, grinste der D├╝sterling breit, strich mit dem Daumen ├╝ber die Zahnl├╝cke des Tieflings und zwinkerte Urako zu.
ÔÇ×Siehst Du, Du kannst doch noch einiges lernen ÔÇô nicht jeder Mangel ist ein NachteilÔÇť, kicherte Gas.

Gasmi gefiel das Urako ihn ebenfalls mochte. Er war nicht nur ein dankbarer Patient, er war auch knuffig.

Kaum dass mal ein klein wenig Zuneigung von dem Tiefling ausging und dieser ihm die Schwinge um den R├╝cken legte, donnerte Pavo herein.

Nat├╝rlich passte der Goblin wie immer den ung├╝nstigsten Zeitpunkt ab. Scheinbar hatten Priester eine nat├╝rliche oder sogar g├Âttliche Begabung jedes leibliche Vergn├╝gen im Keim zu ersticken!

Notfalls, wenn ihre Anwesenheit nicht ausreichte, durch Gewaltanwendung. Pavo zog ihn einfach von Urako weg! Und dann fing er an den Tiefling einzuschmieren, als h├Ątte er es auf einmal eilig. Vorher hatte er sich ganz sch├Ân viel Zeit gelassen, dachte Gasmi grimmig. Na gut, vielleicht hatte er auch die Salbe anger├╝hrt.

Gasmi half kurz entschlossen einfach mit Urako einzureiben. Warum sollte er auf seinen Spa├č verzichten offiziell Urako befummeln zu d├╝rfen, nur weil Pavo jetzt hier war?

Kaum bei der Arbeit kam Dave mit seinem H├Âllenhund Fedor vorbei. Gas nannte den Hund nur Daves Kamel, wegen seiner Gr├Â├če. Pavo k├Ânnte vermutlich auf Fedor in die Schlacht reiten, dachte Gasmi belustigt.

Der Magier schaute was sie mit dem Patienten so trieben. Dass er Pavo dabei wie ├╝blich auf die Sch├╝ppe nahm, gefiel Gasmi. Ein bisschen Rache hatte er sich verdient.

Als der Tiefling fertig mit Salbe eingerieben war, verpasste ihm Pavo noch eine Spritze, erkl├Ąrte Gasmi zu Urakos Pfleger und verlie├č das Zimmer.

Urako schaffte es noch einen Moment wach zu bleiben, ehe er in sich zusammensank wie ein Pudding in der Kurve.

Behutsam zog Gasmi den Tiefling hoch aufs Bett, schob ihn ganz an die Wand heran und legte ihn vern├╝nftig hin, so dass er nicht mit Verspannungen aufwachen w├╝rde. Was n├╝tzte die beste Behandlung, wenn sie eine weitere nach sich zog?

Als Urako gerade und entspannt auf dem Bett lag, linste Gasmi ihm einmal unter den abgefackelten Lendenschurz. Bis jetzt hatte er nur ein St├╝ck vom strammen Schinken des Tieflings zu sehen bekommen. Was er sah gefiel ihm.

Gasmi verlie├č kurz das Zimmer, holte ein neues Leinen-Bettlaken und deckte Urako damit vorsichtig zu. So lag er sch├Ân warm zugedeckt im Bett und das Leinenlaken w├╝rde seine Wunden nicht reizen oder festkleben.

Gas quetschte sich vorsichtig neben Urako und schlang seinen Greifschwanz um den Schweif von dem Tiefling. Der D├╝sterling rollte sich zusammen und hielt d├Âsend Wache.
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