Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Fäden des Schicksals

An der mediterranen Küste des Dhunischen Ozeans gedeiht Naridien, das reiche und multikulturelle Handelsimperium. Doch die wuchernde Wirtschaft hat ihren Preis. Wer den Fortschritt mehr schätzt als die Tradition, ist hier willkommen.
Naridien
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Vanja von Wigberg
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Fäden des Schicksals

#1

Beitrag von Vanja von Wigberg » Mo 29. Apr 2019, 16:52

Intro
Naridien, Hauptstadt Shohiro, Frühling 204 nach der Asche.

Rot und weiß blühende Rosen säumten den Weg, immer im Wechsel, den Hügel mit dem gleichmäßig geschorenen Teppichrasen hinauf. Es waren winzige Pflanzen, kein Jahr alt und vermutlich in voller Blüte vom Gärtner gekauft, um den Weg zum Herrenhaus zu verschönern. Unter dem grauen Himmel wirkten die eng gelegten quadratischen Billig-Steine des Weges, den sie schmücken sollten, besonders trostlos. Wie viel reizvoller waren die zwischen blühendem Unkraut liegenden Natursteine aus dem Fluss gewesen, auf denen Vanja in seiner Kindheit entlanggehopst war. Hier stand er nun mit seinem hastig zusammengestopften Notgepäck und blickte durch das Gitter auf das entfremdete Grundstück.
›Campinelli‹ verkündete das Namensschild auf dem neuen Briefkasten, das weiß gestrichene Eisentor war verschlossen und Vanjas Schlüssel passte nicht mehr.
Er überlegte, ob er läuten und nachfragen sollte, verwarf den Gedanken dann aber. Wenn der naridische Zweig der Wigbergs das Anwesen verkauft hatte, würden sie dem Käufer ein Lügenmärchen aufgetischt haben, warum sie das taten und wohin sie nun zogen. Kein Außenstehender bekam die Wahrheit serviert und erst Recht nicht, wenn dafür kein deutlicher Nutzen für die Familie heraussprang. Kaum eine andere Familie hüllte sich in ein so dichtes Netz aus Lügen, falschen Dokumenten und Tarnidentitäten wie die Wigbergs. Ein Netz, das seit Jahrhunderten weite Teile Asamuras durchzog und das doch fast niemand bemerkte, bis er selbst hineingeriet. Schon so manche Fliege hatte sich darin verfangen.
Nach diesem Netz suchte Vanja nun verzweifelt, er musste von der Bildfläche verschwinden und das möglichst schnell und komfortabel, doch leider war das Netz für den Außenstehenden unsichtbar. Auch für Mitglieder der Familie, wenn sie nicht wussten, wonach sie suchen mussten. Er selbst trug seinen Namen ebenfalls nicht offen zur Schau. Für den Uneingeweihten war er Pater Syrell, ein etwas schrulliger Priester, der statt der schwarzen Kapuze der Priesterschaft von Zeit und Raum in seiner Freizeit gern einen leuchtend blauen Kopfputz aus Ledwick trug, um anzuzeigen, dass er jetzt Feierabend hatte und nicht mit Fragen zu theologischen Schriften, spontanen Lebensbeichten oder Bitten um Handauflegen behelligt zu werden wünschte.
Als würde Ainuwar sich nun über die Schande ärgern, die dieser Wigberg über seine Priesterschaft brachte, ergoss sich aus dem grau verhangenen Himmel ein feiner Nieselregen über Pater Syrell.
Mit einem missmutigen Seufzen schulterte er seinen Pilgerstab, an dem das Gepäck baumelte, und folgte der Salzstraße zum Marktplatz, wo er sich bei den Händlern nach einer Mitfahrgelegenheit erkundigen wollte. Das Grau des Himmels verdunkelte sich zu schwarz und die Nacht brach herein.

Leylin
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Re: Fäden des Schicksals

#2

Beitrag von Leylin » Di 30. Apr 2019, 14:00


S
ich ausgiebig räkelnd erwachte Leylin in ihrem großen Himmelbett. Die seidigen Laken schmeichelten ihrer nackten, jugendlichen Haut als sie diese von sich schob und sich grazil als ihrem Lager erhob. Obwohl es in ihrem stilvoll eingerichteten Keller stock dunkel war und ein normales Auge nichts zu sehen vermocht hätte, fand die Vampirin sich ohne Probleme zurecht. Es war ihrer Nachtsicht geschuldet, dass sie selbst in völliger Finsternis noch sehr gut sehen konnte. Trotz alledem entzündete sie vorsichtig einige kleine Kerzen, damit die Welt um sie herum nicht eintönig in Schwarz-, Weiß- und Grautönen verblieb. Leicht blinzelnd, sich an das warme Licht gewöhnend, griff sie nach ihren Gewändern und kleidete sich an. Zuletzt schnürte sie, so wie sie es jede Nacht tat, ihr ledernes Lieblingsmieder und betonte auf diese Weise ihre schmale Taille sowie die kleinen aber dafür festen Brüste. Woher sie genau wusste, dass die Nacht bereits herein gebrochen war, das konnte sie, sollte sie je jemand einmal danach fragen, nicht recht beantworten. Es fühlte sich an wie eine innere Unruhe, die sie jeden Abend zur Dämmerung erwachen ließ und sie hinaus in die Nacht trieb. Sie hatte in der heutigen Nacht einen wichtigen Termin mit Vahemyr, einen Lichtalben und Stoffhändler, der sich ebenfalls in der Stadt nieder gelassen hatte. Er hatte ihr eine Nachricht zukommen lassen, dass er eine neue Lieferung an teuren Stoffen erhalten habe, welche gewiss ihren hohen Ansprüchen genügen würde. Doch bevor die Schattenseele ihren heimischen Keller verließ, tauchte sie ihre Fingerspitzen in eine rötlich schimmernde Paste, welche sie anschließend gründlich auf ihren blassen Wangen verrieb.

Ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt und hier und da hatten sich bereits kleine Pfützen auf der unregelmäßig gepflasterten Marktstraße gebildet. Der Laden Vahemyrs war nicht weit entfernt und Leylin spürte die aufkeimende Vorfreude in ihrer Brust. Der Händler, der ebenso wie sie einst aus Naridien stammte, war ein gutaussehender Mann. Er hatte sonnengelbes Haar und strahlend blaue Augen, die gewiss so manche Dame um den Verstand bringen konnten. Wäre Vahemyr nicht solch ein wichtiger Geschäftspartner, vermutlich hätte die Schattenseele es sich nicht nehmen lassen mit ihm das Lager zu teilen. Doch auf ihre völlige Hingabe folgte stets ein Festmahl und sie war noch nicht bereit auf die edlen Stoffe des Händlers zu verzichten. Auf der Marktstraße war unter normalen Umständen zu Beginn der Nacht noch reichlich viel los, doch der zunehmende Regen hatte die meisten Einwohner in ihr Heim und die Reisenden die nächstgelegene Taverne getrieben. So war die Gasse beinahe menschenleer als die Vampirin die Kapuze ihres schweren, schwarzen Umhanges über ihr silberblondes Haar zog und sich auf den Weg machte. Auf leichten, leisen Sohlen bewegte sie sich beinahe lautlos durch die Nacht. Den Kopf gen Boden gerichtet, erwartete sie doch niemanden bei solch grausigem Wetter anzutreffen, war der kommende Zusammenprall nicht zu verhindern. „Passt doch auf…“, zischte die Albengleiche Gestalt den großen Mann an, der sie beinahe über den Haufen gerannt hätte.

Sich innerlich aufregend hatte sie dem Fremden keinerlei weitere Beachtung geschenkt. Leylin hatte schließlich ein klares Ziel und der Regen lud nicht gerade zum Verweilen ein. Nass wie ein räudiger Straßenhund betrat sie letzten Endes das kleine Geschäft des Stoffhändlers, das Schild auf dem 'Geschlossen' stand, wie immer einfach ignorierend. Mit einem strahlenden Lächeln kam Vahemyr ihr entgegen und begrüßte sie freundlich. Er nahm ihr sogleich den nassen Umhang ab und bat sie ihn in das Stofflager zu begleiten. „Ich sage dir Leylin, solch edlen Stoff hattest du noch nie in den Händen. Er ist so zart wie der Morgentau und die Farben leuchten wie von den Sternen geküsst.“, säuselte der Lichtalb auf sie ein. Die Schattenseele war unter normalen Umständen keine Freundin von solch übertriebenen Beschreibungen, doch dies war nun mal die unverwechselbare Art des Händlers und sie hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt. Sanft ließ sie ihre feingliedrigen Finger über die Stoffballen streichen und nickte bedächtig. „Du sprichst wahr Vahemyr, ich nehme sie alle. Bitte lasse die Stoffe morgen in der Abenddämmerung zu meiner Schneiderei liefern. Ich werde sie dort erwarten und in Empfang nehmen.“, sprach sie mit lieblicher Stimme ohne dabei den Blick von den Ballen abzuwenden. Dann blickte sie zu dem Alben auf und lächelte freundlich, jedoch ohne dabei ihre spitzen Eckzähne zu entblößen.

Anschließend ließ sie sich ihren Umhang wieder um die zierlichen Schultern legen, zog die Kapuze erneut über ihr Haupt und verließ das Geschäft Vahemyrs. Die Türe war bereits hinter ihr ins Schloss gefallen, als Leylin aus den Augenwinkeln vernahm, dass bereits die Lichter in der Stube gelöscht wurden. Sie wandte sich noch einmal und beobachtete die rötlich leuchtenden Konturen des Alben, die nur sie allein wahrnehmen konnte. Ein kurzes Seufzen kam über ihre vollen Lippen. Der Durst nach Blut war noch nicht sehr ausgeprägt, denn sie hatte erst vor zwei Nächten ihr letztes Mahl gehabt. Und dennoch vernahm sie ein leichtes Brennen in der Kehle und ein spürbares Pochen in den Schläfen. Sie stand noch immer unter dem kleinen Baldachin des Ladens, der sie vor dem Regen schützte. Wohin sollte sie nun gehen? Für eine erneute Jagd, war noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, da es viel zu auffällig wäre, wenn in solch kurzen Abständen Menschen einfach verschwanden. Ja, sie musste vorsichtig sein, dem war sich die Vampirin mehr als bewusst. Würde sie zu gierig werden, zu ungeduldig, so würde man sie finden und vermutlich mit Fackeln und Mistgabeln aus der Stadt vertreiben – oder gar noch Schlimmeres. Doch sie hatte sich hier in dieser Stadt ein neues Heim geschaffen und hatte vor noch einige Jahre oder gar Jahrzehnte zu verweilen. Sie zog ihre Kapuze erneut tief ins Gesicht und machte sich eiligen Schrittes auf den Weg zurück in ihre Schneiderei.

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Vanja von Wigberg
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Re: Fäden des Schicksals

#3

Beitrag von Vanja von Wigberg » Di 30. Apr 2019, 20:13

Es mochte der Dunkelheit und dem feinen Nieselregen geschuldet sein, dass Vanja auf seinem Weg zum Markt von hinten angerempelt wurde. Doch als anstelle einer höflichen Entschuldigung ein Anraunzer folgte, verwarf er den Gedanken, dass er übersehen worden war. Er hielt inne, auf seinen Pilgerstab gestützt. Verärgert schaute er der jungen Frau nach, die im Dunst der Nacht verschwand. Vanja war mit seinen 42 Jahren weit davon entfernt, gebrechlich zu sein, aber unter der Priesterrobe war seine trainierte Gestalt nicht auszumachen. Da er bewusst leicht gebeugt ging, hatte die junge Frau nicht wissen können, ob sie den Herrn ins Straucheln oder sogar zu Fall hätte bringen können. Es gehörte schon eine besondere Dreistigkeit dazu, einen Gottesmann auf offener Straße dermaßen anzupöbeln, auch wenn er seine Freizeitchaperon trug. Das kannte er von Trunkenbolden, nicht jedoch von jungen Damen.

Er setzte seinen Weg kopfschüttelnd fort. Wohlerzogenheit war zwar eine der Tugenden der Adelsausbildung, aber dennoch fand er, dass sie generell zu den Grundlagen des zivilisierten Zusammenlebens gehören sollte. In Naridien spielte ein Adelstitel keine Rolle, aber auch einem Volk von Bürgern stünde ein wenig Höflichkeit gut zu Gesicht. Er zog nun doch die schwarze Kapuze der Ainuwarpriester über das Haupt, um seine Chaperon gegen die Nässe zu schützen. Er bot nun, als er zwischen den Öllaternen, welche die Salzstraße beleuchteten entlangschritt, den düsteren Anblick, den man von der Priesterschaft von Zeit und Raum gewohnt war, ein Mann in schwarzer Robe, das Gesicht in den Schatten und einen übermannshohen Pilgerstab an der Seite.

Ein nächtlicher Passant kam ihm entgegen. Nach einiger Zeit erkannte Vanja, dass es die selbe junge Frau war, auf ihrem Weg zurück. Er war gespannt, ob sie ihn ein weiteres Mal anrempelte, diesmal würde er sie lehren, Abstand und Anstand zu wahren. Aber eigentlich trachtete er nicht nach Streit, ihn interessierte vielmehr ein kurzes Gespräch. So schritt er ihr gezielt in den Weg.

»Guten Abend, Mademoiselle. Du hast mich vorhin angerempelt. Abneigung gegen die Priesterschaft oder ein Versehen? In letzterem Falle würde mir eine symbolische Wiedergutmachung einfallen, da du dir vorstellen kannst, dass ich nicht freiwillig bei diesem Wetter durch die Nacht spaziere.«

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Re: Fäden des Schicksals

#4

Beitrag von Leylin » Mi 1. Mai 2019, 11:01


D
as Gesicht gen Boden gewandt und hastig einen Fuß vor den anderen setzend hatte Leylin ihre Schneiderei ‚Mondgewand‘ schon fast erreicht. Der Regen durchnässte nach und nach ihren schweren Umhang und einige Strähnen des langen, silberblonden Haares lugten unter der Kapuze hervor. Leylin hasste Regen! Sie mochte weder die Nässe, noch den von nasser Kleidung ausgehenden, muffigen Geruch und sie freute sich bereits jetzt auf den Moment, da sie ihre Kleider von sich streifen konnte. Doch dann drang durch das Prasseln des Regens eine männliche Stimme an ihr Ohr, die sie ruckartig innehielten ließ. Missmutig hob die Vampirin den Kopf und blickte einem alten Mann ins Antlitz, der sich ihr beinahe schon auf eine unangenehm dreiste Art und Weise in den Weg stellte. Seine Worte lösten anfangs Verwirrung in ihr aus, doch dann entsann sie sich an den Zusammenstoß, den sie selbst schon wieder vergessen hatte. Die Lichtalbe legte den Kopf leicht schief und gestattete sich den Kerl genauer zu betrachten. Es war ein Mann im Priestergewand, der leicht gebeugt einen Stab zu Hilfe nehmend immer noch einen halben Kopf größer war als sie. Seine Augen lagen unter der Kapuze verborgen, doch die Stoppeln im Gesicht ließen ihn mehr wie einen Vagabunden als wie einen Mann Gottes erscheinen. Die Tatsache, dass er ohne zu fragen die persönliche Anrede ‚Du‘ verwendet hatte, fachte Leylins aufkeimenden Zorn fast noch mehr an als die Dreistigkeit zu behaupten, sie wäre es gewesen, die ihn angerempelt hatte. Beide Hände in die Hüfte stemmend schaute sie also zu ihm auf.

E
s war der Schatten des Priesters, der ihr Gesicht vor seinen Blicken verbergen musste und so begann Leylin frei zu sprechen: „Ich soll Euch angerempelt haben? Wenn ich mich recht entsinne, war ich diejenige die fast ins Straucheln geraten wäre. Mit welcher Begründung sollte ich mich auch des nachts einem Fremden absichtlich in den Weg stellen?“. Sie ließ dem Mann einige Momente Zeit über das Gesagte nachzudenken. Sie war klein und ihr Körper von zierlicher Statur. Die Vampirin hatte vor Kurzem erst ihren Durst gestillt und ihr Gesicht, würde er es denn in allen Einzelheiten erkennen können, war jugendlich und ebenmäßig. War sie allein auf den Straßen unterwegs, was selbstredend häufig vor kam, wurde sie oft dem ersten Anschein nach für ein Kind gehalten und dann eben auch wie eben solch eines behandelt. Doch sie war kein Kind, ganz gewiss nicht. „Eine Wiedergutmachung?“, fragte Leylin ungläubig und ein helles Lachen kam über ihre sinnlichen Lippen. „Wenn unser Zusammenprall eine rein zufällige Begegnung war, so schuldet Ihr mir ebenso eine Entschuldigung wie ich Euch eine schulde.“, kommentierte sie seine absurde Forderung. Der Regen hatte derweil nochmals zugenommen und ergoss sich nun in Strömen auf ihre Häupter. Ohnehin mittlerweile vollkommen durchnässt, schob Leylin ihre Kapuze vom Kopf. Sie begann den Priester mit grazilen Schritten zu umkreisen und blickte sich rasch in der Gasse um. Hier und da brannte in einigen Fenstern noch Licht, doch auf der Straße waren sie allein. Sie spielte mit dem Gedanken sich ein Nachtmahl zu gönnen, doch hier war kein guter Ort für ein solches.

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Vanja von Wigberg
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Re: Fäden des Schicksals

#5

Beitrag von Vanja von Wigberg » Mo 6. Mai 2019, 21:28

Vanja schmunzelte amüsiert, als die kleine Dame ihn umkreiste und die Umgebung ausspähte. Ob ihr bewusst war, wie auffällig ihr Verhalten für das Opfer in spe war? Wie eine Räuberin, die ihm die Kehle durchschnitt, sah sie nicht aus. Einen Mord an einem ärmlich aussehenden Reisenden zu riskieren hätte sie nicht nötig bei ihrer teuren Kleidung. Er tippte auf eine Taschendiebin.

»Wenn es denn ein Zufall war, so bitte ich natürlich höflich um Vergebung und hoffe, dir mit meiner kalten Schulter keinen Schmerz zugefügt zu haben, der das Maß des Erträglichen überschreitet. Kleine Mademoiselle, wie du siehst, bin ich ein Pilgerreisender. Es ist Nacht und ich bin weit gereist. Du hörst es an meinem Dialekt, ich bin zu Fuß den weiten Weg aus Souvagne gewandert, auf der Suche nach Erleuchtung. Und mein Ziel ist noch so fern, nicht in dieser Nacht zu erreichen, wenn man von Spenden und Opfergaben lebt und sich daher keine Mitfahrgelegenheit leisten kann. Möchtest du mir nicht eine Einladung aussprechen, mich am Ofen zu wärmen und mich an einer Speise zu laben?«

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Re: Fäden des Schicksals

#6

Beitrag von Leylin » Mi 8. Mai 2019, 14:06


L
eylin hielt augenblicklich in der Bewegung inne als der Fremde erneut seine Stimme erhob und blieb vor dem gebrechlich wirkenden Mann stehen. Nachdenklich legte sie den Kopf schief und blickte zu dem Priester auf. „Nun, wenn es so ist, dann will ich euch vergeben.“, sprach sie beinahe schon in einem belustigten Tonfall. Wenn die Maus von sich aus zur Katz kommen wollte, dann würde das Raubtier gewiss nichts dagegen einzuwenden haben. ‚Töte niemals an jenem Ort, wo du tagsüber schläfst…‘, hallte ein gut gemeinter Ratschlag in ihren Gedanken wieder, den sie einst von einem anderen Vampir erhalten hatte. Doch was sollte schon geschehen? Niemals hatte jemand ihren Keller unter der Schneiderei betreten und einen Priester auf Pilgerreise würde gewiss niemand bei ihr suchen. Sie schürzte also die Lippen und sagte dann: „Wer bin ich schon, einem alten Mann solch einen Wunsch abzuschlagen?“. Ihre blauen Augen funkelten voller Vorfreude, bevor sie weiter sprach: „Sofern Ihr Euch friedlich verhaltet und Euch einer Dame gegenüber zu benehmen wisst, dürft Ihr mich begleiten… Aber erwartet nicht, dass ich Euch ein Abendmahl bereiten werde.“. Welch ein Narr, schalt sie den Fremden in Gedanken. Alte Priester gehörten zwar nicht zu ihrer bevorzugten Beute, aber wenn sich jemand so bereitwillig in ihre Fänge begab, so würde sie gewiss nicht ablehnen. „Folgt mir einfach. Es ist nicht weit… Oder soll ich Euch stützen, nachdem ihr solch eine beschwerliche Reise hinter Euch habt?“, säuselte die Vampirin und bot ihrem Gegenüber ihren Arm an, bevor sie sich gemeinsam auf den Weg machten.

D
er Regen wollte in dieser Nacht einfach nicht nach lassen und so war Leylin sichtlich erleichtert, als sie den kleinen Schlüssel in das Schloss ihrer Schneiderei steckte und die Türe aufschob. Vor Nässe triefend betrat sie zu erst das kleine, aber edel eingerichtete Geschäft. Überall lagen Stoffballen kreuz und quer, hier und dort standen hölzerne Puppen gekleidet in kostbare Gewänder. In der hintersten Ecke des Raumes war eine hölzerne Tür, dahinter verborgen lag die enge Wendeltreppe, die in den Keller und somit in das Schlafgemacht der Vampirin führte. Rasch entzündete die vermeintliche Albe einige Kerzen und tauchte so den Raum in ein gemütliches, warmes Licht. „So, da wären wir. Fühlt Euch ganz wie daheim…“, sprach sie während sie der letzten Kerze zugewandt war und eben jenen Docht entflammte. Mit einem leisen Schmatzen landete ihr vor Nässe triefender Umhang achtlos auf dem Boden, wo sich sogleich eine kleine Pfütze ausbreitete. Sie griff anschließend nach einem Tuch und hielt es dem Priester hin, ehe sie sich selbst ein wenig trocknete. Ihre Bewegungen waren grazil, ihr zierlicher Körper lag nun nicht mehr unter dem schweren Stoff verborgen. Es mochte auch Männer geben, die auf üppige Weiber mit dicken Eutern standen, doch man sollte gar nicht glauben, wie viele Kerle sich nach ihrer Jugendlichkeit verzehrten. Fast schon schüchtern blickte sie zu dem Fremden hinüber und strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht. Sie mochte unschuldig und hilflos wirken, was zugebener Maßen ihre liebste Masche war. Dann wandte sie den Blick wieder ab und sprach: „Es ist wahrlich kein Palast, aber einen trockenen Ort zum Schlafen werdet Ihr hier finden.“.

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Re: Fäden des Schicksals

#7

Beitrag von Vanja von Wigberg » Do 16. Mai 2019, 15:48

Nachsichtig lächelnd schüttelte Vanja den Kopf unter der schwarzen Kapuze, unter der die azurblauen Enden der Chaperon heraushingen, als das Fräulein ihm den Arm anbot. »Danke, aber ich bin noch ganz gut zu Fuß unterwegs. Nur der Rücken macht mir bisweilen zu schaffen, darum trägt der Stab für mich den Großteil der Last. Ich kann ihn zwischendurch samt Bündel auf den Boden stellen oder an eine Wand lehnen, wenn das Gepäck mich zu sehr drückt. Das ist komfortabler, als einen Rucksack auf- und abzusetzen.«

Er folgte der jungen Dame, die ihn kurzerhand nicht nur in ihre Schneiderei und deren private Gemächer, sondern kurzerhand direkt in ein Schlafzimmer führte. Er nahm an, dies sei ein Gästeschlafzimmer und sah sich nach einer Möglichkeit um, seinen Stab abzustellen.

Er hatte ihn gerade in der Ecke an die Wand gelehnt, da fielen die Hüllen der jungen Frau. Das erstaunte Vanja dann doch. Einiges hatte er von der vermeintlichen kleinen Gaunerin erwartet, aber das nicht. Er zog amüsiert die Brauen hoch, setzte sich auf einen Stuhl und genoss die Vorführung, die zweifellos bewusst für ihn arrangiert war. Er versuchte zu schätzen, wie alt das Fräulein war. Höchstens zwanzig, eher jünger. Ihre Brüste zeigten sich klein, mit weichen Spitzen, die nicht auf Kinder schließen ließen. Vielleicht eher siebzehn? Sechzehn? Ihr Leib wirkte makellos und unverbraucht und der Priester ließ es sich nicht nehmen, ihren Körper in seiner Gänze zu begutachten. Als sie ihm das Handtuch reichte, wippten ihre kleine Brüste. »Merci, Mademoiselle«, sprach Vanja freundlich und ließ offen, ob er das Handtuch meinte oder die Vorführung, die er soeben geboten bekam. »Was verschafft mir die Ehre?« Er schlug die Kapuze zurück und zog die Chaperon vom Kopf, die er über die Ecke der Stuhllehne hängte. Die Frau sah nun sein kurzes, aschblondes Haar, das von der Feuchtigkeit dunkler wirkte und in nassen Spitzen nach oben stand. Alles in allem war der Priester ein unauffälliger Mann, doch wenn man sich die Zeit nahm, ihn zu betrachten, stellte man fest, dass er keineswegs unattraktiv war.

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Re: Fäden des Schicksals

#8

Beitrag von Leylin » Mi 22. Mai 2019, 17:07


L
eylin legte den Kopf leicht schief und blickte den Fremden mit ihren großen, unschuldigen Augen an. Sie hatte geglaubt, dass sie den Priester nicht ohne Weiteres verführen konnte, doch allem Anschein nach schien er auch nicht gänzlich abgeneigt zu sein. Ein kokettes Lächeln legte sich auf ihre vollen Lippen, als sie nach einem trockenen Nachthemd griff, welches sie sich kurzerhand überstreifte. „Ehre? Ich weiß nicht, wovon Ihr sprecht. Ist es nicht Recht, wenn eine durchnässte Dame sich in ihren eigenen vier Wänden trockenes Gewand anlegt?“, stellte sie nüchtern fest und setzte sich rücklings auf ihr Bett. Früher einmal hatte sie so etwas wie Scham verspürt, doch mit den Jahren war das unangenehme Gefühl welches mit der Nacktheit einherging fast gänzlich verschwunden. Sie hatte einen jungen, ansehnlichen Körper, nichts was es zu verstecken gab. Und wieso sollte sie Angst davor haben, was man über sie redete? Die meisten Männer erlebten nach einer Nacht mit ihr den nächsten Sonnenaufgang ohnehin nicht mehr. „Wie bereits schon erwähnt, habe ich nichts zu Essen im Haus und kann Euch daher nicht mit einem Abendmahl dienen. Ich hoffe, Ihr werdet mir diese Nacht nicht verhungern?“, fragte sie und lehnte sich leicht zurück, um sich auf den Händen aufzustützen. Ein wollüstiger Mann würde sich diese Gelegenheit wohl nicht entgehen lassen, doch von einem Mann Gottes erwartete sich die Vampirin Keuschheit und Zurückhaltung. „Und dann gilt es noch die Frage zu klären, wo Ihr nächtigen wollt... Ich fürchte ich habe nur ein einziges Bett.“, fügte sie hinzu und schürzte die Lippen.

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Re: Fäden des Schicksals

#9

Beitrag von Vanja von Wigberg » Fr 24. Mai 2019, 17:36

"Mademoiselle", sprach Vanja freundlich, "ich mag aus Almanien stammen, doch sind mir die naridischen Gebräuche nicht gänzlich unbekannt. Ich habe Verwandtschaft hier, welcher ich eigentlich auf meiner Reise einen Besuch abzustatten gedachte, doch leider sind sie gerade nicht in der Stadt. Dies hat dazu geführt, dass ich um diese Unzeit und zu diesem Unwetter durch Shohiro vagabundieren musste. Dass ein hilfsbereites junges Fräulein einen fremden Mann in ihr Schlafzimmer bittet und nicht in die Küche, ist auch in einem liberalen Land wie Naridien zumindest ungewöhnlich. Nicht, dass es mir etwas ausmachen würde, glänzt mein Charakter doch durch Bescheidenheit. Über das Dach über dem Kopf zu einer einsamen und kalten Regennacht würde sich nur ein Narr beschweren. Andersherum würde mancher es für wenig klug erachten, als junges Fräulein, das offenbar gerade allein in den eigenen vier Wänden weilt, einen Fremdländer ins Haus zu bitten und in das eigene Schlafgemach zu führen. Kam dir zu keinem Moment der Gedanke, dass dies gefährlich für dich sein könnte, mein Kind?"

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Re: Fäden des Schicksals

#10

Beitrag von Leylin » Fr 24. Mai 2019, 18:48


E
in glockenhelles Lachen erklang aus Leylins Kehle. „Ich will Euch nicht zu nahe treten alter Mann, aber es war Eure Idee mich zu begleiten. Ich meine… Seid Ihr nicht ein Mann Gottes? Ich habe nicht irgendeinen fremden Mann in mein Gemach geführt, sondern einem Priester ein Dach über dem Kopf geboten. Sagt mir, sollte ich mich vor Euch fürchten?“, fragte die jung aussehende Albe und erhob sich grazil. Mit kleinen Schritten ging sie auf den Fremden zu und hüpfte leichtfüßig über eine der kleinen Pfützen, die sich auf dem Boden gebildet hatte. Dieser Raum, der fensterlose Keller, war nicht nur ihr Schlafgemach, sondern auch ihr Arbeitsplatz. Gewiss drängte sich das große Himmelbett schnell in des Betrachters Vordergrund, doch nahm man sich die Zeit genauer hinzuschauen, fielen auch hier die zahlreichen Stoffballen auf, die sich in den Ecken auftürmten. Leylin blieb vor dem älteren Mann stehen, der warme Schein der Kerzen ließ ihre Hautfarbe gesünder erscheinen, als sie tatsächlich war. „Doch wenn Ihr um mein Wohl besorgt seid guter Mann, dann steht es Euch frei zu gehen. Falls Ihr aber bleiben wollt, so bitte ich um zweierlei Dinge. Erstens, gebietet es wohl die Höflichkeit mir euren Namen zu nennen und zweitens so sprecht doch auch mich mit meinem Namen an. Leylin, das ist der Name, den meine Eltern mir einst gaben.“ Die Vampirin lächelte freundlich und wandte sich dann einem Kleid zu, dass von einer der hölzernen Puppen getragen wurde. Sie runzelte nachdenklich die Stirn und griff dann nach einem Nadelkissen, um den Saum gewissenhaft abzustecken. Auf den Knien hin und her rutschend, hier und dort einige Nadeln feststeckend, fragte sie bewusst zweideutig, aber mit unschuldigem Tonfall: „Also, was ist es, das Ihr begehrt?“.

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