Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterlie├čen Relikte, deren Erforschung noch in den Anf├Ąngen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. W├Ąhrend die Urv├Âlker auf Altbew├Ąhrtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimb├╝nde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Die Nacht des Blutes [Oneshot]

Famlie von Hohenfelde
Diese alte Adelsfamilie hat zahlreiche Geistmagier und Nekromanten hervorgebracht. Das Familienleben ist gepr├Ągt von Intrigen. Morde, auch innerhalb der eigenen Reihen, und arrangierte Ehen zur Erweiterung der Macht sind an der Tagesordnung. Als Familienmitglied ben├Âtigt man starke Nerven und gleicherma├čen ein H├Ąndchen f├╝r B├╝ndnisse und Hinterhalte. Unter der F├╝hrung des neuen Oberhauptes Linhard verlie├č die Familie Naridien und versucht nun in Souvagne ein neues Leben zu beginnen, fernab des dunklen Pfades.
Antworten
Benutzeravatar
Brandur von Hohenfelde
Freiherr
Beitr├Ąge: 86
Registriert: Di 8. Aug 2017, 14:39
Volk: Naridier (Almane)

Die Nacht des Blutes [Oneshot]

#1

Beitrag von Brandur von Hohenfelde » Mi 29. Nov 2017, 22:11

Die Nacht des Blutes

Naridien.
29.11.188 nach der Asche.


Brandur war, als w├╝rde er etwas sp├╝ren. Als w├Ąre da ein Unwetter, das heraufzog, dabei hatten die Priester nichts Entsprechendes vorausgesagt. Brandur sp├╝rte genau, dass da etwas war, seine Tr├Ąume k├╝ndeten davon. Er f├╝hlte sich unwohl und wie von einer unsichtbaren Macht getrieben, als er mitten in der Nacht noch einmal von seinem Schlafgemach aufstand. Ohne einen Blick auf seine schlafende Frau zu werfen, zog er seine feinen Stoffpantoffeln ├╝ber die F├╝├če und trat auf den dunklen Flur des Herrenhauses. Es war still, niemand sonst war unterwegs, weder von den Mitgliedern seiner Familie noch von der Dienerschaft.
Nathaniel, sein Leibdiener, bemerkte, dass er aufgestanden war und kam aus der Kammer, die gleich an das Schlafzimmer der Herrschaften grenzte. Ohne ihn anzusprechen half er Brandur in den Morgenmantel und folgte ihm schweigend mit der ├ľllampe auf seiner Wanderung. Wenn Brandur nachts durch die G├Ąnge streifte, wollte er keine menschlichen Worte vernehmen und auch niemanden sehen, so dass sein Diener sich nach M├Âglichkeit au├čerhalb seines Blickfeldes hielt. Jeder der von Hohenfeldes hatte endlos viele Marotten und des Nachts herumzuirren war eine von Brandurs.
Die G├Ąnge des Herrenhauses waren ein endloses Labyrinth aus Dunkelheit, mit leeren R├╝stungen aus verschiedenen Zeitepochen an den W├Ąnden und nur sehr vereinzelt brennenden Lampen. Zwischen jeder Lichtinsel lag ein Fluss von Schw├Ąrze.
Brandur folgte dem schmalen, blutroten Teppich, ohne das Ziel zu kennen, die Augen starr geradeaus gerichtet, ohne wirklich etwas zu sehen. Die Realit├Ąt wurde ├╝berlagert von einer Traumwelt. Die G├Ąnge wurden zu Waldwegen, die sich bald als schmale, himmelshohe Br├╝cken durch die Wolken schwangen. Niemand au├čer ihm war hier, der Blick in alle Richtungen endlos und die warme Luft duftete nach Sommer.
Das Haus ver├Ąnderte sich um ihn herum, ohne dass er es bewusst wahrnahm, denn diese Erscheinungen waren ihm vertraut. Es verschob dumpf grollend wie ein im Schlaf knurrendes Untier seine W├Ąnde und man sagte, dass es lebte.
Brandur lie├č sich von ihm f├╝hren, von einem Gang zum n├Ąchsten, lie├č es seine Schritte lenken, dieses sein zu Hause, sein Gef├Ąngnis und von dem uralten Geheimnis leiten, das niemand verstand.
Wie ein Schlafwandler lie├č er sich treiben, bis er auf einem der Balkone stand. Hier erwachte er. Er zwinkerte einige Male, um sich zu sammeln und zur├╝ck in die Realit├Ąt zu gelangen. Etwas verwirrt schaute er sich um. Statt Sommer war Winter, statt Mittag war es Mitternacht. Er konnte sich an den Weg hier hier nicht mehr erinnern. Die zahllosen d├╝nnen Narben auf seinem Kreuz brannten, zwiebelten und stachen. Er fasste in seinen Morgenmantel und unter das Nachthemd und betrachtete seine Fingerspitzen, um sich zu vergewissern, dass er kein Blut auf dem R├╝cken hatte, sondern dies nur die ├╝blichen Erinnerungsschmerzen waren, die ihn in N├Ąchten wie diesen heimsuchten und vor denen sein Verstand in andere Sph├Ąren floh.
Der Vollmond schien viel zu hell, er blendete ihn regelrecht. Wie eine riesige leuchtende Scheibe hing er ├╝ber dem verschneiten Anwesen. Unter ihm an der Mauer rauschte der Fluss, der Eisschollen f├╝hrte. Die K├Ąlte drang durch seine d├╝nne Kleidung.
Als Brandur sich vom Licht abwandte, um wieder in das Haus zu gehen, bewegte sich im Dunkel ein Schatten hinter der offenen Balkont├╝r. Die Augen Nathaniels, der noch immer die ├ľllampe hielt, weiteten sich ungl├Ąubig, ehe sie starr wurden. Ein schlanker Degen schoss aus seiner Brust und verschwand ebenso rasch wieder darin. Der Diener fiel.
Noch bevor er auf dem Boden aufschlug, hatte Brandur ihm die ├ľllampe aus der Hand gerissen und schleuderte sie nach dem Angreifer. Augenblicklich war alle M├╝digkeit und Vertr├Ąumtheit fort, seine Sinne gesch├Ąrft und sein Wille fokussiert. Als Adliger war er in der Kunst des K├Ąmpfens von klein auf geschult worden.
Der Angreifer wich dem Wurfgeschoss mit dem Oberk├Ârper aus und grinste. Die Lampe zerschellte neben ihm an der Wand und das brennende ├ľl ergoss sich ├╝ber sein grinsendes Gesicht. Kreischend und um sich schlagend lie├č er den Degen fallen, den Brandur rasch an sich nahm. Mit zwei kurzen Tritten in die Luft befreite Brandur sich von seinen feinen Stoffpantoffeln, die wirbelnd davonflogen. Die Gefahr, dass er in ihnen stolperte, war zu gro├č. Aus der Ferne h├Ârte er Schreie. Er verzichtete darauf, dem brennenden Mann den Todessto├č zu versetzen, denn das w├╝rde ihn wertvolle Augenblicke kosten, und rannte in den finsteren Gang.
Einer seiner Br├╝der hatte den Krieg um die Erbfolge er├Âffnet, nur eine Nacht, bevor er es selbst getan h├Ątte. Brandur rannte mit wehendem Morgenmantel durch das Labyrinth. Vor der n├Ąchsten Abbiegung schob eine Wand sich langsam von der Seite in den Gang. Er beschleunigte sein Rennen, um den schmaler werdenden Spalt noch zu erreichen, doch kurz bevor er ankam, schloss sich Stein auf Stein. Er prallte dagegen, stie├č sich wieder ab und rannte den Weg zur├╝ck, den er gerade gekommen war, um eine andere Abzweigung zu finden. Nun fuhr am Ende des Ganges, dort, wo die n├Ąchste Kreuzung war, von unten eine Wand hinauf, ganz so, als ob die Bosheit ihres Vaters, vom Blut geweckt, zusammen mit dem Herrenhaus erwachte, um seine S├Âhne darin einzusperren, bis sie sich gegenseitig abgeschlachtet h├Ątten.
Mit einem Hechtsprung flog Brandur durch den schmalen Spalt, machte eine Rolle und kam wieder auf die F├╝├če. Den Degen hielt er noch immer fest in der Hand. Die an der Wand stehenden Ritterr├╝stungen klapperten, das gesamte Haus erzitterte, Stein knirschte. Alles schien sich irgendwie zu bewegen und von oben rieselte es aus den Fugen. Die Schreie um Hilfe waren durch die zahllosen W├Ąnde ged├Ąmpft, doch Brandur erkannte sie. Es war das Kinderm├Ądchen seines ├Ąltesten Sohnes und das seiner Leibwachen, die sie zu sch├╝tzen versuchten. Brandur hastete weiter, um zu ihnen zu gelangen, doch immer, wenn er einen Gang nehmen wollte, der ihn n├Ąher an seine Familie brachte, fuhr eine Wand heraus und versperrte ihm den Weg. Da war der n├Ąchste Abzweig, doch er war nicht leer. Darin polterten die Schritte einer rennenden Personengruppe.
Brandur hielt an und presste sich mit dem R├╝cken flach neben einer Ritterr├╝stung an die Wand. Die Truppe bewaffneter M├Ąnner rannte an ihm vorbei, dem letzten stach Brandur von hinten den Degen ins Kreuz. Er kannte ihn, der Kerl geh├Ârte zu Dunwin. Offenbar suchten sie in kleinen Gruppen das Labyrinth nach ihm ab und nach anderen, die wom├Âglich dem Anschlag entkommen waren. Die M├Ąnner rannten weiter, im L├Ąrm ihrer eigenen Schritte hatten sie das Aufschlagen des K├Ârpers ihres Kameraden nicht geh├Ârt. Brandur sprang ├╝ber ihn hinweg. Er war 48 Jahre alt und nicht mehr so schnell und wendig wie fr├╝her, doch er war gut trainiert und wusste mit einem Degen durchaus umzugehen.
Er holte auf und mit wenigen Stichen hatte er drei weitere M├Ąnner erledigt. Nur noch einer blieb ├╝brig. Der fuhr mit gezogenem Degen herum. Als Brandur nach ihm stach, parierte er, lenkte die Klinge um und der Stich traf ins Leere. Mehr als das, sein Gegner lenkte die Bewegung flie├čend in einen Gegenangriff um und Brandur konnte nur mit M├╝he verhindern, selbst erstochen zu werden. Sein Gegner trieb ihn mit mehreren Hieben r├╝ckw├Ąrts und Brandur erkannte im matten Licht ein vertrautes Bewegungsmuster.
┬╗Archibald┬ź, zischte er w├╝tend.
┬╗Oh, guten Abend┬ź, erwiderte sein Gegner und parierte eine weitere Attacke mit lockeren Bewegungen. Brandur holte zu stark aus. Kreischend fuhr sein Degen ├╝ber die steinerne Wand, Funken stoben und erhellten f├╝r einen Augenblick das Gesicht seines Gegen├╝bers, der seine spitz gefeilten Z├Ąhne in einem verzerrten Grinsen zeigte. Dann erloschen die Funken und das L├Ącheln. Archibald hieb mit doppelter Geschwindigkeit auf ihn ein. Brandur parierte mehrmals und erkannte dabei, dass er auf Dauer keine Chance hatte. Wenn er hierblieb, w├╝rde dieser Kampf in wenigen Augenblicken sein Ende besiegeln.
Nach der letzten Parade sprintete er davon. Im Finsteren hatte er gegen diesen Gegner keine Chance. Doch hatte Brandur bemerkt, dass Archibald eine kurze Pause eingelegt hatte, als die Funken gestoben waren und sein Grinsen schien eher dazu gedacht gewesen zu sein, die schmerzverzerrte Grimasse zu verbergen, zu der sein Gesicht geworden war.
Brandur musste irgendwie ins Licht kommen!
Im Rennen strich er mit den Fingerspitzen an der Wand entlang, um sich in den dunklen Abschnitten zu orientieren. Er stie├č mit der Hand an eine R├╝stung, packte zu und warf sie hinter sich um.
Das Poltern und Fluchen verriet ihm, dass Archibald dar├╝ber st├╝rzte.
┬╗Ich krieg dich, Hexer┬ź, br├╝llte der Schwertmeister.
Anhand seines Gegners und der Betonung, dass er ein Hexenmeister war, erkannte Brandur nun eindeutig, wer hinter dem Angriff auf seine Familie steckte. Archibald war ebenso ein Purie wie Dunwin.
Da war die T├╝r zum Balkon! Brandur beschleunigte seinen Sprint und rettete sich nach drau├čen. Schwer atmend stand er da, den grell leuchtenden Vollmond im R├╝cken. Sein Atem verursachte wei├če Wolken. Er starrte mit kampfbereit erhobenem Degen auf die T├╝r. Er war nicht mehr allein. Das Mondlicht spiegelte sich einen Moment lang in Archibalds Augen, dann trat der Schwertmeister zur├╝ck in den Schatten, der seit jeher sein Metier war.
┬╗Ich kann warten┬ź, knurrte Archibald. ┬╗Ich habe Zeit. Und du?┬ź
Der sonst so beherrschte Brandur blickte panisch in Richtung der kleinen, schie├čschartenartigen Fenster, die entlang des gro├čen Kastenbaus verliefen. Die Schreie, die daraus drangen, ver├Ąnderten sich. Dies waren nicht mehr die Stimmen von Erwachsenen.
┬╗Ich war gerade auf dem Weg zu deinen Kindern┬ź, sprach Archibalds Stimme aus den Schatten. ┬╗Ich hoffe, sie lassen mir noch etwas von ihnen ├╝brig. Dunwin hatte es mir eigentlich versprochen.┬ź
┬╗Du krankes Schwein┬ź, br├╝llte Brandur mit ├╝berschlagender Stimme. ┬╗Lass meine Kinder da raus! Es geht nur um uns drei, um Dunwin, Kunwolf und mich!┬ź
┬╗Du wei├čt so gut wie ich, dass das nicht der Wahrheit entspricht. Es geht um die Erbfolge. Zwei von drei Linien werden heute Nacht ihr Ende finden. Und eine von ihnen ist die deine. H├Âr nur, wie sie schreien. Ist das jetzt dein Sohn oder deine Tochter? Sie klingen so gleich.┬ź
Nur m├╝hsam konnte Brandur den Impuls, seinen Degen in die Schatten zu schleudern, unterdr├╝cken. Der Schwertmeister w├╝rde ihn abwehren und die Waffe an sich nehmen. Brandur blickte hektisch in alle Richtungen, auch abw├Ąrts, an der mauerartigen Balkonbr├╝stung hinab. Steil und tief, von hier aus gab es keinen Weg hinab. Keine M├Âglichkeit, seine Familie ├╝ber eine andere T├╝r zu erreichen und das Schlimmste vielleicht noch einmal abzuwenden.
┬╗Er versteckt sich auf dem Balkon┬ź, sprach Archibald zu jemand anderem. Eine zweite Person trat aus dem Dunkel an ihm vorbei ins Vollmondlicht. Dunwins Schwert war bis zum Heft getr├Ąnkt von Blut und er war in voller Kampfmontur. Er machte eine kleine, zuckende Bewegung aus dem Handgelenk und das Blut spritzte als langer Streifen auf den Stein. Der d├╝nne Eisfilm auf dem Boden schmolz. Es war noch warm.
┬╗Du bist der Letzte, Brand. Deine Familie ist tot. Ein w├╝rdiger Abschluss, ein Schmankerl zum Schluss. Komm her und tritt deinem Ende entgegen. Tut mir leid, Archi. Ich konnte nicht auf deine Ankunft warten. Sicher ist sicher. Es darf kein Erben au├čerhalb von meiner Linie ├╝berleben.┬ź
Ein entt├Ąuschtes Schnauben drang aus dem Dunkel. Brandur sp├╝rte, wie aller Lebenswille ihn bei diesen Worten verlie├č. Seine Degenspitze sank ein St├╝ck hinab. Dunwin sprach noch immer mit Archibald.
┬╗Wenn wir hier fertig sind, statte doch zum Ausgleich einfach meinen S├Âhnen einen Besuch ab und erteile ihnen eine Lehrstunde┬ź, schlug Dunwin vor, ohne dabei Brandur aus den Augen zu lassen. ┬╗Am Ende wird es nicht die Magie sein, die ├╝ber Sieg oder Niederlage entscheidet, sondern das Schwert. Bring ihnen das bei. Sie sind genau so wertlos wie jede andere dieser Missgeburten. Ihre Magie macht sie nicht zu etwas Besserem. Lehre sie das, Archibald. Lehre sie, was Angst vor einem Purie ist.┬ź
Archibald verneigte sich und im n├Ąchsten Augenblick griff Dunwin seinen Bruder an. Ihre Klingen trafen sich vor dem Vollmond, wirbelten gemeinsam herum, trennten sich wieder, schlugen erneut aufeinander. Brandur parierte, ripostierte, attackierte, so gut er konnte. Zun├Ąchst sah es gar nicht schlecht aus f├╝r ihn. Dunwin musste ihm nach hinten ausweichen, h├╝pfte auf die Mauer des Balkons und t├Ąnzelte r├╝ckw├Ąrts. Brandur setzte nach und hieb nach seinen F├╝├čen. Dunwin machte einen eleganten Satz dar├╝ber hinweg, sprang und landete auf dem Flachdach. Dann rannte er fort.
Dieser Feigling!
Brandur sprang folgte ihm ├╝ber die Mauer auf den Kastenbau. Dunwin schien zu straucheln, fiel auf ein Knie und er holte ihn bald ein. Den Sippenm├Ârder, denjenigen, der Archibald entfesslt hatte. Dunwin, die schlimmste Brut, die Alastair je hervorgebracht hatte! Brandur w├╝rde ihm ein Ende bereiten, jetzt und hier.
┬╗Wo ist Kunwof?┬ź Brandurs Stimme war ganz ruhig, als er vor dem knienden Dunwin stand. Er war ihm gefolgt, um ihn zu t├Âten und er w├╝rde es zu Ende bringen. Er kannte die Antwort, doch er wollte sie aus dem Mund dieses Scheusals h├Âren. ┬╗Wo ist unser ├Ąltester Bruder?┬ź
Dunwin lachte, dr├╝ckte das Bein durch und stand auf einmal wieder sicher auf beiden F├╝├čen. Das Straucheln, die Flucht - nichts als eine weitere Finte. Er stellte sich vor ihn hin und sah ihm furchtlos und ohne die Spur von Reue in die Augen.
┬╗Tot, so wie du auch gleich!┬ź, erwiderte Dunwin und trat Brandur noch bevor er den Satz beendet hatte in den ungesch├╝tzten Bauch.
Brandur war zu langsam. Er bekam den Tritt ab, bevor er seine Bauchmuskulatur anspannen konnte. Der Fu├č quetschte seine Eingeweide bis fast zur Wirbels├Ąule. Ein Schwall von Mageninhalt wurde in Brandurs Mund und Nase gedr├╝ckt, er erbrach sich, hustete und sah die Klinge auf seine Brust zurasen. Im letzten Augenblick drehte er sich zur Seite und riss den Arm nach oben. Der Degen fuhr unter seiner Achselh├Âhle hindurch, schnitt durch Morgenmantel und Nachthemd und zerteilte seine Muskeln bis auf die Knochen. Er sp├╝rte, wie die Klinge ├╝ber seine Rippen fuhr.
Sein Schwertarm war damit unbrauchbar. Rasch wechselte er die Waffe in die andere Hand, w├Ąhrend er den Schwertarm angewinkelt gegen seine blutende Flanke presste.
Dunwin br├╝llte vor Zorn. W├╝tend stach er nun nach der Kehle seines Bruders. Brandur versuchte, sich zu verteidigen. Doch mit dem linken Arm war er nicht halb so gut wie mit dem rechten und selbst mit seinem Schwertarm war er den Fechtk├╝nsten seines Bruders nicht gewachsen. Dunwin hatte nie auf Magie zur├╝ckgreifen k├Ânnen, sondern sich stets auf seinen K├Ârper verlassen m├╝ssen. Er war der beste Fechter ihrer Dynastie, ein hervorragender Krieger und weder seine Br├╝der noch sonstwer hatte ihm je in ihren zahlreichen ├ťbungsk├Ąmpfen ernsthaft zusetzen k├Ânnen, nicht einmal Archibald. Je l├Ąnger der Kampf dauerte, umso mehr wurde Brandur bewusst, dass sein Tod unausweichlich war. Die schwere Verletzung und die Anstrengung forderten ihren Tribut.
Doch er hatte noch einen letzten Trumpf. Wenn sein ├Ąlterer Bruder tot war, konnte er ihn beschw├Âren. Es w├╝rde sich zeigen, ob es wirklich das Schwert war, dem der Sieg geh├Ârte.
ÔÇ║KunwolfÔÇ╣, rief er gedanklich und tastete im Nexus nach der vertrauten Pr├Ąsenz. Er sp├╝rte ihn, v├Âllig verst├Ârt. Ja, er war tot. Kunwolfs Geist hatte noch nicht einmal richtig begriffen, was geschehen war und wurde schon wieder zur├╝ck in die Welt der Lebenden gezerrt. ÔÇ║Hilf mir, Bruder!ÔÇ╣, sprach Brandur eindringlich. ÔÇ║Dunwin ist uns zuvor gekommen, er hat die Nacht des Blutes selbst eingel├Ąutet. Unsere Familien sind tot, nur noch ich bin ├╝brig und ich bin verletzt! Hilf mir, dieses Schwein mitzunehmen, ihn mit mir in den Tod zu rei├čen! Schinde mir noch ein paar Minuten heraus, bis er ersch├Âpft genug ist, als dass ich ihm den finalen Sto├č versetzen kann!ÔÇ╣
ÔÇ║Ich bin kein guter Schwertk├ĄmpferÔÇ╣, erwiderte Kunwulfs Geist z├Âgerlich.
ÔÇ║So wenig wie ich, Bruder. Lass es uns gemeinsam versuchen, es ist unsere letzte Chance, diesen Wahnsinnigen in den Abgrund zu bef├Ârdern! Lass uns unsere Familien r├Ąchen und dann gehen wir gemeinsam in die Gro├če Dunkelheit ein.ÔÇ╣
Brandur sp├╝rte, wie die vertraute K├Ąlte des beschworenen Geistes sich um ihn legte wie ein Mantel aus Eis. Dann sank Kunwolf in ihn hinein und es war, als w├╝rde das Gehirn des Hexenmeisters gefrieren.
Dunwin wich ein paar Schritte zur├╝ck, als er das blaue Leuchten sah, das von Brandur ausging. Das erste Mal in dieser Nacht spiegelte sich Angst in dem Gesicht des j├╝ngsten der drei Br├╝der.
┬╗Es ist Kunwolf┬ź, keuchte Dunwin. ┬╗Du hast Kunwolf gerufen!┬ź
Brandur schlug die Augen auf. Sie leuchteten grellblau in der Nacht.
┬╗Wir bringen dich um┬ź, sprach der Hexer nun mit doppelter Stimme. Dann preschte er vorw├Ąrts.
Ihre aufeinanderprallenden Degen klangen wie die Schl├Ąge eines Schmiedehammers. Der Kampf verlief so schnell, dass man ihm kaum mit blo├čem Auge folgen konnte. Funken spr├╝hten. Brandur sp├╝rte, dass sie nun in der selben Liga k├Ąmpften. Zwei mittelm├Ą├čige Fechter in einem gemeinsamen K├Ârper standen gegen einen einzelnen sehr guten Mann. Es war wie ein Tanz des Todes, bei dem die F├╝hrung sich abwechselte. Mal jagte der Hexer seinen Gegner ├╝ber das Dach, dann war es umgekehrt. Sie drehten sich, ihre Klingen blitzen im Mondlicht und ein Funkenregen ergoss sich ├╝ber Brandurs Gesicht. Dunwins Gesicht war vor Anstrengung verzerrt. Brandur konnte mehrere Treffer landen, doch verhinderte Dunwins R├╝stung, dass die Treffer t├Âdlich verliefen. Sie verursachten bestenfalls einige oberfl├Ąchliche Schnitte. Und irgendwann sp├╝rte Brandur, dass er endg├╝ltig erm├╝dete. K├Ârper und Geist hatten sich bis zum ├äu├čersten verausgabt.
ÔÇ║Kunwolf.ÔÇ╣
ÔÇ║Ja?ÔÇ╣
ÔÇ║Ich kann nicht mehr. Du musst diesen Kampf allein ├╝bernehmen.ÔÇ╣
ÔÇ║Was?! Allein habe ich keine Chance! Halt noch ein wenig durch! Auch er muss irgendwann m├╝de werden. Ich helfe dir!ÔÇ╣
ÔÇ║Es ist vorbei. Ich bin am Ende, Bruder.ÔÇ╣
ÔÇ║Nein! Rei├č dich zusammen, komm schon! Noch ein bisschen!ÔÇ╣
Brandur sp├╝rte, wie Kunwolf all sein K├Ânnen zusammennahm, um seinen ersch├Âpften K├Ârper zu f├╝hren. Brandur taumelte herum, wurde durch die Gegend gezogen wie eine Marionette. Einige Hiebe lang vermochte Kunwolf noch, Dunwin standzuhalten. Dann trat er mit Brandurs K├Ârper fehl.
Brandur rutschte dem nackten Fu├č auf dem Eisfilm des Daches aus. Dunwin nutzte die Gelegenheit, verpasste ihm einen weiteren Tritt in den Bauch und Brandur st├╝rzte. Doch er prallte nicht auf dem Dach auf.
Er fiel weiter.
Brandur riss den Mund auf zu einem stummen Schrei, als ihm bewusst wurde, dass er gerade r├╝cklings vom Dach st├╝rzte. Er sah seine H├Ąnde vor sich, die ins Nichts griffen, den wirbelnden Degen, den er losgelassen hatte, seine nackten, strampelnden F├╝├če und seinen wehenden Morgenmantel, unter dem wei├č das Nachthemd hervor flatterte. Und dar├╝ber, auf der Dachkante stehend, die dunkle Silhouette Dunwins.
Brandur sp├╝rte von unten einen heftigen Schlag gegen seinen R├╝cken, eiskalt umschloss ihn das Wasser des Flusses. Der Hexenmeister verschwand in einem Wirbel von Luftblasen und ging darin unter. Der Fluss riss ihn mit sich, Brandur, den Bruder, Vater, Ehemann, Onkel, Geliebten, wirbelte ihn herum, schlug ihn gegen Steine und Baumst├Ąmme und zerrte ihn ├╝ber das kiesige Bett, ehe er das Bewusstsein verlor.

Als er erwachte, lag er auf einem steinigen Ufer. Es roch nach verfaultem Schlamm und nach Frost. Die Morgensonne war schon aufgegangen, doch sie hatte seine gefrorenen ├ärmel nicht aufgetaut. Brandur st├╝tzte sich auf die Unterarme, seine eis├╝berzogenen Kleider knisterten. Vor K├Ąlte waren seine Gliedma├čen steif und gef├╝hllos wie Holz. Es dauerte lange, ehe er auf allen vieren stand und noch l├Ąnger, ehe er, kreidewei├č, aufrecht stand.
Das Herrenhaus war von hier aus nicht zu sehen. Er musste weit fortgesp├╝lt worden sein. Vermutlich feierte man den Sieg und wollte sp├Ąter nach seiner Leiche suchen. Kunwolfs Geist war fort und Brandur zu schwach, um ihn erneut zu beschw├Âren. Er war vollst├Ąndig allein. Ihm wurde bewusst, dass alle, die ihm je etwas bedeutet hatten, seit letzter Nacht tot waren. Bis auf Dunwin.
Brandur begann am ganzen K├Ârper zu schlottern. Sein K├Ârper nahm den Kampf auf, obwohl seine Seele sich so starr und tot anf├╝hlte wie seine F├╝├če.
Er blickte flussaufw├Ąrts, wo hinter den kahlen B├Ąumen, weit entfernt, irgendwo das Herrenhaus lag, in dem er geboren worden war und in dem er das Martyrium seiner Kindheit verbracht hatte. Den Ort, von dem er und seine Br├╝der so oft versucht hatten, zu fliehen, damals als Freunde, bis sie zu alt daf├╝r waren und ihren Platz in der blutigen Geschichte der Familie von Hohenfelde einnahmen.
Steifbeinig, jeden Schritt einzeln setzend und unter extremen Schmerzen stapfte Brandur barfu├č durch das gefrorene Gras. In seinem R├╝cken war irgendetwas kaputt. Er konnte nur winzige Schritte machen und jede Ersch├╝tterung fuhr wie ein Blitz seine Wirbels├Ąule hinauf. Doch f├╝r Brandur hatte dies keine Bedeutung.
Seine Augen waren glasig. Erneut war es ihm, als w├╝rde er dies alles tr├Ąumen, als w├Ąre er ein Schlafwandler, der durch einen Alptraum wandeln muss, ohne je erwachen zu k├Ânnen. Nie zuvor hatte er sich so tot gef├╝hlt. Da war nichts mehr.
Den Blick entr├╝ckt, die Wahrnehmung in weiter Ferne, bewegte er sich mechanisch fort von dem Ort, an dem Brandur von Hohenfelde gestorben war.

Antworten