Die alten Hochkulturen von Asamura sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt. Die überlebenden Völker beginnen zu ahnen, dass der Schlüssel zur Herrschaft über Asamura in den Relikten liegt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien in diesem Wettlauf. Während die Almanen auf Altbewährtes setzen, treiben die Naridier den Fortschritt voran. Die Geheimbünde der Schatten sehen in der Magie die mächtigste Waffe und für die Rakshaner ist Krieg die passende Antwort. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen?

Brandurs Tod

Famlie von Hohenfelde
Diese alte Adelsfamilie hat zahlreiche Geistmagier und Nekromanten hervorgebracht. Das Familienleben ist geprägt von Intrigen. Morde, auch innerhalb der eigenen Reihen, und arrangierte Ehen zur Erweiterung der Macht sind an der Tagesordnung. Als Familienmitglied benötigt man starke Nerven und gleichermaßen ein Händchen für Bündnisse und Hinterhalte. Unter der Führung des neuen Oberhauptes Linhard verließ die Familie Naridien und versucht nun in Souvagne ein neues Leben zu beginnen, fernab des dunklen Pfades.
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Dunwins Geist
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Re: Brandurs Tod

#21

Beitrag von Dunwins Geist » Mi 7. Mär 2018, 11:23

Aimeric de la Cantillion / Dunwin

Aimerics Blick schweifte über die Runde, aber momentan schien niemand das Wort ergreifen zu wollen. Jeder war mit seinen Gedanken und seiner Art der Trauer beschäftigt. Es rührte Aimeric aka Dunwin sehr, wie viele zu Brandurs Verabschiedung erschienen waren. Sie alle fanden passende, freundliche ja sogar liebevolle Worte.

Auf seiner eigenen Beerdigung, hätte es sie gegeben, wären vermutlich ebenso viele Leute erschienen. Allerdings nur um sich per letzten Dolchstoß zu versichern, dass er auch tatsächlich tot war.

Dieser Körper, dieses letzte Geschenk seines Bruder brachte eine zweite Chance mit sich. Genau genommen sogar seine dritte, denn schon als beschworener Geist hatte er seine zweite Chance erhalten. Die dritte Chance wollte er aktiv nutzen. Er wollte seinen Lieben beistehen und er ihren gemeinsamen Traum erfüllen.

Er würde als Freund, Kamerad und Verwandter an Linhards Seite bleiben und so über diesen wachen und den Jungen beschützen. Und Dunwin hatte fest vor, sich ganz vorsichtig seinen beiden Söhnen zu nähern, um mit ihnen eine Freundschaft aufzubauen. Nicht um das Geschehene ungeschehen zu machen, dies war ein Ding der Unmöglichkeit. Aber er wollte ihnen etwas Gutes tun, und wenn es nur für fünf Sekunden ein ehrliches Lächeln war, dass er ihnen als dieser ferner Verwandter schenken konnte.

Wenn er dann selbst eines Tages abtrat, würde er sich vorher offenbart haben. Dann ging er zwar als die Person die er war, gehasst und verachtet, aber nicht jede Erinnerung an ihn wäre dann das Grauen, dass er auf so widerwärtige und verabscheuungswürdige Art und Weise in ihr Leben getragen hatte.

Als Geistwesen hatte er schlagartig gesehen was er gewesen war, nein mehr noch er hatte es mit jeder Faser seines Bewusstseins tatsächlich begriffen. Und dieses Begreifen teilte nun sein Bruder Brandur mit ihm.

"Wir kannten uns nur flüchtig Brandur, dennoch möchte auch ich Dir alles gute auf Deinem Weg wünschen. Grüße von Melville, Maurice und Massimo Magdalena auf der anderen Seite. Ich weiß eigentlich bin ich ein Außenstehender, trotz unserer Verwandtschaft. Aber dies ändert sich ab dato, sonst wäre ich nicht mit Euch hierher gereist.

Ich verspreche Dir gut auf Deinen Sohn aufzupassen und ihm ein loyaler Freund zu sein. Und sollten seine Heiratspläne noch stehen, so werde ich an Deiner Stelle mit meinem Vater verhandeln Brandur. Es würde uns freuen, wenn sich unsere Familie erneut binden, dieses mal im Guten. Ich selbst werde mich ebenfalls um eine Frau bemühen, die Zeit dafür ist reif und eine gemeinsame Suche ist eine leichtere Suche.

Wir haben Ansgar beigestanden, wir wollten Euch allen beistehen, damit Ihr Euch endlich von den dunklen Wegen abwendet. Das der finale Akt dazu auf unserer Scholle stattfinden würde, damit hat keiner gerechnet.

Stolz und Trauer mischen sich zeitgleich in meinem Herzen Brandur. Deine Familie wird immer eine zweite Heimat auf souvagnischem Boden haben, dass versichere ich Dir. Pass gut auf Dich da drüben auf",
erklärte Aimeric herzlich.

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Davard von Hohenfelde

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Re: Brandurs Tod

#22

Beitrag von Davard von Hohenfelde » Mi 7. Mär 2018, 11:45

Dave ging gemeinsam mit Varmikan nach vorne um sich von seinem Onkel Brandur zu verabschieden. Kurz vor ihm blieben sie stehen, während Varmikan Dave einen Arm um die Hüfte legte.

"Bei uns ist es einmal im Jahr Brauch mit den geliebten Verstorbenen zu sprechen. So hätten wir schon auf unserer Hochzeit zusammenstehen sollen. Aber man soll nicht über verschütteten Schnaps klagen, dass sagt Dave immer. Da ich nicht viel zu sagen weiß, ein Spruch aus meiner Heimat für Dich Brandur - Die Glut des Herzens ist am besten in den Tagen voller Dunkelheit zu erkennen", sagte Varmikan freundlich.

"Du hast unsere Hochzeit ruiniert Brandur. Bei der Friedensverhandlung hast Du uns versprochen, dass Du Dir eine Wiedergutmachung einfallen lassen würdest. Frieden in der Familie, wo jeder ohne Angst als die Person aufwachsen kann, die sie ist - ist mehr als eine Wiedergutmachung. Sie ist der Traum den niemand zu träumen wagte.

Durch Dunwins Anwesenheit erhielt ich letztendlich Antworten auf lange gestellte Fragen.
Ebenso durch die Anwesenheit der Bestie bei der Verhandlung.

Es waren keine Antworten die mir geschmeckt haben. Es sind schließlich auch keine Fragen, deren Frage-Berechtigung man seinem ärgsten Feind wünscht. Dennoch habe ich die Antworten erhalten. Es macht nichts besser, erträglicher oder ungeschehen aber es gibt dem Ganzen eine andere Form von Verständnis.

Mehr noch es gab mir die Möglichkeit damit abzuschließen, mich von ihnen loszusagen.
Ich war nicht der Schuldige, da ich mich nicht verteidigen konnte.
Sie waren die Schuldigen. Kein Kind, gleichgültig was er verbrochen hat, hat so etwas verdient.

Weise Worte die ich einst aus dem Munde eines ebenso geschundenen Mannes hörte, einem Tiefling. Aber Hören, Verstehen und sich zu Herzen nehmen können sind dreierlei Dinge. Warum ich Dir das erzähle? Nun damit Du auf Deinem Weg weißt, dass ich ebenso mit dem Grauen abgeschlossen habe. Sollte Dein Sohn meine Hilfe benötigten, bin ich jederzeit für Linhard da. Wir sind jederzeit für Linhard da, ebenso später für seine eigene Familie. Das Grauen wird sich nicht wiederholen, dass verspreche ich Dir, unabhängig von anderen Beteuerungen werden wir über die Einhaltung des Friedens wachen.

Ich gebe Dir ebenfalls etwas mit auf dem Weg, ein kleines Geschenk in Anerkennung Deiner Leistung. Unsere Tochter wird den Namen Irmina Ethelind Brenda von Hohenfelde-Eisseher tragen.

Und ja meine Worte waren damals aufrichtig gemeint, ich hätte Dir mein Kind anvertraut, auch wenn Du es damals nicht geglaubt hast. Vielleicht tust Du es heute, nur wird sie an Deiner statt Linhard in den Armen halten. Mach es gut Brandur",
sagte Dave traurig.

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Re: Brandurs Tod

#23

Beitrag von Veyd von Eibenberg » Mi 7. Mär 2018, 11:59

Veyd von Eibenberg war als Familienoberhaupt der von Eibenbergs zu Brandurs Verabschiedung erschienen. In seiner Begleitung befand sich Wolfgang von Wigberg, dass Familienoberhaupt der von Wigbergs. Somit waren die Oberhäupter der Sippe Hohenfelde-Wigberg-Eibenberg vollständig.

Beide, Veyd wie Wolfgang, wollten damit demonstrieren, dass sie sich ebenso wie alle anderen dem neuen Weg anschlossen. Auch Veyd und Wolfgang traten nach vorne. Veyd schenkte Brandur ein Lächeln. Ein ehrliches und aufrichtiges Lächeln, nicht eines seines Berufsstandes. Wolfgang schaute ernst, ja fast feierlich und dennoch traurig.

"Eine Bilanz ist das, was sich nach besten Wissen und Gewissen nicht mehr verstecken lässt.
Die Bilanz Deines Lebens Brandur - Du hast es verstanden, bessere Leute aus jenen die Dir folgten zu machen, als Du selbst einer warst.

Eine hohe Kunst, die Dir so schnell kaum jemand nachmacht. Oder auf den Punkt gebracht, gemeinsam sind wir mehr, als ein Einzelner jemals sein könnte. Ruhe in Frieden Brandur. Dass wünschen wir beide Dir",
sagte Veyd freundlich.
"Ruhe in Frieden", stimmte Wolfgang leise mit seiner heiseren Stimme zu.

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Re: Brandurs Tod

#24

Beitrag von Wolfram von Wigberg » Mi 7. Mär 2018, 12:13

Wolfram gesellte sich zu seinem älteren Bruder, dem Familienoberhaupt der von Wigbergs. Wolfgang begrüßte ihn mit einem knappen Nicken und einem freundlichen Lächeln. Erstaunt wie glücklich darüber, erwiderte Wolfram den Gruß.

Sie hatten sich lange nicht gesehen und sie hatten nicht gerade das beste Verhältnis. Genau genommen, hatten sie gar kein Verhältnis, da sich Wolfram vollständig von seiner Familie zurückgezogen hatte. Sein Lebenswandel passte nicht zu dem seiner Familie. Nun vielleicht ab heute schon, sonst wäre Wolfgang nicht zu Brandurs Verabschiedung erschienen.

"Es weht der Wind ein Blatt vom Baum,
von vielen Blättern eines.

Das eine Blatt, man sieht es kaum,
denn eines ist ja keines.

Doch dieses eine Blatt allein,
bestimmte kurz mein Leben,

drum wird dies eine Blatt allein, mir immer wieder fehlen - gute Reise mein Freund",
sagte Wolfram zu Brandur.

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Re: Brandurs Tod

#25

Beitrag von Davard von Hohenfelde » Mi 7. Mär 2018, 12:24

Osmund von Wigberg

Osmund wandte sich ebenfalls Brandur zu. Der alte Nekromant hatte Brandur zu seiner eigenen Verabschiedungsfeier heraufbeschworen und auch er wollte es sich nicht nehmen lassen, ein paar letzte freundliche Worte an den Mann zu richten, der auf seine alten Tage noch zu einer Weisheit gefunden hatte, für die manche wahrscheinlich Jahrtausende alt werden mussten.

"Auch ich möchte mich von Dir verabschieden Brandur.
Du brichst nun zu Deiner letzten Reise auf, jene Reise die Dich hinter den Schleier führt.
Vielleicht eines der letzten größten Abenteuer, zu denen man aufbrechen kann.
Ein einmaliges Abenteuer, dass man wagen kann... nun Du wirst ihn wagen... den Blick hinter den Schleier",
sagte Osmund freundlich.

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Re: Brandurs Tod

#26

Beitrag von Marlo von Falkenberg » Mi 7. Mär 2018, 15:47

Marlo

war erstaunt, wer alles gekommen war. Sogar Wolframs Bruder, sein Herr. Er war freundlich zu Wolfram. Zuerst hatte Marlo Angst, dass Wolfgang mit Wolfram auf Brandurs Beisetzung streiten wollte. Aber Wolfgang bemühte sich und sein Mann freute sich. Das gefiel Marlo.

"Ich hab es dir schon im Haus gesagt, du hättest nicht nach Souvagne reisen sollen. Ich hätte das verhindern müssen. Aber vielleicht musste alles zusammenbrechen, damit wir in deinen Namen neu aufbrechen. Da ihr Sprüche mögt, ein von mein Vater. Die Lebenden schliessen den Toten die Augen. Die Toten öffnen die Lebenden die Augen.
Mein Schwert für dein Sohn und deine Sache Brandur. Du hast mir viel bedeutet."

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Re: Brandurs Tod

#27

Beitrag von Linhard von Hohenfelde » Do 8. Mär 2018, 07:20

Linhard wartete ab, ob noch jemand etwas sagen wollte. Niemand wollte noch etwas anfügen, so wandte sich Lin selbst noch einmal an Brandur.

"Dein letzter Wunsch war es, in die Nachtburg zurückzukehren. Deinen Körper wie auch einige persönliche Dinge, sollte ich nach Deinem... Ableben den Flammen übergeben. Ich bin bereit Dir diesen Wunsch zu erfüllen, wie jeden anderen ebenso Paps. Aber bevor ich Deinen Körper den Flammen übergeben kann, bevor ich Deine leibliche Hülle verbrenne, bitte ich Dich darum diesen Wunsch zu wiederholen.

Also frage ich Dich hiermit Paps, möchtest Du dass Dein Körper den Flammen übergeben wird um in Rauch aufzugehen, oder möchtest Du Deinen Körper sicher verwahrt wissen? Für den eventuellen Fall, dass Du ihn noch einmal benötigst.

Die Entscheidung liegt bei Dir Paps.
Wie lautet Deine Entscheidung?",
fragte Lin liebevoll und schaute Brandurs Geist abwartend an.
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"Niemand wendet sich gegen die Familie, sonst wendet sich die Familie gegen Dich" - Linhard von Hohenfelde

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Brandur von Hohenfelde

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Re: Brandurs Tod

#28

Beitrag von Brandur von Hohenfelde » Do 8. Mär 2018, 12:46

Brandur war ergriffen. So viele Menschen waren angereist, um ihn zu verabschieden. Mehr als das, jeder Einzelne hatte sich lange seine Gedanken gemacht, welche Worte er ihm zum Geleit geben konnte, das hörte er daran, wie wohl durchdacht sie klangen. Der neue Familiengruß, den Linhard nannte, war die goldene Krone der Wünsche. Brandurs Substanz flimmerte. Er war nicht nur ergriffen, er war erschüttert. Fast war es ihm unmöglich, zu glauben, dass dies überhaupt seine eigene Familie war - jene Familie, die er sich stets gewünscht hatte, nunmehr nicht in Form arrangierter Knochenpuppen, sondern leibhaftig, lebendig, aus Fleisch und Blut, so standen sie vor ihm und waren, was sie schon immer hatten sein sollen. Es war schmerzlich-schön zu wissen, dass sein eigener Opfertod das ermöglicht hatte, was sein größter Traum gewesen war - jenen Traum, für den er sich einst so sehr schämte, dass er ihn im tiefsten Keller der Nachtburg versteckt gehalten hatte, wie ein finsteres Geheimnis. Es war schon seltsam, dass man sich in dieser Familie für seine Sehnsucht nach Liebe hatte schämen müssen wie für ein schändliches Verbrechen, während man voll stolz davon sprach, welche Menschen man auf welch grausame Weise aus dem Weg geräumt hatte. Das alles war nun vorbei. Der Traum war zum Leben erwacht.

»Ich möchte mich bei euch allen aus tiefstem Herzen bedanken. Mit so viel Anteilnahme hatte ich nicht gerechnet, doch muss ich gestehen, dass ich sie mir gewünscht hatte: Eine Beisetzung, bei der man meinen Leichnam nicht bespuckt und aus Angst, er könne wiederauferstehen, bis zur Unkenntlichkeit durchlöchern würde, sondern eine Beisetzung, während der man meiner in Liebe gedenken kann. Den Großteil meines Lebens habe ich damit vergeudet, den Hass zu nähren, dessen Saat man in mich säte, so wie in uns alle. Ein verbitterter alter Mann, der doch eigentlich etwas anders sein wollte. Die Schuldfrage ist müßig, ob ich sie nun anderen in die Schuhe schieben möchte oder mir selbst. Egal, wie die Antwort ausfiele, sie würde nichts an der Vergangenheit ändern. Die Zukunft aber, liegt nun in eurer Hand. Ihr seid auf dem besten Weg, es richtig zu machen.«

Brandur lächelte so freundlich, so wie er sonst bestenfalls für Linhard gelächelt hatte oder vor langer Zeit für Aster. Ein Lächeln, dass er nicht aus Scham, versehentlich Weichheit gezeigt zu haben, sofort wieder in eine kalte Maske verwandelte, sondern eines, das seinen ganzen Stolz zeigte, diese Menschen seine Familie und seine Freunde nennen zu dürfen.

Er begann, jedem Einzelnen noch einmal persönlich zu danken. Das war das Mindeste. Er begann bei Marlo und Wolfram, denn diese beiden waren in mancher Hinsicht so viel klüger als die meisten anderen Menschen.

»Ihr beide seid auf dem richtigen Weg gewesen, lange bevor ich nur daran dachte, ihn zu betreten«, sprach er zu Marlo und Wolfram. »Sie beide haben verstanden, woran andere ihr ganzes Leben lang scheitern. Ich möchte in Ermangelung besserer Worte meinen guten Kasimir zitieren: Liebe ist niemals falsch. Ihr beide macht alles richtig. Das habe ich nun begriffen. Lasst euch nie von irgendwem etwas anderes einreden.«

Er drückte die beiden nacheinander mit seinen eisigen Geisterarmen.

»Marlo, bitte pass gut auf Wolfram auf. Du bist ihm wichtiger, als du selbst es glaubst. Ainuwar segne euch beide.

Und dir, Wolfram, danke ich für die grenzenlose und völlig selbstlose Gastfreundschaft. Bitte gib auf Margot acht. Sie wird in Zukunft körperlicher Schonung bedürfen. Wenn man vier Mal Vater werden durfte, weiß man die Zeichen zu deuten. Lass sie den Haushalt nicht mehr allein führen, vor allem nicht schwer heben. Vielleicht können deine Gäste lernen, sich selbst nützlich zu machen und dir so etwas zurückzugeben, anstatt nur deine Vorratskammer zu plündern.«


Er schwebte die Runde weiter zu Osmund und Maghilia und drückte auch die beiden ältesten Familienmitglieder zum Abschied.

»Wir hätten uns früher zusammensetzen und fachlich austauschen sollen«, bedauerte er. »Auch euch beiden danke ich von Herzen, auch wenn wir nicht viel miteinander zu tun hatten, für eure einfühlsamen Worte. Ihr seid der Beweis dafür, dass unsere Zunft nicht nur Schrecken und Abscheulichkeiten gebiert, sondern dass auch in einem Nekromanten ein lebendiges Herz schlägt. Deine Worte haben mich besonders berührt, Maghilia. Man sollte sie einrahmen.

Und dir Osmund ein kleiner Einblick aus der Sicht eines Toten, da du davon sprachst. Hinter den letzten Schleier vermochte ich nicht zu blicken, ich weiß daher noch nicht, was dahinter kommt, es ist ungewiss, auch wenn ich dort den Abgrund vermute, der, einem gezogenen Stöpsel gleich, alles ansaugt und verschlingt. Ainuwar, das Nichts. Kasimir wird mir in dieser Hinsicht natürlich widersprechen und auf das Licht verweisen, was am Ende der Nacht kommt. Was ich von weitem, ganz aus der Ferne sah, waren die Grenzen der Nacht, auf denen die Sterne leuchteten. Ein einziges Wort mag alles beschreiben, was ich empfand: Frieden. Die Trias zeigt sich als scheinbar endlose, monotone Einöde. Die Alben dort wirken in der Weite wie verlorene weiße Wanderer, die Totengeister wie schwarze Schatten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es gesund ist, sich lange dort aufzuhalten, selbst für einen Alben. Der Nexus jedoch, welcher der Physis am nächsten liegt, ist, so seltsam das klingt, noch voller Leben. Es gleicht einem astralen Feuerwerk, was sich dort abspielt. Es ist ein schöner Ort und man kann verstehen, wenn manch Geist sich weigert, von dort zu verschwinden und lieber als Spuk erhalten bleibt. Vielleicht nützen dir diese Informationen etwas für deine Arbeit oder trugen dazu bei, das wissenschaftliche Interesse zu befriedigen, das unseresgleichen für den Tod hegt.«


Brandur ging zu Veyd und Wolfgang.

»Dass ihr beide hier seid, freut mich besonders, weiß ich die Geste doch zu deuten. Uns verband nicht viel, außer das Blut. Und doch sind dies vielleicht die stärksten Bande von allen und seien sie noch so dünn.« Er schmunzelte. »Dass du selbst im Angesicht des Todes noch eine Bilanz ziehst, Veyd, ist wenig verwunderlich, gleichwohl amüsant. Man kann nicht alles für Geld kaufen, wenn auch sehr viel und oft genug Ersatz für jene Dinge, die wir uns im tiefsten Inneren wünschen. Die wichtigsten Dinge im Leben jedoch bekommt man geschenkt oder man bekommt sie überhaupt nicht. Vergiss das nicht, mein Lieber. Doppelte Buchführung ist nicht alles im Leben. Oh und sei so gut und denke über besondere Vertragskonditionen für Familienangehörige nach, auch wenn das dir am Geldbeutel zwackt - du wirst dafür Dankbarkeit erhalten und vielleicht den einen oder anderen Gefallen, den man dir sonst nicht erwiesen hätte bei deiner Knausrigkeit.«

Obwohl sie nicht viel miteinander zu tun gehabt hatten, drückte er auch diese beiden Menschen. Warum sollte er es nicht tun? Ihm war danach, sie waren seine Sippe und sie waren eigens für ihn den weiten Weg angereist.

»Wolfgang, bitte grüße zu Hause den Tarnkappendupont von mir. Ja, ich weiß von ihm. Ebenso weiß ich, dass nicht gern darüber gesprochen wird, welchen Namen er einst trug. Auch die Hohenfeldes haben einen Dupont, wenngleich nicht in der Verwandtschaft, so doch in dem Stab, der die Familie schützt. Die Duponts sind schwer gebeutelt und ich zähle unseren Dupont zu den engen Freunden der Familie. Euer Dupont ist über die Heirat sogar mit uns verwandt. Vielleicht lässt sich in Zukunft arrangieren, ihrer Familie in Almanien auf die eine oder andere Art zu helfen. Die Duponts leben momentan in bitterer Armut. Pakete werden sie kaum erreichen in Anbetracht der politischen Lage. Aber vielleicht fällt den klugen Wigbergs etwas anderes ein. Ich bin sicher, im Gegenzug werdet ihr interessante Dinge erfahren für die Wissenssammlung eurer Familie.«

Er schwebte weiter zu Chirag, der nicht hatte zu Wort kommen können.

»Chirag, mein Freund, hat man Sie wieder übersehen!« Chirag blickte anstelle einer Antwort nur betreten drein. Linhard hatte die Runde der persönlichen Ansprachen beendet, ohne dass der ehemalige Chevalier das, was ihm auf dem Herzen drückte, noch hatte loswerden können. Brandur legte die eisigen Arme um ihn und Chirag versuchte, ihn mit seiner einen Hand zurück zu umarmen. Erst jetzt konnte der Almane sagen, was er noch hatte loswerden wollen.

»Sie fehlen. Und ich bin traurig und wütend auf Sie, da Sie uns `ier alleingelassen `aben. Wie ich in Anbetracht der Situation angemessener Weise explisit `ervorheben möchte, vor allem mich. Es tut mir leid, aber ich kann dem im Gegensatz su anderen `ier nichts Positives abgewinnen. Ich stimme Monsieur von Falkenberg su. Sie `ätten nicht gehen sollen. Es war die falscheste Entscheidung Ihres ganzen Lebens, ein riesengroßer, fataler und durch nichts wieder gut su machender Fehler. Sie `aben uns `ilflos surückgelassen, nachdem Sie die Führung übernommen `atten und damit alles nur noch Schlimmer gemacht, als wenn es einfach so geblieben wäre wie bis`er.«

Er sprach von ihnen allen, doch er meinte seine eigene Gemütslage. Naturgemäß war Chirags Trauer als bitterböser Vorwurf verpackt. Dafür war es nun einmal Chirag. Brandur betrachtete ihn mild.

»Das verstehe ich«, sagte er. Er verstand tatsächlich. Wie so vieles, dass er erst im Angesicht des Todes hatte gelernt. »Auch Sie haben mir gefehlt, bereits zu Lebzeiten, ohne dass ich es wusste. Ich wusste es erst dann, als ich Sie wirklich kennenlernte und nicht nur sah. Einen guten Freund findet man nicht alle Tage und ich hätte Sie gern früher an meiner Seite gewusst.«

»Die Nacht des Blutes ...«, sprach Chirag erstickt. »Ich ... kann nicht ...«

»Sie waren das Schwert, nicht der Kopf. Sie taten, was ein Schwert tut. Ja, Ihre Mitschuld war schrecklich. Und nun ist es vorbei, lange Jahre her. Ich bitte Sie um eines: Machen Sie Ihren Frieden mit der Vergangenheit, Chirag. Sonst werden Sie davon verschlungen und werden im schlimmsten Fall selbst zu einem Verschlinger. Wenn Sie Rat brauchen, sprechen Sie mit Davard. Ich bin sicher, er kann vieles dazu sagen, mehr als ich und in besseren Worten. Mein Sohn braucht Sie an seiner Seite und er braucht Sie gesund und stark. Vergeben Sie sich selbst. Ich tat es längst.«

Er umarmte ihn noch einmal und schwebte zu Davard.

»Dir möchte ich meinen besonderen Dank für die offenen und sehr persönlichen Worte aussprechen, die du wagtest, im Beisein der Familie zu formulieren. Es war sicher nicht einfach für dich. Dein Geschenk ... ich fühle mich zutiefst geehrt. Möge der Name eurer Tochter den Weg in eine glückliche Zukunft weisen. Ich hätte sie gern im Arm gehalten. Ich denke, ich muss nicht länger verheimlichen, dass ich Kinder mag, ihre offene, manchmal nervtötende und doch so unschuldig ehrliche Art. Meine eigenen Kinder zu brechen für diese Familie brach auch mir verdienterweise das Herz. Als ich meinen jüngsten Sohn nach seiner Geburt in den Armen hielt, konnte ich es nicht ertragen, wusste ich doch, was mit ihm geschehen musste. Ich habe ihn sofort der Amme zurückgegeben und den Raum verlassen, wie so oft. Meine Frau warf mir Desinteresse vor, sogar Abscheu. Du bist vielleicht der Einzige, der mich damals wirklich verstanden hätte. Es erfüllt mich mit einem Gefühl tiefen Glücks, zu wissen, dass du nicht länger fliehen musst, sondern dein Kind in Liebe an dich drücken kannst, ohne daran denken zu müssen, wie man es vor deinen Augen zerstören wird und du nichts, aber auch gar nichts tun kannst, um es zu verhindern.«

Er umarmte Dave.

»Du wirst ein wunderbarer Vater sein, das weiß ich. Du bist Linhard bereits ein guter Onkel. Ein Onkel, wie ich ihn selbst mir gewünscht hätte und wie ich es selbst nie war. Wenn du mir dein Wort gibst, über den Familienfrieden zu wachen, erfüllt mich das mit Freude, vor allem aber mit Zuversicht. Ich bin sicher, dass ihr das gemeinsam schaffen werdet. Ihr seid ein gutes Team. Du selbst bist ein kluger Mann mit viel Lebenserfahrung und kannst Linhard sicher oft mit Rat und Tat zur Seite stehen. Wenn du als angehender Vater einmal selbst nicht weiter weißt oder unsicher bist, scheue dich auch deinerseits nicht, dir Rat zu holen. Niemand kann alles wissen oder können. Damir ist Vater. Man kann ihm vieles vorwerfen und ich gebe zu, dass ich ihn in seiner Einfalt nicht ausstehen kann, aber ein schlechter Vater, das war er nie. Er hat die ersten Söckchen seiner Kinder aufgehoben, was für einen Kämpfer seines Schlages sicher ungewöhnlich ist. Er hat die Söckchen seines ältesten Jungen von Rakshanistan bis nach Naridien mit sich geschleppt. Wo immer er wohnt, er hat die Söckchen seiner beiden Kinder dabei.«

Er betrachtete Dave. »Ja, du wirst ein guter Vater sein. Du bist es schon. Dein Kind lebt bereits, auch wenn es noch nicht das Licht erblickt hat. Es ist bereits deines.« Er lächelte glücklich, küsste seinen Neffen auf die Stirn und schwebte zum Nächsten, zu Davards Mann.

»Für einen Frostalben sind das sehr warme Worte. Dass ausgerechnet ein Frostalb so viel Wärme in die Familie bringt, ist schon fast ironisch. Wie unterkühlt muss unsere Familie gewesen sein? Danke auch dir, Varmikan.«

Auch Varmikan wurde gedrückt, ehe Brandur weiterflog. Aimeric war der Nächste, der Dunwins Geist in sicht trug.

Brandur musste sich sehr zusammennehmen, um den Anschein zu erwecken, Aimeric kaum zu kennen. Sein Bruder trug nun ein fremdes Gesicht, doch die Mimik, die Körpersprache und die Energie, das alles war Dunwin.

»Ich wünsche dir viel Erfolg bei der Suche nach einer geeigneten Frau für dich und danke dir dafür, dass du auch meinem Sohn bei der Suche helfen möchtest. Doch bedränge ihn nicht damit. Warte, bis er selbst auf das Thema zu sprechen kommt. Wir wurden lange genug verheiratet und verpaart wie Hunde, die man züchten will. Mein Sohn soll selbst wählen und entscheiden, ob er nach dem Kopf oder dem Herzen heiraten möchte oder überhaupt nicht. Schön wäre natürlich, würden Kopf und Herz sich einig sein, doch diesen Glücksfall hat man selten.«

Er drückte Aimeric.

›Danke für alles, Brüderchen ... ich hoffe, es geht dir gut da drin. Sonst bitte einen Nekromanten um Rat. Du machst deine Sache gut. Was du dir wünschst, wird geschehen. So war es schon immer. Du weißt, wie du deine Wünsche wahr werden lassen kannst. Ein Hohenfelde begnügt sich nicht damit, seine Träume nur Wünsche bleiben zu lassen. Das ist vielleicht unsere größte Stärke, der Wille zum Erfolg. Pass auf dich auf. Vielleicht kannst du in Souvagne auch für die armen Duponts etwas bewirken oder zumindest für Chirag. Ich hab dich lieb, mein Kleiner.‹

Brandur musste die Umarmung wieder lösen, vornehm zum Abschied nicken und weiterfliegen, damit es nicht zu auffällig wurde. Leicht fiel ihm das nicht.

Anwolf und Ansgar waren an der Reihe. Brandur betrachtete sie glücklich. Ansgar sah todkrank aus, doch er lebte. Er war hier, zusammen mit seinen beiden Kindern.

»Ihr seid zwei so wunderbare Menschen, dass es ein Jammer ist, dass auch ihr die Masken tragen musstet, von denen Anwolf sprach. Ich verstehe dich nun, Ansgar und ich verstehe dich, Wolfi. Ich wünsche von Herzen, dass Ansgar wieder gesund wird und dass, wenn seine Zeit einst gekommen ist, er nicht wegen einem Hohenfelde gehen muss oder gar wegen mir. Möge dieser Zeitpunkt in sehr ferner Zukunft liegen. Dein Abschiedsgruß ist reif für den Einband der Familienchronik, Ansgar. Du solltest eine Chronik verfassen, für die nachfolgenden Generationen. Sie sollen aus der Vergangenheit lernen, damit so etwas nie wieder geschieht. In Zeiten der Genesung mag dies vielleicht eine sinnvolle und erfüllende Beschäftigung sein. Wer auch immer, aber jemand sollte das wirklich angehen. Lebt wohl, ihr beiden.«

Er umarmte erst Wolfi und dann ganz vorsichtig Ansgar, damit ihn die Kälte nicht schockte. Aufgrund der Ereignisse während ihres Duells umarmte er Ansgar länger als die anderen und drückte noch einmal fest seine Hände, während er ihm tief in die Augen sah, ehe er seine Runde weiterschwebte.

Die kleine Marcella stand dicht neben Anwolf.

»Auch dir möchte ich für deine Wünsche danken. Du wirst Anwolf eine gute Frau sein, auch wenn ich zunächst etwas skeptisch war, als ich erfuhr, dass du nicht von Stand bist. Ich habe viel Gelegenheit gehabt, meine alten Ansichten zu überdenken. Vielleicht ist es gut, dass jemand mit einer anderen Sicht auf die Dinge in die Familie kommt, um dabei zu helfen, den Kreis zu durchbrechen, in dem wir uns zu lange gedreht haben beim Tanz um uns selbst. Meine große Liebe war eine Leibeigene, unsere Gärtnerin. Sie liebte die Blumen und ich liebte sie. Ich beneide Anwolf um seinen Mut, seinem Herzen zu folgen, was ich in meinem alten Starrsinn nie wagte. Alles Gute für eure Zukunft. Solltet ihr einst heiraten wollen - meinen Segen habt ihr, auch wenn der nicht mehr relevant ist.«

Er drückte das kleine Fräulein und schwebte weiter.

Melisande stand da, verloren. Man sah ihr die Angst und Sorge an, die man ihr in Gegenwart Archibalds nicht verdenken konnte.

»Nie wieder soll jemand Hand an dich legen, liebe Schwägerin. Ich bitte dich um Vergebung. Ich hätte nicht wegsehen dürfen. Du bist eine wundervolle Frau. Vielleicht kannst du Davard als Mutter deinen Rat geben, wenn er sein eigenes Kind in den Armen hält. Und vielleicht gibt die Rolle als Großmutter dir etwas von der Liebe, die bislang in deinem Leben fehlte.«

Er zögerte, da er nicht wusste, ob sie umarmt werden wollte nach allem, was sie hatte mit Männern erleben müssen, drum nahm er nur ihre Hand, so gut er sie als Geist nehmen konnte, drückte diese sanft und wartete, ob sie eine abschließende Umarmung wünschte. Dann setzte er seinen Weg fort.

Neben Melisande stand Kasimir. Brandur war sicher, dass der Lichtalb sich absichtlich neben der geschundenen Frau positioniert hatte, denn auf der anderen Seite stand Archibald. Er wollte Melisande räumlich abschirmen vor der Bestie. Brandur drückte auch ihn.

»Ich bin dir zu tieferem Dank verpflichtet als sonst jemand in diesem Leben. Es tut mir leid, dass ich dich geschlagen habe. Nicht, dass du es nicht verdient hättest - aber es tut mir leid, dass es so weit kommen musste. Ich würde dich wieder schlagen, jederzeit. Und auch Linhard hat die ausdrückliche Anweisung, das zu tun, sollte es erforderlich werden. Lass es nicht wieder nötig werden. Du bist so ein feiner Kerl. Lass nicht zu, dass die Dunkelheit nach dir greift.« Er küsste ihn mit eisigen Geisterlippen auf die Stirn und drückte mit den Händen seine Schultern. Kasimir wischte sich die Tränen weg und lächelte schmerzverzerrt.

Dann flog Brandur zu dem Mann, der auf seiner anderen Seite stand. Er betrachtete Archibald ernst.

»Man nennt Sie die Bestie. Oder haben Sie selbst sich diesen Namen gegeben? Wer war es, der sie als Erster so nannte? Sind am Ende Sie es, welcher die Bestie erschaffen hat, um nicht etwas anderes sein zu müssen? Dunwin sagte einst zu mir, dass ich erstaunt wäre, wenn ich den anderen Archibald kennen würde. Diesen anderen Archibald sehe ich soeben zum ersten Mal vor mir und mein Bruder behielt Recht - es erstaunt mich. Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit Ihrer Worte. Jetzt müssen Sie nur zusehen, dass dieser Archibald, der soeben vor mir steht, jener ist, der die Oberhand behalten wird. Sie sind so ein intelligenter und fähiger Mann, Archibald. Es ist beinahe erstaunlich, dass sie nicht als Hohenfelde geboren wurden bei Ihrer Begabung. Sie haben nahezu unbegrenzt Zeit vor sich, wenn Sie es geschickt anstellen. Sie werden noch klüger und noch geschickter werden in allem, was Sie tun. Das Meistertum von jahrhundertelangem Drill, wenn sie das so wollen. Dies kann Fluch oder Segen werden, vielleicht auch beides, so wie es bisher bei Ihnen Hand in Hand ging. Genie und Wahnsinn. Selten sah man beides so vereint in ein und derselben Person. Doch da ist noch etwas Drittes in Ihnen. Freundschaft.«

Er wandte sich geistig an Archibald. Diese Worte waren nur für ihn bestimmt.

›Formal sind es andere, die meinen Sohn anleiten sollen, bis er alt genug ist, doch wir beide wissen, dass Sie, Archibald, sehr einnehmend sein können. Sie sind momentan der wahre Kopf des Stabes, da mache ich mir keine Illusion. Sie haben mit ihrer bisweilen charmanten Art und dem Stab große Macht über meinen Sohn und somit über die Familie von Hohenfelde, ja, die gesamte Sippe. Sie sind momenentan das wahre Familienoberhaupt. Lassen Sie den Archibald, der gerade vor mir steht, ruhig etwas öfter zu Wort kommen. Er steht ihnen gut. Lassen Sie sich gesagt sein, dass Sie dadurch nicht schwach wirken. Die Bestie wirkt nur menschlicher.‹

Es geschah das Unfassbare - Brandur umarmte Archibald, indem er ihn bei den Oberarmen griff und ihn kurz an sich drückte.

»Sie irren sich, wenn Sie meinen, Ihre Worte würden mir nichts bedeuten. Ich nehme Ihren Schwur dankbar entgegen. Und ich vergebe Ihnen, Archibald von Dornburg. Zwischen Dornen können Blüten sprießen, ohne dass die Dornen deswegen an Schärfe verlieren oder etwas an ihrer schrecklichen Pracht einbüßen. Leben Sie wohl.«

Am Ende trat der geisterhafte Brandur erneut zu Linhard und damit schloss sich der Kreis, den er geschwebt war. Er zögerte nicht einen Wimpernschlag lang, seinen Sohn erneut in die Arme zu nehmen. Er hatte sein Leben lang damit gezögert. Zu viel, zu lange, zu oft. Zu viel Zeit vergeudet.

»Du wundervoller, du wunderbarer Mensch. Mein Linhard. So stark bist du zu so schwerer Stunde ... andere würden kein Wort zustande bringen. Und wie liebevoll du dich um meine abgestreifte Hülle gekümmert hast. Ich sehe, dass du das warst. Und ich möchte dir dafür danken. Ein Leichnam hat zwar keine Gefühle mehr, sein Besitzer jedoch schon. Du bist ein liebes Kind. Ich bin unwahrscheinlich stolz auf dich. Deine Worte berühren mich so tief, wie Worte jemanden nur berühren können. Danke auch für die Nachricht von meinem Bruder. Er weiß, wie sehr ich ihn liebe. Und du weiß auch, was du mir bedeutest, mein liebes Linchen. Dieser neue Weg ist nicht der meine, sondern dein Verdienst. Ich bin nur derjenige, der den alten Weg zu Ende brachte. Der neue Weg geht auf dich zurück, denn du bist es, der ihn als Erster beschritt.«

Von unendlicher Liebe erfüllt betrachtete Brandur seinen Sohn.

»Ein letztes Erbstück habe ich für dich. Du weißt ja, wie das bei mir ist. Ich verstecke gern Dinge in finsteren Kellern, von denen ich nicht will, dass sie bekannt werden. Ich wollte es dir eigentlich nicht zeigen. Ich wollte, dass es dort bleibt, bis der Planet in die Sonne stürzt. Doch ich habe es mir anders überlegt. Den Ausschlag gaben die vielen lieben Worte von so wertvollen Menschen. Ich bin stolz darauf, Teil dieser Familie gewesen sein zu dürfen. Bran-Dun-Lin. Bitte folge mir ein letztes Mal in die finsteren Gewölbe, Linhard.«

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Re: Brandurs Tod

#29

Beitrag von Linhard von Hohenfelde » Fr 9. Mär 2018, 07:55

Linhard war stolz auf seinen Vater, dass er für jeden, der ihn verabschiedet hatte, letzte versöhnliche Worte fand. Sogar für Archibald, wobei auch dessen Worte Linhard erstaunt hatten. Die versöhnlichen Worte an Dunwin wählte Brandur mit Bedacht, anders war ein Abschied nicht möglich, ohne die wahre Identität von Dunwin preiszugeben.

Letztendlich war ein Ende vielleicht doch ein Neuanfang und Linhard hoffte, dass jeder seine Worte aufrichtig gemeint hatte und nicht dem Moment der Trauer geschuldet waren. Aber im gleichen Augenblick beschloss Lin selbst dafür zu sorgen, dass die Wort eingehalten wurden. Dies war nun seine Bestimmung, dafür hatte er fähige Männer und Frauen an seiner Seite und es sollten noch mehr werden.

Einen Moment schämte sich Lin, dass er einen der Trauergäste nicht hatte zu Wort kommen lassen. Leider traf es ausgerechnet wieder Chirag. Sein Paps verabschiedete sich dennoch in aller Form und Freundschaft von ihm, was Linhard sehr freute. Er nahm sich vor, Chirag bei seinen Problemen beizustehen. Irgendwann musste dessen Unglück einmal enden.

Als sein Vater von einer weiteren Überraschung sprach, musste Linhard trotz der traurigen Situation grinsen.

"Ich folge Dir wohin Du möchtest Paps, ich bin gespannt was Du lieber in die Sonne stürzen lassen wolltest, anstatt es mir zu zeigen", antwortete Lin liebevoll wie neugierig und folgte umgehend seinem Vater.
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Re: Brandurs Tod

#30

Beitrag von Brandur von Hohenfelde » Fr 9. Mär 2018, 18:06

Brandurs Geist ging voran. Er humpelte aus Gewohnheit und stützte sich auf seinen geisterhaften Stock, obwohl er als Geist keinerlei körperliche Schmerzen mehr verspürte. Es war ein seltsames Gefühl. So gelangten sie in die tiefen, scheinbar endlosen Gewölbe. Sie waren labyrinthartig und reichten mit ihren Treppen oftmals brunenntief hinab, als hätte man ein mehrstöckiges Haus in den Berg gegraben und nur die letzte Spitze schaute hinaus, welche die Nachtburg darstellte, derart viele unterirdische Etagen gab es. Brandur erleuchtete ihnen mit seinem Seelenlicht den Weg.

"Hier unten habe ich mich mal derart verlaufen, dass ich zwei Tage benötigt habe, um wieder herauszufinden. Wenn du den Keller in Zukunft allein erkunden willst, so denk daran, dir eine reißfeste Schnur zu legen. Oder nimm Kasimir mit, er kennt sich hier aus." Brandur betrachtete einige Fledermäuse, die wie schwarze Tropfsteine von der Decke hingen. Er zischte verärgert. "Vampire im Winterschlaf. Kaum ist man mal ein paar Wochen nicht vor Ort, ist die Brut wieder da! Du solltest sie rauswerfen. In diesem Zustand kannst du sie einfach mit einer der Leitern hier abpflücken, in einen Korb legen und hochtragen. Ich habe sie dann immer enthauptet und verbrannt. Was du mit ihnen machst, ist dir überlassen."

Sie gingen weiter, bis in die tiefste Etage. Obwohl der Keller so weiträumig war, konnte man sehen, dass auch hier unten regelmäßig aufgeräumt und sauber gemacht worden war. Kasimir hatte sich zu beschäftigen gewusst, wenn Brandur seiner überdrüssig geworden war. Ein großes Muster war auf dem Boden eingelassen zu sehen.

"Ein Siegel. Es ist mir nicht gelungen, es zu öffnen. Was darunter ist, kann ich dir nicht sagen. Ich denke, es handelt sich um mächtige Artefaktmagie. Aber darum sind wir nicht hier. Dort in diesem Regal siehst du Bücher. Wertvolle Folianten. Die Wichtigsten habe ich bereits ins Verborgene Tal verbracht. Es sind Bücher dabei, die nahezu unersetzlich sind, extrem seltene und auch verbotene Bücher, die ich über meine Kontakte zu den Schatten ergattern konnte. Eines davon ist jenes."

Der Geisterfinger tippte auf ein relativ kleines und dünnes Buch, welches in rotes Leder eingeschlagen war. Fast sah es aus wie ein Taschenbuch. Doch die edle Aufmachung mit Eisenbeschlägen an den Ecken und der Prägung eines magischen Symbols auf dem Einband ließ erahnen, dass der Inhalt weitaus bedeutender war, als die geringe Größe zuerst vermuten ließ.

"Wie du weißt, bin ich entschieden dagegen, als Ghul reanimiert zu werden, als Vampir mein Dasein zu fristen oder dauerhaft als Geist zu wandeln. Es wäre ein unwürdiges Dasein, dem der Tod eindeutig vorzuziehen ist. Nein, ich wöllte nicht in der Haut eines meiner eigenen Fabrikate stecken wollen. Ich möchte dich bitten, von Derartigem abzusehen, es sei denn, in absoluten Notfällen. Dann würde ich dir auch als Geist oder Ghul zur Seite stehen. Ansonsten sah mein Plan vor, einfach nur zu ruhen und den Frieden zu genießen und die Stille. Mir den Egoismus zu gönnen, fortzugehen und euch alles weitere überlassen. Wie gesagt, so war der Plan.

Dieses Buch hier ist der Codo Sanguia. Der Kodex des Blutes. Sein Besitz ist streng verboten. Das Buch besitzen sonst nur sehr wenige auserwählte Köpfe der Blutnekromanten. Blutnekromantie geht vom Staat Souvagne aus und alle Blutnekromanten unterstehen dem Duc persönlich. Die Schüler der Bluthexer dürfenden Codo Sanguia in ihrem Beisein studieren, sich jedoch weder ausborgen noch Abschriften anfertigen. Das Buch ist zumeist mit Messing angekettet, hier siehst du noch die Befestigung. Den materiellen Wert dieses kleinen Folianten kannst du dir ausrechnen. Der wahre Wert besteht jedoch in den Informationen, die darin zu finden sind.

Ich zeige dir dieses Buch, damit du es dir in Ruhe zu Gemüte führst. Vielleicht hast du nach der Lektüre etwas Arbeit, vielleicht auch nicht. Es kommt darauf an, was du daraus machen willst. Bis dahin möchte ich dich bitten, meinen Körper bei jenem von Dunwin und unserem Vater niederzubetten. Auf Eis. Leg mich zu ihnen. Lass mich dort ruhen, bis der Tag gekommen ist. Und wenn er niemals kommt, dann sei es so."


Der Geist schwebte wieder in Richtung Tür und wartete, dass Linhard ihm folgte, damit er nicht verlorenging.

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