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 Betreff des Beitrags: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mi 19. Okt 2016, 22:08 
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Chronist in Bronze (1) Die fleißige Feder in Bronze (1) Herausragender RPG Beitrag (1) Schlüsselloch (1)
Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten Emilia an der Nase, als sie aus ihrem Schlaf erwachte. Das Fenster über ihrem Kopf stand leicht geöffnet, doch weder hörte sie das fröhliche Zwitschern der Vögel, noch das geschäftige Rumoren der hauseigenen Köchin. Etwas Anderes hatte sie aus ihren Träumen gerissen und es schwebte noch immer in der Luft. Verschlafen setzte sie sich auf und schob sich beiläufig die braunen Locken aus dem blassen Gesicht. Sie konnte das frische Brot riechen und die Feuchtigkeit des vergangenen Regens. Die Gerüche bahnten sich ihren Weg durch das Haus, machten keinen Halt vor Türen oder Fenstern, zwängten sich durch jede Ritze und jeden Spalt, schlängelten sich die Treppen hinauf und erquickten die junge Frau, welche sie alle tief in ihre Lunge inhalierte.

Abrupt hielt Emilia in ihrem Schnuppern inne, als sie realisierte, was sie geweckt hatte. Ihr Blick glitt drei Meter nach unten, wo sich die Tür befand, welche in den Flur und in den Rest des geräumigen Hauses führte. Ihr Vater hatte für sie das Zimmer mit vielen Klettermöglichkeiten ausgestattet. Dazu gehörten auch Liegeflächen, die horizontal in verschiedenen Höhen wie eine Treppe an der runden Wand des Türmchens befestigt waren. Geschickt, doch um einiges vorsichtiger und langsamer als in ihren Katzengestalten kletterte und sprang sie schliesslich, bis sie festen Boden unter den nackten Füssen hatte. Ihre Zehen gruben sich in den flauschigen Teppich. Sie liebte alles, was sich besonders anfühlte und einen kurzen Moment gab sie sich dem Gefühl hin und stellte sich das Alpaka vor, das die Wolle einmal getragen haben mochte. Als Kind hatte sie oftmals ihre Nase hineingesteckt, um die Duftnoten besser unterscheiden zu können.

Heute hatte sie jedoch keine Zeit für solche Dinge. In ihrem weiten Nachthemd tapste sie zur massiven Tür, um sie vorsichtig zu öffnen. Die Klinke fühlte sich kalt und abweisend unter ihren Fingern an, doch Emilia liess sich nicht beirren.
Die Laternen waren über Nacht heruntergebrannt, doch die junge Frau meinte noch den Geruch der kokelnden Dochte erahnen zu können.
Ihre Augen hatten sich schnell an die Dunkelheit des Flurs gewöhnt. Auch hier waren Teppiche ausgelegt, die ihre Schritte abfederten. Rechts war das Bad, welches ihr alleine gehörte. Daneben das Schlafzimmer ihrer Zofe. Gisela mochte noch tief und fest schlafen, sie war keine Frühaufsteherin und es war kein Licht unter dem Türspalt zu erkennen.
Jetzt bog der Flur um die Ecke, kein Teppich dämpfte mehr ihre Schritte, der Vater hatte das nicht gewollt, stattdessen schmückten Hirschgeweihe die kahlen Wände.

Der Geruch, der sie aus dem Schlaf gerissen hatte, wurde plötzlich intensiver. Er roch süsslich und zugleich so bekannt. Ihre Sinne sogen ihn in sich auf, versuchten ihn einzuordnen. Emilia spürte verwundert ihr inneres Raubtier nahe an der Oberfläche kratzen, und verscheuchte es mit einem unwilligen Kopfschütteln, so dass ihre Locken flogen.
Sie verlangsamte und blieb unschlüssig kurz vor dem Schlafgemach stehen. Wie gerne hätte sie jetzt gehorcht, ob ihr Herr Papa sich gerade unruhig in seinen Bettlaken wälzte, oder ob er sich bereits anzog, um den Tag zu begrüssen.
Vielleicht pfiff er in diesem Moment bereits eine fröhliche Melodie?
Emilia verneinte sich selbst.
Nein, sie hatte ihn noch nie pfeifen gesehen im Gegensatz zum Knecht oder den Mägden. So etwas gehörte sich nicht für einen adligen Herrn. Trotzdem gefiel ihr der einfache Gedanke daran.
Plötzlich jedoch konzentrierte sie sich wieder auf die Duftnoten. Eine unbekannte war dabei, eine, welche sie in diesem Haus noch nie zuvor gerochen hatte. Und sie hatte eine sehr gute Erinnerung.
Und auch dieser süssliche Geruch, war irgendwie beunruhigend.
Mutig trat sie vor, und klopfte beherzt an die Eichentür. Eine Antwort konnte sie kaum erwarten, und so öffnete sie nach einer kurzen Pause die Pforte.

Was sich ihr darbot, liess sie zurückschrecken. Emilia stiess einen Schrei aus, den sie selbst nicht hören konnte und doch war sie sich sicher, dass er durch das ganze Haus dringen musste. Es war jedoch nicht das Bild des Todes, das sie stolpern liess, es war der alles übertönende Geruch des Blutes.
Ihre Augen huschten wie von Sinnen über das Bildnis, vermochten sich an keinem Detail festzuhalten. Rosen, überall Rosen. Mit spitzen Dornen rankten sie sich um den Körper ihres Vaters, setzten sich an der Decke und am Boden fort. Sie bildeten Spiralen und Ringe, verliefen sich im Nichts, um an einem anderen Ort neu zu erblühen. Und mitten drin lag ihr geliebter Herr Papa. So friedlich, als würde er nur schlafen.
Doch vergeblich suchten ihre scharfen Augen nach einem Puls, nach der sanften Hebung seines Brustkorbs unter dem Nachthemd. Als sie einen Schritt vortreten wollte, berührten ihre nackten Füsse eine der roten Rosen. Die klebrige Flüssigkeit färbte ihre Zehen und hinterliess Spuren, als sie sich abwandte und zur Tür hinausstolperte.

Und dieser Geruch!
Emilia presste sich verzweifelt die Hände auf Nase und Mund. Sie konnte ihren Vater überall riechen. Sein Duft schien in jede Pore ihres Körpers überzugehen, nachdem er bereits das gesamte Haus erfüllt hatte.
Luft, sie brauchte frische Luft!
Sie bemerkte nicht die Diener, welche von ihrem Schrei angelockt, zum Zimmer ihres Vaters stürmten.
Endlich hatte sie die Treppe bewältigt und öffnete schwungvoll die Hintertür, welche in eine schmale Gasse führte und schnappte wie eine ertrinkende nach Luft. Sofort verflüchtigte sich der süsslicheiserne Geschmack in ihrem Mund, doch das Bild in ihrem Kopf blieb bestehen.

Seltsamerweise fühlte sie zwar Trauer und Entsetzen, doch auch eine morbide Faszination hatte sich ihrer bemächtigt. Wer auch immer dies getan hatte, ihr Vater lag in Würde in seinem Bett.
Bestürzt über ihre eigenen Gedanken, atmete sie tief ein und schloss die Augen. Das Gesicht ihres lächelnden Herrn Papas löste einzelne Tränen aus, welche ihr ungehindert über die Wangen liefen.
Konzentriere dich auf den Moment, lass alles zurück, sonst fällst du in ein tiefes Loch und kommst nicht mehr heraus!, flüsterte ihre Vernunft.

Emilia lehnte sich an die kalte Mauerwand und spürte den rauen Stein unter ihren weichen Fingern. Um im selben Augenblick roch sie es wieder. Da war eine unbekannte Person in ihrem Haus gewesen, und es war dieselbe, die ihren Vater getötet hatte.
Der Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken.
Als sie sich darauf konzentrierte, erkannte sie den Rosenduft wieder, gepaart mit einer Note aus Schweiss und dem Blut ihres Herrn Papa.
Ohne zu überlegen stiess sich Emilia von der Mauer ab und folgte dem Duft durch die Strassen.

Erst nach einigen Stunden des Herumirrens musste sie sich eingestehen, dass sie die Spur verloren hatte in der Menschenmenge, die sich nun auf den Strassen ansammelte und ihren Geschäften nachging.
Einer der besorgten Knechte fand sie schliesslich weinend und verschmutzt an einer Ecke und führte sie nach Hause. Man war sich einig, dass die junge Frau Ruhe benötigte. Sie war schon immer ein verwirrtes und unstetes Kind gewesen und der Tod des Vaters würde sich noch mehr aus der Bahn reissen.
Hoffentlich nähme sich bald ein mitfühlender Ehrenmann ihrer an, denn wer sollte sonst das Grundstück verwalten und die Löhne auszahlen?

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Do 20. Okt 2016, 17:44 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1) Quasselstrippe (1)
Am Abend von Dimicus' Vergiftung, auf dem Wege zum Gasthaus...

Diese verdammte Schlange!, fluchte Dimicus noch immer in sich hinein, während ihm noch das Brennen des Giftes in seinen Lungen verfolgte. Zum Glück half die malerisch ruhige Nacht, die ihn außerhalb des Gasthauses empfangen hatte. Die kühle Luft vertrieb sogleich das unangenehme Gefühl in seinen Atemwegen. Tief atmete er ein, ehe er sich im langsamen Schritt also vom Bordell wegbewegte. Der Aufruhr und Krach des Etablissements wich der Stille des nächtlichen Drakensteins, die sich wie ein Schleier über dessen Straßen gelegt hatte. Auch aus diesem Grund liebte er es einfach, seine Kunst nachts zu vollführen. So viel Zeit und Ruhe, um sich den wahren Sinnlichkeiten des Lebens zu widmen, die der allgemein Pöbel unter dem Saufen in einem Bordell verstand. Doch noch umso mehr schätzte er die Stille, da er mit seinen Werken nun einmal laut werden musste. Wie sonst würde er wohl seine Kunst in das angemessene Licht rücken können, nicht wahr?

Im gleichmäßigen und zeitgleich eleganten Schritt ging der junge Mann über die Straßen, seine Kapuze war tief ins Gesicht gezogen und dennoch beobachteten seine Augen jede Ecke. In einer Stadt wie Drakensetin war man vor nächtlichen Übergriffen nie geschützt und wer wäre er, würde er sich von einem schmutzigen Schläger erwischen und ausrauben lassen? Doch sein Weg schien ruhig, nichts war auffällig und er konnte seines Weges ziehen. Zumindest konnte man davon ausgehen, denn schon bald durchbrach etwas seine innere Ruhe, zwar noch vermischt mit dem Zorne gegenüber Malik, aber dennoch eiskalt und berechnend. Er spürte etwas ... ein seltsames Gefühl des Beobachtetwerdens. Es wirkte beinahe so, als ob ihn jemand oder etwas verfolgte, doch er konnte nichts ausmachen. Nur dieses seltsame Gefühl im Rücken, dass er verfolgt würde und die Quelle nicht ausmachen konnte. Seine Sinne fokussierten sich nun völlig auf seine Umgebung, zuvor nur halbherzig bei dieser, aufgrund seines gedanklichen Treibens. Leises Tapsen? Etwas was ihn verfolgte? Er lief langsamer, doch neben seinen Fußschritten hörte er niemanden mehr durch die Straßen eilen, geschweige denn sah er jemanden. Doch er wurde dieses Gefühl einfach nicht los und er wusste, dass er sich darauf verlassen konnte.

Zuerst versuchte er es weiterhin damit, genau seine Umgebung zu beobachten, doch sie schien eher ihn zu beobachten. Seine Miene verzog sich nicht einmal, als er abrupt stehen blieb, genau mitten auf der Straße. Doch mitten dort befand sich rechts noch eine Gasse, kaum so gut beleuchtet wie die Straße. Finsternis verbarg sich in ihr und von seiner Position aus vermochte er nicht auszumachen, was sich dort zu verstecken versuchte. Seine rechte Hand glitt unter seinen Mantel, griff zwei seiner Wurfmesser. Er hielt inne, achtete auf seinen Augenwinkel und jäh in jenem Moment in dem er etwas huschen sah, blitzten seine beiden Wurfdolche im Dunkel der Nacht auf, durchbrachen die Stille mit einem Surren, doch am Ziel ihres Weges hörte man ein metallisches Klirren. Sie waren auf dem Boden aufgekommen und hatten nichts getroffen. Was es wohl war? Mit einem leicht enttäuschten Seufzer machte er kehrt, schritt auf die Stelle zu und sammelte seine Wurfdolche ein, welche er dank des tanzenden Lichtes auf dem schimmernden Metall wiedererkennen konnte. Nur zu schade, er hätte nur zu gern ein weiteres Kunstwerk geschaffen, wieder getötet um dieser Stadt den wahren Wert der Kunst zu zeigen. Just in diesem Moment hatte er es sich gewünscht, dass es zumindest jemand versucht hätte. Augenblicklich verstaute er seine beiden Wurfgeschosse wieder an ihren angestammten Plätzen, ehe er sich wieder der Straße zuwandte, seinem eigentlichem Ziel widemend. Für den Moment fühlte er sich auch nicht mehr beobachtet, noch immer war niemand auf den Straßen zu sehen.

In den nächsten Momenten erreichte er auch schon das Gasthaus, in dem er schon seit geraumer Zeite nächtigte und es nun gegen eine billige Absteige eintauschen musste. Noch immer konnte er es nicht fassen, wie er durch eine Schlange hereingelegt wurde. Umso schlechter stimmte es seine Stimmung, als er sein gesamtes Hab und Gut, welches er in dem Gasthaus gelagert hatte, einpacken musste. Beinahe wie einen Umzug kam es ihm vor, als er voll beladen vor dem Wirt stand, seine Miete auslöste und schließlich zurück in die Kälte der Nacht schritt. Jene Nacht, an dem seine Klingen und Pinsel nicht den süßlichen Geschmack des Blutes kosten durften. Sein Weg führte ihn wieder durch die Straßen, anfangs vollkommen unbehelligt, jedoch tauchte schon sehr bald wieder dieses Gefühl auf. Doch konnte er nicht so einfach stoppen, seine Hände waren voll mit seiner Staffelei, Utensilien und seinem Gepäck. Notfalls würde er es fallen lassen, doch hoffte er, dass es nicht so weit kommen musste.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mi 26. Okt 2016, 20:47 
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Chronist in Bronze (1) Die fleißige Feder in Bronze (1) Herausragender RPG Beitrag (1) Schlüsselloch (1)
Vier Wochen waren seit dem plötzlichen Ableben ihres Vaters vergangen. In dieser Zeit war viel geschehen.
Nachdem sich die Nachricht seines Todes wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, immerhin war er ein aufsteigender Politiker gewesen, und bekannt wurde, dass er eine Tochter im heiratsfähigen Alter zurückliess, war das Interesse an Emilia Katharina von Kreuzenstein im Handumdrehen gestiegen.
Nachdem sie zwei Verlobungsanträge von Familien niederer Abstammung erhalten hatte, noch lange bevor die Trauerphase beendet war, nahm sie die Hilfe ihres Onkels seitens der verstorbenen Stiefmutter gerne an. Obwohl sie ihm zuvor noch niemals persönlich begegnet war, hoffte sie darauf, dass er ihr Leben wieder in einen geregelten Verlauf bringen würde.
Dankbar versenkte sie sich in ihrem eigenen Kummer, während Alfonso eifrig ihr Haushaltsvermögen verwaltete soweit es ihm erlaubt war. Immer häufiger kam auch sein Sohn Wilfried zu Besuch, um Emilia den Hof zu machen. Der Jüngling hielt wenig von der Taubstummen, wie er sie immer nannte, doch Alfonso überhörte alle Widerworte und versprach ihm das grosszügige Anwesen und das Ansehen der Familie von Kreuzenstein.
So kam es, dass bereits Hochzeitspläne geschmiedet wurden, von denen die zukünftige Braut selbst noch keinen blassen Schimmer hatte.

In der Zeit nach dem Tod ihres Herrn Papa hatte Emilia sich weder aus dem Haus begeben, noch hatte sie sich mehr als wenige Male verwandelt. Der Sinn ihres Lebens war mit einem Schlag verschwunden. Sie hatte nie etwas Anderes gekannt, als seinen Wünschen genügen zu wollen und nach seiner Aufmerksamkeit zu lechzen. Die Welt ausserhalb des Hauses war ihr fremd, genauso wie die Lebewesen, die sie bevölkerten.
Und obwohl sie nun die Möglichkeit gehabt hätte, ihrem goldenen Käfig zu entfliehen, hielten ihre Angst und Benommenheit sie davon ab. Sogar ihre Neugierde schien zusammen mit ihren Verwandlungen in den Hintergrund getreten zu sein, was die Zofe Gisela als Einzige mit beunruhigter Sorge zur Kenntnis nahm.
Nachdem alle Überredungskünste wenig einbrachten, fasste sie den Entschluss, noch einen letzten Versuch zu unternehmen. Als abends sowohl Alfonso als auch seine Familie abgerauscht waren – sie hatten sich dreister Weise bereits das Studierzimmer und den Salon zu eigen gemacht – schleuste sie eine Maus in das Schlafgemach ihrer Herrin.
Als sie am nächsten Morgen die Zimmertüre öffnete, blickte ihr Emilia zwar so traurig wie immer entgegen, doch die Maus war verschwunden.

Emilia warf einen Blick aus dem Fenster über ihrem Haupt. Das zaghafte Leuchten der Sterne wies sie daraufhin, dass es Zeit war für einen Nachtspaziergang.
Seit Gisela ihren kätzischen Spieltrieb mit einer kleinen, unschuldigen Maus zu neuem Leben erweckt hatte, schlich sie regelmässig nachts durchs Haus, um auf Jagd zu gehen. Nicht selten gingen dabei Vasen zu Bruch oder die teuren Antiquitäten erlitten Kratzspuren.
Diese Nacht jedoch wollte sie mehr sehen. Sie spürte langsam, wie bei jeder Wandlung neue Energie in ihren Körper zurückkehrte und ihre Neugierde sich zu regen begann.
Das schlechte Gewissen darüber, entgegen dem Willen ihres verstorbenen Vaters zu handeln, liess sie in ihrer menschlichen Gestalt zurück.
Es war das dritte Mal, dass sie sich aus dem gewohnten Heim hinausbegab, um sich von den neuartigen Gerüchen der Nebengassen betören zu lassen.
So kam es, dass nicht nur Dimicus die Schönheit der Nacht genoss, sondern auch die dunkel getigerte Katze mit den weissen Samtpfötchen durch die Gassen tapste.

Emilia war noch nicht weit gekommen, als das Huschen einer Ratte ihre Aufmerksamkeit erregte. Sofort waren ihre Jagdinstinkte geweckt und in der Deckung der Hauswand pirschte sie sich an ihr Opfer heran. Obwohl ihre Ohren den Dienst verweigerten, waren sie trotzdem nach vorne gestellt, und drückten eine erwartungsvolle Haltung aus.
Der Schwanz zuckte knapp über dem Boden nervös herum. Doch genau diese Bewegung war es wohl, welche die Ratte warnte. Das Tierchen stürzte davon, und Emilia hinterher. Einige Laternen erleuchteten die Strassen, doch auch das Licht der Sterne hätte ausgereicht, um ihr mit den scharfen Augen den Weg für die Verfolgungsjagd zu weisen. Schon nach einem kurzen Spurt pochte ihr Herz und der Atem ging rasch, denn sie war sich die rasante Bewegung nicht gewohnt.
Im nächsten Moment huschte die Ratte durch einen Schlitz zwischen Tür und Wand und war verschwunden. Emilia konnte gerade noch ausweichen, sonst wäre sie mit ihrem zarten Katzenkörper dagegen geprallt. Voller Tatendrang und nicht bereit so leicht aufzugeben, versuchten ihre grünen Augen etwas durch den Spalt hindurch zu erkennen. Doch die völlige Dunkelheit vermochte auch ihr Blick nicht zu durchdringen. So duckte sie sich schliesslich vor die Haustüre, und steckte ihre weisse Pfote hindurch, um auf der anderen Seite die Ratte zu ertasten. Ihr Po war in die Höhe gereckt und der Schweif peitschte unruhig durch die Luft. So völlig in ihrem Element, vergass sie sogar auf die Umgebung zu achten, weshalb sie vor Schreck erstarrte, als ein dunkler Schatten am Rande ihres Gesichtsfeldes auftauchte.

Nur zwei minzgrüne Punkte leuchteten wie Smaragde, als sie sich in die Ecke duckte, und so der Aufmerksamkeit des Menschen entging, der an dem Eingang vorbeischritt. Selbst die fette Ratte war vergessen, als sie plötzlich seinen Geruch in der Nase hatte.
Unter tausend anderen hätte sie ihn wiedererkannt. Eine Mischung aus verschiedenen Duftnoten, die in keiner Weise zueinander passen wollte: Die körpereigenen männlichen Ausdünstungen vermischten sich mit einem intensiven Farbgeruch, wurden begleitet von einer süsslich metallischen Essenz von Blut und abgerundet von dem sanften Aroma frischer Rosen.
Sie beobachtete angespannt, wie er die Strasse entlangging. Emilia wurde unruhig. Was sollte sie tun?

Die menschliche Vernunft riet ihr, sich bedeckt zu halten und schnellstmöglich nach Hause zu fliehen – dieser Mann war eindeutig gefährlich!
Doch in Katzengestalt hatte sie nicht die Oberhand, weshalb die Neugier siegte und sie dem Mann spielerisch hinterhertänzelte. Geschickt duckte sie sich in Hauseingänge und dunkle Gassen, um nicht bemerkt zu werden. Da sie selbst jedoch ihre eigenen Schritte nicht hörte, hatte sie auch nie gelernt perfekt zu schleichen, weswegen immer wieder das leise Tapsen ihrer Pfoten zu hören war, das vor Allem einem geübten Ohr auffallen konnte.
Als er plötzlich mitten in der Strasse stehenblieb, versteckte sich Emilia schnell hinter einem Müllsack, der neben einer Haustür zum Abholen bereitstand. Der Geruch von gammelndem Fleisch liess sie ihr Näschen krausziehen.
Im nächsten Moment vergass sie jedoch diese Belanglosigkeit, als der Kerl auf einmal zu einer Seitengasse herumschnellte. Die Bewegungen waren fliessend und zeugten davon, dass er nicht zum ersten Mal mit den Messern zielte. Emilia konnte den Aufprall der Messer nicht hören, sah aber eine pummelige kleine Gestalt davonhuschen. Somit hatte er ihr Abendessen endgültig vergrault.

Im Schein der Laternen konnte sie seine angespannte Haltung erkennen. Emilia stutzte. Er erinnerte sie an ihre Beute, wenn sie spürte, dass die Katze nicht weit sein konnte. Sogleich waren alle Ängste wie weggeblasen und sie fühlte sich als Jägerin, die ihre Maus in die Enge trieb. So „jagte“ sie ihn also durch die Strassen, folgte ihm immer in einigen Metern Abstand und genoss das Spiel, welches es für sie darstellte. Als er schliesslich in einem Gasthaus verschwand und ihr die Tür vor der Nase zugeknallt wurde, blieb sie enttäuscht zurück.
Unschlüssig setzte sie sich hin und beobachtete die Strasse, die so menschenleer war. Sie hatte noch keine Lust, nach Hause zurückzukehren, weswegen sie anfing, in aller Gründlichkeit ihr Fell zu pflegen. Selbst die Öhrchen entgingen der Säuberungskation nicht.

Als die Tür schwungvoll aufgestossen wurde, bekam sie das im ersten Moment nicht einmal mit, denn die Geräusche der Gäste drangen nicht zu ihr vor.
Es war der Geruch, der sie wie magisch anzog. So verfolgte sie ihn wiederrum durch Drakenstein. Ihr Blick blieb an dem seltsamen Holzgestell hängen, das er über der Schulter trug, sowie einer vollgestopften Tasche. Was darin wohl alles verborgen war?
Vor Allem der Farbgeruch hatte stark zugenommen.
Während sie noch so in ihre Überlegungen versunken war, blieb die Gestalt vor einem lottrig anmutenden Haus stehen. Es entsprach so gar nicht den Vorstellungen eines gemütlichen Heims, wie es Emilia von Kindheit an kannte.
Er blickte sich suchend um, erwartete er jemanden?

Die Katze stand an einer Ecke und in ihre Beobachtungen vertieft.
Plötzlich traf sie ein fieser Fusstritt in die Seite und gleich darauf folgten wütende Flüche, welche Emilia jedoch nicht hören konnte, als der Betrunkene über die Katze stolperte und sich dabei den Kopf an der Wand stiess.
Sie hingegen war so sehr erschrocken, dass sie ein ängstliches Aufjaulen von sich gab und gleich darauf einen empörten Katzenbuckel machte. Der Betrunkene verfluchte das Mistvieh und torkelte dann zielstrebig auf die Spelunke zu, ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen. Emilias Puls raste, ihr Körper war gespannt wie eine Bogensehne und trotzdem funkelte sie ihm wütend hinterher, weil sie ihr Fell gleich noch einmal vom Schmutz sauber lecken müsste.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: So 30. Okt 2016, 14:58 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1) Quasselstrippe (1)
Dimicus verließ am nächsten das Bordell, um die Vorbereitungen für den Mord an der Schlange zu treffen...

So war es also gekommen, er als Verbündeter einer dahergelaufenen Bordellmutter, welche ihre Konkurrenz mit seiner Hilfe ausschalten und die eigene Macht festigen wollte. Es war nichts ungewöhnliches für dieses Metier, doch ärgerte sich der junge Künstler maßlos darüber, in welchen Umständen er für sie arbeitete. Doch zumindest war er sich sicher, dass er seine Kunst ausüben konnte. Einem Liebchen, welchem man zu lang keine Aufmerksamkeit schenkt, fühlt sich vernachlässigt. Also warum nicht die Gelegenheit nutzen und zumindest einen Teil seines Seins weiter erfüllen?

Im Geiste ging er seinen Plan durch, als er über die belebten und sonnigen Straßen Drakensteins lief. Es war um die Mittagszeit sehr viel los, verschiedene Völker waren zu sehen, auch wenn der Großteil aus Almanen wie er bestimmt. Seine Blicke schweiften über die verschiedenen Wesen der Straßen, er betrachtete sie, während seine ersten Schritte ihn schon in die Richtung seines ersten Teilzieles brachten. Seine Ohren vernahmen verschiedenste Stimmen, Schreie, Rufe, Gespräche. Kinder, Alte, Frauen und Männer. Sie sind alle seine Zuschauer, seine unfreiwilligen Anhänger und Betrachter seiner Kunst. Man redet nicht viel darüber, aber es ist dennoch jedem bewusst. Genau wie er ihre ungeteilte Aufmerksamkeit genoss, ahnten sie nicht einmal im Ansatz wer sich dort neben ihnen bewegte. Bei diesem Gedanken umspielte ein Lächeln seine Lippen.
Beinahe bei dem Bordell der Konkurrenz angekommen, erweckten jedoch ein paar gewechselte Worte zwischen zwei Männern seine Aufmerksamkeit. "- Konkurrenz zum Rosendämonen.", bekam er das Ende des Satzes mit. "Bist du dir sicher? Wenn dieser Typ mit seinen grausamen Spielchen umherstreift, dazu noch der Rosendämon. In welchen Zeiten leben wir? Man ist ja gar nicht mehr sicher." Der andere nickte darauf nur mit einem zustimmenden Summen seiner Stimme. Darauf wechselten sie auch schon das Thema, Belanglosigkeiten des Lebens. Doch was hatte er da gehört? Konkurrenz? Irgendwann sollte er dem nachgehen. Es ist schon allein eine Beleidigung für ihn, wenn man ihn zum Kontrast zu einem anderen stellt.

Jedoch galten jetzt schon andere Prioritäten und er musste seinen Auftrag fertigstellen, ehe er sich darum kümmern konnte. Inzwischen war er bei dem besagten Bordell angekommen, sein Blick ruhte auf das Gecshäft, welches eine direkte Gefahr für Maliks Geschäft darstellte. Ruhig lehnte er sich in einem Schatten gegenüber des Hauses, beobachtete genau, wer den Laden betrat und wie der allgemeine Verkehr war. Dabei konnte er mit großer Sicherheit ermitteln, dass er nicht offiziell geöffnet war. Hauptsächlich gingen nur bullige Männer ein und aus, genau so wie leichtbekleidete Damen, die aber Besorgungen zu machen schienen. Er würde es am Tage machen, er hatte auch schon eine Idee wie genau. Die Konkurrenz die von Malik ausging war nicht zu unterschätzen und ihm würde sicherlich Einlass gewährt werden, wenn er ein entsprechendes Angebot zu ihrer Eliminierung darbieten würde. Die armen Tröpfe würden nicht wissen, wie um sie geschieht, wenn er erst einmal drinnen war. An musste jedoch betrachten, dass Dimicus nur seinem Ziel nahekommen und es in ein wahres Meisterwerk verwandeln würde. Für die Ablenkung oder Ruhe musste er sich im gegebenen Zeitpunkt etwas einfallen lassen.

Nach nun nicht mehr als fünf Minuten seiner kurzen Beobachtungen löste er sich wieder, doch fühlte er sich ein erneutes Mal beobachtet. So wie am Abend zuvor, hatte er das Gefühl, dass ein feines Paar Augen auf ihm ruhten. Er schaute sich um, doch die Menschen gingen ihren normalen Tätigkeiten auf, zwischen ihnen einfache Tiere. Hunde, Katzen, Hühner. Nichts unübliches. Scheinbar drehte er durch, zumindest hatte er das Gefühl, so wie er sich beinahe schon regelrecht verfolgt fühlte. Tief atmetete er durch und ging lieber den Rest seines Weges zu einem Alchemisten nach, noch ein Gegengift besorgen, zum Glück hatte er Malik als Schlange sehen und somit ihre Art bestimmen können. Er wusste, welches Gegengift er nehmen müsse. Mit etwas mehr Vorsicht und Scharfsinn bewegte er sich weiter durch die Straßen, spürte Blicke an ihm haften, welche ihm Unwohlsein über den Rücken jagten. Er versuchte Gassen und eher unübliche Wege wie Pfade zu nutzen, aber es verschwindete einfach nicht. Was war es?! Die Frage machte ihn mehr als verrückt. Warum empfand er etwas so Extremes? Sein Blick folgte und suchte, doch fand nichts. Es war wohl wirklich um ihn geschehen. Mit einem genervtem Seufzer beschleunigte er einfach seine Schritte, kam alsbald auch bei einem Alchemisten an und besorgte das Gegengift.

Doch sein Weg führte ihn nicht direkt wieder zurück, sondern in einer der Gassen duch die er gekommen war. Stattdessen sie jedoch vollständig zu durchqueren, lehnte er sich dort an der Wand, sein Gefühl des Beobachtetwerdens verschwand nicht einfach, es blieb. Nun wartete er, was passieren würde. Einer seiner Hände verschwand unter seinem Mantel, umschloss bereits einen Wurfdolch. Für einen Moment warten und schauen was passieren würde...

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Fr 4. Nov 2016, 09:09 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Am nächsten Tag hätte Emilia gerne bis nach dem Mittag geschlafen, doch das liess ihre Tante Lucinda nicht zu. Befehlsgewohnt stürmte sie gegen neun Uhr ins Zimmer der jungen Frau, reagierte jedoch gleich etwas beherrschter, als die junge Löwin sie von ihrem Schlafplatz herunter faul anblinzelte.
«Emilia, du weisst doch, dass dein Onkel es nicht gutheisst, wenn du dich als Tier herumtreibst», befand sie denn auch, jedoch nicht ohne die Grosskatze dabei argwöhnisch zu beobachten.

«Heute kommt doch unser charmanter Wilfried zu Besuch. Du solltest dich auf das gemeinsame Mahl vorbereiten. Und lass dir von deiner Zofe das Haar machen, beim letzten Mal hatte die Frisur grosse Ähnlichkeit mit einem Heuhaufen. Dabei meint es dein Onkel doch so gut mit dir. Etwas mehr Mühe könntest du dir da schon geben. Hach, dein Herr Papa, Ainuwar habe ihn selig, liess einfach die Zügel zu sehr durchhängen. Ich verstehe, da dass du als einziges Kind eine besondere Stellung bei ihm einnahmst, doch damit muss nun Schluss sein. Deine Mutter hat dir nun auch nicht gerade die besten Gene weitervererbt. Wenn es wenigstens richtige Magie wäre, dann könnten man dich auf eine Akademie schicken. So bleibt nur das reiche Erbe, um den Zukünftigen zu entschädigen, denn mit der Schönheit ist es auch nicht weit hergeholt.
Und dann noch
ein taubstummes Kind. Ich frage mich ja, welche göttliche Ungunst die Familie auf sich geladen hat, um auf diese Weise bestraft zu werden»
, betreten verfiel sie in ein Schweigen.

Sie sprach oftmals darauf los ohne sich im ersten Moment bewusst zu sein, dass die Angesprochene ihre Worte nicht hören konnte. Im Nachhinein bedankte sie sich jedoch im Stillen dafür, denn sie ahnte, dass die Löwin nicht so friedlich geblieben wäre, hätte sie auch nur die Hälfte davon verstanden.
Trotzdem konnte Emilia die Bedeutung der Worte anhand ihrer verächtlichen und empörten Gestik erahnen. Ihre Lippen verzogen sich beim Reden zu einem hämischen Lächeln, so als würde sie der reichen Familie dieses Unglück gönnen, aus dem sie nun ihrerseits zu profitieren gedachte.
Gleichzeitig sprach aus ihrer herrischen Haltung die Aufforderung, dass endlich Bewegung in das Mädchen kommen sollte. Auch das Lippenlesen war dem tauben Mädchen nicht fremd, doch fiel ihr dieses in menschlicher Gestalt um einiges leichter.

Emilia konnte es nicht lassen, sich auf ihrem erhöhten Schlafplatz genüsslich zu räkeln, und dabei die Krallen auszufahren. Lucinda schnappte wie ein Fisch nach Luft, als die scharfen Klauen über die Wand schabten und ein hässliches Geräusch absorbierten. Die Löwin öffnete nun demonstrativ ihr mit tödlichen Waffen besetztes Maul, und gab ein ausgiebiges Gähnen von sich, das einen tiefen Einblick in ihren Rachen zuliess. Als sie gleich darauf Lucinda mit wachem Blick taxierte und Anstalten machte, sich zu erheben, war die Tante schnell verschwunden, um ihren Platz der eifrigen Gisela zu überlassen, welche sich vornahm, das volle Haar ihrer Herrin zu einer fantastischen Frisur zu drapieren.

Drei Stunden später langweilte sich Emilia sich bereits zwischen den Gängen. Da sie weder sprach noch hören konnte, unterliess es die Verwandtschaft, sie in die Gespräche einzubeziehen. Anfangs hatte Wilfried aus Höflichkeit einige freundliche Floskeln zu ihrer Haarpracht und dem Kleid abgegeben, doch dann hatte er sich zusammen mit seinem Vater Alfonso politischen Themen zugewandt.
Emilia beobachtete die Gespräche nicht aus Interesse, sondern aus Höflichkeit. Der Herr Papa hatte viel Wert darauf gelegt, dass sie sich am Tisch anständig verhielt. Dies beinhaltete weder, dass sie verträumt durch die Gegend blickte, noch dass sie ihre Nasenflügel blähte, um mehr von den Gerüchen einzufangen, welche sie immerzu umgaben.
Stattdessen haftete ihre Aufmerksamkeit an den Lippen ihres Onkels Alfonso, der sich gerade über den Hochadel ausliess, der die gutbürgerlichen Familien von oben herab behandelte. Beim Sprechen formten sich seine wollüstigen Lippen immer wieder zu neuen Formen. Seine Mundwinkel hingen dabei herunter, was ahnen liess, dass er wütend war. Emilia bemerkte auch die feine Spucke, welche sich wie ein Sprühregen beim Reden auf seinen Teller verteilte. Fasziniert beobachtete sie, wie eines der Tröpfchen an seiner Unterlippe hängen blieb.
Die Bedeutung seiner Lippenbewegungen verschwanden vor ihren Augen, nachdem sie sich nicht mehr darauf konzentrierte, die Worte zu verstehen.

Nach dem Dessert entschuldigte sich Emilia mit einem Knicks, um die Toilette aufzusuchen. Auf dem Rückweg blieb sie stehen, als sie bemerkte, dass jemand die Hintertüre offenstehen gelassen hatte.
Als der Geruch der Freiheit in ihre Nase drang, blickte sie nicht zurück, als sie durch die Tür hinausschlüpfte, und sie leise hinter sich schloss.
Sie würde nur kurz einen Spaziergang unternehmen, etwas frische Luft schnappen. Ihre Verwandten würden gar nicht bemerken, dass sie fehlte.

Bald schon mischte sie sich unter die anderen Menschen. Doch es erschreckte sie jedes Mal, wenn sie versehentlich angerempelt wurde, weswegen sie sich schliesslich lieber etwas abseits bewegte. Das dunkelblaue Kleid, das sowohl ihrer Figur als auch ihren Augen schmeichelte, zierte bereits ein verstaubter Saum. Auch ihr streng hochgestecktes Haar löste sich zunehmend und so fielen ihr einige der kakaobraunen Locken ins Gesicht.
Irgendwann bemerkte Emilia irritiert, dass sie sich in den Nebengassen verlaufen hatte. Suchend blickte sie sich um und entdeckte einen Mann, der sich vor ihr mit sicheren Schritten durch die Strasse bewegte. Das teure Kleid, welches ihre Tante ihr aufgedrängt hatte, hinderte sie daran, sich zu verwandeln, denn sie hätte es zurücklassen müssen. So versuchte sie sich so unsichtbar wie möglich zu halten, und folgte dem Menschen in grossem Abstand.
Sie war so darauf fokussiert, ihn nicht aus den Augen zu verlieren, dass sie den feinen Geruch nicht bemerkte, der von ihm ausging und in ihr alle Alarmglocken hätten wecken müssen. In tierischer Form wäre ihr dieses wesentliche Detail bestimmt nicht entgangen.

Gerade als die Strasse wieder etwas belebter wurde, schwenkte der Unbekannte in eine andere Gasse ab. Emilia wollte daran vorbeigehen, denn nun würde sie auch wieder alleine zurechtkommen, als ihr ein Luftzug seinen Geruch direkt in die Nase wehte. Abrupt blieb sie stehen und wandte sich um.
Wo wollte er hin? War er vielleicht auf dem Weg zu seinem nächsten Opfer?
Emilia betrat unsicher die Strasse. Jetzt, wo sie sich auf den Geruch konzentrierte, hätte sie ihn überall wiedererkannt. Wieder lösten die Duftnoten Erinnerungen und Bilder in ihr aus, die sie taumeln liessen. Das viele Blut von ihrem Herrn Papa…

Und als sie aufblickte, sah sie ihn. Wie hatte sie ihn bloss übersehen können!
Doch er war gut getarnt, in seinen dunklen Mantel gekleidet, und verborgen im Schatten an die Mauer gelehnt. Einen Moment schien Emilia wie erstarrt. Doch dann regte sich ihre menschliche Angst und damit der Fluchtinstinkt. Sie meinte etwas Silbernes aufblitzen zu sehen zwischen den Falten der Bekleidung, was den Ausschlag gab. Auf dem Absatz machte sie kehrt, raffte ihr langes Kleid und rannte los.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Fr 4. Nov 2016, 20:38 
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Damit hatte sich sein Bauchgefühl doch bewiesen. Nicht lang stand er im Schatten der Gasse, als eine Person eben jene betrat. Aus dem Augenwinkel schien sie weiblich zu sein und er reagierte zuerst gar nicht weiter, bis sie erstarrte. Noch hielt er inne, wartete wie ein Jäger auf den richtigen Moment und wägte feinstens ab, wann er zuschlagen sollte und ob dies überhaupt nötig war. Doch als er die schlagartigen Bewegungen aus seinem Augenwinkel wahrnahm, eine braune Mähne die im Winde zu fliegen schien, schritt er zur Tat. Mit schneller Eleganz blitzte das Metall unter seinem Mantel hervor, ein Surren ertönte und schon im nächsten Moment traf ein Wurfdolch die Wade der jungen Frau, welche sofort nach vorn überfiel. Erwischt. Wieder ein perfekt geworfener Dolch. Es fühlte sich gut an, einen Pinselstrich so präzise führen zu können.

Doch nun galt es keine Zeit zu verlieren, als sich schon seine Füße von dem Stein der Straße abstießen, er lospurtete, um die junge Frau zu erreichen, ehe sie noch auf dumme Gedanken kam. Sie war ihm einige Erklärungen schuldig und schon allein ihre Flucht hatte sie mehr als verraten. Seine schnellen Schritte hallten in der Gasse, kamen ihr immer näher und für sie musste es sich anfühlen, als ob ihr Tod an sie herannahen würde. Schon im Lauf hatte er seinen Dolch gezogen, brachte sich schließlich neben sie und warf sie grob auf den Rücken, noch weiter in den Schatten der Gasse und somit geschützt vor jedem fremden Blick.
Sein rechtes Knie legte sich auf ihr Brustbein, womit er ohne Weiteres ihre Armung kontrollieren konnte, wenn er es denn wollte. Sie war ihm ausgeliefert, sein linkes Knie hatte fest ihren Arm im Griff und sein Dolch wollte gerade zu ihrer Kehle schnellen, ehe er innehielte. Seine Augen, weiterhin verborgen unter der Kapuze, fixierten die ihren, er sah die Angst und Panik in ihr. Ihr Duft schien ... animalisch, beinahe wie der Geruch einer Katze. Weiter sah er ihre Züge an, musterte sie genau. Irgendwoher kannte er sie, doch er konnte sie nicht richtig zuordnen. Wie ein zerlaufenes Bild mutete etwas in ihm die Identität dieser jungen Frau an, doch er wusste jetzt schon, dass es nicht seiner Kunst wäre, sie zu töten. Etwas hinderte ihn daran, doch er wusste nicht was. Er kannte sie, doch nur woher?
Noch ehe er eine Antwort auf diese Frage kannte, hatte er bereits seinen Dolch wieder weggesteckt. Seine Griffe lösten sich, als es ihm schließlich einfiel. Sein Mund formte die Worte: "Emilia Katharina von Kreuzenstein, Tochter des Frederick von Kreuzenstein, welcher dem Rosendämon zum Opfer gefallen ist." Sein Mund war deutlich unter der Kapuze zu sehen, doch der Rest blieb im Schatten eben jener. Sie war die Tochter seines letzten Opfers, jene die er gut versteckt hatte und über welche kaum etwas bekannt schien. Sie war hier, allein, draußen? Er hatte seine Hausaufgaben gemacht und die Freunde des Vaters ausgefragt, sich sogar bei ihrem Vater selbst eingeschlichen, als enger Vertrauter. Einmal hatte er sie gesehen. Ein schüchternes Mädchen, sie hatte nicht viel gesprochen und doch hatte sie schon immer einen gewissen Anmut an sich.
Jetzt lag sie vor ihm, von ihm verwundet. Seine Beute welche im normalen Falle nun die süße Trauer des Todes ereilte, um die wahre Schönheit ihres Seins erreichen zu können. Doch mit ihr hatte er nicht gerechnet. Sie konnte ihn schlecht kennen, geschweige denn seine geheime Identität. Wieso also war sie es, die ihn verfolgte? Hatte sie sich einfach für ihn interessiert? Er wusste nicht was, aber dieses Mädchen löste etwas in ihm aus, auch wenn man es ihm nicht ansehen konnte. Ihm war es nie untergekommen, Verwandschaft eines seiner Opfer zu treffen, geschweige denn direkt eines der Kinder. "Heute ist Euer Glückstag.", sprach er ruhig, ließ sich nichts von der Unsicherheit anmerken, welche ihn gerade im Inneren zu plagen schien. Stattdessen griff er an den noch immer in ihrer Wade steckenden Wurfdolch und zog ihn mit einem galanten Zug aus ihrem Bein. Kaum eine Sekunde später hatte er bereits den Verband in der Hand, umwickelte damit die frische Wunde der jungen Frau. Er stoppte ohne Weiteres die Blutung, während er ihre Blicke auf sich spürte.
Warum tat er das? Wieso tötete er sie nicht einfach? Doch dieser Blick in ihre Augen verrieten ihm etwas, was ihm Angst bereitete. Etwas, dass tief in ihr schlummerte und Schmerz, den sie durchgemacht haben musste.

Als Letztes zog er schließlich ein kleines Bündel an Kräutern aus einer seiner Taschen, betrachtete es. "Warum verfolgt Ihr mich? Was bringt es Euch?", stellte er offen die Frage, nichtsahnend um ihre Einschränkung. "Außer Verletzungen und vielleicht sogar den Tod werdet Ihr nichts finde, dass müsste Euch doch sicherlich bewusst sein, oder?" Beinahe als ob nichts geschehen wäre, hielt er ihr das Kräuterbündel hin, welches sie kauen sollte. Es würde den Schmerz wesentlich erträglicher machen. "Was erwartet Ihr Euch davon, ausgerechnet mir zu folgen?", stellte er abschließend, während er mittlerweile ganz von ihr abgelassen und sich neben sie gehockt hatte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mo 7. Nov 2016, 20:47 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Der Schmerz bohrte sich wie ein fieser Stachel in ihre Wade und liess sie taumeln. Emilias erschrockener Schrei verhallte ungehört in der Seitengasse, als sie hart zu Boden stürzte und der Aufprall ihr die Luft aus den Lungen presste. Sich der Gefahr bewusst, versuchte sie sich ungelenk aufzurappeln, doch bei dem Versuch das Bein zu belasten, wurde ihr schwindlig. Im nächsten Moment sah sie bereits einen Schatten auf sich zu schnellen, der sie unsanft herumriss und auf den Rücken warf wie einen wehrlosen Käfer. Der Angreifer schien geübt in seinem Tun, denn sogleich fixierte er sie geschickt am Boden. Emilia versuchte sich verzweifelt aus dem Griff zu entwinden, dachte sie doch, dem Tod ins Auge zu blicken.

Ihr Herz pochte wie wild und die Furcht stand ihr ins Gesicht geschrieben. Doch erst, als sie das metallische Funkeln des Dolches in seiner Hand bemerkte, löste dies ihre Urinstinkte aus. In ihrem Innern tobte die Löwin bereits, da sie nicht herausgelassen wurde, um zu kämpfen, während die Hauskatze sich in den hintersten Winkel ihres Seins zurückzog und die Vernunft ziemlich unglaubwürdig versuchte, das Raubtier zu beruhigen.
Emilia spürte im selben Moment ein bekanntes Kribbeln unter ihrer Haut, als würden tausende Ameisen darunter herumkrabbeln.
Die Gestaltwandlerin wusste, was nun folgen würde und es erfüllte sie mit Angst, denn ihre Instinkte übernahmen offensichtlich das Kommando, was zu unvorhersehbaren Taten führen konnte.
Ihre Pupillen weiteten sich in der Dunkelheit katzenartig, ein erstes Anzeichen der sich aufdrängenden Verwandlung wie auch die geblähten Nasenflügel. Als nächstes würde sich ihr Körper vom Rücken her mit Fell überziehen, und gleichzeitig Krallen, Zähne, Ohren und Schwanz ausbilden, bevor dann auch das Skelett seine Figur verändern würde. Normalerweise geschah dies alles gemächlicher, entspannter und schmerzloser, doch in dieser tödlichen Situation pumpte ihr Herz das Adrenalin durch jede Pore ihres Körpers, was den Vorgang um ein Vielfaches beschleunigte.

Dann jedoch zögerte der Fremde und der Dolch verschwand aus ihrem Sichtfeld, noch bevor sie mit der scharfen Klinge ein weiteres Mal in Berührung kam.
Sein Blick bohrte sich in den ihren und dann bewegten sich seine Lippen: „…Tochter des Frederick von Kreuzenstein, welcher dem Rosendämon zum Opfer gefallen ist.“
Die ersten Worte entgingen ihr, doch dann zuckte Emilia zusammen, als sie den Sinn erfasste. Gleichzeitig wurde sie sich aber auch bewusst, dass er noch nicht vorhatte, sie zu töten. Sogleich begann die Vernunft einen Ringkampf mit dem Beschützerinstinkt, und ging dabei siegesreich hervor. Unmerklich bildeten sich die Pupillen zurück und das Kribbeln liess nach, ohne jedoch gänzlich zu verschwinden.

Woher kannte er sie?
Emilia konnte sein Gesicht unter der Kapuze nicht erkennen, denn es lag völlig im Dunkeln. Die Form seines Kinns und die fein geschwungenen Lippen kamen ihr vage bekannt vor, doch sie konnte sich nicht entsinnen woher. Dies war ein befremdliches Gefühl für Emilia, denn sie besass eine hervorragende Erinnerungsgabe. Es musste an seinem Geruch liegen, welcher die Bilder an den Tod ihres Vaters hervorrief, und somit alle anderen Erinnerungen überschattete.

Während sie sich zu erinnern versuchte, starrte sie ihn weiterhin gebannt an. Sie machte sich Nichts vor. Dieser Mann würde sie vermutlich ohne mit der Wimper zu zucken töten.
Schliesslich wusste sie, wer er war und welcher Mörder konnte schon eine Zeugin gebrauchen? Aber… konnte er überhaupt von ihrem Wissen erfahren haben? Sie hatte Niemanden davon unterrichtet.
Emilia verwünschte sich selbst. Nun würde dieser Schuft ungestraft davonkommen. Ob er mit ihrem Körper auch ein solches Kunstwerk erschaffen würde?
Einen kurzen Moment fühlte Emilia Enttäuschung darüber, dass sie es nicht mitansehen könnte.

„Heute ist Euer Glückstag“, verrieten ihr da seine Lippenbewegungen.
Nun, so würde ich das nicht gerade nennen, hätte ihm Emilia gerne geantwortet, schnappte stattdessen aber bloss nach Luft, als er den Dolch in einer geschmeidigen Bewegung aus der Wunde zog. Sofort quoll der dunkelrote Lebenssaft hervor und befleckte die Unter- und Überröcke, welche von der ruppigen Behandlung bereits arg in Mitleidenschaft gezogen worden waren.
Meine Tante wird mich köpfen, wenn es dieser Kerl nicht vorher schon tut, schoss es der jungen Frau durch den Kopf.

Sie zuckte zusammen, als sie die um einiges sanftere Berührung an ihrem Bein wahrnahm, das nun mit einem Verband versorgt wurde. Trotzdem musste sie dem Impuls widerstehen, sich ihm zu entziehen, denn ihr Fluchtinstinkt war noch lange nicht einfach verschwunden.
Schliesslich zog er sich zu ihrer Überraschung etwas zurück und stöberte in seiner Tasche, um dann ein Kräuterbündel hervorzukramen und es ihr entgegenzuhalten.
Die ersten Worte entgingen ihrer Aufmerksamkeit, doch die weiteren Fragen liessen sie erahnen, was er von ihr wissen wollte.
Ihr fiel auf, dass es nicht schwer war, seinen Worten zu folgen, trotz der prekären Situation. Er hatte eine deutliche Aussprache, was das Lippenlesen erleichterte. Es waren Momente wie diese, wo sich Emilia fragte, wie die Stimme wohl klingen mochte.
Fühlte sie sich rau an, wie die Rinde der alten Eiche, auf die sie vor einigen Nächten geklettert war? Oder flüssig und umschmeichelnd wie das Wasser, mit dem sie sich täglich wusch? Oder klang sie gar fröhlich und flatterhaft, wie es die Vögel waren, wenn sie morgens auf den Gibeln herumscharwenzelten und den Tag begrüssten?

Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als er sich bewegte und sich neben ihr niederliess. Das Kräuterbündel beachtete sie aus Misstrauen nicht weiter, stattdessen setzte sie sich auf und zog reflexartig ihre Knie an den Körper heran. Erst als auch ihre Knöchel züchtig unter dem Saum versteckt waren, umschlang sie die Beine schützend mit ihren Armen. Dabei spürte sie das Pochen der Wunde schmerzhaft, als würde der Dolch erneut nach ihr stechen.
Nachdem die Vernunft langsam wieder obsiegte und das Kribbeln verschwand, trat die Angst von Neuem hervor.
Was sollte sie dem Mörder ihres Vaters antworten? Dass sie wusste, wer er war und was er getan hatte? Oder dass sie ihm nur zufällig über den Weg gelaufen war? Und überhaupt, wie sollte sie sich ihm verständlich machen?

Emilia begann plötzlich am ganzen Körper zu zittern. Sie verstand die Welt nicht mehr. Kurz zuvor wollte er sie töten, sie hatte den verräterischen Glanz in seinen Augen gesehen, und nun sass er fromm wie ein Schaf neben ihr. Wolf im Schafspelz traf es wohl besser.
Er hatte Recht, was hatte sie sich nur dabei gedacht, diesem Mann zu folgen. Hatte sie ihn überwältigen wollen?
Obwohl… eigentlich hatte sie ja gar nicht gewusst, dass ausgerechnet ER sie aus dem Strassenlabyrinth hätte führen sollen, nachdem sie sich darin verlaufen hatte.

Emilia versuchte erst gar nicht, Worte mit ihrem Mund zu formen, denn sie wollte sich nicht noch weiter entblössen. Ihre Finger tasteten vorsichtig über ihr Gewand, ohne dabei den Blick von ihrem Gegenüber zu wenden. Trotzdem bemerkte sie sogleich die angespannte Haltung, in welche er verfiel. Sofort hielt sie inne und bedeutete ihm, selbst nachzusehen. Er würde nichts anderes vorfinden, als ein vielfach gefaltetes und bereits teilweise beschriebenes Blatt Pergament, sowie einen frisch zugespitzten Kohlestift.

Nachdem sie somit ihre Utensilien dem überraschten Angreifer vergegenwärtigt hatte, fing sie auch sogleich unter seinem Blick zu schreiben an. Noch etwas unsicher und mit fahriger Schrift begann sie ihre Erklärung mit den Worten „ich habe mich verlaufen“.
Unsicher blickte sie zu ihrem Peiniger hinüber, der nicht sehr überzogen zu sein schien. Emilia hatte beschlossen, nichts von ihrem Wissen über seine Identität preiszugeben, denn damit hätte sie ihr Schicksal unweigerlich selbst besiegelt. Stattdessen liess sie weitere Wahrheiten einfliessen.
Umso mehr sie schrieb von ihrer Flucht vor dem bedrückenden Mittagessen, über die Abhängigkeit zu ihrer Verwandtschaft und den Avancen Wilfrieds, bis hin zu der plötzlichen Beengtheit der Villa, desto mehr hatte sie das Gefühl, eine riesige Last loszuwerden. Der Kohlestift kritzelte nun schwungvoll über das Papier und füllte es mit emotionsgeladenen Worten.
Der neutrale Zuhörer beziehungsweise Leser bewirkte einen weiteren Strom von Tränen, die jedoch eine Erleichterung für Emilia darstellten und als das Kratzen des Stifts schliesslich verstummte, waren die salzigen Spuren beinahe wieder getrocknet.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mo 7. Nov 2016, 23:41 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1) Quasselstrippe (1)
Dieses junge Frau, beinahe wie ein verlorenes Mädchen wirkend, schien sehr besonders zu sein. Ihre Art ihm zu entgegnen, war sehr sonderbar und Dimicus musste sich eingestehen, dass er anfangs nicht ganz verstehen konnte. Seine Hand ruhte weiter mit dem Kräuterbündel in der Luft, stets ihr entgegengestreckt, um sein Angebot weiter aufrecht zu erhalten. "Ihr solltet es nehmen, es lindert die Schmerzen.", fügte er an, doch sie schien ganz in ihrem Kopf versunken zu sein, genau so wie die Angst in ihren Augen mehr als eindeutig zu sehen war. Es passte gar nicht wie sie da saß, verängstigt und wie ein kleines Kind verloren. Am hellichten Tage, wie sie da saß, im Hintergrund der Krach der Stadt und wie dieser in der engen Gasse widerhallte.

Ruhig blieb er dort also sitzen, beobachtete sie und er musste zugeben, dass er mit dieser Situation vollkommen überfordert war. Dieses Mädchen ... diese Frau ... sie hatte etwas äußerst schuld- und sühnefreies an sich. Ihr Anblick jagte dem Auftragsmörder eine Gänsehaut über den Rücken, was sonst nur die wenigsten Dinge schafften. Irgendwas an ihr schaffte es, nicht daran zu denken, sie in einer seiner Kunstwerke zu verwandeln. Ganz im Gegenteil, sie löste in ihm etwas aus, was er noch nicht definieren konnte, andere aber definitiv als einen Beschützerinstinkt bezeichnen würden. Was war das, was hatte sie für eine Bedeutung? Dieses verdammte, junge Gesicht, welches die Tochter eines seiner Opfer war. Warum verfolgte ihn es so sehr, warum konnte er sein Werk nicht vollenden? Kaum hörbar und für sie nicht sichtbar seufzte er, als er sie weiter beobachtete.

Sie hatte sich in eine schützende und wärmende Position begeben, zögerte einen Moment und genau für diesen Moment wurde die Stille und die Untätigkeit eine Qual des Wartens für Dimicus. Schließlich bewegten sich aber ihre Hände, sie wollte nach etwas in ihren Taschen greifen, doch seine Instinkte setzen ein und er spannte sich vollkommen automatisch an. Würde sie eine Waffe ziehen und sich wehren wollen? Wäre sie wirklich SO naiv? Unmöglich, selbst für ihr Auftreten. Doch über ihre Mimik und Gestik verstand, dass eben dies nicht ihre Absicht war. Ganz im Gegenteil, sie deutete auf ihre Tasche. Seine Hände griffen vorsichtig hinein und wider Erwarten zog er etwas hervor, womit er nicht rechnete. Einen Notizblock mit einem Kohlestift, Schreibutensilien, wie man sie in Professionen wie die seinen trug. Oder eben als Forscher oder aber als ... natürlich. Das ergab Sinn. Sie musste taub sein und dementsprechend stumm, doch wie hatte sie seine Worte verstehen können? Ihre Augen waren kurzzeitig auf seine Lippen fixiert, eine deutliche Antwort auf seine Frage. Verstehe. Du hörst nicht, kannst aber dennoch verstehen. Ohne weitere Bedenken händigte er ihr das Notizbuch und den Stift aus, ließ sie ohne Umschweife gewähren.

Ihre ersten Worte waren jene, dass sie sich verlaufen hätte. Genau diesen Eindruck hatte sie auch gemacht. Mit einem Nicken bestätigte er sein Verständnis für ihre Situation, reichte ihr schließlich das Notizbuch zurück und schon im nächsten Moment konnte er den Stift wild und aufgeregt über das Papier streichen hören, ihre Augen waren wie gebannt auf ihr Schreiben fixiert und es schien beinahe so, als ob sie sich darin verlor. Dimicus konnte beinahe meinen, wäre er in diesem Moment aufgestanden und gegangen, sie hätte es nicht mitbekommen. Doch ihr Auftreten und ihre Augen zogen ihn in ihren Bann, gespannt beobachtete er sie, wie sie dort scheinbar ihre Lebensgeschichte niederschrieb. Die von ihr ausgehende Faszination brach nicht ab, ihr Antlitz und ihre Wirkung auf ihn verfehlte nicht. Interessiert folgten seine Augen immer wieder ihre Hand, versuchten einen Blick in ihre zu erlangen, doch ihr aufgeregtes Schreiben brach nicht ab und ließ ihm keine Chance. Einige Minuten vergingen und das Schaben des Papieres erstarb, schließlich reichte sie ihm ihr Notizbuch, welches er mit einem dankenden Nicken entgegen nahm und schließlich zu lesen begann.

In diesen hastig geschriebenen Zeilen stand so viel von ihr, ihre Gedanken, die Geschehnisse der letzten Tage und schließlich auch, wie sie hier gelandet war. Hin und wieder blickte er auf, in ihre Augen, überprüfte genau ihre Reaktionen. Was er dort zu lesen bekam, welche Auswirkungen es hatte, was er einst getan hatte. Es war beinahe eine bloße Ironie, dass ausgrechnet sie ihm über den Weg gelaufen war. Das Schicksal meinte es nicht all zu gut mit ihm, oder vielleicht doch? Er wusste es nicht und vorsichtig streckte er erneut die Hand aus, die Handfläche leer und offen. Seine Position nicht verändernd, bat er wortlos um den Stift in ihrer Hand. Ohne Umschweife bekam er diesen und er begann zu schreiben: "Dieses Schicksal scheint vollkommen grausam und nicht Eures Standes angemessen. Ich weiß wer Ihr seid und was Euch vor einiger Zeit geschehen ist. Doch mich wundert es, dass man Euch nicht zutraut, Euer Erbe und die Geschäfte Eures Vaters selbst zu verwalten." Ein aufmerksamer Blick folgte schließlich nach oben, inspizierte ihre Aufmerksamkeit auf ihn. "Doch so wie hier sitzt, vor mir und völlig schutzlos, was macht ihr wiederum hier draußen? Natürlich erklärtet ihr mir das in Eurer Schrift, doch ohne Bewaffnung, nicht einmal einen Dolch durch die Straßen Drakensteins zu wandeln, ist ein gefährliches Unterfangen." Wie ironisch seine Worte doch waren. "Seid ehrlich mit mir. Wisst Ihr wer ich bin und was ich tue bzw. getan habe? Was Euch erwarten könnte?" Mit diesen letzten Worten reichte er ihr das Notizbuch und den Stift zurück, erwartungsvoll auf ihre Antwort gespannt. In ihren Augen hatte er in ihren Blicken etwas gesehen, etwas wissendes, aber für ihn weiterhin undefiniertes.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Mi 9. Nov 2016, 22:59 
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Das Kaisho Abkommen (1)
Während Emilia schrieb, schien die Welt um sie herum zu verschwimmen. Nur am Rande nahm sie wahr, dass der Fremde sie beobachtete. Trotzdem war sie sich seiner Anwesenheit bewusst. Einerseits ängstigte sie seine Präsenz, denn sie spürte die Gefahr, die von ihm ausging. Andererseits hatte sich schon lange niemand mehr außer aus reinen Höflichkeitsfloskeln heraus, über längere Zeit mit ihr unterhalten. Alle sprachen zwar über sie, aber kaum jemand mit ihr.
Und nachdem er nun so gelassen neben ihr am Boden hockte, schwand langsam ihre Furcht.
Seine Haltung war so harmlos, dass sie sogar einen Moment lang daran zweifelte, ob wirklich dieser Mann ihren Herrn Papa getötet haben konnte.
Nur das Vertrauen in ihren Geruchssinn liess sie weiterhin daran festhalten. Und natürlich war auch sein Verhalten ein Indiz darauf, dass er zumindest kein unbescholtener Bürger war. Sonst hätte er sie wohl kaum ohne einen triftigen Grund mit einem Dolch angegriffen.

Beobachtete man Emilia eingehender, so stellte man schnell fest, dass ihre Gefühle gleich einem offenen Buch, für jeden sichtbar in ihrem Gesicht und ihrer Haltung zu lesen waren.
Auch wenn sie versuchte, nur das Nötigste festzuhalten, sprach ihr Körper Bände. Beim Gedanken an ihren Vater huschte ein trauriges Lächeln über ihr Antlitz. Schrieb sie über ihre Verwandtschaft sprachen Verachtung und Wut aus ihren Augen. Und wenn der Stift von der eingefädelten Hochzeit kritzelte, schien sie hilflos in sich zusammen zu sinken.
Wo sie anfangs noch Dankbarkeit empfunden und sich gefreut hatte, dass ihr Onkel ihr behilflich war, alle Angelegenheiten zu regeln, fühlte sie sich nun nutzlos, ausgeschlossen und überflüssig. Alle hatten sie die junge Frau anfangs umgarnt, bemuttert und getröstet, bis Emilia innerhalb weniger Wochen ahnungslos aus der Abhängigkeit zu ihrem Vater heraus übergangslos unter die Fittiche ihres Onkels geraten war.

Trotzdem verhielt sich die junge Frau höflich gegenüber ihrer Verwandtschaft, denn sie glaubte, dass ihr Vater nichts Anderes von ihr erwartet hätte. Immerhin war auch ihr Onkel ein Geschäftsmann. Und Wilfried war schliesslich auch keine schlechte Partie. Obwohl sie keine besonderen Empfindungen für ihn hegte, wollte sie ihm eine gute Ehefrau abgeben und sich in ihr Schicksal fügen.
Und natürlich wollte die Verwandtschaft nur das Beste für sie. Wie hätte sie denn auch alleine den Haushalt führen und die Angestellten halten können?
So blieb schliesslich alles beim Alten… zumindest ansatzweise.

Als sie aufblickte, trafen sich ihre Blicke. Emilia errötete und wandte schnell die Augen ab.
Hatte er sie die ganze Zeit über auf diese Weise angestarrt?
Sie vermochte seinen Blick nicht zu deuten und befürchtete, dass es an ihrem furchtbaren Aussehen liegen musste. Daran war er jedoch nicht ganz unbeteiligt.
Sie strich sich die Locken aus dem Gesicht, welche sich gänzlich aus der drapierten Frisur befreit hatten und schob ihm dann das Notizbuch zu. Dabei konnte Emilia sich jedoch nicht erwehren, ihn beim Lesen zu beobachten.
Sie machte sich innerlich darauf gefasst, dass er sie verspotten würde, wie es ihre Tante manchmal tat, wenn sie glaubte, dass Emilia es nicht bemerkte.

Um sich etwas abzulenken, griff sie nun doch noch nach den Kräutern. Sich plötzlich des Beines wieder bewusst, schien der Schmerz auch sogleich zurückzukehren. Sie verzog das Gesicht zu einer Grimasse und begann vertrauensvoll auf den Kräutern herum zu kauen. Der Gedanke, dass es vielleicht ein Gift oder Ähnliches sein könnte, kam ihr in diesem Moment nicht mehr in den Sinn. Ihre Zähne färbten sich grünlich, doch davon bemerkte sie Nichts.

Im Gegensatz zu ihr selbst, war die Miene des Fremden eine undurchsichtige Maske. Die Kapuze verbarg seine Züge zusätzlich, so dass Emilia schliesslich nervös auf ihrer Unterlippe kaute, bis er fertig gelesen hatte. Kurz darauf hielt er ihr die offene Handfläche entgegen und erhielt von Emilia auch sogleich den Stift. Sie wollte ihm sagen, dass er auch gerne sprechen dürfte, denn sie mochte die Bewegungen seiner fein geschwungenen Lippen. Gleichzeitig war sie gespannt auf seine Handschrift, denn auch diese sagte viel über einen Menschen aus.
Er begann auch ohne Umschweife zu schreiben, und füllte das Pergament mit dynamisch eleganten Buchstaben. Fasziniert beobachtete Emilia seine Handbewegungen.

Erst als er ihr das Notizheft zurückreichte, blickte sie auf. Seine Augen waren erwartungsvoll auf die junge Frau gerichtet. Vor lauter Nervosität musste sie heftig schlucken, wobei sie versehentlich die übrigen Kräuter mit verschlang und nur knapp einen Hustenanfall unterdrücken konnte.
Peinlich berührt starrte sie auf die Worte und wieder drohten Tränen ihr die Sicht zu nehmen.
Dieser unbekannte Mann schrieb, dass er ihr zutraute, den Haushalt alleine weiterzuführen. Noch niemals hatte jemand so etwas zu ihr gesagt, ob es nun die Wahrheit war oder völlig übertrieben.
Als sie weiterlas, zog sie unwillkürlich ihre Beine wieder an.

Nun, tatsächlich trug sie keine Waffe bei sich. Bis anhin hatte sie auch nicht gewusst, dass sich solche Gefahren in den Strassen verbargen. Als Katze wurde sie meistens übersehen, gestreichelt oder auch mal verscheucht, aber niemals hatte jemand einen Dolch nach ihr geworfen.
Dass es ein gefährliches Unterfangen ist, weiss ich nun auch, schrieb sie und warf ihm einen unsicheren Blick zu.
Ist es denn die übliche Begrüssung unter Bürgern Drakensteins, als Erstes die Waffen für sich sprechen zu lassen? Wie bereits beschrieben, war es nicht meine Absicht, in dieser Strasse zu stranden. Ich habe mich verlaufen, als ich Abstand suchte von der Familie. Diese Stadt ist für mich noch immer Neuland.

Die nächste Frage liess sie stocken. Ehrlichkeit verlangte er von ihr. Sie zögerte. Plötzlich war die Furcht wieder da und klammerte sich eisig an ihr fest.
Ihr kommt mir bekannt vor, doch ich weiss weder Euren Namen, noch kenne ich Eure Taten. Was mich erwarten könnte, darauf habt Ihr mir wohl bereits einen Vorgeschmack hinterlassen.
Obwohl die geschriebenen Worte es nicht vermuten liessen, stockte ihr der Atem und das Herz pochte in ihrer Brust.
Ihr angespannter Körper, als auch der plötzliche Schreck in ihren Augen, vermochten nicht zu verbergen, dass die Frage sie ängstigte.
Um ihn abzulenken griff sie deshalb zum Stift und begann ihm mit Fragen auf den Leib zu rücken, bevor er sich dazu entschliessen konnte, weitere Antworten aus ihr heraus zu kitzeln.
Da Ihr meinen Namen zu kennen scheint, wäre es nur gerecht, mir auch den Euren zu nennen.
Ihr Herr Papa wäre bestimmt nicht glücklich gewesen über ihre dreist anmutenden Worte, doch sie bezweifelte, dass er jemals geahnt hatte, in was für eine Lage sie geraten würde. Womöglich hätte er ja ein Auge zugedrückt, wenn es um Leib und Leben ginge.
Warum versteckt ihr euch in düsteren Gassen und hinter dunklen Kapuzen? Man könnte meinen, Ihr hättet etwas zu verbergen oder Ihr wäret ein Räuber wie in den Büchern. Doch gleichzeitig habt Ihr eine feine Schrift, so könnt Ihr unmöglich ein gewöhnlicher Strassendieb sein.

Werde ich heute sterben?

Die Buchstaben purzelten wie von selbst auf das Papier und standen im stillen Raum. Emilia hielt den Atem an.
Seit dem Versterben ihres Herrn Papas hatte sie sich öfters Gedanken über den Tod gemacht. Und seit dem sie die Stadt des nachts erkundete, verspürte sie die Sehnsucht, mehr zu erleben, bevor auch sie dieses Schicksal einiges Tages ereilen sollte.
Wer hätte geahnt, dass es so rasch zuschlagen würde?
Ich würde gerne einmal bei stürmischem Wetter durch einen Wald laufen, kritzelte sie auf das Blatt, und begann mit verträumtem Blick wippende Tannen in das Notizheft zu zeichnen. Dabei lächelte sie still vor sich hin, und schien die Umgebung einmal mehr zu vergessen.
Weisst Du, wie es dort riecht?, folgte die unverblümte und neugierige letzte Frage, wobei sie unbewusst in das vertrauliche Du überwechselte.

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 Betreff des Beitrags: Re: Komm, süsser Tod
BeitragVerfasst: Do 10. Nov 2016, 22:02 
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Die Freien Völker (1) Schlüsselloch (1) Quasselstrippe (1)
Stets spürte er die Augen der jungen Frau auf sich, während seine Worte auf das Papier flossen und aus diesem grunde wusste er, dass sie es war, die ihn verfolgt und heimgesucht hatte. Seine Paranoia war unbegründet, schließlich schien sie vollkommen unbewaffnet und harmlos. Er fragte sich, wie sie es so allein und umherstreifend ohne einen Kratzer bis zum ihm geschafft hatte. Letztendlich würden sie die meisten Männer als Frischfleisch zum Fangen betrachten und es kam nicht selten vor, dass plötzlich eine Frau in den Straßen Drakensteins verschwand, wenn sie vollkommen schutzlos war, verstand sich. Natürlich hatte der Künstler auch dazu beigetragen, dass die Straßen sich etwas mehr leerten, doch er tötete stilvoll in den Schlafzimmern und Gemächern seiner Kunstwerke. Keine Vergewaltigungen, kein Sex, kein niederes Treiben. Nur die pure Gewalt seiner Fähigkeiten.

Die Emotionen Emilias, ihr Gesicht wie sie in die verschiedensten Stimmungen zu wechseln schien, als sie ihre Worte niedergeschrieben hatte. Es war wahnsinnig spannend, ihre Regungen zu sehen und zu interpretieren, diese junge Frau, sie hatte etwas an sich ... er konnte es sich nicht erklären. Zumal sie noch mutig war, die meisten hätten schon bei seinen Taten erneut versucht zu flüchten, ihn zu überwältigen oder zumindest nach lautstark nach Hilfe gerufen. Doch Emilia behielt trotz ihrer Furcht die Fassung, auch wenn sie wohl am liebsten etwas gegen die vorherrschende Situation getan hätte. Doch, um es genauer zu betrachten, was hatte dieses Geschöpf zu verlieren, wenn er erblickte was ihre Geschichte war. Maßgeblich hatte er dazu beigetragen, wenn er es so sah. Unmut machte sich in ihm breit, gar Mitgefühl? Das konnte nicht sein, äußerst unwahrscheinlich war es noch obendrein. Stattdessen konzentrierte er sich lieber voll und ganz auf das aktuelle Geschehen und beobachtete diese junge Frau genauestens, als sie ihre Antworten niederschrieb.

Es weckte ein großes Interesse in ihm, wie sie es tat. Vollkommen gedankenversunken und konzentriert ging sie ihrer Arbeit nach, sie wirkte wie er, wenn er malte. Wirkte er so, wenn er sich seinen Meisterwerken widmete? Dieses Feingefühl, die Emotion in den Augen und dann doch dieses ungebändigte Feuer in den Augen. Wunderschöne, minzgrüne Augen, die in diesem Moment einen solchen Ausdruck zum Tragen brachten, als wenn es nur im Angesichte seiner selbst war und er seinem neuen Werk den Dolch durch die Kehle trieb. Für einen Moment schloss er die Augen und genoss dieses Bild, doch fing sich schnell wieder, er musste sich konzentrieren. Genau schaute er, wie schnell sie schrieb und welche Gestik sie an den Tag legen würde, wenn sie es schrieb. Es würde ihm helfen, Lügen genauer erkennen zu können und abschätzen, welche geschriebenen Worte der Wahrheit entsprachen. Somit wartete er also geduldig neben Emilia, deren Worte in Form von Tinte aus das Papier flossen. Zwei Mal erkannte er, dass sie für einen ganz kurzen Moment innehielt und überlegte, ihre Mimik unsicher wurde. Momente der Lügen. Er lächelte nur etwas unter seiner Kapuze.

Letztendlich erstummte abermals der Stift auf dem Papier und er bekam das Notizbuch gereicht, worauf er sofort zu lesen begann. Seine Augen fixierten sich fest auf das Papier, zählten genau ab wann sie was geschrieben hatte. Es war eine höchst anstrengende Aufgabe und so verlor er sich darin, in diesem Moment hätte sie ihn vermutlich sogar überraschend überwältigen können, wenn sie es gewollt hätte. Doch nach ein wenig Zeit, erkannte er die Dinge, bei denen sie gelogen hatte. Sowohl über das warum sie in dieser Gasse landete, als auch über den Fakt, dass sie mehr über ihn wusste, als sie zugeben wollte. Naives Mädchen, aber du hast es versucht. Ein letztes Mal blickte er zu ihr auf, musterte sie und genau in diesem Moment wusste er, was er ihr auf ihre Fragen antworten würde.

Der Künstler ließ sich den Stift geben, begann schließlich zu schreiben: "Es ist nicht die erste Wahl jemanden mit Waffen zu bedrohen oder als Begrüßung anzugreifen, allerdings müsst Ihr ... musst du bedenken, dass man hier sich schnell verfolgt fühlt und die Straßen unsicher sind. Lieber greift man zuerst zur Waffe, als zuerst zu sterben." Ein weiterer Blick nach oben musterte Emilia. Die bekam ein Lächeln unter der Kapuze heraus geschenkt. "Wenn du dich verlaufen hast, sollte ich dich besser zurückbringen und du etwas aus deinem Schicksal machen, statt dich diesem zu beugen. Ansonsten könnte jeder, selbst die Namenlosen wie mich, eine entscheidendere Rolle in deinem Leben spielen als du selbst. Menschen wie ich verstecken sich nicht, doch sie müssen vorsichtig sein, weil es zahlreiche böse Kreaturen und Wesen gibt, die jemandem wie mir ans Leder wollen. Mein Leder ist mir kostbar."

Zu guter letzt kam er bei ihren letzten Worten und Fragen an, sah die verspielten Zeichnungen von Tannen in dem Notizbuch. Sie war unschuldig und aus diesem Grunde in den Augen des Mörders so sonderbar. Jedes seines Meisterwerke hatte immer einen bewegten Hintergrund, doch ihr ist nur Schlimmes widerfahren, sie hat es aber nicht verursacht. "Du wirst nicht sterben, nicht durch meine Hand.", schrieb er. Sein Innerstes rebellierte, dieses wandelnde Kunstwerk zu verfeinern, er musste herausfinden warum. "Doch ich kann dir sagen, wie die Tannen duften. Eine Mischung aus frischem Holz, gepaart mit taufrischer Nässe. Ein herrlicher Duft. Du solltest das nicht verpassen." Leise seufzte er auf, als er sich an deine Zeit im Wald zurück erinnerte, der Duft der Bäume wenn es regnete. Vermutlich hatte sie noch nie etwas derartiges erlebt. Es war eine Schande für ihn, dass die meisten Städte so sind und groß werden, vor allem die Adligen. Mit einem leichten Kopfschütteln diesbezüglich reichte er ihr das Buch zurück, lächelte dann aber in einem ungewöhnlich warmen Lächeln.

Kurze Zeit beobachtete er sie, als sie seine Antwort zu lesen begann, wie ihrer Augen über das Papier huschten und die darauf geschriebenen Worte verstanden. Doch nur kurze Zeit nutzte er die Ruhe um dies zu tun, als er sich schließlich wieder erhob und für einen kurzen Moment seine Ausrüstung unter dem Mantel hervorzublitzen schien. Die lederne Rüstung, die Dolche und die Taschen. Mit Feingefühl achtete er darauf, es alles wieder zurecht zu ziehen, ehe er sich einmal von Emilia wegbewegte, sie aus den Augen ließ. Sein Blick schweifte über die Straße, um genau zu sein zu dem Ausgang der Gasse. Etwas sagte ihm, dass die Situation nicht stimmte. Doch vorerst sagte er nichts, ließ es so wirken und Emilia schreiben.

Seine Schritte glitten ruhig und langsam vor der jungen Frau entlang, als er sich ein wenig bewegte, um seine Umgebung genau im Blicke zu behalten. Mit dem Auge eines Malers, mit dessen er auf die Richtigkeit der Pinselstriche achtete, so beobachtete seine Augen jetzt Schatten und Bewegungen die nicht hierher gehörten. Tatsächlich fiel ihm etwas auf, etwas sich zu nähern schien. Zwei Personen, Männer, aus der Entfernung mit Stadtwachen. Ihre Stimmen hallten in der Gasse entlang, sie sprachen etwas von einem vermissten Mädchen. Braunes Haar, minzgrüne Augen. Sein Gesicht verzog sich nicht, doch er wusste, wenn er hier mit ihr gesehen würde, wie sie verletzt wurde, man würde ihn sofort verhaften wollen.

Sofort machte der junge Mann kehrt, ging direkt zu Emilia, die noch beschäftigt schien. Er stellte sich direkt vor sie, berührte sie sanft am Knie um auf sich aufmerksam zu machen. "Wir müssen weg.", sagte er, ihm durchaus bewusst wie sie ihn vorher hatte verstehen können. "Wenn du nicht wieder eingesperrt und ich nicht Ärger bekommen will, müssen wir weg." Damit reichte er ihr die Hand, er hasste es dies tun zu müssen. Zumal er hätte einfach verschwindne können, doch er musste dabei an sie und ihrem Schicksal denken. Welche frevelhaften Tölpel würden solch ein Mädchen einfach einsperren, die Kunst die sie selbst war, der Öffentlichkeit vorenthalten. Somit bot er seine Hand dar, als Geste der Hilfe und hoffentlich war sie bereit, diese auch anzunehmen.

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You gotta wonder though, what kind of bastard must I have been.....that nobody was there to claim me? I mean, I'm no, I'm not the most charming guy on the world so I've been told, but nobody?
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