Die alten Hochkulturen sind gefallen. Sie hinterließen Relikte, deren Erforschung noch in den Anfängen liegt und die Karten der Macht werden neu gemischt. Jedes Volk entwickelt seine eigenen Strategien. Während die Urvölker auf Altbewährtes setzen, treiben die Siedler den Fortschritt voran. Geheimbünde sehen die Zukunft in der Magie. Auf welchem Weg wirst du deine Spuren hinterlassen? Ob Krieger, Gelehrter oder Magier oder welcher Berufung auch immer du sonst folgen wirst - ihr seid jene, welche die Geschichte Asamuras gemeinsam schreiben.

Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

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Jaro Ballivòr
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Re: Das vergessene Volk - Jaros NaNoWriMo 2017

#21

Beitrag von Jaro Ballivòr » Di 19. Dez 2017, 22:22

Linu

„Wir Alben sind nicht das einzige Volk in Orchaldor“, fuhr Halldor fort. „Ein kriegerischer Vorteil, wie Krieger in der Luft es unweigerlich sind, weckt Begehrlichkeiten. Es waren unsere entfernten Verwandten, die Dunkelelfen, die versuchten Euch auf ihre Seite zu ziehen und wie bei allem, was sie tun, taten sie es auf hinterlistige und falsche Art und Weise. Sie haben Euer Volk belogen und betrogen, leere Versprechen abgegeben und schließlich geschafft, Euch zu spalten. Ein schlimmer Konflikt brach aus.“ Entsetzen breitete sich in Linu aus, als die Erkenntnis, was folgen würde sich verdichtete. „Ein Teil wollte dem alten Band mit uns Alben treu bleiben, aber es gab auch solche, die den Worten der Dunkelelfen Glauben schenkten, die einen schnellen Frieden versprachen und böse Lügen über unseren Lord verbreiteten. Euer Volk war tief gespalten und verzweifelt, im Zwiespalt zwischen Loyalität und Naivität, dem Wunsch nach Harmonie und nach Bedeutung. In dieser großen Misere begannen sie sich untereinander zu bekriegen. Es muss fürchterlich gewesen sein. Die Fronten verhärteten sich, es gab viele Opfer, auch kleine Kinder… es tut mir sehr leid, Euch davon berichten zu müssen.“
Linu konnte nicht fassen, was sie da hörte. Beim besten Willen konnte sie sich nicht vorstellen, dass ein Aviare fähig wäre, ein Kind umzubringen. Was mussten diese Dunkelelfen für Wesen sein, dass sie sie dazu hatten bringen können? Taal schien ähnliche Gedanken zu haben. „Das glaube ich nicht“, sagte er atemlos. „Es war eine andere Zeit“, entgegnete Halldor. „Die Qual eines jahrelangen Krieges und falsche Informationen sowie leere Hoffnungen können unglaubliche Dinge bewirken.“ Linu wünschte, Gemby hätte seine Einschätzung preisgegeben, doch der Affe saß bloß still da und hörte aufmerksam zu.
„Und wer von uns ist letztlich geflohen?“
„Ich bin nicht ganz sicher, doch alles deutet daraufhin, dass es der Teil war, der uns treu bleiben wollte. Der Konflikt spitzte sich zu und viele Aviare fielen, also war es ein großer Heerführer“, erneut zeigte er auf die Statue, „der seine Anhänger in ein neues Leben geführt hat.“
„Aber woher wusste er, wohin? Ihr sagtet, von Caertol habt Ihr wenn überhaupt erst vor kurzem erfahren. Woher konnte er das wissen?“, fragte Linu.
„Das weiß ich leider nicht.“ Halldors Gesicht war starr, Linu konnte kein Anzeichen für eine Lüge darin erkennen.
„Was passierte mit den Aviaren, die zurück blieben?“
Der Alb seufzte. „Wenn ein Dunkelelf sein Reich errichtet hat, braucht er das Werkzeug nicht mehr.“
„Sie wurden umgebracht?“, sprach Taal aus, was Linu schon die ganze Zeit befürchtet hatte. Halldor nickte langsam und der Junge nahm eine Hand vor den Mund. Zu spät bemerkte Linu, dass der Alb nun sie anblickte und eine Augenbraue hochzog, ob ihrer fehlenden Reaktion. „Ich habe es schon befürchtet“, sagte sie schnell. „Wieso sollten wir Euch sonst fremd sein, wenn es noch Aviare in Eurer Heimat gäbe?“ Der Zweifel wich nicht vollständig aus seinem Ausdruck. „Das ist wohl wahr“, sagte er trotzdem. „Auch wenn Euer Volk es tatsächlich gut verstanden haben muss, sich im Untergrund zu halten.“
Eine Weile schwiegen sie, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Alles passte zusammen. Die Statue des Retters, die Aufschrift, die Linu zuvor gefunden hatte und der Entschluss ihrer Vorfahren, komplett neu anzufangen. Der Krieg untereinander musste derart grausam gewesen sein, wenn er einen Teil von ihnen sogar zur Flucht getrieben hatte.
„Nun“, sagte Halldor nach kurzer Zeit, „ich habe Euch alles gesagt, woran ich mich wieder erinnern kann. Werdet Ihr mich nun zu Eurem Rat bringen?“
Linu nickte. „Was wollt Ihr von Ihnen?“
„Ich möchte sie bitten zurück zu kommen und uns Beistand zu leisten.“
„Zurück in Eure Heimat, meint ihr?“, fragte das Mädchen. „Warum?“
„Weil ein neuer Konflikt aufzieht. Die Dunkelelfen führen etwas im Schilde und auch sonst gibt es Probleme in den Ländern. Wir möchten Euch bitten, wieder ein Teil unseres Heeres zu werden. Es muss die Güte von Narma gewesen sein, die uns ausgerechnet jetzt Kenntnis über Euch und Euren Aufenthaltsort gab.“
„Aber wir sind keine Kämpfer“, sagte nun Taal. „Es gibt höchstens ein paar Jäger und das Luftbeschwören haben wir wohl auch vergessen. Ich kenne niemanden, der so etwas kann.“
Dieses Mal war es nicht zu übersehen. Pure Abneigung blitzte in Halldors Augen auf und seine Lippen verloren fast ihre komplette Farbe, als er sie zu einer dünnen Linie zusammen presste. Seine Stimme war zwar beherrscht aber gepresst. „Das spielt keine Rolle. Ihr werdet Euch Eurer Urinstinkte erinnern und die nötige Ausrüstung werden wir euch stellen.“
Linu spielte mit dem Gedanken, Halldor auf seine Gefühlsregungen anzusprechen. Der Mann sagte ihnen nicht alles, bei weitem nicht. Da gab es etwas, gegen das er sich innerlich sträubte, dass ihm Hass in die Adern trieb und er verschwieg es wissentlich. Waren es diese Dunkelelfen? Dass sich ihm, wann immer er daran erinnert wurde, die Nackenhaare aufstellten? Oder war es doch etwas anderes, etwas, das wichtig für sie zu wissen gewesen wäre?
„Die Zeit ist ein knappes Gut, zumal ich nicht genau sagen kann, wie lange unsere Reise dauern wird. Wann kann ich bei diesem Rat vorsprechen?“
„Drei Tage brauchen wir mindestens zu unserem Dorf und dann muss der Rat erst einberufen werden“, sagte Taal.
„Dann sollten wir noch heute aufbrechen.“
„Wie sollen wir überhaupt auf diesen Kontinent gelangen?“, fragte Linu gedankenverloren. Der Bilderfriedhof am Meer kam ihr in den Sinn und sie schluckte. Es musste ein weiter, beschwerlicher Flug sein. „Können wir auch so ein Schiff bauen?“
Halldor wirkte verwirrt. „Ihr werdet fliegen, dachte ich. Doch darüber zu sprechen wird noch Zeit sein.“
„Wenn wir das überhaupt müssen.“ Linu dachte an ihren Vater. „Die meisten Aviare, die ich kenne, verlassen kaum ihr eigenes Dorf, aus Furcht es könne ihnen etwas zustoßen.“ Sie selbst hingegen verspürte schon etwas Aufregung, wenn sie an die wundervollen Orte und Städte dachte, von denen Halldor erzählt hatte. Was es dort alles zu erkunden geben musste?
„Wir werden sehen. Noch kennen sie ja nicht einmal ihre eigene Geschichte, wie Ihr mir berichtet habt. Dieses Wissen wird alles ändern. Immerhin gibt es die Chance auf einen Neuanfang, die Rückkehr in die alte Heimat und die Rache an jenen, die Euer Leben vor diesen vielen Jahren zerstört haben.“
Linu zweifelte noch daran, dass Halldor die Männer und Frauen des Dorfrates würde so einfach überzeugen können, doch mindestens einen Versuch war es wert.
„In Ordnung“, sagte sie. „Wir müssten es heute noch über den Wald und zur Küste schaffen.“ Auf eine weitere Begegnung mit den Affen hatte sie keine Lust, deshalb war der Weg über den Nordstrand wahrscheinlich die beste Wahl.
„Lasst mich in der Höhle noch ein paar Dinge zusammen packen“, meldete sich plötzlich Gemby zu Wort. Linu und Taal blickten ihn fragend an. „Ich wünsche mir schon lange, einmal in einem Dorfrat zu sprechen und vielleicht das ein oder andere Vorurteil beseitigen zu können und für mehr Offenheit zu plädieren. Könnte es eine bessere Gelegenheit geben, als diese?“ Er gluckste vergnügt. „Oh weh“, dachte Linu. Zwei Fremdlinge an einem Tag… wenn das mal gut gehen würde; doch sie wollte dem alten Affen nicht widersprechen, zumal sie sich selbst ihr Leben lang mehr Informationen gewünscht hatte, mehr Abenteuer und Erkundungen. Auf diese Weise konnte sie einen Beitrag leisten, dass den neuen Generationen all das nicht länger verwehrt blieb.
Eilig machten sie sich auf den Rückweg und packten auch ein wenig Proviant und Decken für die Nächte ein, bevor sie Gembys Heim schließlich hinter sich ließen. Ein mulmiges Gefühl beschlich Linu. Sie war nun schon lange von zu Hause fort und ihre Eltern hatten keine Ahnung, wo sie war und ob sie überhaupt noch lebte. Wie würden sie wohl reagieren, wenn sie plötzlich auftauchte? Entweder die Freude würde überwiegen oder sie würde erst einmal eine gehörige Portion Ärger bekommen. Vor allem, da sie nicht alleine kam, sondern schon wieder Unruhe im Gepäck hatte.
„Jetzt geht es nach Hause“, flüsterte ihr Taal zu und sie las Freude in seinem Gesicht. Wärme breitete sich in ihrem Herzen aus. Ohne Taal hätte sie diese ganze Reise wahrscheinlich nicht überstanden und früher oder später an irgendeinem Punkt umgedreht. Für ihn hatte es außer Frage gestanden, sie zu begleiten, obwohl er ihre Heimat und das Dorfleben sehr liebte. Sie lächelte ihm zu. „Mal sehen, ob sie uns noch erkennen“, scherzte sie ihm zu Liebe.


Rak

Eine Zeit lang starrte Rak einfach nur gerade aus, ohne etwas anzusehen. Seine Gefühlswelt war eine Mischung aus Freude, Stolz, Ungeduld und Wut. Er war froh, dass Holon ihn ausgewählt und ihm endlich mehr Information gegeben hatte und er brauchte nicht zwei Mal zu überlegen, ob er sich dem Orden anschließen wollte. Alleine, dass man ihm die Eltern genommen hatte, rechtfertigte einen Gegenschlag und wenn er dann noch an die Überheblichkeit und Hochnäsigkeit der Königsfamilie dachte und wie alle anderen Tag ein Tag aus für sie schufteten, wäre er am liebsten sofort los marschiert und hätte sie von ihren goldenen Thronen geschleudert. Doch da war noch mehr. Holon hatte ihm unmissverständlich aufgezeigt, dass er etwas Besonderes war. Selbst in den Reihen der Elementare gab es niemanden wie ihn. Oh ja, er würde üben! Bis zur totalen Erschöpfung würde er üben und der mächtigste Mann Norgonds werden, ja wenn nicht gar der ganzen Welt. Rak grinste. Timm hatte seine Wut schon zu spüren bekommen. Jeder, der sich ihm widersetzte, würde es ebenso erfahren.
Er trat näher an den Tisch heran und betrachtete das Bäumchen. Vorsichtig streckte er eine Hand aus und je dichter er der Pflanze kam, desto stärker spürte er das Kribbeln in den Fingern, das er auch vom Gestein kannte. Gleichzeitig war es ganz anders. Es war warm und zart, fühlte sich insgesamt fragiler und empfindlicher an. Wenn er sich konzentrierte, hob sie der leuchtende Lebensfluss deutlich ab und strahlte Frieden und Ruhe aus. Was konnte er tun? Er tastete sich mit seinen Sinnen den Stamm hinab und folgte den Wurzeln ins Erdreich. Obwohl sie ganz klein waren, spürte er die Kraft, mit der sie sich festhielten. „Wachse“, sagte er dem Baum in Gedanken, „wachse.“ Ganz deutlich nahm er wahr, wie die kleine Pflanze reagierte. Sie zitterte und wand sich, dann streckte sie einzelne Zweige in die Länge und schraubte sich ein Stück höher hinauf. Verblüfft sah Rak zu, wie der Stamm gut zehn Zentimeter nach oben wuchs, die Äste sich weiter zu allen Seiten ausstreckte. Es war so einfach gewesen! Lächelnd betrachtete er den Baum. Alle Wut und aller Zorn waren durch die beruhigende und friedliche Wirkung aus ihm gewichen. Sanft berührte er mit den Fingern ein Blatt. Mit einem Mal fühlte er sich verantwortlich für die kleine Pflanze und schämte sich seiner zerstörerischen und machthungrigen Gedanken von zuvor. „Keine Sorge, ich passe auch dich auf“, murmelte er und als Antwort des Gewächses strömte die warme Energie aus dem Holz in seine Finger und umfing ihn liebevoll. „Rak!“ Von weiter Entfernung drang Holons Stimme zu ihm vor. Hektisch versuchte der Junge die Hand abzuschütteln, die der Meister ihm auf die Schulter legte und die die Verbindung zu dem kleinen Baum schwächte und für Kälte sorgte. „Rak! Lass los.“ Der Mann klang drängend und ernst und langsam klärte sich Raks Geist. Der Kontakt zu dem Baum brach ab und mit weit aufgerissenen Augen starrte der Junge Holon an. „Gib Acht!“, ermahnte dieser. „Du bist nicht geübt mit Holz und anscheinend hat das wahre Lebendige mehr Kraft als ich aus den Aufzeichnungen entnehmen konnte.“ Sorgenfalten zeichneten sich auf Holons Gesicht ab. Ob aus Reue, dass er Rak in diese Situation gebracht hatte oder aus Furcht, dass er die Macht, die sich jederzeit entfesseln konnte, unterschätzt hatte, vermochte der Junge nicht zu sagen. „Am besten du übst erst mal hiermit.“ Er warf ihm das Stück Holz zu, das ebenfalls auf dem Tisch gelegen hatte. „Es wird schwieriger zu erspüren und anzusprechen sein, doch mit Sicherheit auch nicht so gefährlich.“
Noch immer stand Rak da wie paralysiert. Es war so schön gewesen… er war mit dem Baum verbunden gewesen. Im Gegensatz zum Gestein, dessen Schwingungen er zwar auch spüren konnte, das aber trotzdem kein richtiges Eigenleben hatte und nur das tat, was Rak befahl, hatte er den eigenen Willen der Pflanze ganz deutlich gespürt und auch deren Versuch, sich Rak selbständig anzunähern. Er senkte den Blick auf das Holzscheit. Am Rande seines Bewusstseins war das Flackern des Baumes allgegenwärtig.
„Alles in Ordnung?“, fragte Holon. „Sollen wir die Übung lieber abbrechen?“
Rak löste sich aus seiner Starre. „Nein. Schon gut, ich möchte es versuchen. Es würde helfen, wenn ich ein wenig weiter weggehen könnte.“ Holon schüttelte den Kopf. „Das ist zu riskant. Die Plattform steht hier nicht ohne Grund. Sie trennt dich vom Gebirge und damit von den Fühlern der anderen Meistern in der Akademie.“
Er verstand. Beim Abtasten der Umgebung hatte er eine richtige Unterbrechung erkannt. „Kennen die anderen den Ort nicht?“, fragte er. Würde so etwas nicht Misstrauen erregen? „Doch“, schmunzelte Holon. „Das ist ein ganz normaler Übungsort. Schüler sollen hier ein Gefühl für einzelne Steine bekommen und die Abgrenzung vom Gebirge soll es ihnen erleichtern. Somit wird ihr Geist nicht unnötig abgelenkt. Wir haben sie heute nur… sagen wir umfunktioniert.“
Holon ging zu dem Tisch. „Allerdings kann ich den kleinen Baum schon einmal mitnehmen, dann stört er dich nicht mehr beim Üben.“ Er hob den Topf hoch und klemmte ihn sich unter den Arm. „Ich werde mit Sir Kartoff ums Eck herum am Weg warten, damit du Ruhe hast. Übe so lange du möchtest.“
„Sir Kartoff“, sprach Rak unvermittelt eine Frage aus, die ihm schon viele Tage im Kopf herum schwirrte, „wem dient er?“ „Demselben wie ich“, antwortete Holon. „Lord Sarkis?“ Sein Meister schüttelte den Kopf. „Auch er dient demselben Herrn. Du wirst es noch früh genug erfahren.“ Dann drehte er ab und machte Rak unmissverständlich klar, dass er keine weiteren Informationen preisgeben würde.

Unentschlossen wiegte Rak das Holzstück in seinen Händen. Seine Augen waren geschlossen, doch es viel ihm schwer, es in voller Gänze in seinem Geiste abzubilden. Langsam führte er es an sein Ohr, doch dieser Versuch blieb erfolglos. Er dachte zurück, wie einfach es gewesen war, das Bäumchen anzusprechen und war versucht schon aufzugeben. Wozu war es auch nötig ein Stück Material anzusprechen, wenn man Kontakt mit einem lebendigen Baum aufnehmen konnte? Er riss sich am Riemen. Es war wichtig. Er musste ein Gespür für Holz entwickeln und es durchschauen lernen, um es – in welcher Form auch immer – schließlich kontrollieren zu können und nicht davon beherrscht zu werden. Im Sitzen probierte er es noch einige Zeit diszipliniert und auch wenn ihm an diesem Abend keine Fortschritte mehr gelangen, so war er doch zufrieden, es im Rahmen seiner Möglichkeiten versucht zu haben. Er legte das Stück zurück auf den Tisch und schritt zu den Waffen hinüber. Es waren drei Dolche verschiedener Größe, einer glänzend poliert, die anderen von Kratzern und Kratern überzogen und stellenweise verfärbt und rostig. Wie wunderbar es wäre, wenn er auch über eine Verbindung zu Metall verfügte… Nicht nur, dass ihm spätestens das ein absolutes Alleinstellungsmerkmal geben würde, die Fähigkeit an und für sich faszinierte ihn schon. Nie wieder müsste er Angst haben vor dem Schwert eines Ritters oder dem Beil eines Henkers und nichts könnte ihn aufhalten, keine Rüstung, kein Gefängnisgitter. Rak nahm den blanken Dolch vom Tisch. Das Metall war kalt und schwer in seiner Hand. Auch hiermit versuchte er alles, was er bereits gelernt hatte. Er schloss die Augen und versuchte die Waffe nur durch das Tasten seiner Hände in seinen Geist zu projizieren, lauschte daran und versuchte die innere Struktur zu erspüren. Doch wie bei dem Holzstück blieb alles stumm und er musste einsehen, dass er zumindest an diesem Tag keine weiteren Fortschritte mehr machen würde. Ganz konnte er die Enttäuschung nicht verdrängen, auch wenn er sich Holons Worte im Stillen vorsagte, dass das noch nichts heißen musste. Es war immerhin sein erster Versuch gewesen und mit Sicherheit war es schwieriger als die Arbeit mit Gestein, auch wenn ihm dafür kein rechter Grund einfallen wollte.
Als Rak um die Kurve bog, fand er Holon und Sir Kartoff in ein Gespräch vertieft, wobei der Ritter wie immer nur wenige Worte zu verlieren schien und es eher Holon war, der sprach. Er wünschte, er hätte ihre Worte verstehen können, doch die Entfernung war noch zu groß und als er zwei weitere Schritte auf die beiden zumachte, drehte der Ritter den Kopf. Es überraschte Rak, dass Sir Kartoff ihn zuerst bemerkt hatte. Einem großen und klobigen Kerl wie ihm hätte er nicht so feine Sinne zugetraut und zugleich wusste er, dass dies nur ein törichtes Vorurteil war. Mit Sicherheit war es durchaus wichtig, dass man als Ritter ein gutes Gespür und Reaktionsvermögen besaß. „Ah, Rak“, sagte Holon. „Bist du fertig?“
Der Junge nickte. „Wie ist es dir noch ergangen?“
„Nicht so gut. Ich hatte weder mit dem Scheit noch mit den Dolchen Erfolg.“ Kurz sah Holon enttäuscht aus, doch lächelte als gleich. „Wir werden es weiter versuchen. Morgen Abend, selbe Zeit. Und nun, lasst uns zurückgehen. Wir haben uns ein warmes Bett verdient.“


Triborin

Triborin erwachte mit einem Lächeln auf den Lippen. Es war noch nicht ganz hell und im Zwielicht sah er die Umrisse von Liena, die neben ihm im Bett lag und ihm den Rücken zugewandt hatte. So ganz konnte er sein Glück noch nicht fassen. Als sie ihrem Begehren freien Lauf gelassen hatten, war erst deutlich geworden, wie viel sie zurück gehalten hatten. Das erste Mal war schnell und stürmisch gewesen und als Liena sich danach eng an seinen Körper gepresst hatte, war ihr innerer Kampf deutlich zu spüren gewesen. Eine Zeit lang hatte er sie einfach nur festgehalten. Anklänge eines schlechten Gewissens waren aufgetaucht. Die letzten Wochen war er so sehr in Selbstmitleid aufgegangen und nun wurde ihm klar, wie viel schwieriger es für Liena sein musste. Sie war eine Thronerbin von Mildir, die Möglichkeit ein neues Leben fern der heimischen Konventionen zu beginnen, stand für sie nicht zur Debatte; zumindest nicht so einfach wie für ihn. Es sei denn, hatte er mit einem Lächeln gedacht, all dies käme ans Licht. Die Verbindung mit einem Dunkelelf mochte für eine Verbannung aus Mildir bereits ausreichen. Neben der Verpflichtung, die sie als Tochter des Albenlords hatte, war Triborin der Überzeugung, dass sie es nicht gewohnt war, die Kontrolle über sich selbst abzugeben und auch damit schwer zu kämpfen hatte. In dem Moment, in dem sie sich geküsst hatten, war auch Liena ihren Gefühlen und ihrem Verlangen gefolgt, anstatt wie sonst immer, ihrem kühlen Verstand zu gehorchen. Sanft hatte er ihr das Haar aus dem Gesicht gestrichen und sie auf die Stirn geküsst, um sie zu beruhigen, doch die Frau hatte einen anderen Weg der Kompensation gewählt und sein Körper hatte ihr geantwortet.
Eine Weile beobachtete er sie nur. Glitt mit dem Blick von ihrem Kopf hinab zu ihrer schlanken Taille und die sanfte Erhebung der Hüfte hinauf. Am liebsten hätte er die Zeit angehalten. Was nun aus ihnen werden sollte, darüber wollte er nicht nachdenken.
Nach einer Weile regte sie sich, streckte sich kurz und drehte sich zu ihm um. „Guten Morgen, Euer Hoheit“, sagte Triborin sanft und lächelte sie an. Liena lächelte ebenfalls, doch es war schwach und erzwungen. „Das hätte nicht passieren dürfen“, sagte sie ernst. „Es gibt keine Zukunft.“ Sie zog die dünne Decke ein wenig höher, wie als schämte sie sich ihrer Nacktheit. Dass sie die harte Wahrheit so schnell ansprechen würde, hatte Triborin nicht erwartet. Er hatte gedacht, auch sie würde noch ein wenig in dem Augenblick verweilen wollen. „Aber wir haben das hier und jetzt“, sagte er hoffnungsvoll und rückte näher an sie heran, schob seine Hand in ihren Nacken und küsste sie. Liena seufzte und legte ihre Hand auf seine Brust. Der dünne Stoff um seine Hüften vermochte seinen Wunsch nicht ansatzweise zu verbergen. Kurz erwiderte die Frau den Kuss, dann schob sie ihn sanft weg. „Es geht nicht“, sagte sie und blickte weg. „Auch Ihr seid wegen etwas anderem hier.“
„Warum seid Ihr denn hier?“, fragte er mit Enttäuschung in der Stimme.
„Wegen Euch natürlich.“
„Offensichtlich nicht.“
Liena verdrehte die Augen, doch ein wenig musste sie schmunzeln. „Ihr wisst genau, wie das gemeint war.“
Er wusste es. „Also gut“, Triborin setzte sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Kurz starrte er noch auf den Boden, dann seufzte er und erhob sich, wickelte dabei das Laken um seine Hüfte. „Ich fand es trotzdem sehr schön, Liena.“ Er ging zu der kleinen Waschschüssel, die einer gefliesten Nische untergebracht war und wusch sich. „Was werdet Ihr heute tun?“
„Ich begleite Euch in die Bibliothek und helfe Euch bei der Suche.“
„Woher?“, setzte er an, doch dann fragte er sich, warum er sich überhaupt noch wunderte. Liena schien immer über alles Bescheid zu wissen. Die Frau lachte und Triborin konnte nicht anders, als sie anzuschmachten. Immerhin war es das Lachen gewesen, dass ihn zuerst verzaubert hatte. „In Ordnung. Werden wir danach Zeit für etwas Schönes haben?“
„Möglicherweise; an was dachtet Ihr?“
Triborin grinste. „Es gibt hier gute Freiluftrestaurants mit Musik und Tanz. Zu gerne würde ich herausfinden, was die Erziehung an Salisirs Hof an Tanzqualität hergibt.“
Liena zog eine Augenbraue hoch. „Wie soll ich diese Herausforderung ausschlagen?“
Triborins Herz machte einen Satz. „Aber erst nach getaner Arbeit“, fügte sie hinzu und streckte sich noch einmal ausgiebig, bevor auch sie sich aus dem Bett schälte.

Die Suche in den langen Regalgängen von Duwalaras Bibliothek ging Triborin so viel einfacher von der Hand, wo ihm noch der Zauber der letzten Nacht anhaftete, die Aussicht auf einen gemeinsamen Abend und Lienas Anwesenheit ihn beflügelten. Er hatte davon abgesehen, ihr zu erläutern, wonach er suchte, da er sicher war, sie wisse es ohnehin bereits. Eher verwunderte ihn, dass sie überhaupt Bücher wälzen musste und ihr nicht alles schon bekannt war. „Ihr hattet mit Sicherheit Zugang zu Salisirs Bibliothek, nicht?“, fragte er sie nach einiger Zeit leise, um die anderen Besucher nicht zu stören. Liena nickte. „Größtenteils.“
„Habt Ihr dort nichts zu diesem Thema gefunden? Ich würde vermuten, der Bestand und die Qualität überschreiten den hiesigen bei Weitem.“ Die Albe suchte weiterhin die Buchrücken und Pergamentrollen ab und fuhr dabei mit einem Finger über die von den Jahren gezeichneten Einbände. „Mag sein, dass es dort Aufzeichnungen gibt, aber es ist einige Zeit her, dass ich dort war und ich habe nie wirklich danach gesucht. Doch wie steht es mit Euch? Hat Xarchavas‘ Keller nichts zu bieten?“
„Nicht viel“, gab er ehrlicherweise zu. „Ich habe die Vermutung, dass damals viel Material verloren gegangen ist oder vernichtet wurde. Oder man hat wirklich nichts darüber aufgeschrieben.“ Dass Lord Xyrius über private Aufzeichnungen verfügte, verschwieg er. Es war ihm unangenehm zuzugeben, dass sein Lord ihm offensichtlich nicht alles gesagt hatte, was er wusste, auch wenn er nicht einschätzen konnte, wie Sinklar das hielt. „Aber sagt“, er schluckte noch einmal, da er befürchtete, er könne Liena verärgern. „Gestern habe ich gelesen, dass dieses Vogelvolk dem albischen Heer angehörte. Ist das kein Bestandteil Eurer Lieder und Geschichten oder der Ausbildung der Kinder?“
Liena hielt inne und sah auf und es dauerte einen Moment, bis sie antwortete. „Es mag verwunderlich erscheinen, doch ist es tatsächlich nicht.“
„Wieso?“ hakte Triborin flüsternd nach.
„Das weiß ich nicht. Vermutlich hat es sich über die Jahre so ergeben, weil es nicht wichtig ist, weil es vergangen ist. Zeigt mir die Schrift, in der Ihr davon gelesen habt“, forderte Liena ihn auf und Triborin, den ihre Antwort wie so oft schon nur bedingt zufrieden stellte, ging, um das Buch vom Vortag zu holen.
Mehrmals zuckten Lienas Augen über die Zeilen, ihre Miene ausdruckslos. „Und? Spricht der Text von diesem Vogelvolk? Waren sie ein Teil Eurer Streitkräfte?“, flüsterte Triborin. Ein Seufzen entfuhr Liena, dann nickte sie. „Ich glaube schon.“
„Was ist geschehen? Kennt Ihr diesen Teil der Geschichte?“
Lienas grüne Augen richteten sich auf Triborin. „Ihr seid geschehen“, sagte sie. „Lacharys fiel in Mildir ein.“
„Wegen Gebieten, die Ihr uns zuvor…“, Triborin unterbrach sich. Das war unsinnig. Nicht nur, dass dieser Krieg Jahre zurück lag, er hatte auch nichts mit Liena oder ihm zu tun. Es gab keinen Grund, sich zu rechtfertigen. „Was hat das mit dem Vogelvolk zu tun?“ Sein Fund bei Der Trauernden kam ihm in den Sinn. Nur zwei Völker gab es auf der Welt, die unübertroffen mit Pfeil und Bogen waren… konnte es sein, dass seine Vorfahren für den Tod der Vogelkinder verantwortlich war?
„Der Krieg hat sich gewendet“, sagte Liena nur.
„Und ein ganzes Volk verschwindet?“, hakte der Elf nach. Wusste Liena etwas über das Relikt im Süden Mildirs? Triborin war kurz davor es anzusprechen, doch er entschied sich dagegen. Es konnte nicht schaden, wenn auch er einige Dinge für sich behielt. Immerhin war sie Lord Sinklars Tochter und nach all den Geheimnissen, an denen er hier kratzte, wollte er nicht ausschließen, dass in den Armen der steinernen Frau längst vergessene Kriegsverbrechen schlummerten, deren Kenntnis besser nicht in die falschen Ohren geriet.
„Wahrscheinlich nicht“, sagte Liena und deutete mit einem Finger auf den Namen des damaligen Kaisers Solterras, „andere haben eingegriffen.“
Doch war es der große Kaiser Ephrasian, der sie zur Vernunft bewegen musste..., las Triborin erneut und verfolgte den Text dieses Mal weiter. Die Initiative des strahlenden Herrschers selbst ermöglichte erst eine Beilegung der Konflikte und die Rettung von so vielen. „Ihr meint, der Kaiser der Südmenschen hat das Vogelvolk gerettet?“
„Das ist nicht auszuschließen.“
„Doch wo ist es dann?“ Triborins Gedanken kreisten. „Warum gibt es nirgends Aufzeichnungen darüber?“
Liena strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Habt Ihr im Bereich der Legenden bereits nachgesehen?“ Er nickte. „Lasst uns trotzdem noch einmal nachsehen. Der Aufseher dort drüben blickt uns ohnehin schon länger finster an, da wir die Stille stören.“


Linu

Die Reise nach Hause verlief zügig und reibungslos, da sie größere Strecken im Flug überbrücken konnten. Kurz hatten sie überlegt in dem am nächsten liegenden Dorf aufzuschlagen, doch Linu hatte Sorge, man könnte sie nicht ernst nehmen, sie vielleicht gar davonjagen. Zwei Kinder, die Fremde anschleppten und die Einberufung des Rates forderten, wären nicht viel mehr als naive und törichte Heranwachsende in den Augen der Bewohner. In ihrem Heimatort würde man sie auch nicht mit offenen Armen empfangen, doch zumindest kannte man sie und würde sie sprechen lassen. Bildlich konnte sich Linu das Gesicht ihres Vaters vorstellen, wenn sie vortrug, was sich ereignet hatte, wo sie gewesen war, was sie erlebt hatte und warum sie zurückgekommen war. Seine scharfen gelblich-braunen Augen würden sie durchbohren, seine Stirn läge in Sorgenfalten und sein Mund wäre eine dünne Linie. Und wenn sie geendet hatte? Wie würde die Reaktion ausfallen? Tief in ihrem Innern wagte die Aviare zu hoffen, ihr Vater wäre stolz auf sie. In so kurzer Zeit hatte sie einen großen Teil des Rätsels um ihre Vergangenheit gelöst, hatte den Wald und das Gebirge besucht und herausgefunden, dass tatsächlich jemand von jenseits des Meeres nach Caertol gekommen war, um sie zu finden. Die Reaktion der anderen wäre allgemein äußerst interessant. Das Beisein des Alben verhinderte jegliche Form von Unglauben, den sie normalerweise von vielen erwartet hätte. Furcht war wahrscheinlich. Wer konnte wissen, was noch alles über das Meer kommen würde? Halldor würde mit einer Menge Misstrauen rechnen müssen. Andere würden gleichgültig reagieren, als ginge es sie gar nichts an, als wäre all das nicht wichtig. Dass auch ein paar aufgeregt und neugierig wären, musste Linu hoffen. Immerhin ging es nicht nur um die eigene Vergangenheit und darum Fehler von früher gerade zu rücken, sondern auch um die Erkundung eines komplett fremden Landes. Schon immer hatte sie gespürt, dass es mehr geben musste, als das eintönige Leben im Dorf, wo die einzige Abwechslung durch Wetter und Jahreszeiten ermöglicht wurde.
„Am besten, Ihr lasst zuerst Taal und mich berichten“, sagte Linu eines Abends zu Halldor. „Mein Volk ist sehr misstrauisch und verschlossen. Ich werde alles erklären, bevor Ihr Euer Anliegen vortragen könnt.“ Der Alb war einverstanden, doch etwas anderes spukte ihm im Kopf herum. „Verändert sich Eure Fluggeschwindigkeit und Ausdauer, wenn Ihr älter werdet?“
Linu zuckte mit den Schultern. „Ein wenig, ja“, antwortete sie. „Mein Vater fliegt schneller als ich und vielleicht könnte er diese Strecke sogar an einem Stück fliegen, doch es würde ihn sehr anstrengen.“
„Hm“, machte Halldor und versank wieder in seine Gedanken. „Wieso?“, hakte Linu, doch es war Gemby, der nach ein paar Augenblicken antwortete. „Halldor fragt sich, wie ihr es damals geschafft habt, über das Meer zu fliegen. Oder vielleicht weiß er es sogar. Ist es nicht so?“
„Mindestens drei Wochen sind nötig, um die Distanz mit einem Schiff zu überbrücken, wenn ich mich richtig erinnere. Das ist eine lange Zeit.“
„So lange kann kein Aviare am Stück fliegen“, sagte Linu bestimmt.
„Denk an die Luftbeschwörer“, warf Taal ein. „Vielleicht hat der Wind ihnen geholfen.“
„Scheinbar nicht genug, viele sind gestorben.“ Traurig sah Linu zu Boden. „Schade, dass keiner mehr weiß, wie man die Luft beschwört. Ich stelle mir das toll vor.“
Wieder hatte sie den Eindruck ein kurzes Zucken durch Halldor gehen zu sehen. Was war es, das ihn so aus der Fassung brachte, wann immer das Thema zur Sprache kam? „Gibt es so etwas in Eurer Heimat?“, fragte sie ihn in dem Versuch, mehr darüber herauszufinden.
„Nein.“, antwortete er knapp. Eine weitere Frage wollte Linu nicht einfallen und so wandte sie sich von ihm ab. Möglicherweise schlummerte die Begabung noch tief in einigen von ihnen und sie konnten es wieder erlernen. Unter Umständen mithilfe ihrer eigenen Vergangenheit? Wer konnte schon wissen, welch Schätze sie finden würden, wenn sie Halldor in ihre alte Heimat folgten? Immer öfter ertappte die junge Aviare sich bei dem Wunsch, ihr Volk möge sich für den Aufbruch entscheiden oder zumindest einige von ihnen. Das wäre wahrlich einmal ein Abenteuer.

Gegen Mittag des dritten Reisetages erreichten sie Linus Heimatdorf. Als sie die ersten Häuser erkannte, wurde Linu bewusst, wie lange sie weggewesen war und wie wenig sie an zu Hause gedacht hatte. Nun wurde sie vollkommen überraschend von Freude und Erleichterung überflutet. Mit einem Mal wollte sie alle unbedingt wieder sehen; ihre Eltern, Flinn und die anderen aus der Schule, den Pater, und auch all die Gebäude und Orte. Das Dorf hatte sich natürlich kein Stück verändert. Als sie ankamen, arbeiteten einige Aviare auf den umliegenden Feldern, auf dem Marktplatz wurden Waren getauscht und kleine Kinder waren mitten in ihren ersten Wechsel- und Flugübungen im Außenbereich der Schulhütten. All jene, die nicht zu vertieft in ihre Arbeit waren, sahen auf, als die sonderbare Gruppe vorbei ging und zogen fragend und, soweit Linu es deuten konnte, sorgenvoll die Augenbrauen zusammen.
Taal hatte vorgeschlagen, sie könnten zuerst zum Hause seiner Eltern gehen. Zwar waren sie kein Teil des Rates, doch sie waren sehr aufgeschlossen und gelassen und es war ratsam, nicht gleich bei ihrer Ankunft einen Tumult zu verursachen. Linu hatte noch nie erlebt, dass ein Kind eine Zusammenkunft des Dorfrates einberufen hatte und so war es sicher nicht schlecht, erst einmal Erwachsene auf ihre Seite zu ziehen, die dann weitere Schritte einleiten konnten. Dann aber erblickte sie ihren Vater Aalon und in dem Moment, in dem sich ihre Blickte trafen, trat der Ausdruck des Erkennens auf sein Gesicht. Linu las Unglauben, Skepsis und schließlich Ärger darin und mit großen Schritten eilte er zu ihnen hinüber. „Linu!“, rief er, als fürchtete er, sie wollte gleich wieder fliehen und am liebsten hätte sie das auch getan. „Wo bist du gewesen? Deine Mutter und ich hielten dich für tot!“ Er hatte sie erreicht und seine Augen funkelten sie böse an. „Kannst du dir vorstellen, wie verrückt wir das ganze Dorf gemacht haben, um euch zu suchen?“ Sein Blick glitt zu Taal und dann zu den anderen und sein Mund klappte auf. Offenbar war er zuvor so sehr auf seine Tochter fixiert gewesen, dass er ihre Begleiter gar nicht bemerkt hatte. „Es tut mir leid, Papa“, brachte sie mühsam hervor, während es Aalon scheinbar die Sprache verschlagen hatte. „Ich kann dir alles erklären.“
Mit einiger Anstrengung nahm er seinen Blick von Halldor und Gemby und sah wieder Linu an. „Das will ich hoffen.“
„Wir sind hier um vor dem Rat zu sprechen“, eilte ihr Taal zur Hilfe. „Wir haben so viele Dinge herausgefunden, Aalon, das geht alle etwas an.“ Aalons Blick war nicht weniger streng mit Linus Freund, doch er nickte. „Das Übel ist schon vollbracht. Etwas anderes, als euch zuzuhören, bleibt uns kaum möglich.“
Am liebsten hätte Linu einen Blick auf Halldor riskiert, doch sie traute sich nicht. Zu gern wollte sie wissen, wie der Mann auf einen ausgewachsenen und noch dazu äußert skeptischen Aviaren reagierte.
„Ich bringe euch zu Ren“, sagte Aalon und nahm den Weg zur Freiluftkapelle.
Linu kannte den Pater schon von klein auf. Er war ein alter Mann, mit weißem Haar, buschigen Augenbrauen und stechend blauen Augen, die seinem scharfen Verstand entsprachen. Es war nicht immer der Fall, dass die dörfliche Verbindungsperson zu Ralon auch gleichzeitig der Vorsitzende der Ratsgesandten war, doch in Linus Heimatort hatte es diesbezüglich nie Zweifel gegeben. Als er sie empfing, war sein Ausdruck ernst und bestimmt und es war nicht nötig, dass sie ihr Anliegen vorbrachten. Er schien bereits zu wissen, weshalb sie ihn aufsuchten. Nachdem er Halldor und Gemby abschätzend gemustert hatte, bedeutete er ihnen mit einem Kopfnicken ihm zu folgen. Die Freiluftkapelle war ein recht großes Areal mit ordentlich geschnittenen Wiesen und kleinen Kieswegen, auf denen die Betenden entlangschreiten konnten. In der Mitte erhob sich eine Statue Ralons in den Himmel und überall gab es steinerne Bänke zum Verweilen. Am hinteren Ende war das bescheidene Wohnhaus des Paters und dorthin führte er sie. Er wollte in Ruhe mit ihnen sprechen. Zunächst bot er ihnen jedoch Tee und Kekse, die dankend angenommen wurden. Noch nie zuvor war Linu im Wohnhaus des Paters gewesen. Seine Einrichtung war bescheiden und die geringe Anzahl Möbel verstärkte das Gefühl, das Haus sei zu große für eine Person. „Es wirkt einsam“, dachte das Mädchen, doch sie kannte die Antwort, die Ren ihr gäbe, würde sie ihn danach fragen. „Ich bin niemals alleine. Ralon ist stets bei mir, mein Kind.“
„Ihr möchtet, dass ich den großen Rat einberufe“, sagte Ren ohne Umschweife, nachdem alle an dem krummen Holztisch Platz genommen hatten. Linu öffnete den Mund, doch der Pater kam ihr zuvor, seine Augen auf die junge Aviare gerichtet. Weder Halldor noch Gemby hatten ein Wort gesagt, seit sie im Dorf waren. „Warum solltet ihr sonst mit Fremden zu mir kommen? Wieso sie in unser Dorf führen? Euch kann unmöglich bewusst sein, welche Wellen euer Handeln schlagen wird.“ Die Strenge in Rens Blick ließ Linu schlucken. „Noch nie haben uns andere… Wesen aufgesucht.“ Er sah Halldor und Gemby eindringlich an. Der Affe lächelte wissend, doch das Gesicht des Alben glich einer Maske, undurchdringlich und kalt. „Warum seid ihr gekommen?“ Linu ergriff das Wort. „Wir haben etwas über unsere Vergangenheit heraus“- mit einer schneidenden Geste unterbrach Ren sie und ihr Vater legte ihr die Hand auf die Schulter. Die Frage war nicht für sie bestimmt. Der Pater sprach den Alben an.


Rak

Die Aussicht auf den abendlichen Unterricht mit Holon machte Rak sogar die Zeit, die er mit den anderen verbrachte, erträglicher. Langsam machten alle Fortschritte und Meister Lanon zeigte ihnen die ersten Schritte, die für eine feinere Kommunikation mit dem Gestein nötig waren. Rak plagte die Sorge, die anderen würden ihn einholen und er strengte sich in jeder Stunde besonders an, um besser zu werden. Meister Lanons Misstrauen ihm gegenüber schien ebenfalls weniger zu werden, da der Junge sich bemühte sich ausschließlich an die Vorgaben des Lehrers zu halten. Manchmal fragte er sich, ob Lanon wirklich nicht wusste, dass er heimlich übte wann immer möglich. Mittlerweile hatte er gelernt, einen Stein kontrolliert vor sich schweben zu lassen, konnte kleinere Stücke beliebig verformen und trainierte gerade, sich von dem Gestein tragen zu lassen, indem er sich auf schwebende Stücke stellte. Rak war stolz, dass er sich all das selbst ausgedacht hatte. Die Stunden mit Holon fokussierten den Umgang mit Holz und Metall, auch wenn er zu letzterem einige Tage später immer noch keinen Zugang gefunden hatte.
Seit dem ersten Mal hatte Holon keine Pflanze mehr mitgebracht. Ob aus Vorsicht oder um Raks ungeteilte Aufmerksamkeit auf die anderen Übungsstücke zu lenken, wusste der Junge nicht. So oder so zahlte es sich aus. Nicht wenige Tage später hatte er ein gutes Gespür für das Holz entwickelt, auch wenn dessen Impulse um vieles feiner waren, als die des Gesteins und es deutlich mehr Konzentration verlangte, sie zu erspüren. Es war tatsächlich wahr: er war ein Multielementar. Hätten ihn doch Matthes und Klara und all die anderen vom Hofe Kalksteins sehen können! Der Tag würde kommen, da sie ihm Bewunderung und Respekt entgegen bringen mussten, damit er sie nicht zerquetschte wie die Fliegen. Rak malte sich die Rückkehr nach Krinkgard in allen Farben aus. Wenn er die Absichten von Holons Orden richtig gedeutet hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis sie in die Königsstadt marschierten und er betete, dass er ebenfalls für die Mission auserwählt würde – mit Sir Kartoff an seiner Seite.
Der Ritter begleitete sie jeden Abend. Offenbar schien er nun für länger an der Akademie zu bleiben und trotzdem bekam Rak ihn tagsüber kaum zu Gesicht. Seine Faszination war um keinen Deut geschrumpft. Es gab so vieles, das er den schweigsamen Mann gerne fragen wollte und gleichzeitig wusste er, dass, sollte er ihm alleine gegenüber stehen, ihm sämtliche Worte fehlen würden. Etwas anderes als die mysteriösen Hintergründe von Sir Kartoffs Verbindung zu den Elementaren hatte sich verstärkt in Raks Geist gedrängt. Der Ritter war nach dem Vorfall mit dem Signalstein noch etwas länger in Krinkgard geblieben und auch zwischenzeitlich dorthin zurückgekehrt. Zu gerne wollte Rak wissen, was aus der Prinzessin geworden war… und aus seinen Eltern. Wie hatten sie es getan? Hatte man ihnen wenigstens etwas Respekt gezollt oder sie hingerichtet wie die schlimmsten Schwerverbrecher? Holon zu fragen, traute er sich nicht. Der Mann schien zu wollen, dass Rak all das vergaß, sich auf sein neues Leben einließ. Und eigentlich versuchte er das auch, wenn nur die Ungewissheit nicht so sehr an ihm genagt hätte.
Heimlich hatte er schon mehrere Versuche gestartet, Sir Kartoff und Holon zu belauschen. Obwohl er sich dafür schämte, war die Versuchung doch zu groß gewesen. Seine Fertigkeit über das Gemäuer zu hören, war mittlerweile so fein, dass er bestimmte Personen im Gebäude lokalisieren konnte. Herausgefunden hatte er trotzdem nichts. Entweder sprach Holon auch nicht viel mit dem Ritter oder er ergriff Maßnahmen, um nicht belauscht zu werden. Immerhin waren Raks Ohren vermutlich nicht diejenigen, die der Meister am meisten fürchtete. Seit dem Streit Holons mit Großmeister Hangol und der Diskussion mit Meister Lanon, hatte es keine Anzeichen der Meinungsverschiedenheit unter den Meistern gegeben, doch genau das wollte Holon mit Sicherheit vermeiden. Wohl oder übel musste Rak sich gedulden, bis einer der Männer ihm von alleine Informationen gab.
Es sollte schneller gehen, als er gedacht hatte, auch wenn nicht seine Eltern das Thema waren.
„Lord Sarkis wird morgen anreisen“, sagte Holon auf dem Heimweg einer abendlichen Übungsstunde. „Stellvertretend wird er dich offiziell in unseren Kreis aufnehmen.“ Rak sah seinen Meister gespannt an. „Es ist Zeit, dass wir dich in unsere inneren Bande aufnehmen. Nicht mehr lange und wir werden uns der Welt offenbaren. Die anderen Elementare werden die Chance bekommen, sich uns anzuschließen und dann werden wir uns Norgond nehmen.“ Holon blickte in die Ferne. „Der Befehl kam erst letzte Nacht.“
Rak spürte, wie sich Aufregung in ihm breit machte. „Was wird von mir erwartet?“, fragte er, weil es das erste war, das ihm einfiel. „Du musst einen Schwur ablegen, stets nur im Dienste des Ordens zu handeln und dein Leben für unsere Sache zu geben. Bist du dazu bereit? Es ist ein schwerwiegendes Versprechen.“
„Das bin ich“, sagte der Junge bestimmt. Nie hatte er weniger an einer Sache gezweifelt. „Ich möchte dazu beitragen, dass endlich die Gerechtigkeit siegt.“ Holon schmunzelte. „Gut. Ich habe auch nichts anderes von dir erwartet.“
„Die anderen… werden auch die anderen Schüler gefragt?“ Plötzlich erfüllte Rak Furcht, er müsse dieses besondere Privileg mit den Übrigen teilen, die ihm alle unterlegen waren. Er wollte nicht, dass Timm, Argo, Marlo und Finni gefragt wurden, nicht einmal Stanna. Dies war etwas, das er allein sich verdient hatte und er würde es unmöglich ertragen können, wenn sie es einfach so geschenkt bekämen, ohne sich besonders dafür anstrengen zu müssen.
„Gewisse Grundkenntnisse sind Voraussetzung. Ältere Schüler vielleicht“, entgegnete Holon knapp und Raks Herz machte vor Freude einen Satz. „Muss ich eine Prüfung ablegen, ob ich geeignet bin?“
Holon lachte. „Nein, keine Sorge. Lord Sarkis und auch unser Herr vertrauen meinem Urteil genug.“
Sorge hatte Rak auch nicht gehabt. Nur zu gerne hätte er präsentiert, was er bereits alles gemeistert hatte. Als erriet Holon seine Gedanken fuhr er fort. „Du wirst dich noch früh genug beweisen können. Morgen geht es wirklich nur um den formellen Teil. Weißt du noch, wie du Lord Sarkis gegenüber zu treten hast?“
Schüchtern nickte Rak. „Ich denke schon. Verbeugen, warten, bis ich zum Sprechen aufgefordert werde, stehen bleiben, bis ich zum Sitzen aufgefordert werden… und all so etwas.“
„Das soll genügen.“
„Zumindest für Sarkis“, brummte auf einmal Sir Kartoffs tiefe Stimme hinter ihnen. Selbst Holon schien verblüfft, so selten sprach der Ritter. Fragend blickte Rak zu seinem Meister.
„Wenn Ihr auf ihn abzielt, Sir Kartoff, so macht unserem Jungen keine große Hoffnung, dass er für dieses Zusammentreffen jemals üben muss. Es ist fraglich, ob wir ihn überhaupt je zu Gesicht bekommen werden“, wandte sich Holon nach hinten.
„Ihn wird er sehen wollen.“ Rak musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass des Ritters Finger auf seinen Rücken deutete.


Triborin

Als sie die Bibliothek verließen, stand die Sonne bereits tief, doch es war noch immer mild. Eine gefühlte Ewigkeit hatten sie sich durch Märchen und andere Geschichten gekämpft und doch nichts gefunden, das ihnen einen guten Anhaltspunkt gegeben hätte. Wie der Elf bereits tags zuvor festgestellt hatte, schien sich die südliche Fantasie auf das zu beschränken, was Sand, Meer und Sonne hergaben. Die Albe war der Auffassung, sie hätten lediglich den falschen Blickwinkel, doch Triborin war weniger guter Dinge. Er war froh, als sie endlich an der frischen Luft waren. Für den heutigen Tag war seine Konzentration aufgebraucht, zumal er sich das geplante Dinner viel zu sehr herbei sehnte.
Triborin wählte das Lokal, in dem er sich bereits in allen Details ausgemalt hatte, mit Liena zu speisen. Die meisten Tische befanden sich unter einem weitläufigen Pavillon, an dessen Säulen sich Blumenranken empor zogen und dessen Ende Platz für eine Musikgruppe bot. Immer, wenn er abends vorbei gekommen war, war wundersame Musik hinaus gedrungen, es hatte nach gebratenem Fisch und feinen Gewürzen geduftet und das Klirren von Weingläsern hatte in der Luft gelegen. Von allen Plätzen aus hatte man Blick auf das Meer und die seidenen Vorhänge des Pavillons wurden nur bei ungemütlichem Wetter zugezogen oder wenn ein Gast es ausdrücklich wünschte. Vor ein paar Tagen hätte der Dunkelelf sich nicht träumen lassen, dass er die schöne Albe wirklich einmal hierher ausführen könnte und nun war seine Träumerei Realität geworden. Es fiel ihm sehr schwer, nicht pausenlos zu grinsen.
Ein Mann mit sauber gestutztem Bart und eleganten Stoffen gekleidet, führte die beiden zu einem Tisch und brachte ihnen Wasser und roten Wein in gläsernen Karaffen, wie sie selbst in gehobenen Restaurants eine Seltenheit waren. Triborin schenkte sich und Liena etwas ein und hob seinen Kelch zum Trost. Der schwere Wein Solterras hatte ihn in überzeugt, obwohl er zuerst noch etwas mürrisch festgestellt hatte, dass es kein Bier gab. Ölig und schwer lag er im Glas und duftete nach reifen roten Früchten und Gewürzen. „Auf uns“, sagte er. „Danke für diesen Abend.“ Liena nickte ihm bloß zu und sagte nichts, auch wenn ein kleines Lächeln ihre Mundwinkel umstrich. Das Mahl war vorzüglich. Triborin aß Fisch und Liena orderte in der Pfanne gebratene Hirsekuchen mit verschiedenem Gemüse. Nachdem sie den ganzen Tag mit Recherche zugebracht hatten, war Triborin froh, dass sie sich nun über andere Dinge unterhalten konnten. Er erzählte ihr von früher, von seiner Heimat und dass er eigentlich im Holzbetrieb seines Vaters hätte arbeiten sollen. „Der Betrieb wird an meinen Bruder gehen, doch es war immer schon vorgesehen, dass ich und meine jüngere Schwester ebenfalls dort weiterarbeiten werden“, sagte er. „Vater war bitter enttäuscht, als ich mich entschloss zu den Leibgardisten zu gehen. Am liebsten hätte er es mir verboten, doch vor dem Botschafter aus Xarchavas konnte er das nicht aussprechen.“ Er lächelte traurig in sich hinein. Bis heute ließ Vater ihn spüren, dass er die Entscheidung nicht unterstützte. Was würde er wohl denken, wenn er sähe, dass sein Sohn mit einer Albe zu Abend aß? „Meiner Mutter zu Liebe war ich trotzdem regelmäßig daheim“, fuhr er fort, da Liena ihn weiter stumm und interessiert ansah. „In Wahrheit hat meine Wahl sie weit mehr getroffen als Vater, doch das hat sie niemals ausgesprochen. Sie hatte Angst…“ - er rang mit den richtigen Worten - „mich zu verlieren. Ich habe es in ihren Augen gesehen und in ihren Worten und Handlungen erkannt. Mutter ist eine sehr warmherzige Person, müsst Ihr wissen.“ Liena nickte wissend. Weder Dunkelelfen noch Alben waren für ihr Mitgefühl bekannt. „Sie befürchtete, die Ausbildung könnte Euer warmes Herz erkalten lassen“, ergänzte die Albe und Triborin nickte. „Und, kam es so? Hat sie Euch verloren?“ Eine unnötige Frage. „Das wisst Ihr.“ Vermutlich wusste es sogar Xyrius. Nicht zum ersten Mal fragte sich Triborin, ob sein Lord ihn deshalb losgeschickt hatte; um ihn zu testen. Nach und nach war ihm dieser Verdacht gekommen. War der Auftrag dem Oberhaupt womöglich gar nicht so wichtig, wie er ihn hatte glauben lassen? Ging es um etwas anderes? Wenn dem so war, hatte er schon versagt, sogar lange bevor Liena in sein Leben getreten war. Es war der Augenblick auf der Anhöhe, als er den Menschen des kleinen Dorfes zur Hilfe geeilt war, in dem sein wahres Selbst durch die harte Schale gebrochen war, die er in der jahrelangen Ausbildung mühevoll Schicht für Schicht hochgezogen hatte. „In meiner Familie hat schon immer jegliche Wärme gefehlt“, platzte Liena unvermittelt in Triborins Grübelei. Sie schien ebenfalls tief in Gedanken versunken. „Eine richtige Kindheit hatten wir nicht.“ Aufmunternd lächelte der Elf ihr zu, um sie zum Weitersprechen zu bewegen. Zu gerne wollte er mehr über das Leben im goldenen Palast erfahren, doch Liena schüttelte den Kopf. „Ist nicht so wichtig“, sagte sie und setzte ein schwaches Lächeln auf. „Das ist vergangen.“ Und das Gespräch bewegte sich wieder in eine allgemeinere Richtung. Mehr und mehr beschlich Triborin das Gefühl, dass etwas im Argen lag zwischen Liena und ihrer Heimat.
Während des Essens begann die Musik zu spielen und nach und nach betraten Paare die freie Fläche, um zu tanzen. Triborin lächelte Liena an und nickte mit dem Kopf in die Richtung, doch sie bestand darauf, noch einen kleinen Nachtisch zu essen und ließ sich Wein nachschenken. Triborin prostete ihr mit vielversprechendem Blick zu. So einfach würde sie ihm nicht davon kommen und als das letzte Bisschen der süßen Creme verspeist war, erhob er sich von seinem Platz. Wie es verlangt wurde, verbeugte er sich tief vor Liena und bot ihr die Hand. Die Musikgruppe an der Stirnseite des Platzes hatte einen flotten Walzer angestimmt, dessen Rhythmus die melancholische und elegante Melodie der Fidel trug und wiegte. Liena blickte ihn zunächst etwas gequält an, doch lächelte dann und ergriff seine Hand. Er führte sie auf die Tanzfläche und schon bald begannen die ersten Besucher im Tanzgarten zu jubeln und zu klatschen, als das Paar mit der unübertroffenen Eleganz, die ihrer beiden Abstammung gemein war, über die warmen Steinfliesen schwebte. Nirgends anders als im liberalen Süden hätten ein Dunkelelf und eine Albe ohne Konsequenzen mit einander tanzen können, doch hier regierten die Toleranz und die Freiheit der Menschen und das unmittelbare Lebensglück wie die Schönheit eines Augenblicks zählten viel mehr als irgendwelche Konventionen. Leichtfüßig und schnell bewegten Triborin und Liena sich in der Musik, mit gerader Haltung und Leidenschaft im Blut, ließen sie sich tragen. Beinahe wäre der Dunkelelf zu geblendet gewesen vom eigenen Glück, um die Veränderung in Lienas Gesichtszügen bemerken zu können. Nach und nach schlich sich derselbe Schleier von Traurigkeit und Sehnsucht in ihren Ausdruck, der auch der Melodie inne lag. Ein wenig senkte er den Kopf, um ihren Blick zu fangen. Er meinte zu wissen was in ihr vorging. Da war Trauer um einen Augenblick, der noch gar nicht vorbei war, Verzehren nach Gefühlen, die nicht bestehen durften und die gnadenlose Gewissheit, dass es durch jedes Stückchen Nähe, das sie sich schenkten, noch viel schlimmer werden würde. Er nahm den Arm von ihrer Hüfte, um ihr Kinn zu sich hinzuziehen und küsste sie auf den Mund. Noch wollte er sich nicht mit der Zukunft und allen Konsequenzen befassen. Dafür fühlte sich alles einfach viel zu gut an.


Damit poste ich noch den Rest meiner während des NaNos entstandenen Geschichte :)
Danke Euch allen für die viele Motivation und super Unterstützung!
Ich decke damit schätzungsweise 50% meiner Idee ab und schließe das quasi als "Teil 1".
Morgen lasse ich es ausdrucken und "binden" und auf DIN A5 komme ich nun immerhin schon auf 260 Seiten *freu*
In Papierform wird es erst einmal einer gründlichen Kontrolle unterzogen ^^ danach werde ich hoffentlich (spätestens nächsten November ;)) daran weiter arbeiten
~ Die größte Offenbarung ist die Stille ~

Laotse

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