Kapitel 01 - Das Haus Gash

  • Das Haus Gash

    Naridien, Alessa, 1079 n.d.A.



    „Bis zu dem Tag der Firmenübernahme von meinem Bruder Lester, wusste ich genauso wenig von meinem Bruder, wie er von mir. Mein Vater Urban hat ihm die Firma überschrieben und ihm zeitgleich mitgeteilt, dass er mich auszahlen müsste, da ich als erstgeborener Sohn des Hauses Gash ein Anrecht auf einen Pflichtteil hätte, auch wenn er mich enterbt hätte. So ließ Lester nach mir suchen und glaube mir, ein Gash dem es ums Geld geht der findet Dich auch noch im Arsch von Rakshor, wenn er muss“, erzählte Sephar.


    „Hab ich schon festgestellt. Du kennst auch Leute die wen kennen, die wiederum wen kennen, der wen kennt und so findest Du alles und jeden. Ich könnte Dir gar nicht weglaufen. Vermutlich wüsstest Du sogar vor mir, wohin ich fliehe“, lachte Killian und Sephar musste darüber ebenfalls loslachen.


    „Also eines Tages erhielt ich Post von einem Anwalt. Dieser teilte mir mit, dass mein Bruder mich ausbezahlen wollte, damit ich keine Ansprüche mehr auf die Firma Gash stellen könnte. Die Summe die er mir als Auszahlungssumme anbot waren 50.000 Taler. Sollte ich der Auszahlung zustimmen, würde ich jedes Recht an der Firma an meinen Bruder abtreten.


    Eigentlich hätte ich das auch ohne weiteres getan, aber 50.000 Taler für eine Firma die in Edelmetalle macht? Zumal der Pflichtanteil nicht ausgerechnet worden war und mir der Anteil nicht nachgewiesen wurde. Es handelte sich einfach um ein Angebot um mich abzuspeisen.


    Wenn sich mein Vater schon wie ein Drecksack verhalten hatte und mich nicht nur weggegeben hatte, sondern auch noch enterbt hatte, musste mein Bruder da gleichziehen? Er hätte wenigstens so fair sein können und mir den Anteil überweisen können, der mir nach Rechtslage tatsächlich zugestanden hätte. Das hatte er aber nicht getan, also sah ich auch keine Veranlassung dafür, mich kulant zu zeigen.


    Ich erkundigte mich bei Gilean was ich tun konnte und bat ihn mir den besten und härtesten Anwalt von Naridien zu suchen, wenn nicht den härtesten Anwalt von Asamura! Selbst wenn der Anwalt 99% Provision genommen hätte, sogar wenn er 100% von der Streitsumme verlangt hätte, glaub mir, dass wäre mir gleichgültig gewesen. Mir ging es einzig und allein darum, meinem Bruder den größtmöglichen Verlust zuzufügen.


    Sich mit meinem Problem an Gil zu wenden, war wie immer goldrichtig gewesen. Gilean sagte mir, wenn mir die Kosten gleichgültig wären und ich mich nicht vor einer Schlammschlacht scheuen würde, dann sollte ich die Kanzlei Neda in Anspruch nehmen. Laut Gilean wäre Kuno Neda ein Staranwalt der selbst noch eine vertrocknete Zitrone zu Limonade auspressen konnte. Er musste es wissen als Eibenberg. Das klang nach dem perfekten Anwalt für mich, drum bat ich Gil mir einen Termin bei der Kanzlei Neda geben zu lassen. Wenn möglich wünschte ich mir einen Termin bei Kuno Neda persönlich. Frag nicht wie, Gil bekam das hin“, sagte Seph und kraulte Killian den Rücken.


    „Erzähl weiter“, bat Killian gespannt.


    „Die Kanzlei Neda liegt im besten Distrikt von Alessa. Allein die Lage der Kanzlei war schon beeindruckend, vom ihrem Büroturm ganz zu schweigen. Ich hatte mich in meine beste Robe geworfen und hoffte, dass sich Rechtsanwalt Neda persönlich meiner Sache annehmen würde und sie nicht an eines seiner Helferlein delegieren würde. Ich wollte seinen Namen unter den Anwaltsschreiben an meinen Bruder stehen haben und ich wollte diesen Anwalt im Prozess an meiner Seite wissen. Und laut Gil war Kuno Neda ein Riesenhai im Haifischbecken der Anwälte von ganz Naridien. Wer Eindruck schinden will, planscht auch nicht mit seinem Goldfisch, sondern taucht dort mit einem Riesenhai auf.


    Wie es sich gehört, war ich eine halbe Stunde zu früh dort. Nichts ist unhöflicher als einen Mann wie Neda warten zu lassen, drum wartete ich lieber brav vor seiner Bürotür. Die Sessel waren gemütlich, der Kaffee war lecker und die ganze Kanzlei war geschmackvoll eingerichtet. Als mich Nedas Sekretärin in sein Büro bat, stellte ich mit Erstaunen fest, dass Gileans Vergleich mit dem Hai wie die Faust aufs Auge passte. Denn Kuno Neda hatte das Lächeln eines Raubfischs. An Zufälle glaube ich nicht und so wertete ich seine Optik als positives Zeichen. Ich durchschritt das riesige Büro und blieb vor dem massiven Schreibtisch stehen, aus reiner Höflichkeit. Allerdings stand ich nicht lange herum, sondern Herr Neda stand auf, reichte mir die Hand und wir setzen uns gemeinsam.


    Damit Du Dir von Kuno Neda ein Bild machen kannst - Kuno ist 186 cm groß, schlank, dunkelhaarig und hat dunkle Augen.

    Die kalten, dunklen, scheinbar pupillenlosen Augen eines Hais.


    Kaum dass wir uns gesetzt hatten, erklärte ich ihm mein Anliegen und bat ihn mich anwaltlich zu vertreten.


    „Die Geschichte ist etwas kurz Herr Gash und wenn ich ehrlich bin, könnte Sie jeder meiner Anwälte bei diesem Problem vertreten. Nicht dass ich abgeneigt wäre Taler zu verdienen, aber ich bin abgeneigt mich zu langweilen. Wo ist der Knackpunkt, dass ich Sie persönlich vertreten soll? Ich leite seit Jahrzehnten diese Kanzlei, mit Kleinvieh beschäftige ich mich seit einer Ewigkeit nicht mehr. Wenn ich einen Fall übernehme, dann muss dieser Fall eine Herausforderung für mich sein. Zumindest soll die Gegenpartei durch meine Handlung leiden, das ist das Mindeste was ich von einem Fall verlange. Sie haben eine Stunde mich zu überzeugen, legen Sie los“, erklärte mir Herr Neda.


    „Das kann ich nachvollziehen. Ich versuche meine Bestes Sie zu überzeugen. Mein Problem reicht in meine Kindheit zurück. Da ich magisch veranlagt bin, gab mich mein Vater fort, an einen Tempel zur dortigen Ausbildung. Mein Vater bekam später erneut einen Sohn, seinen jetzigen Alleinerben Lester. Da mir trotz Enterbung noch ein Pflichtteil zusteht, mein Bruder sich diesen aber schenken wollte, bot er mir an mich mit einer Minimalsumme abzuspeisen. Und genau da liegt mein Problem. Vermutlich geht mein Bruder davon aus, dass Priester des Ainuwar keinen Besitz haben dürfen und meint mich so abfertigen zu können. Ich will mich an meiner Familie rächen“, erklärte ich dem Anwalt.


    „Hm… verstehe. Allerdings habe ich noch nie von einem Priester gehört der sich rächt und das noch mit Hilfe eines Anwalts“, grinste Neda.

    „Das dürfte kein Problem darstellen, ich bin kein Priester mehr. Ich verließ den Orden und schloss mich den Schatten an“, antwortete ich wahrheitsgemäß.


    Bei dem Wort Schatten hellte sich die Miene meines Anwalts dermaßen auf, als wäre in der Nacht die Sonne aufgegangen.

    „Sie gehören dem Orden der Schatten an? Darf ich fragen welchen Rang sie bekleiden?“, hakte Rechtsanwalt Neda nach.

    „Rang? Ich arbeite gelegentlich als freier Ausbilder im Ausbildungsbereich Alchemie. Bin ich extern für den Orden unterwegs“, klärte ich mein Gegenüber auf.


    Kuno Neda verschränkte seine Zeige- und Mittelfinger ineinander und dachte sichtlich gut gelaunt über meine Worte nach.

    „Wozu brauchen Sie meine Hilfe? Sie könnten sich doch persönlich um ihren Bruder „kümmern“. Ich hörte die Schatten verfügen über schreckliche Foltermethoden“, grinste Neda und er sah einem Hai ähnlicher denn je.


    „Sicher könnte ich das, aber mit welcher Konsequenz? Zwei, drei Tage Beschäftigung meinerseits und die Sache wäre gelaufen. Wenn Sie mit meinem Bruder fertig sind, wird er den Rest seines hoffentlich langen Lebens den Tag verfluchen an dem er mich herausgefordert hat. Kurzum, ich will dass Sie ihn als Anwalt fertig machen, denn er soll den Rest seines Lebens leiden. Und wie leidet man am längsten? Man zieht jemanden das Geld aus der Tasche. Mir geht es nicht darum, wie viel ich tatsächlich von meinem Pflichtteil erhalte. Die Aussage wird Sie freuen und Sie können mich ausnehmen wie ein Neujahrs-Gans. Mir geht es nur darum, meinem Bruder größtmöglichen, finanziellen Schaden zuzufügen“, sagte ich kalt.


    „Das ist eine äußerst erfrischende Einstellung, ich nehme Ihr Mandat an. Die meisten Mandanten wünschen sich eine Schadensbegrenzung. Größtmöglichen Schaden bei der Gegenpartei herbeizuführen, gehört zu einer meiner bevorzugten Tätigkeiten“, schmunzelte Kuno Neda diabolisch.
    „Dann toben Sie sich in meinem Fall nach Herzenslust aus“, antwortete ich zuckersüß, was Neda auflachen ließ.


    „Zur Bezahlung Herr Gash. Normalerweise habe ich einen festen Stundensatz, zudem eine Gewinnbeteiligung an der erstrittenen Summe. Bei Ihnen liegt der Fall anders auf Grund Ihres Status. Alchemie ist Ihr Fachgebiet… hm. Das Spektrum der Alchemisten reicht von praktischen Chemikern und Pharmazeuten bis hin zum Aufbau der Materie, wozu auch die Umwandelbarkeit zählt. Umwandelbarkeit von Lebensenergie zum Beispiel. Welche Richtung von Alchemie ist die Ihre? Können Sie einem alten Lebewesen neue Lebensenergie einhauchen?


    Falls dem so ist, können wir uns auf eine andere Bezahlung einigen. Ich vertrete Sie als Anwalt und verzichte komplett auf den festen Stundensatz. Sie kommen mir entgegen, indem Sie einem geliebten Wesen von mir die Alterserscheinungen nehmen“, schlug Neda vor.


    „Lebenserhalt und Lebensentzug sind meine Fachgebiete, als Magier. Ihr Wunsch ist kein Problem. Ist jemand aus Ihrer Familie erkrankt? Wenn Sie mir sagen woran, werde ich einen Weg finden die Person zu retten“, bot ich meinem Anwalt an.


    Kuno Neda nahm ein Bild von seinem Schreibtisch und reichte es mir. Auf dem Bild war eine schneeweiße Katze zu sehen, die auf einer gigantischen Sänfte ruhte. Das Tier trug ein Halsband das mit violetten Kristallen geschmückt war. Die Augen hatte sie geschlossen. Man sah, dass sich das Geschöpf wohl fühlte. Ich betrachtete eingehend das Bild und musterte dann Neda, damit er mir erklärte was er von mir erwartete.


    „In Ordnung, nennen Sie Ihren Wunsch“, bat ich ihn.

    „Das ist Vraaka. Ich besitze diese Katze schon seit meinen Kindertagen. Sie ist…“, sagte Neda und ließ den Satz unvollendet. In einer fast hilflosen Geste zuckte der Mann mit den Schultern und ich spürte seine tiefe Traurigkeit.


    „Sie ist wie ein Kind für Sie, ich verstehe“, flüsterte ich und er nickte zustimmend.

    „Ich kümmere mich darum. Sie wird nach der Behandlung kein Kätzchen werden, aber sie wird in neuer Kraft erstrahlen. Dazu muss ich allerdings die Patientin persönlich besuchen und vorab muss ich einen Spender besorgen Herr Neda“, grinste ich freundlich. „Kuno für Sie. Ich danke Ihnen. Einen Spender welcher Art? Meinen Sie eine andere Katze?“, antwortete Neda erleichtert.


    „Vielen Dank, für Dich dann Sephar. Ich meine einen Vertreter einer langlebigen Spezies der seine restliche Zeit nicht mehr benötigt. Alben… möglichst jung“, erklärte ich meinem Gegenüber. „Alben sollen ja bekanntlich lange leben, wenn nichts dazwischen kommt. Du hast hoffentlich kein Problem damit“, grinste Kuno dämonisch.


    „Solche Banalitäten stören mich schon lange nicht mehr. So etwas verbuche ich unter regionaler Hexenküche“, grinste ich zurück.
    „Schön, sehr schön sogar. Ich besorge den Spender, Du den Rest. Fühl Dich jederzeit in mein Haus und in meine Familie eingeladen. Wir sollten unser Gespräch vielleicht generell bei mir in privater Atmosphäre fortsetzen. Was meinst Du?“, fragte Kuno Neda und musterte mich eingehend.


    Er hatte mich zu weit mehr eingeladen und ich nahm die Einladung an.



    ****



    Abend mit Anwalt


    „Private Atmosphäre klingt verlockend. Einverstanden. Wann und wo wollen wir unser Gespräch im persönlichen Rahmen fortsetzen?“, fragte ich nach. Er reichte mir eine private Visitenkarte.

    „Wo wohnst Du? Dann lasse ich Dich heute Abend um 20.00 Uhr abholen“, schmunzelte er.


    Ich nahm mir einen Notizzettel von Kunos Zettelblock und schrieb ihm mein Hotel auf, in dem ich gemeinsam mit Fenton für die Dauer unseres Aufenthalts in Shohiro wohnte.


    „Um 20.00 Uhr vor dem Hotel. Sei pünktlich“, grinste er mich an.

    „Ich bin immer pünktlich“, antwortete ich gut gelaunt.


    „Nur der Sicherheit halber, lebst Du mit jemanden zusammen? Ich möchte keinen eifersüchtigen Ordensbesuch bekommen. Oder generell gefragt, stehst Du unter Vertrag? Falls Du unter Vertrag stehst, welche Vereinbarungen wurden getroffen?

    Ich lebe mit vier Lebenspartnern unter Vertrag. Ich habe drei Frauen, eine Ehefrau mit der ich verheiratet bin und zwei Partnerinnen und einen Partner. Zudem fünf Kinder mit meiner Frau, zwei Kinder mit meiner zweiten Partnerin und drei Kinder mit meiner dritten Partnerin. Alle meine Partner habe ich vertraglich abgesichert. Mein Partner Hoan hat die akademischen Titel Professor und Doktor. Er ist in der Forschung tätig. Ihr werdet Euch bestimmt gut verstehen. Du lernst meine Familie heute Abend kennen Sephar“, erklärte mir Kuno freundlich.


    Ich musterte Kuno erstaunt, denn so eine große Familie bedeutete Neda hatte Geld und Macht im Überfluss. Zumal er einen Partner mit enormen Statuswert an seiner Seite hatte. Mein Vater war auch kein armer Schlucker, aber er hatte nur eine Frau, keine weiteren Partner und vermutlich nicht mal einen Vertrag mit ihr abgeschlossen.


    „Nein ich habe keinen Mann und auch keinen Partner“, antwortete ich ihm ehrlich.

    „Wie alt bist Du Sephar? Wann hast Du die Ainuwarpriester verlassen oder wurdest verbannt? Man hört ja öfter von solchen Vorfällen. Ich könnte Dich zurück in den Orden klagen. Das wäre vermutlich die verrückteste Klage die je gestellt wurde. Schatten klagt auf Aufnahme in den Ainuwarorden“, lachte Kuno.


    „Ich habe den Orden im Alter von 37 Jahren verlassen aus einem sehr privaten Grund. Glaub mir, das Letzte was ich wollte, wäre in diesen Orden zurück zu kehren. Das komische an Deinem Vorschlag ist, sie würden ihm sogar zustimmen. Antrag auf Rückkehr in den Orden – stattgegeben. Ganz ohne Klageverfahren. Verlässt Du den Orden freiwillig und schließt Dich den Falschen an, dann jagen Dich Deine ehemaligen Kollegen um Dich zurückzuführen. Bist Du mit Leib und Seele Priester, hast aber eine nicht konforme Meinung, dann schmeißt Dich der Orden raus.


    Kurzum willst Du als Schatten gehen, wollen sie dass Du bleibst.
    Willst Du als Schatten bleiben, schmeißen sie Dich raus.

    Ein Paradoxon", sagte ich belustigt.


    Die Aero kam pünktlich um 20.00 Uhr um mich abzuholen. Die Fahrt zu Nedas Anwesen dauerte ungefähr 30 Minuten. Sein Anwesen ist großartig und sein Haus ist überragend. An der Tür wurde ich von einem Diener empfangen und in das Wohnzimmer geleitet. Kuno empfing mich und stellte mich seiner Familie vor. Eigentlich ging ich davon aus, dass zwischen den einzelnen Familienmitgliedern der verschiedenen Familienzweige eine gewisse Distanz oder vielleicht sogar Abneigung herrschte.


    Rein aus Konkurrenzverhalten heraus geboren, wer momentan die Favoritin meines Gastgebers war und besonders in der Gunst des Familienoberhauptes stand.


    Das Gegenteil war der Fall, alle gingen freundlich miteinander um. Kuno war zu jedem seiner Kinder ein liebevoller Vater. Die ganze Familie aß mit mir gemeinsam zu Abend und wir unterhielten uns gut gelaunt.


    Mit Hoan verstand ich mich auf Anhieb sehr gut. Er hatte fast die gleichen Interessen wie ich. Ihn interessierte alles über Biologie. Er war Forscher durch und durch. Nach dem Abendessen bat mich Kuno in sein privates Arbeitszimmer. Neda wischte sich mit einer Serviette den Mund ab, stand auf und nickte mir knapp zu.

    Neda machte sich ohne eine Antwort abzuwarten auf den Weg. Er schien sich auch nicht darum zu kümmern, ob ich ihm tatsächlich folgte. Ich stand ebenfalls auf, verabschiedete mich mit einem freundlichen Nicken und folgte meinem Gastgeber. Auf dem Weg ins Arbeitszimmer streckte ich meinen magischen Sinn aus um zu erfahren was die anderen Familienmitglieder dachten.


    Shoja, Kunos zweite Partnerin, war besorgt. Sie fragte sich, ob ich mit Kuno mehr eingehen wollte. Sie überlegte welchen Stellenwert ich in Kunos Gunst einnehmen würde, bei meinem Status und ob sie an „Wert“ verlieren konnte. Insgeheim hoffte sie, dass ich mich gegen Kuno entscheiden würde.


    Hoan dachte ebenfalls darüber nach, ob ich gewillt wäre mit Kuno eine Verbindung einzugehen. Allerdings hatte er keine Bedenken wie Shoja, sondern ihm gefiel die Vorstellung, dass ein weiterer männlicher Partner die Familie vervollkommnete. Vor allem da ich einen Großteil seiner Interessen teilte.


    Die anderen dachten generell darüber nach, ob mich Kuno zum Gefährten haben wollte. Ich zog meine Gedanken zurück und betrat nach Kuno dessen Arbeitszimmer. Das Zimmer war kein Arbeitszimmer, sondern eine separate Wohnung im Haus. Kaum hatte ich die Tür passiert, wurde sie hinter mir von einem riesigen, schwarzen Troll geschlossen. Das Geschöpf stellte sich vor die Tür und lächelte mich freundlich an.


    Fragend schaute ich Kuno an. Natürlich wäre ich in der Lage gewesen, mich aus der Wohnung zu befreien. Troll hin oder her. Neda schaute fragend zurück, während er uns Whisky eingoss. Er hielt mir ein volles Glas entgegen und grinste mich einladend an.


    „Nur zu, komm her Sephar. Stör Dich nicht an meinem Leibwächter. Er ist zuverlässig und sehr diskret. Ich verlasse mich schon seit vielen Jahrzehnten auf ihn. Na komm, keine Angst. Gibt auch was Leckeres für Dich“, gurrte Kuno.


    Bewusst langsam schlenderte ich zu ihm rüber und griff nach dem Glas. Dabei strichen seine Finger absichtlich über meine. Ich streichelte ihn zurück und nahm ihm das Glas ab.


    „Danke“, schmunzelte ich.
    „Whisky, ich hoffe er schmeckt Dir“, säuselte er, nahm einen Schluck und musterte mich.


    Ich nahm ebenfalls einen Schluck und musste schlagartig ein Husten unterdrücken, als sich das Zeug einen Weg durch meine Kehle brannte. Kuno klopfte mir vorsichtig auf den Rücken und verkniff sich ein Lachen.


    Er griff zur Seite und hielt mir einen Teller mit geschnittenem Obst unter die Nase. Mit dankbarem Nicken nahm ich mir einige Stücke und aß sie genüsslich auf. Meine Kehle fühlte sich schlagartig besser an. Kuno nahm sich auch einige Stücke und stellte den Teller beiseite.


    Er sagte kein Wort, aß ganz langsam und musterte mich erneut. Sein Blick war zärtlich aber auch schelmisch. Irgendwie war ich unsicher, was ich als nächstes tun sollte. Kuno schaute mich einfach nur an und schien mich zuerst mit dem Blick aufzufressen. Ich griff erneut nach dem Obst, aber Kuno fing meine Hand ab und zog mich an sich.


    „Genug gefressen, lass uns tanzen“, grinste er breit und drückte mich an sich.


    Ich spürte seine Hände auf meinem Kreuz, während eine bereits weiter nach unten wanderte.


    „Gerne“, stimmte ich gut gelaunt zu, drückte mich an ihn und umarmte Kuno ebenfalls.


    Unser erster gemeinsamer Tanz war gewöhnungsbedürftig. Er war ein Mann der es dienstlich wie privat gewöhnt war, dass man ihm gehorchte. Kuno führte beim Tanzen. Er führte beim ersten Tanz, genauso beim zweiten. Beim ersten Tanz hatte die Führung noch etwas Gewöhnungsbedürftiges an sich. Beim zweiten Tanz ließ ich mich bewusst von ihm führen. Ab dato konnte ich den Tanz entspannt genießen.


    Nach zwei langen Tänzen machten wir es uns bei ihm auf dem Sofa gemütlich. Wir plauderten gut gelaunt und aßen dabei das restliche Obst auf. Die Nacht die ich mit ihm in seinem Arbeitszimmer verbrachte war richtig gemütlich. Wir unterhielten uns noch eine ganze Weile, bis ich an ihn gekuschelt einschlief.


    Am Morgen darauf kümmerte ich mich wie versprochen um Vraaka. Kuno kam ebenfalls seinem Versprechen nach.


    Zwar nicht umgehend am nächsten Morgen, aber in den kommenden Monaten stampfte er meinen Bruder in Grund und Boden. Meine Abfindung war traumhaft. Ich hab niemals damit gerechnet, so viel Geld zu besitzen.



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